Franka Potente, L.A. via Skype, 2011

Ich bin jetzt in Amerika

Ob das nun ihrer künstlerischen Güte geschuldet ist oder doch eher dem bemerkenswerten Aussehen – Franka Potente (39) ist international Deutschlands international derzeit erfolgreichste Schauspielerin. Umso erstaunlicher, wenn die Westfälin fast 20 Jahre nach ihrem Durchbruch Nach Fünf im Urwald mal hiesiges Fernsehen statt amerikanische Blockbuster macht – und dann noch als Beate Uhse – Das Recht auf Liebe (heute, 20.15 Uhr, ZDFkultur). Ein freitagsmedien-Gespräch über Emanzipation, Doppelmoral und Deutsche in Hollywood

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Potente, ist Beate Uhse ein Film über eine starke Frau, oder ist es einer über eine Gesellschaft, die mit ihr nicht zurechtkommt?

Franka Potente: Das eine bedingt das andere, weil eins ohne das andere gar nicht denkbar wäre – die Stärke dieser Persönlichkeit ohne den Widerstand des Umfeldes, in dem sie sich entwickeln musste. Sie war schon eine Pionierin, was als Thema ja bereits genügen würde. Der Kontrast zu ihrer Zeit aber macht es zutiefst spannend.

Konnten, können Sie sich mit ihr identifizieren oder ist der Handlungsrahmen dieser piefigen Bundesrepublik zu abstrakt?

Es gibt bei aller Abstraktion Berührungspunkte. Ich erlebe es ja am eigenen Leib, dass Außenstehende sich eine Meinung über mich bilden, die mir nicht entspricht. Spannung entsteht auch da erst, wenn sie in sich zusammenfallen. Mich hat an Beate Uhse besonders das scheinbar Unvereinbare ihres Lebens interessiert: Hausfrau, Unternehmerin, Mutter. Häuslich, freiheitsliebend, unternehmerisch. Diesen Vereinbarungskampf kennt man selbst als emanzipierte Frau in der Gegenwart. Bei Beate kam hinzu, dass die Mauern, die sie einrennen wollte, alles andere als alltäglich waren; sie hat ja nicht um ein Stückchen Freiheit gekämpft, sondern Sexspielzeug verkauft. Und das als Frau.

Wäre das auf weniger Widerstand gestoßen, wenn es ein Mann getan hätte?

Würde ich mal vermuten. Es ist ja heute noch so, dass Frauen in führenden Positionen ganz anderen Widerständen ausgesetzt sind als Männer, dass die pure Möglichkeit der Schwangerschaft als Aufstiegshindernis gilt. Es gibt so viele hässliche Typen in der Politik, aber bei keinem wird das Äußere so diskutiert wie bei Angela Merkel. So emanzipiert die Tatsache einer Kanzlerin ist, so groß scheint das Bedürfnis, das auch ein wenig abzustrafen.

Sind Sie selber von Ungleichheiten dieser Art betroffen?

Am Anfang der Karriere eher. Während meine männlichen Kollegen damals häufiger in den Feuilletons zum Inhalt ihrer Filme befragt wurden, waren es bei mir mehr Gespräche in Frauenmagazinen über Haarfarben. Heute stehe ich in der Hierarchie am Set natürlich ein bisschen höher als zu Beginn meiner Karriere, aber von dort aus betrachtet entdecke ich die gleichen Mechanismen wie immer.

Ihre Beate Uhse schafft es, den patriarchalen, verlogenen, spießigen Irrsinn um sie herum oft wegzulächeln. Gelingt Ihnen das auch?

Ich brauche da etwas mehr als Lächeln (lacht). Wenn etwas gegen meinen Willen geschieht, kann ich mich sehr aufregen, verändere allerdings im Zweifel etwas an der Situation. Ich würde immer kämpfen, auch vor Gericht. Beate musste auch oft den Kopf hinhalten, aber das ist mit offenem Visier nicht immer zu ertragen. Die Menschen damals waren noch mehr zu Entbehrung und Demut erzogen.

Welches Bild hatten Sie vor dieser Rolle von Beate Uhse?

Das bekannte: Die Frau, die das Sexspielzeug verkauft, weniger die politische Aktivistin, die Mutter, die Frau. Aber ich habe nicht gewertet, schon gar nicht negativ. Ich habe keine Berührungsängste zu ihrer Ware.

Haben Sie sie als Feministin wahrgenommen?

Bis zum Drehbuch nicht. Ich wusste aber, dass Alice Schwarzer, die ich sehr schätze, ein Problem mit Beate Uhse hatte, weil die ja auch Pornos vertrieben hat. Das stört mich übrigens auch ein bisschen bei all dem, was sie zum Guten bewegt hat. Ich habe zwar ein relativ entspanntes Verhältnis zur Pornografie, sehe es aber kritisch, dass darin strukturell die Tendenz besteht, sich auf Kosten anderer zu vergnügen. Andererseits steht dem Angebot eine Nachfrage entgegen. Wenn jemand Pornos gucken will, soll er es also tun, solange bestimmte ästhetische Rahmenbedingungen erfüllt sind. Und wenn sich jemand daran stört, sollte er sich vor Doppelmoral hüten.

Sie leben gerade in den USA, wo die Doppelmoral gerade hoch im Kurs steht.

Ach, diese Doppelmoral entspricht letztlich der aller kapitalistischen Länder: Was sich verkauft, wird geduldet. Und die USA sind nun mal ein ausgesprochen kapitalistisches Land, in dem die größte Pornoindustrie der Welt in puritanischer Atmosphäre gedeihen kann. Aber es kommt auch immer drauf an, wo man ist. In Kalifornien, wo ich lebe, geht es im Vergleich zum Landesinneren sehr liberal zu. San Franzisko ist nicht ohne Grund das Schwulenmekka, aber im Bibelgürtel kann es richtig gefährlich sein, sich zu outen.

Hat ein Film wie Beate Uhse ein aufklärendes, emanzipierendes Element oder ist es erstmal nur ein Biopic?

Idealerweise beides. Der Film vermittelt etwas über Zivilcourage, Leidenschaft und darüber, für seine Ideale einzustehen. Da viele Frauen, ob in den USA oder Deutschland, noch immer Probleme haben, wie sie eigentlich seit Beates Kampf ausgestanden sein sollten, kann so ein Biopic auch im Jahr 2011 noch viel in den Köpfen bewirken. Weibliche Häuslichkeit ist immer noch der Standard.

Entstammen Sie einem Elternhaus mit klassischer Rollenverteilung?

Meine Eltern haben zwar beide immer gearbeitet, aber Karriere durfte eher mein Vater machen.

Was prädestiniert Sie für die Rolle der Beate Uhse?

Die große Ähnlichkeit (lacht). Nein – Hansjörg Thurn ist zwar ein Regisseur, der viel Wert auf Präzision legt, aber die Ähnlichkeit spielte hier nur eine untergeordnete Rolle. Zumal von Beate Uhse ja auch kaum Bilder ihrer jungen Jahre kursieren. Ansonsten ist die Rolle eben einfach zu mir gekommen und hat es hat mich interessiert, die gängigen Klischees über diese spannende Frau aufzulösen

Jetzt kommen Sie zum deutschen Fernsehen, was Sie in Ihrer Karriere gar nicht oft getan haben.

Das folgt aber keiner Entscheidung für oder gegen das Medium. Zumal ich gerade mit drei Projekten in Deutschland zu sehen sein werde: Laconia und Beate Uhse im Fernsehen, Valerie im Kino. Ich habe keine Vorbehalte gegen Deutschland, aber mein Lebensmittelpunkt ist nun mal Amerika und man versucht dort zu arbeiten, wo man wohnt. Das sind ganz praktische Gründe. Und ich freue mich jedes Mal, in die alte Heimat zu kommen.

Wenn man wie Sie große internationale Produktionen spielt und in Serien wie Dr. House als Gaststar besetzt wird – muss man da um seine Bodenhaftung fürchten, sich als Schauspielerin zu wichtig zu nehmen?

(lacht) Ich glaube, mein bisheriges Wirken widerlegt diese These. Valerie ist ein Hardcorekunstfilm für wenig Geld und ich entscheide über kein Projekt nach dem Grad meiner Bekanntheit; das wäre der Anfang vom Ende. Noch entscheidet das Interesse über meine Zusagen. Und man hat auch gar nicht diese Sicht auf sich herab wie sie Außenstehende haben. Ich steuere mein Image ja weniger als es die Medien machen.

Als was gelten deutsche Schauspieler in den USA heute – die Nazis vom Dienst wie früher, Verkaufsargumente für den internationalen Markt oder Darsteller wie alle?

Die Herkunft spielt eine weit geringere Rolle als man aus der Ferne denkt. Die Französin Marion Cotillard hat für ihre Rolle als Édith Piaf erst 2008 den Oscar gekriegt, Die Branche hier ist viel zu offen und professionell, um die Herkunft gegen den Nutzen für die Rolle abzuwägen. Was es insgesamt schwieriger macht, ist die sinkende Zahl von Filmen. Da sitzen auch viele amerikanische Kollegen auf dem Trockenen und machen mehr Fernsehen als zuvor.

Kommen Sie mal wieder zurück nach Deutschland.

Ich bin jetzt in Amerika und bleibe da erstmal, komme aber immer gern nach Deutschland.


Bullerbümassaker

fragezeichen_1_Von wegen Lönneberga – skandinavische Bücher und Filme stehen längst nicht mehr für Idylle in rotweißen Holzhäusern, sondern ausgeweidete Leichen in Tiefgaragen. Seltsam.

Es gibt einen soziologischen Begriff namens Bullerbü-Syndrom. Wer an Schweden denkt, so lautet die These, sieht vor seinem geistigen Auge sogleich idyllische Landschaften voll spielender Blondschöpfe vor rotweißen Blockhütten im Sonnenschein. So war das zumindest früher, im Kinderbuch-Gestern. Und jetzt? Beißt die Phantasie auf eine imaginäre Kunstblutkapsel und zeigt statt Michel und Pippi ausgeweidete Opfer düsterer Mordfälle samt ihrer depressiven Ermittler. Stilbildend für unser nördliches Nachbarbild ist also nicht mehr Astrid Lindgren, sondern Henning Mankell. Aber warm bloß sind skandinavische Krimis so derart brutal und krass?

Wegen der Dunkelheit, sagt Mankell selbst, sagen Autoren wie Regisseure wie Darsteller wie Publikum. Monatelange Sonnenlosigkeit sorgt halt für finstere Gedanken. Das allerdings hätte ja auch für Lindgren gelten müssen, die in der ewigen Nacht zwar anfangs nicht mal elektrisches Licht hatte, dafür allerdings umso sonnigere Gestalten ersann. Also doch eher ein Erfolgsrezept. Denn die Normsonnenstundendeutschen haben so viel Gefallen an der kriminologischen Blutrünstigkeit gefunden, dass die Skandinavier dieses Branding immer und immer wieder reproduzieren. Ein schwedischer Thriller, in dem niemand ausgeweidet würde, wäre schlechthin unverkäuflich.


Skandalberichte und Berichtskandale

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 5.-11. August

Sie zucken nicht bloß, sie zappeln richtig, bäumen sich geradezu auf, sind also lang noch nicht so tot wie Thomas Roth, der in den Tagesthemen so locker wirkt, als würde ihn jemand von hinten mit der Waffe bedrohen: Die alten Medien. Ob im Regelprogramm gesendet oder auf Papier gedruckt bleiben sie – trotz Internet, Digital Natives und Tausend Totentänzen – spürbar relevant. Den besten Beleg dafür lieferte Dienstag die Freilassung des Nürnberger Justizopfers Gustl Mollath, den ein rechtsbeugendes Gericht wider besseres Wissen sieben Jahre lang in der geschlossenen Psychiatrie vermodern ließ – bis, ja bis sich erst das ARD-Magazin Report Mainz und dann die Süddeutsche Zeitung der Sache des vermeintlich gemeingefährlichen Aufdeckers eines bayerischen Bankenskandals annahm. Durch fast verbissene Berichterstattung sorgte besonders die SZ damit für die Wende eines Skandals, der ohne klassischen Journalismus wohl ewig ungeklärt geblieben wäre.

Schwer zu glauben allerdings, dass sich Jeff Bezos wegen dieser Kraft des gedruckten Wortes ein Spielzeug namens Washington Post gekauft hat. Für 250 Millionen Euro, also weniger als ein Hunderstel vom geschätzten Vermögen des Amazon-Chefs. Die Exredakteure Bob Woodward und Carl Bernstein würden sich im Grabe umdrehen, lägen sie bereits drin, denn zu ihrer Zeit, als die Aufklärung der Watergate-Affäre das Bild des systemrelevanten Zeitungswesens prägten, waren Reporter wie sie noch angesehene Menschen und Bücher wurden in Buchläden verkauft; heute macht Amazon mehr Umsatz als die gesamte Print-Branche der USA zusammen und kauft sich das Flaggschiff investigativer Rercherche zum Schnäppchenpreis.

Den sich Monika Piel allerdings nicht mal dank ihrer Zulagen hätte leisten können. Wie der Spiegel vor acht Tagen schreibt, kassierte die frühere WDR-Intendantin zu ihrer üppigen Jahresgage von 341.000 Euro nämlich nochmals 59.000 für diverse Aufsichtsratsposten, in denen sie vertragsgemäß zu sitzen hat. Und damit ist sie keinesfalls allein. Von ihren sieben Kollegen anderer Funkhäuser bezieht einzig der beim winzigen Radio Bremen ein Grundgehalt unter dem der Kanzlerin (das mit 199.000 Euro ja auch nicht grad ein Gnadenbrot ist). Dennoch bessern sich bis auf den BR-Boss Ulrich Wilhelm alle ihr Salär spürbar auf. Dass es bei Piels Nachfolger Tom Buhrow nur 3027 zu den fürstlichen 367.000 Euro sind, dürfte den Grimm der Gebührenzahler kaum mildern.

Auch wenn er nicht so harsch ausfallen dürfte, wie bei Kritikern der Dokusoap Auf der Flucht (http://www.berliner-zeitung.de/medien/zdfneo-ein-bisschen-flucht,10809188,23939732.html), die gerade Petitionen gegen das ZDF-Experiment, aus sechs Wohlstandsbürgern für 18 Tage Flüchtlinge zu machen, initiieren. Noch lauter indes war der Protest vieler Lindenstraßen-Fans, die sich nach dem dritten Ausfall ihrer Leib- und Magenserie in 28 Jahren eine volle Woche im Web ausgekotzt haben. Vor allem über den Anlass: DFB-Pokal. Wenn es wenigstens die weit relevantere Bundesliga gewesen, deren Start seit Freitag wieder Fußballdauerbeschuss auf allen Kanälen bedeutet… Den feierte das ZDF Samstag mit einer Jubiläumsausgabe zum 50. Geburtstag vom aktuellen sportstudio, dessen charmante Rückblicke und geladene Altmoderatoren nochmals zeigen, dass manchmal früher doch vieles besser war.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 12.-18. August

Bis zum 16. August 1988 konnte man das eigentlich auch über die aktuelle Berichterstattung seriöser Nachrichtenformate sagen, die zwar seinerzeit staubig trocken und oft unverhohlen parteiisch, aber auch von Seriosität und Intellekt geprägt war. Das änderte sich allerdings diesen Dienstag vor 25 Jahren, als zwei Männer eine niedersächsische Bank überfielen, was anschließend als Gladbecker Geiseldrama in die Geschichtsbücher einging. Denn die Presse, darunter ein junger Reporter namens Frank Plasberg, berichtete nicht nur von der tödlichen Flucht, sie nahm daran aktiv teil, interviewte Täter und Opfer in deren Auto, machte sich folglich gemein mit der Tat, statt sie zu vermitteln.

Das war in gewisser Weise wie 30 Jahre RTL2, komprimiert auf drei Tage. RTL2, ein Kanal, der von der allerersten bis zur aktuellsten Sendeminute nichts als Unrat versendet, also nie besser oder schlechter war als früher oder irgendwann. Ob das Fernsehen früher mal besser gewesen sein wird, als die Event-TV-Schmiede noch eine eigenständige Tochter der Ufa war, oder nun erst gut wird, wenn teamWorx ab sofort als Teil der Muttergesellschaft UFA FICTION unter Leitung des alten neuen Chefs Nico Hofmann weiter am historischen Filmgedächtnis der Deutschen bastelt, bleibt abzuwarten. Aber jetzt, wo die Sommerpause langsam in die Herbstflut neuer Fernsehfilme mündet und Sonntag sogar der Tatort keine Konserve (aus Münster), sondern ungebrauchte Ware (aus der Schweiz) ist, dürfen an dieser Stelle endlich mal wieder neue statt alte Produktionen gelobt werden.

Neben Wiederholungen wie die des brillanten Tatort: Weil sie böse sind am Dienstag im SWR oder auch des Gaunerklassikers Topkapi, Sonntag auf Tele 5, wäre da die frische Kinoadaption Der Räuber, heute im ZDF, das fiktive Porträt eines Marathonläufers, der ähnlich verbissene Energie auf seine Raubzüge verwendet. Leider läuft sie erst nach Mitternacht, weshalb man vielleicht bis Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur warten sollte. Oder auf den Mittwoch, wenn Hermine Huntgeburths wunderbarer ARD-Film Das Glück ist eine ernste Sache mit famosen Darstellern wie Eva Löbau als neurotische Einzelkämpferin zeigt, dass Deutsche längst auch grotesk und gut können. Zu blöd, dass er sich mit einem sportlich belangloses Fußballländerspiel im ZDF messen muss, das selbst dann mehr Zuschauer haben wird, wenn es gegen einen Gegner wie Paraguay geht.

Wenn also schon Fußball, dann doch lieber passiv, mit einer unterhaltsamen Idee von Sport1, das ab heute um 17.45 Uhr einen Fantausch betreibt, bei dem sich Anhänger rivalisierender Clubs – zum Auftakt Schalke und Dortmund – eine Weile unter die des Feindes mischen müssen. Um das zu vertragen, sollte man allerdings Fußball wirklich innig lieben, so wie man eben Leichtathletik lieben sollte, um die unablässige Live-Übertragung der WM in Russland ertragen zu können. Bleibt – nach einen Tagestipp am Donnerstag, dem Arte-ThemenabendGriechenland – noch der Tipp der Woche, täglich zur besten Sendezeit auf Nickelodeon und Comedy Central: die amerikanische Comictrahsserie American Dad, grandios überdreht und ausnahmsweise gut synchronisiert.


Reportage: VW-Blasen

Liebe geht durch den Tank

Sommerzeit ist Festivalzeit. Eines der bemerkenswertesten davon hat einen ziemlich merkwürdigen Namen: VW Blasen, das jährliche Treffen testosterongefluteter Fans gewaltiger Auspuffrohre an aufgemotzten Autos aus Wolfsburg. Vor wenigen Wochen ist das aktuellste zuende gegangen. Grund genug für eine Reportage der schwer alkoholisierten Turbo-, GT- und Tittensause aus dem Jahr 2004

Von Jan Freitag

Nach dem Tod, sagt Falk Richter, da kommen Rosen. Dann lächelt er milde. “Viele in der Szene stehen ja eher auf Totenköpfe und so”, fügt er hinzu und sein Blick wirkt etwas melancholisch. “Wir nicht. Wir lieben die Schönheit.” Der Mecklenburger mit den tiefen Lachfalten spricht über seinen Wagen und er tut es leise. Seine Stimme wird auch dann nicht lauter, als ein Stakkato aus Fehlzündungen die warme Juliluft perforiert und eine Menschenmenge dazu jubelt. Krach, Abgase, Geschrei – das gehört hier einfach dazu, auch wenn Falk Richter so was nicht nötig hat. Falk Richter bevorzugt Seidenblumen im Scheinwerfer, Airbrushspielereien am Lack und beleuchtete Initialen. “FR” prangt in pittoresker Schreibschrift an allen erdenklichen Bauteilen des “Golf 4 Edition” seiner Freundin, den der Kfz-Mechaniker in jahrelanger, zäher und vor allem sauteurer Feierabendarbeit zum “Freestyle Golf” hochgejazzt hat. Und dieser stillgelegte Militärflughafen nahe dem südbrandenburgischen Luckau ist seine größte Bühne.

VW-Blasen heißt das wohl weltgrößte umzäunte Treffen der Wolfsburger Marke und fast 60.000 Besucher aus halb Europa mit ihren 27.000 Autos versuchen vier Tage im Hochsommer beharrlich, jedes Klischee über Fans hochgetunter Kisten zu bestätigen. Man feiert sich und seinen Volkswagen – da kann der VW-Konzern in einer noch so tiefen Krise stecken. Eine Menschentraube umringt den rundum verzierten Boliden von Jana Schattmann. Sie bleibt im Hintergrund. Es ist ihr Auto, aber Falk Richters Projekt. Doch die Besitzerin zeigt nur zu gern die Fotomappe über die Metamorphose vom Kleinwagen zum Gesamtkunstwerk – Dokumentation der Schnittstelle zwischen Spießer und Freak. Digitalkameras surren, Fotoapparate klicken, wenn Richter stolz die Hydraulikanlage vorführt. Ein Knopfdruck und die Kotflügel heben sich. Einzeln. “Anblasen” nennt er diese gänzlich überflüssige Konstruktion. Aber was ist schon überflüssig auf dem Klassentreffen der einzig wahren Generation Golf.

Da zeigt die Szene, was mit der nötigen Dosis Besessenheit aus ganz gewöhnlichen Autos alles werden kann. Da dröhnt Kirmestechno unentwegt aus gigantischen Car-Hifi-Anlagen, da üben sich alkoholisierte PS-Jünger allabendlich in platter Anmache, da lassen Frauen, die das offenbar nicht stört, beim Miss-Wettbewerb auf der Bühne alle Hüllen fallen – auch wenn das weibliche Geschlecht sonst vornehmlich als beifahrende Staffage dient. In der größten Not greifen die Malteser ein, was über 250-mal nötig ist. “Bei VW-Blasen geht es um Autos, Frauen, Party und VW”, definiert Veranstalter Dirk Krühler das mittlerweile neunte Treffen. Es ist ein Festival des Überflusses in Zeiten der Krise. Pünktlich zum Beginn hat Volkswagen eine Gewinnwarnung ausgegeben. Das kalkulierte Konzernergebnis von 2,5 Milliarden Euro wurde um ein Fünftel nach unten korrigiert. Der Nettogewinn soll gar um 36 Prozent einbrechen. Hauptschuldiger dieser Tagesschau-Spitzenmeldung: der neue Golf V, der sich sogar mittels kleiner Sonderausstattungsgeschenke nur halbwegs verkauft. Der Golf. Ausgerechnet das Flaggschiff des Unternehmens, der Leib-und-Magen-Typ von Luckau.

Daniel Nofz zuckt mit den Schultern. “Interessiert mich nicht”, sagt der Besitzer eines aufgemotzten Golf 3 stellvertretend für viele zu den Prognosen. Warum er gerade diese Marke derart liebt, warum er in ein ursprünglich eher biederes Modell jede Minute, jeden Cent, jedes Quäntchen Inbrunst steckt? Der 26-jährige Treppenbauer von der Insel Rügen guckt, als fragte man ihn nach der Form der Erde: “VW hat den größten Markt, die meisten Teile, die solideste Technik.” Blöde Frage also. “Guck dich doch mal um!” Und wenn man das tut, stellt man folgendes fest: “VW-Blasen” wendet sich zwar an die Fahrer aller Produkte des Konzerns, also auch Seat, Audi, Skoda. Doch nichts ist hier so präsent wie der Golf. Sogar Polo, Passat oder Käfer spielen hier die zweite Geige. VW, das sei wie eine Religion, hört man die Jünger öfter sagen, und es klingt wie ein Glaubensbekenntnis.

Das Areal im märkischen Sand beherbergt viele Auto-Treffen – vorwiegend solcher heimischer Marken. Doch Ford, BMW oder Opel brächten es nicht mal gemeinsam auf Besucherzahl und Emotionen der VW-Gemeinde. Sagt der Organisator. Die Marke und ihr Treffen hätten “absoluten Kultcharakter”. In der Wortwahl fahl, in der Aussage richtig: Das Jahr ist gespickt mit Festivals. Der Autobild-Planer listet Hunderte Partys und Treffen aller Modelle und Marken auf. Doch ausgerechnet hier, 60 Kilometer südlich von Berlin, scheint sich die Motorszene heimischer als anderswo zu fühlen. Einer der Gründe dafür ist 402 Meter lang und überaus schmucklos. Die legendäre Viertelmeile, sagen Fachleute vor Ort, sei in Luckau am besten präpariert.

In Sechserreihen stehen sie an für das namensgebende Ereignis der Veranstaltung, das “VW-Blasen”: Verbeulte Golfs der ersten Generation, verchromte Nachfolgemodelle mit Rallyebügeln, überzüchtete Käfer, fensterlose Sciroccos, Polos mit 250 PS. Mit heulenden Motoren warten sie auf den Startschuss zu einem Rennen, das bei keinem Event von Belang fehlen darf. Und auf der alten Notlandebahn sind die Bedingungen perfekt. “Die haben hier die beste Zeitmessanlage”, sagt einer, der nicht so recht nach Geschwindigkeitsrausch und Komaparty aussieht, ein hagerer Angestellter aus Hamburg, ein Hobbyschrauber von 30 Jahren. “Mir geht’s nur ums Rennen”, sagt Michael Doebbel. Der Laptop anstelle des Beifahrersitzes zeugt von Professionalität. Der Starter gibt die Strecke frei. Die Ampel springt auf Grün. Dann rast er los. Und die Tribüne johlt bei jedem qualmenden Reifen. Dass Doebbel mit 200 Spitze gewinnt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So sportlich nehmen es nur wenige. Eigentlich ist Luckau eine Art St. Moritz der einfachen Leute. Man kommt dieses diffusen Wir-Gefühls wegen und hofft auf Spaß und Bestätigung für Leistungen, die andernorts nur Kopfschütteln ernten.

“Drück mal länger”, ruft Falk Richter seiner Freundin zu, die im Wagen sitzt. Das Heck hebt sich. “Ich will zeigen, dass es mehr gibt als PS, PS, PS”, sagt der 31-Jährige. Den Designwettbewerb hat er in diesem Jahr zwar verloren, doch seine Mission wird ihn auch 2005 nach Luckau führen – wenn auch mit anderem Auto. “Umständehalber zu verkaufen”, steht an diesem hier. Das Projekt sei eben beendet, sagt Jana Schattmann. Erfolgreich, davon zeugen elf Pokale im stets offenen Heck. Der Alltag, erklärt ihr Freund Falk, sei schließlich die größte Gefahr für derlei Gefährte – Steinschläge, Unfälle. Ob ihm nicht das Herz nicht doch ein wenig blute? “Eigentlich ja”, seine Stimme senkt sich, “aber man lebt doch glücklicher in einer Erinnerung.”

Der Text ist 2004 in der taz erschienen


Thomas Roth, Tagesthemen-Moderator

Hochamtsflaggschiffkapitän

Der weißhaarige Thomas Roth steht wie kaum ein Zweiter seiner Branche für Kompetenz und Seriosität im deutschen Nachrichtenwesen. Seit Montag nun moderiert der frühere Feldreporter auf mehreren Kontinenten die  ehrwürdigen Tagesthemen. Eine Begegnung in Hamburg.

Von Jan Freitag

Whitehead ist ein respektvoller Begriff. Whitehead nennt man in den USA jene Journalisten, deren ergrautes Haar zum weißen Helm gealtert Seriosität ausstrahlt, Würde und Kompetenz. Einem Whitehead glaubt das Publikum, es sorgt für Vertrauen, Whiteheads sind auch hierzulande Leuchttürme im bewegten Flachwasser neuer Medien und Anker in die alten. Zur Vervollständigung ihrer Autorität tragen sie gern Oberlippenbart, und falls die Herkunft schwäbisch ist – man würde ihnen Gebrauchtwagen auch unbesehen abkaufen.

Thomas Roths stammt aus Heilbronn. Sein Schnäuzer ist so weiß wie das Haar drüber, und wenn der 61-Jährige die Stimme hebt, im charmanten Brummton des altgedienten Nachrichtenprofis, viele würden ihm da fast alles abkaufen. Die Tagesthemen zum Beispiel, Roths neuer Arbeitsplatz und doch so viel mehr. Es ist eine Art Hochamt aktueller Berichterstattung, in leitender Funktion seit 1978 moderiert von Monolithen wie Klaus Bednarz, Wolf von Lojewski, Ernst-Dieter Lueg, Sabine Christiansen, Ulrich Wickert. Kaliber, deren Namen bisweilen den Nachhall von Altbundeskanzlern haben.

Und nun also Thomas Roth.

Bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Anchor dieses altehrwürdigen Formats, stilecht in einem Luxushotel mit Alsterblick, bevorzugt er zwar das weniger weihevolle Wort „Flaggschiff“; doch wie dieser notorische Krawattenträger da mit Manschettenknöpfen, polierten Schuhen und randloser Brille auf der Bühne, seiner Bühne sitzt; wie er sich mit der verstörend kurz berockten NDR-Kollegin Inka Schneider beim – so heißt das im Ersten Programm, wenn es gleichsam sachlich und locker zugehen soll: Podiumsgespräch, die Bälle zuspielt; wie er sich breit macht im Sessel und kerzengerade zugleich; wie er manchmal ein leicht einschüchterndes Lachen hinters etwas große Lächeln schiebt, ansonsten aber stets die Contenance wahrt, ernsthaft bleibt, verbindlich wirkt; wie er sich also mit dem Selbstwertgefühl eines ereignisreichen TV-Lebens im Scheinwerferlicht sonnt – da wirkt alles, als habe sich Chefredakteur Kai Gniffke keinen Moderator gesucht, sondern anfertigen lassen. Nicht nach Schema F, aber passgenau.

Denn Thomas Roth, das zeigt er hier vorm sendenden, schreibenden, funkenden Kollegium der Freien Medien- und Tagesschau-Stadt Hamburg, ihm passen jene ziemlich großen Schuhe, die seinem Vorgänger Tom Buhrow oft ein bisschen klein schienen, womöglich besser. Das liegt sicher auch an körperlicher Größe, ein paar Zentimeter weniger nur als die des langen Ingo Zamperoni, der ebenfalls im Gespräch für den Posten hier nur zu Gast ist bei der Inthronisation des Neuen. Besonders aber liegt es an der Größe seiner Karriere: Volontariat beim SWR, ab 1988 ARD-Korrespondent in Südafrika, sodann Studioleiter Moskau, Chefredakteur des Hauptstadtstudios, zuletzt unser weißhaariger Hauptberichterstatter vom Whitehead-Eldorado New York. Allesamt keine Flachetappen im Massenspurt, eher Bergankünfte der höchsten Kategorie oder um im privaten Lieblingssport des selbsternannten Teamplayers zu bleiben: Achter mit Steuermann. Roth am Steuer, Roth am Schlag, Roth überall, versteht sich.

Dass er dennoch zurückhaltend, beinahe bescheiden umgeht mit den eigenen Meriten, auch das hat ein bisschen mit der Farbe seiner Haare zu tun, den besseren Manieren der alten Schule vielleicht, mit Taktgefühl und Etikette. Den Traum vom Studiojob Tagesthemen, sagt der erfahrene Feldreporter, habe er nie geträumt, „doch jetzt sei es einer“. Und den gehe er mit Verantwortungsbewusstsein an, vor allem aber „großer Demut“. Einer Demut, „so altmodisch das klingt“, auf jenem Stuhl zu sitzen wie seinerzeit – bei dem Namen senkt der selbstgewisse Thomas Roth allen Ernstes kurz die Stimme: Hans-Joachim Friedrichs.

Er war es schließlich, der seinen aktuellen Epigonen zum Fernsehalphatier von heute gemacht hat. Schon schwer erkrankt, hat „Mr. Tagesthemen“ schlechthin den zwischenzeitlichen WDR-Hörfunkdirektor für den ersten Hans-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – was die Jury nach dem Tod des Stifters schwerlich ablehnen konnte. Von ihm hat er womöglich auch den Anspruch geerbt, dass die Nachrichten der ARD bei aller neuen Lockerheit im dualen System weiter vor allem eins zu sein hätten: Seriös. „Die Grundfarbe ist Sachlichkeit“, so sieht es Roth. So wollen es ja auch die Zuschauer, fügt er hinzu und wie zur Bestätigung: „Ich bleibe wie ich bin.“ Nur eben fortan an der Spitze der Tagesthemen, dem Flaggschiffhochamtsachter der Nachrichtenrepublik, unter strenger Beobachtung aller, die auf Fernsehen noch etwas geben.

Was er ihnen am Ende der Sendung mit auf den Weg gebe? Ein Markenzeichen wie Wicherts „Ihnen eine geruhsame Nacht“ oder Buhrows „morgen ist ein neuer Tag“ zum Beispiel? „Ich bin da noch im Denkprozess“, meint Roth vor der Premiere am Montag, dieser „Highspeedversion“ in der Halbzeitpause eines profanen DFB-Pokalspiels. Nach dem Denkprozess entschied er sich für “kommen Sie gut durch die Nacht”. Nicht profan, nicht aufgeregt, seriös, doch durchaus mit dem Anspruch zu unterhalten. Thomas Roth eben.

Der Text ist Freitag im Berliner Tagesspiegel erschienen


Ferdinand von Schirach, Hamburg 2013

Vom Fernsehen betrogen

Seit der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der schon Günther Schabowski verteidigte und den BND anzeigte, seine Fälle zu Romanen macht, zählt der Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach zu Deutschlands Großliteraten. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt, Doris Dörrie machte aus einer Kurzgeschichte 2012 den Kinofilm Glück, jetzt hat Produzent Oliver Berben aus sechs Stücken des Bestsellers „Verbrechen“ eine Miniserie gemacht (derzeit sonntags, 23.15 Uhr, ZDFneo). Für den Autor ist die Adaption indes ein zweischneidiges Schwert: Der 48-jährige Münchner lehnt Fernsehen als Zeitraub ab, wie er im Interview sagt, mag aber Jobst Christian Oetzmanns abgedrehte Visualisierung seiner Erzählungen, die nur zum Teil der Wahrheit entsprechen, um die anwaltliche Schweigepflicht nicht zu verletzen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr von Schirach, was ist glaubwürdiger als Fernsehvorlage – die Realität oder die Fiktion?

Realität kann ja nicht gefilmt werden. Eine Prozessakte hat 20 Bände, eine Kurzgeschichte hat 15 Seiten. Daran sehen Sie schon, dass schon die Vorlage, also die Kurzgeschichte nie die Wirklichkeit abbildet. Und ein Film ist dann nochmals etwas völlig anderes.

Wie viel Wahrheit steckt dann in Ihren Geschichten und wie viel davon bleibt in der ZDF-Serie übrig?

Was ist Wahrheit? Es gibt eine Wirklichkeit, also das, was tatsächlich geschieht. Aber wir nehmen die Dinge nicht so wahr, wie sie tatsächlich sind. Wir können immer nur einen Teil der Geschichte sehen und jeder von uns sieht etwas anderes. Sie sehen dieses Zimmer anders als ich – schon alleine deshalb, weil Sie auf einem anderen Platz sitzen und ihn aus einem anderen Blickwinkel sehen. Bei meinen Geschichten ist es genauso: Hätte ein Staatsanwalt sie geschrieben, wären es andere Geschichten. Und es wären wieder andere, wenn ein Richter über das Geschehen geschrieben hätte.

Das Sie aber selbst aus Ihrer Sicht nicht eins zu eins wiedergeben.

Nein. Ich stehe ja unter Schweigepflicht; würde ich meine Fälle als Strafverteidiger so erzählen, wie sie tatsächlich waren, wäre das eine Straftat. Ich arbeite wie einer dieser alten Drucker. Er hat 136 mal den Buchstaben A in einem Setzkasten, 124 T´s oder 45 C´s. In jeden meiner Fälle genau so viel hinein, dass die Einzelteile wahr bleiben, die Zusammenstellung aber fiktiv wird.

Was ist Ihnen als Strafverteidiger wichtiger: Die Wahrheit oder der Freispruch?

Der gesetzliche Auftrag eines Strafverteidigers ist nicht die Suche nach Wahrheit. Das wäre ja furchtbar. Stellen Sie sich mal vor: Wenn Sie etwas angestellt hätten, müsste ich als Ihr Anwalt an Ihrer Verurteilung mitwirken. Das kann nicht richtig sein, unser Rechtssystem würde nicht mehr funktionieren. Der Anwalt hat ausschließlich die Aufgabe, seinen Mandanten zu verteidigen. Das ist das Seltsame und gleichzeitig Großartige an unserer Strafprozessordnung: Dadurch, dass der Anwalt nur für seinen Mandanten da ist und seine Partei ergreift, entsteht am Ende Gerechtigkeit. Vielleicht nicht in jedem Einzelfall, aber in der Summer aller Verfahren.

Ein Urteil ist der Ausgleich zwischen zwei Parteilichkeiten?

Nein, in unserem System ist nur der Anwalt »Partei«. In Amerika ist es anders. Dort sind Ankläger und Verteidiger »Partei«, beide wollen gewinnen, es ist ein Wettkampf ums Recht. In unserem Rechtssystem soll Staatsanwalt objektiv sein, seine Rolle soll der des Richters ähneln. Der Staatsanwalt kann nicht gewinnen und nicht verlieren. In der Realität stimmt das nicht ganz. Die Väter der Strafprozessordnung haben das gewusst – deshalb ist der Anwalt notwendig.

Entspricht Ihr Anwalt Leonhard in „Verbrechen“ der strafprozessualen Realität?

Bierbichler spielt glaubwürdig. Er nimmt sich zurück, er unterschneidet, er sieht nie aus wie ein Schauspieler. Deshalb wirkt er echt. Den Mythos des Staranwalts mit großen Auftritten und Gesten haben wir aus den USA übernommen. Es gibt ihn in Wirklichkeit kaum.

Hierzulande gibt es immerhin einen Rolf Bossi?

Sie haben recht, Bossi war zu seiner Zeit ein ein Star. Er hat seine Verdienste, vor ihm gab es kaum psychiatrische Begutachtung vor Gericht. Das wird von ihm bleiben. Vielleicht konnte er in dieser Zeit sich auch nur mit Hilfe der Presse durchsetzen, es lag ihm vermutlich auch. Aber Bossi ist die große Ausnahme.

Finden Sie sich auch als Mensch wieder, wie Josef Bierbichler ihn spielt?

Wissen Sie, ich gehe nicht auf Partys, ich fahre nicht in Ferien, die meisten Reisen sind mir unangenehm, ich mag nichts, was laut und grell ist. Und bei Bierbichler kann man sich ebenso wenig wie bei mir vorstellen, dass er abends in eine Diskothek geht. Von daher gibt es schon Ähnlichkeiten. Aufgeregtheit dürfte uns beiden eher fremd sein.

Dem deutschen Fernsehen eher nicht. Warum ist das Justizthema unter Krimiaspekten darin aus Ihrer Sicht so wichtig?

Ist es das? Ich hatte vor der Frage ein bisschen Angst, weil ich keinen Fernseher habe und gar nicht weiß, was da so läuft.

Warum diese Abstinenz?

Ich gehe gerne ins Kino und sehe mir amerikanische Serien auf dem Computer an, aber Fernsehen raubt mir einfach zu viel Zeit. Frauen scheinen nebenbei noch alle möglichen Dinge tun zu können: Briefe schreiben, reden, den Haushalt machen; ich kann das nicht. Sehe ich fern, bin ich darin gefangen und unfähig, irgendwas anderes zu machen. Deshalb sitze ich im Hotel so lange davor auf dem Bett, bis ich weiß, wie es ausgeht, und sei es ein noch so blöder Film. Ich habe deshalb schon Termine verpasst.

Sie scheinen da suchtgefährdet.

Suchtgefährdet? Meinen Sie das ernst? Gut, ich rauche zuviel, aber ich hoffe, das ist schon alles. Ich mag nur einfach diese Zeit vor dem Fernseher nicht, sie ist verloren und ich fühle mich hinterher ein wenig betrogen.

Hatten Sie da keine Angst, dass „Verbrechen“ fürs Fernsehen verfilmt wird.

Große sogar, deshalb hatte ich auch lange Zeit alle Angebote abgelehnt. Wissen Sie, um einen Fernsehskeptiker vom Fernsehen zu überzeugen, bedarf es einiger Überzeugungsarbeit und glauben Sie mir: Oliver Berben ist sehr überzeugend. Er ist ein kluger Mann, er hat die Geschichten vollkommen verstanden, er ist umsichtig und er hat wunderbare Ideen. Oliver Berben ist der Mann auf der Bühne, ich eher der Beobachter im Zuschauerraum. Vielleicht ergänzen wir uns deshalb.

Wie zum Beispiel?

Berben Vorschlag, dass Josef Bierbichler den Anwalt spielt, war ganz ungewöhnlich und beeindruckend. Bierbichler ist ein wunderbarer Schauspieler. Und wenn man wie ich in Bildern schreibt, erschließt sich rasch ein Gedanke der Short Cuts, also kurze, schnelle Erzählschritte. Was ich dabei allerdings wirklich überraschend fand, war die Art, wie Oliver Berben es visualisieren wolle: diese Unterbrechungen, um auf Details zu zoomen, hier eine Axt, dort einen Apfel, bis der Weg er sich den Weg zurück durch völlig andere Perspektiven bahnt – das hatte ich zuvor noch nirgends gesehen.

Bringt sie die Geschichten denn auch weiter oder erfolgt bloß um ihrer Selbst Willen?

Da wären wir wieder bei der Eingangsfrage nach Wahrheit und Wirklichkeit; beim Leser erzeugen die Geschichten verschiedene Bilder, alles geschieht in seinem Kopf und jeder Kopf stellt sich etwas anderes vor. Beim Film geht das natürlich nicht. Hier werden fertige Bilder geliefert. Wenn Sie Thomas Manns Tod in Venedig lesen, entsteht eine bestimmte – Berben würde sagen: Farbe in Ihrem Kopf. Viscontis Verfilmung mag da völlig anders sein als das Buch – beim Betrachten erzeugt es aber ganz ähnliche Stimmungslagen. Wenn dieses Wechselspiel funktioniert, ist eine Literaturverfilmung gelungen. Bei Verbrechen, finde ich, funktioniert es.

Es funktioniert aber auch, weil Themen rund ums Thema Verbrechen so beliebt sind. Ergötzen wir uns gern an der Schuld anderer oder an der Gefahr, selbst davon betroffen zu sein?

Es gibt vielleicht zwei Gründe. Man sieht gerne Gangstern zu. Der Gangster wird zu unserem Stellvertreter, er darf die Dinge tun, die wir nicht tun dürfen. Wenn wir in ein Restaurant gehen und der Kellner uns blöd behandelt, reißen wir uns trotz des Ärgers zusammen. Und am Ende geben wir ihm sogar noch Trinkgeld. Tony Soprano würde ihn ohrfeigen, Al Pacino in Scarface würde ihn erschiessen. Es gefällt uns, dass es jemanden gibt, der sich gegen die Regeln stellt. Unsere überregulierte Welt ist mühsam, unsere Freiheit wird immer kleiner. Wir sind oft nur noch das Objekt unzähliger Ge- und Verbote: iss was Gesundes, telefonier nicht beim Fahren, grüß den Pförtner, hör auf zu rauchen, benutze Energiesparlampen auch wenn das Licht grässlich ist. Da erscheint uns die Freiheit des Verbrechers, zu tun, was er will, eben verlockend.

Und sei es, jemanden umzubringen?

Ja, das auch. Aber es geht noch um etwas anderes. Es ist nicht nur die Lust an der Freiheit des Gangsters, sondern, dass wir uns wiedererkennen.  Nehmen Sie die Geschichte »Fähner«. Er wird großartig von Edgar Selge gespielt. Die Geschichte erzählt von einen Mann, der sein Leben lang von seiner Frau gequält und gedemütigt wurde. Wir kennen solche Männer. Vielleicht haben wir sogar etwas Ähnliches selbst erlebt. Vor einigen Woche wurde in Bayern ein Mann verhaftet, der seine Frau, mit der er sein Leben lang verheiratet war, erwürgt hatte. Auf die Frage nach dem Grund dafür sagte er: »Ich wollte endlich Ruhe«. Taten wie die von Fähner sind also nicht so ungewöhnlich. Wir scheinen uns ein wenig selbst in den Tätern zu erkennen.

Und der wird dann in Anwaltsserien wie Ihrer abgeurteilt. Warum ist dieses Genre fast genauso beliebt wie der Krimi selbst?

Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Strafprozesse eigentlich Schauspiele sind. Früher, wenn etwas Schreckliches passierte, zum Beispiel ein Dorf niedergebrannt und die Frauen vergewaltigt wurden, traf man sich nach der Tat an einem Ort namens ,Ting‘. Das war der Gerichtsplatz, meist auf einem Hügel gelegen. Es gab dort zwei Sorten Richter: die Erzähler und die Urteiler. Interessanterweise waren die Urteiler gar nicht so wichtig, es ging um die Erzähler. Sie sprachen so lange über das furchtbare Ereignis, bis es seinen Schrecken verlor.

Eine Art Konfrontationstherapie.

Das ist ein sehr moderner Begriff. Aber ein wenig stimmt es. Die Erzähler gingen stark ins Detail: Welcher Frau wurde was angetan? Welches Haus wurde wie niedergebrannt? Wie sahen die Angreifer aus? Wie viele waren es? Dieses genaue Erzählen beruhigte die Gemeinschaft. Das Böse ist doch immer das Unaussprechliche – die Schuhspitzen die wir unter dem Vorhang sehen, die Schritte, die wir nachts auf der Straße hinter uns hören. Wenn wir aber wissen, wer dort geht, ist es nicht mehr das Böse. Vielleicht interessieren uns Strafprozesse genau deshalb: Dort werden die Taten »nachgespielt« und wir können sie ein wenig begreifen. Heute ist auch das Urteil selbst wichtig. In anderen Lebensbereichen scheinen wir uns immer zu einigen, die meisten Dinge werden zerredet, es gibt keine fassbaren Ergebnisse. Vor einem Strafgericht geht das nicht: Am Ende des Prozesses steht das Urteil. Auch wenn die Fragen dort sehr komplex sind, müssen die Richter entscheiden. Wir bekommen etwas von den Gerichten, an dem wir uns festhalten können. Gerichte sind die letzte gesellschaftlich relevante Institution, die sich mit Wahrheit beschäftigt. Alles andere gibt es nicht mehr

Wie ist es mit der Kirche?

Sie interessiert die meisten Menschen nur noch bei einer Pabstwahl. Aber eigentlich haben wir das Gefühl, die Kirche hat ihren Anspruch auf Wahrheit verspielt. Denken Sie nur an ihren Umgang mit dem Kindermissbrauch.

Und Politik?

Wir glauben doch schon lange, dass wir dort nur belogen werden. Oder dass wir es nicht mehr verstehen. Die meisten Dinge sind zu komplex geworden sind. Kaum jemand kann noch etwas Vernünftiges zu dem Euro sagen. Kaum jemand kann die Folgen eines Ausstieges aus der Atomstromversorgung beurteilen. Wir wissen in dieser komplizierten Welt nicht mehr, was passiert, wenn wir an irgendwelchen Stellschrauben drehen. Aber die Strafgerichte müssen Urteile sprechen. Sie sind eindeutig. Wir sehnen uns nach solcher Klarheit. Naja, vielleicht ist jede Klarheit am Ende Illusion.


Dampframmentreffer

fragezeichen_1_Früher mal klangen filmische Fausthiebe stets wie satt getroffene Ohrfeigen, heute dagegen erinnert ihr Sound an rasende Schnellzüge in Turnmattenstapel. Seltsam.

Nein, Kinder sollten das natürlich nicht nachmachen, niemals – und taten es gerade deshalb oft: Wenn Bud Spencers Faust auf der Schädeldecke seiner tapsigen Gegner im Siebzigerjahreslapstick landete, klang das stets wie eine gut getroffene Backpfeife. Und nicht nur dort: die halbe Filmgeschichte hindurch erzeugten Boxhiebe dieses merkwürdige Geräusch zwischen Bauchklatscher und Peitschenhieb. Das muss doch auch in der Realität zu machen sein, dachten Prügelszenenfans lange und scheiterten im Praxistest doch am Resonanzraum des hirngefüllten Kopfes. Vielleicht änderten die zuständigen Ton-Ingenieure ja darum den Sound Richtung dumpf bis wuchtig. Nur: warum klingen Wirkungstreffer jeder Art jetzt, als rase ein ICE mit Vollgas in einen Turnmattenstapel?

Die Antwort lautet zunächst: weil sie nun mal irgendwie klingen müssen! Denn wer je eine gefangen hat, also so richtig, mit geballter Faust und Anlauf, oder wer dem auch nur beiwohnen durfte, der weiß: so ein Schlag klingt nach fast nichts, ist also viel zu leise für Film und Fernsehen, eher wie ein herunterfallender Fleischkloß auf Mamas Auslegeware. Pupp. Punkt. In Kombination mit der visuellen Faust, die ja doch besser haarscharf am Kinn vorbeinagelt, wirkt das dann doch deutlich unspektakulärer als besagter ICE. Und ums Spektakel geht es in prügelfreudigen Filmen, die diskursive Streitschlichtungsstrategien von heute mal tüchtig in Testosteron baden. Ohrfeigen sind da ja doch eher was für Kinder. Und Mütter. Nicht für echte Männer. Wamm!


Lindenend und Rothbeginning

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 29. Juli – 4. August

Es dreht und dreht und dreht – das Personalkarussell der ganz wichtigen Redaktionen im alten Medienland. Dpa-Chef Wolfgang Büchner wechselt zur Spitze des Spiegels, dessen geschasste Ex-Doppelspitzenhälfte Mathias Müller von Blumencron zur FAZ geht, wo er bald alle Digitalangebote verantwortet, was direkt zum Stern führt, dessen Vize, der 47-jährige Hornbrillenhipster Steffen Husmann, den entlassenen Chefredakteur beim Manager-Magazin Arno Balzer beerbet und durch Anita Zielana ersetzt wird, die beim Illustriertenfossil zudem die Internetstrategie ordnet und das ist – aufgepasst! – künftig nicht weniger als eine Frau in leitender Funktion eines Leitmediums.

Klingt nach Emanzipation, ist aber am Ende doch noch immer nur ein einzelner Ausreißer in die hermetische Welt kungelnder Y-Chromosomen. Die ist sich nämlich noch immer nicht zu dämlich, bei Unfällen zu vermelden, es seien nicht nur auch Kinder, sondern auch Frauen betroffen, wie Samstag in der Tagesschau, deren Reporter offenbar immer noch leicht unbeholfen staunen, wenn sich die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung mal aus ihrer häuslichen Schutzzone in die Gefahr des öffentlichen Lebens begeben.

Umso mehr würden wir die kompromisslos emanzipierte Lindenstraße vermissen, deren Fortbestand scheinbar ungesichert ist. Okay – wer Journalismus einigermaßen ernst nimmt, sollte unter keinen Umständen die als „Kollegen“ getarnten Erregungsjongleure der Bild zitieren. Aber wenn sie hier mal ohne populistische Verzerrung (immerhin geht es hier ja um eine eher progressive, fast linke Idee von Fernsehen, aus Bild-Sicht also Teufelszeug) richtig läge, wäre das mal ein echtes Reality-TV-Drama: Weil der WDR seinem seriellen Platzhirsch angeblich den Geldhahn zudreht, muss ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer noch angeblicher zwei Folgen à 185.000 Euro aus eigener Tasche vorfinanzieren. Klingt nicht grad, als würde der Vertrag übers Jubiläumsjahr 2015 hinaus verlängert. Dann wird sie – nach modernen Hornbrillenhipstermaßstäben fast jugendliche 30.

Also dreimal so alt wie die strunzstumpfe Fake-Doku K11, die seit 2003 das Vorabendprogramm von Sat1 verschmutzt. Nach der 11. Staffel, die derzeit mit hektoliterweise Ketchup statt Kunstblut und Groschenromandramaturgie statt Drehbüchern gedreht wird, soll Schluss sein. Endgültig. Was man vom Genre gescripteter Realität leider nicht behaupten kann. Aber es ist ein kleiner Anfang.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 5. – 11. August

Den feiert heute ein altersweiser Weißkopfadler namens Thomas Roth in den allwissenden Tagesthemen, wo der 61-Jährige nun seinen Teil dazu beiträgt, dass sich jüngere Zuschauer auch weiterhin weit weniger fürs Öffentlich-Rechtliche interessieren, als würde sein weit jüngerer Kollege Ingo Zamperoni an erster Stelle neben Caren Miosga moderieren. Aber um nicht ungerecht zu werden: der weitgereiste Feldreporter zählt seit langen zu den profiliertesten TV-Journalisten im Land – und hätte auch deshalb einen etwas würdevolleren Einstieg verdient, als in der Halbzeitpause des gebührenfinanzierten Dauersubventionsprogramms für den FC Bayern München, das selbst Liveübertragungen gegen irgendeinen gänzlich chancenlosen Amateurverein rechtfertigt. Ganze sieben Minuten Zeit hat Roth also dafür, auf seine Abschiedsformel hinzumoderieren, auf die seine Branche weit gespannter ist als auf die Inhalte.

Die gehen bei der Konkurrenz vom Zweiten, genauer: ZDFneo gerade bemerkenswerte Wege. Wege, die vielleicht nicht revolutionär sind, aber zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Oder wie es der Sender ausdrückt: Experimenten. Das nämlich soll ab Donnerstag ein Format namens Auf der Flucht sein, wo sechs mehr oder weniger unterschiedliche Leute von der türkischen Streetworkerin bis zum Naziaussteiger 18 Tage lang Migration in umgekehrter Richtung erproben. Was oberflächlich nach berechenbare Gefühlsduselei klingt, entpuppt sich bei allen Schwächen modernen Sachfernsehens rasch als interessanter Culture-Clash voller Erkenntnisgewinne für alle – Beteiligte, Zuschauer, die vor allem.

Und da Erkenntnisgewinne insgesamt eher selten sind auf wahrnehmbaren Sendeplätzen selbst ernstzunehmender Kanäle, freuen wir uns mal über Formate, die dazu führen könnten: Zum Beispiel heute das australische Mysterydrama Picknick am Valentinstag auf Arte, das den Regisseur Peter Weir 1975 berühmt gemacht hat. Oder immer wieder beeindruckend: John Hurt in 1984 (Sonntag, Tele 5). Etwas leichter unterhält morgen im Rahmen der ZDF-Reihe Shootingstars die deutsche Kinoproduktion Arschkalt (23 Uhr) mit Herbert Knaup als misanthropischen Tiefkühlkosttransporteuer. Dokumentarisch lässig dagegen das Roadmoviemagazin Wissen auf Rädern, in der uns ZDFneo ab Samstag zehn Folgen lang sehr wissbegierig durch zehn Länder führt.

Alles sehenswert, aber alles nichts gegen den Übertermin der nächsten Woche, passend zur Rückkehr der Fußballbundesliga: Das aktuelle Sportstudio wird 50 Jahre und feiert Samstag mit allerlei putzigen Rückblicken, vor allem aber ein letztes Mal mit Dieter Kürten am Mikro, der ja mindestens so weißhaarig ist wie Thomas Roth, am Ende aber doch ein klein bisschen älter, weiser, entertainender. Zumindest letzteres trifft auch auf den Tipp der Woche zu: ab Sonntag, 13.40 Uhr auf ZDFneo: Breaking Pointe – Tanz um dein Leben, eine sechsteilige Tanzdoku übers Ballet West in Salt Lake City. Abseitiges Fernsehen, liebe ARZDFRTLPro7, kann so interessant und spannend sein…


Reise: Island/Westfjorde

Ode ans Wasser

Ein Geheimtipp ist Island mit seiner Mischung aus Naturereignis und Kulturregion nicht mehr. Dennoch lässt sich die Insel im Nordatlantik neu entdecken – vom Wasser her. In den Westfjorden entwickelt das zentrale Element des vulkanischen Eilands seine größte Kraft.

Von Jan Freitag

Der Soundtrack Islands klingt wie ein Fluss. Mal rauscht er durch die Ebene, plätschert ruhig weiter, stürzt tosend in die Tiefe, um bald sachte ins Meer zu gleiten. Wenn der Musikverleger Lárus Johannesson seine Heimat beschreiben soll, nimmt er am liebsten Hilmar Örn Hilmarssons CD zum bekanntesten aller Island-Filme, „Kinder der Natur“, aus dem Regal und legt sie ein. Der geigenlastige Sound ist so voller Fläche, Melancholie, Reinheit und Bewegung, dass man fast glaubt, ihn trinken zu können. Denn der Rhythmus des Landes und seiner Bewohner, sagt Lárus, der Plattenhändler aus Reykjavik, „ist wie der Rhythmus des Wassers“.

Wie Wasser, ausgerechnet Isengard, die Feuerinsel am Polarkreis. Aber sie gleicht mehr einer Seenplatte als einem Vulkan, auch wenn es stets aus der Erde dampft. Das Wasser ist allgegenwärtig. Im Frühjahr schmilzt es, im Sommer steht es, im Herbst gefriert es, im Winter schluckt es jeden Schall und für Lárus Johannesson, dem trendigen Mittvierziger aus dem Szeneviertel 101, bewirkt es in jedem Zustand mehr, als nur die Oberfläche der Insel zu formen. Wasser, er nippt am Espresso, „lässt unsere Gedanken schweifen“. Hier, in der pulsierenden Kulturmetropole ebenso wie oben, in den Westfjorden, dem karstigen, unentdeckten, lautlosen Gebiet im äußersten Eck des Landes.

Mit der Propellermaschine geht es von Reykjavik aus in den Norden, gleich durch drei Wolkendecken hindurch, ein unruhiger Flug. Island, so heißt es, zahlt für jeden Sonnentag mit einer Woche Regen. Das scheint noch untertrieben – es ist Mitte Mai und schneit auf Meereshöhe. Wer dieses Land verstehen will, seinen Takt und seine Launen, der sollte zu den Westfjorden fliegen und sich wetterfest kleiden. Von der Hauptstadt in den entlegensten Winkel, knapp eine Stunde dauerte es von der Zivilisation bis zur Einöde, wo die Ansiedlung schwerer Industrie verboten ist und jede Straße ein Abenteuer. Hier besitzt das Wasser seine größte Kraft, denn das Meer zerklüftet seit 16 Millionen Jahren die Küste.

Island, zumal den Westen, ohne blumige Metaphern zu schildern, fällt Reisenden oft schwer. Vom wachsenden Gletscher Drangajökull, fast in Sichtweite Grönlands, ist schon mal als träges Faultier die Rede, von Straßen als Kratzern im Geröll oder von Hügeln, die an hockende Trolle erinnern. Das mag am Hang zur Sage liegen, dem uralten Glauben an Kobolde, Elfen und versteckte Menschen, der die Insel noch heute prägt. Sie mögen an Einfluss verloren haben, doch wo kochendes Wasser unvermittelt aus dem Boden schießt und der Schnee auch im Sommer nur wenige Meter weiter noch in den Ebenen klebt, wo das Wetter gern minütlich umschlägt und fünf Grad kalter Ozean an lange Sandstrände von karibisch goldener Farbe brandet, da ist ein bisschen Pathos unvermeidlich.

Island-Helga2Björn und Helgas Farm ist ein Schmelztiegel dieses Wechselbads. Sie liegt unweit des malerischen Städtchens Ísafjörður, gesäumt von jenen Bergen, die alle Fjorde trennen, mit flachen Kuppen, baumlos wie das ganze Land und weiß geädert wie ein Zebra. Vom Wohnzimmer aus blickt man vorbei an kitschigen Plastikblumen auf ein Fischerdorf im Nordwesten, wo der Fjord sich zum Meer öffnet. Isländer sind auf fast erdrückende Art gastfreundlich. Es gibt getrockneten Fisch, frittiertes Brot, Skyrkaka, eine Art Joghurt auf Biskuit, fast alle landestypischen Knabbereien auf einem Tisch. Und natürlich Kaffee. Isländer trinken ihn literweise. Ein Wunder, dass sie so alt werden. Der Polkappe näher als die sechsköpfige Familie, deren Nachnamen wegen der Kombinationen elterlicher Vornamen mit dem eigenen Geschlecht variieren, leben nur wenige. Und kaum jemand hängt mehr am Tropf des Wassers als diese Sippe.

Helga Kristjansdòttir und ihr Mann züchten Lachse in der Bucht, schöpfen ihr eigenes Süßwasser, tränken ihr Vieh mit kanalisierter Schneeschmelze und betreuen Angler im Dorf. Sie versorgen sich dank eigenen Wasserkraftwerks selbst mit Energie und liefern mit einem zweiten Strom an die Stadt, wie überhaupt die ganze Insel nur mit der Wärme und der Kraft des Wassers betrieben wird. Helga, Mitte Vierzig und wie in Island üblich tonangebend in der Ehe, lächelt breit: „Wenn es ginge, würden wir das Wasser auch noch essen.“ Alles eine Frage eigener Ansprüche. Die Powerfrau mit den rauen Händen lebt wie die Hälfte der Bevölkerung außerhalb Reykjaviks, auf dem Land also, und weiß, was es heißt, der Natur zu trotzen.

Allein, dass sie hier wohnt, ist den Unwägbarkeiten der Natur geschuldet. Zum Lawinengebiet erklärt, musste die Familie ihren Hof ein paar Fjorde weiter vor neun Jahren räumen, schnitt das Haus kurzerhand in drei Teile und transportierte es per Lkw an sein neues Zuhause. „Man muss in Bewegung bleiben“, sagt Helga und lacht. Was das auf den Straßen abseits der inselumrundenden „Nationalstraße Nr. 1“, Islands längstem und fast ganz asphaltiertem Ring heißt, zeigt sich zu Beginn der Fahrt durch die Fjorde. Schotter knirscht unter den Rädern, doch es bleibt das einzige Geräusch weit und breit. Die Gegend hat noch weniger Verkehr als der Rest Islands, dessen Bevölkerungszahl vierstellig ist und deren Infrastruktur daher aufs Nötigste begrenzt. Und ohne Menschen glänzt das sommerliche Grün noch kräftiger in der Mitternachtssonne, die Gewässer wirken blauer, der Dampf heißer Quellen dichter.

Doch der Weg ist mühsam; kein Wunder, dass Island nicht nur die höchste Dichte an Schwimmbädern und Badewannen hat, sondern auch an Geländewagen. In Ermangelung großer Verbindungsstraßen müssen Dutzende Fjorde einzeln abgefahren werden, vorbei an imposanten Klippen, schneebedeckten Gipfeln, abgelegenen Buchten und geschwungenen Tälern. Durch Orte wie Þingeyri, wo das Klima den Müll auf einem Schrottplatz zum sepiafarbenen Kunstwerk verrosten ließ. Oder Haukaladur zwei Siedlungen weiter, das sich seit 70 Jahren eine Theaterbühne leistet, vier Vorstellungen im Sommer, ein Festival für Monologe, „sonst spielen wir bei Bedarf“, sagt der Betreiber. Die Westfjorde sind nichts für Eilige.

Und wenn die Kommunen doch mal einen Tunnel graben, kommt wieder das Wasser ins Spiel. Um das Fischerdorf Suðureyri nach Ewigkeiten isolierter Wintermonate anzubinden, grub man sich vor zehn Jahren durch den Berg und stach auf halber Strecke in ein verborgenes Wassernetz, das den Tunnel sogleich flutete. Was aber andernorts zum Baustopp führt, gilt in den Westfjords als Chance. Mit ohrenbetäubendem Lärm macht sich die Quelle hinter einer Stahltür am Straßenrand bemerkbar. Dahinter, mitten im Berg, rauscht aus 200 Metern Höhe ein Wasserfall nieder und versorgt die Nachbarstadt mit Strom. Noch liegen viele Schönheiten der Gegend im Verborgenen.

Island-JaksMichael Jaks sucht zum ersten Mal nach solchen Schönheiten. Bislang fuhr der Pfälzer nach Norwegen zum Hochseeangeln. Jetzt versucht er es erstmals eine Woche in den Westfjords. Und auch wenn der 51-Jährige mit seinen drei Freunden wegen Sturms an diesem Tag nicht raus aufs Meer darf, gefällt ihm das kühle Klima. „Warmes Wasser lässt mich kalt“, sagt er und seine wettergegerbte Haut pflichtet ihm bei, „da spürt man den Fisch nicht richtig“. Nicht alles sei perfekt, seinem Ferienhaus fehle es etwa an Komfort, doch in ein paar Jahren, so glaubt er, sei die Gegend ein Paradies für Natursuchende.

Nur langsam beginnen die Westfjords, Gäste wie ihn zu bedienen. Noch verdient der Fremdenverkehr hier seinen altbackenen Namen und am verwaisten Flughafen steht der Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft dicht an dicht. Am Ufer eine Fischfabrik, die heute Kabeljau für Nigeria trocknet, am Hang darüber bunte Bungalows für den wachsenden Strom anreisender Angler und Wanderer. Vielleicht ist es aber auch angenehmer, erdnäher, schöner, Komfort nicht über Hotelsterne oder Entertainment zu bemessen, sondern an der Möglichkeit, zur Ruhe zur kommen. Im Zelt, das man fast überall aufschlagen darf. Oder in jener schlichten Herberge bei Flókalundur, wo die Fähre zurück in den Süden abfährt: Ein Flachbau mit Hot Pot direkt am Meer, die prächtigsten Wasserfälle in Wanderweite. Nach einem Ausflug zu den Klippen von Látrabjarg samt ihrer Unmengen zutraulicher Papageientaucher kann man darin den Tag im Sonnenuntergang ausklingen lassen. Hier hat Hilmar Örn Hilmarsson seinen Soundtrack erdacht. Die Symphonie auf Island, eine Ode ans Wasser.


Martina Hill: Parodistin und Knallerfrau

Schlank, blond, krass

In der Sat1-Sketchshow Knallerfrauen (ab Freitag, 2. August, 22.50 Uhr) ist Martina Hill mal ganz sie selbst, statt Sonya Kraus, beweist also nachhalztig, dass sie weit mehr kann als Parodieren anderer in Switch Reloaded. Zum Beispiel derb sein. Und zwar richtig.

Von Jan Freitag

Gut, man braucht schon einen Hang zu derbem Humor, um über Witze mit Frauen zu lachen, die auf Partys lautstark ihren Slip suchen. Mit Frauen, die öffentlich furzen, im Supermarkt Melonen kugelstoßen oder brüllend durch den Park laufen, weil der Kaffee zu kalt ist. Die Kopfsalat als Pompon benutzen, Wurst als Schlagstock und Babys als Feudel. Witze mit Frauen also, die plump sind, laut sind, böse sind, taktlos sind, unflätig sind und meist alles in einem. Man muss folglich eher grob gestrickt sein, um Knallerfrauen lustig zu finden, die neue Sat1-Sketchcomedy.

Vielleicht reicht es aber, wenn man jemanden lustig findet, den lustig zu finden nicht schwer fällt: Martina Hill. Seit gerade mal fünf Jahren ist sie im ulkigen Fernsehfach daheim und bereits eine der wenigen Leuchten. Anderseits sind fünf Jahre in dem Metier eine Menge, um ohne Soloshow tätig zu sein. So gesehen folgt es dem Gesetz des Marktes, dass Deutschlands schönste gute Komödianten mit 37 Jahren endlich auch allein zeigen darf, was sie kann. Im Grunde ist Knallerfrauen zwar ein Spaßformat wie viele: Mit argen Zoten, schlüpfrigem Inhalt und wenig Sinn, voller Klischees, Schenkelklopfern und Fremdschammomenten als heiterem Kernbestand. Wie im Durchlauferhitzer Comedy üblich, der selbst die alte Scheibenwischer-Bühne für pappeflache Possenreißer freigibt, den Antispaßvogel Oli Welke zum Träger seriöser Preise macht und Kurt Krömers einzige Pointenressource (Berliner Schnauze) mit öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen adelt. Es wäre also auch in dieser halben Stunde ab 22.15 Uhr wenig mehr als Stromlinie zu erwarten, stünde da nicht diese, pardon: Knallerfrau im Zentrum. Und nur sie.

Seit 2007 verkörpert Martina Hill ja in der Pro7-Parodie Switch Reloaded diverse Figuren des realen TV-Lebens und ist dabei oft echter als die Originale. Heidi Klum und Anja Kohl, Gundula Gause und Ina Müller, Bill Kaulitz und Katja Burkard, Sonya Kraus oder in der heute-show Bettina Schausten – nach wenigen Jahren im Geschäft schien die gelernte Radiosprecherin ihre Berufung beim Kopieren anderer gefunden zu haben. Das tat auch Not. Denn als Teil dämlicher Serien wie Cobra 11, schlechter Filme (Schwer verknallt) oder der fulminant gescheiterten Parodie C.I.S., dessen Witz schon im Piloten irgendwo zwischen Mario Barth und Buster Keaton verendet, schien ihre Karriere abseits von Switch festzustecken.

Umso mehr erstaunt es, wie „die pure Marina Hill“ (Martina Hill) nun beim Schwesterkanal Sat1 funktioniert. In knapp zwei Dutzend Sketchen pro Folge „spiele ich ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen“, wie sie selbst schildert. Solche, die ihrem Bräutigam bei der Hochzeit auf den Kopf kotzen oder sich nachts per Defibrillator am Bett fit fürs schreiende Baby machen. Es sind nicht grad Frauen wie du und sie, aber es sind handelnde Frauen, Frauen der Tat also, die nicht immer komisch sind, aber ihr Tun so selbstverständlich und siegesgewiss vollführen, dass sie zu etwas werden, was in der Haut dieser Berlinerin ohne Schnauze leicht verstörend wirkt: männlich. Schließlich ist die spät berufene Schauspielerin, der erst mit Ende zwanzig die erste Rolle zuteil wurde, ein Privatfernsehbild von einem Weib: Groß, blond, schlank, schön, sexy und stets bereit zum Minirock. Ergo: die Essenz dessen, was der Mainstream unter femininer Attraktivität verbucht. Grad das macht „Knallerfrauen“ so relevant, obwohl es so mit Stereotypen spielt.

Denn auch die Hill weiß um ihre Attribute, die sie in 106 Charakteren, verteilt auf 220 fertige Sketche, so oft zur Schau stellt, wie es die Branchengesetze erfordern. Hinter all der nackten Haut zu hohen Hacken zeigt sich aber ein Übermut, der jede Eitelkeit im Mimikchaos erstickt. Komik, erklärt sie ihren Beruf und klingt dabei mal unsicher, mal selbstbewusst, wie ganz normale Frauen, „entsteht über den Faktor Überraschung“. Und das komme bei attraktiven Menschen mit Mut zur Hässlichkeit sogar mehr zur Geltung. Der Zuschauer jedenfalls, glaubt sie, schaue durchs Äußere hindurch, „wenn ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellt“. Martina Hill kann das. Vielleicht kann sie es auch, weil Otto Waalkes ihr „Kindheitskomiker“ war, Didi Hallervorden ein früher Held wurde und Anke Engelke ein später. Weil sie „eine Prise derben Slapstick“ mehr schätzt als politisches Kabarett, das sie erst noch lernen will. Weil sie nicht über alles Witze machen muss, aber über alles lachen dürfen will. Weil sie ihre körperlichen Grenzen ebenso sucht, findet, aber nicht übertritt wie die des Geschmacks. „Schockieren war nie mein Ansatz.“ Verletzungen sind ihr zuwider. „Ich will unterhalten.“ Mehr nicht. Bei Knallerfrauen gelingt das schon mal ganz gut. Luft nach oben bleibt trotzdem.