Chungking, Andreya Triana, Mikal Cronin,

Chungking

Ein Rauschen, Flimmern, Flehen, ein Wispern, Hauchen, Zittern – schon Alternative, noch Pop oder umgekehrt? Auch auf ihrem dritten Album zelebrieren Chungking den Zauber des Ungewissen mit einfachen, zugleich vertrackten Mitteln. Getragen von der meist verhuschten, gelegentlich aber auch kratzigen Stimme von Jessie Banks, die das Trio aus dem engischen Brighton auch musikalisch gestaltet, wirkt Defender wie eine permanente Selbstverleugnung eigener Stärken – bis dann immer wieder mal scheppernde E-Gitarren oder mystische Orgeleinsätze unter die zurückhaltenden Arrangements gerate und aus der Platte das machen, was sie womöglich gar nicht ein will: Pop.

Ein independenter zwar, der seine Wurzeln spürbar in früher Elektronica der späten Siebziger hat und ein bisschen im Wave der anschließenden Achtziger, aber trotz aller Moll-Sounds und Spielereien auf gängige Harmonien baut, mit ziemlich gelungener Syntax. Das klingt manchmal leicht verstörend, als hätte sich Helen Schneider in die Italo-Disco der Neunziger verlaufen, macht aber fast immer ein gutes Gefühl, anspruchsvoll sediert zu werden. Macht keinen Spaß, aber Freude. Und das ist doch schon mal was, im R’n’B-Zeitalter.

Chunking – Defender (Black Volta)

Andreya Triana

Erstaunlich nur, dass Stellar sich die Kernsubstanz zeitgenössischer Dancefloor-Versorgung verkneift: Rhythm and Blues. Das könnte daran liegen, wie ausgelutscht die zeitgenössische Soul-Variante ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass von den wenigen, die dem saftigen Hitparadengesülze noch etwas Griffigkeit entlocken, eine grad ihr zweites Album veröffentlicht: Andreya Triana. In L.A. produziert, ist Giants wie sein fabelhafter Vorgänger Lost Where I Belong vor fünf Jahren ein herausragendes Stück Nu Soul, der den meisten ihrer zwölf neuen Songs eine Innigkeit verleiht, die gelegentlich für Gänsehaut sorgt.

Dafür braucht sich die Londonerin nicht mal auf ihre geschmeidige Stimme zu verlassen; ausschlaggebend ist vielmehr ein exzellentes Songwriting, das einem gefühligen Liebeslied à la That’s Allright With Me die gleiche Tiefe verleiht wie der energischen Motown-Reminiszenz Keep Running. So viel Kraft und Niveau hatte der missbrauchte R’n’B zuletzt, als sich der weiße Gangsterrapper Plan B als Strickland Banks ein paar Jahrzehnte zurück nach Detroit beamte. Andreya Triana hingegen bleibt trotz aller Nostalgie voll im Hier und Jetzt verwurzelt.

Andreya Triana – Giants (Counter Records)

Mikal Cronin

Ganz am Gestern hingegen scheint sich Mikal Cronin zu orientieren. Abgesehen von den frühen Pixies und den späteren Foo Fighters orientiert sich vermutlich kein Künstler der Gegenwart so offenkundig an Hüsker Dü, den abgedankten Gründervätern des gediegenen Alternative Rock. Wie seine Urahnen aus Minnesota paart der kalifornische Singer/Songwriter den schreienden Lärm postpunkiger Gitarren mit einem weichen, fast einschmeichelnden Organ, das sich gern mal geigenumflort übers Indiepopgeschredder legt wie ein alte Schmusedecke. Dennoch unterscheidet den Endzwanziger mehr vom fast doppelt so alten Hüsker-Kopf Bob Mould als ein Vielfaches mehr an Haaren.

Mikal Cronin ist nicht nur seine eigene Band, sondern ein ganzes Orchester. Von mal schleichenden, mal schreienden Gitarren übers gesamte Blech bis hin zu den Streicharrangements spielt er auch auf der dritten Platte alles alleine ein. Der Titel MCIII mag daher für Kürzel plus Albumzahl stehen; die römische 1103 symbolisiert auch das Repertoire des Multiinstrumentalisten, das gleichsam einen Pop generiert, der trotz wild gerührter Stilelemente von Folk über Klassik bis Hardcore echtes Singer/Songwriting ist. Meist ein grandioses.

Mikal Cronin – MCIII (Merge Records)

 


Anna Schudt: Provinzküche & Pott-Tatort

Ich bin kein Ausbrechertyp

Anna Schudt, das ist doch die unscheinbare, fast spröde, seltsam schöne, jedenfalls unfassbare Große mit den blonden Haaren aus dem Dortmunder Tatort. Interview mit einer Schauspielerin, die selbst belanglose Provinzkrimikost wie Mordshunger (18. Mai, 20.15 Uhr) im betulichen Blümchenkleid mit Leben füllt, sonst allerdings fast immer interessante Persönlichkeiten mit noch interessanteren Brüchen spielt.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Ich weiß nicht, ob ich das System Mordshunger verstanden habe – aber ist die Reihe nun Komödie, Krimi, Milieustudie oder von allem etwas?

Anna Schudt: Also genau weiß ich es auch nicht, in welches Genre man sie einordnen sollte. Komödie sicher nicht, dafür sind die Figuren und ihr Humor zu skurril. Krimi auch nicht, dafür werden die Fälle zu unsauber gelöst. Und Milieustudie, weiß nicht… Vielleicht Groteske?

Mit Ihrer Figur als junge Miss Marple?

Dafür empfindet sich Britta Janssen zu wenig als Ermittlerin, geschweige denn als Detektivin. Sie ist die Schwester des Polizisten, bei der die privaten Fäden zusammenlaufen, wodurch sie andere Informationen bekommt als er. Ihr bauernschlaues Interesse an menschlichen Zusammenhängen hilft bloß bei der Aufklärung.

Und welche Rolle spielt das Kochen dabei?

Eine sinnliche. Es steht für ein warmes Mahl, das die Menschen am Küchentisch zusammenbringt. Den Leuten soll der Mund aufklappen – vor Hunger und Erstaunen. Ein gutes Rezept ist wie ein guter Kriminalfall, mit verschiedenen Zutaten, die man förmlich entlarven muss, um daraus eine Delikatesse zu komponieren.

Sie kochen selbst auch gern?

Sehr gern.

Sind Sie dabei eher die entlarvende, experimentelle Köchin oder die rezepttreue?

Beides. Experimente sind toll, aber unterschätzen Sie nicht den Zauber des Gewohnten. In beiden Fällen ist die eigene Familie ein guter Ratgeber. Meine zwei Jüngsten sind vier und zwei Jahre, wobei der eine extrem picky ist und fast gar nichts probiert, während der andere alles will. Das macht natürlich mehr Spaß – so wie es mir übrigens Spaß macht, die Köchin Britta zu spielen.

Warum haben Sie die Rolle überhaupt angenommen? Beim Kriminalist sind Sie doch ausgestiegen, weil Sie sich von der Reihe unterfordert gefühlt hatten.

Das ist inzwischen zehn Jahre her, da hatte ich gerade mit dem Drehen angefangen. Und „unterfordert“ ist auch nicht der richtige Begriff, weil es dann ja gerade ein Ansporn sein müsste, um daraus etwas Eigenständiges zu entwickeln. Ich kam damals vom Theater und sah ein Potenzial, das nicht ausformuliert wurde. Das lag aber auch an mir selbst.

Beim Dortmunder Tatort war das anders?

Da hab ich meine Bedenken Reihen gegenüber abgelegt, aber auch dafür war unglaublich viel Arbeit vonnöten, um Martina Bönisch plastisch zu machen. Ist es noch. An Mordshunger dagegen hat mich gereizt, dass meine Rolle sympathisch, fröhlich und bunt ist mit ihren Blümchenkleidern. So werde ich sonst nicht besetzt, das war ein angenehmer Ausbruch.

Ist Ihnen persönlich denn die Tatort- oder die Mordshunger-Figur näher?

Ich würd’s mal so sagen: Die Tristesse fällt mir leichter, weil ich zu den Schauspielern gehöre, die Figuren als einfacher zu spielen empfinden, die weiter von einem selbst weg sind.

Abstrahieren fällt leichter als Abschöpfen?

Abschöpfen ist langweiliger, weil erst die Suche nach verborgener Wahrhaftigkeit aufregend ist. Die zu finden, ist bei Figuren mit viel Reibung anspruchsvoller. Trotzdem finde ich auch Britta spannend, die mehr mit mir gemeinsam hat als Martina.

Diese Britta sagt an einer Stelle, Sie würde gern mal alles hinter sich lassen – kennen Sie dieses Gefühl oder ist das ein Landei-Syndrom?

Also davon abgesehen, dass sie das sagt, um ihre Gesprächspartnerin zu ködern, möchte ich selbst niemals irgendwas, geschweige denn alles auf Zwang hinter mir lassen. Natürlich hat es seinen Reiz, sich mal völlig neu zu definieren; aber das tut man in meinem Beruf ohnehin ständig, weshalb ich keinen Fluchtimpuls habe. Zumal ich jetzt auch keine 15 mehr bin und auch keine 35 mehr. Ich bin kein Ausbrechertyp – außer vielleicht einer aus Rollenklischees.

Dennoch spielen Sie seit geraumer Zeit vordringlich Krimis. Warum?

Zum einen, weil es wahnsinnig viele davon gibt, und zum anderen, weil ich dafür gern angefragt werde. Liebhaberinnen springen mir scheinbar nicht aus dem Gesicht.

Wächst da der Bedarf, das mal machen zu dürfen?

Nö. Ich würde höchstens mal gern und öfter historisch drehen. Andererseits mache ich nach wie vor viel Theater, was oft im Kern historisch ist. Ich werde da schon ausreichend befriedigt. Aber ich würde schon wahnsinnig gern mal auch im Film so was wie Elisabeth II. spielen.

Cate Blanchett – starkes Vorbild…

Mit der möchte ich mich nicht vergleichen, aber gut – warum nicht.


Tocotronic: Popkultur & Relevanz

TocoFette Heringe

Wohl keine andere Band hat die deutsche Popkultur seit Kraftwerk mehr bereichert als die Hamburger Musterschüler Tocotronic. Pünktlich zum elften Album feiert nun ein opulenter Bildband 20 Jahre Studioplattengeschichte. Das ist ein bisschen zu fett für die drei Heringe aus Hamburg und doch genau richtig.

Von Jan Freitag

Was in einer Hansestadt von Gewicht ist, hängt selten mit Gramm und Kilo zusammen. Gut, in München oder Köln, den absolutionskatholischen Epizentren rheinisch-fröhlicher bis hedonistisch-bayerischer Selbstgerechtigkeitsbeben bringt man gern mal mehr auf die Waage, um oben mitzuspielen. Millowitsch? Zwei Zentner. Strauß? Locker drei. Karneval? Vier Promille. Bierzelt? Schon mal fünf. In Hamburg hingegen pflegt man lieber das Distinktionselement der Askese, als allzu physische Präsenz. Quinn, Lindenberg, Albers, Kabel und erst die Honoratioren Schmidt, Voscherau, Dohnanyi: alles eher Heringe im Wellenbad der Weltstadt.

Hier herrscht halt Understatement, Effizienzethik, Demut – und dann das: Fünf Pfund Hochglanzpapier, verteilt auf 384 Seiten mit noch mehr Bildern, knallrot wie die Mao-Bibel, wuchtig wie eine von Gutenberg: Tocotronic, kulturell das wichtigste Schwergewicht der Region seit Brahms, feiern 20 Jahre Debütalbum. Und sie tun es mit einem Bildband im Coffee-Table-Format. Fett!

Fett?

Kein Attribut könnte das Trainingsjackengeschwader der systemkritischen Poplinken unzutreffender beschreiben als dieses. Fett, das waren im Musikbiz andere, die Athleten, die Househopser – physisch, psychisch, dramaturgisch. Fett war Rave, der damals die Rückkehr des Rock zur Disco bezeichnet hatte, dann die Aneinanderreihung von Monstertrucks zu Liebesparaden. Fett waren Eurodance und Hair Metal und Big Beat und MTViva und überhaupt die ganze entpolitisiert feiernde Jugend jener Tage, als deren Antithese Tocotronic Anfang der Neunziger aus den Ruinen musikalischer Independenz aufgestiegen ist.

Rein körperlich war das Trio spindeldürr und linkisch, zwar irgendwie exaltiert, aber sonderbar unterschwellig, so profan wie politisch, alltagslyrisch und philosophisch, alles in einem und nichts davon oder wie es Jens Balzer im Vorwort zu besagten fünf Pfund bebildertem Papier ausdrückt: „Die schönste und klügste und bewegendste Gruppe, die dieses Land in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat.“ Und das ist dann doch mal einen Folianten dieser Größenordnung wert.

Er heißt Tocotronic Chroniken und ist laut Autor weniger Biografie als Montage. Eine Installation dreier Leichtmatrosen in Motto-Shirts, die dank großer Beharrlichkeit und zeitloser Originalität längst auf der Kommandobrücke des deutschen Diskursrocks stehen, von der „Mithüpfband zur Zuhörband“ gereift, wie ein Kritiker schrieb. Wer Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank als erstere erlebt hat, wird sich beim Durchblättern abermals wundern, wie das passieren konnte, was da passiert ist. Ende 1993 etwa, als sie es in einer Genossin namens Rote Flora wagten, zu kreischenden Rockriffs von der Freundin (und ihrem Freund) zu singen statt der Revolution (und wie man die hinkriegt). Auf Deutsch! In bunter Kleidung! Eher beschleunigter Powerpop als ortsüblicher Hardcore!  Die anwesenden Autonomen im dampfenden Keller wirkten spürbar irritiert und repräsentierten damit eine Haltung, die der Band aus dem Eimsbütteler Bunker bis heute entgegenschlägt.

Selbst zu viert mögen Tocotronic plus Rick McPhail weniger wiegen als jedes Mitglied von Grönemeyers fantastischen vier Ärztehosen: Seit dem unausgereiften Debüt Digital ist besser hat fast jedes Album was Bleibendes in der popkulturellen Ikonografie hinterlassen. Ihr dadaistisches Songwriting ersann so viele Bonmots, dass selbst Feinde wie die FAZ Teil dieser Jugendbewegung sein wollten, deren Texte von Lowtzows Textzeilen nur so strotzen. Ihre Ästhetik füllt die Kleiderschränke einer ganzen Generation Großstadtslacker. Ihr androgyner Habitus ist bis heute stilbildend. Und auch Das rote Album, Platte Nummer elf, setzt musikalisch Maßstäbe.

All dies ist nicht nur in den vorigen 20 Jahren singulär, es hat also spielend Potenzial für 384 Seiten Hommage. Strikt entlang der Platten (und gottlob ohne die üblichen Kinderfotos) erzählt, sagen sie viel über Tocotronic, aber auch ihre Zeit an diesem Standort: Hamburg. Als die Band 1993 hier entstand, war keine Stadt vergleichbarer Größe mehr vom Rückzugsgefecht des popkulturellen Anspruchsdenkens betroffen. Doch just, als die unkommerzielle Club- zur Eventkultur aufpoliert wurde, kombinierten junge Bands von Huah! bis Blumfeld NDW so erfolgreich mit Garagenrock, dass daraus ein Sammelbecken selbstironischer Systemanlysten entstand: die Hamburger Schule, in der Tototronic noch 1995 neu waren, bald aber den Ton angaben. Vor allem im Klassenzimmer Heinz Karmers, wo die Band bis zum Abriss fast im Wochenrhythmus Familienfeste gab.

Weil aber nicht nur Freunde und Verwandte mitfeierten, sondern eben jener popkulturelle Mainstream, dem die drei Diskursrocker leidlich kostümierte Verachtung entgegenbrachten, vollzog die „intellektuellste Boygroup Deutschlands“, wie sie ausgerechnet die verhasste Springerpresse lobte, den Wandel zur Erwachsenenband. Trainingsanzüge, WG-Ästhetik und Erste Person Singular wanderten ins Archiv der Nachwendegesellschaft und machten Platz für poetische, oft kryptische, doch unverblümte Systemkritik. Aber hier leben? Nein Danke! Was Tocotronic 1999 auf K.O.O.K. andeuteten und drei Jahre später mit dem Weißen Album vollendeten, war kein Kurswechsel, sondern radikale Abkehr. Und die Überraschung, fast ein Wunder: In den Jubelchor des Feuilletons stimmte niemand geringeres ein als das Publikum!

Es ließ sich sogar etwas gefallen, wovon andere Gassenhauer-Lieferanten nur träumen: Als Schall & Wahn vor fünf Jahren sensationell die Hitparade anführte, standen im Übel & Gefährlich vielleicht zwei Klassiker auf der Set-List. Der Rest war Politlyrik von heute, die verlässlich einstellige Chartsplätze erreicht und dennoch zum hartlinken Soundtrack von Deutschland du Opfer! bis Recht auf Stadt taugt. Man kann das in Balzers Chroniken nachlesen, dem Kompendium einer Band, deren Erfolg – gerade in dieser Permanenz – noch immer virtuell erscheint. Spindeldürr sind sie noch immer. Nur wiegen sie längst mehr. Viel mehr.

 Jens Balzer, Die Tocotronic Chroniken, 384 Seiten, Blumenbar, 49,90 Euro; der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/tocotronic-bildband-chroniken-20-jahre-studiogeschichte


Breaking News & Beef-Buddies

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

4. – 10. Mai

Um Medien zu füllen, lernen Journalisten schon zu Beginn ihrer Ausbildung, gibt es grundsätzlich genügend Inhalt. Egal, was also in der Welt Aufregendes vor sich geht: Blättern, Sendern, Blogs und Foren ist es herzlich egal, welche Relevanz Nachrichten haben; berichtet wird immer, unablässig, mit allen Mitteln. Nun war auch die vorige Woche nicht grad arm an Breaking News, wie wirklich relevante Neuigkeiten genannt werden. NSA, Bahnstreik, Britenwahl, Kita-Ausstand, alles Dinge von weitreichender Konsequenz.

Für viele Medien aber waren die durchbrechenden Neuigkeiten folgende: Englischer Thronfolger wird wieder Vater! Christian und Bettina Wulff sind wieder ein Paar!! Bayern hat verloren!!! Und dann auch noch das: Es gibt eine Fischer-App, aber nicht zum Thema Fangquoten oder Joschka, sondern Helene, die mit der Dauerwerbesendung im Ersten Programm. Sonst noch was? Ach ja: Big Brother läuft künftig bei Sixx und die artverwandte Axel Springer AG bringt allen Ernstes ein frisches Kunstmagazin raus.

Es heißt Blau, was explizit kein Verweis darauf sein soll, dass der digital ausfransende Verlagskonzern sich ganz analog besoffen hat, um mit einem derartigen Nischenprodukt aus Papier auf den Markt zu gehen. Es zeigt allerdings, wie man den Rausch des Erfolgs in Ideen umsetzt, statt in duckmäuserische Krisenverwaltung. So gesehen muss man Konzern-Chef Döpfner glatt mal dankbar sein. Dafür zum Beispiel, ausnahmsweise nichts Populistisches mit Blut, Schweiß und Tränen in die Welt zu entlassen, sondern Anspruch und Niveau.

0-FrischwocheDie Frischwoche

11. – 17. Mai

Dass beides auch gemeinsam funktioniert, zeigt die erotische ZDF-Reihe hautnah heute zum Auftrag um 22.15 Uhr. Rob Epsteins Biopic Linda Lovelace leuchtet das Leben des berühmten Pornostars aus – und somit die Abgründe einer gnadenlosen Branche. Auf dem Feld sexueller Missstände geht es tags drauf bei Arte weiter. Ein Themenabend stellt die Frage, „wie homo-feindlich ist Europa?“ und gibt wenig verblüffende, aber entlarvende Antworten, die meist auf „sehr“ rauslaufen. Mit spielerischer Leichtigkeit dagegen geht Xavier Dolan an Sexualität heran. Gerade mal 26, hat der kanadische Wunderregisseur bereits sechs Filme gedreht (und verfasst), die wie Mommy 2014 in Cannes, regelmäßig für Furore sorgen. Mittwoch zeigt Arte nun sein preisgekröntes, nun ja, Frühwerk Laurence Anyways um einen Mann und die Geschichte seiner Geschlechtsumwandlung – ohne Pathos geschildert, ohne falsche Empathie, einfach so, wie’s ist. Brillant.

Das gilt auch für das, was Dolans Genialitätsgenosse Orson Welles 1938 zustande gebracht hat. Den nationalen Ausstand mit einfachsten Mitteln nämlich, als sein Hörspiel War of the Worlds Millionen Radiozuhörer in den Glauben versetzte, Amerika werde von Aliens angegriffen. Eine fabelhafte Arte-Doku zeigt Dienstag um 23.10 Uhr, wie viel Dichtung darin lag und wie viel Wahrheit. Diese zwei Pole sind es übrigens auch, die eine reale Bedrohung seit mehr als 100 Jahren verkompliziert: Zum 50. Jahrestag der deutsch-israelischen Freundschaft skizziert 3sat bis Mittwoch den Nahostkonflikt in all seinen Facetten. Etwa mit der Doku 5 Broken Cameras (Dienstag, 23 Uhr) über einen Palästinenser, der seinen Sohn beim Aufwachsen filmen wollte, das Objektiv dann aber doch auf jene Mauer richtete, die Israel mitten durch sein Dorf hochzog.

Bei soviel Ernst kann man getrost mal die Leichtigkeit des Seins ausloten. RTL tut das auf Nitro ab Donnerstag (19.50 Uhr) gewohnt ignorant, wenn das ästhetisierende Fleischfressermagazin Beef! vom Kiosk auf den Flatscreen expandiert. Andernorts wird eine Ecke beleuchtet, die unter der schlichten Fassade von großer Vielschichtigkeit. Es geht um den spät entdeckten Laienschauspieler Peter Heinrich Brix, dem der NDR zum 60. den ganzen Donnerstagabend widmet. Auf den neuen Frankfurter Tatort zu verweisen, der mit Wolfram Koch und Margarita Broich (die sich am gleichen Tag um 22.30 Uhr im WDR um einen WG-Platz bei Götz Alsmann bewirbt) endlich mal wieder ein Team ohne Star-Appeal einführt, ist da kaum noch der Rede wert.

Anders als die Wiederholungen der Woche, passend zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. In Schwarzweiß (Montag, 23.40 Uhr, MDR) zeigt der tschechische Film Das höhere Prinzip über den Nazi-Terror in Prag nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, wie revanchistisch die BRD 1960 war: Der Film durfte wegen „Deutschfeindlichkeit“ erst fünf Jahre später gezeigt werden. Ohne Zensur kam 1980 István Szabós“ Farbdrama Mephisto ins Kino, das Klaus Maria Brandauer als genialischen NS-Mitläufer Gründgens (Sonntag, 22.55 Uhr, BR) feiert.


Club-Mausoleum: Mojo (1989-2003)

mojo-540x304Alternative aseptisch

In seiner Blütezeit war das Hamburger Mojo (Foto: CC BY-SA 3.0) der beliebteste Musikclub Deutschlands, Zentrum alternativer Partykultur, nicht sonderlich schön, aber unvergleichlich. Sein Nachfolger ist da schon schöner – und ziemlich steril.

Von Jan Freitag

Es hätte symbolhafter kaum sein können für diese Stadt, ihre sieche Clublandschaft, das Erbe kulturpolitischer Grausamkeiten: ein Loch. Und nicht irgendeines, nein – groß wie ein Fußballplatz, tief wie die Hölle, voller Kräne bis zum Himmelsrand. Gigantisch war es, kaum zu stopfen und wurde doch verfüllt. Erst mit zwei tanzenden Türmen, dann mit etwas, das zwar Mojo-Club heißt, aber kein Mojo-Club ist.

Elf Jahre ist es nun her, dass Hamburgs seinerzeit berühmtester Tanzsaal seit dem seligen Star-Club dicht machte, und noch heute überkommt einen dieses schmerzhafte Gefühl der Leere. Denn ungefähr da, wo heute zwei futuristische Hebetore in den abgesenkten Tanzkeller von Ex-Weltruf führen, befand sich einst ein begehbarer Präsentierteller. Er nannte sich “le café abstrait” und irgendwas mit “lounge”, als der Begriff bereits seinen lässigen Sound Richtung Mainstream zu verlassen drohte. Der Glaskasten war ein Vorposten des Mojo Clubs, wo neue Klänge, die die Hansestadt bis dato nicht kannte, zu hören waren: Dancefloor Jazz, Acid House, Triphop. All sowas in einer Institution, die 1989 schon Club hieß. Damals, als man damit hierzulande noch Sportverein und Billardtisch assoziierte.

Gegenüber, hinter kalten Betonsäulen, auch tagsüber rot ausgeleuchtet, stets von aufgereihten Menschenmengen belagert, befand sich der Eingang in die Heilige Halle – über den ich nur ziemlich selten hinauskam. Gleich links war das Jazzcafé mit der gemütlichsten Sicht auf den erwachenden Kiez, die sogar das wärmste Bier der örtlichen Kneipenszene ein bisschen erträglicher machte.

Hier hing man so rum, nur ein paar Meter zum Haupttresen, die Bässe im Rücken. Allein bis zum Klo war es weit, durch einen tiefschwarzen Raum, den so mancher Gast in Hundert Besuchen kaum mal ganz durchschritten hat, weil er zu schmucklos war und stickig, zu wuselig, heiß und fern. Schon bei DJs, mehr noch bei Konzerten.

Irgendwann hat ein gewisser Goldie mal richtig viel Eintritt gekostet, 25 Mark, mindestens, und hinterher wurde hafenweit von dem Abend geschwärmt, als ein zappeliger Partystil namens Drum’n’Bass in die frühen Neunziger wummerte. Das sagenumwobene Goldzahngebiss vom Godfather of Breakbeats zu Gesicht bekamen allerdings nur jene, die sich nach dem Einlass flugs zur Bühne vorgekämpft hatten und ihren Platz für zwei, drei Stunden nicht verließen. Wer sich gegen den sauerstofflosen Saal entschied, sicherte sich also lieber einen Schaufenstersessel mit Blick auf jenen Himmel, den man durch die Panoramascheibe des vollverglasten Separees nur erahnen konnte.

Er schien damals helle auf den düsteren Mojo-Club. Auch, da das Rotlicht ringsum im Laserstrahl des modernen Entertainments verglimmte. Ende der Achtziger bereiteten ja erst VHS, dann HIV aller Ludenherrlichkeit langsam ein Ende. Wo staatliche Vernachlässigung und schießwütige Bandenkriege das Viertel zwei Jahrzehnte lang zur Sperrzone der bürgerlichen Mittelschicht gemacht hatten, entstand eine alternative Partykultur, atmosphärisch befeuert von der besetzten Hafenstraße zwei Blocks weiter zur Elbe.

Peepshows, Spelunken und Puffs wichen Tempelhof, Soul Kitchen und, eben, dem Mojo-Club. In seiner Blüte war er der beliebteste Club im Land, besucht aus allen Erdteilen, Hamburgs missing link zum Londoner Vorbild, mit einer maßgeblichen Plattenserie, die ihren Ursprung überlebt hat. Doch wie so oft war genau dies der Anfang vom Ende. Das Mojo war eben auch eine Marke, bevor ganz Hamburg dazu erkoren wurde, ein Tempel moderner Avantgarde inmitten des beginnenden Wahnsinns verwertbarer Feierlaune. Das einzig wahre Tor zur Welt – und als solcher irgendwann ebenso wenig marktkonform wie der Fünfzigerjahre-Klotz, in dem er sich befand.

Spätestens als 1995 mit dem Top Ten der letzte wirklich krasse Kiezschuppen dicht machte, war das Feld planiert für den hanseatischen Wahn bedenkenloser Renditehörigkeit. Von architektonischen Monströsitäten à la Hadi Teherani, die den Lebensraum Stadt Tag für Tag tiefer ins Glasstahlbad eitler Investorenträume tauchen.

Da ist es kein Zufall, dass die Politberserker der CDU-geförderten Schill-Partei just zu jener Zeit, als der Stararchitekt 2003 sein Tanzturmprojekt vorstellte, den verödeten Spielbudenplatz gegenüber mit einem Riesenschnurrbart an zwei Kränen von Jeff Koons verunstalten wollten. Damals dekorierte sich Hamburg gerade zu einer Art RTL2 deutscher Reiseziele, mit St. Pauli als Shoppingkanal – seelenlos, geldwert, ohne Herz, Hirn, vor allem ohne Sound. Das Hamburger Loch am Millerntor sang exakt davon, als man hineinsah, wie in einen Höllenschlund.

Hier, unter Teheranis Tanzenden Türmen, in denen allenfalls youporn-geprägte Distanzromantiker ein eng umschlungenes Tangopaar erkennen, ist der Mojo-Club zwar auferstanden und heißt sogar so. Aber er ist ein anderer als zuvor, eher hochglänzender PR-Faktor als liebenswerter Fusion-Schuppen. Ein Hot-Spot, so schön wie aseptisch. Hätte schlimmer kommen können. War mal besser. Wie der ganze Kiez.

http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/mojo-club-kulturpolitik-hamburg


Plain White T’s, Mumford & Sons, Parov Stelar

Plain White T’s

One-Hit-Wonder wirken wie Sekundenkleber. Wen so ein Track ins Rampenlicht spült, läuft ihm karrierelang hinterher. Weicht er gar hart vom Kurs ab, wird es gar peinlich. Die Hairmetaler Extreme können davon ein Zackengitarrenlied singen, seit sie (weibliche) Fans ihrer Ballade More Than Words 1991 mit dystopischem Krach aus der Halle spielen mussten. Ähnlich erging es den Plain White T’s. Die Band aus Chicago hatte drei respektable, unbeachtete Platten gemacht, als Nummer vier die Single Hey There Delilah an die Spitze hob. Seither wartet der Mainstream auf mehr Schmusekracher, die das Quintett indes verweigert.

So machen die fünf Freunde weiter folkigen Powerpopn, dem man seit dem Coup von 2007 allerdings das Bemühen anhört, es mehr Menschen als nötig recht zu machen. Auch American Nights kann sich nie recht entscheiden, ob es für quirligen Independent wie im Titelstück steht oder für den Klingeltonmist Pause im Anschluss. Die Wahrheit liegt vor Delilah, als Plain White T’s noch nach sich selbst klangen, nicht wie Mumford & Sons mit mehr Pop im Pathos.

Plain White T’s – American NightsWilder Mind (Megaforce Records)

Mumford & Sons

Mumford & Sons, dieses kometenhaft hochkatapultierte Kollektiv weltstarferner Herzensmusiker aus London, hat selbst genug damit zu tun, den Welterfolg ihrer ersten Platten nicht zum Anlass gezielter Selbstverleugnung zu nehmen. Dass diese ungemein schwierige Mission auf dem dritten Album gelingt, hat je einen guten und schlechten Grund. Letzterer zuerst: Obwohl das Quartett durch den Arctic-Monkeys-Produzenten James Ford spürbar mehr Wucht hat und sogar ein paar verstiegene Synths einspinnt, klingt Wilder Mind fast wie sein millionenfach verkaufter Vorgänger Babel, der dem gefeierten Debüt Sigh No More auch nicht unähnlich war.

http://www.vevo.com/watch/GBUV71500268?syndicationid=bb8a16ab-1279-4f17-969b-1dba5eb60eda&shortlink=b0eX18&country=DE

Was sich wiederum mit dem guten Grund erklären lässt: Mumford & Sons sind in ihrem folkloristischen Crescendo, das nahezu unablässig von gefühliger Lagerfeuerergriffenheit zu impulsivem Stadionkonzertpathos anschwillt, absolut einzigartig. Selbst Durchschnitt wie das westcoastrockige The Wolf trägt Marcus Mumfords kratzige Emotionalität zu großen Pophymnen, die zum Glück gelegentlich in wildem Gitarrengeschrubbel münden, um nicht am Ende doch noch zu verseifen. Jedes Album ein Hit, garantiert.

Mumford & Sons – Wilder Mind (Island Records/Warner)

Parov Stelar

Dass eigentlich jedes Album ein Hit wird, gilt auch für Parov Stelar, wenngleich er sich dafür unterschiedlicher Mittel bedient und der Begriff „Hit“ in seinem Genre ganz anders konnotiert ist als im Analogen. Der emsige Produzent aus dem oberösterreichischen Linz wühlt für seine elaborierte Art Intelligent Dance Music ja grundsätzlich im Repertoire Fremder, das er digitalisiert zu neuer Bestimmung führt. Auf diese Weise hat Marcus Füreder, so sein echter Name, bereits den Boom-Stil Electroswing geprägt.

http://www.muzu.tv/parov-stelar/hooked-on-you-music-video/2378338/

Auf diese Weise schüttelt er auch auf dem sechsten Studioalbum Hip-Hop, House, Jazz, Soul, Big Beat, Funk, Electronic, eigentlich alles, was auf seinen Rechnern lagert, so lang durch, bis daraus ein genuines Stück Stelar wird: Eklektisch, tanzbar, viril, furios von der ersten bis (annähernd) zur letzten Sekunde. Immer wieder durchsetzt von seinem Steckenpferd Charleston macht der DJ jeden Dancefloor zum Ballsaal, als stehe davor eine Big Band, kein Plattendreher. Selbst die verloungte Version des Evergreens Summertime gerät dabei so anschlussfähig, dass er einem voll in die Glieder fährt. Papas Plattenregal ist eine Disco.

Parov Stelar – The Demon Diaries (Island/Universal)


Andrea Sawatzki: Arbeit & Klimawechsel

Humor beugt vor

Mit Anfang 50 ist Andrea Sawatzki anders als viele andere Schauspielerinnen noch immer bestens im Filmgeschäft – auch wenn sie darin zusehends Leiden ihrer Geschlechts- und Altersgenossinnen spielt, vor drei Jahren etwa als wechseljahregeplagte Künstlerin in Doris Dörries Serie Klimawechsel, in der ZDF-Komödie Es kommt noch besser (7. Mai, 20.15 Uhr) als entlassene Sekretärin auf dem Arbeitsmarkt. Ein Interview über Frauen, ihre Probleme, das Alter, die Branche.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Sawatzki, der erste Gedanke beim Anblick einer Serie wie Klimawechsel ist: Oh Gott, sind die Wechseljahre wirklich so furchtbar?

Andrea Sawatzki: Aus eigener Erfahrung kann ich das noch nicht beurteilen. Nach allem, was man aber so von Betroffenen hört, scheint es tatsächlich ziemlich schlimm zu sein. Aber wie die Serie das Thema angeht, ist es natürlich schon ein wenig überspitzt. Zumal es sich darin durchweg um Frauen handelt, die sich auch sonst im Leben verschlossen haben, die zu sehr in der äußeren Welt leben, ihre innere also vernachlässigt haben. Die für diese schwere Zeit der Umstellung also nicht ausreichend vorbereitet sind.

Sind Sie vorbereitet?

Witzigerweise habe ich mich vor dieser Serie überhaupt noch nicht mit den Wechseljahren beschäftigt und selbst als sie mir angetragen wurde nur deshalb zugesagt, weil Doris Dörrie Regie führte. Beim Lesen des Drehbuchs war ich dann umso gespannter und wurde tatsächlich erst dadurch darauf gestoßen, ja gar nicht mehr soweit davon entfernt zu sein (lacht). Deshalb beginne ich aber jetzt nicht gleich mit den Vorbereitungen. Die Serie sagt mir ja ein bisschen, was mich erwartet.

Und Ihr Rezept?

Besteht wohl in einer Art Rückbesinnung, durch welche Höhen und Tiefen man gegangen ist bis zu diesem Zeitpunkt. Und wenn ich mir meine Erfolge und Rückschläge so vor Augen halte, bin ich in meinem Alter so glücklich wie nie zuvor. Weil ich durch das Alter viel gelassener bin als mit 20 oder 30. Da denke ich, es kann sogar nur noch besser werden, egal, ob ich bald oder später in die Wechseljahre komme. Das kann mich nicht erschüttern.

Und andere? Schürt die Serie durch die Groteske, die alle Protagonistinnen durchlaufen, nicht auch Ängste davor?

Nein, nein. Ich glaube dem beugt der Humor darin vor. Er sorgt dafür, dass sich Betroffene eher ein bisschen getröstet fühlen. Und weil er zugleich auf einer gewissen Traurigkeit basiert, muss sich keine Zuschauerin allein fühlen mit dem, was in ihr grad passiert. Das macht ja eher Mut als Angst. Außerdem wird keine der Frauen im Film denunziert, jede versucht in ihrem egoistischen Wahnsinn über diese Zeit irgendwie hinwegzukommen, ohne genau zu wissen, was danach passiert. Durch meine vielen Gespräche mit Frauen in diesem Alter, habe ich nun sogar das Gefühl, dass diese Serie zum Sprechen ermuntert und das Tabu bricht.

Ist es denn noch eins?

Ich glaube schon. Viele Frauen fühlen sich unwohl, wenn sie sagen, sie seien in den Wechseljahren. Die empfinden das als Defizit, und das finde ich schade, weil die Wechseljahre ja auch die Grenze einer zurückliegenden Zeit darstellen, die man aus neuer Perspektive betrachten kann. Sicher – wir können dann keine Kinder mehr kriegen, aber das ist doch fast das Einzige.

Und wer will das noch mit Mitte 50…

Ganz genau. Witzigerweise war ja die Menstruation, also quasi das Gegenteil, auch mal tabuisiert.

Ist das Fernsehen erst jetzt reif, beides zu thematisieren?

Es ist zumindest mal an der Zeit. Auch den Frauen zu sagen: Jetzt geht es erst richtig los! Es geht eben nicht mehr darum, einen tollen Körper zu haben, um von Männern angehimmelt zu werden. Je älter man ist, desto stressfreier wird unser Leben, weil wir eben nicht mehr so aufs Äußere reduziert werden. Wobei – viele reduzieren sich ja selbst auf Schönheitsideale. Den meisten Männern sind die egal, wenn man sie fragt.

Und das glauben Sie?

Tja (lacht). Ich kaufe ihnen ab, dass sie es tatsächlich schön finden, morgens neben einer ungeschminkten Frau aufzuwachen, die womöglich nur sie selbst so sehen können. Diese Intimität, die Tiefe, finden Männer oft viel spannender als Perfektion. Insofern entspannt das Alter. Man macht Bekanntschaften mit Männern, die an einem selbst interessiert sind und Erfahrungen austauschen wollen. Diese Reife setzt ein gewisses Alter voraus.

Nun dürften einige Frauen da draußen sagen: Frau Sawatzki hat ja auch leicht reden, mit Ihrem Äußeren.

Das weiß ich nicht, aber ich habe diesen gelassenen Blick auf meinen Körper auch erst jetzt. Mit 30 war ich geradezu perfektionistisch. Ich habe wahnsinnig viel Sport getrieben zum Beispiel…

Bis hin zur Erwägung gezogen, sich körperlich zu modellieren?

Nicht über Schönheitschirurgie, aber der Schlankheitswahn hatte mich zeitweise voll im Griff. Ich hatte einfach zu wenig Selbstbewusstsein, aber viele Selbstzweifel. Je älter ich werde, desto besser kann ich mich akzeptieren, mögen, desto zufriedener bin ich mit mir. Ich treibe noch immer Sport, aber in Maßen, weil nicht mehr dieser Zwang dahinter steht. Ich bin belastbarer als früher.

Und freizügiger, so scheint es. In Ihren letzten Rollen abseits vom Tatort wie dieser agieren Sie geradezu offenherzig.

Ich hatte damit noch nie ein Problem, weil ich Figuren verkörpere, die eben offenherzig sind und das nicht nur für irgendeinen Voyeurismus inszenieren. In Entführt etwa war ich eine Frau, die absolut schamlos ist und den Körper bewusst einsetzt. Da wäre es falsch gewesen, das nur anzudeuten. Das ist Teil meiner Schauspielerei.

Sie haben da keinen exhibitionistischen Hang?

Nein. Alles, wie es die Rolle vorgibt. Meine Desiree läuft in Klimawechsel irgendwann nur noch mit Männerunterhosen rum und hat schon deshalb überhaupt kein Problem mit ihrem Körper, weil ihr dazu schlicht die Zeit fehlt und die Kraft.

Bieten einem Produzenten mehr freizügige Rollen an, wenn man sie mal gespielt hat?

Gar nicht. So viele Rollen sind es im Fernsehen generell nicht, die auf Kleidung verzichten. Es ist alles eine Frage des Umgangs mit sich, dem Beruf, der Öffentlichkeit.

Auch der ist bei Ihnen eher aufgeschlossen. Mit Ihrem Mann Christian Berkel erwecken Sie nie den Eindruck, rote Teppiche und Kameras zu meiden.

Wenn man sich dort befindet, ist man als öffentliche Person verpflichtet, die Erwartungen an sie im bestimmten Rahmen zu erfüllen. Sonst sollte man sich von roten Teppichen fern halten. Umso mehr ziehen wir uns privat zurück. Da haben wir unseren kleinen Freundeskreis und igeln uns schon mal ein. In der Öffentlichkeit tun wir das nicht.

Haben Sie das mal versucht und bemerkt, dass das nicht funktioniert?

Ja. Deshalb gibt es Veranstaltungen, die wir meiden. Und eine Homestory lasse ich von mir nicht machen, das ist zu privat. Auch meine Kinder werden niemals Teil der Medien sein.

Gab es da je Druck auf Sie?

Das wird akzeptiert. Wenn man als Schauspieler allerdings den ersten Schritt macht und zu viel von sich preisgibt, gibt man dem Boulevard ein Signal, das schwer zu revidieren ist. Das haben wir nie ausgesandt.

Wenn man Sie und Ihren Mann als Glamour-Paar bezeichnet – was sagen Sie da?

Dass das ein bisschen dick aufgetragen ist. Wir sind ein gutes Paar, wir passen zusammen. Ich finde, wir sind eine tolle Familie, ein bisschen verrückt, aber total geerdet.


Ron Jeremy: Pornostar & Schmuddelimage

Der größte Lover aller Zeiten

Auch mit gut 60 Jahren ist Ron Jeremy ein Superstar des globalen Porno. Niemand hat so viele Sexfilme gedreht wie der haarige New Yorker. Für die Goldenen Jahre des Genres steht er daher wie sonst nur Linda Lovelace, deren Leben 2013 verfilmt wurde (11. Mai, 22.15 Uhr, ZDF). Anders als das gefallene Sternchen aus Deep Throat hat es Jeremy allerdings als einer der wenigen Darsteller zu Reichtum gebracht. Porträt eines Getriebenen des lukrativen Treibens.

Von Jan Freitag

Sex und Lüge sind Geschwister. Ob zur Anbahnung, Durchführung oder Nachbereitung erotischer Erlebnisse jeder Art – stets ist die Unwahrheit mit im Liebesspiel des Größerlängerbesserhärterzarteröfter. Und wenn dann noch einer wie Ron Jeremy behauptet, 4000 Frauen im Bett gehabt zu haben, auf Tischen, Stühlen, Bänken, Straßen, Stränden, Stahlträgern, wer weiß wo, dann scheint das Blendwerk perfekt. Mit Schmerbauch, Doppelkinn und ergrautem Schnauzer hat der winzige Kerl schließlich in etwa die sexuelle Attraktion eines Mopsterriers. Und das soll der größte Lover aller Zeiten sein?

Er ist es und Ron Jeremy hat Beweise. Besser: halb so viele wie die Anzahl seiner Gespielinnen und einer steht sogar im Bestleistungskompendium der Welt, dem Guinnessbuch. Mit 1750 Rollen in Pornofilmen ist Ron Jeremy dort verzeichnet und es kommen auch in einem Alter neue hinzu, da viele Männer auf Penetration zu verzichten beginnen. Erst kürzlich gab es wieder einen. Jeremy lacht: „Sobald ich für einen Ständer Viagra bräuchte, ziehe ich mich aus dem Pornogeschäft zurück“. Noch muss er nicht, behauptet er. Wie gesagt: Wir befinden uns im Kosmos der Sexualität, der professionellen zumal. Es ist ein Märchenland. Genau so muss dem 62-jährigen Amerikaner das Leben vorkommen, seine Arbeit, sein Ruhm und vor allem: dieses Stehvermögen. „Bin ich ein verdammter Glückspilz oder was?“, lautet die rhetorisch gemeinte Frage in seiner Biografie, gänzlich unbescheiden mit Ein Mann und viertausend Frauen betitelt, „es ist noch nicht mal Mittag und ich habe schon Sex mit 14 Frauen gehabt“.

Nun ist hier die Rede von Pornografie. Harter Pornografie. Ein System extremer Ausbeutung, an dem zumeist nur eine winzige Minderheit der Beteiligten gut verdient. Und wenngleich Jeremy, in gewisser Weise ihr Uropa, lieber arglos von „Erwachsenenfilmen“ spricht, die ein gigantisches Publikum finden, ist ihr Ruf unterm Strich erbärmlich. Porno steht für Frauenverachtung, Ausbeutung, Verrohung und Warenförmigkeit, für Ekel, Gewalt, ja Prostitution und Unterwelt. Ein Männergewerbe voller Sklavinnen, klagen nicht nur Feministinnen. Ron Jeremy sieht es, nun ja, differenzierter. Und das wirft vor allem auf die deutsche Sexindustrie kein gutes Bild. Hier würden die richtig harten, grenzwertigen, die „perversen“ Filme gedreht, sagt er und tut dies ohne Groll. Sein Credo ist das der Toleranz. Solange kein Zwang herrscht… Dennoch: er selbst mache „nur lustigen Blümchensex“.

In der Tat, denn als knallharter Macho hat er trotz seiner dichten Körperwolle, die ihm den Spitznamen „der Igel“ einbrachte, nie getaugt. Auch nicht zu Beginn seiner Karriere, Ende der Siebziger, als er noch äußerst durchtrainiert war und der Hardcore seinen kurzen Stopp im Mainstream feierte. Werke wie Deep Throat oder Behind the green Door vertausendfachten locker ihre Produktionskosten an den Kassen, Darstellerinnen wie Linda Lovelace oder Marilyn Chambers waren Superstars, „Porn Chic“ katapultierte nicht nur die offene Ejakulation in Frauengesichter auf die Leinwände großer Kinosäle, sondern inhaltsreiche Drehbücher, fürstliche Budgets, reichlich Drehzeit und echte Requisiten an den Set. Porno war angesagt und da kam ein charismatischer Bursche mit grünen Augen und viel Humor aus New York gerade recht, der seinen Höhepunkt perfekt terminieren konnte und mit einem Viertelmeter im Schritt bestückt war. „Fünf Zentimeter … überm Boden“ – so pflegt er die Länge seines Gemächts zu beschreiben. Gern auf Kleinkunstbühnen, die er seit 20 Jahren als Stand-up-Comedian erfreut.

Als er noch Ronald Jeremy Hyatt hieß, wollte der studierte Theaterwissenschaftler und ausgebildete Sonderpädagoge richtige Rollen haben, natürlich. Dass er es am Ende auch vollständig bekleidet in 60 Filme geschafft hat, spricht Bände über den Rang der Pornografie. Die Talkshowtingelei einer Gina Wild oder Jenna Jameson ist dafür so beredtes Zeugnis wie Ron Jeremys Engagement für die Tierschutzorganisation Peta oder zahllose Fotos im Innern seiner Biografie, die ihn Wange an Wange mit Berühmtheiten von Dustin Hoffman bis Sting zeigen. Jeremy ist Kult, ein Klavierspielender Charmeur aus gutem Hause, einer der alten Schule, als Porno noch Niveau besaß. Behaupten seine Fans.

Ihr dienstältester Hengst hat beides erlebt, gestaltet, geprägt: Qualität und Quantität, millionenschwere Überhöhung als Kunstform und milliardenschwere Fließbandproduktion mit standhaften Männern, vor allem aber gefügigen Frauen als Gebrauchsgegenstände einer gnadenlosen Verwertunglogik, die völlig zu Recht den feministischen Zorn auf sich gezogen hat und immer noch zieht. Dank eines Nacktfotos im Playgirl war er 1978 in die Horizontale geraten und aus Rücksicht auf seine jüdischen Eltern ohne Nachnamen liegen geblieben. Sein Kontostand indes ging stetig in die Höhe. Als Ergebnis harter Arbeit, wie er betont. „Wir machen das nicht zu unserem Vergnügen, sondern zu eurem“. Für Romantik sei so wenig Platz wie für privates Liebesglück, das weiß er, das beklagt er, das will er erst ändern, wenn er mal eigene Kinder hat und glaubt doch gleichsam, den Spaß am Sex nie zu verlieren – daheim und am Set. Schließlich hat er eine Mission. „Ich bin doch der lebende Beweis dafür“, sagt der Weltrekordmann und lacht laut auf, „dass jeder Mann eine Chance bei Frauen hat“.

Der Mensch

Ron Jeremy, 1953 als Ron Jeremy Hyatt in New York geboren, hat in mindestens 1700 Pornofilmen mitgespielt, mehr als jeder andere Darsteller. Der studierte Theaterwissenschaftler und Sonderpädagoge ist seit 1978 in der Szene. In über 100 Pornofilmen hat er selbst Regie geführt und in 60 Nichtpornos mitgewirkt, u.a. bei Killing Zoe und Studio 54. Ron Jeremy lebt allein in New York.

Und das Buch

Ron Jeremy – Ein Mann und viertausend Frauen. Die Autobiografie des größten Pornostars aller Zeiten. Mit Eric Spitznagel. 336 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 14,90 Euro


2 Bier – 1 Platte

Marthe-nnekaNneka & Mobb Deep

Sie war Jurymitglied bei Nigerian Idol, hat sich mit Lenny Kravitz und Nas eine Bühne geteilt und tourt gerade durch die USA. Nnekas musikalische Karriere begann aber, als sie mit 19 Jahren nach Hamburg kam. Mit ihrer außerordentlichen Stimme und den meist kritischen, politisch aufgeladenen Songs, ist die 34-Jährige mittlerweile zu einem musikalischen und gesellschaftlichen Vorbild gewachsen. Grund genug, sie (heute mal auf kein Bier) zu treffen, um über eine für sie besondere musikalische Inspiration zu sprechen.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Nneka, welche Platte hat dich und deine musikalische Karriere besonders beeinflusst?

Nneka: Das Album The Infamous von Mobb Deep hat mich besonders zu Beginn meiner Karriere sehr geprägt. Ganz einfach, weil es HipHop ist! Darüber hinaus ist es aber HipHop, mit dem ich mich sehr identifizieren kann. Die Mitglieder der Band waren zu Beginn ihrer Karriere, genau wie ich, noch sehr jung. Sie hatten eine sehr eigene Art ihre Musik zu präsentieren, etwa so wie Nas, aber dann doch sehr individuell und einzigartig.

Mobb Deep sind ein New Yorker HipHop-Duo, das in den 90ern seinen großen Durchbruch feierte. Ihren Rap bezeichnen die zwei selber gern als Reality-Rap, andere würden ihn vielleicht eher unter Hardcore oder Gangster einordnen. Ihre lyrischen Texte und die damit verbundene Fähigkeit, mit einem Wort eine ganze Botschaft zu transportieren, machen sie zu einem entscheidenden Teil amerikanischer HipHop-Geschichte.

Gibt es auf der Platte einen Song, der für dich von besonderer Bedeutung ist?

Da ist dieser Song, Shook Once (Part II). Zu diesem Song habe ich das erste Mal gerappt und den Rap auch aufgenommen. Ich habe dieses Lied geliebt und war sehr stolz auf meine ersten eigenen Aufnahmen.

 

Cause ain’t no such things as halfway crooks

Scared to death, scared to look

Living the live that of diamonds and guns.

There’s numerous ways you can choose to earn funds


Some get shot, locked down and turn nuns.

Cowardly hearts and straight up shook ones, shook ones

He ain’t a crook son, he’s just a shook one.

 

Und das war hier in Hamburg? 

Genau. Ich war damals in einer Band, die Chosen Few Group. Einer der Jungs der Gruppe sammelte CDs und Platten und brachte The Infamous mit zu einemmarthe-mobb unserer Treffen. Da habe ich den Song das erste Mal gehört. Ich war das einzige Mädchen in der Band. Einer von uns hat die Beats gemacht, zwei haben gerappt und ich habe gesungen und gerappt. Ich erinnere mich daran, dass die Jungs immer gesagt haben: Du musst Deine eigenen Texte schreiben! Wenn du mit deiner Musik etwas erreichen möchtest, dann brauchst du deine eigenen Songs, deine eigene Identität!

Wie sehr hat dich die Platte dann beim Entfalten deines eigenen Stils beeinflusst?

Als ich Farhot das erste Mal getroffen habe und anfing, mit ihm zu arbeiten, lag die Platte tatsächlich auch bei ihm rum. Ich erinnere mich, dass ich zu ihm gesagt habe: Wenn wir zusammen Musik machen wollen, dann soll es so klingen wie The Infamous.

Nnekas Durchbruch gelang ihr mit dem von DJ Farhot produzierten Song Heartbeat. Der Hamburger mit afghanischen Wurzeln hat seine Finger aber auch bei anderen Größen wie Patrice, Fettes Brot oder Haftbefehl im Spiel.

Die Produktion von The Infamous hat mich einfach sehr beeindruckt. Die Texte sind sehr selbstbewusst und teilweise aggressiv, gleichzeitig aber melancholisch. Auch die Melodien sind nicht unbedingt so arrangiert, wie es im HipHop heute üblich ist. Man kann hören, dass der Band die Regeln des Songschreibens nicht wichtig waren und sie einfach die Musik gemacht haben, die zu ihnen und ihren Gefühlen passte. Genau diesen Anspruch habe ich auch an meine eigene Musik.

Marthe1Die Anfänge deiner Karriere liegen nun schon ein wenig zurück. Begleitet dich die Platte weiterhin?

Naja, es ist mehr so ein Kommen und Gehen. Besonders, wenn ich mal wieder so in Rap-Stimmung bin, höre ich solche Platten. Die Beats inspirieren mich einfach. Da gehört die Illmatic von Nas dann aber genauso zu, obwohl Mobb Deep schon sehr speziell sind. Auf jeden Fall werde ich sie heute Abend hören, weil wir zwei uns gerade darüber unterhalten!

Das habe ich auch getan und kann sie jedem HipHop-Fan nur empfehlen!

Du hast schon mit unzähligen Musikgrößen zusammen gearbeitet. Gehört eine Kooperation mit Mobb Deep zu deinen Wünschen für die Zukunft?

Nö.

Nö?

Ich weiß nicht, darüber hab ich ehrlich gesagt nie nachgedacht. Mobb Deep habe ich noch nie getroffen und das eine Konzert, was ich besuchen wollte, wurde aus Krankheitsgründen abgesagt. Das ist eine tolle Combo und was sie kreiert, inspiriert mich. Obwohl ich seit Längerem nichts von ihnen gehört habe. Sie sind ja nun schon etwas älter, und ihre Musik war schon irgendwie Old School als ich sie regelmäßig gehört habe. Ich hoffe einfach, dass sie noch Musik machen, denn sie sind eine großartige Alternative zum profitgierigen, modeorientierten HipHop von heute.

Mobb Deep machen immer noch Musik. Sie waren unter anderem als Produzenten aktiv und haben 2014 das Album The Infamous Mobb Deep veröffentlicht. Nnekas erste Indie-Album My Fairy Tales ist seit Februar auf dem Markt, im Sommer tritt sie vor allem auf Festivals auf.


Anästhesie & Revanchismus

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

27. April – 3. Mai

Guter Journalismus muss sich lohnen. Nur der Dr. Seltsam unter den Klinikbetreibern, Ulrich Marseille, hat da irgendwas falsch verstanden. Für einen Fragekatalog, den ihm der Spiegel wegen angeblicher Kautionszahlungen an den Pleitemanager Thomas Middelhoff geschickt hat, stellt der Gefolgsmann des koksenden Politberserkers Ronald Schill dem Magazin 199,20 Euro in Rechnung. Ein „guter Preis für wahre Berichterstattung“, erklärt Marseille den Betrag und listet auf: drei Stunden Sachbearbeiter à 34,50 Euro, eine zur Nachrecherche (44,50), dazu Schreibgebühr, Steuern, echt aufwändig.

Ach Gottchen, mag da mancher monieren, für ein derart profitables Unternehmen ist das doch ein Klacks. So was verdienen Anspruchsanästhesisten wie Francine Jordi und Alexander Mazza, die den angeblich altersschwachen Andy Borg ab September beim Musikantenstadl ersetzen, mit jeder Jodeleinlage. Falls die 5. Staffel Homeland nach einem Bericht des Guardian demnächst tatsächlich als erste US-Serie komplett in Deutschland gedreht wird, kriegt der Regisseur für solche Peanuts wohl kaum den Fahrdienst von Babelberg zum Brandenburger Tor. Und wenn der Streamingdienst Netflix seit Sonntag in Chef’s Table den Zauber der Zutat zelebriert, sind die Menüs der porträtierten Spitzenköche gewiss weit teurer als knapp 200 Euro.

Die Summe klingt also eher bescheiden. Nur: guter Journalismus ist in Geld nicht aufzuwerten. Auch wenn der Medizinkapitalist Ulrich Marseille für alles von Bypass bis Mitleid eine konkrete Summe benennen mag. Das gilt für analoge Altmedien ebenso wie fürs digitalisierte Fernsehen. Wobei die Spanne dessen, was auf nix als Quoten zielt, zu dem, was darüber hinaus Bedeutsames zu erzählen hat, aufklären will, gar die Welt ein bisschen besser machen, groß ist.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. Mai

Nehmen wir ZDFneo. Der Ableger erreicht zwar eher Bestager ab 50 als die avisierte Jugend, zeigt aber mit Der kleine Unterschied ab heute, wie man fiktionale unterhaltsam mit sachlichen Formaten kombiniert. Und zwar nicht nur, weil der fünftägige Schwerpunkt zur Sexualität in all ihren Spielarten als erste Sammlung zum Thema Nr. 1b nach Fußball Donnerstag um 23.15 Uhr auch den zugehörigen Sexismus ins Visier nimmt, sondern auch wegen des Genderexperiments „sexchange“, in dem je drei Männer und Frauen täglich ab 19.30 Uhr das Geschlecht tauschen. Das garantiert beiden Seiten spannende Erfahrungen.

Um weniger überraschende als gut kompilierte Erkenntnis geht es der Story im Ersten, die sich heute (22.45 Uhr) der Despotie des Fußballvernichters Sepp Blatter widmet. Robert Kempe und Jochen Leufgens könnten sich bei ihrem Porträt natürlich auch mal die Frage stellen, wieso ihr Auftraggeber dem globalen Hassobjekt alle vier Jahre klaglos zig Millionen Übertragungsgebühr zahlt, aber gut – schlimmer ist die anschließende Anbiederung kurz vor Mitternacht. Wenn die Reihe Deutsche Dynastien Familie Furtwängler porträtiert, geht es wohl weniger um ein paar Dirigenten oder Bauherren dieses Namens, als dem ARD-Zugpferd gleichen Namens mit Maria vorweg ein bisschen kostenlose Werbung zu schenken.

Schlimmer wird es aber tags drauf, wenn das Ressentiment jener bedient wird, die finden, jetzt sei es aber echt mal gut mit dem Holocaustgedenken, nun seien „Hitlers erste Opfer“ dran, wie Revanchisten gern raunen, wir, die Deutschen. Zur besten Sendezeit skizziert das ZDF Die Verbrechen der Befreier, während der HR in Tage zwischen Krieg und Frieden zeigt, wie arm die Hessen damals dran waren und der RBB das Gleiche auf dem Schlachtfeld Berlin tut. Bei so viel Empathie fürs Tätervolk sei doch Markus Lanz empfohlen, der gewohnt klebrig, aber mit den richtigen Adressaten Geschichte erzählt, wenn er Mittwoch – nach der Champions League, versteht sich – in Du sollst leben! drei jüdische Opfer interviewt. Richtig gut dagegen ist der ARD-Mittwochsfilm zum ähnlichen Thema. In Die verlorene Zeit erfährt eine KZ-Überlebende 30 Jahre später, dass ihr damaliger Retter ebenfalls entkommen ist. Den Versuch, ihn zu finden, spielen Alice Dwyer und Dagmar Manzel mit hinreißender Intensität.

Weit leichter, aber ebenfalls anrührend agieren ab Dienstag (20.15 Uhr, ARD) Die Vorstadtweiber, eigentlich bloß Desperate Housewives für Arme. Da sie aber im Wiener Elitenzirkel intrigieren, kriegt das Plagiat etwas zeitlos Unterhaltsames. Das gilt auch für Atemlos, die farbige Wiederholung der Woche von 1983 mit Richard Gere als Belmondo und Valérie Kaprisky als Jean Segal (Samstag, 0.55 Uhr, ARD). Der schwarzweiße Wochentipp geht aber nochmals zurück zum NS-Thema: Schon 1960, als Aufarbeitung noch als Nestbeschmutzung galt, spielte Götz George in Kirmes (Mittwoch, 22.45 Uhr, RBB) einen Deserteur, den sein Dorf an die Nazis ausliefern will.