LÜT, A.A.Williams, Audio88 & Yassin

LÜT

Laut rumzuschreien, das gilt in der Psychologie als Binsenweisheit, taugt nur dann zur Problemlösung, wenn man damit innere Blockaden löst, nicht als Mittel der Kommunikation mit anderen. Da sich die norwegische Hardcoreband LÜT mit ihrem Geschrei fraglos an uns wendet, das Publikum, könnte man ihr da dekonstruktive Aggressivität vorwerfen – wäre für deutsche Ohren denn auch nur annähernd verständlich, was uns – nun ja: Sänger Markus Danjok auf norwenglisch entgegenkeift. Versteht aber kein Mensch. Vermutlich nicht mal im eigenen Land. Macht aber nix.

Denn auch mit dem neuen Gitarristen Mads Ystmark knüpfen LÜT ans sensationelle Debütalbum Pandion vor zwei Jahren an und vermischen auf Mersmak wieder wutfröhlich Screamo, Alternative, Noiserock, Powerpop, bis daraus eine Art stadiontauglicher Surfmetal zum Mitgrölen wird, der irgendwie melodischer ist, als er klingt, und brachialer als er schwingt. Die Riffs unterm Geschrei fuzzen nämlich manchmal fast wie Funpunk vom Strand und sind damit so ganz anders als alles, was dieses Genre sonst hervorbringt.

LÜT – Mersmak (Crestwook Records)

A. A. Williams

Eine Cover-Version kann alles Mögliche sein – Anmaßung oder Ehrerbietung, Beleg eigener Einfallslosigkeit oder Bedürfnis nach Veränderung geistigen Fremdeigentums. Wenn Metalbands Nichtmetal galvanisieren oder Klassik mit der Zackengitarre, ist es meist ersteres. Als die blutjunge Birdie das Werk anderer variierte, war es hingegen Ausdruck tiefen Respekts. Und genau das gilt auch fürs Tribut-Album von A.A. Williams – auch weil es aus einer Art demokratisch grundierten Not geboren wurde.

Nach ihrem Debütalbum landete die Britin wie so viele hart im Lockdown und war auf sich allein gestellt. Also bat sie ihre Fans darum, Vorschläge für Kopien jener Stücke zu machen, die sie allein zuhause interpretieren solle. Herausgekommen ist eine Sammlung grundverschiedener, durch Williams betörendes Piano jedoch vergleichbarer Songs from Isolation, mit der sie das geistige Fremdeigentum von Nick Cave über Deftones und Pixies bis hin zu The Cure definitiv aufwertet.

A.A. Williams – Songs from Isolation (Bella Union)

Hype der Woche

Audio88 & Yassin

Nein, Drohungen der Art von “es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir dich finden” oder “Du stehst auf der Todesliste +1” sind nicht kommunikativ oder subtil, sie sind auch nicht konstruktiv, demokratisch, human, überhaupt irgendwie okay. Aber wenn man weiß, dass sie Teil der neuen Platte des antfiaschistischen Zeckenrap-Duos Audio88 & Yassin (Todesliste, Normale Musik) sind, sehen wir darüber mal freundlich hinweg. Rabiat, düster, derbe, krass, politisch, links – KAUFEN!


Dirk Kummer: Zuckersand & Herren

Alle reden von Diversity…

Bevor ihm sein autobiografischer Film Zuckersand den Grimme-Preis brachte, stand Dirk Kummer (Foto: Frédéric Batier/BR) kurz vorm Scheitern. Zum Glück nur knapp: seine Culture-Clash-Komödie Herren (20.15 Uhr, ARD) ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Ein Gespräch über Putzkolonnen, Museumsjobs, Buswartehäuschen und Brandenburger Durchhaltevermögen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Dirk Kummer, die drei Hauptdarsteller Ihres ARD-Mittwochsfilms Herren sind allesamt dunkler Hautfarbe…

Dirk Kummer: Mit Ezequiels Frau und Sohn sind es sogar fünf…

Hat es das zuvor je gegeben auf einem so prominenten Sendeplatz?

Ganz sicher nicht. Und der Mittwoch im Ersten ist zwar für solche Geschichten prädestiniert, aber wir mussten schon auch darum kämpfen. Denn außergewöhnlich an den Charakteren ist ja, dass sie zwar nicht typisch deutsch aussehen, aber deutsch sprechen, denken, fühlen und damit die Vorurteile Weißer von Schwarzen widerlegen. Wobei ich diese Begriffe bezüglich der Hautfarbe eigentlich vermeiden möchte.

Um sie durch was zu ersetzen?

People of Colour finde ich auch schwierig. Mein eigener Teint ist ja nicht farblos, geschweige denn weiß, während sich PoC selber als schwarz bezeichnen. Das erinnert mich an die Achtziger, als Homosexuelle wie ich sich als schwul bezeichnet haben, während es bei Heterosexuellen ein Schimpfwort war. Deshalb dachte ich, mich problemlos in Erzählungen über Minderheiten hineinversetzen zu können. War dann aber doch nicht so einfach.

Wobei es in Herren doch gar nicht so sehr um Minderheiten geht.

Sondern?

Um Männer, also die herrschende Hälfte der Weltbevölkerung.

Wenn es so wäre, könnte Ezequiels Familie – Vater Putzkraft, Mutter Krankenschwester, Sohn Friseur – ja jede Hautfarbe haben. Aber dass die drei dazu dunkelhäutig sind, verändert alles. Trotzdem spielt Männlichkeit eine Rolle. Denn auf dem Feld hat wahre Emanzipation einen ähnlich langen Weg vor sich wie das Thema Homosexualität.

Von der Herren auch noch handelt.

Am Rande. Die Romanvorlage Gents handelt von einem Londoner Klohäuschen, das drei Jamaikaner betreuen, als Aids noch relativ neu war. Dass People of Colour und Skinheads auch bei uns auf Schwule treffen, orientiert sich daher an der Vorlage. Dass es heute, 2021, immer noch eine Nachricht wert ist, wenn sich Sportler oder Politiker outen, erschreckt mich. Ich dachte, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man Betonköpfen erklären muss, dass Vielfalt das Wichtigste ist. Aber das Gegenteil haben wir jetzt. Alle reden von Diversity, aber wie schwer das ist, sehen wir jeden Tag.

Ist der Film dennoch so autobiografisch wie Ihr Durchbruch Zuckersand, in dem Sie Ihre Jugend in der Brandenburger Provinz beschreiben?

„Provinz“ ist auch schon wieder so eine Wertung, „Durchbruch“ ebenso… Klar, es nervt, alle Worte auf die Goldwaage legen zu müssen, aber vielleicht täte uns das ganz gut für eine Zeit. Damit Menschen nicht ausgegrenzt oder als Heroen in den Prominentenhimmel geschossen werden. In Herren geht es um Menschen, die anders sind; damit kann ich mich gut identifizieren.

Hätte Zuckersand mit etwas Pech für Sie in der RBB-Serie Warten aufn Bus enden können, wo sie den Alltag zweier Langzeitarbeitsloser beschreiben?

Klar. Ich habe mit 50 meinen ersten wirklich erfolgreichen Film gedreht, kenne die Nachwendehoffnungslosigkeit vieler Ostdeutscher also auch aus eigener Erfahrung. Als die Mauer fiel, bin ich aus Brandenburg geflüchtet, aber während es im Osten keine Perspektiven gab, wurden unsere Lebensleistungen im Westen kaum anerkannt. Deshalb habe ich eine jahrzehntelange Reise auf der Suche nach Selbstbewusstsein hinter mir, die gar nicht so lange beendet ist. Ich kenne viele, die immer noch suchen.

Waren Sie auch in Gefahr, mit Bierflasche am Morgen im Buswartehäuschen zu enden?

(lacht) Wenn ich manchmal Deutsches Fernsehen schaue schon… Das nicht, aber ich war zwischendrin noch Museumsaufsicht in Potsdam, um über die Runden zu kommen, zehn Stunden am Tag als Security. Wenn man keinen neuen Film sicher hat, muss man ja irgendwas tun.

War das ein Gefühl von Scheitern oder von Übergang?

Gefühlt schon Scheitern, gerade wenn du Tickets von Kollegen aus der Filmbranche abreißt, die das Museum als Gäste besuchen. Nicht, dass ich Angst hatte, im Museum zu versauern; aber das war schon eine Zeit großer Unsicherheit.

Ähneln Sie in dem Punkt Ihrer aktuellen Hauptfigur, die sich als Kampfsporttrainer für was Besseres hält als die Putzkolonne, in der er sich über Wasser hält?

(überlegt lange) Ob ich ihm ähnele, weiß ich nicht, aber ich kann mich in ihn hineinversetzen. Das Gefühl sich als was Besseres zu fühlen, geht mir komplett ab. So bin ich nicht erzogen. Die Arbeit im Museum war übrigens großartig. Ich stand inmitten großer impressionistischer Malerei und habe mit Menschen gearbeitet. Nicht, dass Kloputzen eine ähnlich tolle Erfahrung wäre, aber auch meine Eltern waren sich für nichts zu schade, um ihre Kinder durchzubringen. Wir Brandenburger neigen fast alle dazu, immer wieder aufzustehen.

Ist das Glas der Herren deshalb immer eher halb voll als halb leer?

Ich steh mehr auf leere und volle Gläser – da ist mehr Dynamik drin. Ohne unterbezahlte Jobs schönzureden, ist mir die Poesie des Durchbeißens bei meiner Arbeit enorm wichtig. Meine Filme sind immer auch Botschaften der kleinen Schritte zum Besseren. Deshalb mag ich auch keine, in denen am Ende alles den Bach runtergeht. Das hat vielleicht was mit dem Alter zu tun, aber ich denke zusehends: wird schon irgendwie weitergehen.

Wenn Sie mal einen autobiografischen Film über künftige Rentner drehen – was würden Sie darin für ein Leben führen?

Er fände in einer Welt statt, wo die Menschen gern in Buchläden, Kinos, Theater, Museen gehen, um echte Geschichten zu erleben, anstatt sich nur von Onlinediensten ans Sofa versorgen zu lassen. Und ich würde auch noch als Rentner ab und zu mal einen Film dazu liefern.


WDR-Kalauer & ARD-Herren

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Februar

Treffen sich fünf Blinde, um über Farbe zu reden… Was klingt wie ein Kalauer aus der Zeit dicker Brillengläserwitze, ist einer aus der Zeit weißer Privilegienverteidiger. Im WDR-Talk Die letzte Instanz saßen fünf CiS-Deutsche der privilegierteren Sorte beieinander und sprachen, kein Witz, über Alltagsrassismus, also etwas, das keine*r von ihnen jemals erleben musste, erleben konnte, erleben wird. Nicht Thomas Gottschalk, der sich schon im Hendrix-Kostüm wie ein Opfer fühlt, und nicht Janine Kunze, die ihre naive Selbstgerechtigkeit mit Zigeuner-Sauce würzt.

Natürlich nicht Jürgen Milski, der Faschismus wohl für ein Modelabel hält, nicht für Micky Beisenherz, dessen Klappe offenbar doch etwas größer ist als seine Moral. Und leider auch nicht für Steffen Hallaschka, der angesichts so kongruenter Ansichten nichts zu moderieren hatte und es deshalb meist bleiben ließ. Na, immerhin gab es einen Shitstorm für alle, der allerdings nicht alle zur Nachdenklichkeit animierte. Und immerhin war Marlene Lufen nicht eingeladen, um ihren besorgten Bürgerinnensermon hinzuzufügen.

Die Frühstücksfernsehmoderatorin hätte den PoC-freien Kartoffelaustausch vermutlich um krude Thesen zur Corona-Krise ergänzt, mit denen sie die 250.000 Follower ihres Insta-Accounts ad hoc verfünzigfacht hatte. Wobei der AfD-affine Angriff auf die pandemische Rationalität nur oberflächlich quergedacht war; untergründig hat Lufen mit ihrer Verdrehung aller Fakten zum Thema Lockdown-Effekte vor allem Werbung für eine Sondersendung zum Thema beworben, die ihr Sat1 heute Abend schenkt.

Diese Propaganda-PR dürfte dem zusehends egalen Kanal aber auch nicht helfen, der digitalen Konkurrenz Quotenpromille abzujagen. Jeff Bezos hat zwar jüngst verkündet, das operative Geschäft der gesellschaftszersetzenden Konsumkrake Amazon zu verlassen, um sich mit ein paar seiner 88 Milliarden Dollar Privatvermögen den eigenen Ruf aufzumöbeln. Aber ein paar der 1,65 Billionen Dollar Börsenwert fließen weiter in Prime Videos, verstärkt aus deutscher Produktion. Geplant sind ein Reeperbahn-Drama oder der nächste dokumentarische Kniefall vom Fußballkonzern Bayern München.

Die Frischwoche

8. – 14. Februar

International Aufsehen erregt Amazon allerdings eher mit Hochglanzserien wie Soul Mates – obwohl und weil die amerikanische Fiktion übers digitale Dating der Zukunft ab heute eher konventionell geraten ist. Das gälte zwei Tage später auch für Paul Greengrass‘ Netflix-Western News of the World – würde Tom Hanks in der Romanadaption kein so furioses Doppel mit der deutschen Systemsprengerin Helena Zengel bilden.

Eine Art Vorgeschichte zu dieser Bürgerkriegserzählung bildet der Berlinale-Beitrag Black 47 (Freitag, 20.15 Uhr, 3sat) um den irischen Exodus nach Amerika im Zuge der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. In die Geisterwelt norwegischer Mythen entführt uns übermorgen die bizarre Krimi-Serie Magnus Trolljäger (23.20 Uhr, NDR), während der schwedische Netflix-Thriller Red Dot tags drauf mit weltlichem Horror spielt.

Und damit zurück zum öffentlich-rechtlichen Angebot aus Deutschland, das ohne die Millionen von Amazon ein ambivalentes Bild abgibt. Dirk Kummers wunderbar leichtfüßige Culture-Clash-Komödie Herren um ein Berliner Toilettenputzteam schafft es, erstmals auf einem Sendeplatz wie dem ARD-Mittwoch fünf Hauptfiguren dunkler Hautfarbe ohne Opfer- oder Täterstatus zu zeigen. Im ZDF ereignet sich dagegen 50 Minuten zuvor, was dort die Regel ist: In Kanzlei Berger übernehmen zwei unterschiedliche Anwältin… chhzzzpüühhh.

Verglichen mit dieser Vorabendstereotypie für Anspruchslose klingt das Konzept einer erotischen Tanzserie fast kreativ – bis Even Closer ab Sonntag verdeutlicht, dass es TV Now ausschließlich darum geht, die erwachende Sexualität der Zielgruppe unter 16 mit schicken Menschen und Massenpop zu triggern. Und Neo? Wildert ab Donnerstag (20.15 Uhr) im Pro7-Publikum und schenkt der braven Janin Ullmann das Beziehungs-Social-Factual Wie lange ist für immer?


Sean Hannity & Owen Wilson

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Januar

Sean Hannity ist definitiv nicht der beste Anwalt journalistischer Standards. Sachlich, seriös, gar objektiv zeigte sich das Sturmgeschütz von Fox wohl zum letzten Mal, als er sein Studium an einer drittklassigen Uni abbrach. Dass ausgerechnet ein so parteiisches Alphatier der preisgekrönten NYT-Reporterin Lauren Wolfe seit Tagen donnernd vorhält, ihren Beruf zu verraten, weil sie vor Joe Bidens Amtseinführung das Wörtchen „Gänsehaut“getwittert hatte, ist demnach fast zu lächerlich oder wie man im Berliner Politikbetrieb sagt: scheuerig für sachliche Einordnung – würde Hannity nicht das Dilemma des Digitalzeitalters auf den Punkt bringen.

Während seriöse Medien links der Rechten Fairness und Objektivität wie Monstranzen vor sich hertragen, verachten unseriöse Medien rechts der Linken beides mit lustvoller Freude am puritanischen Moralverlust. Die neutralitätsversessene New York Times hat ihr Newsdesk-Juwel Wolfe daher für einen Tweet beurlaubt. Hannitys Meinungskampfgeschwader dagegen darf weiter ungestraft lügen und lügen und lügen und hat dafür mit der neuen Sprecherin des Weißen Hauses bereits ein neues Opfer gefunden.

Weil die hochanständige Nachfolgerin der niederträchtigen Trump-Barbie Kayleigh McEnany den Fox-Korrespondenten Peter Doocy versehentlich Steve nannte, steht Jen Psaki bereits früh im Fadenkreuz seines Arbeitgebers – womit Fox abermals zeigt, wie kurz sein Intermezzo auf Seiten publizistischer Ausgewogenheit war. Keine vier Wochen also, nachdem der Stellungskrieg im Pulverdampf des gestürmten Kapitols Feuerpause zu machen schien, ist der Stellungskrieg um Wahrheit und Fakten wieder voll entbrannt.

Das gilt auch für Deutschland – obwohl es für die Selbstreinigungskräfte der hiesigen Medienlandschaft spricht, dass Bodo Ramelow in der elitären Audio-App Clubhouse ein Fauxpas passiert und dafür flugs Abbitte leistet. Sein Vergehen: Er nannte die Kanzlerin Merkelchen. Das war herabwürdigend und ein bisschen altherrlich, aber mal ernsthaft: Sean Hannity hätte Merkel ohne chen eher dreckige Kommunistenschlampe genannt, die im Keller Kinder schlachtet.

Die Frischwoche

1.  – 7. Februar

Die Frischwoche in Stichworten, statt Fließgedanken:

Montag (20.15 Uhr, ARD) versucht sich Deutschlands liebster Fernsehfacharzt Eckart von Hirschhausen als Corona-Impfproband im Selbstversuch

Mittwoch zeigt Arte das belgische Drama Girl um Balletttänzerin Lara (Victor Polster), die sich parallel zum Training auf ihre Geschlechtsumwandlung vorbereitet

In Maggie Friedmans Netflix-Serie Firefly Lane sind Katherine Heigl und Sarah Chalke zur gleichen Zeit uralte Freundinnen, die unfreiwillig getrennt werden

Donnerstag kehrt Dr. House Hugh Laurie in der Magenta-Serie Roadkill als britischer Spitzenpolitiker mit Leichen im Keller zurück auf den Bildschirm

Zeitgleich geht Tim Roth auf Sky als bipolarer Psychopath im kanadischen Provinzpolizeidienst in die 3. Staffel von Tin Star

Ab Freitag versucht es der Netflix-Spielfilm Malcolm & Marie mal wieder mit richtig schönem klassisch melodramatisiertem Romedy-Hollywood

Zeitgleich verdreht Mike Cahills Amazon-Drama Bliss das Matrix-Thema, in dem Owen Wilson die schöne Realität in eine virtuelle Dystopie verlässt

Linear zeichnet das Arte-Biopic Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein André Hellers langen Weg zum größten Magier Österreichs nach

Sonntag liefert Friedemann Fromms deutsch-dänischer ZDF-Vierteiler Tod von Freunden sehr gewöhnliches Dramen-TV voll selbstreferenziellem Pathos

Und auch die skandinavische Krimi-Serie The Head walzt ihr Mordsthema am Polarkreis zu guter Letzt sechs Episoden lang eher konventionell aus


Billy Zach, Chuckamuck, Arlo Parks

Billy Zach

Als Frohnatur fragt man sich ja bisweilen, wie das Leben als Trauerkloß wohl so läuft. Geht er zum Lachen in den Keller? Vergeht es ihm dort vor lauter Grübelei übers Schlechte allerorten die Laune? Schreien Trauerklöße stattdessen die Wand an oder bei Gelegenheit: ins Mikrofon? Bei der trübsinnigen Hamburger Postpunkband Billy Zach scheint Antwort C zu stimmen. Die vier Mitglieder um Mastermind Max Zacherl sind angesichts der Verwerfungen ringsum zwar angemessen frohsinnsgebremst, dem Vernehmen nach aber recht umgänglich, stecken ihre Überllaunigkeit also ins neue Album, das angemessen grantig betitelt ist.

Wie sein Vorgänger nölt Struggle On also Alltagsanklagen wie “And there’s nothin romantic about shit weather / And nothin meaningful about piss in your doorway” über noisige Disharmonien, die Bass und Schlagzeug noch tiefer in den Abwärtsstrudel fehlender Zuversicht ziehen. Atmosphärisch mag das die Anleitung zum autoaggressiven Nihilismus sein, musikalisch ist es waviger Garagenrock auf höchstem Niveau – wenngleich ihm eine Spur weniger Testosteron im Trauerkloßteig vielleicht mal ganz guttäte.

Billy Zach – Struggle On (La Pochette Surprise Records)

Chuckamuck

Das braucht man der entfernt geistesverwandten Postpopband Chuckamuck eher nicht zu empfehlen. Auch sie hat einige ihrer Wurzeln im dekonstruktiven Teil deutscher Gitarrenmusik mit englischer Lyrik. Die vier Berliner machen daraus jedoch ein angenehm androgynes, verquirrlt kosmopolitisches, dramaturgsich vielschichtiges Stück Klangdadaismus, der beim Zuhören fast schon irritierend gute Stimmung verbreitet und dennoch nie seicht daherkommt, geschweige denn gefällig.

Das vierte Album Language Barrier jedenfalls wandert dem Titel entsprechend durch die Reisewörtebücher verschiedenster Berliner Exilgemeinden von Israel über die Türkei bis Spanien und bedient sich dabei mit großer Freude am klischeehaften Irrsinn an der jeweiligen Folklore. Zum Glück allerdings geht anschließend die Zuordnung durcheinander, weshalb uns elf Stück lang dänischer Blue Grass Country blüht oder auch mal japanischer Surfpunk. Was für ein barrierefreies Sprachchaos!

Chuckamuck – Language Barrier (Staatsakt)

Arlo Parks

Von nichts könnte das britische Supertalent Arlo Parks weiter entfernt sein! Auf ihrem herausragenden, von Kolleginnen wie Billie Eilish völlig zurecht öffentlich herbeigesehnten Debütalbum Collapsed in Sunbeams liefert die zwanzigjährige Londonerin schließlich nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein sprachliches Meisterwerk ab. Mit einer Stimme wie festivalzerfeierte Sommertage im Sonnenaufgangslicht erzählt sie vom Leben Herangewachsener im Großstadtstress und klingt dabei wie aus der Zeit gefallen futuristisch.

Ein bisschen Elektrotrash der Neunziger, ein bisschen Pop’n’Blues der Nuller, endlich mal weder Trap noch Metal im Subtext – die Grundstimmung des Anti-IT-Girls, das trotz und wegen ihrer geschlechterbrechenden Attraktivität nebenbei zum Supermodel aufgeblasen wird, könnte kaum ambivalenter sein. Wenn sie von der Liebe haucht, fühlt man sich akustisch hart angefasst, wenn sie Selbstwertsorgen seziert, schimmert es watteweich durch ölige Harfenklänge. Ein fantastisches Werk für alles von Regentag bis Party-Warm-up.

Arlo Parks – Collapses in Sunbeams (Transgressive Records)


Tayfun Bademsoy: TV-Türken & Deutsche

Am Ende stets der Kanake

Seit 1979 ist Tayfun Bademsoy (Foto: Raimond Spekking) fester Bestandteil in Film- und Fernsehen. Trotzdem spielt der deutsch-türkische Akademikersohn bis heute fast nur „Kanaken“, wie er sein Rollenprofil selber beschreibt.  Ein Gespräch über die Einbahnstraße Integration, ausländische Darsteller und warum seine Kinder lieber was anderes machen als der 62-jährige Berliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Bademsoy, können Sie mit dem Begriff „Integration“ etwas anfangen?

Tayfun Bademsoy: Zwangsläufig. Schließlich beschäftige ich mich damit seit 50 Jahren – zum einen, weil Integration ein wichtiger Aspekt jedes Zusammenlebens ist; zum anderen, weil jeder, der wie ich als Ausländer in ein fremdes Land kommt, darum bemüht sein sollte, sich einzugliedern, also zu integrieren.

Ist Ihnen das nach Ihrer Einreise mit zehn Jahren 1969 gelungen?

Besser jedenfalls als es der Gesellschaft um mich herum gelungen ist.

Inwiefern?

Integration war damals mehr noch als heute eine Einbahnstraße. Zugezogene sollten sich zwar integrieren, sind aber nicht auf die Bereitschaft gestoßen, Integration auch zuzulassen. Nach der gescheiterten Entnazifizierung sollten Gastarbeiter ein, zwei Jahre Deutschlands Dreckarbeit machen und dann abhauen – unabhängig davon, dass viele Unternehmen auf ausländische Mitarbeiter angewiesen waren. Während meine Kinder zwei Pässe haben, stand auf meinem, ich dürfe mich nur in gewisse Viertel von Berlin niederlassen. Den Mietvertrag meiner ersten Wohnung musste mir daher jemand anderes unterschreiben. Unglaublich!

Haben Sie deshalb bei Ihrer eigenen Integration so Fahrt aufgenommen, dass Sie nach weniger als zehn Jahren im Land Abitur gemacht, Psychologie studiert und als Schauspieler begonnen haben?

Als Zehnjähriger hatte ich keine Ahnung von Integration und war auch der Meinung, wir werden hier mit offenen Armen empfangen. Schließlich wurden türkische Arbeiter angeworben. Wobei mein Vater Akademiker aus Mersin war, damals das Beirut der Türkei: modern, offen, multikulturell. Weil meine Mutter wollte, dass wir in Deutschland studieren, ist sie hergezogen, hat erst meinen Vater nachgeholt und dann uns Kinder. Deshalb hat es mich auch umso mehr überrascht, wie arrogant die Leute hier waren, obwohl sie einen Krieg verloren hatten.

Sie hatten mehr Demut erwartet?

Ja. Die Ausländerfeindlichkeit hat mich so überrascht, dass ich für ein Austauschjahr in die USA geflohen bin. Das hat mir das Leben gerettet. Ich war so traumatisiert und seelisch kaputt von der Atmosphäre in Deutschland, dass ich andernfalls vermutlich kriminell geworden wäre, drogenabhängig oder verrückt. Erst in Amerika habe ich zu mir gefunden.

Und die Idee entwickelt, Schauspieler zu werden?

Nein. Ich hatte dort zwar einen Schulkurs in Speech and Drama, bei dem die Lehrerin mein Talent für Pantomime entdeckt hat; damit bin ich sogar aufgetreten, einmal vor 2000 Leuten. Aber erst in Berlin habe ich mit dem Theater begonnen, wo mich der junge Regisseur Peter Keglevic 1979 entdeckt hat.

Und mit Ihrer Mutter und Schwester für den Film Zuhaus unter Fremden engagiert.

Neben Herbert Grönemeyer.

Es war einer der ersten Filme, die Ausländer nicht als Opfer oder Täter, sondern Bürger gezeigt haben.

Und das war nicht nur für die Deutschen neu, sondern uns selber. Auch im Kino hatte sich zuvor niemand für Türken interessiert.

Änderte sich das nach diesem Film?

Schön wär’s. Es gab fast nur noch Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf.

Und Verfilmungen von Horst Bosetzky alias -ky.

Ansonsten blieben Türken in Film und Fernsehen, was sie vorher schon waren: Kanaken mit Kopftuch oder Schnurrbart. Der Filmtitel Zuhaus unter Fremden hat also auch mein eigenes Empfinden widergespiegelt.

Tut er das heute denn noch?

Nein. Schon weil sich mein Heimatbegriff weiter von meinem Geburtsort gelöst hat, je länger ich ihm fern war. Der Geburtsort ist Zufall, Heimat nicht. Die ist da, wo Familie ist, Freunde sind, wo mich die Leute so akzeptieren, wie ich bin. Und das ist zumindest hier in Charlottenburg überwiegend der Fall – obwohl uns ein Teil der Gesellschaft noch immer nicht akzeptiert hat und womöglich niemals akzeptieren wird.

Woran machen Sie das fest?

Ach, das reicht von AfD und NSU bis zur Tatsache, dass sich noch kein Politiker offen für den Anteil der Gastarbeiter am Wirtschaftswunder bedankt hat.

Ist es Ihnen ein Anliegen, diesen Missstand in Ihrer Arbeit zu thematisieren?

Von Beginn an. Bis heute. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Streitgespräche ich mit Autoren, Regisseuren, Produzenten über dieses Thema hatte und wie oft ich Rollen ablehnen musste, die nur Klischees transportieren. Deshalb habe ich 1998 ja meine Agentur gegründet.

„Foreign Faces“, die heute „International Actors“ heißt.

Weil wir auch kurz vorm neuen Jahrtausend Kanaken, keine Hauptrollen gespielt haben, sofern es nicht konkret um Ausländerprobleme ging, wollte ich damit zeigen, dass auch Nicht-Deutsche das gesamte gesellschaftliche Spektrum abdecken.

Mit Erfolg?

Wenn man den von Elyas M’Barek betrachtet, Aylin Tezel, Fatih Akin, könnte man das so sehen. Da es zu meiner Anfangszeit außer mir kaum ausländische Künstler gab, darf ich mir das genauso auf die Fahne schreiben wie meine eigene Karriere. Immerhin habe ich mit Dominik Graf gedreht, „Tatorte“ gemacht, „Polizeirufe“, und war damit ein lebender Appell, uns mehr als Spiegel der Gesellschaft, nicht deren Ausnahmefall zu besetzen.

Sie haben ja auch Normalbürger gespielt wie den Bauunternehmer in der RTL-Serie Alle lieben Jimmy oder diverse Polizisten, etwa in Ein starkes Team.

… bin am Ende aber stets der Kanake geblieben.

Wobei man Tayfun Bademsoy mit Ihrer Physiognomie auch schlecht als Horst Schulze besetzen kann…

Richtig, aber meine Herkunft, der Name, die Physiognomie stehen bis heute mehr im Mittelpunkt als bei Deutschen. Als meine Freundin, die erfolgreich Theater gespielt hatte, gemeinsam mit mir einen Film drehen sollte, fragte der Produzent: wieso, wir haben doch schon einen Türken? Gegen diesen Rassismus bin ich am Ende machtlos.

Hat die Emanzipation der vergangenen Jahrzehnte daran denn gar nichts geändert?

Doch, aber zwei Drittel der Gesellschaft bleiben ausländerängstlich. Und obwohl der Kulturbetrieb aufgeschlossener ist, verschwinden die Vorurteile auch darin viel zu langsam. Wir haben zwar mehr tragende Rollen, aber wo bitte sind die türkischen Chefärzte, Wissenschaftler, Juristen in deutschen Serien? Da läuft man gegen Wände!

Ist das auf Dauer nicht ermüdend?

Sehr sogar. Deshalb wollte ich mehrfach nach Frankreich auswandern oder in die USA, wo nichtweiße Menschen selbstverständlicher in Filme integriert werden. Bei uns ist selbst ein Elyas M’Barek nicht von seinen Wurzeln entkoppelt. Bei Frauen gilt das weniger, aber wenn Sibel Kekili eine Sarah im „Tatort“ spielt, fragen viele Zuschauer, warum.

Ist es denn wünschenswert, dass sich die kulturelle Diversität gewissermaßen auflöst?

Nein, Integration heißt nicht Unsichtbarkeit. Wir wollen unsere Mentalitäten mitbringen wie Salz und Pfeffer ins Essen. Diversität ist Reichtum!

Andernfalls wäre Integration Assimilation.

Und das bedeutet Verschwinden. Wir wollen in unserer Individualität und Vielfalt als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft akzeptiert und damit auch in unserer orientalischen, muslimischen Identität respektiert werden.

Sind Sie als Kind einer liberalen Künstler- und Akademikerfamilie orientalisch oder muslimisch geprägt?

Weil ich mein Geburtsland früh verlassen habe, kann ich das gar nicht genau sagen, aber irgendwo ist meine Mentalität bestimmt orientalisch geprägt. Ich kann zum Beispiel gut handeln (lacht). Ansonsten bin ich als Mensch mit zwei, drei Heimaten durch und durch multikulti. Deshalb kann ich Ausländer aus deutscher Perspektive betrachten und umgekehrt. Das hilft mir auch als Schauspieler.

Machen Sie sich als solcher seit Jahren rar, um nicht mehr gegen Mauern zu laufen?

Ja. Erstens, weil ich nach 40 Jahren noch immer nicht die Charakterrollen kriege, die ich will. Zweitens, weil ich genug vor der Kamera gestanden habe und lieber Dokumentarfilme drehen wollte. Dummerweise wollen sich deutsche Redakteure von Ausländern nicht ihr Land erklären lassen. Kennen Sie Alemanya? Dem Drehbuch der Şamdereli-Geschwister über türkische Einwanderung wurde alles abgeschliffen, was kritisch mit Deutschland umging. Während die Nazi-Zeit vorbildlich aufgearbeitet wird, bleibt dieser Teil der Nachkriegsgeschichte, bei dem man Türken wie Vieh ins Gebiss geblickt hat, ein blinder Fleck.

Das wäre doch mal ein Projekt!

Wenn mir jemand Geld gäbe, gern. Aber das wird nicht passieren. Als ich ein Buch über den Mauerfall geschrieben habe, fanden das bis auf die Filmförderung alle gut, wo es hieß: wieso soll ein Türke den Mauerfall verfilmen?! Da könnte ich antworten: weil ich seit Jahrzehnten daneben lebe! Aber das bringt nichts…

Klingt alles sehr ernüchtert. Blicken Sie nach 250 Filmen und Serienepisoden trotzdem positiv zurück auf Ihr Berufsleben?

Na ja, schon durch meine Beharrlichkeit habe ich bestimmt was bewegt in der Branche. Aber es bleibt immer der Makel, mich nicht in ganzer Breite verwirklicht zu haben. Dafür war ich zu oft schmückendes Beiwerk statt tragender Charakter.

Ihre Kinder sind vermutlich keine Schauspieler geworden?

Als ich den Sultan in Baron Münchhausen gespielt habe, war mein Sohn der Prinz, das hat er sogar richtig gut gemacht. Auch meine Tochter ist talentiert. Aber weil beide die Szene, der viele ausländische Schauspieler frustriert den Rücken kehren, durch mich gut kennen, lassen sie es lieber bleiben.

Wie wahrscheinlich ist es da, dass wir bald einen türkischstämmigen Chefarzt, Wissenschaftler oder Anwalt in einer großen Fernsehserie sehen?

Ich bin und bleibe Optimist. Einiges hat sich getan und Regisseure wie Fatih Akin oder einige ausländische Drehbuchautoren machen mir immer wieder Mut.


Verschwörungsgeschwurbel & Investigation

Die Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Nein, man sollte die Namen der Feinde von Demokratie, Realität, Logik und allem, was soziales Miteinander sonst operabel macht, nicht ständig aussprechen. Da jede Art von Aufmerksamkeit Wasser auf die Mühlen ihrer Wahrheitsverachtung ist, sollte niemand über sie reden, schreiben, singen. Konsequentes Ignorieren all der Xaviers, Alices und Atillas hat demnach nichts mit Ignoranz, sondern gesundem Menschenverstand zu tun. Schon richtig.

Aber dass Ken Jebsen von YouTube gesperrt wurde, ist einfach zu schön, um unerwähnt zu bleiben. Allerdings muss die Frage erlaubt sein: Warum jetzt? Warum Jahre, nachdem der selbstverliebte Verschwörungsschwurbler massenhaft Leichtgläubige in die Fundamentalopposition gegen nahezu alles von Sinn und Verstand getrieben hat? Soziale Medien gleich welcher Art zeigen gerade, wie wenig ihnen an wahrer Liberalität gelegen ist und wie viel an Verwertungsketten…

Und die beherzigt kein reaktionäres Sprachrohr mehr als Fox News. Nach zehnwöchiger Besinnungsphase im Zuge der endgültigen Entlarvung ihres abgewählten Quotenbringers, entlässt es 20 Journalisten und ersetzt sie in der Primetime vor acht durch Meinungsrüpel der Marken Hanity bis Ingraham. Damit reagiert Rupert Murdochs Schlachtplatte auf die massive Zuschauerwanderung zu OANN und Newsmax, knickt also vorm Gezeter rechts der Republikaner ein.

Dem ebenso schrillen, aber unpolitischen Boulevard hat Günther Jauch derweil eins ausgewischt und seinen Prozess gegen Bauer gewonnen. Es ging um Clickbaiting mit Bildern des Moderators, die mit der Kampagne aber mal gar nichts zu tun hatten. Guter Nachrichten auch von ProSiebenSat1 Media SE. 2020 hat sie trotz (oder wegen) Corona bei einem Vorsteuergewinn von 700 Millionen Euro gut 4 Milliarden Umsatz erzielt – und das explizit wieder mit ihrem Kerngeschäft, dem Fernsehen.

Die Frischwoche

25. – 31. Januar

Darin sorgt allerdings nur der erste Sender im Portfolio für Qualität – etwa mit Joko Winterscheidts erfolgreichem Quizmaster-Casting Wer stiehlt mir die Show?, die morgen kein Geringerer als Thomas Gottschalk fortsetzt. Beim Privatkonkurrenten RTL ist währenddessen nur bemerkenswert, dass Simon Böer ab Freitag Hendrik Duryn als Der Lehrer ersetzt. Was ein bisschen schade ist, weil dessen Pädagoge Stefan Vollmer glaubhafter war als die meisten Fernsehkollegen zuvor. Seine Rückkehr feiert demgegenüber Wolfgang Stumph am Samstag als Stubbe. So sieht also die Zukunft des ZDF aus…

Und damit zu wirklich ernstgemeinter Programmplanung: Ab Donnerstag arbeitet TV Now den erstaunlichen Mord der schwedischen Journalistin Kim Wall auf dem U-Boot eines dänischen Tüftlers vor vier Jahren auf. Der Sechsteiler The Investigation schafft es nun, die Klärung dieser bestialischen Tat in einer sehenswerten Real-Crime-Fiktion ohne Täter, ohne Opfer, aber mit unbeirrbaren Polizisten und Angehörigen aufzuarbeiten.

Am Mittwoch setzt Netflix seine Reihe ästhetisch anspruchsvoller Serien wie Azizlar und Bir Başkadır aus der Türkei mit dem Thriller 50m2 fort, wo ein verwaister Auftragskiller seine Herkunft im Unterschlupf einer winzigen Istanbuler Wohnung herausfindet. Auf mehr Gefühl als schwarzen Humor und Bandengewalt setzt die ARD. Hier lädt der gesettelte ESC-Sänger Max Mutzke am Dienstag (22.55 Uhr) Promis zum musikalischen Zwiegespräch über ihre Lebenslieder.

Am Sonntag läuft dort zur ähnlich bigotten Sendezeit um 23.35 Uhr Stephen Frears federleichtes Beziehungsdrama State of the Union nach einem Buch von Nick Hornby. Der Mittwochsfilm Ruhe! Hier stirbt Lothar ist dann aber auch aus deutscher Produktion wieder auf unterhaltsame Art heiter – und schafft es, mit Jens Harzer als vermeintlicher Krebspatient, einen Hauptdarsteller jenseits der üblichen TV-Stars zu besetzen.


Lisa Wagner: Kommissarin Hellers Abschied

Auf keinen Fall 08/15

Am vorigen Samstag hat sich Kommissarin Heller (Foto: Hannes Hubach/ZDF) nach (nur) zehn Folgen vom ZDF verabschiedet – und wie es sich für diese Polizistin gehört, natürlich alles andere als gewöhnlich. Ein Gespräch über Wunschabgänge, Menstruationswitze, Cat-Calling und den Tatort Kaiserslautern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wagner, ohne zu viel übers Ende von Kommissarin Heller verraten zu wollen: was für ein Abgang am Ende des zehnten Falls!

Lisa Wagner: Toll, oder? Es war von Anfang an klar, dass ihr Abtritt auf keinen Fall 08/15 sein könne. Deshalb hat unser Autor Mathias Klaschka, der ja fast alle Drehbücher zu Kommissarin Heller geschrieben hat, auf Wunsch der Regisseurin so was wie den umgekehrten Deus ex Machina-Effekt gewählt, als schickte man Winnie Heller ins Märchen zurück, aus dem sie irgendwann mal gekommen war.

Wie sähe denn ihr eigener Wunschabgang aus – mit Knalleffekt oder in aller Stille?

Lieber in aller Stille, und ich muss auch wirklich nicht auf der Bühne sterben. Selbst bei Partys bevorzuge ich schließlich eher den polnischen Abgang, ohne mich von allen groß zu verabschieden.

Würden Sie auf diesen Partys wie Winnie Heller im Serienfinale denn Wildfremden gegenüber Menstruationswitze machen?

Nein! Die Figur ist mit den Jahren zwar immer enger an mich herangewachsen, aber ich versuche ein weniger impulsiver, instinktgeleiteter Mensch als sie zu sein und überlege mir sehr gründlich, das Auto eines Kollegen zu schrotten, nur weil er lügt. Winnie stößt einfach lieber Menschen vor den Kopf, als ich es tue. Wichtiger als die Impulsivität war mir zwar immer ihre Unberechenbarkeit, aber sie ist definitiv kein diplomatischer Typ.

Schon gar nicht im Umgang mit Männern, denen sie die eigene Herrlichkeit schon mal buchstäblich vorn Latz knallt und damit einen sehr robusten Weg der Emanzipation wählt.

Winnie denkt eigentlich gar nicht groß über Emanzipation nach. Ihr ist es echt völlig scheißegal, ob es Frauen oder Männer sind, die sich in ihrem Wertesystem danebenbenehmen. Aber diese Aufhebung der Geschlechtertrennung ist im Grunde ja der Kern aller Emanzipation.

Kennen Sie den Begriff des Cat-Calling, bei dem Männer Frauen sexuelle Belästigungen hinterherrufen?

Klar, jede Frau kennt das, auch wenn ihr der passende Begriff dazu vielleicht fehlt. Und bei Winnie gäbe es dafür je nach Stimmungslage schon mal eine aufs Maul

Von Ihnen auch?

(Überlegt lange) Es gab da schon einige Situationen, in meiner Erinnerung habe ich mich aber eher dazu entschieden, keine Lebensenergie darauf zu verwenden und einfach weiterzugehen. Kann schon sein, dass ich mich mal umdrehe und den Typ zur Rede stelle, aber viele von denen machen das ja genau wegen dieser Reaktion, und die gönne ich ihnen nicht.

Mit der sich drei Jahre nach dem Serienstart auch die #MeToo-Bewegung auseinandergesetzt hatte. War Kommissarin Heller ihrer Zeit so gesehen ein Stück voraus?

Ich glaube, sie ist ihrer Zeit sogar noch immer ein Stück weit voraus. Für Winnie sind Mann und Frau nämlich nicht nur absolut gleichberechtigt, sondern auch gleichverpflichtet.

Umso mehr stellt sich die Frage, warum die Erzählung dieser modernen Figur nach nur zehn Fällen endet?

Weil sie so wahnsinnig extrem ist. Mein Albtraum war immer Zuschauer, die Samstagabend einschalten und sagen, ach nee, der geht’s schon wieder so schlecht… Nach meiner Erfahrung nutzen sich dunklere Figuren ein bisschen schneller ab als hellere. Weil Winnie aber nur begrenzt heller funktioniert, wie wir sie in der vorigen Folge gezeichnet haben, scheint sie sich langsam erschöpft zu haben.

Hat die Figur denn auch Sie erschöpft?

Nicht körperlich, aber wenn ich das Gefühl habe, mich im Kreis zu drehen, springe ich lieber ab vom Karussell. Ich will mich nicht wiederholen. Und genau dieses Gefühl hatte ich schon in ein paar Fällen zuvor. Was aber auch nur auffällt, weil wir so viel Privates von ihr erzählen. Krimis, die sich vor allem mit der Tätersuche befassen, sind da vielleicht etwas genügsamer.

Was mögen Sie als Zuschauerin lieber: puristische Falllösung oder mehr Hintergrundinformationen?

Solange keine der zwei Seiten gewollt wirken und das Drehbuch stimmt, ist mir das eigentlich völlig wurscht.

Gehen Sie jetzt, nach der Trennung von Kommissarin Heller, gezielt auf die Suche nach einer weniger dunklen Filmfigur?

Das klingt mir zu sehr, als hätte sie mir keinen Spaß gemacht. Winnie war toll! Aber fröhliche Figuren sind echt schwer zu spielen. Und wer will schon jemanden sehen, der problemlos gut drauf ist? Das ist schnell langweilig. Deshalb sind gute Komödien hierzulande ja auch so selten.

Würden Sie denn gern mal eine spielen?

Das habe ich ja schon gemacht. Es darf aber liebend gern noch häufiger passieren. Jedenfalls, sofern die Bücher stimmen!

Und Tatort, sagen wir: Team Kaiserslautern?

Ach, ich hatte ja schon ein paarmal die Profilerin in München gespielt, das ist nicht so richtig aufgegangen. Und im Moment gibt es bereits so viele verschiedene Tatorte an verschiedenen Orten – da brauchen wir keine neuen. Außerdem: jetzt gleich wieder eine Kommissarin – das muss ja nun auch nicht sein.


Dr. Mertens & Walther Desiato

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Januar

Vor mehr als einem Monat wurde der erste Impfstoff gegen Covid-19 in Großbritannien verabreicht, und es wäre wirklich mal einer Studie wert, wie oft uns die Nachrichten seither genötigt haben, seiner Injektion zuzusehen – in mancher Tagesschau vermutlich sieben-, achtmal. Welchen Informationswert der kleine Stich mit großer Wirkung hat, sei an diese Stelle dahingestellt. Sie verweist aber auch den Bedarf, Optimismus sichtbar zu machen. Wobei das auch für Pessimismus gilt; dafür steht die Dauerschleife der Bilder vom Sturm aufs Kapitol, zu denen sich grad solche vom Aufmarsch der Sicherheitskräfte an gleicher Stelle gesellen.

Andere Sicherheitskräfte bleiben derweil im Verborgenen. Etwa jene, die zurzeit das mutmaßlich größte De-Platforming der Internet-Historie betreiben. Twitter allein hat 70.000 QAnon-Konten dauerhaft gesperrt, Facebook zugleich das Hosting des Messengers Parler beendet, weshalb sich Donald Trump auf der Suche nach Alt-Tech seiner Hate-Speech wie seine Fans umgewöhnen muss. Die wechseln nämlich gerade massenhaft von Youtube zu Rumble oder von Whatsapp zu Clouthub.

Fast pluralistisch wirkt es da, dass sich die pressefreiheitsfeindliche Berufszynikerin Alice Weidel noch immer den Fragen seriöser Medien wie dem MoMa stellt – wo ihr der Moderator Mitri Sirin entsprechend Kontra gab, ohne sich aufs AfD-Spielchen größtmöglicher Polarisierung einzulassen. Nicht leicht, hier den passenden Übergang zum Heitidei-TV zu finden, deshalb lassen wir’s auch: Während HBO die Fortsetzung von Sex and the City ankündigt, endet Tierärztin Dr. Mertens nach 84 Folgen in 15 Jahren mit der 7. Staffel.

Das reißt ja fast so große Lücken ins ARD-Programm wie der FC Bayern. Weil er zum ersten Mal seit 20 Jahren schon in Rund 2 des DFB-Pokals rausgeflogen ist, wird das Erste vermutlich fortan Münchner Spiele vergangenen Wettbewerbe übertragen; denn Live-Partien ohne Bayern-Beteiligung – soweit kommt’s nochs…

Die Frischwoche

18. – 24. Januar

In einer der vielen englisch genannten Bundesligawochen, an denen nur der Donnerstag spielfrei ist, gibt es vergleichsweise wenig nichtsportlicher Unterhaltung zu empfehlen. Auf Sky gibt es heute ein Wiedersehen mit Bryan Cranston aka Walther White. Wie einst in Breaking Bad spielt er zwar auch in der Showtime-Serie Your Honor einen kriminell gefallenen Spießer – diesmal Richter Michael Desiato in New Orleans, der seinen Sohn illegal aus der Patsche einer tödlichen Fahrerflucht zu retten versucht.

Auch, wenn das eine Art thematischer Stagnation zu sein scheint, ist der Zehnteiler jedoch von so bildgewaltiger Zurückhaltung, dass es jeder Moment der Stille mehr scheppert als 100 Actionthriller zusammen. Dieses athmosphärische Niveau erreicht allerdings auch Bjarne Mädels herausragendes Regiedebüt Sörensen hat Angst. Mit sich selber als Kommissar, der Mittwoch im Ersten vor seinen Neurosen nach Friesland flieht, zählt dieses düster-leichte Provinzdrama schon jetzt zum Besten des Jahres.

Auf völlig andere Art unterhaltsam ist hingegen der SciFi-Spaß Moonbase 8 um drei Astronauten, die im Trainingszentrum darum kämpfen, auf den Mond zu fliegen. Hier regiert ab morgen auf Sky aber doch eher die geschriebene Pointe als Situationskomik. Wem die genannten Formate übrigens nicht genug weibliche Hauptrollen enthalten, die den Bechdel-Test bestehen, der sollte am Mittwoch vielleicht ausnahmsweise mal zu Prime wechseln.

Die Coming-of-Age-Komödie Yes, God, Yes, beispiellos bescheuert mit Böse Mädchen beichten nicht übersetzt, handelt von katholischen Teenagern auf der Suche nach weltlicher, nun ja, Entspannung. Amüsant, wenngleich mit etwas viel Attraktivität im Cast. Weil sich das französische Lustspiel Forte davon emanzipiert, ist es allerdings doch empfehlenswerter. Weil die korpulente Buchhalterin Nour (Melha Bedia) in ihrem Pariser Fitnessstudio bei der Männersuche nicht weiterkommt, nimmt sie an einem Pole-Dance-Kursus teil.


Sleaford Mods, Pom Poko, Buck Meek

Sleaford Mods

2021. Die Welt liegt in Scherben. Corona mutiert, der Klimawandel entgleist, Amerika steht vor einer faschistischen Revolution, Deutschland könnte von Friedrich Merz regiert werden und England igelt sich endgültig im Brexit ein. Jason Williamson und Andrew Feanr hätten also allen Grund, ihren Furor noch weiter zu radikalisieren als zuvor. Was aber machen die derbsten Systemkritiker des alternativen Politpop? Sie klingen zu Beginn ihres neuen Albums fast schon lieblich.

Doch keine Angst – das tun die Sleaford Mods nur im Prolog von Spare Ribs. Gleich danach schnoddern sie die Verhältnisse gewohnt zu Klump, reimen Uber auf new Computer, sezieren zwölf Tracks lang den globalen Aberwitz rechtspopulistischer Ultrakapitalisten und schaffen damit etwas Erstaunliches: Obwohl auch das elfte Album vom Duo aus Nottingham ähnlich klingt wie das erste, sechste oder neunte, entfaltet es in jeder bassgesättigten Elektropunkkonvulsion innovative Kraft, als wäre es ganz neu im Wutgeschäft. Grrrrr…

Sleaford Mods – Spare Ribs (Rough Trade Records)

Pom Poko

Und wo wir gerade beim Thema musikalischer Konventionsbruch sind: auch das norwegische Quartett Pom Poko sägt mit großer Hingabe an Hörgewohnheiten. Nichts an ihrer zweiten Platte Cheater klingt aufs erste Hören hin eingängig. Im Gegenteil: ab und zu muss man überschüssige Extrabässe reindrehen, damit einem das punkavantgardistische Gitarrengeschepper nicht die Trommelfelle perforiert. Gerade in diesem Too Much allerdings besteht auch das Alleinstellungsmerkmal.

Die meisten der zehn neuen Stücke sind horizontale Überlappungen vertikaler Klangvielfalten, als würden sich die Stile darin selbst potenzieren. Das famose Danger Baby zum Beispiel ist eine Art polarjapanisch-texanischer Mambometal-Easylistening-Noise, an dem das feministische Gesangschaos noch am eingängigsten ist. Klingt wirr? Ist wilder! Und dennoch mit einer so detailveressenenen Liebe zum kosmopolitischen Allerlei, dass der zwischenzeitliche Tinnitus eher stimulierend als nervig wirkt.

Pom Poko – Cheater (Bella Union)

Buck Meek

Und allein schon, um nach so viel Lärm und Wut und Durcheinander ein bisschen  runterzuregeln, runterzukommen, rumzuhängen, sei an dieser Stelle etwas gänzlich anderes empfohlen: Tow Saviors, das zweite Album des Leadgitarristen der New Yorker Indierock-Perle Big Chief. Gemeinsam mit einer Bande Bekannter wie seinem Bruder am den Keyboards oder dem Instrumentalwizzard Mat Davidson, reduziert er den Sound seiner Stammformation nicht nur um ein paar Dutzend Dezibel; er verzaubert die Ruhe in orchestrale Vielfalt.

Ohrenscheinlich tief im Produktionsort am Mississippie verwurzelt, schimmert durch das hintergründe Countrypop-Gewimmel eine Gelassenheit von so großer Vielfalt, dass man vielleicht doch kurz daran glauben möchte, mit guter Musik sei das Schlechte der Welt besiegbar – und sei es nur für die Dauer von der elf alternativen Southern-Rockstücke, in die sich permanent urbaner Größenwahn von Austin bis L.A. mischt. Das perfekte Album für linke Rednecks, falls es die gibt.

Buck Meek – Tow Saviors (Keeled Scales)