Poschardts Privileg & Maidens Flight
Posted: June 13, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
6. – 12. Juni
Wenn Axel Springers Bonner Republikenkampfblatt Welt selbst für den elastischen Wertekanon von Mathias Döpfner, der es mit amoralischem Populismus zum mächtigsten Verleger Deutschlands bringen konnte, zu viel AfD-Propaganda enthält – dann hat der elitäre Kommunistenfresser Ulf Poschardt womöglich ein paar Nationalliberale zu viel über links-grün-versiffte Umerziehungslager am Beispiel von Becoming Charlie herziehen lassen.
Zwei Mietkolumnist*inen seiner „Zeitung“ haben die Nischenserie von Neo, in der es hierzulande erstmals um eine nonbinäre, also genderdiverse Hauptfigur geht, als Teil öffentlich-rechtlichen Umerziehungskampagnen gebrandmarkt. So etwas kriegt man nach 33-45 ansonsten nur in der gelenkten Presse reaktionärer Autokraten Ungarns, Polens, Russlands zu hören – illiberale Scheindemokratien also, in denen sich privilegierte Sozialdarwinisten à la Poschardt und Döpfner wahrscheinlich wohler fühlen als in einer pluralistischen Realdemokratie und ihrer widernatürlichen Toleranz für Abweichungen vom alten weißen CIS-Mann.
Mit denen hatte unlängst auch die altfeministische Emma ihre Last, als die grüne Politikerin Tessa Ganserer mit einem anderen als ihrem Geburtsgeschlecht in den Bundestag eingezogen war. Der Presserat hat Alice Schwarzers Transphobie nun zwar einstimmt für akzeptabel erklärt; die Frage aber bleibt, wie benachteiligte Gruppen der neuen Klassengesellschaft je Oberwasser kriegen, wenn diese Gruppen untereinander um Pfründe streiten und damit die der wahrhaft Mächtigen verfestigen.
Alphatiere wie Frank Thelen zum Beispiel, dessen Höhle der Löwen eine Höhle der Profitmehrung ihrer Jury zu sein scheint. Anscheinend werden bei Vox statt echter Innovationen eher solche finanziert, die auf Basis bestehender neue Ertragsmöglichkeiten ausschlachten. Und dann hat das ARD-Magazin Panorama auch noch herausgefunden, dass der frühere Juror Kleinanlagen empfiehlt, die bereits am Abschmieren sind. Darauf angesprochen, hat sich der Investor jedenfalls buchstäblich aus dem Staub gemacht.
Die Frischwoche
13. – 19. Juni
Damit teilt er das Bewegungsprofil einer Ente namens Dagobert. Unter dem Boulevard-Pseudonym hielt der Kaufhauserpresser Arno Funke vor 30 Jahren Presse, Polizei und Konsumwelt in Atem. Heute rollt die ARD-Dokumentation Jagd auf Dagobert den Fall mit Zeitzeugen und Betroffenen jener krisenfreien Tage zur Primetime auf. Im Netflix-Porträt Halbzeit geht es ab morgen um eine Künstlerin, die zwar nicht bekannter ist als der Disney-Erpel, aber deutlich berühmter als sein deutscher Namensvetter: Jennifer Lopez.
Bis heute ein Blockbuster des R’n’B-Pop, nähert sich die Doku JLos Karriere, aber auch den Problemen gewaltiger Laufbahnen im Rampenlicht. Probleme, nach denen sich die Teilnehmerinnen der neuen Staffel Bachelorette, ab Mittwoch RTL, ja sehnen. Von musikalischem Ruhm handelt auch eine andere Superstar-Begleitung, die allerdings ein bisschen anders klingt. Am Freitag geht Flight 666 mit auf die Welttournee der Metal-Fossile Iron Maiden. Dass die 2008 stattfand und jetzt erstmals in der Arte-Mediathek zu sehen ist, tut der Originalität dieser zweistündigen Bandbegleitung über vier Kontinente hinweg keinen Abbruch.
Nachdem hier kurz mal aufs heute-show Spezial hingewiesen sei, in dem Lutz van der Horst und Fabian Köhler der Mehrheitsrepublik ab Freitag vier Besuche abstatten, nachdem Hartgesottenen auch noch die schmerzhaft erhellende Geschichtsstunde The American Führer (Montag, 22.50 Uhr, ARD) um den Münchner Hitler-Verehrer und US-Nazi Fritz Julius Kühn empfohlen sei, wird es dann aber doch endlich mal fiktional.
Donnerstag startet bei Sky der Mystery-Siebenteiler The Midwich Cuckoos um ein englisches Dorf im Bann seltsamer Ereignisse. Tags drauf zeigt Amazon Staffel 1 der diversen Familiencomedy The Lake aus Kanada, flankiert von der Romanadaption The Summer I Turned Pretty. Kriminalistisch wird es zeitgleich im britischen Vierteiler You Don’t Know Me auf Netflix. Und auch die achtteilige Neo-Serie Deadly Tropics hat Cops im Zentrum. Genauer: zwei Mordermittlerinnen auf Martinique.
Rickolus, The Range, Moonchild Sanelly
Posted: June 10, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentRickolus
Für Eindrücke, die bleiben, hilft es manchmal, sich etwas herunter zu regeln. Von groß auf klein schalten, bisschen digital detox, bisschen Anspruchsentschlackung, Ferien im Kleingarten vielleicht oder falls Beton, dann die Abseiten der Boulevards, besser noch: ein Abend mit Rick Colado alias Rickolus, den es wie so viele Amerikaner nach Berlin verschlug, wo der Songwriter aus Florida ungefähr 200.000 Kneipenkonzerte gegeben hat, bevor er nun sein Debütalbum vollenden konnte.
Bones der Name, und so knöchern das klingt – es eine Art immobiler Großstadturlaub. Zu schäbig schöner E-Gitarre erzählt er uns übers Aufwachsen im Westen oder das Großsein im Osten, über Drogen, Träume, Verwandtschaft, die Liebe. Immer klingt es, als blättere Rickolus in Fotoalben und rede dazu ein wenig vor sich hin, nicht melancholisch, sondern ausgeglichen, hier eine Mundharmonika zur Untermalung, dort ein Saxofonsolo. Urbaner Surfpop, als sei da einer mit sich im Reinen. Sind wir dann auch mal.
Rickolus – Bones (Buback)
The Range
Andererseits ist es bisweilen künstlerisch interessanter, mit sich im Unreinen zu sein, ein bisschen dreckig, ein bisschen übellaunig, was musikalisch vor 20 Jahren im Londoner Eastend eine Ausdrucksform erhielt, die entsprechend Grime genannt wurde, aber auch außerhalb großer Moloche funktioniert. James Hinton zum Beispiel, schon vor seinem Abschied aus Brooklyn als The Range bekannter, hat den städtischen Schmutz gegen die Natur Vermonts getauscht, wo er auf der Suche nach Dunkelheit im Lichterglanz ist oder umgekehrt.
Sein erstes Album seit sechs Jahren heißt entsprechend Mercury, denn Quecksilber mag schimmern wie Platin, im Innern ist es hochexplosiv und toxisch, ein schönes Gift also, wie der technoide Wave von The Rave, basslastig und synthetisch, geheimnisvoll dunkel und zugleich lichthell treibend, eine Art Triphop-House mit etwas Big Beat für verlorene Seelen, die in der inneren Immigration gern unter Leute gehen und tanzen wollen.
The Range – Mercury (Domino)
Moonchild Sanelly
Tanzen ist bei Moonchild Sanelly hingegen keine Option, sondern unerlässlich. Viel zu lange nach ihrem Debütalbum hat Sanelisiwe Twisha ihr zweites Album gemacht, und auch Phases kommt aus dem Grime genannten Wutkorridor elektronisch schwitzenden Raps, den die Südafrikanerin mit dem musikalischen Repertoire ihrer Heimat anreichert und dafür ortsansässige Großtalente wie Blxckie und Sir Trill gewinnen konnte.
Das Resultat klingt schwer nach Capetown auf Cockney, ein viriler, ethnopopkulturell angedickter Mix aus HipHop und TripHop, M.I.A. und Thandisma Mazwaim, hintergründig fiebriger, vordergründig nicht grad queerer, aber irgendwie genderfluider Township-Powerpop randvoll von einer missmutigen Energie, die mit minimalem Aufwand wattierter Bässe und verhallender Vocals eine Aura von gelangweilter Hingabe erzeugt.
Moonchild Sanelly – Phases (Transgressive Records)
Döpfners Thiel & RTLs Gala
Posted: June 6, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
30. Mai – 5. Juni
Torsten Sträter im Depressionstalk bei Chez Krömer, Torsten Körners kluge Fußballrassismus-Studie Schwarze Adler, die Sky-Version der Ibiza-Affäre und dann auch noch ein doppelter Bjarne Mädel in Spielfilmen über prekäre (Geliefert) oder tabuisierte (Sörensen hat Angst) Themen – das Repertoire der diesjährigen Grimme-Preise ist nicht nur politischer, sondern auch relevanter als zuvor und zeugt somit vom mindestens mal denkbaren Publikumsinteresse an kreativer Interpretation realer Problemlagen.
Dafür spricht auch die Debatte um Jan Böhmermanns lustige Aufdeckung polizeilicher Schlampigkeit beim Bearbeiten schwerer Straftaten. Monatelang hatten Mitarbeiter*innen vom ZDF Magazin Royal vor der Sommerpause versucht, Hasskommentare aller Herren Bundesländer inkognito anzuzeigen. Dass nur wenige Dienststellen wie in Hessen der Sache überhaupt nachgegangen sind, sorgte anschließend für hitzige Diskussionen – und zeigt abermals, wie wichtig Satire für gesellschaftliche Aufklärungsprozesse sein kann.
Wie destruktiv der Springer-Konzern für praktisch alle Errungenschaften der Aufklärung von Demokratie bis Pressefreiheit sind, hat nun endlich auch der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger gemerkt und Mathias Döpfner vom Thron gestoß… Obwohl, nee – die Führungsspitze des BDZV hat Mathias Döpfner, der das sexualisierte Gewaltherrschaftssystem seines überbissigen Bild-Kampfhunds Julian Reichelt mindestens gedeckt, womöglich gefördert hatte, nicht entlassen. Döpfner ist zurückgetreten.
Und das noch nicht mal wegen seiner Unfähigkeit, im eigenen Haus für Ordnung zu sorgen, dem fachlich-menschlichen Mangel zur Führung eines so demokratierelevanten Verbands, der widerwärtigen Nähe zu Feudalherren wie Peter Thiel oder sonsteinem annähernd stichhaltigen Grund. Nein, Döpfner erklärte seinen Rücktritt allen Ernstes mit Terminproblemen (Politico-Übernahme) und Größenwahn (too big to mittelstand).
Die Frischwoche
6. – 12. Juni
Vielleicht sollte man den stinkend reichen Großaktionär, der Friede Springers Erbe zum Aufbau eines deutschen Donald Trump missbraucht, auch von der Springer-Spitze entfernen und 24/7 mit Dokumentationen wie jener zwangsimpfen, die morgen um 20.15 Uhr bei Arte läuft: Der Staat und das Geld, ein französischer Zweiteiler übers medial befeuerte System steuerlicher Ungleichbehandlung zu Lasten der Reichen und Mächtigen wie Döpfner und Thiel.
Da beiden journalistische Qualität auf dem Weg ihrer rechtspopulistischen Agenda jedoch eher im Wege steht, sei ihnen das brandneue Lifestyle-Format GALA ab Samstag bei RTL empfohlen – ein weiteres Bullshit-Magazin zur Ablenkung vom vulgärkapitalistischen Chaos, das der Privatsender nun gemeinsam mit seinem Spielzeug Gruner + Jahr entfesseln darf. Nichts für alte weiße privilegierte CiS-Männer ist hingegen ein kleines ARD-Juwel für die Nische.
Anfänglich eine Klischeeparade sondergleichen, entwickelt sich die deutsche Adaption der israelischen Serie How to Dad um vier grundverschiedene Väter im Wartebereich einer Ballettschule ab Donnerstag (Mediathek) zur soziokulturellen Familienaufstellung. Wie die Kerle durch den Spiegel ihrer eigenen Vorurteile auf sich selbst, also uns alle blicken, ist in aller Ulkigkeit auf originelle Art entlarvend. Und hat damit einen leicht höheren Anspruch als die Streamingprodukte der Woche.
Ab Mittwoch etwa das Spin-Off How I Met Your Father, (Disney+), ab Freitag der Vampir-Coming-of-Age-Abklatsch First Kill (Netflix), ab Freitag an gleicher Stelle die, Moment – kurz mal nachzählen: sechste Staffel Peaky Blinders. Oder ab Sonntag auf Starzplay Zuckerbäckerhistorytainment um Queen Elizabeth, aber nicht II., der alle Sender und Gazetten grad zum 70. Thronjubiläum huldigen; sondern jene von 1558, der Alicia von Rittberg in Becoming Elizabeth ein groschenromankompatibles Gesicht verleiht.
Becoming Charlie: Geschlecht & Misgendern
Posted: June 3, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | 5 Comments
Unterhaltung mit Haltung
Die Neo-Serie Becoming Charlie steckt Lea Drinda als nonbinäre Person im Plattenbau statt Luxusviertel und behandelt das Nischenthema LGBTQ+ auch sonst praktisch klischeefrei. Hier ist meine Originalkritik der Serie auf DWDL. Gleich dahinter veröffentliche ich hiermit aber auch die Reaktion von Lion H. Lau, verantwortlich fürs Drehbuch und mit einer ganzen Reihe von Kritikpunkten an meiner Rezension, die ich im Anschluss beantworte.
Von Jan Freitag
Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre? Was also wäre, wenn Charlie keine Vagina, sondern einen Penis besäße? „Dann könntest du im Stehen pinkeln“, antwortet Alina auf die Frage ihrer besten Freundin und lacht. Noch.
Die Titelfigur der Instant-Dramaserie Becoming Charlie, das merkt Alina nach wenigen der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre. Schon der Vorname unterwandert ja die standesamtlich geforderte Abgrenzung zu den richtigen, den Bio-Jungs. Und auch sonst ist Charlie eher burschikos als feminin. Ihr Schlabberlook, der Cowboygang, das kurze Strubbelhaar – habituell passt alles am Twentysomething im Offenbacher Plattenbauviertel zum Faible für die Protzkarren der Block-Babos.
Charlie prollt, Charlie flucht, Charlie rangelt. Charlie hat zwar kindliche Gesichtszüge, aber raue Manieren. Sie schreibt Gangstaraps, fährt für Lieferdienste Lebensmittel durch Häuserschluchten, kommt so natürlich nie aus der Schuldenfalle einer alleinerziehenden Mutter und steht auch noch bei Tante Fabia in der Kreide. Alles Alltagssorgen eines reichen Landes mit wachsendem Armutssockel, die das Gefühlschaos vervielfachen. Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen. Wenn es denn so einfach wäre…
Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In Becoming Charlie erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach. Und was die explizit feministische Regisseurin Kerstin Polte („WIR“) mit der Newcomerin Greta Benkelmann sechs hochpräzise Folgen lang daraus macht, stellt einiges auf den Kopf, was das LGBTQ+-Spektrum am Bildschirm prägt.
Ob nun Queer as Folk oder The L-Word, Transparent oder Will and Grace: Seit ein schwuler Anwalt in Philadelphia an Aids erkrankte, sind Abweichungen vom heteronormativen Mainstream Oberschichtenphänomene, also außerhalb der Frauenknastmauern von Orange is the New Black allenfalls Ausnahmen vom Regelfall. Neue Hauptfiguren subkultureller Fiktionen von Please Like Me bis All you need mögen zwar prekär beschäftig sein, aber immerhin kultiviert, also gut situiert. Dass Lion H. Laus Titelheld:in im 9. Stock eines sozialen Brennpunktes am sozialen Geschlecht verzweifelt, ist da schon mal bemerkenswert.
Noch auffälliger ist allerdings, wie ein vornehmlich weibliches Team Lions Drehbuch in lebensgroße Bilder gießt. Gut ein Jahr nach dem Durchbruch als Junkie im Prime-Remake der Kinder vom Bahnhof Zoo sticht dabei besonders Lea Drinda hervor. Wie die 21-Jährige gegen ihre pilchertaugliche Kulleraugenoptik anspielt, ohne sie zu negieren ist dabei schlicht sensationell. Denn wie ihre Babsi den Berliner Heroinabgrund der späten 1970er, bringt ihre Charlie den Offenbacher Hartz-4-Abgrund der frühen 2020er mit einer Dringlichkeit von fast schon einschüchternder Ambivalenz zum Ausdruck.
Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.
Im Bad ihrer Tante Fabia (fabelhaft grantig: Katja Bürkle) spielt Charlie mit Schminke Geschlechterstereotypen durch, und Lotta Kilians Kamera hält so ewig drauf, bis alle Persönlichkeiten in Körper, Geist und Seele zur retrofuturistischen Musik von Pelle Paar und Alice Dee am Spiegel kondensieren. Keine fünf Minuten später dann kippt dieser visuelle Ritt ins Durcheinander einer lebenden Normabweichung sogar buchstäblich, als Charlie ihrer liebevollen, aber verständnislosen Mutter „ich bin keine Frau“ zuflüstert und im Splittscreen rechts kopfüber steht.
Statt lauter Wut oft stille Verzweiflung, statt aggressiver Rebellion eher innere Immigration: Becoming Charlie, übersetzbar mit „Charlie werden“, enthält sich vieler Klischees, die filmische Sichtweisen auf alternative Sexualitäten oft so didaktisch machen und damit anstrengend. Hier strengt allenfalls der Wust queerer Lebensentwürfe an, die Lion H. Lau auf engstem Raum einer Betonwüste verdichtet. Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich. Weil die Figuren dabei nicht randgruppengerecht überzeichnet sind, sondern im Gegenteil: auf dezente Art gewöhnlich, klärt die Serie jedoch mehr auf als zu unterwandern. Und erschafft so etwas Beachtliches: Unterhaltung mit Haltung.
Reaktion von Lion H. Lau
Hallo liebe dwdl-Redaktion, hallo Jan Freitag,
danke für diesen unglaublich positiven und begeisterten Beitrag zu unserer ZDFneo Serie BECOMING CHARLIE. Ich bin für das Buch und gemeinsam mit Kerstin Polte und Greta Benkelmann für das Konzept der Serie verantwortliche Person. Es geht um folgende Kritik:
Dass die Serie auch Menschen erreicht, die zuvor keine Berührungspunkte mit dem Thema hatten und dass es emotional berührt, freut uns im Team ungemein. Ob so etwas gelingt, weiß ja niemand so richtig vor dem Release. Danke für den Enthusiasmus und die ausführliche Kritik! Das vorweg genommen, gibt es jedoch Punkte, die ich anmerken muss.
Hier geht es ganz klar nicht um die Infragestellung einer Meinung/Haltung und der Kritik. Und nichts ist schwerer, als mit einer Korrektur von einer so überschwänglich positiven Kritik um die Ecke zu kommen. Ich möchte ja nicht undankbar sein. Ich habe mir das Wochenende Zeit genommen, mir zu überlegen, ob, und wenn ja, wie ich reagiere. Erstmal vorweg meine Motivation: Das ist die gleiche, weshalb ich überhaupt BECOMING CHARLIE geschrieben habe. Um aufzuzeigen, zu sensibilisieren und wenn nötig, in Dialog zu kommen. Aufklärung ist ein wichtiger Beitrag zur Inklusion von trans und nicht-binären Menschen. Die Aufklärung dazu ist schrecklich komplex. Aber ich versuch es mal.
Aber ein wichtiger Punkt vorweg: Charlie, unser Hauptcharakter, so wie auch ich, werden im Text misgendert. Kontinuierlich. Das tut mir als trans und nicht-binäre Person, die in der Öffentlichkeit steht, keinen Gefallen. Im Gegenteil. Ich muss nun erneut bei Presseanfragen etc., die sich z.T. auf eben diese Rezension beziehen, erneut Stellung zu meinen Pronomen nehmen. Nicht-binäre Menschen, die sich eine solche Serie herbeigesehnt haben, sind irritiert oder getriggert. Der Kampf um unsere gesellschaftliche Akzeptanz auch in der Sprache, beispielsweise im Rahmen unserer Pronomen statt – etwas, was BECOMING CHARLIE versucht, zu bebildern. Ich habe mir auch den Podcast von Jan Freitag angehört und war schlichtweg begeistert, als er und sein Moderationspartner von mir als Person gesprochen haben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ich benutze keinerlei Pronomen (auch keine Neopronomen) und deswegen wird in meinem Fall tatsächlich von Person gesprochen oder Lion Lau. Genauso verhält es sich bei unserem Hauptcharakter Charlie. Ich bitte hierbei um Korrektur. Jetzt gehe ich mehr ins Detail:
“Was wäre, wenn? Ja, was wäre eigentlich, wenn Frauen Männer wären. Wenn sie Schwänze hätten statt Schamlippen und damit vielleicht nicht gleich die ganze Ungerechtigkeit tausender Jahre Patriarchat beseitigt, aber vorerst wenigstens das körperliche Leid hinterm doppelten X-Chromosom von Regelschmerz über Geburtswehen bis Wechseljahre?”
– Das ist natürlich ein möglicher Einstieg in eine Rezension. Wir behandeln mit BECOMING CHARLIE jedoch keinerlei primäre Geschlechtsmerkmale. Vielmehr geht es um die soziale Rezension von Geschlecht. (Cis) Männer können in der Öffentlichkeit, im Stehen, visuell sichtbar für alle pinkeln. Weiblich gelesene Menschen können das nicht. Wem ist was im öffentlichen Raum erlaubt und wem nicht. Penisse und Vaginen spielen hier keine Rolle – außer man sieht sie als einziges Indiz für Geschlechtszugehörigkeit.
Sprechen wir vom biologischen Geschlecht, werden meist auch nur männlich und weiblich als einzige Spielarten genannt. Frauen haben Vaginen, Männer Penisse. Auch das ist wissenschaftlich veraltet. Nicht nur inter* Personen gelten hier als Beispiele, die aus dieser nicht mehr der wissenschaftlich belegten Norm entsprechen. Mittlerweile haben Wissenschaftler*innen neben zusätzlichen Chromosomen (zusätzlich heißt über die im Bio-Unterricht verankerte Lehre zu XY und XX-Chromosomen hinausgehenden Chromosomen), die zur Geschlechtsbildung beitragen, auch Hormone tiefergehend untersucht. Auch hier gilt: Biologisches Geschlecht ist ein Spektrum.
Heißt: Am Genital eines Menschen kann niemand das Geschlecht ablesen. Heißt konkret für Charlie: Charlie kam als Baby zu Welt, welches Geschlecht Charlie zugeschrieben wurde? We don’t care. Klar, die Charaktere, die Charlie umgeben, referieren auf das Geschlecht, welches Charlie bei der Geburt zugeschrieben wurde. Aber wir (also damit meine ich uns Kreativen hinter BECOMING CHARLIE) tun das nicht. Niemals.
“Die Titelfigur der Instant-Dramaserie „Becoming Charlie“, das merkt Alina nach ein paar der insgesamt kaum 100 Minuten Sendezeit, ist sich nämlich unsicher, welches primäre Geschlechtsmerkmal ihr lieber wäre.” Nein. Das ist kein Thema. Kein einziges Mal. Tatsächlich spielen primäre Geschlechtsmerkmale für die meisten trans und nicht-binären Menschen eine untergeordnete Rolle. Ich glaube, hier könnten eventuell Themenfelder wie gender expression (also Geschlechtsausdruck), biologisches Geschlecht und sexuelles Begehren durcheinander geraten sein. Mit Geschlechtsausdruck ist gemeint: Wie will ich von der Gesellschaft gelesen werden/wie liest die Gesellschaft mich? Männlich? Weiblich? Weder noch? Hier stehen wir vor einem gewaltigen Problem: dem fehlenden nicht-binären visuellen Narrativ, bzw. einem Anspruch, das eine Eindeutigkeit/bzw. eine Uneindeutigkeit Aufschluss geben muss über die Geschlechtsidentität. Das ist nicht der Fall. Menschen, die sich weiblich/männlich präsentieren, können cis/trans männlich bzw. weiblich/nicht-binär sein.
Das Thema, welches sich bei uns in der Serie u.a. durch Kleidung und einem Frischhaltefolien-Binding-Versuch äußert, nennt sich Dysphorie. Dysphorie lässt sich gemeinhin als immenser (teils lebensgefährlicher) Leidensdruck aufgrund der fehlenden Übereinstimmung des Körpers mit der eigenen Geschlechtsidentität beschreiben – natürlich können da primäre Geschlechtsmerkmale eine Rolle spielen. Muss aber nicht.
“Denn Charlie, so wirkt es ab heute in der ZDF-Mediathek (24. Mai, 20.15 Uhr: Neo), will Charlotte im Ausweis beerdigen.” Den Deadname (oder auch Geburtsnamen) unseres Hauptcharakters verraten wir nie. Dass Jan Freitag sich einen möglicherweise passenden weiblich gelesenen Vornamen ausdenkt, verwirrt mich. Weder im Drehbuch noch am Set, noch irgendwo sonst geben wir (Spieler*innen, ZDF-Redaktion, Produktionsfirma) an einer Stelle Charlies weiblich gelesenen Namen preis. Eine klare Entscheidung, denn es geht hier darum, einen nicht-binären Menschen als den zu nehmen, der er ist und nicht auf eine binäre Lesung herunterzubrechen. Also: Es gibt keine Charlotte und selbst wenn, dann wäre eine Nennung des Namens nicht im Sinne des Teams oder der Menschen, die trans und nicht-binär sind.
“Denn in der Realfiktion von Lion H. Lau ist alles noch komplizierter als ohnehin – und somit das Beste, was uns im Steinbruch sexueller Identitätssuche passieren konnte. In „Becoming Charlie“ erzählt die nonbinäre Autorin schließlich ein Stück weit ihr eigenes Leben jenseits von Mann oder Frau in der Lausitz nach.” Erstmal Danke für das Kompliment. Ich glaube, es ist auch faktisch viel komplizierter ;). Hier sind einige komplexe Zusammenhänge durcheinandergeraten.
a) Zum einen beschreibe ich ganz ausdrücklich keine sexuelle Identitätssuche, sondern die Suche nach der geschlechtlichen Identität. Wo ist der Unterschied? Cis Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind homosexuell. Homosexualität ist ihr Begehren, ihre Sexualität. Cis ist ihre Geschlechtszuschreibung. Trans Männer, die ausschließlich Männer lieben, sind ebenfalls homosexuell, nur ihre Geschlechtszuschreibung variiert hier.
Häufig wird Transidentität oder auch Nicht-Binarität mit Sexualität gleichgesetzt. Aber: Die Identität eines Menschen gibt keinen Aufschluss über das Begehren. Charlie ist selbst noch auf der Suche nach der eigenen Sexualität. Ob Charlie nur auf weiblich gelesene Personen steht oder ob das Interesse vielleicht unabhängig vom Geschlecht ist, weiß Charlie noch nicht. Und wir wissen es somit auch nicht. Für viele Menschen ist das eine lebenslange Suche. Für manche Menschen öffnet sich ihre Sexualität während ihrer Identitätssuche. Für viele bleibt die gefundene Sexualität auch nach ihrer Transition bzw. Identitätssuche die gleiche, für andere wiederum verändert sich ihre Sexualität mit der Zeit. Wie gesagt: In BECOMING CHARLIE geht es nicht um die sexuelle Selbstfindung (also um das Begehren), sondern darum, in welchem Geschlecht Charlie verortet ist.
b) Sehr persönliche Note, aber im Sinne der korrekten Berichterstattung möchte ich offen legen, dass ich in meiner Kindheit/Jugend/frühem Erwachsenenalter nicht dem ausgesetzt war, dem Charlie sich aussetzen muss. Ganz einfach, weil ich mein Coming Out in meinen Dreißigern hatte. Charlies Lebenswelt ist weit entfernt von meiner eigenen, einzig die Schritte (hier in zeitlich komprimierter Weise) stellen eine Parallele her. Ich wundere mich, woher der Eindruck kommt, es könne sich um eine Nacherzählung meines eigenen Lebens handeln?
c) Also wenn schon, dann “non-binäre Autor*in”. Misgendern ist etwas, was mir – und ich bin keine fiktive Person, sondern ein real verankerter Mensch – böse aufstößt.
“Mal angriffslustig, mal lebensmüde, aber meist auf den Punkt einer zerrissenen Selbstreflexion, ringt die vierfachdiskriminierte Transgender-Person um Halt(ung). Als lesbische Frau kämpft sie um die Beziehung zur schwangeren Alina (Aiken-Stretje Andresen). Als arme Frau kämpft sie im Dunkel einer stromlosen Etagenwohnung gegen die Realitätsverweigerung ihrer kaufsüchtigen Mutter (Bärbel Schwarz). Als süße Frau kämpft sie gegen Vorurteile einer männlichen Umgebung (Danilo Kamperidis). Und als Frau, die weder das noch ein Mann sein will, kämpft sie mithilfe der Nachbarin Ronja (Sira Anna Faal) gegen sich selber – was Kerstin Polte in der eindrücklichsten Szene dieser tollen Serie zum Ausdruck bringt.”
Mich irritiert hier stark, dass unser ausdrücklich nicht-binärer Charakter Charlie – ich mein, es ist das Thema der Serie – hier als Frau geframed und misgendert wird. Mehrfachdiskriminierung: ja. Als queere trans und nicht-binäre Person um eine Beziehung zu kämpfen. Als queere nicht-binäre Person im Prekariat ums Überleben zu kämpfen (übrigens eine sehr queere Perspektive, da die meisten queeren Menschen in Existenznotständen leben). Als Mensch, der außerhalb des binären Spektrums in einer patriarchal geprägten Umwelt aufwächst – ja, das sind alles Marginalisierungen und Diskriminierungsaspekte, hat aber mit der weiblichen Lesbarkeit der Figur wenig zu tun.
“Tante, Kumpel, Chef, Nachbarn – alle sexuell außergewöhnlich.”
Wie gesagt: Charlies Findungsprozess hat nichts mit dem Begehren zu tun. Die queere Diversität hingegen, die wir zeigen, erzählt auch vom Begehren, also von Sexualitäten. Das queere Menschen einander suchen, ist nichts Neues, hat Tradition seit Jahrtausenden. Wir sind einander Schutz und Halt, was wir außerhalb der Schutzzonen selten oder nicht erfahren.
Also, eine lange Mail. Wenn es Rückfragen gibt, bin ich erreichbar. Besten Dank, dass Sie sich dem Thema annehmen!
Ich wünsch Ihnen noch einen guten Resttag und eine gute Woche!
—
Lion H. Lau
(Pronouns: none or they/them)
Meine Antwort an Lion H. Lau
Hallo Lion H. Lau,
danke für die sehr ausführliche Kritik zu meinem DWDL-Text, die ich sehr ernst nehme, aber auch zu einem Gefühl der Überforderung führt. Ich bewege mich durch meinen Wohnort St. Pauli in einem sehr diversen Umfeld, habe auch im engeren Umfeld viele LGBTQ+-Personen und scheitere trotzdem oft daran, allen sprachlich gerecht zu werden. Einige Formulierungen, das haben Sie womöglich am Podcast gehört, verwende ich bereits organisch, andere muss ich weiterhin kognitiv steuern, was immer noch zu oft, aber zusehends weniger in die Hose geht. Ihre Kritik an meiner Kritik ist demnach praktisch vollumfänglich gerechtfertigt, betrifft aber auch Fragen der Lesbarkeit solcher Texte.
Den Einstieg habe ich deshalb über primäre Geschlechtsmerkmale gewählt, weil es darin ums Pinkeln im Stehen geht, was ihnen, also den Merkmalen zumindest räumlich sehr nahe kommt. Damit negiere ich nicht Charlies Kampf für oder gegen ein soziales Geschlecht, sondern hole die Lesenden bei Bildern ab, die sie schnell verstehen. Unser Publikum hat vermutlich überwiegend heteronormative Denkstrukturen, die leicht zu überfordern sind. Auch, wenn Penisse und Vaginen bei der Definition des sozialen Geschlechts keine Rolle spielen, triggert beides die Vorstellung der meisten Menschen von Geschlecht und hilft daher bei der Einordnung. Meine Hoffnung war, dass die Lesenden das anhand meiner Formulierung, Charlie wolle weder Mann noch Frau, sondern beides oder etwas völlig anderes sein, schon verstehen. Auch die Verwendung des Begriffes “sexuell” im Zusammenhang mit “Identität” sollte hier nicht der Einengung aufs biologische Geschlecht dienen, sondern der leichteren Verständlichkeit.
Weil Charlies Entwicklungsprozess in diesem Zusammenhang meiner Deutung nach zudem noch in einem recht frühen Stadium ist, habe ich in einigen Formulierungen von ihr als Frau gesprochen, die sie aus Perspektive der meisten Menschen noch ist, aber nicht sein möchte. Als fiktionale Person kann ich ihr damit zwar keine sprachliche Gewalt antun, aber das muss ich in Zukunft dringend diverser formulieren – zumal sie als reale Person durch meine Formulierungen sehr wohl davon betroffen sind, wofür ich um Entschuldigung bitte. Nonbinäre Autorin statt Autor:in war allerdings keine Zuschreibung, sondern schlicht nachlässig.
Ein Satz noch zu Charlies Namen: Charlotte wird zwar nie erwähnt, die Wahrscheinlichkeit allerdings, dass ihre nicht grad gender fluide Mutter sie so genannt hat und daraus der Spitzname Charly entstand, würde ich mal so ungefähr bei 1 einordnen. Das war auch der einzige Punkt, an dem Ihre Kritik an meinem Text ein bisschen spitzfindig ist. Macht aber nix, wie ich finde – der Rest ist unbedingt dazu geeignet, mich und damit am Ende auch meine Lesenden weiterzubringen auf dem Weg zu einer vorurteils- und diskriminierungsfreien (ich sage bewusst nicht “toleranten”, da ich den Begriff kritisch sehe) Gesellschaft.
Nur eine Bitte noch, ohne damit irgendwas zu relativieren: Seien Sie bitte nicht so streng mit mir und meinesgleichen. Ich bin ein straighter, weißer, pass- und biodeutscher Mann, der in seinem Leben noch nie Diskriminierung erfahren hat und für ein Publikum schreibt, das mir vermutlich von diesen Voraussetzungen her (abgesehen vom Geschlecht) nicht unähnlich ist. Auf dieser Grundlage gebe ich mir alle Mühe, mich für diversere Personen gut und richtig und verletzungs- und gewaltfrei auszudrücken, ohne dass meine Texte Proseminare in Sachen Gender Studies werden. So wie Gas auf dem Weg zur grünen Wirtschaft ist meine Sprache eine Art Brückentechnologie, um LGBTQ+-Personen einzubinden, ohne den heteronormativen Mainstream zu überfordern. Der Weg dorthin ist mühsam, aber er lohnt sich. Wenn ich Fehler mache, mache ich Fehler, weil Menschen Fehler machen, nicht weil es mir an Willen oder Überzeugung mangelt, dass es der richtige Weg ist.
In diesem Sinne schönen Gruß und Glückauf aus Hamburg,
Jan Freitag
Scheißfragen & Schiffsärzte
Posted: May 30, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
23. – 29. Mai
Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Das Auftauchen neuer Viren, während der alte noch wüten darf, fügt dieser epidemiologischen Weisheit nun neue Komponenten hinzu: Nach der Pandemie ist vor der Pandemie ist nach dem Widerstand ist vor den Maßnahmen. Kaum nämlich, dass die Affenpocken auch außerhalb Afrikas auftreten, machen populistische Realitätsbastelkeller von Bild bis AfD publizistisch mobil. Die Tröpfchen-Infektion wird dort zwar als linksgrün-versifftes Unterwerfungsinstrument verteufelt, aber nur Zeilen später zur migrantisch-invasiven (AfD) oder homosexuell-diversen (Bild) Gefahr.
Die wutbürgerliche Logik dazu: Affenpocken gibt’s gar nicht, aber falls doch, wurden sie von N**** und Schwu*****n über weiße Heteros gebracht wie biblische Plagen aus Chinas Laboren. Diese „Verbindung zwischen der Vorstellung von Krankheit und der Vorstellung von Fremdheit“, wie sie die Sozialphilosophin Susan Sonntag mal erkannte, schafft ein verrücktes Paralleluniversum aus Affirmation und Negation, in dem widersprüchliche Wahrheiten zugleich abgestritten und anerkannt werden.
Ob es wohl ein leichtes Leben ist, sich mit Logik oder Denkschärfe zum Wohle der reinen Lehre nicht weiter zu beschäftigen? Dem liberalkonservativen Publizisten Georg Gafron wurde es offenbar zu schwer, als er bei Roland Tichys Einblick einen Text über Annalena Baerbock publizierte, der die Außenministerin anders als auf der neurechten Plattform nicht als grün-feministischen Gottseibeiuns verdammte, sondern lobende Worte für sie fand. Das war der Redaktion dann aber doch zu viel, weshalb sie den Text ohne Gafrons Wissen auf Linie schrieb.
Mehr Einfluss auf sein Medienbild wünscht sich auch Toni Kroos – oder wie er es im ZDF-Interview nach dem fast schon lachhaften Madrider CL-Sieg gegen Liverpool am Samstag ausdrückte: „Ich fordere positiv angelegte Fragen“. Also, lieber Nils Kaben: das nächste Mal fragen, wie glücklich der Sieger sei und auch sonst die Produktwerbung aller Field-Reporter betreiben. Kritischer Journalismus ist für Multimillionäre wie Kroos schließlich Majestätsbeleidigung.
Die Frischwoche
30. Mai – 5. Juni
Und damit nicht nur ein Feindbild selbstverliebter Fußballprofis, sondern natürlich auch Wladimir Putin. Dessen Umgang mit Majestätsbeleidigern kann der dünnhäutige Toni bei RTL+ bewundern, wo ab Mittwoch die bedrückende Dokumentation Nawalny (ab 6. Juni bei ntv, ab 27. Juni bei GEO) läuft. Falls der lautstarke Ärger über die „Scheißfragen“ eines öffentlich-rechtlichen Senders ungefähr seinem Intellekt entspricht, dürfte er an gleicher Stelle allerdings doch eher tags drauf Der Schiffsarzt bevorzugen.
Nachdem er voriges Jahr bereits auf dem echten Traumschiff Richtung Seychellen cruiste, übernimmt der kantige CIS-Supermann Moritz Otto auf einem RTL-Dampfer die Medizinabteilung. Und wer denkt, dem könnte es an Tiefgang fehlen, liegt vermutlich nicht ganz daneben. Vielleicht ist das für Kerle à la Kroos aber auch genauso zu weibisch wie Die ahnungslosen Engel, einer Disney+-Serie, in der eine Frau ab Mittwoch vom schwulen Doppelleben ihres verstorbenen Mannes erfährt.
Echte Männer können auch mit der 4. Staffel Borgen wenig anfangen – schon weil die Geschicke der dänischen Politik darin ab Donnerstag auf Netflix erneut von mächtigen Frauen gestaltet wird – und zwar oft zum Wohle anderer. Wie destruktiv Frauen sind, wenn sie männlicher Macht erliegen, zeigt dagegen das vierteilige Sky-Porträt Ghislaine Maxwell. Ab Freitag können wir der Ex von Jeffrey Epstein dabei zusehen, wie sie dem berüchtigten Sexualstraftäter Minderjährige Vergewaltigungsopfer zuführt.
Unangenehmes, aber erhellendes Thema. Zur Ablenkung sei da die zweite Staffel der großartigen Achtziger-Aerobic-Sause Physical ab Freitag bei Apple TV+ empfohlen. Und parallel dazu (23.55 Uhr) auf ZDFneo: die schwedische Polizeiserie Thin Blue Line.
Harry Wijnvoord: Heiße Preise & neue Ideen
Posted: May 27, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentDer Greis ist heiß
Nach 25 Jahren ist Der Preis ist heiß ohne Walter Freiwald, aber mit Harry Wijnvoord (Foto: RTL) zu RTL zurückgekehrt und damit eins Mix aus Nostalgie und Unterhaltung, wie das lebende Fernsehfossil im freitagsmedien-Interview sagt. Am 8. Juni läuft die zweite von vorerst drei Ausgaben, die erste ist abrufbar bei RTL+.
Von Jan Freitag
Herr Wijnvoord, wollen wir mal eben die aktuellen Preise der deutschen Konsumlandschaft durchgehen?
Harry Wijnvoord: Die ändern sich ja gerade ständig, aber schießen Sie los!
Was kostet ein Liter Biomilch bei Aldi?
Ein Euro und neun Cent.
Das haben Sie doch geraten!
Natürlich. So wie es meine Kandidatinnen und Kandidaten bei Der Preis ist heiß ja auch meistens tun.
Der Showmaster muss also gar nicht alles können, was er seinen Kandidatinnen und Kandidaten abverlangt?
Informiert sollte man schon sein. Deshalb schaue ich mir vor der Sendung die Preise alle mal an – schon, um vor der Kamera nicht ständig überrascht zu wirken. Ob ich die dann abrufen kann, ist eine andere Frage. Aber wer weiß denn aus dem Kopf, was Neuwagen oder Nudeln kosten. Deshalb lohnt es sich heute wie vor 25 Jahren, regelmäßig einkaufen zu gehen, um bei mir zu großen Preisen vorzustoßen.
Was ändert sich denn im Vergleich zu Ihrer letzten Sendung 1997?
Mein Sprecher, weil der wunderbare Walter Freiwald ja zwischenzeitlich leider gestorben ist. Aber Thorsten Schorn macht das auf seine Weise genauso gut. Und auch mit ihm war es dasselbe tolle Gefühl, hinter dieser Tür zu stehen, von der Assistentin das Mikro zu kriegen und aufs Publikum zuzulaufen. Dass ist heute wie damals Adrenalin pur für mich.
Zumal Ihre Assistentinnen noch die gleichen sind.
Auf meinen Wunsch hin. Wenn wir so eine Reise zurück in die Zukunft machen, dann doch mit allen, die damals dabei waren und es heute noch sein wollen. Damit möchte ich auch zeigen, dass Frauen mit 50 telegen sind und längst nicht zum alten Eisen zählen. Die Jahre sind an denen schließlich genauso spurlos vorübergegangen wie an mir (lacht).
Spaß beiseite: welche Spuren haben 25 Jahre an und in Ihnen hinterlassen?
Ich bin ruhiger geworden.
Noch ruhiger?!
Weil ich ein glücklicher Mensch war und bin, habe ich stets in mir geruht. Aber äußerlich war ich ruhiger als innerlich, das hat sich mittlerweile angeglichen. Bevor ich zum ersten Mal wieder am Set war, dachte ich schon kurz, mein Gott Harry, was machst du jetzt im Studio statt im Liegestuhl. Und nach drei Tagen vor der Kamera war ich natürlich todmüde, aber ich habe mich jünger gefühlt. Wobei ich nach dem Ende 1997 ja nicht die Füße hochgelegt habe.
Sondern?
Nachdem ich vergeblich darauf gewartet habe, dass mir jemand die Seniorenkuppelshow „Der Greis ist heiß“ anbietet, habe ich die Kochsendung Der Reis ist heiß gemacht und Teleshopping. Ich war zu Gast in Quiz- oder Talkshows, als Mann der Touristik acht Jahre lang Reiseexperte bei Sonnenklar.TV, habe Aufklärungskampagnen für Diabetes gemacht. Selbst während der Pandemie war ich immer gut beschäftigt.
Am besten beschäftigt waren Sie aber in 1873 Folgen Der Preis ist heiß, die seinerzeit Ausdruck einer sorgenfreieren Zeit waren. Wie passt die Sendung da in die Gegenwart unablässiger Krisen?
Es ist eine Mischung aus Nostalgie und Unterhaltung, damals wie heute. Die Sendung wurde ja auch nicht wegen ihrer Erfolglosigkeit eingestellt; wir hatten bis zuletzt 40 Prozent Marktanteil. Es lag am neuen Senderchef, der Akzente nach seiner Fasson setzen wollte. Da spielten Gameshows eine kleinere Rolle. Aber was man an den Formaten von damals hatte, sieht man heute ja im Programm aller Kanäle.
Wo von TV total bis Geh aufs Ganze vieles zurückkehrt. Träumt sich das Publikum damit in bessere Zeiten zu träumen?
Das folgt zuerst dem Bedürfnis, sich einfach gut unterhalten zu lassen. Aber es stimmt schon: gerade in dieser schwierigen Zeit ist es wichtig, dass die Leute nach der „Tagesschau“ zwei Stunden komplett vom Weltgeschehen abschalten. Das Prinzip lautet da Brot und Spiele.
Lassen Sie sich als Konsument lieber leicht oder schwer unterhalten?
Natürlich sehe ich bei aller Liebe zur leichten Unterhaltung auch harte Nachrichten oder Dokumentationen. Wobei sich auch mein Fernsehverhalten geändert hat. Ich bin mittlerweile mein eigener Programmchef und schaue, was mein Streaming-Dienst anbietet, wann ich es will – auch, weil mich das lineare Fernsehen immer weniger vor die Mattscheibe gelockt hat.
Locken Sie Revivals wie Wetten, dass…? denn zurück ins Regelprogramm?
Schon, denn gerade das empfinde ich als revolutionär. Die Erkenntnis nämlich, das Fernsehen nicht ständig neu erfinden zu müssen, sondern auf alte Stärken zu setzen.
Haben Sie dennoch neue Ideen?
Ja.
Aber Sie sprechen nicht drüber?
Richtig (lacht). Es geht Richtung Schlager, was wir wegen eines Corona-Falles im Team aber um zehn Tage verschieben mussten, sonst wäre ich heute schon am Set gewesen. Schließlich bin ich als früherer Radiomoderator schlageraffin und habe grad selbst einen gemacht. Wobei ich den Begriff „Schlager“ für das meiste, was heute so genannt wird, falsch finde. Im Prinzip ist das Popmusik. Das nenne ich mal schlechtes Marketing.
Also machen Sie eine Popsendung?
Das auch wieder nicht. Wir müssen mit dem Label jetzt leben, das ist okay.
Der Preis ist heiß ist dagegen keine Rateshow, sondern eine Dauerwerbesendung.
Und das ärgert mich damals wie heute gleich. Von 27 Nationen, in denen die Sendung läuft – seit neuestem auch Uruguay, wo ich als Berater tätig bin –, ist Deutschland die einzige, in der diese Warnung im Bildschirmeck steht. Das nenne ich Beamtenmentalität, die den Leuten das Denken abnimmt. Als würden es nicht alle merken, wenn wirklich Werbung läuft.
Meinen Sie wirklich?
Mein Gott, wenn jede Sendung mit sichtbaren Markenprodukten Dauerwerbesendung hieße, gäbe es doch keine anderen mehr…
Zur Person
Harry Wijnvoord, geboren 1949 in Den Haag, macht Lehren als Kürschner und Steuerberater, kommt allerdings zu RTL, als dort jemand sein Talent als Reisebegleiter auf Kreuzfahrtschiffen erkennt. Mit 40 moderiert er 1. Folge „Der Preis ist heiß“, acht Jahre später die 1872. und letzte. Seither verwaltet Wijnvoord sein Erbe mit Kochsendungen, Cameo-Auftritten, Reiseformaten und einem Besuch im Dschungelcamp 2004. Der 72-Jährige lebt mit seiner zweiten Frau im Münsterland.
Neue Colts & All Together Now
Posted: May 23, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche

16. – 22. Mai
Retrowelle neues Fernsehen? Universal plant ein Remake von The Fall Guy mit Ryan Gosling als australischer Colt für alle Fälle. Im November moderiert Thomas Gottschalk zum zweiten Mal seit dem endgültigen Abschied Wetten, dass…? im Zweiten. Und dann stand zum 3. Geburtstag des legendären Ibiza-Videos vom 17. Mai 2019 der untote Heinz-Christian Strache im Mittelpunkt einer bizarre Drehortreise von Puls 24. Wobei die arrogante Selbstentlarvung des schwer korruptionsverdächtigen Österreichverkäufers in Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende wirklich sehenswert ist.
Zurück auf der langen Liste deutscher Nachkriegsjournalisten mit NS-Vergangenheit ist derweil auch Henri Nannen, von dem das NDR-Rechercheteam Strg_F Flugblätter mit menschenverachtendem Inhalt sämtlicher braunen Farbtöne ausgegraben hat. Nachdem die Wirtschaftswundergesellschaft bis in die Wirtschaftskrisen der Achtzigerjahre seltsam nachsichtig im Umgang mit den geläuterten SS-Propagandisten war, dürften Nannen-Schule und Nannen-Preis nun wohl endgültig umbenannt werden.
Kein allzu schöner Tag also für den Hamburger G+J Verlag, dessen Reputation seit der Übernahme durch RTL ohnehin so tief gesunken war wie die Auflage des Sterns. Das allerdings hat dieses knallbunt angegraute Leitmedium der alten Bundesrepublik mit Netflix gemeinsam, wo nach den miesen Abo-Zahlen vom April nun auch noch 150 Mitarbeiter*innen gehen – und zwar ausgerechnet, als der absurdeste Rechtstreit unserer Tage den Regenbogenblätterwald füllt: Johnny Depp vs. Amber Heard.
Wer hier wem mehr Gewalt angetan hat, wissen am Ende nur die entzweiten Eheleute. Aber wie beide sich mit psychoaktiver Gewalt in aller Öffentlichkeit selbst- und gegenseitig demontieren, ist ein Paradebeispiel der entfesselten Aufmerksamkeitsgesellschaft im Zeitalter asozialer Medien. Wie gut, dass es immer wieder mal Themen schaffen, dennoch unterm Radar zu bleiben.
Die Frischwoche
23. – 29. Mai
Das neue Sat1-Casting All Together Now zum Beispiel, mit dem der ziemlich egale Sender das tausendfach totgerittene Prinzip Gesangswettbewerb ab Freitag sechs Teile lang aus der Fernsehgruft zerrt, allerdings mit einer Jury aus 100 Personen, die – wie gewohnt ein geklautes Konzept vom internationalen Markt – mitsingen, falls ihnen das Liedchen gefällt. Wenn das Reservoir der Selbstachtung auf null ist: maximiere einfach die Parameter und warte ab, was passiert.
Wie gut, dass Sat1 mit den Relegationsspielen zur 1. und 2. Fußballbundesliga heute und morgen zwei kleine Quotengaranten voller Traditionsvereine im Hauptabendprogramm hat – da merkt man den Totalausfall vom gewaltigen Rest nicht so sehr. Wobei dem enteilten Konkurrenten RTL abseits der heutigen Jubiläumssendung zum 18. Geburtstag von Bauer sucht Frau auch nicht allzu viel neues einfällt.
ZDFneo dagegen holt die fabelhafte Diversity-Serie Becoming Charlie morgen um 20.15 Uhr am Stück aus der eigenen Mediathek ins lineare Programm, während die ARD das 70. Thronjubiläum der ewigen Queen am Donnerstag in einer sechsteiligen Doku komplett online feiert. Parallel dazu startet bei Magenta der ebenfalls sechsteilige Krimithriller Missing Kid nach Büchern von Irvine Welsh, in denen mal wieder nach verlorenen Kindern gesucht wird.
Mysteriös wird es dagegen tags darauf bei der mehrfach verschobenen Sky-Serie The Rising, die allerdings mehr noch als Staffel 4 vom nostalgisch-schaurigen Netflix-Blockbuster Stranger Things im Schatten des wuchtigsten Neustarts dieser Woche steht: Obi Wan Kenobi, das ungefähr 473. Spin-Off aus dem Star-Wars-Kosmos, über das man leider noch nichts sagen kann, weil Disney+ die Serie bis zur Premiere wie ein Staatsgeheimnis unter Verschluss hält.
Wer Fernsehtipps lieber hört als liest, kriegt einige davon aber auch beim geschwisterlich verbundenen Podcast Och eine noch auf die Ohren – genauer: Diskussionswürdiges zu Becoming Charly, Tokyo Vice und Die Schlange von Essex.
Erdmöbel, Alex Izenberg, Drens
Posted: May 21, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a commentErdmöbel
Männliche Boomer unterliegen einer Reihe von Vorurteilen, und nicht alle sind fair. Sie, so heißt es unter Spätgeborenen, seien selbstgefällig, selbstreferenziell, selbstgenügsam und noch so einiges mehr mit “selbst” davor. Wenn vier Fünfziger- bis Sechzigerjahrgänge mit dem morbiden Bandnamen “Erdmöbel” seit 1993 gemeinsam musizieren, müsste das Kreisen ums Ego also eigentlich toxische Form annehmen und irgendwie eklig werden. Wird es aber nicht. Im Gegenteil.
Auf ihrer 13. Platte Guten Morgen, Ragazzi reisen die vier Kölner selbstbewusst, aber bescheiden durch den nostalgischen Klangkosmos. Wenn Markus Berges mit Atari-Kopfstimme Nichts ist nur irgendwas singt und verschlafene Bläser dazu durch den Offbeat einer kleinen Popsinfonie schwirren, die sich nicht mal für ölige Gitarrensoli zu schade ist, lugt die Zukunft durchs Geschichtsbewusstsein. Keines der zehn Stücke klingt da nach kohortenypischer Angst vorm Privilegienverlust, sondern im Gegenteil: neugierig, aufgeschlossen, auf retrospektive Art futuristisch.
Erdmöbel – Guten Morgen, Ragazzi (jippie! industrie)
Alex Izenberg
Schwer zu sagen, welcher Jahrgangskohorte Alex Izenberg. entspringt. Angesichts seines Karrierestarts vor sechs Jahren aber dürfte es eine viel jüngere sein. Das ist bei der Bewertung seiner dritten Platte wichtig – scheint sie doch einer betagten, fast schon greisen Seele zu entspringen, gramgebeugt und kampfgeschunden. I’m Not Here heißt sie und wühlt mit melancholischer Sam-Genders-Stimme so genüsslich im Fundus tradierter Klänge wie Erdmöbel.
Das kann allerdings nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen, wie viele Wunden sich der Solo-Künstler aus L.A. mithilfe seiner fröhlichen Melange leckt. Textlich die pure Schmerztherapie, ist der Zehnteiler musikalisch von fast schon orchestraler Verspieltheit. Midwest-Country spielt da hinein, Westcoast-Pop, Eastcoast-Cool, ein bisschen Southern Soul – Izenberg begibt sich auf eine tour d’america, die gleichsam Spaß und nachdenklich macht.
Alex Izenberg – I’m Not Here (Domino)
Drens
Und damit, als Abschluss zum Abklingen, etwas komplett anderes, das Melancholie, Schmerz und Drama kaum ferner sein könnte: Drens, vier Dortmunder, die sich der Bandlegende nach an einem der Ruhrpott-Büdchen versammelt haben, um den beginnenden Blues einer perspektivlosen Großstadtjugend in Grund und Boden zu stampfen. Surfpunk aus der Asphaltwüste – klappt auf dem Debütalbum Holy Demon schon mal ganz gut.
Mit hoch gepitchtem Fuzz-Geschrammel im Flanell der frühen Neunziger machen die weißen Ghettokids keine Kompromisse. Eins-zwei-drei-four to the floor. Viel Tempo, volle Möhre. Was Holy Demon originell macht, ist da ein komischer Wave-Groove im Garagensound, leicht verpeilte Bass-Läufe, ein paar Cramps-Avancen an dystopische Abseiten des Punkrock, Choräle ohne Parolengepöbel. Aufgerauter Gitarrenopop für Saufästheten.
Drens – Holy Demon (Glitterhouse)
Hebestreit: Scholz-Sprecher & Krisenerklärer
Posted: May 20, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch, Uncategorized | Leave a comment
There’s no glory in prevention
Normalerweise kriegen neue Regierungen eine Schonfrist, 100 Tage zumeist. Die von Olaf Scholz jedoch steckt vom Start weg im Krisenmodus, den sein Regierungssprecher Steffen Hebestreit (49, Foto: Marzena Skubatz) erklären muss. Als Chef des Bundespresseamts steht der frühere Journalist vor der Frage: Wie kann man in Kriegszeiten transparent und glaubwürdig kommunizieren? freitagsmedien dokumentiert das journalist-Interview vom Monatsanfang in voller Länge.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Hebestreit, normalerweise wird neuen Regierungen und damit auch ihren Kommunikationsabteilungen eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt, in denen beide ein wenig unter Welpenschutz stehen. Wie lang war Ihre Schonfrist – 100 Minuten?
Steffen Hebestreit: Wenn überhaupt… Aber diese 100 Tage sind schon immer mehr ein hehrer Wunsch gewesen als die Wirklichkeit, seit Franklin D. Roosevelt bei seinem Amtsantritt gesagt hatte: Give me a hundred days. Ich habe jedenfalls nach 28 Tagen den ersten Leitartikel gelesen, der sagte, eigentlich habe eine Regierung ja 100 Tage Schonzeit, aber schon jetzt müsse man sagen: alles Mist.
Also 27 Tage Schonfrist?
Wieso sollte es überhaupt eine Schonzeit geben, das habe ich nie verstanden. Eine neue Regierung, ein neuer Kanzler, neue Politik, das ist doch wahnsinnig spannend. Ich kann schon verstehen, dass Journalisten und Opposition das vom ersten Tag an kritisch begleiten wollen.
Zumal in einer hochtourigen Zeit, in der sich Menschheitskrisen nicht bloß abwechseln, sondern überlappen.
Mir hat gut gefallen, dass es zwischen alter und neuer Regierung einen so reibungslosen und vertrauensvollen Übergang gegeben hat. Hier an dem Tisch, an dem wir gerade sitzen, saß ich seinerzeit mit Steffen Seibert und wir haben uns ausgiebig darüber ausgetauscht, was auf mich als Regierungssprecher zukommen wird. Das war bei früheren Regierungswechseln nicht üblich. Da Olaf Scholz als Vizekanzler der scheidenden Regierung schon angehörte, mag es leichter gewesen sein, uns frühzeitig einzubinden. Bei den Bund-Länder-Runden zur Pandemie waren wir ohnehin immer zugeschaltet. Ab Mitte November saßen Scholz und ich dann im Kanzleramt mit in diesen Runden. Die neue Bundesregierung wurde am 8. Dezember vereidigt, einen Tag später leitete der neue Kanzler dann erstmals diese Runde.
Ansonsten werden Regierungssprecher – das -innen kann man sich mangels Frauen seit 1949 leicht sparen – hier im Bundespresseamt also nicht förmlich eingearbeitet?
Nein, das ist eigentlich nirgends üblich. Normalerweise gibt es eine kurze Tasse Kaffee, ein paar freundliche Worte und Hinweise, hier wäre dann die Toilette, dort das Vorzimmer. Fertig. Ich habe mich sehr gefreut, dass mein Vorgänger sich da mehr Zeit genommen hat. Dadurch, dass wir uns schon gut kannten seit meiner Zeit als Korrespondent und wir in der letzten Regierung ja auch einiges miteinander zu tun hatten, war das sehr kollegial, offen und vertrauensvoll.
Was war denn üblich?
Nun, als ich seinerzeit am allerersten Tag mit dem frisch vereidigten Bundesminister der Finanzen ins Ministerium ankam, wurde mir ein freies Zimmer zugeteilt. Jemand, den ich nicht kannte, legte mir kurze Zeit später einen Stapel Akten auf den Tisch. Ich fragte: „Was mache ich damit?“ Er: „Verfügen!“ Ich: „An wen?“ Er: „Ans Haus“. Das war’s.
Immerhin wussten Sie, was „verfügen“ heißt
Immerhin. Beim Wechsel ins Bundespresseamt war das einfacher, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Als früherer Korrespondent, Ex-Vorstand der BPK, Leiter der Hamburger Landesvertretung und zuletzt als Sprecher des Finanzministeriums hatte ich auch immer wieder mit dem Bundespresseamt zu tun.
Wenn Sie Ihren Start als Hauptstadtjournalist mit dem jetzigen als deren Informationsversorger vergleichen – wären Sie lieber damals, als Regierungen noch Krisen bewältigt haben, Sprecher geworden, oder ist heute, wo Krisen Regierungen überwältigen, besser?
Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Natürlich ist die gegenwärtige Situation mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine eine außergewöhnliche Herausforderung, die uns alle sehr besorgt. Aber auch früher mangelte es nicht an Megathemen: 2008 die Finanzkrise, 2011 Fukushima, 2015 Flüchtlingssituation, seit 2020 die Pandemie…
Zwischendurch Klimawandel in beschleunigter Dauerschleife…
…wie gesagt, jede Regierung hat ihre Herausforderungen.
Das Besondere an den genannten Megathemen ist allerdings, dass sie sich einst nacheinander ereignet haben, während sie sich heute parallel auftürmen und nicht mehr den Eindruck erwecken, noch beherrschbar zu sein. Drohen Regierungssprecher da bei aller Spannung nicht eher an Krisen zu scheitern, deren Lösbarkeit sie eigentlich vermitteln sollen?
Ich bin nicht sicher, ob die damals Beteiligten das Gefühl hatten, alles ginge schön geordnet nacheinander vonstatten. Die Aufgabe des Regierungssprechers ist es, das Handeln der Regierung zu erklären und zu vermitteln, was sie tut. Natürlich stellt der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zäsur da. Ich bin aber überzeugt, dass die Bundesregierung in dieser schweren Krise das Richtige tut und richtig handelt.
Das sollten Sie auch, als deren Sprecher.
Unsere Aufgabe ist es zu erklären, wie die Regierung handelt und welche Politik sie verfolgt.
Gabe es in den vier Monaten Momente, wo das aus Ihrer Sicht mal geklappt hat?
Natürlich, immer wieder. In der Corona-Pandemie waren wir vor Weihnachten in einer sehr heiklen Phase, die Delta-Welle war noch nicht abgeebbt und Omikron tauchte auf. Es gab Rufe nach einem abermaligen Lockdown, die Sorge davor, dass unser Gesundheitssystem zusammenbrechen könnte und die kritische Infrastruktur. Die neue Bundesregierung hat daraufhin strikte Maßnahmen erlassen wie Maskenpflicht, 3G, 2G, aber keinen Lockdown verfügt – und gleichzeitig eine Impfkampagne aufgesetzt. Innerhalb von sechs Wochen haben sich 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger ein drittes Mal impfen lassen, das hatte uns vorher niemand zugetraut. Das war ein wichtiger Schritt, damit wir einigermaßen durch diesen Winter gekommen sind. Aber: There’s no glory in prevention! Solche Erfolge sind kurzlebig. Die Pandemie ist nirgends in der Welt wirklich überwunden. Umso wichtiger ist es, das Erreichte ins Verhältnis zum Möglichen zu setzen.
Wie sieht ihre Bilanz mit Blick auf den Krieg in der Ukraine aus? Die Bundesregierung steht gerade unter gehörigem Druck…
Einmal vorweg: Dieser Krieg ist furchtbar und das Leid ist unermesslich – für uns alle ist das doch alles kaum zu ertragen. Emotional verstehe ich daher den Wunsch, es möge den einen Knopf geben, den man nur schnell drücken müsse, und der Horror wäre vorüber. Anfangs schien es, man müsse nur Nordstream 2 aufgeben, und alles werde gut. Nächster Knopf: Sanktionen gegen Moskau erlassen. Dritter Knopf: Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abkoppeln. Als nächstes: Auch Deutschland müsse Waffen liefern. Dann: Immer stärkere und tiefgreifende Sanktionen. Und jetzt also die Frage nach der Lieferung schwerer Waffen. All diese Schritte ist Deutschland nach gründlicher Abwägung, in enger Abstimmung mit unseren internationalen Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks gegangen – und doch konnte und kann es einigen nicht schnell genug gehen.
Bislang sehr offensichtlich nicht nur ein politisches, sondern kommunikatives Desaster!
Nein. Im Krieg gibt es keine einfachen Lösungen – und wer einfache Lösungen verspricht, wird seiner Verantwortung nicht gerecht. Und wie gesagt: Abschaltknöpfe gibt es nicht…
Klingt die Knopf-Metapher nicht ein bisschen fatalistisch nach dem Sprecher einer Regierung, deren Schritte grundsätzlich ein Stück zu kurz sind für die Realität?
Falsch. Nach dem Sprecher einer Regierung, die ihre Entscheidungen wohl abwägt und von klaren Prinzipien leiten lässt: Erstens: Deutschland will der Ukraine so gut es irgend geht im Kampf gegen den Aggressor Putin helfen. Zweitens: Die Nato und Deutschland wollen eine direkte Konfrontation mit der Atommacht Russland vermeiden, die in eine unvorstellbare Katastrophe weit über die Ukraine hinausführen würde. Und drittens prescht Deutschland nirgends voran, sondern bewegt sich immer in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten. Im Bewusstsein, dass sich die Lage ständig verändert und wir auch darauf reagieren müssen. Deshalb können nicht alle Forderungen, die an Deutschland gerichtet werden, sofort erfüllt werden. Das sind oft schwierige Abwägungsentscheidungen, aber so funktioniert verantwortungsvolle Politik.
Ist die Kritik an der aktuellen Politik also vor allem ein kommunikatives Problem der akzeptanzfördernden Vermittlung dieser Sachentscheidungen?
Im Augenblick dominieren die Stimmen in der Öffentlichkeit, die mit Blick auf den furchtbaren Krieg ein Vorpreschen Deutschlands verlangen. Die Bundesregierung folgt der oben beschriebenen abwägenden Linie in enger Absprache mit unseren Verbündeten. Und der Bundeskanzler ist ein sehr erfahrener Politiker, der öffentlichen Druck gewohnt ist und sich nicht kirre machen lässt. Dafür ist er gewählt worden. Als Regierungssprecher ist es meine Aufgabe, diese Position deutlich zu machen und zu erklären, auch wenn manche eine andere Politik wollen.
Aber macht das den Regierungssprecher nicht zum Regierungskrisensprecher?
Tja, das gehört zur Stellenbeschreibung. Fragen Sie mal meine Vorgänger, wie oft sie das Gefühl hatten, Zuspruch fürs Handeln ihrer Regierungen zu kriegen. Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Nur wer nichts tut, macht auch nichts falsch – und selbst das kann ein Fehler sein. Wenn ich von journalistischer Seite Lob bekäme, würde ich vermutlich einiges falsch machen. Was aber nicht heißt, dass ich meine Arbeit dann am besten mache, wenn es viel Kritik gibt.
Olaf Scholz hat in Bezug auf den russischen Angriffskrieg den Begriff der politischen Zeitenwende verwendet. Gibt es auch eine Zeitenwende der politischen Kommunikation, die damit einhergeht?
Die politische Zeitenwende muss kommunikativ begleitet werden. Allerdings befinden wir uns, wie Sie es anfangs ausgedrückt haben, vom ersten Tag an im Krisenbewältigungsmodus, insofern gibt es dafür kein vorgefertigtes Kommunikationskonzept. Mit meinen Stellvertretern habe ich aber vereinbart, dass wir noch transparenter, erklärender und umfassender kommunizieren wollen.
Von welcher Seite aus gesehen?
Regierungsseitig wollen wir nicht nur senden. Deshalb geht der Bundeskanzler anders als seine Vorgängerin häufiger in Formate wie heute-journal, Bericht aus Berlin, RTL-aktuell oder in Talkshows wie Illner und Anne Will, um sich befragen und hinterfragen zu lassen. Das gilt mindestens so stark für Regierungsmitglieder wie Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock oder Nancy Faeser – alle erläutern öffentlich, wofür diese Regierung steht.
Gibt es eine Art Handwerkskasten, der Ihnen zur Hand gegeben wurde, um Stresssituation zu meistern?
Schön wär’s, aber da hat wohl jeder und jede eigene Strategien.
Werden bewegte Zeiten grundlegend anders kommuniziert als ruhigere?
(überlegt lange) Da hat jede Sprecherin, jeder Sprecher vermutlich individuelle Herangehensweisen, aber ich versuche zusammen mit den beiden stellvertretenden Regierungssprechern in der Bundespressekonferenz…
Wo Sie nur zu Gast sind.
…dort versuchen wir jede Frage, ob über ruhigere oder bewegendere Themen, mit der angemessenen Klarheit zu beantworten. Das mag nicht immer gelingen, aber wir streben es an. Manchmal geht es auch gar nicht darum, nichts sagen zu wollen, sondern nichts sagen zu können. Ich sage manchmal ketzerisch: Der Bundeskanzler folgt mitunter dem Ricola-Prinzip der Kommunikation.
Sie meinen das Schweizer Kräuterbonbon?
Genau. Deren Slogan lautete: „Wer hat’s erfunden? Die Schweizer.“ Während viele Politiker oft und gerne vollmundig ankündigen, was sie vorhaben, bereitet Scholz erst abseits der Öffentlichkeit seine Entscheidungen gründlich vor und verweist im Anschluss öffentlich auf das, was geschafft worden ist.
Aber wird ihm nicht genau das gerade massiv zum Nachteil ausgelegt?
Das mag vorkommen, aber insgesamt ist er mit diesem Prinzip in den letzten Jahren doch recht erfolgreich gewesen – unlängst hat er eine Bundestagswahl gewonnen. Aber natürlich ist das kein Rezept für jede Lebenslage. Manchmal ist es nötig, konkrete Zielvorgaben zu verkünden, damit die nötige politische Dynamik entsteht. Im vorigen November kündigte Scholz an, bis Ende Dezember 30 Millionen Impfungen durchgeführt haben zu wollen. Daran gab es viel Kritik, weil es angeblich nicht zu schaffen wäre. Noch vor Heiligabend allerdings war das Ziel erfüllt. Ein toller Erfolg. Daraufhin hat der Kanzler die Parole ausgegeben, die nächsten 30 Millionen bis Ende Januar erreichen zu wollen – was bekanntlich nicht ganz hingehauen hat.
Und das Bundespresseamt in Schockstarre versetzt?
Ach nein, dafür sind die meisten der 500 Frauen und Männer hier im Haus zu erfahren und bleiben selbst dann gelassen, wenn der neue Regierungssprecher mal etwas frei von der Leber weg redet. Jetzt aber die Preisfrage: Hätte der Kanzler das Ziel lieber nicht formulieren sollen, weil es die Gefahr gab, dass es nicht erreicht wird? Oder müssen Führungskräfte ab und an Zielmarken setzen – und sei es nur, um sich ihnen anzunähern? Der Bundeskanzler neigt relativ selten dazu, da fällt es umso mehr auf, wenn er es doch mal tut.
Genau deshalb wird ihm vorgeworfen, er eiert rum.
(nickt)
Bleibt im Ungefähren.
(nickt)
Liefert also nicht jene Führung, die er im Wahlkampf versprochen hatte.
Na ja…
Ist das ein Problem von Olaf Scholz oder seinem Kommunikationsteam?
Grundsätzlich ist immer die Kommunikation schuld (lacht). Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Anspruch, wie politische Kommunikation angeblich zu funktionieren habe, selten dem Praxistest standhält. Jedenfalls wenn ich mich im Land umblicke oder in den Vorgänger-Regierungen. Jeder und jede hat einen eigenen Stil und bleibt diesem Stil einigermaßen treu. Die wenigsten folgen den vielen klugen Ratschlägen, die sie Tag für Tag in den Zeitungen lesen. Alles andere würden die Bürgerinnen und Bürger auch als unauthentisch empfinden.
Was bedeutet das für die aktuelle Debatte über den Ukraine-Krieg?
Trotz aller Emotionen muss die Regierung einen kühlen Kopf bewahren und stets das große Ganze im Blick behalten. Alle, wirklich alle wollen diesen Krieg schnellstmöglich beendet sehen.
Aber?
Unsere Möglichkeiten, das aus eigener Kraft zu bewirken, sind begrenzt. Da wären wir wieder beim ersehnten Knopf, den es nicht gibt. Beispiel: Ein sofortiger Energie-Boykott, um Putin in die Knie zu zwingen. Man könne doch einen warmen Pulli anziehen und die Heizung herunterdrehen oder das Auto öfter stehenlassen, wird argumentiert. Dass es dabei um ganze Industriezweige geht mit Abertausenden von Arbeitsplätzen, die von einem solchen Boykott massiv betroffen wären, gilt oft als lästiges Detail. So etwas muss verantwortungsvolles Regierungshandeln aber berücksichtigen. Das ist, wie der Wirtschaftsminister sagt, reine Physik. Ein Chemiepark, der 30 Prozent weniger Gas zur Verfügung hat, produziert nicht 70 Prozent, sondern null.
Ein gern gewähltes Beispiel: die Glasherstellung.
Wenn da der Kessel einmal auskühlt, können Sie ihn wegschmeißen. Und wenn der Spiegel, die Zeit oder auch Ihr journalist innerhalb weniger Wochen nicht mehr erscheinen kann wegen Papiermangels, ist womöglich ganz Schluss, weil Sie nichts mehr verdienen. All dies gilt es zu bedenken und Entscheidungen zu treffen, die durchzuhalten sind.
Und Ihr Job als Regierungssprecher ist es also, sich dabei schützend vor den Kanzler zu stellen und die Kommunikation so zu gestalten, dass von solchen Entscheidungen nichts an seinem Amt hängenbleibt?
Nein, mein Job ist es, in Gesprächen, Interviews und Pressekonferenzen die Politik und die Komplexität zu erläutern. Transparenz herzustellen! Die zweite Hauptaufgabe besteht darin, zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung innerhalb der Berliner Politblase zu moderieren, in der es häufig ein bisschen aufgeregter zugeht als außerhalb. Ich habe in meinem Politologie-Studium ausgiebig qualitative und quantitative Sozialforschung betrieben. Es kommt schon darauf an, wie ich eine Frage formuliere: Wenn ich frage, ob Deutschland die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen sollte, um weitere russische Kriegsverbrechen zu verhindern, werden 90 Prozent zustimmen. Wenn ich frage, ob man für die Lieferung schwerer Waffen einen Dritten Weltkrieg riskieren sollte, sieht das ganz anders aus…
Womit was bewiesen wäre?
Dass es nicht nur um Meinungsbilder geht, sondern auch um Machbarkeiten. Erfahrene Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker bringen ein gutes Gefühl dafür mit, beides zu berücksichtigen. Meine Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge darzustellen.
Wir befinden uns allerdings nicht nur im Krieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch im Krieg rechter Populisten gegen Demokratie und Pressefreiheit oder im Krieg der Menschheit gegen den eigenen Planeten – sind Kriege nicht Zeiten der Geheimhaltung, nicht der Transparenz?
Gerade in diesen Tagen sollten wir den Begriff Krieg nicht zu inflationär verwenden. Aber den beschriebenen Spagat müssen wir in der Tat aushalten. Es braucht Geheimhaltung, insbesondere im Bereich von militärischer Sicherheit. Andererseits ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise riesig – und es wird gerne unterstellt, dass Fakten aus niederträchtigen Motiven verheimlicht würden, am Ende also, dass die Wahrheit bewusst verheimlicht werden solle.
Wobei Sie nicht dafür da sind, Wahrheiten zu kommunizieren, sondern Regierungshandeln.
Ein demokratisch legitimiertes Handeln auf Grundlage des Grundgesetzes. Aber für jeden Regierungssprecher, jede Regierungssprecherin gilt: Du darfst nicht lügen.
Aber ungeliebte Wahrheiten wie jene, dass der Klimawandel nur aufzuhalten ist, wenn wir unseren Wohlstand zumindest materiell massiv einschränken, müssen Sie verschweigen?
Das ist, glaube ich, auch eine Frage des sprachlichen Geschmacks, der im Blick behalten muss, dass die einen Tacheles hören wollen, während andere irgendwann komplett abblocken, wenn die Aussichten fortwährend als katastrophal dargestellt werden. Der Wirtschaftsminister spricht von „Zumutungen“, der Bundeskanzler formuliert lösungsorientierter, dass er dafür sorgen möchte, dass wir mit der Situation „gut zurechtkommen“.
Christian Lindners Sprachgeschmack wiederum ginge in Richtung „dornige Chancen“. Was ist denn ihrer als Sprecher?
Mein Geschmack spielt da keine große Rolle. Wenn man wie ich seit 2015 für den gleichen Chef tätig ist, nähern sich die Geschmäcker sowieso ein bisschen an. Manchmal ertappe ich mich dabei, privat Dinge zu sagen, die von ihm stammen könnten; ich weiß nicht, ob es ihm umgekehrt auch mal so geht. Wenn ich ständig etwas anderes denken würde als der, für den ich arbeite, sollte ich mir einen anderen Job suchen. Kennen Sie The WestWing?
Eine Politserie der späten Neunzigerjahre, die vor allem im Weißen Haus spielt?
Genau. Meine Lieblingsfigur ist US-Präsident Josiah Bartlet. An einer Stelle überlegt sein Team, wie der Präsident medial zu platzieren sei. Ob er nicht so sein müsse oder dies anders tun solle. Und dabei fällt ein für mich entscheidender Satz der politischen Kommunikation: „Let Bartlet be Bartlet.“ Man kann und soll Menschen in politischer Verantwortung kommunikativ nicht neu erfinden, sondern abbilden – davon bin ich fest überzeugt.
Geht es um Authentizität oder Glaubwürdigkeit, wenn Sie Scholz Scholz sein lassen?
Beides – wenn eins von beiden fehlt, spüren die Bürgerinnen und Bürger das sehr genau. Deshalb wägt er seine Worte und Taten so genau. Wenn man versuchen würde, aus dem Kanzler kommunikativ einen Barack Obama zu machen, ginge das definitiv nach hinten los.
Sind Sie trotz Ihrer Aufgabe, sich schützend und erklärend vor die Bundesregierung zu stellen, auch jener Bote, der wie einst in der Antike stellvertretend für die Botschaften gegrillt wird?
Wer würde in diesem Szenario jetzt wen bestrafen?
Die Öffentlichkeit den Überbringer schlechter oder unerwünschter Informationen, also Sie.
Diese Frage kommt in meinem Fall vielleicht etwas früh. Außerhalb der engeren Berliner Szene hat bislang doch kaum jemand eine Wahrnehmung von mir. Das war bei meinem Vorgänger vielleicht etwas anders, weil er als ZDF-Moderator schon vor Amtsantritt sehr bekannt war. Wenn Sie jetzt eine Umfrage machen, wer Uwe-Carsten Heye, Béla Anda oder Ulrich Wilhelm waren…
Drei Ihrer Vorgänger.
… wüssten das vermutlich die wenigsten. Regierungssprecher sind nicht gewählte Repräsentanten, sondern das Sprachrohr ihrer Chefinnen und Chefs.
Kriegen Sie im Zeitalter der kommunikativen Verrohung trotzdem Teile der digitalen Shitstorms ab, die der der Regierung gelten?
Ein bisschen was. Ich nehme das, was auf Plattformen wie Twitter so abläuft, aber auch nicht allzu ernst.
Darüber hinaus haben Sie als Chef des Bundespresseamtes auch eine Schutzfunktion für ihre 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie sorgen Sie dort für kommunikative Hygiene?
Ich setze mich für einen offenen Kommunikationsstil im Haus ein. Das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist groß und Probleme gilt es offen anzusprechen. Ich denke auch, dass ich recht zugänglich bin. Und wie gesagt: Die meisten Kolleginnen und Kollegen hier sind lange dabei, krisenerprobt und können einiges ab. Die Kanzlermappe, also den täglichen Pressespiegel über die Regierungspolitik, kann ich an manchen Tagen nur den Hartgesotteneren empfehlen (lacht); da wird uns ja nur im Ausnahmefall mal die eigene Grandiosität bescheinigt. Ansonsten heißt es gerade bei Leuten, die hauptberuflich kommunizieren: kommuniziert auch untereinander.
Und wie ist es, wenn Hatespeech und anderes Geschwurbel nicht anonym im Internet auf Sie und Ihre Leute einprasselt, sondern in Gestalt des Querdenker-Journalisten Boris Reitschuster Auge in Auge bei der Bundespressekonferenz?
Das ist Ihre Einordnung. Grundsätzlich bin ich mir darüber bewusst, dass es manchen weniger um Informationen geht als um ihr journalistisches Erlösmodell.
Gibt es noch andere Journalistinnen und Journalisten mit Erlösmodell statt Informationsbedarf?
Die Regierungs-PK empfinde ich meist als ziemlich sachorientiert. Es mag ein paar Orchideen-Themen geben, die einzelne mehr interessieren als den Rest. Die Frage nach einem generellen Tempolimit fällt regelmäßig, obwohl sich jeder und jede die Antwort im Grunde längst selber geben kann.
Nicht mit den Deutschen!
Natürlich ist es völlig legitim, die jeweiligen Vertreterinnen des Verkehrs- oder Wirtschaftsministeriums mit dieser Frage ein wenig zu zwiebeln, aber am Ende bleibt es doch mehr Unterhaltung- als Informationsbedürfnis. Das gilt es sportlich zu nehmen.
Wie sportlich sollte das publizistische Berlin da vermeintliche Kollegen wie Boris Reitschuster nehmen, dem es ersichtlich um Polemik statt Politik geht. Anders gefragt: Hätten Sie ihn als Vorstandsmitglied der BPK 2015 auch ausgeschlossen?
Als Regierungssprecher habe ich schon gelernt, auf hypothetische Fragen nicht zu antworten. Ich kenne auch die Details des Falles nicht. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt in Deutschland, deshalb war die Abgrenzung für die BPK schon früher nicht immer einfach. Zu meiner Zeit lautete die Definition der Bundespressekonferenz, glaube ich, in etwa: Jeder, der in Berlin hauptberuflich für ein deutsches Medium schreibt und davon leben kann, kann Mitglied werden…
Gerade für Freelancer schwierig, in wirtschaftlich komplizierter Zeit…
Eben. Die Printkrise brachte es mit sich, dass gestandene Journalistinnen und Journalisten noch nebenbei einen Brot-und-Butter-Job annehmen mussten, um ihre Miete bezahlen zu können. Die BPK ist eine wirklich spannende und weltweit einmalige Einrichtung, die es seit 1949 gibt. Damals fragten sich die Bonner Korrespondenten, wie sie am besten an Informationen gelangen können. Und was macht der Deutsche, wenn er nicht weiter weiß?
Er gründet einen Verein?
Und in diesem Fall einen, für den die Bonner Hauptstadtjournalisten anfangs noch alle paar Wochen Ministeriumsvertreter eingeladen haben, später bürgerten sich die Regierungspressekonferenzen dreimal die Woche ein. Und der Clou ist, dass die Journalistinnen und Journalisten die Moderation übernehmen und die Fragen aufrufen – damit ist sichergestellt, dass jeder und jede Fragen stellen kann. Auf Regierungsseite erfordert das einen erheblichen Aufwand, weil natürlich alle Ressorts und die Regierungssprecher sich auf mögliche Themen vorbereiten müssen. Das bedeutet an drei Tagen der Woche manchmal mehrere Stunden intensiver Vorbereitung für die jeweiligen Ressorts – ohne dass sie wissen, ob sie am Ende überhaupt was gefragt werden.
Arbeiten im Bundespresseamt eigentlich überwiegend frühere Kollegen wie Sie oder was ist das gängige Berufsprofil?
Nein, es gibt bei uns die verschiedensten Berufsprofile. Da ist schließlich auch reichlich Quellenstudium dabei, klassische Verwaltungsaufgaben, viel Organisation, Medienbetreuung, Reisevorbereitung, all sowas. Dass mit mir, Christiane Hoffmann und Wolfgang Büchner…
Letztere zwei vom Spiegel übrigens.
… drei Journalisten an der Spitze stehen, heißt nicht, dass es im Bundespresseamt nur so von früheren Journalistinnen und Journalisten wimmelt.
Qualifiziert unser Beruf denn grundlegend dazu, für andere zu sprechen?
Es hilft jedenfalls ungemein, wenn man weiß, was die journalistische Seite braucht.
Oder vielleicht besser nicht wissen wollte…
Als Regierungssprecher fühle ich mich aufgrund meiner verschiedenen früheren Tätigkeiten jedenfalls gut gewappnet. Neben dem journalistischen Handwerk sind die Kenntnisse von Verwaltungsabläufen und Regierungsmechanismen sehr hilfreich für mich – wie gesagt, es geht darum, Politik zu erklären.
Ist Ihnen der Weg zurück in den Journalismus als Pressesprecher verschlossen?
Ob ich mir das persönlich vorstellen könnte, weiß ich jetzt gar nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Branche schwer zu vermitteln wäre. Als ich den Journalismus vor acht Jahren in Richtung Kommunikation verlassen habe, sagte ich selbstironisch: Ich wechsle von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. So ist das Gefühl.
Nur Ihres?
Ganz allgemein in der Branche, denke ich. Anfangs wurde ich öfter gefragt, wie man sein Berufsethos so verraten könne. Ich sehe es anders: Wenn man seine Aufgabe gut macht, leistet man auf beiden Seiten einen wichtigen Beitrag für unser Gemeinwesen. Im Übrigen wäre ich heute, mit den Erfahrungen und Kenntnissen, die ich als Sprecher gesammelt habe, ein besserer Journalist als früher. Jemand wie Steffen Seibert wäre doch, mit etwas Abstand zur Regierungszeit Merkel, ein Gewinn für jede Talkshow, weil er Erfahrungen von beiden Seiten beisteuern könnte. Trotzdem ist das bei uns schwer vorstellbar – insofern: Es gibt wohl keinen Weg zurück.
Und was machen Sie da, wenn die Ampelkoalition irgendwann mal abgewählt wird?
Urlaub.
Aktienkurse & Townhallmeetings
Posted: May 16, 2022 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. Mai
Schwer zu sagen, was in der vergangenen Woche mediensoziokulturellpolitisch betrachtet deprimierender war. Dass sich der ehemals und irgendwie ja immer noch ein bisschen liebenswerte Sinnfluencer Fynn Kliemann mit jedem seiner schalen Entschuldigungsversuche mehr demontiert? Dass es schon als echtes Highlight diktaturresilienter Pressefreiheit gelten muss, wenn russische Hacker für fünf Minuten regimekritische Headlines in Putins Propagandaportale schmuggeln? Dass Elon Musk Donald Trump bei Twitter zu rehabilitieren plant, da dessen Verbannung „unmoralisch“ gewesen sein soll?
Jedes Ranking wäre da eines zerplatzter Träume von der Erde als lebenswerter Ort für alle. Immerhin: wenn die Verzögerung der Übernahme von Musks asozialem Spielzeug nicht nur ein (einigermaßen erfolgreiches) Manöver zur Aktienkursmanipulation war, wird die Erde vorerst wenigstens nicht schlagartig schlechter. Was aber könnte uns auf dem Weg zum Besseren Hoffnung machen? Der ESC am Wochenende jedenfalls nicht. Menschen, die Herzfingergestik beeindruckt, dürfte Samstag ab 21 Uhr zwar ziemlich warm ums echte Herz geworden sein.
Wer Eskapismus skeptischer sieht, kam bis eins aus dem Kotzen kaum raus, so wohlfeil und warenförmig waren die Bekenntnisse zu Diversität, Ukraine, Toleranz, Ukraine, Frieden, Ukraine, Vielfalt und Ukraine. Kann es noch schlimmer werden? Es kann! Auf Sat1 zum Beispiel, wo mittwochs ein Club der guten Laune das Gegenteil verbreitet und somit belegt, wie wenig Selbstachtung dem bedeutsamen Sender von einst noch geblieben ist.
Dann doch lieber Superhelden- oder SciFi-Spin-Offs bei Disney+ gucken, das die Zahl seiner Abos nach nur drei Jahren am Markt um ein sattes Drittel auf 137 Millionen gesteigert hat und dem Marktführer Netflix damit dicht auf den Fersen ist. Schon Ende 2023 könnte der Platzhirsch den Frischling überholen.
Die Frischwoche
16. – 22. Mai
Dort läuft diese Woche – tja, bestimmt irgendwas, wovon uns das Portal vorab nicht in Kenntnis setzen wollte, weil egal. Widmen wir uns also den anderen. RTL zum Beispiel, das heute einen kugeligen kleinen Coup in Gestalt des Bundeskanzlers an Land gezogen hat. Um 22.15 Uhr steht er einem Townhall-Meeting um Pina Atalay Rede und Antwort über schwere Waffen, verlorene Wahlen und vielleicht sogar nebenbei um dieses andere Thema, wie hieß es noch gleich? Ach ja: Klimawandel.
Darum geht es am Donnerstag in der Arte-Mediathek nur dem Titel nach, tatsächlich aber handelt Wild Republic acht Teile lang von einer erlebnispädagogischen Maßnahme, die mit großem Getöse in den Alpen misslingt, was für deutsche Verhältnisse ganz gelungen ist. Schon heute startet bei Sky die Romantic-Mystery-Serie The Time Travellers Wife mit Rose Leslie, die ihrem Lover (Theo James) durch Zeit und Raum hinterherreisen muss, während die Biocom Beth und das Leben ab Mittwoch bei Disney+ in der fiktionalen Realität der ziemlich lustigen Stand-up-Komikerin Amy Schumer spielt.
Ab Freitag schickt der Sky-Achtteiler Night Sky Sissy Spacek in einer Art intergalaktischen Abstellkammer durchs Weltall, wo sie verrückte Sachen erlebt, die man durchaus gesehen haben sollte. Ob das auch für die parallel startende, spanisch-amerikanische Coming-of-Age-Serie 20 Years aka Now and Then gilt, können wir hier nur anhand der streamenden Plattform beurteilen. Weil sie Apple TV+ heißt, dürfte es sich aber lohnen. Und dann wäre da noch, als Sahnehäubchen der Woche, Becoming Charlie.
Ab Freitag begleitet die Instant-Drama-Serie Lea Drinda in der ZDF-Mediathek (Neo: 24. Mai) dabei, ihr Geschlecht zu variieren. Und nicht zuletzt wegen der leicht zu unterschätzenden Schauspielerin (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) hält das Diversity-Format in aller sechsteiligen Kürze ein paar angenehme Überraschungen bereit.





