Dieter Hallervorden: Didi & Demenz

DidiVielseitigkeit ist hier nicht gefragt

Er ist nicht immer witzig, aber unverwüstlich: Dieter Hallervorden (Foto: Moritz Kosinsky). Nach einem halben Jahrhundert im Humorbetrieb der Republik glänzt er kurz vor seinem 80. Geburtstag gerade als Demenzkranker in Til Schweigers Tragikomödie Honig im Kopf und ist auch sonst weit davon entfernt, in den Ruhestand zu gehen. Anlass genug, ein Interview zu zeigen, dass der Nonsens-König zu seinem 75. gegeben hatte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallervorden, haben Sie je bereut, Nonstop Nonsens gemacht zu haben?

Dieter Hallervorden: Überhaupt nicht, ich hab’s ja freiwillig und gern gemacht. Allerdings hatte ich nie vor, das bis an mein Lebensende zu machen. Und da liegt die Schnittstelle – es ist sowohl für mich als auch fürs Publikum abwechslungsreicher, wenn man über eine gewisse Vielseitigkeit verfügt und auch mal wieder was anderes macht. Da war es für mich sehr schwer, wieder aus dieser Schublade rauszukriechen, weil alle den Didi haben wollten, die Flasche Pommes, Palim Palim und den gespielten Witz. Deshalb sagte ich mir irgendwann, jetzt musst du eine Entscheidung treffen. Entweder, du beugst dich und bist eben auf diese Rolle festgelegt. Oder du nimmst eine Auszeit und zwingst diejenigen, die dich weiter sehen wollen, mit aus dieser Schachtel zu steigen. Das hab ich getan und zu Spottschau und Spott-Light gefunden, zurück zum politischen Kabarett, zu Dingen also, die ja trotzdem unterhaltsam, komisch sind, aber eben andere Inhalte transportieren.

Ein schwieriger Prozess – so leicht lässt das Publikum niemanden aus der Schublade.

Das stimmt wohl.

Sind Sie den Didi losgeworden?

So wie die Leute nach Vorstellungen oder Drehtagen mit mir gesprochen haben, scheint sie doch bemerkt zu haben, dass hinter politischem Kabarett doch ein wenig mehr Grips steckt und es mehr vom Schauspieler fordert. Insofern ist mir der Absprung schon gelungen, zumal ich ja unter meinem Namen Dieter Hallervorden moderiert hab. Auf der anderen Seite glaube ich, dass das Publikum durchaus bereit wäre, eine Gratwanderung mitzugehen und einen Imagewechsel zu akzeptieren. Wer dem vor allem im Weg steht, sind die Fernsehredakteure. Als ich damals den Springteufel machen sollte, hieß es: Nein, das können wir dem Publikum unmöglich zumuten. Vor vier Jahren ist er wiederholt worden und die Einschaltquote war immens, ich habe Waschkörbeweise Fanpost gekommen – ich wusste ja gar nicht, dass Sie so was können. Das Publikum würde also durchaus mitgehen. Und in anderen Ländern ist das ja passiert. Jack Lemmon hat zum Beispiel in Missing einen Vater gespielt, der verzweifelt seinen in Chile verschollenen Sohn sucht. Obwohl Lemmon nur als Komiker bekannt war. Dort leistet man sich eben den Luxus, auch mal gegen den Strich zu besetzen.

Hier dagegen trifft man schneller eine endgültige Richtungsentscheidung.

Genau. Leonard Bernstein kann Westside Story machen und bleibt trotzdem der große Meister; stellen Sie sich mal vor, Karajan hätte hier versucht, ein Musical zu kreieren. Vielseitigkeit ist in Deutschland nicht gefragt.

Dabei haben Sie ernsthaft begonnen – im Fernsehen mit Millionenspiel, auf der Bühne mit Die Wühlmäuse. Wie kam es zum Schritt in den Klamauk?

Nach einigen Jahren politischen Kabaretts war es als eine Erholungspause gedacht. Wir wollten Freitag-, Samstagnacht unter dem Titel „Da kichert die Klamotte“ einfach mal ein Nonsens-Programm machen, wo man ohne Rücksicht auf Tabellen, politische Wahrheiten und Standpunkte einfach als Komödiant auf der Bühne stand. Es hatte nur wider Erwarten einen so immensen Erfolg, dass wir es ins Abendprogramm genommen haben, dann kam das Fernsehen hinzu und so rutscht man da hinein. Aber damals war ich ja froh über die Erholung; man musste kein schlechtes Gewissen haben, wenn man am Tag nicht fünf Zeitungen gelesen hatte, man musste nicht ständig sein Programm aktualisieren, konnte über Monate einfach so vom Blatt spielen. Dass ich über die große Fernsehresonanz in einer Schublade landen würde, habe ich nicht geahnt. Und als ich drinsteckte hab ich mich gefragt: Oh je, wie kommst du da nur wieder raus.

So wie Sie es schildern, ist Klamauk also leichter zu machen als Kabarett.

Natürlich.

Da werden Ihnen Comedians heftig widersprechen und beteuern, wie hart ihre Arbeit ist.

Na ja gut, harte Arbeit… Also erst mal ist der Beruf sowieso der schönste der Welt. Hart ist daran allenfalls, sich vorher einfallen zu lassen, was man alles machen will und kann. Aber natürlich ist politisches Kabarett sehr viel schwerer. Es verlangt viel mehr Grips, ständiges Aufnehmen von Nachrichten, immer am Puls der Zeit zu sein, ständige Aktualisierungen. Das sind einfach zwei paar Schuhe und Nonsens sind die leichteren.

Ist das der Grund, dass es Kabarett nach seiner Hochzeit in den 90er Jahren zurzeit so schwer hat, sich gegen Comedy zu behaupten?

Ja, aber das hat damit zu tun, dass die Privaten so massiv Comedy losgetreten haben. Die nehmen das, was ihnen Einschaltquoten sichert. Subtilere Dinge, Satire garantieren die eben nicht. Und da die von der Werbung leben, wird das nicht gefördert. Wer also in den Beruf reinwill, orientiert sich automatisch an dem, was er sieht, was offenbar Zukunft hat, wo er in absehbarer Zeit Geld mit machen kann. Ich merke das bei unserem Kleinkunstfestival, das seit fünf Jahren live vom RBB übertragen wird. Dort stellen wir unbekannte Leute vor und es ist ganz schwer, unter den vielen Künstlern pro Jahr auch nur einen zu finden, der es im politischen Bereich macht. Alle anderen orientieren sich am Standup und sondern einfach Witze ab.

In Ermangelung potenzieller Arbeitgeber – es gibt ja kaum Kabarettsendungen.

Das ist ja das Traurige. Aber dass die Leute politisches Kabarett trotzdem lieben, sieht man an Riechling, Schramm, Jonas. Die sind alle immer ausverkauft.

Die alte Garde.

Eben. In dem Moment, wo die Möglichkeit wegfällt, es auch im Fernsehen zu präsentieren, wird es mit dem Nachwuchs immer schwerer.

Was halten Sie von Comedy, wie sie heute das Abendprogramm prägt?

Wenn ein Komiker über den anderen schlecht redet, könnte man das als Berufsneid verstehen. Aber ich kann sagen, wen ich besonders gut finde – das ist die Anke Engelke. Toll ist auch der Erfindungsreichtum von Cordula Stratmann in der Schillerstraße. Es gibt viele begabte Leute, aber manchmal stehe ich auch nur kopfschüttelnd davor und sage, wenn man jeden, der zehn komische Witze kennt und acht komische Grimassen macht, vor die Kamera lässt, ist das für mich keine Comedy. Die sind dann ein Unikum, meistens Eintagsfliegen und haben keine Ahnung von dem Beruf. Wenn die gezwungen sind, abseits von dem, was sie alleine absondern, mit jemandem zusammen zu spielen – die können nicht zuhören, wissen nicht, dass es was mit Atmen zu tun hat, was eine Pause bedeuten kann. Es ist erstaunlich. Was die ganzen Stand-upper – wobei ich die vielen englischen Ausdrücke furchtbar finde – als Solisten beherrschen, das mag ja noch gehen. Aber Bühne ist für mich Rede und Gegenrede. Zusammenspielen. Die haben keine Ahnung von Spannungsfeldern. Wenn man zum Beispiel im Fernsehen wahnsinnig aufgeregt, total entnervt sein soll, trommelt man zur Unterstützung mit den Fingern auf dem Tisch. Im Theater würde das nie reichen, da muss man empfinden, da muss sich was abspielen. Das können viele überhaupt nicht.

Könnten Sie denn Comedy machen?

Ich könnte das auch, klar. Es ist die einfachste Art und ich mache es ja auch. Trotzdem bringt es mir mit Kollegen mehr Spaß.

Ist die Krise eher eine Zeit der Comedy, des Ulks oder der Satire, des Kabaretts?

Die Krise ist doch ein gefundenes Fressen fürs Kabarett. Man kommt doch gar nicht so schnell hinterher, wie einem die Beamten Pointen liefern. Zum Teil ja schwer zu übertreffen.

Komisch, dass es dennoch nicht so recht in die Gänge kommt.

Weil das Fernsehen es nicht unterstützt, das reicht.

Welche gesellschaftliche Kraft hat Humor – kann er was bewegen oder nur kommentieren?

Oh, es ist weit gefehlt, wenn man denkt, großartig etwas damit bewegen zu können. Von der Bühne aus kann man allenfalls Denkanstöße geben, Dinge allenfalls in den Zusammenhang bringen. Aber Revolutionen sind noch nie von der Bühne ausgegangen, da darf man sie nicht überbewerten. Außerdem muss man sich im Klaren sein, wie einfach es ist, aus der satirischen Ecke zu kritisieren; besser machen ist eine ganz andere Sache. Es macht dem Kritiker natürlich sehr viel mehr Spaß, aus einer Anti-Position heraus etwas niederzumachen. Darin lassen sich besser Pointen verpacken als würde er eine Eloge schreiben.

Stänkern macht mehr Spaß als loben.

Ja, natürlich. Wenn man Kabarettisten zu politischen Talkshows einlädt, bleiben die meist in ihrer kritischen Ecke. Wehe aber, man hinterfragt… (Lacht) Nischt!

Gibt es für Sie Momente, in denen Sie zum Kabarett und solche, in denen Sie zum Klamauk neigen?

Nein. Bei mir ist es von der verfügbaren Zeit abhängig. Wann ich auf der Bühne stehe, weiß ich in der Regel ein Jahr vorher und dann entscheide ich mich, was ich da mache. Politisches Kabarett kann ich aber immer. Egal wer an der Regierung ist – Politik wird von Menschen gemacht, Menschen machen Fehler, da wird es immer was zu kritisieren geben.

Es scheint, Ihr Herz gehört der Politik.

Ich bin ein sehr politischer Mensch, habe Die Wühlmäuse als ganz junger Mensch gegründet und bin im Übrigen sehr stolz darauf, es 45 Jahre ohne Subventionen gehalten zu haben. Da kann der Spielplan ja so schlecht nicht gewesen sein. Ich bin im hohen Alter von 63 noch mal umgezogen, haben jetzt ein Haus am Theodor-Heuß-Platz, was innen unter Denkmalsschutz steht auf meine Kosten renoviert, modernste Technik, 250 Scheinwerfer, ich habe also sichergestellt, dass die Wühlmäuse unabhängig von meiner Person als kulturelle Institution erhalten bleiben. Das war mir unheimlich wichtig, wie mein viertes Kind.

Letztlich sind Sie also der Subventionsgeber.

Das ist mir die Sache wert. Die große Frage war ja: geht das Publikum mit oder bricht alles auseinander? Die Rechnung ist aufgegangen. Gut, ich werde nun weitere fünf Jahre brauchen, die Schulden abzubezahlen. Da ist viel Herzblut drin. Wolfgang Spier und all die anderen aus meiner Zeit waren zur Eröffnung da und gratulierten mir zu meinem Mut. Ich bin selten mit soviel Lob überhäuft worden.

Was muss für ein gesellschaftliches Klima herrschen, um Formate wie Nonstop Nonsens oder Klimbim zu so großen Erfolgen zu machen?

Das weiß ich nicht. So wie heute auch umschwirren Fernsehredakteure den Erfolg wie Motten das Licht. Das heißt, die sahen, da läuft was über Monate bombig, immer ausverkauft, lange Schlangen vor der Tür, da gehen wir mal rein. Dann wollten sie’s gerne haben und wir hatten auch nischt dagegen, ins Fernsehen zu kommen. Das war also nichts, was der Zeitgeist nahe legte, sondern einfach die Sucht etwas zu haben, was möglichst viele Leute sehen wollen.

Sie haben mal gesagt, Fernsehredakteure hätten „eine einmalige Begabung: Sie können Spreu von Weizen trennen. Und die Spreu senden sie dann“.

Das muss ich näher erklären. Derjenige, der uns ins Fernsehen bringen wollte, war Dr. Heinz Liesendahl, damals Unterhaltungschef bei der Bavaria. Man könnte ihn auch Professor Spürnase nennen. Die Bavaria ist 50prozentiger Gesellschafter beim Süddeutschen Rundfunk. Also hat er dem die Texte geschickt. Dort hat man zuerst gedacht, jetzt ist der total verrückt geworden. Die Texte waren eben zum Spielen geschrieben, nicht zum Lesen. Doch statt nun mich zum Psychater zu schicken, schickte Dr. Liesendahl seine Redakteure in die Vorstellung. Und als die dann sahen, wie die Leute lachen, sahen sie ein, sich offenbar geirrt zu haben. Es kam ins Fernsehen, aber normalerweise hätten sie es weggeschmissen.

Haben die Redakteure auch gelacht oder sich nur gefreut, dass es andere getan haben?

Gesehen habe ich’s nicht, ich stand ja auf der Bühne. Aber letzten Endes haben sie es wohl, dachten aber, das sei eigentlich unter ihrem Niveau. Fernsehredakteure sind Leute, die glauben zu wissen, was komisch ist, aber im Prinzip sind es meistens promovierte Kissenpuper.

Gibt es den Begriff Niveau überhaupt im Humor.

Eigentlich nicht. Jetzt kommt ein Bonmot von Kortner: Curt Bois hatte ihm mal alle möglichen Rollen und Facetten angeboten, und nur über eine hat Kortner gelacht. Da meinte Bois, also nehmen wir das jetzt so. Nein, sagte Kortner. Und Bois: aber warum, sie haben doch gelacht. Darauf Kortner: Ja, aber unter meinem Niveau. Also: Es gibt natürlich keine übergeordneten Niveauvorstellungen. Für mich gibt es die aber insofern schon, als sich Redakteure heute zu 30 und mehr Prozent dort bedienen, wo es unter die Gürtellinie geht. Das finde ich zu billig. Da glaube ich, dass man an Texte andere Qualitätsanforderungen als heute stellen kann.

Wo beginnt die Gürtellinie ihres Humors – wo es andere persönlich verletzt?

Nein, dort nicht. Ich habe ja zum Beispiel einen Schwulen gespielt, wo viele meinten, ich mache mich auf Kosten einer Minderheit lustig. Aber gerade Schwule meinten zu mir, na, wann machste das mal wieder. Das heißt, gerade diese Art, Minderheiten zu schützen ist oft gar nicht in deren Interesse. Selbst Behinderte sind zu mir gekommen: Hab doch keine Berührungsängste, über uns kann man auch Witze machen. Das mach ich trotzdem nicht so gerne. Jeder hat ja bestimmte innere Geschmacksgrenzen und die habe ich nie unterschritten. Oder ich habe später ein Bewusstsein dazu entwickelt. Ich hab mal einen stotternden Hühnerzüchter gespielt und hinter gemerkt, dass das nicht richtig war. Aber ich könnte jetzt einen Kollegen anführen, dessen Namen ich nicht nenne, der mal eine alte Frau gespielt, indem er sich ein Brötchen in den Mund gestopft hat und beim Reden flogen ständig Stücke durch die Gegend – da kommt mir schon beim Erzählen die Puste. Und einige Themen entziehen sich grundsätzlich komischer Darstellung, Kindesmisshandlung zum Beispiel, oder das, was zwischen Israelis und Palästinensern geschieht, solche Themen muss man auslassen.

Ernst Lubitsch hat einen lustigen Film über Nazis und Roberto Begnini sogar über den Holocaust gemacht. Ist es nicht auch eine Frage, wie man heikle Themen anpackt?

Das ist es, in der Tat. Aber ich könnte das nicht. Warum auch.

Halten Sie Witze über eine Kindesmisshandlung trotzdem für ausgeschlossen?

Ich hoffe es, vielleicht weil ich so ein großer Kinderfan bin.

Im Fernsehen besteht die Gefahr dennoch.

Ja. Die Privaten sind schließlich alle unter dem Motto Tabubruch angetreten. Siehe Big Brother oder Dschungelcamp. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Sie selbst sind ja ein Spätberufener und haben erst mit Mitte 30 den Schritt ins Fernsehen gemacht.

Das stimmt. Wie ich ja generell erst spät zu meinem Beruf gekommen bin, wo andere ihre Karriere schon hinter sich haben. Aber ich bin generell ein Spätentwickler.

Und wann kommt der Schritt heraus.

Na, noch habe ich ja meinen Fitnesstrainer – meinen kleinen Sohn. Dann gärtnere ich sehr gerne, Segeln, Surfen. Aber wenn dieses Segment Beruf ganz wegfallen würde, wäre das überhaupt nicht meine Sache. Er ist aus einem Hobby heraus entstanden. Und es würde mir wahnsinnig viel fehlen, wenn ich den jetzt aufgeben müsste. Aus welchen Gründen auch immer.

Perspektivisch kippen Sie irgendwann von der Bühne.

Na ja, möglichst ohne Zuschauer. Das muss ja nicht jeder mitkriegen. Aber solange mich meine Beine tragen und der Grips da oben mitmacht, würde ich gern das ein oder andere zur allgemeinen Überraschung beitragen.


FDP-Beine & RTL-Männer

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

5. – 11. Januar

Es ist schwer, leichte Worte über Medien zu finden in einer Gegenwart, die von ihnen auch in Ländern mit wahrhaftiger Pressefreiheit nicht mehr gefahrlos geschildert werden kann – und sei es mit dem arglosen Mittel des Humors. Noch schwerer ist es, in diesem Klima vom oft so banalen Fernsehen zu erzählen, das zwar seit Mittwoch ausgiebig zeigen mag, wie die Charlie Hebdo ohne (Gottes-)Urteil von einer Bande selbstherrlicher Richter und Henker entvölkert wurde, ansonsten aber in Echtzeit zur Tagesordnung übergeht. Ein wenig leichter macht es einem da allenfalls Pegida.

Die Patriotischen Europäer gegen alle Intelligenz des Abendlandes werden wohl noch ein paar Tage Pietät heucheln, bevor sie den rassistischen Ton verschärfen. Zwischendurch aber wurde das xenophobe Pack ausgerechnet von denen, die in Dresden (und Allah sei Dank wirklich nur da) pauschal als „Lügenpresse“ beschimpft wird, an der ignoranten Nase rumgeführt: Der Postillon lancierte vorige Woche kurz vorm Marschbefehl, die Montagsdemo falle wegen Führungsstreitigkeiten aus. Das war, wie vernunftbegabte Leser wissen, ein Fake. Dummerweise haben Pegidisten (Pegidistinnen gibt’s kaum) mehrheitlich Vernunft durch Hass ersetzt, weshalb die kleine Satire große Wirkung im strammrechten Lager erzielte, was wirklich unterhaltsam war. Viele Beine auf der Straße heißt eben nicht, viele Hirnzellen in Betrieb.

Zwei Beine auf einem Sessel lösen dagegen auch dann ein Stürmchen im Wasserglas aus, wenn es wie bei der FDP nicht halb voll ist, sondern fast leer. Beim liberalen Dreikönigstreffen, trotz Bedeutungsarmut noch immer ein Topthema der Tagesschau, zoomte der Kameramann von den Füßen der Hamburger, äh, Spitzenkandidatin Katja Suding Richtung Minirock zum Kopf, was den Shitstorm nach sich zog, die Nachrichtensendung bebildere Seriöses sexistisch. Das tat sie tatsächlich – gab es doch nicht die geringste Metaebene der saftigen Pennälerperspektive.

Oder?

Na, unterstellen wir der ARD doch einfach mal, die jämmerlich leicht bekleideten Politikerinnenbeine nur gezeigt zu haben, weil eben jene Katja Suding ihren komplett inhaltsentleerten Bürgerschaftswahlkampf ausnahmslos mit optischen Attributen geführt hatte und liberale Programmatik in ihrer Stadt somit als inexistent demaskiert. Vermutlich war dem Kameramann aber wohl doch bloß das Testosteron übergeschwappt und die Tiefgangsthese somit ebenso zu wohlwollend wie die Annahme, das Erste übertrage ab 4. Juli nach langer Dopingpause die Tour de France, weil der Radsport nun sauberer sei. Oder die Hypothese, die Kündigung der Erfurter Tatort-Ermitller Friedrich Mücke und Alina Levshin nach nur zwei Folgen hätte andere Gründe als grottenschlechte Drehbücher.

0-FrischwocheDie Frischwoche

12. – 18. Januar

Jedenfalls landen die zwei unterforderten Schauspieler nicht, wo sich die abrufbereite Leipziger Kollegin Thomalla bald finden könnte: Im Dschungelcamp. Das wird Freitag von elf internationalen Topstars wie Roberto Blancos Tochter, Heidi Klums Rolfe und Glückrads Maren Gilzer bezogen, während der Bachelor zwei Tage zuvor schon mal die Bewohner 2016 castet. Ansonsten prägt RTL die neue Woche nicht nur durch verklappten Dünnpfiff.

Donnerstag (21.15 Uhr) startet die Serie Männer! deren Titel drüber hinwegtäuscht, dass die Adaption der holländischen Idee einer WG dreier verlassener Kerle Potenzial hat, das Senderniveau zu übertreffen – auch wegen Hans-Jochen Wagner in der Hauptrolle. Dienstag startet die 4. Staffel von Game of Thrones, was nun wirklich nicht weiter kommentiert werden muss. Und parallel dazu darf man beim Partnerkanal Vox gespannt sein, ob Beyoncés Choreograf Dennis Jauch aus Brandschützern oder Köchen unterhaltsam Tänzer macht.

Weil letzteres aber doch eher fraglich ist, wenden wir uns den wichtigeren Dingen des TV-Lebens zu: Der Story im Ersten, die Montag (22.45) ein Exklusiv-Interview des NDR-Reporters John Goetz und seines dänischen Kollegen Poul-Erik Heilbuth Edward Snowden zeigt, was die ARD im Anschluss mit der sehenswerten Dokumentation Schlachtfeld Internet abrundet. Tags drauf läuft der sechsstündige Arte-Schwerpunkt zum 70. Jahrestag der Auschwitzbefreiung, aus dem allenfalls Night Will Fall um 21.45 Uhr ein bisschen herausragt: Alfred Hitchcocks teils ungezeigte Reportage über ein erlöstes KZ. Und einen Tag, nachdem Charlie Hebdo trotz des Anschlags am Mittwoch mit einer Million statt 60.000 Exemplaren erscheint, zeigt Arte die Serie Paris, ein bildgewaltiges Panoptikum um sechs scheinbar völlig verschiedene Charaktere der verwundeten, aber unverwüstlichen Stadt.

Ein fast verwüstetes Land zeigt der farbige Tipp der Woche am Mittwoch um 22.15 Uhr auf Eins Plus: This is England, Shane Meadows furioser Spielfilm über das Abrutschen der Skinhead-Szene ins rechte Lager vor 30 Jahren. Der Schwarzweißtipp dann Sonntag auf Arte: Lohn der Angst mit Yves Montand und Charles Varel, die 1953 eine Ladung Nitroglyzerin durch den venezuelanischen Dschungel karren, was – bis heute eine absolute Seltenheit – kein Happyend hat.


Reisereportage: Kulturhauptstadt Mons

001_Alhambra © Kmeron_HD sur demandeBelgische Plattentektonik

Große Städte bewerben sich kaum noch als Kulturhauptstadt Europas. Umso emsiger putzen sich kleinere fürs ganzjährige PR-Event heraus – und gewinnen wie das belgische Mons zuweilen sogar an Reiz. Dafür stehen die kommenden zwölf Monate voll außergewöhnlicher Kunst, Musik, Literatur und Theatralik, mehr aber noch die Entdeckung des bestehenden Angebots. Wie im famosen Musikclub Alhambra.

Von Jan Freitag

Pommes und Pralinen, Bürokratie und Bier, ein Weltkrieg, zwei Sprachen und dann dieser Perverse namens Dutroux – wer an Belgien denkt, landet flugs bei einem deftigen Stereotypen-Menü, dem nicht so leicht zu entkommen ist. Wenn man ihm denn entkommen will. Catherine Stilmant will nicht. „Ach, die meisten Klischees mag ich ganz gern“, sagt Walloniens Kulturbeauftragte in Brüssel und heftet ein herzliches Lachen an ihre Solidarität für alkoholschwangere Hausmannskost zu jeder erdenklichen Tageszeit oder die nationale Streitkultur. „Das gehört doch zu Belgien wie…“ – Catherine Stilmant zögert. Wie… Ja, wie was? „Wie das hier!“ Sie weitet die langen Arme, als gälte es ihre Heimatstadt zu umarmen.

Wie Mons also. Eine kleine Stadt südwestlich von Brüssel, die das architektonische Chaos unseres Nachbarlandes zur Kunstform erhebt. In der verspielter Jugendstil an nüchternen Kubismus und trutzige Neogotik grenzt, als lägen dazwischen nicht Jahrhunderte Baugeschichte. Wo Baustellen weniger für Übergang stehen als Zustand. Dauerzustand. Mons hat keine Baustellen, Mons ist eine Baustelle, und wenn Baustellen keine mehr sind, steht nebenan bald das nächste Gerüst. Die Caesarenfestung der Hochantike mag eine der ältesten Siedlungen weit und breit sein, Klosterstadt im Frühmittelalter, Bergbaubezirk im Spätkapitalismus, fast 2000 Jahre gewachsen, geschrumpft, konsolidiert, also im Grunde fertig – kaum beginnt sich der Rest des Kontinents mal für Walloniens Perle mit dem pittoresken Ortskern zu interessieren, grassiert der Veränderungswahn.

Wie in jeder Kulturhauptstadt Europas.

Was die Europäische Union vor 30 Jahren erfand, um am Beispiel einzelner Orte ihre Vielfalt zu feiern, ist allerdings zur entfesselten Umwälzung fester Struktur mutiert. Konnten sich Metropolen von Athen über Dublin bis Stockholm anfangs noch mit ihrem Bestand präsentieren und daran touristisch gedeihen, meiden die überlaufenen Ballungsräume längst den PR-Wirbel um einen Status, der oft mehr kostet als nutzt. Kein Wunder, dass sich nun eher regionale Hunderttausenderorte um den Status bewerben. Großdörfer wie Mons oder das tschechische Pilsen.

Was ein Jahr Kulturkapitale bewirkt, ist seit der Verkündung vom ortsüblichen Glockenturm aus zu sehen, der anstelle des römischen Kastells einen furiosen Blick über die Kräne im Schornsteingewimmel der Altstadt gewährt. Oder die Rue de Nimy runter zum Univiertel, wo sich der frische Kulturhauptstadtregierungswürfel so fremd wie freundschaftlich an die Stadtvillen früherer Epochen schmiegt. Und natürlich am Grande Place, der zwischen altem Rathaus und entstehender Touristeninfo scheinbar tiefer gepflügt wird als es Napoleon zwei Tagesmärsche nördlich bei Waterloo tat.

Aufbau, Abriss, Umbau – seit die Holzstadt 1691 auf ein Verdikt Ludwigs XIV. hin für den Brandschutz planiert und versteinert wurde, kommt sie nicht mehr zur Ruhe. Bis der 1. Weltkrieg hier mit dem letzten Schuss ausklang, ging viel vom blauen Dolerit verloren, aus dem halb Mons neogotisch wiedererrichtet wurde. Und dann starb vor 60 Jahren auch noch die Zeche Grand Hornu. Vernachlässigung, Leerstand, Zweckbau – mit dem Abschied der Industrie gewann Mons zwar ein Weltkulturerbe, verlor aber Arbeit. Und Aura. Catherine Stilmant zuckt mit den Achseln und wiederholt, was irgendwie charmanter klingt als Aufbau, Abriss, Umbau: „Cité sous construction“.

Wie am Bahnhof. Dort ist kurz vor Silvester noch viel mehr in Bewegung als anderswo, aber noch viel weniger vollendet. Für längst pulverisierte 150 Millionen Euro Kalkulation sollte der geschwungene Wachbetonorganismus Hundertausende Besucher empfangen. Mittlerweile hofft Spaniens Toparchitekt Santiago Calavatra auf eine Eröffnung im Herbst, wenn Mons bereits wieder auf Provinzniveau schrumpft. Wäre da nicht ein Weltstar. Nördlich der Schienen hat Daniel Libeskind sein raumschiffartiges Congress-Zentrum im Brachland gelandet, als wolle er einer Weltstadt Würde verleihen. Dabei ist es nur die Randlage eines Städtchens in der Senke des Flusses Henne, das sich den Drachen Dou Dou als Maskottchen hält und einen Eisenaffen an der Rathauswand. Dabei ist es nur Mons. Nur Mons? „Unterschätzen Sie uns bloß nicht!“, rät, nein: fleht Pascal Goosens und hat auch etwas dafür zu bieten.

Gut die Hälfte seiner 52 Jahre zählt er zur belgischen Avantgarde. Vor einem Jahr nun ist der ergraute DJ in seine Heimatstadt zurückgekehrt, um ihr, sagt Goosens, „etwas zurückzugeben“: Das „Alhambra“. Bis zu 500 Gäste strömen seither ins alte Kino am Markt, wenn die erste Liga der elektronischen Clubkultur anreist. Das helfe mehr noch als das „Little Silicon Valley“ am Ortsrand mit seinen gut 100 Startups nebst der nationalen Google-Zentrale, „junge Leute hier zu halten“.

Zur Seite steht ihm der schwule Bohemien Elio di Rupo, der gerade als Ministerpräsident zurückgetreten ist, um sich wieder aufs Bürgermeisteramt seiner Heimatstadt zu konzentrieren. Zur Seite steht ihm aber mehr noch eine Kulturszene, die es in Deutschland abseits der Metropolen nur selten gibt. Das Kunstmuseum BAM ist baulich wie inhaltlich ebenso kühn wie die Kunsthochschule am Marché Aux Herbes vorbei, der sich allabendlich mit Studenten füllt. Am Fuß des Belfrieds steht eine futuristische Jugendherberge, deren Gäste nur einige Minuten bis zur 800 Quadratmeter mächtigen Theaterbühne des Le Manège brauchen, sorgsam eingehegt in den historischen Stall. Es gibt Bars und Kneipen, deren Lässigkeit – wenn schon nicht an Berlin, so doch ans fünfmal größere Bremen erinnert. Das Arcobaleno beherbergt die Poetryslam-WM. Vor der Open Stage des Bateau Ivre drängeln sich Dienstagnacht Rastas, Hipster, Partypeople, um direkt am Grande Place zu feiern.

„Und wenn sie besoffen sind“, meint Pascal Goosens, „können Sie einfach die Straße runter direkt ins Alahmbra rollen“. Oder ins L’Excelsior, ältestes Café am Platz, durch deren Tischreihen halstätowierte Beardo-Kellner in gestärkten Schürzen wuseln wie überall, wo es urban wird. Eine Stadt in Bewegung eben, dessen schwuler Bürgermeister Elio di Rupio für ein Jahr unter internationaler Beobachtung, danach wieder mehr für sich. Und trotzdem irgendwie weltläufig.

www.mons2015.eu

Den Text und weitere Infos auch unter http://www.zeit.de/reisen/2015-01/mons-belgien-kulturhauptstadt-europas


Olli Schulz, Madonna, Panda Bear, Munitors

Olli Schulz

Der Alltag als solcher ist prosaisch. Bis zur Rente ist sein Verlauf oft so getaktet, dass Leerlauf als Verlust zu Buche schlägt. Emotional vom Alltag zu erzählen, fällt daher schwer. Alltag hat keine Poesie, er hat Pläne. Es sei denn, Olli Schulz singt davon. Sein Liedermacherpop kündet von nichts anderem als den Sollbruchstellen zwischen Anspruch und Realität, besser: Feelings aus der Asche. So heißt sein neues Soloalbum. Es ist schon jetzt das Beste, was 2015 auf Deutsch gesungen werden wird. Zehn Stücke verdichtet Schulz das Leben so unprätentiös und doch empathisch, dass selbst Textzeilen aus dem Jammertal seiner Alterskohorte optimistisch wirken. “Meine Helden sind alt / meine Träume dahin / Ich weiß nicht wie es aufhört / aber so muss es beginnen.” Der Gesang mag klingen wie Distelmeyer oder Regener, gar Pur und die Prinzen – es klingt stets, wie der Alltag klingen müsste, wäre er ein Gedicht.

Madonna

Madonna hingegen klingt, wie Madonna eben klingt – auch wenn sie sechs Stücke ihres neuen Albums, hüstel, vorab leakt. Was eigentlich das illegale Publizieren geheimer Informationen meint, zeugt bei der Queen Mum of Pop von ebenso purer Berechnung wie der Albumtitel: Madonnas Rebel Heart erschöpft sich ja darin, den Zeitgeist erst zu prägen, dann auszubeuten. So war es zumindest einst. Nun aber prägt Madonna nichts Neues, sie professionalisiert das Alte. Aber wie! Der überfrachtete Elektropop Living For Free zum Beispiel ist so fett produziert, dass die inhaltliche Ebbe unter der Flut an Effekten förmlich verschwimmt. Kirmestechno, Steeldrums, Westerngitarre, Offbeats, Achtziger, Abba-Anklänge und Rihanna-Referenzen – auch in den anderen fünf Tracks muss alles immer in alles hinein, damit keiner auf die Idee kommt, tiefer zu forschen. Etwa, warum am Ende von Bitch, I’m Madonna ein Hund bellt. Klingt super, ändert nichts.

Panda Bear

Klingt nach Tieren, ändert alles: Das gilt indes für Noah Benjamin Lennox. Der Klangbastler aus Baltimore nennt sich ja nicht nur Panda Bear, er durchzieht auch sein neues Album so kreativ mit Geräuschen aus Flora und Fauna, dass man fast vergisst, welche Musik er eigentlich macht. Findige Kritiker haben für die Kunst, griffige Strukturen aus wirren Ergüssen seines Korg zu formen, den Begriff New Weird America erdacht. Und in der Tat: Panda Bear Meets The Grim Reaper erinnert an eine Therapiegruppe in der Klapsmühle, wenn die Samples und Flächen wild durcheinanderwirbeln. Doch wie aus verzerrtem Hundejaulen von Mr. Noah eine Art Stonerpop erwächst, wie Lennox’ Hippiestimme übers japanische Jodeln vonBoys Latin weht, wie digitale Möwen unterm Antibeat von Come To Your Senseshindurch fliegen – braucht Musik keine Struktur. Dann sorgt der pure Aberwitz für Harmonie.

The Munitors

Mit der Harmonie kann man es aber auch zu gut meinen. Während erst der Mut zum Misston wahren Anspruch schafft, kann Wohlklang alle Distinktion ersäufen. Hier in etwa verläuft die Grenze zwischen alternativem Fusionpop und süffigem Indierock oder auch: Jamie T und U2, die in musikalischer Hinsicht beide in The Munitors stecken. Jetzt legt das Quartett aus der Wetterau seine zweite EP vor, statt aus zwei halben eine ganze Platte zu machen, was von einer Inkonsequenz zeugt, die auch ihren Sound prägt. Noch. Denn obwohl die fünf neuen Tracks teils zu gefällig wirken, haut sich die Band seit dem Umzug nach Frankfurt mehr Kanten ins Repertoire. Der Opener Harm etwa enthält sehr spannende Riffs zu angerauten Vocals, was trotz des eher schlichten Englischs rasch ins Ohr dringt und dort eine Weile bleibt. Jetzt müssen die jungen Indierocker nur noch den Mut zu weniger Gitarrensoli und einer LP aufbringen, dann wird was draus. Keine Angst.

Mehr Sound’n’Files’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-01/madonna-olli-schulz-panda-bear-tontraeger


Lisa Wagner: Kommissarin Heller Eigensinn

Verschrobene Rollen!

Lisa Wagner, geboren 1979, dürfte auch acht Jahre nach ihrem Durchbruch in der Speed-Dating-Komödie Shoppen nur Eingeweihten ein Begriff sein. Nicht mal der Grimme-Preis für ihre Rolle im Münchner Tatort: Nie wieder frei sein (2010) machte die Pfälzerin wirklich bekannt. Das hat sich allerdings geändert, seit die angesehene Theaterschauspielerin Kommissarin Heller ist. An der Seite des ebenso sperrigen Hans-Jochen Wagner spielt sie auch im dritten Teil am Samstag (ZDF) eine verschrobene Ermittlerin in Hessen. Eine Rollentypus, der Lisa Wagner liegt, wie sie im Interview erzählt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wagner, bislang haben Sie in Krimis vor allem Episodenrollen gespielt. Wie fühlt es sich da an, künftig die Hauptfigur einer ganzen Serie zu sein?

Lisa Wagner: Wenn man als Nebendarstellerin nur wenige Tage dreht, muss man extrem auf den Punkt konzentriert sein. Als Hauptdarstellerin hat man da weit mehr Zeit und Raum zur Entfaltung. Die Vorbereitung ist intensiver, der Druck dafür allerdings geringer, da zusätzliche Zeit auch Fehler verzeiht.

Aber steigt dafür nicht die Verantwortung fürs Gesamtprodukt?

Das stimmt, aber ich fühle mich mit wachsender Verantwortung wohler und habe gern Einfluss aufs Ganze.

Sie sind jetzt aber kein Kontrollfreak?

Überhaupt nicht, dann wäre ich beim Film auch völlig fehl am Platze, wo das, was man tut, von 1000 Leuten beeinflusst und nachbearbeitet wird.

Haben Sie über Kommissarin Heller also auch mitbestimmt?

Ich hatte vorm Drehbuch schon zwei, drei Romanvorlagen gelesen, wo die Figur übrigens ganz anders beschrieben ist – eher klein und dick mit großen Brüsten. Körperlich entspreche ich ihr also überhaupt nicht. Deshalb habe ich umso mehr versucht, das Wunderliche an ihr herauszuarbeiten und ihr Eigenheiten zu verpassen. Sie ist auf den ersten Blick gewiss keine Sympathieträgerin und versäumt es oft, ihre Mitmenschen darüber zu informieren, wo sie sich gedanklich gerade befindet. Die Regisseurin hat mich da sehr laufen und entwickeln lassen.

Wodurch Sie sich die Figur so gebastelt haben, wie Sie Ihnen liegt?

Natürlich.

Und das wäre?

Verschrobene Charaktere. Die machen einfach irre Spaß und liegen mir weit mehr als solche Sunshine-Typen. Dass das Leben toll und bunt und leicht ist, fällt mir schwerer darzustellen als die schwierigen, düsteren Seiten. Ich spiele gerne eigensinnige Rollen.

Wie bei Ihrem Durchbruch als Filmschauspielerin in Shoppen, wo Sie eine ungemein seltsame Speed-Daterin spielen.

Genau wie die. Aber Durchbruch ist gut: nach Shoppen hab ich erstmal fast zwei Jahre gar nicht gedreht, weil mir schlicht die Zeit fehlte, so viel, wie ich damals auf der Bühne zu tun hatte. Aber es hat mich schon bekannter gemacht.

Auch berühmter?

Es gab schon viel positive Resonanz, aber berühmt überhaupt nicht, Null.

Das hat sich nach dem Münchner Tatort 2010, wo Ihre Anwältin des Mörders den Grimme-Preis gekriegt hat, vermutlich geändert.

Auch nicht wirklich. Aber das darf auch gerne so bleiben. Denn Popularität hat ihren Preis. Und weil ich lieber über meine Arbeit als meine Person spreche, finde ich es sehr angenehm, nicht auf der Straße erkannt zu werden.

Hat das auch damit zu tun, dass Sie nicht grad das typische Titelblattgesicht haben?

Ganz sicher sogar. Das eröffnet mir enorme Arbeitsmöglichkeiten und ich kann ein wenig der Geheimtipp sein. Das war möglicherweise auch ein Grund dafür, dass ich zum Casting für die Pflichtverteidigerin im „Tatort“ eingeladen wurde. Uwe Ochsenknecht dort auftritt, weiß jeder sofort, oh, der wird bestimmt noch wichtig, Tendenz Täter. Bei mir hat niemand geahnt, dass ich am Ende die Mörderin bin. Für solche Wendungen sind Titelblattgesichter oft eher hinderlich, denke ich. Und Modelfrauen haben es womöglich schwerer, ins seriöse, ernste Fach zu kommen. Wenn ich die Wahl zwischen Qualität und Quantität habe, bevorzuge ich erstere.

Aber beinhaltet nicht gerade eine Krimireihe die Gefahr, letzteres zu liefern?

Diese Gefahr besteht sicher, aber in diesem Fall kann ich sie nicht erkenne. Nach zweieinhalb Jahren gibt es gerade mal zwei Episoden; das ist jetzt nicht allzu quantitativ. Und was die Qualität betrifft, hab ich vollstes Vertrauen in die Drehbücher und vor allem: in meine Kollegen wie Hans-Jochen Wagner.

Schafft so eine Reihe für unregelmäßig beschäftige Freiberufler auch ein Stück materieller Sicherheit?

Die ist zumindest nicht zu verachten. Aber ehrlich: Zu Beginn des Projekts war nicht mal von einem zweiten Teil die Rede.

Und jetzt steht der Drehbeginn des dritten Teils an, bevor der erste überhaupt gezeigt wurde. Woher rührt dieser Vertrauensvorschuss?

Weil wir einfach geil sind! Aber ehrlich: die Vorschusslorbeeren von Seiten des Senders tun uns schon gut. Das ZDF rechnet offenbar mit ausreichend Zuspruch.

Interessiert Sie der?

Selbstverständlich. Ohne Publikum möchte doch niemand schauspielern. Aber ich weiß schon zu differenzieren, von wem Lob und Zuspruch kommen. Und wenn etwas allen gefällt, ist es auch wieder ein bisschen seltsam. Aber das größte Kompliment ist aus meiner Sicht ohnehin, wenn Einsatz und Ergebnis so eklatant auseinanderklaffen wie bei Shoppen – einer Low-Low-Budget-Produktion mit beachtlichen Zuschauerzahlen.

Trotzdem kriegen Sie mit Kommissarin Heller nun einen Fuß in die Tür zum Massenpublikum, den man nicht so ohne weiteres wieder rausziehen kann.

Das stimmt wohl.

Wird das die Angebote an Sie grundlegend verändern?

Keine Ahnung, aber es wäre super. Anfragen sind immer toll, das gibt auch ein Gefühl von Sicherheit. Ich wäre ja bescheuert, fünf Angebote besser zu finden als zehn. Was ich davon annehme, ist eine andere Sache. Aber ich gucke mir alles an. Ich habe zwar noch keine fünf Kinder zu versorgen, aber am Ende muss ich von irgendwas leben.


Arte-Tandem: Deutsche, Franzosen & AKWs

Differenz und Einklang

Mit seinem Tandem zweier Filme zum Thema Atomkraft will Arte die Filmtraditionen seiner Partnerstaaten zeigen, ohne in Klischees zu verfallen. Der deutsche Thriller Tag der Wahrheit mag dabei ganz anders wirken, wie die französische Komödie Das gespaltene Dorf. Was überwiegt, sind dennoch die Gemeinsamkeiten.

Von Jan Freitag

Anspruchsvolles Fernsehen, auf diesen gemeinsamen Nenner kann man sich einigen, fordert sein Publikum mit dem Ungewöhnlichen, Unverhofften, Unfassbaren. Erfolgreiches Fernsehen dagegen, auch der größere Nenner scheint unumstritten, versorgt seine Zielgruppe mit spannender, emotionaler, konsenstauglicher Unterhaltung. Wirklich gelungenes Fernsehen mit Erfolg und Anspruch dagegen schafft all dies mitunter in einem. Also doppelten Mehrwert, eine Art Zweikomponentenkleber des Entertainments, man könnte es Tandem nennen.

Auf so einem kommt Arte nun zum Jahresauftakt ins Wohnzimmer geradelt. Gemeinsam mit dem SWR haben die Partnerstaaten des deutsch-französischen Kulturkanals zwei Filme zum gleichen Thema gemacht, um „mehr über die Traditionen, Vorzüge und Eigenheiten der Nachbarländer zu erfahren“, wie es Arte-Präsidentin Véronique Cayla und ihr Vize Gottfried Langenstein beschreiben. Es geht ums Reizthema Atomkraft, das beiderseits des Rheins höchst unterschiedlich bewertet wird. Während sich östlich davon mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es im Westen kaum jeder Fünfte. Zugleich allerdings sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragen Cayla und Langenstein, „könnte vielversprechender für eine spannende Film-Story sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“.

Vor diesem Hintergrund sind zwei überaus verschieden Fernsehfilme entstanden, in denen es um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft, Solidarität. Zum Auftakt inszeniert Tag der Wahrheit unter deutscher Federführung die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze. Danach geht Das gespaltene Dorf vorwiegend von Franzosen verantwortet auf Endlagersuche im Dörfchen Saint-Lassou Stelle. Die politische Ausgangslage ist also ähnlich, die filmische Umsetzung schon weniger.

Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice geht es nach dem Drehbuch von Johannes Betz (Die Spiegel-Affäre) ernsthaft um den gefeuerten AKW-Arbeiter Kollwein (Florian Lukas), der zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter den alten Arbeitsplatz mit einer Kernschmelze bedroht, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Unterstützt wird er dabei von Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps), die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers gegen das Vertuschen zahlloser Störfälle ermittelt. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc (Benjamin Sadler) steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Kein Wunder, dass es wenig zu lachen gibt.

Im Gegensatz zum frankophonen Beitrag. Regisseur Gabriel Le Bomin hat sich – mit seinen Co-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre – nicht nur eine leichtere Version des strahlenden Sujets geschrieben, er realisiert sie auch strikt komödiantisch. Auf der Suche nach einem Bergwerk zur Endlagerung atomarer Abfälle, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris aus in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne (Katja Riemann) ist nämlich eine eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander.

Hier Action, dort Humor. Östlich des Rheins die bleischwere Last der Realität, westlich davon in federleichte Lässigkeit verpackt. Aus Deutschland (wie so oft) eine atmosphärisch bedrückende Kriminalstory im Stile von James Bridges prophetischem GAU-Drama Das China-Syndrom kurz vorm Störfall von Harrisburg 1979. Aus Frankreich (wie noch öfter) ein munteres Sozialdrama im Gedenken an Bill Forsyths Heimatschutzposse Local Hero, in der es die geplante Raffinerie eines Ölkonzern 1983 mit ähnlich verschrobenen Bewohnern der schottischen Küste zu tun kriegt.

Die Fahrer des Tandems steuern also in verschiedene Richtungen. Scheinbar. Doch es geht bei dem Projekt keinesfalls nur um Differenzen. Es geht auch um Gemeinsamkeiten. In knapp vier Stunden Action rings ums besetzte AKW biete ihr Film „wenig Raum für typisch Deutsches oder typisch Französisches“, meint die deutsche Regisseurin. Ihr französischer Kollege fügt hinzu, auch bei ihm gebe es statt national geprägter Figuren „Menschen, deren Gedanken und Gefühle wir teilen“.

So sehr sich die Filme also um soziokulturelle Distinktion und Eigenart bemühen, vereint beide doch mehr als sie trennt. Abgesehen von der Vorgabe, zwei originelle, aber unterschiedliche Filme zum gleichen Thema zu drehen, erinnert sich der Gabriel Le Bomin, „gab es kaum Auflagen“. Doch beide Teams, ergänzt Anna Justice, standen von Beginn an in so engem Kontakt, dass sich „ungewöhnlich viele Leute“ über finale Drehbuch- und Schnittfassungen ausgetauscht hätten. Gedreht wurde zudem überwiegend im südbadischen Dreiländereck der französischen Region Limousin. Und da ist noch nicht mal von den Darstellern die Rede.

Denn der französische Starkomiker Laurent Stocker ist ebenso in beiden Filmen zu sehen wie seine deutsch-luxemburgische Kollegin Vicky Krieps. Anders als das beliebte Mitglied der Comédie Française stellt sich die junge Dramatikerin, zuletzt als Holocaustopfer im Kammerspiel Das Zeugenhaus zu sehen, zumindest in Tag der Wahrheit gegen die Machenschaften der Atomwirtschaft. Die kommt im energiewendenden Deutschland schließlich ohnehin spürbar schlechter weg als im kernkraftfrohen Frankreich. Es überrascht daher wenig, dass der Laurent Stocker – als Sicherheitschef und Atomlobbyist – in beiden Filmen auf Seiten der Meiler steht, während die fundamentaloppositionelle Gegnerin des geplanten Endlagers ebenso wie die skeptische Staatsanwältin im Thriller nicht nur von Deutschen gespielt werden, sondern sogar Deutsche sind.

Auch für Krieps Rolle war ursprünglich übrigens Katja Riemann im Gespräch. „Nur wollten die Deutschen mich nicht“, sagt sie lachend. „Im Gegensatz zu den Franzosen“. Mit denen zu drehen unterscheide sich aus Sicht der Charakterdarstellerin wenig. „Filmleute sind überall auf der Welt gleich“, sagt Riemann. Nachdem sie vor 15 Jahren für die Filmbiografie Balzac erstmals in Frankreich vor der Kamera gestanden hatte, sei somit auch diese Erfahrung „fantastisch“ gewesen. Und zwar auch wegen des Themas. Hält Riemann Atomkraft doch für „gefährlich und zu absurd, um überhaupt erfunden zu werden“.  Vor allem aber, gehe es sie nicht nur sie persönlich an, „sondern alle“.

Und das deutsch-französische Tandem leistet seinen Beitrag, dass es beiderseits des Rheins wieder mehr wahrgenommen wird. Mit zwei verschiedenen Filmen zum gleichen Sujet: einer zum Lachen, einer zum Fiebern, beide eng verwoben und gerade in Kombination nachhaltig wirksam. Ein filmisches Experiment über das der Kernenergie, nur ohne tödliche Nebenwirkungen. Und trotz hoher Halbwertszeit: Endgelagert werden muss das anspruchsvolle Projekt mit Aussicht auf Erfolg wohl nie.

Donnerstag: Tag der Wahrheit; Freitag: Das gespaltene Dorf, jeweils 20.15 Uhr, Arte


Zwei Bier – eine Platte

10252137_829225243758904_7823610457659950132_nMonchi & Die Prinzen

Am 23. Januar bringt die gereifte Schülerband Feine Sahne Fischfilet ihr fünftes Album Bleiben oder gehen raus. Und wie immer in den vergangenen Jahren werden wieder Tausende von Fans dabei sein, wenn die sechs Punkrocker auf Tour sind. Die Konzerte in Hamburg und Berlin waren so schnell ausverkauft, dass Zusatzgigs gespielt werden. Grund genug, Sänger Jan Gorkow, genannt Monchi, mal zu fragen, welche Platte einen außergewöhnlichen Einfluss auf ihn hatte. Deshalb hab ich mich bei Wind und Wetter aufs Fahrrad geschwungen und ihn getroffen. Natürlich mit zwei Astra im Gepäck…

Monchi: Boa Bier…Bier mag ich echt nicht so. Nee, ich mag echt gar keinen Alkohol. Ich mag halt echt nur besoffen sein!

Der fleißig Platten verpackende, sehr freundliche Merchandise-Verantwortliche teilt gleich seine Opferbereitschaft mit, Prost also! Trotzdem bleibt die Frage, ob für Monchi der intravenöse Alkohol erfunden wurde oder wie er sonst an seinen Rausch kommt.

Na saufen halt! Ich trink dann auch Bier. Einfach alles zusammen panschen und in den Kopp hauen, so mach ich das!

Achso!

Marthe: Monchi, es geht heute um eine für Dich außergewöhnliche Platte. Welche ist das?

Die Prinzen! Ich glaub die haben so einen Sampler mit ihren besten Songs… Ganz Oben! Den find ich geil!

Ganz Oben von den Prinzen: ein Album von 1997, auf dem alle bis dahin erschienen Hits veröffentlicht wurden. Küssen verboten… Alles nur geklaut … Du musst ein Schwein sein. Also best-of plus ein paar unveröffentlichte Songs.

Als diese Platte rauskam, warst Du ja noch ziemlich jung. Wie wurdest Du auf sie aufmerksam?

Ich hab die jetzt erst bei meinen Eltern im CD-Schrank wieder entdeckt. Da waren so einige CDs, die ich früher gehört habe und geil fand. Meine Eltern hören nicht mehr so CDs, deshalb hab ich sie mir einfach mitgenommen. Früher haben meine Eltern total viel Prinzen gehört. So an Silvester mit ihren Freunden, Wolfgang Petri und die Prinzen halt. Das hab ich immer mitgehört. Ich könnte auch die ganzen Wolfgang Petri Lieder mitsingen. Na ja. Jetzt liegt die CD jedenfalls in unserem Bandbus und da höre ich sie auch wirklich oft, kein Witz!

Oha, und deine Bandkollegen und anderen Mitfahrer beschweren sich da nicht?

Monchi und auch der immer noch eifrig Platten verpackende Merchandise-Mann müssen beide laut lachen…

Nee, ich glaub… äh… na ja, schlussendlich beschweren die sich immer. Wenn ich eine CD geil finde, habe ich kein Problem damit, die fünf Stunden laufen zu lassen. Das heißt aber eigentlich, dass ich nur die Titel laufen lasse, die ich geil finde! Nach dem zweiten oder dritten Mal durchlaufen sind dann spätestens alle angekotzt. Aber ich singe dann ja erst so richtig mit!

Hattest Du denn schon einmal die Gelegenheit deine Lieblingshits live mit zu singen? Also, warst Du schon auf einem Prinzen-Konzert? 

Ja! Mein Papa und meine Mutter haben mich öfter mit zu Prinzen-Konzerten genommen. Das hat mich scheinbar auch echt geprägt. Das letzte Mal war ich vor zwei oder drei Jahren oder so auf einem Konzert. Die haben so eine Kirchentour gespielt. Und da waren sie dann in Demmin und da war ich auch. Erst bin ich alleine zum Kirchenkonzert von den Prinzen nach Demmin gefahren und dann nach Neubrandenburg ins AJZ, weil Johnny Mauser da gespielt hat.

Also zuerst der typische A-capella-Gesang der Prinzenin einer Kirche und dann 50 Kilometer fahren um im alternativen Jugendzentrum dem sogenannten Zeckenrapper Mauser zu lauschen. Das ist mal eine Abendgestaltung! 

Die Texte von Feine Sahne Fischfilet sind ausschließlich auf Deutsch. Ebenso die Texte der Prinzen. Ist das der einzige Berührungspunkt?

Also mir sind die Texte halt sehr wichtig. Ich will verstehen, was da gesungen wird und deshalb höre ich wirklich sehr, sehr wenig Musik mit englischen Texten. Ich kann halt nicht so gut Englisch und es kommt ja nicht viel rüber, wenn man die Texte nicht versteht. Und insbesondere die alten Alben der Prinzen finde ich halt so geil, weil da auch so politische Songs wie Bombe und so drauf sind:

  • Schmierst du an die Wand eine hohle Naziparole, dann möchte ich…
  • Wenn du einen ‘Kanacke’ nennst, weil du seine Sprache nicht kennst, dann möchte ich…
  • Willst du allen in die Fresse hau’n und bist im Kopf schon ganz braun, dann möchte ich…
  • Wenn du dir den Schädel rasierst und im Gleichschritt marschierst, dann möchte ich…
  • … dann möchte ich ‘ne Bombe sein.

Und aber auch schöne Lieder, wie zum Beispiel Gabi und Klaus. Ich will halt einfach wissen worum es geht. Aber ansonsten, nee, beeinflusst haben mich die Prinzen sonst nicht so richtig.

Die Prinzen und Feine Sahne Fischfilet auf einer Bühne. Wie klingt das?

Also wenn wir jemals mit denen zusammen spielen, drehe ich am Rad! Ja, also ich würde mich auf jeden Fall freuen! Ich würde meinem Vater sagen: „Vaddern, du hast dir frei zu halten, wir spielen mit den Prinzen! Das wird ne richtig geile Geschichte!“.

Was für eine Vorstellung: Die Prinzen und Feine Sahne Fischfilet auf einer Bühne, eventuell noch gemeinsam einen Hit schmetternd! Und gerade jetzt ist das Bier ist alle…

Marthe Ruddat schreibt, studiert, kellnert, liebt Musik und führt darüber künftig einmal im Monat auf freitagsmedien ihr Zwiegespräch Zwei Bier – eine Platte, bei dem mehr oder weniger prominente Musiker und -innen aus dem erweiterten Raum Hamburg ein Album schildern, das ihr Leben nachhaltig beeinflusst hat.


Fernsehvielfalt & Filmexperimente

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

29. Januar – 4. Dezember

Nein, es war wirklich nicht das Jahr des Fernsehens. Streamingdienste wie Netflix verbreiten Filme und Serien zu jeder Tages- wie Nachtzeit im Originalton, dass die gute alte Glotze zum Weltempfänger schrumpft. Mit ZDFkultur emigriert bald der einzig öffentlich-rechtliche Kanal mit struktureller Anziehungskraft auf Zuschauer unter 35 ins Netz. Selbst Google, Amazon, Youtube ersetzen das alte Leitmedium mit einer Art Regelprogramm ohne Regel. Kurzum: Anfang 2015 wirkt der klassische Fernseher wie ein Wachkomapatient. Dann aber schwappt der Der Medicus aus dem Kino in die ARD und was geschieht? Fast acht Millionen Leute – ein erheblicher Teil jünger als 35 – schalten um 20.15 Uhr ins Erste und verpassen dem Rentnersender eine Quote wie beim Tatort, was sich wenige Tage drauf bei der seifigen Weltmeisterhuldigung Die Mannschaft gleich noch mal wiederholt.

Einfach unberechenbar, dieses Publikum. Zumindest in dem Fall. Absolut berechenbar war hingegen die Auswertung der Gesamtquoten 2014. Dank politischer Dauerkrisen, Winterspielen und der alles überragenden Fußball-WM stieg der Marktanteil von ARZDF auf gut ein Viertel. Gemeinsam mit Ablegern von Arte über Phoenix bis zu den Dritten (wo der NDR mit bundesweit 2,5 Prozent den Spitzenwert erzielte), schaffen es gebührenfinanzierte Kanäle insgesamt auf knapp die Hälfte des Publikums ab drei Jahren. Es ist zwar kaum zu erwarten, dass dies im sportärmeren 2015 zu halten ist; doch dass RTL nach dem schwächsten Zuspruch seit 1989 oder Pro7, der den langjährigen Zuschauerkrösus dennoch nicht überholen konnte, nennenswert aufholt, ist es noch viel weniger. Dafür wird schon das Internet sorgen.

Die Zukunft hat eben längst begonnen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

5. – 11. Dezember

Auch auf Arte, das diese Woche ein zukunftsweisendes Experiment startet: Der bilinguale Kanal hat zwei Filme zum Thema Atomenergie in Auftrag gegeben, die kulturelle Besonderheiten seiner Partnerländer aufzeigen sollen. Unter deutscher Federführung läuft Donnerstag Tag der Wahrheit mit Florian Lukas, der ein Pannen-AKW besetzt und dabei keine Zeit für heitere Zwischentöne lässt. Ganz im Gegensatz zu Das gespaltene Dorf tags drauf, wo Katja Riemann unter französischer Ägide die Bürgermeisterin eines Grenzdorfs verulkt, dessen Probleme durch ein Endlager unterm idyllischen Ortskern gelöst wären. Hier ein Thriller, da eine Komödie, beides sehenswert. Doch besser fahren würde das Tandem, wenn es beiderseits des Rheins um dieselbe Story ginge. So regiert das Stereotyp: Franzosen können komisch, Deutsche eigentlich nur ernst.

Mit der Sitcom Bettys Diagnose zeigen sie zwar ab Freitag (19:25 Uhr, ZDF), dass es hierzulande – wenngleich mit dem ausgelutschten Thema toughe Krankenschwester (Bettina Lamprecht) vs. selbstgerechter Chefarzt (Maximilian Grill) – sogar am Vorabend leidlich lustig zugehen kann. Hiesige Spezialität bleibt aber das Drama. Etwa der ARD-Mittwochsfilm Nie mehr wie immer, in dem Franziska Walser eine Frau spielt, die an der dunklen Vergangenheit ihres Mannes (Edgar Selge) zu zerbrechen droht. Dass sie ihre Figuren wahrhaft verkörpern, statt bloß zu spielen, liegt dabei nicht nur daran, dass beide auch real ein Paar sind; es hat mit der hiesigen Affinität zur sozialkritischen Seriosität zu tun – die natürlich im Krimi besonders zum Ausdruck kommt. Wie beim Tatort Dortmund, der sich diesmal so wahrhaftig ins rechtsextreme Lager begibt, dass Hydra Pflichtprogramm für alle Pegida-Fans sein sollte. Vielleicht kapieren die so, wo ihr bourgeoiser Alltagsrassismus letztlich endet.

Fast dokumentarische Fiktion, strikt dem Entertainment verpflichtet – das können allerdings auch echte Sachfilme. Etwa Tatort Kreisklasse, mit dem die ARD Mittwoch (22.45 Uhr) die grassierende Gewalt auf den Fußballplätzen unterer Ligen skizziert. Weniger dramatisch, aber ähnlich gehaltvoll: Hier sind die Roboter, eine famose Doku über den globalen Einfluss der Elektro-Pioniere Kraftwerk (Donnerstag, 22.45 Uhr, RBB). Dazwischen rangiert Im Rausch, der Mittwoch um 21.50 auf Arte erkundet, wie die Kulturgeschichte seit 200 Jahren von Drogen beeinflusst wird. Auch 12.378 km Australien des Moderators auf Abwegen Sven Furrer (7., 9., 12. Januar, 20.15 Uhr, 3sat) sind unterhaltsam und lehrreich zugleich wie The Internet’s Own Boy über den gefeierten Online-Aktivisten Aaron Swartz, der 2013 nach jahrelangem Kampf um die Freiheit des Netzes Suizid beging. Leider läuft so was dann tief in der Nische auf ZDFinfo, Dienstag um 1.05 Uhr und Mittwoch, 9.30 Uhr. Aber immerhin.

Dafür schaffen es die Tipps der Woche zur Primetime: Im Zeichen des Bösen (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat) von 1957 mit dem schwarzweißen Orson Welles als manipulativer Polizeichef. Und von 1975, also schon farbig: Milos Formans Einer flog über das Kuckucksnest, am Sonntag auf Arte.


Reportage: Früherer Schulbeginn in Hamburg

Arme Nachtigall

Seit Jahren schon fordern Schüler, Eltern, Lehrer, ja selbst Poltik und Wissenschaft einen späteren Unterrichtsbeginn. Als eine der ersten Schulen in Deutschland probiert es das Gymnasium Marienthal im Hamburger Mischbezirk Wandsbek gerade aus – und schwärmt trotz guter Gegenargumente vom Resultat.

Von Jan Freitag

Schule, so weit die Theorie, ist ein Hort des Lernens, der Bildung, von Wissen und Gemeinschaft. Erst hier wird der Mensch zum Menschen. In der Praxis hingegen wird er vorab zum Zombie. Zumindest frühmorgens, so gegen sieben, halb acht, wenn die ersten Bildungsmenschen ausgemergelt das Anstaltsgelände füllen. Man muss gar keine eigenen Kinder im frühaufstehpflichtigen Alter haben, es reicht völlig aus, sich an die eigene Schulzeit erinnern, um dieses Gefühl wachzurufen: Wenn das Weckerklingeln wie Kreissägen in todmüden Ohren schmerzt. Wenn nach der letzten Wende im Kissen die Mutter ruft, erst nett, dann laut, zum Schluss physisch verstärkt: Decke hoch, jetzt aber mal raus aus den Federn, Mathe-Arbeit um acht, wird’s bald?

Jahrzehnte, ach: Jahrhunderte begann landauf landab so der Schultag: müde Augen, miese Laune, reichlich Frust. Schüler, Eltern, Lehrer, Schlaf- wie Bildungsforscher, ja selbst die prinzipientreue Politik – längst mögen sie alle den unzeitgemäßen Beginn an deutschen Schulen beklagen: Unterricht ab acht Uhr gilt seit Rohrstockzeiten als unantastbar. Kein Wunder, dass die ersten Hamburger Schulen nun selbst Hand an den Stundenplan legen. Zum Beispiel in Marienthal.

Seit Sommer beginnt der Tag am dortigen Gymnasium 30 Minuten später. Unterrichtet wird im Nordosten nun erst ab halb neun. Und das, schwärmt Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer ausgeschlafen, „finden hier eigentlich alle genial“. Dabei ist die neue Anstoßzeit bloß Teil eines Gesamtkonzeptes, mit dem die Ganztagsschule im Rahmen der G8-Debatte umstrukturiert wird. Spätbetreuung, Themenverdichtung, Nachbereitung, Fächerreduzierung – in einem zweijährigen Diskussionsprozess aller Beteiligten sei vieles auf den Tisch gekommen, „was Stress rausnimmt“, wie es die Direktorin ausdrückt. „Doch den Kindern“, fügt sie lachend hinzu, „war natürlich besonders der spätere Unterrichtsbeginn wichtig.“ Da kann Alina Limniatis nur zustimmen. Weil die 17-Jährige und ihre Mitschüler „wacher sind und aktiver in den Alltag starten“, erzählt die Schülersprecherin aus der Praxis, „ist die Stimmung im Klassenraum deutlich besser“. Das bestätigt auch Sabine Fiegen. Die örtliche Elternratsvorsitzende verweist jedoch darauf, dass sich „wie alle Neuerungen auch dieses Projekt im Laufe der Zeit erst beweisen“ müsse.

Zurzeit läuft am Gymnasium im Mischbezirk Wandsbek – das Hamburgs Schulindex KESS etwas näher an Brennpunkt als Ponyhof einstuft – die Evaluation. Schon jetzt, betont Christiane von Schachtmeyer, reiche allerding ein kurzer Blick in die Gesichter am Morgen. „Wie gut der Biorhythmus mit dem späteren Termin zurechtkommt, sieht man sofort.“ Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bei der neuen Taktung daher nur die Nebenrolle gespielt. Außer Acht lassen kann man sie indes nicht, das weiß auch die Lehrerin für sozialwissenschaftliche Fächer wie Deutsch und PGW.

Ungewolltes Frühaufstehen, darüber herrscht unter Bildungsexperten ebenso Konsens wie unter Entwicklungspsychologen oder Schlafforschern, schadet der schulischen Leistung enorm. Und nicht nur ihr. Konzentrationsmängel, Wachstumsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression – zu wenig Schlaf ist gerade für ruhebedürftige Teenager nicht nur tägliches Ärgernis, sondern echtes Risiko. Vor allem Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie an der Uni Regensburg, trommelt unermüdlich für mehr Rücksichtnahme auf Teenager, deren Pubertät zuweilen sedierender auf den Kreislauf wirkt als Beruhigungsmittel. Acht Stunden sollte ihr Schlaf währen, eine mehr als bei Erwachsenen. Nur: dem steht oft das nächtliche Verhalten Jugendlicher im Wege, die nach der Grundschule zusehends von aufgeweckten Singvögeln zu nachtaktiven Eulen mutieren.

Während Neunjährige nach Erkenntnissen der Verhaltensforscherin Stephanie Crowley von der Rush University Chicago um 21.30 Uhr zu Bett gehen und neun Stunden später erwachen, rückt der Zeitpunkt am Abend alle zwei, drei Jahre eine halbe Stunde vor, ohne morgens kompensiert zu werden. Mit 17 geht das Licht dann nach elf aus, zu spät, um gemeinsam mit dem deutschen Durchschnitt gegen 6.16 Uhr fit in den Arbeitstag zu starten.

Weil die Bereitschaft zum Normverhalten gerade im Rebellionsalter sinkt, weil das Gehirn überdies tagsüber erworbenes Wissen im Tiefschlaf Richtung Langzeitgedächtnis verschiebt, weil Schlafmangel also letztlich „krank, dumm und dick machen“ könne, schlägt Zulley den Marienthaler Lernbeginn als Standard vor. Recht geben ihm diverse US-Studien, deren Schulprobanden dank verlängerter Nachtruhe aufnahmefähiger waren, seltener blau machten und nur in Ausnahmefällen später einschliefen. 8.30 Uhr sei daher keinesfalls das Ende der Weckanzeige, meint Jürgen Zulley und plädiert für die Neun.

Und damit zählt er noch nicht mal zu den radikaleren Stimmen. Der Frankfurter Neurobiologe Peter Spork zum Beispiel geht in seinem viel beachteten Buch „Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ zumindest für die Oberstufe noch eine Stunde weiter und weiß sich im Einklang mit skandinavischen Modellen, die sogar individuelle Gleitzeit erproben. Bildungspolitiker sind da naturgemäß weniger radikal. Doch auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe wirbt – zumindest ab Klasse 7 – für 8.45 Uhr. Während Berlins Schüler mindestens eine Dreiviertelstunde früher zum Unterricht müssen, überlässt Hamburg die Entscheidung allein den Konferenzen der 310 staatlichen Allgemeinschulen. Die Autonomie geht so weit, dass die Schulbehörde nicht den blassesten Schimmer hat, welche Schulen ihren Unterreicht bereits verschoben haben. Rabes Rat bleibt also eine reine Empfehlung. Trotzdem zeugt sie vom veränderten Klima einer Debatte, die erst seit kurzem frischer Wind durchweht. Von beiden Seiten.

Schließlich gibt es keinesfalls nur gute Argumente für Langschläfer. Auch Frühaufsteher haben welche, und sie kommen nicht nur von Traditionalisten. Am Berliner John-Lennon-Gymnasium etwa hat vor vier Jahren die Mehrheit der Schüler gegen späteres Lernen votiert, also für mehr Nachmittagsfreizeit. Und wie sein Dienstherr würde Hamburgs Schulbehördensprecher Peter Albrecht den ersten Gong für Teenager zwar ebenfalls erst kurz vor neun läuten lassen. Zum Ausgleich müsse aber jede Schule für Kinder berufstätiger Eltern mit frühem Dienstbeginn „eine Betreuung vor Unterrichtsbeginn sicherstellen“. Das fordert auch der Bildungsforscher Manfred Pretzel, Leiter der deutschen Pisa-Studie, die einen messbaren Zusammenhang zwischen ausreichendem Schlaf und erfolgreichem Lernen konstatiert.

Doch da kann ihn Christiane von Schachtmeyer beruhigen. Die Marienthaler Direktorin bietet einen Frühdienst inklusive kostenlosem Frühstück zur gewohnten Zeit vor acht an. Derzeit nutzen ihn rund 30 Kinder. Zudem sei die halbe Stunde Extraschlaf ein sorgsam austarierter „Kompromiss zwischen Psychologie und Realitätssinn“: Lang genug, um im dunklen Winter bei Tageslicht zur Schule zu gehen, kurz genug, um „Platz zum Stauchen“ des Stundenplans zu lassen, wie sie es nennt.

Statt den Unterricht zulasten des freien Nachmittags en bloc zu verschieben wurde die Mittagspause von 75 auf 60 Minuten gekürzt und der Blockunterricht verdichtet. Auch da gab es zwar Einwände von Lehrer-, Eltern-, Schülerseite, erinnert sich die Verantwortliche an den langwierigen Aushandlungsprozess; problematisch sei etwa der Nahverkehr, dessen Fahrplan nicht ebenfalls, wie die Umstrukturierung in schönstem Konsensdeutsch heißt, „kindgerecht rhythmisiert“ wurde. Anders als in Flächenländern wie Baden-Württemberg, wo zum hergottsfrühen Beginn oft ewige Anreisen hinzukommen, ist das jedoch selbst in den Randbezirken des urbanen Raums ein lösbares Problem.

Und so überwiegt im Gymnasium Marienthal, das wegen seines chinesischen Sprachangebots auch entlegene Schüler anlockt, die Freude über 30 symbolische Minuten mehr Zeit, die nicht nur psychologisch nutzen, sondern ganz real. Selbst Christiane von Schachtmeyer genieße es trotz ihrer 52 Jahre „wie ein Teenager, morgens länger für mich zu haben“. Allerdings ist sie sich nun des Neids ihrer Tochter gewiss. Im nahen Schleswig-Holstein beginnt deren Unterricht eine Dreiviertelstunde früher. Arme Nachtigall.

Der Artikel ist vorab bei Zeit:Hamburg erschienen


Schmunzel-Tatort: Tschirner & Ulmen

Super Vergleiche!

Am Weimarer Ermittler-Team scheiden sich die Tatort-Geister. Fans sehen in Nora Tschirner und Christian Ulmen die Rettung des vergreisenden Formats, Kritiker befürchten nachhaltige Verulkung. Fall zwei Der Irre Iwan steckt am Neujahrsabend irgendwo dazwischen – so wie man zwischen diesem Duo Infernale der Schlagfertigkeit steckt, wenn man sich auf ein Interview mit ihm einlässt. Und dann auch noch im Gehen vom Hotel zum Hamburger Hauptbahnhof…

freitagsmedien: Nora Tschirner und Christian Ulmen, zwei Kinostars aus der Fernsehnische wie sie machen öffentlich-rechtliches Abendprogramm. Das ist eigentlich nicht Ihr Biotop oder?

Nora Tschirner: Schon mal falsch. Unser Biotop ist Unterhaltung und als man uns versichert hat, es würde unterhaltsam, haben wir das nachgeprüft und zugesagt. Fertig. Außerdem kannten wir einen der Autoren.

Christian Ulmen: Ich kannte den, nicht du, Tschirner. Mal lieb bei den Fakten bleiben, ja!

Tschirner: Gut, nachdem Christian sich also für ihn verbürgt hatte, war ich auch dabei. Uns beiden ist nämlich völlig wurscht, wo was ist, also privat oder öffentlich-rechtlich. Nicht wurscht ist uns dagegen, was was ist.

Ulmen: Außerdem habe ich großartige Erfahrungen mit Öffentlich-Rechtlichen gemacht. Ob die nun groß sind, eher klein oder sogar Radio, ist da eigentlich egal, denn empfangbar sind die ja alle

Selbst der Tatort, der altgedienten Schauspielern einst als Preis fürs Lebenswerk verliehen wurde, nicht jüngeren in der Blüte ihrer Karriere?

Tschirner: Selbst der. Aber ernsthaft: Wenn du uns mal ansiehst und das, was wir bislang gemacht haben – hast du dann das Gefühl, wir hätten schon in der Schule getan, was wir cool finden oder erst mal alle anderen gefragt, ob die das cool finden?

Letzteres, ganz klar!

Ulmen (lacht): Hat er Recht.

Tschirner: Richtig. Deshalb haben wir uns erst mal von allen bestätigen lassen, wie lässig der Tatort ist und dann zugesagt.

Ist das denn überhaupt ein Tatort?

Ulmen: Selbstverständlich. Steht ja drauf.

Tschirner: Gegenfrage: was ist Tatort generell? Ich hab das Buch gelesen, fand es unterhaltsam, das war’s. Ob und wie wir das nun vorm Internationalen Etikettenschwindelgerichtshof durchkriegen, wird sich zeigen. Aber wir haben Top-Anwälte.

Ulmen: Nora sagt immer alles, was zu sagen ist. Da kann ich dann nur noch zustimmen. Für mich ist der Tatort nicht viel mehr als ein bekanntes Format mit einer noch bekannteren Titelmelodie.

Tschirner: Und die variieren wir darin zur Genüge. [geht bei Rot über die Ampel]: Kommt, das dürfen wir, wir sind bei der deutschen Fernsehpolizei.

War es bei dieser Hauptrollenbesetzung klar, dass es ein witziger Tatort werden würde?

Ulmen: Es gab vorher keine Spezifikation in ernst oder lustig; es gab nur eine Geschichte, die mal lustig ist und mal ernst, genau wie Noras und mein und wahrscheinlich auch Ihr Leben. Die Fette Hoppe ist abgesehen vom Titel kein Comedy-Tatort, sondern so, wie er ist.

Tschirner: Ich finde noch nicht mal, dass es ein sonderlich witziger ist. Er hat einen besonderen Tonfall, an dem man ihn vielleicht von anderen unterscheiden könnte.

In der Art des Tatort Münster.

Ulmen:  In unserer Art. Vergleichen hilft nicht immer, sondern verwirrt eher und wird niemandem gerecht. Außerdem habe ich bis zur Anfrage zu unserem Tatort lange keinen mehr gesehen. Nicht aus Desinteresse oder weil er nicht gefiele, sondern weil er irgendwie meiner Sehgewohnheit abhanden kam, als ich Mitte 20 war. Jetzt ist er wieder da! Heute lade ich mir alles runter, kaufe eine Menge, sehe viel, aber selten im laufenden Fernsehprogramm. Für Fiktion mag ich keine bestimmte Uhrzeit, die hole ich mir runter, wenn ich’s brauche. [Tschirner prustet] Nora, bitte, beachte deinen Humor!

Würden Sie sich eigentlich überhaupt als Humoristen bezeichnen?

Ulmen: Schwer zu sagen. [Ein Kind hält vor Ulmen an, blickt ihm in die Augen, sagt laut Mama und geht vorbei]

Tschirner: Das ist eine Humoristin. Hoffe ich, lieber Christian… Aber so ungern ich mich selber einordne, träfe es das wohl am ehesten; weil ich in diesem Fach am penibelsten, erfahrensten und, ja, am besten bin. Ich halte mich allgemein für eine gute Schauspielerin, aber Humor interessiert mich auch analytisch besonders. Deshalb mache ich das, seit ich vier bin.

Als Klassenclown?

Tschirner: Hab ich versucht, war aber schwierig und ging meist in die Hose. Bei meinem wichtigsten Karriereschritt war ich schon 16, da haben meine Cousins zum ersten Mal über einen Witz von mir gelacht.

Ulmen: War bei mir genauso.

Tschirner: Im Ernst?

Ulmen: Ja. Erst als Noras Cousins über meine Witze gelacht haben, wusste ich: du hast es geschafft.

Tschirner: Witzig. Aber für Frauen ist es vielleicht auch schwerer, mit Humor zu landen. Einfach, weil es so wenige davon gibt, die es wegen ihres Eitelkeitsstockes im Arsch überhaupt mal versuchen. Wir sind eben oftmals lieber niedlich, süß und duftend, als den Inhalt vors Äußere zu stellen, was von der Gesellschaft auch nach Kräften gefördert wird.

Ulmen: Wobei Nora ja nun wirklich niedlich, süß, duftend und dennoch witzig ist. Weibliche Figuren des Humors wie Cindy aus Marzahn oder Marlene Jaschke steigen dagegen sehr bewusst aus der Attraktivitätskiste, um in der männerdominierten Comedy nicht nach anderen Maßstäben bewertet zu werden.

Es gäbe da noch Martina Hill und Anke Engelke.

Ulmen: Stimmt. Aber das war’s dann.

Tschirner: Super Vergleiche, läuft gut für mich.

Läuft es auch im ernsten Fach oder ist das nach ein paar Jahren im Filmhumor irgendwann unbetretbar?

Tschirner: Das würde voraussetzen, dass es mich strategisch in ein „rein ernstes Fach“ zieht. Tut es aber nicht. Mich interessieren gute Drehbücher, und die sind bislang vorwiegend heiter. Komischerweise spiele ich in England und Spanien melancholischere Rollen. [zu Ulmen] Sag mal, liest du Zeitung?

Ulmen: [blättert beim Gehen in der FAZ] Überhaupt nicht.

Tschirner: Hah! Aber ehrlich: Für mich ist das alles eins, hat mit Timing, Tonfall, Ausdruck zu tun, und solange es nicht dieser typisch deutsche Klamauk ist…

Keinohrhasen zum Beispiel.

Tschirner: Moooment! Das war nicht nur Klamauk. Was ich meine, ist dieser Loriot-Humor, der seinen Witz ganz fein am Ernst des Lebens entlang sucht. Davon gibt es bei uns viel zu wenig, weil man hier glaubt, zwischen „alles komisch“ und „alles ernst“ müsse grundsätzlich entscheiden werden. Ziemlich beste Freunde wäre in Deutschland unmöglich. Filme, mit starken Opfern, sympathischen Fieslingen – alles schwierig. Aber Keinohrhasen ist z.B. nicht nur ulkig, da gibt es…

Ulmen: Da haben Sie jetzt ein Fass aufgemacht.

Tschirner: Nee… Ja… Hihihi. Aber ernsthaft – der hatte jawohl Facetten. 

Und ein gutes Drehbuch, was hierzulande als größter Mangel gilt. Spielen Sie im Tatort stur nach Vorlage oder ist vieles das, wonach es oft klingt: Improvisation?

Ulmen: Nein, nein – alles vom Blatt gespielt.

Tschirner: Ein gutes Skript inspiriert Schauspieler dazu, an den Schrauben zu drehen. Diesen Vorgang „Improvisation“ zu nennen ginge zu weit.

Ulmen: Aber sie ist schon dabei; in den Stellproben ist da einiges entstanden.

Tschirner: Aber das sind Weiterentwicklungen.

Ulmen: Keine echten Veränderungen.

Wenn man Ihnen so zuhört, scheinen Sie sich nicht nur ewig zu kennen, sondern auch blind miteinander zu funktionieren.

Tschirner: Deshalb kommunizieren wir auch absolut ausgewogen und lassen einander gleichermaßen zu Wort kommen. [Ulmen dreht sich lachend weg] Was?!

Ulmen: Wir können das Timing des anderen gut einschätzen und sagen uns offen, wenn etwas zu ändern ist.

Tschirner: Und wir haben eine große Humorkongruenz.

Ulmen: Humor… was?

Tschirner: Neulich waren wir zum Beispiel gemeinsam bei Dalli Dalli und haben uns die ganze Zeit beeiert. [zu Ulmen] Nee, jetzt geht der auch noch telefonieren. Christian! Wir haben jetzt allerdings keine klassische Freundschaft, eher eine sporadische, dann aber intensive Verbindung, die schon mal zu ewigen SMS-Dialogen führt oder stundenlangen Gesprächen im Wohnwagen, wenn uns irgendwelche Dreharbeiten zusammenschmeißen. Aber wir gehen nicht ständig abends einen trinken und wälzen Probleme.

Sie haben also nicht gleich um ein Gespräch gebeten, wie bescheuert es für vernunftbegabte Wesen ist, für den Regenwaldabholzer McDonalds Werbung zu machen?

Tschirner: Na, zum Glück kommt Christian bis jetzt ganz gut ohne Mutti-Einmischungen von mir über die Runden. [Wieder Richtung Ulmen] Jetzt könnte er mal auflegen oder? Ey, hier ist grad Termin, kein Privatleben.

Das Sie beide im Übrigen sehr gekonnt vor den einschlägigen Medien verbergen.

Tschirner: Ja.

Ist das ein Kampf.

Tschirner: Kampf klingt, als würde man ständig in Kriegsbemalung rumlaufen. Ich betrachte es eher als Sport, manchmal erschöpfend, aber ich bin darin mittlerweile so gut, dass ich easy alle Flanken in den Strafraum Volley abwehre. Deshalb merken langsam selbst die dümmsten Boulevardmedien, dass mit der Tschirner nix läuft. Und wenn sie es doch versuchen, was ich grundsätzlich legitim finde, hab ich halt meine 200.000 Antworten parat.

Ulmen: [kommt zurück] Und das, wo sie so introvertiert ist.

Haben Sie eine generelle Berührungsangst zum Boulevard?

Tschirner: Er hat seine Daseinsberechtigung, aber es gibt Unterschiede im Tonfall, weshalb ich mit Redaktionen ungern rede, sobald sie zur Häme neigen. Häme kann ich nicht ab.

Ulmen: Wer ungefragt fotografiert und intime Momente veröffentlicht, ist ein Sausack und gehört verklagt. Es gibt aber auch Boulevard-Geschichten, die Stil haben und sehr gut unterhalten.

Tschirner: Blöd nur, dass man ihm nicht den kleinsten Finger reichen darf.

Ulmen: Das Absurde juristische Argument geht so: Wer einmal irgendwo in einem Interview eine Bemerkung aus dem Privatleben fallen lässt, der habe seine Intimsphäre zum öffentlichen Interesse gemacht und müsse fortan in kauf nehmen, dass  in seinem Privatleben recherchiert und fotografiert würde. Das führt dazu, dass man sich permanent auf die Zunge beißt und tolle, passende Anekdoten aus dem Kinderzimmer zurückhält. Bislang habe ich nicht mal das Geschlecht meines zweiten Kindes verraten. Das nervt. Ich möchte selber entscheiden dürfen, was ich öffentlich mache und was nicht. Wenn du auf einer Gartenparty deinen Nachbarn von deinen Hämorriden erzählst, haben die ja auch nicht das Recht, dir fortan in den Hintern zu fotografieren. Ich würde manchmal gern mehr erzählen.

Zum Beispiel, ob Sie sich schon mal geküsst haben.

Tschirner: Haben wir. Filmisch. Wild rumgeknutscht sogar, in FC Venus.

Ulmen: So, das war’s. Schluss mit den Intimitäten. Und wenn Sie mehr über meine Rolle als Regenwaldabholzer wissen mögen, so sprechen Sie mich nächstes Mal einfach drauf an, so als vernunftbegabtes Wesen und mutiger Journalist.

Sie haben ja ständig telefoniert, als die Frage kam.

Ulmen: Trotzdem entstünde da vielleicht sogar ein Dialog. Jetzt müssen wir aber auch erstmal wieder los. Bis andermal!