Morgen hör ich auf: Pastewka & Walther White

pastewkaIm Plagiate-Panoptikum

Eigentlich wäre Morgen hör ich auf (seit 2. Januar, 22 Uhr, ZDF) mit Bastian Pastewka als notgedrungen krimineller Spießbürger Jochen Lehmann (Foto: Martin Valentin Menke/ZDF) durchaus ansehnlich – würde sich der Fünfteiler auf dem prominenten Samstagssendeplatz nicht so unverhohlen bei Breaking Bad bedienen.

Von Jan Freitag

Wann immer ganz Deutschland, wie der Boulevard gern raunt, mal wieder übers miese Fernsehen made in germany diskutiert, steht dieser Vorwurf unwidersprochen im Raum: Wir können einfach keine Serien. Weil es den Sender an Mut fehlt; weil statt Qualität nur Quote zählt; weil unsere Schubladen zu tief sind; weil darin keine guten Drehbücher landen, sondern höchstens Schauspieler, die ihnen nie mehr entkommen, sobald sie mal in einer sitzen.

Zum Beispiel Bastian Pastewka.

Seit bald 20 Jahren erfreut der außergewöhnlich lustige Komiker aus der ungewöhnlich nüchternen Beamtenstadt Bonn sein Publikum mit einer Mixtur aus Realsatire und Aberwitz, die ihn rasch von der ungelernten Comedyhilfskraft ins Stammpersonal des TV-Humors befördert hat. Dort allerdings steckt er nun fest wie ein Hamster im Käfig: wohlgenährt, gutbeschäftigt, stark unterfordert. Vielleicht bezieht sich die Metapher jenes pummeligen Nagers, der während seines erstem echten Ausflug ins pointenfreie Fach immer wieder durchs Laufrad rennt, also auch auf den Hauptdarsteller einer Serie, die es krampfhaft aufnehmen will mit der importierten Konkurrenz. In Morgen hör ich auf mühen sich alle drei – Pastewka, Hamster, ZDF – bis zur Erschöpfung um gutes Entertainment, dürften am Ende aber doch eher milde belächelt werden als euphorisch beklatscht.

Und das hat einen Grund, der gar nichts mit dem achtbaren Niveau des Fünfteilers zu tun hat. Es liegt am heimlichen, aber unübersehbaren Vorbild: Breaking Bad. Wie in Vince Gilligans brillantem Epos um den vermeintlich notgedrungen drogenkochenden Chemielehrer Walther White nämlich, schiebt das ZDF auch Bastian Pastewkas Antiheld Jochen Lehmann aus seiner finanziell prekären Spießbürgerlichkeit Schritt für Schritt näher an den kriminellen Abgrund. Weil sein kleines Familienunternehmen nach fast 100 Jahren Solidität kurz vor der Pleite steht, kann der linkische Vater dreier Kinder an der Tankstelle nicht mal mehr den Sprit zur Fahrt ins hessische Vororthäuschen bezahlen und widmet die Rotationsmaschinen seiner Druckerei aus einer Weinlaune heraus um: er druckt damit Falschgeld.

Doch was den Engpass anfangs noch spielerisch überbrücken soll, verselbständigt sich in einer unaufhaltsamen Eskalationsspirale, an der vom notorischen Gangster bis zum aasigen Banker bald allerlei Galgenvögel mitdrehen. Es ist eine unterhaltsame Geschichte: Spannend erzählt vom versierten Tatort-Regisseur Martin Eigler, der auch Teile des schlüssigen Buchs verantwortet, das mit Susanne Wolff als treu sorgende, aber untreue Ehefrau Julia oder dem Österreicher Georg Friedrich als herrlich irrlichternder Hehler fabelhaft verkörpert wird. Nur: auch diese zwei Charaktere erinnern verteufelt ans amerikanische Original und reihen sich somit ein in die Liste dramaturgischer Referenzen.

Die erste setzt es gleich zu Beginn, als eine der 50-Euro-Blüten in Zeitlupe durch trübes Wasser treibt – ein Bild, das fortan permanent wiederkehrt wie jener verkohlte Teddybär, der einst baugleich in Walther Whites Swimmingpool schwamm. Von da an hagelt es Parallelen zum Vorbild, die jedoch kaum mal dessen atemberaubenden Handlungstwists gepaart mit subversiver Brutalität erreichen. Dennoch verglich ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler sein neues Produkt öffentlich mit Breaking Bad und meinte das sogar positiv.

Kein Wunder, dass der schubladengeschädigte Bastian Pastewka im Spiegel von einer „Auszeit“ sprach, die sich das Team angesichts dieses unnötig aufgebauten Drucks zwischenzeitlich verordnet habe, um den „kleinen Wirbelsturm an uns vorbeiziehen“ zu lassen. So belegen auch diese fünf Stunden gefälschter Hauptabendkost nachhaltig den unveränderten Abstand zum internationalen Markt: Innovatives wächst weiterhin in Skandinavien, England, den USA, und wenn es das deutsche Fernsehen abkupfert, wird die Ursprungsradikalität so lange poliert, bis das Resultat selbst nach dem vorherigen Krimi noch massentauglich ist.

Diese sehr deutsche Verzagtheit führt regelmäßig zu filmischem Falschgeld von Alles außer Sex über Hilfe, meine Familie spinnt bis R.S.I., die dem Ideenraub sogar offen im Titel tragen. Weit häufiger werden die Urheber auch noch klammheimlich unterschlagen wie im neuen Sat1-Ulk Einstein, den nur das drollige Outfit der Titelfigur von seinem eleganten Stichwortgeber Sherlock unterscheidet. Wirklich selten kommt es dagegen zu kreativer Neuinterpretation á la Doctor’s Diary, wo RTL Grey‘s Anatomy durchaus eigensinnig mit Bridget Jones verknüpfte.

Morgen hör ich auf nimmt in diesem Panoptikum mal mehr, meist weniger gelungener Plagiate eine Mittelposition ein. Was viel mit Bastian Pastewka zu tun hat. Das Alter Ego seiner selbst, der als reale Fiktion unter eigenem Namen lange Jahre auf Sat1 das Beste geliefert hat, was humoristisch hierzulande möglich scheint, verleiht seinem Herrn Lehmann – und damit der gesamten Handlung – gelegentlich Anflüge jener trotzigen Würde, die auch Walther White kennzeichnet. Zugleich aber fällt es ungemein schwer, vom witzigen Basti zu abstrahieren, wenn der nüchterne Jochen zu grimassieren beginnt. Womit wir wieder bei der Schublade wären, der zu entfliehen für deutsche Komödianten fast unmöglich ist. Mit dieser Rolle wird es der lustige Pastewka nicht schaffen. Er hätte weitere Chancen verdient.

Der Text stand vorab bei Zeit-Online. Teil 1 ist noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.


Das TV-Jahr 2015 & was 2016 kommt

deutschland-83Kunstfiguren & Nachtgespenster

Das Fernsehjahr 2015 geht zu Ende – und hinterlässt den Eindruck dauernder Krisen und gelegentlicher Lichtblicke. Ein Rückblick mit Ausblick auf 2016.

Von Jan Freitag

Die Zuschauer, das zeigt wie jedes Fernsehjahr auch dieses, dürsten nach Dichotomie. Wahre Helden strahlen ja erst dann so richtig, wenn ihnen ein zünftiger Antagonist in die Heldenparade fährt. Und auch sonst sind Programmplaner gut beraten, von der hiesigen Schnulze über seriellen Import bis hin zum profanen Fußball für Gegensatzpaare zu sorgen, am besten gut vs. schlecht.

Muss aber auch nicht.

Im Mai traten Margarita Broich und Wolfram Koch das Erbe ihrer hessischen Vorgänger an und brachen dabei jenes Gesetz, dem sich die Berliner Meret Becker und Mark Waschke bedingungslos beugten: Tatort-Kommissare sind wie Feuer und Wasser. Auch die harmonischen Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs brechen daher TV-Recht, wenn sie in Nürnberg kollegial statt feindselig ermitteln. Der Dauerbrenner machte es 2015 also vor: dichotom muss nicht dissonant heißen; hybrid darf einträchtig verlaufen. ZDF und Sat1 zum Beispiel können grundverschiedene Versionen desselben Falls verfilmen – das öffentlich-rechtliche Dokudrama mit Thomas Thieme porträtierte den gestürzten Bayernboss Hoeneß nüchtern, doch ebenso unterhaltsam wie Uwe Ochsenknecht als überdrehter Knastkönig Udo Honig.

Auch auf internationaler Ebene ging es ganz friedlich um einmütige Teilung. Im Arte-Experiment Tandem fiktionalisierten Deutschland und Frankreich im Januar ihren Umgang mit Kernenergie, was rechts des Rheins (natürlich) zu einem atomkritischen Krimi führte und links (natürlicher) zu einer heiteren Provinzposse. So ging es weiter: Mitte Juli kehrte Cordula Stratmann nach langer Abstinenz auf den Bildschirm zurück und karikierte für die ZDF-Serie Ellerbeck fürsorglich Provinzpolitik, um ihre Kuhflüsterin Tage später rüde im Klischeebad der ARD zu ersäufen. Oder Oli Dittrich: Erst persifliert seine sendungsbild34404_v-zweispaltigKunstfigur Schorsch Aigner den schlingernden Franz Beckenbauer im WDR am Rande der Deckungsgleichheit (was die kritiklose Hommage des Autorenfilmers Thomas Schadt zum 70. des Kaisers noch peinlicher macht), dann verschleudert er sich als schwuler Friseur der NDR-Comedy Jennifer. Und kaum dass die ARD ihrem Vorabend mit Sibel & Max etwas Niveau abseits vom Schmunzelkrimi verpasst, fährt sie das Werbeumfeld mit Unter Gaunern kalauernd an die Wand.

Es war eben doch ein Jahr von Spaltung, Angst und Krise, was sich allein in sechs Serien zum Endzeitthema Zombies äußerte und nach fast jeder Tagesschau. Während von Paris über Athen, Ankara, Passau und zurück die ARD-Brennpunkte glühten, während Björn Höcke sein Talkshowmobiliar Schwarzrotgold dekorierte und Roger Köppels Sturmbannführermimik hart statt fair 4. Reich spielte, während Hajo Seppelts Doping-Doku die Leichtathletik zur Hölle schickte und Daniel Harrichs Spielfilm Meister des Todes den Waffendealer Heckler & Koch, während das Literarische Quartett Streitkultur simulierte und Beckmann einen Sachfilmer, gab‘s im Stahlgewitter der Realität aber auch Lichtpunkte.

Lustiges wie Vorsicht vor Leuten vom Stromberg-Duo Feldhusen/Husmann, Absurdes wie Axel Milberg als Liebling des Himmels, Famoses wie Luis Trenker alias Tobias Moretti, Außergewöhnliches wie die Anwaltssaga Schuld, Brillantes wie das Politikerbashing Eichwald MdB, ja selbst privat Überzeugendes wie die Hospizserie Club der Roten Bänder (Vox) oder Deutschland 83, mit dem RTL positive Kritik, aber negative Quoten erntete. So zählt die – neben Weissensee – beste deutsche Serie des Jahres zu dessen Flops und reiht sich ein zwischen Raab & Jauch, Borg & Blochin, Naidoo & Winnetou, Verbotene Liebe & Two and a Half Men in die Liste der Verluste.

Auf der landen nun auch das Nachtgespenst Domian, der WG-Genosse Alsmann, die totverjüngte Stadlshow und ZDF-Kultur, womit Musik fern von Schlager und Pop aus dem Regelprogramm verschwindet. Das kriegt dafür einen Jugendkanal im Netz nebst Schulz & Böhmermann als Talkgespann auf ZDFneo, das zwar jeden Platzhirsch alt aussehen lassen, aber keine Konsequenzen haben dürfte, weshalb Illners Urlaubsvertretung Dunja Hayali auch 2016 allenfalls ersatzweise glänzen darf.

rosaDa Streamingdienste wie Amazon und Netflix mit Mr. Robot und Narcos zugleich zeigen, was Innovation ist, wirkt das Fernsehen immer gestriger: RTL holt Winnetou aus den Jagdgründen und Kabel1 die Ludolfs; Steven Gätjen wird der neue Gottschalk und Anne Will die alte Jauch; im Februar setzt das Erste Operation Zucker fort, um die Missbrauchskrimiquote von 25 Prozent zu erfüllen, und Sat1 Die Hebamme, weil, äh… Der Bodensee kriegt bessere Ermittler plus Heike Makatsch als Event, auf das im Herbst der 1000. Tatort folgt, den Borowski/Lindholm gemeinsam betreten.

Zwischendrin steigern die Privaten das Quizzen auf 500 Questions (RTL) und klauen lieber mies bei Sherlock als Einstein gut zu schreiben (Sat1). Und wenn Das Schweigen der Beate Tschäpe im ZDF läuft, bevor der Prozess endet, zeigt sich: Bald wird das erste Dokudrama seinem Thema zuvorkommen. Spätestens dann wechselt LeFloid zur Tagesschau.


Jennifer: Dittsches Friseur & Winsens Luhe

sendungsbild34404_v-zweispaltigJ wie Jauche

Was Oli Dittrich anfasst, wird gemeinhin zu Gold. Die norddeutsche Provinzposse Jennifer (ab 23. Dezember, 22.25 Uhr, NDR) dagegen droht schon zum Auftakt im Pointensumpf zu versinken – wäre da nicht Dittsches überdrehte Wahrhaftigkeit (Foto: NDR) als schwuler  Friseur.

Von Jan Freitag

Das Klischee ist ein dramaturgisches Windei. Dem Französischen entlehnt, bezeichnet es endlos erwärmten Kaffee diverser Mahlzeiten, der bei jedem Frühstück abgestandener schmeckt, aber den Geldbeutel schont. Ist Altware frei verfügbar, muss man sich grad unterm öffentlich-rechtlichen Kostendruck nichts Neues zulegen – das gilt fürs Personal ebenso wie für Inhalte. Was wiederum nirgends deutlicher wird als im hiesigen Fernsehhumor. Friseure zum Beispiel sind darin grundsätzlich schwul, ihre Kolleginnen pink, Discobesitzer schmierig, Omas altklug und Taxifahrer schlichten Gemüts.

Womit wir in Winsen an der Luhe wären, einer ziemlich trostlosen Schlafstadt vor den Toren Hamburgs, die es zu Hunderten gibt in Deutschland: bevölkert von ganz gewöhnlichen Leuten mit ganz gewöhnlichem Leben in ganz gewöhnlicher Umgebung, Leuten wie Jennifer – meint man zumindest beim NDR. Ab heute schneidet sie dort der Provinz das Haupthaar, genauer: sie schnitt. Weil sich Inhaber Sandro mit einem Föhn erdrosselt hat, leitet sein Lebenspartner Dietmar nun den Salon „Hair & Care“ und erteilt der Friseurin in Ermangelung eines Gesellinnenbriefs gleich mal Scherenverbot, was ihre resolute Großmutter (Doris Kunstmann) ebenso auf den Plan ruft wie Freundin Melanie (Laura Lo Zito), die der Obertitelfigur dabei helfen, den Untertitel umzusetzen: Sehnsucht nach was Besseres.

Diese Hassliebeserklärung an eine bildungsfern-proletarische Kleinstadtmittelschicht grundiert das Nischenprodukt von Regisseur Lars Jessen von der ersten bis zur letzten Minute. Damit hat der Regisseur Erfahrung: Schon in Dorfpunks und Fraktus hat er den Alltagsfreaks seiner küstennahen Heimat filmische Denkmäler gesetzt. Auch auf das von Jennifer mit J wie Jauche scheißen die Tauben der norddeutschen Tiefebene daher dauernd Landeihumor der Güteklasse C mit allem, was die Region im Regelfernsehen symbolisiert: angefangen mit einem seltsam sangsingenden Dialekt, der wohl ortstypisch wirken soll, aber klingt, als stecke Dieter Bohlen und Heidi Kabel in einen Sack Hafenarbeiter mit Gesichtslähmung.

Doch nicht nur umgangssprachlich ersäufen die Bücher von Andreas Altenburg aus dem holsteinischen Kohldelta Dithmarschen und seinem Stenkelfelder Kollegen Harald Wehmeier den Pöbel mit doppeltem Präteritum (ich war gewesen) und Dativdrehern (lern du mich nicht die Welt kennen) im Klischee intellektueller Schlichtheit. Sie lassen auch dramaturgisch kein ungefärbtes Haar an ihren Protagonisten. Als anspruchsvoller, zur Differenzierung bereiter Zuschauer könnte man heulen – schimmerte nicht immer wieder mal ein barmherziger Glanz durch die halbstündigen Episoden.

Das liegt an Katrin Ingendoh, deren hingebungsvoll prollige Jennifer schon in den ersten drei Folgen von Haarverlängerung über Eventmanagement bis Immobilienmarketing drei völlig verschiedene Wege nach was Besseres einschlägt. Mehr aber noch liegt es an – wem sonst? – Olli Dittrich. Sein ostentativ schwuler Dietmar ist so heillos überfrachtet mit Friseurvorurteilen jeder Art, dass es schon wieder witzig wird. Schließlich persifliert ihn der wahrhaftigste aller Persönlichkeitsparodisten im Land aus dem reichhaltigen Füllhorn seines Dittsche-Universums punktgenau zwischen Empathie und Fremdscham. Wie diese liebenswert bemitleidenswerte Knallcharge dank achtelprominenter Anekdoten von Vicky Leandros‘ Beleuchter, mit dem sie mal beinahe befreundet gewesen sei, aufdringlich Eindruck schinden will und doch selbst beim leicht erregbaren Salonpublikum nur Mitleid erntet – das karikiert die Abgründe tradierter Hierarchien schmerz- und lachhaft zugleich.

So gerät Jennifer am Ende doch zu etwas, das bisweilen mehr Charme als Fremdscham entfaltet – in den Pointen gern leicht bis schwer drüber, auf der Metaebene zuweilen küchenpsychologisch unterhaltsam. Kein Tatortreiniger also, kein Dittsche, nicht mal Mord mit Aussicht, sondern einfach nur betuliche Provinzialität als nettes Betthupferl ab zehn. Hätte schlimmer kommen können, geht noch bedeutend besser.


Helene Fischer: Cash-Cow & Weihnachtsfrau

FischerDie Biegsame

Als Helene Fischer kürzlich zur allerbesten Sendezeit zwei Stunden lang kostenlos ihr Weihnachtsalbum in der ARD bewerben durfte, zeigte sich die Schlagerpopqueen erneut als Opfer und Täter einer gnadenlosen Branche, der im Adventsprogramm unmöglich zu entgehen ist. Nächster Streich: Die Helene-Fischer-Show (Foto: ZDF/Ludewig) am 1. Weihnachtsfeiertag, noch so eine Dauerwerbesendung in der werbefreien Zeit des ZDF.

Von Jan Freitag

Es ist womöglich nur Gerede, Gemunkel, Geschwätz, aber es hält sich doch zäh wie so vieles, das durch die Gerüchteküche wabert: Kommende Woche, an einem Dienstagabend zwischen Mitternacht und drei Uhr früh soll es angeblich im deutschen Vorweihnachtsprogramm ein kleines Zeitfenster von mehreren Minuten geben, in dem Helene Fischer weder singt noch tanzt, moderiert oder sonstwie am Bildschirm zu sehen ist. Gewiss, das scheint bei genauerer Betrachtung mehr Tratsch als Tatsachenbericht zu sein. Aber falls ihnen der Frieden im Land wirklich am Herzen liegt, wären die Spitzen aus Politik, Kultur und Wirtschaft gut beraten, ihm nachzugehen.

Sonst droht der offene Aufruhr.

Helene Fischer nämlich, das zeigen bereits oberflächliche Recherchen im Medienland, ist derzeit ähnlich präsent wie Angela Merkel zu Krisenzeiten oder Joko & Klaas bei Pro7, also eigentlich ständig. Was immer Anfangsdreißigerin anfasst, macht ihr biegsames Organ aus einem biegsamen Resonanzkörper zu Gold, Platin, Kryptonit. Wenn Fräulein Fischers Management ein neues Album errechnet, wird es schon Monate im Voraus als Top-News aller Suchmaschinen vermeldet. Wenn es eins mit Weihnachten drauf ist, engagiert es dafür das Royal Philharmonic Orchestra im Londoner Abbey Road Studio. Wenn Florian Silbereisen sodann zum Adventsfest der 100.000 Lichter ins Erste lädt, räumt er seiner Liebsten dafür reichlich öffentlich-rechtliche Werbezeit nach acht frei.

Weil das der Reklame noch immer nicht genug war, schenkte die ARD ihrem Zugpferd vor zwei Wochen gleich noch zwei weitere Stunden zur besten Sendezeit. Als das konkurrierende ZDF kurz darauf mal wieder samstags im Schulterschluss mit der Springer-Presse sein Herz für Kinder zeigte, half Helene Fischer selbstredend am Telefon mit, das Ansehen ihres Aufmerksamkeitsmultiplikators Bild aufzupolieren. Sie zeigt sich bei Jauch, auf dem Traumschiff, in der Sesamstraße, und falls Fischers PR-Stab sein Premium-Produkt gern abseits ihres süffigen Kerngebiets prominent platzieren will, dann in Til Schweigers Bombast-Tatort am Neujahrstag, kurz nachdem sie abermals zur Helene Fischer Show ins Zweite geladen haben wird – ein Starauflauf sondergleichen, produziert von der Kimmig Entertainment GmbH, der auch die Verleihung jener Branchenpreise von Bambi bis Echo unterliegt, mit denen Helene Fischer seit zehn Jahren überhäuft wird.

Nach dem dauernden Alltagsbeschuss der Schlagerpopqueen, wird ihr Sperrfeuer gen Fest also langsam ein Fall für die Genfer Konventionen. Man kommt an der Frau nicht vorbei. Niemals. Nirgendwo. Es ist ein Rätsel. Und auch wieder keins. Denn als Flüchtlingskind der kriegskalten Achtzigerjahre müsste Jelena Petrowna Fischer aus dem sibirischen Krasnojarsk den rassistischen Lügenpressekrakeelern von Pegida bis AfD eigentlich ein Dorn im germanisch blauen Auge sein – wäre die schöne Helene nicht so deutschrussisch blond und wohlgeformt, zudem ein Musterbeispiel gelungener Assimilation an die hiesige Leitkultur, die so selig von den Schönheiten der eigenen Art singen vermag und dabei alle Sorgen zuhause lässt.

Denn von denen will Helene Fischer nichts hören. Interviews mit ihr sind Lehrstunden in Arglosigkeit, bei denen hinterher alles als ungesagt gilt, was das glattgebügelte Image auch nur oberflächlich anrauen könnte. Ein kleiner Satz zur eigenen Überpräsenz? Gestrichen! Ein offenes Wort zur Last der Berühmtheit? Raus! Selbst ihre Aussage, sie halte sich aus Debatten wie der um die völkischen Brachialrocker Freiwild raus: Nicht freigegeben. „Professionell zu liefern, was erwartet wird, zählt zu meinem Beruf dazu“ – so viel immerhin durfte sie am Ende des Gesprächs zu ihrer Moderation des letztjährigen Echos gesagt haben über eine Industrie, in der Helene Fischer Objekt und Subjekt zugleich ist, Täterin und Opfer, stinkreich und bettelarm in einem. „Ich muss mich auf der Bühne für nichts verbiegen“, sagte die gelenkige Multifunktionschiffre für nahezu jedes Publikumsinteresse vom feuchten Teenagertraum bis zum Fernsehsessel im Seniorenstift noch. Sie glaubt das vermutlich selber.


The Man in the High Castle: Siegreiche Nazis

AmazonEr war gar nicht weg

In der Amazon-Serie The Man in the High Castle haben die Nazis doch gesiegt und halb Amerika besetzt. Nach der englischen Originalversion ist der erfolgreichste Serienstart des Online-Händlers parallel zur Hacker-Serie Mr. Robot nun auch auf Deutsch abrufbar. Was zeigt, dass sich die klassischen Sender auch hierzulande im Kampf mit Online-Anbietern zügig warm anziehen sollten.

Von Jan Freitag

Guter Geschmack zählt abgesehen von ein paar Tausend weit unappetitlicherer Eigenschaften nicht grad zum Kernbestand nationalsozialistischer Leitkultur. Fliegerfilme, Kolossalarchitektur, Jungmädelzöpfe oder Hirschgeweihkunst – alles nichts für Feingeister mit Niveau. Bis auf die Einrichtung repräsentabler Räumlichkeiten, sagen wir: einer deutschen Botschaft am Westrand der USA. Die nämlich besticht durch ein exquisites Interieur zwischen Art Déco und Bauhaus: Gedeckte Farben, dezentes Mobiliar, ausladende Fenster, bisschen hakenkreuzlastig vielleicht, stilistisch aber durchaus ansprechend – zumindest in The Man in the High Castle.

Ab heute ist die zehnteilige Dystopie, in der Hitlers Tätervolk den Zweiten Weltkrieg zusammen mit Japan doch gewonnen hat, bei Amazon Prime abrufbar. Es ist ein verstörendes, oft bizarres, vielfach ideensprühendes Gedankenexperiment, das den Westteil Nordamerikas nationalsozialistisch besetzt hält und den östlichen kaiserlich, geteilt durch eine Pufferzone namens „Rocky Mountain States“, die zu Beginn der Serie (noch) verhindert, das beide totalitären Siegermächte zum Kampf um den ganzen Kontinent blasen. Bis dahin halten sie die Urbevölkerung dank eines gehörigen Anteils Kollaborateure eben gemeinsam unter faschistischer Knute.

Wie soll man das nennen – wahnsinnig, fantastisch, Quatsch? Bei allem Aberwitz jedenfalls ist es auch nicht vollends an den Haaren herbeigezogen! Schließlich standen die Nazis gegen Kriegsende offenbar kurz vor der eigenen Atombombe und hätten sie gewiss wahlloser eingesetzt als Washington, das Hiroshima und Nagasaki im Sinne der Dramaturgie hier doch nicht pulverisiert hat. Doch um Authentizität, Realismus, gar Wahrheit geht es dieser Serie nicht; dafür birgt schon Ridley Scott als ausführender Produzent, der nach „Blade Runner“ bereits das zweite Buch des kalifornischen Endzeit-Experten Philip K. Dick adaptiert.

Ohne ein konkretes Datum zu nennen, erzählt bereits „Das Orakel vom Berge“, wie die okkupierte Juliana Crain in den Besitz mysteriöser Schmalspurfilme gerät, auf denen laufende Bilder vom Triumpf der Alliierten über die angeblichen Kriegsgewinner zu sehen sind, auf deren Spur sich neben dem dubiosen Joe Blake auch Obergruppenführer John Smith begibt. Showrunner Frank Spotnitz besetzt seine Hauptfiguren mit der schönen Alexa Davalos, dem süßen Luke Kleintank und Rufus Sewell als scharfkantiger SS-Scherge (also mal nicht mit deutschen Nazi-Darstellern), verlegt den Rahmen ins Erscheinungsjahr 1962 und ergreift somit die Chance zum bipolaren Kostümfest, die Tristesse von 1984 Tür an Tür mit dem Sixties-Pop der Mad Men, das gediegene Ambiente der NS-Vertretung beim japanischen Freundfeind gleich neben blutigen Folterkellern oder dunklen Widerstandsnestern.

Und genau da liegt das Problem: die Optik befindet sich im dauernden Wettstreit darum, ob sie den Inhalt definiert oder umgekehrt. Einerseits werden die Figuren kreativer entwickelt als hierzulande üblich und sodann mit Brüchen, Finten, Tiefen versehen, die deutsche Serien gern vermeiden. Andererseits begeht The Man in the High Castle jenen Fehler, der unser Historytainment oft unsäglich macht: Da entwirft sich der Untergrund ein schickes Wappen, das die Jagd auf ihn ungemein erleichtert; da müssen Hakenkreuze selbst auf der Wählscheibe normaler Telefone prangen; da sehen die Bösen echt böse aus und Helden meist hinreißend; da ist also vieles optisch überdreht, als traue man dem Sog der Erzählung nicht.

Zu unrecht. Denn der kostenlos abrufbare Pilotfilm war Anfang des Jahres nicht ohne Grund der erfolgreichste Start einer Eigenproduktion auf Amazon. Da dürften auch die nächsten Folgen den magischen Sog des Auftakts trotz einiger Mängel entfalten – gerade jetzt, wo totalitäre Extremisten die Gewaltspirale mal wieder fernab aller Kausalität aufwärts rasen. Da passt es zum Epochenbruch, dass die Arte-Serie Occupied derzeit die Besetzung Norwegens durch russische Truppen infolge abgedrehter Ölhähne (woran auch die Verbündeten kein Interesse haben) zum Thema macht. Auch nicht grad realistisch, aber undenkbar? Harte Zeiten, gute Serien…


Lindendstraße: 30 Jahre & kein Ende in Sicht

ensemble_zweitausendfuenfzehn-126_v-gseapremiumxlUnd Heiligabend wird gesungen

Nirgendwo werden deutsche Befindlichkeiten stärker und erfolgreicher verdichtet als in der Lindenstraße (Foto: WDR/GFF). Am Sonntag feiert die ARD ihren Dauerbrenner mit einer Live-Sendung.  Eine Eloge.

Von Jan Freitag

Die Revolution begann bieder: Familie Beimer mit Gitarre, Flöten und Gesang am Adventskranz. Helga, Hans, Benny, Klaus und Marion im hausmusikalischen Kampf gegen den Zerfall unserer gesellschaftlichen Zentralinstanz – so feierte eine Serieninstitution vor genau 25 Jahren ihr Debüt: Die Lindenstraße, dienstälteste, meistdiskutierte, beliebteste, seriöseste,  aufwändigste, in einem Wort: beste Serie im Land. Seit Dezember 1985 ist das ARD-Produkt ein Stück Heimatkunde mit dieser heilen Sippe im Zentrum beim Abwehrgefecht gegen den Werteverfall unterm Wohnzimmerfenster. Sie hat es verloren. Wie alles, was verlässlich scheint, irgendwann zu Bruch geht bei Hans W. Geißendörfer.

Der Erfinder, gute Geist und Übervater von Deutschlands bekanntestem TV-Pflaster hat ja noch jeden Keim sozialer Erschütterung in der Lindenstraße gesät; da war auch das Schicksal der Beimers früh besiegelt: Papa Hans hat fremde Kinder, Stammhalter Benny traf der TV-Tod und Onkel Franz den des Schauspielers. Marion, die Älteste, wurde à la Dallas gesichtsverändert und der Stadt verwiesen, Nesthäkchen Klausi war von spießig über promiskuitiv oder psychotisch bis links- und rechtsradikal schon alles Mögliche, seine Mama hingegen neben kontrollsüchtig auch depressiv, alkoholkrank, suizidgefährdet, das volle Programm. Eins aber hält bis heute an: Heiligabend wird gesungen.

„Leider war 1985 das Fremdschämen noch nicht erfunden“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres über die erste Szene dieser Art und meint auch die nächste. „Sonst hätte ich es getan.“ Umso mehr freut er sich bis heute Sonntag für Sonntag über einen Quotengaranten, der unser Land von der geistig-moralischen Wende bis Stuttgart 21, von brennenden Flüchtlingsheimen der Nachwendejahre bis zu denen von jetzt in Echtzeit abbildet und damit Sonntag für Sonntag bis zu vier Millionen Menschen fesselt, nicht wenige davon seit dem 8. Dezember 1985, denen die ARD zum 30. Geburtstag am Sonntag eine Live-Sendung schenkt.

Sie alle schauen zuhause oder mit Freunden, in Altenheimlobbys und Szenebars. Der Altersschnitt liegt klar unter dem der ARD. Und wem das nicht reicht, kann sich in fast 200 wissenschaftlichen Arbeiten fortbilden oder in einer der vielen Bücher blättern wie „1000 Folgen in Wort und Bild“. Vor sechs Jahren ließ es das Jubiläum im Format mittelalterlicher Folianten mit einer Seite pro Folge Revue passieren. Eine Zeitreise durch bundesdeutsche Befindlichkeiten wie die Serie selbst. Familienalbum, nennt es Erfinder Geißendörfer im Vorwort, „das Großmutter angelegt hat und die Kinder weiterführen, um es eines Tages den Enkeln zu übergeben“. Und wer sich nicht all die DVD-Boxen zulegen will oder wie ein Ultrafan alle 1559Episoden auf 30-minütigen VHS-Kassetten speichern, kann sich so noch mal all jene Momente vor Augen führen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben.

Da ist er also wieder, in Folge 68, der erste schwule Zungenkuss via TV und kurz darauf die heterosexuelle Premiere mit Priester. Die verhängnisvolle Affäre von Hans mit seiner Verwandten Anna– Urkatastrophe der Beimeridylle in Episode 147. Oder Gung, dieser „Konfuze“ zitierende Flüchtling aus Vietnam, der im Herbst 1998 fiktional als Kanzler kandidierte und ganz reale Stimmen erhielt. Oder. Oder. Oder. Szenen, die sich ins Zuschauergedächtnis gebrannt haben, Landmarken einer Zuschauernation im dauerhaften Umbruch, stets donnerstagesaktuell kommentiert von zwei Dutzend wechselnden Regisseuren: Unfälle, Raub, Mord, Aids, Bulimie und Ärztepfusch, Terrorismus, Islamismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage. Dazu Mobbing, Vergewaltigungen, Immobilienspekulation, Organtransplantationen, Kinderschwangerschaften, Atomdebatten, Drogenexzesse, Seniorenerotik – viel Sex & Crime also, aber auch ganz biedere Liebe, dargestellt allein in 27 Hochzeiten, die meisten unter Nachbarn, demnächst wieder eine; in 30 Jahren dürfte die Lindenstraße ein Inzestproblem haben und damit eines der wenigen Tabus, das auf 70.000 Drehbuchseiten ungebrochen blieb. Sonst war fast alles dabei.

Zum Beispiel bei Ludwig Haas, einem von sechs verbliebenen Darstellern der 1. Folge. Als Dr. Dressler war der Arzt bereits Mörder, Dealer, Opfer, Täter, Patriarch von Schwulen und Junkies, Mann einer blutjungen, einer biederen, einer psychotischen Frau, verwitwet, geschieden, verlassen, dazu Schriftsteller, Bösewicht, Samariter, Telefonseelsorger, Intrigant, Kumpel, Adoptivvater – etwas viel für ein Leben. „Nur, wenn man es mit dem echten vergleicht“, meint der Schauspieler. Normalität sei sterbenslangweilig und gehe an beschleunigten Sehgewohnheiten vorbei. „Da muss man mit der Zeit gehen“.

Das tut die Lindenstraße. Nicht immer geschmackssicher, deshalb muss zur Geburtstagsausgabe mit ein paar Peinlichkeiten gerechnet werden wie stets, wenn sich die Serie selbst thematisiert. Aber wer die Serienlandschaft betrachtet, gute wie schlechte Zeiten all der Dr. Kleists unter uns in aller Freundschaft, kehrt oft reuig zurück zu 150 Meter Außenkulisse samt Studio dahinter. Ein falsches Stück realistischer Welt, ausgerechnet im Fernsehen.


Deutschland 83: RTL & New York Times

deutschland-83Fernab der Wettcouch

Seit Monaten schon schwärmt alle Welt von der Agentenserie Deutschland 83 (Doppelfolgen ab 26. November, donnerstags, 20.15 Uhr, RTL). Dass deutsches Fernsehen damit zukunftstauglich wird, ist zwar ein bisschen arg euphorisch – Träumerei ist es nicht.

Von Jan Freitag

Deutsche Serien, so geht seit langem die Klage, sind banal, bieder, billig, kurz: furchtbar. Ein Urteil, dass man noch erweitern muss: Im Grunde gibt es sie gar nicht – weder in den Feuilletons noch Köpfen oder Herzen, geschweige denn im Ausland. Abgesehen von einigen Hollywoodstars, die über ihren Besuch auf Lanz‘ Wettcouch gelästert haben, hat Anna Winger in den Medien ihrer Heimat „nie was übers deutsche Fernsehen gehört“. Das könnte zwar daran liegen, dass die Autorin aus Chicago seit 2002 in Berlin lebt, aber es stimmt schon: Während Fernsehen made in germany hierzulande immerhin belächelt wird, hat es in Amerika, „überhaupt keinen Ruf.“ Das könnte sich nun ändern.

Dank Anna Winger.

Mit ihrem (deutschen) Mann Jörg hat sie ein (deutsches) Format auf den (internationalen) Markt gebracht, das die Karten im Serienspiel neu mischt: Deutschland 83. Der Achtteiler läuft fortan donnerstags in Doppelfolgen bei einem Sender, der eigentlich für renditefinanzierte Publikumsverachtung steht. Daran dürfte auch die opulente Agentengeschichte um einen NVA-Soldaten, den der Geheimdienst Ost sechs Jahre vorm Ende des Kalten Kriegs in die Bundeswehrführung schleust, um einen angeblichen NATO-Erstschlag zu enttarnen, wenig ändern. Dennoch schreibt RTL grad TV-Geschichte.

Schließlich ist vieles an „Deutschland 83“ auf einem Niveau, das den „Spiegel“ von „Homeland DDR“ faseln lässt. Rund 22.000 Euro Herstellungskosten pro Minute, mehr als jeder Tatort ohne Til Schweiger, liegt ja auch weit oberhalb üblicher Serienetats und finanziert nicht nur die exquisite Ausstattung, sondern auch Schauspielstars, die sich allenfalls für Mehrteiler zur Verfügung stellen. Vor allem sie machen die Story um den farblosen Martin (Jonas Nay), den die eigene Tante (Maria Schrader) ins Vorzimmer von General Edel (Ulrich Noethen) lotst, wo er nicht nur die Pläne des Feinds auskundschaftet, sondern auch noch allerlei Liebes- und andere Abenteuer erlebt, so sehenswert.

Gut, auch das ist voll fernsehtypischer Überdramatisierungen, die sich ein Sender wie RTL nicht verkneifen kann. Der nachrichtendienstliche Anfänger Martin wird in gefühlt zwei Wochen zum 007 trainiert, der selbst in Extremsituationen nicht mal schwitzt und in alltäglichen mit allem dekoriert wird, was die Achtziger im kollektiven Gedächtnis verankert: Musik, Dekors, Kleidung, Habitus – Garnitur aus dem popkulturellen Mainstreambaukasten.

Doch trotzdem zieht sich etwas durch die erste Staffel, das handelsüblichen Produkten deutscher Herkunft meist fehlt: Exzellente Drehbücher mehrerer Edelfedern, deren intensives Teamwork unter Wingers Leitung nahe am viel gerühmten Writer’s Room amerikanischer Art ist. Dazu ein kommissarloses Zeitgeschichtsthema „ohne Hakenkreuz und Judenstern“, wie die Erfinderin, Entwicklerin, Produzentin in Personalunion betont. Und nicht zuletzt eine Liebe zur Figurenentwicklung, die dem Helden allen Ernstes dunkle Seiten erlaubt.

Als Martin darf der gefeierte Jungstar Nay (Homevideo) im Auftrag des künftigen Systemverlierers (DDR) ja allerlei Herzen brechen, dabei manchmal richtig verschlagen sein, sogar skrupellos und dennoch zum Sympathieträger beider Seiten taugen. Deshalb, sagt Anna Winger, sei Deutschland 83 auch gar kein krachender Agentenbumms fürs leicht erregbare RTL-Publikum, sondern das „Coming-of-Age-Drama“ mit viel Politik einer Figur, die sich wie „Alice im Wunderland“ plötzlich in einer völlig fremden Welt befindet und dort zu behaupten versucht. Jenseits der unterhaltsamen Mixtur aus Action, Sex, Kulissenschieberei gehe es abseits der weltgeschichtlichen Bedeutung also vornehmlich „um Heimat, Identität, Herausforderung“.

Das wissen selbst US-Zuschauer zu schätzen, die dem Sundance Channel im Sommer – wider alle Sehgewohnheiten – trotz Untertiteln Topquoten bescherten und der Serie geradezu hymnische Kritiken. „Seriös, krass, lustig und frisch“, urteilte das Time Magazine, was die ehrbare New York Times um „aufregend und faszinierend“ ergänzte. Der internationale Ruf des deutschen Fernsehens, das Hollywood-Stars in Tierkostümen auf Wettcouches quält – dank Deutschland 83 beginnt es zu bröckeln.


Luis Trenker: Wendehals & Moretti

bilder-luis-trenker-schmale-grat-wahrheit-112-_v-varxl_829bd9Hitlers Bergführer

Wenn die ARD ein Biopic über Luis Trenker (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD; Foto: BR/Roxy Film/Christian Hartmann) sendet, liegt der Verdacht nahe, da werde mal wieder ein Mitläufer reingewaschen. Dagegen spricht allerdings schon der Darsteller: Tobias Moretti macht den Film zu einer Abrechnung mit dem Bergfilmstar – und Männern insgesamt.

Von Jan Freitag

Der Wendehals gilt als hochmobiles Wesen. Seine Biegsamkeit ist legendär, das Zugverhalten ausgeprägt, die Verbreitung enorm. Nur seine Lebenserwartung scheint nicht der Rede wert: mit vier Jahren ist für den „Vogel des Jahres 1988“ meist Schluss. Das unterscheidet ihn fast noch grundlegender von seinem menschlichen Gegenstück gleicher Zuschreibung als Federkleid und Flugvermögen. Gerade im kulturellen Fach nämlich schafft es der humane Wendehals oft in biblische Sphären.

Johannes Heesters zum Beispiel: 108 Jahre. Oder Leni Riefenstahl: nur sieben weniger, also im Bereich eines besonders mobilen, biegsamen, zugkräftigen Kollegen: Luis Trenker. Ältere Zuschauer werden den Südtiroler noch leibhaftig am Röhrenapparat erlebt haben – als Märchenonkel etwa, der das Publikum des braun befleckten BR mit Luis Trenker erzählt noch bis zum Beginn der Ölkrise in Heimatliebe tunkte. Oder als Gelegenheitsschauspielder erst zweit-, bald drittklassiger Formate, wo er weißhaarig, lederhäutig, felsenstolz den putzigen Alpenopa gab.

Was dort jedoch sorgsam verschwiegen wurde, was generell selten zur Sprache kam in der formatierten Nachkriegsgesellschaft: Luis Trenker war ein alpinistisches Vorzeigemodell nationalsozialistischer Kinoästhetik, Berge erobernder Ufa-Star von Goebbels Gnaden und als solcher Teilstück diverser Menschheitsverbrechen. Doch weil er als NS-Regisseur ein hochgeachteter Pionier naturalistischer Bergfilmfotografie war und sich damit reibungslos ins Unterhaltungsfach der Bundesrepublik einzuordnen vermochte, ist Skepsis angebracht, wenn ihm das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein Biopic schenkt; zu oft schon kamen die Täter und Mitläufer, die Rommels und Stauffenbergs, die Dresdner im Bombenhagel und Gräfinnen auf der Flucht fiktional besser weg als die Realität geböte.

Wie gut, dass es Tobias Moretti gibt. Schließlich ist es besonders dem österreichischen Burgschauspieler zu verdanken, dass Wolfgang Murnbergers sehenswertes Filmporträt Luis Trenker seinen Untertitel verdient: Ein schmaler Grat der Wahrheit. Den beschreitet Moretti mit der gebotenen Ambivalenz eines Künstlers von bizarrer Geschmeidigkeit. Kurz nach Kriegsende, so hat es Peter Probst ins  Drehbuch geschrieben, sitzt Trenker vorm heimischen Bergpanorama und fälscht beim Fußbad Eva Brauns Tagebücher, die er dem Hollywoodagenten Paul Kohner (Anatole Taubman) auf dem Filmfestival Venedig 1948 zur Umsetzung anbietet, was keine Geringere als Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier) zu verhindern sucht, weil sich die schöne Reichsparteitagsregisseurin darin als Hitlers Geliebte verunglimpft sieht, wo sie doch allenfalls mit dem eigenen Steigbügelhalter namens Trenker im Bett war.

Dem verleiht Tobias Moretti eine brüchige Männlichkeit, die das Y-Chromosom bis tief in unsere Gegenwart zur Bürde macht. Gefangen zwischen Kleingeist und Größenwahn, Profilneurose und Geltungsdrang, Brüllen und Schweigen flattert Morettis skeptisch entrückter Blick von fadenscheinigem Erfolg zu folgenloser Niederlage und zurück, immer wieder. Ob sich die aufstrebende Leni vorm älteren Luis nach skurrilem Ausdruckstanz in die Titelrolle vögelt; ob der absteigende Trenker vom jüngeren Goebbels für seine italienische Staatsbürgerschaft gemaßregelt wird; ob das Tagebuchprojekt des uneinsichtigen Mittfünfzigers nach dessen Ende den Bach runtergeht – stets verpasst Moretti seiner gleichalten Figur eine Aura des Schaumschlägers mit fataler Wirkung, die bis ins kleinste Detail belegt sein soll. „Reine Fiktion“, sagt Tobias Moretti, „war eigentlich nur sein Auto“, also jener Alfa Romeo, in dem sein Trenker gern windschnittig viril durchs Alpenpanorama rast.

Wie es sich eben gehört für ein „gesellschaftspolitisches Chamäleon“, das „fünf, sechs Epochen durchschwommen hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist“. Morettis Distanz zum Alter Ego auf Zeit, mit dem er die Liebe zum Gebirge als „Sehnsucht, Begrenzung, Motor meines ständigen Aufbruchs, aber auch meiner Überschätzung“ nebst der „Neigung zu schnellen Frauen und leidenschaftlichen Autos“ teilt, ist offenkundig. Dennoch will er dessen Schuld nicht überbewerten. Als leading person habe Trenker „das System benutzt und zeitgleich in seiner Eitelkeit nicht gemerkt hat, dass es ihn benutzt.“ Eher Mit- als Haupttäter also, die Moretti beide oft spielt: vom Jud Süß Ferdinand Marian über Gestapo-Chef Rudolf Diels bis zum Führer selbst.

„Jetzt bringen Sie mich wirklich zum Nachdenken“, sagt er auf die Frage, was ihn denn bloß so zum Nazi qualifiziere und schlägt vor, sich ersatzweise mal um Honecker zu bewerben. „Eine Herausforderung, auch für den Friseur.“ Tobias Moretti dürfte auch die meistern; männliche Abgründe sind sein Metier. Und Wendehälse.


Starfighter: RTL-Event & Aggressionsabbau

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Wenn RTL Zeitgeschichte verfilmt, rast irgendwie stets die Autobahnpolizei durchs Bild. Das tut sie auch in Starfighter (heute, 20.15 Uhr; Foto: RTL/Wolfgang Ennenbach). Davon abgesehen liefert die Fiktion der reale Absturzserie deutscher Kampfjets vor rund 50 Jahren darauf, dass der Privatsender gutes Fernsehen kann, wenn er es mit Herz und Hirn, statt Testosteron und Titten versucht.

Von Jan Freitag

Pietät ist keine Kernkompetenz kommerziellen Fernsehens. Zählt es doch zum – oftmals einzigen – Daseinsgrund rücksichtsloser Medien, die Kamera voll draufzuhalten, sobald Körperflüssigkeiten jeder Art fließen. So gesehen war es eine beachtliche Entscheidung von RTL, die Ausstrahlung seines Blockbusters Starfighter kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 9525 Ende März zu verschieben, wie es Pro7 zehn Jahre zuvor mit einem Film namens „Tsunami“ getan hatte.

Damals wäre allerdings wünschenswert gewesen, die Rücksichtnahme hätte sich nicht nur auf die Trauerphase der realen Katastrophe erstreckt, sondern in alle Ewigkeit – so missraten war die fiktive Flutwelle vor Sylt, so wenig hatte sie mit einer echten zu tun. Dass nun der Film über die „Witwenmachter“ genannten Bundeswehrjets neun Monate nach dem Ausgangstermin läuft, ist hingegen durchaus zu begrüßen und zieht Sensationelles nach sich: Eine Empfehlung für RTL!

Aber zum einen zeigen Formate vom männlichkeitsdechiffrierenden Restauranttester Rach über das journalistisch brisante Jenke-Experiment bis hin zum neuen Feuilleton-Darling Dschungelcamp, dass der ehemalige Titten-Kanal seinen Testosteron-Überschuss längst selten, aber sichtbar in solide Unterhaltung mit einer Prise soziokultureller Relevanz umzuwandeln versteht. Andererseits ist der seriositätshemmende Hang des Senders zum dramatischen Overkill in diesem Fall völlig angebracht: zählt das wahrhaftige Starfighter-Desaster, in dem zwischen 1962 und 1984 fast ein Drittel der 916 Maschinen vom Typ F-104 abgestürzt sind, zu den skandalösesten Affären der an skandalösen Affären keineswegs armen Historie bundesdeutscher Industriepolitik.

RTL erzählt sie so: Anfang der swinging sixties, als unterm Haarturm die Kleiderfarbe explodiert, verliebt sich Parfümverkäuferin Betti in den kernigen Kampfpilot Harry, der sie in die schillernde Welt verwegener Flieger am rheinischen Luftwaffenstützpunkt entführt. Doch der rock’n’roll-bunte american dream nahe Köln gerät zum Albtraum, als die Starfighter des US-Herstellers Lockheed gleich reihenweise ihre Besatzungen mit in den Tod reißen – darunter bald auch Harry selbst. „Pilotenfehler“, meldet das Verteidigungsministerium wie immer, was die hochschwangere Witwe bezweifelt und bei der Recherche in ein engmaschiges Netz aus Vertuschung, Lügen, Manipulation gerät, aus dem sie sich mithilfe einer Sammelklage zu befreien versucht. Erfolgreich, so viel sei über einen Prozess gespoilert, der 1975 Justizgeschichte schrieb.

Gut, RTL wäre nicht RTL, würde es aus diesem Stoff kein künstliches Kaugummientertainment voller Klischees und Knalleffekte im Beschuss permanenter Soundkaskaden stricken. Und Miguel Alexandre wäre zudem nicht Miguel Alexandre, würde der Melodramen-Regisseur alle Emotion, jeden Effekt, das ganze VFX-Gewitter weniger als ein, zwei Stufen zu hoch pitchen. Trotzdem unterscheidet sich dieses „Eventmovie“ von jedem, das den Bildschirm sonst auf diesem Kanal im Soundbrei ertränkt. Es ist: Empathie, so leidenschaftliche wie glaubhafte Empörung übers kriminelle System des korrupten Bayern-Paten Franz-Josef Strauß, das dem Profitinteresse des militärisch-politischen Komplexes neben Milliarden veruntreuter Steuergelder auch 116 Pilotenleben opferte.

Produzent Michael Souvignier, dessen geistreicher Enthüllungsfuror schon Contergan-Hersteller oder Spenderblut-Händler ins Portemonnaie traf, sagt ganz unverblümt, mit Starfighter arbeite er auch all die Schweinereien von FJS auf, den er schon als „kleiner Revolutionär in der Schule” gehasst habe. Für jene Dokumentionen, mit denen Souvigniers Firma Zeitsprung einst den Grundstein des deutschen Exportschlagers Historienevent legte, mag das zu subjektiv klingen; Spielfilmen mit Herz und Hirn kann es durchaus dienlich sein. Während keinesfalls nur Privatsender ihr Erinnerungsentertainment gern abspulen wie Trickbetrüger ihr Becherspiel, verhilft vor allem Souvigniers Mitgefühl dem opulenten Zweistünder samt seiner aufwändigen Computeranimationen aus der Quotenfalle zwischen „Top-Gun“ und „Grease“, in der die Handlung anfangs landet, um nach der Hälfte nahe Erin Brockovitch zu landen.

Das liegt auch an Picco von Groote, deren Betti einen plausiblen Wandel vom Traumprinzenaccessoire der spießbürgerlichen Vorkrisenjahre zur selbstbewussten Frau des folgenden Aufbruchs vollzieht und damit einiges über den Umbruch rings um 1968 erzählt, der verkrustete Autoritäten in Frage stellt und aufkommenden nicht ungeschoren lässt. Beides wird  versiert verkörpert von zwei tragenden Nebenfiguren: Rainer Bock als Verteidigungsminister Hermann Weltke alias Kai-Uwe von Hassel, der trotz Verlust seines eigenen Sohnes im Starfighter vom „Blutzoll“ faselt, den eine wehrhafte Demokratie in Friedenszeiten zu leisten habe und ansonsten weiter am Geflecht seines Amtsvorgängers webt; und Alice Dwyer als Bettis beste Freundin Helga, die aus der Pilotenclique in die APO abweicht, dort allerdings zur Fundamentalopposition neigt.

Das lässt die übliche Zielgruppenversorgung zwischendrin glatt vergessen, bei der die Darsteller kataloggemäß gekleidet im Cabrio vom Bowling übers Autokino zum Käseigel gen Zukunft fahren, wo Sätze damals ferne Sätze à la „das musst du dir mal reinziehen“ erklingen. Aber wenn sie ein Großschauspieler wie Frederick Lau für den Niveauzwerg RTL sagt, muss wohl was dran sein, am kurzweiligen Film über ein Kapitel deutscher Realpolitik, die bis heute ungesühnt zum Himmel stinkt, den die Piloten – wie der depperte Untertitel brüllt – gar nicht erobern wollten, sondern am Ende einfach überleben.

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Arte-Doku: Bahnhofskinos

Voodoo, Sex und Raimund Harmstorf

Bahnhofskinos gehörten einst zur City wie die Gleise selbst. Doch Mitte der Achtziger fielen sie VHS und RTL zum Opfer, die den Trash des BaLi ins Wohnzimmer holten. Eine Arte-Hommage feiert dieses Cinema Bizarre (Online in der Mediathek), das weit mehr ist, als ein Kuriositätenkabinett.

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An Sex’n’Drugs’n‘Rock’n‘Roll – Ältere müssen sich das erst in Erinnerung rufen, um Jüngeren davon zu berichten – kam man mal nur schwer heran in der frisch zwangsdemokratisierten Republik. Auf Leinwand lief bunte Betulichkeit, am Bildschirm Biedermeier in schwarzweiß. Exzesse waren unschicklich, Homosexualität und freie Liebe gleich ganz verboten, Frau und Kind zu schlagen schon weniger, sofern es daheim erfolgte, was es landauf landab munter tat, im Alkoholdunst einer sternhagelvollen Männerwelt.

Die kampfesmüde, gewaltbereite, sittenstrenge Nachkriegsgesellschaft hatte zweifelsohne ein merkwürdiges Verhältnis zu Befriedigung, Rausch und körperlichem Zwang. In dieser Atmosphäre wurden Ausschweifungen jeder Art zwar gern aus den Augen aus dem Sinn verbannt, allerdings ausgerechnet dorthin, wo es jeder deutlich sehen konnte: Ins Bahnhofskino. Auferstanden aus den Ruinen innerstädtischer Infrastruktur, um Reisenden das Warten zu verkürzen und nebenbei die umliegenden Neubaukomplexe zu finanzieren, wurde in gleisnahen Lichtspielhäusern rund um die Uhr das gezeigt, was Durchschnittsbürgern ansonsten meist verborgen blieb.

Was genau das war, weshalb es die bürgerliche Mitte gleichermaßen abstieß und anzog, wie derart anrüchige Abseiten der ästhetischen Norm inmitten ordentlich gefegter Ortskerne überlebten und was ihr schleichender Tod über unsere Gegenwart zu sagen hat – darüber klärt eine der zauberhaftesten Dokumentationen auf, die das laufende Fernsehjahr bislang zu bieten hatte. Sie heißt Cinema Bizarre und beschreibt das versunkene Reich der Bahnhofs-Lichtspiele, deren Kürzel „BaLi“ einst an kaum einer größeren Haupthaltestellenfassade zwischen Kiel und München, Braunschweig und Köln fehlte. Versehen mit einer Liebe zum Objekt, als säße das Publikum persönlich im samtroten Gestühl.

Und sähe davor obskure Streifen in Endlosschleife, deren Titel allein schon pures Entertainment sind. Die nackten Superhexen vom Rio Amore, Der Totenacker der Knochenmänner, Nackt und zerfleischt – ohne mit der faltigen Wimper zu zucken verliest Gertrud Sonnenberg, die seit 1959 in einem der fünf letzten von ehemals 30 BaLis sitzt, im blauen Kittel das Programm früherer Tage und eröffnet ein quietschbuntes Panoptikum aberwitziger Filmtrashkunst, das weit mehr sein will als nur nostalgisches Kuriositätenkabinett.

Regisseur Oliver Schwehm, der schon mal einen schwarzweißen Thementag auf Arte verantwortet hat und die Hommage Winnetou darf nicht sterben, begnügt sich nämlich nicht mit der Historisierung eines Stücks deutscher Kinogeschichte; gemeinsam mit Kollegen und anderen Cineasten wie Wolfgang Niedecken oder der tabakrauen Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann, schildert er den Weg von der kriegsversehrten über die formierte zur multimedialen Gesellschaft von heute am Beispiel dieser Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsindustrie.

Wie sie vorm Siegeszug des Fernsehens zunächst als unterhaltsames Informationsmedium zwischen Wochenschau und Tierdoku fungierten, mit dem man sich vorm Anschlusszug die Zeit vertrieb. Wie sich beide Genres bald zum „Mondo-Film“ vereinten, der bizarre Randlagen gewöhnlicher Nachrichten zu exotischen Phantasmagorien aus Sodomie, Voodoo und Schamanenkult verdichtet. Wie derart halbdokumentarischer Alltagshorror das Rattenrennen um die Zuschauergunst einläutete, in dem jede Erregungskurve rasch von der nächsthöheren übermalt werden musste – zunächst mit Abenteuer, Action, etwas Grusel. In den zügellosen Sixties ergänzt um Sex- und Gewaltphantasien, die sich ab Mitte der Siebziger immer „härter, brutaler, teilweise fast pervers gegen das Fernsehen stemmten“, wie der Filmhändler Kai Nowak Arte erklärt.

Es war die Zeit der maximalen Sogwirkung des Bahnhofskinos, begleitet vom unaufhaltsamen Niedergang. Denn die Radikalisierung der Extreme, vom augenzwinkernd bewunderten C-Movie-König Uwe Boll wunderbar beiläufig am Beispiel filmtechnisch akkurat zerteilter Köpfe skizziert, sorgte in Form krasser Frauenknast- und Splatterfilme für den endgültigen Abschied vom Mainstream Richtung Nerds, vornehmlich männlichen. Es war also nicht mehr nur zeitgenössischer Gangsterquatsch mit René Weller, Bruce Lee, Raimund Harmstorf, über den sich sein Epigone Ben Becker herrlich biegt vor Lachen und Ehrfurcht. Auch gelegentliche Kunstfilme von Pasolini bis Ferreri konnten das ramponierte Image nicht mehr aufmöbeln. Jetzt waren die Bahnhofskinos endgültig Blut, Kotze, Sperma – und halfen somit ungewollt bei der Glattrasur des Antlitzes deutscher Städte mit.

Als VHS und Privatfernsehen vor rund 30 Jahren die Grundversorgung filmischen Irrsinns ins Wohnzimmer delegierten, nahm ja parallel auch das Fahrt auf, was später Gentrifizierung heißen sollte. Allerorten wurden die Bahnhofsviertel blank geputzt, ein Prozess, der nicht nur architektonisch oft kühne Schalterhallen früherer Jahrzehnte durch seelenlose Shoppingmalls im glasstählernen Einheitslook ersetzte; von den Gleisen aus startete das Milliardenprojekt Aufwertung auch in umliegende Wohnviertel, wo seither alles Trashige geschliffen wird, bis Investorenträume die letzten Ureinwohner aus dem Stadtkern verdrängt hat.

Das ist die traurige, aber wahre Geschichte von Cinema Perverso. Die schaurige, aber schöne hingegen ist ein Film, der hinreißend im ganzen Spektrum kinematografischen Schaffens schwelgt, zwischen „Bummsfilm und Kunstfilm“, wie es der Horrorfilmer Jörg Buttgereit beschreibt. Herzzerreißend nostalgisch, zum Niederknien absurd. Die ganze Welt des Kinos, komprimiert auf 60 Minuten Arte.