Unwörter & Wutbürger

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

12. – 18. Januar

Die bildgewaltig substanzarme Post-Demokratie, in der wir aus Sicht recht kluger Köpfe leben, ersetzt konkrete Politik bekanntlich zusehends durch Symbole im Sinne einer PR, die von den Medien fleißig verbreitet werden. Und kaum eins hat dieses Gefälle zwischen Oberfläche und Hintergrund zuletzt besser verdeutlicht als das bildgewaltig substanzarme „Je suis Charlie“, was vieles aussagt und doch herzlich wenig. Aber da war ja noch mehr Symbolik, die es eher an als in sich hatte und „Reflexion durch Reflexe“ ersetzte, wie das „Deutschlandradio“ so schön formulierte: Merkels geschlossene Augen an Hollandes Schulter. Ihre Kollegen aus aller Welt an der Spitze einer Demo, die sie zur Sicherheit flugs verließen. Dazu drei, fünf, ach viele Millionen Exemplare der Jetzt-erst-recht-Ausgabe von „Charlie Hebdo“, übersetzt in 18 Sprachen, verkauft in 100 Ländern.

Weit weniger Symbolkraft haben leider jene paar Hundert Nigerianer, die ähnlich verrohte Terroristen zugleich auf einem abseitigen Kontinent abgeschlachtet haben. Deshalb weißt auch Millionen Protestmarschierer, Solidaritätsadressen und ARD-Brennpunkte später niemand so recht, worüber sich die halbe Welt beim kollektiven Kauf eines Witzblattes eigentlich im Besonderen empört: Islamisten? Ihre Gegner? Deren Gegner? Etwa Pegida? Die sich besonders laut über Islamisten und ihre Gegner empören, also die Lügenpresse, die aber ja gewissermaßen selber gerade angegriffen wurde und somit ihrerseits Ursache und Wirkung des Protests in einem ist?

Es ist eben doch ein wenig komplizierter als es das frisch gekürte „Unwort des Jahres“, für die rassistische Gegenwart aus nationalsozialistischem Kampfvokabular entlehnt, auf den Punkt bringen könnte. Gar so kompliziert, dass es selbst den neuen Spiegel-Chefs schwer fallen dürfte, den Überblick zu behalten, Klaus Brinkbäumer auf Papier ebenso wie Florian Harms im Netz. Jedenfalls ungleich komplizierter als die krude Weltsicht eines IS-Kämpfers namens – kein Scherz – Christian Emde, der RTL-Reporter Klaus Todenhöfer am Donnerstag erklärte, wie sein IS die Weltherrschaft erringen will. Das Unangenehme daran war – angesichts einer Bande vermummter Halsabschneider im Hintergrund – gar nicht, dass sich Todenhöfer kritischer Nachfragen enthielt. Sondern dass RTL den Terrorporno als Journalismus verkaufte. Und nachgefragt hat dann ja auch Günther Jauch nicht vor lauter Glück, dass ihm mit Kathrin Oertel eine leibhaftige Pegida-Führerin aufs Kuschelsofa gekrochen kam, um dort mit dem strengen Blick sozialer Kälte zu belegen, wie wenig Substanz im Alltagsrassismus der neurechten Bewegung steckt. Vielleicht sollte man die Sache mit der „Lügenpresse“ doch nochmals überdenken…

0-FrischwocheDie Frischwoche

19. – 25. Januar

… doch Spaß beiseite. Was wir Lügenreporter drucken, senden, posten, ist schließlich oft jene unliebsame Wahrheitsannäherung, die das Lügenpack von Pegida gar nicht erst hören will. Von ihm dürfte daher Montag kaum jemand einschalten, wenn die Doku „Flüchtlinge – Aufnehmen oder Abschieben?“ um 23.30 Uhr im Ersten erhellt, wie es ums Reizthema Asyl wirklich steht. Durchaus einschalten, aber vorab verfluchen, wird es zwei Tage später (22.45 Uhr) vielleicht, wenn der gleiche Kanal Putins Volk zu Wort kommen lässt, also die Untertanen jenes Alphatiers, den Pegida für einen super Führer hält. Nicht mehr wissen will man dann aber, was sie mit der AfD vereint, die bei Machtkampf der Wutbürger im Anschluss klug seziert wird.

Weit besser als mit derlei Lügenberichten versorgt die ARD ab Donnerstag daher wütende Dresdner mit dem Spin-of der Sachsenklinik, wo Roy Peter Link als Chefarzt In aller Freundschaft nach Erfurt geht, wo Die jungen Ärzte wie er zwar ohne Mord, gar Witze auskommen, auf dem Schmunzelkrimiplatz um 18.50 Uhr aber unfreiwillig komisch geraten. Unfreiwillig unkomisch gerät es hingegen Freitag, wenn in den Dritten die ersten Narren des nahenden Karnevals los sind. Und freiwillig unkomisch geht es zu, wenn Heino Ferch am Montag wieder auf die Spuren des Bösen geht.

Sein Psychologe Brock ist auch im 4. Fall um den Mord an einem Galeristen tief involviert, wahrt aber er wie immer eine sehenswert anziehende Distanz, die hierzulande noch immer was Besonderes ist. So wie – alle Sonntage wieder – der Tatort, diesmal ums Grusel-Thema Chrystal Meth in Kiel, das Regisseur Christian Schwochow entsprechend in tristen Grautonen bebildert. Grundsätzlich heiterer Farben bedient sich dagegen der KiKa, wo ab Dienstag um 18 Uhr die deutsche Animationsserie Ritter Rost läuft, was Kinder unter zehn schier zum Ausrasten bringt.

Für Ex-Kinder über 50 dagegen ist der farbige Tipp der Woche aus einer Zeit, als Krimi nicht unbedingt besser, aber weniger abgenudelt war: Inspektor Colombo in einem Spielfilm von 1975 namens Wenn der Schein trügt über einen tödlichen Zauberer (Freitag, 18.05 Uhr, ZDFneo). In prachtvollem Schwarzweiß ist demgegenüber Adel verpflichtet von 1949 (Samstag, 13.40 Uhr, WDR), mit Alec Guiness in Achtfachrolle einer Erbengemeinschaft, die peu à peu vom ärmsten Verwandten ausgelöscht wird.


John de Mol: Milliardär & Medienberserker

Der Maulwurf

Er tut es wieder, er kann nicht anders: Menschen in ein Haus stopfen, Kameras an und sehen, was passiert. Mit Newtopia lässt John de Mol Ende Februar die nächste Ladung Reality-TV aufs Publikum los, über die heftig gestritten wird. Diesmal sollen Freiwillige unter Dauerbeobachtung eine Lebensgemeinschaft im brandenburgischen Nirgendwo errichten. Aus dem Anlass dokumentieren freitagsmedien ZEIT-Porträt des globalen Produzenten aus Holland, der Wer wird Millionär? über uns gebracht hat und Big Brother.

Von Jan Freitag

Wer weiß, wie oft John de Mol diese Geschichte erzählt hat. Eine Anekdote, die mehr über Europas erfolgreichsten Fernsehmacher aussagt als jedes Dossier, jedes seiner unzähligen TV-Formate. Ende der Achtziger, die Privatsender waren noch jung, habe er an einer roten Ampel gewartet, daheim im holländischen Hilversum, das Autoverdeck offen. Es muss ein Sommertag gewesen sein, „als zwei Verliebte vorbeikamen, die so unterschiedlich waren, als ob sie gar nicht zueinander passen“.

John de Mol überlegte, wo sie sich wohl das erste Mal getroffen haben mögen – und plötzlich war die Idee der Traumhochzeit geboren, Keim einer internationalen Medienkarriere sondergleichen. Bis dahin war der Mittdreißiger vor allem auf seinem Hausmarkt am Ejsselmeer aktiv gewesen. Doch mit seiner Schwester Linda vor der Kamera machte er die Heiratsshow bald zum erfolgreichen Exportartikel. Und es sollten noch viele globale Ikonen des Emotainments folgen, wie de Mols Metier genannt wird. Unterhaltung mit Gefühl sagen die einen, Verblödung mit System die anderen. In jedem Fall ein gute Geschäft.

John de Mol sind beide Sichtweisen herzlich egal, das rufen seine Worte, alle Gesten, der ganze Auftritt in die Welt hinaus. „Fernsehen ist Timing, Bauch, Emotion und Konzept“, erklärt der Programmentwickler und fügt noch ein wesentliches Kriterium hinzu: reine Geschmackssache. Selbstsicher lehnt er sich mit tief geknöpftem Hemd in seinem opulenten Büro zurück und verschränkt die Arme hinterm Kopf. Timing, Bauch, Emotion, Konzept haben den Holländer nicht nur zum Milliardär gemacht, sondern zu einem der wichtigsten TV-Produzenten unserer Tage, auch wenn seine Blütezeit bereits hinter ihm zu liegen schien.

Sieben Jahre, um genau zu sein. Damals hatte er die Anteile seines Medienkonzerns Endemol für Aktien im Wert von 5,5 Milliarden Euro an den Telekommunikationsriesen Telefónica verkauft. Dass er sie jetzt zurück erwarb, erinnert dramaturgisch an all die Seifenopern, denen seine Art des Fernsehens den Weg geebnet hat: Liebe aus Leidenschaft, Ehe im Überschwang, Zuwachs aus Prinzip, Trennung im Streit, Versöhnung aus Sehnsucht.

Im Sommer 2000 trennte sich de Mol nicht von Endemol, sondern zunächst nur vom börsennotierten Firmenteil, der Entertainment Holding. Ein Akt der Befreiung für den Mann der Praxis. Dank Telefónica war er die Last der bürokratischen Verantwortung los. Erst mit dem Multi aus Madrid im Rücken, betont der selbsternannte Think Tank, hatte er genügend Zeit fürs Kreative, seine Kernkompetenz in Endemols Portfolio aus Telefonie, Internet, Entertainment, Vermarktung und Mobilfunk. Doch selbst als Chief Creative Officer wurde ihm das berichtspflichtige Unternehmenskorsett bald zu eng. Er spricht vom „Luxusgefängnis“, voller Shareholder, aber ohne Esprit. Nach vier Jahren verließ er Vorstand und bald auch Firma, sein Baby, wie er es nennt. Es war ein schwerer Schritt, „aber wenn ich einmal aufs falsche Pferd gesetzt habe, folge ich der Alarmglocke“.

In die mediale Bedeutungslosigkeit, so dachten viele. Denn während Formate von Big Brother über Nur die Liebe zählt bis hin zum unverwüstlichen Wer wird Millionär weiterhin globale Topquoten erzielten, zog sich ihr Erfinder, Macher, Weltverbreiter ins betuliche Holland zurück. Wenngleich mit neuen Perspektiven: Nur Monate nach seinem Deal war die Blase des Neuen Marktes geplatzt und hatte neben Millionen Spekulationsverlierern auch diesen Gewinner hinterlassen: de Mol.

Mit gewachsenem Vermögen gründete er im Sommer 2005 den TV-Sender Talpa. 200 Millionen Euro flossen angeblich in die Mischung aus Livemagazinen, Quiz- oder Talkshows, Filmlizenzen, Serien und Fußballübertragungsrechte. Dennoch lief Talpa schleppend an und auch nach der zwischenzeitlichen Umbenennung in Tien blieb ihm die Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen oft fern. Zu sehr mit Schriftkram beschäftigt, hatte sich John de Mol einen neuen Knast gebaut, nur weniger luxuriös. Immerhin nutzte er die Zeit, seine Netze in andere Gewässer zu werfen. Er stockte seine Anteile am Telefonkonzern Versatel auf und erwarb weitere an Medienkonzernen, Technologiefirmen, einem Sportwagenhersteller und Manchester United. Eine Expansion in alle Richtungen.

Umso erstaunlicher, mit wie wenig Getöse er nun auf den zweitgrößten Fernsehmarkt zurückkehrt, nach Deutschland, wo Endemol von Köln aus aktiv ist. Es ist nach Leo Kirch das zweite Mediencomeback 2007, nur stiller, so wie John de Mol es mag, der nach Auskunft eines Vertrauten karitativ umfassend tätig ist, ohne groß drüber zu reden. Gänzlich eigennützig kaufte er dagegen im September Endemol zurück, marktgerecht für zuletzt über eine Milliarde Euro Jahresumsatz, günstig im Vergleich zur einstigen Kaufsumme. Gut 2,6 Milliarden Euro gingen für 75 Prozent der Aktien an Telefónica, dessen Chef César Alierta nie so warm mit der Tochtergesellschaft geworden war wie sein Vorgänger. Und schon gar nicht wie ihr Gründer. Anfang 2007 erwarb de Mols milliardenschwerer Investmentfond Cyrte die ersten fünf Prozent und holte für den Rest durchaus umstrittene Partner ins Boot: Silvio Berlusconis Sendergruppe Mediaset und die Investmentbank Goldman Sachs steuerten je ein Drittel zum Kaufpreis bei. Und weil er die Börse „Gift fürs kreative Geschäft“ nennt, nahm man es vom Parkett. Endemol ist wieder da, auch wenn es nie weg war. Nicht aus John de Mols Herz.

Denn glaubt man dem Modellathleten im Vorruhestandsalter, dreht sich darin alles um Fernsehen. „Mein Kopf hat nie Ferien. Er ist 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr bei der Arbeit.“ Ein Energiebündel, das sein Gegenüber im Gespräch unablässig fixiert. Ein „fantastischer kreativer Geist“, wie ihn der frühere RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler fast ehrfürchtig nennt, „so radikal und kühn, dass radikale und kühne Dinge entstehen.“ Stets auf der Suche nach Abnehmern neuer Ideen, Adressaten seiner Botschaften vom erfolgreichen, ergo richtigen Fernsehen. „Eine Mischung aus Kaufmann und Missionar“, hat ihn der Chef des Europäischen Medieninstituts Jo Groebel nach dem Verkauf genannt. Jetzt darf de Mol wieder weniger Manager sein, dafür umso mehr Verkünder seiner Ideale vom Entertainment. Es ist das der Masse, das einzige gültige Kriterium, wie er betont. „Wenn sie einschaltet, hab ich meinen Job richtig gemacht.“

Da kann es kein Zufall sein, dass de Mol übersetzt Maulwurf heißt. Wie das ungeliebte Säugetier untergräbt er seit über 30 Jahren die Gärten der Zuschauer, hinterlässt seine Spuren im Grün und lässt sich freiwillig nicht vertreiben. Sogar sein neues Standbein Talpa ist nach diesem Prinzip benannt, diesmal auf Latein. John de Mol wühlt gern im Boden des Massenfernsehens und will sein Geld wieder vornehmlich damit verdienen, weniger mit Investmenttätigkeiten. Sein Beruf ist ihm Berufung, seit jeher. Bereits als Schüler streute er seinen Stil unters Volk. Er jobbte beim Radio, verdingte sich nach der Schule als DJ, trug Kabel fürs Fernsehen, schnitt Fußballberichte und tat somit das Gegenteil dessen, was seine Eltern von ihm erwarteten. „Sie wollten, dass ich studiere, am liebsten Jura“. Der volljährige Johannes Hendrikus Hubert aber machte nicht mal Abitur, ein bisschen aus Rebellion, ein bisschen aus Überzeugung. Wie gesagt: Ein Mann der Praxis.

Und sicher kein Befehlsempfänger. 1979 verließ er das Auftragsfernsehen, um sein eigenes zu gründen. Die John de Mol Produkties fertigten billige Spielshows, Soaps oder Low-Budget-Musikfernsehen und fluteten auch Deutschland mit „Traum- und Tränengeschichten“, wie die FAZ klagte. Sie passten genau ins Konzept Helmut Thomas. „Der Wurm soll nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch“, lautet das Motto des damaligen RTL-Chefs und Linda de Mol war sein Lieblingsköder. Ihretwegen importierte er die Traumhochzeit 1992 nach Köln und sicherte ihrem Bruder im Gegenzug eine Abnahmegarantie künftiger Formate zu. „Ein wirklich harter Knochen, der um jede Mark gekämpft hat“, erinnert sich Thoma an die Partnerschaft. „Er hatte diese sehr spezielle Form holländischen Humors, ganz anders als so viele deutsche Eisenbeißer“. Erst beim Geschäftlichen hörte der Spaß auf. „Aber wir haben immer einen Kompromiss gefunden“.

Der Exklusivvertrag, Output-Deal genannt, hatte noch Bestand, nachdem de Mols Firma zwei Jahre später mit der seines Konkurrenten Joop van den Ende zu Endemol verschmolzen war. Erst 1996 löste er ihn auf und auch wenn RTL sein Premiumpartner blieb (und wohl ewig bleibt), war der Weg auf alle Kanäle nun frei. Nichts anderes hat er je gewollt, nichts anderes will er heute. „Mein Job ist, Formate zu erfinden, die überall laufen können“, sagt er bei der Führung durch seine Firmenzentrale. Schon der Weg dorthin geht vorbei an Luxusvillen mit Luxusautos vor Luxusgärten. In Hilversums Vorort Laren wohnt Hollands Erfolg. Er regiert auch im Büro seines großen Medienmagnaten: Fernsehpreise hier, Fernsehfotos dort, Bilder mit Gönnern, Freunden, Kollegen, Prominenz. Dazwischen immer wieder de Mols Sohn aus erster Ehe. Und Linda, überall Linda.

„Wäre sie nicht meine Schwester, wir wären trotzdem Freunde“, sagt der erklärte Familienmensch über sein Einfallstor in den europäischen Markt. Ihr Einfluss hallt noch immer nach. Das ZDF plant mit der Traumhochzeit, Sat1 und RTL stehen längst im Terminkalender, die Kontakte, de Mol lächelt, „werden wieder wärmer“. Und auch wenn es dabei um viel Bekanntes geht, wenn gerade zum achten Mal Big Brother läuft und seine uralte 100.000 Mark Show eine neue Titelwährung erhält, geht John de Mols Blick nach vorn. Dank seiner Senderbeteiligungen in Holland wird das kleine Land wieder zum Testfeld für die Welt.

Ein Team von 40 Leuten grübelt in L.A., London, Laren über Ideen, von denen die Schubladen des Firmenhirns angeblich überquellen. Produziert von Talpa, probiert RTL Holland Formate aus und lässt sie von Endemol weltweit verbreiten, stilistisch lokalen Gewohnheiten angepasst, aber mit einheitlichem Grundgerüst. Die Dienstwege sind kurz: Sein alter Neuerwerb sitzt nur wenige Autominuten von Talpa entfernt, einem schicken Neubau mit Koi-Karpfen in den Zierteichen der Empfangshalle und gläsernen Büros, soweit das Auge reicht. Hier kümmern sich zwei Dutzend Mitarbeiter allein ums Operative. John de Mol will nur einmal die Woche mit der Endemol-Führung telefonieren und ansonsten permanent brüten: Über neuen Konzepten, auch wenn sie gern alten Maschen ähneln.

Eines davon – Der Goldene Käfig – ist eine Hardcorevariante seines Exportschlagers Big Brother, heftig umstritten, wie so vieles aus seiner Denkstube. Wenn John de Mol davon redet, wird am deutlichsten, wie der attraktive Jazzliebhaber und vielsprachige Fußballfan tickt. Ob Fernsehen Verantwortung habe, einen Erziehungsauftrag gar? Er überlegt erstmals länger als Sekundenbruchteile. Zum Teil, sagt er leise, „denn wer sich im Käfig schlecht benimmt, fliegt raus, wie im richtigen Leben“. Er zeigt zur Fernbedienung auf seinem Altar mit der üppigen Bilddiagonale: „Fernsehen ist das demokratischste Medium und der Wahlzettel liegt dort“. Es sind Intellektuelle, sagt der Bürger des Pisa-Gewinners mit saurem Gesicht, die glauben beurteilen zu können, was gutes Fernsehen ist.

Das aber sei keine Wissenschaft, also unberechenbar und wer ihm ein Attribut voranstellen wolle, solle dies anhand technischer Parameter tun: Gutes Licht, guter Ton, gute Skripte. Ansonsten steht von Verzeih mir bis Big Diet alles unterm Verdikt der Quote, vulgo Masse. Den simplen Inhalt von Deal or No Deal etwa, Geldkoffer auszuwählen, hält de Mol beinah für eine Offenbarung. „Als alle dachten, Gameshow sei tot, kam ich mit einer neuen und hatte Riesenerfolg.“

Seine Begeisterungsfähigkeit ist legendär. Als vor neun Jahren das Video einer Sendung namens Who Want’s To Be A Millionaire auf seinem Schreibtisch landete, so heißt es, hätte sich de Mol glatt vor die Tür der kleinen Produktionsfirma gelegt, um die Rechte zu kriegen. Er schaffte es auch so und streute das Quiz über den ganzen Globus. So wie Big Brother, jenes Zugpferd repetitiven Formatentertainments, das aus einem „holländischen Jungen von der Straße“, wie ihn sein Weggefährte Joop van den Ende nennt, den weltgrößten unabhängigen Fernsehproduzenten machte. 1985, als John de Mol Moderatoren eher managte als sie zu erfinden, schrieb Neil Postman in seiner Kulturanalyse Wir amüsieren uns zu Tode, bald werde sich alles in Unterhaltung auflösen. Keiner bestätigt die These besser als John de Mol. Und keiner hat damit größeren Erfolg.


Indiefriday: Wildbirds, Peacedrums, Von Spar

Wildbirds & Peacedrums

Übers paläoanthropologische Gebaren ist wenig mehr bekannt, als dass wir gegessen, geschlafen, gevögelt, gesammelt, gejagt und irgendwann Werkzeug benutzt haben. Selbst, ob die ersten Hominiden musizieren konnten, bleibt bloße Spekulation. Doch wenn sie es taten, so viel erscheint sicher, dann mit Stimme und Stöckern, Steinen, allem was rummst. Wildbirds & Peacedrums sind so gesehen Atavismen der weiten Welt des Klangs.Das Ehepaar aus dem schwedischen Göteborg benötigt für seinen ekstatisch reduzierten Sound nicht mehr als Mariam Wallentins Gesang und Andreas Werliins Schlagzeug. Ab und zu mal ein verstohlenes Bassfragment – schon beginnt die Rückkehr zu den Wurzeln der Musik. Sie klingt auch auf ihrem vierten Album mit dem passenden Titel Rhythm nach allem, was dem zeitgenössischen Pop an Widerhaken, Abzweigen, Zwischentönen fehlt.

Rhythm ist verschroben und wahnsinnig, rätselhaft und eigentümlich, manchmal dämonisch, fast hysterisch, jedenfalls heißblütig, unvergleichlich, selbstgewiss und somit exakt die Antithese zum Wesen des Pop, das sich aus allem zusammensetzt, was schon mal zu hören war. Rhythm war noch in kaum einem Ohr, nicht in dieser Form. Sicher, Wallentins theatralisch dargebotene Texte über alles Erdenkliche rings um Liebe, Lust und Leidenschaft orientieren sich trotz gelegentlicher Ausflüge in vertrackte Tremoli am klassischen Notenvokabular. Auch Werliins Peacedrums drehen nicht ständig durch wie das Tier bei den Muppets, sondern variieren die Takte bei aller Raserei mit präziser Strukturbereitschaft. Doch die extreme Reduktion der neun neuen Stücke aufs Rhythmische, das Fehlen einer harmonischen Melodie, der Dschungelgestus im Großstadtstudio – all dies führt das Publikum zurück auf eine Innerlichkeit, die der zeitgenössischen Popmusik längst ausgetrieben wurde.

Rhythm ist ein Sound zum Eintauchen, Absinken, Verharren, Bewegen, Auftauchen, Staunen. Man kann den vergleichsweise gefälligen Fusionjazz Ghosts & Pains zum Auftakt ebenso wenig nebenbei laufen lassen wie das hypnotischeMind Blues weiter hinten. Die Platte fordert Raum und Zeit, Konzentration, ja Andacht, jedenfalls Aufmerksamkeit. Bei Konzerten ist das im Saal greifbar. Doch auch daheim kann man der Vereinnahmung schwer entgehen. Wer es dennoch versucht, zählt entweder bald zu jenen, die den Kopf schütteln und auf Dudelfunk schalten. Oder zu denen, die förmlich durchdrungen werden von Wildbird & Peacedrums. Sie verwandeln sich dabei nicht zurück in Urmenschen. Aber ein neuer Weg zu Hören, der kann sich schon daraus entwickeln.

Wildbirds & Peacedrums – Rhythm (The Leaf Label); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/12/03/wildbirds-peacedrums-rhythm_18999

Von Spar

Chamäleonvergleiche gehen oft an der Sache vorbei. Zumindest, wenn damit Wandlungsfähigkeit an sich beschrieben wird. Das anpassungsfähige Reptil verändert sein Äußeres ja doch den örtlichen Umständen entsprechend, ordnet sich den Verhältnissen also lieber unter, als sie zu prägen. Geschmeidig, könnte man das nennen. Gefällig, tickten Leguane tatsächlich so. Trotz aller Farbe farblos. Also in etwas das Gegenteil von Von Spar. Seit ihrer Gründung vor elf Jahren wurden die vier bis fünf Kölner zwar öfters als Chamäleon des deutschen Pop bezeichnet. Schließlich haben sie den elektronischen Postpunk ihres grandiosen Debütalbums mit dem noch grandioseren Titel Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative schon 2007 zugunsten eines verstiegenen Krautrockexperimentes über den Haufen geworfen. Das dritte Album 2010 wurde dann ein digitales Klangkonvolut, das Jean Michel Jarre zum nüchternen Strukturalisten degradiert.

Doch all dies waren irgendwie nicht gerade musikalische Leitthemen ihrer schnelllebigen Zeit. Womit wir beim neuen, dem vierten Album wären. Es heißtStreetlife, mag zu Beginn entfernt an die aktuelle Neigung bekannter Künstler zum Neofunk erinnern. Aber das verfliegt nach wenigen Takten. Dann machen Von Spar, tja, was machen die da eigentlich. Jedenfalls alles andere, als die Farbe eines anderen Stils anzunehmen, auf den sie sich bewusst oder zufällig draufgesetzt haben. Mit etwas Wohlwollen könnte man die acht längeren bis echt langen Lieder vielleicht Lowfipop nennen, mit etwas weniger womöglich Easy Listening, doch sie lassen sich nie auf den schnöden Zeitgeist ein. Mit dem Monsterhit der Crusaders hat der Albumtitel ebenso wenig zu tun wie die VorgängerplatteForeigner mit der gleichnamigen Band. Streetlife mag bisweilen klingen, als seien Von Spar nach der Geburt in einen Sample-Tank gefallen und könnten die überschüssige Referenzvielfalt im Erwachsenenalter nicht mehr recht dosieren. Das führt dann manchmal so weit, dass in Stücken Breaking Formation ein Christopher Cross aus dem Audiogefrickel blinzelt, aus Try Though We Might gar Peter Maffay, während das anschließende Duvet Days an die allerersten Gehversuche des Ambient erinnert.

Manchmal wirkt dieses Sammelsurium also geradezu lachhaft, lachhaft konstruiert vor allem. Aber Von Spar gelingt es, dieses Durcheinander wie einen entspannten Spaziergang durch die Jahrzehnte elektronischer Spielarten aussehen zu lassen. Fast so wie es Daft Punk mit ihrer technoiden Wiederbelebung des Oldschool-Funk getan haben. Wer kann, der kann, könnte man meinen. Trotz der betulichen Fritz-Kalkbrenner-Gedächtnis-Stimme des Gastsängers Chris Cummings aka Mantler verstärkt sich der Sog von Streetlifealso mit jeder neuen Umdrehung. Einfach fabelhaft.

Von Spar – Streetlife (Italic Recordings); mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/12/01/von-spar-streetlife_18986


Dieter Hallervorden: Didi & Demenz

DidiVielseitigkeit ist hier nicht gefragt

Er ist nicht immer witzig, aber unverwüstlich: Dieter Hallervorden (Foto: Moritz Kosinsky). Nach einem halben Jahrhundert im Humorbetrieb der Republik glänzt er kurz vor seinem 80. Geburtstag gerade als Demenzkranker in Til Schweigers Tragikomödie Honig im Kopf und ist auch sonst weit davon entfernt, in den Ruhestand zu gehen. Anlass genug, ein Interview zu zeigen, dass der Nonsens-König zu seinem 75. gegeben hatte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallervorden, haben Sie je bereut, Nonstop Nonsens gemacht zu haben?

Dieter Hallervorden: Überhaupt nicht, ich hab’s ja freiwillig und gern gemacht. Allerdings hatte ich nie vor, das bis an mein Lebensende zu machen. Und da liegt die Schnittstelle – es ist sowohl für mich als auch fürs Publikum abwechslungsreicher, wenn man über eine gewisse Vielseitigkeit verfügt und auch mal wieder was anderes macht. Da war es für mich sehr schwer, wieder aus dieser Schublade rauszukriechen, weil alle den Didi haben wollten, die Flasche Pommes, Palim Palim und den gespielten Witz. Deshalb sagte ich mir irgendwann, jetzt musst du eine Entscheidung treffen. Entweder, du beugst dich und bist eben auf diese Rolle festgelegt. Oder du nimmst eine Auszeit und zwingst diejenigen, die dich weiter sehen wollen, mit aus dieser Schachtel zu steigen. Das hab ich getan und zu Spottschau und Spott-Light gefunden, zurück zum politischen Kabarett, zu Dingen also, die ja trotzdem unterhaltsam, komisch sind, aber eben andere Inhalte transportieren.

Ein schwieriger Prozess – so leicht lässt das Publikum niemanden aus der Schublade.

Das stimmt wohl.

Sind Sie den Didi losgeworden?

So wie die Leute nach Vorstellungen oder Drehtagen mit mir gesprochen haben, scheint sie doch bemerkt zu haben, dass hinter politischem Kabarett doch ein wenig mehr Grips steckt und es mehr vom Schauspieler fordert. Insofern ist mir der Absprung schon gelungen, zumal ich ja unter meinem Namen Dieter Hallervorden moderiert hab. Auf der anderen Seite glaube ich, dass das Publikum durchaus bereit wäre, eine Gratwanderung mitzugehen und einen Imagewechsel zu akzeptieren. Wer dem vor allem im Weg steht, sind die Fernsehredakteure. Als ich damals den Springteufel machen sollte, hieß es: Nein, das können wir dem Publikum unmöglich zumuten. Vor vier Jahren ist er wiederholt worden und die Einschaltquote war immens, ich habe Waschkörbeweise Fanpost gekommen – ich wusste ja gar nicht, dass Sie so was können. Das Publikum würde also durchaus mitgehen. Und in anderen Ländern ist das ja passiert. Jack Lemmon hat zum Beispiel in Missing einen Vater gespielt, der verzweifelt seinen in Chile verschollenen Sohn sucht. Obwohl Lemmon nur als Komiker bekannt war. Dort leistet man sich eben den Luxus, auch mal gegen den Strich zu besetzen.

Hier dagegen trifft man schneller eine endgültige Richtungsentscheidung.

Genau. Leonard Bernstein kann Westside Story machen und bleibt trotzdem der große Meister; stellen Sie sich mal vor, Karajan hätte hier versucht, ein Musical zu kreieren. Vielseitigkeit ist in Deutschland nicht gefragt.

Dabei haben Sie ernsthaft begonnen – im Fernsehen mit Millionenspiel, auf der Bühne mit Die Wühlmäuse. Wie kam es zum Schritt in den Klamauk?

Nach einigen Jahren politischen Kabaretts war es als eine Erholungspause gedacht. Wir wollten Freitag-, Samstagnacht unter dem Titel „Da kichert die Klamotte“ einfach mal ein Nonsens-Programm machen, wo man ohne Rücksicht auf Tabellen, politische Wahrheiten und Standpunkte einfach als Komödiant auf der Bühne stand. Es hatte nur wider Erwarten einen so immensen Erfolg, dass wir es ins Abendprogramm genommen haben, dann kam das Fernsehen hinzu und so rutscht man da hinein. Aber damals war ich ja froh über die Erholung; man musste kein schlechtes Gewissen haben, wenn man am Tag nicht fünf Zeitungen gelesen hatte, man musste nicht ständig sein Programm aktualisieren, konnte über Monate einfach so vom Blatt spielen. Dass ich über die große Fernsehresonanz in einer Schublade landen würde, habe ich nicht geahnt. Und als ich drinsteckte hab ich mich gefragt: Oh je, wie kommst du da nur wieder raus.

So wie Sie es schildern, ist Klamauk also leichter zu machen als Kabarett.

Natürlich.

Da werden Ihnen Comedians heftig widersprechen und beteuern, wie hart ihre Arbeit ist.

Na ja gut, harte Arbeit… Also erst mal ist der Beruf sowieso der schönste der Welt. Hart ist daran allenfalls, sich vorher einfallen zu lassen, was man alles machen will und kann. Aber natürlich ist politisches Kabarett sehr viel schwerer. Es verlangt viel mehr Grips, ständiges Aufnehmen von Nachrichten, immer am Puls der Zeit zu sein, ständige Aktualisierungen. Das sind einfach zwei paar Schuhe und Nonsens sind die leichteren.

Ist das der Grund, dass es Kabarett nach seiner Hochzeit in den 90er Jahren zurzeit so schwer hat, sich gegen Comedy zu behaupten?

Ja, aber das hat damit zu tun, dass die Privaten so massiv Comedy losgetreten haben. Die nehmen das, was ihnen Einschaltquoten sichert. Subtilere Dinge, Satire garantieren die eben nicht. Und da die von der Werbung leben, wird das nicht gefördert. Wer also in den Beruf reinwill, orientiert sich automatisch an dem, was er sieht, was offenbar Zukunft hat, wo er in absehbarer Zeit Geld mit machen kann. Ich merke das bei unserem Kleinkunstfestival, das seit fünf Jahren live vom RBB übertragen wird. Dort stellen wir unbekannte Leute vor und es ist ganz schwer, unter den vielen Künstlern pro Jahr auch nur einen zu finden, der es im politischen Bereich macht. Alle anderen orientieren sich am Standup und sondern einfach Witze ab.

In Ermangelung potenzieller Arbeitgeber – es gibt ja kaum Kabarettsendungen.

Das ist ja das Traurige. Aber dass die Leute politisches Kabarett trotzdem lieben, sieht man an Riechling, Schramm, Jonas. Die sind alle immer ausverkauft.

Die alte Garde.

Eben. In dem Moment, wo die Möglichkeit wegfällt, es auch im Fernsehen zu präsentieren, wird es mit dem Nachwuchs immer schwerer.

Was halten Sie von Comedy, wie sie heute das Abendprogramm prägt?

Wenn ein Komiker über den anderen schlecht redet, könnte man das als Berufsneid verstehen. Aber ich kann sagen, wen ich besonders gut finde – das ist die Anke Engelke. Toll ist auch der Erfindungsreichtum von Cordula Stratmann in der Schillerstraße. Es gibt viele begabte Leute, aber manchmal stehe ich auch nur kopfschüttelnd davor und sage, wenn man jeden, der zehn komische Witze kennt und acht komische Grimassen macht, vor die Kamera lässt, ist das für mich keine Comedy. Die sind dann ein Unikum, meistens Eintagsfliegen und haben keine Ahnung von dem Beruf. Wenn die gezwungen sind, abseits von dem, was sie alleine absondern, mit jemandem zusammen zu spielen – die können nicht zuhören, wissen nicht, dass es was mit Atmen zu tun hat, was eine Pause bedeuten kann. Es ist erstaunlich. Was die ganzen Stand-upper – wobei ich die vielen englischen Ausdrücke furchtbar finde – als Solisten beherrschen, das mag ja noch gehen. Aber Bühne ist für mich Rede und Gegenrede. Zusammenspielen. Die haben keine Ahnung von Spannungsfeldern. Wenn man zum Beispiel im Fernsehen wahnsinnig aufgeregt, total entnervt sein soll, trommelt man zur Unterstützung mit den Fingern auf dem Tisch. Im Theater würde das nie reichen, da muss man empfinden, da muss sich was abspielen. Das können viele überhaupt nicht.

Könnten Sie denn Comedy machen?

Ich könnte das auch, klar. Es ist die einfachste Art und ich mache es ja auch. Trotzdem bringt es mir mit Kollegen mehr Spaß.

Ist die Krise eher eine Zeit der Comedy, des Ulks oder der Satire, des Kabaretts?

Die Krise ist doch ein gefundenes Fressen fürs Kabarett. Man kommt doch gar nicht so schnell hinterher, wie einem die Beamten Pointen liefern. Zum Teil ja schwer zu übertreffen.

Komisch, dass es dennoch nicht so recht in die Gänge kommt.

Weil das Fernsehen es nicht unterstützt, das reicht.

Welche gesellschaftliche Kraft hat Humor – kann er was bewegen oder nur kommentieren?

Oh, es ist weit gefehlt, wenn man denkt, großartig etwas damit bewegen zu können. Von der Bühne aus kann man allenfalls Denkanstöße geben, Dinge allenfalls in den Zusammenhang bringen. Aber Revolutionen sind noch nie von der Bühne ausgegangen, da darf man sie nicht überbewerten. Außerdem muss man sich im Klaren sein, wie einfach es ist, aus der satirischen Ecke zu kritisieren; besser machen ist eine ganz andere Sache. Es macht dem Kritiker natürlich sehr viel mehr Spaß, aus einer Anti-Position heraus etwas niederzumachen. Darin lassen sich besser Pointen verpacken als würde er eine Eloge schreiben.

Stänkern macht mehr Spaß als loben.

Ja, natürlich. Wenn man Kabarettisten zu politischen Talkshows einlädt, bleiben die meist in ihrer kritischen Ecke. Wehe aber, man hinterfragt… (Lacht) Nischt!

Gibt es für Sie Momente, in denen Sie zum Kabarett und solche, in denen Sie zum Klamauk neigen?

Nein. Bei mir ist es von der verfügbaren Zeit abhängig. Wann ich auf der Bühne stehe, weiß ich in der Regel ein Jahr vorher und dann entscheide ich mich, was ich da mache. Politisches Kabarett kann ich aber immer. Egal wer an der Regierung ist – Politik wird von Menschen gemacht, Menschen machen Fehler, da wird es immer was zu kritisieren geben.

Es scheint, Ihr Herz gehört der Politik.

Ich bin ein sehr politischer Mensch, habe Die Wühlmäuse als ganz junger Mensch gegründet und bin im Übrigen sehr stolz darauf, es 45 Jahre ohne Subventionen gehalten zu haben. Da kann der Spielplan ja so schlecht nicht gewesen sein. Ich bin im hohen Alter von 63 noch mal umgezogen, haben jetzt ein Haus am Theodor-Heuß-Platz, was innen unter Denkmalsschutz steht auf meine Kosten renoviert, modernste Technik, 250 Scheinwerfer, ich habe also sichergestellt, dass die Wühlmäuse unabhängig von meiner Person als kulturelle Institution erhalten bleiben. Das war mir unheimlich wichtig, wie mein viertes Kind.

Letztlich sind Sie also der Subventionsgeber.

Das ist mir die Sache wert. Die große Frage war ja: geht das Publikum mit oder bricht alles auseinander? Die Rechnung ist aufgegangen. Gut, ich werde nun weitere fünf Jahre brauchen, die Schulden abzubezahlen. Da ist viel Herzblut drin. Wolfgang Spier und all die anderen aus meiner Zeit waren zur Eröffnung da und gratulierten mir zu meinem Mut. Ich bin selten mit soviel Lob überhäuft worden.

Was muss für ein gesellschaftliches Klima herrschen, um Formate wie Nonstop Nonsens oder Klimbim zu so großen Erfolgen zu machen?

Das weiß ich nicht. So wie heute auch umschwirren Fernsehredakteure den Erfolg wie Motten das Licht. Das heißt, die sahen, da läuft was über Monate bombig, immer ausverkauft, lange Schlangen vor der Tür, da gehen wir mal rein. Dann wollten sie’s gerne haben und wir hatten auch nischt dagegen, ins Fernsehen zu kommen. Das war also nichts, was der Zeitgeist nahe legte, sondern einfach die Sucht etwas zu haben, was möglichst viele Leute sehen wollen.

Sie haben mal gesagt, Fernsehredakteure hätten „eine einmalige Begabung: Sie können Spreu von Weizen trennen. Und die Spreu senden sie dann“.

Das muss ich näher erklären. Derjenige, der uns ins Fernsehen bringen wollte, war Dr. Heinz Liesendahl, damals Unterhaltungschef bei der Bavaria. Man könnte ihn auch Professor Spürnase nennen. Die Bavaria ist 50prozentiger Gesellschafter beim Süddeutschen Rundfunk. Also hat er dem die Texte geschickt. Dort hat man zuerst gedacht, jetzt ist der total verrückt geworden. Die Texte waren eben zum Spielen geschrieben, nicht zum Lesen. Doch statt nun mich zum Psychater zu schicken, schickte Dr. Liesendahl seine Redakteure in die Vorstellung. Und als die dann sahen, wie die Leute lachen, sahen sie ein, sich offenbar geirrt zu haben. Es kam ins Fernsehen, aber normalerweise hätten sie es weggeschmissen.

Haben die Redakteure auch gelacht oder sich nur gefreut, dass es andere getan haben?

Gesehen habe ich’s nicht, ich stand ja auf der Bühne. Aber letzten Endes haben sie es wohl, dachten aber, das sei eigentlich unter ihrem Niveau. Fernsehredakteure sind Leute, die glauben zu wissen, was komisch ist, aber im Prinzip sind es meistens promovierte Kissenpuper.

Gibt es den Begriff Niveau überhaupt im Humor.

Eigentlich nicht. Jetzt kommt ein Bonmot von Kortner: Curt Bois hatte ihm mal alle möglichen Rollen und Facetten angeboten, und nur über eine hat Kortner gelacht. Da meinte Bois, also nehmen wir das jetzt so. Nein, sagte Kortner. Und Bois: aber warum, sie haben doch gelacht. Darauf Kortner: Ja, aber unter meinem Niveau. Also: Es gibt natürlich keine übergeordneten Niveauvorstellungen. Für mich gibt es die aber insofern schon, als sich Redakteure heute zu 30 und mehr Prozent dort bedienen, wo es unter die Gürtellinie geht. Das finde ich zu billig. Da glaube ich, dass man an Texte andere Qualitätsanforderungen als heute stellen kann.

Wo beginnt die Gürtellinie ihres Humors – wo es andere persönlich verletzt?

Nein, dort nicht. Ich habe ja zum Beispiel einen Schwulen gespielt, wo viele meinten, ich mache mich auf Kosten einer Minderheit lustig. Aber gerade Schwule meinten zu mir, na, wann machste das mal wieder. Das heißt, gerade diese Art, Minderheiten zu schützen ist oft gar nicht in deren Interesse. Selbst Behinderte sind zu mir gekommen: Hab doch keine Berührungsängste, über uns kann man auch Witze machen. Das mach ich trotzdem nicht so gerne. Jeder hat ja bestimmte innere Geschmacksgrenzen und die habe ich nie unterschritten. Oder ich habe später ein Bewusstsein dazu entwickelt. Ich hab mal einen stotternden Hühnerzüchter gespielt und hinter gemerkt, dass das nicht richtig war. Aber ich könnte jetzt einen Kollegen anführen, dessen Namen ich nicht nenne, der mal eine alte Frau gespielt, indem er sich ein Brötchen in den Mund gestopft hat und beim Reden flogen ständig Stücke durch die Gegend – da kommt mir schon beim Erzählen die Puste. Und einige Themen entziehen sich grundsätzlich komischer Darstellung, Kindesmisshandlung zum Beispiel, oder das, was zwischen Israelis und Palästinensern geschieht, solche Themen muss man auslassen.

Ernst Lubitsch hat einen lustigen Film über Nazis und Roberto Begnini sogar über den Holocaust gemacht. Ist es nicht auch eine Frage, wie man heikle Themen anpackt?

Das ist es, in der Tat. Aber ich könnte das nicht. Warum auch.

Halten Sie Witze über eine Kindesmisshandlung trotzdem für ausgeschlossen?

Ich hoffe es, vielleicht weil ich so ein großer Kinderfan bin.

Im Fernsehen besteht die Gefahr dennoch.

Ja. Die Privaten sind schließlich alle unter dem Motto Tabubruch angetreten. Siehe Big Brother oder Dschungelcamp. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Sie selbst sind ja ein Spätberufener und haben erst mit Mitte 30 den Schritt ins Fernsehen gemacht.

Das stimmt. Wie ich ja generell erst spät zu meinem Beruf gekommen bin, wo andere ihre Karriere schon hinter sich haben. Aber ich bin generell ein Spätentwickler.

Und wann kommt der Schritt heraus.

Na, noch habe ich ja meinen Fitnesstrainer – meinen kleinen Sohn. Dann gärtnere ich sehr gerne, Segeln, Surfen. Aber wenn dieses Segment Beruf ganz wegfallen würde, wäre das überhaupt nicht meine Sache. Er ist aus einem Hobby heraus entstanden. Und es würde mir wahnsinnig viel fehlen, wenn ich den jetzt aufgeben müsste. Aus welchen Gründen auch immer.

Perspektivisch kippen Sie irgendwann von der Bühne.

Na ja, möglichst ohne Zuschauer. Das muss ja nicht jeder mitkriegen. Aber solange mich meine Beine tragen und der Grips da oben mitmacht, würde ich gern das ein oder andere zur allgemeinen Überraschung beitragen.


FDP-Beine & RTL-Männer

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Januar

Es ist schwer, leichte Worte über Medien zu finden in einer Gegenwart, die von ihnen auch in Ländern mit wahrhaftiger Pressefreiheit nicht mehr gefahrlos geschildert werden kann – und sei es mit dem arglosen Mittel des Humors. Noch schwerer ist es, in diesem Klima vom oft so banalen Fernsehen zu erzählen, das zwar seit Mittwoch ausgiebig zeigen mag, wie die Charlie Hebdo ohne (Gottes-)Urteil von einer Bande selbstherrlicher Richter und Henker entvölkert wurde, ansonsten aber in Echtzeit zur Tagesordnung übergeht. Ein wenig leichter macht es einem da allenfalls Pegida.

Die Patriotischen Europäer gegen alle Intelligenz des Abendlandes werden wohl noch ein paar Tage Pietät heucheln, bevor sie den rassistischen Ton verschärfen. Zwischendurch aber wurde das xenophobe Pack ausgerechnet von denen, die in Dresden (und Allah sei Dank wirklich nur da) pauschal als „Lügenpresse“ beschimpft wird, an der ignoranten Nase rumgeführt: Der Postillon lancierte vorige Woche kurz vorm Marschbefehl, die Montagsdemo falle wegen Führungsstreitigkeiten aus. Das war, wie vernunftbegabte Leser wissen, ein Fake. Dummerweise haben Pegidisten (Pegidistinnen gibt’s kaum) mehrheitlich Vernunft durch Hass ersetzt, weshalb die kleine Satire große Wirkung im strammrechten Lager erzielte, was wirklich unterhaltsam war. Viele Beine auf der Straße heißt eben nicht, viele Hirnzellen in Betrieb.

Zwei Beine auf einem Sessel lösen dagegen auch dann ein Stürmchen im Wasserglas aus, wenn es wie bei der FDP nicht halb voll ist, sondern fast leer. Beim liberalen Dreikönigstreffen, trotz Bedeutungsarmut noch immer ein Topthema der Tagesschau, zoomte der Kameramann von den Füßen der Hamburger, äh, Spitzenkandidatin Katja Suding Richtung Minirock zum Kopf, was den Shitstorm nach sich zog, die Nachrichtensendung bebildere Seriöses sexistisch. Das tat sie tatsächlich – gab es doch nicht die geringste Metaebene der saftigen Pennälerperspektive.

Oder?

Na, unterstellen wir der ARD doch einfach mal, die jämmerlich leicht bekleideten Politikerinnenbeine nur gezeigt zu haben, weil eben jene Katja Suding ihren komplett inhaltsentleerten Bürgerschaftswahlkampf ausnahmslos mit optischen Attributen geführt hatte und liberale Programmatik in ihrer Stadt somit als inexistent demaskiert. Vermutlich war dem Kameramann aber wohl doch bloß das Testosteron übergeschwappt und die Tiefgangsthese somit ebenso zu wohlwollend wie die Annahme, das Erste übertrage ab 4. Juli nach langer Dopingpause die Tour de France, weil der Radsport nun sauberer sei. Oder die Hypothese, die Kündigung der Erfurter Tatort-Ermitller Friedrich Mücke und Alina Levshin nach nur zwei Folgen hätte andere Gründe als grottenschlechte Drehbücher.

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Januar

Jedenfalls landen die zwei unterforderten Schauspieler nicht, wo sich die abrufbereite Leipziger Kollegin Thomalla bald finden könnte: Im Dschungelcamp. Das wird Freitag von elf internationalen Topstars wie Roberto Blancos Tochter, Heidi Klums Rolfe und Glückrads Maren Gilzer bezogen, während der Bachelor zwei Tage zuvor schon mal die Bewohner 2016 castet. Ansonsten prägt RTL die neue Woche nicht nur durch verklappten Dünnpfiff.

Donnerstag (21.15 Uhr) startet die Serie Männer! deren Titel drüber hinwegtäuscht, dass die Adaption der holländischen Idee einer WG dreier verlassener Kerle Potenzial hat, das Senderniveau zu übertreffen – auch wegen Hans-Jochen Wagner in der Hauptrolle. Dienstag startet die 4. Staffel von Game of Thrones, was nun wirklich nicht weiter kommentiert werden muss. Und parallel dazu darf man beim Partnerkanal Vox gespannt sein, ob Beyoncés Choreograf Dennis Jauch aus Brandschützern oder Köchen unterhaltsam Tänzer macht.

Weil letzteres aber doch eher fraglich ist, wenden wir uns den wichtigeren Dingen des TV-Lebens zu: Der Story im Ersten, die Montag (22.45) ein Exklusiv-Interview des NDR-Reporters John Goetz und seines dänischen Kollegen Poul-Erik Heilbuth Edward Snowden zeigt, was die ARD im Anschluss mit der sehenswerten Dokumentation Schlachtfeld Internet abrundet. Tags drauf läuft der sechsstündige Arte-Schwerpunkt zum 70. Jahrestag der Auschwitzbefreiung, aus dem allenfalls Night Will Fall um 21.45 Uhr ein bisschen herausragt: Alfred Hitchcocks teils ungezeigte Reportage über ein erlöstes KZ. Und einen Tag, nachdem Charlie Hebdo trotz des Anschlags am Mittwoch mit einer Million statt 60.000 Exemplaren erscheint, zeigt Arte die Serie Paris, ein bildgewaltiges Panoptikum um sechs scheinbar völlig verschiedene Charaktere der verwundeten, aber unverwüstlichen Stadt.

Ein fast verwüstetes Land zeigt der farbige Tipp der Woche am Mittwoch um 22.15 Uhr auf Eins Plus: This is England, Shane Meadows furioser Spielfilm über das Abrutschen der Skinhead-Szene ins rechte Lager vor 30 Jahren. Der Schwarzweißtipp dann Sonntag auf Arte: Lohn der Angst mit Yves Montand und Charles Varel, die 1953 eine Ladung Nitroglyzerin durch den venezuelanischen Dschungel karren, was – bis heute eine absolute Seltenheit – kein Happyend hat.


Reisereportage: Kulturhauptstadt Mons

001_Alhambra © Kmeron_HD sur demandeBelgische Plattentektonik

Große Städte bewerben sich kaum noch als Kulturhauptstadt Europas. Umso emsiger putzen sich kleinere fürs ganzjährige PR-Event heraus – und gewinnen wie das belgische Mons zuweilen sogar an Reiz. Dafür stehen die kommenden zwölf Monate voll außergewöhnlicher Kunst, Musik, Literatur und Theatralik, mehr aber noch die Entdeckung des bestehenden Angebots. Wie im famosen Musikclub Alhambra.

Von Jan Freitag

Pommes und Pralinen, Bürokratie und Bier, ein Weltkrieg, zwei Sprachen und dann dieser Perverse namens Dutroux – wer an Belgien denkt, landet flugs bei einem deftigen Stereotypen-Menü, dem nicht so leicht zu entkommen ist. Wenn man ihm denn entkommen will. Catherine Stilmant will nicht. „Ach, die meisten Klischees mag ich ganz gern“, sagt Walloniens Kulturbeauftragte in Brüssel und heftet ein herzliches Lachen an ihre Solidarität für alkoholschwangere Hausmannskost zu jeder erdenklichen Tageszeit oder die nationale Streitkultur. „Das gehört doch zu Belgien wie…“ – Catherine Stilmant zögert. Wie… Ja, wie was? „Wie das hier!“ Sie weitet die langen Arme, als gälte es ihre Heimatstadt zu umarmen.

Wie Mons also. Eine kleine Stadt südwestlich von Brüssel, die das architektonische Chaos unseres Nachbarlandes zur Kunstform erhebt. In der verspielter Jugendstil an nüchternen Kubismus und trutzige Neogotik grenzt, als lägen dazwischen nicht Jahrhunderte Baugeschichte. Wo Baustellen weniger für Übergang stehen als Zustand. Dauerzustand. Mons hat keine Baustellen, Mons ist eine Baustelle, und wenn Baustellen keine mehr sind, steht nebenan bald das nächste Gerüst. Die Caesarenfestung der Hochantike mag eine der ältesten Siedlungen weit und breit sein, Klosterstadt im Frühmittelalter, Bergbaubezirk im Spätkapitalismus, fast 2000 Jahre gewachsen, geschrumpft, konsolidiert, also im Grunde fertig – kaum beginnt sich der Rest des Kontinents mal für Walloniens Perle mit dem pittoresken Ortskern zu interessieren, grassiert der Veränderungswahn.

Wie in jeder Kulturhauptstadt Europas.

Was die Europäische Union vor 30 Jahren erfand, um am Beispiel einzelner Orte ihre Vielfalt zu feiern, ist allerdings zur entfesselten Umwälzung fester Struktur mutiert. Konnten sich Metropolen von Athen über Dublin bis Stockholm anfangs noch mit ihrem Bestand präsentieren und daran touristisch gedeihen, meiden die überlaufenen Ballungsräume längst den PR-Wirbel um einen Status, der oft mehr kostet als nutzt. Kein Wunder, dass sich nun eher regionale Hunderttausenderorte um den Status bewerben. Großdörfer wie Mons oder das tschechische Pilsen.

Was ein Jahr Kulturkapitale bewirkt, ist seit der Verkündung vom ortsüblichen Glockenturm aus zu sehen, der anstelle des römischen Kastells einen furiosen Blick über die Kräne im Schornsteingewimmel der Altstadt gewährt. Oder die Rue de Nimy runter zum Univiertel, wo sich der frische Kulturhauptstadtregierungswürfel so fremd wie freundschaftlich an die Stadtvillen früherer Epochen schmiegt. Und natürlich am Grande Place, der zwischen altem Rathaus und entstehender Touristeninfo scheinbar tiefer gepflügt wird als es Napoleon zwei Tagesmärsche nördlich bei Waterloo tat.

Aufbau, Abriss, Umbau – seit die Holzstadt 1691 auf ein Verdikt Ludwigs XIV. hin für den Brandschutz planiert und versteinert wurde, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. Bis der 1. Weltkrieg hier mit dem letzten Schuss ausklang, ging viel vom blauen Dolerit verloren, aus dem halb Mons neogotisch wiedererrichtet wurde. Und dann starb vor 60 Jahren auch noch die Zeche Grand Hornu. Vernachlässigung, Leerstand, Zweckbau – mit dem Abschied der Industrie gewann Mons zwar ein Weltkulturerbe, verlor aber Arbeit. Und Aura. Catherine Stilmant zuckt mit den Achseln und wiederholt, was irgendwie charmanter klingt als Aufbau, Abriss, Umbau: „Cité sous construction“.

Wie am Bahnhof. Dort ist kurz vor Silvester noch viel mehr in Bewegung als anderswo, aber noch viel weniger vollendet. Für längst pulverisierte 150 Millionen Euro Kalkulation sollte der geschwungene Wachbetonorganismus Hundertausende Besucher empfangen. Mittlerweile hofft Spaniens Toparchitekt Santiago Calavatra auf eine Eröffnung im Herbst, wenn Mons bereits wieder auf Provinzniveau schrumpft. Wäre da nicht ein Weltstar. Nördlich der Schienen hat Daniel Libeskind sein raumschiffartiges Congress-Zentrum im Brachland gelandet, als wolle er einer Weltstadt Würde verleihen. Dabei ist es nur die Randlage eines Städtchens in der Senke des Flusses Henne, das sich den Drachen Dou Dou als Maskottchen hält und einen Eisenaffen an der Rathauswand. Dabei ist es nur Mons. Nur Mons? „Unterschätzen Sie uns bloß nicht!“, rät, nein: fleht Pascal Goosens und hat auch etwas dafür zu bieten.

Gut die Hälfte seiner 52 Jahre zählt er zur belgischen Avantgarde. Vor einem Jahr nun ist der ergraute DJ in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um ihr, sagt Goosens, „etwas zurückzugeben“: Das „Alhambra“. Bis zu 500 Gäste strömen seither ins alte Kino am Markt, wenn die erste Liga der elektronischen Clubkultur anreist. Das helfe mehr noch als das „Little Silicon Valley“ am Ortsrand mit seinen gut 100 Startups nebst der nationalen Google-Zentrale, „junge Leute hier zu halten“.

Zur Seite steht ihm der schwule Bohemien Elio di Rupo, der gerade als Ministerpräsident zurückgetreten ist, um sich wieder aufs Bürgermeisteramt seiner Heimatstadt zu konzentrieren. Zur Seite steht ihm aber mehr noch eine Kulturszene, die es in Deutschland abseits der Metropolen nur selten gibt. Das Kunstmuseum BAM ist baulich wie inhaltlich ebenso kühn wie die Kunsthochschule am Marché Aux Herbes vorbei, der sich allabendlich mit Studenten füllt. Am Fuß des Belfrieds steht eine futuristische Jugendherberge, deren Gäste nur einige Minuten bis zur 800 Quadratmeter mächtigen Theaterbühne des Le Manège brauchen, sorgsam eingehegt in den historischen Stall. Es gibt Bars und Kneipen, deren Lässigkeit – wenn schon nicht an Berlin, so doch ans fünfmal größere Bremen erinnert. Das Arcobaleno beherbergt die Poetryslam-WM. Vor der Open Stage des Bateau Ivre drängeln sich Dienstagnacht Rastas, Hipster, Partypeople, um direkt am Grande Place zu feiern.

„Und wenn sie besoffen sind“, meint Pascal Goosens, „können Sie einfach die Straße runter direkt ins Alahmbra rollen“. Oder ins L’Excelsior, ältestes Café am Platz, durch deren Tischreihen halstätowierte Beardo-Kellner in gestärkten Schürzen wuseln wie überall, wo es urban wird. Eine Stadt in Bewegung eben, dessen schwuler Bürgermeister Elio di Rupio für ein Jahr unter internationaler Beobachtung, danach wieder mehr für sich. Und trotzdem irgendwie weltläufig.

www.mons2015.eu

Den Text und weitere Infos auch unter http://www.zeit.de/reisen/2015-01/mons-belgien-kulturhauptstadt-europas


Olli Schulz, Madonna, Panda Bear, Munitors

Olli Schulz

Der Alltag als solcher ist prosaisch. Bis zur Rente ist sein Verlauf oft so getaktet, dass Leerlauf als Verlust zu Buche schlägt. Emotional vom Alltag zu erzählen, fällt daher schwer. Alltag hat keine Poesie, er hat Pläne. Es sei denn, Olli Schulz singt davon. Sein Liedermacherpop kündet von nichts anderem als den Sollbruchstellen zwischen Anspruch und Realität, besser: Feelings aus der Asche. So heißt sein neues Soloalbum. Es ist schon jetzt das Beste, was 2015 auf Deutsch gesungen werden wird. Zehn Stücke verdichtet Schulz das Leben so unprätentiös und doch empathisch, dass selbst Textzeilen aus dem Jammertal seiner Alterskohorte optimistisch wirken. “Meine Helden sind alt / meine Träume dahin / Ich weiß nicht wie es aufhört / aber so muss es beginnen.” Der Gesang mag klingen wie Distelmeyer oder Regener, gar Pur und die Prinzen – es klingt stets, wie der Alltag klingen müsste, wäre er ein Gedicht.

Madonna

Madonna hingegen klingt, wie Madonna eben klingt – auch wenn sie sechs Stücke ihres neuen Albums, hüstel, vorab leakt. Was eigentlich das illegale Publizieren geheimer Informationen meint, zeugt bei der Queen Mum of Pop von ebenso purer Berechnung wie der Albumtitel: Madonnas Rebel Heart erschöpft sich ja darin, den Zeitgeist erst zu prägen, dann auszubeuten. So war es zumindest einst. Nun aber prägt Madonna nichts Neues, sie professionalisiert das Alte. Aber wie! Der überfrachtete Elektropop Living For Free zum Beispiel ist so fett produziert, dass die inhaltliche Ebbe unter der Flut an Effekten förmlich verschwimmt. Kirmestechno, Steeldrums, Westerngitarre, Offbeats, Achtziger, Abba-Anklänge und Rihanna-Referenzen – auch in den anderen fünf Tracks muss alles immer in alles hinein, damit keiner auf die Idee kommt, tiefer zu forschen. Etwa, warum am Ende von Bitch, I’m Madonna ein Hund bellt. Klingt super, ändert nichts.

Panda Bear

Klingt nach Tieren, ändert alles: Das gilt indes für Noah Benjamin Lennox. Der Klangbastler aus Baltimore nennt sich ja nicht nur Panda Bear, er durchzieht auch sein neues Album so kreativ mit Geräuschen aus Flora und Fauna, dass man fast vergisst, welche Musik er eigentlich macht. Findige Kritiker haben für die Kunst, griffige Strukturen aus wirren Ergüssen seines Korg zu formen, den Begriff New Weird America erdacht. Und in der Tat: Panda Bear Meets The Grim Reaper erinnert an eine Therapiegruppe in der Klapsmühle, wenn die Samples und Flächen wild durcheinanderwirbeln. Doch wie aus verzerrtem Hundejaulen von Mr. Noah eine Art Stonerpop erwächst, wie Lennox’ Hippiestimme übers japanische Jodeln vonBoys Latin weht, wie digitale Möwen unterm Antibeat von Come To Your Senseshindurch fliegen – braucht Musik keine Struktur. Dann sorgt der pure Aberwitz für Harmonie.

The Munitors

Mit der Harmonie kann man es aber auch zu gut meinen. Während erst der Mut zum Misston wahren Anspruch schafft, kann Wohlklang alle Distinktion ersäufen. Hier in etwa verläuft die Grenze zwischen alternativem Fusionpop und süffigem Indierock oder auch: Jamie T und U2, die in musikalischer Hinsicht beide in The Munitors stecken. Jetzt legt das Quartett aus der Wetterau seine zweite EP vor, statt aus zwei halben eine ganze Platte zu machen, was von einer Inkonsequenz zeugt, die auch ihren Sound prägt. Noch. Denn obwohl die fünf neuen Tracks teils zu gefällig wirken, haut sich die Band seit dem Umzug nach Frankfurt mehr Kanten ins Repertoire. Der Opener Harm etwa enthält sehr spannende Riffs zu angerauten Vocals, was trotz des eher schlichten Englischs rasch ins Ohr dringt und dort eine Weile bleibt. Jetzt müssen die jungen Indierocker nur noch den Mut zu weniger Gitarrensoli und einer LP aufbringen, dann wird was draus. Keine Angst.

Mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/madonna-olli-schulz-panda-bear-tontraeger