Vor 30 Jahren zählte Bauer zu den Meinungsführern der deutschen Zeitschriftenlandschaft. Heute ist die Verlagsgruppe aus Hamburg zwar wirtschaftlich führend, aber eher dank Lifestyle und Klatsch. Ein Gespräch mit Chefredakteurin Sabine Ingwersen und Verlagsleiter Ingo Klinge (Foto: Christian Bruch) über Business leichter Kost, Schlagworte wie Fake-News oder Print-Krise, deren Auswirkung aufs Portfolio und warum die Geschäftsführung so männlich ist.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Ingwersen, Herr Klinge – das neue Jahr ist zwar noch jung, aber das alte schon wieder eine Ewigkeit her – welche Erwartung haben Sie nach all den Printkrisen und Fake-News-Debatten 2018 an 2019?
Sabine Ingwersen: Oh.
Ingo Klinge: (überlegt lange) Tja.
Versuchen wir es mit einer geschlossenen Einstiegsfrage: Wird es ein gutes Jahr für Bauer-Media, Herr Klinge, und Ihre Magazine, Frau Ingwersen?
Klinge: Weil wir den Medien- und Zeitschriftenmarkt selbst beeinflussen können, blicken wir als Unternehmen positiv aufs Jahr 2019. Auch in der Vergangenheit haben wir Journalistinnen und Journalisten oder Verlagskaufleute die Erfahrung gemacht, dass sich Qualität oder Auflage, im besten Fall beides, durchsetzen. Deshalb haben wir ein Problem mit Schlagworten wie Printkrise oder Fake-News. Da sich die Branche zu sehr auf die negativen Aspekte fokussiert, empfehle ich einen Blick auf Sabine Ingwersens tina, wo sich Erfolg und Anspruch optimistisch bündeln.
Ingwersen: Begleitet von einem externen Fachmann haben wir unsere Arbeit in tiefenpsychologischen Qualitätsworkshops beurteilt, was zum Teil auch schmerzhaft war. Nach dem Relaunch sind wir dann mit einer deutlichen Preiserhöhung zurück auf den Markt gegangen und haben am Ende des Jahres gesehen, dass der Vertriebsrückgang gestoppt wurde.
Mit welchen Mitteln genau?
Ingwersen: Indem wir gelernt haben, wie der digitale den gedruckten Journalismus beeinflusst. Und dass die Bindung ans Magazin mit einer noch empathischeren, tieferen Ansprache verstärkt wird.
Ihr Angebot orientiert sich thematisch und dramaturgisch vor allem an der Nachfrage?
Ingwersen: Manchmal schon. Mit der Digitalisierung hat sich unsere Zielgruppe stark verändert. Obwohl sie seltener online lesen als digital natives, wissen über 40-Jährige, wie viel das Internet in hoher Geschwindigkeit bietet. Wir haben uns also gefragt, was die Leserin erwartet, damit sie uns kauft. Es sind allein die Emotionen, die sie dazu bewegt.
Klingt nach dem Pfeifen im Walde des schlingernden Printjournalismus…
Ingwersen: Das stimmt nicht, wir vergleichen ihn einfach nicht mit Digitaljournalismus. Bei beiden Formen geht es um den besten Content. Print-Leser verharren in Spielfilmlänge am Produkt, Online-Leser in Kurzfilmlänge. Abseits der Qualität geht es in Print um Chancen zur Mehrfachnutzung. Das Digitale ist sehr auf den Augenblick konzentriert, während Produkte auf Papier darüber hinaus Bestand haben. Beide Formen haben ihre Berechtigung.
Klinge: Es ist Teil unserer Grundüberzeugung, dass da draußen weiter viele Millionen Menschen gleich welchen Geschlechts, welchen Alters, welcher Sozialisierung sind, die Liebe und Leidenschaft fürs journalistische Produkt haben. Das wollen wir bedienen.
Ingwersen: Schließlich liest jede zweite Frau in Deutschland mindestens ein Bauer-Produkt. Das allein ist für uns Ansporn genug weiterzumachen und neue Märkte zu besetzen.
Geht das so weit, wie die Pro7Sat1 Media Gruppe in branchenferne Geschäftsfelder zu expandieren und beispielsweise im Online-Handel aktiv zu werden?
Klinge: Unser Fokus ist klar der Journalismus auf allen Kanälen. Und dieses Bekenntnis zum Publishing ist aus meiner Sicht schon deshalb wichtig, damit wir uns – wie man im Norden sagt – nicht vertüddeln. Diese Überzeugung herrscht von den Kreativen über die unterstützenden Bereiche bis hoch in die Verlagsführung.
Ingwersen: Wir müssen uns immer wieder fragen, was neue, aber auch bestehende Käuferschichten begeistern kann. Kein 40-, kein 60-Jähriger ist wie der andere. Gute Journalisten erkennen die Bedürfnisse jeder Zielgruppe. Wir brauchen also gute Journalisten mit großem Zielgruppenverständnis.
Klinge: Deshalb kümmert sich Frau Ingwersen auch noch um unsere Journalistenschule. Mit deren Gründung waren wir zwar spät dran; positiv gewendet haben wir aber in einer Zeit, wo die Konkurrenz eher branchenfremd investiert, das Kern-Geschäft gestärkt. Wie wichtig uns die Publizistik ist, zieht sich demnach durchs ganze Unternehmen.
Bei aller Liebe der Verantwortlichen und des Publikums zum Print-Produkt steht aber doch auch Bauer angesichts sinkender Anzeigenerlöse schwer unter Kostendruck.
Klinge: Natürlich spielt der Kostenfaktor eine Rolle. Dass mit den Auflagen auch die Anzeigenerlöse sinken, hat unsere Rahmenbedingungen massiv verändert. Um weiter wirtschaftlich zu arbeiten, müssen wir also reagieren. Denn nur wer Geld verdient, kann Zeitschriften verlegen. Das gilt für uns als KG genauso wie für jede AG oder GmbH. Umso mehr sind wir darum bemüht, die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und journalistischer Qualität zu halten.
Hat die Bündelung mehrerer Magazine unter Ihrer Leitung, Frau Ingwersen, demnach eher ökonomische als publizistische Gründe?
Ingwersen: Als ich 2011 von Bild der Frau zu Bauer kam und neben der tina die bella übernommen habe, war ich mir unsicher, diese Doppelherausforderung meistern zu können. Nach sieben Jahren kann ich jedoch sagen, dass die Bündelung auf fünf Marken im ähnlichen Segment, aber für verschiedene Altersstufen ungemein hilfreich war, um unser Publikum besser zu verstehen. Meine Magazine sind wie eine Familie mit Mutter und Töchtern; weil die Autorinnen und Autoren alle davon bedienen und deren Lifestyle-Bedürfnisse erfassen, entsteht gegenseitiges Verständnis, das durch Einzelleitungen womöglich schwerer zu erzielen wäre.
Klinge: Und für die Verknüpfung sorgt seit vier Jahren ja ein Content-Manager.
Ingwersen: Der Inhalte seziert und verfügbar macht. Für ähnliche Geschichten in vier Heften schicken wir seither nicht mehr vier Autoren plus Fotografen raus, sondern durchleuchten das Potenzial auf verschiedene Verwertungsmöglichkeiten, sodass ein Heft das Interview kriegt, ein anderes die Reportage, das nächste ein Service-Stück. Wir schöpfen das Thema dadurch optimal und effizient ab. Das sind zwar auch quantitative Synergie-Effekte, aber definitiv qualitativen Ursprungs.
Klinge: Für mich als Kaufmann wäre es am einfachsten, sich allein um Kosten, Umsatz, Gewinn kümmern zu müssen. Aber so schwarzweiß ist die Welt nun mal nicht, weshalb journalistische Qualitäten und wirtschaftliche Notwendigkeiten stets gemeinsam gedacht werden.
Ingwersen: Die äußerliche und innerliche Optimierung unserer Produkte zum bestmöglichen Preis ist ein kontinuierlicher Prozess bei größtmöglicher Transparenz.
Klinge: Konkret erkennt man das schon daran, dass Redaktion und Geschäftsführung ständig gemeinsam am Tisch sitzen, um die Grauzone zu diskutieren.
Immer einvernehmlich?
Klinge: Ich glaube, das gibt es bei keinem Verlag. Wenn die Tür zu ist, geht’s dahinter natürlich oft hoch her. Der Vorteil von Bauer ist, dass ökonomische und kreative Seiten dabei seit jeher viel Verständnis füreinander aufbringen.
Ingwersen: Deshalb kann und darf jeder großes Knowhow von der jeweils anderen Seite erwarten. Da wächst man an seinen Aufgaben. Das gilt besonders für mich.
Klinge: Auch deshalb sind wir das wirtschaftlichste Unternehmen der Branche mit den besten Kostenstrukturen. Ohne dieses Miteinander lassen sich zumal in Zeiten wie diesen keine Zeitschriften verkaufen. Und da wären wir wieder bei der Eingangsfrage nach den Aussichten fürs neue Jahr: Wollen wir den Kopf in den Sand stecken oder weiterhin ein tolles Umfeld für tolle Produkte von hoher Qualität bieten? Da entscheide ich mich für letzteres.
Uwe Bokelmann, der bei Bauer noch mehr Magazine unterschiedlicher Art leitet als Frau Ingwersen, hat dazu gesagt, Print leide nicht unterm Internet, sondern sinkender Qualität. Worin bemisst sich die überhaupt in einem Segment wie dem Ihren?
Ingwersen: Seiner Zielgruppe ganz nah zu sein.
Birgt das nicht die Gefahr, ihr nach dem Munde zu schreiben?
Ingwersen: Mein Ziel ist es, mit meinen Zeitschriften in einer Mischung aus Entertainment und Ratgeber spannend, bewegend und gut recherchiert zu unterhalten und immer wieder zu überraschen.
Klinge: Statt unseren Leserinnen und Lesern nach dem Munde zu schreiben, stellen wir ihre Bedürfnisse und Vorlieben bewusst in den Mittelpunkt unserer Arbeit. Deutschlands Medienlandschaft hat zum Glück von harter Politik bis leichter Unterhaltung eine sehr große Bandbreite.
Ingwersen: Nehmen Sie Kochrezepte: Weil wir die mit Ökotrophologen entwickeln und von Profis fotografieren lassen, ist das deutscher Handmade-Journalismus von einzigartiger Güte.
Klinge: In dem – Kritiker vergessen das gelegentlich – vorwiegend sehr professionelle Journalisten tätig sind. Bei potenziell fast 80 Millionen Leserinnen und Lesern im Land kann und will nicht jeder Cicero oder Spiegel lesen. Abseits davon existiert großer Bedarf nach unpolitischer Publizistik bis hin zur Yellow Press. Hier Angebote zu machen ist zugegebenermaßen nicht einfach. Da halte ich es mit meinem Vater: Wer sind wir denn, den Leuten vorzuschreiben, was sie lesen?! Es ist doch Ausdruck der publizistischen Vielfalt in diesem Land, dass es von bis alles gibt. Und wir sind da halt ein wenig mehr bis als von.
Rechtfertigt das Regulativ der Zielgruppenbedürfnisse demnach auch Märchenmagazine im Regenbogen-Regal, die ihr Publikum von der harten Realität mit Mimik-Analysen aus der Gerüchteküche ablenken, aber mit der Wahrheit oft nichts zu tun haben?
Ingwersen: Es gibt doch mannigfaltige Zielgruppen in der bürgerlichen Mitte, die wir bedienen. Jedes Heft hier [zeigt auf das Bauer-Portfolio auf dem Konferenztisch] unterhält andere Frauen anderer Altersgruppen und Ansprüche. Manche wollen sich nur wohlfühlen, manche ihre Familie managen, anderen geht es um Wahrhaftigkeit und Sinn, aber selbst unter denen variiert das Anspruchsdenken an eine Zeitschrift wie tina, bella oder Meins enorm.
Sie sparen jetzt – bewusst oder nicht – jene Bauer-Titel aus, deren Inhalte mit Märchen noch zurückhaltend umschrieben sind. In Heften wie Neue Post ist die Grenze zur Lüge doch so fließend, dass es kaum Schlagzeilen ohne Fragezeichen gibt und oft zur juristischen Auseinandersetzung kommt.
Klinge: Auch dabei handelt es sich unser aller Überzeugung nach um Journalismus, und zwar mit der Vorsilbe „Qualitäts“. Ich lehne es ohnehin ab, Journalisten ständig nach Yellow, Boulevard, Nachrichten oder was auch immer in Kasten einzuteilen. Weil alle Journalisten Journalismus betreiben, sind unterschiedliche Maßstäbe demnach völlig unangemessen.
Aber die 150. Mutmaßung über Michael Schumachers Gesundheitszustand hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun, sondern ist – Entschuldigung – vielfach schlicht erlogen!
Klinge: An Journalismus mit der Methode des Lügens heranzugehen, ist völlig unvorstellbar. Die Frage, wie recherchiere ich was, wen lasse ich wo zu Wort kommen – da sind die Maßstäbe von Neue Post schließlich keine anderen als bei der tina oder sonstwo.
Gut, ersetzen wir „Lüge“ durch eine Art Übereinkunft mit der Zielgruppe, die gar keine Wahrheit will, sondern Dichtung. Liefern Sie die dann eben unabhängig von faktischer Belastbarkeit?
Klinge: Das Thema Klatsch & Tratsch ist vermutlich so alt wie die Menschheit, mindestens aber so alt wie Palastmauern, vor denen sich die Leute darüber unterhalten haben, was dahinter wohl vorgeht. Seit sich unsere Spezies zivilisiert hat, zerreißt sie sich das Maul darüber, was dort vorgeht, wo der Blick nicht hinreicht. Und da das Interesse an Informationen aus dem Inneren abgeschiedener Zirkel so gewaltig war, wurden sie aus geringer in größere Entfernung weitergereicht – vom Diener der königlichen Latrinen über die Torwächter ins Dorf. Daran hat sich im Wesentlichen bis heute nichts geändert.
Ingwersen: Das kann ich nicht zuletzt durch meine Arbeit für Promi-Magazine beim Springer-Bereich Bild-Unterhaltung oder der Frau im Spiegel nur bestätigen. Neugierde ist ein Grundbedürfnis, das alle Menschen eint.
Klinge: Und wir firmieren da als Vermittler, die zwar auch nicht immer im Innern der Burg sind, aber schon mal ein Stück weit drüber blicken können, um das, was früher Fürsten oder Könige waren und jetzt zusätzlich Schauspieler oder Fußballer, unter die Lupe zu nehmen. Bei der Frage, wie genau man die Neugierde daran bedient, geht es dann natürlich auch um journalistische Standards, um Regeln und Ethos. Trotzdem wird bei uns nicht gelogen, sondern allenfalls emotionalisiert und überzeichnet.
Und wo zieht man die Grenzen von der vermuteten Wirklichkeit zur reinen Fantasie?
Klinge: Auch darüber wird hier im Haus viel diskutiert. Natürlich passt es den Objekten unserer Berichterstattung nicht immer, was wir schreiben. Oft gibt es grundsätzlich andere Auffassungen davon, was illegitim, womöglich gar illegal ist. Aber Artikel 5 des Grundgesetzes…
Die Meinungs- und Pressefreiheit.
Klinge: …wird hierzulande zum Glück immer noch extrem hochgehalten. Aber wenn es persönlichkeitsrechtlich relevant wurde, gab es bislang kaum Beispiele, wo wir in Auseinandersetzungen mit Prominenten vor Gericht unterlegen sind. Wir haben uns wenig vorzuwerfen.
Hier vom Hamburger Chile-Haus aus haben Sie beste Sicht auf ein bedeutendes Nachrichtenmagazin, dessen Redaktion da gerade etwas selbstkritischer ist.
Klinge: Herr Relotius, ich wusste, dass das noch kommt…
Sorgt sein Fall auch bei der Bauer Media Group für weitergehende Sensibilisierung?
Ingwersen: Wissen Sie, wenn ein Kollege fabuliert, wenn er Sätze schreibt, die nicht gefallen sind, und Lieder hört, die es nicht gibt, ist das immer befremdlich. Aber was an diesem Fall so bestürzend war, ist die Tatsache, dass er sich in einem Leitmedium wie dem Spiegel ereignet hat, das ganz besonders von seiner Glaubwürdigkeit lebt. Wobei besonders überraschend ist, wie lange Claas Relotius unentdeckt geblieben ist.
Klinge: Unser Regulativ sind die Leserinnen und Leser. Wenn bei einem Rezept im Frauen-Magazin zum Beispiel die Zutaten nicht stimmen, können Sie davon ausgehen…
Ingwersen: …dass das Telefon Sturm klingelt.
Klinge: Und im Wiederholungsfall die Zeitung nicht mehr gekauft wird. Unsere Kunst besteht demnach darin, solche Kritik unserer Kundschaft ins tägliche Arbeiten mit einzubeziehen, um sie künftig zu vermeiden, also vom Elfenbeinturm hinabzuklettern und lernende Systeme zu entwickeln. Das ist allerdings schon die Ultima Ratio; unser Anspruch ist es, von vornherein Klagen – seien es juristische, seien es persönliche – zu vermeiden.
Sie bauen die interne Dokumentation angreifbarer Berichterstattungen also nicht aus?
Klinge: Nein.
Ingwersen: Auch eine noch so gute Dokumentation kann Falschinformationen nie vollständig ausschließen. Aber in meinem Bereich, der Unterhaltung, ist ihre Gefahr ohnehin geringer als im politischen. Seit ich bei Bauer bin, gab es daher nur einen Fall, der annähernd kritisch war: als ein Puddingkuchen nicht so funktioniert hat, wie es das Rezept vorsah. Konsequenz: Mehr als 300 Anrufe, die aufs Versagen unserer Sorgfaltspflicht zurückgingen.
Beneidenswerte Fallhöhe…
Ingwersen: Aus Ihrer Sicht vielleicht. Aus Sicht einer Leserin, die sich Sonntagnachmittag Gäste einlädt und alle mit dem misslungenen Kuchen enttäuscht, ein echtes Thema.
Klinge: Dank digitaler Datenbanken befinden wir uns in der luxuriösen Situation, dass alles ohnehin gut dokumentiert und abrufbar ist. Unsere Autoren und Autorinnen finden darin von der Vita des Protagonisten über die Historie aller vergleichbaren Berichte bis hin zum juristischen Sperrvermerk auf Knopfdruck alles, was über die Geschichte von Belang ist. Sie kriegen daher jeden Artikel, der in diesem Hause seit Erfindung des Scanners über Queen Elizabeth II. veröffentlicht wurde, und zwar in Echtzeit.
Das ist allerdings eher Recherche- als Kontrollelement.
Klinge: Bei entsprechender Sorgfalt beides – ganz ohne Dokumentation.
Ingwersen: Außerdem kann keine Dokumentation der Welt Ungereimtheiten einer sehr persönlichen Reportage aus dem syrischen Bürgerkriegsgebiet wie bei Claas Relotius aufdecken. Keine. Das hat dann nichts mehr mit Qualität, sondern Verlässlichkeit von Medien zu tun.
Die noch mit einem anderen, bedeutenden Faktor zu tun hat: Der Personaldecke. Bleibt die bei der Bauer Media Group hoch genug, um hochwertige Berichterstattung zu garantieren?
Ingwersen: Ich würde schon deshalb ja sagen, weil die größere Personaldecke der tina einst nicht annähernd unsere Recherchemöglichkeiten hatte. Weil der Aufwand jeder Geschichte früher ungleich höher war, bin ich da wirklich gut ausgestattet.
Klinge: Auch wir müssen mit der Situation am Markt zurechtkommen. Insgesamt ist die Zahl der Mitarbeiterleicht rückläufig. Wann immer die Anzeigensituation jedoch Titel verschwinden lässt, versuchen wir freigewordene Kollegen bei Projekten unterzubringen, die neu entstehen. Bauer reagiert seit jeher verantwortungsvoll auf Bewegungen der Branche.
Ingwersen: Sonst würden wir ja nicht mit so hohem Aufwand ausbilden.
Klinge: Wir sind sowohl für Journalisten also auch für Kaufleute ein guter, vor allem sicherer Arbeitgeber, der in der komfortablen Position ist, innovativ nach vorn zu blicken, statt ständig den Rückwärtsgang einzulegen. Da schließt sich abermals der Kreis zur Eingangsfrage nach den Erfolgsaussichten.
Erfolgsaussichten, die – um mal ein Lob aussprechen – überdurchschnittlich viele Frauen in redaktionellen Führungspositionen hat. Kennen Sie den Anteil der Chefredakteurinnen bei Bauer?
Klinge: Nicht aus dem Kopf, aber nach der gängigen Definition von Führungskraft liegen wir inklusive unserer Inhaberin bei fifty-fifty und sind naturgemäß auch redaktionell sehr weiblich aufgestellt. Wobei es angesichts unserer thematischen Ausrichtung im Jahr 2019 schwer vermittelbar wäre, würden all die Frauen-Titel von Männern geleitet.
Ingwersen: Na ja, vor 15 Jahren war das in der Branche noch die Regel.
Klinge: Aber es war auch vor 15 Jahren schon falsch.
Umso mehr überrascht es, dass ein Foto des neuen Publishing-Boards vom Herbst mit fünf Männern gesetzten Alters in identischen Anzügen schwer an das vom Innenministerium Horst Seehofer erinnert, das voriges Jahr für Spott gesorgt hatte…
Ingwersen: (lacht) Erwischt!
Klinge: Das war ein Unfall, denn meine Eltern wollten eigentlich ein Mädchen. Aber Ironie beiseite: Dass so ein Gremium mal aus der Zeit fällt, ist nicht gewollt, kann aber passieren.
Ingwersen: Aber seit so vielen Jahren, Ingo?
Klinge: Mag sein, aber es ändert nichts daran, dass wir auf gutem Wege sind. Ich würde mir aufrichtig auch im Publishing-Board mehr Frauen wünschen. Und das wird sicherlich auch geschehen!
Wird es auch geschehen, dass Bauer abgesehen vom publizistischen Erfolg wieder Teil der Meinungsführerschaft jener Tage wird, als es Magazine wie Quick gab?
Klinge: Quantitativ sind wir mit großem Abstand Deutschlands größter Zeitschriftenverlag, dessen relative Größe zu anderen Verlagen in den Achtzigern, als es die Quick noch gab, weit geringer war als heute. Aber was die Qualität betrifft: fragen sie mal unsere Zielgruppen, wer in unseren Segmenten die Meinungsführerschaft innehat.
Ingwersen: Wir schließen nichts aus und arbeiten akribisch an Neuentwicklungen.
Klinge: Menschen suchen unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Fragen. Wir sind nicht der Spiegel, wir sind nicht die Zeit. Das wollen wir auch gar nicht, sind aber Teil der Medienvielfalt in diesem Land. Und auf die kann es zu Recht stolz sein.
Die Tagesschau, daran hat sich im Vergleich zur öffentlich-rechtlichen Monopolphase wenig geändert, ist das Hochamt informationeller Grundversorgung. Als Beleg dient abgesehen vom Nachrichtennutzwert der vorige Freitag, als Medien landauf landab über Jan Hofers Schwächeanfall vor laufenden Kameras berichtet haben – was nebenbei die Selbstauskunft der Redaktion nach sich zog, für die Moderation ihrer Hauptnachrichten genau 259,89 Euro zu zahlen. Noch stärker ins Auge sticht es allerdings, wenn sie ihr Niveau so drastisch unterläuft wie zwei Tage zuvor.
Da nämlich berichtete die ARD zur Primetime, dass der Angeklagte eines Mordprozesses geständig war. Mehr nicht. Warum in einer ereignisüberreichen Welt schwebende Verfahren, in denen trotz Geständnis bis zum Urteil die Unschuldsvermutung gilt, zur Topmeldung taugen, ist weit bedrohlicher als die Tat an sich, also der Tagesschau unwürdig. Denn dass der mutmaßliche Mörder eines Mädchens aus dem Irak stammt, macht die Berichterstattung zum Kniefall vor Rechtspopulisten, die jede Nichtberichterstattung zum Volksverrat aufblasen würde.
Rechtspopulisten wie all jene, die ungewohnt schweigsam waren, nachdem einer der ihren in Neuseeland zwei Massaker an Muslimen begangen und live bei Facebook gestreamt hatte. Rechtspopulisten wie eine Frau, die am Mittwoch das ZDF-Morgenmagazin gestürmt und Dunja Hayali mit „Lügenpresse“ beschimpft hat, worauf sie der Wutbürgerin zwar anbot, zu reden, was die – hoppela – gar nicht wollte, sondern nur pöbeln. Einen Tag später holte die shitstormerfahrene Moderatorin dann übrigens Deutschlands Chefpopulistin ins Frühstücksfernsehen und ließ Alice Weidel darin selbstsichere Übellaunigkeit verbreiten.
Nicht minder rechtspopulistisch verhielt sich das türkische Regime, als es die Presseakkreditierung des ZDF-Korrespondenten Jörg Brase Anfang der Woche so grundlos erteilte, wie sie ihm zuvor verweigert worden war. Noch nicht populistisch, aber schon irgendwie undemokratisch verhielt sich der DFB-Präsident. Weil ihm Florian Bauers Fragen zur Fifa nicht passten, brach Reinhard Grindel ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Kritische Fragen! Von einem Journalisten!! Sowas aber auch!!!
Die Frischwoche
18. – 24. März
Da kann Arte ja noch mal von Glück sagen, dass der Filmemacher Michael Wech für seine Doku über Die globale Antibiotika-Krise Gesprächspartner gefunden hat. So wurde Resistance Fighters zum Wissenschaftsthriller, der Dienstag um 20.15 Uhr zwar lehrreich ist, vor allem aber Angst macht, wie die Tierindustrie zum finalen Genozid ansetzt, dem künftig nach WHO-Schätzungen zehn Millionen Menschen pro Jahr zum Opfer fallen werden. Bis unser Konsumverhalten endgültig klar Schiff gemacht hat auf der Erde, lenken wir uns aber noch kurz bei Wilde Dynastien davon ab. Wie so oft in BBC-Dokus erzählt von Sebastian Koch, zeigen sie ab heute fünf Montag zur besten ARD-Sendezeit Tiere, von deren Sozialverhalten wir uns ein Scheibchen abschneiden sollten, um das Klima vielleicht doch nicht gegen die Wand zu fahren.
Ein paar Verbrauchertipps dagegen hat ab morgen an gleicher Stelle um 16.10 Uhr jemand parat, den man an dieser Stelle womöglich nicht erwartet hätte: Oliver Petszokat. Als Seifensänger Oli.P hatte er eine recht lukrative Popkarriere; jetzt moderiert der der frühere GZSZ-Star das Trödel-Format Hallo Schatz, in dem vermeintlich unnütze Gebrauchtgegenstände upgecycelt, also aufgewertet werden. Klingt dann doch ein bisschen nachhaltiger als sein beruflicher Werdegang… Nach Aufwertung leicht abgenutzter Gebrauchtwaren klingt auch das vogelwilde, halbfiktionale Band-Porträt The Dirt , mit der Netflix den Hair-Metallern Mötley Crüe Freitag huldigt. Und das Gleiche gilt irgendwie auch für die Rückkehrs eines anderen Fossils des haarigen Zeitalters.
In Gottschalk liest liest Gottschalk ab Dienstag um 22 Uhr nämlich im Bayrischen Rundfunk Bücher und gibt damit den Hans-Joachim Kulenkampff, der seine Karriere auch einst als Märchenonkel zur Nacht ausklingen ließ. Beim erstaunlichen Nischensender TNT bereitet sich die Nachfolgegeneration am gleichen Tag auf eigenen Nachwuchs vor. Die Mockumentary Andere Eltern erzählt von Helikopter-Hipstern in Köln, die sich ihre eigene Kita errichten. Das ist zwar oft klischeehaft, aber öfter wahrhaftig. Ähnliches gilt für die Langzeitbeobachtung Wir sind Jane, in der der US-Kabelkanal A&E ab Samstag die neun Persönlichkeiten einer schizophrenen Mutter schildert.
Zumindest zwei Leben hatte dagegen Deutschlands Dichter-Gott der Zwischenkriegszeit. Mit Tom Schilling als jungem und Burghart Klaußner als altem Brecht, porträtiert der Dokudramen-Gott Heinrich Breloer den Dramatiker in seiner hybriden Vielschichtigkeit. Arte zeigt den Zweiteiler Freitag am Stück und schiebt noch einen Film über Brechts Wirken am Berliner Ensemble nach. Viel Hochkultur zum Wochenende. Das ein bisschen Popkultur als Gegengewicht verträgt. Die Wiederholungen werden daher Mittwoch um 20.15 Uhr auf Nitro von George Lazenby eingeleitet, der 1969 seinen einzigen Einsatz als 007 hatte. Montag läuft Corinne Marchand in Erwartung einer Krebsdiagnose als Cléo durchs schwarzweiße Paris 1962 (Arte, 21.55 Uhr. Und Neo zeigt ab Freitag um 13.45 Uhr die Ursprünge des multiphobischen Ermittlers Monk von 2002.
Wenn man als Musiker so richtig wütend ist und dies unbedingt rausbrüllen muss, gibt es von Death Metal über HipHop bis Screamo und Punk eine Unzahl an Genres, es zu tun. Weil Marius Lucas-Antonio Listhrop offenbar so richtig wütend ist, aber zugleich etwas entscheidungsschwach, um sich für eines der angesprochenen Genres zu entscheiden, hat er einfach den Mittelweg gewählt und alles ineinandergekippt, bis daraus Scarlxrd geworden ist – ein ungeheuer vielschichtiges, sensationell grimmiges Solo-Projekt des Mittzwanzigers aus dem englischen Wolverhampton, der nicht ohne Grund nebenbei noch Frontman der Nu-Metal-Band Myth City ist.
An Haut, Haar und Kleidung so dunkel, wie seine Seele zu sein scheint, brüllt er auf dem zweiten Album seinen Hass aufs Dasein bürgerlicher, biederer, beliebiger, anteilnahmsloser Existenzen auf Platte, dass man beim Hören unvermeidbar aufgekratzt wird. Umwabert von düsterem Trap und Elementen aus Metal, Hardcore, TripHop gibt es zwölf Stücke lang nicht den leisesten Versuch, der Harmonielehre zu gehorchen. Alles an Infinity ist Furor, alles daran ist aber auch ein sensibles Gespür für Struktur im Chaos. Keine Album zum Entspannen, im Gegenteil. Aber wer will das schon, in Zeiten wie dieser…
Scarlxrd – Infinity (Universal)
Gig der Woche
Night Laser
Heavy Metal, sagen Außenstehende übers geschrammelte Pathos in Nietenleder, Heavy Metal is more fun doing than listening. Selbst für Außenstehende stellt sich jedoch gehöriger Spaß ein, wenn Heavy Metal auch optisch so richtig die Sau rauslässt. Und genau das haben die Lokalmatadoren Night Laser am Mittwoch mit drei artverwandten Bands im Hamburger Logo gemacht. Mit Cowboystiefeln und Röhrenjeans, Augenkajal und Tropfensonnenbrillen, Wind in den Matten und Groupies am Bühnenrand trieb das Quartett den heiligen Unernst des thrashigen Glamrock auf die Spitze, ohne ihn lächerlich zu machen. Textzeilen von “trouble in the neigbourhood” bis “boys are running wild” legen zwischen all den Gitarrensoli um Benno Hankers’ Opernfalsett zwar das Gegenteil nah. Aber dafür sind Max Behrs Drums viel zu virtuos, Hannes Vollraths Riffs zu unprätentiös. Und der Rest? Eine gigantische Show. Nicht nur für Metalfans. Aber für die besonders.
In der ProSieben-Show Das Ding des Jahres wird fraglos auch viel Sinnvolles erfunden. Allerdings meistens von Männern. Frauen kommen auch im Finale am kommenden Dienstag meist nur mit textilem Lifestyle daher (Foto: Pro7/Willi Weber) und giggeln dazu servil. Eine Emanzipationskritik mit Nachhaltigkeitsschlenker.
Von Jan Freitag
Die Welt da draußen ist voller Probleme. Manipulierte Diesel verpesten unsere Luft, populistische Hetzer den Umgangston, Plastikmassen das Meer und Treibhausgase die Welt im Ganzen. Aber das alles ist noch gar nichts dagegen, was Jennifer, Ulrike und Larissa so umtreibt. Ihnen nämlich lässt die dringlichste aller Sorgen partout keine Ruhe. „Man hat einfach nicht für jedes Outfit die passende Handtasche.“ Bis jetzt. Denn die drei Designerinnen haben eine mit austauschbarer Deckklappe in „vielen tollen Farben und Mustern“ entwickelt und nebenbei eine Plattform gefunden, sie kostenlos zu bewerben: Das Ding des Jahres.
Um diesen Titel und 100.000 Euro Preisgeld kämpfen auf ProSieben grad fünf Dienstage lang Erfinderinnen wie Jennifer, Ulrike und Larissa. Wobei es analog zur Premiere 2018 vor allem Erfinder sind. Und falls sich doch mal weibliche Tüftler unter die männliche Übermacht mischen, haben sie so sicher wie Schleichwerbung bei der Wok-WM irgendetwas mit Kochen, Mode, Styling kreiert. Im zweiten Duell der dritten Folge bekam es das Taschentrio daher mit Katrin Liebers austauschbaren Pumps-Hacken zu tun. Die Herren der Alltagsschöpfung befassen sich dagegen mit Computergadgets, Transportsystemen und sonstiger Hardware. Schöne alte Geschlechterwelt.
Weil die Herren der Warenschöpfung auch Babymilch-Portionierer oder Silikonbackformen erdacht haben, weist ProSieben-Sprecher Christoph Körfer den Sexismus-Vorwurf zwar von sich. „Wenn Sie wollen“, kommentiert er weibliche Erfindungen männlicher Protagonisten auf DWDL-Anfrage „können Sie da gerne ein klischeehaftes Rollenbild hineininterpretieren“. Um männliche Entfaltungsmöglichkeiten geht es allerdings gar nicht, es geht um die Beschränkung der weiblichen. Etwa wenn der schmächtige Mittsiebziger Ernstfried den Mehrwert einer leichten Hundebox damit erklärt, wie eine Frau das schwere Standardmodell denn bitte ins Auto heben solle und Moderatorin Janin Ullmann dazu im schrittkurzen Minirock giggelt, als säßen wir uns noch im Fernsehzeitalter dekorativer Assistentinnen honoriger Conférenciers.
Als solche fungiert auch die Frau des Glasers Rolf. Gaby muss zwar vor seinem Spiegel mit digitaler Rückansicht posieren, aber schön die Klappe halten. Dass Heidi Klum in der Pause für ihre Modelzuchtshow wirbt, passt ins Bild einer Sendung, die das Rad der Emanzipation trotz paritätischer Jury um zwei, drei soziale Bewegungen zurückdreht. Nur zwei Wochen also, nachdem Maria Furtwänglers MaLisa-Stiftung belegen konnte, wie stereotyp Rollenbilder nicht nur in Film & Fernsehen, sondern auf Plattformen wie YouTube oder Instagram sind, erhob ProSieben das Klischee erneut zum Markenkern.
Schon 2018 stammten von 32 Erfindungen ja ganze sieben von Frauen, die bis auf ein Schuhgrößenmessgerät nichts als Textilien verarbeitet haben. Wenn ihr Anteil heute Abend in Folge 4 zurück auf Vorjahrsniveau fällt, werden die Damen – sofern sie nicht Teil gemischter Erfinderteams ist – ausnahmslos Lifestyle ersinnen. Ein mobiles Nagelstudio etwa oder kein Scherz: Sohlen-Tattoos für Stöckelschuhe. Mehr noch als beim Sendungsdebüt, das seinerzeit als „Trullala-Version“ der Höhle des Löwen kritisiert wurde, trifft klassische Geschlechterkonstruktionen also auf einen Konsumfetischismus, dem ernste Problemlagen im Zweifel halb so wichtig sind wie die passende Handtasche für jedes Outfit. Und diese Besinnungslosigkeit findet nirgendwo besser seinen Ausdruck als im „Smart Mirror“ von Max und René, der den akuten Kommunikationsoverkill nun auch ins Badezimmer trägt.
Dass Männer beim Rasieren ihre Business-Termine am digitalen Spiegel sortieren und Frauen beim Schminken Makeup-Tutorials betrachten, könnte der Jury um den heiteren Skeptiker Joko nun ein paar Fragen zu Ressourcenverbrauch und medialer Erschöpfung entlocken. Doch in dieser Art Dauerwerbesendung geht es ihm wie dem Supermodel Lena Gehrcke oder der Erotik-Versandhändlerin Lea-Sophie Cramer einzig um Verkäuflichkeit. Eine ProSieben-Pressemitteilung feierte gestern entsprechend stolz „Verkaufsrekorden“ mehrere Webseiten teilnehmender Start-ups. Da hat Rewe-Verkaufsleiter Hans-Jürgen Moog im Jury-Sessel keine weiteren Fragen, als im Bildschirmeck der dritten Folge „unterstützt durch Produktplatzierungen“ aufpoppt.
Kurz vorm echten Reklame-Break gibt es dann noch einen SUV mit 178 PS zu gewinnen, den die Generation sorglos als „urbanen Crossover“ verharmlos. Und dass ein Tragegurt für Plastikflaschengebinde nicht nur den Wegwerfkonsum im Land der weltbesten Trinkwasserqualität erhöht, sondern „von Hausfrauen gemacht“ wird, wie der Erfinder arglos die Produktionsbedingungen schildert – hey: We love to entertain you! Obwohl das Ding des Jahres nachhaltig sein könnte wie ein revolutionärer Fahrradschlauch oder Einweggeschirr aus Laub, ähnelt der sexistisch grundierte Fortschrittsoptimismus in Stefan Raabs Format dem von Galileo, wo Fun stets schwerer wiegt als Verantwortung.
Um ProSieben nicht Unrecht zu tun: Sein Personal ist jünger, weiblicher, migrationshintergründiger als bei der Konkurrenz. Ähnliches gilt für viele Serien oder Shows. Zugleich aber (ent-)kleiden sich selbst Meteorologinnen wie Frischfleisch vorm Bachelor, von Moderatorinnen der Gossip-Magazine ganz zu schweigen. Wie heißt es in der MaLisa-Studie: „Sie sind dünn, langhaarig und beschäftigen sich hauptsächlich mit den Themen Mode, Ernährung und Beauty.“ Gemeint sind damit die Influencer digitaler Plattformen. Bei ProSieben gilt das auch für Erfinderinnen.
Dass die Kirche selbst im Dorf immer leerer wird, liegt zwar nicht an CDU und CSU, hat aber gravierende Folgen für Parteien, die das Christliche im Label führen. Der Schwund des religiösen Antriebs, sie zu wählen, hat für beide aber auch positive Seiten. CDU und CSU müssen sich nicht mehr um Ärgernisse wie Nächstenliebe bemühen, weshalb sie Hilfsbedürftige jeder Art unterbuttern, abschieben oder zumindest lächerlich machen dürfen. Trotzdem sollte man die Kirche angesichts von Annegret Kramp-Karrenbauers karnevaleskem Tritt in den Schritt des dritten Geschlechts mal im Dorf lassen.
Was die Öffentlichkeit da nämlich kurz vorm Brennpunkt zum Sieden brachte, war weder ausgesprochen bösartig noch kreativ, sondern bloß die Schleimspur, auf der bürgerlicher Anstand gerade dem populistischen Herdentrieb entgegen schlittert. Ein Herdentrieb, der auch dafür sorgt, dass alle Medien vom Mordfall der armen Rebecca berichten, als bestünde der größere Skandal unserer Tage nicht darin, wie unser Konsumverhalten Kindern wie ihr bei vollem Verstand den Planeten verwüstet. Und zwar so unverdrossen, dass sie womöglich Umweltflüchtlinge von morgen sind, die dann andernorts untergebuttert, abgeschoben, lächerlich gemacht werden.
In diesem Sinne könnte man den Samstagabend empfehlen, an dem das Erste ab 20.15 Uhr fünf Stunden lang Roland Kaiser huldigt. In seinem Metier ist der Schlagerstar schließlich fast der einzige, der sich offen gegen rechte Hetze positioniert und damit Einnahmen gefährdet. Aber so weit, einen geselligen Abend mit Florian Silbereisen zu bewerben, wollen wir hier dann doch nicht gehen. Wovon bei aller Güte allerdings sogar strikt abzuraten ist, ist die Dauerwerbesendung Das Ding des Jahres auf Pro7. Frauen erfinden da Accessoires und Lifestyle, Männer Maschinen und Technik, gewählt wird, was dämlich ist wie selbstkühlende Biergläser, und die Jury stellt nie, nie, nie Fragen zu Nachhaltigkeit, Sexismus oder tieferem Sinn, sondern ausschließlich nach Preis, Markt,Rendite.
Die Frischwoche
11. – 17. März
Ab Dienstag gibt‘s um 20.15 Uhr also wieder Fernsehen für die Generation sorglos, der vorigen Montag einer der populärsten Darsteller verloren ging: Luke Perry, in den Neunzigern Superstar der hartnäckig unpolitischen Teeny-Serie Beverly Hills, 90210, ist an einem Schlaganfall verstorben.Aus derselben Epoche stammt etwas, das ein Kanal, der mit „Music Television“ übersetzt wurde, bevor er nur noch Seifenopern zeigte, nach fast 25 Jahren Pause aus der eigenen Versenkung zerrt: Yo! MTV Raps. Ende der 80er für die Popkultur, was man heute Influencer nennen würde, erweckt Palina Rojinski das HipHop-Magazin ab Samstag auf einem Sender zum Leben, dessen Fortbestand fast noch mehr überrascht als die Moderatorin.
Ob die Show zwischen Hyperkommerz des Sprechgesangs und Abspielstationen wie Spotify bestehen kann, wird sich zeigen, aber es wäre ihr echt zu wünschen.Aus der MTV-Phase zwischen Kommerzialisierung und Bedeutungslosigkeit stammt auch eine Band, die Neflix am Freitag in der Doku The Dirt porträtiert: Mötley Crüe. Nicht nur für Metal-Fans sehenswert.Zumindest für Testosteron-Fans lohnend ist ab heute die zweite Staffel der Superhelden-Serie American Gods auf Prime-Video. Ebenfalls computeranimiert, doch dabei auf menschliche Art anzüglich: die 18-teilige Netflix-Anthologie Love, Death & Robots um eine Schar künstlicher Kreaturen, deren wildes Treiben am Freitag eine Altersfreigabe ab 18 nach sich gezogen hat.
Davon kann beim Achtteiler Turn up Charlie auf gleichem Kanal zur selben Zeit nie die Rede sein. Die Coming-of-Age-Story eines amerikanischen Nesthockers ist absolut harmlos und dabei recht lustig. Gar nicht lustig ist, was die ARD in ihrer Montagsdokumentation Die Akte BND 90 Minuten ab 22.45 Uhr aufdeckt: In welcher Kaltschnäuzigkeit der deutsche Geheimdienst weltweit in unmoralische Waffendeals verstrickt ist. Dass diese Art der Enthüllung politische Folgen hat, darf bezweifelt werden. Sie zeigt aber, wie wichtig öffentlich-rechtliche Recherchen sind. Dazu gehört allerdings auch fiktionale Unterhaltung – auch wenn die sich gut mit Relevanz anreichern lässt.
Arte etwa porträtiert heute im Rahmen seiner Reihe über starke Frauen Danielle Darrieuxund zeigt vorweg – als schwarzweiße Wiederholungen der Woche – zwei Klassiker der französischen Kino-Legende: Madame de… (1953) sowie Diebe und Liebe (1940). Am Mittwoch widmet sich Kabel1 einem Mann, der anfangs Testosteron versprühte, dann aber geläutert schien: Clint Eastwood. Schon alt und bedeutsam ist er um 20.15 Uhr in Ein wahres Verbrechen (1999) zu sehen, noch jung und unterhaltsam in Dirty Harry (1971), bereits reif, aber bedeutungslos in Dirty Harry V (1988). Aber vielleicht lehnen wir uns parallel im MDR auch einfach zurück und erfreuen uns um 22.10 Uhr an Nora Tschirners und Christian Ulmens zweitem Tatort: Der Irre Iwan von 2014.
Sasami Ashworth ist gar nicht da. Rein physisch mag die Songwriterin aus Los Angeles zwar anwesend gewesen sein, als ihr fabelhaftes Debütalbum nahezu im Alleingang entstanden ist. Psychisch jedoch, also geistig und mental, hat sie beim Einspielen der zehn Stücke offenbar kurz mal ihren Körper verlassen, ist hoch in Kaliforniens strahlend blauen Himmel entschwebt und sich dort im Palmenhain ihrer angenehm aufgewühlten, aber watteweichen Arrangements verflüchtigt. Umschwurbelt von fuzzigen Gitarrenriffs, leicht bekifften Keyboards und einer Portion Aberwitz in Drums und Samples, schildert sie ihr Seelenleben, als sei es das einer anderen.
Dieses Seelenleben ist zum Glück zwar ein bisschen liebeswund, aber niemals larmoyant. Das Tollste aber: SASAMI, so heißt dieses bezaubernde Wunderwerk des Alternative-Pop, kommt nie entrückt, geschweige denn esoterisch daher. Stattdessen lädt es uns ein, knappe 45 Minuten lang mit ihr auf derselben Wolke zu sitzen und herunterzuschauen auf eine Welt, in der es längst so irre zugeht, dass man seinen Fluchtimpulsen ruhig mal ein Weilchen folgen darf. Diese Zeit da oben mit dieser Multiinstrumentalistin mit Flügelhorn ist wie in der Lieblingsbar beim Lieblingsdrink mit Lieblingsbarflies zu sitzen und nichts zu tun außer – sein.
Sasami – Sasami (Domino)
Alice Phoebe Lou
Die Grenze zur Esoterik ist, seien wir ehrlich, bei Alice Phoebe Lou hingegen schon ein wenig näher gerückt als bei der äußerst weltlichen Sasami Ashworth vom anderen Kontinent. Schon wie die Wahlberlinerin aus Südafrika aussieht – ein bisschen wie aus dem Elbenwald von Mittelerde oder einem isländischen Vulkan entsprungen, leicht anämisch, seltsam entrückt, nicht ganz von dieser Welt jedenfalls. Und so klingt dann auch ihr zweites Album mit dem sprechenden Titel Paper Castles. Zu Anfang jedenfalls. Stück für Stück jedoch entfacht es einen versteckten Schwung, der klingt wie eine Big Band in einem Pool voller Wackelpudding.
Die meisten der zehn Lieder scheinen sich ihrer hintergründigen Kraft fast ein wenig zu schämen, so verträumt haucht Alice Phoebe Lou ihren Inhalt in die Welt. Leicht windschief, aber ausdrucksstark und schön zittert sie sich durch karibische Klangfragmente im jazzigen Swing-Gewand, kiekst dazu wie in Galaxie schon mal wie auf einer Überdosis Absinth und singt überhaupt so hinreißend schräg, ohne schräg klingen zu wollen, dass man spontan in den Wackelpuddingpool dazu springen möchte. Kreativ, verschroben, verträumt und virtuos – der perfekte Sound zum Weltfrauentag.
Nach teils hohen Positionen bei Kirch und Burda, ProSieben und Maxdome, baut der erfahrene Medienmanager Christoph Schneider (Foto: Prime Video) seit ein paar Jahren erfolgreich bei Amazon Prime Video das Geschäft mit digitalen Videos auf. Ein – vorab beim journalist veröffentlichtes – Interview mit dem 52-Jährigen über Streamingdienste und Linearkonkurrenz, Marktbereinigungen, Dokumentarfilme, Vollprogramme und wie er selbst als Kind ferngesehen hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Schneider, haben Sie angesichts der Entwicklungen am Streamingmarkt eigentlich ein bisschen Bammel vorm nächsten Jahr?
Christoph Schneider: Nein, gar nicht. Ich weiß ja, was wir alles in der Pipeline haben, und bin daher zuversichtlich, damit auch erfolgreich zu sein. Wir sehen schließlich, dass unser Programm bei den Kunden gut ankommt. Die Entwicklung der vergangenen Jahre jedenfalls wart toll. Da bin ich mir sicher, dass es im nächsten Jahr ähnlich weitergehen wird.
Das angekündigte Auftreten neuer Big-Player im Video-on-Demand-Geschäft wie Disney und Warner bereiten Ihnen also kein Kopfzerbrechen?
Ach, angesichts der vielen Pläne, von denen andauernd zu hören ist, muss man erstmal sehen, was davon am Ende des Tages wirklich umgesetzt wird. Das meiste startet ohnehin zunächst in den USA, wo die Leute im Durchschnitt glaube ich 2,4 Dienste abonniert haben. Ungefähr zwei Jahre später dann kommt es zu uns, wo die Kunden erst langsam dazu übergehen, mehrere Dienste nebeneinander zu nutzen. Die Entwicklung wird mittelfristig auch in Deutschland immer stärker in die Nutzung mehrere Streamingdienste nebeneinander gehen.
Also keine Marktbereinigung?
Keine, aus der ein einziger Sieger hervorgeht. The winner takes it all– das gilt in unserem Segment nicht. Deshalb müssen wir uns umso mehr aufs eigene Geschäft konzentrieren und dafür sorgen, dass die Kunden zufrieden sind. Konkurrenz belebt das Geschäft, wie man so schön sagt;wir müssen deshalb daran arbeiten, jeden Tag ein Angebot zu kreieren, wegen dem die Menschen bei uns bleiben. Mein Wunsch wäre, dass wir in jedem Haushalt sind. Wenn Amazon Prime dabei ist, darf jeder gern noch ein, zwei Dienste mehr haben.
Heißt das, eine Sättigung des Segments ist bislang nicht absehbar?
Sogar noch lange nicht. Es wird garantiert eine Konsolidierung geben. Der Kunde wird also vermutlich nicht sechs verschiedene Anbieter haben, sondern ein bis drei, wo er alles findet, was er sucht. Auf diesem Niveau müssen sich die Neuen dann erstmal bewähren, denn viele davon haben ja mit B2C keine Erfahrungen, sondern nur mit B2B.
Also im Kundengeschäft.
Und das müssen viele Firmen, die es gewohnt sind unter ihres gleichen zu arbeiten, erst lernen. Dieses Kleinteilige unterschätzt man schnell.
Haben Sie als Teil des weltumspannenden, vom klassischen Wettbewerb längst entkoppelten Amazon-Konzerns überhaupt so etwas wie Konkurrenzdenken?
Ich müsste lügen, würde ich sagen, die anderen interessieren mich alle nicht; natürlich schauen wir uns genau an, was die Konkurrenz tut und kriegen von ihr oft wichtige Impulse. Am Ende des Tages konzentrieren wir uns aber auf unsere Kunden und deren Zufriedenheit – und die ist gemessen am Feedback, das wir täglich kriegen, sehr hoch. Unsere Rückkopplung zeigt uns aber auch, wo es Probleme gibt. Vom bloßen Blick auf die Wettbewerber wird Prime Video nicht besser, sondern nur vom Blick auf die Wünsche unserer Kunden.
Aber sehen Sie sich denn überhaupt als echter Wettbewerber genuiner Streamingdienste und Fernsehsender oder können Sie sich davon als Teil eines Handelskonzerns, der Amazon Prime unablässig mit Abonnenten füttert, frei machen?
Ersteres, denn wir konkurrieren vor allem um Zeit. Von der hat jeder Mensch nämlich nur ein begrenztes Kontingent, das sehe ich ja Tag für Tag an mir selbst. So gesehen steht Prime Video nicht nur mit Sendern und Streamingdiensten, sondern auch mit Theatern oderRestaurantbesuchen im Wettbewerb. Das hat mit dem Handelskonzern hinter uns zunächst wenig zu tun.
Ist messbar, wie viele Amazon-Kunden über Prime zum Versandhandel gelockt werden oder umgekehrt vom Versandhandel zu Prime?
Wir locken nicht, wir versuchen den Menschen attraktive Angebote zu machen. Dabei kommt es für uns weniger auf den einzelnen Dienst, als auf das komplette Paket an: Prime Video gibt es als eigenständige Mitgliedschaft unabhängig von Prime.
Ach, das geht mittlerweile?
Ja, es zwingt Sie keiner, bei Amazon einzukaufen. Aber es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, warum man auf das komplette Prime-Angebot inklusive Versandvorteilen oder Musikstreaming verzichten sollte. Viele Video-Kunden nehmen die Zugabe der Versandvorteile mit, andere sehen die Versandvorteile im Vordergrund und Prime Video als willkommene Zugabe. Wir wissen aber, dass Mitglieder, die Prime Video nutzen, die zufriedensten Prime-Mitglieder sind. Sie erneuern ihre Mitgliedschaft öfter. Und Serienfans, die noch nie von Prime Video gehört haben, sind vermutlich eher selten.
Gibt es eigentlich inhaltliche Verzahnungen zwischen Videoportal und Versandhandel?
Im Moment nicht. Ich könnte mir in absehbarer Zukunft durchaus sinnvolle Verzahnungen vorstellen. Aber dass der Kunde zum Beispiel spontan etwas haben will, was die Schauspielerin oder der Moderator in einer unserer Sendungen anhat, und wir ihm dafür eine Verkaufsplattform bieten – diese Art verstecktes Verkaufen kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater hat immer gesagt, man solle niemanden für dümmer halten, als man selbst ist. Die Leute zahlen uns dafür, beste Unterhaltung zu kriegen. Wir jubeln ihnen nichts unter.
Wäre es denn vorstellbar, dass Prime Video ein Format produziert oder lizensiert, in dem der Versandhandel kritisch unter die Lupe genommen wird, etwa die Verödung der Innenstädte oder die schlechten Arbeitsbedingungen, was beides regelmäßig mit Amazon in Verbindung gebracht wird?
Ich teile die Vorwürfe in ihrer Frage nicht, aber unabhängig davon: Sie werden auf Prime Video schon heute zahlreiche Dokumentationen finden, die sich mit gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen, warum auch nicht? Wir orientieren uns mit unserem Angebot daran, was die Menschen interessiert und bewegt. Momentan sind das Lizenzprodukte. Wenn ein Programm sich unvoreingenommen mit Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft auseinandersetzt, dann kann das auch im Rahmen eines Prime Originals passieren.
Sie haben es ja gerade erwähnt, dass Prime Video demnächst sein Angebot um Dokumentarfilme erweitern könnte. Wie stellen sie sich im neuen Jahr inhaltlich auf?
Wir werden unsere Stärken weiter akzentuieren aber auch neue Dinge ausprobieren. Wir sind ja 2014 erfolgreich ausschließlich mit fiktionalem Programm gestartet; zunächst mit Filmen, die wir bald nach dem Kinostart zur Verfügung gestellt haben, danach mit Lizenz-Serien. Also Erstausstrahlungen von Formaten wie Vikings oder Lucifer, um nur die Bekanntesten zu nennen. Ziemlich bald kamen aber auch von Amazon Studios in den USA produzierte Prime Originals hinzu, die wir mit eigenen deutschen Prime Original Serien wie You Are Wanted, Beat, Pastewka oder Der Lack ist ab ergänzt haben. Generell wollen wir ein möglichst breites, werbefreies, jederzeit zugängliches Portfolio anbieten. Darüber hinaus sind wir sehr stolz auf unser zeitunabhängiges Kinderprogramm ohne lästige Reklame. Da drehen wir zum Beispiel nächstes Jahr ein Serien-Spinoff von Bibi & Tina.
Was gibt es darüber hinaus in deutscher Sprache?
Da sind weitere in Planung, worüber wir nur noch nicht sprechen wollen. Aber wir erkennen durchaus Interesse an nicht gescripteten Formaten, haben sehr gute Erfahrungen mit unserer Sport-Dokureihe All or Nothing gemacht, und die Auto-Show „The Grand Tour“ gehört zu Prime Videos erfolgreichsten Programmen weltweit. Auf dem Feld werden wir in absehbarer Zeit auch hierzulande aktiv. Und Sport bleibt interessant. In Großbritannien haben wir die US Open übertragen und Rechte für die Premier League gesichert.
Sie wollen DAZN Konkurrenz machen?
Nein, aber wir testen verschiedene Inhalte in verschiedenen Ländern. Fußball gibt es in Deutschland bisher über den Prime Video Channel Eurosport Player zu sehen, den Prime Kunden als Zusatz-Abo buchen können, um etwa die Freitagsspiele der Bundesliga live zu sehen. Wir testen und experimentieren gern, müssen dabei nicht überall alles machen, erweitern aber kontinuierlich unser Angebot.
Um letztlich ein Vollprogramm zu werden, das lineare Anbieter verdrängt?
Das ist nicht unser Ziel. Prime Video als echtes Vollprogramm? Das wage ich im Moment zu bezweifeln. Es geht nicht um Verdrängung, sondern Ergänzung. Ich höre mich immer öfter sagen, dass es die linearen Fernsehsender noch ewig geben wird. Die Frage ist nur, mit welcher Art von Formaten. Wir sehen doch, dass Zuschauer Serien heute lieber on demand als linear sehen und sich die Free-TV-Sender stärker auf Events wie Shows, Sport oder eben die täglichen Nachrichten konzentrieren.
Gibt es bei Prime Video denn redaktionelle Strukturen mit echten Journalisten, die daran etwas ändern könnten?
Wir haben derzeit keine solchen Strukturen. Meine Teammitglieder verstehen sich als Programmmacher, nicht Journalisten. Ähnlich wie Lizenzeinkäufer bei klassischen Fernsehsendern, die das Angebot sichten und entscheiden, was Sinn macht, und was nicht. Wir schauen sehr genau auf das, was anderswo funktioniert – vergleichbar mit Kuratoren, die dem Kunden bei der Auswahl aus der wachsenden Menge Filmen und Serien helfen. An Weihnachten stellen wir aus derzeit rund 30.000 Titeln daher andere Sachen in den Vordergrund als an Halloween und für jemanden, der Horrorfilme liebt, sicher etwas anderes als das Traumschiff.
Wie kam es da zur Entscheidung, die Sat1-Serie Pastewka unter eigener Regie fortzuführen?
Ganz ehrlich? Weil es meine Lieblingsserie war?
Ernsthaft – Entscheidung von oben?
Ein Stück weit vielleicht (lacht). Wir schauen immer nach Familien-Content, und da hatte ich nicht zuletzt meine eigene als Anschauungsobjekt vor Augen. Vom kleinsten bis zum größten Schneider fanden alle Pastewka toll. Bei Prime Video hatten wir die alten Staffeln ohnehin längst im Angebot und dadurch genug Daten um zu sehen, wie die Serie bei unseren Kunden ankommt. Da Sat.1 damit wohl mangels Halb-Stunden-Slots mit einer Verlängerung zögerte, ergab sich für uns die Chance, eine von Fans geliebte und Kritikern geschätzte Kultserie fortzusetzen. Das haben wir uns als Team nicht entgehen lassen.
Wie ist sie gelaufen?
Sehr gut. Pastewka hat unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen. Die erste Staffel legte den stärksten Start aller Zeiten einer Comedyserie bei Prime Video hin. Es ist uns gelungen die Fans aus dem Free-TV zu behalten und neue Fans hinzuzugewinnen.
Was heißt das in Zahlen ausgedrückt?
Die kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.
Diese Schweigsamkeit wäre noch etwas, das Prime Video von einem Vollprogramm unterscheidet…
Aus gutem Grund: wir treffen unsere Entscheidungen bei Prime Video nach dem, was unseren Kunden Vorteile bringt. Ob etwas von ein paar Tausend oder Millionen gesehen wird, hat für ihn weit weniger Bedeutung als unser Bewertungssystem, die Empfehlungen anderer Kunden zum Beispiel. Wer hat denn am Ende wirklich ein Interesse an Zuschauerzahlen? Fachjournalisten vielleicht und die Werbeindustrie. Wir verkaufen keine Werbung. Und wenn sich lineare TV-Sender nicht durch Gebühren oder Werbegelder finanzieren würden, bestünde garantiert wenig Interesse, Zuschauerzahlen aggressiv zu kommunizieren.
Sie finden das aggressiv?
Je mehr Wind um die Quoten gemacht wird, desto besser sind die Tausenderkontaktpreise gegenüber Werbekunden zu rechtfertigen.
Andererseits sind Einschaltquoten unabhängig von der dubiosen Erfassung durch 5000 Testseher der Gesellschaft für Konsumforschung auch ein Indikator für soziokulturelle Relevanz und zudem ein Ausdruck von Transparenz, die besonders einem umstrittenen Konzern wie Amazon gut zu Gesicht stünde oder?
Transparenter als die direkten Meinungen von Kunden zur Qualität einer Serie in Form von Rezensionen geht es nicht. Daneben haben wir unzählige Parameter für Erfolg, die von Serie zu Serie verschieden sein können: Wie viele neue Kunden hat eine Serie für Prime Video gewonnen, welche bislang unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen konnten wir dadurch ansprechen, wie viele Zuschauer haben alle Folgen der Serie gesehen? Das sind zusätzlich zu den absoluten Zuschauern, Kritikerfeedback und Preisen nur einige unserer Erfolgsmaßstäbe. Und die soziokulturelle Relevanz drückt sich nicht in der Publikation von Zahlen aus, sondern wie viel über ein Programm gesprochen wird. Sei es in den sozialen Medien, der Presse, am Arbeitsplatz oder auf dem Schulhof.
Kann man denn sagen, dass das deutsche Publikum auch deutsche Serien goutiert?
Schwierig zu sagen. Jüngere Zuschauer stehen vermutlich eher auf amerikanische Produkte und ältere eher auf deutsche. Aber letztendlich ist es immer die Qualität, die zählt.
Und hilft diese Qualität Ihrer Meinung nach dabei mit, das angeschlagene Image von Amazon zu verbessern?
Ich sehe kein angeschlagenes Image von Amazon. Das Image besteht aus der Summe einzelner Interaktionen zwischen Konzern und Kunden. Sie nutzen die Angebote von Amazon gern und geben gutes Feedback zu ihrem Kontakt mit unserem Unternehmen. Wenn sie wissen wollen, welche Auswirkungen die Erfahrungen unserer Kunden mit Prime Video auf ihre Zufriedenheit mit Amazon als Ganzem haben: Wir haben über alle Konzernteile hinweg dieselben Standards: Große Auswahl, vernünftige Preise, schnelle Problemlösung, Konzentration auf den Kunden statt den Wettbewerb. Insofern sehe ich Prime Video als Bestandteil der positiven Kundenerfahrungen mit Amazon, also nicht als konzerneigenes Imageprogramm, sondern integralen Bestandteil von Prime.
Wird das hiesige Publikum wie das amerikanische irgendwann drei, vier Dienste gleichzeitig abonnieren oder widerspräche das deutschem Effizienzdenken?
Ich halte das für denkbar, schon weil die Streaming-Services ihr Programm gleichzeitig erweitern und spezifizieren. Linear schauen ja auch die wenigsten Zuschauer nur RTL oder ARD allein. Die Bereitschaft, für guten Inhalt zu bezahlen, wächst kontinuierlich, aber die Frage des Geldes bleibt auf dem freien Markt natürlich elementar.
Zurzeit bieten Sky und Netflix eine Doppelmitgliedschaft zum niedrigeren Preis an. Planen Sie da ähnliches?
Im Moment nicht. Aber was Sky und Netflix da machen, ist ja zunächst mal eine Marketingaktion. Mal sehen, ob das auf Dauer ist. Kooperationen werden generell wichtiger. Prime Video hat etwa für Deutschland86 mit Fremantle und RTL kooperiert. Davon profitieren alle.
Profitieren Sie persönlich bei einem Video-Portal wie Prime Video davon, dass Sie zuvor für ProSiebenSat1 oder die Kirch-Gruppe, also auf verschiedenen Ebenen des Fernsehens gearbeitet haben?
Sicherlich. Es geht schließlich am Ende um die gleichen Kunden, die ihre Vorlieben und Sehgewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern. Die Zahl derer, die ausnahmslos linear oder online fernsehen, ist ja doch noch immer begrenzt. Von daher waren meine früheren Arbeitgeber absolut hilfreich für meine jetzige Arbeit. Wobei ich bereits vor fast sieben Jahren hier angefangen habe. Da waren wir noch ein DVD-Versender.
Kann man die Arbeitsweisen analoger und digitaler Anbieter wegen der Zeitspanne zwischen Ihren Engagements überhaupt miteinander vergleichen?
Schon – soviel sich gerade im Bereich Technik und Infrastruktur auch gewandelt hat. Als ich vor etwa zehn Jahren im on-Demand-Geschäft begonnen habe, war noch nicht absehbar, wie umfassend der Durchbruch heute bereits sein würde. Das beginnt bei der Internetverbindung. Als ich bei maxdome beschäftigt war, waren die Voraussetzungen komplett andere. Wer erinnert sich nicht an das langatmige Ruckeln und Buffern früherer Übertragungsraten… Auch der verfügbare Content war nett, aber überschaubar. Und dass es auf der Playstation mal Videos gibt oder man via Smart TV mit einem Streamingdienst ins Wohnzimmer gelangen kann, hätte damals keiner gedacht.
Sie auch nicht?
Ich auch nicht. Und die Bereitschaft, dafür sogar noch zu bezahlen, war damals entsprechend gering. Aber wer heute einmal sechs Episoden einer Serie, die er wirklich schätzt, ohne Übertragungsprobleme am Stück gucken, aber auch unterbrechen kann, ohne auf die Werbepause zu warten, wenn das Kind schreit, die Schwiegermutter anruft oder Sie plötzlich Durst kriegen, der möchte das irgendwann nicht mehr missen und ist schneller bereit, dafür zu zahlen. Deshalb hat sich Video-on-Demand durchgesetzt.
Erzählen Sie da grad aus dem Nähkästchen, wie Ihre Leidenschaft für Streamingdienste entstanden ist?
(lacht) Ja, das ist mir alles oft passiert. Die Entwicklung hat aber auch schlicht mit veränderten Alltagsabläufen und Arbeitszeiten zu tun. Die Zeiten, wo mein Vater um sechs nach Hause kam, dann gab’s Abendessen und zur Tagesschau um 20 Uhr saß man gemeinsam vorm Fernseher und hinterher kam das Abendprogramm – diese Planung nach Programmzeitschrift, mit der auch ich aufgewachsen bin, um nur ja die Kinderstunde am Sonntagmittag nicht zu verpassen, ist doch schon länger vorbei als es Streamingdienste gibt. Wer ist denn heute immer um Punkt sieben bereit für den Feierabend?
Die Älteren.
Sehen Sie. Die Flexibilität der Berufswelt hat die Menschen dazu gebracht, sich ihre Freizeit was kosten zu lassen. Aber selbst mein Onkel, der demnächst 80 wird, meinte kürzlich zu mir, er sehe kaum noch fern, und falls doch, wolle er keine seiner Wanderungen unterbrechen, nur weil es um fünf oder sechs oder wann auch immer etwas in der ARD gibt.
Und dann haben Sie ihm Prime Video installiert?
Ich habe ihm einen Fire-TV-Stick geschenkt, wo natürlich wir drauf sind, aber auch andere Dienste und die Mediatheken von Arte, ARD, ZDF. Seitdem guckt er wieder begeistert fern, und zwar keineswegs nur Prime Video. Aber eben auch keine Gameshows oder Soaps, die ihn nicht die Bohne interessieren.
Wenn Sie diese Entwicklung so betrachten: Gibt es in Ihrer Persönlichkeit Platz für die Eitelkeit, stolz darauf zu sein, sie zumindest hierzulande mit angeschoben zu haben?
Wenn ich lügen wollte, würde ich jetzt empört „Nein“ sagen. Aber wenn ich mir den Amazon-Slogan „Work hard, have fun, make history“ ansehe, hätte es nur wenig Projekte gegeben, bei denen ich hätte mitarbeiten können, um wirklich was mit harter Arbeit und so viel Spaß zu verändern. Dass ich mit meinen Teams etwas dazu beigetragen habe, Streaming in Deutschland populär zu machen, macht mich daher schon ein Stück weit stolz.
Wäre es für Sie da denn denkbar, nochmals zurückzugehen und den alten Sendern auf dem Weg in die digitale Zukunft ein bisschen frischen Schwung zu verleihen?
Das ist keine Frage, die ich mir stelle. Ich bin hier sehr glücklich.
Andererseits weist ihr beruflicher Lebenslauf so viele Stationen auf, dass ein Wechsel in absehbarer Zeit jetzt auch nicht völlig unrealistisch klänge…
Das mag sein, aber die Zeiten, in denen man als Azubi bei Siemens angefangen und mit der Rente wieder verlassen hat, sind ja nun für uns alle längst passé. Ich habe meine Passion bei vielen Medienkonzernen ausgelebt, und man soll ja auch niemals nie sagen, aber im Moment habe ich hier meine Berufung gefunden. Und die bleibt garantiert noch eine Weile spannend.
Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.
Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.
Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.
All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.
Die Frischwoche
4. – 10. März
Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.
Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.
Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.
Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.
Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.
Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.
KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)
Louis Jucker
Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.
Denn Kråkeslottet wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.
Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)
Quentin Sauvé
Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!
Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.
Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)
Kultur, wer wüsste das besser als Linguisten, ist Sprache und Sprache Kultur. Da verwundert es wenig, dass die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling von der kalifornischen Berkeley University Worte findet, mit denen sich das Erste im Kampf um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wappnen sollte oder besser: mit welchen nicht. Auf 89 Seiten riet Wehling der ARD, populistische Wortgeschütze wie „Staatsfunk“ bis „Lügenpresse“ nicht dadurch aufzuwerten, dass man sie selber verwende. Gewiss, das Prinzip des Framing ist keinesfalls unumstritten. Noch unumstrittener jedoch ist, dass jemand, der von Lügenpresse faselt, damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekämpfen will. Das gilt dann natürlich auch für jene, die Wehlings Studie mit „Umerziehung“ à la Orwell kommentiern – obwohl das, um den Wettstreit der Wahrheitsfeinde nicht mitzuspielen, an dieser Stelle ja eigentlich gar nicht erwähnt werden sollte.
Aber wenn selbst die Bild mal wieder ihren Kampagnen-Journalismus aus der Epoche Kai Diekmanns betreibt… Was allerdings fraglos auch damit zu tun hat, dass die relativ moderate Ex-Chefredakteurin Tanit Koch vom absolut rauflustigen Kettenhund Julian Reichelt abgelöst wurde, der das Balkenblatt wieder gen Pegida rückt. Nachdem sie an dieser meterdicken Wand aus Testosteron, Moschus und Männerstolz abgeprallt ist, wechselt sie nun jedoch zur RTL-Gruppe und wird Geschäftsführerin des „Nachrichtensenders“ n-tv. Klingt nach gutem Kompromiss.
Derweil dreht das Personalkarussell auch anderswo, und gewiss nicht immer zum Besten der Sender. Thomas Hitzlsperger etwas verlässt „voller Dankbarkeit“, wie er es ausdrückt, die ARD zum VfB, womit dem Ersten fortan ein beispiellos kompetenter, vor allem: sympathischer Fußballexperte fehlt. Derweil kündigt der BR an, Hindafing fortzusetzen, was eine mindestens ebenso gute Nachricht ist, wie das geplante Sequel von Der Pass auf Sky, denn beides belegt eindrucksvoll, wie grandios deutsche Serien sind, wenn sie sich was trauen.
Die Frischwoche
5. – 11. März
Das hatte sich zweifellos auch ZDFneo vorgenommen, als man die Serie Dead End um Antje Traue als sperrige Forensikerin zu drehen begann. Morbide Leichenfledderei hatte schließlich auch bei Six Feet Under gut geklappt. Was Regisseur Christopher Schier aus dieser Vorlage am Standort brandenburgische Provinz macht, spottet den Vorbildern jedoch so sehr, dass man besser die DVDs der Originale aus dem Keller holt. Besser machen es mal wieder die Streamingdienste, namentlich: Sky. Dort startet am Freitag die deutsche Katastrophendystopie 8 Tage. So lange dauert es darin, bis ein Meteorit ebenfalls in Brandenburg die Erde trifft. Nach Peter Kocylas Idee machen die Regisseure Stefan Ruzkowitzky und Michael Kummenacher daraus ein starbesetztes Panoptikum menschlicher Überlebensstrategien zwischen Empathie und Anarchie, die das Publikum acht Teile in seinen Bann zieht. Richtig gelungen. Und mit einem Preis für die umweltschonende Dreharbeiten ausgezeichnet, was man ja auch mal erwähnen darf.
Viel zu selten erwähnt wird hingegen die Tatsache, wie die Welt so von vier Firmen unter sich aufgeteilt wird, dass ein Meteoriteneinschlag kaum verheerender sein könnte. Nachdem am Wochenende bereits die Süddeutsche große darüber berichtet hatte, klärt die Recherche-Gemeinschaft aus WDR und NDR heute um 22.45 Uhr im Ersten über Die unheimliche Macht der Berater auf. Sie heißen pwc, KPMG, Deloitte Ernst & Young und firmieren bei nahezu allen Konzernen und Regierungen als Wirtschaftsprüfer und -berater, was in etwa so ist, als würde ein Anwalt im Prozess auch Richter sein. Das macht diese vier Gesellschaften mithilfe der Bundesregierung und sämtlicher DAX-Unternehmen für nahezu alles mitverantwortlich, was Staat und Menschen in aller Welt für den Profit weniger spaltet.
Wiedervereint sind dagegen zweieinhalb Stunden früher im ZDF Petra Schmidt-Schaller und Ulrike C. Tscharre als Ex-Paar, das sich in Maris Pfeifers Psychokrimi Getrieben durch zwei Morde näherkommt und dabei entfremdet. Noch spannender wäre es aus indes gewesen, wenn das Zweite die Sendezeit mit dem Kleinen Fernsehspiel Onkel Wanja getauscht hätte, das vier Stunden später an gleicher Stelle läuft. Anna Martinetz verlegt Tschechows Gesellschaftsstück über die Frage nach Tun und Lassen vom Fin de Siècle in die krisenhafte Gegenwart und ersetzt Gutsbesitzer durch Finanzmarktjongleure. Gewagt, aber interessant. Ebenso interessant wie der Umstand, dass die Montagsfilme diesmal ganz in der Hand von Frauen sind – was gut zum Themenschwerpunkt Unabhängig, weiblich, stark passt, mit dem Arte ab Sonntag bemerkenswerte Frauen feiert.
Den Anfang macht Coco Chanel im Biopic Der Beginn einer Leidenschaft von 2009 mit Audrey Tautou als Modezarin, gefolgt vom Dokumentar-Porträt Die Revolution der Eleganz. Auf ganz andere Art stilsicher ist hingegen der unvergleichliche Humphrey Bogart in der schwarzweißen Wiederholung der Woche. Wie immer formvollendet nimmt die Hauptfigur des Krimidramas An einem Tag wie jeder andere (Montag, 22.05 Uhr, Arte) von 1955 eine gewöhnliche Familie als Geisel und stößt dabei selbst an seine Grenzen. Exakt 32 Jahre später kam vor 32 Jahren Brian De Palmas Mafia-Epos Die Unbestechlichen (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat) mit Kevin Kostner und Sean Connery auf der Jagd nach Al Capone ins Kino. Erst 2015 landete dort Andreas Dresens fabelhafte Literaturverfilmung Als wir träumten (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) um ostdeutsche Jugendliche, die fatal an der Wiedervereinigung scheitern. Und aus demselben Jahr stammt auch der heutige Tatort: Grenzfall (22 Uhr, RBB), den Bibi und Moritz teilweise in Tschechien lösen.