Klaußner: Bürgermeister & Populistenhasser

KlaußnerIch spiele seit jeher gern Politiker

Mit Die Stadt und die Macht wagt das Erste Programm gerade etwas Großes in drei Doppelfolgen: Politik zum Serienthema zu machen. Burghart Klaußner spielt dabei Berlins Bürgermeister im Wahlkampf mit Anna Loos. Zum heutigen Staffelfinale spricht der 66-jährige Schauspieler über politisches Entertainment, die Rolle von Pegida und warum er nie Komödien spielt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Klaußner, während Serien mit politischem Schwerpunkt grad in Deutschland seit jeher durchfallen, fiktionalisiert die ARD nach House of Cards und Borgen ausgerechnet dann Regierungshandeln, da Politikverdrossenheit in Politikerverachtung umschlägt. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Burghart Klaußner: Ob das ein Trend ist, vermag ich nicht zu sagen; dafür kenne ich mich mit Fernsehen zu wenig aus. Ich bin froh, hier mit einer interessanten Figur vor realem Hintergrund mitmachen zu können.

Warum?

Weil momentan in der Politik ein düsteres Kapitel aufgeschlagen wird. Was Sie Politikerverachtung nennen, ist darin zu einem Großteil Selbstverachtung, von Leuten, die dazu neigen, persönliche Unzufriedenheit auf vermeintliche Sündenböcke abzuwälzen. Die öffentliche Auseinandersetzung ist eskaliert, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte. Mir scheint, die Bemühungen meiner Generation, eine zivilisierte Gesellschaft zu errichten, ist durchaus gefährdet.

Haben Sie als öffentlich vernehmbare Stimme die Chance, darauf Einfluss zu nehmen?

Da sind durchaus Schritte möglich, die zwar – wie in der Kunst üblich – eher Millimetergröße haben, aber keineswegs folgenlos sind. Insofern: Ja.

Eine Serie wie Die Stadt und die Macht kann also in Diskurse eingreifen?

Ich glaube schon, allein über die Zahl der Zuschauer. Die Frage ist halt nur: wo zielen wir hin, was wollen wir erzählen?

Ja?

Mir ist wichtig, dass Politik immer von Menschen gemacht wird, nicht von Marionetten. Anders als von Pegidisten beschworen, sind sie allenfalls Teile von Machtapparaten, aber doch Personen aus Fleisch und Blut, mit Meinungen und Haltungen. Ich bin ein großer Freund derer, die sich ohne absoluten Machtanspruch für Politik engagieren, sonst wäre unsere Zivilisation rasch zum Scheitern verurteilt. Davon erzählt diese Serie, von Demokratie und dem gefährlichen Bestreben, sie zu unterwandern.

Wodurch genau?

Betrug – an sich und anderen, nach dem Motto: Einen trink ich noch, den sieht die Leber gar nicht.

Aber in dieser Serie trinken doch alle dauernd noch einen in der Gewissheit, weder die Leber noch sonstwer kriegt es mit. Ist das nicht Öl ins Feuer jener, die ohnehin behaupten, an Presse und Politik sei alles Lüge?

Wer für komplexe Vorgänge nur einfachste Erklärungen sucht, dem ist mit Argumenten ohnehin nicht beizukommen. Die Serie zeigt, wie es ist, wenn Kontrollmechanismen versagen, was man als Appell zum konstruktiven Einschreiten verstehen darf, nicht gewalttätig und verroht wie bei Pegida und AfD. Wer nicht begriffen hat, dass der Stärkere den Schwächeren helfen sollte, hat nichts begriffen.

Darf das Unterhaltungsmedium Fernsehfilm sich da so stark positionieren wie Sie es gerade tun?

Ja, denn Positionierung und Entertainment schließen sich überhaupt nicht aus. Jedes Handeln beeinflusst sein Umfeld, ob wir wollen oder nicht. Unsere Aufgabe als Schauspieler ist demnach gerade, Verantwortungsbewusstsein möglichst unterhaltsam zu gestalten.

Wie unterhaltsam ist denn ihr Bürgermeister Degenhardt, der als kalter Machtmensch geschildert wird?

Im Rahmen unserer Geschichte ist meine Figur vor allem Funktionsträger, der weniger ausdifferenziert wird als seine Konkurrentin Susanne Kröhmer oder ihr Vater, gespielt von Thomas Thieme. Aber es wird deutlich darauf hingewiesen, dass auch dieser Bürgermeister mal von Idealismus getrieben wurde, der sich im System bloß abgenutzt hat. Je länger man sich auf Posten festsetzt, desto schwerer lässt man sich davon verdrängen. Aber auch er hat natürlich eine Leiche im Keller. Die hat ja fast jeder.

Sie auch?

Nein, ich nicht. Für Degenhardt ist Berlin – die einzige Analogie zu Klaus Wowereit – so was wie eine eigene Westentasche, in der er sich durch so manche Legislaturperiode wurschtelt.

Wo Sie ihn mit einem leibhaftigen Ex-Bürgermeister vergleichen: Ist er realistisch oder spielt ihn der Theatermann Klaußner auch ein wenig artifiziell?

Er ist exakt so realistisch, wie es mir zu Gebote und im Drehbuch steht. Ich spiele seit jeher gerne Politiker, weil ich mich schon früh für Politik interessiert habe und dabei immer ahnte, dass dieser Beruf für charakterliche Geradlinigkeit zu komplex ist.

Liegt es an Ihrer Nachfrage oder dem Angebot, dass Sie so oft reale Figuren der Zeitgeschichte spielen?

Ich glaube, dass fiktionale Figuren ebenso real sein können. Selbst Superhelden können ja viel über normale Menschen erzählen; das ist eine Frage der Herangehensweise. So richtig fremd sind mir daher nur völlig ausgedachte Charaktere, ohne Bezug zur Wirklichkeit.

Ist das ein Grund dafür, dass man Sie nie in Komödien sieht?

Davon abgesehen, dass gute Komödien explizit an die Realität andocken, haben Sie recht: das Genre fehlt mir zurzeit, zumindest im Film.

Müssen Sie halt was eigenes entwickeln…

Eigentlich schon oder? Irgendwann ist das Genre fällig.


Schulz & Böhmermann: Genie & Wahnsinn

12657636Wie im Rausch

Die zwei hoffnungsvollsten Berserker der hiesigen TV-Unterhaltung bitten zur gemeinsamen Talkshow. Ein Jammer, aber kein Wunder, dass das ZDF Schulz & Böhmermann (Foto: ZDF) lieber im Nachtprogram eines Spartenkanals versteckt (Sonntag, 22.45 Uhr, ZDFneo)

Von Jan Freitag

Staatsgewalt und Anarchie waren einst höchst unterschiedlich gekleidet. Wer das System mit aller Macht stützte, trug gemeinhin Zwei- bis Dreiteiler, vornehmlich mit Krawatte. Wer dagegen rebellierte, eher Kapuzenpulli und Jeans, vornehmlich in schwarz. Mittlerweile jedoch sehen sich Umsturzwillige und Besitzstandwahrer nicht nur oft zum Verwechseln ähnlich, sie sind gelegentlich gar deckungsgleich. So wie Olli Schulz und Jan Böhmermann.

In feinem Anzug, schmal geschnitten und farblich gedeckt, mischen die Moderatoren das Fernsehen auf, als wollten sie es vom Erdboden fegen wie eine Tyrannei. Zugleich aber verteidigen sie das Fundament jenes eingestaubten Leitmediums stilisiert, das die zwei im subversiven Furor ihres Bildersturms erneuern sollen, als seien sie nicht renitent, sondern Heilsbringer. Seltsam. Und, pardon, irgendwie alternativlos. Niemand sonst als der respektlose Humorberserker aus Hamburg und sein Bremer Kollege mit dem zynischen Charme haben schließlich das Talent, die Frechheit und den nötigen Atem, Deutschlands TV-Unterhaltung nachhaltig zu retten. Das Besondere daran: Man lässt sie sogar. Und zwar gemeinsam.

Endlich.

Nachdem sie mit der Kraft ihrer kreativen Kaltschnäuzigkeit getrennt sämtliche Kanäle des multimedialen Zeitalters zur Bühne ihrer gewaltigen Egos gemacht haben und gemeinsam das gute alte Radio Berlin-Brandenburg als Sanft & Sorgfältig unterwandert, dürfen Olli & Jan am Bildschirm gemeinsam tun, was sie besonders gut können: Reden. Mit ihren Gästen. Vor allem aber mit sich selbst. Schulz & Böhmermann heißt ein neues Talkformat, das seit Sonntag nun vier Wochenende um etwas gesprächigen Aberwitz bereichert; und es wirft abgesehen von der bemerkenswerten Existenz dieses Formats an sich erneut ein trübes Licht aufs ZDF, dass es sein zukunftstauglichstes Zugpferd a) sonntags um 22.45 Uhr b) im Spartenkanal ZDFneo und dann auch noch c) als Konserve versendet.

So sehr die Gremlins in den Lerchenberger Gremien ihren Nachwuchs(Böhmer)mann nämlich zu schätzen wissen, so sehr misstrauen sie ihm, zumal an der Seite des Perpetuum Mobiles anarchistischen Humors (Schulz). Wie gut, dass die zwei da weniger verzagt sind. Zum Auftakt hatten sie sich nämlich Gäste eingeladen, die ihre Debattentauglichkeit konfliktgeladen auf die Probe stellen dürften: der narzisstische Wetterfrosch Jörg Kachelmann traf dabei auf den manipulativen Hochstapler Gert Postel, die es beide mit Deutschlands zurzeit erfolgreichster Drehbuchautorin Anita Becker und dem brutalstmöglichen Gangstarapper Kollegah zu tun kriegten.

Der Auftakt zeigte zwar, wie wichtig ein betuliches Regulativ wie Charlotte Roche für den entfesselten Böhmermann war, aber auch, welch unglaubliche Spielfreude er zusammen mit seinem Fuck-Buddy Schulz entfaltet. Es war, es ist, es wird also sein: Eine energetische Mischung in vertrautem Ambiente. Das Studio nämlich erinnert verteufelt an Böhmermanns viel zu früh vergangenen Nostalgietalk mit der wunderbaren Charlotte Roche, die vor ein paar Jahren vor ein paar namentlich bekannten Zuschauern vor allem damit befasst war, das erstarrte Ritual selbstverliebten Faselns der ewig gleichen Gäste in kreative Gesprächskultur echter Persönlichkeiten zu verwandeln. Wie damals wird auch diese Sendung von der Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik produziert. Wie damals ist das Interieur optisch entsprechend reduziert und konsequent nostalgisch. Wie damals darf, ja muss beim Reden geraucht und gesoffen werden. Und wie damals dürfte es dabei wie im Rausch zugehen.

Schließlich beweisen die Diskussionsleiter ihre gesamte Medienexistenz über bereits großes Balancegefühl auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Als betrunkener Außenreporter der Berlinale etwa hat der gelernte Singer/Songwriter Schulz Fernsehgeschichte geschrieben, während Jan Böhmermann mit Neo Magazin Royale Woche für Woche beweist, was man dem abgedroschenen Genre Late Night noch abringen kann, wenn man es ernst und zugleich leicht nimmt.

So gesehen könnte etwas Großes, Bleibendes entstehen, in fünfmal 60 Minuten, sonntags zu später Stunde im Nischenprogramm, beim nächsten Mal mit Gästen wie Nora Tschirner und Katrin Göring-Eckhart, denen hoffentlich ein paar mehr als die 400.000 Zuschauer der Premiere zusehen. Und falls nicht? Wälzen Schulz & Böhmermann die Sehgewohnheiten eben woanders um. Was bleibt den Verantwortlichen des alten Regelfernsehens auch übrig; sie haben ja sonst keinen…


Das Dienstagsgeheimnis

fragezeichen_1_Heldenhiebewarteschlange

Gewiss, es zählt zu den Evergreens absurder Filmstandards, dass der moralisch Bessere am Ende gewinnen sollte, aber warum Filmhelden immer nur einzeln angegriffen werden, bedarf doch einer genaueren Erklärung

Von Jan Freitag

Würden die Regeln zünftiger Wirtshauskeilereien oder der dritten Halbzeit im Zeitalter gewaltaffiner Hooligans auch am Bildschirm gelten – das der Filmhelden wäre rasch beendet gewesen: weil sie oft einsame Streiter wider das Böse sind, ihm also gern allein entgegen treten, reicht im Grunde stets eine Handvoll Gangster, um beim kollektiven Angriff Schluss zu machen mit dem Heroismus. Da Helden aber nun mal den Nährboden fast aller Erzählungen sind, pflegen visuelle Medien seit jeher, Attacken jeder Art gegen sie abwechselnd fahren zu lassen. Man kann das schön in jedem Infight à la Karl May sehen: Während Old Shatterhand einen Cowboy erledigt, stehen die 23 anderen allenfalls zappelnd, aber passiv im Kreis herum und warten brav auf ihre Abreibung. Nur warum?

Da wäre zunächst die Fürsorgepflicht der Produktion fürs Happyend. Dem würden Ganoven schließlich oft schon beim allerersten Heldenkontakt den Garaus machen, die zwar jedem Kleinkind, um ihr verbrecherisches Ziel zu erreichen, kalt lächelnd in den Rücken schössen, aber im Nahkampf mit Gleichstarken plötzlich Sittenstrenge bewiesen. Zumal, Grund 2, die Heldentauglichkeit wahrer Helden im Repertoire wirksamer Methoden vom fatalen Leberhaken bis zum spiralförmig eingesprungenen Double-Foot-Side-Kick besteht, Schurken möglichst variabel unschädlich zu machen. Abwecchselnd andgewandt kann ein Held seine Kampfmethoden einfach facettenreicher variieren. Hinzu käme ein Gebot filmischer Übersichtlichkeit, das die Verantwortlichen (auch aus Kostengründen) von Massenszenen Abstand nehmen lässt. Und da ist vom Postulat der Handlungsökonomie, in deren Sinne es sinnvoll ist, das Wesen gewöhnlicher Heldenstoffe (also den Heldenkampf) nicht in zwei, drei Minuten durch frühzeitigen K.O. abzuschöpfen, noch gar nicht die Rede. Also, liebe Gegenspieler: bitte anstellen! Ihr kommt schon noch dran…


Schweigers Wut & Sandras Beitrag

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

4. – 10. Januar

Über Til Schweiger ließe sich auch eine Woche nach seinem dritten Tschiller-Gemetzel viel Kritisches berichten: Dass er ein lausiger Schauspieler ist, dass seine ignorante Selbstgefälligkeit an Wladimir Putin erinnert, dass auch sein dritter Tatort amerikanisches Action-Niveau erreicht, wenn auch bloß von drittklassigen Pay-TV-Produkten. Dass er sich von Nebensächlichkeiten wie Verachtung dramaturgischer Glaubhaftigkeit, meckernden Feuilletonisten oder mickrigen Quoten unterkriegen lässt, kann man angesichts seiner irrwitzigen Kollegen- und Medienschelte jedoch nicht behaupten.

So betreibt der, hüstel, Schauspieler mit voller Absicht das, was dem Streamingdienst Netflix künftig weitere 130 Länder, also (bis auf Ausnahmen wie China) praktisch die ganze digitale Weltkarte und irgendwann vielleicht auch mehr als bloß 70 Millionen Zuschauer verschafft: Er vernichtet das lineare Fernsehen als ernstzunehmendes Medium nachhaltig und verdient damit auch noch Millionen, die man da auch gleich amerikanischen Waffenlobbyisten spenden könnte. Danke Til! Auch für deinen Kino-Tatort im Februar, der dein Festgeldkonto weiter mästen dürfte angesichts der Deppen, die dumpfe Haudraufs wie dich noch immer für gute Entertainer halten.

Gäbe es also so etwas wie Gerechtigkeit, gehörte Deutschlands lukrativste Film- und Fernsehfigur nicht auf die Sonnenseite des Boulevards, sondern direkt ins Dschungelcamp. Das allerdings ist dieses Jahr schon vollständig besetzt, unter anderem mit Jenny Elvers, Gunther Gabriel, Rolf Zacher und – huch! – Brigitte Nielsen, die am Freitag schon zum zweiten Mal ins RTL-Lager zieht, was auf ein langsames Versiegen masochistischer D-Promis schließen lassen könnte. Von denen fallen seit gestern ja auch wieder drei aus, nachdem die Ludolfs bei Kabel1 erneut ihren Schrottplatz zur Bühne machen dürfen. Nichts gegen die erfrischend subversive Kraft des umstrittensten Angebots im Regelprogramm, aber an dieser Stelle kann man mal eine Wette eingehen: Anke Engelke wird dort nie einziehen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

11. – 17. Januar

Die nämlich hat besseres zu tun. Deutschlands beste Komödiantin zu sein etwa. Oder heute Abend im Ersten das spröde Dokumentarfilmgenre ein wenig aufmöbeln. In Fast perfekt nämlich darf sie zur besten Sendezeit dem Optimierungswahn zivilisierter Gesellschaften wie der unseren auf den Grund gehen. Und das macht sie, wenig überraschend, gut. Niemand, die These wird ihr 60 Minuten lang bestätigt, ist noch mit sich zufrieden: Zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung, zu doof, zu klug, zu hässlich, zu gewöhnlich, zu hübsch – aus einem unerschöpflichen Reservoire zufällig getroffener oder gezielt besuchter Zeitzeugen fischt das Auorenduo Gesine Ewaldt und Ravi Karmalker allerlei Figuren, die an sich oder anderen was auszusetzen haben und sucht gemeinsam mit der Anke Engelke nach Ursachen des Drangs, Makel auszumerzen. Sehr unterhaltsam, manchmal auch witzig, jedenfalls besser als viele Presenter, die sich ein bisschen zu gern selber zuhören.

Weil das auch jahrelang auf den Deutschen Fernsehpreis und seine Protagonisten bei der Verleihung zutraf, wird er zwar am Mittwoch nach einjähriger Pause wieder verliehen, aber nicht live übertragen. Im nächsten Jahr dann wird damit fraglos ein ARD-Format prämiert, dass zum Besten zählen dürfte, was das junge Jahr zu bieten hat: Die Stadt und die Macht. Mit Anna Loos als Anwältin, die Berlins Bürgermeister Burghart Klaußner dank des aasigen Spindoctors (brillant: Martin Brambach) vom Thron stürzt, wird das schwierige Metier des Politdramas hierzulande von Dienstag bis Donnerstag in Doppelfolgen ganz neu definiert.

Im wahren Leben wäre das zweifelsohne ein Thema für Sandra Maischberger, die vom Donnerstag auf den Mittwoch rückt, den Anne Wills Richtung Sonntag verlässt, der gottlob längst jauch(e)frei ist. Talkshow als Taubenschlag. In der Pro7-Serie Zoo geht es ab Mittwoch hingegen zu wie im Affenstall: 13 Folgen lang erobern Tiere aus Gründen, die die zwei Helden der US-Story erst noch finden müssen, erbarmungslos die menschliche Zivilisation zurück, was zumindest den Vorschauen nach unglaublich gut gemacht zu sein schein.

Etwas, das man von der farbigen Wiederholung der Woche wohl weniger behaupten kann. Der gelbe Unterrock (Samstag, 23.25 Uhr, SWR) ist ein Tatort mit Nicole Heesters als Ermittlerin im Mainzer Karneval 1980, der lange im Giftschrank der ARD lag, da er abgesehen von der rohen Gewalt schlicht zu schlecht gewesen sein soll. Auch mal schön. Und Anlass genug, das missratene Stück der Krimireihe mit dem schwarzweißen Vorläufer Stahlnetz abzugleichen, von der der HR am Montag zuvor (23.15 Uhr) eine Episode namens Strandkorb 421 zeigt, die Jürgen Roland 1963 gedreht hat. Zwei Jahre später traten übrigens die Rolling Stones erstmals in Deutschland, genauer: Münster auf, woran EinsPlus Mittwoch um 20.15 Uhr mit dem Doku-Tipp Satisfaction in NRW erinnert. Aktueller geht es im digitalen Tipp zu: unter www.sz.de/nsu-protokolle wird die Dokumentation von jedem einzelnen Tag des NSU-Prozesses vom Magazin der Süddeutschen Zeitung durch Schauspieler Münchner Theater inszeniert. Brillant!


S. Maischberger: Guter Göring & Mittwochstalk

imagesIch bleibe Geschichtensucherin

Sandra Maischberger (Foto: ARD) zählt zu Talkshowstars im Land. Dass sie auch Filme macht, ist weniger bekannt. Ein Gespräch über ihr Dokuspiel Der gute Göring (Sonntag, 22 Uhr, ARD), ob sie den Regimegegner lieber in der Talkshow hätte als dessen Nazi-Bruder Hermann und welcher Sendeplatz ihr dafür kurz vorm Wechsel auf den Mittwoch am liebsten wäre.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Maischberger, vor diesem Film hatte ich ehrlich gesagt noch nie was von Hermann Görings gutem Bruder gehört…

Sandra Maischberger: Keine Sorge, da befinden Sie sich in bester Gesellschaft der meisten Menschen, die ich kenne.

Wie sind Sie da auf ihn gestoßen?

Da muss ich etwas ausholen. Als seine Geschichte in den 60er Jahren erstmals erzählt werden sollte, wollte hierzulande noch keiner was über die damalige Zeit hören. Zur Jahrtausendwende dann gab es eine britische Dokumentation, die ein australischer Forscher gesehen hat, der ein Buch darüber schrieb. Dieses Buch nahm der Autor Gerhard Spörl zum Anlass seines Spiegel-Artikels Görings Liste. Darin schreib er nicht nur, dass man mit diesem Brüderpaar die ganze Dramatik des Nationalsozialismus erzählen könnte, sondern auch den Satz: Das wäre ein guter Filmstoff.

Und dann kamen Sie!

Genau. Wir haben uns getroffen und gemeinsam gefunden: Es ist ein Filmstoff!

Dachten Sie da noch an einen dokumentarischen oder schon fiktionalen?

Unser Ansatz war zunächst ein dokumentarischer, aber wir haben schnell gemerkt, dass es im Gegensatz zur Fülle an Material über Hermann Göring zu wenig Archivmaterial vom Bruder gibt. Und das, obwohl mindestens viermal versucht wurde, ihn an den Galgen zu bringen: zweimal durch die Gestapo, weil er gegen die Nazis war, zweimal durch die Alliierten und die Tschechen, weil er für die Nazis gewesen sein soll.

Und immer hat ihn Hermann rausgehauen?

Natürlich nur während der Nazidiktatur.

Ist es dennoch verbrieft, dass er so operettenhaft war wie der Reichsfeldmarschall?

(lacht) Operettenhaft, das passt. Und ist in der Tat belegbar. Dieser antiquierte Stil war damals durchaus angesagt. Außerdem waren beide sehr auf Äußerlichkeiten bedacht, auch wenn Albert seine Gäste anders als Hermann wohl nie in der Toga begrüßt hat (lacht).

Sorgt dessen Darstellung unterm Titel “Guter Göring” nicht womöglich für Schnappatmung beim kritischen Publikum, jetzt würden nach Volk und Mitläufern auch noch Nazi-Größen reingewaschen.

Sehr gut, wir haben Ihre Neugierde geweckt, dann klappt’s vielleicht auch mit dem Rest der Zuschauer. Hermann Görings gute Seite war aber allenfalls die, seinem Bruder trotz aller Differenzen stets loyal gegenübergestanden zu haben. Sonst hätte Albert nicht überlebt. Andererseits hat Hermann Göring den Ufa-Star Henny Porten, die mit einem Juden verheiratet war, nicht aus Empathie geschützt, sondern um sich seiner Herrschaft über Leben und Tod zu vergewissern.

Dennoch – ist das Publikum von Hermanns Abgründigkeit nicht mehr fasziniert als vom netten Albert?

Schwer zu sagen. Aber deshalb war es ja auch unser Ziel, Interesse am Spannungsverhältnis beider zu entwickeln, statt eine reine Heldengeschichte zu erzählen. Die Sympathien sind am Ende des Tages beim Guten, aber ohne das Böse ist dieser hier nicht erklärlich und fad.

Wenn Ihre Talkshow zu Lebzeiten der beiden auf Sendung gewesen wäre – wen hätten Sie sich lieber eingeladen?

Oje. Also vor 1930, als Hermann noch vornehmlich ein Weltkriegsheld war und Albert glaubte, die Ideologie seines Bruders würde sich nicht durchsetzen, hätte ich vielleicht in Erwägung gezogen, mit beiden zu reden. Aber ich lade gewiss keine Menschheitsverbrecher in eine Runde. Albert Göring alleine wäre dagegen immer ein toller Gast gewesen; dummerweise bin ich 1966 geboren – in dem Jahr, in dem er starb.

Was taugt für eine Talkshow Ihrer Art grundsätzlich besser – das Böse oder das Gute?

In Reinkultur weder das eine noch das andere. Das ist nämlich nicht nur äußerst selten, sondern auch ziemlich langweilig. Erst Brüche machen Biografien interessant, und wir haben sie alle. Ich würde auch Ihren finden, glauben Sie mir.

Themen ohne menschliche Komponente scheinen Sie nicht sonderlich zu interessieren.

Ich will den Menschen jedenfalls nie ausblenden, auch wenn ein Minister vor mir sitzt. Wenn ich mit dem, sagen wir, über Flüchtlinge rede, ist es doch wichtig, ob er selbst zum Beispiel aus einer Flüchtlingsfamilie kommt. Ich kann gar nicht sagen, ob ich lieber über die Sache zum Menschen vordringe oder umgekehrt, aber ohneeinander ist beides meist zu wenig.

Nach dem Tod von Helmut Schmidt, den Sie beruflich wie persönlich lange begleitet haben – gibt es da noch viele potenzielle Gesprächspartner, die das Biografische so intensiv mit dem Politischen verbinden wie er?

Ich habe mir vorgenommen, nicht über ihn zu sprechen. Aber von seinem Kaliber gibt‘s in der Tat zusehends weniger, die für mich, aber auch für das Publikum derart interessant sind. Das liegt, abgesehen von aller Intelligenz, Bildung und Lebenserfahrung vor allem an der Fähigkeit, Sachverhalte und Meinungen leidenschaftlich und rhetorisch so mitreißend zu vermitteln wie er.

Wen dieses Kalibers hätten Sie denn gern noch in der Sendung?

Ach, in Deutschland hab ich mittlerweile mit fast allen schon gesprochen. Aber den einen oder anderen US-Präsidenten hätte ich schon noch gerne.

Und das, obwohl sie seit fast 30 Jahren beruflich das Leben der anderen durchleuchten. Treten da bisweilen Ermüdungserscheinungen auf?

Ich habe als Journalistin drei Interessen: Sachthemen, Persönlichkeiten, Austausch. Solange alles wie in meinen Talkformaten zusammentrifft, gibt es keine Ermüdungserscheinungen.

Dieser Spielfilm hier könnte immerhin andeuten, dass sie Ihr Portfolio erweitern…

So neu ist dieses Interesse gar nicht. Ich hab vor gut 20 Jahren einen Kameramann geheiratet, den ich bei Spiegel-TV kennengelernt hatte. Bei der Arbeit mit ihm stoße ich seither regelmäßig an die Grenzen des Dokumentarischen, was den Pfad in Richtung Dokudrama schon früh öffnete, von dem der Weg zum Spielfilm nicht mehr weit ist. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich Matthias Martens in meine Firma geholt habe, der bei Sat1 explizit für Fiktion zuständig war. Als Fan von Heinrich Berloer empfinde ich die dokumentarische Fiktion als logische Fortsetzung der journalistischen Erzählweise.

Also – künftig mehr Fiktion?

Ich bleibe vornehmlich Geschichtensucherin statt -erzählerin, aber der Anteil könnte steigen.

Auch in Richtung gänzlich erdachter Fiktion?

Finde ich als Zuschauerin auch hochinteressant. Aber ich bin Journalistin. Ich kann vielleicht existierende Geschichten weiterentwickeln. Fiktionale Kollegen ersinnen ihre Storys auf weißem Papier. Es wäre anmaßend, zu behaupten, das könnte ich auch.

Sieht die es als Up- oder Downgrade, wenn ihre Talkshow ab Januar vom Dienstag zum Mittwoch wandert?

Wir werden im Chor der ARD weiter jene Stimme sein, die namenlose Personen im Kontrast zu populären Figuren auf die Bühne bringt. Da wir die Talkwoche im Ersten fortan beschließen und im WDR zudem nicht mehr der Abteilung Unterhaltung, sondern Politik unterstehen, wird sich unser Schwerpunktleicht verschieben – aktueller, politischer, experimenteller, auch mal ein Rededuell zwischen zwei Kontrahenten zum Beispiel. Das ist nach zwölf Jahren auf dem Dienstag eine Chance, uns ein wenig selbst neu zu erfinden.

Also Aufstieg?

Absolut.


G-Eazy, Correatown, Sunn O)))

TT12 G-EazyG-EAZY

Was eine Band ist und was nicht, wird gerne von der Suche nach Labels, Zuordnung und Struktur vorgegeben. Keine Band zu sein gilt daher naturgemäß auch für den Rapper Gerald Earl Gillum, dessen Fach mit derlei kollektivistischem Vokabular generell schwer vereinbar ist. Als G-Eazy schreibt er sich allenfalls die Namen exquisiter Produzenten wie Michael Keenan aufs Cover der vierten Platte in fünf Jahren, die seinen Status als neuer Eminem des (Billboard-)HipHop weiter stärken dürfte. Der Erfolg seines Majordebüts These Things Happen scheint dem Bedarf nach Gesellschaft sogar so minimiert zu haben, dass die Singleauskopplung It’s just me, myself & I nach Zeit für sich, Freiraum, Privacy förmlich brüllt.

https://www.youtube.com/watch?v=Tfs5GOQK4dU&feature=youtu.be

Doch das wird wohl nix, solange G-Eazy optisch an Vanilla Ice erinnert und verkaufsfördernden Gossip voll edler Autos, sexy Bitches und etwas Ghetto-CNN über einen düsteren Sound kippt, den auch noch ständig featurende R’n’B-Engel aufhellen. Dennoch: So fett wie When It’s Dark Out ist, so eindrücklich sein Flow klingt, so viel Empathie zwischen all dem Mainstream hindurch scheint, wird der Posterboy aus dem Cowboystaat Arizona noch eine Weile am Rap-Himmel entlang streifen. Und dann verglühen.

G-EAZY  – When It’s Dark Out (Sony)

T12 CorreatownCorreatown

Angela Correa hingegen beginnt grad erst richtig zu leuchten am Firmament ihres Fachs, das mit Dreampop nur unzureichend beschrieben ist, aber immerhin eine Ahnung davon vermittelt, was die kalifornische Singer/Songwriterin zu einem der Zauberwesen alternativen Neofolks macht. Mit verwehender, fast flüchtiger Stimme aus dem Hallraum juvenilen Erwachens kreiert sie im Kreise ihres Projekts Correatown betörend unangestrengte Hymnen der Lebenslust, die oft an den famosen Hippiefolk der Pierces erinnern.

https://www.youtube.com/watch?v=wkJJq_jCTNU

Ihre feingliedrigen Berichte vom Erwachsenwerden und Jungbleiben, von maximaler Hingebung und zulässigem Zweifel haben schon dem Vorgänger Pleiades viel Aufmerksamkeit beschert, die Teile davon in Film und Fernsehen gespült haben. Unter aller Eingängigkeit jedoch offenbart ihr viertes Album noch spürbarer den Willen, die Mitte ans Ufer des Mainstreams zu locken, wo der Gesang auch mal bricht, das Keyboard neben der Spur klimpert und die Lagerfeuergitarre gelegentlich Flächenbrand spielt.

Correatown  – Embrace The Fuzzy Unknown (Highline Records)

TT12 SunnSunn O)))

Was eine passende Umschreibung fürs besonders düstere Subsubgenre des besonders düsteren Subgenres Doom Metal gilt: Drone löst jede Form von Rhythmus, Metrik, Takt gern in einem behäbig dröhnenden Klangbrei auf, den selbst Kenner kaum entschlüsseln können. Umso erstaunlicher, dass das US-Duo Sunn O))) dieser bombastischen Gitarren-Pampe zu gutturalem Bauchhöhlen-Gesang eine Art Struktur verleiht, die zuweilen fast symphonisch wirkt. Oberflächlich mag das siebte Album des Labelbetreibers Greg Anderson und seines langjährigen Nischenweggefährten Stephen O’Malley demnach wie eine endlose Rückkopplung klingen

Wer sich jedoch auf die raumgreifende, allumfassende Grundstimmung von Kannon einlässt und darin nicht etwa nach Halt oder Orientierung sucht, sondern abtaucht in diese tiefer gelegte Kakophonie der Seelenabgründe, der löst sich darin kurzzeitig auf und muss nach dem Erwachen die Augen selbst im fahlen Licht eine Weile zukneifen. Die drei Geräuschtürme, betitelt mit Kannon 1 – Kannon 3, verteilt auf eine gute halbe Stunde tonalen Dauerbeschusses, sind wahre Blockadelöser – wackenschwarz, seltsam erhellend.

Sunn O))) – Kannon (Southern Lord)


Morgen hör ich auf: Pastewka & Walther White

pastewkaIm Plagiate-Panoptikum

Eigentlich wäre Morgen hör ich auf (seit 2. Januar, 22 Uhr, ZDF) mit Bastian Pastewka als notgedrungen krimineller Spießbürger Jochen Lehmann (Foto: Martin Valentin Menke/ZDF) durchaus ansehnlich – würde sich der Fünfteiler auf dem prominenten Samstagssendeplatz nicht so unverhohlen bei Breaking Bad bedienen.

Von Jan Freitag

Wann immer ganz Deutschland, wie der Boulevard gern raunt, mal wieder übers miese Fernsehen made in germany diskutiert, steht dieser Vorwurf unwidersprochen im Raum: Wir können einfach keine Serien. Weil es den Sender an Mut fehlt; weil statt Qualität nur Quote zählt; weil unsere Schubladen zu tief sind; weil darin keine guten Drehbücher landen, sondern höchstens Schauspieler, die ihnen nie mehr entkommen, sobald sie mal in einer sitzen.

Zum Beispiel Bastian Pastewka.

Seit bald 20 Jahren erfreut der außergewöhnlich lustige Komiker aus der ungewöhnlich nüchternen Beamtenstadt Bonn sein Publikum mit einer Mixtur aus Realsatire und Aberwitz, die ihn rasch von der ungelernten Comedyhilfskraft ins Stammpersonal des TV-Humors befördert hat. Dort allerdings steckt er nun fest wie ein Hamster im Käfig: wohlgenährt, gutbeschäftigt, stark unterfordert. Vielleicht bezieht sich die Metapher jenes pummeligen Nagers, der während seines erstem echten Ausflug ins pointenfreie Fach immer wieder durchs Laufrad rennt, also auch auf den Hauptdarsteller einer Serie, die es krampfhaft aufnehmen will mit der importierten Konkurrenz. In Morgen hör ich auf mühen sich alle drei – Pastewka, Hamster, ZDF – bis zur Erschöpfung um gutes Entertainment, dürften am Ende aber doch eher milde belächelt werden als euphorisch beklatscht.

Und das hat einen Grund, der gar nichts mit dem achtbaren Niveau des Fünfteilers zu tun hat. Es liegt am heimlichen, aber unübersehbaren Vorbild: Breaking Bad. Wie in Vince Gilligans brillantem Epos um den vermeintlich notgedrungen drogenkochenden Chemielehrer Walther White nämlich, schiebt das ZDF auch Bastian Pastewkas Antiheld Jochen Lehmann aus seiner finanziell prekären Spießbürgerlichkeit Schritt für Schritt näher an den kriminellen Abgrund. Weil sein kleines Familienunternehmen nach fast 100 Jahren Solidität kurz vor der Pleite steht, kann der linkische Vater dreier Kinder an der Tankstelle nicht mal mehr den Sprit zur Fahrt ins hessische Vororthäuschen bezahlen und widmet die Rotationsmaschinen seiner Druckerei aus einer Weinlaune heraus um: er druckt damit Falschgeld.

Doch was den Engpass anfangs noch spielerisch überbrücken soll, verselbständigt sich in einer unaufhaltsamen Eskalationsspirale, an der vom notorischen Gangster bis zum aasigen Banker bald allerlei Galgenvögel mitdrehen. Es ist eine unterhaltsame Geschichte: Spannend erzählt vom versierten Tatort-Regisseur Martin Eigler, der auch Teile des schlüssigen Buchs verantwortet, das mit Susanne Wolff als treu sorgende, aber untreue Ehefrau Julia oder dem Österreicher Georg Friedrich als herrlich irrlichternder Hehler fabelhaft verkörpert wird. Nur: auch diese zwei Charaktere erinnern verteufelt ans amerikanische Original und reihen sich somit ein in die Liste dramaturgischer Referenzen.

Die erste setzt es gleich zu Beginn, als eine der 50-Euro-Blüten in Zeitlupe durch trübes Wasser treibt – ein Bild, das fortan permanent wiederkehrt wie jener verkohlte Teddybär, der einst baugleich in Walther Whites Swimmingpool schwamm. Von da an hagelt es Parallelen zum Vorbild, die jedoch kaum mal dessen atemberaubenden Handlungstwists gepaart mit subversiver Brutalität erreichen. Dennoch verglich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sein neues Produkt öffentlich mit Breaking Bad und meinte das sogar positiv.

Kein Wunder, dass der schubladengeschädigte Bastian Pastewka im Spiegel von einer „Auszeit“ sprach, die sich das Team angesichts dieses unnötig aufgebauten Drucks zwischenzeitlich verordnet habe, um den „kleinen Wirbelsturm an uns vorbeiziehen“ zu lassen. So belegen auch diese fünf Stunden gefälschter Hauptabendkost nachhaltig den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist.

Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld von Alles außer Sex über Hilfe, meine Familie spinnt bis R.S.I., die dem Ideenraub sogar offen im Titel tragen. Weit häufiger werden die Urheber auch noch klammheimlich unterschlagen wie im neuen Sat1-Ulk Einstein, den nur das drollige Outfit der Titelfigur von seinem eleganten Stichwortgeber Sherlock unterscheidet. Wirklich selten kommt es dagegen zu kreativer Neuinterpretation á la Doctor’s Diary, wo RTL Grey‘s Anatomy durchaus eigensinnig mit Bridget Jones verknüpfte.

Morgen hör ich auf nimmt in diesem Panoptikum mal mehr, meist weniger gelungener Plagiate eine Mittelposition ein. Was viel mit Bastian Pastewka zu tun hat. Das Alter Ego seiner selbst, der als reale Fiktion unter eigenem Namen lange Jahre auf Sat1 das Beste geliefert hat, was humoristisch hierzulande möglich scheint, verleiht seinem Herrn Lehmann – und damit der gesamten Handlung – gelegentlich Anflüge jener trotzigen Würde, die auch Walther White kennzeichnet. Zugleich aber fällt es ungemein schwer, vom witzigen Basti zu abstrahieren, wenn der nüchterne Jochen zu grimassieren beginnt. Womit wir wieder bei der Schublade wären, der zu entfliehen für deutsche Komödianten fast unmöglich ist. Mit dieser Rolle wird es der lustige Pastewka nicht schaffen. Er hätte weitere Chancen verdient.

Der Text stand vorab bei Zeit-Online. Teil 1 ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.


2 Bier – 1 Platte

Marthe-Mono Inc.MONO INC.: The Cure & AC/DC

So viel Bier und Tattoos auf einem Foto, das gab’s noch nie bei 2 Bier – 1 Platte! Dabei ist zum heutigen Gespräch nur die Hälfte der Dark-Rocker von MONO INC. erschienen. Dafür kommen Sänger Martin Engler und Gitarrist Carl Fornia vorbereitet für vier! Die beiden Wahl-Hamburger haben mit ihrer kürzlich beendeten Tour tausende Fans (musikalisch) beglückt. Bei welcher Musik sie sich von den Tourstrapazen erholen, erzählen sie jetzt.

Interview: Marthe Ruddat 

Martin Engler: Ich kann nur mit einer Platte dienen, ich trinke nämlich kein Bier. Ich bin Weintrinker.

Carl Fornia: Och, also ich würde wohl eins nehmen!

Heute also nur Bier für Carl und mich. Wein habe ich nämlich nicht dabei.

freitagsmedien: Welche Platten habt Ihr mir denn heute mitgebracht?

Martin: Ich habe meine all-time-favourite Platte mitgebracht: The Cure – Disintegration. Das Album war damals einfach anders und mutig. Es wurde plötzlich nicht mehr auf 3:30 Minuten geschielt, und das Album beinhaltet so viele kunstvolle, schon epische Werke! Und das gepaart mit meiner ersten großen Liebe, das vergisst man nicht so schnell.

Disintegration erschien 1989 als achtes The Cure-Album. Nach eher poppigen Liedern orientierte sich dieses Album eher an düsteren und melancholischen Tönen und passt damit sehr zum Stil von MONO INC.

Carl: Die Highway to Hell von AC/DC hat mich am meisten beeinflusst. Das war so meine erste eigene Rockplatte, und ich kann sie auch heute noch hören, Marthe-ACohne dass sie mich nervt.

Hardrock – das überrascht nun in Anbetracht der heutigen T-Shirt-Wahl von Carl recht wenig.

Beide Platten könnte man als eine Art Fundament von New Wave und Hard Rock sehen: Ward ihr Teil dieser Szenen? 

Carl: Ich hatte ehrlich gesagt immer Probleme, mich da so klar einzuordnen. Bei den Klassenfeiern damals standen immer eine Depeche-Mode-Party oder eine AC/DC-Party zur Auswahl. Wer gewonnen hat, hing davon ab, ob mehr Jungs oder mehr Mädchen abgestimmt haben.

Sehr klischeehaft.

Carl: Ja, leider! Ich fand nämlich tatsächlich beides toll! Bis heute bin ich glühender Depeche-Mode-Fan und liebe AC/DC.

Highway to Hell ist das sechste AC/DC-Album. Es war der große Durchbruch der Band – und zugleich ihr letztes Album mit dem unvergleichlichen Sänger Bon Scott, der 1980 verstarb.

Bei der Lieblingsplatte fiel die Auswahl dann aber doch leichter.

Carl: Ja, irgendwie schon. Die Highway to Hell hat mich als Gitarristen einfach auch sehr beeinflusst. Auf ihr ist die Durchschlagskraft und die besondere Rhythmusstruktur von AC/DC zu hören. Diese Struktur baue ich gerne selber mal in unsere Lieder ein, als Rhythmusteppich, über den Martin dann seine Melodien legen kann.

Womit wir wieder zu The Cure kommen. Der Kajalstift ist ja bis heute geblieben!

Martin: Ja, das gehört auch bis heute zu mir. Mit 14 oder 15 kam ich in die New-Wave-Szene. Für die Jugendlichen gab es damals immer Sonntags um 15 Uhr eine Disco. Und da liefen dann so Sachen wie Depeche Mode, The Cure, The Cult. Alle haben Schnabelschuhe getragen und sich die Haare toupiert, die Fingernägel schwarz lackiert und den Kajalstift nicht zu knapp aufgetragen. Der Lifestyle hat zusätzlich gute Musik beinhaltet und meine Eltern genug geschockt. Das war mir mit 15 sehr wichtig.

Sehen wir mal von den besonderen Lebensstilen ab – habt Ihr auf der Highway to Hell oder der Disintegration Lieblingslieder? Oder gar Lieder, die Ihr gerne von der Platte verbannen würdet? 

Marthe-CureMartin: Mein Lieblingssong ist Pictures of You. Der Text berührt mich einfach total. Für mich ist der Song eine 6:30 Minuten dauernde Reise, die mich in immer neue Melodien mitnimmt und emotional berührt. Das ist für mich auch wichtig an einem Song. Lullaby hingegen fand ich nicht gut, obwohl das der große Hit des Albums war. Ich fand es aber nicht doof, weil alle anderen es gut fanden. Mich hat das Lied einfach nicht berührt und den Text fand ich infantil. Für mich ist Musik eben nicht nur Mucke, sondern eine Kombination aus Text und Melodie und die muss einfach stimmen.

The Cure – Pictures of You 

I’ve beenlooking so long at the pictures of you

That I almost believe thatt hey’re real.

I’ ve been living so long with my pictures of you

That I almost believe that thepictures are / All I can feel.

Remembering / You standing quiet in the rain

As I ran to your heart to be near.

And we kissed as the sky fell in / Holding youclose

How I alwaysheldclose in your fear.

Remembering / You running soft through the night.

You were bigger and brighter and wider than snow

And screamed at the make-believe

Screamedatthesky

And you finally found all your courage

To let it all go .

(…)

Carl: Highway to Hell ist für mich einfach der Hit des Albums, auch wenn das vielleicht abgedroschen klingt. Den hab ich früher schon in Bands gespielt und finde ihn einfach immer noch super. Beating Around the Bush ist eher einer, den ich nicht so toll finde. Aber eigentlich ist das einfach ein super Album!

Hättet Ihr nicht mal Lust, Eure Lieblingslieder zu Covern?

Martin: Hm, also eigentlich mache ich mir darüber keine Gedanken, denn Pictures of You werden wir niemals covern. Es gibt einfach Songs, die kann man nicht besser machen und sollte deshalb auch lieber die Finger davon lassen.

The Passenger kann man also besser machen?

MONO INC. covern Iggy Pops The Passenger gerne live. Der Song hat es sogar in die Deluxe Box ihres 2013 erschienen Albums Nimmermehr geschafft.Marthe1

Martin: Den Passenger kann man auf jeden Fall besser einspielen, wenn man dabei nicht so viele Drogen im Kopf hat. Dass wir diesen Song gecovert haben, war so nicht geplant. Ich habe einfach mit einer Akustik-Gitarre ein bisschen rumgespielt, dann diese Melodie gespielt und einfach nur „Lalala“ gesungen. Plötzlich haben alle mitgemacht. Das hat den Leuten dann so gut gefallen, dass wir den Song immer mal wieder spielen. In letzter Zeit kam das allerdings auch recht selten vor.

Carl: Touch too much, das ist der vierte Song auf der Highway to Hell. Den würde ich gerne mal spielen.

Martin: Um den Text singen zu können müsste ich mich aber glaube ich von einem Hoden trennen. Der singt zwei Oktaven zu hoch für mich.

Wir träumen doch nur ein bisschen…

Carl: Ich kann den ja beim Soundcheck mal anspielen, dann bebt der Platz!

Mit ihrem aktuellen Album Terlingua sind MONO INC. ab März wieder in Deutschland auf Tour. Alle Termine und Tickets gibt’s auf www.mono-inc.com 


Freudenfeuer & Widerstands-Göring

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

28. Dezember – 3. Januar

Man kann übers TV-Jahr zwischen kommerziellem und öffentlich-rechtlichem Überfluss sicher auch viel Gutes sagen, aber Schlechtes macht mehr Spaß. Um dafür mal einen Sender exemplarisch herauszupicken: Das ZDF begann 2015 mit einem Historienschinken (Tannbach), dessen Deutschlandteilungsdramatik so lausig war, dass der Mumpitz wie gewohnt flugs fortgesetzt wurde. Und es endete wie gewohnter im geistigen Tiefschnee, unter dem die sonst so eifrig kriminalisierten Bengalos von vaterlandsduseligen Skisprungreportern zu “Freudenfeuern” verniedlicht wurden, nur weil sie halt vaterlandsduselige Skisprungfans gezündet hatten. In diesem, nun ja, Spannungsfeld bezog das Zweite kurz vor 2016 Prügel von fataler Seite in ihrem letzten Kernkompetenzbereich: Nachrichten. Die vermeintlich orchstrierte Aussage eines Regimegegners in „Machtmensch Putin“ wächst sich grad zum mittelschweren Skandal aus, der Russlands Propagandamaschine ebenso neue Nahrung gibt wie den Lügenpresse-Krakeelern hierzulande.

Dabei hat das Leitmedium doch schon im Entertainment größte Mühe, zumindest den Anschein von Seriosität zu wahren. Besonders eigene Serien waren in den vergangenen zwölf Monaten ja mehrheitlich miserabel, und waren sie es mal nicht, waren sie zumindest sagenhaft erfolglos wie das schwer gehypte Deutschland 83. Waren sie hingegen weder mies noch erfolglos, hießen sie stets Weissensee. Ein wenig besser verhielt es sich mit Spielfilmen, die zwar häufiger Kritik und Publikum überzeugten, aber dennoch gern Wiedergekäutes zur abermaligen Nachverdauung durch fünf Mägen für die sechs Spielfilmthemen unserer stolzen Fernsehnation jagten: Romanze, Drama, Comedy, Krimi, Krimi, Krimi. Nur ein Genre bildete auch 2015 die Ausnahme im mediokren Brei: Biopics.

Sie sorgten regelmäßig für Perlen im Programm. Angefangen mit einem Porträt von Murat Kurnaz im Griff amerikanischer Menschheitsverbrechen, vertieft durchs bekannte NS-Opfer Meine Tochter Anne Frank, erweitert um Ulrich Tukurs Bernhard Grzimek, überdreht von zwei grundverschiedenen Interpretationen des Falls Uli Hoeneß, gekrönt mit einem wahren Meisterwerk über den Wendehals Luis Trenker.

0-FrischwocheDie Frischwoche

4. – 10. Januar

Da passt es ins Bild, dass der Januar mit einem Mann berühmten Namens beginnt, den kaum jemand kannte, bis ihn Sandra Maischberger zum Fernsehhelden machte: Der gute Göring heißt Albert und war zwar der Bruder eines gewissen Hermann gleichen Namens, allerdings – kein Scherz! – ausgewiesener Regimegegner. Aus dieser bizarren Konstellation drehte Kai Christiansen ein famoses Dokuspiel mit Barnaby Metschurat im herzlichen Clinch mit dem prunksüchtigen Reichsfeldmarschall, den Francis Fulton-Smith mit ähnlich wuchtiger Hingabe verkörpert wie zuletzt Franz-Josef Strauß. Und die Zeit nach dem vorletzten Bodensee-Tatort könnte auch schlechter sein.

Ein Sendeplatz, auf dem Nina Kunzendorf kurz heimisch war, bevor sie die hessische Mordkommission verließ, um unbeschwerter Filme wie Das Programm machen zu können. Auf gleichem Kanal kriegt sie es darin tags drauf wieder als Polizistin mit Benjamin Sadler zu tun, den sie in den Zeugenschutz begleitet, was angesichts der Besetzung spannender klingt, als es tatsächlich ist. Ereignislosigkeit steht halt nicht immer für wohltuende Distinguiertheit, sondern manchmal auch einfach für – Ereignislosigkeit.

Mehr los als einem lieb sein kann ist hingegen im Arte-Schwerpunkt zu den Pariser IS-Anschlägen, der sich am Dienstag vier Stunden lang ab 20.15 Uhr wohltuend um die Ursachen des Terrors kümmert, statt wie üblich nur die Folgen. Irgendwie auch im Reich der Informationsmedien spielt am Donnerstag das absolute Highlight der Woche, aber eben nur irgendwie. Im Sandro-Report (ARD, 22.45 Uhr) persifliert Olli Dittrich als Außenreporter Sandro Zahlemann das Genre rasender News. Lachen, das im Halse stecken bleibt, garantiert.

Viel weiter unter verhakt sich längst alle Heiterkeit der RTL-Serie Der Lehrer, die Donnerstag in Staffel 4 geht. Dennoch bleibt Hendrik Duryn Deutschlands glaubhaftester TV-Pädagoge, wenn nicht der einzig glaubhafte überhaupt. Glaubhaftigkeit ist ein guter Übergang zur schwarzweißen Wiederholung der Woche, am Dienstag um 16.10 Uhr auf Servus: In Die zwölf Geschworenen versuchte Henry Fonda 1957 den Rest der Jury in einem beispiellosen Kammerspiel von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen. Apropos: im farbigen Tipp namens Reifezeugnis, dem letzen von Wolfgang Petersens sieben Tatorten (Samstag, 22.45 Uhr, HR), startete Nastassja Kinski 1977 ihre Weltkarriere als Lolita, die das Attribut unschuldig neu definierte. Für den Doku-Tipp (Donnerstag, 23.45 Uhr, RBB) reiste der neuseeländische Saxofonist Hayden Chisholm zwei Jahre durch Deutschland, um den Sound of Heimat zu entdecken, Volksmusik, die vermutlich nur ein Außenstehender so vorurteilsfrei ergründen kann. Toll!


In Memoriam: Lemmy Kilmister 1945 – 2015

Lemmy-03Jacky and Lemmy

Sind 70 Jahre jetzt viel oder wenig? Lemmy Kilmister (Foto: Mark Marek), trinkfeste Trutzburg des Rock’n’Roll alter Schule, ist trotz seines selbstzerstörerischen Lebensstils vergleichsweise alt gestorben – an Krebs! Ein wehmütiger Nachruf auf die Zeiten des Ausbrennens, denen sich der Wegbereiter des Heavy Metal aus allen möglichen Gründen unterzogen hat, aber gewiss nicht nicht fürs Marketing.

Von Jan Freitag

Das Leben spielt bisweilen ein seltsames Spiel mit dem Tod. Während es auserwählte Schauspieler mit kaum 25 schuldlos aus einer kalifornischen Highway-Kurve reißt, nachdem James Dean kurz zuvor noch glaubhaft für Verkehrssicherheit geworben hatte, kriegt das Propagandafilmfossil Jopi Heesters fast die fünffache Zeit auf Erden, ohne je irgendwas am ersten Drittel seiner rückgratlosen Karriere bereut zu haben. Und während kettenrauchende Altkanzler schon mal unbeirrbar auf die 100 zumarschieren, sorgt ein pfleglicherer Umgang mit dem Körper noch lange nicht für vergleichbar hohes Alter. Wobei: 50 Jahre Rock’n’Roll mit einer Flasche Whisky täglich – ist das nun eigentlich viel oder wenig? Dazu würde man gern einen befragen, der das alte Rock’n’Roll-Motto live fast die young länger als die meisten seiner Kollegen zelebriert hat. Lemmy Kilmister zum Beispiel.

Doch Lemmy Kilmister ist tot.

Gestern Nacht ist der scheinbar unverwüstliche Berserker am Bass daheim in Los Angeles gestorben. Im geradezu biblischen Bühnenalter von 70 Jahren. Weshalb Außenstehende, die den Sänger, genauer: Brüller der Hardrock-, genauer: Multiplerock-Band Motörhead nur noch aus ihrer Blütephase in Erinnerung haben, kurz stutzen dürften: Wie – der hat noch gelebt? Ja hat er und zwar länger als so mancher Geschlechtsgenosse mit artgerechterem Alltagsverhalten. Länger vor allem, als der Mythos dessen, was Ian Fraser Kilmister zu seiner Lebensmaxime gemacht hat, seit er sein Elternhaus im walisischen Seebad Benllech bereits als Teenager verlassen hat. Berufswunsch, so schien es früh, termingerechter Eintritt in den „Club 27“, zum himmlischen Exzess mit Joplin, Morrison, Winehouse, Georg Trakl, den genialen Todesverächtern des globalen Pop.

Für diese Mitgliedschaft hat Lemmy Kilmister fast alles getan. Er hat gesoffen und geraucht und gespielt und gehurt und immer noch mehr von allem, bis ihn ein Herzleiden vor zwei Jahren erstmals wirksam in seine Schranken wies. Bis dahin hatte er angetrieben von Jack Daniels und zwei Päckchen Kippen pro Tag getan, was hedonistische Agnostiker halt tun dürfen, um die Gesundheit im Diesseits so zu ruinieren, dass fürs Jenseits keine unerfüllten Wünsche offen bleiben. Nur: dieser zügellose Pastorensohn aus dem mittelenglischen Stoke-on-Trent, Heimathafen sturmumtoster Berühmtheiten vom Titanic-Kapitän Edward J. Smith über Robbie Williams bis zum Darts-Champ Phil Taylor – er hat es partout nicht vermocht, den frühzeitig eingeleiteten Selbstzerstörungsprozess auch zu vollenden, bevor ihn allen Ernstes ein bösartiger Krebs in wenigen Tagen dahingerafft hat.

Also doch nicht der Rock’n’Roll, dieses gefräßige Monster des Showbiz. Für derartige Nachsichtigkeit hinterlässt ihm Lemmy nun ein Werk, das seinesgleichen sucht im Genre grölender Gitarren und rasender Drums. Schon nach seinem Schulabbruch suchte er in diversen Bands seines Exils Manchester nach dem rauen Sound der Zukunft, die Anfang der Sechziger noch ziemlich brav klang. Das änderte sich Ende des Jahrzehnts, als er einem gewissen Jimy Hendrix kurz vor dessen Eintritt in den 27er Club als Roadie diente und 1972 mit der britischen Spacerocklegende Hawkwind jene Art struppiger Musikgeschichte schrieb, die drei Jahre später mit der Gründung von Motörhead endgültig zum Mythos reife.

Denn ein  Stahlgewitter wie das des unpolitischen Nazidevotionaliensammlers Kilmister hatte es bis dahin selbst im aufblühenden Hardrock nie gegeben. Das dissonante Hochgeschwindigkeitsstakkato, Lemmys monoton gegrölter Gesang, all die krachende Antiharmonie zwischen ungeborenem Punk, frisch geschlüpftem Heavy Metal und geriatrischem Blues radikalisierte seinerzeit den Härtegrad von Black Sabbath oder AC/DC auf eine Weise, die noch eine Weile brauchte, um hörbar zu sein. Zwei Jahre, um genau zu sein – dann machte Motörheads selbstbetiteltes Debütalbum lautstark auf sich aufmerksam. Drei weitere, dann gebar der Bandkopf/geist/bauch Kilmister mit Ace of Spades einen Meilenstein des Genres – und sich selbst als Ikone fröhlicher Destruktivität am eigenen Leib, die im glattgebügelten Popgeschäft allenfalls in PR-bewussten Rotzlöffeln wie Pete Doherty noch kurz mal aufblitzt.

Kotelettenbärtig und warzenversehrt stilisierte sich der Bürgersohn von vergleichsweise kleinem Wuchs mit Cowboyhut und Eisernem Kreuz dagegen fernab aller Postertauglichkeit zur Ikone einer vergehenden Zeit, in der ein Leben noch on stage verglühen durfte, ja musste. Verglüht ist sie nun jedoch nicht an Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll, sondern einer schnöden Massenkrankheit namens Krebs. Im Verhältnis zum Leben erstaunlich spät und doch, wie immer, wenn Geschichte vergeht, viel zu früh. Darauf einen Jack and Coke mit Kippe.

Mehr Bilder, Sound und Kommentare auf ZEIT-Online