Reeperbahn-Festival 2018: Bild & Ton

Feminist Beat Revue

Das Reeperbahn-Festival wächst seit 2006 kontinuierlich zum wichtigsten Ereignis zeitgenössischer Independent-Musik und -Kultur Europas, das weltweit eigentlich nur noch vom texanischen SXSW an Bedeutung übertroffen wird.  Unter den rund 1500 Veranstaltungen in 90 Clubs in, auf, um St. Pauli herum befinden sich allerdings nicht nur gut 600 Konzerte, sondern auch diverse Panels, Diskussionen, Vorträge und Ausstellungen wie diese: Die Hamburger Fotografin Christiane Stephan zeigt am 22. September im Centro Sociale ihre Fotoausstellung Feminist Beat Revue, in der sich geschlechterkampfbewusste Künstlerinnen wie Bernadette la Hengst, Francoise Cactus oder Sookee in zwölf großformatigen Porträts selbstbestimmt in Szene setzen.

FEMINIST BEAT REVUE
22. September 
14 Uhr – 24 Uhr 
Centro Sociale
Sternstraße 2


Daniel Küblböck & Kim Frank

Die Gebrauchtwoche

10. – 16. September

Über guten Geschmack lässt sich – das Sprichwort ist da variabel – entweder nicht oder gut streiten, aber was Anfang voriger Woche den Boulevard (zurück) erobert hat wie anderthalb Jahrzehnte zuvor Deutschland sucht den Superstar, ist jenseits aller Geschmacksfragen eine der ganz großen Tragödien unserer Regenbogenwelt: Daniel Küblböck ist von Bord eines Kreuzfahrtschiffes in den Tod gestürzt und hat damit – freiwillig oder nicht – eine Existenz im Rampenlicht beendet, die in jeder Hinsicht beispiellos war.

Als der androgyne Kindergärtner aus der bayrischen Provinz Dieter Bohlens kühl kalkulierte Fremdschamshow Ende 2002 zum Quotenhit machte, wurde er eher mehr als weniger manipuliert zur Multifunktionschiffre des Trash-Fernsehens damaliger Prägung. Ein Weilchen tingelte der kaum volljährige Paradiesvogel einträglich, aber selbstentblößt im Lichtkegel der Aufmerksamkeitsindustrie umher; dann spuckte sie Daniel Küblböck wie ausgekautes Kaugummiautomatenkaugummi auf den Asphalt der Realität, wo er sich sehr redlich, letztlich aber erfolglos um Seriosität bemühte.

Dass sein Ex-Ausbeuter Bohlen ein eilends vermarktetes Kondolenzvideo mit Spiegelsonnenbrille und „Be one with the Ocean“ auf dem T-Shirt garnierte, ist da noch nicht mal der größte Zynismus einer gewissenlosen Branche. Viel schlimmer ist die ölige Anteilnahme gehässiger Moralschlachtereien von Bild bis RTL, denen das Wohl gestrauchelter Regenbogencharaktere wie Daniel Küblböck in etwa so wichtig ist wie Hans-Georg Maaßen sozialer Frieden im Land. Immerhin – dass der politisch zur Neutralität verpflichtete Verfassungsschutzchef nach seiner Parteiergreifung für Verfassungsfeinde auch vorige Woche noch im medialen Kreuzfeuer stand, ist auch dem Springer-Kampfblatt und seiner Stichwortnehmer vom Privatfernsehen zu verdanken.

Die Frischwoche

17. – 23. September

Den Öffentlich-Rechtlichen ist dagegen zu verdanken, dass einem Werk von außergewöhnlicher Bedeutung erstaunlich viele Bühnen bereitet werden: Wach, das Spielfilmdebüt des früheren Echt-Sängers um zwei Gleichaltrige seiner Teenyband-Zeit, die sich vornehmen, ganz ohne Drogen so lange wie möglich dem Schlaf zu widerstehen, läuft ab heute parallel im ZDF (0.05 Uhr), in deren Mediathek sowie bei Youtube und offenbart mit Alli Neumann und Jana McKinnon nicht nur zwei ungeheuer intensive Schauspielerinnen, sondern die Gewissheit, dass lineares Fernsehen noch immer zur Innovation tauglich ist.

Das lässt sich sogar am glänzenden ARD-Mittwochsfilm ablesen. Alexander Adolphs Biopic Der große Rudolph über den Modemacher Moshammer enthält sich nämlich diverser Standards des Filmporträtgenres und skizziert das Leben nicht von der Wiege bis zur Bahre, sondern verdichtet den blattgoldglitzernden Aberwitz der Münchner Bussi-Gesellschaft vor 30 Jahren in einer fiktiven Zeitspanne von zwei, drei Tagen. Das Ergebnis ist herausragendes TV-Entertainment mit viel Tiefgang unterm ulkigen Mantel der Komödie.

Ganz anders wahrhaftig – rau, derbe, schmerzlich – ist wenige Stunden später das Kino-Drama Zwischen den Jahren (23.30 Uhr, Arte), in dem Peter Kurth als Ex-Knacki, der nach 18 Jahren Haft um Anschluss in Freiheit ringt, weiter am eigenen Denkmal des derzeit vielleicht besten Charakterdarstellers in Deutschland bastelt. Wenn mit dem Tatort ein anderes Monument freiwillig seinen sonst unverrückbaren Sendeplatz hergibt, könnte man ebenfalls Großes erwarten. Raymund Leys Dokudrama Lehman verarbeitet am Sonntag die Bankenkrise vor zehn Jahren allerdings nicht nur wegen des belämmerten Untertitels Gier frisst Herz eher lausig.

Da ist von Netflix – dessen Eigenproduktion Roma von Alfonso Cuarón sensationell den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen hat – mehr zu erwarten. Cary Fukunagas Miniserie Maniac zum Beispiel ist ab Freitag allein schon wegen Emma Stone und Jonah Hill als psychisch labile Teilnehmer eines Arzneimittelexperiments, das ihnen die Realität durcheinanderwirbelt, von herausragender Qualität. Ähnliches gilt dokumentarisch auch für das Porträt des Soulsängers Quincy Jones. Und auch das Fantasy-Epos The Outpost verspricht ab Mittwoch auf Sky beste Unterhaltung.

Apropos: Die Wiederholungen der Woche drehen sich diesmal um Giganten der cineastischen Hochkultur. In schwarzweiß zeigt der HR Montag um Mitternacht die Gaunerkomödie Schade, dass du eine Kanaille bist von 1955 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Arte dagegen gedenkt knapp vier Stunden zuvor der großen Romy Schneider mit gleich zwei Filmen: Erst Eine einfache Geschichte von 1978, dann das ein Jahr jüngere Gruppenbild mit Dame. Weit jünger und doch gut abgehangen ist der recycelte Münster-Tatort: Der alte Lott von 2005 mit Alexander Held in einer Doppelrolle.


Orions Belte, Jungle, BC Camplight

Orions Belte

Jedes Zeitalter, jeder Musikstil, jede Band hat Untiefen der scheinbaren Belanglosigkeit, in denen nicht mal CDs von Ricky King ganz versinken. Kuschelrock, Eurodance, Chartspop – es gibt wenig, was aus nichts nicht rein gar nichts machen könnte. Selbst die famosen Beach Boys haben Ende der Achtziger ja ein Lied von so debiler Saftigkeit an die Spitze der Hitparaden gesülzt, dass man beim Hören statt Hirn nur Wachs im Kopf noch spürte. Da ist es schwer zu sagen, ob Orions Belt dieses Wachs nun weiter schmelzen oder nur neu verformen wollte, als das norwegische Duo ins Studio ging, um ein Instrumental-Album aufzunehmen. Es klingt schließlich ein bisschen wie Kokomo auf Ritalin und Koks. Vor allem aber klingt es: Fantastisch.

Øyvind Blomstrøm und Chris Holm, die sonst eher Live-Bands auf Tour begleiten, legen hier ein Debüt von so seifiger Verschrobenheit hin, dass sich die artverwandten Laid Back dagegen anhören wie Garagenpunk im Kellerclub. Mint, so heißt die Platte, vermischt (meist) wortlose Sounds aus den Hintergründen der Musikwelt zu einer umwerfenden Melange schmissiger Melodien. Mal schimmert darin bekiffter Krautrock durch, mal hawaiianischer Strandschlager, oft der Score drittklassiger Actionfilme, alles im Unterton der Ironie, der das analog Dargebotene allerdings nie verächtlich macht, weil stets die Liebe zum Aberwitz im Detail durchblinzelt. Ein irres Erstlingswerk, dem gerne mehr, viel mehr noch folgen dürfen.

Orions Belt – Mint (Jansen Records)

Jungle

Es ist ja nicht so, dass Funk und Soul zwingend der Repertoire-Erweiterung bedürfen. Die Bibliothek ist von der Epochengeburt vor gut 50 Jahren bis tief in die Achtziger hinein so gut sortiert, dass es vermutlich mehr hörbare 7′-Singles aus Motown und Kalifornien gibt als Silben in HipHop und Folkrock zusammen. Dennoch entstehen immer wieder Bands, die dem Genre Innovation abringen. Es begann bei Terence Trent D’Arby, nahm mit Jamiroquai Schwung auf, endete noch lange nicht bei Amy Winehouse und findet gerade im Londoner Kollektiv Jungle seine Fortsetzung – eine schillernde, schlicht unwiderstehliche, seitdem es 2014 half, klassischen Funk und Soul wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Gegründet von den Schulfreunden Tom McFarland and Josh Lloyd-Watson schafft es nun auch der Nachfolger des weltweit gefeierten, selbstbetitelten Debüts vor vier Jahren ab Takt eins ins Gemüt der Zuhörer. Wie damals ist Four Ever allerdings kein bloßes Aufwärmen tradierter One-Two-Eleganz früherer Zeiten. Die achtköpfige Band entwickelt erneut einen sehr modernen Stil nostalgischer Disco. Mit hoher Kopfstimme mäandert sie geschickt zwischen Earth Wind & Fire und Pharrell Williams, Soul II Soul oder Kendrick Lamar und schüttet dem Rhythmus schwarzer Musik mit elektronischer Beilage garniert etwas wunderbar Jetziges ins Gestrige.

Jungle – Four Ever (XL Recordings)

BC Camplight

In der Popmusik sollte man Texte meist nicht allzu sehr überbewerten. Falls darin von Liebe, Leid, dem Leben und allem Drumherum die Rede ist, geht es meist weniger um Liebe, Leid, das Leben und allem Drumherum als vielmehr die akkurate Begleitung möglichst eingängiger Melodien. Bei BC Camplight indes lohnt sich ein Blick zwischen die Zeilen ihrer zweiten Platte. Scheinbar ein strukturloses Soundsammelsurium, würfelt Deportation Blues von Swing über New Romantic und Progrock bis modernem Synthiepop acht Jahrzehnte wild durcheinander.

Wenn Brian Christinzio dazu jedoch schmuseweich „Welcome a stranger in you world“ fleht und sodann fragt, wo seine Fröhlichkeit geblieben sei. Wenn er fragend Am I Dead? titelt oder feststellend I’m Desperate. Wenn selbst Sehnsuchtsgewäsch im Kreise disharmonischer Drones seltsam existenziell klingt. Dann vertont das sehr bewusst die Biografie eines depressiven US-Italieners mit Hang zur Drogensucht, der kurz vorm Brexit aus England verwiesen wurde und seither zwischen einer ganzen Reihe halber Heimaten herumirrt. All dies macht Deportation Blues zum Konzeptalbum der inneren Zerrüttung, das mal wie ein Tinnitus klingt, mal wie Brian Ferry auf Ritalin, doch stets betörend und originell.

BC Camplight – Deportation Blues (PIAS)


Daniel Küblböck: Glamour, Trash & Reflexion

Das Bohlen-Thema nervt!

Dass Daniel Küblböck wohl von einem Kreuzfahrtschiff in den Tod gesprungen ist, beendet ein bizarres Showdasein zwischen Bohlen-Spielzeug und Selbstbehauptung, Plastikpop und Schauspielstudium, DSDS und ARD. Ohne ihn persönlich zu kennen, hatte fast jeder ein sehr präzises Bild von der Frohnatur aus Bayern, und selten war es positiv. Wer Daniel Küblböck allerdings persönlich erlebt hat wie ich vor zwei Jahren, als er für die Nachmittagsdokusoap Verrückt nach Fluss – ausgerechnet – auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet ist, konnte einen reflexiven Mann von Anfang 30 erleben, der sich seiner Ziele, Fehler, Chancen, Wahrnehmung sehr bewusst war. Hier ist – als eine Art Nachruf – das Interview von damals.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Daniel Küblböck, Sie sind 31 Jahre alt – würden Sie „schon“ oder „erst“ voranstellen?

Daniel Küblböck: (zögert kurz) Ich würde sagen „schon“ 31. Zumal mich viele für älter halten und überrascht sind, dass ich bei DSDS erst 18 war.

Fühlt es sich also 13 Jahre her an oder länger?

Das ist situationsabhängig. Wenn ich wie jetzt grad tief im Schauspielstudium stecke, scheint es eine Ewigkeit her, wenn ich in Ruhe drüber nachdenke wieder nur ein paar Momente. Und in Videos von damals sehe ich eine Naivität, die mir jetzt fremd ist, während die Lebensfreude darin weiter zu mir gehört. Wenn ich nun auf die Bühne will, ist es nicht das Rampenlicht, sondern die Theaterbühne, aber alles was ich heute tue, ist irgendwie von der Zeit geprägt.

Kein Wunder – schließlich haben Sie bereits mit 20 ihre Biografie geschrieben!

Mit 18 sogar, aber ich hatte ja damals auch schon mehr erlebt als viele Gleichaltrige.

Fiele die Betrachtung ihrer Jugend anders aus, wenn Sie sie zehn Jahre später nochmals beschreiben würden?

Das Kapitel vor DSDS wäre bedeutend kürzer, weil es damals noch viel aktueller war und ich mit privaten Rückschlägen jener Zeit heute defensiver umginge. Außerdem wäre der Teil im Verhältnis natürlich kürzer, weil ich zwischendurch wieder viel erlebt habe.

Haben Sie im Rückblick alles richtig gemacht?

Um das bewerten zu können, müssen mindestens nochmals 13 Jahre vergehen.

Anders gefragt: Haben Sie irgendwas bereut?

Bereuen klingt so pathetisch. Natürlich hätte ich manches anders gemacht, aber alles hat dazu beigetragen, was für ein Mensch ich heute bin. Selbst der Gurkenlastunfall ohne Führerschein, von dem vielleicht niemand erfahren hätte, wenn die CSU an dem Tag nicht in der Nähe ihren Parteitag gehabt hätte, gehört halt dazu. Und wenn man bedenkt, dass die Tagesschau darüber berichtet hat, scheint es ja seinen Sinn gehabt zu haben.

Ohne DSDS wären Sie aber vermutlich Erzieher geblieben, statt wie jetzt Schauspieler zu werden oder?

Auf jeden Fall, zuvor war die Bühne keine Option. Aber wie da wir in die Öffentlichkeit geworfen wurden, das war schon gewaltig. Heute kennt man von den Kandidaten sogar während der Shows nicht mal die Namen; damals hatte ich als Drittplatzierter Nr-1-Hits – davon können die heute doch nur träumen. Trotzdem war es kein grader Weg zum Schauspiel. Ich hatte kurz darauf Anfragen, die ich zum Glück ausgeschlagen habe, weil ich nicht vom Fach war. Schauspiel war vorher jedenfalls kein Jugendtraum von mir, ich wollte mit Kindern arbeiten. Aber die DSDS-Bühne hat in mir den Wunsch erzeugt, dieses Handwerk wirklich zu lernen. In zwei Jahren bin ich mit dem Studium fertig, dann müssen wir mal sehen.

Ist die Moderation von Verrückt nach Fluss da Teil deines Weges oder ein Abzweig?

Definitiv Abzweig. Ich musste den Schulleiter fragen, ob ich die Zeit zum Drehen freikriege. Er fragte mich dann, für welchen Sender das sei, und als ich ARD sagte, meinte er okay, solange es nicht RTL ist… Ich selber habe das aber gar nicht als Arbeit empfunden, ehr als Tapetenwechsel, zumal ein Teil dieser Flussfahrt durch meine Heimat führt.

Ansonsten reizt sie die Kamera nicht mehr?

Nein. Obwohl mich an diesem Format überzeugt hat, dass verglichen mit RTL wenig gestellt wird, und man etwas über Geschichte erfährt, zum Beispiel, wie nah vor meiner Haustür der Jugoslawien-Krieg stattgefunden hat.

Wen hat die ARD in Ihnen gebucht – den alten DSDS-Daniel oder den neuen Küblböck?

Tja, wenn ich mir das „Verrückt“ im Titel anschaue, hatten die wohl doch auch das Klischee von mir im Hinterkopf, so rein marketingstrategisch.

Der Sender kündigt Sie als „eine der schrillsten Figuren des jungen Jahrtausends“ an.

Ach, ich habe ja auch mit 31 noch meine schrillen Momente, das stört mich gar nicht groß. Und in Deutschland gilt man halt schon als schrill, wenn man schwer einzuordnen ist.

Besonders, wenn man schwul ist…

Ich bin zwar eher bi, aber es stimmt schon – bei dieser Gleichung schwingt Homophobie mit.

Waren Sie damals in Ihrer schrillen Androgynität wirklich Sie selbst oder ein Konstrukt, das RTL aus Ihnen gemacht hat?

Ich glaube, dass alles, was für eine solche Bühne gemacht wird, mehr oder weniger inszeniert wird. Das ist auf seriösen Sprechbühnen nicht anders. So gesehen war auch ich in Teilen eine Kunstfigur, was ich mit 18 Jahren bestimmt nicht immer gemerkt habe und von RTL ziemlich schamlos ausgenutzt wurde. Aber so funktioniert das Geschäft, ich wär mit jemandem wie mir als Sender wohl nicht anders umgegangen. Sie hätten mal meinen Stylisten erleben sollen, wie froh der war, sich mal an einem wie mir austoben zu dürfen; das war schon auch lustig.

Waren Sie dennoch stets das Subjekt Ihres Handelns oder in gewisser Weise Objekt anderer, um nicht Opfer zu sagen?

Als funktionierende Medienfigur bist du – gerade in dem Alter – immer ein Objekt, gar Opfer. Das beginnt ja schon damit, was alles hineinprojiziert wird, worauf man keinen Einfluss hat. Jedes Bild, das an die Öffentlichkeit gerät, ist manipulierbar. Nehmen Sie die ARD-Doku: Da müsste man nur in der Bildunterschrift „vor dem“ durch „vor seinem“ Schiff ersetzen, schon wäre alles am Foto anders. Jeder will doch sehen, was er will, das macht uns alle zum Objekt.

Sind Sie das heute weniger als früher?

Definitiv!

Haben Sie da zum Abschied noch ein Grußwort an Dieter Bohlen?

Nö. Wir haben uns damals auf einer reinen Geschäftsebene getroffen, von der wir beide profitiert haben. Das Bohlen-Thema nervt.


Straight Family: Homosexualität & Wahrheit

Queerstraße des Mainstreams

Die funk-Serie Straight Family (Foto: funk/Pagozdi) mag raspelkurz, günstig gedreht und dann auch noch fürs Internet gemacht sein – selten zuvor jedoch wurde so lässig mit dem Thema Homosexualität unterhalten wie im dreiviertelstündigen Fünfteiler um zwei queere Geschwister in Berlin.

Von Jan Freitag

Auf dem Acker des Fernsehens sind sorgsame Bauern nach wie vor rar. Die meisten tränken ihr Feld ja weiter so intensiv mit den Pestiziden der Uniformität, dass außer Standardgewächsen nur wenig gedeiht. Inhaltlich führt das zur Monokultur aus Krimi, Familiendrama, Krimi, Familienkomödie, Krimi, Familienschnulze, Krimi und alles mit Arzt; personell werden Charaktere jenseits des Mainstreams selbst von den Nebenflüssen penetrant ins Grundwasser abgeleitet. Zum Beispiel Homosexuelle.

Heutzutage mit dem Kürzel LGBTQ erweitert, gibt es besonders im hiesigen Film & Fernsehen schließlich noch immer vor allem drei Arten der Abweichung von unserer heterosexuellen Norm: Lederschwule und Federtunten, Kampf- oder Modellesben. Sie alle kommen in der Realität vor, sie alle haben daher auch fiktional ihre Daseinsberechtigung, weil sie alle jedoch nur Varianten dieser facettenreichen Subkultur sind, fehlt zumeist, was ihr Gros ausmacht: Eher gewöhnliche Menschen mit einer eher ungewöhnlichen sexuellen Identität.

Schon deshalb ist das, was ab heute auf dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal funk läuft, von großer Relevanz im ganz Kleinen: Die Webserie Straight Family zeigt fünf Kurzepisoden lang eine Schar homosexueller Serienfiguren, die nicht nur bemerkenswert glaubhaft sind, sondern mehr noch: nahezu frei von Klischees. Schon die allererste Szene ist zumindest aus deutscher Produktion ein Novum: Im Großraumabteil nimmt die weibliche Hauptfigur Lara (Luise Helm) Augenkontakt zu einer Fremden auf und folgt ihr ans Ende des Zuges, wo beide heftig miteinander fummeln – und zwar weder, um irgendeine Form von Voyeurismus zu bedienen, noch als Vorspiel einer Problemlage unterdrückter Randgruppen.

Bevor der One-Night-Stand richtig Fahrt aufnimmt, findet sich die angenehm unprätentiöse Lara bei ihrem ebenso herkömmlichen Bruder Leo (Ben Münchow) wieder, der die Bier-Kneipe seiner Großmutter (Us Conradi) in eine Queer-Kneipe verwandelt hat. Und hier beginnt ein Problem, dass der Serie absolut zum Vorteil gerät: Mitbesitzer Mehmet (Armin Wahedi) nämlich ist nicht nur Leos Geschäfts-, sondern auch Liebespartner, wovon die konservative Oma als Besitzerin des Ladens nichts wissen, weshalb sich Leo partout nicht outet.

Die Folge ist ein verbissener Kampf um Würde ohne Wahrheit, der dem Wahnsinn bisweilen recht nahe kommt. Wie in der baugleichen ZDF-Serie Just push Abuba, ist Straight Family daher voll überdrehter Momente, in denen sich die kaum zehnminütigen Low-Budget-Miniaturen zu maximal ulkigen Milieustudien auftürmen. Mal wird unterm Gastraum psychedelischer Schnaps gebraut, mal tanzt die homophobe Austauschschülerin dazu auf dem Tisch, meist guckt die 90-Jährige Magda dazu überdreht aus der Berliner Schnauze, doch nie kommt der Verdacht auf, die vier Nachwuchsregisseure der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) würden das Drehbuch des siebenköpfigen Writer’s Rooms dazu missbrauchen, wohlfeile Botschaften über Gleichberechtigung, Emanzipation oder noch schlimmer: Toleranz unters Netzpublikum prügeln.

Homosexuelle dürfen einfach Homosexuelle sein, deren Homosexualität gesellschaftlich zwar nach wie vor problematisiert wird, privat aber nur ein Aspekt unter vielen großstädtisch prekärer Existenzen ist. Und das hat Straight Family vielem voraus, was queere Lebensentwürfe fiktional behandelt. Seit sich der Bayrische Rundfunk 1977 aus Wolfgang Petersens Schwulendrama Die Konsequenz geklinkt hat und zehn Jahre darauf in der Lindenstraße erstmals die Zunge bei einem gleichgeschlechtlichen Kuss zum Einsatz kam, mag die Zahl queerer Charaktere zunächst langsam, dann zügig gestiegen sein; ihre Funktion bleibt nicht nur am Bildschirm dramaturgisch aufgebläht. Edgar Selge mochte zuletzt als verkappt schwuler Prediger einer freichristlichen Gemeinde im ARD-Film So auf Erden ein sensationelles Coming-Out feiern. Und wie Ina Weisse im Melodram Ich will dich! zwei Jahre zuvor einer vergleichsweise guten Ehe ins lesbische Abenteuer entflieht, war frei von der Enge früherer Stoffe.

Doch einfach nur schwul, geschweige denn lesbisch sein – das ist bis heute allenfalls made in USA die Regel, wo Serien wie Will & Grace und The L-Word oder zuletzt Banana zwar das Vorurteil von der eleganten Libertinage Andersliebender mit gutem Auskommen und Geschmack verfestigen; hierzulande dagegen muss sich fast jedes Format abschließend entscheiden, ob es bierernst oder ulkig ist, also eher Fremdschamfutter wie die Culture-Clash-Comedy Andersrum oder Mitfühlstoff wie das Kinodrama Freier Fall um zwei schwule Polizisten. Kein Wunder, dass die lesbische Schauspielerin Ulrike Folkerts seit 67 Tatorten auf so etwas wie ein funktionierendes Liebesleben wartet.

In diesem Umfeld wirkt Straight Familiy wie eine Frischzellenkur. Wenn der Schwule Fußballfan ist, sein Freund Türke und die Schwester ganz nebenbei auf Frauen steht, wird das Außergewöhnliche unterhaltsam alltäglich. Trotzdem bitten die Darsteller zwischen den Folgen, online mitzudiskutieren. So verbreitet Homosexualität am Bildschirm ist – davor dreht sich die Uhr der Emanzipation ja gerade wieder zurück. Auch darum verleiht ihr die Serie im Dialog Normalität. „Wie war‘s…“, treibt Leo mit Lara Smalltalk. „In Neuseeland?“, vervollständigt sie den Satz, fügt „ist schon so, wie alle sagen: grün, weit, schön“ hinzu und ergänzt rotzig: „Wenn irgendwat perfekt ist, kommt bei mir immer’n bisschen Kotze hoch.“ Mit Homosexualität hat das erstmal wenig zu tun, mit guten Drehbüchern sehr, sehr viel.


Authentizitäten & Großstadttiere

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. September

Die Lügenpresse also, schon wieder die. Als Michael Kretschmer vorigen Mittwoch medienwirksam meinte, es habe in Chemnitz „keinen Mob, keine Hetzjagd, kein Pogrom“ gegeben, musste er den altrechten Kampfbegriff neurechter Populisten zwar nicht explizit aussprechen; dramaturgisch allerdings befand sich Sachsens Ministerpräsident auch ohne das böse L-Wort voll der Seite jener, die eine ostdeutsche Stadt stundenlang zur national besetzten Zone gemacht hatten. Und dann sprang dem – man muss das an dieser Stelle kurz erwähnen: CDU-Mitglied auch noch der oberste Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen zur Seite und behauptete bar jeder tieferen Erkenntnis, die Authentizität des längst berühmten Hase-Videos sei ebenso wenig bestätigt wie Hetzjageden.

Unabhängig davon, dass Hetzjagd ein juristisch undefinierter Begriff ist und niemand ernstlich von Pogrom, sondern allenfalls der zugehörigen Stimmung gesprochen hat, fehlt da eigentlich nur noch die Beteuerung, es habe weder Angriffe auf Reporter noch Hitlergrüße gegeben. Im Wahlkampf um die Deutungshoheit des Konservativen, muss man „Lügenpresse“ eben schon längst nicht mehr in den Mund nehmen, um damit Machtpolitik zu betreiben. Der gesellschaftliche Diskurs, das zeigen die Tage von Chemnitz aufs Neue, dreht sich zusehends weniger um Inhalte als Symbole, geredet wird nur noch über-, statt miteinander. Und das wird besonders dort deutlich, wo die Debattenkultur bereits zwei, drei Eskalationsstufen verrohter ist als hierzulande.

In den USA hat David Remnick, furchtloser Chef der New York Times, Steve Bannon, sinistrer Chef aller Verschwörungstheoretiker, zum Dialog aufs jährliche Festival seiner Zeitung gebeten. Doch weil viele Besucher die Anwesenheit desjenigen ablehnen, der die Welt erklärtermaßen ins rechtspopulistische Chaos stürzen will, wurde er wieder ausgeladen. Das jedoch ist noch viel, viel schlimmer, als ihm Auge in Auge Argumente entgegenzusetzen – was wohl niemand besser könnte als der versierte Interview-Profi Remnick.

Außer vielleicht Ellen DeGeneres. Streitlustig stellt sich die Moderatorin seit jeher in den Sturm des kommunikativen Durcheinanders. Nach 15 Jahren Abstinenz von ihrem Kernmetier Stand-up kehrt sie nun endlich zurück auf die Witzbühne. Und dass es ausgerechnet Netflix ist, das sie ihr am 15. Dezember bereitet, spricht abermals Bände über die Entwicklung im linearen Fernsehen. Die zwei spannendsten Formate der Woche sind daher im Grunde längst Digitalprodukte.

Die Frischwoche

10. – 16. September

Heute zeigt der BR die Netzserie Servus Baby über eine Frau Anfang 30 auf der Suche nach Sinn und Glück um 20.15 Uhr am Stück, dürfte damit aber trotz der guten Sendezeit ähnlich verheerende Quoten einfahren wie die grandiose Provinz-Satire Hindafing. Und die Kurzfilm-Serie Straight Family ist zwar das Beste, was im öffentlich-rechtlichen Auftrag zum Thema Homosexualität gedreht wurde, läuft ab Dienstag aber auf dem Youtube-Channel funk.

Die Muttersender pflegen derweil ihre Kernkompetenzen. Am Sonntag zeigt das Berliner Tatort-Team Meret Becker/Mark Waschke im neuen Fall Tiere der Großstadt endlich, was in ihm steckt. Im ARD-Mittwochsfilm Toulouse sorgt der österreichische Regie-Berserker David Schalko dafür, dass sein Kammerspiel um Matthias Brandt als Lover seiner Ex-Frau (Catrin Striebeck), dessen Alibi durch einen Terror-Anschlag buchstäblich in sich zusammenbricht, zu herausragender Unterhaltung gerät. Immerhin solide ist Der Fall K., in dem das ZDF heute das Schicksal des real existierenden Psychiatrie-Opfers Gustl Mollath mit Jan Josef Liefers nachstellt.

Während RTL ab Donnerstag seine Endlos-Explosion Cobra 11 mit der 33. Staffel im 22. Jahr elf Folgen lang fortsetzt, schärft Arte sein Profil als Ort umfassender Dokumentationen. In Krieg der Träume führt Regisseur Jan Peter den Erfolg seiner gefeierten Analyse des Ersten Weltkriegs anhand von 14 Tagebüchern verschiedener Protagonisten Richtung Zweiter Weltkrieg fort. Der Achtteiler zeigt damit einerseits, wie heiß die Zwischenkriegszeit jener Jahre war. Andererseits ist er ein warnendes Beispiel für die Gefahr, in der sich unserer Demokratie auch heute befindet – was 3sat zeitgleich zum Staffel-Finale am Mittwoch durch die Dokus Wie antisemitisch ist Deutschland? und Die rechte Welle belegt.

Am Ende der Folgen 4-6 beleuchtet das Erste dagegen, wie sich das Internet gegen digitale Gegner zur Wehr setzt. Im Schatten der Netzwelt begibt sich am Dienstag um 22.45 Uhr nach Manila, wo The Cleaners soziale Plattformen wie Facebook für Hungerlöhne vom Dreck der Hater, Trolle, Neonazis bereinigen. Arte zeigt derweil Donnerstag um 22 Uhr das Mediendrama Die Lügen der Sieger mit Florian David Fitz als Enthüllungsjournalist im Kampf mit den eigenen Berichtsobjekten. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen von großer Leichtigkeit. In Claude Sautets Liebeskomödie César und Rosalie von 1972 zeigt sich Romy Schneider Sonntag (20.15 Uhr, Arte) von ungewohnt heiterer Seite. Federico Fellinis La Dolce Vita war zwölf Jahre zuvor ohnehin Inbegriff dessen, was der Titel verheißt. Und Tills Schweigers Tatort-Premiere als Nick Tschiller (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte unfreiwillig den Tiefgang von Balsaholz und war schon deshalb saukomisch.


Reeperbahn-Festival 2018

Von Altin Gün bis Whitney

Am 19. September startet das 13. Reeperbahn-Festival, die größte Club-Veranstaltung Europas. Auch dieses Jahr werden mehr als 40.000 Besucher bei den gut 600 Veranstaltungen von Konzert bis Debatte erwartet. Die freitagsmedien stellen ein paar der Highlights vor.

Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Mittwoch, 22.05 Uhr, Spielbude

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

Mittwoch, 22.40 Uhr, Schmidts Tivoli

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

Mittwoch, 22.50 Uhr, Headcrash

Altin Gün

Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.

Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…

Donnerstag, 16.30 Uhr, Molotow

Foè

Und wo wir bei Nachwuchsmusikern sind, denen wirklich was auf dem Herzen brennt: Der Franzose Foé ist gerade mal zwei Jahre älter als Lindsey Jordan, wie sie bereits eine Weile im Geschäft, aber dabei natürlich immer noch von unübersehbarer Jugend. Nur: dem Debütalbum des Komponisten und Co-Produzenten spürt man dieses Inbrunst in jeder Note an. Îl hat absolut nichts von der schnodderigen Leichtigkeit seiner Kollegin aus den USA. Alles daran ist irgendwie getragen und schwer und voluminös. Das hat zwei Gründe: Foès Sehnsucht nach Tiefe im flachen Fahrwasser des Pop. Und sein bevorzugtes Instrument – das Piano. Es macht sein Timbre noch ein wenig dunkler und den Wave etwas dazu getragener, vor allem aber macht es ihn außergewöhnlich.

Gemixt mit Synthesizern und Electronica, mit Elementen aus HipHop, Folk und ein paar saftigen Dance-Einsprengseln verströmen die elf Songs einen discoesken Klassizismus, der manchmal für Gänsehaut sorgt (La Machine), manchmal schlicht haarsträubend ist (Mommy), aber durchweg Überraschungspotenzial hat. Gewiss, man muss schon einen Hang zur großen Oper haben, um Îl von Anfang bis Ende zu genießen. Es reicht aber auch ein Gespür dafür, wie viel Energie in Grenzgängern wie diesem ruht, die oft nur musikalisch entfesselt werden kann. Als hätten sich Jacques Brel und Claude Débussy mit Phoenix zum After-Rave getroffen. Es brennt lichterloh in Foè, wenn er über Liebe, Tod und Teufel sind. Lodern wir doch ein bisschen mit.

Donnerstag, 20 Uhr, Molotow

Whitney

Liebenswert, verspielt, nicht so wirklich avantgardistisch, aber dafür von ergreifender Schönheit ist ein anderes Debüt, das ebenfalls durch seine Stimme besticht, aber keinesfalls nur. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Der junge Mann mit dem zuckersüßen Popfalsett heißt Julien Ehrlich, und es ist nicht die Tatsache allein, dass er zugleich Drummer von Whitney ist, die an eine Band namens The Band und ihren singenden Schlagzeuger Levon Helm – R.I.P. – erinnern; seine Epigonen aus Chicago machen eine Art von lebensbejahendem Westcoast-Folk, an dem sich seit den Beach Boys gefühlt 20.000 Formationen jeder Herkunft versucht haben, dabei allerdings entweder zu leicht oder zu schwer klangen. Whitney hingegen schaffen eine seit den Beach Boys echt selten gehörte Balance.

http://www.vevo.com/watch/US38W1633713

Ihr Debütalbum Light Upon The Lake sprüht schließlich nur so vor guter Laune, die nie aufdringlich, sondern herzenswarm wirkt. Von fröhlichen Bläsersequenzen flankiert, gehen die zehn Stücke im kleidsamen Gitarrensound von Max Kakcek eher im Kopf spazieren, als bloß hindurchzurauschen. Noch die plattesten Analogien von Sonne, Sand und Lagerfeuer erscheinen da nicht zu blöde, ja selbst gelegentliche Lalala-Choräle und Stealguitars stören eigentlich nie, wenn Julien Ehrlich von den Facetten ihrer Großstadtexistenzen singt und dabei klingt wie Neil Young wohl gern noch einmal klingen würde. Ach Musik, du bist doch am größten!

Donnerstag, 20 Uhr und Freitag, 12.30 Uhr, Abaton

Soccer Mommy

Das Leben, so was muss man Jugendlichen und Künstlern nicht groß erklären, ist zu anstrengend, um früh aus den Federn zu kommen. Falls dieses Leben aber trotzdem künstlerisch ausgedrückt werden soll, klingen besonders jugendliche Künstler schon mal, als lägen sie noch im Bett. Auch Sophie Allisons Sound hört sich träge, fast schläfrig an, aber nie betrübt. Unterm Nom de Paix Soccer Mommy macht die Zwanzigjährige etwas, wofür das Englische den schönen Begriff Bedroom Pop hat, so als schlafwandle sie auf ausgeleierten Magnetbändern über den Abgrund ihrer emotionalen Selbstbehauptung. Nach einer halbgaren Kompilation ihrer Garagen-Werke zeigt das tolle Debütalbum Clean nun, welchen Sog das Aroma ausgestellter Unlust an der Leistungsgesellschaft erzeugt.

Als derangiertes Zerrbild des All-American-Girls kratzt sich die New Yorkerin aus Nashville in ihren Videos blutig, schminkt sich hässlich, gibt sich trostlos, singt sich zur unverzerrten Gitarre aber flugs wieder raus aus diesem Desaster und bläst der Oberflächlichkeit unserer Zeit mitsamt ihrem destruktiven Schönheitideal dadurch gehörig den Marsch. Clean ist passive Aggression ohne allzu viel Wut im Bauch: Zu entspannt, um zu revoltieren, geht Sophie Allison lieber noch mal ins Bett als auf die Barrikaden. Krafttanken beim Faulenzen: man möchte sich gern dazulegen.

Donnerstag, 22.30 Uhr, Nochtspeicher

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Freitag, 19.30 Uhr, Knust

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

Freitag, 20.30 Uhr, Thomas Read

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Freitag, 23 Uhr, Sankt Pauli Museum

Brett

Brett ist ja mal eine Ansage. Brett heißt musikalisch betrachtet volle Breitseite. Um Brett zu heißen muss man demzufolge auch Brett liefern. Und Brett liefert. Brett ist eine Band, die aus allen Teilen Deutschlands, wie es scheint, zusammengewürfelt in Hamburg zusammengefunden hat, um aus Brettern Rock zu machen oder umgekehrt. Und das Debütalbum mit dem ziemlich grandiosen Titel WutKitsch macht genau das: Postpunkrock, der kachelt. Aber eben nicht nur das. Er kachelt mit Stil und Bedacht. Ganz im Sinne des progressiven Philosphiestudentenhatecore der Marke Messer, Trümmer, 208, Die Nerven und wie sie alle heißen, wird Empörung zu Krach und Krach zu Empörung und das klingt, meistens zumindest, ziemlich gut.

In der Videoauskopplung Ein schöner Tag (schade, dass Krieg ist), dekliniert Sänger Max zu grob verzerrter Gitarre in leicht überhitztem Geschrei durch, wie schön die Welt doch wäre, wenn die Welt denn kollektiv an ihrer Schönheit teilhaben dürfte und nicht nur ein paar Privilegierte. Das ist so der Tonfall. Textlich ausgefuchst, musikalisch vielschichtig, manchmal etwas ostentativ revoltierend und vom Sound her metallisch, aber im Grunde völlig angemessen angesichts einer Zeit, die eigentlich dringend einer Revolte der Entrechteten bräuchte, stattdessen aber bloß eine stumpf nationalistischer Rassisten kriegt. Ein Brett gegen Stumpfsinn und Populismus. Harte Zeiten.

Samstag, 21.30 Uhr, Gruenspan


Joachim Luger: Hansemann & Lindenstraße

Kunst kommt nach Brot

Nach 1685 Folgen in fast 33 Jahren hat mit Joachim Luger alias Hans Beimer (Foto: WDR/GFF) eines der letzten Gründungsmitglieder die Lindenstraße verlassen. Vorab gab er uns ein Interview über gute Zeiten, schlechte Zeiten in Deutschlands dienstältester Weekly-Soap, wie sein Abschied aussah und was danach noch so kommen kann.

Interview: Jan Freitag

Herr Luger, was genau machen Sie am 2. September gegen zehn vor sieben?

Joachim Luger: Ich werde mich im Funkhaus Köln einfinden, wo die Lindenstraße vor geladenen Gästen läuft, während das WDR-Orchester live die Filmmusik einspielt. Große Leinwand, großer Saal, danach große Party…

… großer Bahnhof!

Ich bin ehrlich gesagt auch ein bisschen überwältigt, welchen Abschied man mir bereitet.

Wie geht es dann um 19.20 Uhr in Ihnen vor, wenn nach 33 Jahren Ihr letzter Schlussakkord erklingt? (Wie fühlen Sie sich dann, müsste es heißen?)

Ganz ruhig, nehme ich an. Wenn überhaupt Anlass zur Wehmut bestanden hätte, dann Ende Mai, als wir die letzte Folge im Kasten hatten. Da ich ab Anfang Juni einen Theatervertrag in Dresden hatte, musste alles sehr schnell gehen. Hans Geissendörfer hielt im Studio eine sehr anrührende Rede, meine Kollegin Irene Fischer hat mir ein wunderbares Abschiedsgeschenk gemacht.

Nämlich?

Sie hat mir ein Theaterstück geschrieben. Aber weil ich unmittelbar danach nach Dresden gefahren wurde, hatte ich gar keine Zeit, um melancholisch zu werden. Das kam dann erst im Juli, als ich bei einigen Nachdrehs nochmals durch die Kulissen lief. Da wurde mir schon bewusst, welch großen Teil meines Lebens die Serie ausmacht.

Können Sie sich noch an deren Debüt erinnern, den 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr?

Genau sogar. Die Premiere habe ich gemeinsam mit allen Kollegen geschaut und in der Serie übrigens für den ersten Cliffhanger gesorgt. Es war nur ein Wort: „Marion!“, zu meiner Filmtochter, die plötzlich blutüberströmt in Flur stand.

War damals denn denkbar, dass Stand heute 1677 Cliffhanger hinzukommen würden?

Absolut nicht! Als Hans Geissendörfer sagte, ich sei für ein Jahr engagiert, könne aber nebenher kein Theater spielen, kam mir schon das sehr, sehr lang vor. Und als der Vertrag verlängert werden sollte, wollte ich schon deshalb nicht abbrechen, weil die Presse uns so verrissen hatte, dass ein Ausstieg nach Flucht ausgesehen hätte. Zumal ich längst den Stempel Hans Beimer weghatte. Ich wurde schon fast von Beginn an auf der Straße mit meinem Filmnamen angeredet.

Und wann kam der Punkt, an dem klar wurde: die Serie hält womöglich ewig?

Ich war eigentlich alle fünf Jahre aufs Neue überrascht, dass es weiterging, und überzeugt, dass nach 30 Jahren endgültig Schluss sein würde. Schwer getäuscht! (lacht).

Die Quoten waren auch nicht mehr so besonders…

Das stimmt, da wird aber mit zweierlei Maß gemessen. Als wir anfingen, gab es nur ARD, ZDF, die Dritten und RTL. Der Kuchen wurde also noch in größere Stücke geschnitten und war Hauptnahrungsmittel für viel mehr Menschen. Mit den Jahren wurden die Stücke dünn und dünner, da ist es logisch, dass wir nicht mehr die Quoten von damals haben.

Hatten Sie persönlich denn je das Gefühl, jetzt sei aber mal Schluss.

Es gab eine Phase Anfang der Neunziger, als ich mit der damaligen Regie künstlerisch und menschlich überhaupt nicht zurechtkam. Ich stand vor die Wahl, deswegen aufzuhören, aber Hans Geissendörfer sagte zu mir: es gibt viele Regisseure, aber nur einen Hans Beimer. Damit war meine Treue besiegelt.

Die allerdings dazu geführt hat, nur noch selten etwas anderes zu spielen…

Ja, aber ich hatte durchaus meine kleinen Fluchten. In Bochum zum Beispiel habe ich schon früh erfolgreich musikalische, komödiantische Kleinkunst gemacht und ab 1999 auch Boulevardtheater in Düsseldorf und Köln – und das mit großem Vergnügen. Bei all den Problemen, die Hans Beimer Woche für Woche hatte, hätte er eigentlich beim Psychiater landen müssen. Da brauchte es schon einen heiteren Ausgleich. Mein erster Vertrag am Lübecker Stadttheater lautete übrigens: jugendlicher Charakterdarsteller und Komiker. Gut, Jugend war passé, aber die Komik nur in Vergessenheit geraten.

Zugleich war er 33 Jahre lang ein Fels in der Brandung des ständig wechselnden Personals, der selbst im Untergang noch die Ruhe bewahrt.

Bis auf kleine Ausrutscher wie ein kurzes Alkoholproblem stand ich fast bis zum Schluss stets fest auf dem Boden der Realität.

Fast?

Na ja, die Parkinson-Erkrankung war eine ziemliche Herausforderung. In einem Film würde einen die Krankheit für 90 Minuten beschränken, in einer Serie für immer. Die schauspielerischen Mittel auf Dauer mimisch, gestisch, sprachlich, auch inhaltlich so zu limitieren, war mir irgendwann zu wenig und im Grunde eine Reduzierung zu viel. Außerdem vollende ich genau einen Monat nach der letzten Folge mein 75. Lebensjahr; da darf man gern ein bisschen kürzer treten, und Hans Beimer ist meiner Meinung nach vielleicht auch auserzählt. Ich gehe im Frieden.

Aber wäre Ihre Schauspielerleben ohne diesen quasi verbeamteten Serienjob mit mehr Bildschirmpräsenz als jede andere Figur nicht vielleicht besser, reichhaltiger verlaufen?

So ein Gedanke kam tatsächlich mal – schon weil ich niemals beim Ergreifen dieses Berufes eine Festanstellung im Sinn hatte. Aber ich hatte mich nun mal entschieden und wusste die Sicherheit als Familienvater auch zu schätzen. Anfangs habe ich noch in anderen Produktionen gespielt, sogar einmal den Täter im Tatort: Blindekuh. Aber die Angebote blieben zusehends aus.

So funktioniert die Branche.

So funktioniert die Branche. Aber während anfangseinige Kollegen leicht die Nase gerümpft haben über solch eine Serienrolle, kamen im Laufe der Jahre immer mehr auf mich zu, ob ich Ihnen nicht zu einer Rolle in der Lindenstraße verhelfen könnte. Das zeigt mir: Kunst kommt nach Brot. Ich bin zufrieden, habe mich zuletzt aber in der Tat häufiger gefragt, was jetzt noch kommen soll. Es wird halt schwieriger, Dinge zu erzählen, die polarisieren.

Es ging ums polarisieren?

Nicht in erster Linie, aber Hans Geissendörfer wollte schon bewusst gegen den Strich bürsten. Als wir Homosexualität, Neonazis, Kindesmisshandlung, Drogensucht, Antiatombewegung zum Teil einer alltäglichen Serie gemacht haben, wurde darüber noch wochenlang heiß diskutiert, und ein Gauweiler hat uns verklagt, weil es in einer Folge hieß, er sei ein Faschist. Heute gibt es in jeder Vorabendserie Aufreger wie diese, vom Internet ganz zu schweigen.

Wobei die Lindenstraße weniger wegen der Skandale von Bedeutung ist, sondern als eine Art Glossar gesellschaftlicher Befindlichkeiten der vergangenen vier Jahrzehnte oder?

Das ist ihr Verdienst, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Was nie in der Lindenstraße vorkam, war auch in der Wirklichkeit nicht von Belang. Das hat sie sich bis heute bewahrt.

Ist das gewissermaßen ihre Lebensversicherung?

Ich gebe generell keine Prognosen ab, weil die meist danebenliegen, wie lange es die Lindenstraße noch geben wird. Aber soweit ich gehört habe, steigt die Zuschauerzahl gerade wieder. Guter Zeitpunkt für einen Abschied.

Hat man bei Ihnen eigentlich mal nachgefragt, welchen Sie gern hätten?

Als ich mit Hans und Hana Geissendörfer darüber geredet habe, hatte ich einen sehr konkreten Vorschlag, der teilweise sogar übernommen wurde. Dass ich sterbe, ist ja kein Geheimnis.

Aber in ihren Stiefeln, am besten im Sattel?

Im Gegenteil. Ich wollte heimlich, still und leise verschwinden, typisch Hans Beimer eben.


Chemnitzer Volkssturm & Pflegenotstand

Die Gebrauchtwoche

27. August – 2. September

Es wurde mal viel gefaselt auf den einschlägigen Kanälen der neuen Medien. Donald Trump zum Beispiel, fraglos der wildeste Reiter dieses hyperkommunikativen Weltrodeos, hat getwittert, 96 Prozent aller Suchergebnisse zu seinem Namen (den gewiss niemand häufiger googelt als er selbst) kämen von linksgerichteten Medien, was er „sehr gefährlich“ nannte und Google, Facebook, ja selbst sein geliebtes Twitter warnte, sie „bewegen sich auf sehr dünnem Eis“. Welch fürsorglicher Präsident.

Ebenso sorgsam zeigte sich die AfD-Fraktion Hochtaunuskreis, als sie Medienvertreter jeder Art warnte, in Sachen Chemnitzer Volkssturm gefälligst im Sinne der guten, ergo: rechtsradikalen Sache zu berichten: „Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten. Bei allen uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt, ist es zu spät“.

Der besseren Lesbarkeit wegen wurde die ganz und gar undeutsche Rechtschreibung des zwischenzeitlich gelöschten Tweets korrigiert, aber so in etwa war halt der Tenor, als die Wahrheit im Netz so lange verbogen wurde, bis Karl-Marx-Stadt kurz eine national befreite Zone war, die am Samstag drauf schon mal vorrevolutionär gebt und viele der vermeintlichen Staatsberichterstatter, etwa des MDR, gewaltsam von der Demo vertrieben hat. Wer zu alldem leider – ob in gesprochenem Wort noch binären Codes – wenig und das auch noch zu spät oder unglaubwürdig gesagt hat, waren leider jene, von denen man wirklich mal etwas hören wollte. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer etwa oder Bundesinnenminister Seehofer.

Dafür hat eine andere News die Welt bewegt: „Die User der Erotik Plattform xHamster wünschen sich mehr von Katja Krasavice.“ Die Youtuberin hatte bei Promi Big Brother so sichtbar an sich rumgenestelt, dass der zugehörige Film zum Renner des Pornoportals wurde, weshalb sie „die junge Influencerin“ nun unter Vertrag nehmen möchte. Sage noch mal einer, RTL2 sei nur für Arbeitslose. Oder ZDF voller Pilcher. Nach Recherchen von DWDL nämlich entsteht dort demnächst eine Serien-Fassung von Frank Schätzings Der Schwarm.

Die Frischwoche

3. – 9. September

Was das deutsche Fernsehen bislang am besten beherrscht ist allerdings alles mit Kittel und Robe. Deshalb passt Die Heiland ab Dienstag zur besten Sendezeit auch so prima ins ARD-Programm. Es geht darin, schnarch, um eine Anwältin, die gähn, blind ist. Das ist zwar nach realen Motiven, dramaturgisch bleibt die Serie mit der klarsichtigen Lisa Martinek als sehbehinderte Verteidigerin so altbacken und öde, dass es, sorry für den Kalauer, schlicht zum Wegschauen ist. Hinschauen darf man hingegen gern beim ARD-Mittwochsfilm tags drauf. In Alles Isy brilliert Claudia Mehnert (Weissensee) als Mutter eines Vergewaltigungsopfers, was das Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen unter der Regie des Autoren-Duos Mark Monheim und Max Eipp sehr zurückhaltend, aber ungeheuer intensiv in Szene setzt.

Bis an den Rand des Erträglichen radikal ist das Arte-Drama Sieben Stunden am Freitag um 20.15 Uhr. Die Gefängnispsychologin Hanna wird dabei von einem Hochsicherheitshäftling als Geisel genommen und mehrmals vergewaltigt. Nach einer wahren Begebenheit erzählt der Film von dieser unfassbaren Tat, mehr aber noch dem Versuch, das Trauma zu überwinden. Die Regie führt – frei nach Susanne Preuskers Tatsachenbericht Sieben Stunden im April – Meine Geschichte vom Überleben – der Grimmepreis-Träger Christian Görlitz (Freier Fall).

Auf ganz andere Art drastisch ist die heutige Story im Ersten um 22.45 Uhr namens Absturz. Autor Ralf Ulrich Schmidt zeigt darin sehr anschaulich, wie der Leipziger BWL-Student Thomas Wagner mit Reiseportalen wie Ab-in-den-Urlaub oder fluege.de zum gefeierten Star der Startup-Branche wird und dann so krachend scheitert, dass er am Ende beim Aushandeln eines waghalsigen Rettungsplans buchstäblich vom Himmel fällt und bei einem Flugzeug-Crash stirbt. Im Anschluss nimmt Uli Wendelmann in Allein auf Station die drohende Katastrophe der Krankenpflege unter die Lupe.

Und ja, schon klar, ist bekannt, man sollte die Serien des gewissenlos profitsüchtigen Amazon-Konzerns nicht empfehlen, aber für Six Dreams machen wir mal eine Ausnahme. Die Doku-Serie befasst sich ab Freitag mit sechs Einzelschicksalen der spanischen Primera División jenseits von Real oder Barcelona und wirft damit ein bedrückendes Schlaglicht auf den Profi-Fußball insgesamt. Und der Tatort-Tipp: Am Mittwoch wiederholt der MDR den gut abgehangenen Ost-Fall Nr. 283 von 1993, in dem es Sodann und Ehrlicher mit der organisierten Kriminalität in Sachsen zu tun kriegen, die damals noch keine Jagd auf Ausländer, sondern eher Drogen umfasste.


Anna Calvi, Ohmme, Justice, 1000 Gram

Anna Calvi

Ob Anna Calvi nun lesbisch oder sonstwie homoerotisch ist, wird nach den ersten zwei Platten der britischen Songwriterin zwar hitzig diskutiert. Davon abgesehen, dass Anna Calvis Liebesleben zunächst mal nur Anna Calvi etwas angeht, gibt ihre Musik aber auch auf der dritten Platte reichlich Auskunft darüber, woran sie emotional interessiert ist: An den Gefühlen von Menschen füreinander, besonders die ganz großen, alles umfassenden, herzzerreißenden, tief bewegenden, gern verschwitzten, Hauptsache gegenseitigen. Musikalisch ist Hunter daher der gewohnt elegante Rodeo-Ritt zwischen sehr großer Oper und sehr kleinem Kammerspiel, mit dem sie vor fünf Jahren auch schon auf One Breath brilliert hat.

Und inhaltlich packt sie all die gewaltigen Streicher-Arrangements, Metal-Sägen, Filmscore-Choräle und Orchester-Pauken in ein wallendes Gewand von so aufwühlender Emotionalität, dass man sich bei jedem der zehn im wahrsten Sinne des Wortes grandiosen Tracks zwischen Mailänder Scala, Hauptbühne Wacken und frühem Jamens Bond wähnt. Von dieser Spannkraft zeugt allein das Video zum Titelsong, dessen explizite Darstellung autoerotischer Zärtlichkeit schon wegen der expliziten Bilder kaum auf Facebook verlinkt werden dürfte. Pop klang selten so pathetisch, ohne peinlich zu sein. Großes Melodrama!

Anna Calvi – Hunter (Domino)

Justice

Big Beat, das war doch diese weltumspannende, hochenergetische Elektronikzentrifuge, in der von Techno über Funk, Rap, Klassik hin zu Punkrock alle Sounds so lang durcheinandergewirbelt wurden, bis daraus die denkbar wildeste Tanzmusik entstand. Abgesehen vom unsäglichen Eurodance galt Big Beat demnach als ein Inbegriff der eklektischen 90er, die der Disco kaum Neues geschenkt haben, das aber mit Nachdruck. 20 Jahre, 200 Krisen und ähnlich viele Stilwechsel von Daft Punk später scheint das Zeitalter der boxenturmstürzenden Mashup-Würfe also vorbei.

Doch dann erklingen die ersten Stücke der neuen Platte von Justice und jenseits aller Nostalgie wird spürbar: Das Prinzip alles auf einmal mit viel Bass und Trash funktioniert noch immer. Wenn Xavier de Rosnay und Gaspard Augé etwa ein Spinett unters industrielle Raunen von Heavy Metal montieren, wirkt es wie Slayer auf Jean Michel Jarre, in einem Wort: famos. Vom geschmeidigen, leicht süffigen French House der beiden Freunde sind auf den Neuinterpretationen von Woman Worldwide also nur die inhaltlich gewohnt sinnlosen House-Vocals geblieben. Der Rest ist ein Brett, das den Mainstream des Pop zünftig mit seinen eigenen Waffen vermöbelt.

Justice – Woman Wordlwide (Ed Banger)

Ohmme

Die konsumgeile Spaßgesellschaft ist vielleicht der traurigste Ort unseres lustig verlotterten Planeten. Im Bällebad des Überflusses glotzen adulte Kinder so debil aus der Wäsche, dass Erwachsenen bei Verstand das Lachen vergeht. Sima Cunningham und Macie Stewart zählen definitiv zu letzteren. Unterm Bandnamen Ohmme lassen sie sich jedoch glücklicherweise auf erstere ein und machen daraus Independent von derart sarkastischer Lässigkeit, dass die Ignoranz der konsumgeilen Spaßgesellschaft für neun Tracks ihres Plattendebüts ein wenig erträglicher wird.

Der heilsame Stoff zur Magenentsäuerung heißt Parts und hat das heimische Chicago live verabreicht bereits wie eine gut verträgliche Designerdroge erobert. Sie besteht aus einer Vielzahl von Samples, Instrumenten, Fieldrecordings, die oft hinten und vorne nicht zum dadaistischen Doppelgesang der beiden Endzwanzigerinnen passen, aber klingen wie die Andrew Sisters im heillosen Durcheinander von Weens Garage. Und die Percussions vom vogelwilden Drummer Matt Carroll sorgen auch nicht für Ordnung. Eingängig ist daran wenig, aber vieles auf spöttische Art ergreifend. Der perfekte Soundtrack zum anstehenden Weihnachtseinkauf.

Ohmme – Parts (Joyful Noise)

1000 Gram

Dringlichkeit das vielleicht wichtigste Wort einer Branche, die seit jeher mit undringlichem Überfluss zu tun hat. Meist wird das, was man im weitesten inne Popmusik nennt, mit so viel redundanter Lieblosigkeit überspült, dass die Momente echter Energie gelegentlich untergehen. Wer allerdings wirklich etwas zu sagen, zu spielen, vorzutragen hat und wem all dies ersichtlich eine Herzensangelegenheit ist, wird noch immer gehört, keine Sorge. Bands wie die hinreißenden Modest Mouse etwa oder auch: 1000 Gram. Das skandinavisch-österreichisch-deutsche Kollektiv mit Standort Berlin schafft es seit Jahren Indierock zu machen, der gleichsam in Kopf und Gemüt geht.

Und genau das gelingt Moritz Lieberkühns Gesang auch auf der dritten Platte mit dem wunderbar wortverspielten Titel By all dreams nessecary. Die zehn Stücke darauf sind abermals von so dringlicher Mitteilungsbedürftigkeit, dass es an die Emo-Heroen Buffalo Tom erinnert. Doch so ergreifend Lieberkühns Gesang ist, so virtuos untermalen ihn Arne Braun, Paul Santner, Alexander Simm und Lukas Akintaya mit eleganten Alternative-Kaskaden, von denen die Video-Auskopplung Daydream zeigt, dass 1000 Gram auch ganz schön schrammeln können. Wenngleich sich die Alben gleichen – das amerikanophile Quintett darf gern noch ein paar Jahrtausende genauso weitermachen.

1000 Gram – By all dreams nessecary (staatsakt)