Plants & Animals, Astronautalis, Hollebon, Udo

Plants and Animals_Waltzed in from the Rumbling_Album Cover_hiresPlants and Animals

Die Frage ist natürlich eher hypothetischer Natur, aber was wäre wohl gewesen, wenn Thom Yorke und seine Radioheads vor gut 30 Jahren so richtig gut gelaunt ins Studio gegangen wären, voller Esprit und Lebensmut anstatt der brillanten, aber schwermütigen Inspiration des Abgründigen im Nacken? Sie hätten vermutlich ein bisschen geklungen wie das kanadische Trio Plants and Animals. Wobei – angesichts des zeitlichen und berühmtheitsbedingten Vorsprungs der Britpoplegenden muss man es wohl doch andersherum ausdrücken: auch auf ihrem vierten Album klingen die vergleichsweise jungen Nachfolger so, wie Radiohead mit einer großen Portion guter Laune im Bauch. Und es klingt wirklich gut.

Mit selbstbewusster Eleganz lässt Waltzed In From The Rumbling schon im Auftaktstück We Were One viel positive Stimmung zwischen leicht melodramatische Riffs hindurch scheinen. Optimistisch schwingen da Geigen wie in einer Sixties-Romanze über die Gitarre von Warren Spicer, dessen Stimme dazu leicht kratzig, aber ohne Pathos von der Liebe singt, die im anschließenden No Worries Gonna Find Us von fabelhaft verspielter Folkigkeit ummantelt wird. So geht das Album elf Tracks lang weiter: Permanent um Geschmeidigkeit bemüht, dabei selten anbiedernd und bei aller Emotionalität nie larmoyant. Radiohead auf Ecstasy, so scheint es manchmal. Ein bisschen mehr Herz als Schmerz. Schönes Album.

Plants and Animals – Waltzed In From The Rumbling (Secret City Records)

astronautalisAstronautalis

Was Rapper von Rappern unterscheidet, hat leider oft mehr mit Attitüde und Form als mit Flow oder Inhalt zu tun. Um nicht im Filter der selektionsfreudigen Aufmerksamkeitsindustrie hängenzubleiben, opfern viele ihre realness schließlich einer Vermarktungsstrategie, die vielleicht mal such as life war (Gangster, 20. Jahrhundert), doch zusehends larger than life wird (Gangsta, 21. Jahrhundert). Glaubhafte Hingabe findet sich im Lichtkegel des Genres kaum. Das erklärt, warum ein Naturtalent glaubhafter Hingabe wie Charles Andrew Bothwell 13 Jahre, drei Platten, diverse Kollaborationen und eine halbe Weltreise durch kleine bis winzige Clubs nach seinem Debüt bloß Connaisseuren des Hip-Hop bekannt ist.

Unterm Nom de Guerre Astronautalis hämmert er schließlich auch auf dem neuen Album Cut The Body Loose Alltagsprosa im furiosen Sprechgesangsstakkato unter echten Bandsound bis hin zum Jazz, als ginge es um sein, um unser Leben. Mindestens. Ob es das tut, dafür benötigen Deutsche ein Auslandssemester in Minneapolis, so satt an Idiomen sind Bothwells Wortkaskaden. Doch auch ohne präzises Textverständnis wird klar: Wie der frühe Eminem rappt da ein Weißer aus dem Innersten einer gar nicht mal prekären, aber sehr erzählenswerten Existenz. Reich wird er damit wohl nicht; Astronautalis’ Bling-Bling glitzert im Herzen.

Astronautalis – Cut The Body Loose (Cargo Records)

reuenReuben Hollebon

Pearl Jam hatten ihre Zeit. Sie ist schon eine ganze Weile her und hat sich ereignet, als Punk über den Umweg der Garage zum emotionalen Rock ohne Pathos oder sonstigen Gefühlsballast wurde und unterm Namen Grunge jene Gitarrenmusik revolutionierte, die zuvor ihrerseits Opfer einer Konterrevolution des Mainstream geworden war. Wenn ein unscheinbar blässlicher Brite aus dem tristen Norfolk mit dem merkwürdig barocken Namen Reuben Hollebon ein Vierteljahrhundert später so klingt wie Eddie Vedder und das Ganze mit einem Sound unterlegt, der auch irgendwie eher nostalgisch als zeitgemäß klingt, besteht also eigentlich kein Grund zu größerer Erregung. Eigentlich.

Denn was der musikalische Vagabund im besten Studentenalter nach ein paar Jahren Live-Praxis in halb Europa auf seinem Debütalbum zuwege bringt, mag mit Terminal Nostalgia seinerseit leicht rückwärtsgewandt klingen, ist aber ungemein ergreifend und dabei überhaupt nicht so süffig wie es Pearl Jam in ihrem Spätewerk leider wurden. Irgendwo zwischen The National und Grizzly Bear zelebriert er einen verwaschen schönen Alternative-Folk, der keinesfalls modern ist, aber eben auch nicht im Vorgestern badet, sondern die Gegenwart des Rock ein bisschen an jene Epoche erinnert, die dem Genre einmal Dampf unterm Hintern gemacht hat.

Reuben Hollebon – Terminal Nostalgia (Bright Antenna)

Hype der Woche

UdoUdo Lindenberg

Was will man machen – es geht nicht an ihm vorbei, keine Chance. Seit seinem unfassbaren Comeback, das Uns Udo 2008 nicht nur das erste Nr-1-Album in 37 Jahren Studioarbeit einbrachte, sondern auch jenen Respekt, den dieses Land seinen Auferstandenen gern zuwirft wie einen Hundekeks, gilt Lindenberg als Antiantiheld der Kulturrepublik schlechthin, auf einer Stufe mit Juhnke, Franz und Helmut Kohl – Zeitgenossen also, denen man zum Wohle eines nationalen Wirgefühls alles sogar Arroganz, Egoismus, schlechte Songs verzeiht. Das Hamburger Kiezgestein aus Westfalen vollbringt dabei allerdings auch auf dem nächsten Nr.-1-Album Stärker als die Zeit ein Wunder: Es macht Allerweltsmusik, die außergewöhnlich klingt, das ewig Gleiche, als wäre es brandneu, Langeweile im Gewand des Aufregenden un umgekehrt, der man sich nicht nur wegen des dauernden Mea Culpa kaum entziehen kann. Man muss es an dieser Stelle daher kurz zur  Diskussion stellen: ist dieser Unsterbliche ein Gott? Ganz irdisch ist seine Wiederauferstehung jedenfalls nicht. Udo – bleib bei uns, nochmals 70 Jahre, bitte!


Caren Miosga: Interviews & roter Teppich

MiosgaGroße Erkenntnis, ganz klar

Kaum jemand überbrückt den Graben zwischen Information und Entertainment eleganter als Caren Miosga (Foto: probono/Anne Koch). Kulturjournale moderiert die Niedersächsin mit ebenso fachkundiger Nonchalance wie PR-Veranstaltungen und die tagesthemen. Jetzt schenkt ihr der NDR ein Interviewformat, das unter vier Augen natürlich beides soll: unterhalten und aufklären, vornehmlich mit Politikern, die ab heute um 23.30 Uhr im NDR schon mal bis zu 30 Minuten zu Wort kommen. Ein Gespräch über die Optik des Inhalts, Zuhören als Kernkompetenz und ihr Rat zum roten Teppich.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Miosga, so von Interview zu Interviewter – wie beginnt man ein gutes Interview?

Caren Miosga: Am besten auf einem roten Teppich, also möglichst charmant beginnen und dann erst, falls nötig, die Messer wetzen. Sonst besteht die Gefahr, dass sich der Interviewte sofort zurückzieht, dann hilft auch kein Charme mehr. Die tagesthemen bieten ja selten genug Raum, schmerzhafte Fragen lange hinauszuzögern; außerdem benötigen manche Gäste Zeit, um sich warmzulaufen.

Falls das hiermit geschehen ist, möchte ich den roten Teppich kurz wieder einrollen und über Ihre Schuhe reden.

Meine Schuhe?!

Sie tragen wie so oft, wenn keine Kamera läuft, flache Schuhe, in den Tagesthemen jedoch ständig halsbrecherische Highheels.

Ehrlich? Das nehme ich gar nicht so wahr…

Warum ziehen Sie für die Fernsehöffentlichkeit so ungesunde, unbequeme Modelle an, die ja vor allem Männer sexy finden?

Also zunächst mal finde ich sie selber sexy, stehe darauf – auch, weil es nicht Stunden dauert – durchaus bequem, bekomme dadurch sogar eine geradere Körperhaltung und ziehe sie mir überdies ganz alleine an; da steht nirgendwo ein Mann und ordnet mir das an.

Haben Sie das Gefühl, dass selbst in der inhaltslastigen Informationsbranche bei Frauen mehr auf die Form geachtet wird als bei Männern, deren Zweiteiler-Einheitslook weit weniger vom Inhalt ablenkt?

Ihre Frage suggeriert, dass Sie davon ausgehen, und es könnte sogar stimmen. Ich allerdings habe das Glück, in einem Metier zu arbeiten,  in dem wo es unabhängig von meinem Äußeren tatsächlich um die Sache geht. Natürlich reagieren Zuschauer schon mal auf ein gewagtes Kleid oder auffällige Krawatten, aber wegen meiner Schuhe schaut niemand Nachrichten.

Welches Outfit böte sich für die inhaltslastig-intime Gesprächssituation von „Caren Miosga interviewt“ an?

Mann, Sie interessieren sich aber auch nur für Klamotten. Warum nur?

Weil die Sexiness fast sämtlicher Frauen in allen Formaten vor der Kamera in Zeiten auflösender Geschlechterdifferenzen emanzipierte Menschen schnell irritiert.

Also, weil mein Outfit gut aussehen, seriös sein und mir selbst gefallen soll, wird es dem der „tagesthemen“ ähneln, 0um ansehnlich zu sein, aber nicht vom Gespräch abzulenken.

Mit wem werden Sie das erste denn führen?

Ah, endlich: Ursula von der Leyen [und Ingo Appelt, wie mittlerweile bekannt wurde].

Überlegen Sie sich vorher genau, worum es gehen wird, oder rollen Sie kurz den roten Teppich aus und lassen dem Interview dann freien Lauf?

(lacht) Letzteres. Natürlich habe ich schon ein paar Fragen im Sinn, aber weil es eine aktuelle Sendung ist, kann bis zur ersten Frage noch viel passieren. Das Schöne ist ja, dass ich genug Zeit habe, um über jeden Fragenkatalog hinaus situativ zur Person vordringen können.

Eine halbe Stunde ist im rasanten Mediengeschäft ja auch eine halbe Ewigkeit.

Wobei sie sich auf bis zu drei Gäste pro Sendung verteilen kann. Das hängt davon ab, ob die Person und deren Thema 30 Minuten tragen oder aktuelle Ereignisse womöglich spontan eine weitere erfordern, allerdings nacheinander.

Fügt diese Konstellation der Talklandschaft demnach eine neue Note hinzu?

Wir erfinden das Fernsehen nicht neu, diese Eins-zu-eins-Gesprächssituationen gab es schon oft. Sie fehlen nur leider momentan.

Bis auf Jörg Thadeusz.

Und ein Format im SWR, stimmt. Aber die konzentrieren sich auf die Person; mir geht es stärker um politische Aktualität. Nichts gegen klassische Talkshows; die können ungeheuer erhellend sein und folgen einem urdemokratischen Prinzip. Aber wir setzen im Grunde an der Kürze von tagesthemen-Interviews oder Beiträgen großer Runden an und vertiefen sie zum intensiven Kammergespräch, wie früher bei Roger Willemsen zum Beispiel.

Gäbe es darin eine Unwucht in Richtung „gutes Gespräch“ oder „große Erkenntnis?

Große Erkenntnis, ganz klar.

Und welche erhoffen Sie sich von der Verteidigungsministerin?

(lacht) Vielleicht, ob Sie tatsächlich bei Interviews stets auf zwei Telefonbüchern steht? Nein, wenn wir über die Aktualität hinaus noch Platz haben, interessiert mich, warum sie so agiert, wie sie agiert.

Gibt es einen Leitfaden für gute Vier-Augen-Gespräche?

Nicht über die Eingangsregel hinaus, dafür sind Menschen zu unberechenbar. Der einzige Leitfaden lautet: Zuhören!

Ist das womöglich Ihre Kernkompetenz?

Das wäre schön, denn es sollte eine Kernkompetenz aller Journalisten sein.

Was qualifiziert Sie übers Zuhören hinaus für diese Art Interview – Erfahrung, Veranlagung, Ausbildung?

Das müssen andere beurteilen, aber ich stelle grundsätzlich gerne Fragen. Das politische Personal ist ja bestens geschult darin, viel zu reden und nichts zu sagen; da hilft es sehr, ihm mal in Fleisch und Blut allein gegenüberzusitzen und in die Augen zu blicken, um zu erfahren, was hinter den Worten steckt, die bei den Schalten ins tagesthemen-Studio durch den Bildschirm gefiltert werden.

Gibt es eine Art inneren Wettkampf, besonders unnahbare Gesprächspartner zu knacken?

Das ist für alle Journalisten ein großer Anreiz. Wenn ich die Chance hätte, Präsident Erdoğan zu interviewen, würde ich dafür sofort nach Ankara fahren. Aber manchmal reicht es schon, wenn man an der obersten Schicht kratzt. Es geht nicht um Trophäen.

Um zum Schluss keine Fehler zu machen: wie sollte man ein gutes Interview auf keinem Fall beenden?

Im Streit!

Ist Ihnen das schon mal passiert?

Zum Glück noch nicht.


Gomorrha 2: Gottesfurcht & Höllenangst

Gomorra_DSC_7005-scaledUnd es kam schlimmer…

Schon die erste Staffel von Gomorrha war eine fesselnde Zumutung. Teil 2 der Serienadaption von Roberto Savianos fiktionalem Tatsachenbericht aus Neapels Mafiahölle (Foto: Emanuela Scarpa) aber ist noch drastischer und doch nicht übertrieben. Leider. Seit gestern läuft sie auf Sky.

Von Jan Freitag

Es gibt einen Sinnspruch, der dem Verfasser einst die Zeit auf dem Schulklo verkürzte: Aus dem Chaos sprach eine Stimme: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer. In Zeiten permanenter Krisen könnte dieses gutgelaunt pessimistische Bonmot von Sachsen-Anhalt über Syrien zur Krim bis nach Washington fast überall stehen. Nirgends aber passt es besser als ins horizontal erzählte Serienfernsehen.

Dort wächst seit den „Sopranos“ die Gewissheit: Wann immer man meint, nun könne es nicht mehr schlimmer werden mit Sittenverfall und Gewalt, wird es so verlässlich schlimmer, dass sich selbst der US-Präsident besorgt an die Macher vom sittenwidrig gewalttätigen Niedergangsepos „Game of Thrones“ wandte: Mit Jon Snow, bat Barack Obama, möge doch wenigstens ein untadeliger Protagonist den Blutdurst ringsum überleben. Ob es so ist, hat ihm HBO nicht verraten, aber eins war schon vor der 6. Staffel klar: Würde der Sympathieträger nicht im mittelalterlichen Westeros, sondern im gegenwärtigen Neapel leben – er wäre wohl nicht nur früher gestorben, sondern richtig grausam.

Womit wir am Ort einer anderen horizontal erzählten Serie sind, deren Brutalität vielfach nicht an „Game of Thrones“ heranreicht, aber irgendwie barbarischer wirkt. Kein Wunder: „Gomorrha“ ist eine real existierende Hafenstadt im Süden Italiens, kein fiktives Fantasy-Reich in undatierter Zeit. Und es mag darin weder Zombies geben noch Zwerge; sie befindet sich so gespenstisch grausam im Würgegriff des organisierten Verbrechens, dass Mobster von Don Corleone bis Tony Soprano zu bodenständigen Unternehmern mit eigenartigem Rechtsverständnis schrumpfen.

Das zeigt die Fortsetzung des Mafia-Dramas nach Motiven von Roberto Saviano sogar noch eindrücklicher als die erste Staffel. Im Herbst schien das neapolitanische Chaos auf engstem Raum ja noch vergleichsweise geordnet. Der melancholische Camorra-Killer Ciro (Marco D’Amore) sicherte seinem Boss Don Pietro mit maximaler Rücksichtslosigkeit, aber einem Restbestand an Empathie die Vormachtstellung unter 50 rivalisierenden Clans. Dieser rechtsfreien Schattenwirtschaft im verkommenen Beton-Ambiente mangelte es zwar an jeder Grandezza früherer Film- und Fernsehpaten. Mit goldgerahmten Plasmabildschirmen und hohem Radstand versuchte sie aber wenigstens einen Anflug legaler Profitmaximierung in den Plattenbau zu holen und pflegte ein paar Regeln, deren Einhaltung Ehrensache war. Treue zum Beispiel.

Worthalten.

Doch damit war es am Ende der zwölf Folgen vorbei. Verbündete wurden verraten an Feinde, die sie emotionslos ersetzten. Ciro killte nicht für, sondern gegen die seinen. Er tötete dessen Frau, schoss den Sohn zu Brei, der Codex implodierte, seither herrscht Krieg, Konventionen Fehlanzeige. In genau dieses Machtvakuum stößt ab heute auf Sky die neue Staffel und füllt es von Folge zu Folge mit mehr menschlicher Leere. Noch immer blitzen die Kruzifixe in jeder dritten Szenerie unterm offenen Hemd, hängen am Ort seelenloser Untaten, sorgen als Kunstobjekte für Hipster-Atmosphäre im Gangster-Loft und sichern das Teufelswerk mit gespielter Gottesfurcht spirituell ab. Doch die Anker ins Jenseits haben ihre Kraft an ein Gefühl verloren, das dem Selbstbewusstsein der Mafia lange fremd zu sein schien: Angst.

Und zwar nicht nur jene, die sie verbreiten, sondern jene, die sie haben. Vorm Machtverlust wie Don Pietro, der nach Deutschland flieht, aber nicht ins noble München, polyglotte Hamburg oder sexy Berlin, sondern brutalistisch schocksanierte Köln mit seiner neongrellen Zweckarchitektur. Nicht rein, aber sauber. Vor allem aber herrscht Angst ums Überleben wie bei Ciros Frau Debora, die aus Furcht vor Rache selbst auf dem Spielplatz schier durchdreht. Oder wie ein Verräter im zentralamerikanischen Drogenkrieg, den der genesene Paten-Sohn vor seiner Rückkehr über Köln nach Neapel einen Freund zerhacken lässt, damit es nicht ihn selbst erwischt. Angst ist aber nicht nur die Antriebswelle eines furchtbaren Rachefeldzuges aller gegen alle; Angst befeuert auch den Suchtfaktor einer sensationell authentischen, pausenlos fesselnden Serie, die abermals zeigt, wie nah das europäische Festlandfernsehen dem angloamerikanischen kommen kann, wenn es den Rücken so grade hält wie Roberto Saviano. Der lebt für seine publizistischen Ideale seit zehn Jahren im Untergrund, hat auch die neuen Episoden des Serienablegers unter Polizeischutz geschrieben und zeigt damit, dass Vorsicht ein guter Ratgeber sein mag. Angst jedoch nicht.

Die des (zumal deutschen) Publikums, auch fernab der Mafiasümpfe seien Zustände wie in „Gomorrha“ denkbar, ist allerdings bislang eher Thrill als real. Selbst in Italien überwiegt der sanfte Schauder über die Abseiten der Zivilisation. Savianos oft verwendeter Rat, „sta senz’ pensier“, also unbesorgt zu sein, ist als Ausdruck fürs Gegenteil ebenso in die Alltagssprache übergegangen wie der kindliche Auftragsmörder „scugnizzo“, mit dem man nun Kumpels bezeichnet. Genau solche Baby-Killer sorgen zwar momentan dafür, dass Neapels „Camorra-Krieg“, wie Saviano es ausdrückt, zusehends der „Strategie des Terrors“ folgt; aber noch ist sie trotz spürbarer Mafiapräsenz weit weg vom nördlichen Nachbarn.

Dort dürfte ein Satz am Ende des zweiten Teils demnach für etwas Entspannung sorgen „Deutschland ist verbrannt“, sagt Don Pietro nach einem scheußlichen Gemetzel in Köln zu seinem Sohn. Als dann beide nach Neapel aufbrechen, weiß man allerdings: dort wird nun alles noch viel schlimmer. Gelächelt hat bis dahin niemand.


Dosenmüllmilliardäre & Deutsche Planeten

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Mai

Dass sich Dietrich Mateschitz vor sieben Jahren aus der Portokasse die PR-Plattform ServusTV gebastelt hat, war für einen Brauseimperator dieses Sendungsbewusstseins gar nicht so merkwürdig. Dass der Red-Bull-Chef darin abseits klebriger Heimattümelei sogar oft gelungenes Programm bot, war es schon etwa mehr. Dass er Anfang voriger Woche verkündete, den Kanal abzuschalten, erschien da trotz dauernder Verluste umso seltsamer. Bis der Grund aufflog: Wie die Salzburger Nachrichten schreiben, wollte der Dosenmüllmilliardär durch kollektive Kündigung einen geplanten Betriebsrat verhindern, was laut Medien-Magazin Zapp– und jetzt wird’s echt absurd – in einer Demo des Großteils der gut 200 Gekündigten für den besten alle Bosse gipfelte, der die Schließung daraufhin – Tataa! – zurücknahm.

So schnell wird ein gewissenloser Umweltzerstörer in zwei, drei Tagen vom gewissenloseren Arbeitnehmerfeind zum gewissenhaften Menschheitsfreund und türkische Verhältnisse erscheinen mit einem Mal auch im deutschsprachigen Raum gar nicht mehr abwegig. Gut dass Jan Böhmermann am Donnerstag wieder mit seinem Neo Magazin Royale auf Sendung geht, um derlei Irrsinn seine Stimme entgegenzusetzen. Zuvor aber hat sie ja bereits in der Zeit wiedergefunden, wo sein Interview so für Furore sorgte, wie es zurzeit offenbar auch der Markenwechsel seines Vollwaschmittels täte.

Dabei ist das Gespräch noch nicht mal witzig, sondern bei allen Versuchen, es zu sein, bierernst und abegesehen von der Verzagtheit, es nur schriftlich zu führen auch – pardon, lieber Jan – ein bisschen larmoyant. Denn irgendwem „ausgeliefert“ wurde der Komödiant keinem Tyrannen, allenfalls dem deutschen Rechtsstaat, der nun darüber befindet, ob Böhmermann eine entspannte Geldstrafe für sein Schmähgedicht kriegt, was verglichen mit jenen Repressalien, die seine Kollegen in Erdoğans  Reich erdulden müssen, ja nun wirklich überschaubar wäre. Aber so ist es eben mit der medialen Öffentlichkeit: Wer den Tiger der Aufmerksamkeitsindustrie nicht reitet, also ab und zu Senderschließungen androht oder den Rückzug aus dem Geschäft, gerät aus dem Lichtkegel der Wahrnehmung, wo es ziemlich einsam wird. Dicke Bretter bohren hilft, so lautet die Botschaft.

045911-001-A_planetdeutschland1_24Die Frischwoche

9. – 15. Mai

Das dachte sich womöglich auch Stefan Schmidt, als er Planet Deutschland drehte: Der Dreiteiler begutachtet den Mikrokosmos in der Mitte Europas erd-, statt menschheitsgeschichtlich. Dafür reist der Arte-Autor bis Mittwoch um 19.30 Uhr 300 Millionen Jahre zurück in der Zeit, als das Gebiet der Bundesrepublik noch am Äquator lag und Heimstatt tropischer Regenwälder voll großer Reptilien war. Mit angemessener Animationstechnik, tollen Zeitrafferstudien und etwas Reenactment schrumpft der Mensch zwei Teile lang zur kleinen Nummer des Historytainments, bevor er im Finale am Mittwoch wieder das Kommando übernimmt.

Ums Kommando geht es auch im besten Film dieser Tage: Der Bankraub (Montag, 20.15 Uhr, ZDF. Klingt nach Gangstern in Strumpfmaske, handelt aber von solchen im Maßanzug, deren Machtgier die Welt dank Finanzjongleuren wie Martin Kreye (Franz Dinda) in die Dauerkrise gerissen hat, der auch sein ehrlich malochender Vater Werner (Joachim Król) zum Opfer fällt. Wall Street revisited im Ruhrpott, glänzend inszeniert von Urs Egger (Buch: Martin Rauhaus), zusätzlich erhellt von der Doku im Anschluss.

Um richtige Gangster geht es in der 2. Staffel Gomorrha, die ab Dienstag auf Sky das Kunststück vollführt, den Griff der Mafia ums verlotterte Neapel noch trister, aber keinesfalls schlechter als zuvor darzustellen. Von so viel Endzeitrealismus entspannt man sich parallel dazu gut mit ein paar großen Kleinganoven im Ersten: Die Vorstadtweiber loten an der Seite ihrer windigen Männer abermals die Möglichkeiten halblegaler Bereicherung derer aus, denen das Schicksal ohnehin reichlich gibt, was wirklich nur mit etwas Wiener Schmäh erträglich wird.

Alles eben eine Frage des Tonfalls. Den kaum jemand so kreativ variiert wie An Ton Kaun, ein Noise- und Videokünstler, dem 3sat am gleichen Tag um 23.50 Uhr im Rahmen der Oberhausener Kurzfilmtage ein fabelhaftes Porträt widmet, nachdem der Sender zuvor vier Stunden lang den 75. Geburtstag von Senta Berger gefeiert hat. Arte versucht es ab Donnerstag mal wieder mit was Düsterem aus Skandinavien: Jordskott. Wenn die Stockholmer Kommissarin Eva in ihrem Heimatdorf nach einem vermissten Kind sucht und dabei die eigene Vergangenheit wachruft, wird es allerdings weniger wallander-grausig als lynchig-absurd. Also ein wenig wie die Wiederholung der Woche aus dem Hamburger Schauspielhaus, wo Fontanes Effie Briest Mitte der Siebziger mit anderem Text und Melodie aufgeführt wurde, was in seinem Aberwitz (Samstag, 20.15 Uhr, 3sat) ebenso so zeitgemäß zeitlos ist wie die schwarzweiße Wiederholung. Allerdings würden sich Brennpunktlehrer heute wohl eher freuen, würden ihre Problemkids ähnliche Probleme machen wie Horst Buchholz und Karin Baal 1956 als Die Halbstarken (Mittwoch, 22.15 Uhr, Servus).

Deren Aufsässigkeit bestand ja vor allem darin, nicht so artig zu sein wie Gleichaltrige in Michael Hanekes Das weiße Band, das der Regisseur 75 Minuten später zum Auftakt des Arte-Dreiteilers Es war einmal … aus eigener Perspektive erklärt.


Wahnsinnsstadt

South_American_Jungle_SGAmphibisch vorwärts

Dass die Stadt einem Urwald (Foto: Sascha Grabow) gleicht, ist ebenso platt wie plakatif und dabei doch so wahr. Zumal Urwälder allerorten schneller abgeholzt werden als man kaum dreimal laut Nachhaltigkeit sagen kann. Auch aus dem Hamburger Dschungel wird selbst kerngesunder Bewuchs heraus gerissen. Dafür kann man ihn nun unter Wasser befahren.

Von Jan Freitag

Dass die Stadt ein Dschungel ist, zählt zu den beliebten Metaphern des urbanen Raums. Wild und gefährlich, so sagt man, gehe es zu auf den Straßen, deren Gesetze nicht nur für Zugereiste oft schwer ergründlich sind. Und erst darunter: Kanalisation, Abwasser, Urban Underground, trüb wie die Elbe, Hamburgs schlammige Lebensader, schiffbar für Containerschiffe in Landungsbrückenlänge, bewohnbar hingegen nur von den hartgesottenen Kreaturen, die längst niemand mehr auf dem Teller sehen mag. Seit der hanseatische Wortschatz vor gut 30 Jahren um Coli-Bakterien, Badeverbot, Schwebstoffe und Schwermetallbelastung erweitert wurde, steigt dort keiner ohne Not oder ausreichend Bier aus der angrenzenden Strandperle freiwillig hinein.

Doch diesen Missstand will das ortsansässige Regionalmarketing nun endlich beheben und investiert dafür kräftig. Dummerweise nicht in die Reinigung der örtlichen Feuchtgebiete, sondern den „HafenCity RiverBus“, ein Amphibiengefährt, das seine Passagiere für den Gegenwert eines Zehnlitervorratskanisters professionellen Rohrreinigers ins Brackwasser abtauchen lässt, um darin, tja, was eigentlich? Die Sicht dürfte selbst an den paar klaren Stellen nur Zentimeter betragen. Und wäre sie besser, würde der durchschnittliche Zweieinhalb-Nächte-Gast mit seinem Bedürfnis nach aseptischem Thrill à la Dungeon vorzeitig sein Budgethotel räumen und zurück nach Stuttgart fahren, wo es ja auch ein paar Musicals geben soll.

Andererseits: Vielleicht ist so eine Fahrt durch die schmutzige Realität der Metropole heilsam für all jene, denen die PR das Bild der polierten Reisekatalogwelt vorgaukelt, die zwar manchmal ein bisschen rau klingt und derbe, am Ende aber sicher ist und sauber wie ein Stück Urwald-Simulation bei Hagenbeck. Was darin behaust statt dekoriert erscheint, wird daher aufgewertet, statt präsentiert. Die Cobra-Bar zum Beispiel, letzter Club mit glaubhafter Punkrock-Attitüde in der Touristenfalle am Hans-Albers-Platz, ist nun Geschichte, weil dem Spekulanten der zugehörigen Immobilie ein Hotel deutlich mehr Profit erwirtschaftet als die Miete für ein wenig Restbestand an Authentizität. Ein weiteres Baudenkmal von historischer Relevanz, der Bunker am Dom, wird die neue Herberge in Sichtweite allerdings womöglich verschatten, wenn er seine ohnehin exorbitante Höhe durch ein begrüntes Event-Zentrum auf 60 Meter nahezu verdoppelt.

Von einem Investor solch herausragender Solvenz kann die Schilleroper dagegen bloß träumen. Die bundesweit einmalige Zirkuskonstruktion, Baujahr 1889, steht nach ihrer wechselvollen Geschichte seit zehn Jahren leer und wird es nach hiesigem Ermessen auch tun, bis die Witterung dem Denkmalschutzstatus so zusetzt, dass auf dem wertvollen Gelände gebaut werden kann, was der hiesigen Sozialdemokratie weit mehr behagt als ein sperriges Veranstaltungszentrum. Kleine Anregung: Wie wär’s mal mit einem Hotel (aber natürlich keins wie in den Schanzenhöfen, die dem Schanzenviertel nach dem Rauswurf alter Mieter ebenfalls teureren Lack verpassen werden)?

Das müsste man dann natürlich schwarzrotgold beflaggen wie es die, nun ja, konkurrierende CDU gerade für Hamburgs Schulen gefordert hat, um den Flüchtlingen die Integration zu erleichtern im Großstadtdschungel Hamburg. Den sie nach der Vorstellung einer Bürgerinitiative selbstredend nicht in Massenunterkünften bewohnen sollen, sondern den vielen schönen, günstigen, freistehenden Wohnungen jedweder Größe und Lage überall in der Stadt, von denen es bekanntlich so derart viele gibt, dass der Mietenspiegel seit Jahren sinkt, weshalb besonders in den angesagten Viertel praktisch jede*r Interessierte ohne weitere Prüfung genommen wird, nur damit der stuckierte Altbau endlich mal winters beheizt wird. Fehlt eigentlich nur noch ein dichtes Netz kostenloser Amphibienbusse. Schöner neuer Großstadtdschungel.


Trümmer: Alte Wut & neuer Pop

Trümmer2Das ist schon noch Punkrock

Das hochgelobte, sogar recht gut verkaufte Debütalbum der Postpunkband Trümmer hat die Wut des Trios aus Hamburg auf die herrschenden Verhältnisse seinerzeit mit philosophischem Furor zum Ausdruck gebracht. Zum Quartett angewachsen klingt der Nachfolger Interzone nun um Einiges milder als vor zwei Jahren, bisweilen geschmeidig, fast poppig. Ein Gespräch mit Sänger und Texter Paul Pötsch (Foto (re.) Alexandra Kinga Fekete) über die Reifung im Freundeskreis, das Regelwerk des Indierocks und was für ihn Erfolg bedeutet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Paul, ihr sprecht nicht nur auf dem Plattentitel, sondern in mehreren Stücken von einer Interzone, in der wir uns scheinbar befinden. Was für ein Zwischenraum ist das genau?

Paul Pötsch: Also demnächst ist damit jene Bar namens „Interzone“ gemeint, die auf dem Cover der neuen Platte zu sehen ist: Ein fiktiver Ort, den wir bald auch real eröffnen. Auf unserer neuen Platte läuft der Prozess dagegen eher umgekehrt: Während die erste vor zwei Jahren die Verhältnisse um uns herum noch sehr konkret benannt hat, geht es nun eher ins Fantastische, fast Mythische, jedenfalls Utopische.

Es geht also gar nicht mehr um greifbare Themen einer urbanen Band wie  Verdrängung, Kommerzialisierung, Gentrifzierung?

Doch, wir haben allerdings den Raum, in dem all dies behandelt wird, vergrößert. Unsere Sprache ist freier geworden, ohne die realen Dinge um uns herum aus dem Blick zu verlieren. Es gibt da zum Beispiel dieses Stück Europa Mega Monster Rave, in dem es sehr konkret um die sogenannte Flüchtlingskrise geht. Das bewerten wir anders als zuvor nicht mehr als schlecht, sondern abstrahieren es mit einer riesigen Party in Europa, zu der prinzipiell jeder eingeladen ist. Ich hatte beim Schreiben nämlich das Gefühl, sich schnell zu verrennen, wenn man ständig tagespolitisch wird, das die Songs dann verfallen. Deshalb arbeiten wir nun mehr mit Bildern, die größere Interpretationsspielräume bereithalten.

Macht das die Musik dahinter unpolitischer?

Eher anders politisch.

Immerhin finden sich auf Interzone weit mehr Ich-und-Du-Sequenzen also zuvor, als würdet ihr euch aus der Öffentlichkeit ein wenig ins Innere zurückziehen…

Auf der ersten Platte gab es auch schon Liebeslieder und zu behaupten, Liebe wäre unpolitisch, fiele mir auch nicht ein. Ich würde die Platten generell nicht gegeneinander ausspielen. Sie bedienen sich bloß unterschiedlicher sprachlicher Ebenen.

Und zwar nicht nur textlich, sondern auch musikalisch. Interzone klingt – diplomatisch formuliert – milder, geschmeidiger.

Das kann sein.

Auch poppiger?

Pop klingt so nach Ausverkauf und glatt. Der Eindruck entspringt eher den verschiedenen Anleihen von Wave über Funk bis Blues, Disco, sogar Hardrock mit richtigen Gitarren-Soli. Ich würde es daher melodischer nennen. Was auch daran liegt, dass Helge Hasselberg, der schon unser erstes Album produziert hat, nun auch Gitarre bei uns spielt. Der hat ganz viele Ideen reingebracht. Und als wir voriges Jahr in Berlin die große Punkrock-Oper im Haus der Welt gemacht haben, hab  ich erstmals Texte aus einer anderen Perspektive als meiner eigenen gesungen. Das verändert den Zugang zur Musik und öffnet Türen. Mit Pop hat das also wenig zu tun.

Dafür vielleicht mit Reifung, um nicht Erwachsenwerden zu sagen?

Ja, vielleicht. Aber wichtiger ist: Wenn man so viel miteinander abhängt, Konzerte gibt, Projekte gestaltet wie wir, lernt man sich selbst und die anderen einfach so gut kennen, dass man sich auch mehr zutraut, mehr vertraut.

Heißt das, zu Beginn habt ihr euch noch mehr verboten?

Wir uns nicht, nein. Aber der Indie-Kreise, aus denen wir ja letztlich kommen, kennen eine Menge ungeschriebener Regeln, von denen sich gerade junge Gitarrenbands oft beeindrucken lassen: Was darf man als männliche Gitarrenband, was nicht? Von den öden Regeln des Diskurspunks mussten wir uns vielleicht erstmal emanzipieren.

Wobei es doch nicht per se bevormundend, sondern sehr klug ist, Jungs die Mackerposen auszutreiben oder?

Das ist sogar sehr erstrebenswert, haben es aber ganz aus uns selbst heraus entwickelt. Das zeigt sich auch auf der neuen Platte. Andererseits waren viele schon bei der alten irritiert, was für ein dürrer Kerl mit zarter Stimme zu so harten Gitarren singt. Dieses Spiel treiben wir jetzt noch weiter und werden spielerischer, tänzerischer. Gerade im Angesicht einer Jugendkultur mit all ihren Riten und Codes, find ich es interessant, Erwartungshaltungen und Regeln zu brechen.

Apropos Jugendkultur: Im Opener Wir explodieren singst du, ihr wärt „die Kinder, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben“. Ist das Realität, Wunschdenken oder einfach Poesie?

Von allem etwas, denn der Claim bringt das Verständnis von Jugendkultur perfekt zum Ausdruck. Dieses Bedürfnis nach Regeln, die Erwachsene niemals durchschauen, durchzieht alle Teenager-Szenen. Es geht da um Abgrenzung.

Trümmer1Entspringt also gar nicht zwingend eurer Lebensrealität?

Nein, denn ich begreife nicht alle meine Texte als Orte der Selbstdarstellung. Das Material ist natürlich schon teils autobiografisch, aber theoretisch soll sich jeder darin wiederfinden können. Auch wenn viel von mir drin steckt, geht es nicht um dauernde Selbstentblößung.

Steckt denn noch ausreichend Wut darin?

Als Energie zur Auflösung widersprüchlicher Verhältnisse total! Unsere Forderung nach Zerwürfnis, Umbruch, Zertrümmerung ist genauso anarchistisch wie vor zwei Jahren. Sonst wäre ein Song wie 05:30, in dem wir uns der Selbstoptimierung widersetzen, ja nicht drauf. Das ist schon noch Punkrock.

Und entsprechend analog eingespielt?

Alles mit richtigen Instrumenten.

Als ihr 2014 das Gleiche meintet, hieß es, sobald jemand hereinschneit, der einen Synthie beherrscht, dürfe der gern mitmachen. Ist einfach noch keiner hereingeschneit?

Es geht dieser Band generell nicht darum, sich irgendwas zu verbieten, nicht mal, was keiner beherrscht. Das ist der alte DIY-Gedanke: Jeder hat bei uns das Recht, sich jederzeit neu zu erfinden, so wie ich halt einfach irgendwie Sänger geworden bin. Anders als im Theater braucht man in der Musik ja keine Qualifikation, das macht es so toll. Außerdem gibt es mit Nitroglyzerin ein Stück mit Synthie, hat Helge mitgebracht. Wir haben überhaupt keine Masterpläne. Entsprechend unkontrolliert ist auch die Platte in mehreren Wochen entstanden.

Und wieder wie die erste gemeinsam in einer Live-Situation aufgenommen?

Nee, getrennt, auf verschiedenen Spuren. Vielleicht klingt sie deshalb poppiger.

Würdest du eigentlich sagen, dass ihr Erfolg habt?

Dafür muss man definieren, was Erfolg ist. Für mich ist es einer, wenn man nach eigenen Maßstäben selbstbewusst handelt und sich dabei mit Freunden umgeben kann. So gesehen haben wir durchaus Erfolg. Uns schreibt niemand etwas vor, auch keine Plattenfirma oder ein irgendwie homogenes Publikum.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen


Christian Kohlund: Traumhotel & Zürich-Krimi

thomas-borchert-100-_v-varxl_62b039Keine Einschränkungen!

Christian Kohlund hat so ziemlich die schönste Stimme des Fernsehens und dennoch ein Problem: Meist erklingt sie in seichten Filmen. Sein düsterer Anwalt im Zürich-Krimi (Foto: ARD-Degeto/Nikolay Gutscher) soll da Abhilfe schaffen. Ein Gespräch zum zweiten Teil (5. Mai, 20.15 Uhr, ARD) mit dem 65-jährigen Schweizer übers seichte Erbe der Schwarzwaldklinik, den wahren Christian, dessen Reise zurück in die Züricher Zukunft und was sie mit dem verstorbenen Regisseur Caro Rola zu tun hatte.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kohlund, macht es Ihnen etwas aus, über die Leichtigkeit Ihres schauspielerischen Seins zu sprechen?

Christian Kohlund: Überhaupt nicht. Ich brauche mich für nichts zu rechtfertigen und kann mich ganz gut wehren, wenn es unsachlich wird. Also: keine Einschränkungen, nur zu!

Welche Beziehung haben Sie zu Prof. Alexander Vollmers, Ihrem Schwarzwaldklinik-Arzt vor rund 30 Jahren?

Eine gute. Nach Engagements an diversen Theatern, war ich gerade ein paar Jahre Freiberufler, als mich Wolfgang Rademann in meinem Achtteiler Der Glücksritter sah und sein Regisseur Hans-Jürgen Tögel daraufhin anrief und fragte, ob ich Lust auf diese Randfigur hätte.

Die allerdings von Anfang bis Ende zum Personal der Schwarzwaldklinik zählte.

Aber nur ab und zu mal auftaucht, an Frauen rumgräbt und wieder verschwindet. Das fand ich schon deshalb gut, weil ich die Gage gebrauchen konnte, und sagte unter der Bedingung zu, dass die Figur ein schickes Cabrio fahren darf. Obwohl ich lachhaft wenige Drehtage hatte, wuchs mit der Bedeutung der Serie aber auch die meiner Rolle zwischen Klaus-Jürgen Wussow und Sascha Hehn. Da gab’s irgendwann kein Zurück mehr, aber es war seinerzeit alles dabei, was im deutschen Theater Rang und Namen hatte.

Hatte die Hochkultur keine Berührungsängste mit der leichten Fernsehkost?

Null! Das war ein Job, den man einfach gemacht hat. Der Konsequenzen war sich damals niemand recht bewusst.

Sie auch nicht?

Nein. Die gigantische Reaktion von bis zu 28 Millionen Zuschauern, 60 Prozent Marktanteil – das hat alle geblendet.

Da war Ihnen die Kritik des Feuilletons egal?

Mir ist nie egal, was man über meine Arbeit denkt. Aber wenn ich etwas mache, mach ich‘s richtig und ziehe nicht den Schwanz ein, falls Kritik aufkommt. Als Teil einer alten Theaterfamilie, bei der Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch ein und ausgingen und praktisch jeder irgendwie mit Bühne und Film zu tun hatte, war meine Einstellung zu diesem Beruf umfassend und professionell. Morgens Theaterprobe, abends Operette, dazwischen Unterhaltung war da nie ein Widerspruch.

Auch nicht, als sich das Gewicht durch die Schwarzwaldklinik Richtung leichte Kost verschoben hat?

Ach, man kriegt es manchmal gar nicht mit, wenn sich Erfolg auf einer Schiene zu verselbständigen droht. Aber diese Schattenseite lag gar nicht am Publikum, das weiterhin bereit war, mich in ernsten Rollen zu sehen. Es war eher die Branche, die plötzlich nur noch den Schweizer Lockenkopf mit der schönen Stimme sah und für engagiertere Sachen die Hände von ihm ließ. Aber auch, wenn die breite Masse davon schwer erfährt: Ich habe abseits populärer Filme wie dem Traumhotel immer voll dagegen gehalten.

Womit genau?

Vor allem Theater, auch schwere Stoffe wie das Ein-Personen-Stück Im Zweifel für den Angeklagten, ein Lebenstraum, seit ich Curd Jürgens in den 60ern als gerechtigkeitsliebenden Anwalt Clarence Darrow gesehen habe. Es hat zwar 35 Jahre gedauert, bis ich ihn mir selbst verwirklicht habe, aber nach mehr als 400 Aufführungen wurde mir zusehends klar: Das ist der wahre Christian – auch wenn leichte Fernsehkost ebenso dazugehört.

Aber auf beiden Bühnen neigen Sie gleichermaßen zum Helden oder?

Das ist wahr, auch in meinen Abenteuerstoffen wie dem Weihnachtsvierteiler Wettlauf nach Bombay 1981 wurde ich nie negativ besetzt. Das hat allerdings auch mit der Ausstrahlung zu tun. Umso dankbarer war ich, in ein paar Derrick bald auch mal Mörder zu spielen. So hab ich eine ganz gute Mischung hingekriegt. Aber am Ende sind Schauspieler abhängig von anderen.

Ist Ihr Anwalt mit eher dunkler Vergangenheit und Aura im Zürich-Krimi eine Reaktion auf diese Abhängigkeit, die Sie zuletzt vor allem ins Traumhotel geführt hat?

Reaktion klingt, als hätte ich dauernd danach gesucht. Nein, so eine Rolle hängt eher mit dem Alter zusammen, das ich mit größtmöglicher Authentizität angehe, weshalb ich auch nie eine Schönheits-OP machen würde. Mit fast 66 versucht man vielleicht etwas mehr, sich selbst nah zu bleiben; das gelingt mir mit Thomas Borchert schon deshalb gut, weil er eine Fortentwicklung von Clarence Darrow ist und ich auch sonst sein kann wie ich bin.

Tragen Sie deshalb jetzt die gleiche Mütze wie in der Serie?

Eine der vielen Mützen, die ich dort trage! Wir beide mögen Kopfbedeckungen jeder Art.

Und stammen beide aus der Schweiz, haben aber die meiste Zeit woanders gelebt.

Das stimmt, aber er Borchert ist und bleibt eine Konstruktion, die halt Parallelen zu mir aufweist. Er ist nicht mehr so jung, nicht mehr so schick, nicht mehr so schnell und alles andere als ein Strahlemann, der sich ans Bein pissen für Dinge, die er nicht getan hat. So eine Chandler-Figur mit innerer Melancholie kommt der Seele meiner dänischen Vorfahren vermutlich am Nächsten.

Aber nähere Verwandtschaft hat eher mit Zürich zu tun oder?

Deshalb war die Reise für ihn wie für mich eine zu den eigenen Wurzeln. Ich kenne die Stadt meiner Jugend in und auswendig. Beim Drehen wurde ich da ständig an meine Vergangenheit erinnert, von der ersten Liebe bis zu meiner älteren Schwester, die vor zwei Jahren gestorben ist.

Färben solche Erinnerungen auf die Arbeit ab?

Nein, das nimmt keinen Einfluss, prägt aber die Zeit davor und danach ungemein. Ich verfalle daher am Set auch nicht dauernd ins Schwiezerdütsch. Schon, weil es eine gefährliche Filmsprache ist. Ernst gemeint ist sie schwer verständlich, unernst gemeint zieht sie das Thema ins Lächerliche.

Dennoch reden im deutschen Krimi wenigstens einige Statisten stets örtlichen Dialekt, während in Ihrem Zürich ausschließlich Hochdeutsch zu hören ist. Warum?

Weil die handelnden Figuren lange in Deutschland gelebt haben oder von da stammen und Dialekt in ein paar Fetzen verabreicht schwer nach Emil Steinberger klingt. Das fände ich unangemessen. Ganz oder gar nicht, das ist auch im Leben mein Prinzip.

Geht dieses Prinzip so weit, dass Thomas Borchert wie Ihr Traumhotel-Tester Markus Winter zehn Jahre ermitteln könnte?

Das steht nicht mal in den Sternen. Ich wäre wie alle anderen dazu bereit, aber wir müssen jetzt erst mal den schmerzlichen Verlust von Carlo Rola verarbeiten, der den zweiten Teil gedreht hat. Es war sein allerletzter Film.


Marseille: Yachthafen & Netflix-Ghetto

Marseille_PR_GROUPSex & Crime? Checkcheckcheck!

Mit der vermeintlichen Politserie Marseille (Foto@Marco Grob) zeigt Netflix ab Donnerstag seine erste europäische Eigenproduktion. Trotz vieler Klischees und handelsüblicher Standards ist die Geschichte um Macht, Sex, Gier und Gewalt aus Frankreichs vielschichtiger Hafenmetropole ein ordentlicher Anfang auf dem alten Kontinent.

Von Jan Freitag

Entertainment und Politik gehen selten Hand in Hand. Gut, es gab da mal Politentertainer wie Wehner, Strauß und Joschka Fischer, die sich gern am Rand der Realsatire stritten. Manches (ost)europäische Parlament gleicht zuweilen eher Boxring als Plenarsaal. Und als die FDP ihr Wahlziel mal unter Westerwelles Schuhsohlen druckte, ging es kurz lustig zu im Hohen Hause. Ansonsten aber ist das Geschäft darin ein zähes Ringen zwischen Lobbyismus, Fraktionszwang und Bürokratie.

Für Unterhaltung taugt die Gewaltenteilung demnach nur bedingt – das zeigen diverse Zuschauerflops mit politischer Thematik. Kanzleramt zum Beispiel mit Klaus J. Behrendt als Regierungschef, ist 2005 bei Kritik und Publikum so gnadenlos gescheitert, dass das ZDF sein fiktives Abgeordneten-Porträt Eichwald MdB kürzlich im Spartenkanal Neo vergrub. Auch der Zuspruch für Importe von Borgen bis House of Cards bleibt im linearen Mainstream trotz aller Preise mäßig. Und als zuletzt der famose ARD-Mehrteiler Die Stadt und die Macht im Quotentief versank, wurde deutlich: Mit großer Politik ist abseits der Nachrichten schwer Staat zu machen.

Vielleicht ist die französische Politserie Marseille ja deshalb keine dramatische Politserie, sondern eher ein Seriendrama mit etwas Politik. In Europas erster Eigenproduktion des amerikanischen Streamingdienstes Netflix wird sie von Gérard Depardieu als scheidender Bürgermeister Robert Taro, der seiner geliebten Brennpunktmetropole nach 20 Jahren im Amt ein riesiges Casino im Yachthafen und seinen Protegé Lucas Barrès als Nachfolger hinterlassen will, zwar äußerst schwergewichtig verkörpert. Doch das parlamentarische Geschacher um Frauen, Geld und Macht bildet im Grunde nur das übliche Brett eines Gesellschaftsspiels, bei dem aufwändig gestaltete Figuren möglichst aufregend verschoben werden.

So weit der Plan. Die Umsetzung von Showrunner Florent Siri wird ihm allerdings nur bedingt gerecht. Es beginnt bereits beim Start. Mit der riesigen Nase seines wuchtigen Darstellers zieht Bürgermeister Taro in den kühl-blauen Katakomben des örtlichen Fußballstadions zwei Nasen Koks, bevor er zur Marseillaise die VIP-Loge seines Heimatvereins betritt und in die Sprechchöre leidenschaftlicher Olympique-Fans hinein schmachtet, wie sehr er sie doch liebe, „diese verdammte Stadt“, während ihn ein Gangster nebenan in offenkundigster Miami-Vice-Schmierigkeit taxiert und somit gleich mal klarstellt, wer hier gut ist und wer böse.

Diese Grenzen mögen fortan zwar hier und da wieder verwischen. Doch nicht nur wegen des Kokains erinnert die Dramaturgie von Marseille unverzüglich an die Achtzigerjahre, als dem Publikum noch alles schnell und einfach erklärt werden musste, um sie nicht sofort an einen der zwei anderen Sender zu verlieren. Andererseits faltet sich die Geschichte zusehends in Randepisoden auf, die das Ganze komplizieren, aber doch eher der Vollständigkeit halber erzählt werden, als den Plot voranzutreiben: Intriganter Gegenspieler? Check! Depressive Ehefrau? Check! Tochter mit Unterschichtenabstecher? Check! Viel Sex? Check! Noch mehr Crime? Check! Branchenübliches Spannungsfeld zwischen Plattenbau und Villenviertel? Checkcheckcheck!

Dass Marseille trotzdem acht Teile lang weitestgehend überzeugt, liegt am exquisiten Cast, allen voran Depardieu. Es liegt aber auch am Ort des Geschehens, dieser aseptisch versifften Migrationshochburg mit angeschlossenem Yachthafen. Wie kaum eine andere, verkörpert Frankreichs zweitgrößte Stadt glaubhaft die groteske Ungerechtigkeit der gar nicht so sozialen Marktwirtschaft auf engstem Raum, bietet also etwas mehr Reibungsfläche als das vollends verrottete Neapel der Mafia-Serie Gomorrha, die am Dienstag bei Sky in Staffel 2 geht. Das Desaster mag dort wahrhaftiger sein, der Niedergang unwiderruflicher, die Gewalt absurder; wirklich unterhaltsam wird all dies erst im Kontrast zu den Strippenziehern der Upper-Class mit ihren Swimmingpools und Luxuskarossen. Politiker oder nicht.


2 Bier – 1 Platte

neonschwarz_booking_headerNeonschwarz & viermal HipHop

Eine Supergroup, die ihresgleichen sucht – so bezeichnen sich Neonschwarz (Foto@Franziska Holz) gerne selbst. Der Erfolg ihres Debütalbums 2014 und ein begeistertes Live-Publikum geben ihnen Recht. Ob sie mit ihrem neuen Spross Metropolis an diesen Erfolg anknüpfen können, wird sich bald zeigen.  Bevor sie die Festivalsaison wieder voll in Anspruch nimmt, besinnen sich die vier Hamburger aber noch mal auf ihre musikalische Inspiration. Die ist ziemlich klassisch, sich auf nur eine Platte festlegen wollen sie aber nicht.

Interview: Marthe Ruddat 

Marie Curry: So Lieblingssachen sind ja auch immer schwer.

DJ Spion Y: Das finde ich auch! Aber wenn es eines sein soll, dann nehme ich 36 Chambers vom Wu-Tang Clan. Ich weiß gar nicht, wann die heraus kam.

Johnny Mauser: 1993!

Ja, es ist der Johnny Mauser! Genau der, von dessen Konzert Feine Sahne Fischfilet-Frontmann Monchi in der ersten Episode von zwei Bier – eine Platte erzählt hat. Die lieben sich halt alle bei Audiolith.

DJ Spion Y: 1993, echt? Okay, das ist wirklich schon eine Weile her. Da waren außer Cappadonna noch alle dabei. Das ist einfach ein großartiges Album, Marthe-WTCwahrscheinlich das beste Rap-Album auf der Welt.

freitagsmedien: Schließt du dich an, Johnny?

Johnny Mauser: Nee, für mich war der größte Hip Hop-Meilenstein Gang Starrs Moment of Truth. DJ Premier ist einfach der beste Conceptionist im Hip Hop und weil Guru nun leider verstorben ist, ist das Album durch seinen Part noch legendärer.

Gang Starr war ein vor allem in den Neunzigern erfolgreiches Hip-Hop-Duo. Moment of Truth ist bis heute ihr meistverkauftes Album. Rapper Guru starb 2010.

Marie Curry: Dann sag ich jetzt Lauryn Hill, Miseducation.

DJ Spion Y: Warum findest du die so besonders gut?

Marie Curry: Ich finde sie einfach so beeindruckend, wie sie singt und rappt. Lauryn Hill ist einfach eine der Frauen, die früh im Hip Hop erfolgreich war.

Marthe-HillDJ Spion Y: Das stimmt! Leider ist das ja untypisch, dass Frauen als Rapperinnen so herausstechen. Außer bei Marie natürlich!

Ähm…ja…hat er schon selber gemerkt.

Captain Gips fehlt noch!

Captain Gips: Manchmal verbindet man bestimmte Platten ja auch mit besonderen Erlebnissen. Und bei der The Score von den Fugees ist das so. Musikalisch ist die gar nicht so toll, aber ich hatte damals so eine Punkphase und habe die Platte einfach nur abgefeiert.

Wir fassen zusammen. Die Neonschwarz Top Vier:

Wu-Tang Clan – Enter the Wu-Tang (36 Chambers)

Gang Starr – Moment of Truth

Lauryn Hill – The Miseducation of Lauryn Hill

Fugees – The Score

Das ist ja mal ein Haufen HipHop-Klassiker. Hängen die Platten deshalb eingerahmt an der Wand oder hört ihr sie auch regelmäßig?

DJ Spion Y: Ich finde, die gehören auf jeden Fall alle ins Regal. Für mich als DJ ist das aber vielleicht auch noch was anderes. Ich höre alle vier Platten gerne und lege alle auch noch auf.

Marie Curry: Lauryn Hill habe ich tatsächlich neulich erst gehört, aber eigentlich gehört die Platte nicht zu der Musik, die ich regelmäßig höre.

Johnny Mauser: Solche Klassiker müssen ja auch erst einmal Klassiker werden und sich den Titel der Lieblingsplatte verdienen. Es gehört einfach dazu, dass sie einen eine Zeit lang begleitet und das dann aber so langsam wieder im Regal verschwindet. Und wenn man dann den ein oder anderen Song auf einer Party Marthe-Gangwiederhört, freut man sich halt um so mehr.

Lauryn Hill – Doo Wop (That Thing)

Showing off your ass ’cause you’re thinking it’s a trend

Girlfriend, let me break it down for you again

You know I only say it ’cause I’m truly genuine

Don’t be a hard rock when you really are a gem

Baby girl, respect is just a minimum

Niggas fucked up and you still defending ’em

Now Lauryn is only human

Don’t think I haven’t been through the same predicament

Let it sit inside your head like a million women in Philly, Penn.

It’s silly when girls sell their soul because it’s in

Look at where you be in hair weaves like Europeans

Fake nails done by Koreans

Come again

Win win come again, brethren come again, my friend come again, yo come again

 Guys you know you better watch out

Some girls, some girls are only about

That thing, that thing, that thing

That thing, that thing, that thing

Heute ist die Auswahl an Musik, die potenziell mal zum Klassiker werden könnte, ja deutlich größer.  

Marie Curry: Das stimmt. Ich komme aus einer Kleinstadt. Wenn man da ein neues Album oder einen neuen Song hatte, war das immer so, als hätte man einen kleinen Schatz. Heute ist das ganz anders, da verschickt man einfach mal einen Link. Ich glaube, früher hat man alles viel öfter gehört und die Musik hat einen länger begleitet als heute.

Marthe-fugeesDJ Spion Y: Prinzipiell habe ich nichts dagegen, dass es heute so viele verschiedene Angebote gibt. Früher war alles einfach ein bisschen exklusiver und intimer.

Johnny Mauser: Und dadurch hat man auch aufmerksamer Musik gehört, als man das heute tut.

Hat das steigende Angebot dann auch dazu geführt, dass ihr euch mit unterschiedlichen Genres beschäftigt?

Captain Gips: Ja, bestimmt. Ich höre auf jeden Fall viele verschiedene Sachen. Bob Dylan und Agnes Obel find ich gut.

DJ Spion Y: Ich glaube, so etwas hören wir alle ganz gerne. Wir feiern ganz unterschiedliche Stile und Richtungen ab. Aber wir sind alle im HipHop Zuhause und deshalb fallen auch alle Lieblingsplatten in diesen Bereich.

In euren Songs stimmt ihr gerne auch mal sozialkritische Töne an. Wie wichtig sind euch die Inhalte bei anderen Bands?

Spion Y: Ach, man sollte sich schon mal anhören, was es alles so gibt. Ob man das jetzt von vorne bis hinten so abfeiert ist die andere Sache. Es gibt Beispiele, wo wir den Style gut finden, aber nicht mit allen textlichen Aussagen konform gehen. Anhören kann man ganz vieles, ohne komplett dahinter zu stehen.

Marie Curry: Das denke ich auch. Es gibt ja Songs, die sind inhaltlich total stark, aber von der Form her schlecht. Dann höre ich mir manchmal tatsächlich lieber einen Song an, der inhaltlich nicht so gehaltvoll, vom Stil her aber cool ist oder coole Reime hat. Sonst könnte ich ja auch einfach ein Buch oder einen Artikel lesen.

Johnny Mauser: Ich glaube, wenn man HipHop mag, dann hört man oft guten Rap, der inhaltlich manchmal schwierig, homophob oder rassistisch ist. Da Marthe1kommt man bei Straßenrap oft nicht dran vorbei.

Marie Curry: Ja, aber wenn die Aussagen total daneben sind, dann höre ich mir das auch echt nur einmal an und dann nie wieder.

Solche Aussagen sind auf Neonschwarz’ neuem Album Metropolis wohl nicht zu erwarten. Am 6. Mai erscheint der Neuling und wird mit einer fetten Release-Party in der Roten Flora gefeiert. Alle weiteren Live-Termine gibt’s online bei Neonschwarz.


Müllabfuhr & Medienopfer

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

25. April – 1. Mai

Die Frage, wer Opfer ist, wer Täter, umtreibt die Mediengesellschaft mitunter im Stile eines Flippers. Jan Böhmermann zum Beispiel, schon wieder der, gilt im türkischen Sultanat definitiv als letzterer, im deutschen Rechtsstaat hingegen als ersterer – auch wenn er grad staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen ihn aufnimmt, was die Rollenzuweisung so umkehrt, dass der Angeklagte in spe aus der allgemeinzugänglichen Öffentlichkeit zusehends ins innere Exil abwandert.

Aus dem er nun allerdings ausgerechnet in ein Medium zurückehrt, das zweifelsohne auf der roten Liste besonders übler Täter steht: Ab Mai wird Jan Böhmermann seine Sendung Sanft & Sorgfältig an der Seite von Oli Schulz nicht mehr im öffentlich-rechtlichen Radio Eins verbreiten, sondern bei Spotify. Jenem Musikstreaming-Dienst also, der die musikalische Vielfalt durch maximale Ausbeutung künstlerischen Eigensinns vernichtet. Oder ist Spotify selbst nur ein Opfer der Verhältnisse, das den schrumpfenden Tonträgermarkt digitales Asyl gewährt? Es ist kompliziert.

Nehmen wir Böhmermanns Urahn Thomas Gottschalk, der das Fernsehen in seiner eigenen Flegelzeit kaum weniger aufmischte als sein inkriminierter Epigone und für die Fähigkeit zur selbstreferenziellen One-Man-Show zum Schluss als aufdringlicher Lustgreis verunglimpft wurde. Ab 5. Juni soll seine RTL-Show Mensch Gottschalk satte drei Stunden lang live die Themen der Tage zuvor verwursten und damit, produziert von Spiegel TV, abermals den Tatort im Ersten angreifen. Der dürfte diese Opferrolle angesichts lausiger Quoten von Tommys Back to School an gleicher Stelle jedoch rasch Richtung Täterrolle verlassen.

Bleiben als unzweideutige Medienopfer der Vorwoche noch jene elenden Geschöpfe, die eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung am Mittwoch als „Müllabfuhr in Internet“ deklarierte: Billiglöhner in den rechtsfreien Räumen des globalen Kapitalismus, die das Netz von anstößigen Bildern jeder Art säubern. Für ihre Arbeit, von Nutznießern wie Facebook und Amazon gern keimfrei „Commercial Content Moderation“ genannt, kriegen die Putzkolonnen zwar kaum Geld, zahlen aber einen hohen Preis an sich selbst: zerstörte Seelen, Leben, Familien.

indexDie Frischwoche

2. – 8. Mai

Ein Schicksal, das dem jungen Jan (Leonard Carow) im famosen ARD-Mittwochsfilm Kaltfront (Foto: HR) gleich doppelt widerfährt. Zunächst als Kind, dessen Vater einst einer Bankräuberin zum Opfer fiel. 16 Jahre später als Teenager, den Judiths vorzeitige Hafterleichterung aus seiner fragilen Normalität reißt und mit ihm eine ganze Reihe weiterer Betroffener des tödlichen Überfalls von einst. So lauten die Protagonisten eines famosen Dramas um Schuld und Sühne, das vermutlich auch deshalb solche Wucht entfaltet, da der Regiedebütant Lars Henning einen Wagemut zeigt, den ihm das Metier noch früh genug austreiben wird.

Angefangen mit seinem eigenen Drehbuch, vollendet von seinen Darstellern, allen voran Jenny Schily als Täterin, die peu à peu zum Spielball von Menschen wie ihrer verleugneten Tochter (Lana Cooper) oder dem wunderbaren Christoph Bach als stinkreicher Sohn eines Ermordeten wird. „Du bist ja gar kein Opfer“, sagen die neuen Mitschüler des stotternden Jan zu Beginn, als der sich mit dem Messer gegen Klassenkeile wehrt. Klingt nach erfolgreicher Selbstbehauptung, also einem baldigen Happy-End? Pustekuchen! Mit Dialogen wie diesem lotet Henning die Grenze zwischen Hoffnung und Desaster bis ins Finale so ergebnisoffen aus, dass man nie weiß, wohin die Reise geht. Arme Täter, böse Opfer? Wenn‘s doch so einfach wäre…

… wüsste man genau, ob Glyphosat nun der Wunderstoff globaler Nahrungsmittelversorgung ist (wie die Hersteller beteuern) oder krebserregendes Teufelszeug (wie Gegner warnen). Am Freitag hilft 3sat ein wenig beim Beurteilen des Pestizids, wenn pünktlich zu dessen ablaufenden Zulassung die Doku Gift im Acker zur besten Sendezeit Licht ins Dunkel bringt. Licht ins Helle bringt hingegen Lutz Hachmeisters fabelhafte ARD-Doku Der Hannover-Komplex (heute, 22.45 Uhr) über das lukrative Biedermeierparadies Niedersachsen, in dem sich die Albrechts, Wulffs, die Machmeyers und Schröders seit jeher von Spießervorgarten zu Spießervorgarten Posten und Provinzfilets zuschustern.  Das erinnert ein wenig an den Ort der ersten europäischen Serienproduktion von Netflix: Marseille. Hier glitzert nix, hier ist es windig, hier hat Frankreichs zentralistische Klassengesellschaft eine Art stinkender Abseite, die ab Donnerstag im Streamingdienst kein Geringerer als Gérard Dépardieu regiert. Das will zwar mehr als es kann, ist aber doch Politentertainment auf hohem Niveau.

Tags drauf soll es auf Einsfestival ab 19.40 Uhr lustiger zugehen, wenn das „wöchentliche Comedy-Gossip-Magazin“ Shuffle die Heiterkeit zwischen Virtualität und Wahrheit auslotet. Na ja. Schauen wir lieber die farbige Wiederholung der Woche: Jean-Luc Godards wild gewordenes Jet-Set-Gemälde Elf Uhr nachts (Montag, 20.15 Uhr, Arte) von 1965 mit Jean-Paul Belmondo als Dandy, den die Langeweile in einen Mordfall zieht. Gefolgt vom schwarzweißen Zwölfakter Die Geschichte der Nana S. auf gleichem Kanal, in dem der Regisseur drei Jahre zuvor das Abgleiten einer Verkäuferin in die Prostitution skizziert hätte, als hätte es bis dato keine Filmregeln gegeben. Apropos: Mit Regeln hatte es auch der Auftakt der zehnteiligen Reihe Austropop-Legenden (Donnerstag, 20.15 Uhr, Servus) nicht so: Falco.