Frank Joung: Halbe Katoffln & ganze Deutsche
Posted: November 5, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich führe biografische Gespräche
Der Berliner Journalist Frank Joung (Foto: William Minke) aus Hannover mit Wohnsitzt Berlin hat koreanische Eltern, keinen Akzent und einen Podcast namens Halbe Katoffl, in dem er sehr erfolgreich mit BIPoC über Rassismus, Kriminalität, Aufstieg oder Religion redet – sofern es sich im Gespräch denn ergibt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frank Joung, wenn Sie selber in Ihrem Gesprächs-Podcast Halbe Katoffl zu Gast wären – was würden Sie sich als erstes fragen?
Frank Joung: Erst einmal würde ich wahrscheinlich um den Personalausweis bitten (lacht). Die „Passkontrolle“ ist die erste Rubrik des Podcasts und die erste nicht ganz ernst gemeinte bürokratische Hürde ins Gespräch. Aber bevor ich auf Aufnahme drücke, frage ich natürlich eher Banales: Wie geht’s? Wie war die Anfahrt? So was.
Um Ihr Gegenüber erstmal vorzuwärmen für heiklere Themen?
Nee, gar nicht. Eher um die Stimmung zu ertasten, die Gemütslage. Am ersten Small Talk lässt sich ja oft einiges ablesen. Ich schaue, wie wir viben, wie gesprächig oder ruhig jemand ist, vielleicht sogar nervös. In meinem Format geht es ja viel um Vertrauen.
Schafft die Tatsache allein, dass Sie beide halbe Katoffln sind, also Menschen mit dem berühmten Migrationsvordergrund, nicht bereits Vertrauen, unter ihresgleichen, quasi?
Ein bisschen schon. Es ist natürlich von Vorteil, dass die Leute den Podcast schon kennen und wissen, worauf sie sich einlassen. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es da ein unausgesprochenes Verständnis gibt, meistens zumindest.
Gibt es denn ohne diese Basis, für ganze Katoffln wie mich, Spielregeln oder No-Gos, die man unbedingt beachten sollte im Gespräch mit Menschen, die mittlerweile als BIPoC bezeichnet werden?
Naja, die erste Spielregel ist Respekt. Dass man einer schwarzen Frau nicht in die Haare fasst, ist für mich selbstverständlich. Für viele anscheinend nicht. Ich fände es auch übergriffig, eine Frau direkt nach dem Kennenlernen zu fragen, warum sie ein Kopftuch trägt. Aber auch das machen viele. BIPoC erleben sehr häufig, dass sie nur auf das Äußere oder ihr stereotypisches Bild reduziert werden: Man ist dann der „Asiate“ oder die „Muslimin“.
Aber ist diese Reduktion aufs Vordringliche nicht gar menschlich?
Doch klar. Es geht auch nicht darum, dass man das nicht registrieren oder denken darf. Trotzdem gebieten es Höflichkeit und Anstand, sich mit bestimmten Fragen oder Bemerkungen zurückzuhalten. Mich interessieren die Herkunft und die Geschichte meines Gegenübers auch sehr. Aber manches kann man erst besprechen, wenn man eine gewisse Beziehung zueinander hat. Ich frage Sie ja auch nicht sofort nach Ihrer … Brille.
Oder dem Haarausfall.
Genau (lacht). Im zwischenmenschlichen Miteinander gibt es kein ewiggeltendes Rezept. Es kommt viel auf Zwischentöne an. Und wenn mich Fremde sofort fragen, wo ich eigentlich herkomme, kann ich meist sehr schnell erkennen, aus welcher Motivation heraus das passiert. Da geht’s dann oft nicht um ein wirkliches Interesse an meiner Person, sondern meist darum, mich in eine Schublade einzuordnen.
Ging es Ihnen vor Jahren mit Ihrem Podcast darum, Schubladen jeder Art ganz oder nur ein bisschen länger als üblich geschlossen zu halten?
Ich habe an sich nichts gegen Schubladen. Die haben wir alle. Aber wichtig ist, dass es viel mehr Schubladen gibt, als wir denken. Und dass keine mehr wert ist als die andere. Mir war wichtig, dass es über uns noch andere Geschichten zu erzählen gibt als die vier Kernthemen Rassismus, Kriminalität, sozialer Aufstieg oder Religion. Mir ging es darum, die verschiedenen und vielfältigen Lebensrealitäten und -themen von Halben Katoffln zu zeigen.
Zum Beispiel?
Einfach menschliche Themen: Schule, Familie, Essen, Pubertät.
Liebeskummer.
Ja, das vielleicht auch. Ich führe biografische Gespräche. Darin dreht sich alles um den einen Menschen, der vor mir sitzt. Um seine individuellen Erfahrungen, Erlebnisse und Anekdoten als jemand, der sich in verschiedenen Kulturen bewegt. Man soll die Person kennenlernen und etwas von ihrem individuellen Lebensweg erfahren – und sie nicht als Repräsentant*in einer Nation oder Kultur wahrnehmen.
Haben Sie diese Herangehensweise denn eher als Journalist oder persönlich Betroffener gewählt?
Sie meinen „betroffen“ vom Migrationshintergrund? (lacht) Naja, ich gehe als Frank ins Gespräch und bringe mich persönlich ein, mit meinem individuellen Hintergrund, aber natürlich kann und will ich das Journalistsein nicht ausblenden. In erster Linie soll es ein Gespräch zwischen Menschen sein. Das klingt jetzt vielleicht spirituell-hippiemäßig, aber es ist ja kein klassisches Frage-Antwort-Interview. Jemand erzählt mir freiwillig von seinem Leben. Das weiß ich zu schätzen. Meine Motivation ist da nicht, kritisch zu interfragen, sondern zuzuhören, anzunehmen und das Gesagte nicht zu bewerten.
Hat es in bislang rund 60 Sendungen schon mal eine gegeben, die keine der vier genannten Kernthemen angesprochen hat?
Wahrscheinlich nicht. Natürlich geht es fast immer auch um das Thema Rassismus, um Vorurteile, Diskriminierung und Identitätsfindung – aber in unterschiedlicher Ausprägung. Und vor allem immer eingebettet in die Lebensgeschichte.
Andererseits pochen Menschen, die davon in verschiedener Ausprägung betroffen sind, vielfach darauf, ihre Herkunft in den Medien unsichtbar zu machen. Sibel Kekilli heißt im „Tatort“ daher Sarah und Ingo Zamperonis italienischer Herkunft findet sich nur noch im Nachnamen Vater liefert nur noch den Nachnamen.
Da geht es vor allem darum, dass Halbe Katoffln eben einfach mal eine Sarah spielen oder als Ingo wahrgenommen werden wollen, statt immer die alten Klischees für Sibels und Zamperonis darzustellen, also Putzfrau oder Pizzabäcker, Taxifahrer, Kleingangster. Aber wurde die Realität doch längst von der Fiktion überholt. Ich heiße Frank, spreche perfekt Deutsch, sehe koreanisch aus, aber wie viele Rollen in Deutschland gäbe es, die das abbilden? Andersrum gibt es Menschen, die ausländische Namen haben, aber nichts mehr mit der Kultur der Eltern zu tun haben. Es geht also nicht darum, den Migrationsvorder- oder -hintergrund unsichtbar zu machen oder zu ignorieren, sondern eher das Menschliche, Individuelle herauszustellen.
Ist es eine Illusion, Gleichberechtigung durch Unsichtbarkeit zu erzeugen?
Da sind wir beim Thema Farbenblindheit. Es ist für mich kein Kompliment, wenn mir jemand sagt: Ich sehe gar nicht mehr, dass du asiatisch aussiehst. Ich möchte ja gesehen werden, und zwar so, wie ich bin. Wenn ich als Mann einer Frau sage: Du, ich sehe dich gar nicht mehr als Frau, freut die sich wahrscheinlich auch nicht. Umgekehrt genauso.
Entsteht aus Ignorieren Ignoranz?
Das ist eine Frage der Haltung: Wir sind in manchen Dingen verschieden, sehen unterschiedlich aus, aber verstehen uns trotzdem oder können uns zumindest tolerieren. Ich verlange von niemandem, dass er meine koreanischen Eltern und Hautfarbe ausblendet, im Gegenteil: Ich möchte, dass er das sieht, aber gleichzeitig auch versteht, dass ich in Hannover geboren bin und mich auch deutsch fühle. Manche haben anscheinend immer noch Schwierigkeiten, das miteinander zu vereinbaren. Wie weit die Positionen auseinanderklaffen, hat man auch bei der Debatte um Black Lives Matter erkennen können.
Inwiefern?
Überspitzt gesagt: Während die weiße Mehrheitsgesellschaft darüber diskutieren wollte, ob es überhaupt Rassismus in Deutschland gäbe, wollten Schwarze und andere PoC über strukturellen Rassismus und Critical Whiteness reden. Ich hatte den Eindruck: Wow, wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen. Das hat mich echt erschreckt.
Auch desillusioniert?
Nein, denn wir kommen ja trotzdem langsam an den Punkt, dass mehr und mehr Weiße erkennen, Rassismus ist kein Thema von Nichtweißen, sondern uns allen, dass Weiße ihr Weißsein und die damit verbundenen Privilegien reflektieren müssen. Dazu müssen weiße Deutsche jedoch erst mal ihr Weißsein anerkennen. Ich hoffe, dass wir langsam eine gemeinsame Sprache finden können. Schließlich ist es schön, dass wir endlich überhaupt gemeinsam, manchmal sogar richtig unbeschwert darüber reden.
Ist das Ziel Ihres Podcasts demzufolge, für gut informierte Unbeschwertheit zu sorgen?
Für mich ist der Unterhaltungsfaktor enorm wichtig. Es muss Spaß machen, zuzuhören. Daher versuche ich, die Balance zu halten zwischen schweren und leichten Themen. Komik ist Tragik in Spiegelschrift; wir können auch über Geschichten lachen, die an sich nicht lustig sind. Wenn es ein Vertrauensverhältnis gibt, kann ich auch Dinge ansprechen, die womöglich tabuisiert sind und die sich andere nicht trauen würden zu fragen. Ich finde es charmant, dass man auch im beiläufigen Gelaber etwas lernt.
Wobei ein Audioformat ohne zugehöriges Bild da natürlich hilfreich ist…
Unbedingt. Es erleichtert beim Zuhören ungemein, meine Gäste als eigene Charaktere wahrzunehmen, also nicht in Vertretung einer bestimmten Gruppe. Klingt banal, ist aber wichtig. Hier steht mal nicht der Migrationshintergrund im Vordergrund, sondern nur die Persönlichkeiten. Am Ende geht es bei allen Menschen ja um ähnliche Themen: Wer will ich sein und wer bin ich wirklich? Wir alle müssen unsere Identität finden. Nur, dass es Halbe Katoffln oft etwas schwerer haben, weil sie noch einen Extra-Rucksack mitschleppen.
Sind Sie denn philanthropisch genug, um im direkten Gespräch oder Interview bereits ein Heilmittel unserer verlotterten Kommunikation zu erkennen?
Ein offenes, ehrliches Gespräch ist auch auf professioneller Ebene jedenfalls nie verkehrt. Wir sind oft so abgestoßen von anderen Meinungen, Einstellungen, Positionen und Social Media befeuert das Lagerdenken zusätzlich. Aber wenn man sich dann mal so Old School zwei Stunden zusammensetzen würde und miteinander übers Leben redet, ist man vielleicht nicht in allem einer Meinung, aber versteht womöglich besser, wie das Gegenüber zu bestimmten Einstellungen kommt. Bei Halbe Katoffl geht’s um persönliche Erfahrungen und nicht um Meinungen zu bestimmten Themen.
Ging es zu Beginn auch um ein Ertragsmodell, wollten Sie mit dem Podcast als Journalist Geld verdienen?
Da musste ich am Anfang etwas umdenken. Als Journalist bist du es gewöhnt, dich erstmal nur auf den Inhalt zu konzentrieren und das Geldverdienen zu vernachlässigen. Zumindest war das bei mir so. Trotzdem war es wichtig, den Business-Aspekt mit einzubeziehen, weil ich wusste: Wenn der Podcast nicht irgendwann zumindest die Kosten deckt, würde ich ausbrennen.
Und verdienen Sie Geld damit?
Ja.
Wodurch genau?
Es ist ein Mix. Zurzeit läuft eine Sportserie, in Kooperation mit dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ vom Deutschen Olympischen Sportbund. Da spreche ich einmal im Monat mit halbkatoffeligen Sportler*innen. Inhaltlich bin ich aber völlig unabhängig. Dann bekomme ich finanzielle Unterstützung durch Hörer*innen, die Mitgliedschaften bei der Membership-Plattform Steady abschließen können. Und das dritte Standbein ist: Werbung. Habe ich auch schon in den Podcast eingesprochen, finde ich aber am wenigsten attraktiv.
Haben Sie sich Dramaturgie, Interface und Aufbau des Podcast mal von einem Profi erklären lassen?
Am Anfang war ich Teil des Europarat-Programms Diversity Accelerator, Div-A. Da ging es zwar vor allem um mehr Vielfalt in den Medien, aber auch, daraus ein Business zu machen. Als damaliger Chefredakteur des Laufblogs Achim-Achilles.de war ich mit strategischen Fragen schon ganz gut vertraut, aber es war hilfreich, den Podcast gleich als Geschäft zu sehen. Was das Podcasten an sich angeht, habe ich mir das meiste mit viel Recherche selbst angeeignet.
Anders als viele Podcasts ohne prominentes Gesicht war Ihr Ansatz also von Anfang an auf Professionalität und Profitabilität ausgerichtet?
Sagen wir so: ich habe einfach versucht, das so gut wie möglich zu machen, sowohl inhaltlich als auch handwerklich. Das ist der Profitabilität gewiss nicht abträglich.
Hat die Pandemie, in der zum einen das Informationsbedürfnis, zum anderen das Zeitkontingent massiv angestiegen ist, da nochmals für einen Schub gesorgt?
Bei mir sind die Abrufzahlen schon gestiegen. Und generell hatte ich den Eindruck, dass Podcasts in der Shutdown-Phase nur so aus dem Boden schießen. Wahrscheinlich weil es deutlich einfacher ist, ein Audioformat zu produzieren als ein Video. Gerade in Notsituationen wie einer weltweiten Pandemie. Der Podcast-Markt ist demnach definitiv größer, aber auch voller geworden.
Was hatte das für Auswirkungen auf Halbe Katoffl – mehr Traffic, aber weniger Anzeigen oder Spenden?
Interessanterweise ist der finanzielle Support stark gestiegen – zumindest durch die Hörer*innen. Vielleicht auch durch Themen wie Hanau oder Black Lives Matter. Ich spüre auch, dass das generelle Interesse am Podcast-Produzieren gestiegen ist. Das habe ich schon vor der Pandemie gespürt – in den Schulseminaren, die ich manchmal gegeben habe.
Oha, Sie bilden Ihre Konkurrenz von morgen aus?
(lacht) Gewissermaßen. Mir macht das sehr viel Spaß. Es ist toll zu sehen, wie offen, kreativ und spielerisch die Jugendlichen an dieses Medium rangehen.
Als Jahrgang 1976 sind Sie noch knapp vor Digital Natives.
Na ja, so knapp ist das nicht, eher weit vorher (lacht), aber ich gehöre vielleicht zur ersten Generation, die sich an den Umgang mit Computern gewöhnen konnte. Falls das noch jemandem was sagt: Ich hatte schon früh einen Atari 2600 und den Commodore 64, aber nur zum Spielen.
Sie haben mal den Begriff „Ethnien-Hierarchie“ verwendet, der eine Art Vorurteilsranking beschreibt, in dem Menschen asiatischer Herkunft wie Sie als ungefährlich gelten, während arabisches oder afrikanisches Aussehen schneller als bedrohlich gilt.
Stimmt, ich erinnere mich.
Hat sich da für Sie in der Pandemie etwas geändert, als asiatisch aussehende Menschen plötzlich sogar angegriffen wurden, weil sie angeblich das Virus eingeschleppt hätten?
Ich habe durch Corona zum Glück keine zusätzliche Diskriminierung erlebt, weiß aber, dass viele asiatisch gelesene Menschen gerade in der Anfangszeit angefeindet wurden. Der Vorurteilskatalog über Menschen asiatischer Herkunft hat sich jetzt – sarkastisch gesprochen – um einen Aspekt erweitert. Es gab zuvor schon das Image von unhygienischen Märkten und undefinierbarem Essen. Das war aber bislang nur fremd, nie bedrohlich. Bis zur Pandemie.
Erleben Sie als Berliner aus Hannover überhaupt noch Rassismus?
Direkten, offenen Rassismus selten. Da bin ich privilegiert. Wobei der vorwiegende Rassismus ja schon längst nicht mehr mit Springerstiefeln daherkommt, sondern unterschwellig geschieht. Durch Bemerkungen, Kommentare und Blicke am Rande, über die ich hinwegsehen kann, wenn es mir gut geht und weniger leicht, wenn ich schlecht drauf bin. Es sind die kleinen Dinge. Seit ein paar Jahren rufen mir viele ein nĭ hăo zu. Sowas nervt.
Was auch noch Chinesisch ist.
Ja. Soll lustig sein oder so.
Kriegt ein dickeres Fell, wer sich als Journalist beruflich mit der Materie befasst, oder im Gegenteil ein dünneres, weil man sich mit dem selbsterlebten Rassismus womöglich auch noch beruflich befasst?
Durch die intensive, auch theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema und der Vernetzung mit anderen BIPoC-Podcastern, kann ich für mich sagen, insgesamt sensibilisierter fürs Thema zu sein und immer noch dazuzulernen. Insgesamt verstehe ich Wissen als Werkzeug; wer dazulernt, weiß besser mit bestimmten Situationen umzugehen. Es ist natürlich zum Teil frustrierend, zu merken, dass man noch einen langen Weg zu gehen hat, aber dann auch wieder empowernd, wenn das, was du tust, Menschen erreicht.
Haben Sie Vorbehalte gegen ganze Katoffln oder andere halbe Katoffln?
Jeder Mensch hat Stereotypisierungen und Vorurteile im Kopf, auch ich – schon, um sich die Komplexität der Welt zu vereinfachen. Wichtig ist, dass man sich diesen Wunsch eingesteht und versucht, diese Simplifizierungen wieder aufzubrechen. Ich merke das immer, wenn ich mich auf ein Gespräch vorbereite. Natürlich denke ich bei Syrien als erstes an Krieg oder bei Äthiopien an Armut. Das hat ja auch Gründe, sollte aber nur der Anfang sein. Meine Frage ist dann: Was gibt’s da noch? Daher beginne ich die Gespräche immer mit dem Klischee-Check.
Wie funktioniert der?
Indem ich mir sieben klischeehafte Thesen überlege, die mein Gegenüber mit ja oder nein beantwortet. Als Beispiel: Hat jemand einen iranischen Hintergrund lautet eine These: Ihr habt zu Hause Perserteppiche. Oder: Die Leute verwechseln Irak und Iran. Damit arbeite ich meine eigenen Klischees ab. Wenn alle Schubladen offen sind, kann man auch offen darüber reden. Entscheidend ist, dass man eigene Klischees infrage stellt und gewillt ist, sie aufzuweichen.
Reden Sie lieber mit Menschen, die einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben oder ist maximale Differenz fruchtbarer fürs journalistische Ergebnis?
Natürlich spüre ich eine familiäre Nähe zu jemandem mit koreanischem, asiatischem Hintergrund. Andererseits möchte ich unbekannte, neue Erfahrungen, Anekdoten und Geschichten hören. Ein guter Freund von mir hat tibetische Eltern. Er sagt: Oft ist er für Deutsche der erste Mensch mit tibetischem Hintergrund, den sie kennenlernen. Das ist natürlich spannend. Wenn ich mit ihm öffentlich spreche, haben mehr Menschen die Möglichkeit, ihn etwas kennenzulernen. Was ich dabei jedoch unbedingt vermeiden will, ist mir von der Person das Land ihrer Eltern erklären zu lassen.
Da ist man beim entsprechenden Wikipedia-Eintrag besser aufgehoben.
Definitiv.
Sie haben gerade mit dem Rapper Samy Deluxe gesprochen, der prominenter ist als die meisten anderen in ihrem Podcast. Sind Sie anders an ihn herangegangen?
Ich höre Samys Musik seit 20 Jahren und verfolge seine Karriere. Daher war es für mich in jedem Fall etwas Besonderes. Aber ich bin das Gespräch nicht anders angegangen. Er hat es mir aber auch leicht gemacht, weil er sehr offen und entspannt war.
Publizistisch und damit wirtschaftlich hingegen dürfte der Prominenzfaktor eine ganz andere Zugkraft entwickeln.
Klar, Prominenz drückt sich auch in den Zugriffszahlen aus. Aber es gibt ja auch Leute, die der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sind, aber in einer bestimmten Szene total prominent. Den Skater Denny Pham werden die wenigsten kennen, dabei ist er in seinem Fach einer der besten weltweit. Prominenz ist also relativ.
Dieses Prinzip hat sich der wesensverwandte Podcast Gute Deutsche Ihrer Kollegin Linda Zervakis zu eigen gemacht, über Sie sich öffentlich sehr geärgert hatten.
Weil das Format meinem so stark ähnelt, dass ich der Meinung bin, es wurde schlicht kopiert. Es geht um halbe Katoffln, nur dass sie hier Gute Deutsche heißen. Ich habe den Klischee-Check, die haben den Instagram-Check. Und zum Teil klingt sogar der Begleittext wie 1:1 abgeschrieben. Mit Spotify hängt da ja ein großer Player dahinter.
Das Copyright auf ein Gesprächsformat über Migrationshintergründe wäre allerdings schwer einklagbar!
Ideen werden nachgemacht, so läuft das halt. Trotzdem fand ich es ärgerlich. Viele Podcasts, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen, haben ihren eigenen Dreh gefunden, und es ist das eine, wenn man auf Augenhöhe ist und dann voneinander abguckt. Spotify hat natürlich eine ganz andere wirtschaftliche Ausgangslage als ich.
Kann man sich andererseits nicht sogar ein wenig geschmeichelt fühlen, wenn die große Tagesschau-Sprecherin Zervakis den Podcast des kleinen Frank Joung imitiert?
Weil mir oft gesagt oder geschrieben wurde, das sei ein Kompliment, war ich in der Tat unsicher, ob ich überreagiere. Aber ich mache Halbe Katoffl seit vier Jahren, da steckt viel Herzblut, viel Arbeit drin und war meines Wissens der erste deutschsprachige Podcast, der sich mit diesem Thema beschäftigt.
Das klingt jetzt ein wenig nach gekränktem Stolz…
Es ist eher Verärgerung darüber, dass ein Weltunternehmen mit Geld um sich wirft eine hochskalierte Kopie mit Promis macht, ohne erkennbare Referenz ans erkennbare Vorbild. Außerdem hatte ich anfangs die Sorge, bei Spotify nicht mehr aufzutauchen, weil die nur ihren „Original“-Podcast pushen. Es ist einfach schade, denn am Ende macht „Gute Deutsche“ das, was BIPoC häufig widerfährt: ein großer Player bedient sich aus einer Szene und bereitet es dann massenkompatibel für einen vornehmlich weißen Markt auf.
Zumal Linda Zervakis als Kind der phänotypisch unauffälligen, ökonomisch saturierten Gastarbeiter aus Griechenland in der Ethnien-Hierarchie relativ weit oben stehen?
Das mag sein, aber ich habe nichts persönlich gegen Linda Zervakis. Ich habe nie mit ihr gesprochen. Es ist einfach schade, wie es gelaufen ist – mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Spotify, das muss man sagen, hat auch mit mir gesprochen. Mittlerweile denke ich, Gute Deutsche will was anderes sein als Halbe Katoffl und ist es auch, trotz der sehr ähnlichen Ausrichtung. Ich denke, ich werde noch da sein, wenn die wieder aufhören.
Der Text ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen
Sean Connery & Ingo Zamperoni
Posted: November 2, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
26. Oktober – 1. November
Überinterpretation ist die Vorstufe zur Tatsachenverfälschung, aber diese – also erstere – darf man schon mal in Kauf nehmen: kurz, nachdem Gerüchte durchdrangen, der neue 007 könnte coronabedingt vom Kino zu Disney+ oder Netflix wechseln, ist der Ur-Bond-James-Bond Sean Connery gestorben. Da könnte man fast meinen, er sei aus Gram über die Banalisierung des legendären Leinwandstoffes am Flatscreen von uns gegangen. Andererseits: mit 90 darf man selbst dann friedlich einschlafen, wenn man die Lizenz zum Töten besaß.
Deutlich zu früh ist dagegen Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann verschieden, der in Dutzenden Talkshows die Stimme bissiger Vernunft war. Und dass der 66-Jährige unmittelbar vorm Interview der ARD-Sendung Berlin direkt zusammengebrach, verleiht der menschlichen Tragödie fast schon surreale Züge. Nicht nur die Medienrepublik wird den diskurs-, aber nie rauflustigen Sozi vermissen.
Was man gewiss nicht vermisst hätte, wäre die dritte Staffel von Das Boot gewesen, mit dem Amazon die geschichtsklitternde Fernsehversion des cineastischen Sprengstoffs der Achtziger abermals fortsetzen will. Bei Babylon Berlin, dessen Weitererzählung ebenfalls publik wurde, sieht das hingegen schon etwas anders aus. Falls die vierte Staffel qualitativ annähernd an die aktuelle anknüpft, dürfte sie sehenswert werden. Sehenswerter jedenfalls als das Gros der TikTok-Videos, die nach dem Urteil eines US-Gerichts weiterhin unter chinesischer Ägide in Amerika laufen – ob Donald Trump ab Mittwoch nun Präsident ist oder Expräsident.
Die Frischwoche
2. – 8. November
Den Weg dorthin, zeigen uns RTL und ZDF morgen ab 20.15 Uhr bis Mittwochfrüh, während die die ARD erst nach dem sehenswerten Dokudrama Schüsse von rechts um 0.05 Uhr übers Attentat auf Rudi Dutschke richtig in die Wahlberichterstattung einsteigt und ProSieben ab 21.25 Uhr immerhin zwei Stunden lang Wie tickt der Präsident? fragt. Nur Sat1 zeigt statt Interesse an Fernsehen mit politischer Brisanz lieber Trash-TV mit dem Potenzial, Katholiken aufzuschrecken: in der 7. Staffel des Blind-Weddings Hochzeit auf den ersten Blick sollten die die Teilnehmer*innen diesmal live heiraten, ohne sich vorher zu kennen. Das wurde zwar wegen Corona verschoben, die Mein-Riechsalz-Rufe aber kommen dann halt später…
Schon heute Abend schildert Ingo Zamperoni um 20.15 Uhr im Ersten den Riss, der auch durch die Familie des deutsch-italienischen Moderators mit amerikanischer Frau geht. Ein Riss, dessen Ursachen etwa im Sky-Vierteiler The Comey Rule erkennbar werden. Das ZDF gönnt sich derweil noch ein bisschen Ruhe vorm Sturm und zeigt den Wirtschaftspolitkrimi Wiener Blut mit der bemerkenswerten Melika Foroutan als Staatsanwältin im österreichischen Sumpf – eine Frau übrigens, deren betont weibliche Durchschlagskraft perfekt in die Arte-Doku Der neue Feminismus (Freitag, 22.05 Uhr) passt.
Mittwoch zuvor setzt die ARD Doris Dörries bedächtige Kino-Sensation Kirschblüten fort, diesmal plus Dämonen, mit denen Golo Euler in Nachfolge von Elmar Wepper zu kämpfen hat. Freitag drauf startet Jan Böhmermanns Neo Magazin Royale dann um 23 Uhr im ZDF. Und bemerkenswert ist noch, wie Ethan Hawke als real existierender Gegner der Sklaverei ab Freitag in der Sky-Serie The Good Lord Bird Ende der 1850er Jahre den amerikanischen Bürgerkrieg einleitet, vor dem die USA jetzt ja wieder zu stehen scheinen.
Als Ablenkung empfiehlt sich an gleicher Stelle ein Pop-Up-Channel zum Start des neuen Terminators, in dem die alten Filme der Reihe gezeigt werden – was zu den Wiederholungen der Woche überleitet. Namentlich: Anatomie eines Mordes mit James Stewart als Verteidiger eines Soldaten, der den Vergewaltiger seiner Frau 1959 in schwarzweiß ermordet haben soll (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Staubfarbig dagegen ist das oscarprämierte Meisterwerk No Country for Old Men der Coen-Brüder von 2007 (Mittwoch, 22.35 Uhr, Kabel1). Und der Tatort – klaro: Ein 84er Schimanski um einen Mord im Medienmilieu (Das Haus im Wald), Dienstag um 23.40 Uhr im WDR.
Eels, Common, Mr. Bungle
Posted: October 29, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Eels
Nein, für Hektik, Hass und Übereifer ist grad definitiv nicht die richtige Zeit. Falls sie abgesehen von Impfstoffen und Sedativa für irgendetwas ist, dann unbedingt und ausnahmslos und wirklich dringend: Eels. Seit ihrem Debüt Beautiful Freak von 1996 winden sich die Aale des Folkpop mit samtweicher Geschmeidigkeit durchs Genre und hinterlassen dort gesalbte Seelen, die der Hillibilly-Hipster Mark Oliver Everett auch auf dem 13. Album mit seinem Lagerfeuergesang betupft.
Hier und da verwehende Geigen, hier und da verwitterte Drums, hier und da Riffs von verwegener Durchlässigkeit, singt E, wie er sich nennt, vom Leben einer komplizierten Gefühlswelt, in der irgendwie alles möglich scheint, aber nichts richtig funktioniert. Wie jede seiner Platten kann man Earth to Dora einfach so durchhören und nochmals und nochmals und die Welt wirkt danach ein wenig erträglicher, ohne gut zu sein.
Eels – Earth to Dora (PIAS)
Common
Da für Ruhe, Nachsicht, Understatement aber noch viel weniger die rechte, weil rechtsradikale Zeit ist, macht Lonnie Rashid Lynn aka Common mit seiner neuen Platte A Beautiful Revolution Pt. 1 schon im Titel alles richtig. Der grammy-, emmy-, oscargekrönte Rapper, Actor, Aktivist cremt uns darin schließlich mit sanftem R’n’B ein, dass der Belcanto von Gastsängerin PJ nur so im Ohr zergeht. Doch Obacht: die neun vielschichten Tracks sind Trojanische Pferde.
“They say racism yeah it don’t stop / They talk sexism yeah it don’t stop / Americanism yeah it don’t stop” – so liest er der Klassengesellschaft daheim über Gitarrendrops aus Watte die Leviten und rät den Entrechteten mal ruppig, meist sanft orchestriert “You gotta get that wisdom and get your glock” zu. Wenn Trump seine Milizen in fünf Tagen zum Bürgerkrieg aufruft, wäre das nicht der schlechteste Soundtrack für den Widerstand.
Common – A Beautiful Revolution Pt. 1 (Loma Vista Recordings)
Mr. Bungle
Als Mike Pattons Band Faith No More vor gut 30 Jahren den Grunge erfand, war er noch Teil einer anderen, von der er später sagte, in ihr mache er jene Musik, die ihm wirklich am Herzen liege: Mr. Bungle. Warum genau, blieb kryptisch, denn bis heute war niemand in der Lage, den Stil des verkapselten Postrock-Projektes zu definieren. Wer sich nun allerdings das erste Album seit 1999 anhört, könnte eine Ahnung kriegen, was einst damit gemeint war.
Erweitert um die Thrash-Legenden Dave Lombardo (Slayer) und Scott Ian (Anthrax), reaktiviert das Trio einen Hochgeschwindigkeitsmetal, der sich anhört, als würde darin etwas befreit, das Mike Patton, Trevor Dunn und Trey Pruance seinerzeit avantgardistisch unterdrückt hatten. Kathartischer jedenfalls als das nachjustierte 86er Mixtape The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo hat ein Musiker der saturierten Mitte nie geklungen. Ohren auf Durchzug. Abfahrt!
Mr. Bungle – The Raging Wrath of the Easter Bunny Demo (Ipecac Recordings)
Haluk Bilginer: der türkische Weltstar
Posted: October 29, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Alles sehr kompliziert
Haluk Bilginer ist einer der wenigen türkischen Schauspieler von Weltruhm. In der sehenswerten Krimi-Serie Ein guter Mensch spielt er auf Magenta TV einen dementen Racheengel – und ist damit allen Ernstes Hauptdarsteller des ersten türkischsprachigen Formates im deutschen Fernsehen
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Haluk Bilginer, Sie sind Mitte sechzig – wie gut ist da noch Ihr Gedächtnis?
Haluk Bilginer: Mein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei. Aber was war noch mal die Frage? (lacht laut). Sie fragen bestimmt, weil Agâh Bey in Ein guter Mensch an Alzheimer erkrankt ist…
Genau. Was würden Sie tun, wenn Ihre Erinnerungen wie bei ihm zu verschwinden drohen?
Ich hoffe zwar inständig, dass das niemals geschehen wird. Aber sollte es traurigerweise doch soweit kommen, werden mich meine Liebsten hoffentlich jeden einzelnen Tag daran erinnern, wer ich bin und vor allem: wer sie sind.
Haben Sie wie ihre Serienfigur darüber hinaus denn irgendwelche Abrechnungen oder Rachefeldzüge, die dringend noch zu erledigen wären?
Nein, bislang hat es zum Glück noch niemand so weit kommen lassen. Und ich bin auch alles andere als ein rachsüchtiger Typ. Aber wenn es mal jemand drauf anlegt, würde ich vieles daransetzen, die Sache noch bei klarem Verstand und bester Gesundheit zu regeln – wenn auch nicht so gewaltsam wie Agâh Bey.
Ist Ein guter Mensch überhaupt eine Fiktion über jemanden, der die letzten Dinge regelt, oder eher eine Kontemplation über die Bedeutung von Erinnerung allgemein?
Rache und Alzheimer sind dabei definitiv nur Metaphern für den Gedächtnisschwund unserer Gesellschaft im Allgemeinen, diese Geschichtsvergessenheit ist schmerzhaft und gefährlich zugleich. In diesem Sinne handelt die Serie vom ungeheuer wichtigen Versuch, sich der eigenen Vergangenheit, des eigenen Handelns ständig bewusst zu sein, sonst machen wir die gleichen Fehler immer und immer wieder.
Wollen Sie als Schauspieler generell Unterhaltung machen, die das Publikum zum Nachdenken, womöglich gar Lernen anregt?
Unbedingt. Die Kunst – auch das sollten wir nie vergessen – ist zwar stets auch Zerstreuung, also Entertainment und umgekehrt. Aber während wir die Leute unterhalten, sollten wir uns stets bemühen, Dinge über die menschliche Natur oder Gesellschaften zu erzählen, an die sie sich auch erinnern. Etwas, da sie mit zu sich ins Haus ihres Herzens nehmen und dort aufbewahren. Auch, wenn das natürlich nicht mit jeder Serie, jedem Film gelingen kann.
Kennen sie irgendwelche deutschen Filme oder Serien?
Nicht allzu viele, leider. Aber ich kenne Dark und erinnere mich noch gut an Türkisch für Anfänger, diese Comdey aus den Nullern. Ich sehe zwar nicht allzu viel fern, aber generell läuft dort kaum deutsches Fernsehen. Wenn ich etwas davon sehen will, brauche ich also Netflix.
Haben Sie denn gehört, dass „Ein guter Mensch“ trotz der großen Anzahl türkischstämmiger Menschen in Deutschland das allererste Fernsehformat ist, das bei uns im regulären Programm läuft?
Nein. Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht. Es sollten definitiv mehr sein. Nicht nur wegen der vielen Türken, die in Deutschland zuhause sind.
Sie reisen seit Jahrzehnen zwischen London und Istanbul hin und her. Können Sie sagen, welches der beiden Ländern nach so langer mehr Ihr Zuhause ist?
Nun ja, die Türkei ist und bleibt natürlich für immer mein Mutterland. Aber ich lebe schon so lange in London, dass es schon ziemlich merkwürdig wäre, wenn ich England nicht zumindest als meine zweite Heimat betrachten würde.
Wie ist gerade für einen Künstler, dessen erste Heimat von einem Mann wie Reccep Tayyip Erdogan regiert wird?
Oh je, wenn wir jetzt anfangen, über Politik zu diskutieren, bräuchten Sie vermutlich eine Sonderausgabe Ihrer Zeitung. Das ist alles sehr kompliziert.
Ich hätte nur gern gewusst, ob Sie sich als Künstler vom zunehmend repressiven System der Türkei beeinträchtigt fühlen und falls ja, wie Sie damit umgehen?
Bitte, lassen Sie uns doch bei Ein guter Mensch bleiben, das bietet doch schon genügend Stoff zum Reden.
Gut, was ist so besonders am türkischen Fernsehen wie diesem, dass davon auch in Deutschland mehr zu sehen sein sollte?
Es gab eine Zeit, da waren türkische Filme durchaus populär in der globalen Kunst- und Alternative-Szene. Nuri Bilge Ceylan zum Beispiel, hat in aller Welt gesammelt.
Die Goldene Palme von Cannes zum Beispiel, 2014 für seinen Film „Winterschlaf“.
Genau. Und ich hatte das Glück, darin die Hauptrolle zu spielen. Daran werde ich mich garantiert für immer erinnern.
Ärztethemen & Hausenhorror
Posted: October 26, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
19. – 25. Oktober
Nicht die dümmste Idee der Tagesthemen, ihre Freitagsausgabe live von der jugendaffin gereiften Punkband Die Ärzte anrocken zu lassen. Noch klügere Idee des Spiegel, mit Veronika Hackenbroch und Rafaela von Bredow zwei Frauen ins Interview mit der Virologin Sandra Ciesek zu schicken, um misogyne Fragen reflektierter klingen zu lassen. Weniger gute Idee von der Süddeutschen Zeitung, nach einer – zugegeben arg missratenen – Polemik gegen Igor Levit per Entschuldigung zurückzurudern. Geradezu schäbige Idee dagegen, wie ausgerechnet Ulf Poschardt darin einen Verrat am Qualitätsjournalismus erkennt.
Aber gut, Männer mit dunklem Porsche, grauem Haar und weißer Haut wie der Welt-Chef empfinden die Fähigkeit zur Selbstkritik nun mal als sozialistische Schwanzlosigkeit. Nicht nur darin ähnelt Poschardt also Donald Trump, der sich im letzten TV-Duell mit Joe Biden zwar vergleichsweise zahm zeigte, zuvor aber ein Interview mit der CBS-Moderatorin Lesley Stahl abgebrochen hatte, weil sie ihm doof, ergo: kritisch kam. Sollte er am Dienstag nächster Woche doch gewinnen, wird er diese Art Majestätsbeleidigung aber ohnehin verbieten lassen. Und damit auch Filme wie Borat Subsequent Moviefilm.
Überm Untertitel Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan schafft es Sasha Baron Cohen schließlich exklusiv auf (kauft nicht bei) Amazon Prime, Trumps Schießhund Rudy Giuliani als depperten Sexprotz zu entlarven. Ein anderer Streamingdienst macht derweil andere Schlagzeilen: Nach nur sechs Monaten macht die mobile Video-Plattform Quibi trotz milliardenschwerer Sponsoren mangels Kundschaft schon wieder dicht und hinterlässt, nein, keine Lücke.
Die Frischwoche
26. Oktober – 1. November
Keine zumindest, die der Portalbestand nicht füllen könnte. Ab heute zeigt Universal die Anwaltsserie Burdon of Truth, Freitag folgt der ulkige Superantiheldentrash Utopia bei Prime, zwei Tag später geht dort Nick Frosts Gruselcomedy Truth Seekers in Reihe und zwischendurch die 2. Staffel vom Mandalorian bei Disney+. Alles solide, alles seriös, alles aber nicht halb so laut angekündigt wie die Enttäuschung der Woche: Hausen.
Mit der ersten deutschen Horrorfilmserie will Netflix eigentlich das Genre aufmischen. Dafür hätte den Verantwortlichen des achtteiligen Plattenbau-Grusels allerdings jemand sagen müssen, dass die Dunkelheit gelegentlich der Helligkeit bedarf, um zu schockieren, und selbst Charly Hübner nicht jedes vergeigte Drehbuch adelt. Umso erstaunlicher ist es, wie sehenswert die alte ARD am Dienstag im digitalen Wald wildert. Exit heißt eine hochinteressante Dystopie über Avatare verstorbener Menschen und auch sonst alles, was die nähere Zukunft glaubhaft beängstigend macht.
Das ZDF beschreitet derweil ausgesprochen souverän bekanntes Terrain und zeigt ab Freitag den vierteiligen Nachkriegskrimithriller Shadowplay mit Nina Hoss im zerbombten Berlin von 1946, während Neo ab Donnerstag um 22.15 Uhr eine Late Night mit Ariane Alter startet, was unfreiwillig auf eine info-Doku am Sonntag verweist: 2000er – Jahrzehnt der Spaltung, in dem auch auch die frühere MTV-Moderatorin bekannt wurde und übrigens auch der Mordfall Peggy ereignete, dem Sat1 heute um 20.15 Uhr eine Prime-Time Doku mit dem Untertitel Der Täter ist noch unter uns widmet.
Weil das Gerichtsverfahren fast 20 Jahre nach der ungeklärten Tat am Donnerstag eingestellt wurde, zieht Sat1 den Film vor – und macht ihn so zu einer Art Vorholung der Woche, als Kontrast zu den Wiederholungen der Woche wie Don Camillo und Peppone sowie Don Camillos Rückkehr von 1952/53 (Samstag, 22 Uhr, BR) und tags drauf (20.15 Uhr, Arte) Dead Zone, furiose Steven King-Verfilmung (1983) mit Christopher Walken als Hellseher, der den Atomkrieg verhindern kann.
Anja Reschke: Katastrophen & Talkshows
Posted: October 21, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich wäre bereit!
In der dokumentarischen Talkshow Die Narbe schildert Anja Reschke mittwochs um 21 Uhr im NDR große Katastrophen und spricht danach mit Zeitzeugen. Die versierte Journalistin aus München (Foto: NDR) über Endlichkeit, Traumata und ob sie Lust auf eine Talkshow hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Reschke, warum bewegen uns die großen, Unglücke so sehr, während uns weit größere, aber schleichende wie Klimawandel und Rassismus seltsam kalt lassen?
Anja Reschke: Weil uns die großen Unglücke, bei denen Menschen zu Schaden kommen, sogar sterben, auf einen Schlag die eigene Verletzlichkeit vor Augen führen, dass wir alle jederzeit sterben können, also endlich sind. Jeder von uns hätte schließlich in die Karambolage auf der A19 geraten, jeder im Zug durch Eschede sitzen, jeder in Ramstein gewesen sein können.
So gesehen würde aber doch jeder plötzliche Todesfall im Haushalt, bei der Arbeit, unterwegs zur Spitzenmeldung taugen?
Wenn er in einer Ausnahmesituation geschieht, tut er das ja auch. Allerdings eher auf regionaler Ebene, wo das Einzelschicksal bedeutsamer ist. Nehmen Sie Radfahrende, denen abbiegende Lkws im Stadtverkehr mit fatalen Folgen die Vorfahrt nehmen; das ist immer wieder Teil der Lokalnachrichten. Unsere Endlichkeit wirkt darin sogar noch unmittelbarer.
Lassen Sie sich als professionelle Berichterstatterin emotional von Ereignissen jeder Art beeinflussen?
Als Mensch berühren sie mich wie alle anderen auch. Angesichts der Fülle von Katastrophen besteht natürlich die Gefahr, dass man ein wenig abstumpft. Aber ich bin ja keine Polizeireporterin, die jeden Tag mit dem Tod zu tun hat. Außerdem gibt es kaum etwas Individuelleres als Traumata, die jeder auf eigene Art verarbeitet. Das zeigt sich auch sehr eindrucksvoll in den Dokumentationen, die wir über das Zugunglück von Eschede, die Flugschaukatastrophe von Ramstein und den Sandsturm auf der A19 gemacht haben.
Entsprechend zentral sind Traumata in den drei ersten Folgen von Die Narbe. Wichtig erscheint jedoch auch das Thema Schuld. Warum?
Weil der Mensch bei einem Unglück instinktiv nach einem Verantwortlichen, einem Schuldigen sucht. Das Problem ist, dass es den einen Schuldigen bei solchen Unglücksfällen meist nicht gibt. Bei Eschede war das zum Beispiel ein großes Thema, oder auch bei dem Love Parade-Prozess, der ja unlängst eingestellt wurde. Auch so etwas hinterlässt bei den Betroffenen Narben…
Wobei die Klärung der Schuldfrage auch niemanden mehr lebendig macht…
Das stimmt, aber sie kann ein Gefühl von Ausgleich und Gerechtigkeit schaffen. Ich glaube, die Frage nach der Schuld ist sehr wichtig für den Menschen. Manchmal frage ich mich, ob das auch ein Grund sein kann, warum manche Menschen jetzt während der Corona-Pandemie so zweifeln. Es ist vielleicht leichter, die Schuld auf die Regierung oder Virologen oder Bill Gates zu schieben als auf ein Virus.
Stellen Sie selber als Journalistin und Mensch frühzeitig die Schuldfrage oder bleibt erstmal Zeit für Betroffenheit und Mitgefühl?
Als Mensch fühlt man natürlich zunächst einmal mit den Hinterbliebenen und ist erschrocken, was da Schreckliches passiert ist. Aber die Frage, wie es zu so einem Unglück kommen konnte, stellt sich ja meist recht schnell. Man will das Unbegreifliche begreiflich machen. Und damit kommt man schnell auf die Frage nach dem Warum. Da sollten Journalistinnen und Journalisten aber wirklich aufpassen.
Inwiefern?
Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine zum Beispiel hagelte es – und zwar völlig zu Recht – Kritik, wir hätten zu schnell zu viel über Ursachen gemutmaßt, und in der Tat: da hätten wir zurückhaltender sein müssen. Andererseits dient unsere Berichterstattung am Ende ja dem Informationsbedürfnis des Publikums. Das kennen wir alle auch aus dem Privaten. Wenn einen die Freundin anruft und zum Beispiel erzählt, irgendwer habe sich von irgendwem getrennt, reicht einem diese Tatsache allein auch nicht, dann will man wissen, wann, warum und wie es jetzt weitergeht. Je näher einem das Unvorhergesehene ist, desto größer die Neugierde.
Haben Sie die ersten drei Unglücksfälle von Die Narbe ausgewählt, weil sie Ihnen auch persönlich nahe waren?
Nein, die wurden von der Redaktion, den Autorinnen und Autoren ausgesucht, die ja auch die Dokumentationen gemacht haben. Ich persönlich hatte zum Beispiel Ramstein gar nicht mehr so präsent.
1988 gingen Sie ja auch noch in München zur Schule.
Aber als ich die Bilder vom Feuerball sah, kam trotzdem alles wieder hoch.
Welches Ereignis ist für Sie persönlich besonders in Erinnerung?
Ich glaube, das sind immer Schiffsunglücke.
Warum?
Keine Ahnung, aber der Untergang der Estonia hat mich zum Beispiel sehr erschüttert. Diese Vorstellung, da im Bauch eines Schiffes eingeschlossen zu sein und in diesem eiskalten Wasser unterzugehen, fand ich fürchterlich. Da waren ja auch Schulklassen dabei. Und als die Estonia unterging, war ich selbst noch in der Schule.
Hat Sie das Narben hinterlassen?
Ja, das wirkt bei mir so nach, dass ich bis heute nur sehr ungern auf Fähren fahre. Eine Kreuzfahrt käme für mich auch nicht in Frage. Vielleicht habe ich auch zu viel über den Untergang der Titanic gelesen.
Die Narbe ist ein Hybrid aus Doku und Talk. Warum liegt der Gesprächsanteil nur bei gut einem Viertel der Zeit?
Anfangs dachte ich auch, er müsste länger sein, beim Ansehen fand ich es dann aber richtig. Wir probieren jetzt erstmal aus, ob die Leute sich überhaupt auf diese Mischformat einlassen. Das ist ein Experiment.
Haben Sie sich in der Talkhost-Rolle wohlgefühlt?
Ihre Frage klingt jetzt, als hätte es nicht so gewirkt (lacht).
Doch, doch. Aber obwohl Sie viele Interviews führen, ist die Rolle doch neu für Sie.
Nicht wirklich. Fragen stellen, sich über ein Thema unterhalten ist doch eigentlich journalistische Grunddisziplin. Außerdem habe ich ja grad mehr als 30 Folgen des After Corona Club gemacht. Ein Gesprächsformat, in dem ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Disziplinen darüber unterhalten habe, was aus der Corona-Krise entstehen und welche Folgen sie haben könnte. Das hat mir großen Spaß gemacht.
Heißt das, Sie würden dieses Standbein gern mehr bespielen?
Wenn Sie mich so fragen, lautet die Antwort ja. Mir fehlen im Fernsehen diese Eins-zu-eins-Gespräche früherer Tage, also keine Talkrunden, sondern richtige Unterhaltungen. In Podcasts erleben die gerade eine Renaissance. Wenn sich dieser Trend im Fernsehen fortsetzt – ich wäre bereit!
Verrückte Onkel & deutsche Barbaren
Posted: October 19, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | 2 Comments
Die Gebrauchtwoche
12. – 18. Oktober
Vermeintliche Fake News können ganz schön gut recherchiert sein. Savannah Guthrie, promovierte Juristin in Diensten von NBC, wies Donald Trump beim Distanzduell gegen Joe Biden am Donnerstag nicht nur jede seiner Lügen nach, sie hatte dafür auch stets die passenden Dokumente parat, um den Kernsatz ihrer Moderation zu unterfüttern: „Sie sind der Präsident, und nicht irgendein verrückter Onkel, der jeden Schwachsinn retweeten kann.“ Das ist er natürlich doch und könnte damit sogar die Wahl gewinnen. Trotzdem lieferte Guthries Dialektik einen Beleg dafür, wie wichtig seriöse Medien in Zeiten des Wahnsinns sind.
Das haben zum Glück auch die Menschen in Deutschland begriffen und danken es besonders dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit gestiegenem Vertrauen von aktuell 80 Prozent, während immerhin zwei Drittel einer Umfrage den Medien generell Verlässlichkeit attestieren. Wenn Mark Zuckerberg wie angekündigt ernst macht und Antisemitismus nach jahrelanger Bigotterie endlich verbannt, könnten selbst Internet-Portale demnächst einen Glaubwürdigkeitsvorschuss erhalten.
Dass Facebook und zwischendurch auch Twitter einen tendenziös (un)recherchierten Text der konservativen New York Post über Joe Bidens angeblichen Amtsmissbrauch zugunsten seines Sohnes Hunter in der Ukraine blockiert haben, mag Donald Trump zwar schrecklich finden; nüchtern betrachet, steht es für einen Sinneswandel profitorientierter Plattformen zugunsten des Journalismus. Dass dem auch bei Privatsendern mittlerweile Bedeutung beigemessen wird, belegte am Mittwoch übrigens der Bayerische Fernsehpreis an Thilo Mischkes Reportage Deutschee an der ISIS-Front. Vom Rest der Preisträger hingegen wollen wir – Stichwort Club der singenden Metzger lieber schweigen.
Die Frischwoche
12. – 18. Oktober
Und uns den Kandidaten der Verleihung 2021 zuwenden – von denen diese Woche abgesehen von der 3. (und besten) Staffel Babylon Berlin nichts dabei sein dürfte. Stattdessen glänzt das Streaming-Geschäft mit Serien wie I May Destroy You, einer zwölfteiligen Milieustudie der Generation Tinder, die Regisseurin Michaela Coel als Hauptfigur des eigenen Drehbuchs ab heute auf Sky dabei beobachtet, wie sie Opfer und Täter sexueller Gewalt zugleich werden kann. Brillant!
Gleiches gilt zwar nicht unbedingt für Barbaren. Weil Netflix den germanischen Aufstand gegen Rom vor 2000 Jahren ab Freitag allerdings historisch flexibel, aber dramaturgisch spannend inszeniert, ist die aufwändige Geschichtsserie zumindest sehr unterhaltsam – was in etwa auch für die Fortsetzung von The Alienist an gleicher Stelle gilt oder auch die 3. Staffel von Masked Singer, ab morgen auf ProSieben. Ganz im Gegenteil zum neuen Sonntagsimportkrimi im Zweiten McDonald und Dodds, der zu stereotyp ist, um näher darauf einzugehen.
Deshalb ein Tipp aus der Nische: in Totally Under Control nimmt Hulu ab Dienstag das Corona-Krisenmanagement der USA unter die Lupe und fördert furchtbares Versagen zu Tage. Was auf einer weit weniger fatalen Ebene auch für den Bau-Report Murks in Germany gilt, in dem ZDFinfo das Scheitern deutscher Großprojekte von Stuttgart 21 bis zum BER seziert. Die Wiederholungen der Woche dürfen dagegen diesmal so richtig albern werden – mit einem MDR-Abend am Samstag rund um Adriano Celentano. Erst Der gezähmte Widerspenstige, dann Gib dem Affen Zucker, beide aus den Achtzigern wie der Tatort-Tipp Zweierlei Blut (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) mit, klar, Schimanski.
Feuerstein & Mannomänner
Posted: October 12, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
5. – 11. Oktober
Die Woche, die war, war trotz rasant steigender Infektionszahlen eine Woche der Verlustmeldungen. Herbert Feuerstein zum Beispiel, der große kleine Mann anarchistischer Fernsehunterhaltung, ist gestorben und hinterlässt ein hybrides Erbe aus mehr und weniger Wagemut zugleich. Nicht ab-, aber zurückgetreten ist dagegen Dieter Thoma, der sich über Jahre hinweg einen Überbietungswettbewerb mit Matthias Opdenhövel im Ersten bot, wer von beiden sportpatriotischer übers Skispringen giggelte.
Nur im Wunschdenken zynischer Politikfatalist*inn*en tot und verendet ist dagegen Donald Trump nach seiner Covid19-Diagnose. Stattdessen hat sich das ziemlich stabile Genie als unsterblich erwiesen und seine (vermeintliche) Infektion so gut weggesteckt, dass er zehn Tage später schon wieder Wahlkamp im Weißen Haus macht, also da, wo er mutmaßlich auch seinen Presseschießhund Kayleight McEnany und mehrere Dutzend Angestellte jeder Position angesteckt hatte. Ausdrücklich nicht darunter: Die Fliege auf dem Kopf von Mike Pence, der dem Vize-Duell einen Moment spürbarer Endlichkeit verliehen hat – schließlich liegt die Lebenserwartung von Musca domestica nur bei 28 Tagen.
Damit wird sie nur unwesentlich älter als der Typ Mädchen ist, mit dem Ballermann Michael Wendler seine Profilneurosen kompensiert. Dass er sich jetzt auch noch als Atilla Hildmanns Verschwörungspudel geoutet und dafür umgehend aller Ertragsquellen von DSDS bis PR entledigt hat, erklärt da einiges – und lässt hoffen, dass sich auch Dieter Nuhr endlich bald auch offiziell als Querdenker outet. Bis dahin lässt ihn die ARD aber gut gelaunt am demokratischen Grundgerüst sägen, indem er auf dort alles eindrischt, was aus seiner Sicht politisch korrekt, also volksverräterisch ist.
Die vorerst letzte, vom Umfang her größte Leiche ist allerdings Cineworld. Nach der Verschiebung des neuen 007, schließt der weltweit zweitgrößte Multiplex-Betreiber sämtliche Kinosäle in den USA und UK. Was für Kreativität und Niveau durchaus positiv klingen könnte, hat jedoch massive Auswirkungen auf den Fernsehmarkt, der auf Koproduktionen und Zweitverwertungen aus der Massenfilmhaltung angewiesen ist. Einen Sender wie Pro7 zum Beispiel kann man sich ohne Hollywood-Blockbuster kaum vorstellen.
Die Frischwoche
12. – 18. Oktober
Dessen Stammpublikum wird heute quasi in Mannomann porträtiert. Um 22.50 Uhr fragt die ARD-Doku Moderne Männer, wo seid ihr? und stößt dabei auch auf ewig Gestrige, die James Bonds Lizenz zum Töten für ein offizielles Dokument halten und The Fast and the Furious für Reportagen. Dass die RTL-Plattform TV Now parallel 20 schwule Männer zur Datingshow Prince Charming bittet, kann man da nur als Realsatire verstehen.
Bastionen männlicher Macht sind normalerweise auch deutsche Mehrteiler aus dem Milieu wirtschaftlicher Dynastien. Nicht nur, weil Breaking Even dieses Konstrukt unterhaltsam kollabieren lässt, ist der Sechsteiler ab Mittwoch auf Neo so sehenswert. Bei aller Melodramatik sorgen dafür nämlich zwei weibliche Hauptfiguren, deren Darstellung mehrere Klischees des Mainstreamfernsehen angreift. Klassisch inszeniert, aber doch gelungen ist hingegen Lars Kraumes exzellent besetztes Geschichtsdrama Das schweigende Klassenzimmer (Dienstag, 20.15 Uhr, ZDF), in dem DDR-Schüler 1956 Zivilcourage zeigen. Zu dumm, dass der Film gegen ein Fußballländerspiel im Ersten programmiert wurde.
Tags probiert Anja Reschke ein informationelles Mischformat aus. In Die Narbe werden eindrückliche Katastrophen wie Eschede oder Ramstein erst aus menschlicher Sicht aufgearbeitet, dann mit Zeitzeugen diskutiert. Und während Netflix die französische La Révolution am Freitag zum Schauplatz einer Horrorverschwörung verballhornt, bringt (kauft nicht bei) Amazon Prime das hochpolitische Broadway-Musical What the constitution means to me auf den Bildschirm und versucht sich zugleich mit Inside Flensburg Handewitt an der nächsten Sportdoku. Die Wiederholungen der Woche sind indes unpolitisch: im schwarzweißen Cowboy-Klassiker Red River von 1947 geht John Wayne mit Montgomery Clift (Freitag, 22.45 Uhr, BR) ins Duell, Dienstag zeigt K1 (22.30 Uhr) Der Exorzist von 1973 im Director’s Cut. Eine Stunde später taucht Schimi beim WDR ins Kielwasser eines Ökokrimis von 1984.
Ausreden & Rumspuken
Posted: October 5, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: Uncategorized | Leave a commentDie Gebrauchtwoche
5. – 11. Oktober
Es war ein denkwürdiger Satz, den Chris Wallace da am vorigen Mittwoch um drei Uhr früh MEZ am Bildschirm aussprach: „Ich denke, es würde unserem Land mehr nützen, wenn Sie sich ausreden ließen“, mahnte er seine zwei Gäste, als ihm die presidential debate zu entgleiten drohte. Besser konnte der Moderator nicht zum Ausdruck bringen, wie entwürdigend das politische Schauspiel vor gut 100 Millionen US-Amerikanern und einer ähnlich hohen Zahl in aller Welt kaum zum Ausdruck bringen.
Als der Moderator explizit an Donald Trumps Adresse „besonders Sie, Sir“ hinzufügte, wurde aber auch deutlich, wie erschöpft selbst Gesinnungsgenossen des US-Präsidenten mittlerweile vom US-Präsidenten sind. Chris Wallace nämlich stammt keinesfalls von Medien, die der Amtsinhaber als „Feinde des Volkes“ beschimpft, sondern ist Anchor seines Hofberichterstatters Fox News – weshab Trump wie ein Kleinkind im Sandkasten „er aber auch“ zurücknölte. Vielleicht ist das die beruhigendste Nachricht dieser grässlichen Nacht: Selbst in Trumps Umfeld existiert noch immer so etwas wie Expertise, Vernunft und Ethos.
Was das an der Präsidentschaftswahl ändern wird, bleibt zwar abzuwarten; die Gräben im Land jedenfalls scheinen zu tief für Kompromisse beiderseits der Fronten. Doch wie wichtig guter Journalismus fürs gesellschaftliche Miteinander ist, hat ein Profiteur der Diskursverrohung begriffen und lässt ihn sich sogar was kosten. Gut, drei Milliarden Dollar, die Google News Showcase über drei Jahre hinweg als Gegenleistung für Einkünfte aus journalistischem Content zahlen will, investiert der Mutterkonzern Alphabet vermutlich auch für kostenlose Softdrinks in Mountain View – aber es ist ein Anfang.
Die Frischwoche
12. – 18. Oktober
Ein Ende der Karriere von Millie Bobby Brown dagegen ist bislang völlig außer Sichtweite. Mit gerade mal 16 Jahren hat die Hauptdarstellerin von Stranger Things das nächste Netflix-Format eigenhändig produziert. In Enola Holmes spielt sie die Schwester des berühmtesten aller Detektive und macht das mit Helena Bonham Carter als feministische Mutter herausragend. Am Freitag startet der Marktführer dann Spuk in Bly Manor, setzt damit denselben in Hill House fort und macht die Woche endgültig zur Horrorshow.
Parallel setzt Sky in Swamp Thing die Tradition unheimlicher Sumpfmonster fort, bereits heute zeigt Amazon World Beyond, ein Spin-Off der Endlosserie Walking Dead. Horror ohne Geister liefert dagegen das ZDF um 22.15 Uhr in der südafrikanischen Serie Trackers um den verheerenden Blutdurst des Kapitalismus. Und wenn Magenta TV ab Donnerstag mit Ein guter Mensch die allererste Fiktion aus der Türkei in Deutschland zeigt, geht es beim Rachefeldzug eines pensionierten Gerichtsschreibers ebenfalls blutrünstig (und sehr, sehr ansehnlich) zur Sache.
Was sonst noch läuft: ab morgen (22.50 Uhr) im Ersten die komödiantische Talkshow Club 1, in der Gastgeber Hannes Ringlstetter seine Gäste erst zu Beginn der Sendung kennenlernt. Gut zwei Stunden früher startet bei One die EU-Komödie Parlament, in dem Christiane Paul mit den Mühen europäischer Bürokratie zu tun hat. Zwei Tage später zieht TNT in die lustige Patchwork-WG Close Enough ein, während die dänische Thriller-Serie Killing Mike dem Genre ab Freitag (23.30 Uhr, Neo) nichts Neues hinzufügt, aber schon auch spannend ist.
Dass die dritte Staffel Babylon Berlin ab Sonntag nun auch im Ersten läuft, klingt da schon ein wenig nach Wiederholungen der Woche. Was allerdings erst jene zwölf Klassiker der Weimarer Republik von Doktor Mabuse über M und Metropolis bis hin zu der Der Blaue Engel vollenden, die zeitgleich dazu in der ARD-Mediathek stehen. Bliebe also noch der Tatort, und weil er zeitlos toll ist, nehmen wir doch einfach Schimansiks Miriam von 1983, morgen um 22.15 Uhr im WDR.
Hello Forever, Nude Party, Aloe Blacc
Posted: October 2, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Hello Forever
Es gibt ja bekanntlich komplizierte und, nun ja – weniger komplizierte Musik. Erstere wird Jazz genannt oder Mathrock, letztere firmiert unter Begriffen wie Easy Listening und etwas globaler betrachtet: Pop. Fragt sich also, ob es Hard Listening gibt, vielleicht sogar Mathpop und Jazzpop? Seit heute darf man mit Fug und Recht behaupten: Ja. Die kalifornische Band Hello Forever hat ihn erfunden. Wobei er besser mit Hard Listening Mathjazzpop beschrieben wäre.
In seine Einzelteile zerlegt, ist das Debütalbum Whatever It Is ein Mash-up von den Beach Boys über die Beatles bis We Are Scientists. Jede Sequenz für sich suppt geschmeidig ins Ohr wie eine Strandparty der Sixties. Weil das Kollektiv von Samuel Joseph die Soul-Samples und Rock-Schnipsel, Field-Recordings und Queen-Avancen per Stabmixer verrührt haben muss, döst man allerdings nicht in den Sonnenuntergang, sondern bleibt hellwach bis zum Schluss.
Hello Forever – Whatever It Is (Rough Trade)
Nude Party
Wo wir gerade beim etwas alternativeren Pop sind – der kann natürlich auch ganz leicht hörbar sein, wenn er zubereitet wird wie von Nude Party, die nicht umsonst ein bisschen so klingen wie The Strokes auf dem Grab von Velvet Underground. Mit einer sensationellen Mischung aus Rockabilly und Countryglam, Garagengeschrammel und etwas Punk, also dem echten, erinnern die sechs New Yorker an all das, was ihrer irren Stadt so entspringen kann.
Nicht nur, aber vor allem dank Patton Magees vorwitzigem Kneipengesang, reist man auf der zweiten Platte Midnight Manor durch die Bars der Umgebung, probiert in jeder davon einen anderen Schnaps, landet irgendwann wieder am Anfang und beginnt einfach von vorn. Zwölf Tracks wie zwölf Gelage mit Meat Loaf: voller Ausritte in einen Rock’n’Roll, der sogar “run, run, running wild” singen darf, ohne peinlich zu klingen.
Nude Party – Midnight Manor (New West Records)
Hype der Woche
Aloe Blacc
Eine der wichtigen Erkenntnisse im Musikzirkus lautet: Kreativität schützt vor Stumpfsinn nicht. Nehmen wir zum Beispiel Aloe Blacc, der den Soul Mitte des Jahrtausends Richtung Zukunft gepitcht hat. Dieser Tausendsassa der Transformation also singt auf seiner neuen Platte mit grandioser Schmusekratzstimme “My daddy told me how to fight / he said don’t beg down when you were right / my mama teached me how to love / she said always use your heart…” Weia. Wenn nach dieser Lektion in Geschlechterklischees auch noch die Nelly-Furtado-Erweckungshymne scheppert, könnte man All Love Everything (BMG) nach dem ersten Track getrost einstampfen. Muss aber nicht. Weil Aloe nunmal Blacc ist, schimmert unterm Stumpfsinn immer noch diese großartige Gefühl für Harmonie und Stil hindurch. Dennoch: irgendwie ein bisschen Eurodance für Connaisseure.