Respekt-Verbot & Trash-Gewächse

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Januar

Ein Land, das jeder Weltwirtschaftskrise mit Konjunkturrekorden trotzt und über den Videobeweis weit heftiger diskutiert als den Klimawandel, ist der perfekte Ort für Platzhalterdebatten. Nur so ist zu erklären, dass der Franken Bund allen Ernstes öffentlich beklagt, in der Historytainment-Reihe Tannbach sei trotz fränkischen Standorts Niederbayrisch gesprochen worden – als sei das Problem dieses pathetischen Machwerks der Dialekt, nicht der drastische Mangel an Qualität und Hingabe.

Umso neidvoller blickt man da auf andere Medienmärkte, die Wesentlicheres zu bereden haben. In England hat die Pekinger BBC-Korrespondentin Carrie Gracie nach 30 Jahren gekündigt, weil ihr Sender Männer für dieselbe Arbeit konstant besser bezahlt als Frauen. Respekt! Für Mrs. Gracie, nicht die BBC. Ein Respekt, den auch die unvergleichliche Oprah Winfrey für ihr Bekenntnis zum Feminismus in frauenfeindlicher Zeit bei den Golden Globes verdient, bei dessen TV-Sparte – natürlich – A Handmaid‘s Tale abgeräumt hat, in denen diese Zeit zur faschistoiden Dystopie verdichtet wird.

Für eine Medien-Plattform, die sie schon mal atmosphärisch vorbereitet, verbietet sich jede Form von Respekt zwar von selber. Aber dass die Breitbart News ihren zurückgekehrten Chefdemagogen Steve Bannon nach dessen Trump-Attacke gefeuert hat, ist doch mal ein klitzekleiner Anflug von Intelligenz im grassierenden Irrsinn des globalen Populismus. Noch was ohne Anspruch auf Respekt? Ach ja, der erste Netflix-Film Bright des politischer Unzurechnungsfähigkeit eher unverdächtigen Will Smith ist von so einschüchternder Dummheit, dass der Streamingdienst jetzt die Fortsetzung verkündet hat. Fiktional ist schließlich nichts erfolgreicher als das völlige Fehlen von Niveau.

Die Frischwoche

22. – 28. Januar

Womit wir wie jedes Jahr um diese Zeit im Dschungelcamp landen, das die einen für den weltgrößten Fernsehmüll halten, die anderen für ein privates Refugium unterschwelliger Sinnversorgung. Die Gästeliste der neuen Staffel könnte das Pendel wieder ein Stück Richtung Müllhalde ausschlagen lassen. Ins RTL-Lager ziehen Freitag um 21.15 Uhr: Tina York, Ansgar Brinkmann, Giuliana Farfalla, David Friedrich, Jenny Frankhauser, Matthias Mangiapane, Tatjana Gsell, Daniele Negroni, Natascha Ochsenknecht, Sandra Steffl, Sydney Youngblood, Kattia Vides, also Trash-TV-Gewächse, Verwandte von Trash-TV-Gewächsen und der Trash-TV-übliche Ex-Fußballer, dem wir jetzt mal keine Geldprobleme unterstellen.

Um Unterstellungen geht es im weitesten Sinne Dienstag auch beim Arte-Abend zum Thema Donald Trump. Wurde der US-Präsident von Russland ins Amt gebracht, ist er geisteskrank, sind seine Wähler nur homophobe Waffennarren? Das versuchen gleich drei Dokus ab 2015 Uhr zu klären. Klärung politischer Verhältnisse war vor 50 Jahren auch die Aufgabe von Kontraste. Zum Geburtstag blickt der RBB Donnerstag um 23.45 Uhr zurück auf das einstige Ost-West-Magazin der ARD. Aus einer Zeit, als die Mauer noch stand, scheint auch ein Vierteiler im Ersten zu sein: Gestüt Hochstetten. Vier Samstage lang haben die österreichischen Pferdezüchter Zeit, sich von oberflächlichen Familiensagas der Achtziger abzusetzen, was bei diesem Thema schwer fallen dürfte.

Aus jener Zeit stammen auch einige der Fernsehlagerfeuer, an die der WDR in seinem Rückblick „60 Jahre Show“ am Montag, 22.10 Uhr) erinnert. Und auch die Terrororganisation Spectre, mit der es Daniel Craig im neuesten Bond (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF) zu tun kriegt, gibt es im 007-Kosmos schon ewig.  Das gilt nach den Maßstäben eines beschleunigten Mediums auch für die drei Jubilare der Woche: Freitag serviert Vox zum 3000. Mal „Das perfekte Dinner“, drei Stunden später feiern Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt zehn Jahre Moderation der NDR Talk Show. Von gestern ist auch der ARD-Mittwochsfilm Teufelsmoor. Denn die Mystik am Mystery-Thriller um eine Frau auf der Suche nach den Geistern ihrer Kindheit ist so staubig plump, dass der entscheidende Punkt ins Hintertreffen gerät: Er ist von Frauen (Corinna Vogelsang, Brigitte Maria Bertele), mit Frauen (Silke Bodenbender, Bibiana Beglau), aber nicht für Frauen.

Das erinnert an die empfehlenswerteste Wiederholung der Woche am gleichen Abend: Margarethe von Trottas gefeiertes Porträt Rosa Luxemburg mit Barbara Sukowa als Klassenkämpferin (23 Uhr, RBB), das ihr 1986 den Deutschen Filmpreis einbrachte – einen von nur fünf für Regisseurinnen seit 1951. Von Männern mit Männern, aber auch für Frauen war 2009 die Hooligan-Romanze 66/67 (Montag, 0.25 Uhr, ZDF) um eine Gruppe Hardcore-Fußballfans (u.a. Fabian Hinrichs), die trotz schwer verdaulicher Gewaltszenen als Sympathieträger taugen. Noch schnell zwei US-Filme zum Wiederentdecken: Sophia Coppolas Regiedebüt The Virgin Suicides (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) von 1999 mit der damals unbekannten Kirsten Dunst als einer von vier Töchtern erzreligiöser Eltern. Und sieben Jahre älter ist Clint Eastwoods unvergleichliches Antikriegsdrama Letters From Iwo Jima (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Aus dem gleichen Jahr stammt der Tatort-Tipp Aus der Traum (Montag, 22.15 Uhr, RBB), in dem Maximilian Brückner Max Palu im Saarland ersetzt hat.


Heide Keller: Abschied vom Traumschiff

Es heißt ja nicht Realitätsschiff!

Seit ihre Beatrice Das Traumschiff 1981 bei seiner Jungfernfahrt betreten hat, ist Heide Keller (Foto: obs/ZDF/Dirk Bartling) das dienstbarste Lachen in Fernsehland. Nach 37 ihrer 76 Jahre auf wechselnden  ZDF-Kreuzern ist die Chefhostess nun von Bord gegangen. Ein recht ruppiges Gespräch mit der streitbaren Rheinländerin über Massenware, Ozeanwohnblocks, Starpassagiere und die Hoffnung auf altersgerechte Rollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?

Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.

Können Sie sich Das Traumschiff ohne Beatrice überhaupt vorstellen?

Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.

Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?

Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.

Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.

Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?

Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?

Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.

War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?

Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.

Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?

Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.

Walter Richter, damals zugleich der erste Tatort-Kommissar Trimmel.

Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.

Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?

In der Tat. Diesen Glamour gibt es nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.

Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.

Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?

Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in einer Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.

Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?

Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.

So wie Sie die Lage schildern…

Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?

Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite generell stets Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.

Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.

Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.

Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist.

Künstlerisch hat ihm das Feuilleton vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.

Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit Honig im Kopf Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.

Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.

Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie ja auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.

Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.

Gute Antwort.

Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?

Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.

Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?

Habe ich auch mal.

Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?

Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.

Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?

Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.

Dafür alles Gute, Frau Keller.

Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.


Freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Generation Youtube: die Zukunft

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: die Zukunft.

Von Jan Freitag

Wer heute Fernsehen sagt, meint damit gemeinhin alles Mögliche, Musik hingegen eher seltener. Nicht, dass sie darin gänzlich fehlt. Besonders die Privatsender verstehen schließlich unter Soundtrack – ob importiert oder eigenproduziert – derart lückenlose Dauerbeschallung mit orchestral angefettetem Gefühlsquark, dass man sich in fast jedem Format ein wenig weniger Musik am Bildschirm wünscht. Beim Tauschkonzert indes ersetzt Vox seit 2014 ausnehmend erfolgreich die Kreation neuer Songs durch die Interpretation alter, während The Voice of Germany auf ProSieben zwar anspruchsvoller ist als die unverwüstliche Superstarsuche auf – ja, wo noch mal genau? Ein wirklich eigensinniges, selbstverantwortetes, handgemachtes Musikangebot allerdings, das sucht man zumindest an prominenter Stelle vergebens.

Als MTV mit dem Buggles-Clip Video Killed The Radiostar 1981 auf Sendung ging, wurde die Kunstform des Musikvideos für Jahrzehnte zur wirkmächtigsten visueller Medien, von denen es neben dem Kino anfangs eben nur eins gab: Das Fernsehen. Selbst im digitalen Zeitalter galt es als unerlässliche Plattform der Popindustrie, deren Geschäft untrennbar an visuelle Darreichungen gekoppelt ist. Vor zehn Jahren jedoch, das Internet wird wie zuvor Heimcomputer und Handy Standard, drehen die angehenden Kommunikationsdesigner Kathrin Wetzel und Christian Jegl den Titel des ersten MTV-Tracks in ihrer Abschlussarbeit über die „Zukunft des Musikvideos“ um und nennen sie „Future thrilled the Video Star“. Es ist ein Abgesang. Denn aus popkultureller Sicht, so scheint es nach dem Ende von MTV und Viva als Musiksender mit Musik, ist der ungekrönte König des Fernsehens mit Rhythmus tot.

Es lebe der König!

Der nämlich erobert sich bald ein neues Reich: Videoportale. Nachdem das New Yorker Dotcom-Unternehmen InterActiveCorp Ende 2004 die Plattform Vimeo online schickt, folgen fast im Monatstakt weitere. Doch einzeln mal mehr, mal weniger erfolgreich, schaffen internationale Anbieter wie Vevo oder Twitch selbst gemeinsam mit den deutschen MyVideo und Clipfish nur einen Bruchteil dessen, was der Marktführer bald vollbringt. Bringt es Youtube bereits ein Jahr nach seiner Gründung 2006 bei täglich 65.000 neugeladenen Videos auf rund 100.000 Millionen Clicks, so haben heute allein die 73 beliebtesten Filme jeweils mindestens eine Milliarde Zugriffe – und 90 Prozent davon sind Musikvideos.

Das Ende dieser Gattung wurde also nicht eingeläutet, sondern im Gegenteil: umgedreht. Dank Streamingdiensten und Smartphones, Spotify und iTunes fand Musik zu keiner anderen Zeit der Geschichte mehr Verbreitung. Selbst das vorwiegend rückgratlose Gedudel des Radios ist partout nicht totzukriegen. Nur ein Medium ist nahezu völlig auf der Strecke geblieben: Das Fernsehen. Es gibt zwar Ausnahmen. Der Landshuter Nischensender Deluxe Music zum Beispiel behauptet sich seit seiner zwischenzeitlichen Insolvenz vor fünf Jahren durchaus wahrnehmbar im Kabelnetz und zeigt dort rund um die Uhr sorgsam kuratierte Musikvideos aller Epochen.

Zugleich jedoch hat das Zweite vor ziemlich genau zwölf Monaten seinen Spartenkanal ZDFkultur beerdigt, wo bis dato tatsächlich noch Live-Konzerte liefen und gelegentlich sogar journalistisch aufgearbeitete Betrachtungen des Sounds seiner Zeit. Dann aber wurde der Sender dem öffentlich-rechtliche Onlineprojekt funk geopfert und nun? Gibt es eigentlich nur noch den gelegentlichen Rock-Palast im Ersten, Opernklänge auf 3sat und das popkulturelle Arte-Magazin Tracks, wo regelmäßig Newcomer vorgestellt werden, aber eben auch allerlei unmelodische Lifestyle-Entwicklungen.

Immerhin überraschte Viva vor zwei Jahren mit seiner Nachricht aus der Versenkung, es würde auf Reality-Formate verzichten. Die Musiksendungen zum Ersatz gab es allerdings nur vier Stunden lang ab zwei Uhr nachts, unterbrochen von Erotikclips. Ansonsten heuchelt Oliver Geissens Ultimative Charts Show auf RTL weiter Interesse an Hits, während Thomas Gottschalk 40 Jahre nach Szene gelegentlich in der Rumpelkammer des Rock stöbert. Und seit ein paar Tagen ist MTV angeblich hwieder kostenlos im Kabelnetz verfügbar, was allerdings schon deshalb niemand so richtig bemerkt hat, weil darin allenfalls Werbejingles ertönen? Es ist überall Sound im Fernsehen, nur Musik – die gibt es dort fast nirgends mehr.


Männerallmacht & Tannbach-Warnung

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Januar

Jetzt also auch Deutschland, jetzt also auch das Fernsehen, jetzt also auch hier ein Name: Dieter Wedel. Dass die Unzahl missbrauchter Frauen im Kulturbetrieb bislang keinen der fraglos zahlreichen Grabscher, Vergewaltiger, Rangausnutzer konkret benennen konnte/wollte/durfte, grenzte ja fast schon an Strafvereitelung ohne Amt. Wenn mit dem wichtigsten TV-Regisseur des späten 20. Jahrhunderts nun aber endlich der erste mutmaßliche Sexualstraftäter am Pranger steht, bleibt aber dennoch ein anderes Opfer auf der Strecke: Die Unschuldsvermutung.

Mit ihr darf ein Filmfürst, der ganz offen – und unübersehbar mackerstolz – mit zwei Frauen zugleich liiert ist, seit der Enthüllungsgeschichte de facto nicht mehr rechnen, obwohl er die Vorwürfe betroffener Frauen energisch bestreitet. Dieses Dilemma wird sich – gerade im oberflächensüchtigen Showbiz – nie ganz auflösen. Denn wenn die einst sprachlosen Opfer männlicher Allmachtsphantasien bis zu deren gerichtsfester Verurteilung warten, könnte die #MeToo-Debatte hierzulande anders als in den USA ohne Namen versanden.

Das wäre in einer Zeit, die den – ebenso unüberhörbar mackerstolzen Pussy-Grabber – Donald J. Trump ins Weiße Haus gespült hat, eine Katastrophe. Die Abrechnung Fire and Fury des Enthüllungsjournalisten Michael Wolff, ab morgen ganz offiziell im Buchhandel, mag den Präsidenten währenddessen zwar als bildungsfernen Rotzlöffel im höchsten Amt der Welt brandmarken; dass er Frauen sehr selbstbewusst als willenlose Sexobjekte betrachtet, würde seinen Siegeszug wohl auch heute kaum stoppen. Im Gegenteil.

Das zeigt einmal mehr, wie nah wir der sexistisch-prüden Nachkriegszeit noch immer sind. Und womöglich erklärt es auch ein bisschen besser, warum sich das Publikum fiktional so unverdrossen nach dieser Epoche sehnt, in der das Machtgefälle zwischen Mann und Frau noch klar war wie die damals übliche Kloßbrühe überm Sonntagsbraten.

Die Frischwoche

8. – 14. Januar

Der nächste Beleg dieser seltsamen Hinwendung zur Ära des sozialen Biedermeier heißt Tannbach. Bräsig untertitelt wird dieses Schicksal eines Dorfes, durch das Anfang der Fünfziger plötzlich die deutsch-deutsche Grenze verlief, drei Jahre nach der 1. Staffel heute, morgen, Donnerstag zur Zeit des Mauerbaus fortgesetzt. Und wieder bündelt das ZDF alles, was öffentlich-rechtliches Historytainment so erfolgreich macht. Und so furchtbar.

Viele Stars, fettes Budget, tolle Kulissen nämlich plus klischeehafte Figurenzeichnung, dramaturgische Schlichtheit und saftiges Pathos. Deshalb beginnt diese Kolumne 2018 gleich mal mit einem ärztlichen Rat: Schaltet! Nicht! Ein! Nehmt den Öffentlich-Rechtlichen durch gezielte Quotensenkung die Rechtfertigung zum Verfassen solcher Schundromane am Bildschirm! Guckt lieber irgendwas! Wenn’s sein muss, die Privaten. Von denen verstärkt Pro7 heute den Kinotrend im Fernsehen, sich nichts Neues mehr auszudenken, sondern das Alte auszuschlachten wie einst Bisons in der Prärie: Um 20.45 Uhr erzählt Young Sheldon die Kindheit des größten Stars der Sitcom The Big Bang Theory, was zwar wohlfeil ist, aber erfolgsversprechend.

Ein Attribut, das der ARD-Mittwochsfilm selbst dann verdient, wenn er die sozialen Schieflagen unserer Gesellschaft skizziert. Das macht in dieser Woche auch Herrgott für Anfänger. Die Culture-Clash-Komödie um den unreligiösen Deutsch-Türken Musa (Deniz Cooper), der vor die Wahl gestellt wird, aus Liebe zum Islam oder fürs Geld zum Christentum zu konvertieren, gerät dabei allerdings nicht nur erfrischend heiter, sondern frei von jener Peinlichkeit, die das Genre ansonsten kennzeichnet.

Weniger leicht als realistisch schildert Didier Martinys französische Dokumentation Christen in der arabischen Welt am Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte, wie kompliziert die Frage der richtigen Religion am falschen Ort sein kann. Ein Thema, aus dem Black Sabbatheinen Sound gemacht hat, der 1969 den Grundstein des Heavy Metal gelegt hat. Arte begleitet die popsatanistische Band am Freitag (21.45 Uhr) – zeitgleich zur Übertragung des Bundesligarückrundauftakts der Bayern in Leverkusen beim ZDF – auf ihrer letztjährigen Abschiedstour. Und weil es ansonsten zum Jahresbeginn nicht so viel anzukündigen gibt, geht es gleich mit den Wiederholungen der Woche weiter. In schwarzweiß: Leben im Schloss, ein französischer Film von 1966, in dem es um eine vergnügliche Vierecksbeziehung unter Feinden kurz vor der alliierten Landung in der Normandie geht.

In Farbe gibt es diesmal mehr zu empfehlen: Zunächst Sylvester Stallone als Rocky von 1976, Dienstag um 20.15 Uhr auf Nitro, tags drauf gefolgt vom 2. Teil. Alexander Paynes Weinkenner-Komödie Sideways zeigt dann morgen zur gleichen Zeit, dass es 2004 tatsächlich noch erfolgreiche Dialogfilme ohne Superhelden oder Automutanten gab, die nichts Bestehendes fortsetzen. Innovativ war fünf Jahre später auch Avatar (Donnerstag, 20.15 Uhr, Vox) – und zwar nicht nur, weil James Camerons Fantasysozialdrama den 3D-Boom ausgelöst hat. Der SciFi-Trash Flash Gordon (Freitag 0.00 Uhr, HR) war dagegen 1980 ebenso unvergleichlich bizarr wie heute. Wohingegen das hessische Tatort-Recycling Der Tag des Jägers von 2006 (Mittwoch, 21 Uhr, HR) eher das deutsche Spießbürgertum durchleuchtet hat, also auf ganz eigene Art absurd war.


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Aufstieg & Fall – das Millennium

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: das Millennium.

Von Jan Freitag

Ein frischer Herbstwind weht durch Köln, als das Musikfernsehen ist, was es mal gewesen sein wird, bevor eine schwüler Sommersturm das Musikfernsehen, wie es niemals mehr sein darf, endgültig zu Grabe trägt. Am 1. Dezember 1993 nämlich erblickt ein rotzfrecher Emporkömmling das Licht der deutschen Fernsehwelt, um einem noch immer ebenso vorlauten Platzhirsch die Stirn zu bieten, der sich am 1. Juli 2011 selbst beerdigt. Im Rückblick könnte man also sagen: Kaum war das Musikfernsehen, wie wir es kannten, der Pubertät entwachsen, da saß es schon wie ein lüsterner Greis im Rollstuhl, pfiff jungen Dingern nach und nervte Nachgeborene mit der ewig gleiche Erzählung, wie toll es doch zuging, als er noch jung war.

Als MTViva noch lebte.

Musik ist Trumpf, da lehrt Music Television made in USA sein Medium, dass Fernsehen auch im Land von Karl Moiks Musikantenstadl über Schlager im Marschgewand hinaus gehen kann. Auf dem Umweg der Londoner Filiale ist Mitte der Neunziger auch hierzulande unübersehbar, wie der ungelernte Moderator Ray Cokes in seiner radikal improvisierten Live-Show MTV Most Wanted den Begriff „Konzept“ pulverisiert, Robbie Williams animiert, vor laufender Kamera blank zu ziehen, bei aller Aufmüpfigkeit vor einem aber nie den Respekt verliert: der Musik. Nirvana und Steve Blame, Kristiane Backer und Ganstarap, Jackass, Music Awards, Beavis and Butt-Head – all dies justiert die Vorstellung vom zweidimensionalen Sound so grundlegend neu, dass vier deutsche Majorlabels vor 24 Jahren in seltener Eintracht ein Konkurrenzprodukt für hiesige Ansprüche entwarfen.

Viva ist im Sog von Boygroups und Grrlies so einflussreich, dass die Media AG 1995 einen zweiten Kanal fürs alternativere Publikum über 25 auf Sendung schickt und der Kreditkartenkonzern American Express zwei Jahre drauf MTV Germany durchs Kabelnetz schickt. Vier Stunden deutsches Programm gibt es zum Auftakt – inhaltlich kaum der Rede wert, atmosphärisch ein Urknall. Beide rasen die Spirale der Aufmerksamkeitsindustrie empor und sorgen trotz Quoten im Promillebereich für zweierlei: Vollprogramme von ARD bis RTL begehen durch die vorauseilende Reduzierung ihres musischen Angebot auf Marianne & Michael künstlerischen Selbstmord. Und die Verantwortlichen dieser Todessehnsucht stehen rasch an der gleichen Klippe.

So bedeutsam das Musikvideo als kreatives Massenprodukt auch ist, so nachhaltig es die vorerst letzte Innovation zeitgenössischer Musik (HipHop) zum Milliardenbusiness bläht, so groß MTViva in der Nische geraten: die Revolution wird ihre Kinder schneller fressen als jede zuvor. Zu geil für diese Welt von den Fantastischen Vier, mit dem Viva einst on air ging, gilt bald auch fürs Musikfernsehen. Schon Ende des Jahrzehnts sind Videostrecken so selten, dass zwischen Real Life und Datingshow oft nur Werbung erklingt. Die mühsame Arbeit popkultureller Innovationsauslese erledigen daher ausgerechnet andere: das Viva-Gewächs Stefan Raab zum Beispiel in TV total oder das Arte-Magazin Tracks. Und während Viva dank Nerds wie Markus Kavka oder Sarah Kuttner zunächst in der Indie-Ecke gewichtig war, moderiert Collien Fernandes ab 2003 die Ringtone Charts. Ein Schicksal, dem ihr späterer Mann Christian Ulmen bei MTV bereits 1999 durch Kündigung entgangen war.

Fünf Jahre, nachdem der Medienmulti Viacom nach MTV auch den Konkurrenten Viva kauft, steuert das stilbildende Boom-Genre früherer Tage auf jenen Tiefpunkt zu, der am 1. Juli 2011 nicht nur hör-, sondern sichtbar wird: MTV streicht in Deutschland das „Music Television“ aus dem Senderlogo. Kein Wunder: der Videoclip, mit dem spätere Regiestars von Michel Gondry bis Anton Corbijn zu Ikonografen ihrer Epoche wurden, ist überwiegend aus dem linearen Programmschema verschwunden. Und mehr noch: MTV ist kostenpflichtig, der deutsche Ableger geschlossen, Viva nur vormittags auf Sendung und RTL verwechselt Imitate ausgenudelter Hitmaschinen mit Superstars. Selbst als sich die Plattform Youtube Mitte des vorigen Jahrzehnts anschickt, die Lücke zu füllen, sehen viele Kritiker Schwarz fürs prägendste Kunstprodukt des Fin de Siècle. Das Musikvideo, heißt es, sei tot. Welch ein Irrtum!


Konkurrenzkäufe & Kaiserfälle

Die Gebrauchtwoche

11. – 17. Dezember

Die Übernahme von 21. Century Fox durch Disney ist weit mehr als bloß konkurrierende Marktwirtschaft. Dass der Kinokonzern noch tiefer im Fernsehfach wildert, belegt auch die Nervosität der Platzhirsche. Der Kauf von Marken wie Simpsons oder X-Men wird ja explizit damit erklärt, den Frischlingen Paroli zu bieten, vor allem Amazon und Netflix. Digital ist besser, lautet die Erkenntnis der alten Player. Sie stellt indes auch eine Form Respektsbekundung dar, die zu noch mehr Investitionen in zugkräftiges, aber eben anspruchsvolleres Fernsehen führen dürfte.

Fernsehen wie die Serie Wormwood. Der Begriff Dokudrama mag scheußliche Erinnerungen an Guido Knopp wecken, der uns mit diesem Genre einst das Tätervolk deutscher Diktaturen romantisieren half. Doch wenn Netflix aus dem dubiosen Tod des amerikanischen Bakteriologen Eric Olsen (Peter Sarsgaard) im Jahr 1953 eine Serie bastelt, wird es halt so gut wie Homeland, jedenfalls nicht so mies wie revisionistischer Historienquark von Stalingrad bis Staufenberg. Das gottlob geläuterte öffentlich-rechtliche Programm in Deutschland muss sich derweil mit einer anderen Debatte ärgern.

Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten KEF hat in einem Zwischenbericht ermittelt, dass ARD und ZDF 550 Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet haben. Klingt toll, hat auch mit Sparmaßnahmen zu tun, befeuert aber wieder mal die Forderung nach Beitragssenkungen, was im Umkehrschluss nur zu verhindern wäre, wenn die Überschüsse abgebaut, also weniger eingespart würde. Mal sehen, ob FDP und AfD da demnächst ein gemeinsames Papier zur Abschaffung des vermeintlichen Staatsfunks verfassen.

Wogegen sich kein Protest regt, ist, dass ARZDF nun doch satte 230 Stunden von den Olympischen Spielen senden, also kaum weniger als zu jener Zeit, als sie die Übertragungsrechte hierzulande noch vollumfänglich inne hatten. Aber weil deren Inhaber Eurosport keinerlei Anstalten macht, sein Premiumprodukt von Doping oder Korruption trüben zu lassen, sondern lieber die Shownase Marco Schreyl als Sportmoderator verpflichtet, liegt es an den Lizenznehmern, die Fackel des Journalismus von Pjöngjang zurück nach Deutschland zu tragen.

Die Frischwoche

18. – 24. Dezember

Wie so etwas aussehen könnte, zeigt das Erste am Dienstag. Während das DFB-Pokal-Achtelfinale Schalke gegen Köln zur Primetime läuft, gibt es nicht etwa gleich im Anschluss, sondern um 23.30 Uhr die wichtige, aber dank der späten Sendezeit wohl ungesehene Doku über den Fall des Kaisers Franz Beckenbauer. Von daher sei an dieser Stelle ein anderes Sportereignis empfohlen, bei dem die erste von vier Silben per se im Schatten der letzten drei steht: Darts. Sport 1 überträgt die WM täglich ab 20 Uhr, und das eignet sich echt bestens für Nebentätigkeiten auf dem second screen. Netflix zum Beispiel.

Dort startet Freitag die Wahnsinnsserie Dope, in der wie einst bei Sopranos oder Breaking Bad mal wieder am Tabu gerührt wird: Ein Drogendrama nämlich, strikt aus Sicht von Dealern erzählt. Für so viel Eigensinn ist im Ersten vor allem Olli Dittrich zuständig. Im 9. und letzten Teil seines Fernsehfigurenzyklus schlüpft er Donnerstag um 23.25 Uhr in die Rolle der Seriendarstellerin Trixie Dörfel. Ereignis ohne Sport im Ersten. Geht doch. Ein anderes ist anscheinend doch zu jung, frisch, zu digital fürs lineare Programm: Offscreen, eine Mockumentary übers seltsame System des hiesigen Showgeschäfts am Beispiel der scheiternden Daily-Soap-Darstellerin Sila (Sila Sahin).

Sowas läuft dann halt ab Donnerstag um 16 Uhr beim Jugendkanal Funk, während die ARD vier Stunden später einen Kinderbuchautor zum Held eines Biopics macht. Florian David Fitz, der sich in Kästner und der kleine Dienstag mit einem jungen Fan durch die finsterste Zeit Deutschlands schlawinert, ist gutes Erzählfernsehen mit Augenzwinkern, Stil und Klasse. Das Ruder herumreißen Richtung junge Zielgruppen tut man damit sicher nicht. Das schafft eher Sat1 mit dem charmanten Komiker Luke Mockridge, der am Freitag (20.15 Uhr) unter der Klammer LUKE! Das Jahr und ich aufs Jahr zurückblickt. Und für alle, wirklich alle Generationen, Schichten, Sichten empfehlenswert: Ein Dokumentarfilm über die Blaskapelle LaBrassBanda (Donnerstag, 23.45 Uhr, BR) mit anschließendem Konzert.

Bei den Wiederholungen der Woche müsste man nun eigentlich aufs Heiligabendprogramm zu sprechen kommen. Angesichts von Feuerzangenbowle (ARD) über Carmen Nebel (ZDF) bis Santa Clause 2 (RTL) raten wir aber dazu, den Flatscreen kalt zu lassen und stattdessen Donnerstag (23.40 Uhr, RBB) Das Brot der frühen Jahre zu sehen. Herbert Veselys schwarzweiße Böll-Verfilmung übers Kollabieren einer bürgerlichen Existenz führte die Nouvelle Vague 1962 ja in den Neuen Deutschen Film über. Immer wieder farbig schön: Pretty in Pink (Dienstag, 22 Uhr, Neo), Aschenputtel-Highschool-Version von 1985 mit der sehr bunten Molly Ringwald. Immer wieder farbig krass: Apocalypse Now von 1979, am Montag um 0.40 Uhr (HR) in der 40 Minuten längeren Version Redux. Und heute ab 22.15 Uhr im RBB farbig, aber doch unterkühlt – zwei Tatorte des Jahres 1985 mit Volker Brandt und Heinz Drache.


QTY, Beans On Toast, Dialects

QTY

Schnodderschnodder, Schrammelschrammel, Rotzrotz – Gitarrenrock ist genetisch betrachtet keine Sache orchestraler Arrangements und feingliedriger Poesie. Gitarrenrock entstammt dem Gestus der Rebellion auf Turbinenlautstärke bei Zimmertemperatur. Gitarrenrock will die Welt nicht umstürzen, aber in klein wenig aufwühlen. Gitarrenrock will, in wenigen Worten: eigentlich seit jeher klingen wie der von QTY. Und da ist es wirklich überhaupt kein Wunder, dass dieses Duett aus New York stammt, wo der Gitarrenrock von den Talking Heads bis Moldy Peaches, von Ramones bis Strokes, von Velvent Underground bis zu den Beasty Boys immer und immer wieder an seine Wurzeln erinnert.

Das selbstbetitelte Debütalbum der singenden Gitarristin Alex Niemetz mit ihrem singenden Gitarristen Dan Lardner (mit namenlosen Drummer) sortiert sich mit seiner entspannt mäandernden Mischung aus Garage, LoFi und Eastcoast-Americana zu Texten über dieses und jenes, aber nichts Besonderes schön verschroben ein zwischen all den Nachbarn früherer Tage. “Undeniably brilliant” urteilt der NME über die zehn kurzen Tracks und meint das gewiss nicht im Sinne vertrackter Tiefe oder komplizierter Fingerfertigkeiten. Es geht um die Reduktion des Genres aufs Wesentliche: eine gute Zeit mit einfachen Mitteln, um Lebensgefühle auf den Punkt zu bringen, die manchmal eben gar nicht so kompliziert sind wie die Welt ringsum. Ein fantastisches Album für einfach so.

QTY – QTY (Dirty Hit)

Beans on Toast

Jay McAllister sieht schwarz, pechschwarz. Scheißwelt da draußen. Big Data stiehlt uns die Privatsphäre und Massentierhaltung alle Lebensgrundlagen, Populisten lügen, Kapitalisten betrügen, überall Fake, Verfall und Gewalt. „The world is dying/shit is getting serious/everybody’s lying/it’s impossible to tell the truth“, singt er mit zerkratzter Stimme und folgert beweint von einer wimmernden Geige gleich achtfach, wie uns die Angst im Griff hat. Worryworryworryworry… Selbst für Berufsoptimisten wie den Songwriter Beans on Toast aus Sussex, als der er ein Drittel seiner 36 Jahre den Anti-Folk seiner englischen Heimat aufmischt, wirkt die Zeit hoffnungslos. Nur ernst, das ist sie nicht.

Und deshalb steckt sich der Zauselbart zum Auftakt seiner neunten Platte eine Sonnenblume an die Kappe, tanzt durchs Industriegebiet, betont im zugehörigen Video, er sei nun seine eigene Propagandamaschine und glaubt einfach nur noch, was sie ihm einflüstert. Es muss was Schönes sein. Denn so beschwingt, furchtlos und humorvoll, wie Beans on Toast auf Cushty die Untiefen des Lebens feiert, scheint ihn nichts auf Erden je unterkriegen zu können. Nicht mal der Brexit, für den er in The Ignorant Englishman zur Quetschkommode auf Deutsch um „Entschuldigung“ bittet. Der Untergang kann echt unterhaltsam sein!

Beans on Toast – Cushty (Xtra Mile Recordings)

Dialects

Es ist natürlich ein schöner Twist, sich als nahezu wortlose Instrumental-Band Dialects zu nennen. Weil die vier dicken Freunde aus Glasgow bis auf seltene Refrainpeitschen weitestgehend auf Gesang verzichten, sind sprachliche Färbungen ja per se ziemlich ausgeschlossen. Umso erstaunlicher ist es, wie sehr ihr Debütalbum mit sich und dem Publikum zu reden scheint. Schon die erste Singleauskopplung, das vielschichtig schöne Auftaktstück Superluminal, feilt mitunter hauchzartes Picking ins Gitarrenbrett, als bäte es schüchtern um Gehör. Später dann beginnt die High-Hat von Szyman Ostasz aufgeregt in Sechzehnteln zu flüstern, als zwischendurch mal für einen Moment lang Ruhe herrscht.

Überhaupt – der Drummer. Er firmiert meistens als ordnende Hand, nur um die Soundwände ringsum kurz darauf dekonstruktiv zum Einsturz zu bringen. Wie im Mathcore üblich ist Because Your Path Is Unlike Any Other schließlich Schlagzeugmusik, für ungeübte Ohren völlig unberechenbar, für geübtere oft reine Notenzählerei. Doch anders als beim Mathcore üblich, ergehen sich die Dialects dabei nicht im Wettbewerb der vertracktesten Taktlängen, sondern machen die zehn Stücke zum Gesprächsstoff. Dem schönstes des Genres seit langem.

Dialects – Because Your Path Is Unlike Any Other (Throuhg Love Records)


freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Music Television: duales System

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: das duale System.

Von Jan Freitag

Am Anfang der Achtziger war, nein – nicht das Feuer, sondern der Ton. Fernsehen ist auch ohne private Konkurrenz bereits voller Musik. Titelmelodien selbst politischer Formate prägen das kollektive Gedächtnis wie die Jingles von Allianz bis Bärenmarke. Ohne Liveauftritte großer Popstars sind die Straßenfeger von Rudi Carrell, Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke unvorstellbar. Aufregende Serienimporte aus Amerika nutzen den Soundtrack als PR-Faktor. Und erste Autorenfilmer merken, dass die sperrigen Dialoge ihrer Dramen ruhig musikalisch garniert werden dürfen. Doch den Hörgenuss beim Glotzen stört ein vermeintlich technisches Detail: Der Mono-Klang.

Als die Empfangsgeräte 1981 serienmäßig den zweiten Tonkanal erhalten, klingt das Angebot endlich weniger wie Opas Volksempfänger als nach jener HiFi-Anlage, die sich seinerzeit daheim gerade durchsetzt. ARD und ZDF gibt‘s von nun an auch – Licht aus, Spot an! – mit echtem Raumklang. Ein Quantensprung fürs Musik-TV. Doch bevor es in einschlägig bekannter Abkürzung sein Genre umwälzen wird, stellt ein junger Blondschopf aus Bayern den Medienkonsum seiner noch jüngeren Zielgruppe auf den Kopf: 1976 übernimmt Thomas Gottschalk die Moderation des ARD-Magazins Szene.

Wie im nachfolgenden Pop-Stop gewährt sein Mix aus Livebands, Chartsnews und Klamauk der faktischen wie gefühlten Jugend mehr noch als Ilja Richters Generationskompromiss disco ein klingendes Asyl am Bildschirm. Und die Resonanz ist so groß, dass der Moderator rasch zu Höherem berufen wird: 1982 kommt Thommys Pop-Show ins Vorabendprogramm des ZDF. Die Primetime wird zwar weiter durch die Antiquariate nostalgischer Hörgewohnheiten wie Musik ist Trumpf verstopft. Manfred Sexauers Musikladen hat sich trotz aller Lässigkeit schon 1972 von der Radikalität des Vorgängers Beat Club verabschiedet. Und als fünf Jahre später die Rockpalast Nacht bis sonntagsfrüh Konzerte aus der Essener Grugahalle überträgt, sorgt das zwar auch international für Aufsehen, bleibt aber leicht prollig. Trotzdem ist die Popkultur fortan so integraler Programmbestandteil, dass der Weg zur nächsten Revolte geebnet ist.

Sie heißt Formel eins und macht ab 1983 abgesehen etwas weitestgehend Unerhörtes, besser: Ungesehenes massentauglich: Videoclips. War die optische Darstellung der Musik zuvor auf Konzertsituationen beschränkt, verabreicht sie der thommyblonde Peter Illmann nun (was die DDR mit Stop!Rock! schnell kopiert) in Form vertonter Kurzfilme. Weitere Sender wie der Tele5-Vorläufer musicbox ziehen bald nach. Es wird zappelig auf dem Bildschirm. Video Killed The Radio Star heißt der passende Hit zum neuen Zeitalter. Mit dem holprigen Clip der Buggles nämlich hatte ein völlig neuartiger Kanal am Fernsehhimmel zwei Jahre zuvor sein Programm eröffnet. Sein Name: MTV.

Was da von den USA aus um 168 Videos in Dauerschleife herum gestrickt wird, widerspricht jedoch nicht nur optisch jeder Norm. Die Moderatoren sind Freaks, ihre Sendungen improvisiert, am Sendeplatz New York herrscht Anarchie wie in London, von wo aus MTV ab 1987 auch das frisch verlegte Kabelnetz in Deutschland versorgt. Die Musik spielt im Privatfernsehen. Und die Platzhirsche? Hecheln ihm von Anfang an hilflos, vor allem aber lieblos hinterher. Doch das gilt bald auch für die Emporkömmlinge im Dualen System. Abgesehen vom abseitigen Tele 5 nämlich nutzen weder RTL noch Sat1 den Sound der Popkultur je grundlegend anders als zur fortwährenden Steigerung des Lärmpegels. So wird er allerorts ausgelagert: Öffentlich-rechtlich an Arte und 3sat, kommerziell an VH1 und VIVA. Obwohl das Musikfernsehen sein Medium ähnlich verändert hat wie Daily Soap und Tutti Frutti, landet es auch schon wieder in der Nische.

Was bleibt also abgesehen von MTV Germany, so kurz vorm Millennium? Nach Peter Frankenfeld mag auch Harald Juhnke die TV-Bühne verlassen haben; da sie allerdings nahtlos durch Marianne & Michael, Karl Moik oder Hansi Hinterseer ersetzt werden, bleibt ARZDF offenbar auf ewig in der Endlosschleife des Schunkelns gefangen, während SatTL7 nichts als Chartshows einfällt und MTViva merkt, dass mit Videos viel, mit Klingeltönen aber noch viel mehr zu verdienen ist. Willkommen im Millennium!


Staatsdoping & Sprachinstitut

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. Dezember

Das Jahr 2018 wird ein Sportjahr. So viel ist selbst dann abzusehen, wenn FIFA und IOC irgendwann mal Korruption oder Staatsdoping als Rechtsbrüche behandeln. Beides, die Sache mit dem Sportjahr und die mit der nachlässigen Behandlung schwerster Vergehen durch die verantwortlichen Verbände, sind fürs Fernsehen prima Nachrichten. Da das Publikum schwerfällig, faul und tendenziell hedonistisch ist, wird es sogar dann fleißig einschalten, wenn die ARD das Eröffnungsspiel der (des Staatsdopings verdächtigen) Nationalmannschaft des (der Korruption verdächtigen) Gastgebers Russland überträgt.

Nicht ganz so gute Einschaltquoten beschert dem Ersten hingegen die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft, eine Autorennserie der stumpfesten, umweltschädlichsten, chauvinistischsten Art. Dennoch wurde die Übertragung 18 Jahre lang mit Gebührengeldern finanziert. Bis jetzt: die DTM wandert ab 2018 zu Sat1. Das ist eine gute Nachricht. Umso mehr fragen sich Menschen mit Bildung und/oder Verstand, warum ein seriöses Vollprogramm wie die ARD benzinsüchtige Männer überhaupt so lange dabei gefilmt hat, wie sie stinkend im Kreis fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Wie leicht Menschen doch zu unterhalten sind, sobald ihnen ein X-Chromosom mutiert…

Weil sie, wir, die Männer aber auch sonst ziemlich viel Unsinn machen, der dem Intellekt sogar noch etwas mehr wehtut als die Existenz der DTM, stockt YouTube demnächst die Abteilung zur Löschung jugendgefährdender, gewaltverherrlichender und sonstwie verwerflicher Inhalte auf gut 10.000 Mitarbeiter auf. Klingt viel, ist angesichts von derzeit 65 Jahren Inhalt, die dort jeden Tag hochgeladen werden, aber immer noch viel zu wenig für ein Netz ohne Dummheit. Apropos: RTL Crime, so wurde grad bekannt, gibt seine erste Serie in Auftrag.

Jetzt könnte man meinen, das wird irgendwas mit Männern, die im Kreis Auto fahren. Brummbrumm. Herum, herum, herum. Ab und zu Bumm. Aber Pustekuchen: der Sechsteiler ist ein Remake des schwarzweißen Klassikers M – Eine Stadt suche einen Mörder, und gedreht wird es von David Schalko, der das Fernsehen mit Altes Geld oder Braunschlag für den Aberwitz geöffnet hat. Darauf freuen wir uns also ebenso wie auf Stranger Things, deren Fortsetzung gerade von Netflix verkündet wurde.

Die Frischwoche

11. – 17. Dezember

Schon jetzt freuen dürfen wir uns aufs Serienfinale vom Club der roten Bänder, dessen dritte und letzte Staffel heute Abend auf Vox endet. Auch zwei Kinoadaptionen dürften diese Woche zumindest all jenen Freude bereiten, denen ein Viertel Sendezeit Werbung nichts ausmacht. Mittwoch zeigt Pro7 nämlich Daniel Brühl und Emma Watson im Griff der chilenisch-deutschen Sekte Colognia Dignidad. Und am Sonntag folgt RTL mit der jüngsten Tarantino-Groteske The Hateful Eight, in der Kurt Russell als Kopfgeldjäger viiiel Kunstblut spritzen lässt, das auch so aussehen soll.

Ganz ohne Ekelfaktor kommt hingegen der ARD-Filmmittwoch Hit Mom aus, den das Erste mit Mörderische Weihnachten untertitelt, damit die Geschichte um eine Putzfrau (Anneke Kim Sarnau) als unfreiwillige Auftragskillerin auch ja ein bisschen in der Zielgruppe der Krimifans andockt. Egal – trotzdem sehenswert. Das würde man von Das Institut auch gern behaupten. Aber die Nischenproduktion des BR, der den Achtteiler ab Mittwoch vorab in seine Mediathek stellt, ist weit weniger gelungen als der Plot einer deutschen Bildungseinrichtung am Kundus vermuten ließe. Schade eigentlich – Christina Große als Institutsleiterin müht sich wirklich redlich, der Culture-Clash-Komödie Leben einzuhauchen.

Das Prinzip online first vorgemacht hat zuletzt der Jugendkanal Funk. Dort begann vor gut einem Jahr die Mystery-Serie Wishlist, deren Fortsetzung am Donnerstag ins Netz geht, während das Erste die erste Staffel zwei Tage drauf um 0.10 Uhr wiederholt. Das sollte man sich beides ansehen, wirklich! Ebenso wie die Dokumentationen der nächsten Tage. Angefangen mit Der große Zampano, die am Dienstag um 22.45 Uhr im ZDF fachkundig und ein bisschen verspielt dem Medienmogul Leo Kirch gedenkt. Tags drauf dann beschäftigt sich der Ableger Info ab 20.15 Uhr in gleich vier Filmen am Beispiel von Reichsbürgern, Ökofaschisten oder US-Nazis mit dem Rechtsruck der Weltpolitik. Und irgendwie passend dazu zeigt Arte um 22.10 Uhr den Film Das Ende der Unschuld, in dem Zeitzeugen das Jahr des Epochewechsels in die Barbarei beschreiben. Abgesehen vom 25. Jubiläum des GZSZ-Fieslings Jo Gerner am Freitag blieben da also nur noch die Wiederholungen der Woche.

Zum 100. Geburtstag der UFA erinnert Arte am Montag um 20.15 Uhr an Kurt Gerrons Schwarzweißfilmlegende Der blaue Engel von 1930 mit Marlene Dietrich und Emil Jannings im fatalen Zusammenspiel, gefolgt von Veit Harlans Opfergang (22 Uhr) von 1944, in dem Hitlers Lieblingsregisseur mal nicht zum Durchhalten des Faschismus aufrief. Aus einer antifaschistischen Tradition geboren ist der Farbtipp Die verlorene Ehre der Katharina Blum, die kurz vorm deutschen Herbst unter der Regie von Volker Schlöndorff nur scheinbar fiktiv ins Visier von Staatsschutz und Boulevardpresse gerät. Kein Wunder, dass die Springer-Presse 1975 zum Boykott aufrief. Eher unpolitisch ist dagegen der wiederholte Tatort: Hendrik Handloegtens hessischer Fall Der Tote Chinese (Montag, 22.15 Uhr, RBB) mit dem brillanten Duo Dellwo/Sänger von 2008.


Jim James, Hey Ruin, Miss Li, Fettes Brot

Jim James

Mit Coverversionen ist das so eine Sache, und nur sehr selten eine gute. Neue Bands benutzen sie gern als Erinnerungsanker in eine Vergangenheit, die nicht die ihre ist, um etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Schlechte Bands benutzen sie, weil ihnen nichts Neues mehr einfällt, was alten Bands manchmal ähnlich geht. Coverkapellen benutzen sie, weil sie nun mal Coverkapellen sind. Und manchmal, ganz selten, will jemand, der covert, den Gecoverten wirklich Tribut zollen, also die Ehre erweisen. Jim James hängt irgendwo dazwischen, und da hängt er  ziemlich gut. Als Frontman der Rocker My Morning Jacket eher für robustes Zeug verantwortlich, bringt er nun sein zweites Album mit Coverversionen raus und steht damit auf einer Stufe mit der fabelhaften Birdie, die dem Liedgut anderer einst zu neuen Höhen verhalf.

Das tut Jim James auf Tribute To 2 noch nicht mal; die elf Tracks entlocken den Originalen keine unerwarteten Seiten oder setzen sie in ein helleres Licht. Was ihm allerdings gelingt, ist es, mit Stücken von den Bob Dylan über Willie Nelson bis Irving Berlin eine Auswahl zu treffen, die exakt den besten Tonfall zwischen Nostalgie, Interpretation und einem angenehmen Hauch Ironie findet. Mit feinem Gitarren-Picking und seiner leicht quäkenden, aber sehr wandelbaren Stimme macht Jim James selbst aus dem seifigen Lucky Man von Emerson, Lake & Palmer etwas angenehm Zeitgenössisches und erinnert mit dem Opener I Just Wasn’t Made for These Times zwar hinreißend schön an die Pet Sounds der Beach Boys, bleibt aber ganz bei sich.

Jim James – Tribute To Vol. 2

Hey Ruin

Linke Haltung zu zeigen ist leicht dieser Tage. Schön über die AfD lästern, etwas auf Trump schimpfen, bisschen FDP-Bashing – von hart- bis halbrechts bieten sich zurzeit ja reichlich Gegner zur moralischen Selbstvergewisserung an. Wer da nicht den richtigen Tonfall trifft, klingt allerdings leicht mal moralinsauer. Voriges Jahr zum Beispiel, als Hey Ruin ihr Debütalbum veröffentlicht haben, suchten die fünf Punkrocker aus Köln und Trier spürbar verkrampft nach gerechtem Zorn mit poetischer Note. Ihr Indiesound wirkte unreif, der Gesang plakativ, der alternativen Systemkritik fehlte jedes Augenzwinkern, vor allem aber Geist. Nun aber schafft der Nachfolger Poly die Wende.

Es ist keine zur zeitlosen Brillanz, über die man noch in 100 Jahren bewundernd reden wird. Immerhin jedoch eine sehr achtbare zum melodischen Hardcore abseits phrasenhafter Parolen. Damit reiht sich Poly ein zwischen Captain Planet und Fehlfarben, die ihr falsches Leben im Falschen schon immer mit viel Eigensinn und Spielfreude vertonen. Wenn Sebastian Frost das Leid der Bootsflüchtlinge als Mord besingt und im Titeltrack „Feuerfeuerfeuerfeuer“ für die Verantwortlichen fordert, erreicht das zwar noch nicht die metaphorische Wucht der Referenzgrößen von Love A bis Die Nerven. Doch zur linken Haltung zählt auch: Der Weg ist das Ziel. Hey Ruin sind auf einem guten.

Hey Ruin – Poly (This Charming Man)

Miss Li

Vorausgesetzt, Haltung ist jetzt und schon immer ein Gebot der Stunde, fällt sie oft besonders dort auf, wo man es gemeinhin am allerwenigsten erwartet. Im Dancepop etwa, dem Spielplatz von Linda Carlsson. Als Miss Li tummelt sich die schwedische Grammy-Gewinnerin zwar stilsicher im Spannungsfeld von Disco und Trash, Nischentheater und Mehrzweckhalle. Dummerweise ist die Aufmerksamkeitsindustrie allerdings anfällig für ein schwerwiegendes Missverständnis: Wer sich als Frau darin optisch präsentiert wie, sagen wir: Lady Gaga, bedient schnell das Klischee inhaltlicher Leere. Man sollte also dringend an Miss Lis schillernder Fassade vorbeihören. Es lohnt sich. Versprochen!

Wenn der Titeltrack A Woman’s Guide To Survival zu Beginn im dissonanten Synthiegewand erklärt, wie schwer es für Mädchen in einer visuellen Welt ist, Substanz zu zeigen, hat ihr neues Album nicht nur dem Namen nach Rückgrat. Anstatt sich aber in Sack & Asche zu hüllen, gibt Miss Li weiter den Paradiesvogel mit Message. Produziert von denen, die schon Rihannas Grenzgang zwischen emanzipiert und sexy inszeniert haben, entspinnt sich ein Panoptikum aus Trap, Pop, R’n’B und EDM, in dem Songs wie The Day I Die durchaus Chartsappeal ausschwitzen. Doch mit rauer Stimme macht Miss Li daraus eine Demonstration der Selbstermächtigung. Zum Tanzen. Und Krafttanken.

Miss Li – A Woman’s Guide To Survival (Pistol Packin’ Music)

Hype der Woche

Fettes Brot

Fettes Brot mit einem Hype zu umschreiben, ist eigentlich Quatsch. Die Spaßrapper aus Hamburg mögen den Klamauk zwar zur Kunstform des HipHop und bis in die seriöse Oberschicht des Sprechgesangs hinein salonfähig gemacht haben. Aber Hype? Dafür ist Nordisch By Nature einfach schon zu alt. Zu gut. Und zu haltbar. Wie haltbar, zeigen die sicht- und spürbar gealterten Doktor Renz, König Boris und Björn Beton auf ihrer furiosen Live-Platte mit dem gewohnt lustigen, aber leicht kindischen Titel Gebäck in the Days (Fettes Brot Schallplatten) nebst zugehöriger Konzert-DVD und einer kleinen Bandbiografie in Filmform. Die 16 Tracks, aufgeführt in ihrer Heimatstadt, zeigen dabei, was Fettes Brot seit 25 Jahren kennzeichnet: Bedingungsloser Einsatz für den Moshpit mit viel Humor, Tiefgang und schier unerschütterlichem Optimismus. Einziger Makel dieses gelungenen Albums: Schwule Mädchen fehlt. Ansonsten gibt’s wie immer: außen Top-Hits, innen Geschmack.