Isabell Sonnenfeld: Google & Gefahr im Netz

Quasi Hilfe zur Selbsthilfe

Nachdem sie mit 26 Jahren Twitter in Deutschland aufgebaut hat, wechselte Isabell Sonnenfeld 2015 zu Google und verantwortet dort mit Anfang 30 das News Lab, eine Art Schnittstelle zwischen Internet und Journalisten für eine – so sieht es zumindest ihr weltumspannender, mächtiger, hoch umstrittener Arbeitgeber – bessere Berichterstattung im digitalen Zeitalter. Ein Gespräch über Medien im Zeitalter von Populisten und Fake News, Herausforderungen statt Bedrohungen und wie man so jung schon so viel bewegen kann.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Sonnenfeld, ist Google ein Medium im Sinne eines Zwischenhändlers oder Lieferanten von Information und Wissen?

Isabelle Sonnenfeld: ​ Google ist ein Technologie-Unternehmen, das mit der Suchmaschine eine Plattform aufgebaut hat, um Informationen besser im Netz zu finden. Wir geben tagtäglich milliardenfach Antworten auf Fragen unserer Nutzerinnen und Nutzer, leiten aber auch Verlagsinhalte weiter – beispielsweise auf der Suche nach politischen News.

Aber greift die ​Google News Initiative​ mit dem von Ihnen geleiteten ​News Lab nicht aktiv in den Informationsbildungsprozess ein und wird so vom Vermittler zum Produzenten?

Nein, wir greifen inhaltlich nicht ein. Ich würde hier eher von “ermöglichen” sprechen. Die Google News Initiative will Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit geben, Technologien bei ihrer Arbeit zu nutzen. Dazu gehören Recherche und Storytelling, aber auch Erlös-Chancen. Es geht, abgesehen von einem Know-How zu nötigen Tools, vor allem um das Training. In den ersten drei Jahren der Initiative haben wir mehr als 50.000 Journalistinnen und Journalisten darin geschult, mit den passenden Werkzeugen richtig umzugehen, damit die Medienbranche optimal für das digitale Zeitalter gerüstet ist.

Das klingt jetzt durch und durch altruistisch. Welche Intention steht aus Sicht des Konzerns hinter solchen Projekten?

Es geht darum, Partner zu sein, aber auch Verantwortung wahrzunehmen. Google pflegt seit mehr als 15 Jahren den intensiven Austausch mit Verlagen und Medienunternehmen in der ganzen Welt und die Forderung, diesen Austausch zu institutionalisieren, kam von Seiten der Verlage. Deshalb haben wir in Europa die ​Digital News Initiative​, kurz DNI, mit dem ​News Lab ​ als Trainingseinheit für Redaktionen und redaktionelle Innovation aufgebaut und für drei Jahre mit 150 Millionen Euro ausgestattet. Im März dieses Jahres haben wir die DNI als globale Google News Initiative erweitert. Als eine der größten teamübergreifenden Google-Projekte, bei dem auch Strategie- oder Produkt-Units und Web-Anwendungen wie YouTube zusammenkommen, hat es sich zu einem Meilenstein entwickelt.

Auf welchen Feldern konkret?

Eine Rückmeldung, die wir immer wieder von Verlagen erhalten, bezieht sich auf die Ladegeschwindigkeit der Verlagswebseiten. Online-Leser springen von diesen Seiten ab, wenn der Ladevorgang eines Artikels zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir beobachten, dass 53 Prozent aller Nutzer das Laden einer mobilen Webseite abbrechen, wenn dies länger als drei Sekunden dauert. Um dieses Problem gemeinsam zu lösen, haben wir das Open-Source-Projekt ​Accelerated Mobile Pages (AMP) entwickelt. Wenn wir das Internet so beschleunigen, dass Inhalte schneller konsumiert werden können, verbessern wir auch den Journalismus insgesamt. Anfang diesen Jahres haben wir Google Subscribe auf den Markt gebracht um Verlagen weitere Erlösquellen zu ermöglichen.

Klingt immer noch selbstloser als von einem profitorientieren Konzern erwartet…

Das Geschäftsmodell dahinter ist simpel: Wir sind nur dann erfolgreich, wenn auch unsere Partner, in diesem Fall die Verlage, erfolgreich sind. Die Google-Suche basiert darauf, dass die gefundenen Inhalte dem qualitativen Anspruch der Anfrage entsprechen. Medienmarken erfolgreicher zu machen, ist auch für uns wirtschaftlich von Nutzen. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, dass seriöser Journalismus – gerade in Zeiten des Populismus – eine der wichtigsten Säulen lebendiger Demokratie ist.

Sind das die „wichtigsten Herausforderungen“, bei denen sie Journalisten laut Selbstbeschreibung Ihres News Labs unterstützen wollen?

Auch. Denn für die freie Meinungsbildung ist der freie Zugang zu einer ausgewogenen Informationsbandbreite unerlässlich. Wenn wir die Verlage hochwertiger Medien darin fördern, zahlt sich das auch für uns aus. Mit der Weiterentwicklung entsprechender Tools und Instrumente fördern wir nicht nur die ausgewogene Berichterstattung, sondern auch unsere Erwerbsmöglichkeiten.

Google liefert aber nur die technische, nicht die inhaltliche Basis?

Richtig. Wir schulen Journalistinnen und Journalisten in den Trainings nicht inhaltlich, sondern erklären Ihnen, wie sie unsere Angebote langfristig nutzen können – über bekannte Tools wie Google Trends und ​User-generated Content ​ auf YouTube bis hin zu Google Earth. Es mir persönlich ein großes Anliegen, dass sie sich intensiv mit den erwähnten neuen Herausforderungen auseinander setzen. Ich bekomme viel Feedback von Daten-Journalisten, die den Online-Dienst ​Google Trends nutzen und uns Hinweise darauf geben, wie man bestimmte Features zum beiderseitigen Nutzen verbessert. Die GNI sieht sich ganz klar in der Vermittlerrolle.

Wenn wir als Journalisten Probleme bei oder Fragen zur Arbeit mit Ihren Werkzeugen haben, können wir uns also jederzeit kostenlos an Google wenden?

Ja. Wir erhalten zum Beispiel viele Anfragen aus Redaktionen, die wissen möchten, wie sie Informationen oder Videos mithilfe von Google Earth verifizieren können.

Haben Sie das Labor nach drei Jahren schon mal evaluiert?

Nicht im Sinne eines Zwischenfazits. Es gibt drei Dinge, die für mich von Relevanz sind: Zum einen haben wir den Austausch zwischen Verlagen und uns verstärkt. Zum anderen haben wir die Herausforderungen der Verlage und Redaktionen herausgearbeitet und Möglichkeiten, wie wir sie gemeinsam angehen können. Und zuletzt haben wir es geschafft, mit den Partnern der Medienbranche Innovation im Journalismus auf technologischer Ebene definieren zu können. Neben dem News Lab hat der Innovationsfonds vom April 2015 dazu geführt, dass in den Redaktionen über neue Technologien nachgedacht wird. Von dort wird mir berichtet, dass allein die Bewerbung für den DNI Fonds oder auch unsere Trainings eine Initialzündung für die spätere Entwicklung von journalistischen Formaten oder Produkten ist.

Quasi als Hilfe zur Selbsthilfe?

Wenn Sie so wollen, etwa um zu unterschiedlichen Themen journalistische Prototypen zu entwickeln, die sich mit Audio, Video oder Podcasts befassen, aber auch Virtual Reality und Data Journalism. Es geht vor allem um das Experimentieren.

Auffällig ist aber ja, dass Google diesbezüglich vor allem auf den Märkten aktiv ist, wo die Pressefreiheit zwar unter Druck gerät, aber noch nicht bestandsgefährdet ist.

Die Google News Initiative ist mit den drei Bereichen “Produkt”, “Partnerschaften” und “Programme” global angelegt.

Das News Lab ist also auch in einem Land wie China anwendbar?

Die ​Google News Initiative ​ ist zunächst ein globales Anliegen und arbeitet in den wenigsten Ländern allein, sondern mit Partnern vor Ort – zum Beispiel mit ​Code for Africa​, die Trainings oder Hackathons organisieren. Das ist allerdings erst der Startpunkt eines wirklich globalen Ansatzes und für alle Mitwirkenden einerseits ein moralischer, andererseits ein wirtschaftlicher Faktor.

Wie groß ist denn dieser wirtschaftliche Faktor?

Über die Google-Suche und Google News kommen Millionen von Leser auf die Webseiten der Verlage. Wir leiten monatlich über zehn Milliarden Klicks kostenlos zu den Verlagswebseiten weiter. Außerdem vermarkten wir Werbung auf diesen Webseiten. Rund zehn Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr an unsere Publishing-Partner ausgespielt. Die Google News Initiative wurde mit 300 Millionen Dollar über dreieinhalb Jahre aufgesetzt. DNI, im April 2015 gestartet und als Grundlage für die jetzige GNI, war mit 150 Millionen Dollar aufgesetzt worden.

Wird sich durch die Änderung des EU-Leistungsschutzrechts da etwas für Google News ändern?

Wie Richard Gingras dem Guardian erklärt hat, gibt es mehrere Varianten des Europäischen Leistungsschutzrechts, die diskutiert werden. Es ist zu früh, um zu spekulieren, welche Auswirkungen die finale Direktive auf unsere Produkte hat. Wir begrüßen die Möglichkeit, mit politischen Entscheidern und der Medienbranche an einer Lösung zu arbeiten, die für den Journalismus und die Verlage gewinnbringend ist.

Also wird der Fonds neu aufgelegt?

Die sechste und letzte Bewerbungsrunde lief bis Anfang Dezember. Seither evaluieren wir den DNI-Fonds. Und noch ist der aktuelle nicht geleert worden. Bislang hat er mehr als 115 Millionen Euro für 559 Projekte im Bereich des digitalen Journalismus in 30 europäischen Ländern zur Verfügung gestellt.

Und welche Länder sind das?

Die üblichen, in denen sich die Verlagsbranche schon frühzeitig mit technologischer Innovation auseinandergesetzt hat, z.B. in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Es wurden aber auch Projekte aus Ländern gefördert, von denen man es weniger erwartet hätte, wie Dänemark, Polen und Ungarn.

Geht die Initiative allein von Ihnen, also dem Anbieter, oder den Verlagen also Nutzern aus?

Das ist immer wechselseitig. Die Verlage haben großes Interesse, auch im freien Raum Projekte zu entwickeln, für die die Routine des Produktionsalltags weder Zeit noch Ressourcen zulässt.

Aber Google spricht die Medien nicht von sich aus an und weist sie daraufhin, welche Defizite oder Verbesserungsmöglichkeiten deren Online-Auftritt noch haben?

Sicherlich diskutieren wir im engen Austausch Verbesserungsmöglichkeiten. Der DNI Fonds ist ein offener Call to Action, sich mit innovativen Ideen zu bewerben. Und auch bei unseren News Lab Trainings können wir Tipps geben, wie sich journalistische Werkzeuge einsetzen lassen können. Wir geben keine inhaltlichen Ratschläge, gelegentlich helfen wir aber dabei, den Fokus neu zu justieren. Die Ideen zu den verschiedenen Projekten kommen aus den Redaktionen.

Aber gibt es gerade aus kritischen Redaktionen nicht den Vorwurf des informationellen Greenwashings, also dass sich die Datenkrake Google, der gerade mal wieder vorgeworfen wird, sich der chinesischen Zensur zu unterwerfen, ein soziales Gewissen erkauft?

 

Wir arbeiten seit 15 Jahren intensiv mit der Medien- und Verlagsbranche zusammen. Diese Zusammenarbeit wurde durch die GNI nur institutionalisiert – und hat übrigens auch unsere eigene Arbeit nachhaltig verändert. Ohne die Initiative hätten wir ein Open-Source-Projekt wie AMP womöglich niemals in Kooperation mit den Verlagen realisieren können.

Die Antwort lautet also: Nein, kein Info-Greenwashing?

Bei einem Technologiekonzern der Größe von Google steht dieser Vorwurf immer im Raum, keine Frage. Umso mehr glaube ich, dass man ihm nur durch offenen Austausch aller Beteiligten eines qualitativ hochwertigen Journalismus konstruktiv begegnen kann. Allerdings immer als Partner, nicht als Content-Lieferant.

Aber wenn man sich ​YouTube Premium ​ oder ​YouTube Originals ​ ansieht, wo längst eigener Inhalt online geht – konkurriert Google da nicht auch inhaltlich mit Video-on-Demand-Portalen, Streamingdiensten, gar Fernsehsendern?

Nein, denn das beschränkt sich lediglich auf Entertainment – besonders, was YouTube Premium betrifft. Dass wir zum Beispiel eigene Nachrichten produzieren, halte ich für ausgeschlossen.

Es gibt da nicht mal Gedankenspiele?

Nein, derzeit nicht.

Besteht die Aufgabe der ​Google News Initiative ​ inklusive Ihres ​News Lab ​ trotzdem auch darin, das Renommee des Unternehmens zu verbessern?

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. ​Zu erklären, was wir tun und wollen, ist Teil unserer Verantwortung – ob nun in der Zusammenarbeit mit Medien, Bildungseinrichtungen, anderen Unternehmen oder Nutzern. Um transparent zu zeigen, was im News Lab geschieht, suche ich deshalb den direkten, gerne auch kritischen Austausch. Voriges Wochenende war ich beim „Vocer Innovation Day“ von VOCER und ​Der ​ ​Spiegel ​ in Hamburg, wo genau solche Fragen erörtert werden. Dort Gesicht zu zeigen, beugt Sorgen besser vor als alle Verlautbarungen.

War das Bedürfnis, für Transparenz in der Medienbranche zu sorgen, mit ein Grund, warum Sie vor drei Jahren von Twitter zu Google gewechselt sind?

Die viereinhalb Jahre bei Twitter waren großartig – allein weil es so herausfordernd war, das Geschäft in Deutschland als damals erste Mitarbeiterin bei Null mit aufzubauen. Genau darin liegt auch mein Talent. Und als dann die Idee im Raum stand, das ​News Lab ​ im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, empfand ich das als spannende Herausforderung.

Sie sind eine Herausforderungsnomadin?

Ich finde Herausforderungen spannend und wachse gerne an und mit ihnen. Aber eine Nomadin bin ich nicht.

Ziehen Sie dennoch nach dieser hier weiter zur nächsten?

Nein, nein! Ich bin mit meiner Rolle gerade sehr glücklich, suche aber im Kosmos des News Lab ständig neue Herausforderungen.

Als Sie die Herausforderung bei Twitter gesucht haben, waren Sie erst 26 und als ​Head of News, Governance & Politics für Medien und Politik verantwortlich. Woher rührt ihr frühes Interesse an harten Fakten?

Ich habe Europapolitik studiert und wollte eigentlich nach Brüssel. Von dem war ich schließlich aber doch nicht so fasziniert, wie zunächst gedacht. Deshalb habe ich im Masterstudium Politikmanagement mit Fokus auf das Zusammenspiel von Technologie, Politik und Medien studiert. Meine Abschlussarbeit habe ich über Twitter geschrieben, wofür ich unter anderem mehrere Tausend Tweets analysiert habe. Darüber hinaus bin ich von Kindesbeinen an News-Junkie.

Wie kam es dazu?

Schon meine Eltern hatten immer ​Zeit​Spiegel und den ​Bonner General-Anzeiger​ zuhause. Durch die Beschäftigung mit Twitter, habe ich mich dann mit dem Prozess der digitalen Transformation des Journalismus und dessen Geschwindigkeit auseinandergesetzt. Die technischen Möglichkeiten, Informationen zu produzieren und verbreiten, haben mich da besonders interessiert. Diese Interessen werden erst bei Twitter, dann im News Lab perfekt gebündelt. Ich hatte anfangs zwar keine Ahnung, ob ich das kann, bin aber einfach mal los gerannt.

Und haben beim Laufen festgestellt, welche Relevanz digitale Medien und soziale Netzwerke für politische Diskurse kriegen oder war Ihnen das beim Start schon bewusst?

Dadurch, dass ich mir beim Kanzler-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ein relativ kleines Spektrum der Twitter-Konversation angeschaut hatte und wie normale User in die Kommunikation der Journalisten und Politiker eingebunden waren – zunächst nämlich fast gar nicht –, war es hierzulande im Gegensatz zu den USA nur zu ahnen. Aber es war ungemein spannend zu beobachten, wie die neuen Kanäle den Journalismus beschleunigt, aber auch niedrigschwelliger gemacht haben. Plötzlich konnte jeder von jedem Ort berichten.

Niedrigschwellig klingt, wenn es um die Verfügbarkeit von Infos und Wissen geht, positiv. Negativer ist, wie sehr seriöse News im Meer unseriöser, oft falscher untergehen.

Das stimmt.

Haben Sie das damals schon kommen sehen?

Anfangs nicht, dafür war die Nutzergruppe in Deutschland zu klein.

Und jetzt?

Hat diese Entwicklung natürlich auch negative Aspekte. Die Verbreitung von Fake News und die Schwierigkeit, sie von richtigen zu unterscheiden – das hat uns im News Lab gerade im Zusammenhang mit Wahlen stark beschäftigt. Wie man damit umgeht, ist allerdings nicht nur technologisch eine Herausforderung. Das betrifft die Branche generell und beschleunigt sich weiter. Das Ausmaß der Manipulation im Netz ist allerdings erst ein paar Jahre so richtig spürbar. Wie sehr der Missbrauch gerade wächst, war damals noch nicht abzusehen.

Sehen Sie, was die Informations- und Debattenkultur betrifft, da optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich sehe die Größe der Herausforderungen. Umso wichtiger ist, dass Technologie- und Medienunternehmen mit NGOs und Experten zusammenarbeiten. Deshalb arbeiten wir im News Lab seit langem mit der internationalen Fact-Checking-Organisation ​First Draft ​ zusammen. Mit dem Fact-Check-Tag können Redaktionen ihre Artikel für die Google-Suche und Google News als zuverlässig kennzeichnen. User erkennen verifizierte Nachrichten dank des Tags sofort. Bei der Bundestagswahl haben wir mit dem Investigativ-Recherchebüro Correctiv zusammengearbeitet. Unsere Unterstützung bestand im technischen Versand eines täglichen Newsletters an deutsche Journalistinnen und Journalisten zum Thema Desinformation.

Sie sprechen konsequent von „Herausforderungen“, nicht „Bedrohungen“ – ist das eine Mentalitätsfrage oder gute PR?

Während man auf Bedrohungen eher reagiert, kann man bei Herausforderungen agieren. Ich benutze das Wort, weil es aus meiner Sicht etwas Aktives hat und den Raum öffnet, statt ihn zu schließen. Das liegt mir mehr.

Wie ist es um Ihren Ehrgeiz bestellt, damit im Unternehmen aufzusteigen?

(lacht) Ich finde mein Arbeitsumfeld gerade sehr spannend, aber frau möchte doch immer über sich hinauswachsen bzw. sich weiterentwickeln, oder? Nach acht Monaten Elternzeit habe ich, bildlich gesprochen, erstmal ein Stück weißes Papier genommen und überlegt, welche Themen und Möglichkeiten sich für News Lab in Zukunft ergeben können. Die erste Woche habe ich deshalb damit verbracht, mich mit Kolleg*innen und meinen Verlags-Partnern zu treffen. Mit einer neuen Perspektive in die Rolle zurückzukommen, hilft auch, kreativer zu sein.

Möchten Sie denn grundsätzlich eher an der Basis bleiben, also im Arbeitsprozess, oder den doch eher von der Spitze weg dirigieren?

Mir gefällt beides. Ich bin gut darin, Neues aufzubauen, aber auch strategisch Dinge weiterzuentwickeln. Ich würde den Job nicht mit soviel Leidenschaft machen, hätte ich nicht den Ehrgeiz, weiter aufzusteigen.

Womöglich auch aus weiblicher Sicht, um den Frauenanteil im Führungspersonal, das besonders in der Tech-Branche extrem männlich ist, zu erhöhen

Ich würde es mal als positiven Beitrag betrachten, unseren Anteil zu erhöhen. Weil zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung sowohl in meiner Branche als auch in Medien, Politik und Wirtschaft allgemein weibliche Vorbilder fehlen, ist mir das wichtig. Ich habe vor drei Jahren abseits von Google und Twitter ein Projekt namens „Role Models“ gegründet, das in einem wöchentlichen Podcast und monatlicher Eventreihe weibliche Vorbilder in Spitzenpositionen jeder Art sichtbar macht. Wir hatten in diesem Zusammenhang kürzlich die Justizministerin Katarina Barley auf der Bühne. Sowas inspiriert auch mich selbst ungemein und ich versuche, es auch im Unternehmen voranzutreiben. Aber es ist noch ein langer Weg…


Unsichtbare Kanthölzer & True Detectives

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Januar

Wer aufmerksam Medien hört, schaut, liest, lerntgerade einiges über die Welt da draußen – Begriffe ebenso wie ihre Anwendungsmöglichkeiten. Dass die illegale Verbreitung digitaler Daten zum Beispiel Doxing heißt, dank dessen sich der Grünen-Chef Robert Habeck wortreich von Twitter und Facebook verabschiedet hat, was er drolligerweise über Facebook und Twitter verbreitet. Oder dass Abend für Abend ARD-Brennpunkte aus dem Schneechaos der Alpen kein Widerspruch sein müssen. Und nicht zuletzt, dass Kanthölzer auf glaubhaften Videos zuweilen unsichtbar sind, sofern linke Gewalttäter damit rechte Politiker verprügeln.

Außerdem lernen wir, dass Blattgold nur ein paar Euro pro Bogen kostet, weshalb der Fußballkrösus Franck Ribery für sein Monatsgehalt locker eine Million Stück rohen Fleischesdamit verzieren könnte oder wahlweise ein paar Tausend tranchierte „Pseudo-Journalisten“, denen der Bayern-Profi nach seinem Protzskandal im Wüstensand vorwarf, „immer wieder für meine Handlungen kritisiert“ zu werden. Frechheit aber auch! Fast so eine dreiste wie jene, sich als Claas Relotius auszugeben und deutschen Medienanstalten falsche Interviews mit dem Totengräber der publizistischen Glaubwürdigkeit anzubieten.

Da spricht es dann übrigens unbedingt für die Redaktionen von NDR bis Radioeins, dass sie dem Fake-Betrüger mit falschem Mail-Account nicht auf den Leim gegangen sind – so verlockend der Scoop nach dem Scoop auch gewesen wäre.Umso mehr stellt sich die Frage: Wann wird der Fall bloß endlich verfilmt – wahlweise sachlich mit Heino Ferch als Juan Moreno oder satirisch mit Francis Fulton Smith als Spiegel-Hochhaus am Hamburger Hafen? Das Treatment könnte Harald Schmidt liefern, dessen Medien-Schwank Labaule und Erben gerade donnerstags im SWR läuft und zeigt, dass gute Ideen nicht automatisch gutes Fernsehen hervorbringen.

Dass andererseits selbst abgeschmackte Ideen ausgewiesener Schnulzensender durchaus unterhaltsam geraten können, beweist seit vorigem Montag die Sat1-Serie Der Bulle und das Biest, wo ein arschcooler Cop (Jens Atzorn) mit knuddeligem Hund (Bullmastiff Rocky) auf Kommissar Rex‘ Spuren ermittelt und das erstaunlicherweise garnicht mal peinlich. Aber für Peinlichkeiten ist dieser Tage ja auch das Dschungelcamp zuständig, dem am Freitag bemerkenswerte sechs von zwölf Insassen aus dem eigenen Saft gescheiterter Casting-Karrieren zugeflossen sind – zynisch ergänzt um die vollumfänglich ruinierte Pornodarstellerin Sibylle Rauch, einen Ex-Schlagerbarden namens Orloff und Alfs Synchronstimme mit Mensch.

Die Frischwoche

14. – 20. Januar

Die 17-tägige Fleischbeschau gescheiterter oder noch scheiternder Existenzen dürfte trotzdem auch in 13. Staffel unterhaltsam werden. Im dritten Anlauf gilt das ab heute auf Sky mit einem Vielfachen an Niveau und Stil ebenfalls für die HBO-Serie True Detective. Nach einem Zwischentief der zweiten Staffel kehrt Showrunner Nic Pizzolatto in die Südstaaten zurück. Und obwohl es Oscar-Preisträger Mahershala Ali und sein Action-Kollege Stephen Dorff dabei als erstaunlich ununterschiedliche Cops mit einem dieser heillos überdrehten Ritualmorde zu tun kriegen, ist die Täterjagd im wütenden Mob der Trump-Wählerschaft von unvergleichlicher Intensität.

Ein Attribut, das hierzulande meist nur dann erlaubt ist, wenn sich das Fernsehen wie so oft dem größten aller denkbaren Verbrechen widmet. Der ARD-Mittwochsfilm reist daher mal wieder zurück in die letzten Kriegstage und begleitet unterm denkbar dusseligen Titel Die Unsichtbaren – Wir wollen leben vier untergetauchte Juden (u.a. Alice Dwyer, Ruby O. Fee) beim Versuch, den Nazi-Terror zu im Berliner Untergrund zu überstehen. Wem das ein paar Spuren zu wahrhaftig ist, kann sich ja mit der Scheinwirklichkeit der Scripted Reality auf Vox sedieren, wo 6 Mütter ab Montag zum dritten Mal simuliert, es gehe um echte Sorgen (Kinder!) echter Menschen (Promis!).

So richtige Fake-Realität bietet allerdings erst der Freitagabend, wenn der junge Retortenclub Hoffenheim den tyrannischen Fußballreichsverweser Bayern zum Rückrundenauftakt der Bundesliga live im ZDF zu Gast hat und uns für 90 Minuten sportliche Chancengleichheit vorgaukelt. Betäubt von so viel Publikumsbetrug, kehren wir zurück in die Wahrhaftigkeit der Fiktion und empfehlen als erste Wiederholung der Woche die letzten zwei Teile der dramaturgisch mäßigen, soziokulturell weltbewegenden US-Serie Holocaust (Montag und Dienstag, jeweils 22.10 Uhr, WDR). Nach der Erstausstrahlung 1979 konnte das Tätervolk schließlich endgültig nicht mehr leugnen, von (fast) allem gewusst zu haben. Obwohl: noch immer zögen es viele vor, in einer Matrix zu leben, die Kabel 1 am selben Tag ab 20.15 Uhr wiederholt, statt der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das versucht 24 Stunden später dafür der BR, wenn es seinen Tatort: Totentanz wiederholt, bei dem Leitmayr/Batic 2002 im damals noch diffusen Umfeld der Partydrogen ermitteln.


Debatte: Klimawandel & Ökodiktatur

Mehr Kauze oder Klimakollaps!

Der Klimawandel ist keine Bedrohung, er ist längst Realität. Und was machen wir Verursacher? Einfach immer weiter wie bisher. Ein linksliberaler Appell zu mehr exekutiver Härte im Umgang mit unser aller Konsumverhalten, der nach seiner Erstveröffentlichung auf Zeit.de tausendfach meist hitzig diskutiert und geteilt wurde.

Von Jan Freitag

Wer im Sommer aus dem Fenster sah, spürte es: Die Klimakatastrophe kommt nicht, sie ist schon da. Und Schuld? Sind wir. Alle. Auch ich, soviel Ehrlichkeit muss sein. Würde das Gros der Menschheit meinen Lebensstil im Herzen einer deutschen Großstadt kopieren, die Erde hätte sich längst um weit mehr als zwei Grad erwärmt. Und das, obwohl ich vegetarischer Radfahrer mit Palmölphobie, Vintagehandy und biodynamischem Umweltschutztick bin, der mich lieber aus Pfützen als Einwegplastik trinken ließe. Meine Frau meint schon, ich werde kauzig. Mag sein. Aber Käuze wie ich müssen allein 6,3 Milliarden Dosen Red Bull kompensieren, deren Herstellung maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass es zuletzt kaum Pfützen gab.

Trotzdem darf man mich gern als Kauz bezeichnen. Als was ich mich hingegen nicht mehr bezeichnen lasse: Missionarisch. Seit einem Kurztrip in den (Mitte der Neunziger noch masochistischen) Veganismus habe ich mir das Predigen nämlich abgewöhnt. Schlachtlaute im Grillimbiss schon ja damals destruktiv. Mein karnivorere Freund Christopher zum Beispiel hat auf Tierwohlmahnungen hin nur ein zweites Big Meal bei McDreck geordert. Weil Druck nur Gegendruck erzeugt, moralisiere ich daher kaum noch und falls doch, verständnisvoll. Vorleben statt verbieten, lautet die Devise. Und immer schön freundlich.

„Wenn alle wären wie du“, heuchle ich auf die vielen Selbstauskünfte von Karnivoren hin, sie äßen echt voll selten noch Fleisch, „hätte das Klima kein Problem“. Das ist zwar gelogen, aber ich kann dazu sehr glaubhaft lächeln. Doch jetzt ist Schluss mit der Demutsroutine, denn die Katastrophe beginnt ja bereits im Kleinen. Nehmen wir Bäckertüten. Wie viele davon benutzt werden, zählt nicht mal der Fachverband. Da sich die mobile Gesellschaft jeden Snack einzeln verpacken lässt, summieren sich einige Gramm aber auf enorme Tonnagen. Gleiches gilt für Kunststoff. Einzeln wiegt erdölbasiertes Gebinde wenig, pro Kopf werden es gut 25 Kilo – und da ist vom virulenten coffee to go noch gar nicht die Rede, dessen Becher bundesweit 320.000 Mal in den Müll wandert. Pro Stunde.

Wie ich bei all den globalen Problemen auf die lokalen komme? Ich hole mein Mittagessen an der Salatbar ums Eck in der Mehrwegschale. Plaste gespart, gar Bargeld – so mache ich das seit Jahren. Wortlos, versteht sich. Vorleben statt verbieten. Kürzlich aber hab ich den Besitzer gefragt, wer sein Grünzeug sonst eintuppert. Die Antwort, entgeisterter Blick inklusive: Keiner! Genauso lief es zuhause. Seit meinem Einzug 2005 kaufe ich die Brötchen beim Kiosk nebenan im Stoffbeutel, den ich zwar waschen, aber nie wechseln muss. Auch hier die Nachahmerfrage, auch hier das Antwortstaunen: Nullkommanull.

Ähnliches geschah am Bahnhof: Außer mir bringt niemand seinen Kaffeebecher mit, und wer es mal mit diesen fancy Reise-Cups versucht, wird enttäuscht. Passen nicht unter die Maschine, sagt der Barista, leider. Was ich sagen will: Zurückhaltung ist gescheitert und zwar so nachhaltig wie unser Konsum auch dann nicht wird, wenn vor Sylt längst Pelikane brüten. 1972, Willy war Kanzler, hat der Club of Rome Die Grenzen des Wachstums verkündet, also Verzicht gefordert. 2018, im heißesten Jahr der Neuzeit, werden weltweit eine Billion Plastiktüten verbraucht, die mitverantwortlich sind für den höchsten CO2-Ausstoß seit Messbeginn.

Ausgerechnet jetzt, da sich die Leugnung des Klimawandels auf ein versprengtes, aber lautes Häufchen Rechtsradikaler beschränkt, steigen die Emissionen auf ein Rekordhoch. Und was waren die Aufreger 2018? Flüchtlinge, Fußball, Sommerzeit – im Gegensatz zur Erderwärmung Aufgaben von aufreizender Lösbarkeit. Es ist eine Feuerzangenbowle in Endlosschleife: Während die Einschläge im Vernichtungskrieg des Konsumismus gegen den Planeten näher kommen, sediert sich dessen Bevölkerung mehrheitlich mit Eskapismus wie Diesel-Fahrverboten. Und da sollen wir Aufgeweckten zwar Vorbilder sein, aber die Klappe halten, wie Michael Allmaier rät?

Mit jeder Grenze gegen Amazon-Kunden, SUV-Fahrer oder Fast-Food-Junkies, meinte der ZEIT-Autor kürzlich in einer Breitseite gegen die „Gemeinschaft der anständigen, vernünftigen Menschen“, werde „die richtige Seite kleiner“. Stimmt. Nur: Mit jeder Grenze, die sie nicht zieht, wird auch die Zeit bis zur Sintflut kürzer. Erste Forscher datieren den Point of no Return, an dem sich die Erderwärmung selbst befeuert, aufs nächste Jahrzehnt. Was aber raten reflexive Gänsestopfleberfans wie Herr Allmaier Sparfüchsen wie mir? Heitere Gelassenheit.

Dabei ist auch unser Fußabdruck desaströs. Mein Faible für Käse emittiert wie das für Schokolade oder O-Saft Schadstoffe fern des planetarisch Erträglichen, und vier Flüge pro Jahr heizen den Globus auch dann auf, wenn sie beruflich sind. Ich verhalte mich keineswegs so makellos, wie Fleischesser meinen, wenn sie Vegetariern zuraunen, für den Salat sei ja wohl auch, tihi, Gemüse gestorben. Lustig… Aber ernsthaft: weniger geht immer. Weil das Individuum dazu jedoch außerstande scheint, hilft nur Druck von oben. So schwer es mir als linksliberalem Freund der Eigenverantwortung fällt: Dem Totalverlust unseres Wohlstands nach dem Kollaps kann nur durch unverzügliche, rechtsverbindliche, fiskalisch flankierte Verbrauchssteuerung davor beginnen.

Von rechts schallt es jetzt laut Ökodiktatur! Aber der größte Widerspruch des Anthropozäns besteht nun mal darin, dass wir linksgrün versifften Bilderstürmer mit regierungsamtlicher Macht eine Schöpfung bewahren, die konservative Wachstumsfanatiker nicht selten im Namen Gottes vernichten. Denn was beschneidet wessen Freiheit mehr: ein Tempolimit die freie Fahrt freier Bürger oder deren freie Fahrt meine zum Überleben? Wäre die individuelle Entscheidung wirklich das Maß aller Dinge, wir könnten auch Feuerwaffen freigeben; kann ja jeder selbst entscheiden ob er…

Nein! Da der Klimawandel im Sorgen-Ranking nach Migration, Armut, Rente, Kriminalität, Wohnen nicht mal in den Top-10 ist, muss das dringlichste Problem unserer Zeit grad aus Sicht des Freiheitsgedankens exekutiv gelöst werden. Sofort! Andernfalls wird die Ökodiktatur infolge ständiger Naturkatastrophen, Missernten, Völkerwanderungen bald total. Ein paar Vorschläge im Licht der EU-Entscheidung, ab 2021 Wegwerfplastik zu verbieten: Förderung nachhaltiger Produktion bei steuerlicher Belastung von Flächen-, Ressourcen-, Energieverbrauch, alles gekoppelt an Einkünfte und Vermögen. Ahndung gravierender Umweltverschmutzung als Kapitalverbrechen. Verbot intensiver Landwirtschaft, schwer recyclebarer Verpackungen, von Kohleverstromung, Getränkedosen und (zunächst für Neuwagen) Verbrennungsmotoren bei massivem Ausbau von ÖPNV, Rad- und Mehrwegsystemen, Wind- und Solarstrom, falls nötig im nationalen Alleingang.

Und da der industrialisierte Mensch das größte Risiko ist, muss gar die Subventionierung des Kinderreichtums auf den Prüfstand, von der des Fliegens durch steuerfreies Kerosin ganz zu schweigen. Zwar zeigen etwa 50 Prozent weniger Plastiktüten in zwei Jahren, dass preisbedingte Freiwilligkeit ab und zu Folgen hat; weil sich die Zahl der Flüge seit 2000 verdoppelt, die der Pakete verfünffacht, die der Handys vervielfacht hat; weil wir einmal jährlich das Handy erneuern, dreimal in Urlaub fliegen, fünfzigmal Dinge ordern, siebzigmal Essen und mehrmals täglich Fleisch konsumieren; weil der Benzindurst wieder steigt und auch 198 Kunststoffbeutel pro Kopf das Meer vermüllen, stößt alle Autonomie aber mehr denn je an die Grenzen des Wachstums.

Ich erinnere mich noch gut, wie Opel mal mit Wonderful WorldAutos verkaufte. Jetzt bewirbt Mercedes seine SUV, für die der ADAC breitere Parklücken fordert, mit „Ausdruck innerer Stärke“. Leider begreifen zu wenige, dass die auch im Verzicht besteht – sonst hätte sich Deutschlands Stadtpanzerflotte nicht auf mittlerweile 22 Prozent verzehnfacht. Was da hilft? Die autofreie Stadt, darunter geht’s nicht! Ohne Druck fahren Umweltkiller weiter und weiter und weiter. Mit Vollgas in die Klimakatastrophe.


Ouzo Bazooka, Rhonda

Ouzo Bazooka

Die Siebziger sind die Achtziger sind die Neunziger sind die Nuller sind die Gegenwart ist Europa ist Asien ist Afrika ist Amerika ist die ganze Welt ist Licht ist Luft ist Sound ist ein einziges großes zeitlos wirrtes Durcheinander. Wer diese Küchenweisheit der Postpostpostmoderne nicht nur lesen, sondern auch hören will, derdie sollte es vielleicht mal mit Ouzo Bazooka versuchen. Ohne je dem Fetisch des digitalen Baukastenpop zu verfallen, macht die Band aus Israel seit fünf Jahren einen zutiefst analogen Baukastenpop, der danach gar nicht klingt und gerade deshalb so umfassend, vor allem aber: überwältigend ist.

Mit flatternder Orgel, psychoaktiver Gitarre und einem drollig blechernen Gesang zelebriert das dreiviertelmännliche Quartett um den Späthippie Uri Brauner Kinrot eine Nostalgie, die zwar oft altmodisch nach psychedelischen Krautrock klingt, aber die Grenze der selbstreferenziellen Kiffermucke dabei um Tausend Orte, Zeiten, Zustände erweitert. Auch ins vierte Album Transporter fließt daher Balkanfolklore ebenso ein wie Surfrock, Britpop, Oriental, Postpunk und vor allem eine gehörige Ladung Live-Energie, die all dies mit viel Tanzflächenschweiß schmiert. Enthemmend!

Ouzo Bazooka – Transporter (Stolen Body Records)

Rhonda

Auch ein bisschen psychedelisch, auch unverfroren nostalgisch, dabei jedoch weder grenz- noch genre- oder gar länderübergreifend klingt dagegen das dritte Album von Rhonda. Zur gleichen Zeit wie die seelenverwandten Ouzo Bazooka aus den Trümmern der lokal erfolgreichen Neo-Mods Trashmonkeys in Hamburg hervorgegangen, ist die norddeutsche Band auf den regional überaus angesagten Soul-Train gesprungen, fühlt sich dort seither ersichtlich wohl – und lässt ihr wachsendes Publikum mit großer Eleganz daran teilhaben.

Irgendwo zwischen Shirley-Bassey-Klassizismus und Amy-Winhouse-Adaption flaniert You Could Be Home Now über den Boulevard der Sixties und pickt dabei alles vom Asphalt auf, was für die Retro-Disco so taugt: basslastige Filmscores, gefällige Bläsersequenzen, verkopfte Jazz-Passagen und vor allem viel Gefühl für die zeitgenössische Mischung aus Ironie und reiner Lehre. Und dank der wuchtigen, aber nie aufdringlichen Stimme von Milo Milone kann man Rhonda zum Glück auch jenseits der vielen hanseatischen Soul-Clubs gut hören – und so ganz ohne politischen Input genießen. Auch mal schön.

Rhonda – You Could Be Home Now (popup records)


Christian Friedel: Babylon & Parfum

Meine Musik ist persönlicher

Der Schauspieler Christian Friedel (Foto: Jakub Bejnarowicz/ZDF) brilliert nicht nur mit seiner leicht gehetzten Intensität, er ist auch als Musiker recht erfolgreich. Zuletzt (und weiterhin in der ZDF-Mediathek) war er in der ersten großen Eigenproduktion von Neo als Hauptfigur der Roman-Adaption Parfum zu sehen. Ein Gespräch mit dem 39-jährigen Magdeburger über Spätstarter, verschrobene Figuren und wofür er sogar in die Muckibude ginge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Friedel, wenn Sie sich aussuchen dürften, worum es im Interview geht – wäre das die neue Platte ihrer Band Woods of Birnam oder der ZDF-Mehrteiler Parfum?

Christian Friedel: Oh, böse Frage… Weil es vom künstlerischen Ausdruck her etwas äußerst Persönliches ist, würde ich dem Album kurz Vorrang geben. Seine Serienfigur über so lange Zeit entwickeln zu dürfen, macht natürlich auch Parfum zum tollen Gesprächsthema. Aber das Album liegt mir zurzeit noch mehr am Herzen.

Weil Sie es als Kopf der Band selber verantworten?

Schon. Aber obwohl ich die Songs meist mit meinem Gitarristen schreibe, sehe ich uns unbedingt als Kollektiv; sonst hießen wir ja Christian Friedel & Band oder so. Dennoch kann ich beim Film mehr Entscheidungen abgeben. Die Figur und wie ich sie spiele, ist abhängig davon, wie der Autor sie ins Buch geschrieben und der Regisseur sie umgesetzt sehen möchte. Meine Musik ist definitiv persönlicher.

Was soweit geht, dass Sie vor fünf Jahren ihr Engagement am Dresdner Staatstheater zugunsten der Musik beendet haben?

Schon. Aber die Bühne hat auch meine Filmarbeit beeinträchtigt. So sehr ich das Theater liebe, konnte ich mich im starren Konstrukt fester Spielpläne nicht so vielfältig ausdrücken, wie ich es wollte. Trotzdem mache ich damit weiter, zuletzt auch als Regisseurin Göttingen.

Hätte ein zeit- und kostenaufwändiges Projekt wie sechs Stunden Parfum denn den Vorzug erhalten, wenn es mit Theater oder Musik kollidiert wäre?

Wenn mich ein Projekt wirklich packt, krieg ich‘s im Zweifel irgendwie hin, es mit anderen zu koordinieren. Als ich Das weiße Band gedreht habe, war mir klar, bis zur Vertragsauflösung am Theater darum zu kämpfen. Ich setze daher manchmal Prioritäten gegen oder für das eine oder andere. Meine Jungs in der Band wissen das; wir haben sogar beim Abschlussfest der Dreharbeiten zu Parfum gespielt.

Was hat die mehrmonatige Arbeit daran so spannend gemacht?

Die Charaktere, ihre Vergangenheiten und Geheimnisse. Man merkt, dass sie jemand ersonnen hat, der sich mit der menschlichen Psyche auskennt. Das geht weit über die übliche Frage des whodunnit hinaus. Auch wenn ich einzelne Szenen beim Lesen schwach fand, hat mich das Gesamte immer mehr hineingezogen. Und Philipp Kadelbach hat das so umgesetzt, dass dieser Sog am Bildschirm erhalten bleibt.

Wenn Sie sich den Charakter darin selbst hätten aussuchen dürfen – wäre die Wahl auf den verschrobenen Außenseiter Daniel Sluiter gefallen?

Absolut! Ich verwandle mich lieber in skurrile Figurenwie diese mit den falschen Zähnen. August Diehls Rolle des Parfümeurs fand ich auch spannend, aber die arme Seele mit dem versteckten, unfreiwilligen Humor liegt mir definitiv mehr.

Ist es also eine Typfrage, dass sie oft so verhuschte, leicht fiebrige Figuren wie Georg Elser spielen, oder bietet man Ihnen auch gar nichts anderes an?

Ich bin sehr froh über das breite Spektrum was man mir anbietet und bislang kein Schauspieler, den man sofort mit einer bestimmten Sorte Film oder Figur verbindet. Bei Babylon Berlin wurde ich gleich für zwei Rollen gecastet. Man wollte mich dabeihaben, war sich aber noch nicht sicher für welchen Part. Es wurde der Fotograf und so wie es jetzt mit ihm weitergeht, regt es meine Spiellust ungeheuer an.

Sie sind relativ spät zum Film gekommen sind.

Definitiv. Wenn Michael Haneke nicht mit Das weiße Band auf mich zugekommen wäre, würde ich hier vermutlich nicht sitzen– zumindest nicht mit einer Hauptrollen wie jetzt. Das ich die nun bekomme, macht mich sehr dankbar. Umso mehr hoffe ich, dass die Produzenten und Caster den Blick weiter in die Branche schweifen lassen. Da gibt es so viele unentdeckte Perlen, die wegen der deutschen Krankheit, oftmals dieselben Gesichter zu besetzen, im Verborgenen bleiben.

Ist es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, relativ wenige Filme zu drehen oder hat es damit zu tun, dass Sie trotz allem noch immer zu diesen Perlen im Verborgenen zählen?

Vermutlich beides. Ich war von der Qualität des Weißen Bands so verwöhnt, dass es mir schwerfiel, neue Rollen zu finden. Zum Glück meinten einige Kollegen zu mir, das sei eine Ausnahme gewesen, daran solle ich nicht alles messen. Ich bin weit weg von einem Star.

Könnte die erste Serie Ihrer Karriere daran etwas ändern?

Theoretisch schon – zumal im Fernsehen, dem ich lang kritisch gegenüberstand. Dann aber kam mein erster Fernsehfilm zur Odenwaldschule…

Die Auserwählten.

Mit Uli Tukur, Julia Jentsch, spannend umgesetzt von Christoph Röhl. Meine Rolle darin war zwar unangenehm, schauspielerisch aber ungemein herausfordernd. Da dachte ich mir: wenn so was kommt, bin ich auch künftig nicht abgeneigt. Und dass dem neuen Sehverhalten jetzt auch in Deutschland Rechnung getragen wird und hochwertige Serien entstehen, betrachte ich als große Chance.

Ist Parfum da noch Ausnahme oder schon Regel?

Irgendwas dazwischen, der Stoff lässt sich über eine Staffel hinweg weiterdenken. Bad Banks zum Beispiel ist auch großartig! Dark hat einen Sog auf internationalem Niveau entwickelt und Babylon Berlin ist sowieso unvergleichlich gut, ein Geschenk dabei sein zu können. Es gibt sehr ambitionierte Autoren, Regisseure und Projekte, die einen Fokus verdienen. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Mut.

Darf es demnach bei Ihrer nächsten Serie ein Charakter mit mehr Sexappeal sein?

Natürlich. Einen verkopften Romeo mit unterschwelligem Humor, also dafür geh ich sogar in die Muckibude.


Fernsehjahr 2019: Apple-TV & 8 Tage

Die Freizeit von morgen

Das lineare Fernsehen, darüber herrscht fast flächendeckende Einigkeit, wird es auch weiterhin noch geben. Die Bewegung am Markt der Videoportale und Streamingdienste ist jedoch längst mehr als ein lang anhaltendes Erdbeben in Fernsehland. Ein komprimierter, konzentrierter, hoffnungsfroher Ausblick.

Von Jan Freitag

Hundert Milliarden! Man muss diese Zahl kurz mal Null für Null durchgehen, um ihr Ausmaß zu begreifen. Zwölf davon hat nämlich der Börsenwert einer Videothek in Dollar, die auch 22 Jahre nach der Gründung rote Zahlen schreibt. Und dabei ist Netflix noch nichts gegen Apple! Der Tech-Gigant aus Cupertino agiert zwar hochprofitabel; wäre allerdings jene Billion Dollar, die er seit August wert ist, das Bruttoinlandsprodukt einer Nation: mit 123.000 Mitarbeitern rangierte Apple nur knapp hinter Indonesien auf Platz 16 der wirtschaftsstärksten Länder.

Das sollten auch die Mitbewerber von Sky bis Amazon im Kopf haben, wenn sie das neue Jahr planen. Denn Apple, man darf das als Drohung verstehen, will 2019 ins boomende Streaming-Geschäft einsteigen. Parallel drängt der Medien-Multi Warner auf einen Markt, der erneut um 30 Prozent auf 31 Milliarden Euro Umsatz explodiert ist. Und da war vom weltweit wertvollsten Entertainer Disney, dessen gewaltiger Filmfundus künftig auch online abrufbar sein wird, noch nicht mal die Rede.

Das sollte aber nicht nur die Internet-Branche im Kopf haben. Auch das alte Fernsehen blickt gespannt auf die neuen Dienste. Schließlich machen sie ihm gerade hierzulande Feuer unterm Ohrensessel. Prime Video zum Beispiel adaptiert die populäre Kinderfilmreihe Bibi & Tina grad als Serien-Event und bindet künftige Versandkunden damit von klein auf an die kalifornische Konsumkrake. Benno Fürmann zeigt sich derweil als Held des europäischen Reihenthrillers Hanna, während der britische Aberwitz von Good Omens sechs Teile lang ganz entzückend an Dirk Gentley’s Holistische Detektei erinnert, mit der Netflix seit 2016 Furore macht.

Dort plant man drei Jahre später gleich fünf deutschsprachige Serien: Die Barbaren wird ein römisch-germanisches Game of Thrones, den Tribes of Europe ins postapokalyptische Morgen verlegt. Die Milieustudien Skylines oder Dont’t try this at home wildern mit Gangstarap und Gangsterchic in der konsumfreudigen Zuschauerzielgruppe von 4 Blocks bis Narcos. Und dann mischt der Frischling mit einem Weihnachtsmehrteiler auch noch die Familienkuschelecke der Platzhirsche auf. Was die dagegen wohl machen – na? Genau: Weiter wie bisher.

Das Erste etwa verlagert den Quotenerfolg der Charité am 19. Februar in den Nationalsozialismus. Vor der Tagesschau debütieren Watzmann-Ermittler, im Anschluss Irland-Krimis und nachdem Tom Schilling Brecht verkörpert das Mauerfall-Drama Wendezeit. Zum 30. Jahrestag setzt auch das Zweite mit dem Zweiteiler Walpurgisnacht auf zweitstaatliche Zweit-, äh Zeitgeschichte. Dazu gibt‘s ein Rührstück zum 100. Bauhaus-Geburtstag und die Brauerei-Erzählung Bier Royal. Sicher: mit Montagsfilmen und Mittwochsdramen, Infotainment und Nachrichtenkompetenz setzen ARZDF samt Arte und Neo weiter die Maßstäbe seriöser Vollprogrammversorgung.

Neue Serien jedoch dreht eher andere. Nun muss man wegen Der Bulle & das Biest, einer Exhumierung von Kommissar Rex von Sat1, sicher ebenso wenig die Filmpreisjurys alarmieren wie im Fall von RTL-Reihen mit Klempnerin und Nachtschwestern oder einer TNT-Mockumentary über Helikoptereltern im März. Immerhin versuche es die Privaten aber mit Stoffen jenseits des medizinisch-kriminologisch-juristischen Mainstreams. Weltgeltung indes ist offenbar nur im Tandem mit Videoportalen denkbar. Amazon arbeitet weiter an der Deutschland-Saga von RTL, Netflix stellt fröhlich Pro7Sat1-Serien online. Und da Babylon Berlin ein ähnlicher Erfolg im Ersten war wie Ende 2017 bei Sky, wird das Projekt mit Topstars in Topkulissen fortgesetzt, die man sich einzeln kaum leisten könnte. „Erst durch solche Kooperationen sei es aus Sicht von Sky-Vize Elke Walthelm möglich, „Content zu produzieren, der im internationalen Vergleich absolut mithalten kann“. Im zunehmenden Wettbewerb gebe es also einen Zug zum Miteinander. Umso mehr machen Digitalkanäle der einst analogen Konkurrenz auf ihrem Kerngebiet Konkurrenz: Herausragender Fiktion mit kriminalistischem Kern.

Ab 25. Januar jagen Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch daher im Stile der Brücke einen Serienkiller aufs Sky durchs österreichisch-deutsche Grenzgebiet. Und im März schlagen sich Mark Waschke und Christiane Paul 8 Tage durch eine präapokalyptische Zivilisation vorm Meteoriteneinschlag. Alles hochwertig, spannend, oft couragierter als das Regelprogramm. So richtig Geld aber wird dann doch durch einen Koproduktionsdeal über 250 Millionen Dollar mit HBO – dessen Bestseller Game of Thrones im Juni bei Sky endet – bewegt.

Wenn Netflix zugleich neunstellige Summen in Mafiafilme von Martin Scorces steckt, wenn Warner sein Spielfilmarchiv ins Netzstellt, wenn selbst YouTube Inhalt produziert – dann stellt sich allerdings die Frage: Wer soll das eigentlich alles gucken, um es wie genau noch mal zu finanzieren? Selbst Serienjunkies haben ja nur 24 Stunden Zeit zum Binge-Watching. Das Angebot Hunderter Portale und Sender übersteigt die Nachfrage ja schon jetzt. Es ist wie im Fußball: Weil Spielergagen ins Unermessliche steigen, wird das Publikum mit aufgeblähtem TV-Sport gemästet bis die Liebe Verdruss weicht. So faszinierend das neue Fernsehen also ist: es muss bald mal rentabel wirtschaften. Anders als das Sportportal DAZN sind Streamingdienste nicht nur einem Milliardär, sondern Aktionären verpflichtet. Von den Gläubigern gigantischer Kredite, die besonders Netflix aufnimmt, ganz zu schweigen.

Gerade darin allerdings liegt womöglich auch die Chance des alten Fernsehens. Winzlinge wie Funk oder Neo zeigen ja mit drolliger Lowbudget-Fiktion, wie viel wenig erreichen kann. Bei den Scheinriesen hingegen macht das ZDF Frank Schätzings Schwarm und RTL ein Remake von M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Jörg Kachelmann kehrt ins Erste zurück und ProSieben mit einer – padautz! – Datingshow auf den Kuppelmarkt. Allenfalls Arte traut sich mit einer deutsch-französischen Fiktion übers Flüchtlingselend an Europas Stränden gelegentlich aus der Deckung gefälliger Unterhaltung. Aber wo genau bitte sind die noch mal auf der Fernbedienung?

Auch wegen seiner strukturellen Randlage stärkt der Kulturkanal daher wie niemand sonst im linearen Segment seine Mediathek und positioniert sich somit im Grunde längst zwischen den echten Onlinern. Nur: Was die bisweilen für einzelne Hochglanzformate raushauen, damit finanziert Arte mit Mühe ein Senderquartal. Und durch die neuen, milliardenschweren  Konzerne im Starthaus wird der Markt gewiss nicht luftiger. Christoph Schneider zeigt sich im Münchner Industrie-Gebiet zwar fast aufreizend gelassen, wenn der deutsche Geschäftsführer von Amazon Prime Video beteuert, „angesichts der vielen Pläne, von denen da dauernd zu hören ist, muss man erst mal sehen, was am Ende des Tages umgesetzt wird.“ Aber falls Disney mit Superhelden ums Portaleck biegt, Warner mit Harry Potter und beide mit Originalserien, dann kriegt das selbst sein mächtiger Handelskonzern zu spüren. Und das Niveau sowieso. Masse, ganz gleich welcher Güte, siegt 2019 wohl doch über Klasse.


ZDF-Weihnachtsmehrteiler: Timm & Anna

Patricks Werk und Josefs Beitrag

Ein kurzes, lange Jahrzehnt waren die Weihnachtsmehrteiler im Zweiten fester Bestandteil der Festtage vor Silvester. Ein halbes Menschenleben nach Timm Thaler, dessen Remake an den Feiertagen im ZDF lief, passt das Format schon längst nicht mehr zu den Sehgewohnheiten der Generation Internet. Doch warum nur? Eine Spurensuche. 

Von Jan Freitag

Man muss sich Patrick Bach als glücklichen Mann vorstellen. 25 Jahre nach seiner allergrößten Rolle, sitzt er in einem Luxushotel am Rande seiner Heimatstadt Hamburg und blickt mit fideler Gelassenheit auf das zurück, was gleichsam Bonus und Ballast jeder Schauspielkarriere sein kann: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF, ein bundesrepublikanisches Lagerfeuer von maximaler Behaglichkeit. Die Frohnatur mit der markanten Zahnlücke hat es zwar nicht entzündet; doch als der kleine Patrick 1981 den Zirkusjungen Silas spielte und im Jahr darauf die Vollwaise Jack Holborn, befand sich das Leitmedium auf dem Höhepunkt gesellschaftlicher Bindungskraft.

Und nun also, es ist die Zeit des Sommermärchens, erzählt der Familienvater von seinem Durchbruch und was danach noch kam. Obwohl das meiste davon eher leichte Kost war, er selbst sagt offenherzig „sogar seicht“, obwohl seine Anschlusskarriere eher „Traumschiffe“ als „Tatorte“ aufweist, obwohl es beruflich gesehen bis heute leicht, aber stetig bergab geht, analysiert der große Bach ein Lebenswerk in fast meditativer Seelenruhe. Warum auch nicht? Der Familienvater zeigt sein junges altes Silas-Lächeln: „Ich hab ja kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein.“

Gewesen, grammatikalisch Perfekt, irgendwie von gestern: Patrick Bachs Erinnerung an eine Institution des Kinderprogramms sagt viel aus übers Leitmedium früherer Tage. Denn wenn das ZDF am Mittwoch zur besten Lagerfeuerzeit ein Remake der ersten Weihnachtsserie zeigt, fährt nicht nur Fortysomethings Nostalgie ins Gemüt. 1979 – Telefone hatten noch Wählscheiben und Bundeskanzler Schmidts Schnauze – verkaufte der herzliche Timm Thaler dem herzlosen Baron Lefeut nach James Krüss‘ Jugendroman sein ansteckendes Lachen. Dafür gewann er vom 25. Dezember bis Ferienende täglich im ZDF jede Wette, bis ihm nach zwölf Folgen Kampf ums alte Glück am 5. Januar der Gedanke kam, ums alte Gelächter zu wetten. Kluger Junge.

So ähnlich endet auch Andreas Dresens Neuverfilmung. Bis dahin jedoch ist alles ein wenig anders als im Original der öffentlich-rechtlichen Monopolphase. Bunter, schriller, ulkiger, eben zeitgemäßer. Tims Gegner ist kein beigegrauer Horst Frank, sondern der karnevalistische Justus von Dohnányi, es gibt von Król und Uhl bis Hübner und Haberlandt ein Dutzend Superstars, dazu sprechende Ratten und reichlich Brimborium, also wenig, was Timm 37 Jahre zuvor ausgemacht hat: eine ruhige, ja träge Ereignislosigkeit, mit der man heute kein Kind mehr hinter der Spielkonsole hervorlockt.

Und so ging es weiter. Reihe für Reihe, Jahr für Jahr. In der anschließenden Lindgren-Adaption, die zehn Teile von wenig mehr als der kleinen Schwedin Madita (Jonna Liljendahl) beim Spielen handelt, bis Else Urys Nesthäkchen, das die Geschichte des bürgerlich-preußischen Fin de Siècle 1983 sechs Episoden lang in Weichzeichner tauchen durfte. Zwischendurch sorgten Patrick Bachs nostalgische Zeitreisen zwar bei (wilden) Jungs wie (verliebten) Mädchen für Hormon-Schübe.

Wer sich die Serien allerdings periodisch bei ZDFneo oder ständig auf YouTube ansieht, muss zugeben: Für superRTL-, gar internetgeschulte Sehgewohnheiten der Zielgruppe unter 16 wirken Inhalt, Tempo, Tonfall, Ausstattung eher sedierend als unterhaltsam. Und weil sich mit dem Anspruchsdenken das Freizeitverhalten gewandelt hat, passt die lineare Programmierung auch strukturell nicht mehr zur digital eingeborenen Generation Y bis Z. Jeden Tag zur selben Zeit vorm Fernseher sitzen, der womöglich nicht mal smart ist – what the…?!

Dass Weihnachtsmehrteiler so anachronistisch sind, ist aber trotzdem kein Phänomen des neuen Jahrtausends. Von 17 Ausgaben haben es schließlich nur einige der ersten Hälfte ins kollektive Gedächtnis geschafft – allen voran der sanft beschleunigte Biotechagententhriller Patrik Pacard. Dessen Darsteller Hendrik Martz war 1984 allerdings schon ausgewachsene 16 Jahre alt. Auch deshalb konnte der blonde Hamburger von den Wicherts von nebenan über den Woyzeck an der Berliner Vaganten Bühne bis hin zum Dozenten diverser Schauspielschulen eine respektable Anschlusskarriere hinlegen.

Davon konnten seine Nachfolger allenfalls träumen. Der Violinist Josef Gröbmayr (Oliver Maas) blieb ebenso wie der Italiener Guido Cella (Mino) ein One-Hit-Wonder des Massenfernsehens – von Alexandra Henkel, Leandro Blanco, Coco Winkelmann oder Norman Nitzel ganz zu schweigen, dessen Abschlussreihe namens Frankie 1995 bereits weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Feuilletons lief. Nur eine Titelheldin brachte es wirklich noch zu nachhaltiger Berühmtheit: Silvia Seidel.

Ihre Nachwuchsballerina Anna erreichte 1987 – mit Patrick Bach als gehbehinderter Kumpel Rainer – geradezu Kultstatus. Ihretwegen, meint der Shootingstar Alicia von Rittberg (Charité), „wollte ich Balletttänzerin werden“. Ihretwegen gab es aber auch Homestorys in der Bravo, Märchenstunden in der Regenbogen-Presse und ein erfolgreiches Kino-Spinoff. Was es nicht gab: nachhaltigen Erfolg. Denn wie so viele ihrer Ahnen im Pantheon der Weihnachtsserien, endete auch die Münchnerin im Flachwasser von Seifenopern, Boulevardtheater und Panelshows.

Silvia Seidels Suizid mit gerade mal 42 Jahren mag privatere Gründe haben; dass nach ihrer Paraderolle auch der ZDF-Mehrteiler zum Christfest verging, fügt sich auf tragische Art ins Bild eines Formats, das in der Vergangenheit stecken geblieben ist. Patrick Bach war übrigens zuletzt bei Cobra 11 im Einsatz. Könnte schlimmer kommen. Besser aber auch.


High Quality Girls (live im Hafenklang)

High Quality Girls

Nein, die High Quality Girls muss man nicht unbedingt kennen. In der urbanen Clubkultur kursiert der Name vermutlich nur selten mal als Underground-Geheimtipp und dem Overground käme angesichts der verschrobenen Postpunkstrukturen wohl das kalte Grausen. 17 Jahre und ganze zwei Platten nach ihrer Gründung muss man jetzt aber doch mal kurz aufmerksam machen auf dieses Trio angenehm uneitel ergrauter Männer jenseits der 40. Ihr drittes Album ist nämlich ein wirklich ein gelungenes, ausnahmslos auf Vinyl gepresstes Manifest hedonistischen Missmuts, das perfekt in die Gegenwart überschwänglicher Selbstgefälligkeit passt. Die Stimmung ist nämlich tendenziell gedeckt, wenn die bittersüß gelaunten Michael, Alan und Kolja den zeitgenössischen Alltag filetieren.

“Endlich analog fernsehen” sprechsingt es da repetitiv über abgehackte Gitarrenriffs und breiige Bassläufe, denen die analogen Keyboards eine Art nostalgischen Futurismus aus jener Zeit verleihen, als der Synthesizer noch Zukunftsmusik machte. Wenn Palais Schaumburg oder Fehlfarben durch die sieben Stücke wabern und die drei netten Misanthropen aus Hamburg dazu wie bei der Release-Party im Hafenklang St. Pauli am 22. Dezember (Supp: Huffduff, Neopit Pilski, 20 Uhr) ihre absurden Strumpfmasken aufsetzen, reist man daher ein paar Jahrzehnte zurück in einen Alternativerock, der noch verstören statt gefallen wollte. Letzteres schafft er trotzdem ganz gut.

High Quality Girls – high quality girls (Hafenschlammrecords)


Gelassenheit & Extraklasse

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. Dezember

Kein Brennpunkt, kaum Breaking News, nur die Topmeldung der Tagesschau, dann hatten die meisten Medien den scheußlichen Mordanschlag von Straßburg schon da eingeordnet, wo er nur aus Sicht der Verschwörungstheoretiker von Hut- bis Wutbürger nicht hingehört: Auf die Liste schlimmer Nachrichten voriger Woche. Nicht mehr. Nicht weniger. Man muss selbst den Boulevard-Medien daher ein Lob aussprechen, wie zurückhaltend sie den finalen Amoklauf eines Gescheiterten verarbeitet haben, dessen Glaubensbekenntnis so glaubhaft war wie das Lippenbekenntnis der Industriestaaten, das Klima zu retten.

Darüber übrigens wurde jenseits ausgewählter Qualitätsmedien nicht annähernd genug berichtet – obwohl es vorige Woche weit mehr ums Ganze ging als in jeder News über Bahntarifverhandlungen oder Parteiführungswahlen. Um mehr auch als etwa die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zur deutschen Rundfunkgebühr. Trotzdem war es bahnbrechend, was der EuGH zu einem Klärungsgesuch des Landgerichts Tübingen geurteilt hat. Dass die Abgabe fürs öffentlich-rechtliche Programmangebot rechtens ist, sorgt nämlich auch weiterhin dafür, dass Informationen im gesellschaftlichen Diskurs von kompetenter, aufrichtiger, ausgewogener Stelle sortiert, gewichtet, verbreitet werden.

Wenn es ARD und ZDF, Phoenix oder 3sat nicht gäbe, würde das kommerzielle Angebot ja vor allem über Scoops wie diesen berichten: Micaela Schäfer hat der unmissverständlichen Dating-Seite poppen.de ein Interview gegeben, in dem die frühere Dschungelcamp-Insassin mit exhibitionistischem Hang einräumt, total auf ältere Männer, aber nicht so sehr auf krasse Ort beim Geschlechtsakt zu stehen. Wahnsinn! ProSieben Newstime: wo bitte bleibt da die Homestory!? Na ja, fragen wir da doch einfach Annemarie Carpendale geb. Warnkross.

Die Frischwoche

17. – 23. Dezember

Wenn dieser Tage die großen Jahresrückblicke beginnen, wenn die ARD am Montag um 22.45 Uhr streng politisch auf die fast vergangenen zwölf Monate zurückblickt oder Markus Lanz am Donnerstag im ZDF tendenziell gefühliger auf „Menschen 2018“, zeigt uns die stets luftig bekleidete Schlagerstarsohngattin den Relevanzhammer und moderiert am Mittwoch um 20.15 Uhr red. 2018, aka Der große Jahresrückblick der Stars. Die Realitätsverdrängung von ProSieben ist dabei allerdings weniger interessant als die Frage, ob die drollige Annemarie ihr japanisches Teenagerporno-Outfit dabei wieder so kurz trägt, dass man den Schlüpfer sieht oder nicht…

Aber genug vom Fernsehen der dümmsten Art, mehr vom Fernsehen der allerbesten – verbunden mit einer traurigen Mitteilung: Dienstag und Mittwoch laufen jeweils um 22 Uhr die letzten vier von insgesamt 31 Folgen Der Tatortreiniger im NDR. Gewiss – auch Bjarne Mädel als bauernschlaue, bauchweise, kiezkluge Endreinigungskraft ultimativer Verbrechen ist langsam auserzählt. Die Autorin Mizzy Meyer schafft es aber noch immer, das gewöhnliche Niveau hiesiger Komödien auf kurzer Distanz um Längen zu überbieten. Dafür auf ewig danke Mizzy, Bjarne, Arne Feldhusen.

Was den Fernsehhumor hierzulande sonst so kennzeichnet, lässt sich heute Abend um 20.15 Uhr gut im ZDF beobachten. Als verschuldeter Ex-Journalist, der vom Arbeitsamt auf Lehrer umgeschult wird, agiert Axel Prahl in Extraklasse zwar solide am Rand des Lustigen. Doch Innovation, Wagemut, gar Experimentierfreude? Fehlanzeige! Aber gut, vielen reicht am Feierabend einfach arglose Unterhaltung mit Niveau. Die haben auch Christian Tramitz und Helmfried von Lüttichau im Rahmen des Schmunzelkrimimöglichen seit 2011 sieben Staffeln lang durchaus geliefert.

Am Mittwoch nun nimmt letzterer Abschied von ersterem, wofür das Erste beiden ein Serienspecial Huber und Staller schenkt. Parallel startet Sky das Vorweihnachtshighlight: In der Showtime-Serie Escape at Dannemora inszeniert Produzent Ben Stiller mit Benicio Del Torro und Patricia Arquette ein Ausbruchsdrama nach wahren Motiven, das mehr tut, als Testosteron zu verspritzen. Passend dazu ein Fußballtipp: Freitag läuft das Finale der Bundesligahinrunde mit Bayern gegen – Moment; die sind ja gar nicht Herbstmeister. Unter großen Schmerzen muss das ZDF daher Dortmund vs. Gladbach zeigen und seinem Prinzip vollumfänglichen Sponsorings für den Rekordmeister kurz abschwören. Auch die Wiederholung der Woche spielt auf Gras. Wobei Sönke Wortmanns Das Wunder von Bern (Montag, 20.15 Uhr, Nitro) 2003 für Fans ein dufter Kostümfilm war, für Spötter die vorletzte Nachkriegsfiktionalisierung, in der Nazis im Umfeld unpolitischer Mitläufer noch Ausnahmen sein durften.

Schwarzweiß wiederholt wird Donnerstag (20.15 Uhr) Der Fremde im Zug auf Arte, ein Frühwerk Alfred Hitchcocks, dass auch 67 Jahre nach der Premiere mit kriminalistischer Kammerspielatmosphäre besticht. Aus heutiger Sicht nur unwesentlich jünger ist da der Tatort-Tipp Das Mädchen von gegenüber (Dienstag, 23.35 Uhr, WDR) vom Dezember 1977 mit Hansjörg Felmy und dem damals noch relativ unbekannten Jürgen Prochnow.


Bildschirmbanner & gute Feinde

Die Gebrauchtwoche

3. -9. Dezember

Es fehlte eigentlich nur noch ein durchlaufendes Bildschirmbanner vom ersten Wahlgang inklusive Breaking News zur Kandidatenmimik vorm zweiten – der Medienhype um ein Ereignis, das in der Vergangenheit bestenfalls am Schluss der Tagesschau stattgefunden hätte, wäre komplett gewesen. Die senderübergreifende – gut, jetzt nicht bei den Privaten, also: die öffentlich-rechtliche Aufmerksamkeit für die Wahl der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer zeugt von einer tiefsitzenden Sehnsucht nach Relevanz demokratischer Prozesse, die der Populismus möglich gemacht hat.

Ihm dafür gleich zu danken, wäre sicher zu viel des Lobes ans freidrehende Blut-und-Boden-Lager. Aber man muss schon anerkennen, wie der politische Diskurs von rechts außen befeuert wird. Und amerikanische Verhältnisse, in denen die Fox-Moderatorin Heather Nauert von der Sprecherin des Außenministeriums zur UN-Botschafterin aufsteigt – so weit sind wir hierzulande zum Glück ja (noch) nicht (ganz). In Deutschland wird Mann (Steffen Seibert) eher mal vom heute– zum Regierungssprecher oder vom BamS-Vize mit Hitler-Fimmel (Nicolaus Fest) zum AfD-Aushängeschild (mit EU-Ambitionen).

Bevor Horst Seehofer zur FAZ wechselt und durch den rechtsgewendeten Ex-Linken Jürgen Elsässer ersetzt wird, der die Chefredaktion der neurechten Weltverschwörungspostille compact sodann an Friedrich Merz abgibt, feiert aber erstmal der Troubadour altrechter Heimattümelei seinen 80. Geburtstag: Heinz-Georg Kramm. Das ZDF, der Heimattümelei zumindest fiktional ja auch nicht vollends fremd, widmet dem nationalsten aller Volksmusiker morgen ein Porträt.

Die Frischwoche

10. -16. Dezember

Na, hoffentlich vergisst Mensch Heino zur besten Sendezeit nicht, wie weit rechts der Mitte die Schlagermaschine steht. Und damit am Gegenpol der Roten Kapelle, die im Nationalsozialismus gar nicht links stand, aber so grausam verfolgt wurde, dass sie im reaktionären Mainstream der jungen Bundesrepublik als Staatsfeind galt. Davon erzählt der Dokumentarfilm Die guten Feinde. Am Mittwoch um 22.45 Uhr erkundet Christian Weisenborn darin auf Arte, wie sein Vater dem NS-Terror knapp entronnen von den alten Eliten bis ins Grab als Volksverräter verfolgt wurde.

Schwer da eine Überleitung zur guten Unterhaltung dieser Woche zu finden. Weshalb wir einen Umweg in die, nun ja, gut gemeinte machen. Nachdem Sat1 Anfang des Jahres mit einer Verfilmung des Thriller-Fabrikanten Sebastian Fitzek (Das Joshua-Prinzip) baden ging, geht RTL mit einer weiteren Adaption zu Wasser. Passagier 23 bezeichnet das reale Phänomen, dass im Schnitt 20 Menschen pro Jahr von Kreuzfahrtschiffen verschwinden. Aus dieser Vorlage macht Alexander Dierbach ein Actionsdrama, in dem Lukas Gregorowicz den Verlust seiner eigenen Familie damit aufarbeitet, eine vermisste Frau an Bord zu suchen.

Schon spannend, aber leicht konstruierte Effekthascherei. Fitzek eben. Schon mysteriös, aber recht melodramatischer Durchschnitt. ZDF eben – muss man angesichts vom „Harz-Krimi“ sagen, in dem Josefine Preuß heute einem Geheimnis auf die Spur kommt, dass sie in die Untiefe ihrer Vergangenh… ups! War kurz eingenickt. Und wurde vom Rechtsmediziner (Tim Bergmann) als Hauptfigur (Dr. Abel) einer Krimi-Reihe (Zersetzt) nicht geweckt. Wahnsinnsidee. Vielleicht kopiert sie ja jemand in Hollywood und nennt es, sagen wir: CSI…

Dann doch lieber echtes Popcorn-Entertainment wie die ProSieben Wintergames, eine Art Wok-WM ohne Stefan Raab, gefolgt von drei Stunden Joko gegen Klaas, zusammengenommen 325 Minuten Riesenspaß für kleine Kinder im Körper großer Jungs. Riesenspaß für echte Erwachsene im Körper echter Erwachsener verspricht dagegen das Comeback von Ellen De Generis. Nach 15 Jahren Abwesenheit erklimmt sie am Samstag auf Netflix wieder die Standup-Bühne. Wer wirklich was aufs Zwerchfell braucht, sollte am selben Tag NDR einschalten, wo ab 23.10 Uhr das Beste vom Tatortreiniger läuft. Vier Stunden am Stück.

Und bereits eine Wiederholung der Woche wie das Politdrama Gewalt, Macht, Leidenschaft von 1976 (Montag, 21.50 Uhr, Arte) mit den sehr jungen Gérard Depardieu und Robert de Niro als Jugendfreunde, die der italienische Faschismus entzweit. Vereint werden dagegen Whitney Houston und Kevin Kostner in Bodyguard von 1992 (Dienstag, 20.15 Uhr, Kabel1), was sich allein schon wegen des Titellieds immer wieder lohnt. Schwarzweiß empfehlenswert: Karla, ein DEFA-Film von 1965, wo eine Lehrerin (Jutta Hoffmann) heute um 23.10 Uhr (MDR) ihrer Klasse zum Ärger der Staatsmacht das Denken beibringt. Dazu animiert der Tatort-Tipp jetzt weniger, aber wenigstens war das Odd-Couple Thiel/Boerne vor 15 Jahren in 3 x Schwarzer Kater (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) noch witzig.