Notwist, Kante, Pollyester, Hanni El Khatib
Posted: February 13, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentThe Notwist
Es gibt Bands, die müssen bloß irgendwas machen, und sei es ein Album, schon geraten Fans in Extase. Sie kaufen blindlings, jubeln lauthals und tun exakt dasselbe, wenn sich alles Jahre später wiederholt. The Notwist ist so eine Band. Seit sie mit Neon Golden das Mashupgenre Indietronic prägte, sprengen die Gebrüder Acher diverse Regeln der Harmonielehre und machen aus diffusen Tonkaskaden feste Strukturen, die klingen wie Lieder. Auch das fünfte Album seit dem Wandel der Rocker zu Fricklern schafft diesen Transfer. Fast. Denn Messier Objects, logischerweise mit 1 bis 16 betitelt, strapaziert unser Abstraktionsvermögen mit zerklüfteten Klanghaufen, bis Das Spiel ist aus endlich The Notwists Kernkompetenz zeigt: digitale Flächen so mit analogem Instrumentarium zu vermischen, dass nicht nur wahre Fans niederknien. Auch die Objekte 1-16 sind beachtlich, verblüffend und liedhaft, aber doch eher strukturarmes Gespiel. Kein Wunder – entstammen sie doch überwiegend Theatervertonungen.
The Notwist – Messier Objects (Alien Transistor)
Kante
In diesen Kontext gehört auch das neue Album von Kante. Wer die zutiefst theatralische Band aus Hamburg in den 20 Jahren ihres Bestehens vorurteilsfrei gehört hat, hätte in den lyrisch verspielten Arrangements zwischen Postrock und Deutschpop wohl schon zu Hamburger Schulzeiten Soundtracks vermutet. Und wie zum Beweis des wahren Kerns dieser These, kompiliert das neue Album In der Zuckerfabrik nun tatsächlich Beiträge, mit denen das Quintett um Peter Thiessen Stücke von Dostojewski bis Brecht zwischen Wien und Berlin begleitet hat. Es sind sperrige Lieder allesamt, kontextgebunden und singulär: Mal ein Raunen wie Arioso der Shen Te, dann Gitarrenpeitschen wie Keine Wegspur, nichts zu sehen, ringsum Kammermusik, Freejazz, Songwriting, Pathospunk, Versmaß – ein Panoptikum wie das Theater selbst. Und nichts für nebenbei.
Kante – In der Zuckerfabrik (Hook Music)
Pollyester
Das zweite Album des Münchner Plastikpopduos Pollyester kann man ebenfalls unmöglich mit einem Ohr hören. Für Fahrstühle oder Leseabende ist City Of O. völlig ungeeignet. Die singende Bassistin Polina Lapkovskaja verarbeitet an der Seite ihres Schlagzeugers Manuel da Coll und Beni Brachtel, zuständig fürs Elektronische, aberwitzig konfuse Beats zu einer Art Trashdance, als wäre die Disko absurdes Theater. Irgendwo zwischen Las Ketchup und Kraftwerk, Chicks on Speed und Daft Punk blasen Pollyester einen funky slappenden Achtziger-Wavepop aus den Boxen, dass sich alle Gehirnzellen flugs in die Beine verkrümeln und dort gehörig austoben. Kultivierte Geister dürften da vor Schreck laut schreien. Niveauliebende Partypeople wohl eher vor Glück.
Pollyester – City Of O. (Disko B)
Hanni El Khatib
Eher umgekehrt dürfte es sich da bei Hanni El Khatib verhalten. Doch Klischeesucher aufgepasst: Das ist weder ein tunesischer Violinist noch arabesker Ethnopop, sondern ein singender Skateboarder aus San Franzisco mit philippinischen Wurzeln, der das Gegenteil von Klassik oder Weltmusik liefert und doch den Mainstream bedient. Mit ein paar zotteligen Beardos macht er zwar Rock im Stile der Siebziger, als sich jungen Muckern ohne Hang zur Glitzerhose kaum Alternativen boten. Obwohl wir das Jahr 2014 schreiben, ist jedoch auch sein drittes Album Moonlight nicht aus der Zeit gefallen. Was der schöne Frontmann selbst “Messerkampf-Musik” nennt, scheint nämlich eine anschlussfähige Garagenversion früherer Gitarrenverbände zu sein, die den Psychobeat der Stooges mit dem Desertrock von Tito & Tarantula im zeitgenössischen Alternative vereint und mit weinerlichem Gesang die Männlichkeit austreibt.
Hanni El Khatib – Moonlight (Innovative Leisure)
Mehr Pics’n’Files’n’Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-02/the-notwist-kante-pollyester-hanni-el-khatib
Robert Palfrader: Metzger & Kaiser
Posted: February 12, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentBisschen exhibitionistisch
In Österreich ist Robert Palfrader ein Star, bekannt von Bühne und Bildschirm, wo der 47-Jährige zum humoristischen Stammpersonal zählt. Wer ihn allerdings hierzulande sehen will, muss schon im Netz suchen. Bei Youtube sind seine preisgekrönten Live-Audienzen Wir sind Kaiser Klickmillionäre. Jetzt holt ihn die ARD ins deutsche Programm, als Titelheld der Krimiverfilmung Metzger, wo Palfrader am 12. Februar erstmals einen ermittelnden Restaurator nahe Innsbruck spielt. Ein Interview über die Absurdität seiner Landsleute, den Schreiner in ihm selbst und warum er doch weder Wirt noch Arzt geworden ist.
Interview: Jan Freitag
Herr Palfrader, haben Sie Ulrich Seidels Film Im Keller über Österreicher und was sie in Ihrer Freizeit tun, gesehen?
Robert Palfrader: Nur Ausschnitte, aber ich bin mir des Aberwitzes darin bewusst.
Wie so oft in Kunst und Medien zeigt er Österreicher als spießbürgerliche Freaks, die auch Josef Haderer oder Manfred Deix persiflieren. Sind Sie wirklich alle so?
Teils schon, aber dieses Bild ist ubiquitär um den Erdball anwendbar. Solche Leute gibt es in Kuala Lumpur ebenso wie in Paderborn. Menschliche Schwächen eignen sich eben besonders gut, um an die Oberfläche gezerrt zu werden. Nehmen Sie Fargo von den Brüdern Coen – deren Figuren sind so wenig typische Amerikaner wie typische Niederösterreicher, kommen aber in beiden Ecken vor. Solche Filme machen einem das nur bewusst.
Wohnt dem österreichischen Menschenschlag dennoch etwas inne, was zur Persiflage oder Überzeichnung besonders taugt?
Sie scheinen das zu glauben, ich nicht. Vielleicht sind wir ein bisschen exhibitionistisch, allein weil wir noch einiges aufzuarbeiten haben.
Wir Deutschen auch.
Nur, dass Ihr fleißiger wart. Verglichen mit der Konsequenz, in der Deutschland entnazifiziert wurde, ist die österreichische Inkonsequenz geradezu beschämend. Einer wie Deix legt da zum Glück immer wieder den Finger in die Wunde, aber auch die Serie Braunschlag…
In der Sie den Bürgermeister einer maroden Gemeinde an Tschechiens Grenze spielen.
Doch so typisch österreichisch die Erzählung auch erscheint, könnte sie ebenso gut in Bayern spielen und wäre dadurch nicht weniger wahrhaftig.
Könnte Ihre Figur des Restaurators Willibald Metzger, der im Raum Innsbruck Kriminalfälle löst, auch überall spielen?
Nein.
Braucht er denn die Alpen im Hintergrund?
Höchstens eine Kleinstadt, wo ist ziemlich egal. Da kommt sein emotional weidwunder Charakter am besten zum Tragen.
Ein neurotischer Charakter vor allem, sagt er doch zu Beginn, es gäbe eigentlich nichts, wovor er keine Angst hätte.
Das ist ein bisschen Koketterie, aber stimmt schon: Weil ihm manche Kante in die Seele geschlagen wurde, hütet er sich im sozialen Kontakt davor, nochmals gedemütigt zu werden.
Ist es eine fiktionale Figur oder kennzeichnet sie irgendetwas Typisches, vielleicht auch in Ihrer Persönlichkeit?
Was uns beide eint, ist bloß zweierlei: Ich trinke gern und bisweilen zu viel Rotwein. Und ich arbeite wahnsinnig gern mit Holz, deshalb habe ich bei mir zuhause auch eine eigene Tischlerei, in die ich mich zu selten, aber bei jeder Gelegenheit zurückziehe. Insofern ähneln wir einander doch noch in einem Punkt: Dieses Zurückgezogene, In-sich-Gekehrte suche auch ich in meiner Werkstatt, wo ich nur die Maschinen höre und das Holz rieche.
Wenn Adler Finger entwenden oder Kruzifixe auf Autos stürzen, beweist der Regisseur immer wieder seinen Hang zur Symbolik.
(lacht), da haben Sie sehr gut aufgepasst. Respekt.
Steckt die auch hinter Ihrem Job als Restaurator alter Holzgegenstände der Gegend?
Vermutlich, aber das müssen sie schon den Autoren fragen; ich bin nur die hirnlose Sprechpuppe des Autors.
Jetzt kokettieren aber Sie!
Gut, wenn ich als Hauptdarsteller am Set nicht anspreche, was schiefläuft, mache ich meinen Job falsch. Es ist daher meine Pflicht, auf Unebenheiten aufmerksam zu machen, wenn sich’s, wie man bei uns sagt, spööht.
Also sperrt?
Genau, wenn es in mir zu knirschen beginnt, muss ich das kundtun. So ein Dreh ist ja immer ein Miteinander, in dem man Einfluss nehmen muss, aber auch sagen können, ich weiß nicht weiter. Ein Satz übrigens, den ich mir von einem Politiker vor der Kamera wünschen würde.
Weil es der politische Gegner umgehend als Inkompetenz oder Schwäche auslegt!
Furchtbar! Dabei würde es die Glaubwürdigkeit doch eher steigern. Gerade Männern muss man noch immer oft erklären, wie stark Schwäche sein kann und umgekehrt. Ich lasse ja auch meine Frau autofahren, weil sie es einfach viel besser kann als ich. Dafür bin ich lustiger.
Und zwar mit eher feinem, fast stillem Humor, während große Teile des Publikums gern über die groben, lauten Dinge lachen.
Da widerspreche ich doppelt. Zum einen mache ich den Job seit mehr als 20 Jahren und habe eins gelernt: Unterschätzt die Zuschauer nicht! Sie sind klüger als wir alle denken. Zum anderen kann ich so auf die Kacke hauen, dass es bis Deutschland spritzt. Dennoch braucht die Figur des Metzgers keine lauten Töne. Damit sich die Zuschauer emotional an eine Figur binden können, muss es etwas zum Entdecken geben. Weniger ist mehr.
Ist das Ihre Humorschule?
Wenn es da überhaupt eine gibt, der ich bis an mein Lebensende vergebens versuche, gerecht zu werden, ist Helmut Qualtinger.
Den man hierzulande eher aus Der Name der Rose kennt.
Der aber ein brillanter Kabarettist war. Gerade, weil er in seiner Bissigkeit ungeheuer leise sein konnte.
Im Gegensatz zu Ihnen war Qualtinger aber auch noch Schauspieler.
In der Tat, das bin ich nicht. Ich bin ja nicht mal ordentlich ausgebildet, weder im einen noch im anderen Fach. Erste Berufserfahrungen habe ich mit 22 in meinem Wiener Caféhaus gesammelt. Mein elfjähriger Neffe meinte damals mit Blick zum Tresen, Onkel Robert, ist das deine Bühne? Und er hatte Recht! Die Bar war eine Art Methadon für meine eigentliche Berufung. Wie oft habe ich dort versucht, mit einem Satz möglichst viele Gäste auf einmal zu beleidigen. Manchmal ist mir das sogar gut gelungen.
Ihr Vater war Metzger. Wie ist er damit umgegangen, dass Sie erst Wirt, dann Witzbold geworden sind?
Wissen Sie, auch wenn er Fleischhauer war, war er in höchstem Maße bildungsaffin. In seinem Freundeskreis gab es fast ausschließlich Akademiker. Meine Eltern waren schlichte, aber kunstsinnige Leute, die prächtig mit meiner Auswahl umgegangen sind. Meiner Mutter wär es zwar lieber gewesen, wenn ich Beamter geworden wäre oder Arzt, wie es mein eigener Plan war, aber sie fand wie mein Vater alles toll, was ich gemacht hab. Selbst als Straßenfeger hätte sie gelobt, wie elegant ich den Besen schwinge. Wir haben so viel Aufmerksamkeit, Liebe und Respekt gekriegt – da konnten wir wenig falsch machen. Ich hätte alles werden können.
Und haben es bis zum Kaiser geschafft.
Sehen Sie!
Mit Wir sind Kaiser, wo Sie als Robert Heinrich I. seit 2007 Audienzen prominenter Landsleute auf einem prächtigen Thron abhalten, haben Sie es in Österreich zur echten Berühmtheit geschafft. Ist das anschlussfähig für den deutschen Markt?
RTL hat seinerzeit die Formatrechte vom ORF gekauft und mit ein paar Comedians getestet, aber leider nicht mit mir. Hah! Aber die haben das längst eingestampft. Andererseits ist die Resonanz auf 3sat und Youtube auch aus Deutschland riesig.
Wird der Metzger ihre Popularität da nochmals steigern?
Das würde mich immens freuen, aber um des Projektes, nicht um meiner selbst willen. Es geht mir gut auf dem österreichischen Markt. Ein Star zu werden ist nicht mein Antrieb.
Sondern – was ist ihr Karriereziel?
Das sich meine Kinder ihr Frühstück selber machen, damit ich möglichst viel Zeit in der Tischlerei verbringen kann.
Wären Sie am Ende lieber Hand- als Kopfarbeiter?
Nein, ich liebe meinen Beruf, ich liebe mein Leben, glauben Sie mir: Ich stehe ich jeden Morgen grinsend auf.
Durch die Nacht mit … Polak & Haftbefehl
Posted: February 11, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a commentProvokateure unter sich
Kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung schickte Arte den jüdischen Komiker Polak Durch die Nacht mit… dem kurdischen Rapper Haftbefehl. Das macht die 125. Folge der Reihe traurig und fabelhaft zugleich, weiterhin zu sehen in der Arte-Mediathek.
Von Jan Freitag
Und dann, ganz plötzlich, gibt es ihn doch: den ersten Moment annähernder Wahrhaftigkeit. Eine Dreiviertelstunde ist der deutsch-kurdische Rapper Haftbefehl schon im Auftrag von Arte Durch die Nacht mit… dem deutsch-jüdischen Standup-Komiker Oliver Polak gefahren, ohne dass einer das Rolltor der Selbstgerechtigkeit hinter dunklen Sonnenbrillen hochgefahren hätte. Das Begegnungsformat des Kulturkanals ist längst zum Entfremdungsformat mutiert – da macht der Humorberserker einen Religionswitz zu viel. Moschee, sagt er grundlos, „das klingt für mich immer wie Muschi“. Treffer!
Versenkt wird indes nicht der Gläubige mit Moscheebezug an Polaks Seite, sondern der Possenreißer selbst. Fast. Kurz nämlich erinnert Haftbefehls Seitenblick an die Posen seiner Videos, in denen er vor finsteren Ghettokids den Hurensöhnen, Bitches, Pussycats „Russisch Roulette“ androht. Wäre keine Kamera im Wagen – wer weiß, ob der Sprechsänger dem Antisemitismus seiner Texte nicht auch mal physisch ihren Lauf gelassen hätte.
Doch darum ging es Arte ja, als e die Jubiläumsfolge ihrer famosen Reihe so nah am 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung ausgerechnet mit einem jüdischen Berufszyniker und einem Gangsterrapper dieser Herkunft programmiert hat: Um Konfliktpotenzial. Seit Christoph Schlingensief 2002 mit Christian Thielemann zum Auftakt durch Berlin fuhr, gab es 125 solcher Nächte. Die Paare waren mal überraschend harmonisch wie Götz Alsmann und Roland Kaiser, mal überraschend disharmonisch wie Tom Schilling und Olli Schulz, mal einfach nur fehlbesetzt wie H.P. Baxxter und Heinz Strunk. Stets aber steckte auch in offensichtlicher Differenz ein Keim gegenseitiger Anziehungskraft.
Bis jetzt.
Denn Polak und Haftbefehl hassen einander von Herzen, das wird bereits klar, als ersterer letzteren an einem Frankfurter Imbiss mit Blumen begrüßt. Sie tun es allerdings gar nicht mangels Sympathie; schließlich teilen beide den Markenkern der Provokation um ihrer selbst willen. Nein – ihr Hass auf andere entsteht vor allem aus maximaler Selbstverliebtheit. Dummerweise ist auch sie bloß wieder Pose zweier Rampensäue, die jedes echte Gefühl unter der Coolness ihrer Pointen verscharren. Nur: genau das macht die Fahrt über Hessens Großstadtkieze und Rummelplätze ja so sehenswert. Gewährt es doch abgrundtiefe Einblicke ins Wesen männlicher Selbstfindung zwischen tradiertem Rollenklischee und modernem Anspruch.
Als Polak kurz vor Schluss seine Depression erwähnt, unterbricht ihn Aykut Anhan alias Haftbefehl mit „ich hatte auch schon Depris“, was allerdings weniger Ausdruck von dessen Ignoranz ist als von Polaks Sendungsbewusstsein, das mit der Scheinoffenbarung bloß das zugehörige Buch bewerben will. So bleiben die beiden Gefangene jenes Bilds, das sie zwanghaft von sich zeichnen zu müssen glauben, um sich der eigenen Identität zu versichern. Das ist zwar ziemlich deprimierend, aber auch ganz schön unterhaltsam. Außer für Polak und Anhan. Die wollen nur, dass es bald vorbei ist. Mit dieser Nacht.
Flachpappen & Zuchtstuten
Posted: February 9, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
2. – 8. Februar
Die Berlinale ist ein Kinotreffen von Weltrang, das mit leichtem Hochmut herabsieht auf die Niederungen des Fernsehens. Genauer: herabsah. Denn die 65. Filmfestspiele von Berlin öffnen sich erstmals dem Bildschirm. In der Jury sitzt niemand Geringeres als Matthew Weiner, Erfinder der fabelhaften Mad Men und Autor vieler Folgen der Sopranos. Walther Whites schmieriger Anwalt kriegt nach dem Ende von Breaking Bad ein Prequel namens Better call Saul, das im Berliner Regelprogramm läuft. Ja, sogar die televisionäre Kreativitätsbrache Deutschland gebiert mit der ZDF-Krimiereihe Blochin etwas Stilvolles und bietet dafür in Gestalt von Jürgen Vogel sogar ein cineastisches Schwergewicht auf.
Dieser ambitionierte Bruch gängiger Sehgewohnheiten könnte mit etwas gutem Willen also durchaus rechtfertigen, was diverse Flachpappen am Flatscreen nicht vermögen: 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen, die die Öffentlich-Rechtlichen dank der neuen Haushaltsabgabe bis 2017 generieren dürften. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass unser Leitmedium damit auch dramaturgisch revolutioniert wird wie in Amerika, Skandinavien, England, ach – eigentlich überall. Aber mit zu wenig Geld kann man sich von Mainz bis München nun irgendwie nicht mehr rausreden. Und es scheint ja auch sonst, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden.
Seit Freitag zum Beispiel zeigt das ZDF alle sechs Folgen der gelungenen von Schirach-Verfilmung Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt aberwitziger Strafrechtsfälle vorab in seiner Mediathek und riskiert damit reale Quotenverluste bei der TV-Ausstrahlung zwei Wochen später. Doch was heißt riskieren: Irgendwie will das Stammpublikum mit anspruchsvollen Formaten abseits vom Tatort ja ohnehin nichts zu tun haben – sonst hätte die erste einigermaßen brüchige Kommissarin seit, ja, seit wann eigentlich?, nicht so wenig Zuschauer angelockt wie Melika Foroutan als Borderline-Ermittlerin Louise Boni Donnerstag im Ersten. Serienperspektive gescheitert, dürfte das wohl heißen, denn der Bergdoktor nebenan im Zweiten hatte locker die doppelte Zuschauerzahl. Wer nicht will, der hat offenbar schon.
Die Frischwoche
9. – 15. Februar
Und kriegt eben weiter Schonkost à la Tod eines Mädchens. Der ZDF-Zweiteiler wartet am Montag und Mittwoch zwar wie gewohnt mit exponierter Darstellerriege von Auer bis Ferch und Schönemann bis Kling auf. Die atmosphärisch dichte, aber zuweilen öde Lösung eines Mädchenmordes ist allerdings ein ziemlich plump zusammengeklautes Mashup aus Kommissarin Lund und der britischen Serie Broadchurch, die das beide jedoch tausendmal besser machen und dafür weder schöne noch berühmte Schauspieler brauchen, sondern einfach nur gute.
Dass man auch in der Konstellation ansprechend unterhalten kann, hat die ARD zumindest mal in einem Fall verstanden. Zum Auftakt einer Reihe Romanadaptionen des österreichischen Autors Thomas Raab schickt sie am Donnerstag Willibald Metzger und der Tote im Haifischbecken in die Primetime. Mit einem ermittelnden Restaurator in der alpinen Provinz, gespielt vom Wiener Kabarettisten Robert Palfrader, der auch nicht schön ist, aber brillant, was seine preisgekrönte Reihe ORF-Satire Wir sind Kaiser verdeutlicht, die es hierzulande trotz beißend komischen Humors teils deutscher Gäste natürlich nur ab und an mal zu 3sat schafft.
Auf Pro7 schafft es hingegen naturgemäß das, was in Serie zuletzt etwas vernachlässigt wurde: Superhelden. Am Dienstag (20.15 Uhr) startet auf dem Kaugummikanal die Verfilmung des legendären DC-Comicstars Roter Blitz, der in den USA als The Flash zum kleinen Straßenfeger wurde und das, wenig überraschend, mit viel Oberfläche und wenig Tiefgang. Doch, hey! – hier will ja niemand erklären, geschweige denn aufklären, hier geht es (wie im anschließenden Batman-Prequel Gotham) um nichts anderes als ein paar Stunden Kleinkind ohne Realitätsbezug zu sein. Also in etwa das, was bis zum Aschermittwoch noch karnevalistisch das Regelprogramm verunreinigt. Oder was Germany’s Next Topmodel ab Donnerstag auf Pro7 wieder mit Frauen, pardon: Mädchen tut, die von der geistig bemitleidenswerten Fastfoodfachverkäuferin Heidi Klum bereits zum 10. Mal zu sexistisch verwertbaren Zuchtstuten dressiert werden. Für Klamotten, deren Herkunft man sich so nebenbei am Freitag um 20.15 Uhr auf 3sat betrachten kann, wenn Edelmarken zum Hungerlohn zeigt, wie widerliche die Welt des Glamours wirklich ist.
Als Ablenkung taugen da allenfalls die drei Teile der französischen Kurzserie Nordkurve, die Arte am Donnerstag ab 20.15 Uhr hintereinander weg zeigt über einen Mord im Stadion einer fiktiven französischen Stadt, die am Beispiel des Fußballs den sozialen Niedergang ganzer Regionen beschreibt. Brillant gespielt und auch für Fußballferne ungeheuer spannend. Zur Ablenkung taugen aber natürlich auch die Tipps der Woche: In Farbe Robert Altman’s Last Radio Show, eine Ode an die Musik mit allem, was Hollywood kurz vorm Tod des Regisseurs 2006 zu bieten hatte (Dienstag, 22.25 Uhr, 3sat). Und in Schwarzweiß Auf Liebe und Tod, ebenfalls ein Letztwerk, allerdings von François Truffaut, der damit 1983 jenen Film Noir persiflierte, der ihn selbst zur Legende gemacht hatte.
Interview: Alex Empire/Atari Teenage Riot
Posted: February 6, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentDie volle Aufmerksamkeit
Alexander Wilke-Steinhof alias Alec Empire (42) ist seit bald 25 Jahren Kopf der digitalen Hardcore-Band Atari Teenage Riot. Mit Reset bringen die Berliner nun erst ihr fünftes Studioalbum heraus. Musikalisch erinnert es an die frühen Neunziger, inhaltlicher eher an die Gegenwart. Gespräch mit einem radikal linken Musiker, der selbst in der eigenen Szene polarisiert und seit jeher einen Sound macht, den man überall hören kann, aber gewiss nicht nebenbei.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Alec, euer neues Album heißt Reset. Welche Art von Neustart ist damit gemeint?
Alec Empire: Atari Teenage Riot war nie eine klassische Band mit fester Struktur, sondern stets eine Art Kollektiv, das sich für ein Album vereinigt. Insofern haben wir seit jeher andauernd Veränderungen vorgenommen, die einem Neustart gleichkommen. Diesmal ist mit MC Rowdy ein amerikanischer Rapper dabei und mit Street Grime erstmals auch jemand aus England, der eine ganz eigene Musikszene repräsentiert. Das hat auch den Sound stark verändert, also nicht nur die Vocals, sondern die Stimmung insgesamt.
Aber Neustart drückt ja noch mehr aus, als bloß einen Stimmungswechsel.
Deshalb fokussieren wir uns inhaltlich diesmal auch stärker auf Technologien, die unser Leben bestimmen und mittlerweile zusehends gegen uns gewendet werden können. Da muss ein grundsätzliches Umdenken, wovor wir explizit warnen. Wir malen noch kein Bild einer Mad-Max-Gesellschaft, weil wir die Dinge schon noch im Griff haben. Dennoch regen wir dazu an, unsere Hacker-Ideale früherer Tage extrem zu hinterfragen, auch in der Musik. Das ist für uns in der Tat ein Neustart.
Musikalisch dagegen scheint „Reset“ ein paar Schritte zu euren Ursprüngen zurückzugehen. J1M1 zu Beginn etwa erinnert mich an KMFDM und Underground Resistance.
Mit dem Einfluss von Underground Resistance – zumindest auf mich – liegst du richtig. Aber meine Drumprogrammings orientieren sich definitiv mehr am Detroit Techno als am Industrial. Das ist gerade in der elektronischen Musik ein Statement, da wir dem Erfolgspfad der EDM nicht weiter folgen. Wer uns in der Industrial-Ecke vermutet, versteht überhaupt nicht, wo wir herkommen.
Oh, vielen Dank!
(lacht) Na ja, Elektronik plus Gitarren ist noch längst kein Industrial. Unsere Energie ist einfach eine ganz andere als bei Nine Inch Nails oder KMFDM. Wir sehen uns näher am HipHop. Mit Public Enemy hab ich mich früher viel mehr beschäftigt als mit den Einstürzenden Neubauten. Es gibt bei Atari Teenage Riot eine DNA, die unangetastet bleibt, aber auf diesem Album fehlen zum Beispiel drei Elemente, die man gern mit uns in Verbindung gebracht hat – Gabba-Beats mit 200 bpm kommen ebenso wenig vor wie Breakcore oder Noise-Elemente. Außerdem setzen wir Texte anders ein.
Nicht mehr so parolenhaft wie früher.
Genau. Man muss uns nicht auf jeder Demo gleich verstehen. Die Leute haben mittlerweile eben Zugriff auf so viele Informationen, dass wir nichts mehr vereinfachen müssen. Das merkt man besonders beim Titeltrack. Es gibt also Parallelen zu den Anfängen, aber auch Brüche. Das könnte einige verwirren.
Gerade die, denen ihr den einst völlig unpolitischen Techno politisiert habt.
Das stimmt. Ohne Atari Teenager Riot würde elektronische Musik in der linken Szene schließlich nicht auftauchen, nicht in dieser Form zumindest. Techno auf einer Demo wäre 1992 undenkbar gewesen.
Seid ihr politisch denn noch die Gleichen wie damals?
Im Grunde schon. Es gab allerdings immer mal wieder Missverständnisse um unsere Position in der linken Szene…
Was auch immer das sein mag?
Wir kommen eher aus der anarchistischen Ecke, dass jeder sein Leben selbst bestimmen soll. Je mehr sich die Gesellschaft da raushält, umso besser. Das steht natürlich im krassen Gegensatz zur alten Linken, die eher mehr Staat wollen. Das Antifaschistische, Antikapitalistische, Antisexistische mag uns verbinden, aber nicht der Glaube an Autorität und Staat.
Hat ein Musikalbum wie dieses überhaupt konkreten Einfluss auf eure politischen Ziele oder ist das mehr so die angesprochene Energie?
In diesem Fall wird sich das noch zeigen, aber wir haben im Laufe der Zeit immer wieder Leute getroffen, nicht nur aus der Hacker-Szene, die von unserer Arbeit beeinflusst wurden. Das reicht von neuen Impulsen bis hin dazu, Selbstbestimmung neu zu definieren. Genau so sollte man Musik nutzen: nicht nur als passive Konsumenten, sondern aktive Nutzer. Genau da steuert die moderne Musikindustrie – Stichwort Spotify – mit der Konzentration auf wenige Sekunden statt ganzer Werke gegen. Auch von der befreienden Kraft des Internets haben wir uns mal mehr erhofft; da kriegen die lautesten Brüllaffen die meiste Aufmerksamkeit. Das muss man dauernd hinterfragen.
Andererseits brüllt euer sortiertes Chaos auch ganz schön aus den Boxen.
Aber ja nicht, um die lautesten zu sein, sondern die volle Aufmerksamkeit zu kriegen. Ich verstehe ja, dass es Musik geben muss, die im Hintergrund läuft. Wir können das nicht. So gesehen ähneln wir Filmen, denen man von Anfang bis Ende möglichst fokussiert folgen sollte, um sie wirklich zu verstehen.
In den Ohren Außenstehender bleibt Atari Teenage Riot dennoch vornehmlich infernalischer Krach. Hast du als Musiknutzer das Bedürfnis nach ruhiger Harmonie?
Absolut. Auch als Anwender. Ich mache ja wie alle anderen von Atari Teenage Riot noch diverse Nebenprojekte. Wenn ich zum Beispiel Filmmusik komponiere, muss man bestimmten Regeln folgen, aber eben stets nach dem Prinzip: Du musst die Regeln beherrschen, um sie zu brechen. Was mir seit jeher zuwider ist, sind musikalische Hierarchien. Deshalb sehe ich, um es mal ketzerisch auszudrücken, Beethoven und Miley Cyrus auf einer Ebene.
Oha, inwiefern?
Insofern als ich finde, dass Stockhausen nicht grundsätzlich höherwertig ist als, sagen wir: eine Schlagersängerin, so sehr ich ihn auch mehr schätze. Mir fehlt die Arroganz, zu sagen, irgendetwas in der Musik hätte mehr oder weniger Wert.
Alles eine Frage des Kontextes?
Sonst befindet man sich schnell auf der Ebene moderner Musikförderung, die einen Großteil ihrer Mittel in Klassik investiert, aber nie in Punkrock. Oder bei den großen Multimedia-Konzernen, die alles, was sich massenhaft verkauft, pushen und die Nische ignorieren.
Euch also. Reset ist aber in fast 20 Jahren auch erst die fünfte Platte von Atari Teenage Riot. Ist das bewusst selektives Veröffentlichen?
(lacht) Ach, das hatte viele Gründe, manchmal sogar persönliche. Wir sehen unsere Arbeit generell nicht so in der Abfolge von Alben. Wenn du dir anguckst, was wir sonst noch machen, sind wir zwischendurch sicher nicht dauernd in den Ferien. Diese Platte empfinden wir als Statement, das zu diesem Zeitpunkt Sinn ergibt, und nicht bloß eine Ansammlung von Tracks ist, sondern ein echtes Album. Wir sind ständig am Machen. Unabhängig von Platten.
Der Text ist vorab erschienen unter http://www.musikblog.com/2015/02/atari-teenage-riot-reset-das-empire-laermt-zurueck/
Jörg Pilawa: Band-Läufer & App-Rätsler
Posted: February 5, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentLive ist alles schöner
Jörg Pilawa gilt als Moderator, der alles wegmoderiert, was nicht bei drei im Fernseharchiv ist. Kurz bevor er seit Montag bei seinem Heimatsender ARD wieder täglich ab 18 Uhr zum Quizduell per App lud, hat er sogar Rudi Carrells Am laufenden Band aus der Gruft geholt. Interview mit einem TV-Star, der zu sympathisch ist, um ihm böse zu sein, aber eben Fernsehen macht, das zu nett ist, um gut zu sein.
Interview: Jan Freitag
Herr Pilawa, Sie haben allen Ernstes Rudi Carrells gutes, aber uraltes Am laufenden Band aus der Fernsehgrube gezerrt. Was fasziniert die Leute so an der Wiederbelebung gebrauchter Shows?
Jörg Pilawa: Das hat zwei Gründe: Mode; so wie Schlaghosen irgendwann wiederkommen, tun es eben auch Sendungen. Und Nostalgie. Bei vielen herrscht schließlich das Gefühl, früher sei alles besser gewesen. Das war es nicht, es war nur anders und bringt einen nun zum Schmunzeln, wenn man wie ich gern die alten Sachen sieht. Aber die Leute denken so und wollen entsprechend bedient werden. Ich habe mir von meinem ersten Gehalt 1985 eine Ente für 1200 Mark gekauft und hatte das Gefühl, frei zu sein. Vor einiger Zeit hatte ich Lust, dieses Gefühl zu erneuern und hab mir wieder eine gekauft. Jetzt finden das alle toll und winken, aber keiner hätte Lust, damit übern Brenner zu fahren, mal abgesehen davon, dass der Wagen schon in den Kasseler Bergen verreckt.
Was beweist, dass Nostalgie wenig mit Logik zu tun hat.
Genau. Wenn wir heute Fernsehen so machen wie damals, würde niemand zugucken. Alles war unglaublich langsam und betulich war, ohne Licht, Dramaturgie, Musik. Da sind die Sehgewohnheiten heute andere, Hightech ist Standard.
Geht vielen Zuschauern ja aber auch längst wieder auf die Nerven.
Deshalb versuchen wir, im Rahmen moderner Anforderungen die Mitte zwischen einst und heute zu finden. Früher war das nicht nötig, da machte man eben Fernsehen. Punkt. Wenn ich als Neunjähriger ein Tablet mit Internet gehabt hätte oder die Chance, auf dem zweiten, dritte Apparat Dutzende Programme zu sehen – hätte ich dann mit meinen Eltern Am laufenden Band geschaut? Wohl kaum! Weil sich die Lebenswelt verändert hat, ist Fernsehen nicht mehr dieses große Lagerfeuer von früher, sondern richtet sich an Zielgruppen. Nur wenn wir die Show von damals etwas schneller und bunter machen, kriege ich neben den damaligen Zuschauern auch ein paar Kinder und Enkel.
Die Show für 8 bis 88 ist tot?
Definitiv. Schon die Veränderung der Familienstrukturen hin zum Ein-Personen-Haushalten führt dazu, dass abends selten gemeinsam ferngesehen wird. Daran wird das laufende Band nichts ändern.
Ist die Idee, das wiederzubeleben, eigentlich zum Moderator gekommen oder der Moderator zur Idee?
(lacht) Weil ich mich viel mit Fernsehgeschichte beschäftige, war mir bewusst, dass die Sendung 40 Jahre wird und Rudi Carrell doppelt so alt. Da habe ich mal beim Sender gefragt, wie die ein Revival fänden. Alle waren gleich begeistert, auch Carrells Tochter Annemike, jetzt hab ich’s gemacht.
Was Ihrem Ruf des Alles-Weg-Moderierers nicht grad entgegenwirkt…
Tja, der Ruf… Wenn ich fürs Feuilleton Fernsehen machen würde, hätte ich vielleicht ein paar Grimmepreise, aber keine Zuschauer. Mir sind letztere lieber.
Aber gibt es nicht den Anspruch des Entertainers, mit einem Format mal beide Seiten zufriedenzustellen?
Nö, überhaupt nicht. Ich mache Programm fürs Publikum, und wenn du für das wirklich alles nur so wegmoderierst, machst du den Job nicht wie ich erfolgreich seit 25 Jahren. Was mir bei allem wichtig ist: Kann ich dazu stehen, was ich tue? Deshalb mach ich so gerne Quizsendungen, weil die seit Urzeiten alles abdecken, was die Zuschauer mögen. Dass mich die Kritik dafür nicht feiert, liegt ja weniger am Format selbst als an der Tatsache, dass sie Shows und ihre Entertainer generell nie feiert.
Mit Ausnahme Stefan Raabs, der eine Weile selbst von Intellektuellen gelobt wurde.
Das stimmt, und zwar völlig zu recht. Ich bin Raabs größter Fan.Er ist zurzeit der Ideengeber schlechthin. Aber er hat auch ebenso wie Joko & Klaas die Chance, Fernsehen für eine Kernzielgruppe von 14 bis 29 Programm zu machen. Wir Öffentlich-Rechtlichen haben immer noch den Anspruch, alle von der Wiege bis zur Bahre zu versorgen. Und dabei müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass man erfolgreiches Fernsehen nur schwer planen kann. Ein- und Ausschaltimpulse sind in der Regel Bauchentscheidungen für ein Medium, das zusehends nebenbei konsumiert wird – beim Chatten, Bügeln, Spielen. Selbst ein Tatort wird von vielen nur 20 Minuten geguckt, bei Unterhaltungsshows ist der Wechselimpuls noch viel größer. Deshalb versuchen wir immer wieder, neue Reize zu setzen. Fernsehen ist da wie Schule: Zu meiner Zeit hat der Lehrer 45 Minuten geredet und gefragt; meine Kinder werden mittlerweile die ganze Zeit interaktiv entertaint. Dem müssen wir Rechnung tragen.
Auch mit völlig neuen Showideen?
Also an die ganz neue Show glaube ich nicht, da ist alles schon irgendwann dagewesen. Was allerdings noch Potenzial bietet, ist die Vernetzung von digitalem und linearem Angebot, was wir jetzt noch mal mit dem Quiz-Duell versuchen wollen. Mal gucken, wie das funktioniert.
Funktioniert im Sinne von guter Einschaltquote?
Auch. Ich sage nicht, alles nur für die Quote. Aber sie ist eben unsere Währung und am nächsten Tag interessieren mich da die Kursschwankungen. Zumal sie mir die Möglichkeit gibt, mich zu verbessern. Am Quotenverlauf kann man ja exakt ablesen, an welcher Stelle Zuschauer rausgegangen oder dazu gestoßen sind. Man muss die Quote halt qualitativ lesen, nicht bloß quantitativ.
Vorbehaltlich dieser qualitativen Evaluation – glauben Sie, dass Am Laufenden Band die Chance hat, in Serie zu gehen?
Ganz sicher nicht im früheren Turnus alle sechs Wochen, höchstens ein-, zweimal im Jahr. Am laufenden Band hat ein großes Plus: Hier steht die soziale Kompetenz im Vordergrund. Kandidatenpaare aus unterschiedlichen Generationen – bei uns etwa Oliver Pocher und sein Vater Gerhard – schätzen sich gegenseitig ein. Das gibt es aktuell in keiner anderen Show im deutschen Fernsehen.
Nur, dass das nicht mehr wie früher live ist.
Ja, leider. Weil man live wesentlich mehr proben muss, um alles auf den Punkt zu bringen. Bei Rudi Carrell gab’s noch die Bremer Sechstagewoche: Da ging man Montag ins Studio und probte bis zur Sendung am Samstag praktisch durch. Jetzt haben wir für wesentlich größere Shows eineinhalb Tage. Live kann sich keiner mehr leisten, dabei ist an live alles schöner. Das beginnt mit dem Publikum, das an dem Tag das gleiche Wetter und Weltgeschehen erlebt hat wie ich und die Zuschauer draußen. Man weiß, ob Hertha gewonnen hat und der HSV wieder verloren, was Merkel gerade macht und die Börse. Deshalb darf man beim Moderieren nicht zu sehr im Hier und Jetzt landen. Bei der Ausstrahlung, die manchmal Monate nach der Aufzeichnung erfolgt, kann das ja längst Geschichte sein.
Das schleift allerdings viele Kanten ab.
Ach, alle. Deshalb kritisiere ich auch, dass Fernsehen zu glatt wird, wenn man sich auf kein Risiko mehr einlässt. Das „Quiz-Duell“ war auch deshalb ein Erfolg, weil die Zuschauer witzig fanden, was live alles schief ging. So was gab es in den Shows von früher viel öfter.
Und was kommt als nächstes – Lou van Burgs Der Goldene Schuß?
(lacht) Aber machen wir uns nicht lustig: das war seinerzeit eine zukunftsweisende Show, die bereits in den 60ern interaktiv Zuschauer eingebunden hat. Was definitiv noch mal ginge, sind Eurovisionssendungen deutschsprachiger Länder, aber eher als Event, nicht regelmäßig. Sechs-, siebenmal wie Wetten, dass…? – diese Zeiten sind seit Samstag vorbei.
Und das bedauern Sie auch nicht?
Überhaupt nicht. So ist das Leben.
Murat Kurnaz: 5 Jahre Leben
Posted: February 4, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a commentTyrannei und Freiheit
5 Jahre Leben (Freitag, 20.15 Uhr, Arte) ist nicht bloß nur ein Spielfilm übers unsagbare Leid des Bremers Murat Kurnaz in Guantanamo, sondern ein Lehrstück darüber, wie tyrannisch Demokratie wird, wenn sie vor Angst durchdreht.
Von Jan Freitag
Nein, Angela Merkel wird 5 Jahre Leben nicht sehen. Auch Frank-Walter Steinmeyer, Brigitte Zypries, Wolfgang Schäuble, Otto Schily und ein gewisser Thomas Röwekamp dürften den Film übers völkerrechtswidrige Martyrium des Folteropfers Murat Kurnaz im amerikanischen Foltergefängnis Guantanamo bei Arte ebenso meiden wie sie ihn zuvor im Kino gemieden haben. Andernfalls müssten die Bundespolitiker und ihr Kollege aus der Bremer Innenbehörde vor Scham im Boden versinken oder besser noch: dem Bündnispartner USA abschwören wie einem gewöhnlichen Schurkenstaat.
Denn nichts anderes sind die Vereinigten Staaten, falls an jenen 90 Minuten, die heute endlich im Fernsehen laufen, auch nur ein paar der Wahrheit entsprechen. Und das tun sie, die USA verhehlen schließlich gar nicht, dass sie Bürger fremder Staaten willkürlich und illegal als „ungesetzliche Kombattanten“ auf unbestimmte Zeit einkerkert. Die deutsche Exekutive weiß das, sie wusste es schon, als der Kleingangster Kurnaz mit Kontakt zu den falschen Leuten ohne Rechtsgrundlage ins furchtbarste Gefängnis der Welt kam.
Und was taten Bundesregierung und BND, Politiker wie Geheimdienstler? Nichts. Bis auf besagten Bremer Innensenator, der dem türkischen Staatsbürger die Aufenthaltserlaubnis entzog, weil er sich zwischen Isolationshaft und Misshandlung nicht um deren Verlängerung bemüht hatte. All dies sind schrecklich gute Gründe, 5 Jahre Leben zu sehen. Ein weiterer ist: die Adaption von Murat Kurnaz‘ Biografie zählt zu den besten Verfilmungen realer Ereignisse, vergleichbar allenfalls mit Romuald Karmakars Der Totmacher.
Dafür braucht Stefan Schaller weder Knalleffekte noch Geigenteppiche, ja nicht mal allzu explizite Gewaltdarstellungen oder Gefühlsausbrüche. Dem jungen Regisseur reichen zwei grandiose Darsteller und die Wahrheit, um zu zeigen, dass die USA nebst Verbündeten wie die Bundesrepublik Rechtstaatlichkeit und Demokratie bereitwillig aufgeben, sobald es machtpolitisch geboten erscheint. Mehr noch: in eineinhalb Stunden demaskiert Schallers Langfilmdebüt das System amerikanischer Militärjustiz im „War on Terror“ als menschenverachtend, rassistisch, totalitär, barbarisch, in – bei allem Respekt den Opfern der deutschen Erfinder gegenüber – einem Wort: faschistoid.
Denn im eindrücklichen Kammerspiel zweier Gegner abseits jeder Augenhöhe, zelebriert der Film das Gegeneinander von selbsterklärten Herren- und erniedrigten Untermenschen so intensiv, dass jede Sekunde Verhör schon beim Zusehen schmerzt. Der Berliner Sascha Alexander Geršak füllt seinen Murat Kurnaz dabei mit einem so zähem Fatalismus, als wäre er selbst dieser 19-Jährige vom Bremer Kiez in den Fängen seines amerikanischen Peinigers Gail Holford (Ben Miles), der die Regeln von Humanismus, Logik und Empathie auch dann noch außer Kraft setzt, als ihm längst klar wird, dass sein Opfer unschuldig ist. Dass Schlafentzug, Schläge, Isolation keinerlei Erkenntnisse erbringen. Dass alles Leid nur um seiner selbst willen geschieht. Um das System am Laufen zu halten.
Denn das bedient sich im Namen der Freiheit unverhohlener Gestapo-Methoden. Dies ohne schrille Töne und erhobene Zeigefinger, einfach nur mit den Mitteln famoser Schauspieler im Ambiente der Unmenschlichkeit zu zeigen, ist ein Verdienst aller Beteiligten bis hin zur genialen Kameraführung von Armin Franzen. Mitschuldige von Steinmeyer bis Schäuble werden sich das wohl trotzdem nicht ansehen. Zu sehr sind sie selber Täter.
2 Bier – 1 Platte
Posted: February 3, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe | Leave a comment
Ferris und die Beastie Boys
Sascha Reimann zählt als Ferris MC mehr als 20 Jahre zu den Stars der deutschen HipHop-Szene. Seit 2008 ist der 42-Jähriger zudem festes Mitglied von Deichkind, deren neues Album Niveau Weshalb Warum gerade die TopTen erobert hat. Im Mai erscheint nach einigen Jahren aber auch die von seinen Fans heiß ersehnte nächste Solo-Platte des Reime-Monsters. Ich habe Ferris zwischen zwei PR-Terminen erwischt, um nachzufragen, welche Platte ihn in seiner langjährigen Musikkarriere besonders beeinflusst hat.
Von Marthe Ruddat
Als ich mein Bier öffne, zündet sich Sascha alias Ferris erstmal eine Zigarette an, während er überlegt, welche Platte das Leben des Gelegenheitsschauspielers, der schon in mehreren Kinofilmen und einem Tatort zu sehen war, besonders geprägt hat.
Ferris MC: Es gibt natürlich so ein, zwei Scheiben, die mein Leben besonders beeinflusst haben. Es ist sehr schwierig, sich da festzulegen. Aber eigentlich müsste ich die Beastie Boys mit Licensed to Ill
nehmen. Die Platte ist Mitte der Achtziger erschienen und war in Bezug auf rappen und Musik machen wirklich wegweisend für mich.
Licensed to Ill ist das Debütalbum der Beastie Boys. 1986 erschienen war es das erfolgreichste HipHop-Album der Achtziger und wurde von einigen Musikmagazinen als eines der besten Alben aller Zeiten aufgeführt.
Du warst damals ungefähr 13 Jahre alt. Hast Du die Platte damals schon besessen oder erst später gekauft?
Ich habe sie mir damals selber gekauft! Ich habe zu der Zeit ja in Bremen-Tenever gewohnt und bis zum nächsten Plattenladen war es sehr weit. Es gab auch nur eine Buslinie, die nicht sehr oft fuhr. Also bin ich ungefähr eine Stunde mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren, um mir die Platte auf Vinyl zu besorgen.
Dann fällt das Debüt der Beastie Boys also mit Deinen musikalischen Anfängen zusammen?
Ja genau. Die Beastie Boys galten damals ja als sehr rebellisch. Ich bin mit den verschiedensten Musikrichtungen groß geworden und habe neben HipHop auch gerne Punk gehört. Und die Beastie Boys haben die verschiedenen Richtungen perfekt verbunden. Außerdem haben sie mit Bravour bewiesen, dass im Rap die Hautfarbe des Künstlers kein Thema sein sollte. Das alles hat mich sehr motiviert und auch dazu inspiriert, Rap-Musik mit Rock- oder Punk-Einflüssen zu machen, sich selbst also keine Grenzen zu setzen.
Welcher ist Dein Lieblingstrack auf der Platte?
Also eigentliche höre ich auch immer noch die Klassiker sehr gerne. Fight for Your Right und No Sleep Till Brooklyn zum Beispiel. Solche Lieder haben einfach gut zu meiner Stimmung gepasst. Irgendwann hat dann auch meine Drogenkarriere begonnen, und die Musik der Beastie Boys wurde immer mehr zur Kiffer-Musik. Sie waren einfach sehr experimentell, rebellisch, dreckig und nicht zu ernst. Damit haben sie das vereint, was mich auch schon immer begleitet hat.
You wake up late for school. Man, you don’t wanna go.
You ask your mum: ‚please’, but she still says ‚no’.
You missed two classes and no homework,
but your teacher preaches class like you’re some kind of jerk.
You gotta fight for your right to party.
Also hat die Platte für Dich auch nicht an Anziehungskraft verloren?
Nein, überhaupt nicht. Diese Platte begleitet mich seit Jahren und ich würde sie auch heute noch für sehr gut befinden. Dieses Album ist einfach zeitlos, wie ein Rockalbum der Rolling Stones aus den Siebzigern. Man kann es jahrelang rauf und runter hören, ohne dass es an Kraft verliert. Das ist der Unterschied zur heutigen, schnelllebigen Zeit. Im Rap-Bereich ist die Musik heute zwar sehr zeitgemäß, aber nicht nachhaltig genug. Bei den Beastie Boys war das anders. Sie hatten eine klassische Sicht auf die Dinge, die bis heute gültig ist.
2012 verstarb das Gründungsmitglied Adam MCA Yauch an Krebs. Die anderen Bandmitglieder gaben daraufhin bekannt, dass sie nie wieder als Beastie Boys auftreten werden. Dennoch…
Wenn du träumen dürftest: Ferris MC und die Beastie Boys gemeinsam auf einem Album oder sogar auf einer Bühne?
Das wäre natürlich ein Kindheitstraum! Aber wahrscheinlich wäre ich da zu sehr „Fanboy“. Ich habe so viel Ehrfurcht vor diesen Menschen, da wäre es vermutlich sehr schwer professionell an die Sache heranzugehen. Es gibt auch Fans, die sich mir gegenüber so fühlen. Das kann ich also sehr gut nachvollziehen. Als ich zum Beispiel Die Ärzte das erste Mal getroffen habe war ich so aufgeregt. Mittlerweile habe ich sie ein paar Mal getroffen und das hat sich gelegt. Trotzdem finde ich es schön, dass man solche Gefühle hat. Diese Menschen haben einem einfach so viele Glücksmomente bereitet und diese Eindrücke kommen in solchen Momenten einfach wieder hoch.
Irgendwie weiß ich genau, wovon Ferris spricht. Den Mann, zu dessen Musik man seit Jahren mit dem Kopf nickt und tanzt, hat man ja auch nicht jeden Tag am Telefon.
Werbetrecker & Talente
Posted: February 1, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
26. Januar – 1. Februar
Die gute Nachricht der Woche vorweg in Zeiten, da gute Nachrichten rar gesät sind: Dank der Rückkehr von Bildblog hat die Bild sein externes Korrektorat zurück, das weniger die unfreiwillig dummen Fehler korrigiert als die bewusst bösartigen. Nach Geldsorgen kontrolliert die Plattform nun also wieder die Beobachtungsforum kleiner wie großer Sünden des Springerblattes und jener Medien, die sich zuweilen ähnlich manipulativer Methoden bedienen.
Zweite gute Nachricht hinterher, weil damit ja längst noch nicht alles gut ist in der Realität: Das Dschungelcamp ist entvölkert und harrt im Jahr 2016 einer belebteren Bewohnerschaft. Womit aber eine Frage weiterhin ungeklärt bliebe, die sich direkt an die Marketingabteilung von RTL richtet: Welchen Werbeeffekt bitte wünscht sich bloß der Hersteller jener Magazin-Reihe mit beigelegter DVD, die sich allen Ernstes Faszination Traktor nennt? Etwa denselben Kundenstamm, der auch in den Werbepausen von In aller Freundschaft – die jungen Ärzte beworben wird?
Es ist ein Rätsel!
So wie der Umstand, mit welcher Vehemenz sich die „Tagesschau“ zuletzt um Interna des Milliardenkonzerns Facebook bemühte. Gleich zwei Meldungen schafften es nämlich vorige Woche in die Hauptnachrichten der ARD: Dass das Netzwerk in einigen Staaten der Erde am Dienstag eine Stunde lang – Achtung! – ausgefallen war. Was sogar noch etwas weniger weltbewegend war als die Breaking News vom Freitag um irgendwas mit veränderten Richtlinien zur Reklame-Schaltung, die diskussions-, nicht aber vermeldenswürdig sind. Da wäre es offen gestanden eher einer Mitteilung wert gewesen, dass gestern die letzte Staffel von Zimmer frei! angelaufen ist, dem wohl besten deutschen Fernsehformat neben Ditsche und dem Tatortreiniger, das in all den Jahren saukomischer Mitbewohnersuche der virtuellen WDR-WG von Götz Alsmann und Christine Westermann offenbar zu gut war fürs Hauptabendprogramm und seine ermüdeten Zuschauer.
Die Frischwoche
2. – 8. Februar
Ein Schicksal, dass der aberwitzige Entertainer Alsmann mit seinem aberwitzigeren Kollegen Jan Böhmermann teilt. Der brachte es Mittwoch dank eines Urheberrechtsstreits mit dem Fotografen des eingenässten Nazis beim Hitlergruß in Rostock-Lichtenhagen vor 23 Jahren zwar zu einer lebhaften Netzdebatte. Sein grimmepreisgekröntes Neo Magazin hingegen wandert zwar mit Royale hintendran ins ZDF, allerdings freitags um Null Uhr. Als Wiederholung. Es ist so armselig, wie das Öffentlich-Rechtliche mit seinen Talenten umspringt. Schmerzhaft zu bestaunen ist das auch, wenn man sieht, dass das Zweite am Dienstag für die ewig gleich öden Kalauer des Kölner Karnevals klaglos die Primetime räumt, während es die wichtige Eröffnungsgala der Berlinale zwei Tage später weit nach Mitternacht aufgezeichnet versendet.
Um nicht als larmoyant zu gelten, freuen wir uns an dieser Stelle also mal kurz, dass die ARD im Mittwochsfilm wirklich Bedeutsames spielerisch offen legt. Der blinde Fleck mit Benno Führmann als Journalist auf der Suche nach den Tätern des Oktoberfestattentats zeigt nicht nur erschreckend, warum Geheimdienste oft schlimmer sind als jene Staatsfeinde, die sie bekämpfen sollen; er greift auch der Realität vor, in der die Ermittlungen nach 33 Jahren gerade wieder aufgenommen wurden. Das würde man auch dem Arte-Film 5 Jahre Leben am Freitag (6. Februar, 20.15 Uhr) wünschen, der das Schicksal des unschuldigen „Bremer Taliban“ Murat Kurnaz zum Drama verarbeitet, das das Schreckenssystem von Guantanomo unter deutscher Mitwirkung fabelhaft seziert.
Zwei Schmankerl gibt’s noch an den üblichen Orten: Am Mittwoch (22.05 Uhr) zeigt EinsFestival den unglaublichen Konzertfilm der bayerischen Blaskapelle LaBrassBanda Kiah Royal, aufgenommen mit Gästen im, kein Scherz, Kuhstall. Und Sonntag bittet Arte zum 125. Mal Durch die Nacht…, diesmal mit der zeitgemäß grundverschiedenen Paarung des kurdisch-muslimischen Gangsterrappers Haftbefehl und dem deutsch-jüdischen Komiker Oliver Polak, was zum Niederknien entwaffnend ist. Zum Abschluss aber noch ein Schmankerl an ungewohnter Stelle: Bei Sat1 ermittelt montags ab 20.15 Uhr künftig Detective Laura Diamond – witzig, kompetent, chaotisch, leider synchronisiert und arg rothaarig, aber endlich mal authentisch und glaubhaft statt sexy und tough. Wie die Tipps der Woche. In Farbe diesmal Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin von 1986 (Donnerstag, 20.30 Uhr, 3sat), in schwarzweiß Billy Wilders Das Appartement von 1960 (Freitag, 20.15 Uhr, Servus) mit Shirley MacLaine und Jack Lemmon.
Garagenfriday: Diagrams, Menace Beach
Posted: January 30, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentDiagrams
Was war das für eine Platte, vor drei Jahren, als der Tunng-Kopf Sam Genders auf Solopfaden zu Black Light wandelte und eins der schönsten Alben 2012 hinlegte. Ein Meilenstein des tiefenspannten Indiepops, gesalbt von Genders samtener Stimme, beseelt von dissonanten Harmonien voller Brüche, getragen von einer wunderbaren Eleganz, die bis heute ihresgleichen sucht. Dieses Niveau, seien wir fair, war schlichtweg nicht zu halten. Der Nachfolger Chromatics ist demnach, seien wir ehrlich, ein bisschen bruchloser als sein Vorgänger, zuweilen fast gefällig. Schöne Momente hat er trotzdem.
Wenn durchs tiefenentspannte Gentle Morning Song eine überstürzte Snaredrum trabt. Wenn eine Welle chromatischer Orgeln durchs anschließende Desolation fährt. Wenn wavige Synths Dirty Broken Bliss durchzucken. Wenn also viele der elf Stücke die Schrägheit von Black Light hinüberretten in Chromatics. Dann freut man sich einfach, dass die Diagrams es wieder gemacht haben. Zum Üben quasi, um uns beim dritten Album wieder von den Sitzen zu hauen. Könnte klappen.
Diagrams – Chromatics (Full Time Hobby)
Menace Beach
So wie das erste Album von Menace Beach. Die fünf ostentativ miesepetrigen Röhrenhosenstrickjackenhalbschuhslacker aus Leeds haben ihre fantastische EP Lowtalker vom Vorjahr zu einer veritablen LP aufgeblasen, die mit das Bezauberndste ist, was im Bereich von Surfpunk und Garagenbeat dieser Tage erscheint. Gut, das sind nun auch Genres, die nur noch am Rande bespielt werden. Am Rande der Aufmerksamkeitsspanne effektversauter Durchschnittskonsumenten vor allem. Doch was die zwei singenden Songwriter Ryan Needham und Liza Violet samt Begleitung da aus trüben Hipstergestalten pusten, ist so was von erfrischend, dass sogar die Verantwortlichen irgendwann mal zu lächeln beginnen könnten. Nachts versteht sich. Oder im Keller. Vielleicht.
Auf Ratworld tanzen die Fuzz-Gitarren schließlich so aufgekratzt und heiter durchs psychedelisch angehauchte Sixties-Ambiente ihrer 12 Songs, dass das pseudowinterliche Schmuddeletwas draußen vor der Tür zur Strandparty gerät, die überhaupt nicht so bedrohlich ist, wie der Bandname suggeriert. Menace Beach machen einfach ungeheuren Spaß und tun mit klassischem Rockinstrumentarium plus Violets verschrobenen Keyboards auch nirgends so, als seien sie im Herzen eigentlich digital und nutzen die Analogie nur als reales Sample.
Menace Beach – Ratworld (Memphis Industries)