2 Bier – 1 Platte

Marthe-OjiOnejiru & Turtle Bay Country Club

Sisters, Sam Ragga Band, Helge Schneider, Jan Delay: Die Liste von Onejirus musikalischen Projekten und Kollaborationen ist nicht nur lang, sondern auch hochkarätig. Jetzt veröffentlicht sie als Produzentin, Texterin und Sängerin gemeinsam mit Hamburgs Erfolgsproduzenten Matthias Arfmann eine neue Platte. Auf Ballet Jeunesse haben sie die bekanntesten europäischen Balletklassiker neu aufgenommen und mit Hilfe internationaler Musikerinnen und Musiker neu interpretiert. Zum Bierplattengespräch gab’s dieses Mal zwar ganz sportlich nur Wasser, die Einblicke in die Geschichte der besonderen Onejiru sind dafür aber umso tiefgehender.

Von Marthe Ruddat

freitagsmedien: Onejiru, welche Musik inspiriert Dich?

Onejiru: Natürlich haben mich Bob Marley und Prince inspiriert, Michael Jackson und auch ein paar afrikanische Künstler, Brenda Fassie aus Südafrika zum Beispiel. Ich bin was das angeht tatsächlich eher breit aufgestellt. Aber ich habe mir gedacht, dass ich für zwei Bier – eine Platte über eine Platte sprechen möchte, an der ich selbst mitgewirkt habe. Und das ist diese hier: Universal Monstershark von Turtle Bay Country Club.

Mit Universal Monstershark veröffentlichte Matthias Arfmann 2003 das dritte Album des Turtle Bay Country Club und griff dabei auf poppige Funksounds zurück. Unterstützt wurde er nicht nur von Onejiru, sondern auch anderen langjährigen Wegbegleitern: Jan Delay, Schorsch Kamerun, Patrice Katrin Achinger und einigen anderen.

Das ist nicht deine einzige Platte. Warum hast du gerade die ausgewählt?

Neben den unzähligen Kooperationen veröffentlichte Onejiru 2006 ihr Debütalbum Prophets of Profit. Ein weiteres Soloalbum ist in Planung.

Ich habe sie ausgesucht, weil sie, wie unsere neue Platte Ballet Jeunesse, eine ganze Weile gebraucht hat, bis sie fertig war. Das scheint das Markenzeichen von Matthias Arfmann zu sein, der ja der Gründer des Turtle Bay Country Club ist. Und außerdem steckt eine spannende Geschichte hinter der Platte.

Erzähl!

Die Platte ist entstanden, als die Plattenindustrie allmählich bröckelte und der Musikmarkt ein bisschen in sich zusammen brach. Die Illustration der Platte ist Marthe-Monsterdiesbezüglich irgendwie vorausschauend. Auf dem Cover sitzt Matthias Arfmann mit seinem Sohn auf einem Steg, am Horizont geht die Sonne unter. Die Angel ist ausgeworfen, weil sie gerne ein Label für die Platte angeln würden. Wenn man die CD dann aufklappt sieht man den Grund mit lauter geöffneten Dosen. Auf denen sind die Plattenfirmen drauf: SONY, BMG, Universal, EMI, Warner. Von denen gibt es heute schon einige gar nicht mehr. Wenn man die CD dann heraus nimmt, sieht man Arfmann und seinen Sohn aus der Perspektive der Dosen. Auf der Rückseite der CD wird dann deutlich, dass die beiden nichts geangelt haben, außer einem kleinen, übrig gebliebenen Fisch. Auch bei Ballet Jeunesse haben wir wieder ganz besondere Illustrationen gewählt. Ich glaube einfach, dass man neben und mit Musik sehr gut Geschichten erzählen kann. Musik ist ja quasi Geschichten erzählen.

Dein Stil wird deshalb auch oft Edutainment genannt. Ist das der Anspruch, den du grundsätzlich an Musik stellst?

Ich bin in Kenia geboren und aufgewachsen, einer Kultur, die sehr stark oral geprägt ist. Viele Jahrhunderte hat dort vieles über Sprache und Gesang funktioniert. Ich wurde ganz einfach so sozialisiert, dass Musik ein Messenger ist, ein Mittel zur Kommunikation. Text und Klang sind unglaublich wertvoll. Ich meine, was ist denn leichter, als eine gute Idee oder eine Nachricht über Musik zu transportieren? In meiner Muttersprache Kikuyu zum Beispiel kann ein Text sehr hart sein, die Musik ist aber gleichzeitig sehr tanzbar. Die Leute tanzen und werden gleichzeitig belehrt. Diesem Prinzip folge ich. Ich versuche gesellschaftskritisch und kulturkritisch zu sein. Das mache ich durch meine Texte, ich benutze aber auch viele Metaphern und Bilder. So illustriere ich, was ich gerne sagen möchte.

Du wirst auch oft als Aktivistin bezeichnet und nimmst eine Vorbildfunktion ein.  Wie ist es dazu gekommen? 

Ich habe das Gefühl, dass meine Großmutter meine größte Inspiration war. Wir hatten damals weder iPhone, noch Fernseher. Meine Großmutter hat uns viele Geschichten erzählt und uns vorgesungen. Mit den Texten hat sie uns auch immer viel Erfahrung aus ihrem Leben mitgegeben. Auch deshalb hat sie eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt. Überhaupt spielen Frauen in meinem Kontext eine sehr große Rolle. Sie sind die Macherinnen, die Starken. Das hat mich inspiriert. Ich habe auch meinen Vornamen von meiner Großmutter, so bin ich auch ein Stück sie. Wenn mich die Menschen am Ende dafür als Aktivistin oder auch Entwicklungsexpertin bezeichnen dann kann ich das nicht beeinflussen. Diese Titel haben ja aber nichts schlechtes, wenn man mich so sieht finde ich das schön.

Kommen wir noch mal zurück zur Universal Monstershark. Sie beinhaltet viele Features. Ist die Musik so abwechslungsreich wie die Künstler darauf?

Die Platte ist ein Konzeptalbum. Matthias Arfmann war damals mit einer anderen Band auf Hawaii und kam dort in der Nähe des Turtle Bay Country Club unter. Von dort hat er den Namen mitgebracht. Zurück in Hamburg hat er dann verschiedene Musiker, die er mag, angerufen und von seiner Idee, diese Platte zu machen, erzählt. Und es gab einige tolle Musiker, die dann schließlich nach Hamburg gekommen sind: Mahmoud Gania war beispielsweise ein marokkanischer Gnawa-Musiker, von dem auch Tony Cook, der Drummer von James Brown, völlig hin und weg war. Ich war damals ein Teil des Kollektivs. Wir haben dann zunächst ganz klassisch gejammed und auch erstmals mit Samples gearbeitet. Deshalb sehe ich die Universal Monstershark auch als Vorhut von BalletJeunesse, bei der wir das ganze noch perfektioniert haben.

Marthe1Also symbolisiert die Platte auch deine musikalischen Anfänge?

Ganz genau, zu dieser Zeit habe ich angefangen. Ich habe gelernt, wie man sich als Sängerin auf der Bühne benimmt. Tony Cook meinte irgendwann zu mir: „Wenn Du mich nicht ansiehst, weiß ich nicht, was Du von mir willst.“ Auch deshalb ist die Platte für mich so wahnsinnig wichtig. In dieser Zeit sind einfach sehr viele Dinge passiert, von denen ich noch heute zehre.

„White vests & blackaccounts“, klingt als hättest du damals schon gern kritische Texte geschrieben.

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir vorgestellt, wie die Politiker mit ihren weißen Westen durch die Gegend laufen, aber schwarze Konten hinter sich herziehen und so die Gesellschaft verarschen. Das war meine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich spiele gerne mit Wörtern. Bei dem Song Truly habe ich das auch gemacht. Da singe ich einfach mal darüber, dass ich königlich bin. Ich bin eine Königin und habe es auch verdient eine Königin zu sein. Eigentlich heißt es ja immer kingsize, aber damals habe ich mir schon das Wort queensize zu eigen gemacht.

Ist Truly Dein Lieblinssong auf der Platte?

Also eigentlich sind alle meine Lieblingssongs. Aber wenn ich mich festlegen soll, dann ist es Debbi. Ich habe den Text zu dem Song mitgeschrieben. Es ist ein strophiges Lied mit Disco- und Popmelodien. Das finde ich richtig cool.

Universal Monstershark und BalletJeunesseverbindet, dass ihr auf beiden Alben mit vielen und zum Teil sehr bekannten Musikerinnen und Musikern zusammen gearbeitet habt. Gibt es da eigentlich noch eine Steigerung, jemanden, mit dem Du unbedingt Musik machen möchtest?

Auch auf Ballet Jeunesse sind Jan Delay und Schorsch Kamerun wieder mit dabei. Mit dem Bloc Party-Sänger Kele Orece und Hip Hop-Superstar KRS One konnten Arfmann und sein Produzententeam dieses Mal auch internationale Größen für die Platte gewinnen. 

Ich glaube nicht wirklich. Der Song mit Kele Okereke war und ist ein wahr gewordener Traum von mir. Als die Zusage kam, habe ich vor Freude kurz keine Luft mehr bekommen. Ich konnte es bis zum Schluss nicht glauben und manchmal kann ich es auch heute noch nicht fassen. Und dann auch noch KRS One, das ist schon alles sehr large.

Alle Informationen über Onejiru findet Ihr auf facebook oder auf der Website der Sisters. Am 09.09.16 erscheint Ballet Jeunesse bei Decca. Die bisher einzige geplante Live-Aufführung findet am 21.09.16 im Rahmen des Reeperbahn Festivals gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern statt.


Frische Altware & alte Frischware

TVDie Gebrauchtwoche

29. August – 4. September

Eine umfassende Erhebung brachte es wieder an den Tag: Das Vertrauen in die Medien befindet sich weltweit im Sinkflug. Hierzulande liegt es zwar immer noch fast doppelt so hoch wie in den USA, aber ebenfalls unter 50 Prozent. Da kann der Medienforscher Rasmus Kleis Nielsen von der Universität Oxford in der Süddeutschen noch so betonen, Zeitungen wie jene, in der er das sagt, würden langfristig überleben, weil „der beste Journalismus heute besser denn je“ sei – es scheppert so laut im Informationsgewerbe, dass leise Stimmen zusehends untergehen.

Darüber können auch Überraschungen wie die RTL-Berichterstattung beim Münchner Amoklauf nicht hinwegtäuschen. Ähnlich der am 11. September vor 15 Jahren stellte Peter Kloeppel, würdevoll ergrautes Randgewächs im scheinrealen Kölner Urwald, die Öffentlich-Rechtlichen da erneut in den Schatten. Und als Günter Wallraff vorigen Dienstag an gleicher Stelle mit einer gut recherchierten Enthüllungsreportage in den Autobahnraststätten der Autobahnrepublik für politische Konsequenzen bis rauf ins Verkehrsministerium sorgte, da schien es fast, RTL sei seriös geworden.

Dann aber fand tags drauf dessen saisonale Programmpräsentation in Hamburg statt und das Wort „Seriosität“ entwich dem schicken Industriedenkmal schneller als der Duft vom geschmorten Ochsenbäckchen, das Senderkoch Christian Rach fürs Pressepublikum kredenzte. Recycling einstiger (Der Heiße Stuhl) oder aktuellerer (Raus aus der Armut) Formate, alte Frischware (It Takes 2) oder frische Altware (Winnetou) – auch Begriffe wie „Innovation“ wirken beim ehemaligen Marktführer irgendwie fehlinterpretiert. Darin unterscheidet er sich kaum von einer anderen Irrenanstalt des Fernsehens: Sat1. Auch hier fließt der Wein Mal mehr Mal weniger offen aus alten Schläuchen.

4e1275938f62f95e6a778573b547007b-presselounge231x128Die Frischwoche

5. – 11. September

Nehmen wir die Karawane der Köche. Wenn Tim Mälzer ab Mittwoch (20.15 Uhr) Food-Trucks prämiert, riecht das Konzept abgestanden wie eine Premierenfolge „Perfektes Dinner“. Elf verwandte/befreundete/liierte Duos steuern je einen – so hießen die, bevor Vollbartträger nicht hip, sondern kauzig waren – Imbisswagen durch Deutschland, bis eines übrig bleibt. Es wird halt gekocht – nur dass die Köche jetzt Veggieburger statt Currywurst aus der Luke reichen und gern bis zum Hals tätowiert sind. Schon deshalb sind Food-Trucks jedoch auch ein Segen fürs fettverliebte Land gewissenloser Fleischfresser. Darauf ein Spaziergang zum nächsten Schnellimbisslaster. Fernsehen macht sowieso dick…

Und dicht. Zumindest Jenke von Wilmsdorff, der sich am Montag um 21.15 Uhr im Auftrag von RTL wieder einem seiner durchaus erhellenden, meist selbstzerstörerischen Experimente unterzieht. Diesmal wirft er sich Ritalin über LSD bis K.O.-Tropfen die wirklich harten Sachen ein und schaut, was passiert. Schauen wir also, was passiert, wenn man zurück auf bessere Sender schaltet, zu denen sogar der Brausekanal ServusTV zählt. Im Abenteuerdrama Turning Tide kann man dort Dienstag um 20.15 Uhr bestaunen, wie der Solosegler Yann bei der härtesten Regatta an zweiter Stelle liegt, als er einen blinden Passagier an Bord entdeckt, der nach Frankreich fliehen will…

Ebenso dramatisch, aber frei von Thrill ist zwei Stunden später Der Kreis auf 3sat. Röbi und Ernst sind darin zwei Schwule, die das offene Klima im liberalen Zürich der Nachkriegszeit genießen, bis die konservative Reaktion das homosexuelle Refugium beseitigt. Besonders faszinierend an dem Dokudrama sind jedoch nicht die Spielszenen, sondern die Gespräche mit den zwei Hauptfiguren, die bis heute glücklich vereint sind. Wie viel Intimität und Hingabe in gereiften Beziehungen steckt, hat niemand eindrücklicher gezeigt als Michael Haneke in seinem preisgekrönten Film Liebe, den der WDR parallel um 21.10 zeigt. Sein Porträt einer uralten Ehe im Kampf gegen den Verfall, rechtfertigt das anschließende Porträt des Regisseurs gleich doppelt.

Gar nicht erst zustande kam die Liebe von Petra Schmidt-Schaller und Wotan Wilke Möhring im Tatort. Wer das bedauert, sollte den ARD-Mittwochsfilm Was im Leben zählt sehen. Hier sind beide nämlich ein Paar – und füttern die Milieu-Studie eines Münchner Mietshauses mit viel Wahrhaftigkeit. Unromantischer geht es kurze Zeit später in einer Dortmunder Neubausiedlung zu. An ihrem Beispiel zeigt die WDR-Doku Göttliche Lage um 22.35 Uhr, wie systematisch Städte für Reiche zugerheutzutage im Dienste des Profits entvölkert werden. Und wenn man so will, war es ja so etwas, dem sich die Studentenbewegung vor 50 Jahren entgegenstellte, bevor sich ihre Radikalisierung verselbstständigen sollte. Letzteres macht die Wiederholung der Woche (Mittwoch, 22.45 Uhr, RBB) zum Kaugummikino: Der Baader-Meinhof-Komplex von 2008 mit Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck in den Titelrollen.

Schwarzweiß ist dagegen heute um 23.55 Uhr im MDR ein wahrer Klassiker: Alexis Sorbas, oscarprämierte Romanadaption von 1964 mit Anthony Quinn als griechischer Dickkopf, der für den Film angeblich den Sirtaki erfunden hat. Was Film & Fernsehen sonst noch erfinden können, zeigt der Dokutipp Building Star Trek (Freitag, 21.50 Uhr, Arte), die wissenschaftliche Analyse des Enterprise-Universums zum 50. Geburtstag der legendären Serie.


Fußballbundesliga: Tradition & Retorte

RB_Leipzig_Logo_2009.svgNeues Brauchtum braucht das Land

Zum Start der neuen Bundesliga-Saison hatten es die Alteingesessenen vorige Woche gleich mit vier Clubs zu tun, denen Puristen das Präfix “Retorten” verpassen. Doch was unterscheidet Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg, Ingolstadt eigentlich vom Rest der Liga? Über Tradition im Fußball.

Von Jan Freitag

Na, das war doch mal ein ehrwürdiges Treffen zum Bundesliga-Auftakt 2016/17: Bayern gegen Bremen, AG gegen KGaA, zu viel Geld gegen fehlendes. Vor allem aber war es ein Duell zweier Traditionsteams, das vor acht Tagen die die 54. Saison eröffnete – obgleich der Abo-Meister seit 1980 kaum Dellen im Brauchtum immerwährenden Erfolges hat, während der Fast-Absteiger zerbeult ist wie zuletzt als Zweitligist im gleichen Jahr und entsprechend mit 0:6 in München unterging.

Als RB Leipzig den Spieltag in Hoffenheim komplettierte, wirkte es daher wie eine Antithese der Startpartie: erst zwei Traditionalisten mit Vereinsstruktur und Geschichte, dann zwei Karrieristen mit Businessplan und Visionen. Da drängt sich der Eindruck auf, die DFL hätte Dietrich Matteschitz‘ Brause-Investment bewusst so früh zu Dietmar Hopps Software-Investment geschickt; Retortenclubs ernten voneinander schließlich nicht jene Verachtung wie von Frankfurt und Schalke, die tags zuvor aufeinander trafen.

Denen erwächst mit Red Bull nach Wolfsburg und Hoffenheim schließlich ein dritter Konkurrent, der nach eigenem Rechtsgefühl im nostalgischen VEB Profifußball nix zu suchen hat. Umgekehrt werfen die Neulinge den Alteingesessenen vor, ihre Historie wie Monstranzen der Fortschrittsverweigerung vor sich herzutragen. Es spielt sich ein Kulturkampf ab, fast ein Glaubenskrieg: Tradition vs. Innovation. Als reiße letztere erstere aus dem Wald wie ein Bagger die Eiche. Nur, was ist das eigentlich – Tradition?

Aus dem Lateinischen übersetzt, ist sie ein erstaulich mobiler Begriff. Tradere heißt hinübergehen, was eng an traditio für Übergabe gekoppelt ist. Wer ehrlich von Tradition redet, meint also besonders im Sport etwas sehr Bewegliches, das einst von Aktiven gegründet wurde, die ihren Leib im Kollektiv ertüchtigen wollten. Um dieses Gemeinschaftsgefühl mit deutscher Ordnung zu paaren, sammelte Turnvater Jahn seine Söhne schon vor 200 Jahren in Vereinen. Es folgten die Ruderer, bevor 1874 der erste Fußballclub entstand. Der Gründungsimpuls abertausender Spielgemeinschaften von heute war also selten materieller Natur. Alle 56 Teams der ersten drei Bundesligen etwa wurden zu einer Zeit gegründet, als sich mit Fußball vielleicht Ruhm, aber kein Geld ernten ließ. Fast alle.

Es war im Jahr 2009, als sich die Red Bull GmbH mit der Lizenz des SSV Markranstädt einen Platz in Liga 5 erkaufte. Dank unbegrenzter Mittel aus Österreich ging es für RasenBallsport Leipzig, wofür RB offiziell steht, zügig in die Beletage, wo noch zügiger Europa für das angepeilt wird, was jede Konzernsubvention erbringen soll: PR plus Rendite. Beides per se abzulehnen, findet sich zwar selbst beim kapitalkritischen FC St. Pauli allenfalls in der  Meckerecke des (brandneuen) Stadions; zum Daseinszweck erhoben sorgt die neue Business Class fast überall dort für Skepsis, wo „Traditionsverein“ draufsteht.

Kein Wunder, ist das Wort doch ein Kollateralschaden der Kopfgeburt vom reichsten Bewohner einer Kleinstadt im Kraichgau. Bevor SAP-Gründer Dietmar Hopp der TSG Hoffenheim (noch ohne 1899 im Label) mit Abermillionen inklusive Stadionneubau den Durchmarsch von der Dritt- in die Erstklassigkeit spendierte, taugte nur Bayer Leverkusen trotz hundertjähriger Werksclubhistorie als kommerzieller Gegenpol zur provinziellen Vereinsmeierei. Und als Milliardär Hopp seinem Spielzeug nach mäßiger Hinrunde so viel Geld ins Team steckte, wie die Zweitligakonkurrenz zusammen, war klar: Es ist eine Zeitenwende. Zumal VW zeitgleich 100 Prozent des VfL Wolfsburg übernehmen durfte, was der grauen Maus drei Jahre später auf den Ruinen der 50+1-Regel zum Titel verhalf. Der VfL bekam seine (wie einst die Bayern geschenkte) Arena zwar auch im Meisterjahr kaum voll, spielte aber immerhin finanziell auf FCB-Niveau – und existiert immerhin zehnmal länger als RB Leipzig.

Als Dosenkrösus Matteschitz vor sieben Jahren einen Club in Sachsens Fußballdiaspora rammte, gab es statt Team und Fans nur eine WM-Arena und die Sehnsucht, sie zu füllen. Wenn das Team Marktwert abgehängter Traditionsclubs nun Fernsehgelder nach Popularität fordert, hat das also durchaus geschichtsferne Gründe: während Stuttgart, Hertha, Frankfurt, Köln, Bremen und der HSV überregionale, teils international attraktiv sind, gönnt man Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg fern der Stadtmauern selten was Besseres als den Untergang. Die Gescholtenen entgegnen da gern, diese Arroganz erst hindere Traditionsclubs daran, modern zu managen, ergo: zu spielen. Und hätten sie selbst einen Matteschitz, Hopp oder Winterkorn vor Ort – die Platzhirsche nähmen deren Geld mit Kusshand, um damit jene Spielkultur zu entfalten, mit der sich das Premiumprodukt Bundesliga die Emporkömmlinge mittlerweile mangels Alternative schönredet.

Man dürfte es dort nicht gern hören, aber als Underdogs mit konsumkritischer Fanbase sind sozialromantische Relikte wie St. Pauli, Freiburg, Union Berlin somit die letzten Traditionsvereine, deren Selbstverständnis nicht Nostalgie, sondern Demokratie entspringt. Ihre mal mehr, mal weniger konsequente Weigerung, Sponsoren zu hofieren, sorgt dabei aber eher für einen Platz im Liga-Fahrstuhl, während Schalke seine Seele an Putins Staatsgaskonzern und einen Industrieschlachter verkauft hat, aber stets international spielt. Dort also, wo sich 1860 München sah, als ein orientalischer Geschäftsmann groß einstieg. Seither ist die TSG weiter vom Stadtrivalen entfernt ist als der HSV vom siebten Meistertitel.

Der spielte zum Saisonauftakt übrigens gegen Ingolstadt: 2004 auf Initiative eines lokalen Unternehmers gegründet, ist dieser brandneue Club auch dank eines schicken Stadions aus der Kasse der benachbarten Audi AG flugs aus der Bayern- in die Bundesliga geführt. Tradition gegen Retorte also? Seit Jahren entgeht der HSV dem Abgrund nur durch Spenden eines launischen Logistikmilliardärs. Als die Profikicker auf sein Drängen 2014 in eine AG ohne Mitbestimmung der Basis ausgegliedert wurde, haben sich die treuesten Fans Ersatz geschaffen, dem sie nun in der Kreisklasse anfeuern: HFC Falke, ein Kofferwortclub aus Hamburger FC und FC Falke, die 1919 das Grundgerüst ihres HSV bildeten, um einfach Fußball zu spielen. Traditionsvereine wie St. Pauli waren damals gewiss schwer indigniert…

Der Text ist mitsamt Kommentaren vorab auf ZEIT-Online erschienen


RTL-Programm: Häppchen & Kammellen

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Programmpräsentationen von Privatsendern prahlen gern damit innovativ und bedeutsam zu sein. So auch RTL, das sein Saisonangebot wie immer und diese Zeit in Hamburg vorstellt. Da ist dann durchaus ein wenig Skepsis angebracht…

Von Jan Freitag

In Zeiten der Verzagtheit ist „Eigen“ das Präfix der Mutigen. Selbstbewusstsein durch Eigensinn, Selbstermächtigung per Eigeninitiative, Selbstheilung mit Eigenurin – wer auf sich statt andere setzt, sticht heraus aus dem Mainstream, diesem zäh-trüben Fluss des Verwechselbaren. Kein Wunder, dass auch Frank Hoffmann auf die selbstheilende, selbstwertige, selbstermächtigende Kraft von innen setzt, wenn er sein Programm vorstellt. „Wir sind mehr denn je davon überzeugt, dass eigene Inhalte der Schlüssel zum Erfolg bleiben“, ruft der Programmgeschäftsführer von RTL durch ein Industriedenkmal im Herzen Hamburgs, und es hallt gehörig nach unterm Lastenkran, als er die Überzeugung mit Zahlen füttert: „Deshalb starten wir mit mehr als 20 neuen Formaten in die neue Saison.“

So klingt es gern in einem Segment, das Understatement mehr hasst als Arte Scripted Reality. Wie jedes Jahr um diese Zeit stellt RTL in der früheren Medienhauptstadt sein Angebot vor. Wie jeder Privatsender geizt auch der frühere Marktführer dabei nicht mit Aufwand, Personal und Parolen. Wie bei jeder TV-Präsentation ist allerdings auch auf dieser am Dienstagabend Skepsis angebracht ob Aufwand und Personal die Parolen rechtfertigen. Unter den mehr als 20 neuen Formaten nämlich, die Frank Hoffmann in freier Rede feilbietet, ist „neu“ oft sehr diskussionswürdig.

Auf drei Begriffspaare reduziert, lässt sich die nähere RTL-Zukunft wie folgt verdichten: Sitcom & Mario Barth, Showrecycling & Günter Wallraff, Blockbuster & Karl May. Was der Hauptverantwortliche in einer ausgedienten Fabrikhalle auf strafraumgroßer Leinwand vorführt, ist demnach eher aufgewärmt als innovativ. Anders ausgedrückt: etwas mehr Flimmerkiste, etwas weniger HD-Flatscreen. Wirklich frisch wirkt nur die Idee von Schnapp dir das Geld, 30.000 Euro 30 Stunden lang vor Ermittlungsprofis zu verstecken. Meet the Parents hingegen, wo Singles ein Date anhand ihrer Eltern erwählen, gab es ähnlich schon, als MTV noch ein Musiksender war. Evergreens von (Merci Udo!) Jürgens nachsingen zu lassen, riecht nicht erst durch die Barbara Schönebergers Moderation abgestanden. Desperate Hartzer mit einem Koffer voller Chancen (vulgo: zwölf Sozialhilfesätze) aus dem Elend zu holen, lockt schon ewig Voyeure in den privaten Menschenzoo, der mit Relikten von Ruck Zuck übers Familienduell bis zum Heißen Stuhl zudem geradezu antiquarisch möbliert wird.

Als sich der hünenhafte Box-Weltstar Klitschko am künstlich per Killerheels aufgestockten Showgewächs Isabel Edvardsson zum Ausgang drückt, mag Hoffmann also selbstbewusst verkünden, den Promi-Gesangswettbewerb It Takes 2 habe es wie das erstaunlich erfolgreiche Selbstkasteiungsformat Kirmes-Könige mit Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen als Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen hierzulande „so noch nie gegeben“; mehr oder minder abgewandelt, gab es ziemlich viel bei RTL schon ziemlich oft. Für diese Erkenntnis bedarf es noch nicht mal der würdevoll gewelkten Hugo und Hella, deren Wiederkehr auf den Jahrmarkt der Sinnlosigkeiten allen Ernstes besser lief als die jungen Joko & Klaas parallel auf Pro7.

In den sechs Serienpiloten ermitteln unter anderem ein Alleinerziehender oder Jennifer Lopez. Die Show Big Bounce variiert Stefan Raabs sportives Absurdistan auf dem Trampolin. Comedy wie Magda macht das schon walzt die üblichen Humorklischees (Geschlecht, Fremde, Nachbarn) weiter aus. Es wird so viel angezogen getanzt und nackt gebalzt, so viel geraten, geulkt und gecastet, dass ein völlig unverhohlenes Recyclingprodukt dagegen fast modern wirkt: Winnetou. Mit dem aufwändigen Remake könnte schließlich gelingen, was Massenware und Scheinrealität ansonsten chronisch untergraben: Relevanz. Nach den ersten Bildern zu urteilen, vereint Philipp Stölzls starbesetzter Dreiteiler „inhaltlichen Mehrwert und Unterhaltungspotenzial“ (Hoffmann) so gekonnt wie der Vorwende-Thriller Deutschland 83, den RTL trotz mäßiger Quoten wohl fortsetzt. Also vornehmlich zum Wohle des Renommees, das zuletzt auch Peter Kloeppels Münchner Amoklauf-Berichterstattung oder Günter Wallraffs Tankstellen-Enthüllung gestärkt haben.

Entsprechend aufrecht laufen beide durchs Häppchen-Ambiente, als ihr Chef von einer „nachrichtlichen Chronistenpflicht“ schwärmt, mit der seine Informationsgesichter das Kerngeschäft leichter Unterhaltung erden. „Am Nachmittag läuft hier schon viel Scheiß“, räumt derweil ein anderes Aushängeschild beim Häppchenessen inoffiziell ein, lobt aber auch den Mut eines Senders, der angesichts des nachlassenden Nachschubs an erfolgreicher US-Fiction noch mehr Eigenproduktionen im Programm haben will, wie es Frank Hoffmann ausdrückt. Das dürfte dann selten allzu innovativ werden, aber mit allerlei Clowns und Helden bestückt, aberwitzig vereint zum Beispiel in der hartrechten Koksnase Ronald Schill, der demnächst vom schwarz-braunen Hamburger Senat über den Promi-Container ins Nudistencastingcamp Adam & Eva zieht. Der Irrsinn hat ein Zuhause: RTL.

Der Text ist vorab im Tagesspiegel erschienen


Aufmerksamkeitsschlachten & Asylentscheider

TVDie Gebrauchtwoche

22. – 28. August

„Aufmerksamkeitsschlacht in globalem Maßstab“, „Kybernetik der Erregung“, „publizistische Infektion“ – wenn sich der Tübinger Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen wie vorige Woche in der „Zeit“ mal wieder die digitale Boulevardisierung mitsamt ihrer brachialen Medien-Entwertung vorknöpft, hagelt es garantiert Bonmots zum Merken und Weiterverwenden. Aufregung ersetzt Substanz, so lautet seine unablässig geäußerte (und gut belegte) These. Längst findet sie als Reaktion aufs Netz auch im Fernsehen dauernde Beweiskraft. Während der fabelhafte Herr Böhmermann zum Beispiel im ZDF am unteren Rand der Wahrnehmbarkeit durch die Nacht entertaint, erzielt der sinistre Herr Maschmeyer beim Vox-Schleichwerben in der Höhle der Löwen absolute Rekordquoten.

Es ist ein Graus, der dadurch noch übertroffen wird, dass eine Idee aus dem Sauerland, doch endlich auch dort mal einen „Tatort“-Kommissar zu installieren, nicht einfach wegignoriert wird, sondern mit Adolf Winkelmann sogleich einen namhaften Regisseur findet, der diesen Mumpitz durchziehen würde. Bei so viel Redundanz bleibt nur noch der dringend nötige Hinweis an das ZDF, seine Zuschauer und etwaige Ethikräte, das derzeitige Traumschiff namens Amadea fahre wie ihre Vorgängerin MS Deutschland im realen Seeleben unter der Flagge des karibischen Steuerparadieses Bahamas, damit den Angestellten juristisch wasserdicht Hungerlöhne gezahlt werden, die nach deutschem Recht verboten wären. Jenes Recht übrigens, das in einem anderen Fall schäbiger Behandlung Schutzbedürftiger, sagen wir es mal vorsichtig, auch hierzulande nicht so ganz vollumfänglich korrekt angewandt wird. Bei der Bearbeitung gut einer halben Million offener Asylanträge nämlich. Bis Ende 2016 will sie Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, erledigt sehen. Nur – wer genau macht das eigentlich?

jochen-otten-24-jahre-entscheider-in-der-aussenstelle-trier-des-bundesamtes-100~_v-standard368_f45770Die Frischwoche

29. August – 4. September

Entscheider wie Jochen Otten, der in seiner Trierer BA-Zweigstelle Fälle wie den des somalischen Flüchtling Abdulahi Mohamed behandelt. Entscheider unter Druck heißt auch eine ARD-Dokumentation, die heute um 22.45 Uhr einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der ideologisierten Migrationsdebatte wirft. Wenn dieser juvenile Sachbearbeiter aus Deutschlands ältester Stadt Kundengespräche mit Aktenzeichen und Kürzel-Kaskaden selbst für Eingeborene unverständlich macht, wenn sein verstörtes Gegenüber als Objekt der Bürokratie dennoch irgendwie spürt, womöglich zum Subjekt des eigenen Lebens zu werden, wenn der BA-Chef mit Einstecktuch im Maßanzug zwischendurch die Notwendigkeit zügiger Erledigung anmahnt, wenn ein Rechtsanwalt währenddessen Untätigkeitsklagen gegen die Agentur anstrengt, wenn also endlich mal das ganze System hinter der „Flüchtlingskrise“ umfassend durchleuchtet wird, dann würde vielleicht auch der gemeine Pegida-Pöbler verstehen, dass es hier um Menschen geht, nicht um Nummern.

Zu dumm, dass der die ARD für „Lügenpresse“ hält und lieber den publizistischen Infektionen der Aufmerksamkeitsschlacht im Internet lauscht, das Bernhard Pörksen so trefflich beschreibt. In der allerdings wäre gewiss nie etwas so umfassend durchrecherchiert worden, wie, nur so ein Beispiel, der Jahrzehnte-, im Grunde aber Jahrtausende währende Missbrauch Schutzbefohlener in der katholischen Kirche. Am Freitag widmet Arte diesem systemimmanenten Skandal einer derart hierarchisch strukturierten Organisation den furiosen Debütfilm Verfehlung. Regisseur Gerd Schneider erzählt darin um 20.15 Uhr die uralte Geschichte von Verantwortung, Glauben und Verrat – allerdings nicht nur in Gestalt von Priestern, die Kindern Unfassliches angetan, sondern mehr noch solcher, die sehenden Auges geschwiegen haben.

Bei so viel fiktionalem Realismus ist es dann fast entspannend, beim Ratespiel mitzumachen, wer denn in der neuen Simpsons-Staffel ab Dienstag auf Pro7 Homer synchronisiert, nachdem seine alte deutsche Stimme Ende 2015 verstorben ist. Ein wenig näher an der Wirklichkeit sind dann wieder drei Fortsetzungen dieser Woche auf Netflix, denen zu folgen unbedingt ratsam erscheint. Am Freitag beginnt die zweite Staffel von Narcos, gemeinsam mit der nächsten kulinarischen Reise zu den Magiern der Töpfe namens Chef’s Tale, bevor am Sonntag House of Cards (endlich) in die vierte Runde geht. Alles zwar kostenpflichtig, aber unbedingt sehenswert.


The Get Down: HipHop & Fernsehen

07GETDOWNJP2-master675Der Schampus des Rap

Die ersten Folgen von The Get Down, Buz Luhrmanns grandioser Gegenwartskulturgeschichte am Beispiel der Frühphase des Rap in New York, sind online. Die bislang teuerste Eigenproduktion von Netflix verspricht zwar nicht die Quintessenz dramaturgischen Erzählens, aber ein Feuerwerk der Zeichen und Codes in fantastischer Kostümierung.

Von Jan Freitag

Es gibt im Pop eine Regel, die eher früher als später jedes Aufbegehren, jede Kreativität, jeden Eigensinn darin zugrunde richtet: Verzeichnet ein Musikstil samt Lebensgefühl im Underground messbaren Erfolg, zieht ihn der Mainstream zügig ans Tageslicht und macht daraus eine Massenkultur. Das ist Blues und Jazz einst ebenso widerfahren wie Rock’n’Roll, Techno, Metal, ja selbst Punk. Doch nichts und niemandem erging es nachhaltiger so als: HipHop.

Nachdem die subkulturelle Ausdrucksform des Sprechgesangs im heruntergekommenen New York der späten Siebziger entstanden war, dauerte es schließlich kaum zehn Jahre, bis daraus jenes Multimegamilliardengeschäft erwachsen ist, das den Musikmarkt heute dominiert wie vor ihm nicht mal der weltumspannende Zwischenkriegsswing. Umso erstaunlicher ist es da, dass sich bisher noch kein TV-Sender ernsthaft seriell mit Rap auseinandergesetzt hat. Und umso logischer, dass diese Leerstelle von einem Streamingdienst gefüllt wird.

Netflix nämlich hat am Freitag „The Get Down“ online gestellt, und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Nemesis des linearen Fernsehens die strafende Göttin schwarzer Musik fiktionalisiert. In den ersten der sieben 60-minütigen Folgen veranschaulicht das bislang teuerste Projekt des Internetsenders, wie sich HipHop 1977 aus den Ruinen von Sinatras Big Apple zum lukrativsten Sound aller Zeiten erhob. Als R’n’B und Funk zuvor in die weiße Mittelschichtsdisco entführt wurde, holte sich das afroamerikanische Ghetto seinen Besitz nämlich zurück, riss ihn Fetzen, fegte sozialkritische Wortkaskaden darüber, dass Ronald Reagan vor Sorge die Nationalgarde gen Bronx beordern wollte – fertig war ein Genre, das wenig mehr kostete als zwei Plattenspieler und die Wut der Protagonisten.

In der Serie sind das zwei New Yorker, die dem Schicksal dunkelhäutiger Ghettokids jener Tage – kriminell oder arbeitslos zu werden – dadurch entkommen, dass sie bei Grandmaster Flash in die Lehre gehen. Für Außenstehende: Geboren als Joseph Sadler, hat der unverwüstliche Gottvater des real existierenden Rap seinerzeit fast sämtliche DJ-Techniken erfunden, die dem HipHop das klangliche Gerüst lieferten. In der Serie spielt ihn Mamoudou Athie zwar eher als tragende Nebenrolle, grundiert mit ihr aber eine Musikserie, die dank der politischen Bedeutung des „CNN der Schwarzen“, wie Rap oft genannt wird, weniger Musical als Historytainment ist.

Und dafür, die Musikalität trotzdem nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert zu machen, sorgt Buz Luhrmann. Wie schon mit seinen Kinoblockbustern „The Great Gatsby“ oder „Moulin Rouge“, erzählt der Showrunner auch in seiner ersten TV-Serie nicht nur die Geschichte eines Genres, sondern stattet sie zu einem detailversessenen Kostümfest aus, dass der Flatscreen glatt zur alten Röhre wird und das New York von heute zum Moloch der Siebziger. Rund zehn Jahre hat Luhrmann dafür in sein Herzensprojekt gesteckt, Netflix mehr als 1,3 Millionen Dollar pro Folge aus der Nase gezogen und jede einzelne – so scheint es nach den ersten – ist es wert.

Denn beraten unter anderem von Grandmaster Flash selbst, begnügt sich der Zehnteiler, dessen drei finale Folgen noch ausstehen, nicht mit dem Abriss geschichtlicher Fakten in opulentem Outfit; er sprüht nur so vor Interesse am Sujet. Dass dabei dauernd gerappt wird, bis der Schweiß vom Bildschirm tropft, macht das Ganze abseits all der Hintergründe sogar leicht verdaulich. Was für ein Spaß. Im Spiegel stand zwar, wie so oft bei Buz Luhrmann gleiche er einer Flasche Schampus, die man kräftig geschüttelt zu vielen Ohs und Ahs öffnet, danach sei aber nur noch ein schaler Rest zum Trinken vorhanden. Ist was dran. Kleine Korrektur allerdings: Hier werden Hunderte Flaschen geschüttelt. Dass am Boden nur wenig übrig bleibt, ist da durchaus verschmerzbar.


Olympialoch & Sommerlücke

TVDie Gebrauchtwoche

15. – 21. August

So, der letzte Höhepunkt des an Höhepunkten jetzt auch nicht gerade armen Sporteventjahrs ist vorbei und damit die vorerst letzten Sommerspiele, in denen Misstöne vom, Kritik am, Randsportarten im Premium-Produkt Olympia während der Wettkampfphase sichtbar werden. Denn wenn Eurosport die Veranstaltung beider Jahreszeiten hierzulande im Auftrag des US-Unternehmens Discovery Communications für stolze 1,3 Milliarden Euro bis 2024 überträgt, dürfte der ertragsorientiert Konzern im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Grundversorgern Null Interesse daran haben, seine Ware schlechtzusenden.

Doping? Vielleicht mal im Nebensatz… Korruption? Soll es geben, womöglich, aber eigentlich nicht… Nachhaltigkeit? Ist doch alles so schön bunt hier… Politik? Read the IOC-Statute, stupid… Terror? Ist doch wohl eher derjenige ewig stänkernder Gutmenschen… Alles also ganz im Sinne des betriebsblinden Schönwetterpräsidenten Dirk Bach, dessen TV-Vermarkter OBC wie in Rio gewiss peinlich genau darauf achten wird, nur Friedfreudeeierkuchenbilder zu zeigen. Schöne neue Olympiawelt im Kommerzfernsehen.

Das uns dafür zum Beispiel Peinlichkeiten von Wolf-Dieter Poschmann bis hin zu Bely Réthy erspart, die jeden Kommentar angepeitscht von debilem Sportpatriotismus garantiert zur Folter machen. Oder den albernen Disput um Christoph Harting, der sich nach seinem Sieg im Diskurswurf erdreistete, während seiner Nationalhymne nicht in Ehrfurcht zu erstarren. Dabei war seine vermeintliche Respektlosigkeit einer der ganz wenigen Momente impulsiver Wahrhaftigkeit in der scripted reality von Rio. Man hätte ihr besonders im Fernsehen etwas weniger Dienst nach Drehbuch gewünscht.

0-FrischwocheDie Frischwoche

22. – 28. August

Ob Factual Entertainment der Art von Die Höhle der Löwen inszeniert oder spontan ist, wird dagegen ein ebenso großes Rätsel bleiben wie dessen anhaltander Erfolg. Dienstag jedenfalls geht das Existenzgründertribunal um 20.15 Uhr bei Vox in die 3. Staffel und wird dabei abermals weit über Senderschnitt Zuschauer anlocken, von denen man nicht recht weiß – wollen sie die Kandidaten nun scheitern oder reüssieren sehen? Tendenz: letzteres, was in der von Dieter Bohlen und Heidi Klum befeuerten Gehässigkeitskultur des Casting-Fernsehen ja schon mal durchaus der Rede wert ist.

Seit die RTL-Tochter das britische Konzept junger Start-ups, die fünf mehr oder minder prominente Investoren vor laufender Kamera von sich überzeugen wollen, importiert hat, erntet das Cover nämlich icht nur Quoten weit überm Senderschnitt, sondern ungewohnt positives Feedback im Feuilleton. Und das dürfte auch in neuer Besetzung anhalten: Statt Vural Öger bietet nun schließlich Carsten Maschmeyer mit, anstelle eines insolventen Reiseveranstalters also ein verhasster Finanzdienstleister, der ganz sicher adäquat polarisieren wird.

Im Kreise der Konkurrenz darf er nun 120 Minuten Schleichwerbung pro Folge für sich und andere machen, etwa einen Klebestift mit LED-Härtung, dem saturierte Geldgeber mit Labels von e24 (Frank Thelen) bis HSE24 (Judith Williams) kostenlose Primetime-PR im stereotypen Ambiente gönnen, das für die einzige Frau der Runde natürlich nur die Rolle der „Shopping-Queen“ übrig hat, die sich (ent)kleidet, als werde sie nach der Höhe von Absätzen und Rocksaum entlohnt – aber nun: das Ganze ist auch diesmal erstaunlich unterhaltsam. Typisch DFab morgen um 20.15 Uhr im Ersten seltsamerweise auch der talentierte Ralph Herforth mit einer tragenden Nebenrolle als Zoo-Direktor badet. Scheint finanziell schon besser gelaufen zu sein, beim Fiesling vom Dienst… Zeitgleich auf Arte allerdings gibt es dann aber wirklich etwas sehr Sehenswertes: Olympia 36, ein französischer Dokumentarfilm, der die erste echte PR-Orgie des Sports mit unfassbarem Material bebildert, das auch abseits vom Faschismus zeigt, wie kommerziell und professionell die Spiele schon vorm Fernsehzeitalter waren. Und so richtig grandios wird es dann am Donnerstag bei ZDFneo: Jan Böhmermanns NEO MAGAZIN ROYALE kehrt um 22.30 Uhr zurück, wiederholt tags drauf um 0.45 im ZDF. Endlich.


Dinosaur Jr., B. Talent, Album Leaf, I Am Jerry

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Dinosaur Jr.

Wer im Glashaus sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen schmeißen. Als die Hippieband Dinosaurs ihren Namen 1986 gegen drei junge Postpunks verteidigte, ersetzten Letztere den Plural durch Jr. und traten den Rechteinhabern damit verbal in die welken Ärsche. Falls 30 Jahre später jüngere Newcomer auf die Idee kämen, sich Dinosaur Jr. zu nennen, könnten die Platzhirsche also ebenfalls klagen – oder altersgerecht Sr. hinters Reptil klemmen. Die Größe dazu hätten sie. 30 Jahre nach ihrem Debüt, dessen rotziger Garagensound dem Grunge späterer Tage aufgelockert durch fröhlichen Powerpop vieles vorweggenommen hatte, klingen Dinosaur Jr. in Originalbesetzung so wie damals – aber nicht abgehangen, sondern fein gereift.

http://www.vevo.com/artist/dinosaur-jr?utm_medium=embed_player&utm_content=artist_image&syn_id=af330f2c-5617-4e57-81b5-4a6edbef07cc

Das unverwüstliche Slacker-Falsett von J Mascis lungert wie eh und je angenehm beiläufig über dem gemeinsamen Noise-Geschrammel, als würde er mit Lou Barlow am Bass und Drummer Murph bloß in Papas Keller spielen, statt Platten aufzunehmen. Das aber machen sie seit der Reunion 2005 unbeirrt. Unbeirrt gut. Ein, zwei seifige Balladen können sich Männer über 50 nie verkneifen; doch wenn Stücke wie Goin Down dissonante Soli über grobe Riffs streuen, verliert die Versöhnung von Hardcore und Collegerock jede Patina. Live fast, die old!

Dinosaur Jr. – Give A Glimpse Of What Yer Not (Jagjaguwar)

billy-talentBilly Talent

Billy Talent sind vor einigen Jahren nicht unbedingt angetreten, um irgendetwas zu versöhnen. Doch als das kanadische Quartett 2003 seine Punkwurzeln unter neuem Namen kappte und eine besonders schrille Form des Alternative-Rock hochzog, konnte man darin durchaus einen Vermittlungsimpuls lesen: Zwischen dem psychedelischen Crossover von Faith No More und dem metallischen von Limp Bizkit klaffte seinerzeit ein Loch, das die Band mit genresprengender Intensität füllte. Nun hat sie etwas ereilt, das selbst halbkörpertätowierten Gitarrenrowdys zuweilen passiert: Billy Talent sind ruhiger geworden.

Ein bisschen. Bekamen Unbeteiligte beim Nummer-eins-Album II von Benjamin Kowalewiczs hochenergetischem Geschrei noch Ohrensausen, klingt das fünfte, als schalte er aus Höhenangst zwei Gänge zurück. So gesehen ist Afraid of Heights eine Vorwärtsbewegung rückwärts. Der Gesang klingt längst wie Mike Patton, Ian D’Sas Soli nach Hair Metal, vieles arg theatralisch und (wohl auch wegen des krankheitsbedingten Ausfalls von Drummer Aaron Solowoniuk) nachdenklicher. Aber das ist allemal besser, als den alten Rotz krampfhaft zu konservieren, bis die Tattoos vom Arm labbern. Nun labbert eben manchmal der Sound. Was besser ist, wissen nur echte Fans.

Billy Talent – Afraid of Heights (Warner)

Album_Leaf_Album_Cover_Between_WavesThe Album Leaf

Und wo wir grad bei alten Hasen im vergleichsweise neuen Revier sind: The Album Leaf, das Projekt vom früheren Tristeza-Gitarristen Jimmy LaValle, hat eine frische Platte rausgebracht. Und abgesehen von gefühlt ein paar Hundert Kollaborationen und Soundtracks ist es angeblich erst das fünfte in fast 20 Jahren, wirkt beim Zuhören aber wie so oft, als hätte man das Ganze schon tausendmal gehört – diese flächigen Indietronic-Arrangements, in denen echte Instrumente gesampelt klingen und digitale Einsprengsel seltsam analog. Doch Between Waves ist bei aller Geschmeidigkeit abermals ein Werk von so eindringlicher Tiefe, dass ein paar Wiederholungen von früher gar nicht weiter stören.

https://vimeo.com/171114179

Denn wie zuvor erinnern die vorwiegend instrumentalen Stücke eher an Symphonien als Tracks, was mit Gesang versehen nicht nur wegen des entspannten Popfalsetts im Stile von The Notwist die Höhen ganz großen Pops erklingt. Mit Bläsersequenzen, Geigenfetzen und gelegentlicher Atari-Spielerei gerät das Ganze dann nicht nur zu einer weiteren Note im anschwellenden Werk des harmoniesüchtigen Kaliforniers, sondern erhält auf fast magische Art und Weise Alleinstellungskraft. Sicher, es läuft ein wenig durch einen durch, allerdings wie gute Filmmusik, die man auch kaum merkt, wenn sie passgenau ist. Schon wieder ein schönes Album von The Album Leaf, diesmal ganz ohne Altersmilde; dafür war das aktuelle Quintett einfach nie tough genug…

The Album Leaf – Between Waves (Relapse Records)

Hype der Woche

I_am_Jerry_Habicht_Album_Cover_1024x1024pxI Am Jerry

Apropos tough: Ketten. Goldketten. Lange Goldketten. Und zwar (ganz wichtig) überm Schlabbershirt mit hochgekrempelten Ärmeln (oder ohne). Ist das jetzt die neue neue deutsche Härte, der online verbreitete Styling-Tipp irgendeines Lifestyle-Bloggers, noch so ein ironischer Bruch im permanenten Zitiergewitter des Konsumpopkonsums oder alles zusammen, erdacht in der PR-Abteilung von Warner? Egal – I Am Jerry, angeblich vier Jugendfreunde aus dem Ruhrgebiet, tragen zur perfekt durchdeklinierten Späthipsteruniform mit Stirnrunzelträumerblick ihre Goldkettchen offen und das ist auch schon das Bemerkenswerteste an ihrem Debütalbum, das laut Selbstbeschreibung von Generalisten der neuen Generation gemacht wurde, also in keine Schublade blablabla… Habicht mag von echt hübschen Jungs eingespielt worden sein; dass  die Platte keinem Genre zuzuordnen sein soll, liegt schlicht daran, dass sie sich aus jedem das rauspickt, was am meisten Verkäuflichkeit garantiert. Ergebnis: Semipermeabler Pop wie vom WM-Sampler, geistig leer und emotional ausgebrannt. Vielleicht doch eher Goldschmied-Ausbildung als Popstars? Nur so ein Vorschlag…


Olympias Abschied & Sherlocks Rückkehr

TVDie Gebrauchtwoche

8. – 14. August

Zum Abschied sagt man bekanntlich leise Servus. Servus TV, um genau zu sein. Da Dietrich Mateschitz, der umwelt-, gesundheits- und arbeitnehmerfeindliche Brausedosenmüllmilliardär mit werbewirksamem Fernsehspielzeug genug von bockigen Mitarbeitern hat, die so was Impertinentes wie einen Betriebsrat gefordert haben, macht sein programmatisch durchaus achtbarer Kanal Ende 2016 die Schotten dicht.

Nicht das einzige Lebewohl dieser Tage übrigens. Am Wochenende endet – endlich? endlich! endlich!? – die olympische Farce von Rio mit ihrer funktionellen Selbst- und medialen Fremdbeweihräucherung von Friede, Freude, Fairness, trallalla. Und damit bleiben uns vorerst auch haarsträubende Situationen wie jene erspart, als das ZDF am Beckenrand der Schwimmwettbewerbe mit großem Furor eine – zugegeben mehrfach gesperrte – Starterin aus Russland an den Staatsdopingpranger stellt, um sodann zur eigenen Reporterin Kristin Otto zu schalten, an die man sich ja irgendwie auch vornehmlich im Zusammenhang mit Staatsdoping erinnert. Nur eben ohne Pranger, zumindest senderintern.

Bis all dies vier Jahre lang aus dem Blickpunkt der Weltöffentlichkeit verschwindet, muss sich das weniger sportbegeisterte Publikum jedoch noch ein paar Tage mehr mit Wiederholungen begnügen.

sherlock-der-leere-sarg-104~_v-varm_8c4223Die Frischwoche

15. – 21. August

Wozu Der leere Sarg ausdrücklich nicht zählt, obwohl Fall 1 der dritten Staffel von Sherlock bereits seit geraumer Zeit auf Netflix abrufbar ist. Am Freitag um 23.30 Uhr wandert die sensationelle Filmreihe um Sir Arthur Conan Doyles modernisierten Detektiv ins frei empfangbare Fernsehen und das ist selbst angesichts der lausigen Synchronisation unbedingt empfehlenswert.

Nachdem er im Staffelfinale zuvor von einem Hochhausdach in den Freitod gesprungen zu sein schien, steht er plötzlich vor Dr. Watson, um London vor einem Bombenanschlag zu bewahren. Garniert wird die Rückkehr mit etwas mehr Humor und Tempo, bei dem selbst eingefleischte Fans zwar denken könnten, die zappelnd geschnittene Bildfolgebeschleunig einer beiläufigen Szene aus der Londoner U-Bahn zu Beginn sei selbstverliebt und nutzlos. Doch natürlich öffnet sich damit bald ein unerwartetes Fenster in die Lösung des neuen Falls.

Noch spannender am siebten Einsatz des runderneuerten Detektivduos ist allerdings, dass der soziopathische, weil übermenschliche Teil davon erstmals normalmenschliche Seiten zeigt, die ihn nach zweijähriger Abstinenz manchmal fast empathisch wirken lassen in diesem herausragenden Fall, der ziemlich zeitgenössisch von Terror handelt. Ein Terror, der grad die halbe Welt zu ereilen scheint, kaum ein Land jedoch mehr als die Türkei – von innen wie von außen. Eine sehenswerte 3sat-Doku zeigt am Freitag um 20.15 Uhr, was er mit dem Tourismus und damit der Gesellschaft insgesamt anstellt.

An neuem wirklich sehenswert ist ansonsten allenfalls die neue Folge der Eigeninterviewreihe Kessler ist… Am Donnerstag um 23.30 Uhr ist Hugo Egon Balder an der Reihe, der nur für Außenstehende einzig humoristische Facetten hat. Michael Kessler wird sie gewiss alle offenlegen. Ansonsten aber wie gesagt: Wiederholungen. Empfehlenswert wären da folgende. Heute zum Beispiel Stanley Kubricks rätselhaft brillantes SciFi-Everwhite „2001 – Odyssee im Weltraum“ von 1968 um 20.15 Uhr auf Arte. Ein Jahr älter und zweieinhalb Stunden später auf Servus läuft das oscarprämierte Kostümfest Cromwell – Der Unerbittliche um den republikanischen Landadligen im Kampf mit Karl I. (Alec Guinness). Tags drauf, für Kriminostalgiker*innen: Usambaraveilchen (20.15 Uhr, BR) ein Münchner Tatort mit Gustl Bayrhammer und einem Mord in der Nachbarschaft, wie es 1981 üblich war, als Derrick den Zeitgeist geprägt hatte.

In jeder Hinsicht moderner, aber auch ein bisschen nostalgisch: das Debüt von Charlotte Lindholm namens Lastrumer Mischung von 2002 im Rahmen der Ersteinsatzwiederholungen am Mittwoch, 22 Uhr, an gleicher Stelle gefolgt von Corbuccis fabelhaft trashigem Spätwestern Leichen pflastern seinen Weg (1971) mit einem Klaus Kinski als Kopfgeldjäger im Schnee zum Niederknien. Und zum Schluss der Doku-Tipp: Verbotene Filme (Mittwoch, 22.05 Uhr, Arte) – eine Spurensuche zu 40 Vorbehaltsfilmen, die sich seit der NS-Zeit unter Verschluss befinden.


Sivan Talmor, Camera, Arkells, Blossoms

CACD8455_Pac_Talmor_print.inddSivan Talmor

Wer aus Israel kommt, muss sich darauf gefasst machen, jenseits der ziemlich kurzen Grenze schnell als Botschafter dieses Landes eingeordnet zu werden, das dank seiner geringen Größe im Kreise feindseelig gesinnter Staaten nur mit größtmöglichem Zusammenhalt überlebensfähig scheint. Auch Sivan Talmor ist sich dessen voll bewusst, wenn die Singer/Songwriterin nun mit ihrem englischsprachigen Debütalbum (nach eine auf Hebräisch) in alle Welt hinauszieht – was sie unbedingt sollte, denn Fire ist ein siebenteiliger Almanach des globalen Pop von so hinreißend verspielter Intensität, dass die Welt dafür gar nicht genug ist.

Ihre Botschaft sei allerdings gar nicht unbedingt Liebe und Frieden, sagt sie selbst. Die 29-Jährige gibt der Platte und damit sich selbst lieber etwas anderes mit auf den Weg in die Ferne: Intimität. In der Tat. Zerbrechlich, fast engelsgleich klingt ihr Gesang zu sprühenden Folkmelodien manchmal. Dann aber wird er auch wieder kraftvoll und verwegen, als als rausche sie im offenen Mustang durch Mexico. Mariachi und Americana klingt da zuweilen durch, Nancy Sinatra und Serge Gainsbourg, Theatralik und Chanson. Manchmal pfeift sie dazu fröhlich, dann spricht nur die Gitarre, aber stets das Herz einer Frau, die sich selbst so wenig wichtig nimmt wie ihre Herkunft. Ein traumhaft schönes Album zum Abschalten und Dranbleiben.

Sivan Talmor – Fire (Chaos Rec)

cameraCamera

Wenn es um musikalische Betriebstemperaturen geht, sind sie selbst im fernbeheizten Pop oft weniger die Folge äußerer Wärmezufuhr als innerer Gemütslagen. Camera würden so gesehen wohl selbst im Eisschrank glühen. Auch auf seinem vierten Album macht das Trio aus Berlin zerzausten Krautrock, der sich aus dem Bauch nach außen brennt. Dem psychedelischen Teppich ihrer bekifften Ahnen der frühen Siebziger weben sie dabei allerdings zwei Fäden unter, die seine Gestalt nachhaltig verändern: Aberwitziges, von fiebrigen Drums befeuertes Tempo, das weniger von beats per minute als von intensity per second herrührt.

Und von irrlichternden Synths, als wollten sie die Autojagden grisseliger B-Movies nachvertonen. Das basslastige Grummeln hetzt schon in Affenfaust zum Einstieg so ergreifend über Orgeltupfer hinweg, dass selbst das permanente Gitarrensolo darin cineastische Melancholie wachruft. Kein Wunder – stammt Steffen Kahles doch aus der Filmmusik und entwirft nun für Camera die Tonkaskaden wie Bildabfolgen. Zum Ende hin verlieren sie sich zwar leicht im Rausch ihrer Protagonisten; bis dahin aber heißt es: Im Ford Mustang anschnallen und mit Vollgas in die Häuserschlucht.

Camera – Phantom of Liberty (bureau b)

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Verrückte Jungssachen, die große Jungs halt so machen, gehen aus adulter Sicht meist in die kurze Hose. Enthemmte Sauftouren etwa ohne Gedanken an morgen: Im Kino lachen darüber vor allem Gleichgesinnte, denen jeder Satz ohne PS und Promille schon einer zu viel ist. So gesehen sollten die Arkells uns auf ihrer vierten Platte kurz zu denken geben. Im Video zum Eröffnungsstück Drake’s Dad etwa gehen die fünf Kanadier gleich mal mit Party am Pool, Dosenbier beim Duschen und Rock ’n’ Roll rund um die Uhr steil.

http://www.vevo.com/artist/arkells?utm_medium=embed_player&utm_content=artist_image&syn_id=af330f2c-5617-4e57-81b5-4a6edbef07cc

Doch wie der hinreißende Max Kerman ins Chaos singt, wie seine Stimme zuweilen nach oben ausbricht vor Euphorie, wie der entfesselt fröhliche, dabei filigran komponierte Southern Rock dazu um die Häuser rennt, als hätten sich Franz Ferdinand und Del Amitri zur Supergroup vereinigt – da sprüht aus jedem der elf Tracks so viel lebensbejahender Schwung, dass man ihnen alle Plattitüden ebenso leichten Herzens nachsieht wie die thematische Arglosigkeit. Jungssachen für Erwachsene ohne Hangover-DVDs im Regal – Ausgelassenheit kann so klug klingen.

Arkells – Morning Report (Last Gang Records)

Hype der Woche

blossomsBlossoms

Das waren noch Zeiten, als man Shoegazer an Hochwasserröhren erkannte und Hochwasserröhren am Shoegazer. Heute starrt eigentlich jeder an hautengen Jeans über Knöchelhöhe vorbei auf seine Schuhe, was die Verknüpfung von Musikstil und Kleidung weiter erschwert. Dennoch dürfte vermutlich jeder, der die Blossoms aus dem Großraum Manchester ohne Hörprobe sieht, schnell mit Zuordnungen bei der Hand sein: bisschen Synthie, Wave und Indie, angeblich beeinflusst von Arctic Monkeys, Depeche Mode, Doors wie Kritiker vorm gleichnamigen Debütalbum (Warner) halluzinierten. Ergo: das neue siedend heiße Britpopding? Von wegen! Englands meistgehypte Band klingt, als sei ihr Demo-USB in einen Eimer Best-Of-Tapes der 80er gefallen und von StockAitkenWaterman rausgefischt worden. Die zwölf Stücke der fünf sorgsam verstrubbelten Schulfreunde sind so perfekt auf modernisierte Nostalgie gebürstet, dass einem der Kopf schwirrt vor Codes und Referenzen. Für Rentner klingt da Chris Norman durch, für deren Kinder Jarvis Cocker und für die Enkel Justin Bieber. Alles hochprofessionell konzipiert, alles aber auch mit dem Soul eines Algorithmus im ersten iMac. Bitte rasch abkühlen!