Harald Schmidt: Zottel & Zynismus

Ohne Schmidt?

Nach fast 2000 Sendungen in knapp 20 Jahren verlässt Harald Schmidt die Late-Night und damit wohl endgültig auch das Fernsehen insgesamt. Ein leicht nostalgischer Abgesang

Von Jan Freitag

Fernsehen ist – und das nicht erst, seit ihm die kommerzielle Konkurrenz Beine macht – ein Experimentierfeld bürgerlicher Tabubrüche. Schwule Küsse und nackte Früchte, Sportreporterinnen und Realitätssimulationen, Berieselung zum Frühstück, Sex nach Mittag, Gewalt am Abend, Porno zur Nacht – je nach Zeitgeist haben auch öffentlich-rechtlich Sender immer wieder versucht, Belastungsgrenzen ihres Publikums auszuloten. Und auch, wenn es die Privaten mit brachialeren Mitteln versuchen: Allerorten geschieht all dies doch mit den Mitteln milder Verstörung.

Zum Beispiel Zotteloptik.

Es war im Dezember 2004, als ein bekanntes TV-Gesicht zugewachsen wie Berlin-Hipster 2014 zur alten Tante ARD heimkehrte, wo es 15 Jahre zuvor erstmals in Erscheinung getreten war. Und es ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land, wie es bitte sein könne, dass ein gebührenfinanzierter Moderator sein graues Haupthaar überm wilden Vollbart auf Schulterlänge trägt? Dass zudem die gleichen Unflätigkeiten aus ihm purzeln wie in den Jahren zuvor bei Sat1? Dass da einer bewusst die Spielregeln des alten Staatsfunks missachtet? Einfache Antwort: Harald Schmidt darf das.

Denn Harald Schmidt ist gewissermaßen der Fleisch gewordene Tabubruch des hiesigen Mainstreamprogramms. Er macht Witze über Neger, selbst (oder gerade) wenn ringsherum die Heime der Asylbewerber (die er mit kindlicher Freude Asylanten nennt) brennen. Er macht Witze über Frauen, selbst (oder gerade) wenn ihnen die gläserne Decke (aus schickem Swarovski-Kristall) auf den Kopf fällt. Er macht Witze über alles Leid der Erde, selbst (und gerade) wenn es unser Gemüt (das ihm im Zweifel stets zu deutsch ist) bis zum Bersten strapaziert. Kurzum: Harald Schmidt, dieser schwäbische Zyniker aus dem pietistischen Haushalt heimatvertriebener Katholiken, er hält dieser Republik seit nunmehr einem Vierteljahrhundert den Zerrspiegel heuchlerischer Moral, doppelzüngiger Entrüstung und scheinheiliger Sittenstrenge vor.

Und wie so oft, wenn die einsamen Mahner in der Wüste predigen, wenn Neunmalkluge Finger in Wunden legen oder Weltverbesserung anders als im Befehlston daherkommt, erstarren die Menschen dieser Nation förmlich vorm Mut zur Offenheit und sind nur zu zweierlei in der Lage: Vergötterung oder Abscheu, gern beides in einem. Doch damit ist ab heute, Punkt 23 Uhr, Schluss. Wenn Harald Schmidt dann vor ein paar Tausend Zuschauern des kostenpflichtigen Spartenkanals Sky Hits und ein paar Tausend mehr beim einmalig parallel sendenden Youtube-Channel nach fast 2000 Ausgaben seine letzte Late-Night-Show abmoderiert, dann geht eine Ära zu Ende. Und wie so oft, wird die Masse der Menschen erst wirklich wissen, was sie an etwas hatte, wenn es verschwunden ist.

Schließlich war Harald Schmidt gefühlt schon immer da. Wie Lindenstraße und Tagesschau. Wie Quotendebatten, Vollbärte, Wetten, dass…?. Wie das Fernsehen insgesamt. Dabei hat er es erst vor 25 Jahren betreten, als der Zuschauer noch treu war, Glattrasur die Regel und Frank Elstner längst runter vom Wettsofa. 1989 nämlich wurde der unbekannte Kabarettist Schmidt von einem kaltkriegerisch klingenden Funkhaus namens Sender Freies Berlin ins Erste Programm gespült, wo er bald darauf Robert Lembke kopierte (Pssst), später das aufmüpfige Privatfernsehen (Schmidteinander) und in beiden Fällen bewies, wie respektlos es selbst öffentlich-rechtlich zugehen kann, wenn die Gremlins der Gremien, wie Schmidts Mitaufsteiger Günther Jauch seine ARD-Arbeitgeber in spe mal nannte, grad ihr Mittagsschläfchen hielten.

Als sie daraus erwachten, wurde der unbotmäßige Harald kurz in die biedere Rentnerbespaßung Verstehen Sie Spaß?. Doch als den zuständigen Verwaltungsbeamten aufging, welches Talent sie da im Tarifsystem verbrannten, war Schmidt auch schon bei Sat1. Damals als vermeintlicher Kanzlersender noch so etwas wie relevant, servierte er dem hiesigen Markt von dort aus das uramerikanische Talken zur Nacht, was zwar nie wirklich erfolgreich war, aber immer vieldiskutiert und somit: bedeutsam. Wenn heute kurz vor der Geisterstunde die letzte Zote gezündet, das letzte Tabu gebrochen wurde, wenn Uli Hoeness zur Strafe in Wiktor Janukowytschs Goldbrokatvilla gewünscht wird und den Krimbesetzern eine Natursektdusche, dann ist die importierte TV-Institution Late-Night knapp 20 Jahre nach der ersten „Harald-Schmidt-Show“ ähnlich Geschichte wie das Wählscheibentelefon.

Denn wer könnte Deutschlands giftigstem, klügstem, selbstgerechtestem, besten Sendezeitvergeuder folgen? Auf diesem Friedhof der Alphatiere liegen ja schon Gottschalk, Engelke, Pocher oder der talentierte Mr. Stuckrad-Barre begraben. Um der alten Zeiten Willen, sollten Nostalgiker also heute um viertel nach zehn bei Youtube reinschauen, wo der angehende Rentner von 56 Jahren die alten Sidekicks von Olli Dittrich über Jürgen Vogel bis Pierre M. Krause um sich schart und dann geht. Mit einem Lachen. Experiment beendet, Patient tot


Matthias Schweighöfer: Jungwild & Superstar

Alterwachsen

Matthias Schweighöfer schafft es, Junger Wilder und alter Hase zugleich zu sein. So alterslos der Schauspieler auch mit 34 nämlich noch ist, so versiert und erfahren trimmt er alle seine Filme seit seinem Durchbruch in Soloalbum vor elf Jahren auf Erfolg. Matthias Schweighöfer Superstar, das zeigt auch seine Komödie Rubbel die Katz, Sonntag bei RTL. Dabei war der Spross einer Schauspielerfamilie aus dem Osten mal ein schüchternes Talent, wie ein Interview mit ihm zeigt, dass er anlässlich seiner Rolle als Friedrich Schiller mal führte.

Interview: Jan Freitag

Matthias Schweighöfer: Sorry, ich muss erst mal fragen, wie Sie den Film fanden. Das ist unheimlich wichtig für mich.

freitagsmedien: Gelungen, er erinnerte teilweise sogar an die Shakespeare-Adaptionen von Kenneth Brannagh, wenn auch ohne Humor.

Echt? Schön.

Allerdings drohte es manchmal zu stören, dass Schiller ständig fiebrig, erhitzt war – warum müssen Genies immer so überdreht dargestellt werden?

Habe ich ihn so gespielt?

Offenbar war die Rolle so angelegt. Ist überliefert, dass Schiller mit 21 eine derart durchgeknallte Phase hatte?

Im Gegensatz zur Realität hat unsere Variante sogar noch ein leichtes Limit. Und es fehlen auch noch 25 Minuten, die rausgeschnitten wurden. Schiller war zum Beispiel schwerer Autist. Der Mensch war der pure Leuteschinder, er hat alles geschunden, was ihm in den Weg kam, er hat intellektuell alles herausgefordert, er stand die ganze Zeit unter Strom.

Weil er so ein Egomane war?

Weil er bereits mit 20 gesagt hat, ich werde früh sterben. Er hat gegen die Zeit angeschrieben, deshalb blieb ihm nicht viel Zeit für Normalität.

Live fast, die young – typisch Popstar.

Es war damals fast Rock’n’Roll. Aber ich verstehe das.

Warum?

Weil das, was er gemacht hat, gegen ein System ging. Es ging nicht um Anpassung, sondern um einen neuen Weg. Rock’n’Roll ist das Gegenteil von Anpassung, auch mal mit der Gitarre durch die Wand und das hat Schiller gemacht, seine Ideale, seine Moral ins Volk zu werfen und die mussten damit umgehen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Gehört diese Renitenz, dieses Abdrehen zum Älterwerden dazu?

Ich hoffe nicht, dass wir alle total abdrehen, wenn wir älter werden. Aber bei Schiller war es nun mal so, schon durch seinen Zeitrhythmus, die Geschwindigkeit mit der er dem Schreiben nachging. Deswegen musste er vorlegen und konnte sich nicht normalisieren.

Muss man ihn auch deshalb so darstellen, um junge Leute für ihn zu begeistern?

Der Regisseur wollte, dass ich ihn so spiele. Man hätte ihn auch auf andere Weise darstellen können. Es ist halt ein Weg zu zeigen, dass es heute genauso ist, die damalige Hektik existiert ja noch immer. Lieber akribischer und dafür einen Schritt vorwärts als stagnieren und stehen bleiben.

Was kann Schiller der Jugend sonst noch geben?

Den Mut, nicht nur bei sich zu bleiben, in die Zukunft zu blicken und zu wissen, man kann über den Moment hinausgehen, egal welche Grenze man sich vorgibt. Es ist möglich, sich selber Kraft zuzutrauen, Vertrauen in sich zu kriegen.

Auch Sie und ihre Generation Schauspieler werden „Junge Wilde“ genannt.

Ich finde den Ausdruck Junge Wilde total Scheiße. Wenn man jung ist, sind scheinbar immer alle wild. Okay, ich bin zwar jung und ich bin wild, aber nicht in dieser Kombination – weil ich mich selbst in meinem Kopf bewahre. Ich will das sein, was ich tue, oder das, was mich durch meine Arbeit auszeichnet, nicht mehr. Ich würde nicht sagen, dass ich Rock’n’Roll bin, immer mit dem Kopf durch die Wand.

Sondern?

Ich bin eher independent. Melancholisch, aber gradlinig genau. Sozusagen die Denkerbasis.

Hat das was mit Disziplin zu tun?

Auf jedem Fall. Ich baue erst mal die Wand, bevor ich sie einrenne.

Schiller sagt, jeder soll der Held seines eigenen Lebens sein. Trifft der Satz auf Sie zu?

Ich bin vielleicht der Held meines eigenen Lebens, aber mit einem gesunden Abstand. Ich bin in allen Bereichen ein Held, die nichts mit mir zu tun haben. Im normalen Leben, privat, bin ich oft eher ein Loser.

Was genau hat nichts mit Ihnen zu tun?

Was nichts mit einem selber zu tun hat ist Ablenkung von allem. Deswegen kann man acht Meter runterspringen und jemanden retten. Aber wenn man zuviel drüber nachdenkt, wenn man sich immer wieder hinterfragt, ob das alles richtig ist, ist man einfach kein Held, dafür braucht man Mut. Ich habe schon Mut und viel Selbstbewusstsein und bin so gesehen nicht wirklich ein Loser, aber wenn man zu sehr bei sich selbst ist, vergisst man andere Menschen. Dann kann man auch jedes Heldentum vergessen.

Und wann waren Sie der Loser – in der Schule?

Nein, da war eigentlich alles okay. Das Leben fängt ja erst so richtig mit 21, 22, 25 Jahren an – da merkt man, wo man sich so antrifft. Irgendwann definierst du deine Arbeit, findest eine andere Definition für Freundeskreis, für Verantwortung – die Glocke deiner Eltern ist nicht mehr so erhaben über dir.

Sie sind jetzt in dem Alter und werden mit Lob und Preisen überhäuft. Ist das so früh gelegentlich zu viel?

Auf jedem Fall. Dann merkt man, sich wieder selber Leben einhauchen zu müssen, weil man zu einem gewissen Grad den Selbstbezug verliert; es entscheiden ja immer andere Leute über Preise, über Ruhm und Erfolg und so was kann manchmal tagesabhängig sein. Dagegen muss man sich wappnen. Ich freue mich natürlich darüber, auch von Kollegen anerkannt zu werden – aber manchmal vergisst man da sein Alter, wird schneller erwachsen, gemacht als man ist.

Schneller erwachsen oder schneller alt?

Beides. Alterwachsen. Man altert schneller. Andere Leute in meinem Alter haben völlig andere Dinge im Kopf als ich.

Welche?

Sie müssen sich glaube ich mehr Sorgen machen, müssen erst noch anfangen, studieren erst mal, wissen noch nicht genau, was sie arbeiten wollen, kümmern sich um Familie, Frau, Freundin, Kinder, gehen auf Partys am Wochenende, suchen noch ihren Traum.

Den Sie bereits gefunden haben?

Meinen Traum suche ich immer, den sucht jeder Mensch. Aber ich habe eine andere Verantwortung meinem Beruf gegenüber und kann nicht einfach alles machen, was ich machen möchte. Deswegen ist meine Verantwortung ans Privatleben ein anderes, weil mein Beruf darin immer sehr gegenwärtig ist. Ich weiß halt, was ich in zehn Jahren machen möchte und was in 20. Da kann ich mich nicht einfach gehen lassen und mit Schokolade voll fressen. Ich fahre oft irgendwohin, um zu schreiben, schreiben, schreiben, zu beobachten, zu gucken, dass es funktioniert, was ich spielen will. Du kannst halt nicht in jeden Club reingehen. Du beschäftigst dich einfach anders. Wenn du den Job schon seit 15 Jahren machst, kannst du mit 23 nicht sagen: mal gucken, was jetzt kommt. Es geht los, zu sagen, du hast noch 40 Jahre vor dir und in denen musst du dir noch was ziehen.

Das klingt so zielstrebig, als sei für Jugend gar kein Platz gewesen.

Und ich bin stolz darauf. Ich habe mich schon ausgetobt, aber bei der Arbeit musste ich eben einfach schon früh die Zähne zusammenbeißen.

Mit 24 schon ein Star. Stört Sie der Glamour, der Rummel?

Also mal ist es sehr angenehm. Aber der schönste Zustand ist, das Leben noch nüchtern zu beobachten.

Werden Sie schon auf der Straße erkannt?

Es wird immer mehr. Ja. Ich wundere mich selber, aber es gibt Tage, an denen meine Mutter sagt: Matthias, mich nervt das. Das liegt daran, dass meine Filme zwar bislang nicht viele Zuschauer hatten, aber dafür sehr viel Presse – die Leute kennen mich mehr daraus als aus meinen Filmen. Komischerweise.

Weiß man bei soviel Trubel kritische Worte besonders zu schätzen?

zuerst. Mich interessiert nicht, ob der Film gut ist oder die Leute sagen, wie geil ich in ihm war, sondern was an ihm nicht stimmt. Sonst komm ich ja nicht weiter. Man braucht auch mal die Kritik, die sagt: Alter das war richtig Kacke. Oder wie vorhin: das war zu viel. Zu viel Theater, zu viel Grimasse, keine gute Inszenierung, dramaturgisch läuft das auch nicht gut. Sonst entdeckt man keine Fehler; man muss weiterkommen und vor allem lernen. Ich bin ja nicht 58 Jahre alt, wo man langsam anfangen kann, sich gemütlich auf seinen Manierismus zu setzen. Heute hebe ich mal nur die Hand.

Woher nimmt ein junger Schauspieler die Lebenserfahrung, die für etwas Manierismus nötig ist?

Ich muss ehrlich sagen: ich spiele lieber Rollen, die älter sind als ich, und traue mir auch zu welche zu spielen, die sagen wir 48 sind. Weil Lebenserfahrung – klar, du kannst mit einer anderen Reife anders erzählen, aber ich möchte mir meine Reife erspielen. Nur, solange ich mir die erspielen kann, bin ich auch stolz auf mich. Das ist mein eigener Anspruch an mich selbst, das zu können.

Haben Sie den Anspruch umgesetzt?

Das beurteilen andere, dafür bin ich nicht objektiv genug meiner Arbeit gegenüber. Meine Reife zu erspielen heißt aber eher: scheiß auf alles! Zu sagen, ich muss einfach 48 Jahre packen, dieses Lebensgefühl muss irgendwo in mir drinstecken, es muss möglich sein, das irgendwo zu finden, in ganz bestimmten Momenten, das ist wie bei einer Frau, die man trifft – Reife kommt immer genau dann auf einen zu, wenn man damit am wenigsten rechnet.

Reifeprozesse sind also gar nicht wahrnehmbar?

Nein, man stellt Reife einfach irgendwann fest. Wenn sich Dinge ändern und man plötzlich merkt: mein Gott, was ist schon alles passiert. Meine Fresse!

Wenn ein 24-Jähriger von Reife spricht, klingt das für Ältere gern nach Altklugheit.

Es gibt ja auch alte Seelen in jungen Körpern.

Und die haben Sie?

Ich weiß nicht ob ich sie habe, aber ich mache mir über Sachen einen Kopf, worüber sich andere in meinem Alter keinen Kopf machen und umgekehrt. In dem Sinne vollzieht sich Reife ausschließlich meinem Beruf gegenüber. Ich will ja anderen Menschen was erzählen.

Zum Beispiel aus der Sicht eines 48-Jährigen. Wie soll das gehen?

Ich habe keine Ahnung, das könnte ich erst beantworten, wenn ich da stehe und ihn spiele. Aber wenn ich da stehe, würde es irgendwann Klick machen und dann wüsste ich es.

Allein eine Frage des Zutrauens.

Keine Angst davor zu haben, das ist das Wichtigste.

Wovor haben Sie Angst?

Natürlich vor Misserfolg, Nichtbeachtung, vor schlechten Geschichten, Nichtverstehen, vor Nichtfinanzierung von Filmen.

Aber nicht vor dem eigenen Scheitern.

Nein.

Brauchen Schauspieler ein so großes Selbstbewusstsein?

Nervosität hat man ja immer, aber wenn man Schiss hat vor seinen Rollen hat, braucht man gar nicht erst antreten.

Angst kann doch auch ein Antrieb sein.

Muss sie sogar. Ich habe Angst vor gewissen Tagen und das bringt mich in andere Sphären; aber deswegen habe ich ja keine Angst vor meiner Rolle. Dann würde ich sie ja belügen.

Gab es nach Soloalbum die Angst auf einen Rollentypus als Popstar festgelegt zu werden, als schauspielernder Stuckrad-Barre?

Ich habe immer versucht, dagegen an zu gehen. Mit dem Hörspiel Baal von Brecht, mit Kammerflimmern, jetzt mit Schiller – alles eben extreme Figuren, die sich nicht klassifizieren lassen, auf hübsch, blond, gut aussehend. Ich war mal ein bisschen dicker, mal ein bisschen dünner, habe hier und da trainiert. Gerade von den Äußerlichkeiten her bin ich sehr bemüht, mich zu verändern, damit man mich nicht festlegen kann.

Sie waren ein dickes Kind.

Das stimmt. Aber für Schiller war es genau das Gleiche: ich musste sechs Kilo abnehmen, hab dann aber soviel getrunken in der Zeit, dass ich wieder rasend schnell zugenommen habe. Ich stand körperlich so unter Hochspannung damals – der hat sich den Zucker aus dem Alkohol geholt, so schnell konnten die gar nicht gucken.

Ihr Vater hat Sie gar als fette Sau beschimpft. Brauchen Sie Tritte in den Hintern?

Nein, denn ich bin eigentlich sehr diszipliniert. Aber ich habe auch Leute in meinem Umfeld, die sehr genau auf mich gucken, die auch mal sagen – das und das war nicht gut. Das ist am Anfang schwerer zu ertragen, weil man für Kritik aus der eigenen Familie oder dem engeren Freundeskreis doch angreifbarer ist. Ich brauche in gewisser Weise schon manchmal einen Tritt, aber nicht, was den Beruf angeht und meine eigene Disziplin darin.

Sie stammen aus einer Schauspielerfamilie – gab es da je eine berufliche Alternative?

Es gibt immer Alternativen, aber nicht für mich. Ich bin so aufgewachsen, Schauspielen war immer mein Leben. Mit Mama und Papa ab zur Vorstellung, ab zur Probe, zwischendurch Kantine. Hort – Schule – Theater – das war schon immer so.

Oft steigert so eine Herkunft den Erwartungsdruck.

Bis jetzt nicht. An der Schauspielschule wurde man natürlich drauf angesprochen, weil die meine Eltern kannten. Und früher war das immer relativ entspannt und angenehm. Ich war dadurch öfter einsam und allein, musste mehr mit mir selbst ausmachen. Aber heutzutage ist das komplizierter. Man trifft auf gleichgesinnte Kollegen, jeder hat seinen Denkrhythmus dem Beruf gegenüber und wenn wir dann zusammentreffen, können das vier Leute sein, von denen jeder seinen Brei abgibt, wo einer sagt: siehst du, da warst du wieder privat, der sagt wieso, war doch geil, der nächste meint, der Film sei aber doch Kacke und der andere dann wieder, wieso, war doch toll. Da kriegt man oft nicht die richtige Richtung.

Spielen Sie in Schiller eigentlich Theater oder Film? Die Grenze verwischt manchmal.

Wirklich? War es Ihnen zuviel gespielt?

Es könnte dem breiten Publikum zu viel, zu intensiv gespielt sein.

Das hab ich mir auch überlegt. Es ist eine ganz schön heftige Nummer, man kriegt viel um die Ohren geknallt. Aber das war damals so, es steckte ein anderer Pathos in der Geschichte; deswegen agiert Schiller so heftig. Mir persönlich ist es auf jedem Fall nicht zuviel, weil ich Theater auch sehr mag. Die Frage ist: Wie viel Normalität wollen die Menschen und wie viel Extreme? Amadeus von Milos Forman war ja genauso Theater im Film.

Das war noch nicht die Antwort: Ist Schiller abgefilmtes Theater oder ein Film mit Theaterelementen?

Ein Film mit Theaterelementen.

Wo ist der Unterschied?

Ganz plakativ: für abgefilmtes Theater bräuchte ich eine Bühne, auf der ich die ganze Zeit spielen kann. Aber der Film hat ja auch viele stille Momente und man spielt für Reihe 25 genauso wie für Reihe 1. Da geht es um Pathos. Der Film braucht das Pathetische, damit man bis ganz nach hinten kommt. Das ist wie auf der Bühne – wo man mit soviel Kraft spielen muss, dass man auch dort ankommt. Und wenn du einen stillen Moment hast, was der Film auch benötigt, damit du vorne dem Zuschauer direkt ins Ohr flüstern kannst.

Heißt das, ein Film muss alle Leute erreichen können?

Genau.

Droht nicht der Mainstream, wenn man für alle spielen will?

Man kann’s für alle machen, solange man den Kunstanspruch nicht verliert. Bei den Klassikern kann es zum Beispiel gar kein Mainstream werden, solange man den Texten treu bleibt, den Autoren, das waren ja große Schriftsteller.

Haben Sie Angst vor dem Mainstream?

Nicht, wenn er gesund ist, mit einer gewissen Art von Intellekt. Wenn der nicht herrscht, habe ich Angst vorm Mainstream.

Mussten Sie ihn schon mal spielen?

Früher ja. Damals dachte ich: Lieber Gott, hilf mir, die Füße auf dem Boden zu lassen.

Was war das?

Das sag ich nicht.


Reportermistanthropiereporter

fragezeichen_1_Wann immer auf Bildschirm und Leinwand Journalisten auftauchen, sind sie entweder korrupt, fies, faul, zumeist aber alles in einem. Merkwürdig.

Der Mann ist total demotiviert und doch eine Führungskraft. Er säuft bei der Arbeit, bringt sie aber stets zu Ende. Lässt sich dafür gern bestechen, hält damit jedoch wenigstens nicht hinterm Berg. Seinen zwei Mitarbeitern gegenüber nämlich, die trotzdem Tag für Tag eine Zeitung erstellen. Den Westdeutschen Merkur nämlich, ein Aachener Lokalblatt, dem der fiktive Provinzreporter im  ARD-Schmunzelkrimi Heiter bis tödlich: Zwischen den Zeilen vorsteht. Es ist somit zwar ähnlich realistisch wie die Lacher vom Sitcom-Band, hat allerdings so etwas wie Vorbildfunktion. Denn praktisch immer, wenn fiktionale Journalisten auftauchen, sind sie fies, faul oder korrupt, meist jedoch alles zusammen. Aber das ist ja auch kein Wunder.

Trotz ihrer Bedeutung fürs soziale Gefüge, trotz erstklassiger Bezahlung und immerhin noch vierter Gewalt, schreit das Renommee der schreibenden, funkenden, sendenden Zunft schließlich zum Himmel. Im Beliebtheitsranking landet sie regelmäßig weit unten bei Politessen, Zahnärzten, Bankern. Und das Fernsehen wäre nicht das Fernsehen, würde es diesem Klischee anders als willfährig genügen. Dabei waren falsche Reporter schon zu Zeiten, als deren echter Ruf noch leidlich intakt schien, entweder machtgeile Alphatiere wie Citizen Kane, koffeinsüchtige Hektiker wie Lou Grant oder sensationsgeile Bluthunde, wie sie gemeinhin genannt wurden. So erhält sich das Publikum schließlich einen Glauben, der ihm ein Stück Erleichterung verschafft: Schlechte Journalisten erklären seine Probleme, tagesaktuelles Geschehen nicht ganz zu verstehen, nämlich weit angenehmer als eigene Aufmerksamkeitsdefizite. Schuld sind Zeitungen wie die in Aachen. Und natürlich Kai Diekmann.


Vor Harald & nach Schmidt

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. März

575.200.000 ist eine ziemlich große Zahl. Und wenn dahinter Euro steht, klingt sie dazu noch lukrativ. Oder teuer. Manchmal beides. Für stolze 575,2 Millionen Euro nämlich hat das ZDF 2013 Fernsehen von senderfernen Firmen (ko)produzieren lassen. Rund 3000 Stunden – das bestellte sonst kein anderer Kanal. Und als Dank für pünktliche Lieferung dürfen sich Lieferanten auch noch die besten Sendeplätze aussuchen: allein sechs von sieben um 20.15 Uhr. Dass das nicht immer zum Vorteil des Programms ist, hat vorige Woche jedoch die ECO Media TV-Produktion gezeigt. Ihre Boulevardreportage ZDFzeit war mit der Ausgabe Schlank in den Frühling nicht nur der Inbegriff kommerzieller Stilistik; bei der Begleitung von sechs Paaren im Kampf um purzelnde Pfunde standen auch noch minutenlang Logos wie „Brigitte-Diät“ und bekannte Nahrungsmarken am Bildschirm.

So dumm, so dreist, so billig kann Fernsehen sein, egal wer es macht. Dumm, dreist und billig eben wie der Boulevard allerorten ist – auch wenn ihm künftig wohl eins der wenigen Blätter abhanden kommt, das es mit Anspruch unterm Regenbogen versucht: Die Münchner Abendzeitung hat vorige Woche nach fast sieben Jahrzehnten am bayrischen Markt Insolvenz angemeldet. Das ist echt schade und wurde ausgerechnet damit erklärt, dass Boulevard im Internet und Fernsehen einfach schneller ist. Dass er auch dümmer, dreister, billiger zu haben sein könnte, wurde so höflich unterschlagen wie der Grund, warum offenbar Till Boom Schweiger alias Nick Bang Tschiller nach seinem gestrigen Tatort-Gemetzel aus „privaten Gründen“, wie der Moderator zum Schluss meinte, auch noch ins Studio von Günther Jauch gestürmt ist, wo er von drei breitschultrigen Bodyguards  eher unhöflich gestoppt wurde.

Höflicher war da schon der Pay-TV-Kanal Sky, der die tapfere Monika Lierhaus am Mittwoch vorm deutschen Fußballländerspiel gegen Chile zu Jürgen Klinsmann geschickt hat. Das erste, nun ja: Interview seit ihrer schweren Krankheit war allerdings so derart banales Abhaken unzusammenhängender Fragen, dass sich die Frage stellt, ob dem Bezahlfernsehen der therapeutisch-humanistische Ansatz am Ende wichtiger ist als Relevanz und Güte. Schwer zu glauben bei einem Sender, der Deutschlands distinguiertester Giftspritze noch immer ein abendliches Asyl gewährt.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. März

Doch damit scheint Donnerstag allen Ernstes Schluss zu sein. Dann leitet Harald Schmidt nach knapp 2000 Sendungen in 20 Jahren seine letzte Late-Night. Ob das am Ende einen Verlust fürs Fernsehen darstellt, werden die zugehörigen Debatten in den distinguierteren Feuilletons zwar auch nicht klären, aber vermissen werden wir ihn irgendwie schon (mehr jedenfalls als Martin Wuttke und Simone Thomalla, die Sonntag wohl zum vorletzten Mal am Leipziger Tatort ermitteln). Allerdings werden wir ihn eher so wie wie Gunther Sachs vermissen, dem Arte Sonntag (21.50) ein schönes Porträt widmet: Auch der hat das Leben zwar nicht bedeutsam gemacht, aber wenigstens ein bisschen bunter.

Weder bedeutsam noch bunt, sondern schlicht überflüssig ist dagegen längst Das Perfekte Dinner auf Vox, wo ab Montag um sieben 100% Fleisch verkocht wird, was in etwa so zeitgemäß ist wie der Kalte Krieg auf der Krim, dem die ARD weiter Tag für Tag Brennpunkte verpasst. Den Scheißegal-Programmierern bei Vox sei da einfach mal 3sat am Freitag empfohlen, wo Der Schweine-Baron Adriaan Straathof erklärt wird. Für eingefleischte Fleischfans könnte es sehr erhellend sein, wie der Niederländer Flora und Fauna für seine Profite mit unserer Ernährungsignoranz ruiniert.

So viel Realität ist zwar ebenso schwer verdaulich wie der ARD-Mittwochsfilm Keine Zeit für Träume übers sperrige Thema Zappelkinder, aber eben notwendig und seriös. Und wer sich ein wenig fröhlicher aufklären lassen will, kann ja morgen Abend die ZDF-Anstalt einschalten, wo Max Uthoff und Claus von Wagner zum zweiten Mal beweisen werden, dass sie würdige Nachfolger des Scheibenwischers sind. Eine würdige Nachfolgerin von Miss Marple ist jedenfalls die Golden-Globe-Gewinnern Brenda Blethyn als Import-Ermittlerin Vera, kurz zuvor auf ZDFneo. Wundervoll jovial, herrlich britisch. Wundervoll verschroben, very american ist zugleich Kevin Spacey als kiffernder Psychiater Shrink bei RTL Nitro. Wundersam blödsinnig und very german endet tags drauf der Bachelor, was natürlich eine viel schönere Nachricht wäre, hätte RTL nicht kolportiert, dass Dschungelkönigin Melanie ab Sommer als Bachelorette auf Sendung geht.

Das zeigt abermals, dass man in Köln außer Testosteron eigentlich nur noch eines im Blut hat: Benzin.Weshalb der Brachialkanal am Wochenende praktisch ausschließlich mit der Formel 1 füllt. Aber damit niemand denkt, Private liefern nichts als Deppen-TV, sei hier Oli Schulz empfohlen, der Samstag auf Pro7 wieder irgendwo aus der Box steigt und grandiosen Aberwitz erlebt. Bleibt noch der Tipp der Woche: Die Konsequenz (heute um 23.15 Uhr im NDR) mit dem jungen Jürgen Prochnow, dessen schwule Rolle den bigotten BR 1977 noch zum Ausklinken aus dem Gemeinschaftsprogramm brachte.


Femalfriday: DENA, Neneh Cherry

DENA

Was ein Name doch alles bewirken kann. Mathangi Arulpragasam zum Beispiel, schwer auszusprechen, noch schwerer zu merken. Oder Denitzka Todorova, kein ganz so komplizierter Brecher deutscher Zungen, aber auch schon leicht sperrig. Da ist es nicht nur zuvorkommend, Spitznamen anzubieten, es hat auch aus Marketingsicht seine Vorteile. Weshalb Popfans das Kürzel M.I.A. ebenso geläufig ist, wie es das von Frau Todorova bald sein dürfte. Denn DENA macht nicht nur einen Electroclash, der verteufelt an den der eingangs erwähnten Londoner Trashpop-Queen mit srilankischen Wurzeln erinnert; er ist auch absolut massenkompatibel. Was der Masse diesmal allerdings durchaus zugute kommt.

Denn wie DENA, die vor knapp zehn Jahren zum Studieren aus Bulgarien nach Berlin kam und natürlich hängengeblieben ist, was also dieser Irrwisch aus dem Osten mit Flash für ein Debütalbum hinlegt, das ist schon ein ganz schönes Clubbrett. Allerdings kein berechenbar Gagamäßiges, prollig berechenbares, R’n’B-verpopptes, sondern ein ziemlich gelungenes. Schon das Auftaktstück Thin Rope, längst ein kleiner Berghain-Hit, so scheint es live, liefert wunderbaren Uptempo-Trash zu den Samples nebst E-Drums ihrer zwei Mitmusiker und kann gar nicht anders, als mit fluffigen Texten über Cheerleader, Party, solche Sachen ein Lachen auf tanzende Köpfer zu zaubern. So geht es neun Lieder weiter.  Kein Sound für die Ewigkeit, eher einer für den Moment. Einen sehr unterhaltsamen.

DENA – Flash (Normal Surround)

Neneh Cherry

“Das Comeback des Jahres” ist eine der heikelsten Formulierungen im Popgeschäft. Zurückkommen könnten Foreigner schließlich ebenso wie, sagen wir, Bonnie Tyler, Chris de Burgh oder Toto. Und sehr wahrscheinlich hätte so eine Heimkehr ins Showbiz irgendwas mit Geldsorgen zu tun oder schlimmer noch: Sinnleere. Zurückgekommene neigen nämlich dazu, ihr tradiertes Liedgut besserer Tage mit neueren Stücken zu durchsetzen, die verteufelt nach dem tradierten Liedgut besserer Tage klingen, was zusammengenommen im besten Fall furchtbar klingt, im Regelfall bemitleidenswert. Es ist also Obacht geboten, wenn eine Künstlerin ihr Comeback feiert, die den Spätgeborenen aus den Jahren ihrer großen Erfolge womöglich kaum noch ein Begriff ist: Neneh Cherry. Fast 18 Jahre nach ihrem bislang letzten Studioalbum bringt das einstige Gesicht des weiblichen Hip-Hops eine neue Platte raus und wird damit ohne Zweifel ein bisschen etwas dazuverdienen. Eines aber kann man der schwedischen Stieftochter des amerikanischen Freejazz-Gottes Don Cherry nicht vorwerfen: Dass es ihr mit Blank Project um so profane Dinge wie Geld gehen könnte.

Allzu viel davon verdient man mit dem sperrigen Neotriphop darauf nämlich nicht – wobei wir beim positiven Aspekt des Comebacks wären. Denn Neneh Cherry, die mit dem virilen Buffalo Stance 1988 ihren Durchbruch feierte und aus den Videocharts der Musiksender fast so lange nicht wegzudenken war, wie dort wirklich Musik gespielt wurde, sie krempelt sich auf ihrem vierten Album in einem Vierteljahrhundert förmlich um. Und zwar so resolut, dass wenig übrig bleibt von Manchild oder 7 Seconds, den sonoren Melodramen ihrer Erfolgsära. Schon das Auftaktstück Across The Water deutet an, wohin es die Halbschwester des unlängst ebenfalls zurückgekehrten Eagle-Eye Cherry im salomonischen Alter von 50 Jahren treibt: Wie in der Blütezeit, als ihr selbstgewisses Auftreten dem Begriff der Mulattin die rassistische Schärfe nahm und Frauen endgültig im männerdominierten Hip-Hop positionierte, weht viel brüchiger Trotz durch die Stimme.

Aber er lässt sich nicht von eingängigen Harmonien umschmeicheln, sondern bleibt unbegleitet, verletzlich. Bis der darauf folgende Titelsong die Stoßrichtung vorgibt: Durch treibende Breakbeats vermischt sich ihr düsterer Soul da mit fiebrigem Ethnosound, als ringe sie im verrauchten Existenzialistenkeller mit ihrem inneren R ‘n’ B. Bis zum zehnten Stück klingt Blank Project wie ein Kampf mit den Geistern, die Neneh Cherry rief, und sie gewinnt ihn. Nach langen Jahren des Herumstromerns in den Stilen ihrer Ahnen samt einer bemerkenswerten Freejazz-Kollaboration ab 2010 hat die dreifache Mutter damit zwar nicht gerade den Pop neu erfunden, aber sich selbst einen neuen Platz darin zugewiesen, ohne den alten vollends zu räumen.

Neneh Cherry – Blank Project (Smalltown Supersound); mehr Text’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/02/28/neneh-cherry_17635


Guido Knopp: Nazithrill- & Deutschlandfan

Ein Guido namens Knopp

Nach seinem Rückzug aus der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte erklärt uns der NS-kundige Salonpatriot nun bei Phoenix die Welt wie er sie sieht. Ab Sonntagabend zum Beispiel wen er für die größten Bundeskanzler hält. Aus diesem Anlass bringen die freitagsmedien ein älteres Porträt des Hitorikers mit dem schwarz-rot-goldenen Herzen.

Von Jan Freitag

Es ist ein Triumph der Beharrlichkeit, aus Hingabe, Aufopferung und Fleiß oder – um es mit Leni Riefenstahl zu sagen: ein Sieg des Willens. Guido Knopp, die graue Eminenz hiesiger Vergangenheitsbewältigung, kriegt einen Preis: In New York überreicht ihm eine internationale Jury zeitgeschichtlicher Fernsehmacher den Lifetime Achievement Award. Damit feiert sie einen Mann, der wie kein zweiter im Medienland den Weg aus der geistig moralischen Wende über die neue Mitte ins nationale Selbstbewusstsein geebnet hat. Und weil zugleich niemand die deutsche Ahnenforschung nach 1933 exporttauglicher machte als der Bundesverdienstkreuzträger aus dem hessischen Knüllgebirge, weiß man das auch im fernen Toronto.

Gut, dass dort mit Olaf Grunert und Ralf-Peter Piechowiak zwei Fahrensmänner vom Lerchenberg im Gremium der History Makers sitzen – geschenkt. Seit Guido Knopp 1984 die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte schuf, hat der promovierte Historiker das sperrige Genre nicht nur in über 50 Länder exportiert, sondern „aus dem Ghetto des Spätabendprogramms ins Hauptabendprogramm“ gehievt, so Knopp selbst. In einer Gegend mit mehr Spielkonsolen als Enzyklopädien ist das schon mal bemerkenswert.

Schon sein erster großer Mehrteiler Der verdammte Krieg fesselte 1991 ein Millionenpublikum. Im Anschluss betrieb der Ex-Redakteur konservativer Frontblätter des Kalten Krieges Welt am Sonntag und FAZ, was der Philosoph Hermann Lübbe mit „deutscher Sündenstolz“ umschreibt: Konfrontatives Verarbeiten. Gnadenlos konfrontierte er das wiedervereinigte Volksempfinden mit den Tabuthemen Nationalsozialismus und Krieg, betrieb es aber als konsequente Exkulpation des von den Nazis, nein – eher einer Führungskaste, noch besser: vom Führer verführten Volkes. Schuld sind immer die anderen – das alte Sandkistenprinzip.

Denn stets lenken Hitlers Helfer, Henker, Frauen und Kinder alle Aufmerksamkeit fort vom fanatisierten Volk. Bataillone großväterlicher Zeitzeugen geben sich ohne je Nachfragen zu fürchten so persönlich, dass Motive, Ursachen, Schuld verschwimmen. Ob Machtergreifung, Widerstand, Stalingrad oder Nachkriegszeit – Knopp hat „das Wir-Gefühl ins deutsche Erinnern gebracht“, schreibt Die Zeit und nennte seine Taktik „Entschuldung durch konsequente Entpolitisierung“. Seine zweifarbige Heldenproduktion, deren schwarze Seite allein durch Hitlers (Krieg, Plan, Clique) apostrophiert wird, duldet nur weiße Flecken. „In gewisser Weise hat er sich zu Beginn von Hitler täuschen lassen“ – so arglos klang die frühe Führerbegeisterung des späteren Attentäters im Stauffenberg-Film Die wahre Geschichte von 2008. „Der Graf war deutsch-national, nie ein Nazi“ lobt Knopp seinen Lieblingsdeutschen. „Wir atmen etwas freier, weil es ihn gegeben hat.“

Und um Befreiung geht es. Nichts belastet das nationale Behagen mehr als ein dreckiges Gestern. Deshalb führt Italien keine Debatte über den Duce, deshalb bleibt Stalin in Russland ein Star. Deutschland indes ging zu lang gesenkten Kopfes, wie die Rechte seit je befindet. Da half Guido Knopp beim Heben, der „Liberalkonservative in den Farben Schwarz-Rot-Gold“, wie er sich selber nennt. Kritiker bevorzugen „Megalomane“ oder „ZDF-Kriegsguru“, der aus Sicht des Historikers Ulrich Herbert „Nazi-Kitsch“ mit „Spaßkompatibilität“ (Süddeutsche) liefert.

Knopp hat aus Geschichtsfernsehen Histotainment gemacht und die braunen Flecken darin verrührt, wenn auch nicht alle: Als Knopp zum 60. Jahrestag der Normandie-Landung reaktionäre Historiker à la Arnulf Baring ins Studio bat, die „vom Tod, der alle gleich macht“ faseln durften. Wenn sein Leibregisseur Hans-Christoph Blumenberg in Der Aufstand“ DDR-Polizisten zu Bestien in SS-Kluft uniformiert oder alle Vertreibungsgründe im Dokudrama Kinder der Flucht 1944 statt ’33 suchte. Und als sein Endlosformat History am Sonntag das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung um drei Tage vorzog, widmete er sich dem Klassenfeind: Die DDR und die Juden. Immer die anderen, wie gesagt.

Ansonsten aber mag es Knopp nun milder. Als Quizonkel im Zweiten etwa lässt er Frauen gegen Männer oder Adel gegen Pöbel raten und kümmert sich in History auch mal um US-Präsidenten oder Verschwörungstheorien. Mit 61 scheint er geläutert vom populistischen Eifer früherer Tage – der Westerwelle des Fernsehens, ein Guido namens Knopp. So wie sich der FDP-Chef heute seriös gibt, so hat der ZDF-Stratege die Strategie verfeinert. Sein Guidomobil fährt weiter mit fixen Schnitten, dramatischer Musik und plakativen Kommentaren, aber uns als großes Opfervolk einer winzigen Tätergang zu zeichnen – das das hat ihm jeder abgekauft, der sich nicht querinformiert. Alle lieben Stauffenberg und schuld war Hitler. Mission erfüllt. Sogar in Toronto.


Christian Rach: Fernsehkoch & Brotrecycler

Das Medium

Seit fast zehn Jahren ist der saarländische Sternekoch Christian Rach (56) neben seinen Hamburger  Spitzenrestaurants auch im Fernsehen aktiv. Nach unfassbar erfolgreichen Zeiten bei den Privaten, wechselt er nun zum ZDF,  wo er die Menchen über gesunde und korrekte Ernährung aufklären will. Beim Auftakt vor zwei Wochen wollten das zwar nicht allzu viele Zuschauer sehen. Beim morgigen Teil 2 von Rach tischt auf! (Donnerstag, 20.15 Uhr) kann es also nur besser werden.

freitagsmedien: Christian Rach, für Ihr Nahrungsmittelformat Rach tischt auf kündigt Sie das ZDF „als Anwalt der Verbraucher an. Wie kriegt man dafür die Zulassung?

Christian Rach: Oh, wenn man dafür eine braucht, muss ich mich wohl schleunigst drum kümmern.

Sehen Sie sich als Verbraucherschützer?

Dafür klingt mir der Begriff zu pädagogisch. Aber ich möchte, was Verbrauch angeht, Transparenz fördern. Weil die meisten von uns zu fast jeder Zeit online sind, befinden wir uns ständig in Lernsituationen über alles und jeden, aber mich dünkt, dass die Lebensmittelindustrie da nicht so ganz mithält.

Anders formuliert: Sie betrügt den Kunden.

Das klingt jetzt wieder zu hart. Aber die Nahrungsproduzenten haben in der Außendarstellung so große Defizite, dass sie in vielen Studien auf der Beliebtheitsskala unten bei den Bankern landen. Um das zu ändern, haben sie nur eine Chance: Offenheit. Mir geht es um Kommunikation.

Sie firmieren also gar nicht als Aufklärer von Missständen, sondern Medium zwischen Hersteller und Kunde?

Gefällt mir, der Begriff. Es geht weniger ums Industrie-Bashing als Aufklärung. Nehmen Sie die Vernichtung von Essen: Gut 60 Prozent der vermeidbaren Abfälle entstehen im privaten Haushalt, was allerdings nicht nur mit dem Wegwerfverhalten zu tun hat, sondern auch den Herstellern mit ihrer Überproduktion. Wenn ich aber versuche, da Auskunft zu erhalten, stoße ich auf eine Mauer des Schweigens. Das verstehe ich nicht, und wenn ich was nicht verstehe, gehe ich dem nach.

Und was schmeißen Sie selber weg?

Äußere Salatblätter vielleicht. Selbst den Kopf vom Fisch koche ich für einen Fonds aus.

Das ist der Indianer-Ansatz, vom Büffel alles zu verarbeiten.

Genau, deshalb schmeißen wir nicht mal Brot weg, sondern machen daraus Knödel und armer Ritter. Da geht es ums Prinzip. Um nicht auf Produktwerbung reinzufallen, gehen wir deshalb nur mit Zettel einkaufen und möglicht satt; Hunger ist ein schlechter Ratgeber. Trotzdem geht es mir bei allem, was ich zum Thema Essen tue, um Fakten. Wer die nicht kennt, gerät aufs dünne Eis der Moral. Und das meide ich.

Wobei es angesichts des globalen Konsumirrsinns schwer sein muss, nicht moralisch zu reagieren.

Manchmal schon.

Kann das Fernsehen mit seinen Ratgebern und Kochshows daran etwas ändern?

Durchaus. Aber ich warne davor, das im Hauruckverfahren zu versuchen. Nachhaltiger Wandel braucht Zeit, vor allem aber Feingefühl. Um ein Kind von Brokkoli zu überzeugen, ist ein Hinweis aufs Leckere sinnvoller als aufs Gesunde. Es geht darum, ohne erhobenen Zeigefinger Bewusstsein zu schaffen. Selbst Kartoffelchips machen manchmal Spaß; erst wenn sie das Frühstück ersetzen, wird es problematisch. Dafür bedarf es permanenter Information darüber, wie gut man sich natürlich statt künstlich ernähren kann.

Was aber ziemlich teuer sein kann.

Also bei uns gibt’s heute Abend Bohneneintopf, für das ich gestern Bohnen eingeweicht habe. Das kostet fast nichts, ist aber köstlich und gesund. Von daher sehe ich auch nicht die Kosten als größtes Problem, sondern mangelndes Wissen. Die Gleichberechtigung, so unerlässlich sie ist, hat dazu geführt, dass einst überlieferte Kenntnisse übers Essen nicht mehr von Mutter zu Tochter weitergegeben werden. Wenn ich da sehe, dass fast zwei Drittel der Krankenhauseinlieferungen ernährungsbedingt sind, wird es umso fataler, dass der Staat nicht mehr wie früher einspringt, als in der Schule noch Hauswirtschaft gelehrt wurde.

Sind so gesehen Fernsehköche, die seit 15 Jahren eine Renaissance erleben, die neuen Hauswirtschaftslehrer?

Sofern sie die Moralkeule unten lassen und nicht in Klamauk ausarten, dennoch spannend und unterhaltsam sind, also im besten Sinne einen Bildungsauftrag erfüllen schon. Der hört aber schon auf, wenn der Fernsehkoch sagt: Ich hab da schon was vorbereitet. Genau das hat ja für Mama und Papa keiner gemacht, wenn sie den ganzen Tag gearbeitet haben. Ich plädiere dafür, ehrlich zum Zuschauer zu sein, ohne Angst vorm Kartoffelschälen zu machen. Viele frische Mahlzeiten dauern kaum länger als ein Fertiggericht – so was kann Fernsehen vermitteln helfen.

Zugleich setzt es aber seit einiger Zeit japanisches Rind und kenianische Bohnen auf die Speisekarte, was mit Nachhaltigkeit wenig zu tun hat.

Also erstens habe ich mir zwar noch nie japanisches Rind gekauft, weil es mir einfach zu teuer ist. Aber wir leben nun mal in einer globalisierten Welt, das lässt sich nicht zurückdrehen. Zweitens plädiere ich zwar für regionalen Anbau, aber wir sollten uns hüten, keine Erdbeeren aus Südafrika zu fordern, aber fröhlich unsere Autos dorthin zu exportieren. Nochmals: Es geht immer um Bildung, Wissen, Erkenntnisse. Als kürzlich mal jemand probeweise Fischstäbchen mit Flosse dran in ein öffentliches Aquarium gesetzt hat, soll sich darüber niemand gewundert haben; da muss man ansetzen. Aufklärung ist ein Kundenbedürfnis.

Und Sie tun das wie in „Rach tischt auf“ nun sogar auf der großen Showbühne.

Stimmt, aber ich werde sicher nie „Wetten, dass…?“ moderieren. Dazu fehlt mir komplett der Narzissmus. Dennoch bin ich bereit, auch ein großes Publikum für so etwas wie eine Haltung zu begeistern. Wobei man auch die ständig überprüfen muss, weshalb ich etwa Massentierhaltung kritisch, aber offen hinterfrage. Auch gute News dürfen News sein und wenn ich positive Erfahrungen in einer norwegischen Aquakultur sammele, will ich die kundtun.

Würden Sie die denn auch in einer Hühnerfarm mit Käfighaltung sammeln?

Um Gottes Willen, nein, auch Offenheit hat ihre Grenzen.

Gibt es bei Ihnen daheim auch mal ein Fertiggericht?

Nein. Dafür habe ich viel zu viel Respekt vor dem Begriff Fertigkeiten, die wir nicht verlieren dürfen. Meine Frau kocht ebenso gern wie ich, und wir beide sorgen dafür, dass es einmal am Tag etwas frisches, selbst gemachtes Warmes gibt. Das heißt allerdings nicht, dass es bei uns keine Tütennudeln gibt und zwei Gläser Fertigsoße im Schrank; meine schulpflichtige Tochter bringt einfach zu viele Leute in unser open house, um alles immer von Hand zu machen.

Aber reagiert ihre Tochter auf den gewissenhaften Vater nicht mit derselben Renitenz aller Teenager und geht erst recht zu McDonalds?

Weil ich mit positiven Beispielen vorangehe, eher nicht. Auch bei uns stehen Kekse auf dem Tisch, davon explodiert ja niemand. Ich will mich von so was nur nicht ernähren. Das einzige Dogma auf unserem Küchentisch ist: kein Dosenfutter.

Eine Currywurst ist also schon mal drin.

Klar, aber bitte nicht mit dieser Einheitspampe zweier Hersteller. Wenn ich die Currysoße mache, dauert das mit Schnibbeln 20 Minuten, die reicht aber auch zwei Monate.

Und ist vermutlich billiger als im Imbiss.

Sehen Sie! Geht doch!


Relevanz & Rivalen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

24. Februar – 2. März

Maren Müller macht also ernst. Mit Gleichgesinnten will die Initiatorin der Online-Petition gegen Markus Lanz den Verein „Ständige Publikumskonferenz für die öffentlich-rechtlichen Medien“ gründen. Und wie bedeutsam der sein könnte, deutete vorige Woche nicht nur ein zweiseitiger Brief an, mit dem ZDF-Programmchef Thomas Bellut Maren Müller halboffiziell zusichert, ihre Vorwürfe ernstzunehmen; sein Quotenzugpferd Günther Jauch hatte kurz zuvor mal wieder den allwöchentlichen Beleg dafür geliefert, wie richtig Maren Müller auch abseits von Lanz’ desaströser Gesprächsführung in Talkshow und Wettsendung mit ihrer Kritik am Ersten und Zweiten Programm liegt.

In einem Land nämlich, dessen Bewohner ihre Kinderliebe Tag für Tag auf populistisches Gekeife gegen die vermeintlich anschwellende Flut der Pädophilie reduzieren, eröffnete Jauch seine Sonntagsrunde vor Wochenfrist allen Ernstes mit der Frage, ob wir zu lasch seien im Umgang mit Kinderschändern. Zu lasch! Nein, Herr Jauch, sind wir nicht. Nicht nur schlicht gestrickte Menschen in diesem Land drehen ja angesichts der Edathy-Affäre schier durch vor geiferndem Furor gegen das, was ihnen die Medien servieren: Eine Gesellschaft in der praktisch unablässig Schutzbefohlene gequält, gefickt, gefoltert werden. Mit steigender Tendenz, tönt es vom Boulevard. Und nicht nur von dem. Selbst seriöse Sender lassen gefühlt in jedem zweiten Kriminalfall gegen Täter minderjähriger Opfer ermitteln. Das bedient die Stammtische, hat aber mit der statistischen Realität wenig zu tun – auch wenn das Erregungsfernsehen Bild-geschulter Dampfplauderer wie Günther Jauch unablässig das Gegenteil suggeriert.

Wobei die ARD ja genau für diese Erregungstherapie der Karikatur eines politisch relevanten Moderators das Dreifache dessen zahlt, was sie zum Beispiel pro Sendeminute in die seriöse Sandra Maischberger investiert. Und dann rechtfertigen die Verantwortlichen den Preis von Jauchs oberflächlich geleiteten Panikmache auch noch mit „publizistischer Relevanz“. Wobei „publizistische Relevanz“ ein Begriffspaar von großer Biegsamkeit ist. Als „publizistisch relevant“ gilt demzufolge ja auch die Kampagne einer Supermarktkette, deren Spot Supergeil bis gestern millionenfach im Internet geklickt wurde und sogar so erfolgreich ist, dass Youtube Werbung vor die Werbung schaltet, vor die irgendwann Werbung geschaltet werden dürfte. Weil sich „Politische Relevanz“ also vornehmlich an der Rezeption orientiert, trifft sie vermutlich auch auf die Vorstellung des Berliner Tatort-Teams zu, wo das Blitzlichtgewitter heller strahlte als, sagen wir: auf einem FDP-Parteitag 2014.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. März

Doch der Oscar publizistischer Relevanz 2014 geht natürlich an – den Oscar selbst. Künstlerisch ist er zwar weit weniger wert als etwa der Golden Globe, macht aber einfach den größere Bohai um seine Verleihung. Vor wenigen Stunden wurde er wieder vor einem Milliardenpublikum verliehen, von Pro7 seit Mitternacht übertragen und seit 8.20 Uhr in voller Länge wiederholt. Wobei der Glamourkanal Relevanz ohnehin abseits qualitativer Faktoren bemisst. Kein Wunder also, dass dessen zweitwichtigste Sendung ein Werbeblock namens TV total Wok-WM ist, mit der Samstag abermals die Grenze zwischen Gehirn und Gesäß verwässert wird. Mehr gibt es im Privatfunk diese Woche nicht zu empfehlen. Zumal Christian Rach ja nun im ZDF auftischt. Auch die zweite Folge wird Donnerstag wohl kaum ein öffentlich-rechtlicher Stammzuschauer sehen wollen. Aber immerhin entzieht sie dem Rivalen RTL ein paar Kunden.

Doch wer braucht Feinde, wenn er Freunde hat wie Nick Tschiller. Auch der zweite Fall des Hamburger Tatort-Haudraufs erinnert bei aller optischen Brillanz in seiner dramaturgischen Schlichtheit an Cobra 11, nur mit viel, viel mehr Leichen. Die sind schwer zu zählen“, wie Til Schweigers glaubhaft schnodderiger Assistent Fahri Yardim einräumt. Dennoch rät er zur Gelassenheit: „Wir sind weder eine Polizeidokumentation noch naturalistisches Erzählkino.“

Da beides ARD wie ZDF aber doch besser zu Gesicht steht, raten wir hiermit weder zum heutigen Karnevalsoverkill noch zur morgigen 13. Staffel von Um Himmels Willen, sondern empfehlen stattdessen, äh, nein – der oft gediegene Mittwochsfilm fällt dank eines Fußballländerspiels im Ersten aus. Die vierteilige Reihe junger Regisseure Stunde des Bösen startet heute mit dem Kleinen Fernsehspiel Der zweite Mann erst kurz vor Mitternacht. Anna Loos liefert als Helen Dorn ab Samstag an gleicher Stelle eher biedere Krimikost. Und die wirklich spannenden Sachen laufen ohnehin bei Spartenkanälen wie Arte.

Zum Beispiel die morgige Montage Homs aus 300 Stunden Material syrischer Filmemacher in der Frontstadt des Bürgerkriegs. Oder tags drauf ein koreanischer Themenabend, angefangen mit der erschütternden Dokumentation Camp 14 über nördliche Arbeitslager, fortgesetzt mit dem südlichen Klassiker Das Hausmädchen, erst das Remake von 2010, dann das 50 Jahre ältere Original. Samstag gibt es dann noch den sehenswerten Schwerpunkt Starke Frauen. Und dann wäre da noch die belgische Krimiserie Code 37, ab Mittwoch um 22.30 Uhr bei ZDFneo, in der es auch schon wieder um Missbrauchsthemen geht. Also doch zurück zum Sport und der Eröffnung der Paralympics am Freitag im Zweiten, dem das Erste abends zuvor die faszinierende Langzeitdoku Gold über drei behinderte Sportler voranschickt – und das zur besten Sendezeit.

Bleibt noch der Tipp der Woche, diesmal: Herr Ober!, Gerhard Polts brillante Medienschelte von 1991, heute um 22 Uhr im BR. Und als Schmankerl noch der Schwarzweißevergreen Herr der Fliegen (Sonntag, 0.25 Uhr, 3sat) von 1963.

Die Gebrauchtwoche

Maren Müller macht also ernst. Mit Gleichgesinnten will die Initiatorin der Online-Petition gegen Markus Lanz den Verein „Ständige Publikumskonferenz für die öffentlich-rechtlichen Medien“ gründen. Und wie bedeutsam der sein könnte, deutete vorige Woche nicht nur ein zweiseitiger Brief an, mit dem ZDF-Programmchef Thomas Bellut Maren Müller halboffiziell zusichert, ihre Vorwürfe ernstzunehmen; sein Quotenzugpferd Günther Jauch hatte kurz zuvor mal wieder den allwöchentlichen Beleg dafür geliefert, wie richtig Maren Müller auch abseits von Lanz’ desaströser Gesprächsführung in Talkshow und Wettsendung mit ihrer Kritik am Ersten und Zweiten Programm liegt.

In einem Land nämlich, dessen Bewohner ihre Kinderliebe Tag für Tag auf populistisches Gekeife gegen die vermeintlich anschwellende Flut der Pädophilie reduzieren, eröffnete Jauch seine Sonntagsrunde vor Wochenfrist allen Ernstes mit der Frage, ob wir zu lasch seien im Umgang mit Kinderschändern. Zu lasch! Nein, Herr Jauch, sind wir nicht. Nicht nur schlicht gestrickte Menschen in diesem Land drehen ja angesichts der Edathy-Affäre schier durch vor geiferndem Furor gegen das, was ihnen die Medien servieren: Eine Gesellschaft in der praktisch unablässig Schutzbefohlene gequält, gefickt, gefoltert werden. Mit steigender Tendenz, tönt es vom Boulevard. Und nicht nur von dem. Selbst seriöse Sender lassen gefühlt in jedem zweiten Kriminalfall gegen Täter minderjähriger Opfer ermitteln. Das bedient die Stammtische, hat aber mit der statistischen Realität wenig zu tun – auch wenn das Erregungsfernsehen „Bild“-geschulter Dampfplauderer wie Günther Jauch unablässig das Gegenteil suggeriert.

Wobei die ARD ja genau für diese Erregungstherapie der Karikatur eines politisch relevanten Moderators das Dreifache dessen zahlt, was sie zum Beispiel pro Sendeminute in die seriöse Sandra Maischberger investiert. Und dann rechtfertigen die Verantwortlichen den Preis von Jauchs oberflächlich geleiteten Panikmache auch noch mit „publizistischer Relevanz“. Wobei „publizistische Relevanz“ ein Begriffspaar von großer Biegsamkeit ist. Als „publizistisch relevant“ gilt demzufolge ja auch die Kampagne einer Supermarktkette, deren Spot „Supergeil“ bis gestern millionenfach im Internet geklickt wurde und sogar so erfolgreich ist, dass Youtube Werbung vor die Werbung schaltet, vor die irgendwann Werbung geschaltet werden dürfte. Weil sich „Politische Relevanz“ also vornehmlich an der Rezeption orientiert, trifft sie vermutlich auch auf die Vorstellung des Berliner „Tatort“-Teams zu, wo das Blitzlichtgewitter heller strahlte als, sagen wir: auf einem FDP-Parteitag 2014.

Frischwoche

Doch der Oscar publizistischer Relevanz geht natürlich an – den Oscar selbst. Künstlerisch ist er zwar weit weniger wert als etwa der Golden Globe, macht aber einfach den größere Bohai um seine Verleihung. Vor wenigen Stunden wurde er wieder vor einem Milliardenpublikum verliehen, von Pro7 seit Mitternacht übertragen und seit 8.20 Uhr in voller Länge wiederholt. Wobei der Glamourkanal Relevanz ohnehin abseits qualitativer Faktoren bemisst. Kein Wunder also, dass dessen zweitwichtigste Sendung ein Werbeblock namens „TV total Wok-WM 2014“ ist, mit der Samstag abermals die Grenze zwischen Gehirn und Gesäß verwässert wird. Mehr gibt es im Privatfunk diese Woche nicht zu empfehlen. Zumal Christian Rach ja nun im ZDF auftischt. Auch die zweite Folge wird Donnerstag wohl kaum ein öffentlich-rechtlicher Stammzuschauer sehen wollen. Aber immerhin entzieht sie dem Rivalen RTL ein paar Kunden.

Doch wer braucht Feinde, wenn er Freunde hat wie Nick Tschiller. Auch der zweite Fall des Hamburger „Tatort“-Haudraufs erinnert bei aller optischen Brillanz in seiner dramaturgischen Schlichtheit an „Cobra 11“, nur mit viel, viel mehr Leichen. Die sind schwer zu zählen“, wie Til Schweigers glaubhaft schnodderiger Assistent Fahri Yardim einräumt. Dennoch rät er zur Gelassenheit: „Wir sind weder eine Polizeidokumentation noch naturalistisches Erzählkino.“

Da beides ARD wie ZDF aber doch besser zu Gesicht steht, raten wir hiermit weder zum heutigen Karnevalsoverkill noch zur morgigen 13. Staffel von „Um Himmels Willen“, sondern empfehlen stattdessen, äh, nein – der oft gediegene Mittwochsfilm fällt dank eines Fußballländerspiels im Ersten aus. Die vierteilige Reihe junger Regisseure „Stunde des Bösen“ startet heute mit dem Kleinen Fernsehspiel „Der zweite Mann“ erst kurz vor Mitternacht. Anna Loos liefert als „Helen Dorn“ ab Samstag an gleicher Stelle eher biedere Krimikost. Und die wirklich spannenden Sachen laufen ohnehin bei Spartenkanälen wie Arte.

Zum Beispiel die morgige Montage „Homs“ aus 300 Stunden Material syrischer Filmemacher in der Frontstadt des Bürgerkriegs. Oder tags drauf ein koreanischer Themenabend, angefangen mit der erschütternden Dokumentation „Camp 14“ über nördliche Arbeitslager, fortgesetzt mit dem südlichen Klassiker „Das Hausmädchen“, erst das Remake von 2010, dann das 50 Jahre ältere Original. Samstag gibt es dann noch den sehenswerten Schwerpunkt „Starke Frauen“. Und dann wäre da noch die belgische Krimiserie „Code 37“, ab Mittwoch um 22.30 Uhr bei ZDFneo, in der es auch schon wieder um Missbrauchsthemen geht. Also doch zurück zum Sport und der Eröffnung der Paralympics am Freitag im Zweiten, dem das Erste abends zuvor die faszinierende Langzeitdoku „Gold“ über drei behinderte Sportler voranschickt – und das zur besten Sendezeit.

Bleibt noch der „Tipp der Woche“, diesmal: „Herr Ober!“, Gerhard Polts brillante Medienschelte von 1991, heute um 22 Uhr im BR. Und als Schmankerl noch der Schwarzweißevergreen „Herr der Fliegen“ (Sonntag, 0.25 Uhr, 3sat) von 1963.


Reisereportage: Ras Al-Khaimah, VAE

Banyan Tree Al WadiAm Rande des Wahnsinns

Das Emirat Ras Al Khaimah liegt nur wenige Kilometer nördlich von Dubai und doch Lichtjahre entfernt vom glasstählernen Aberwitz der Millionenmetropole. Noch. Denn die beschauliche Landspitze im persischen Golf eifert dem durchgedrehten Nachbarn bereits bereits so eifrig nach, dass sie rasch noch mal besuchen sollte, wer arabische Wüstenaura ohne Zwang zum Luxus erleben will.

Von Jan Freitag

Adel staunt. „Sie sehen sich unsere Stadt an?“, fragt der gottesfürchtige Muslim kurz vorm Freitagsgebet so ungläubig, dass seine Mundwinkel förmlich abwärts stürzen. „Sightseeing?“, hakt er in holprigem Englisch nach. „Einfach so?“ Der lederhäutige Mann mit den lachenden Augen kann es kaum fassen, dass da ein Mitteleuropäer seinen Geburtsort besucht, in dessen Nationalmuseum er oft tagelang vergebens auf ausländische Besucher wartet. Dass er sich also nicht wie der Rest gleich nach Ankunft stumpf an den Strand legt und dort rundumversorgt liegen bleibt, bis nach zwei Wochen der Bus zurück zum Airport fährt. Dass er bei glühender Mittagshitze freiwillig einen Abstecher zur riesigen Sheik Zayed-Moschee macht, aus Interesse am Feiertagsritus und nicht, weil eine geführte Bustour ihren raspelkurzen Fotostopp einlegt. Dass er da ist, wo er ist.

Hier, bei Adel Mahboub, dessen entgeistertes Gesicht besser als jedes Ortsschild, jeder Kompass, jede noch so wortreiche Antwort verrät, wo man sich gerade befindet: In Ras Al Khaimah, die nordöstliche Nase der Vereinigten Arabischen Emirate, deren Übersetzung bereits zart andeutet, dass es hier etwas beschaulicher zugeht. Sie lautet „Spitze des Segels“, und ganz gleich, ob sie jene vorüber ziehenden Schiffe beschreibt, die seit Menschengedenken der Straße von Hormus Richtung Persischer Golf folgen, oder doch Beduinenzelte, die von deren Ausguck aus als erstes sichtbar waren, wenn sie die Landzunge passierten – in RAK, wie das östlichste Emirat gern abgekürzt wird, ist die arabische Halbinsel noch so, wie sie zur Zeit der Segelboote war. Wenigstens beinahe, aus Südwesten kommend, Startbahn Dubai. Von dessen architektonischem Aberwitz ins abgelegene Ras Al Khaimah vergeht zwar kaum eine Stunde Busfahrt durch die Ödnis rotbrauner Dünen, doch gefühlt sind es Lichtjahre. Wer VAE erreicht, wie der junge Gesamtstaat gern abgekürzt wird, landet zunächst in einer Megacity, die auf engstem Raum alles Natürliche, Gewachsene, Erträgliche unter reichlich Glamour, Glasstahl und Konsum begraben hat. Dubai, das ist der zubetonierte Inbegriff menschlicher Anmaßung ohne Sinn, ohne Verstand. Ohne Herz vor allem.

Von dieser künstlichen Vorhölle geht es – den Golf zur Linken – über schnurgerade Highways Richtung RAK, und schon wenige Meter nach der Stadtgrenze stellt sich eine seltsame Ruhe ein. Sie wird sogar noch stiller, wenn sich am Ziel, vier Emirate später, im flimmernden Dunst beißender Hitze zur Rechten das mächtige Hadschar Gebirge am Horizont erhebt wie Asche aus einem aktiven Vulkan. Ras Al Khaimah ist eine Art Konzentrat dessen, was die arabische Halbinsel eigentlich gar nicht ist: vielfältig. Hier aber, Seite an Seite mit dem Sultanat Oman im Osten, haben es Tektonik, Gischt und Klima offenbar besser gemeint mit dem kargen Land als in den sechs anderen Teilstaaten. RAK kennt entlang seiner Küste schließlich nicht bloß Wüste, Wüste, Wüste und was Mensch und Maschine ihr mühselig abtrotzen. Hier gibt es noch nahezu unberührte Mangrovenwälder in malerischen Lagunen. Biotope, aus denen riesige Flamingoschwärme aufsteigen, bis sich der Himmel rosa färbt überm fruchtbaren Ackerland, das vom Quellwasser der angrenzenden Gipfelkette gespeist wird, in der es regelmäßig Niederschläge gibt, zuweilen gar Schneefall, was in den schattigen Wadis winters die Flussbetten füllt und sommers für Abkühlung sorgt. All dies macht das Emirat abwechslungsreich, urbar und lebenswert. Nicht so eintönig oder artifiziell wie die Gegend ringsum.

Nur deshalb, erzählt Adel Mahboub zwei Tage später in der stehenden Luft des Nationalmuseums, könne sein Arbeitsplatz unweit der großen Moschee von 7000 Jahren Besiedlungsgeschichte berichten. Von Perlentauchern und Steinzeitfunden, Landwirtschaft und der leidigen Piraterie, die das ökonomisch unbedeutende Stammesgebiet der weiterhin herrschenden al-Qawasims vor knapp 200 Jahren ins Visier der Briten trieb. Seither ist viel passiert Ras Al Khaimah hat sich entwickelt, je nach Perspektive sogar zum Guten. Denn während Dubais Petrodollar-Gigantismus seit der Staatsgründung 1971 groteske Blüten trieb, fristete der ölarme Nachbar weiter sein Nischendasein zwischen Fischerei, Zementindustrie und etwas sanftem Fremdenverkehr abenteuerlustiger Rucksacktouristen. Noch heute sind die Wanderwege im Hadschar diesseits von Oman kaum ausgebaut. Und der Eifer, das nachzuholen, sagt Nermin Abushnaf in fließendem Deutsch, „ist auch etwas gedämpft“. Nur Monate zuvor sei ein Pilot vom schmalen „Stairway of Heaven“ gestürzt, einem Trail, der bei klarer Luft zwar grandiose Blicke bis tief in iranische Hoheitsgewässer erlaubt, bei der ortsüblichen Schwüle jedoch kreuzgefährlich ist, mit seinem messerscharfen, aber brüchigen Fels.

Doch keine Sorge, sagt Nermin, die mit ihrer westlichen Kleidung im Einerlei vollverschleierter Frauen auffällt wie eine Seemöwe im Starenschwarm: „Wir entwickeln uns zügig.“ Sie sagt das beim Spaziergang durch RAK-City, der kleinen Regionalkapitale, die den Großteil der Infrastruktur des Emirates beherbergt und einen weit größeren seiner 265.000 Bewohner. Sie sagt es also beim Flanieren vor winzigen Ladengeschäften in zentraler Lage, die auch 2013 nur auf Arabisch beschildert sind. Umgeben von einem Straßenverkehr, der allen Ernstes noch fließt, statt bloß zu stehen wie zum Beispiel in Abu Dhabi, der weiter westlich gelegenen Hauptstadt. Sie sagt es auch am Fuße zweier vielstöckiger Wolkenkratzer, den einzigen dieser Größenordnung in RAK, wie Nermin beteuert, mehr würden nicht genehmigt, „garantiert“. Sie meint es also durchaus positiv, das mit dem Entwickeln. Und doch ist es eine Drohung.

Um sie zu erspüren, empfiehlt sich ein Rundflug per Wasserflugzeug, den manches neue Luxusresort hier für ein paar 100 Dirham anbietet. Vorbei am emsigen Siedlungsbau mit hoher Pooldichte, geht es hoch überm staubtrockenen Boden hinaus aufs Meer – und doch rasch wieder über Land. Neues Land, falsches Land. Ras Al Khaimah schüttet auf und zwar im großen Stil. Unweit des echten Forts aus dem 18. Jahrhundert erweitert ein Milliardenprojekt namens Al Marjan Island die Küstenlinie des Emirats um satte 21 Kilometer. Gegenüber der stilisierten Festungsanlage (die PR sagt lieber: Korallenriff) ergänzt das zweitgrößte Bauvorhaben des baufreudigen Emirats „Al Hamra Village“ zeitgleich die Landmasse im Staatsauftrag um ein paar trocken gelegte Lagunen. Vorbei am frisch eröffneten Fünfsternekoloss der Marke Waldorf Astoria frisst sich weiter östlich der riesige Hilton-Komplex ins Salzwasser hinein. Und da ist noch nicht mal von jener Kunstinselgruppe die Rede, mit der Real Madrid ein Standbein in den Golf schütten wollte, bevor die Pläne auf Eis gelegt wurden.

Noch sind Kräne also meist die höchsten Erhebungen weit und breit, doch es sind viele und es werden mehr. Scheinbar mehr gar als in Dubai selbst, wo unablässig ein messbarer Anteil der weltweit verfügbaren Großgerätschaften tätig sein soll. Und so kommt besonders Al Marjan dem Irrsinn der Metropole näher und näher. Dicht an dicht wachsen dort pyramidenförmige Hotels gen Himmel. Gediegene Bettenburgen für beständig wachsende Übernachtungszahlen. Noch 2011 kamen ganze 600.000 Gäste. Doch schon dieses Jahr soll der Wert verdoppelt werden, mit schwelgerischen, aber günstigen Komfort, nach dem der globale Pauschaltourismus so dürstet. Kein Wunder, dass es allerorten längst ein bisschen nach Las Vegas riecht. Nach Wasserverschwendung, wo kaum Wasser ist. Nach Energieverschwendung, wo Öl fast nichts kostet. Kein Witz: An 350 Sonnentagen tankt augenscheinlich nicht ein einziger Kollektor regenerative Energie. Der flirrende Frühdunst am Horizont, dieses visuelle Spektakel, das den Hadschar wie der Münchner Fön seine Alpen heranholt – längst ist zu befürchten, dass Unmengen an Abgas die Optik weit mehr täuschen als der heiße Wind.

Statt seine Stärken zu bündeln, statt die ortsübliche Zweigeschossigkeit zum Markenkern zu erheben und die Reize der Natur zum lokalen Alleinstellungsmerkmal, statt womöglich eine Perle des nachhaltigen Tourismus inmitten des ökologischen Scheißegals zu werden, kopiert RAK also doch bloß Dubai. Und könnte somit wie der Moloch zu einem der reichsten, atmosphärisch aber ärmsten Punkte auf dem Erdball wachsen. Dabei ist die Segelspitze – zumal in den milden Wintermonaten – ein Ereignis. Ab 600 Metern Höhe wird es im schroffen Gebirge selbst sommers so erträglich, dass man sich gedanklich leicht verlieren kann am Rande grandioser Canyons, wo allenfalls mal ein Ziegenhirte vorbei kommt. Wer zurück in der Ebene dem dichten Netz der Klimaanlagen ins Freie entflieht, die mitunter auch dort alles auf Kühlschranktemperatur kühlen, kriegt allerdings rasch ein Gefühl dafür, was es 2022 heißen könnte: im baulich ebenso absurden Katar, wo der arabische Absolutismus offen despotische Züge annimmt, Fußball zu spielen.

Dank des äußerst beliebten Alleinherrschers Scheich Chalid ibn Saqr al-Qasimi, der seine Untertanen zwar Kindern gleich behandelt, aber vor Alltagssorgen wie Steuern bewahrt, ist sein Emirat weder mit dem autoritären Oman noch dem närrischen Dubai geschweige denn der Religionsdiktatur Saudi-Arabiens zu vergleichen. Und dennoch: The Rising Emirate, wie sich Ras Al Khaimah vermarktet, bereitet doch eher dem Business Freude. Für untere Einkommensschichten dagegen bleibt neben ein paar Dirham mehr im Portemonnaie nur die Entfremdung der Heimat. „Schauen Sie“, bittet Mahmud in warmen Worten, als sei er hier geboren, „wie schön das alte Ras ist“. Seit 25 Jahren lebt der Taxifahrer fern der algerischen Heimat und weiß daher genau, was seine neue zu verlieren hat. Auf dem Weg von RAK-City nach Al Hamra erzählt er vom Zusammenhalt der Menschen, der gewachsenen Kultur, vom quirligen Gewusel des Suk, den es längst nicht mehr gibt, und vom Zauber des Beduinenlebens, das bei seiner Ankunft als junger Mann noch geherrscht habe. Ohne Elektrizität, ohne Verkehr, ohne Kräne, nur Fischerei, Bergbau, Leben. Und jetzt? Der tiefgläubige Muslim kratzt sich am Vollbart: „Jetzt ist alles gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Seele.“

Um die seine macht sich Adel Mahboub keine Sorgen. Eben noch dröhnte es aus knarzenden Lautsprechern über den Platz, als gebe es heute Hasspredigt; doch zurück in der sengenden Sonne betont Adel im schneeweißen Kaftan, der Scheich habe um Respekt für Frauen, Milde mit Kindern und weniger Egoismus gebeten. Zum Beleg hält Adel drei Finger in die Höhe: „Liebe, Frieden, Hoffnung“, übersetzt er das Zeichen und zeigt sein lustigstes Lächeln. „Das treibt uns an in Ras, das bewahrt uns vor dem Schlechten.“ In Dubai war es sicher mal ähnlich.

www.rasalkhaimahtourism.com

Der Text ist im Januar 2014 in der Süddeutschen Zeitung erschienen