Florians Querdenkerin & Dianas letzte Nacht
Posted: August 1, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
25. – 31. Juli
Folklore, Dirndl, Wertkonservatismus: das milliardenschwere Volksmusikbusiness steht CSU und AfD naturgemäß näher als Grünen oder Sozis, was potenzielle Entscheidungen des Zeremonienmeisters an der Wahlurne zumindest mal durchschaubar erscheinen lässt. Dazu passt, dass Florian Silbereisen die rechte Querdenkerin Nena zum ARD-Schlagercomeback eingeladen hat, weil sie “Deutschlands erfolgreichste Künstlerin” sei und – das wird man ja noch sagen dürfen: Meinungsfreiheit herrsche.
Dann hoffen wir mal, dass Xavier Naidoo keine Partypop-Version des Horst-Wessel-Liedes einspielt und es folgerichtig beim Flori zum Besten geben dürfte. Für ein Publikum also, dass die Finalteilnahme der deutschen Fußballnationalfrauschaft tendenziell als volksverräterische Abwandlung der gottgegebenen Rolle des Weibes an Herd und Wiege betrachtet. Der zukunftsfähige Rest dürfte sich hingegen daran erfreut haben, dass die Qualität der EM-Berichterstattung sogar noch höher war als die der Spiele.
Im krassen Kontrast dazu: die kritiklos jubelperserige Berichterstattung des Supercup-Finales von Meister und DFB-Pokalsieger, namentlich München vs. Leipzig am Samstag. Im Anschluss an dieses irrelevante Duell der Superreichen war sich Sat1 jedenfalls nicht zu blöde, sein liebstes Investment mit einer ran story: FC Bayern goes USA zu pampern. Die FAZ, noch so ein Medium von verwehender Relevanz, macht sich derweil mit einer quergedachten Falschmeldung lächerlich. Korrespondent Philip Plickert warf dem ZDF vor, auf der Homepage Fotos mit Regenbogenflagge vorm Kanzleramt manipuliert zu haben.
Ein Vorwurf, der sich mit oberflächlicher Internet-Recherche leicht wiederlegen ließ. Was die FAZ schon deshalb nicht tat, weil es ihr um die Agenda gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht, nicht berufsethisch grundierten Journalismus. Mit dem hat auch Facebook zusehends weniger zu tun, was dem Tech-Giganten jahrelang Fabelgewinne beschert hatte. Im 2. Quartal 2022 ging der Erlös verglichen mit dem Vorjahreszeitraum nun um ein Drittel auf 6,7 Milliarden Dollar zurück. Der erste Einbruch seit Zuckerberggedenken und womöglich ein Signal dafür, dass Facebooks Niedergang wahr werden könnte.
Die Frischwoche
1. bis 7. August
Das vielfach zu Unrecht gescholtene ZDF liefert FAZ und Facebook unterdessen weiteren Stoff zum Bashing gebührenfinanzierte Kanäle: Einen Monat vor ihrem 25. Todestag zeigt das Zweite morgen die Regenbogenhistorisierung Dianas letzte Nacht und belegt damit seinen Hang zu Hofberichterstattung, aber auch Verschwörungsgeraune – das der hauseigene Spartenkanal Info tags darauf in der dreiteiligen Doku Verschwörungswelten analysiert.
Richtig gutes Historytainment liefert dagegen das Erste ab Freitag (vorerst leider nur) in seiner Mediathek. Ungefähr ein Jahr nach dem chaotischen Abzug westlicher Mächte aus Afghanistan zeigt der gelungene Vierteiler Mission Kabul-Luftbrücke, wie eine NGO anstelle staatlicher Stellen deutsche Ortskräfte evakuieren hilft. Fiktional interessant in dieser Woche: ein Spin-Off der erfolgreichen deutschen Netflix-Serie How to sell drugs online (fast) mit Bjarne Mädel als leicht tapsig krimineller Drogendealer Buba ab Mittwoch – was allein schon deshalb sehenswert sein dürfte, weil, nun ja: Bjarne Mädel eben.
Auch die 2. Staffel der diversen Biopic-Serie Gentleman Jack mit Suranne Jones als historisch verbürgte Abenteurerin und Industrielle Anne Lister, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts als vermutlich erste Frau in Europa lesbisch trauen ließ und auch sonst ein außergewöhnliches Leben führte, ist empfehlenswert. In der ZDF-Mediathek startet dann zwei Tage später die achtteilige Patchwork-Comedy Vierwändeplus um eine WG so derartig diverser Thirtysomethings, dass die Serie nur eine Fiktion sein kann – und damit der Comic-Adaption The Sandman ab Freitag auf Netflix vermutlich nähersteht als dem wirklichen Leben.
Aus dem sich Nichelle Nichols alias Lt. Uhura am Samstag zur ewigen Enterprise beamen ließ. Danke für alles!
Beach Bunny, Alex the Astronaut, She and Him
Posted: July 30, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentBeach Bunny
Wenn die Zivilisation, kleines Gedankenspiel, ein Strandhäschen wäre – das Empowerment marginalisierter Gruppen würde nicht noch immer in den Startlöchern Cis-Mann-dominierter Machtstrukturen feststecken, sondern fast schon am Ziel sein. Beach Bunny ist schließlich nicht nur eine der aktuell erfrischendsten Alternative-Bands, sondern auch so divers vielschichtig und dabei nie verkrampft, wie überhaupt nur möglich im Cis-Mann-dominierten Musikzirkus.
Niemand im Chicagoer Quartett entspricht irgendeiner Perfektionsschablone, Gitarristin Lili Trifilio traut sich allen Ernstes, zugleich lieblich und tough zu singen und sein. Ihre Westcoast-Kompositionen von der Ostküste klingen wie scheppernde Selbstermächtigungen ohne wütenden Unterton. Das zweite Album Emotional Creatures darf demnach sogar Gefühl im Titel tragen und das auch noch ein bisschen süßlich unter die garagigen Powerpop-Riffs reiben. Selten klang emanzipierte Kraftmeierei tiefenentspannter.
Beach Bunny – Emotional Creatures (Mom + Pop Records)
Alex the Astronaut
Und wo wir grad bei zweiten Platten unaufgeregt feministischer Nebenflusspaddlerinnen mit Potenzial zur emotionalen Überwältigung sind: die Australierin Alex the Astronaut hat ihr Debütalbum mit einer Reihe Songs fortgesetzt, an denen abermals alles, aber auch wirklich alles bezaubernd ist. Bezaubernd klug bezaubernd komisch, bezaubern kreativ, bezaubernd räudig, bezaubernd ergreifend, bezaubernd woke und aware und tough und alles, was Energie einflößt.
Mit gerade mal 26 Jahren singt sie zu ihrer punkig angefolkten Westerngitarre über die richtig beiläufigen Dinge des Lebens und lässt dazu Schnorchelblasen aus der Tiefsee aufsteigen. Hier der tägliche Einkauf im Supermarkt, dort der wöchentliche Besuch bei der Psychologin, alles verabreicht mit der erzählerischen Wucht einer Kimya Dawson und der schnodderigen Shoegaze-Attitütde von Fazerdaze – das macht How to Grow a Sunflower Underwater zur Quintessenz kämpferischer Lebensfreude.
Alex the Astronaut – How to Grow a Sunflower Underwater (Network Music)
She and Him
Wer wie das Westküsten-Duo She and Him aus Portland/Oregon kommt, wo gefühlt ausschließlich vegan-woke Feminist:innen ein Leben in diversem Saus und Braus leben, hat all die Kämpfe um Lebensfreude mit Sinn und Verstand hingegen schon ausgefochten. Zooey Deschanel und M. Ward können sich demnach längst ihrer Lieblingsbeschäftigung jenseits linker Positionsschlachten widmen: in den Dünen des Pop buddeln und fantastische Sandburgen am Strand daraus bauen.
Ihr neuestes Projekt: eine Hommage an den Surfsound der Sixties, stilsicher Melt Away: getauft, als Tribute To Brian Wilson deklariert. Und wie lässig die humorbegabte Schauspielerin (New Girl) an der Ukulele mit Gitarrist M. alias Matthew die Sonnenseiten dieser fernen Zeit des Erwachens durchdekliniert, ohne dabei nostalgisch zu klingen, das macht ungeheuer viel Laune. Es regt aber auch zum Nachdenken an über die Entwicklungen der modernen Musik in den vergangenen 60 Jahren.
She and Him – Melt Away: A Tribute To Brian Wilson (Fantasy-Concord)
Matthias Brandt: Normalos und Exzentriker
Posted: July 28, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentOhne Betrogene gibt’s keine Betrüger

Matthias Brandt hat schon so einiges gespielt, aber einen Finanzjongleur wie Magnus Cramer in der Wirecard-Persiflage King of Stonks (bei Netflix) hatte er noch nicht im Repertoire. Ein Interview über falsche Zähne und Karottenöl, die Faszination böser Figuren und ob er einen Obersturmbannführer mögen könnte.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Brandt, ihr Finanzbetrüger Magnus Cramer trägt seine Schmierigkeit mit weißem Kunstgebiss und Bräunungscreme vor sich her. Musste Sie dafür ins Solarium oder nur in die Maske?
Matthias Brandt: Das ist tatsächlich ganz klassisches Theater-Makeup. Allerdings wurde für Magnus Cramers Hautton viel herumexperimentiert. Ich glaube, das Geheimnis ist Karottenöl.
Können Sie das auch für den Alltagsgebrauch empfehlen?
Hab‘ ich privat nicht ausprobiert, aber wenn Sie interessiert sind, lasse ich Ihnen das Rezept gern zukommen. Wirklich neu waren für mich aber eher die falschen Zähne. Es war aufwändig, die so anzufertigen, dass sie beim Sprechen nicht zu sehr stören, sie haben mir aber großen Spaß bereitet.
Beeinflussen äußere Veränderungen wie diese automatisch das Spiel?
Klar. Viele fangen überhaupt erst an mit diesem seltsamen Beruf, weil sie sich gerne verkleiden. Schließlich denken und fühlen sich alle Menschen gerne in andere hinein; wir aber genießen das Privileg, dies professionell tun zu dürfen. Und damit das gelingt, gibt es innere Dispositionen, aber eben auch äußere, und sei es ein komischer Hut.
Wobei Sie sonst eher selten mit komischem Hut oder falschem Gebiss kostümiert sind.
Beides existiert aber ja in der Realität. Ich meine auch Typen wie Magnus Cramer gelegentlich zu begegnen.
Zähne und Bräune sind also keine Behauptungen?
Nein, aber wie in jeder Komödie üblich, natürlich Verdichtungen. Die Dinge in unserer Serie passieren also komprimierter, in kürzerer zeitlicher Abfolge, aber isoliert betrachtet ist keines der einzelnen Elemente etwa an Magnus Cramer irreal.
Zumal er offensichtlich eine Mischung aus dem flüchtigen Wirecard-Manager Jan Marsalek und Tesla-Chef Elon Musk sein soll.
Solche Figuren sind generell Bastelarbeiten. Auch in die hier ist alles Mögliche eingeflossen, also womöglich auch Marsalek und Musk, vielleicht aber auch ein größenwahnsinniger Erdkundelehrer. Sie sind zum Glück völlig frei in Ihrer Assoziation.
Die, dass Cramers Onlinezahlungsdienstleister CableCash Marsaleks Onlinezahlungsdienstleister Wirecard ähnelt, wirkt allerdings nicht ganz so frei assoziiert…
Nur weil vor Urzeiten irgendwo mal der erste Mord geschehen ist, werden ja auch nicht sämtliche Krimis von dem einen abgeleitet. Wirecard dürfte demnach ein wichtiger Impuls der Geschichte sein; der mir persönlich komplett unverständliche Finanzsektor treibt jedoch so bizarre Blüten, dass die hier bloß eine von vielen ist. Weil das alles so weit weg von mir ist, genieße ich das große Privileg, als Schauspieler dort eintauchen zu dürfen, sehr.
Sie investieren also auch privat nicht in FinTech oder Finanzderivate?
Ich weiß ja gar nicht genau, was das alles ist.
Das geht vielen so, von denen viele dennoch in solche hochspekulativen Anlagearten investieren. Mehr noch: Verkäufer solcher Produkte wie Magnus Cramer förmlich verehren. Wie erklären Sie sich das?
Ganz einfach eigentlich: ohne Betrogene gibt’s auch keine Betrüger. Beides bedingt einander.
Sind Sie folglich immun dagegen, sich von einem PR-Genie wie Cramer betrügen zu lassen?
Weil ich für jegliche Form von Pathos sehr unempfänglich bin und mit diesem ganzen Selbst- oder Lebensoptimierungsquatsch entsprechend wenig anfangen kann, vielleicht schon. Trotzdem kann ich es nachvollziehen, wie die künstliche Euphorie solcher Konzepte Menschen anlockt. Das tut mir dann immer ein bisschen leid.
Hat die Serie da ein Aufklärungs-, also Sendungsbewusstsein oder will sie einfach unterhalten?
Unterhaltung und Aufklärung muss ja kein Widerspruch sein. Denn bei aller Unterhaltsamkeit haben mir Sequenzen, in denen hier Finanzprodukte erklärt werden, sehr geholfen, sie zumindest partiell zu verstehen. Ich finde die Serie lustig und hilfreich zugleich, ob das allerdings mit Sendungsbewusstsein zu tun hat, müssten Sie die Macher fragen.
Verbinden Sie mit Ihrer Arbeit denn generell ein Sendungsbewusstsein, Zuschauer und Leser aufzuklären, womöglich aufzurütteln?
Meine Arbeit ist zunächst mal eher eine beobachtende, forschende. Ich beschäftige mich gern mit der Widersprüchlichkeit des Menschen, seiner Uneindeutigkeit; Begriffe wie Sendungsbewusstsein oder noch schlimmer: Belehrung erfordern dagegen Eindeutigkeit, die keiner schauspielerischen Darstellung zugutekommt. Menschen sind immer ein bisschen komplizierter als gedacht.
Suchen Sie in einer eher negativen Figur wie Magnus Cramer daher positive Seiten?
Nein, ich suche nach Glaubwürdigkeit. Ob dafür noch 20 Gramm Sympathie in Magnus Cramer muss, damit der Kuchen schmeckt, wäre mir zu kalkuliert. Ich muss es nicht gut finden, was er macht, ich muss es nur verstehen. Alles andere überlasse ich den Zuschauern.
Viele Ihrer Kolleg:innen entgegnen auf diese Frage, sie versuchen selbst im Obersturmbannführer Aspekte zu finden, die sie an ihm mögen.
Ich glaube, da geht es eher darum, Filmfiguren nicht eindimensional darzustellen, weil eindimensionale Figuren schnell langweilig werden. Ich persönlich möchte einen Obersturmbannführer weder privat noch beruflich mögen.
Weit jenseits vom Obersturmbannführer gibt es den Fernsehtrend, Betrügern wie dem WeWork-Gründer Adam Newman oder dem Kaufhauserpresser Dagobert verständnisvolle Serien zu widmen. Wie erklären Sie sich diese Faszination fürs vermeintlich Böse?
Dadurch, dass diese Faszination eher Leuten zwischen den Polen von Gut und Böse gilt. Dagobert zum Beispiel hatte ja versucht, Handelskonzerne so zu erpressen, dass niemand zu Schaden kommt. Für viele hat ihn das zu einer Art Robin Hood gemacht. Je normierter das Leben ist, desto beliebter werden Exzentriker. Von denen möchte ich schon deshalb erzählen, weil sie das Spektrum übers Gewöhnliche hinaus erweitern, also bereichern. Kategorien wie Gut und Böse sind dabei eher nebensächlich; die Leute interessieren sich für interessante Figuren.
Spielen Sie denn lieber Normalos oder Exzentriker?
Am allerliebsten möchte ich nicht vor der Frage, was ich zu spielen kriege, schon entscheiden müssen, was es sein darf und was nicht. Nur, wenn ich mich nicht festlege, werden mir sämtliche Varianten des Lebens angeboten.
Dann wünsche ich Ihnen, dass Ihnen auch weiter alle spannenden Varianten des Lebens angeboten werden.
Oh, danke sehr. Ihr Wort in des Produzenten Ohr!
Randnotizen & Technohäuser
Posted: July 25, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwochen
4. – 24. Juli
Das Sommerloch, dieser wochenlange Daueraugenblick ereignisloser Langeweile, gehört bekanntlich – selbst Ressortleiterinnen und Chefredakteure meinen: leider – der Vergangenheit an. Aktuell sorgen Pandemie, Krieg, Inflation für jahreszeitenuntypische Aufregung, die Klimakatastrophe, Finanzkrisen, Rechtspopulismus schon länger befeuern. Umso schöner, wenn es auch Randnotizen noch in den Fokus einer überhitzten Medienlandschaft schaffen. Wobei Randnotizen da Auslegungssache sind.
Ob Elon Musks Rückzug vom Twitter-Kauf dereinst unter „war was?“ firmiert oder die Zeitläufte verändert, dürfte bald Heerscharen überbezahlter Wirtschaftsanwälte beschäftigen, hält den selbstvernarrten Mobilitätsmilliardär jedoch verlässlich im Fokus. Genau dorthin folglich, wo Dieter Bohlen zuhause ist, der deshalb (zweimalig) DSDS moderieren soll, bevor es (nicht er )in Rente geht – heim zu RTL also, das derweil eine lausige Kopie von Wetten, dass…? mit dem fürchterlichen Guido Cantz erst lanciert, dann kassiert hatte.
Saisonale Banalitäten halt, zu denen eigentlich auch der Tod von Dieter Wedel zählen sollte, wäre der frühere Großmogul des hiesigen Fernsehmehrteilers nicht im Zuge von #MeToo als sexueller Gewalttäter eines frauenfeindlichen Ausbeutungssystems enttarnt worden. Mitten ins Sommerloch gehört dagegen der Streit ums schlüpfrige Bierzeltgegröle Layla, mit dem Ikke Hüftgold den Nerv der Tugendwächter reizt und sich dafür sogar in der ZEIT rechtfertigen durfte.
Auf dem Titelblatt der liberalkonservativen NZZ war zugleich ein drollig verfremdetes Meme mit Wladolf Putin in Regenbogenfarben zu sehen, wofür ihr das russische Regime reflexhaft mit Konsequenzen drohte. Hunde die beißen, bellen halt, während Unterhaltungskonzerne die bellen, irgendwann auch streamen – wie sich nun auch am Beispiel Paramount zeigt, der sein Online-Angebot mit Plus dahinter im Dezember nach Deutschland holt, während Magenta TV ankündigt, keine Serien mehr zu produzieren. Schade eigentlich.
Die Frischwoche
25. – 31. Juli
So schade, wie den Sendestart folgender Formate urlaubsbedingt unterschlagen zu haben: Die Schüsse von München etwa, eine herausragende Sky-Aufarbeitung vom rechtsextremen Anschlag aufs OEZ in München, den CSU und Polizei fast sechs Jahre lang als unpolitische Einzeltätertat verharmlost haben. Empfehlenswert auch die achtteilige Horrorkomödie The Baby, seit Donnerstag ebenfalls auf Sky zu sehen, wo das achtteilige italienische Gefängnisdrama Il Re läuft.
Und damit zu ein paar Neuigkeiten der Woche, denen wir Eckart von Hirschhausens gesendete Apotheken Umschau Einfach besser leben! ab heute werktäglich im ARD-Nachmittagsprogramm eher chronistenpflichtig hinzufügen. Weniger geriatrisch wird es dagegen trotz historisierendem Ansatz ab Freitag in der ARD-Mediathek, wo der HR acht Teile lang das Techno House Deutschland erkundet, also Wurzeln, Wiege, Gegenwart der elektronischen Musik im Land der Stockhausens und Kraftwerke.
Parallel dazu bedient sich Apple TV+ des cineastischen Taschenspielertricks Amnesie, um seinen Psychothriller Surface schlüssig zu machen, derweil dort die kulleräugige Amber Brown als Scheidungskind zur Kinderserienfigur wird und Amazon Prime das beliebte Mystery-Comic Paper Girls in Serie adaptiert. Noch erwähnenswerter: der deutsche Sechsteiler Liberame mit Friedrich Mücke und Ina Weisse, die Flüchtlinge ab Samstag in der ZDF-Mediathek aus Seenot retten und dafür in die Mühlen einer rassistischen Justiz geraten.
Tags drauf startet dann noch die groß angekündigte Fortsetzung der einstmals revolutionären Serie Queer as Folk bei Starzplay, nachdem die noch viel größer angekündigte Agentensause The Gray Man mit Ryan Gosling ab Mittwoch bei Netflix eher was für männliche Menschen ist, die sich auch im postheroischen Zeitalter noch an ebenso unverwundbaren wie schlagfertigen Superhelden ohne Superkräfte ergötzen können.
Krauses Fummel & Schirachs Strafe
Posted: June 27, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
20. – 26. Juni
Wenn RTL seine Prollpfosten in Frauenfummel steckt, als sei die Verwandlung ein Trinkspiel, ist Vorsicht geboten. Mit Kandidaten wie Micky Krause, Bernhard Brink oder David Odonkor sprengte das niederländische Format Viva la Diva am Montag ja nur oberflächlich biologische Geschlechtergrenzen. Moderiert von Tim Mälzer mit Lacknägeln, bewertet von Jorge González bis Jana Ina Zarrella, gaben sich die Knalltüten des kommerziellen Entertainments Dragqueen-Namen wie Minnie de la Cruise, Kandy Rock oder Titania Diamond.
Doch spätestens, als sich der Sender vom Sieger Faisal Kawusi distanzierte, weil er zuvor mit KO-Tropfen in den Schlagzeilen steckte, war RTL wieder ganz bei sich. Entfernte sich allerdings kurz darauf wieder ein Stück, als die Verpflichtung des ZDF-Rechercheteams um Birte Meier publik wurde. Als freie Mitarbeiterin von Frontal 21 hatte sie 2015, Eingeweihte erinnern sich, das Zweite zwar erfolglos, aber wirkmächtig wegen ungleicher Bezahlung verklagt. Ob sie jetzt das Gleiche verdient, wie – sagen wir: Steffen Hallaschka, der als Supa Nova bei Viva la Diva mitfummelte, dürfte sie demnächst also selber veröffentlichen.
Auch sonst handelten viele Meldungen zumindest am Rande vom früheren Marktführer aus Köln. Der hatte sich erst kürzlich den Hamburger Großverlag G+J einverleibt, dessen früherer Stern-Chef Henri Nannen mittlerweile endgültig als Antisemit entlarvt und aller Ehren beraubt wurde – etwa als Namensgeber eines Preises, der nun anders heißt und weiterhin wichtig ist, aber nicht annähernd so wie jener Friedensnobelpreis, den der russische Journalist Dimitri Muratow für 103 Millionen Euro zugunsten ukrainischer Kriegsopfer versteigern ließ.
Dass sich Sat1 laut DWDL von allen Scripted Realitys trennt, bedarf allerdings noch der Bestätigung. Würden die Fakedokus ersatzlos gestrichen, liefe dort ja praktisch nur noch Werbung. Ein Qualitätsverlust wäre das allerdings nicht. Womit es um die Online Grimme Awards gehen darf, bei denen unter anderem und der Podcast Cui bono – WTF happened to Ken Jebsen siegreich war. Und damit zurück zu RTL.
Die Frischwoche
27. Juni – 3. Juli
Dessen Streaming-Ableger mit + am Ende beweist, dass die Muttergesellschaft digital vieles richtig macht, was linear daneben geht. Zwar adaptiert die Anthology-Serie Strafe ab Dienstag nur den nächsten Schirach-Beststeller, kreiert aber etwas Außergewöhnliches: Inszeniert von sechs Regisseurinnen und Regisseuren wie Oliver Hirschbiegel und Helene Hegemann, sind die Essays über Recht und Gerechtigkeit höchst unterschiedlich, transportieren aber ein grundlegendes Qualitätsmerkmal: In der Ruhe liegt die Kraft.
Und das beherzigt RTL+ zeitgleich auch in seiner bemerkenswerten Doku Das weiße Schweigen über die unfassbare Krankenhausmordserie des Krankenhauspflegers Niels Högel. Dass Arte sachlich unterhalten kann, dürfte dagegen hinlänglich bekannt sein. Dass der Kulturkanal dabei aber auch buchstäblich auf die Zwölf hauen kann, beweist die lässige Aufklärungsstunde Penissimo am Mittwoch, womit Arte gewissermaßen die Vagina-Betrachtung Viva la Vulva von 2019 zwischen Männerbeinen fortsetzt, aber erneut weit übers Fortpflanzungsorgan hinausgeht.
Der Rest ist fiktionale Unterhaltung: Bereits heute setzt Sky die immer noch fesselnde, aber leicht abgehangene Dystopie West World mit der 4. Staffel fort. Sonntag startet Starzplay Teil 2 der großartigen SciFi-Novelle P-Valley. Parallel dazu zeigt wiederum Sky das Sequel der Siebziger-Legende Kung Fu, ersetzt den unvergesslichen Hauptdarsteller David Carradine als Martial Arts-Kämpfer jedoch zeitgenössisch durch eine Frau. Und Zwischendurch startet Amazon die Thriller-Serie The Terminal List mit Chris Patt.
Und weil freitagsmedien nächsten Montag drei Wochen Sommerferien macht, noch zwei Tipps: Ab 6. Juli dürfen Fans grotesker Milieustudien keinesfalls die Wirecard-Persiflage King of Stonks mit Matthias Brandt als Mischung aus Elon Musk und Jan Marsalek auf Netflix verpassen. Und fünf Tage später überrascht die reale Podcasterin Sophie Passmann als fiktive Podcasterin Nola in der achtteiligen Amazon-Komödie Damaged Goods um Twentysomethings am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Köster & van der Horst: heute-show-spezial
Posted: June 25, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
In guten Momenten Journalismus
Als Oli Welkes Außenreporter gehen Fabian Köster und Lutz van der Horst (Foto: Wolfschläger/ZDF) dahin, wo’s wehtut. Zum Auftakt ihrer Reportage-Reihe heute-show spezial zum Beispiel zur CDU. Ein Gespräch mit den Kölnern über humoristische Entlarvung und journalistische Erkenntnis, Schienbeintritte und was Studienabbrecher als Komiker prädestiniert.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Köster, Herr van der Horst, was ist die Kernkompetenz eines Außenreporters der heute-show, dessen Kampfzone im spezial erweitert wird – keine Angst vor großen Tieren?
Lutz van der Horst: Bisschen erweitert ist gut; wir haben statt vier Minuten für den Außeneinsatz im Spezial über 30, in denen wir informativ, zugleich aber auch lustig sein wollen.
Fabian Köster: Wobei die fehlende Angst vor großen Tieren gerade angesichts der Tatsache, dass die heute-show im Vergleich zu den Anfängen viel ihrer Albernheit verloren und zugleich journalistische Perspektiven entwickelt hat, schon nicht unwichtig ist.
Um beispielsweise einem Alpharüden wie Markus Söder vors Schienbein zu treten.
Köster: Theoretisch ja. Aber ich persönlich will Politikern schon aus Respekt vor deren Job nicht vors Schienbein zu treten. Wir versuchen, unsere Informationen unterhaltsam zu überspitzen, aber ohne jemanden lächerlich zu machen.
Van der Horst: Wobei wir bei den Drehs öfter von der Seite angesprochen werden: Los jetzt, mach‘ den mal richtig fertig! Darum geht es nicht.
Aber darum, Entscheidungsträger mit ihren Entscheidungen zu konfrontieren und Ungleichgewichte gegebenenfalls, wenn schon nicht lächerlich zu machen, dann doch bloßzustellen und damit zu entlarven?
Köster: Stimmt. Weil wir andere, lustigere, unerwartetere Fragen als seriöse Journalisten stellen und selbst Medienprofis damit schon mal dem Konzept erlernter Interviewschemata bringen. Aber im Zentrum steht auch bei denen die Antwort, nicht der Antwortgeber.
Ist es leichter, Antwortgeber zu entlarven, wenn es keine Medienprofis, sondern -laien sind?
Van der Horst: Profis sind natürlich geschulter und wissen eher als Laien, wie sie geschmeidig antworten, sind aber auch oft schlagfertiger.
Köster: Wobei man bei Profis ohnehin viel mehr Stoff zum Nachfragen hat, weil die in der Regel ja ständig mit ihren Aussagen in der Öffentlichkeit stehen und daran messbar sind.
Van der Horst: Umso mehr Spaß macht es dann, deren Floskelsprache zu entlarven. Bei medial Ungeschulten führt das allerdings zur Bloßstellung, die uns schnell unsympathisch macht.
Haben Politiker und Politikerinnen womöglich mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt?
Van der Horst: Es gibt nur die, die auf uns zukommen, und die, die vor uns wegrennen. Seit das ZDF-Mikro nicht mehr automatisch mit heute, sondern uns verbunden wird, ist letzteres Lager allerdings geschrumpft.
Köster: Wobei es schon wieder Rückkoppelungen gibt. Es hauen nicht mehr so viele ab wie zwischendurch. Zum einen, weil viele merken, dass es uns nicht nur um Gags geht, zum anderen, weil sie auch durch uns wertvolle Bildschirmzeit kriegen.
Van der Horst: In der sie mal ihre lustige Seite zeigen dürfen. Das ist nicht zu unterschätzen.
Ist am Ende die komödiantische Punchline oder die journalistische Erkenntnis wichtiger?
Van der Horst: Im Idealfall hält es sich die Waage, aber unser Ziel ist, Erkenntnisse zutage zu fördern und mit guten Punchlines abzubinden. In einer normalen „heute-show“ stellt sich allerdings schon aus Zeitgründen die Frage, mit was man die Zuschauer bei Laune hält. Und da bietet sich der bessere Gag oft eher an als die bessere Info.
Köster: Aus meiner Bühnenerfahrung weiß ich ja, wie unangenehm es ist, wenn das Publikum schweigt. Weil wir hier keines haben, dürfen wir Politiker also mal 45 Sekunden ausgiebig zu Wort kommen lassen, ohne dass es witzig werden muss. Der Gag kommt dann einfach ein paar Momente später als in einem auf drei Minuten verdichteten Einspieler.
Kommen zum Auftakt Quo vadis, CDU? auch Fachleute oder nur Politiker zu Wort?
Köster: Weil es nicht so viele Drostens in der CDU gibt, die Politik wissenschaftlich erklären können, mussten wir uns in der Tat einen Fachmann holen, nämlich Robin Alexander, von der Welt, der uns seriös durch die Sendung leitet und uns gelegentlich einnordet, wenn wir vom Pfad der Tatsachenberichterstattung abweichen.
Van der Horst: Politisch wird es bei allem Humor eigentlich immer.
Hilft Humor bei der politischen Aufklärung oder macht er sie nur unterhaltsamer?
Van der Horst: Auf jeden Fall auch ersteres, weil politische Aufklärung oft zugeknöpft und damit unzugänglich wirkt.
Köster: Überspitzt gesagt, weiß man von Politikern oft schon bei der Frage, was und wie sie darauf antworten. Um das aufzubrechen, nutzen wir das Stilmittel der Unterhaltsamkeit.
Van der Horst: Und an Jugendlichen, die sagen, sie hätten erst durch Sendungen wie unser Interesse an Politik gewonnen, sieht man, welche Resonanz wir damit erzielen. Idealerweise schauen die aber natürlich nicht nur uns zur Information, sondern noch richtige Nachrichten. Nur heute-show zu gucken, finde ich schwierig.
Köster: Meine Schwester ist zehn Jahre jünger als ich
Also 17.
Köster: Die Generation TikTok kriegt man nicht zu Frontal 21. Mit etwas Glück regen unsere kurzen Beiträge, von denen viele bei Youtube laufen, sie aber dazu an, sich wenn schon nicht linear öffentlich-rechtlich, dann doch in den Mediatheken zu informieren.
Van der Horst: Dazu passt, dass die heute-show dort seit 13 Jahren erfolgreich und mittlerweile sogar am erfolgreichsten aller ZDF-Formate ist. Wir hatten auch früher als andere einen Facebook-Kanal.
Heutzutage eher cringe als cool…
Van der Horst: Aber ein Zeichen, wie digital die Sendung von Beginn an aufgestellt war, um jüngeres Publikum zu erreichen, das im Idealfall dann sachlichere Informationsquellen sucht.
Was sind denn Ihre Informationsquellen – eher Spiegel oder eher Postillon?
Köster: Wir genießen das Privileg einer Presselandschaft, in der man unabhängige Medien von der Tagesschau bis zur FAZ nutzen kann. Ein Lieblingsmedium hab‘ ich aber nicht. Du, Lutz?
Van der Horst: Ich komme ja noch aus einer Zeit der Papierzeitungen, die schon nicht mehr ganz aktuell waren, wenn man sie beim Frühstück gelesen hat. Da ist mein Spiegel-Online-Abo natürlich praktischer, und gehört zu meinem Morgenritual beim Kaffee. Um plakative Themen mitzukriegen, lese ich sogar die Bild, schaue aber auch gern bei „Postillon“ oder Extra 3 vorbei, wie die welche Themen so aufbereiten.
Köster: Ich jedenfalls bin sehr froh, dass es im Gegensatz zu uns auch noch seriöse Journalisten gibt, die seriös informieren.
Sie bezeichnen sich als Quereinsteiger aus der Comedy-Szene als Journalisten?
Van der Horst: Ich hatte sogar mal einen Journalistenausweis, aber das lohnte sich einfach nicht mehr, weil der eh nie abgefragt wurde und mir die Antragstellung zu aufwändig war.
Köster: In guten Momenten kommen wir an journalistische Tätigkeiten ran, aber am Ende sind wir glaube ich zu sehr Unterhalter.
Immerhin mit einer Redaktion im Rücken, die auch ein Ingo Zamperoni braucht, um bei einer Reportage in die USA vor der Präsidentschaftswahl dekorativ sein Gesicht in die Kamera zu halten…
Van der Horst: Das nehme ich geschmeichelt zur Kenntnis und hole ich mir jetzt wieder einen Journalistenausweis.
Köster: Mit Visitenkarte „Hauptstadtjournalist“.
Sie stammen beide aus der Comedy-Hauptstadt Köln, haben bei „TV total“ angefangen und Studiengänge mit Erwerbslosigkeitspotenzial abgebrochen – sind das drei Einstiegskriterien für deutsche Fernsehhumorkarrieren?
Köster: So hab‘ ich das noch nie betrachtet, aber stimmt: wäre ich nicht in Köln zur Schule gegangen, hätte ich währenddessen auch nicht hier bei der heute-show angefangen.
Van der Horst: Ich bin superdankbar, in Köln aufgewachsen zu sein, weil ich schon immer das machen wollte, was ich jetzt mache, aber niemanden in der Familie mit Kontakten in die Fernsehbranche hatte. Die konnte man sich hier leichter aufbauen.
Köster: Im Grunde musst du nur irgendwo in der Stadt Kölsch trinken und Zack hast du jemanden aus der Comedy-Szene an der Backe.
Van der Horst: Mein Studium hab‘ ich auch nur angefangen, damit ich aus Sicht meiner Eltern was Vernünftiges mache. Als ich dann bei TV total immer mehr zu tun hatte, fiel es mir daher leicht, es abzubrechen.
Wo sehen Sie sich nach jeweils der Hälfte Ihres Lebens als Komiker 2032 – in der „Anstalt“?
Van der Horst: Traumschiff.
Köster: Ich dachte, dein Ziel sei der Fernsehgarten? Wenn du aufs Traumschiff gehst, mach‘ ich aber ein heute-show spezial zur Umweltbilanz der Kreuzfahrtbranche, die sich gewaschen hat, mein Lieber.
Flight 666: Iron Maiden & Ed Force One
Posted: June 24, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a commentIm Privatflieger der Metalprediger

Ein hinreißender Konzertfilm über die Welttour der unverwüstlichen Iron Maiden macht deutlich, warum die Zackengitarrenszene keine Zweckgemeinschaft, sondern eine Familie ist. Nach 13 Jahren DVD-Dasein steht er jetzt endlich in der Arte-Mediathek.
Von Jan Freitag
Die Boing 757: zweistrahliger Stolz des American Way of Life, Symbol entgrenzter Mobilität, ein Stück US-Identität, das zwar im Schatten der Boing 747 steht, aber genau wie der Jumbo-Jet fossile Fortschrittsgläubigkeit auf kurzer Strecke verkörpert und damit etwa so zeitgemäß ist wie Pfälzer Schlachtplatten, Rohrstockzüchtigung oder, sagen wir: Iron Maiden. An dieser Stelle dürfte es (zumindest unterm zeitunglesenden Teil der Rockszene) einen Aufschrei der Entrüstung geben. Also Ohren zu, Augen auf.
Die Urväter harten Rocks mögen jahrelang in bandeigener Boing 757 um den Globus gejettet sein, als sei der Klimawandel ein flüchtiges E-Gitarrensolo; wer ihnen dort volle 45 Tage im grandiosen Dokumentarfilm Flight 666 beiwohnen darf, kann nur zu einem Urteil gelangen: Pfälzer Schlachtplatten und Rohrstockzüchtigung bleiben wohl (hoffentlich) für alle Ewigkeit Anachronismen; Iron Maiden aber sind auch nach 50.000 Meilen in ihrer Ed Force One genannten Kerosinschleuder zukunftstauglich wie Mediationen und Veggieburger.
Zur Erklärung für Spätgeborene, Ungläubige, beide in einem: Iron Maiden, lange vor Maggie Thatchers Wahl zum Prime Minister unweit vom Westminster Palace gegründet und seit 40 Jahren in nahezu gleicher Besetzung auf Tour, waren aus Rockstarsicht bereits 2008 Fossile. Damals überzeugte der Anthropologe und Regisseur Sam Dunn seine Lieblingsband davon, ihre Welttournee begleiten zu dürfen. Und wie in den meisten seiner Genre-Analysen unterstützt vom kanadischen Filmemacher Scot McFadyen, sollte das Resultat ein Mix aus gefilmtem Fanzine und gefühlter Sozialstudie werden.
Hierzulande allenfalls in Programmkinos oder Festivalzelten sichtbar, haben die beiden Showrunner 2009 mit Flight 666 ein zweistündiges Juwel publizistischer Distanzlosigkeit geschliffen, das trotz ihrer spürbaren Vergötterung der Berichtsgegenstände jedoch über den Wolken nie an Bodenhaftung verliert. Mehr als ein Jahrzehnt später steht es nun endlich in der Arte-Mediathek. Und wem beim Gedanken an hochtourige Riff-Stakkatos zum Pathos operettenhafter Gesänge die Fußnägel hochklappen: bitte dennoch reinhören. Es lohnt sich.
Die – für einen Konzertfilm verblüffend schlecht gemischte – Tourneebegleitung handelt zwar wesentlich von der Wall of Sound turmhoch gestapelter Stromgitarren im Doublebass-Gewitter. Darunter jedoch schwingen zarte Liebesmelodien im Takt einer organischen Verbindung zwischen Sender und Empfänger, die so vermutlich kein anderes Musikgenre herzustellen vermag. Die Weltreise in 21 Städte auf vier Kontinenten zeigt schließlich keine Konzert-, sondern Messebesucher (das zeitgenössische -innen kann man sich getrost sparen; neun von zehn Besuchern sind Männer, aber das stört hier gar nicht weiter).
Vom Start in Mumbai über Perth (Tag 7, 10.924 Meilen) und Tokio (Tag 16, 16.277 Meilen), Los Angeles (Tag 19, 22.073 Meilen) oder Sao Paolo (Tag 31, 28.863 Meilen) bis nach Toronto (Tag 46, 36.192 Meilen) haben Hunderttausende zahlender Gäste nicht nur Eintrittskarten, sondern Himmelsleitern erworben. Ihr kollektives Glücksgefühl wird auch in der zweidimensionalen Fernsehversion jederzeit deutlich. Noch bemerkenswerter ist da nur, mit welcher Demut sechs alternde Prediger der Church of Heavy Metal – schon damals alle über 50 und noch heute auf Tour – die bedingungslose Zärtlichkeit ihrer Fans in klassenlose Energie verwandeln.
Iron Maidens Boing 757, gelenkt von Sänger Dickinson persönlich, kennt keine First Class für eiserne Jungfrauen, nur einen Teamspirit, den die Kameras zwar kaum unbeeinflusst lassen; Heisenbergs Unschärferelation macht schließlich auch an der heiligen Zackengitarre nicht Halt. Aber wie Crew und Band auf Augenhöhe interagieren, wie ihnen die Hingabe des Publikums den Atem verschlägt, wie würdevoll sie dabei ihr schütteres Haupthaar schütteln, altersgemäß „bloody“ statt „fucking“ sagen, vor den Gigs gern Golf spielen, aber abzüglich eigenen Starruhms plus Flieger nicht grundlegend anders drauf sind als vier Generationen entfesselter Fans vor der Bühne – das macht diese Zweckgemeinschaft zur Familie.
Von der darf sich die Welt vorm Stadiontor also ruhig eine Scheibe abschneiden. Zumal die Ed Force One mittlerweile ausgemustert wurde. Nicht mehr nachhaltig genug, hieß es. Iron Maiden aber fliegen einfach weiter. Und weiter. Und weiter. Und weiter. Flight 666 zeigt eindrücklich, warum.
https://programm.ard.de/TV/arte/iron-maiden—flight-666/eid_287244000695085
Wahrnehmungsschwellen & Internetquellen
Posted: June 20, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
13. – 19. Juli
Es ist der denkbar größte Ritterschlag für einen relativ jungen Künstler, wenn ein relativ alter Kollege ihn dafür kritisiert, unwichtig zu sein. Dass der sehr, sehr greise und sehr, sehr weiße, an Haupthaar, Geist, Charakter hingegen betongraue Harald Schmidt im Altrocker-Blatt RollingStone gerade Jan Böhmermann als Krawallschachtel unterhalb der, also Schmidts Wahrnehmungsschwelle bezeichnet hat, spricht fürs letzte Gefecht eines verbitterten Feuilletonfossils gegen seine Wachablösung.
Nun war der Late-Night-Zyniker schon immer ein Perpetuum Mobile eloquente Selbstreferenzialität, Gott und der Welt gegenüber also ungefähr so kritikfähig wie Panzerhaubitzen aus Kruppstahl, aber er war dabei wenigstens unterhaltsam. Und jetzt? Eher so Typ Waldorf & Statler für FAZ-Leser ohne *innen und damit der endgültige Abschiedsgruß des Leitmediums in Richtung Streamingdienste und Mediatheken, wo sich welkes Herbstlaub von Harald Schmidt bis Alexander Gauland eben leicht mal verirren.
Wie viel würdevoller verhalten sich deren Alters-, aber eben nicht Charaktergenossinnen wie Birgit Schrowange, die von Alpharüden wie Schmidt-Gauland gönnerhaft Starke Frauen genannt wurden. Dummerweise hat Sat1 deren Sat1-Format genauso betitelt und damit in den Quotenruin getrieben. Denn wer bitte lässt sich im Jahr 2022 noch mit Worten lebender Leichen abkanzeln? Ausgerechnet im Moment, als Stranger Things den Achtzigerhit Running up that Hill an die Spitze der britischen Charts katapultiert, wurde Schrowanges Sendung folglich abgesetzt.
Davon abgesehen, dass ARZDF sogar mit dem Rekordwert von 8,42 Milliarden Euro Rundfunkbeitrag 2021 nicht mehr solche Resonanz erzielen, wird Kate Bushs Lied auch bei Spotify vielgeklickt – muss sich allerdings im Umfeld rechtsradikaler Songs behaupten. Wie ein Rechercheteam von NDR und SWR herausfand, hat sich die Plattform anders als beteuert also nicht vom braunen Dreck befreit, sondern im Gegenteil – kurzzeitig verbannten Rechtsrock teils wieder zugänglich gemacht.
Dieser farbenblinde Liberalismus passt zur schlimmsten Nachricht der Woche: Großbritannien erlaubt die Auslieferung von Julian Assange an die USA, wo ihm für die Enthüllung amerikanischer Kriegsverbrechen 175 Jahre Haft drohen – also 175 mehr als dem zugehörigen Kriegsverbrecher George W. Bush, wie Katapult leider witzig vorrechnet.
Die Frischwoche
20. – 26. Juli
Zur Ablenkung von Angriffen auf die Pressefreiheit durch den Brachialpopulisten Boris Johnson würden wir jetzt ja gern richtig gutes – ob lineares oder gestreamtes – Fernsehen empfehlen. Das aber ist im Frühsommer zunächst dünn gesät. Weshalb eine Retrospektive den Auftakt der Wochentipps macht: Heute zeigt Arte zum 40. Todestag von Rainer Werner Fassbinder zwei seiner wirkmächtigsten Filme. Erst Lili Marleen, dann Angst essen Seele auf, beide gleichermaßen verstörend und fesselnd.
Mit etwas Abstand lässt sich das auch über die Karriere des immer noch bekanntesten deutschen Radfahrers sagen, dem die ARD-Mediathek Samstag ein Porträt widmet. In Being Jan Ulrich wird der Tour-de-France-Sieger mit Dopingvergangenheit viermal 25 Minuten lang vollumfänglich beschrieben. Etwas länger darf der unvermeidliche Elton am Mittwoch sein Pausenfüllerspielchen Blamieren oder Kassieren am Mittwoch aus TV total ins Hauptprogramm von ProSieben teleportieren.
Da kann man nur hoffen, dass die Universal-Serie Reich mit Maya Rudolph als Milliardärin Molly, die nach einer Scheidungsschlammschlacht versucht, über eine Stiftung aus den Schlagzeilen zu kommen, ab Freitag auf Apple TV+ ein wenig substanzieller wird. Von der Arte-Komödie Die Vergänglichkeit der Eichhörnchen darf man das Freitag wohl eher behaupten. Wem das insgesamt zu wenig anspruchsvolles Ansichtsmaterial ist, der kann parallel dazu ja mal in Sophie Passmanns Audible-Podcast Quelle Internet reinhören, wo sie sich die Filterblasen der Aufmerksamkeitsindustrie vorknöpft.
Apropos Podcasts, Internet, reinhören, Aufmerksamkeit: die neue Folge von Och eine noch ist online, mit dem besten aus Film und Serie, Doku und Show der ersten sechs Monate. Und weil die großartige Helene Hegemann für die ebenso großartigere Anthology-Serie STRAFE bei RTL+ eine von sechs Episoden nach Schirachs gleichnamigem Roman gedreht hat, wollen wir die Premiere ihres neuen Buches Schlachtensee mit auch echt großartigen Kolleg:innen wie Drangsal, Mara Moya, Albrecht Schuch, Marie Rosa Tietjen und Daniel Zillmann heute Abend an der Berliner Volksbühne empfehlen.
Frau Kraushaar, Σtella, Huffduff
Posted: June 17, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentFrau Kraushaar
Frau Kraushaar, das klingt nach einer Sat1-Comedy der frühen Neunziger, aber Frau Kraushaar – bürgerlich: Silvia Berger (was wiederum nach einer Sat1-Erotiksprechstunde der frühen Neunziger klingt) – macht weder schlechtes Privatfernsehen noch schlechte Sexberatung, Frau Kraushaar macht ganz wunderbare Musik. Nur: welche eigentlich? Eine Antwort dazu versteckt die Kunstfigur aus St. Pauli auch auf ihrer dritten Platte hinter Tonabfolgen, die eigentlich gar keine Musik sind.
Zugleich aber die denkbar schönste. Denn was Frau Kraushaar auf Bella Utopia serviert, ist zauberhaft verspieltes, elektrophil vertracktes Fieldrecording, das vom Vogelgezwitscher bis zum Metal-Solo allem sein warmes Plätzchen bietet. Wenn sie mit anämisch-schönem Gothic-Falsett “Ich habe Gefühle / die sind einfach da da da” singt, erinnert es dabei an eine harmonische Version des sadomasochistischen Gaga-Kollektivs HGich.T, bisschen wie Techno im Froschteich, die schönste Utopie des Popmusiksommers.
Frau Kraushaar – Bella Utopia (Staatsakt)
Σtella
Die schönste Utopie aller Popjahreszeiten ist hingegen das Verschmelzen kultureller Stile, die dabei zwar ihre Deutungshoheit verlieren, aber nicht den Charakter. Wenn sie beim fließenden Übergang ineinander ganz bei sich bleiben und zugleich außer sich geraten. Wenn sie also ungefähr das tun, was Σtella damit anstellt. Die Songwriterin mit Lebensmittelpunkten in London und Athen schickt griechische Volksmusik durch unbehausten Psychopop und macht dabei vieles richtig.
Mit Bouzouki und Kaffehausgitarre, ägäischer Fiebrigkeit und britischem Cool mäandert Up and Away zehn Stücke lang englisch betextet durch die musikalischen Schwemmgebiete ihrer zwei Heimaten. Dabei erschafft sie eher Emulsionen als Mash-ups, die weder folkloristisch klingen noch überfrachtet, sondern in ihrer zurückhaltenden Schlichtheit einfach schön sind, ohne hübsch sein zu wollen. Σtella malt schließlich auch sehr komplexe Bilder. Das hört man.
Σtella – Up and Away (Sub Pop)
Huffduff
Komplex ist auch die Platte von Huffduff mit dem vielsagenden Titel AI, der Künstliche Intelligenz ebenso abkürzt wie American Idol oder das Selbstbedienungsprinzip All Inclusive, von alledem aber kaum weiter entfernt sein könnte. AI ist schließlic psychedelischer Noiserock der analogsten Art, mit Gitarre (Abacha Tunde Jr.), Bass (V. Sputnikova) und Drums (Mr. Fust), der Sänger, besser noch: Telefonseelsorger Durian Gray artifizielle DIY-Instrumente aus dem Fundus früher Elektronica unterjubelt.
So verachten die vier Hamburger:innen das Prinzip Harmonie, ohne deren Lehre mitzuverachten. Manchmal mathrockig, meistens surfpunkig, sägen die acht Stücke des zweiten Albums gerne haarscharf am Tinnitus vorbei. Abgemischt und aufgenommen vom ortsansässigen Kettenraucher Rick McPhail klingt das nach Übungsraum im Stahlwerk, aber es klingt fantastisch roh und verbissen wie ein Horrorfilm auf MDMA. Kann man nicht besser beschreiben, sorry. Muss man (etwa auf Bandcamp) hören.
Huffduff – AI (Red Wig/Fidel Bastro)
Joachim Kosack: Ufa & Fachkräftemangel
Posted: June 16, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentWir waren immer eine Quereinstiegsbranche

Wie alle Film- und Fernsehproduzenten leidet auch die altehrwürdige Ufa unterm Fachkräftemangel. Helfen soll seit ein paar Monaten eine Weiterbildungsoffensive. Ufa-Geschäftsführer Joachim Kosack (Foto: Ufa) im freitagsmedien-Interview über Learning by doing, Berufswechsel und seine eigenen Quereinstiege.
Von Jan Freitag
Herr Kosack, wenn die UFA im Fachkräftemangel um Quereinsteiger für ein Weiterbildungsprogramm wirbt – ist das ein Hilfegesuch oder ein Hilferuf?
Joachim Kosack: Zunächst mal ist es eine Win-win-Situation. Auch wenn die UFA ihre Projekte noch produzieren kann, ist der Fachkräftemangel ein Thema, das die ganze Branche betrifft. Anders als früher stehen die Menschen nicht mehr Schlange, um beim Film zu arbeiten. Abgesehen vom zunehmenden Alter der geburtenstarken Jahrgänge hat das viele Gründe.
Welche genau?
Durchs Streaming wird seit Jahren so viel produziert, dass es schlicht nicht genug Leute gibt. Und selbst im Privatfernsehboom brauchte man noch große Produktionshäuser, um auf Film zu drehen. Heute können alle auf YouTube oder Instagram eigene Sachen machen und digital verbreiten. Andererseits hat man gerade Leuten wie mir vom Theater früher die Jobs förmlich hinterhergeschmissen. So einfach funktioniert das aber nicht mehr – zum Glück.
Zum Glück?
Weil die Branche damals bürgerlich, akademisch, weiß und männlich geprägt war, kann es ihr nur guttun, wenn sie durch Quereinsteiger:innen mit anderem Hintergrund diverser wird. Vor der Kamera gibt es mittlerweile genug, die sich dafür interessieren. Dass es auch dahinter interessante Jobs gibt, muss vielen erst noch vermittelt werden. Wer weiß schon was ein Focus Puller ist?
Sie meinen Kamera-Assistenz?
So etwas wird auf unserer Homepage erklärt. Darüber hinaus haben wir den dringlichsten Bedarf evaluiert und vier Felder gefunden: Regieassistenz, Aufnahmeleitung, Script/Continuity, Filmgeschäftsführung. Dafür werben wir auf Social Media, aber auch analog mit einer Agentur, die im deutschsprachigen Raum Casting-Events in Einkaufspassagen organisiert, bei denen wir Bewerber:innen für Scripted-Reality-Formate auch über Berufe jenseits der Kamera informieren. An denen besteht seit dem Telenovela-Boom der Nuller Riesenbedarf, der nicht mit dem Sozialprestige der Formate mithält.
Zumal diese Jobs selten mal lineare Ausbildungsberufe sind.
Unserer Branche ist von learning by doing geprägt. Selbst Gewerke, die wie Kostüm, Maske, Ausstattung handwerklich orientiert sind, wurden lange nicht in der Lehre, sondern Praxis erlernt. Film und Fernsehen war immer eine Quereinstiegsbranche. Dem wurde erst durch Mindestlohn, Praktikumsregulierung oder der Anerkennung vieler Ausbildungen durch Industrie- und Handelskammern richtigerweise politisch Einhalt geboten. Ob man sich noch grundsätzlich orientiert, wegen des kaputten Rückens umsatteln oder noch einmal was Neues erlernen möchte: bei uns sind alle willkommen, die Interesse an unserer Ausbildung haben.
Wofür Sie Ihnen auch etwas zahlen?
Im Rahmen rechtlicher Vorgaben; auch das gehört zur Professionalisierung. Und es wirkt. Nach 24 Stunden hatten wir bereits 20 Bewerber und Bewerberinnen.
Alles Freunde, von Freundinnen, also aus der eigenen Blase?
Zur Herkunft kann ich noch nichts sagen, aber wir setzen bewusst neben Anzeigen bei Branchenmedien wie „Quotenmeter“ auch auf eine aktuelle Plakataktion an Hauptbahnhöfen und Volkshochschulen, damit es mehr als die Freunde von Freundinnen sind.
Freunde von Freundinnen, die laut Homepage 26 bis 60 sein dürfen. Bildet sich die UFA Leute aus, die sieben Jahre später vielleicht in Rente gehen?
Zum einen erleben wir, dass Menschen heute länger arbeiten und auch mit 60 agiler und fitter sind als zur Zeit von Norbert Blüms Satz, die Rente sei sicher. Zum anderen schließt Diversität auch das Alter ein. Warum sollen wir dringend benötigte Fachkräfte aufgrund ihrer Reife ausschließen, also diskriminieren? Eine Steuerberaterin, die nach 30 Jahren keine Lust mehr auf Kanzlei hat, kriegt das, was sie in der Filmgeschäftsführung braucht, doch in sechs Monaten locker drauf. Sie muss nur wollen.
Was muss sich in Film & Fernsehen noch ändern, damit Jung & Alt wieder dahin will?
Die Betonung agiler Teamarbeit. In der öffentlichen Wahrnehmung gilt alle Aufmerksamkeit nach wie vor Schauspiel und Regie, dann möglicherweise Drehbuch und Kamera. Dass Serien und Filme nur gemeinsam gut werden, haben trotz starker Hierarchien fast alle begriffen, aber es muss noch besser kommuniziert werden. Die Leute wollen heutzutage mit allen auf Augenhöhe arbeiten – ganz gleich ob Direkt- oder Quereinstieg.
Nehmen Sie letzterem somit ein wenig vom Makel des Scheiterns im alten Beruf und der Unterqualifikation im neuen?
Den Gedanken hatte ich als jemand, der selbst quereingestiegen ist, zwar nie, aber es stimmt: Quereinstiege hatten lange keinen allzu guten Ruf. Nur: wie viele studieren Psychologie, landen danach im Callcenter und steigen über die Teamleitung in den Vorstand auf. Die Wendigkeit der Start-up-Gesellschaft macht elitäres Expertentum zusehends überflüssig, während soziale Kompetenz, Gestaltungswille, Leidenschaft wichtiger werden. Beruflich flexibler zu sein, hat – auch durch Corona – an Bedeutung gewonnen. Die Zeit des Makels ist vorbei.
Wie quer war denn Ihr eigener Einstieg?
Sehr quer. Ich habe seit dem Abi keine Prüfung abgelegt und abgesehen von zwei Scheinen in neuer deutscher Geschichte nichts Formelles vorzuweisen. Meine Qualifikation stammt vom Theater und Kabarett, irgendwann wurde ich Regieassistent, dann Spielleiter, und weil meine Schwester als Storylinerin bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ tätig war, habe ich es 1996 dort versucht und dachte – nach sechs Monaten gehe ich zurück zum Theater. Dann bin ich vom Regisseur über den Producer und Produzenten zum Geschäftsführer geworden – und denke das immer noch (lacht).
Wenn Ihnen die UFA-Leitung zu langweilig wird – welcher Quereinstieg wäre denkbar?
Keinen Quereinstieg, eher ein Rückeinstieg: Theaterintendant im kleinen Drei-Sparten-Haus der deutschen Provinz. Ich plane das nicht, fände es aber toll.
Zur Person
Joachim Kosack, 1965 als Sohn eines christlichen Missionars in Indonesien geboren, widmete sich nach dem Abitur in Wuppertal früh dem Theater, bevor er mit 30 zur Ufa wechselte und dort Serien wie GZSZ schrieb. Nach Zwischenetappen bei Sat1 und teamWorx kehrte er 2012 zurück, übernahm die neu gegründete Ufa Fiction und ist dort seit 2017 federführend für Dramaserien zuständig.





