Gomorrha 2: Gottesfurcht & Höllenangst

Gomorra_DSC_7005-scaledUnd es kam schlimmer…

Schon die erste Staffel von Gomorrha war eine fesselnde Zumutung. Teil 2 der Serienadaption von Roberto Savianos fiktionalem Tatsachenbericht aus Neapels Mafiahölle (Foto: Emanuela Scarpa) aber ist noch drastischer und doch nicht übertrieben. Leider. Seit gestern läuft sie auf Sky.

Von Jan Freitag

Es gibt einen Sinnspruch, der dem Verfasser einst die Zeit auf dem Schulklo verkürzte: Aus dem Chaos sprach eine Stimme: „Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!“, und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer. In Zeiten permanenter Krisen könnte dieses gutgelaunt pessimistische Bonmot von Sachsen-Anhalt über Syrien zur Krim bis nach Washington fast überall stehen. Nirgends aber passt es besser als ins horizontal erzählte Serienfernsehen.

Dort wächst seit den „Sopranos“ die Gewissheit: Wann immer man meint, nun könne es nicht mehr schlimmer werden mit Sittenverfall und Gewalt, wird es so verlässlich schlimmer, dass sich selbst der US-Präsident besorgt an die Macher vom sittenwidrig gewalttätigen Niedergangsepos „Game of Thrones“ wandte: Mit Jon Snow, bat Barack Obama, möge doch wenigstens ein untadeliger Protagonist den Blutdurst ringsum überleben. Ob es so ist, hat ihm HBO nicht verraten, aber eins war schon vor der 6. Staffel klar: Würde der Sympathieträger nicht im mittelalterlichen Westeros, sondern im gegenwärtigen Neapel leben – er wäre wohl nicht nur früher gestorben, sondern richtig grausam.

Womit wir am Ort einer anderen horizontal erzählten Serie sind, deren Brutalität vielfach nicht an „Game of Thrones“ heranreicht, aber irgendwie barbarischer wirkt. Kein Wunder: „Gomorrha“ ist eine real existierende Hafenstadt im Süden Italiens, kein fiktives Fantasy-Reich in undatierter Zeit. Und es mag darin weder Zombies geben noch Zwerge; sie befindet sich so gespenstisch grausam im Würgegriff des organisierten Verbrechens, dass Mobster von Don Corleone bis Tony Soprano zu bodenständigen Unternehmern mit eigenartigem Rechtsverständnis schrumpfen.

Das zeigt die Fortsetzung des Mafia-Dramas nach Motiven von Roberto Saviano sogar noch eindrücklicher als die erste Staffel. Im Herbst schien das neapolitanische Chaos auf engstem Raum ja noch vergleichsweise geordnet. Der melancholische Camorra-Killer Ciro (Marco D’Amore) sicherte seinem Boss Don Pietro mit maximaler Rücksichtslosigkeit, aber einem Restbestand an Empathie die Vormachtstellung unter 50 rivalisierenden Clans. Dieser rechtsfreien Schattenwirtschaft im verkommenen Beton-Ambiente mangelte es zwar an jeder Grandezza früherer Film- und Fernsehpaten. Mit goldgerahmten Plasmabildschirmen und hohem Radstand versuchte sie aber wenigstens einen Anflug legaler Profitmaximierung in den Plattenbau zu holen und pflegte ein paar Regeln, deren Einhaltung Ehrensache war. Treue zum Beispiel.

Worthalten.

Doch damit war es am Ende der zwölf Folgen vorbei. Verbündete wurden verraten an Feinde, die sie emotionslos ersetzten. Ciro killte nicht für, sondern gegen die seinen. Er tötete dessen Frau, schoss den Sohn zu Brei, der Codex implodierte, seither herrscht Krieg, Konventionen Fehlanzeige. In genau dieses Machtvakuum stößt ab heute auf Sky die neue Staffel und füllt es von Folge zu Folge mit mehr menschlicher Leere. Noch immer blitzen die Kruzifixe in jeder dritten Szenerie unterm offenen Hemd, hängen am Ort seelenloser Untaten, sorgen als Kunstobjekte für Hipster-Atmosphäre im Gangster-Loft und sichern das Teufelswerk mit gespielter Gottesfurcht spirituell ab. Doch die Anker ins Jenseits haben ihre Kraft an ein Gefühl verloren, das dem Selbstbewusstsein der Mafia lange fremd zu sein schien: Angst.

Und zwar nicht nur jene, die sie verbreiten, sondern jene, die sie haben. Vorm Machtverlust wie Don Pietro, der nach Deutschland flieht, aber nicht ins noble München, polyglotte Hamburg oder sexy Berlin, sondern brutalistisch schocksanierte Köln mit seiner neongrellen Zweckarchitektur. Nicht rein, aber sauber. Vor allem aber herrscht Angst ums Überleben wie bei Ciros Frau Debora, die aus Furcht vor Rache selbst auf dem Spielplatz schier durchdreht. Oder wie ein Verräter im zentralamerikanischen Drogenkrieg, den der genesene Paten-Sohn vor seiner Rückkehr über Köln nach Neapel einen Freund zerhacken lässt, damit es nicht ihn selbst erwischt. Angst ist aber nicht nur die Antriebswelle eines furchtbaren Rachefeldzuges aller gegen alle; Angst befeuert auch den Suchtfaktor einer sensationell authentischen, pausenlos fesselnden Serie, die abermals zeigt, wie nah das europäische Festlandfernsehen dem angloamerikanischen kommen kann, wenn es den Rücken so grade hält wie Roberto Saviano. Der lebt für seine publizistischen Ideale seit zehn Jahren im Untergrund, hat auch die neuen Episoden des Serienablegers unter Polizeischutz geschrieben und zeigt damit, dass Vorsicht ein guter Ratgeber sein mag. Angst jedoch nicht.

Die des (zumal deutschen) Publikums, auch fernab der Mafiasümpfe seien Zustände wie in „Gomorrha“ denkbar, ist allerdings bislang eher Thrill als real. Selbst in Italien überwiegt der sanfte Schauder über die Abseiten der Zivilisation. Savianos oft verwendeter Rat, „sta senz’ pensier“, also unbesorgt zu sein, ist als Ausdruck fürs Gegenteil ebenso in die Alltagssprache übergegangen wie der kindliche Auftragsmörder „scugnizzo“, mit dem man nun Kumpels bezeichnet. Genau solche Baby-Killer sorgen zwar momentan dafür, dass Neapels „Camorra-Krieg“, wie Saviano es ausdrückt, zusehends der „Strategie des Terrors“ folgt; aber noch ist sie trotz spürbarer Mafiapräsenz weit weg vom nördlichen Nachbarn.

Dort dürfte ein Satz am Ende des zweiten Teils demnach für etwas Entspannung sorgen „Deutschland ist verbrannt“, sagt Don Pietro nach einem scheußlichen Gemetzel in Köln zu seinem Sohn. Als dann beide nach Neapel aufbrechen, weiß man allerdings: dort wird nun alles noch viel schlimmer. Gelächelt hat bis dahin niemand.


Marseille: Yachthafen & Netflix-Ghetto

Marseille_PR_GROUPSex & Crime? Checkcheckcheck!

Mit der vermeintlichen Politserie Marseille (Foto@Marco Grob) zeigt Netflix ab Donnerstag seine erste europäische Eigenproduktion. Trotz vieler Klischees und handelsüblicher Standards ist die Geschichte um Macht, Sex, Gier und Gewalt aus Frankreichs vielschichtiger Hafenmetropole ein ordentlicher Anfang auf dem alten Kontinent.

Von Jan Freitag

Entertainment und Politik gehen selten Hand in Hand. Gut, es gab da mal Politentertainer wie Wehner, Strauß und Joschka Fischer, die sich gern am Rand der Realsatire stritten. Manches (ost)europäische Parlament gleicht zuweilen eher Boxring als Plenarsaal. Und als die FDP ihr Wahlziel mal unter Westerwelles Schuhsohlen druckte, ging es kurz lustig zu im Hohen Hause. Ansonsten aber ist das Geschäft darin ein zähes Ringen zwischen Lobbyismus, Fraktionszwang und Bürokratie.

Für Unterhaltung taugt die Gewaltenteilung demnach nur bedingt – das zeigen diverse Zuschauerflops mit politischer Thematik. Kanzleramt zum Beispiel mit Klaus J. Behrendt als Regierungschef, ist 2005 bei Kritik und Publikum so gnadenlos gescheitert, dass das ZDF sein fiktives Abgeordneten-Porträt Eichwald MdB kürzlich im Spartenkanal Neo vergrub. Auch der Zuspruch für Importe von Borgen bis House of Cards bleibt im linearen Mainstream trotz aller Preise mäßig. Und als zuletzt der famose ARD-Mehrteiler Die Stadt und die Macht im Quotentief versank, wurde deutlich: Mit großer Politik ist abseits der Nachrichten schwer Staat zu machen.

Vielleicht ist die französische Politserie Marseille ja deshalb keine dramatische Politserie, sondern eher ein Seriendrama mit etwas Politik. In Europas erster Eigenproduktion des amerikanischen Streamingdienstes Netflix wird sie von Gérard Depardieu als scheidender Bürgermeister Robert Taro, der seiner geliebten Brennpunktmetropole nach 20 Jahren im Amt ein riesiges Casino im Yachthafen und seinen Protegé Lucas Barrès als Nachfolger hinterlassen will, zwar äußerst schwergewichtig verkörpert. Doch das parlamentarische Geschacher um Frauen, Geld und Macht bildet im Grunde nur das übliche Brett eines Gesellschaftsspiels, bei dem aufwändig gestaltete Figuren möglichst aufregend verschoben werden.

So weit der Plan. Die Umsetzung von Showrunner Florent Siri wird ihm allerdings nur bedingt gerecht. Es beginnt bereits beim Start. Mit der riesigen Nase seines wuchtigen Darstellers zieht Bürgermeister Taro in den kühl-blauen Katakomben des örtlichen Fußballstadions zwei Nasen Koks, bevor er zur Marseillaise die VIP-Loge seines Heimatvereins betritt und in die Sprechchöre leidenschaftlicher Olympique-Fans hinein schmachtet, wie sehr er sie doch liebe, „diese verdammte Stadt“, während ihn ein Gangster nebenan in offenkundigster Miami-Vice-Schmierigkeit taxiert und somit gleich mal klarstellt, wer hier gut ist und wer böse.

Diese Grenzen mögen fortan zwar hier und da wieder verwischen. Doch nicht nur wegen des Kokains erinnert die Dramaturgie von Marseille unverzüglich an die Achtzigerjahre, als dem Publikum noch alles schnell und einfach erklärt werden musste, um sie nicht sofort an einen der zwei anderen Sender zu verlieren. Andererseits faltet sich die Geschichte zusehends in Randepisoden auf, die das Ganze komplizieren, aber doch eher der Vollständigkeit halber erzählt werden, als den Plot voranzutreiben: Intriganter Gegenspieler? Check! Depressive Ehefrau? Check! Tochter mit Unterschichtenabstecher? Check! Viel Sex? Check! Noch mehr Crime? Check! Branchenübliches Spannungsfeld zwischen Plattenbau und Villenviertel? Checkcheckcheck!

Dass Marseille trotzdem acht Teile lang weitestgehend überzeugt, liegt am exquisiten Cast, allen voran Depardieu. Es liegt aber auch am Ort des Geschehens, dieser aseptisch versifften Migrationshochburg mit angeschlossenem Yachthafen. Wie kaum eine andere, verkörpert Frankreichs zweitgrößte Stadt glaubhaft die groteske Ungerechtigkeit der gar nicht so sozialen Marktwirtschaft auf engstem Raum, bietet also etwas mehr Reibungsfläche als das vollends verrottete Neapel der Mafia-Serie Gomorrha, die am Dienstag bei Sky in Staffel 2 geht. Das Desaster mag dort wahrhaftiger sein, der Niedergang unwiderruflicher, die Gewalt absurder; wirklich unterhaltsam wird all dies erst im Kontrast zu den Strippenziehern der Upper-Class mit ihren Swimmingpools und Luxuskarossen. Politiker oder nicht.


Jan Böhmermann: Poesie & Panik

BöhmermannMit Schlips und Stierhoden

Die Erdogan-Affäre zeigt mehr denn je: Jan Böhmermann ist der lustigste und peinlichste, brillanteste und chaotischste, eloquenteste und redundanteste Talk-Host im Regelprogramm. Kein Wunder, dass ihn die ARD ebenso wie das ZDF in der Nische versteckt, wo sein gefilmtes Radio LateLine neben Neo Magazin Royale – die einzige Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Resonanz im Nachwuchspublikum – und einer Gesprächssendung mit Oli Schulz vor wenigen Zuschauern für Furore sorgt. Ein älteres Porträt aus gegebenem Anlass, dass den großen Austeiler des Humors nun erstmals so einstecken ließ, dass er seine morgige Sendung bei ZDFneo abgesagt hat.

Von Jan Freitag

Dieses Tempo muss man erstmal gehen, diese Prüfung erdulden, diesen Doppelsalto stehen: Auf jeden Wink folgt ein Sperrfeuer brachialer Sottisen, auf jede Steilvorlage ein schlagfertiger Abschluss, auf jede Antwort eine Gegenfrage, auf jede Gegenfrage eine Antwort, alles in Echtzeit, garniert mit Begriffen von „frisch gepresster Stierhoden“ bis „Bildung to Go“. Garantiert unverschämt, unverschämt gut – wer sich auf Jan Böhmermann einlässt, sollte besser schnell sein, er sollte diskursiv belastbar sein oder wenigstens zum eleganten Untergang bereit. Dieser Jan Böhmermann ist nämlich der moderierende Eisberg am Rumpf des Mehrheitsfernsehschiffsrumpfs, mithin nicht irgendein Moderator, der irgendwelche Worte bloß irgendwie zur Überbrückung irgendeines Formatzwangs absondert – Jan Böhmermann ist eine Waffe. Eine der Zunge, nicht tödlich, nur angemessen schmerzhaft.

Und jetzt – endlich sagen die einen, oje die anderen – kriegt dieser Nachwuchsmann von auch schon 32 Jahren seine ganz eigene Sendung. Sie heißt „LateLine“, ist im Grunde „abgefilmtes Radio“, wie er es im Zwiegespräch umrahmt von gefühlt 174 überflüssigen, aber interessanten Worten beschreibt, und unterzieht den Flatscreen einer weiteren Belastungsprobe. Seit drei Jahren läuft die „skurrile Sendung ohne Konzept“ voll „verhaltensauffälliger Mediengestalten“ (Böhmermann) rund um Mitternacht quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den „jungen Wellen“ der ARD à la N-Joy, nun lockt das Leitmedium. Das klänge nach Aufstieg, liefe die zweistündige Mixtur aus Gehalt und Trash, ehrlicher Anteilnahme und selbstgerechtem Desinteresse nicht bei EinsPlus, was rund um Mitternacht noch weniger Menschen erreichen dürfte als das Testbild zu Zeiten, in denen der kleine Jan seine Bremer Lehrer subtiler zur Weisglut trieb als die ruppigen Klassenkasper am Schultisch nebenan.

Aber gut – der große Böhmermann kehrt nach seiner Trennung von Charlotte Roche auf dem Spartenkanal in Abwicklung (ZDFkultur) zurück auf den Bildschirm, live dazu, und das ist doch mal einer tieferen Beschäftigung mit dem Sonderfall des TV-Wesens wert. Kenner mögen den notorischen Schlipsträger bereits in den schlecht beleuchteten Ecken der Hauptsendezeit entdeckt haben: als Impro-Komiker der WDR-Reihe echt Böhmermann, im RTL-Ulk TV-Helden, neben Harald Schmidt bei Sat1 oder Klaas Heufer-Umlauf auf der Bühne, überall dort also, wo einem fernsehfernen Szenepublikum heimtückisch vorgegaukelt wird, eigentlich gar nicht fernzusehen. Das gelang ihm meist dank gediegener Zeitverschwendung plus der Kunst des fortwährenden Redens um seiner Selbst Willen. Bei Roche & Böhmermann hat er es fast zur Perfektion gebracht.

Denn Jan Böhmermann kann reden, und wie er das kann. Aus Rückenmark und Stehgreif. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne Haspeln, ohne Äh, ohne Unterlass, ohne Sinn, aber nie vollends redundant. „Ich hab ne Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch“, haut er beim Zuhörerchat über geile Zweilochstuten, meckernde Vorpommer und irgendwas mit Testikeln schon mal raus aus dem Nichts, als LateLine Ende 2012 testweise für EinsPlus gefilmt wurde, donnerstags ab 23 Uhr, „wo Arbeitslose, Studenten und die üblichen ARD-Jugendlichen von 55 bis 73“ zusehen, wie er auch im Interview mit halbautomatischer Phrasenknarre aus der Hüfte schießt. Das ist gern zotig, meist brachial, oft peinlich, öfter brillant, selten primetimetauglich, und doch muss die Frage erlaubt sein, was so ein eloquenter Berserker des geschliffenen Mono- bis Polylogs in der Nische der Nische der Nische verloren hat, jenseits der Wahrnehmung, diesseits messbarer Quoten. Seine Sparte sei „eine Mischung aus Schutz- und Entwicklungsraum“, entgegnet der gelernte Printjournalist und geübte Radioentertainer glaubhaft, „und ich bin dankbar, dass es sie gibt.“ Denn hier kann er seine 120 Studiogäste erst beschimpfen und dann mit Dosenbier versöhnen, mit Anrufern über fäkale Themen debattieren und sodann über Weltpolitik, hier kann er sich austoben.

Das könnte er im Hauptprogramm nicht. Gut: „Wenn der Intendant meine Telefonnummer im Papierkorb vom 3sat-Chef findet, sag ich: klar! Schmeiß die Wetten raus, lad keine Ostdeutschen mehr ein und dann nach dem Motto: Gebt mir vier Jahre Zeit!“ Doch der Autor, Entertainer, Alleskönner weiß natürlich, dass das so irrsinnig niemand ist, im öffentlich-rechtlichen Beamtenapparat mit seinen Pfründen, Deals und Zwangsneurosen. Dabei wäre er es, der zwischen zwei Gottschalkschen Schlüpfrigkeiten über die Oberweite des Hollywoodstars auf der Couch den Besitz dreier Privatjets oder 57 Badezimmer in Malibu problematisieren würde, wie er es mit Britt Hagedorns menschenverachtendem Nachmittagstalk getan hat, von Angesicht zu Angesicht. Insofern könnte LateLine doch nur Durchgangsstation sein. Irgendwann im Nachtprogramm der Großkanäle, zuvor bei ZDFneo, wo er ab eine Herbst eine „knallharte politisch-investigative Magazinsendung à la Monitor, Panorama oder Explosiv Weekend macht. Ob er das ernst meint? Schwer zu sagen. Aber auch egal. Wird schon lustig werden.


Dassler-Biopic: Drei Streifen & die Nazis

duell-der-brueder-die-geschichte-von-adidas-und-puma (1)Wirtschaftswunderlinge

Dem RTL-Biopic Duell der Brüder übers Schisma der Sportartikelkonzerne Adidas und Puma Schleichwerbung nachzuweisen, fiele gewiss schwer. Dennoch warf die 113-minütige Präsenz der drei berühmten Streifen am Karfreitag zur besten Sendezeit (noch bis Freitag in der RTL-Mediathek) Fragen auf. Eine Spurensuche im Trüben des offenen und nicht so offenen Product Placements.

Von Jan Freitag

Schuhe von Adidas sind wirklich die Wucht. Verhalfen dem farbigen Jesse Owen 1936 zum vierfachen Olympiagold im finsteren Herz der Rasseideologie. Gewannen den Fußballer des (beinahe) gleichen Landes 18 Jahre später das WM-Finale im Wolkenbruch von Bern. Hatten aber auch einen äußerst sympathischen Erfinder, der zwar oft verbissen wirkte, wenn er sein Schuhwerk perfektionierte, aber zum Niederknien süß war: Adolf Dassler, genannt Adi.

Gut, im wahren Leben war der Sportbekleidungspionier zwar weniger attraktiv als jener Ken Duken, der ihm im RTL-Film Duell der Brüder das Gesicht leiht – kleiner, gewöhnlicher, also – mit Verlaub – unansehnlicher als sein Darsteller; aber visuelle Medien wie das Fernsehen dürfen sich ihre Realität ja durchaus schöner filmen als sie ist. Deshalb hat Adolfs Bruder Rudolf optisch ebenso wenig mit Torben Liebrecht gemein, der den anderen Part der „Schuhfabrik Gebrüder Dassler“ spielt, bevor sie sich 1948 in zwei Global Player spaltet.

Adidas und Puma.

Bevor es zum Schisma kommt, zeichnet RTL ein recht präzises, meist unterhaltsames, erstaunlich kritisches Porträt zweier Alphatiere: Hier Adi, ein betriebsblinder Opportunist, der aus unpolitischem Idealismus mit den Nazis paktiert, aber moralisch die Kurve kriegt. Dort Rudi, ein viriler Karriereist, der die Kurve verpasst und mit der weniger erfolgreichen Marke Puma Vorlieb nehmen muss, die erst Jahrzehnte später die Zugkraft der innerdörflichen Konkurrenz erreicht.

Womit wir bei einem Aspekt des Blockbusters wären, der die drei, vier fünfminütigen Werbeblöcke dazwischen auf ein, zwei Stunden Sendezeit ausdehnt. Der brillante Tüftler und sein geschäftstüchtiger Bruder aus Herzogenaurach streiten sich nämlich nicht nur um grundverschiedene Lebenswürfe, sondern ein Konsumgut von globaler Bedeutung, das dabei fast permanent in Wort und Bild inszeniert wird: Der berühmte Lederschuh mit den drei Streifen, ein echtes Qualitätsprodukt, wie Regisseur Oliver Dommenget und Autor Christian Schnalke unablässig versichern. Von einem Helden der Arbeit innbrünstig verbessert, bis das Unmögliche möglich wird: Owens Seriensieger, Deutschland Weltmeister, der Sport revolutioniert.

Nach dem CGI-animierten Finale gegen die übermächtigen Ungarn, das Helmut Rahn auch dank Dasslers Stollenschuhen entscheidet, fehlt eigentlich nur noch „Super, Adidas“ im Abspann, den man ruhig mal auf Vertreter des Weltkonzerns hin durchforsten sollte. Nach der Eloge auf die Konzerngründer, von denen sich der spätere Adidas-Chef fast zum Textilheiligen entwickelt, steht nämlich die Frage im Raum: Wo endet telegene Mythenbildung deutscher Wirtschaftspioniere und wo beginnt profane Schleichwerbung? Anders gefragt: Müssten 113 Minuten Primetime-Event rund um Adidas (und ein bisschen Puma) nicht als Product Placement gekennzeichnet werden, wie es für dramaturgisch integrierte Markenware Art vorgeschrieben ist? Antwort: Nein.

Aber…

Als 2005 ein System illegaler Schleichwerbung in der ARD-Soap Marienhof aufflog, verbot der 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag fünf Jahre später derlei Sonderwerbeformen. Zumindest den Öffentlich-Rechtlichen, denen fortan allenfalls sachwertige „Produktbeistellungen“ gestattet blieben. Privatsender hingegen dürfen weiter fröhlich platzieren. Sofern es sich um kommerzielle Eigenproduktionen, Livesport oder „leichte Unterhaltung“ handelt und weder zum Kauf drängt noch die redaktionelle Unabhängigkeit behelligt, erscheint seither mehrmals kurz ein „P“ in Flatscreen-Eck – fertig ist die ganz legale PR, von der sich Vermarkter nach einem DWDL-Bericht zwei Prozent mehr Umsatz erhofften. Als der Münchner Marketing-Professor Carsten Rennhak daraufhin jedoch mal eins der vielen Importformate in Augenschein nahm, zeigte sich die Schwäche der vermeintlichen Publikumsstärkung. Bei der Ausstrahlung des Kinoablegers von Sex and the City stieß er auf 119 Marken und Dienstleistungen, von denen ein Viertel inhaltlich integriert, visuell gezeigt und namentlich genannt wird, also nichts anderes ist als: Reklame. Ein „P“  war nirgends zu sehen.

Das eint die US-Serie mit dem deutsche Duell zweier Brüder, deren Produkt nicht nur ständig werbewirksam ins Bild rückt, sondern geradezu romantisiert wird. Wenn der versonnene Tüftler Adi geigenumflort drei Finger in einen Farbeimer taucht und die Schuhe des zufällig anwesenden Stürmers garniert, wird aus dem frisch erfundenen Logo ein haptisches Erlebnis. Um sich ins Unterbewusstsein potenzieller Kunden zu graben, bedarf es da gar keiner aktuellen Sneaker-Editionen oder auch nur der Nennung des Firmennamens; es reicht die pure Präsenz von Erfinder und Erfindung. Diese Unterwanderungstechnik heißt im Fachjargon „Creative Placement“ – dramaturgisch eingebundene Markenpräsenz, mit der die Bachelorette ganz nebenbei bestimmte Kartoffelchips anbietet oder Dschungelcamp-Bewohner laut von Burgern eine bestimmten Kette träumen.

Beides hat RTL bezahlt und kenntlich gemacht. Adi Dasslers Ware hingegen profitiert nur inoffiziell von der Präsenz. Das teilt der Film mit Biopics, die andere Wirtschaftswunderlinge im aufrechten Kampf gegen konservative Zweifler heroisieren: Beate Uhse, Carl Benz, Margarete Steiff, zuletzt Kurt Landauer, der von jenen Nazis, die seinerzeit gute Geschäfte mit den Dasslers machten, ins Exil getrieben wurde. Nichts gegen eine Würdigung des legendären Bayern-Präsidenten, aber das ARD-Porträt betrieb 2014 massive Publicity für einen Fußballkonzern, der dank seiner Zugkraft fürs Milliardenprodukt ohnehin nach Kräften bevorzugt wird.

So prominent, wie jedes Freundschaftsspiel, jeder Beckenbauer-Cup, jede noch so fade Bundesligakonserve gezeigt wird, bedarf es da schon einiger Phantasie, geldwerte Gegenleistungen des Rekordmeisters auszuschließen. Das bleibt zwar wie beim „Duell der Brüder“ Spekulation. Doch wenn das Erste im Herbst ein eigenes Biopic über die Dasslers zeigt, werden die Premiumpartner FCB und Adidas sogar parallel aufgewertet. Abermals ohne „P“ im Bildschirmeck.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen


Blockbustaz: Pfandkinder & Ghettoklischees

blockbustazOnline goes offline

Dramaturgisch ist die günstig produzierte ZDFneo-Serie Blockbustaz um einen Großstadtloser im Plattenbau nicht weiter der Rede wert, steht aber für einen Trend im Fernsehen: Alte und neue Medien gehen immer öfter seltsame Allianzen ein, von denen alle profitieren. Vermeintlich.

Von Jan Freitag

Fernsehen ist auch nicht mehr, was es mal war. Statt an den Lagerfeuern von Witta Pohl über Gottschalk bis Waldemar Hartmann vor sich hin zu köcheln, wird es von Durchlauferhitzern wie Joko und Klaas auf zappelnder Flamme weichgekocht. Wo einst Grundig-Röhren grobkörnig flimmerten, surren Flat-, Second-, Splitscreens nun schärfer als die Realität. Und dann tummeln sich dort auch noch Gestalten wie Joyce Ilg: niedlich, neu, also Terabytes entfernt vom Leitmedium früherer Tage und doch genau darin äußerst präsent.

Nach ersten Soap-Ausflügen anno 2005, gefolgt vom vollen Weichspülprogramm zwischen Kochshow, Wok-WM und Markus Lanz, ist die freche Kölnerin mit den tollen Locken jetzt Teil einer Serie an der Grenze vom altem zum neuen Medium. Sie heißt „Blockbustaz“, erzählt den Alltag dreier Plattenbaugewächse in der Heimat von Joyce Ilg, die sich darin mit ihrem arbeitsscheuen Freund samt kiffendem Kumpel herumplagt und gewann 2014 das Onlinevoting des TVLab von ZDFneo.

Ab Dienstag geht es mit einem Personal in Serie, das nicht recht ins Regelprogramm passt. Da wäre Sascha Reimann, als Ferric MC ein Großer im hiesigen HipHop, der bereits zwei Tatorte hinter sich hat und damit weit mehr Dreherfahrung als der berufsjugendliche Rapper Eko Fresh aus Joyce Ilgs Nachbarschaft, die ebenfalls woanders hingehört. Zu Facebook nämlich, wo ihr Kanal mit leidlich lustigen Streetcomedyclips 1,1 Millionen Abonnenten zählt, mehr als ARD, ZDF, RTL und Sat1 zusammen.

Da das schauspielerische Talent der drei Hauptdarsteller mangels Ausbildung und ausreichender Praxis limitiert ist, muss es also einen anderen Grund geben, sie aus der Freiheit ihrer Biotope in den Käfig fester Sendezeiten zu locken. Er lautet: Crossmedia – der Versuch, digitale und analoge Plattformen zum Vorteil aller zu vernetzen. Gerade das ZDF ist mit seinem Zuschauerschnitt oberhalb der 60 Jahre zwingend darauf angewiesen, sein künftiges Publikum dort zu finden, wo es die meiste Zeit verbringt: Im Netz, wo ab Herbst auch der öffentlich-rechtliche Jugendkanal seinen Platz haben wird.

Hier sucht das siechende Leitmedium seit drei Jahren abgesehen von der branchenüblichen Homepage auch fiktional sein crossmediales Heil. Damals ging die interaktive Arte-Serie „About:Kate“ um ein eine multimedial gestresste Berlinerin zugleich als App auf Sendung. Doch während es dafür Lob und Clicks hagelte, ging die Millionärswahl kurze Zeit später auf Pro7 baden, als das Finale des karitativen Castings online versendet werden musste, so mies waren Niveau und Quoten. Womit bewiesen wäre: Internet und Fernsehen mögen sich immer besser ergänzen; ein Liebespaar sind sie bislang nicht.

Beispiele wie Joyce Ilg zeigen allerdings, dass die Grenze durchlässiger wird. Den Anfang machte vor zehn Jahren Katrin Bauerfeind, als die Moderatorin dank hinreißender Auftritte im fabelhaften Netzmagazin Ehrensenf über 3sat zu Film und Fernsehen wechselte, wo sie zum Star gereift ist. Während ihr Weg ins Analoge allerdings qualitativ begründet war, ist es bei überdrehten Clickmillionären von BarbieLovesLipsticks bis LeFloid eher reine Quantität, die Gastauftritte bei GZSZ oder eigene Gamingshows auf EinsPlus rechtfertigt.

Und so wie sich der vorjährige Kanzlerinnen-Interviewer über die gebührenfinanzierte Sendezeit mit Querverwertung im eigenen Youtube-Kanal freut, dürften Joyce Ilg und Eko Fresh über gut bezahlte ZDF-Werbung freuen, die auf ihre Hauptkarrieren abstrahlt. Verstärkt wird sie durch Gaststars wie Moritz Bleibtreu und Jürgen Drews, die ihrerseits vom Auftritt in der drolligen, oft lustigen, insgesamt aber doch arg klischeebeladenen Geschichte um einen urbanen Loser zwischen Faulheitsstolz und HipHop-Karriere profitieren. Ob es wirklich für alle nur zum Lachen ist, wenn ein Spielsüchtiger dabei sein Kleinkind als Pfand fürs Bier hinterlegt, das später im Haschdunst des Onkels Ballermannfernsehen glotzt, sei mal dahingestellt. Aber Humor ist heute ohnehin, wenn das Internet lacht. Und das ist bekanntlich leicht zu erheitern.


Aus der Haut: Praunheim & der schwule Milan

MilanComing-out-of-Age

So sehr sich die Gesellschaft auch liberalisiert: Noch bricht beim Coming-out für Jugendliche fast alles zusammen, was besteht. Stefan Wagner hat daraus seinen hinreißend subtilen und dennoch aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm Aus der Haut gemacht, der das Umfeld weitaus mehr durchdrehen lässt als den Betroffenen (Foto@MDR/Michael Kotschi) Milan.

Von Jan Freitag

Rosa von Praunheim, das ist die Matrix seines Daseins, war menschlich und moralisch schon sehr früh sehr viel weiter als die (spieß)bürgerlich biedere Gesellschaft ringsum. Schon 1971 hat der schwule Regisseur dieses fortwährende Missverhältnis zwischen Sollen und Sein, das vernunftbegabte Wesen schier in den Wahnsinn treibt, in den legendär sperrigen Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gegossen. Kein Wunder, dass sein halbfiktionales Szeneporträt zwei Jahre, nachdem gleichgeschlechtlicher Sex unter Erwachsenen legalisiert worden war, heftig angefeindet (und vom BR natürlich zensiert) wurde. Ein Furor, der im Rückblick wirkt wie die letzten Abwehrgefechte gegen Sklaverei und Klassenwahlrecht, aber auch heute noch spürbar ist.

Fragen Sie mal Milan!

Bewusst normal Schultz mit Nachnamen, entdeckt der Teenager zu Beginn des ARD-Mittwochsfilms, dass er schwul ist, also irgendwie unnormal. Auch im Jahr 2016. Besonders unter Gleichaltrigen, die mit 17 noch mühsam an ihrer Identität feilen, aber auch eine Generation höher, die sich in Milans wohlhabend bildungsaffinen Kreisen gern modern und aufgeklärt gibt, bis, ja bis Modernität und Aufklärung mal in Konflikt mit Furcht und Vorurteil geraten. Dieser Milan also, hinreißend zerrissen dargestellt von Merlin Rose (Als wir träumten), versucht seinen Kumpel Christoph zu küssen, wird brüsk abgewiesen, befürchtet ein ferngesteuertes Outing, schreibt einen Abschiedsbrief, steigt besoffen in Papas Auto und fliegt kurz darauf in Zeitlupe kopfüber durch sein aufgeräumtes Großstadtviertel.

Wäre Aus der Haut zu diesem Zeitpunkt nicht 15 sondern 85 Minuten alt, es könnte das übliche Unhappyend derartiger Sozialdramen sein – Betroffenheit, Begräbnis, Schluss. Ist es aber nicht. Weshalb mit dem Erwachen im Krankenhaus, weinende Mutter (Angst um den Sohn) zur Linken, zeternder Vater (Angst um den Wagen) zur Rechten, Halskrause dazwischen ein Coming-of-Age-Film mit Coming-out folgt, das selten ist im hiesigen Fernsehen. Nach dem Drehbuch von Jan Braren, der schon im umjubelten Homevideo stimmige Empathie für Heranwachsende in Extremsituationen bewiesen hat, schafft es Regisseur Stefan Schaller wie im Porträt 5 Jahre Leben des deutschen Guantanomo-Häftlings Murat Kurnaz, das Kollabieren einer individuellen Existenz aus der Perspektive des Umfelds zu erzählen, ohne die Hauptfigur zum Objekt vermeintlich autonomer Subjekte zu degradieren, die ja selbst in den Sog der neuen Lage geraten.

Zum Niederknien verkörpert wird dieser milde Zivilisationsbruch besonders durch Claudia Michelsen und Johann von Bülow als Eltern, die alles richtig machen und gerade dabei so vieles falsch. Die bei Milans Homosexualitätsbekenntnis sofort Respekt zollen, Liebe bekunden, gar Schampus servieren – und mit ihrem Unbehagen doch nie hinterm Berg halten können, auch wenn es nicht mehr die Praunheimsche Perversion mit offener Verachtung ist, sondern subtiler daherkommt: Kleine Gesten, falsches Lächeln, unkontrollierte Aggression.

Und erst das Umfeld: Offen schwulenfeindliche Mitschüler hier, latent homophobe Eltern dort, dazwischen Milans bedauernswerte Freundin Larissa (Nicole Mercedes Müller) als bedauernswertes Feigenblatt der Heteronormalität. Sie alle sind mal mehr, mal weniger bemüht, liberal und cool zu wirken, wollen am Ende aber doch lieber nicht mit dem ansteckenden Milan auf engstem Raum sein. So hält Stefan Schaller dem Publikum einen Spiegel vor, der meist kaum zu bemerken ist und damit nur umso genauer reflektiert, womit selbst aufgeklärte Gemeinwesen kämpfen, wenn die gemütliche Regelexistenz ins Wanken gerät. Und mittendrin Milan, den Kameramann Michael Kotschi zwar ein bisschen penetrant über diverse Fensterscheiben ins Bild setzt, dem Gesamteindruck damit aber keinen Schaden zufügt. Im Gegenteil: Seit Angelina Maccarones Kommt Mausi raus?! ist Aus der Haut vielleicht das Glaubhafteste und Beste, was in 20 Jahren zum Thema gemacht wurde.


David Kross: Hollywood & Bargteheide

KrossSpielberg? Cool!

So ganz kann es David Kross (Foto: SWR/Brackmann) noch immer nicht glauben, dass er zu den wenigen deutschen Schauspielern zählt, die in den USA mehr als Nazis spielen dürfen. Doch seit der Junge aus Bargteheide bei Hamburg in Detlef Bucks Knallhart ein Bürgerskind im Ghetto gespielt hat, ging es für ihn flugs bis nach Hollywood. Acht Jahre nach Der Vorleser kehrt er als Assistent des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Ulrich Noethen) im Kampf mit NS-Seilschaften der Nachkriegszeit zurück ins deutsche Fernsehen (heute, 20,15 Uhr). Ein Gespräch über seinen kometenhaften Aufstieg, den General Fritz Bauer und was der Film gegen sein Image als Mr. Nice Guy ausrichten kann.

Interview: Jan Freitag

David Kross, Sie sind tatsächlich erst Mitte 20, stammen aus dem kleinen Bargteheide bei Hamburg.

David Kross: Was man dort höchstens als Autobahnkreuz kennt.

Und sind dennoch einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler.

Ach, profiliertesten; sagen wir mal so: Ich arbeite noch (lacht).

Für herausragende Regisseure in wichtigen Produktionen. Wie geht man als Provinzkind Ihres Alters mit diesem Erfolg um?

Instinktiv und spontan. Mein ganzer Werdegang ist mir ja eher passiert, als geplant gewesen zu sein – auch wenn man natürlich nie nur passives Objekt seiner Umstände ist. Nach ein paar kleinen Kindersachen die erste große Rolle gleich mit Detlef Buck zu spielen…

2006 in „Knallhart“, als bürgerliches Kind im rauen Neukölln.

… das war natürlich auch Glück, dessen bin ich mir stets bewusst. Zumal ich damals noch gar kein richtiger Schauspieler war. Einmal die Woche zur Theaterprobe war ja eher wie Fußballtraining; da fühlt man sich in dem Alter doch auch noch nicht wie ein Profi…

Der wurden Sie allerdings seit „Knallhart“ in Windeseile. Kann man sich das als Perpetuum Mobile vorstellen, das einmal in Gang gebracht endlos aufwärts schwingt?

Auf keinen Fall. Gerade am Anfang schwebt man nicht dauernd in einer Wolke der Inspiration toller Regisseure. Die Tatsache, dass mir meine Karriere anfangs eher widerfahren ist, hat zwar eine gewisse Lockerheit gebracht; aber ohne klassische Ausbildung kommt man nur mit Ausdauer, Arbeit, Routine, ein paar Tricks und ständiger Fortbildung weiter. Anders geht es weder schauspielerisch noch stimmlich weiter. Ich war mir meiner Grenzen immer bewusst.

Mussten die besonders solide sein, um als deutscher Teenager mit Welterfolg nicht abzuheben?

Um abzuheben, stelle ich mich selber viel zu oft – manchmal fast ein bisschen viel – infrage; dafür bin ich gar nicht der Typ. Zum anderen ging es nie nur aufwärts; auch ich musste mich mal von Casting zu Casting durchschlagen. Die Realität hat mich am Abheben gehindert.

Wird man nicht wählerisch, wenn gleich am Anfang Hollywood im Portfolio steht?

Vielleicht insofern, als ich noch kein einziges Projekt hatte, für das mir die Motivation gefehlt hätte. Ohne die geht es bei mir nicht; schließlich ist Drehen echte Arbeit.

Zumal Sie oft mehrsprachig drehen, neben Deutsch auch Englisch und Französisch.

Aber nicht, weil ich so ein Sprachtalent hätte, sondern ganz gut Texte lernen und die Aussprache nachahmen kann. Deshalb sind auf dem Filmfest in Cannes viele Franzosen auf mich zugekommen und haben einfach drauflos geplappert, weil sie dachten, ich könne so gut Französisch wie in „Angélique“. Das geht Ulrich Noethen jetzt wohl in Dänemark ähnlich.

Weil er als Titelfigur Fritz Bauer in „Der General“ ein dänisches Interview gibt.

Aber auch kein Wort Dänisch spricht. Zu merken ist das nicht.

Kannten Sie diesen Staatsanwalt im Kampf mit alten Nazi-Seilschaften vorher?

Ja, „Der Vorleser“ handelte ja auch im weitesten Sinne von den Auschwitz-Prozessen, wofür ich mich damals im Jüdischen Museum vorbereitete hatte und auch ein dickes Buch über Fritz Bauer in den Händen hatte. Dennoch bin ich ihm erst jetzt wirklich nahe gekommen; das war ja nicht wirklich meine Zeit.

Und wird es von immer weniger Menschen, je länger sie zurückliegt. Was hat sie heutzutage für eine Relevanz?

Eine große. Der Kampf gegen die Geister der Vergangenheit ist nostalgisch und zugleich aktuell. Mein Opa fand Adenauer toll und hatte vor allem Angst vor Kommunisten. Für den ist es noch heute wichtig und richtig, einen Film zu sehen, der zeigt, wo die Gefahr damals wirklich lag. Und für Spätgeborene wie mich ist es faszinierend, wie dieser Fritz Bauer gegen alle Widerstände durchzieht, wovon er aus tiefster Seele überzeugt ist, selbst wenn es ihn einsam macht. Das hat viele an Whistleblower wie Edward Snowden erinnert und mich schon deshalb so bewegt, weil ich daraufhin in mir selber gesucht, aber nichts gefunden habe, wofür ich mit dieser Konsequenz so komplett einstehen könnte.

Machen Sie Filme, um damit bei sich und anderen etwas zu bewirken?

Zunächst mal gucke ich, ob er mich emotional berührt. Und wenn ich mich daraufhin selbst hinterfrage, kann das durchaus aufs Publikum abstrahlen. Unabhängig davon, dass „Der General“ ein spannender Politthriller ist, zeigt er eben eine Figur, die keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte. Was man aber nur in Kontrast zu meiner Figur wirklich versteht, dem vermeintlich mutigen Staatsanwalt an Fritz Bauers Seite, der das Opfer seiner eigenen Ängste vor Kommunisten, Krieg, Unordnung wird.

Also endlich mal nicht so nett ist wie die meisten ihrer sonstigen Figuren.

Ganz genau! Außerdem ist sei ein bisschen älter. Beides eröffnet mir viel bessere Spielmöglichkeiten als Mr. Nice Guy…

Kann man so eine Hauptrolle mit einer Nebenrolle in Steven Spielbergs „Die Gefährten“ vergleicht?

Schwer. Schauspielerisch ist „Der Generell“ natürlich anspruchsvoller und erwachsener. Aber wenn Spielberg anruft, sagt man nicht nein. Ich hab zwei Monate Reitunterricht von den besten Lehrern für fünf Sekunden auf dem Pferd gekriegt; das sind einfach andere Dimensionen der Professionalität als bei uns. Dafür muss der Regisseur noch nicht mal Spielberg heißen. Aber wenn er es ist, sagt man als Deutscher dennoch: Spielberg? Cool!

Das scheint Spielberg ja auch von Kross zu denken, sonst hätte er jemand anderen fragen können. Empfinden Sie sich eigentlich als berühmt?

Phasenweise schon. Aber in Berlin kann ich unerkannt durch die Straßen laufen, und wenn mal einer was sagt, dann eher so beiläufig beim Bäcker, wie gut er den letzten Film fand.

Und wie ist es daheim in Bargteheide oder sind Sie da gar nicht mehr?

Doch, doch. Obwohl meine Eltern mich Weihnachten erstmals in Berlin besucht haben, wofür ich sogar einen Baum gekauft hab, bin ich öfter mal zuhause, sind ja nur eineinhalb Stunden mit dem ICE. Und da bin ich dann nicht der Spielberg-Kross, sondern David von früher.

Noch keine Straße nach Ihnen benannt?

Nee, das wird auch nicht kommen (lacht). Da gibt’s vermutlich ein paar berühmtere als mich, die vor mir dran sind.

Na ja – eine Sozialistin namens Zietz, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Fegebank und der Fußballer Matti Steinmann.

Oh, wo spielt der denn?

HSV.

Na, vielleicht wird der ja bekannter als ich.


Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

aktexConspiracy Sells

Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star Trek,  Dallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown

LewisDie Tragik der Komik

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDR) diesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.

Von Jan Freitag

Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?

Fiel es Jerry Lewis nie.

Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.

Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.

Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.

Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.

Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.

Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.


Beate Zschäpe: Wirklichkeit & Reduktion

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Kammerspiel im Konvoi

Der fabelhafte ZDF-Film Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (Foto: Kartelmeyer/ZDF) kommt einem umfassenden ARD-Dreiteiler zum NSU-Terror zuvor und zeigt (noch eine Woche in der Mediathek) eindrücklich: In der Reduktion liegt oft viel mehr Kraft als in angestrengter Unterhaltsamkeit.

Von Jan Freitag

Die Realität ist bisweilen ganz schön wankelmütig. Kaum hat man sich daran gewöhnt, wirft die Zukunft sie übern Haufen. Was gestern richtig war, wird oft heute schon wieder zum Irrtum, der morgen abermals wahr werden könnte, wer weiß. Ein echtes Windei, diese Wirklichkeit. Das denken sich wohl auch die Verantwortlichen eines Films, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: inhaltlich, zeitlich, namentlich vor allem. Als das ZDF sein Dokudrama Das Schweigen der Beate Zschäpe vorstellte, begann ja die Angeklagte des NSU-Prozesses nämlich grad unverhofft (wenn auch schriftlich) zu reden. Ein neuer Titel musste her, beredtes Ende inklusive. Es ist ein Kreuz, mit der Realität.

Besonders, wenn man sie so nutzt wie Raymond Ley. Der Regisseur dreht mit Vorliebe Hybride, die dann oft zum Besten der manipulationsanfälligen Grauzone zwischen Fiktion und Sachfilm zählen. Das Zugunglück in Eschede, Eichmanns Ende, zuletzt die letzten Tage von Anne Frank – wann immer er sich spielerisch Zeitgeschichte nähert, wird sie unterhaltsam erlebbar. Nun gelingt ihm ein ähnliches Kunststück, das die Handlung im aktualisierten Titel trägt: Letze Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe, leicht sperrig, aber journalistisch präzise.

Leys Drehbuch, geschrieben wie so oft gemeinsam mit seiner Frau Hannah, basiert vorwiegend auf einer realen Dienstfahrt. Als Beate Zschäpe ein paar Monate nach Prozessbeginn ihre kranke Oma in Thüringen besuchen durfte, setzte ihr das BKA nämlich zwei Verhörprofis ins Auto. Auf Hin- und Rückfahrt sollten sie dem verstockten Untersuchungshäftling zweimal vier Stunden lang Informationen übers Leben vor der Festnahme entlocken. Eine Terrorverdächtige, zwei Polizisten, zwölf Seiten Gedächtnisprotokoll, dessen Ergebnisse vor Gericht unverwertbar sind – klingt nicht unbedingt nach prickelndem Hauptabendentertainment. Dass es die Zuschauer trotzdem bis zum Schluss fesseln dürfte, hat drei Gründe: Raymund Ley, Lisa Wagner, Joachim Król.

Der Filmemacher montiert das heimliche Verhör im Hochsicherheitskonvoi mit Rückblenden, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Prozesssequenzen zu einem furiosen Kammerspiel, das die Psyche der Protagonisten mit meist simplen Mitteln offenlegt. Dafür sorgt schon Lisa Wagner, deren Hauptfigur gespenstisch glaubhaft zwischen kalkulierter Arroganz und emotionaler Durchlässigkeit agiert, wofür sie oft nur ein Zucken im Tränensack benötigt. Was wiederum Joachim Król als schnauzbärtig behäbiger Bulle provoziert, der wie das Original anderen Namens falsche Fraternisierung perfekt mit westfälischer Bodenhaftung kombiniert und sein Gegenüber so ein ums andere Mal aus der Reserve lockt.

Ihr Zusammenspiel wirkt dabei, als verlören sich die Darsteller vollends in den Rollen. Als sei Wagner wirklich diese Zschäpe, deren Fassade mit jeder Gesprächssimulation stärker reißt, ohne einzustürzen. Als sei Król tatsächlich dieses unscheinbar effiziente BKA-Fossil, das auch „Conférencier aufm Rheindampfer“ sein könnte, wie es die Gerichtsreporterin vom Spiegel im Dokuteil ehrfürchtig ausdrückt. „Ham’se die Haare anders?“, fragt er einmal freundlich. „Ich werd‘ nur von der Chefin geschnitten“, entgegnet Zschäpe fühlbar stolz. Viel mehr bedarf es kaum, um einerseits die zweckgebundene Intimität zweier Antipoden in Worte zu fassen und anderseits Psychogramme von großer Aussagekraft zu erstellen. Ereignisrückblenden und Gerichtssequenzen, etwas nachgestellter Nazi-Thrill mit Runen-Tattoo und echte Hinterbliebeneninterviews ergänzen die Wucht solcher Dialoge da eher dramaturgisch, als Kern der Handlung zu sein. Den nämlich bilden überwiegend Worte statt Bilder.

Kommunikation unter kommunikationsfeindlichen Bedingungen ist demnach vermutlich auch der große Unterschied zum anstehenden Konkurrenzprodukt. Ab März befriedigt der ARD-Dreiteiler Terror in Deutschland den wachsenden Bedarf nach Zeitgeschichte in Echtzeit, wie es unlängst auch zwei Filme zur Haft von Uli Hoeneß taten, die noch vor seiner Entlassung liefen. Mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe beschränkt sich das Erste dabei weniger auf einen Ausschnitt, sondern erzählt die ganze Story umfassend aus Opfer-, Täter-, Polizeiperspektive. Dem Publikumsinteresse nach lückenloser Aufklärung mit dramaturgisch aufwändigen Mitteln könnte das angesichts der kaum zweieinhalb Millionen Zuschauer, die sich gestern um 20.15 Uhr zur ARD verirrten, zwar um einiges näher kommen. Intensiver, näher, glaubhafter als das Kammerspiel im Konvoi kann es – auch wenn es die taz in ihrem anstrengenden Bedürfnis, jede Art von bürgerlicher Kommentierung rechten Terrors zu kritisieren, anders sieht – kaum werden.