Antihumorgelächter

fragezeichen_1_Es ist das große Geheimnis der Sitcom, warum die Lacher vom Band wirklich bei jeder Pointe peitschen, als sei der Humor dazu revolutionär. Merkwürdig

Der feuchte Traum eines jeden Stand-up-Comedians sieht in etwa wie folgt aus: er steht auf der Bühne, sein Text ist weg, da hilft nur Improvisation, die dummerweise Pointe für Pointe misslingt, und was tut das Publikum? Es lacht. Und lacht. Und lacht. Und lacht. Bis der Komiker aufwacht und merkt: er ist in einer Sitcom gelandet – trotz The Big Bang Theory der Inbegriff des humorfreien Humors. Denn hier wird alles bejubelt, was weder Todesanzeige ist noch offen zum Genozid aufruft. Schon seltsam. Denn selbst die Musik im RTL-Blockbuster gönnt sich ja bisweilen kurze Pausen im Soundbrei. Die Sitcom dagegen kennt kein witzloses Satzende. Und das ist auch nur konsequent.

Denn wenn nicht ein einziger Scherz zündet, also kein Gag zur Heiterkeit taugt, dann hält es das Genre lieber wie einst Franz-Josef Strauß mit stumpfer Vorwärtsverteidigung als Rückzugsgefechten und erstickt jeden Ansatz von Nachdenklichkeit, ob da eben vielleicht irgendwas ernst gemeint war, im repetitiven Gegurgel der Spaßbrigaden aus dem Off. So muss sich der Zuschauer am Ende über Sinn und Unsinn keiner einzigen Zote Gedanken machen und schaltet entweder gleich ab oder grunzt ganz mit. Im Krieg nennt man das Sperrfeuer, in der Disco Stroboskop, im Fernsehen ist es das Prinzip Reizüberflutung. Bis der feuchte Traum der TV-Komödianten nie mehr endet.


Reissäcke & Haschtüten

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

10. – 16. März

Ob man die Strafe nun zu hoch findet oder zu niedrig, die Häme zum Lachen oder Kotzen, die Phrasen von „Fehler meines Lebens“ bis „zurück zur Steuerehrlichkeit“ hohl oder erhellend: So groß war die Überraschung, dass mal einer von ganz oben die volle Wucht des Gesetzes zu spüren kriegt, dass es der „Tagesschau“ am Tag nach dem Urteil allen Ernstes einen Kameraschwenk auf jenen Knast wert war, den Uli Hoeneß künftig bewohnen wird. Umso angenehmer ist das Ende der Hoeneß-Wochen auf allen Kanälen. Echte Nachrichten können sich fortan wieder auf Dinge konzentrieren, deren Informationsgehalt etwas deutlicher überm Prominenzfaktor der Beteiligten liegt, während Karikaturen echter Nachrichten wieder letzteres ohne ersteres bringen dürfen. Wobei sich die grundlegenden Unterschiede zwischen ARD und RTL2 auch abseits vom verurteilten Bayern-Präsidenten zuweilen irritierend annähern können. Etwa, wenn die Tagesschau am Mittwochabend ohne Schamesröte vermeldet, von Michael Schumacher gebe es nichts zu vermelden, außer dass seine Familie auf Besserung hoffe, wogegen der berühmte Sack Reis in China doch glatt als gewaltiger Scoop daherkäme.

Ähnlich der Neuigkeit, Harald Schmidt habe das Fernsehen am Donnerstag auf Sky ohne besondere Vorkommnisse verlassen, einfach so, „ich verabschiede mich jetzt ins Privatleben“ hat er gesagt, ab und Vorhang. Zeit also für neue Gesichter im satirischen Nachttalk, einen Pierre M. Krause zum Beispiel, der in Schmidts Abschiedsshow abermals zeigte, dass noch frisches Blut durch öffentlich-rechtliche Adern läuft. Auch wenn ARD und ZDF es chronisch in die Spartenkanäle pumpt.

Von denen wird es allerdings einen nun doch nicht geben. Die Planungen für einen Jugendsender waren schon ziemlich weit fortgeschritten, als die Konferenz der Ministerpräsidenten das Angebot für 14- bis 29-Jährige am Donnerstag mal wieder auf die lange Bank schob. Stattdessen beschlossen die Landesfürsten, den Rundfunkbeitrag um radikale 49 Cent zu senken. Vielleicht sind das ja die nötigen Mittel die fehlen, um der Internet-Satire Der Postillon im NDR etwas ein klein wenig mehr Sendezeit als jene 15 Minuten nach Mitternacht im NDR zu gönnen, die das Online-Portal dort ab April kriegt.

TV-neuDie Frischwoche

17. – 23. März

Ansonsten gibt es dort auch diese Woche überwiegend Heimatduselei und Krimiwiederholungen. Weshalb man getrost mal einen Sender empfehlen kann, die sonst das exakte Gegenteil von empfehlenswert ist. RTL nämlich, das heute mit dem Jenke-Experiment die nächste Staffel seines einzig relevanten Formats neben dem Dschungelcamp in die 2. Staffel schickt. Um 21.15 Uhr macht sich der bemerkenswert unkommerzielle Realitätstester Jenke von Wilmsdorff probeweise zum Hardcorekiffer. Einen Typen also, wie ihn der Boulevard unlängst zwischen den Zähnen hatte, als er den allerersten Haschtoten zur Topnews machte. Zu Recht, denn nun droht ja offensichtlich ein Massensterben auf dem Niveau mittlerer Weltkriege.

In denen bekanntlich nicht nur getötet, sondern auch geklaut wird. Das zeigt heute um 23.15 Uhr Hitlers Schatz im Berg, den zwar nicht – wie das hiesige Fernsehen in seinen Titeln ständig insinuiert – der Führer allein gehortet hatte. Der ARD Film ist sozusagen die Begleitdokumentation zu Clooneys Monuments Men im Kino. Aber um im Jubiläumsjahr des Attentats von Sarajevo nicht dauernd vom ersten großen Völkerschlachten zu reden, kommen wir lieber kurz zum Gegenteil vom Ernst des Lebens. Die Hohlbeins zum Beispiel, auf dem sich die Familie des Fantasy-Autors mit Vornamen Wolfgang ab heute sechs Teile lang bei RTL auf die debile Spur der Geissens begibt. Auf die Spur des eigenen Programms dagegen begeben sich Mittwoch Die 10 pikantesten Bachelor-Momente, womit der gleiche Kanal dann doch wieder beweist, dass man für Sendezeit ja nicht auch noch Inhalte verbrauchen muss.

Dafür gibt es schließlich Arte, das morgen nach einem Themenabend zum ersten Amtsjahr von Papst Franziskus erst dokumentiert, Wie wir (zwangsverpflichtete russische Bauarbeiter Anfang der 30er Jahre nämlich) die Metro in Moskau bauten, und schließlich das Filmexperiment Art of Killing zeigt, in dem indonesische Putschisten von 1965 mit ihren einstigen Opfern konfrontiert werden. So verstörend, so brillant. Nicht ganz so brillant, aber immerhin irritierend ist Ottfried Fischers Rückkehr als Pfarrer Braun, den er Donnerstag im Ersten zum 22. Mal spielt – und zwar wie im richtigen Leben von Parkinson gezeichnet, was in einer gewohnt belanglosen Reihe ungewohnt authentisch gespielt ist. Und während es beim Schweiger-Tatort vorige Woche genau umgekehrt war, dürfen die Kölner Kollegen diesmal wieder alles richtig machen. Auch wenn die Geschichte über einen tödlichen Hausbrand eher Familientragödie als Krimi ist.

Zu guter Vorletzt noch die beste Nachricht des Wochenendes: Mit den Finales diverser Sportarten endet das Wintersport-Sperrfeuer auf zwei gebührenfinanzierten Vollprogrammen, die bei der gestrigen Übertragung der abschließenden Parlympics-Party wieder Putins Jubelperser spielten, statt den Aggressor mal vom Bildschirm zu verbannen. Aber dann müsste man am Ende noch sperriges Fernsehen wie dem Tipp der Woche anständige Sendeplätze geben, statt abseitige Nischen. Die französische Komödie Der Name der Leute, wo eine linke Aktivistin Konservative jeder Art beim Beischlaf umdreht, läuft daher heute auf einsfestival. Na immerhin.


Indiepopfriday: Reptile Youth, Joan As Police Woman

Reptile Youth

Beim Dekorieren ist der Pop beliebig. Er bohrt die dünnen Bretter genauso gern wie die dicken. Geht mal dezent, mal über-, aber nie ganz ungeschminkt aus dem Haus. Er hat es zwar gern schick und gediegen, verwendet dafür allerdings oft ein bisschen viel Gold, Flitter, Tralala. Der Pop kann also beides sein: Sanfter Verführer und billige Bitch. Reptile Youth ist sogar beides in einem. Und das gleich eine ganze Platte lang, die zweite nach ihrem gleichnamigen Debüt. Und definitiv die bessere. Denn anders als vor zwei Jahren halten die Kopenhagener Mads Damsgaard Kristiansen und Esben Valløe auch auf Platte, was sie live bereits zuvor als Reptile & Retard verhießen: furiosen Indiepop zu machen, der die Kraft ihrer Bühnenshows ein wenig besser auf Tonträger bannt.

Rivers That Run For A Sea That Is Gone legt von Anfang an los wie auf chemischen Drogen, aber noch ziemlich bei Sinnen. Zehn Stücke Hit-Potenzial, bewahrt sie sich dabei aber stets den Gestus des Alternativen. Und so klingt bereits Above zum Auftakt, als würden die Last Shadow Puppets und Robby Williams zurück in die Achtziger teleportiert, um dort mit Blondie eine Superband zu gründen. Das klingt dann, wonach es sich anhört: Nicht nach dem ganz großen, nie gehörten, lang ersehnten Wurf wider das Radiogedudel, sondern nach dem Versuch, dessen Trash ihm noch etwas mehr abzugewinnen als die Vermengung tradierter Zeichen. Mit wirren Samples, schmissiger Harmonie und sinnreduzierten Refrains in englischer Sprache geht einfach eine Dreiviertelstunde die Poppost ab, ohne sich je irgendwo anzubiedern. Und da hat man sie noch nicht live gesehen…

Reptile Youth – Rivers That Run For A Sea That Is Gone  (Internet Rec. 2014)

Joan As Police Woman

Allzu großes Wohlbehagen ist bekanntlich oft der erste Schritt zur Selbstgenügsamkeit. Als echte Zufriedenheit vernebelt es vielen schließlich die Sinne mit eitel Sonnenschein bis Trallala. Zum Glück gesteigert, droht gar Stillstand. In Glücksgefühlen macht man es sich auch allzu gern gemütlich. Das hemmt Entwicklungen. Und zuweilen lähmt es auch. So gesehen ist nichts Gutes zu befürchten, wenn Joan Wasser sagt: “So gut wie jetzt ging es mir noch nie in meinem Leben.” Wie zum Beweis klingt das neue Album ihres Bandprojektes Joan As Police Woman anfangs nach, genau, eitel Sonnenschein. Und das ist zunächst mal keine gute Nachricht. Mit ihrem Debütalbum Real Life (2006) hatte die singende Geigerin von der US-Ostküste den Independent mit gediegenem Pop befeuert: Praktisch jedes Stück darauf wurde zum Gassenhauer für Musikidealisten. Platte drei, The Deep Field, ging fünf Jahre später sogar noch zwei Schritte weiter und fügte ihrem Singer/Songwriting einen Soul hinzu, der tief aus Joan Wassers Seele in den Kopf zu drängen schien und auf dem Weg das Herz berührte. Jetzt kommt also The Classic hinzu und klingt gleich zu Beginn, nun ja, glücklich. Als hätte die grandiose Joan mit Anfang 40 endlich den Richtigen getroffen.

Diese Unbeschwertheit in hörbaren Pop zu verwandeln, ist natürlich keinesfalls verwerflich; nichts gegen schöne Liebeslieder! Aber Joan As Police Woman verband ja bislang die unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit einer bittersüßen Schwere, die von weiblicher Selbstbehauptung ebenso zeugte wie von Verletzbarkeit, Hingabe und Rausch. Da verstört es ein wenig, wenn der Song Witness das Album mit lebensbejahendem Motown-Klang einleitet. Wenn das anschließende Holy City etwas funkigen Philly Sound hinzufügt. Wenn sodann das Titelstück ein paar Jahrzehnte rückwärts in den Girl-Group-Doo-Wop wandert, wo das Stimmungsbarometer die biederen fünfziger Jahre erreicht.

Joan As Police Woman – The Classic (PIAS); mehr Text und die ganze Platte gibt es unter: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/03/07/joan-as-police-woman-classic_17680


Harald Schmidt: Zottel & Zynismus

Ohne Schmidt?

Nach fast 2000 Sendungen in knapp 20 Jahren verlässt Harald Schmidt die Late-Night und damit wohl endgültig auch das Fernsehen insgesamt. Ein leicht nostalgischer Abgesang

Von Jan Freitag

Fernsehen ist – und das nicht erst, seit ihm die kommerzielle Konkurrenz Beine macht – ein Experimentierfeld bürgerlicher Tabubrüche. Schwule Küsse und nackte Früchte, Sportreporterinnen und Realitätssimulationen, Berieselung zum Frühstück, Sex nach Mittag, Gewalt am Abend, Porno zur Nacht – je nach Zeitgeist haben auch öffentlich-rechtlich Sender immer wieder versucht, Belastungsgrenzen ihres Publikums auszuloten. Und auch, wenn es die Privaten mit brachialeren Mitteln versuchen: Allerorten geschieht all dies doch mit den Mitteln milder Verstörung.

Zum Beispiel Zotteloptik.

Es war im Dezember 2004, als ein bekanntes TV-Gesicht zugewachsen wie Berlin-Hipster 2014 zur alten Tante ARD heimkehrte, wo es 15 Jahre zuvor erstmals in Erscheinung getreten war. Und es ging ein Aufschrei des Entsetzens durchs Land, wie es bitte sein könne, dass ein gebührenfinanzierter Moderator sein graues Haupthaar überm wilden Vollbart auf Schulterlänge trägt? Dass zudem die gleichen Unflätigkeiten aus ihm purzeln wie in den Jahren zuvor bei Sat1? Dass da einer bewusst die Spielregeln des alten Staatsfunks missachtet? Einfache Antwort: Harald Schmidt darf das.

Denn Harald Schmidt ist gewissermaßen der Fleisch gewordene Tabubruch des hiesigen Mainstreamprogramms. Er macht Witze über Neger, selbst (oder gerade) wenn ringsherum die Heime der Asylbewerber (die er mit kindlicher Freude Asylanten nennt) brennen. Er macht Witze über Frauen, selbst (oder gerade) wenn ihnen die gläserne Decke (aus schickem Swarovski-Kristall) auf den Kopf fällt. Er macht Witze über alles Leid der Erde, selbst (und gerade) wenn es unser Gemüt (das ihm im Zweifel stets zu deutsch ist) bis zum Bersten strapaziert. Kurzum: Harald Schmidt, dieser schwäbische Zyniker aus dem pietistischen Haushalt heimatvertriebener Katholiken, er hält dieser Republik seit nunmehr einem Vierteljahrhundert den Zerrspiegel heuchlerischer Moral, doppelzüngiger Entrüstung und scheinheiliger Sittenstrenge vor.

Und wie so oft, wenn die einsamen Mahner in der Wüste predigen, wenn Neunmalkluge Finger in Wunden legen oder Weltverbesserung anders als im Befehlston daherkommt, erstarren die Menschen dieser Nation förmlich vorm Mut zur Offenheit und sind nur zu zweierlei in der Lage: Vergötterung oder Abscheu, gern beides in einem. Doch damit ist ab heute, Punkt 23 Uhr, Schluss. Wenn Harald Schmidt dann vor ein paar Tausend Zuschauern des kostenpflichtigen Spartenkanals Sky Hits und ein paar Tausend mehr beim einmalig parallel sendenden Youtube-Channel nach fast 2000 Ausgaben seine letzte Late-Night-Show abmoderiert, dann geht eine Ära zu Ende. Und wie so oft, wird die Masse der Menschen erst wirklich wissen, was sie an etwas hatte, wenn es verschwunden ist.

Schließlich war Harald Schmidt gefühlt schon immer da. Wie Lindenstraße und Tagesschau. Wie Quotendebatten, Vollbärte, Wetten, dass…?. Wie das Fernsehen insgesamt. Dabei hat er es erst vor 25 Jahren betreten, als der Zuschauer noch treu war, Glattrasur die Regel und Frank Elstner längst runter vom Wettsofa. 1989 nämlich wurde der unbekannte Kabarettist Schmidt von einem kaltkriegerisch klingenden Funkhaus namens Sender Freies Berlin ins Erste Programm gespült, wo er bald darauf Robert Lembke kopierte (Pssst), später das aufmüpfige Privatfernsehen (Schmidteinander) und in beiden Fällen bewies, wie respektlos es selbst öffentlich-rechtlich zugehen kann, wenn die Gremlins der Gremien, wie Schmidts Mitaufsteiger Günther Jauch seine ARD-Arbeitgeber in spe mal nannte, grad ihr Mittagsschläfchen hielten.

Als sie daraus erwachten, wurde der unbotmäßige Harald kurz in die biedere Rentnerbespaßung Verstehen Sie Spaß?. Doch als den zuständigen Verwaltungsbeamten aufging, welches Talent sie da im Tarifsystem verbrannten, war Schmidt auch schon bei Sat1. Damals als vermeintlicher Kanzlersender noch so etwas wie relevant, servierte er dem hiesigen Markt von dort aus das uramerikanische Talken zur Nacht, was zwar nie wirklich erfolgreich war, aber immer vieldiskutiert und somit: bedeutsam. Wenn heute kurz vor der Geisterstunde die letzte Zote gezündet, das letzte Tabu gebrochen wurde, wenn Uli Hoeness zur Strafe in Wiktor Janukowytschs Goldbrokatvilla gewünscht wird und den Krimbesetzern eine Natursektdusche, dann ist die importierte TV-Institution Late-Night knapp 20 Jahre nach der ersten „Harald-Schmidt-Show“ ähnlich Geschichte wie das Wählscheibentelefon.

Denn wer könnte Deutschlands giftigstem, klügstem, selbstgerechtestem, besten Sendezeitvergeuder folgen? Auf diesem Friedhof der Alphatiere liegen ja schon Gottschalk, Engelke, Pocher oder der talentierte Mr. Stuckrad-Barre begraben. Um der alten Zeiten Willen, sollten Nostalgiker also heute um viertel nach zehn bei Youtube reinschauen, wo der angehende Rentner von 56 Jahren die alten Sidekicks von Olli Dittrich über Jürgen Vogel bis Pierre M. Krause um sich schart und dann geht. Mit einem Lachen. Experiment beendet, Patient tot


Matthias Schweighöfer: Jungwild & Superstar

Alterwachsen

Matthias Schweighöfer schafft es, Junger Wilder und alter Hase zugleich zu sein. So alterslos der Schauspieler auch mit 34 nämlich noch ist, so versiert und erfahren trimmt er alle seine Filme seit seinem Durchbruch in Soloalbum vor elf Jahren auf Erfolg. Matthias Schweighöfer Superstar, das zeigt auch seine Komödie Rubbel die Katz, Sonntag bei RTL. Dabei war der Spross einer Schauspielerfamilie aus dem Osten mal ein schüchternes Talent, wie ein Interview mit ihm zeigt, dass er anlässlich seiner Rolle als Friedrich Schiller mal führte.

Interview: Jan Freitag

Matthias Schweighöfer: Sorry, ich muss erst mal fragen, wie Sie den Film fanden. Das ist unheimlich wichtig für mich.

freitagsmedien: Gelungen, er erinnerte teilweise sogar an die Shakespeare-Adaptionen von Kenneth Brannagh, wenn auch ohne Humor.

Echt? Schön.

Allerdings drohte es manchmal zu stören, dass Schiller ständig fiebrig, erhitzt war – warum müssen Genies immer so überdreht dargestellt werden?

Habe ich ihn so gespielt?

Offenbar war die Rolle so angelegt. Ist überliefert, dass Schiller mit 21 eine derart durchgeknallte Phase hatte?

Im Gegensatz zur Realität hat unsere Variante sogar noch ein leichtes Limit. Und es fehlen auch noch 25 Minuten, die rausgeschnitten wurden. Schiller war zum Beispiel schwerer Autist. Der Mensch war der pure Leuteschinder, er hat alles geschunden, was ihm in den Weg kam, er hat intellektuell alles herausgefordert, er stand die ganze Zeit unter Strom.

Weil er so ein Egomane war?

Weil er bereits mit 20 gesagt hat, ich werde früh sterben. Er hat gegen die Zeit angeschrieben, deshalb blieb ihm nicht viel Zeit für Normalität.

Live fast, die young – typisch Popstar.

Es war damals fast Rock’n’Roll. Aber ich verstehe das.

Warum?

Weil das, was er gemacht hat, gegen ein System ging. Es ging nicht um Anpassung, sondern um einen neuen Weg. Rock’n’Roll ist das Gegenteil von Anpassung, auch mal mit der Gitarre durch die Wand und das hat Schiller gemacht, seine Ideale, seine Moral ins Volk zu werfen und die mussten damit umgehen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Gehört diese Renitenz, dieses Abdrehen zum Älterwerden dazu?

Ich hoffe nicht, dass wir alle total abdrehen, wenn wir älter werden. Aber bei Schiller war es nun mal so, schon durch seinen Zeitrhythmus, die Geschwindigkeit mit der er dem Schreiben nachging. Deswegen musste er vorlegen und konnte sich nicht normalisieren.

Muss man ihn auch deshalb so darstellen, um junge Leute für ihn zu begeistern?

Der Regisseur wollte, dass ich ihn so spiele. Man hätte ihn auch auf andere Weise darstellen können. Es ist halt ein Weg zu zeigen, dass es heute genauso ist, die damalige Hektik existiert ja noch immer. Lieber akribischer und dafür einen Schritt vorwärts als stagnieren und stehen bleiben.

Was kann Schiller der Jugend sonst noch geben?

Den Mut, nicht nur bei sich zu bleiben, in die Zukunft zu blicken und zu wissen, man kann über den Moment hinausgehen, egal welche Grenze man sich vorgibt. Es ist möglich, sich selber Kraft zuzutrauen, Vertrauen in sich zu kriegen.

Auch Sie und ihre Generation Schauspieler werden „Junge Wilde“ genannt.

Ich finde den Ausdruck Junge Wilde total Scheiße. Wenn man jung ist, sind scheinbar immer alle wild. Okay, ich bin zwar jung und ich bin wild, aber nicht in dieser Kombination – weil ich mich selbst in meinem Kopf bewahre. Ich will das sein, was ich tue, oder das, was mich durch meine Arbeit auszeichnet, nicht mehr. Ich würde nicht sagen, dass ich Rock’n’Roll bin, immer mit dem Kopf durch die Wand.

Sondern?

Ich bin eher independent. Melancholisch, aber gradlinig genau. Sozusagen die Denkerbasis.

Hat das was mit Disziplin zu tun?

Auf jedem Fall. Ich baue erst mal die Wand, bevor ich sie einrenne.

Schiller sagt, jeder soll der Held seines eigenen Lebens sein. Trifft der Satz auf Sie zu?

Ich bin vielleicht der Held meines eigenen Lebens, aber mit einem gesunden Abstand. Ich bin in allen Bereichen ein Held, die nichts mit mir zu tun haben. Im normalen Leben, privat, bin ich oft eher ein Loser.

Was genau hat nichts mit Ihnen zu tun?

Was nichts mit einem selber zu tun hat ist Ablenkung von allem. Deswegen kann man acht Meter runterspringen und jemanden retten. Aber wenn man zuviel drüber nachdenkt, wenn man sich immer wieder hinterfragt, ob das alles richtig ist, ist man einfach kein Held, dafür braucht man Mut. Ich habe schon Mut und viel Selbstbewusstsein und bin so gesehen nicht wirklich ein Loser, aber wenn man zu sehr bei sich selbst ist, vergisst man andere Menschen. Dann kann man auch jedes Heldentum vergessen.

Und wann waren Sie der Loser – in der Schule?

Nein, da war eigentlich alles okay. Das Leben fängt ja erst so richtig mit 21, 22, 25 Jahren an – da merkt man, wo man sich so antrifft. Irgendwann definierst du deine Arbeit, findest eine andere Definition für Freundeskreis, für Verantwortung – die Glocke deiner Eltern ist nicht mehr so erhaben über dir.

Sie sind jetzt in dem Alter und werden mit Lob und Preisen überhäuft. Ist das so früh gelegentlich zu viel?

Auf jedem Fall. Dann merkt man, sich wieder selber Leben einhauchen zu müssen, weil man zu einem gewissen Grad den Selbstbezug verliert; es entscheiden ja immer andere Leute über Preise, über Ruhm und Erfolg und so was kann manchmal tagesabhängig sein. Dagegen muss man sich wappnen. Ich freue mich natürlich darüber, auch von Kollegen anerkannt zu werden – aber manchmal vergisst man da sein Alter, wird schneller erwachsen, gemacht als man ist.

Schneller erwachsen oder schneller alt?

Beides. Alterwachsen. Man altert schneller. Andere Leute in meinem Alter haben völlig andere Dinge im Kopf als ich.

Welche?

Sie müssen sich glaube ich mehr Sorgen machen, müssen erst noch anfangen, studieren erst mal, wissen noch nicht genau, was sie arbeiten wollen, kümmern sich um Familie, Frau, Freundin, Kinder, gehen auf Partys am Wochenende, suchen noch ihren Traum.

Den Sie bereits gefunden haben?

Meinen Traum suche ich immer, den sucht jeder Mensch. Aber ich habe eine andere Verantwortung meinem Beruf gegenüber und kann nicht einfach alles machen, was ich machen möchte. Deswegen ist meine Verantwortung ans Privatleben ein anderes, weil mein Beruf darin immer sehr gegenwärtig ist. Ich weiß halt, was ich in zehn Jahren machen möchte und was in 20. Da kann ich mich nicht einfach gehen lassen und mit Schokolade voll fressen. Ich fahre oft irgendwohin, um zu schreiben, schreiben, schreiben, zu beobachten, zu gucken, dass es funktioniert, was ich spielen will. Du kannst halt nicht in jeden Club reingehen. Du beschäftigst dich einfach anders. Wenn du den Job schon seit 15 Jahren machst, kannst du mit 23 nicht sagen: mal gucken, was jetzt kommt. Es geht los, zu sagen, du hast noch 40 Jahre vor dir und in denen musst du dir noch was ziehen.

Das klingt so zielstrebig, als sei für Jugend gar kein Platz gewesen.

Und ich bin stolz darauf. Ich habe mich schon ausgetobt, aber bei der Arbeit musste ich eben einfach schon früh die Zähne zusammenbeißen.

Mit 24 schon ein Star. Stört Sie der Glamour, der Rummel?

Also mal ist es sehr angenehm. Aber der schönste Zustand ist, das Leben noch nüchtern zu beobachten.

Werden Sie schon auf der Straße erkannt?

Es wird immer mehr. Ja. Ich wundere mich selber, aber es gibt Tage, an denen meine Mutter sagt: Matthias, mich nervt das. Das liegt daran, dass meine Filme zwar bislang nicht viele Zuschauer hatten, aber dafür sehr viel Presse – die Leute kennen mich mehr daraus als aus meinen Filmen. Komischerweise.

Weiß man bei soviel Trubel kritische Worte besonders zu schätzen?

zuerst. Mich interessiert nicht, ob der Film gut ist oder die Leute sagen, wie geil ich in ihm war, sondern was an ihm nicht stimmt. Sonst komm ich ja nicht weiter. Man braucht auch mal die Kritik, die sagt: Alter das war richtig Kacke. Oder wie vorhin: das war zu viel. Zu viel Theater, zu viel Grimasse, keine gute Inszenierung, dramaturgisch läuft das auch nicht gut. Sonst entdeckt man keine Fehler; man muss weiterkommen und vor allem lernen. Ich bin ja nicht 58 Jahre alt, wo man langsam anfangen kann, sich gemütlich auf seinen Manierismus zu setzen. Heute hebe ich mal nur die Hand.

Woher nimmt ein junger Schauspieler die Lebenserfahrung, die für etwas Manierismus nötig ist?

Ich muss ehrlich sagen: ich spiele lieber Rollen, die älter sind als ich, und traue mir auch zu welche zu spielen, die sagen wir 48 sind. Weil Lebenserfahrung – klar, du kannst mit einer anderen Reife anders erzählen, aber ich möchte mir meine Reife erspielen. Nur, solange ich mir die erspielen kann, bin ich auch stolz auf mich. Das ist mein eigener Anspruch an mich selbst, das zu können.

Haben Sie den Anspruch umgesetzt?

Das beurteilen andere, dafür bin ich nicht objektiv genug meiner Arbeit gegenüber. Meine Reife zu erspielen heißt aber eher: scheiß auf alles! Zu sagen, ich muss einfach 48 Jahre packen, dieses Lebensgefühl muss irgendwo in mir drinstecken, es muss möglich sein, das irgendwo zu finden, in ganz bestimmten Momenten, das ist wie bei einer Frau, die man trifft – Reife kommt immer genau dann auf einen zu, wenn man damit am wenigsten rechnet.

Reifeprozesse sind also gar nicht wahrnehmbar?

Nein, man stellt Reife einfach irgendwann fest. Wenn sich Dinge ändern und man plötzlich merkt: mein Gott, was ist schon alles passiert. Meine Fresse!

Wenn ein 24-Jähriger von Reife spricht, klingt das für Ältere gern nach Altklugheit.

Es gibt ja auch alte Seelen in jungen Körpern.

Und die haben Sie?

Ich weiß nicht ob ich sie habe, aber ich mache mir über Sachen einen Kopf, worüber sich andere in meinem Alter keinen Kopf machen und umgekehrt. In dem Sinne vollzieht sich Reife ausschließlich meinem Beruf gegenüber. Ich will ja anderen Menschen was erzählen.

Zum Beispiel aus der Sicht eines 48-Jährigen. Wie soll das gehen?

Ich habe keine Ahnung, das könnte ich erst beantworten, wenn ich da stehe und ihn spiele. Aber wenn ich da stehe, würde es irgendwann Klick machen und dann wüsste ich es.

Allein eine Frage des Zutrauens.

Keine Angst davor zu haben, das ist das Wichtigste.

Wovor haben Sie Angst?

Natürlich vor Misserfolg, Nichtbeachtung, vor schlechten Geschichten, Nichtverstehen, vor Nichtfinanzierung von Filmen.

Aber nicht vor dem eigenen Scheitern.

Nein.

Brauchen Schauspieler ein so großes Selbstbewusstsein?

Nervosität hat man ja immer, aber wenn man Schiss hat vor seinen Rollen hat, braucht man gar nicht erst antreten.

Angst kann doch auch ein Antrieb sein.

Muss sie sogar. Ich habe Angst vor gewissen Tagen und das bringt mich in andere Sphären; aber deswegen habe ich ja keine Angst vor meiner Rolle. Dann würde ich sie ja belügen.

Gab es nach Soloalbum die Angst auf einen Rollentypus als Popstar festgelegt zu werden, als schauspielernder Stuckrad-Barre?

Ich habe immer versucht, dagegen an zu gehen. Mit dem Hörspiel Baal von Brecht, mit Kammerflimmern, jetzt mit Schiller – alles eben extreme Figuren, die sich nicht klassifizieren lassen, auf hübsch, blond, gut aussehend. Ich war mal ein bisschen dicker, mal ein bisschen dünner, habe hier und da trainiert. Gerade von den Äußerlichkeiten her bin ich sehr bemüht, mich zu verändern, damit man mich nicht festlegen kann.

Sie waren ein dickes Kind.

Das stimmt. Aber für Schiller war es genau das Gleiche: ich musste sechs Kilo abnehmen, hab dann aber soviel getrunken in der Zeit, dass ich wieder rasend schnell zugenommen habe. Ich stand körperlich so unter Hochspannung damals – der hat sich den Zucker aus dem Alkohol geholt, so schnell konnten die gar nicht gucken.

Ihr Vater hat Sie gar als fette Sau beschimpft. Brauchen Sie Tritte in den Hintern?

Nein, denn ich bin eigentlich sehr diszipliniert. Aber ich habe auch Leute in meinem Umfeld, die sehr genau auf mich gucken, die auch mal sagen – das und das war nicht gut. Das ist am Anfang schwerer zu ertragen, weil man für Kritik aus der eigenen Familie oder dem engeren Freundeskreis doch angreifbarer ist. Ich brauche in gewisser Weise schon manchmal einen Tritt, aber nicht, was den Beruf angeht und meine eigene Disziplin darin.

Sie stammen aus einer Schauspielerfamilie – gab es da je eine berufliche Alternative?

Es gibt immer Alternativen, aber nicht für mich. Ich bin so aufgewachsen, Schauspielen war immer mein Leben. Mit Mama und Papa ab zur Vorstellung, ab zur Probe, zwischendurch Kantine. Hort – Schule – Theater – das war schon immer so.

Oft steigert so eine Herkunft den Erwartungsdruck.

Bis jetzt nicht. An der Schauspielschule wurde man natürlich drauf angesprochen, weil die meine Eltern kannten. Und früher war das immer relativ entspannt und angenehm. Ich war dadurch öfter einsam und allein, musste mehr mit mir selbst ausmachen. Aber heutzutage ist das komplizierter. Man trifft auf gleichgesinnte Kollegen, jeder hat seinen Denkrhythmus dem Beruf gegenüber und wenn wir dann zusammentreffen, können das vier Leute sein, von denen jeder seinen Brei abgibt, wo einer sagt: siehst du, da warst du wieder privat, der sagt wieso, war doch geil, der nächste meint, der Film sei aber doch Kacke und der andere dann wieder, wieso, war doch toll. Da kriegt man oft nicht die richtige Richtung.

Spielen Sie in Schiller eigentlich Theater oder Film? Die Grenze verwischt manchmal.

Wirklich? War es Ihnen zuviel gespielt?

Es könnte dem breiten Publikum zu viel, zu intensiv gespielt sein.

Das hab ich mir auch überlegt. Es ist eine ganz schön heftige Nummer, man kriegt viel um die Ohren geknallt. Aber das war damals so, es steckte ein anderer Pathos in der Geschichte; deswegen agiert Schiller so heftig. Mir persönlich ist es auf jedem Fall nicht zuviel, weil ich Theater auch sehr mag. Die Frage ist: Wie viel Normalität wollen die Menschen und wie viel Extreme? Amadeus von Milos Forman war ja genauso Theater im Film.

Das war noch nicht die Antwort: Ist Schiller abgefilmtes Theater oder ein Film mit Theaterelementen?

Ein Film mit Theaterelementen.

Wo ist der Unterschied?

Ganz plakativ: für abgefilmtes Theater bräuchte ich eine Bühne, auf der ich die ganze Zeit spielen kann. Aber der Film hat ja auch viele stille Momente und man spielt für Reihe 25 genauso wie für Reihe 1. Da geht es um Pathos. Der Film braucht das Pathetische, damit man bis ganz nach hinten kommt. Das ist wie auf der Bühne – wo man mit soviel Kraft spielen muss, dass man auch dort ankommt. Und wenn du einen stillen Moment hast, was der Film auch benötigt, damit du vorne dem Zuschauer direkt ins Ohr flüstern kannst.

Heißt das, ein Film muss alle Leute erreichen können?

Genau.

Droht nicht der Mainstream, wenn man für alle spielen will?

Man kann’s für alle machen, solange man den Kunstanspruch nicht verliert. Bei den Klassikern kann es zum Beispiel gar kein Mainstream werden, solange man den Texten treu bleibt, den Autoren, das waren ja große Schriftsteller.

Haben Sie Angst vor dem Mainstream?

Nicht, wenn er gesund ist, mit einer gewissen Art von Intellekt. Wenn der nicht herrscht, habe ich Angst vorm Mainstream.

Mussten Sie ihn schon mal spielen?

Früher ja. Damals dachte ich: Lieber Gott, hilf mir, die Füße auf dem Boden zu lassen.

Was war das?

Das sag ich nicht.


Reportermistanthropiereporter

fragezeichen_1_Wann immer auf Bildschirm und Leinwand Journalisten auftauchen, sind sie entweder korrupt, fies, faul, zumeist aber alles in einem. Merkwürdig.

Der Mann ist total demotiviert und doch eine Führungskraft. Er säuft bei der Arbeit, bringt sie aber stets zu Ende. Lässt sich dafür gern bestechen, hält damit jedoch wenigstens nicht hinterm Berg. Seinen zwei Mitarbeitern gegenüber nämlich, die trotzdem Tag für Tag eine Zeitung erstellen. Den Westdeutschen Merkur nämlich, ein Aachener Lokalblatt, dem der fiktive Provinzreporter im  ARD-Schmunzelkrimi Heiter bis tödlich: Zwischen den Zeilen vorsteht. Es ist somit zwar ähnlich realistisch wie die Lacher vom Sitcom-Band, hat allerdings so etwas wie Vorbildfunktion. Denn praktisch immer, wenn fiktionale Journalisten auftauchen, sind sie fies, faul oder korrupt, meist jedoch alles zusammen. Aber das ist ja auch kein Wunder.

Trotz ihrer Bedeutung fürs soziale Gefüge, trotz erstklassiger Bezahlung und immerhin noch vierter Gewalt, schreit das Renommee der schreibenden, funkenden, sendenden Zunft schließlich zum Himmel. Im Beliebtheitsranking landet sie regelmäßig weit unten bei Politessen, Zahnärzten, Bankern. Und das Fernsehen wäre nicht das Fernsehen, würde es diesem Klischee anders als willfährig genügen. Dabei waren falsche Reporter schon zu Zeiten, als deren echter Ruf noch leidlich intakt schien, entweder machtgeile Alphatiere wie Citizen Kane, koffeinsüchtige Hektiker wie Lou Grant oder sensationsgeile Bluthunde, wie sie gemeinhin genannt wurden. So erhält sich das Publikum schließlich einen Glauben, der ihm ein Stück Erleichterung verschafft: Schlechte Journalisten erklären seine Probleme, tagesaktuelles Geschehen nicht ganz zu verstehen, nämlich weit angenehmer als eigene Aufmerksamkeitsdefizite. Schuld sind Zeitungen wie die in Aachen. Und natürlich Kai Diekmann.


Vor Harald & nach Schmidt

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. März

575.200.000 ist eine ziemlich große Zahl. Und wenn dahinter Euro steht, klingt sie dazu noch lukrativ. Oder teuer. Manchmal beides. Für stolze 575,2 Millionen Euro nämlich hat das ZDF 2013 Fernsehen von senderfernen Firmen (ko)produzieren lassen. Rund 3000 Stunden – das bestellte sonst kein anderer Kanal. Und als Dank für pünktliche Lieferung dürfen sich Lieferanten auch noch die besten Sendeplätze aussuchen: allein sechs von sieben um 20.15 Uhr. Dass das nicht immer zum Vorteil des Programms ist, hat vorige Woche jedoch die ECO Media TV-Produktion gezeigt. Ihre Boulevardreportage ZDFzeit war mit der Ausgabe Schlank in den Frühling nicht nur der Inbegriff kommerzieller Stilistik; bei der Begleitung von sechs Paaren im Kampf um purzelnde Pfunde standen auch noch minutenlang Logos wie „Brigitte-Diät“ und bekannte Nahrungsmarken am Bildschirm.

So dumm, so dreist, so billig kann Fernsehen sein, egal wer es macht. Dumm, dreist und billig eben wie der Boulevard allerorten ist – auch wenn ihm künftig wohl eins der wenigen Blätter abhanden kommt, das es mit Anspruch unterm Regenbogen versucht: Die Münchner Abendzeitung hat vorige Woche nach fast sieben Jahrzehnten am bayrischen Markt Insolvenz angemeldet. Das ist echt schade und wurde ausgerechnet damit erklärt, dass Boulevard im Internet und Fernsehen einfach schneller ist. Dass er auch dümmer, dreister, billiger zu haben sein könnte, wurde so höflich unterschlagen wie der Grund, warum offenbar Till Boom Schweiger alias Nick Bang Tschiller nach seinem gestrigen Tatort-Gemetzel aus „privaten Gründen“, wie der Moderator zum Schluss meinte, auch noch ins Studio von Günther Jauch gestürmt ist, wo er von drei breitschultrigen Bodyguards  eher unhöflich gestoppt wurde.

Höflicher war da schon der Pay-TV-Kanal Sky, der die tapfere Monika Lierhaus am Mittwoch vorm deutschen Fußballländerspiel gegen Chile zu Jürgen Klinsmann geschickt hat. Das erste, nun ja: Interview seit ihrer schweren Krankheit war allerdings so derart banales Abhaken unzusammenhängender Fragen, dass sich die Frage stellt, ob dem Bezahlfernsehen der therapeutisch-humanistische Ansatz am Ende wichtiger ist als Relevanz und Güte. Schwer zu glauben bei einem Sender, der Deutschlands distinguiertester Giftspritze noch immer ein abendliches Asyl gewährt.

TV-neuDie Frischwoche

3. – 9. März

Doch damit scheint Donnerstag allen Ernstes Schluss zu sein. Dann leitet Harald Schmidt nach knapp 2000 Sendungen in 20 Jahren seine letzte Late-Night. Ob das am Ende einen Verlust fürs Fernsehen darstellt, werden die zugehörigen Debatten in den distinguierteren Feuilletons zwar auch nicht klären, aber vermissen werden wir ihn irgendwie schon (mehr jedenfalls als Martin Wuttke und Simone Thomalla, die Sonntag wohl zum vorletzten Mal am Leipziger Tatort ermitteln). Allerdings werden wir ihn eher so wie wie Gunther Sachs vermissen, dem Arte Sonntag (21.50) ein schönes Porträt widmet: Auch der hat das Leben zwar nicht bedeutsam gemacht, aber wenigstens ein bisschen bunter.

Weder bedeutsam noch bunt, sondern schlicht überflüssig ist dagegen längst Das Perfekte Dinner auf Vox, wo ab Montag um sieben 100% Fleisch verkocht wird, was in etwa so zeitgemäß ist wie der Kalte Krieg auf der Krim, dem die ARD weiter Tag für Tag Brennpunkte verpasst. Den Scheißegal-Programmierern bei Vox sei da einfach mal 3sat am Freitag empfohlen, wo Der Schweine-Baron Adriaan Straathof erklärt wird. Für eingefleischte Fleischfans könnte es sehr erhellend sein, wie der Niederländer Flora und Fauna für seine Profite mit unserer Ernährungsignoranz ruiniert.

So viel Realität ist zwar ebenso schwer verdaulich wie der ARD-Mittwochsfilm Keine Zeit für Träume übers sperrige Thema Zappelkinder, aber eben notwendig und seriös. Und wer sich ein wenig fröhlicher aufklären lassen will, kann ja morgen Abend die ZDF-Anstalt einschalten, wo Max Uthoff und Claus von Wagner zum zweiten Mal beweisen werden, dass sie würdige Nachfolger des Scheibenwischers sind. Eine würdige Nachfolgerin von Miss Marple ist jedenfalls die Golden-Globe-Gewinnern Brenda Blethyn als Import-Ermittlerin Vera, kurz zuvor auf ZDFneo. Wundervoll jovial, herrlich britisch. Wundervoll verschroben, very american ist zugleich Kevin Spacey als kiffernder Psychiater Shrink bei RTL Nitro. Wundersam blödsinnig und very german endet tags drauf der Bachelor, was natürlich eine viel schönere Nachricht wäre, hätte RTL nicht kolportiert, dass Dschungelkönigin Melanie ab Sommer als Bachelorette auf Sendung geht.

Das zeigt abermals, dass man in Köln außer Testosteron eigentlich nur noch eines im Blut hat: Benzin.Weshalb der Brachialkanal am Wochenende praktisch ausschließlich mit der Formel 1 füllt. Aber damit niemand denkt, Private liefern nichts als Deppen-TV, sei hier Oli Schulz empfohlen, der Samstag auf Pro7 wieder irgendwo aus der Box steigt und grandiosen Aberwitz erlebt. Bleibt noch der Tipp der Woche: Die Konsequenz (heute um 23.15 Uhr im NDR) mit dem jungen Jürgen Prochnow, dessen schwule Rolle den bigotten BR 1977 noch zum Ausklinken aus dem Gemeinschaftsprogramm brachte.