Jan Böhmermann: Poesie & Panik

BöhmermannMit Schlips und Stierhoden

Die Erdogan-Affäre zeigt mehr denn je: Jan Böhmermann ist der lustigste und peinlichste, brillanteste und chaotischste, eloquenteste und redundanteste Talk-Host im Regelprogramm. Kein Wunder, dass ihn die ARD ebenso wie das ZDF in der Nische versteckt, wo sein gefilmtes Radio LateLine neben Neo Magazin Royale – die einzige Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit Resonanz im Nachwuchspublikum – und einer Gesprächssendung mit Oli Schulz vor wenigen Zuschauern für Furore sorgt. Ein älteres Porträt aus gegebenem Anlass, dass den großen Austeiler des Humors nun erstmals so einstecken ließ, dass er seine morgige Sendung bei ZDFneo abgesagt hat.

Von Jan Freitag

Dieses Tempo muss man erstmal gehen, diese Prüfung erdulden, diesen Doppelsalto stehen: Auf jeden Wink folgt ein Sperrfeuer brachialer Sottisen, auf jede Steilvorlage ein schlagfertiger Abschluss, auf jede Antwort eine Gegenfrage, auf jede Gegenfrage eine Antwort, alles in Echtzeit, garniert mit Begriffen von „frisch gepresster Stierhoden“ bis „Bildung to Go“. Garantiert unverschämt, unverschämt gut – wer sich auf Jan Böhmermann einlässt, sollte besser schnell sein, er sollte diskursiv belastbar sein oder wenigstens zum eleganten Untergang bereit. Dieser Jan Böhmermann ist nämlich der moderierende Eisberg am Rumpf des Mehrheitsfernsehschiffsrumpfs, mithin nicht irgendein Moderator, der irgendwelche Worte bloß irgendwie zur Überbrückung irgendeines Formatzwangs absondert – Jan Böhmermann ist eine Waffe. Eine der Zunge, nicht tödlich, nur angemessen schmerzhaft.

Und jetzt – endlich sagen die einen, oje die anderen – kriegt dieser Nachwuchsmann von auch schon 32 Jahren seine ganz eigene Sendung. Sie heißt „LateLine“, ist im Grunde „abgefilmtes Radio“, wie er es im Zwiegespräch umrahmt von gefühlt 174 überflüssigen, aber interessanten Worten beschreibt, und unterzieht den Flatscreen einer weiteren Belastungsprobe. Seit drei Jahren läuft die „skurrile Sendung ohne Konzept“ voll „verhaltensauffälliger Mediengestalten“ (Böhmermann) rund um Mitternacht quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den „jungen Wellen“ der ARD à la N-Joy, nun lockt das Leitmedium. Das klänge nach Aufstieg, liefe die zweistündige Mixtur aus Gehalt und Trash, ehrlicher Anteilnahme und selbstgerechtem Desinteresse nicht bei EinsPlus, was rund um Mitternacht noch weniger Menschen erreichen dürfte als das Testbild zu Zeiten, in denen der kleine Jan seine Bremer Lehrer subtiler zur Weisglut trieb als die ruppigen Klassenkasper am Schultisch nebenan.

Aber gut – der große Böhmermann kehrt nach seiner Trennung von Charlotte Roche auf dem Spartenkanal in Abwicklung (ZDFkultur) zurück auf den Bildschirm, live dazu, und das ist doch mal einer tieferen Beschäftigung mit dem Sonderfall des TV-Wesens wert. Kenner mögen den notorischen Schlipsträger bereits in den schlecht beleuchteten Ecken der Hauptsendezeit entdeckt haben: als Impro-Komiker der WDR-Reihe echt Böhmermann, im RTL-Ulk TV-Helden, neben Harald Schmidt bei Sat1 oder Klaas Heufer-Umlauf auf der Bühne, überall dort also, wo einem fernsehfernen Szenepublikum heimtückisch vorgegaukelt wird, eigentlich gar nicht fernzusehen. Das gelang ihm meist dank gediegener Zeitverschwendung plus der Kunst des fortwährenden Redens um seiner Selbst Willen. Bei Roche & Böhmermann hat er es fast zur Perfektion gebracht.

Denn Jan Böhmermann kann reden, und wie er das kann. Aus Rückenmark und Stehgreif. Ohne Punkt, ohne Komma, ohne Haspeln, ohne Äh, ohne Unterlass, ohne Sinn, aber nie vollends redundant. „Ich hab ne Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch“, haut er beim Zuhörerchat über geile Zweilochstuten, meckernde Vorpommer und irgendwas mit Testikeln schon mal raus aus dem Nichts, als LateLine Ende 2012 testweise für EinsPlus gefilmt wurde, donnerstags ab 23 Uhr, „wo Arbeitslose, Studenten und die üblichen ARD-Jugendlichen von 55 bis 73“ zusehen, wie er auch im Interview mit halbautomatischer Phrasenknarre aus der Hüfte schießt. Das ist gern zotig, meist brachial, oft peinlich, öfter brillant, selten primetimetauglich, und doch muss die Frage erlaubt sein, was so ein eloquenter Berserker des geschliffenen Mono- bis Polylogs in der Nische der Nische der Nische verloren hat, jenseits der Wahrnehmung, diesseits messbarer Quoten. Seine Sparte sei „eine Mischung aus Schutz- und Entwicklungsraum“, entgegnet der gelernte Printjournalist und geübte Radioentertainer glaubhaft, „und ich bin dankbar, dass es sie gibt.“ Denn hier kann er seine 120 Studiogäste erst beschimpfen und dann mit Dosenbier versöhnen, mit Anrufern über fäkale Themen debattieren und sodann über Weltpolitik, hier kann er sich austoben.

Das könnte er im Hauptprogramm nicht. Gut: „Wenn der Intendant meine Telefonnummer im Papierkorb vom 3sat-Chef findet, sag ich: klar! Schmeiß die Wetten raus, lad keine Ostdeutschen mehr ein und dann nach dem Motto: Gebt mir vier Jahre Zeit!“ Doch der Autor, Entertainer, Alleskönner weiß natürlich, dass das so irrsinnig niemand ist, im öffentlich-rechtlichen Beamtenapparat mit seinen Pfründen, Deals und Zwangsneurosen. Dabei wäre er es, der zwischen zwei Gottschalkschen Schlüpfrigkeiten über die Oberweite des Hollywoodstars auf der Couch den Besitz dreier Privatjets oder 57 Badezimmer in Malibu problematisieren würde, wie er es mit Britt Hagedorns menschenverachtendem Nachmittagstalk getan hat, von Angesicht zu Angesicht. Insofern könnte LateLine doch nur Durchgangsstation sein. Irgendwann im Nachtprogramm der Großkanäle, zuvor bei ZDFneo, wo er ab eine Herbst eine „knallharte politisch-investigative Magazinsendung à la Monitor, Panorama oder Explosiv Weekend macht. Ob er das ernst meint? Schwer zu sagen. Aber auch egal. Wird schon lustig werden.


Dassler-Biopic: Drei Streifen & die Nazis

duell-der-brueder-die-geschichte-von-adidas-und-puma (1)Wirtschaftswunderlinge

Dem RTL-Biopic Duell der Brüder übers Schisma der Sportartikelkonzerne Adidas und Puma Schleichwerbung nachzuweisen, fiele gewiss schwer. Dennoch warf die 113-minütige Präsenz der drei berühmten Streifen am Karfreitag zur besten Sendezeit (noch bis Freitag in der RTL-Mediathek) Fragen auf. Eine Spurensuche im Trüben des offenen und nicht so offenen Product Placements.

Von Jan Freitag

Schuhe von Adidas sind wirklich die Wucht. Verhalfen dem farbigen Jesse Owen 1936 zum vierfachen Olympiagold im finsteren Herz der Rasseideologie. Gewannen den Fußballer des (beinahe) gleichen Landes 18 Jahre später das WM-Finale im Wolkenbruch von Bern. Hatten aber auch einen äußerst sympathischen Erfinder, der zwar oft verbissen wirkte, wenn er sein Schuhwerk perfektionierte, aber zum Niederknien süß war: Adolf Dassler, genannt Adi.

Gut, im wahren Leben war der Sportbekleidungspionier zwar weniger attraktiv als jener Ken Duken, der ihm im RTL-Film Duell der Brüder das Gesicht leiht – kleiner, gewöhnlicher, also – mit Verlaub – unansehnlicher als sein Darsteller; aber visuelle Medien wie das Fernsehen dürfen sich ihre Realität ja durchaus schöner filmen als sie ist. Deshalb hat Adolfs Bruder Rudolf optisch ebenso wenig mit Torben Liebrecht gemein, der den anderen Part der „Schuhfabrik Gebrüder Dassler“ spielt, bevor sie sich 1948 in zwei Global Player spaltet.

Adidas und Puma.

Bevor es zum Schisma kommt, zeichnet RTL ein recht präzises, meist unterhaltsames, erstaunlich kritisches Porträt zweier Alphatiere: Hier Adi, ein betriebsblinder Opportunist, der aus unpolitischem Idealismus mit den Nazis paktiert, aber moralisch die Kurve kriegt. Dort Rudi, ein viriler Karriereist, der die Kurve verpasst und mit der weniger erfolgreichen Marke Puma Vorlieb nehmen muss, die erst Jahrzehnte später die Zugkraft der innerdörflichen Konkurrenz erreicht.

Womit wir bei einem Aspekt des Blockbusters wären, der die drei, vier fünfminütigen Werbeblöcke dazwischen auf ein, zwei Stunden Sendezeit ausdehnt. Der brillante Tüftler und sein geschäftstüchtiger Bruder aus Herzogenaurach streiten sich nämlich nicht nur um grundverschiedene Lebenswürfe, sondern ein Konsumgut von globaler Bedeutung, das dabei fast permanent in Wort und Bild inszeniert wird: Der berühmte Lederschuh mit den drei Streifen, ein echtes Qualitätsprodukt, wie Regisseur Oliver Dommenget und Autor Christian Schnalke unablässig versichern. Von einem Helden der Arbeit innbrünstig verbessert, bis das Unmögliche möglich wird: Owens Seriensieger, Deutschland Weltmeister, der Sport revolutioniert.

Nach dem CGI-animierten Finale gegen die übermächtigen Ungarn, das Helmut Rahn auch dank Dasslers Stollenschuhen entscheidet, fehlt eigentlich nur noch „Super, Adidas“ im Abspann, den man ruhig mal auf Vertreter des Weltkonzerns hin durchforsten sollte. Nach der Eloge auf die Konzerngründer, von denen sich der spätere Adidas-Chef fast zum Textilheiligen entwickelt, steht nämlich die Frage im Raum: Wo endet telegene Mythenbildung deutscher Wirtschaftspioniere und wo beginnt profane Schleichwerbung? Anders gefragt: Müssten 113 Minuten Primetime-Event rund um Adidas (und ein bisschen Puma) nicht als Product Placement gekennzeichnet werden, wie es für dramaturgisch integrierte Markenware Art vorgeschrieben ist? Antwort: Nein.

Aber…

Als 2005 ein System illegaler Schleichwerbung in der ARD-Soap Marienhof aufflog, verbot der 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag fünf Jahre später derlei Sonderwerbeformen. Zumindest den Öffentlich-Rechtlichen, denen fortan allenfalls sachwertige „Produktbeistellungen“ gestattet blieben. Privatsender hingegen dürfen weiter fröhlich platzieren. Sofern es sich um kommerzielle Eigenproduktionen, Livesport oder „leichte Unterhaltung“ handelt und weder zum Kauf drängt noch die redaktionelle Unabhängigkeit behelligt, erscheint seither mehrmals kurz ein „P“ in Flatscreen-Eck – fertig ist die ganz legale PR, von der sich Vermarkter nach einem DWDL-Bericht zwei Prozent mehr Umsatz erhofften. Als der Münchner Marketing-Professor Carsten Rennhak daraufhin jedoch mal eins der vielen Importformate in Augenschein nahm, zeigte sich die Schwäche der vermeintlichen Publikumsstärkung. Bei der Ausstrahlung des Kinoablegers von Sex and the City stieß er auf 119 Marken und Dienstleistungen, von denen ein Viertel inhaltlich integriert, visuell gezeigt und namentlich genannt wird, also nichts anderes ist als: Reklame. Ein „P“  war nirgends zu sehen.

Das eint die US-Serie mit dem deutsche Duell zweier Brüder, deren Produkt nicht nur ständig werbewirksam ins Bild rückt, sondern geradezu romantisiert wird. Wenn der versonnene Tüftler Adi geigenumflort drei Finger in einen Farbeimer taucht und die Schuhe des zufällig anwesenden Stürmers garniert, wird aus dem frisch erfundenen Logo ein haptisches Erlebnis. Um sich ins Unterbewusstsein potenzieller Kunden zu graben, bedarf es da gar keiner aktuellen Sneaker-Editionen oder auch nur der Nennung des Firmennamens; es reicht die pure Präsenz von Erfinder und Erfindung. Diese Unterwanderungstechnik heißt im Fachjargon „Creative Placement“ – dramaturgisch eingebundene Markenpräsenz, mit der die Bachelorette ganz nebenbei bestimmte Kartoffelchips anbietet oder Dschungelcamp-Bewohner laut von Burgern eine bestimmten Kette träumen.

Beides hat RTL bezahlt und kenntlich gemacht. Adi Dasslers Ware hingegen profitiert nur inoffiziell von der Präsenz. Das teilt der Film mit Biopics, die andere Wirtschaftswunderlinge im aufrechten Kampf gegen konservative Zweifler heroisieren: Beate Uhse, Carl Benz, Margarete Steiff, zuletzt Kurt Landauer, der von jenen Nazis, die seinerzeit gute Geschäfte mit den Dasslers machten, ins Exil getrieben wurde. Nichts gegen eine Würdigung des legendären Bayern-Präsidenten, aber das ARD-Porträt betrieb 2014 massive Publicity für einen Fußballkonzern, der dank seiner Zugkraft fürs Milliardenprodukt ohnehin nach Kräften bevorzugt wird.

So prominent, wie jedes Freundschaftsspiel, jeder Beckenbauer-Cup, jede noch so fade Bundesligakonserve gezeigt wird, bedarf es da schon einiger Phantasie, geldwerte Gegenleistungen des Rekordmeisters auszuschließen. Das bleibt zwar wie beim „Duell der Brüder“ Spekulation. Doch wenn das Erste im Herbst ein eigenes Biopic über die Dasslers zeigt, werden die Premiumpartner FCB und Adidas sogar parallel aufgewertet. Abermals ohne „P“ im Bildschirmeck.

Der Text ist vorab bei DWDL erschienen


Blockbustaz: Pfandkinder & Ghettoklischees

blockbustazOnline goes offline

Dramaturgisch ist die günstig produzierte ZDFneo-Serie Blockbustaz um einen Großstadtloser im Plattenbau nicht weiter der Rede wert, steht aber für einen Trend im Fernsehen: Alte und neue Medien gehen immer öfter seltsame Allianzen ein, von denen alle profitieren. Vermeintlich.

Von Jan Freitag

Fernsehen ist auch nicht mehr, was es mal war. Statt an den Lagerfeuern von Witta Pohl über Gottschalk bis Waldemar Hartmann vor sich hin zu köcheln, wird es von Durchlauferhitzern wie Joko und Klaas auf zappelnder Flamme weichgekocht. Wo einst Grundig-Röhren grobkörnig flimmerten, surren Flat-, Second-, Splitscreens nun schärfer als die Realität. Und dann tummeln sich dort auch noch Gestalten wie Joyce Ilg: niedlich, neu, also Terabytes entfernt vom Leitmedium früherer Tage und doch genau darin äußerst präsent.

Nach ersten Soap-Ausflügen anno 2005, gefolgt vom vollen Weichspülprogramm zwischen Kochshow, Wok-WM und Markus Lanz, ist die freche Kölnerin mit den tollen Locken jetzt Teil einer Serie an der Grenze vom altem zum neuen Medium. Sie heißt „Blockbustaz“, erzählt den Alltag dreier Plattenbaugewächse in der Heimat von Joyce Ilg, die sich darin mit ihrem arbeitsscheuen Freund samt kiffendem Kumpel herumplagt und gewann 2014 das Onlinevoting des TVLab von ZDFneo.

Ab Dienstag geht es mit einem Personal in Serie, das nicht recht ins Regelprogramm passt. Da wäre Sascha Reimann, als Ferric MC ein Großer im hiesigen HipHop, der bereits zwei Tatorte hinter sich hat und damit weit mehr Dreherfahrung als der berufsjugendliche Rapper Eko Fresh aus Joyce Ilgs Nachbarschaft, die ebenfalls woanders hingehört. Zu Facebook nämlich, wo ihr Kanal mit leidlich lustigen Streetcomedyclips 1,1 Millionen Abonnenten zählt, mehr als ARD, ZDF, RTL und Sat1 zusammen.

Da das schauspielerische Talent der drei Hauptdarsteller mangels Ausbildung und ausreichender Praxis limitiert ist, muss es also einen anderen Grund geben, sie aus der Freiheit ihrer Biotope in den Käfig fester Sendezeiten zu locken. Er lautet: Crossmedia – der Versuch, digitale und analoge Plattformen zum Vorteil aller zu vernetzen. Gerade das ZDF ist mit seinem Zuschauerschnitt oberhalb der 60 Jahre zwingend darauf angewiesen, sein künftiges Publikum dort zu finden, wo es die meiste Zeit verbringt: Im Netz, wo ab Herbst auch der öffentlich-rechtliche Jugendkanal seinen Platz haben wird.

Hier sucht das siechende Leitmedium seit drei Jahren abgesehen von der branchenüblichen Homepage auch fiktional sein crossmediales Heil. Damals ging die interaktive Arte-Serie „About:Kate“ um ein eine multimedial gestresste Berlinerin zugleich als App auf Sendung. Doch während es dafür Lob und Clicks hagelte, ging die Millionärswahl kurze Zeit später auf Pro7 baden, als das Finale des karitativen Castings online versendet werden musste, so mies waren Niveau und Quoten. Womit bewiesen wäre: Internet und Fernsehen mögen sich immer besser ergänzen; ein Liebespaar sind sie bislang nicht.

Beispiele wie Joyce Ilg zeigen allerdings, dass die Grenze durchlässiger wird. Den Anfang machte vor zehn Jahren Katrin Bauerfeind, als die Moderatorin dank hinreißender Auftritte im fabelhaften Netzmagazin Ehrensenf über 3sat zu Film und Fernsehen wechselte, wo sie zum Star gereift ist. Während ihr Weg ins Analoge allerdings qualitativ begründet war, ist es bei überdrehten Clickmillionären von BarbieLovesLipsticks bis LeFloid eher reine Quantität, die Gastauftritte bei GZSZ oder eigene Gamingshows auf EinsPlus rechtfertigt.

Und so wie sich der vorjährige Kanzlerinnen-Interviewer über die gebührenfinanzierte Sendezeit mit Querverwertung im eigenen Youtube-Kanal freut, dürften Joyce Ilg und Eko Fresh über gut bezahlte ZDF-Werbung freuen, die auf ihre Hauptkarrieren abstrahlt. Verstärkt wird sie durch Gaststars wie Moritz Bleibtreu und Jürgen Drews, die ihrerseits vom Auftritt in der drolligen, oft lustigen, insgesamt aber doch arg klischeebeladenen Geschichte um einen urbanen Loser zwischen Faulheitsstolz und HipHop-Karriere profitieren. Ob es wirklich für alle nur zum Lachen ist, wenn ein Spielsüchtiger dabei sein Kleinkind als Pfand fürs Bier hinterlegt, das später im Haschdunst des Onkels Ballermannfernsehen glotzt, sei mal dahingestellt. Aber Humor ist heute ohnehin, wenn das Internet lacht. Und das ist bekanntlich leicht zu erheitern.


Aus der Haut: Praunheim & der schwule Milan

MilanComing-out-of-Age

So sehr sich die Gesellschaft auch liberalisiert: Noch bricht beim Coming-out für Jugendliche fast alles zusammen, was besteht. Stefan Wagner hat daraus seinen hinreißend subtilen und dennoch aufwühlenden ARD-Mittwochsfilm Aus der Haut gemacht, der das Umfeld weitaus mehr durchdrehen lässt als den Betroffenen (Foto@MDR/Michael Kotschi) Milan.

Von Jan Freitag

Rosa von Praunheim, das ist die Matrix seines Daseins, war menschlich und moralisch schon sehr früh sehr viel weiter als die (spieß)bürgerlich biedere Gesellschaft ringsum. Schon 1971 hat der schwule Regisseur dieses fortwährende Missverhältnis zwischen Sollen und Sein, das vernunftbegabte Wesen schier in den Wahnsinn treibt, in den legendär sperrigen Titel Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt gegossen. Kein Wunder, dass sein halbfiktionales Szeneporträt zwei Jahre, nachdem gleichgeschlechtlicher Sex unter Erwachsenen legalisiert worden war, heftig angefeindet (und vom BR natürlich zensiert) wurde. Ein Furor, der im Rückblick wirkt wie die letzten Abwehrgefechte gegen Sklaverei und Klassenwahlrecht, aber auch heute noch spürbar ist.

Fragen Sie mal Milan!

Bewusst normal Schultz mit Nachnamen, entdeckt der Teenager zu Beginn des ARD-Mittwochsfilms, dass er schwul ist, also irgendwie unnormal. Auch im Jahr 2016. Besonders unter Gleichaltrigen, die mit 17 noch mühsam an ihrer Identität feilen, aber auch eine Generation höher, die sich in Milans wohlhabend bildungsaffinen Kreisen gern modern und aufgeklärt gibt, bis, ja bis Modernität und Aufklärung mal in Konflikt mit Furcht und Vorurteil geraten. Dieser Milan also, hinreißend zerrissen dargestellt von Merlin Rose (Als wir träumten), versucht seinen Kumpel Christoph zu küssen, wird brüsk abgewiesen, befürchtet ein ferngesteuertes Outing, schreibt einen Abschiedsbrief, steigt besoffen in Papas Auto und fliegt kurz darauf in Zeitlupe kopfüber durch sein aufgeräumtes Großstadtviertel.

Wäre Aus der Haut zu diesem Zeitpunkt nicht 15 sondern 85 Minuten alt, es könnte das übliche Unhappyend derartiger Sozialdramen sein – Betroffenheit, Begräbnis, Schluss. Ist es aber nicht. Weshalb mit dem Erwachen im Krankenhaus, weinende Mutter (Angst um den Sohn) zur Linken, zeternder Vater (Angst um den Wagen) zur Rechten, Halskrause dazwischen ein Coming-of-Age-Film mit Coming-out folgt, das selten ist im hiesigen Fernsehen. Nach dem Drehbuch von Jan Braren, der schon im umjubelten Homevideo stimmige Empathie für Heranwachsende in Extremsituationen bewiesen hat, schafft es Regisseur Stefan Schaller wie im Porträt 5 Jahre Leben des deutschen Guantanomo-Häftlings Murat Kurnaz, das Kollabieren einer individuellen Existenz aus der Perspektive des Umfelds zu erzählen, ohne die Hauptfigur zum Objekt vermeintlich autonomer Subjekte zu degradieren, die ja selbst in den Sog der neuen Lage geraten.

Zum Niederknien verkörpert wird dieser milde Zivilisationsbruch besonders durch Claudia Michelsen und Johann von Bülow als Eltern, die alles richtig machen und gerade dabei so vieles falsch. Die bei Milans Homosexualitätsbekenntnis sofort Respekt zollen, Liebe bekunden, gar Schampus servieren – und mit ihrem Unbehagen doch nie hinterm Berg halten können, auch wenn es nicht mehr die Praunheimsche Perversion mit offener Verachtung ist, sondern subtiler daherkommt: Kleine Gesten, falsches Lächeln, unkontrollierte Aggression.

Und erst das Umfeld: Offen schwulenfeindliche Mitschüler hier, latent homophobe Eltern dort, dazwischen Milans bedauernswerte Freundin Larissa (Nicole Mercedes Müller) als bedauernswertes Feigenblatt der Heteronormalität. Sie alle sind mal mehr, mal weniger bemüht, liberal und cool zu wirken, wollen am Ende aber doch lieber nicht mit dem ansteckenden Milan auf engstem Raum sein. So hält Stefan Schaller dem Publikum einen Spiegel vor, der meist kaum zu bemerken ist und damit nur umso genauer reflektiert, womit selbst aufgeklärte Gemeinwesen kämpfen, wenn die gemütliche Regelexistenz ins Wanken gerät. Und mittendrin Milan, den Kameramann Michael Kotschi zwar ein bisschen penetrant über diverse Fensterscheiben ins Bild setzt, dem Gesamteindruck damit aber keinen Schaden zufügt. Im Gegenteil: Seit Angelina Maccarones Kommt Mausi raus?! ist Aus der Haut vielleicht das Glaubhafteste und Beste, was in 20 Jahren zum Thema gemacht wurde.


David Kross: Hollywood & Bargteheide

KrossSpielberg? Cool!

So ganz kann es David Kross (Foto: SWR/Brackmann) noch immer nicht glauben, dass er zu den wenigen deutschen Schauspielern zählt, die in den USA mehr als Nazis spielen dürfen. Doch seit der Junge aus Bargteheide bei Hamburg in Detlef Bucks Knallhart ein Bürgerskind im Ghetto gespielt hat, ging es für ihn flugs bis nach Hollywood. Acht Jahre nach Der Vorleser kehrt er als Assistent des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Ulrich Noethen) im Kampf mit NS-Seilschaften der Nachkriegszeit zurück ins deutsche Fernsehen (heute, 20,15 Uhr). Ein Gespräch über seinen kometenhaften Aufstieg, den General Fritz Bauer und was der Film gegen sein Image als Mr. Nice Guy ausrichten kann.

Interview: Jan Freitag

David Kross, Sie sind tatsächlich erst Mitte 20, stammen aus dem kleinen Bargteheide bei Hamburg.

David Kross: Was man dort höchstens als Autobahnkreuz kennt.

Und sind dennoch einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler.

Ach, profiliertesten; sagen wir mal so: Ich arbeite noch (lacht).

Für herausragende Regisseure in wichtigen Produktionen. Wie geht man als Provinzkind Ihres Alters mit diesem Erfolg um?

Instinktiv und spontan. Mein ganzer Werdegang ist mir ja eher passiert, als geplant gewesen zu sein – auch wenn man natürlich nie nur passives Objekt seiner Umstände ist. Nach ein paar kleinen Kindersachen die erste große Rolle gleich mit Detlef Buck zu spielen…

2006 in „Knallhart“, als bürgerliches Kind im rauen Neukölln.

… das war natürlich auch Glück, dessen bin ich mir stets bewusst. Zumal ich damals noch gar kein richtiger Schauspieler war. Einmal die Woche zur Theaterprobe war ja eher wie Fußballtraining; da fühlt man sich in dem Alter doch auch noch nicht wie ein Profi…

Der wurden Sie allerdings seit „Knallhart“ in Windeseile. Kann man sich das als Perpetuum Mobile vorstellen, das einmal in Gang gebracht endlos aufwärts schwingt?

Auf keinen Fall. Gerade am Anfang schwebt man nicht dauernd in einer Wolke der Inspiration toller Regisseure. Die Tatsache, dass mir meine Karriere anfangs eher widerfahren ist, hat zwar eine gewisse Lockerheit gebracht; aber ohne klassische Ausbildung kommt man nur mit Ausdauer, Arbeit, Routine, ein paar Tricks und ständiger Fortbildung weiter. Anders geht es weder schauspielerisch noch stimmlich weiter. Ich war mir meiner Grenzen immer bewusst.

Mussten die besonders solide sein, um als deutscher Teenager mit Welterfolg nicht abzuheben?

Um abzuheben, stelle ich mich selber viel zu oft – manchmal fast ein bisschen viel – infrage; dafür bin ich gar nicht der Typ. Zum anderen ging es nie nur aufwärts; auch ich musste mich mal von Casting zu Casting durchschlagen. Die Realität hat mich am Abheben gehindert.

Wird man nicht wählerisch, wenn gleich am Anfang Hollywood im Portfolio steht?

Vielleicht insofern, als ich noch kein einziges Projekt hatte, für das mir die Motivation gefehlt hätte. Ohne die geht es bei mir nicht; schließlich ist Drehen echte Arbeit.

Zumal Sie oft mehrsprachig drehen, neben Deutsch auch Englisch und Französisch.

Aber nicht, weil ich so ein Sprachtalent hätte, sondern ganz gut Texte lernen und die Aussprache nachahmen kann. Deshalb sind auf dem Filmfest in Cannes viele Franzosen auf mich zugekommen und haben einfach drauflos geplappert, weil sie dachten, ich könne so gut Französisch wie in „Angélique“. Das geht Ulrich Noethen jetzt wohl in Dänemark ähnlich.

Weil er als Titelfigur Fritz Bauer in „Der General“ ein dänisches Interview gibt.

Aber auch kein Wort Dänisch spricht. Zu merken ist das nicht.

Kannten Sie diesen Staatsanwalt im Kampf mit alten Nazi-Seilschaften vorher?

Ja, „Der Vorleser“ handelte ja auch im weitesten Sinne von den Auschwitz-Prozessen, wofür ich mich damals im Jüdischen Museum vorbereitete hatte und auch ein dickes Buch über Fritz Bauer in den Händen hatte. Dennoch bin ich ihm erst jetzt wirklich nahe gekommen; das war ja nicht wirklich meine Zeit.

Und wird es von immer weniger Menschen, je länger sie zurückliegt. Was hat sie heutzutage für eine Relevanz?

Eine große. Der Kampf gegen die Geister der Vergangenheit ist nostalgisch und zugleich aktuell. Mein Opa fand Adenauer toll und hatte vor allem Angst vor Kommunisten. Für den ist es noch heute wichtig und richtig, einen Film zu sehen, der zeigt, wo die Gefahr damals wirklich lag. Und für Spätgeborene wie mich ist es faszinierend, wie dieser Fritz Bauer gegen alle Widerstände durchzieht, wovon er aus tiefster Seele überzeugt ist, selbst wenn es ihn einsam macht. Das hat viele an Whistleblower wie Edward Snowden erinnert und mich schon deshalb so bewegt, weil ich daraufhin in mir selber gesucht, aber nichts gefunden habe, wofür ich mit dieser Konsequenz so komplett einstehen könnte.

Machen Sie Filme, um damit bei sich und anderen etwas zu bewirken?

Zunächst mal gucke ich, ob er mich emotional berührt. Und wenn ich mich daraufhin selbst hinterfrage, kann das durchaus aufs Publikum abstrahlen. Unabhängig davon, dass „Der General“ ein spannender Politthriller ist, zeigt er eben eine Figur, die keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte. Was man aber nur in Kontrast zu meiner Figur wirklich versteht, dem vermeintlich mutigen Staatsanwalt an Fritz Bauers Seite, der das Opfer seiner eigenen Ängste vor Kommunisten, Krieg, Unordnung wird.

Also endlich mal nicht so nett ist wie die meisten ihrer sonstigen Figuren.

Ganz genau! Außerdem ist sei ein bisschen älter. Beides eröffnet mir viel bessere Spielmöglichkeiten als Mr. Nice Guy

Kann man so eine Hauptrolle mit einer Nebenrolle in Steven Spielbergs „Die Gefährten“ vergleicht?

Schwer. Schauspielerisch ist „Der Generell“ natürlich anspruchsvoller und erwachsener. Aber wenn Spielberg anruft, sagt man nicht nein. Ich hab zwei Monate Reitunterricht von den besten Lehrern für fünf Sekunden auf dem Pferd gekriegt; das sind einfach andere Dimensionen der Professionalität als bei uns. Dafür muss der Regisseur noch nicht mal Spielberg heißen. Aber wenn er es ist, sagt man als Deutscher dennoch: Spielberg? Cool!

Das scheint Spielberg ja auch von Kross zu denken, sonst hätte er jemand anderen fragen können. Empfinden Sie sich eigentlich als berühmt?

Phasenweise schon. Aber in Berlin kann ich unerkannt durch die Straßen laufen, und wenn mal einer was sagt, dann eher so beiläufig beim Bäcker, wie gut er den letzten Film fand.

Und wie ist es daheim in Bargteheide oder sind Sie da gar nicht mehr?

Doch, doch. Obwohl meine Eltern mich Weihnachten erstmals in Berlin besucht haben, wofür ich sogar einen Baum gekauft hab, bin ich öfter mal zuhause, sind ja nur eineinhalb Stunden mit dem ICE. Und da bin ich dann nicht der Spielberg-Kross, sondern David von früher.

Noch keine Straße nach Ihnen benannt?

Nee, das wird auch nicht kommen (lacht). Da gibt’s vermutlich ein paar berühmtere als mich, die vor mir dran sind.

Na ja – eine Sozialistin namens Zietz, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Fegebank und der Fußballer Matti Steinmann.

Oh, wo spielt der denn?

HSV.

Na, vielleicht wird der ja bekannter als ich.


Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

aktexConspiracy Sells

Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star TrekDallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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Jerry Lewis: Eric Friedler & Der Clown

LewisDie Tragik der Komik

Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Glanzzeit kennt die Welt Jerry Lewis nur als Spaßvogel. Dieses Klischee wollte er 1972 mit einer Tragikomödie bekämpfen. Vergebens. In seiner Doku Der Clown geht Eric Friedler (rechts, mit Jerry Lewis; Foto@NDRdiesem verschollenen Film nach – und dem Phänomen Jerry Lewis auf den Grund.

Von Jan Freitag

Schauspieler genießen ein außergewöhnliches Privileg: Bei der Arbeit schlüpfen sie auf Abruf in völlig fremde Menschen und simulieren deren Persönlichkeit, ja deren ganze Existenz, als sei es die eigene. Danach aber, ein noch viel größeres Privileg, schlüpfen sie wieder raus aus dieser Jacke namens Rolle. Applaus, Vorhang, ab in die Maske, zurück auf Alltag, einfach so. So einfach?

Fiel es Jerry Lewis nie.

Für Spätgeborene: Jerry Lewis ist der beliebteste Komiker seiner Epoche. Geboren auf Amerikas Stand-up-Bühnen, prägte er das technicolorbunte Komödienkino der Nachkriegszeit mit zeitgemäßem Slapstick wie Charly Chaplin das schwarzweiße der Jahre zuvor. Er ähnelte dem Stummfilmstar allerdings noch in einem anderen Punkt fatal: So befreiend Jerry Lewis‘ Humor auf das Publikum einer konventionsstarren, stockkonservativen, zutiefst verklemmten Gesellschaft wirkte, nahm er doch gleichsam deren Befreier gefangen. Denn niemals durfte der Clown aus New Jersey anders sein als lustig, selbst dann nicht, wenn gar keine Kameras liefen. Zwischen all den Bürotrotteln, Heulbojen und Aschenblödeln seiner Welterfolge blieb ihm jeder Anflug von Ernst so nachhaltig verwehrt, dass er ihn irgendwann auf eigene Faust in Angriff nahm – und nur noch umfassender scheiterte.

Als Darsteller, Regisseur, Autor, Produzent und Mensch – so schildert es der ewige Komödiant in einem Film von so hinreißend tragischer Schönheit, dass man zögert, worüber es als erstes zu staunen gilt: die melodramatische Atmosphäre, zu der ein Film mit Jerry Lewis in der Hauptrolle offenbar fähig ist. Oder die Tatsache, dass dieses Fossil einer nostalgischen Leinwand-Ära überhaupt noch lebt. Für beide Aha-Erlebnisse ist jemand zuständig, der die Abseiten des Lebens seit Jahren mit so unterhaltsamer Wissbegier bereist, dass er längst selbst zum Subjekt einer Dokumentation taugt: Eric Friedler.

Wie schon im Fall des gefallenen Boxers Charly Graf, der ermordeten Studentin Elisabeth K. oder zuletzt vom israelischen Freiheits-DJ Abie Nathan beweist der preisüberhäufte NDR-Autor erneut sein grandioses Gespür für Themen am Rande des Mainstreams. Jerry Lewis porträtiert er daher nicht stumpf zum 90. Geburtstag im März, Friedler erklärt den körperlich gebrechlichen, aber geistig hellwachen Jubilar anhand seines künstlerischen Vermächtnisses, eine Art filmischer Nemesis: The Day The Clown Cried.

Mit diesem Drama wollte Lewis 1972 einem Schubfach entfliehen, in das die Branche seinerzeit nichts sicherer verwahrte als ihn. Seit jeher war Hollywoods Hofnarr auf Frohsinn gebucht, bis er unter eigener Regie einen Zirkusclown spielte, den die Nazis wegen eines falschen Witzes ins KZ stecken, wo er totgeweihte Kinder fröhlich ins Gas geleitet. Zu einer Zeit, als selbst am liberalen Drehort Schweden niemand öffentlich über Auschwitz sprach, war das ein unerhörtes Stück Vergangenheitsbewältigung. Für den Schauspielersohn Joseph Levitch aus New Jersey hingegen war es noch viel mehr. Unterm weltbekannten Künstlernamen saß er ja selbst im Kerker: dem seines eigenen Berufes, weltweit geliebt, weithin unterschätzt, zusehends erfolglos.

Seine Tragikomödie war da als Ausbruch geplant, ein ernster, nicht humorloser, aber durchweg sachlicher Befreiungsschlag. Nur – ob er gelungen wäre, bleibt bis heute ungeklärt. Der Film kam nie ins Kino und wurde somit zu dem, was der beteiligte Oscar-Gewinner Pierre Étaix „eines der größten Geheimnisse der Filmgeschichte“ nennt. Genau dem geht Eric Friedler nahezu zwei Stunden, die an keiner Stelle langweilig geraten, nach. Es ist ein Krimi ohne Mord, Ursachenforschung als Who-dunnit und dramaturgisch schlichtweg brillant. Der investigative Autorenfilmer aus Hamburg bringt schließlich nicht nur Jerry Lewis nach 44 Jahren erstmals über die größte Niederlage seiner siegreichen Karriere zum Reden, die ihn einst tief in die Depression getrieben hatte; Friedler stöberte auch nie gezeigte Szenen von 1972 auf, die er nun von sechs überlebenden Darstellern am schwedischen Set in Bühnensituationen ergänzen lässt.

Dieses fließende Wechselspiel zwischen Film und Theater, Original und Fälschung, Protagonisten und Beobachtern, gestern und heute ist schon jetzt ein Pflichtkandidat für den Grimme-Preis 2017. Und ganz nebenbei ist es eine Therapie für den Verantwortlichen dieses Mysteriums. „Es gibt keinen Tag in meinem Leben“, sagt der amerikanische Superstar zum deutschen Dokumentaristen, „an dem ich nicht an diesen Film denke“. Dann zeigt er dieses bildschirmfüllende, steinerweichende, von Herzen fidele Jerry-Lewis-Gesicht, das andere froh und ihn so traurig gemacht hat und deutet damit etwas Erstaunliches an: Vielleicht hat er jetzt ja Ruhe. Friedler sei Dank.


Beate Zschäpe: Wirklichkeit & Reduktion

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Kammerspiel im Konvoi

Der fabelhafte ZDF-Film Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (Foto: Kartelmeyer/ZDF) kommt einem umfassenden ARD-Dreiteiler zum NSU-Terror zuvor und zeigt (noch eine Woche in der Mediathek) eindrücklich: In der Reduktion liegt oft viel mehr Kraft als in angestrengter Unterhaltsamkeit.

Von Jan Freitag

Die Realität ist bisweilen ganz schön wankelmütig. Kaum hat man sich daran gewöhnt, wirft die Zukunft sie übern Haufen. Was gestern richtig war, wird oft heute schon wieder zum Irrtum, der morgen abermals wahr werden könnte, wer weiß. Ein echtes Windei, diese Wirklichkeit. Das denken sich wohl auch die Verantwortlichen eines Films, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: inhaltlich, zeitlich, namentlich vor allem. Als das ZDF sein Dokudrama Das Schweigen der Beate Zschäpe vorstellte, begann ja die Angeklagte des NSU-Prozesses nämlich grad unverhofft (wenn auch schriftlich) zu reden. Ein neuer Titel musste her, beredtes Ende inklusive. Es ist ein Kreuz, mit der Realität.

Besonders, wenn man sie so nutzt wie Raymond Ley. Der Regisseur dreht mit Vorliebe Hybride, die dann oft zum Besten der manipulationsanfälligen Grauzone zwischen Fiktion und Sachfilm zählen. Das Zugunglück in Eschede, Eichmanns Ende, zuletzt die letzten Tage von Anne Frank – wann immer er sich spielerisch Zeitgeschichte nähert, wird sie unterhaltsam erlebbar. Nun gelingt ihm ein ähnliches Kunststück, das die Handlung im aktualisierten Titel trägt: Letze Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe, leicht sperrig, aber journalistisch präzise.

Leys Drehbuch, geschrieben wie so oft gemeinsam mit seiner Frau Hannah, basiert vorwiegend auf einer realen Dienstfahrt. Als Beate Zschäpe ein paar Monate nach Prozessbeginn ihre kranke Oma in Thüringen besuchen durfte, setzte ihr das BKA nämlich zwei Verhörprofis ins Auto. Auf Hin- und Rückfahrt sollten sie dem verstockten Untersuchungshäftling zweimal vier Stunden lang Informationen übers Leben vor der Festnahme entlocken. Eine Terrorverdächtige, zwei Polizisten, zwölf Seiten Gedächtnisprotokoll, dessen Ergebnisse vor Gericht unverwertbar sind – klingt nicht unbedingt nach prickelndem Hauptabendentertainment. Dass es die Zuschauer trotzdem bis zum Schluss fesseln dürfte, hat drei Gründe: Raymund Ley, Lisa Wagner, Joachim Król.

Der Filmemacher montiert das heimliche Verhör im Hochsicherheitskonvoi mit Rückblenden, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Prozesssequenzen zu einem furiosen Kammerspiel, das die Psyche der Protagonisten mit meist simplen Mitteln offenlegt. Dafür sorgt schon Lisa Wagner, deren Hauptfigur gespenstisch glaubhaft zwischen kalkulierter Arroganz und emotionaler Durchlässigkeit agiert, wofür sie oft nur ein Zucken im Tränensack benötigt. Was wiederum Joachim Król als schnauzbärtig behäbiger Bulle provoziert, der wie das Original anderen Namens falsche Fraternisierung perfekt mit westfälischer Bodenhaftung kombiniert und sein Gegenüber so ein ums andere Mal aus der Reserve lockt.

Ihr Zusammenspiel wirkt dabei, als verlören sich die Darsteller vollends in den Rollen. Als sei Wagner wirklich diese Zschäpe, deren Fassade mit jeder Gesprächssimulation stärker reißt, ohne einzustürzen. Als sei Król tatsächlich dieses unscheinbar effiziente BKA-Fossil, das auch „Conférencier aufm Rheindampfer“ sein könnte, wie es die Gerichtsreporterin vom Spiegel im Dokuteil ehrfürchtig ausdrückt. „Ham’se die Haare anders?“, fragt er einmal freundlich. „Ich werd‘ nur von der Chefin geschnitten“, entgegnet Zschäpe fühlbar stolz. Viel mehr bedarf es kaum, um einerseits die zweckgebundene Intimität zweier Antipoden in Worte zu fassen und anderseits Psychogramme von großer Aussagekraft zu erstellen. Ereignisrückblenden und Gerichtssequenzen, etwas nachgestellter Nazi-Thrill mit Runen-Tattoo und echte Hinterbliebeneninterviews ergänzen die Wucht solcher Dialoge da eher dramaturgisch, als Kern der Handlung zu sein. Den nämlich bilden überwiegend Worte statt Bilder.

Kommunikation unter kommunikationsfeindlichen Bedingungen ist demnach vermutlich auch der große Unterschied zum anstehenden Konkurrenzprodukt. Ab März befriedigt der ARD-Dreiteiler Terror in Deutschland den wachsenden Bedarf nach Zeitgeschichte in Echtzeit, wie es unlängst auch zwei Filme zur Haft von Uli Hoeneß taten, die noch vor seiner Entlassung liefen. Mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe beschränkt sich das Erste dabei weniger auf einen Ausschnitt, sondern erzählt die ganze Story umfassend aus Opfer-, Täter-, Polizeiperspektive. Dem Publikumsinteresse nach lückenloser Aufklärung mit dramaturgisch aufwändigen Mitteln könnte das angesichts der kaum zweieinhalb Millionen Zuschauer, die sich gestern um 20.15 Uhr zur ARD verirrten, zwar um einiges näher kommen. Intensiver, näher, glaubhafter als das Kammerspiel im Konvoi kann es – auch wenn es die taz in ihrem anstrengenden Bedürfnis, jede Art von bürgerlicher Kommentierung rechten Terrors zu kritisieren, anders sieht – kaum werden.


Um Himmels Willen: Wepper & Hartwig

HimmelWutschauspieler

Ein Interview mit Janina Hartwig und Fritz Wepper zum gestrigen Start der 15. Staffel Um Himmels Willen (dienstags, 20.15 Uhr, ARD; Foto: Barbara Bauriedl/ARD) zeigt, wie dünn die Haut der Hauptdarsteller von Deutschlands derzeit erfolgreichster Fernsehserie angesichts der dauernden Kritik ist. Mit flüchtigen Folgen…

Von Jan Freitag

Man kann es sehen, man kann’s auch lassen, nur eines kann man kaum: es ignorieren. Auch als das harmlos-heitere Klostereinerlei Um Himmels Willen gestern in die 15. Staffel gingt, erhitzte Deutschlands erfolgreichstes Serie seit vordualer Zeit wieder die Gemüter. Wahre Fans, zuletzt mehr als sechs Millionen, eher angenehm. Genervte Verächter eher schmerzhaft. Grund genug, Fritz Wepper und Janina Hartwig zu fragen, wie es so ist – bloß geliebt oder gehasst zu werden für Hauptrollen in der heilen Welt vom Kloster Kaltenbach, die jedes Problem im Seifenfinale weglächelt.

 

Wepper: So heil ist die Welt darin gar nicht. Deshalb muss ich Ihnen unterstellen, zu wenig davon gesehen zu haben; wie kämen Sie sonst auf diese Behauptung.

freitagsmedien: Aber wie fühlt es sich für Sie als Schauspieler an, Teil einer so erfolgreichen Serie zu sein, die entweder geliebt wird oder gehasst wird?

Wepper: Also Sie scheinen mir der erste zu sein, der sie hasst.

Hartwig: Hass ist mir auch noch nicht zu Ohren gekommen. Woher haben Sie das denn das?

Fragen Sie mal Dokumentarfilmer, deren Werke von leichter Kost wie Ihrer zur Nacht verdrängt werden…

Wepper: Entschuldigung, ich finde das furchtbar. Wenn man sich mit etwas inhaltlich auseinandersetzt, muss man es auch kennen. Man hat die Chance, diese Serie anzuschauen oder es zu lassen. Hass hat da nichts zu suchen. Deshalb ist mir das, was Sie sagen, zu provokativ und nimmt mir die Lust zu antworten. Sprich du weiter, Janina.

Hartwig: Die Kritik an uns ist oft auf Unkenntnis und Intoleranz gebaut, was mich echt wütend macht, denn Intoleranz macht mich wütend.

Wepper: Also ich verlasse jetzt dieses Gespräch.

 

Wenn ein Produkt, das seit 2002 Topquoten und Zuschauerpreise erntet, oft als Beleg für die Verflachung des Leitmediums herhält, ist die dünne Haut des Hauptdarstellers nachvollziehbar; etwas Selbstkritik wäre es aber auch, wenn Weppers Bürgermeister Wöller nunmehr 195 Folgen den Peppone gibt, 130 davon im betulichen Streit mit Janina Hartwig als „Don Camillo“ Schwester Hanna. Umso mehr, als der ältere Bruder des spät erblühten Elmar Wepper nach einer angedeuteten Hollywood-Karriere im Oscar-Film „Cabaret“ seit Derricks Harry vor allem leicht unterhält.

 

Bislang habe ich doch nur gefragt, wie es sich zwischen zwei Polen anfühlt, nicht welcher Pol größere Berechtigung hat.

Wepper: Nein, ich gehe jetzt.

Oje, kann man ihn einfangen?

Hartwig: Det könn’se verjessen. Aber ich kann das auch verstehen; dieser Art von Überheblichkeit – Theater gegen Film, Film gegen Fernsehen, Kritiker gegen alles – begegne ich immer wieder. Wäre es nicht spannender, wenn alle mehr voneinander lernen, statt sich dauernd abzugrenzen, wenn man sich wirklich miteinander befasst? Dann würden die Kritiker nämlich merken, dass unsere Welt gar nicht generell heil ist, sondern nur heil endet. Genau das wollen unsere Zuschauer nach einem harten Alltag, dafür benutzen wir das Genre der Komödie, was ja nicht heißt, sich dauernd auf die Schenkel zu klopfen, sondern auch mal, Dinge mit einem Lächeln zu erzählen.

Die Figuren darin sollen gar nicht realistisch sein?

Hartwig: Natürlich nicht, wir machen ja keine Dokumentarfilme übers Klosterleben, sondern wollen Charaktere überhöhen, in denen sich die Zuschauer dennoch wiederfinden können, um der Welt für einen Abend niveauvoll zu entkommen. Auch ich muss manchmal die Seele entspannen, sonst wird sie nämlich krank.

Und wie lange lässt sich das noch erzählen?

Hartwig: Das frage auch ich mich auch immer, bis mir jedes neue Drehbuch zeigt, wie viel noch möglich ist. Und die Reaktion der Leute ist so, dass Ihnen die Serie noch immer etwas bedeutet und gibt.

 

Nämlich christlich grundierte Weltlichkeit wie aus dem CSU-Programm: Kirche & Küche für Frauen, Laptop & Lederhose für Männer, artige Kinder & lösbare Probleme in Heimatfilmidylle. Hier muss Bürgermeister Wöller diesmal nach zwei Maß Bier am Steuer – für Bayerns Innenminister Beckstein einst völlig unbedenklich – Sozialstunden in Schwester Hannas Kloster ableisten, das war‘s. So sieht konservatives Rechtsempfinden aus, so spiegelt es die ARD dienstags nach der Tagesschau: Solang man Buße tut, die Heimat liebt, in weiß heiratet, ist Primetimefernsehen massentauglich.

 

Zurück zur provokanten Eingangsfrage Wieso polarisiert Ihre Serie so, dass meine Mutter keine Folge verpasst und ich keine ertrage?

Hartwig: Das nennt man Sehverhalten. Meine Tochter ist 27, sie sieht kaum mehr fern im klassischen Sinne. Sie guckt Serien bei Netflix.

Sie auch?

Hartwig: (lacht) Nee, ich mag unter anderem Dokumentarfilme im Fernsehen.

 

Zu schade, dass Janina Hartwig dafür bei ARZDF meist bis Mitternacht aufbleiben muss. Die besseren Sendeplätze blockieren ja Kerner, Pilcher und Pilawa, Komödien, Krimis und Um Himmels Willen,  am kommenden Dienstag zum 184. Mal, Ende außer Sicht. Gute Nacht.


Schulz & Böhmermann: Genie & Wahnsinn

12657636Wie im Rausch

Die zwei hoffnungsvollsten Berserker der hiesigen TV-Unterhaltung bitten zur gemeinsamen Talkshow. Ein Jammer, aber kein Wunder, dass das ZDF Schulz & Böhmermann (Foto: ZDF) lieber im Nachtprogram eines Spartenkanals versteckt (Sonntag, 22.45 Uhr, ZDFneo)

Von Jan Freitag

Staatsgewalt und Anarchie waren einst höchst unterschiedlich gekleidet. Wer das System mit aller Macht stützte, trug gemeinhin Zwei- bis Dreiteiler, vornehmlich mit Krawatte. Wer dagegen rebellierte, eher Kapuzenpulli und Jeans, vornehmlich in schwarz. Mittlerweile jedoch sehen sich Umsturzwillige und Besitzstandwahrer nicht nur oft zum Verwechseln ähnlich, sie sind gelegentlich gar deckungsgleich. So wie Olli Schulz und Jan Böhmermann.

In feinem Anzug, schmal geschnitten und farblich gedeckt, mischen die Moderatoren das Fernsehen auf, als wollten sie es vom Erdboden fegen wie eine Tyrannei. Zugleich aber verteidigen sie das Fundament jenes eingestaubten Leitmediums stilisiert, das die zwei im subversiven Furor ihres Bildersturms erneuern sollen, als seien sie nicht renitent, sondern Heilsbringer. Seltsam. Und, pardon, irgendwie alternativlos. Niemand sonst als der respektlose Humorberserker aus Hamburg und sein Bremer Kollege mit dem zynischen Charme haben schließlich das Talent, die Frechheit und den nötigen Atem, Deutschlands TV-Unterhaltung nachhaltig zu retten. Das Besondere daran: Man lässt sie sogar. Und zwar gemeinsam.

Endlich.

Nachdem sie mit der Kraft ihrer kreativen Kaltschnäuzigkeit getrennt sämtliche Kanäle des multimedialen Zeitalters zur Bühne ihrer gewaltigen Egos gemacht haben und gemeinsam das gute alte Radio Berlin-Brandenburg als Sanft & Sorgfältig unterwandert, dürfen Olli & Jan am Bildschirm gemeinsam tun, was sie besonders gut können: Reden. Mit ihren Gästen. Vor allem aber mit sich selbst. Schulz & Böhmermann heißt ein neues Talkformat, das seit Sonntag nun vier Wochenende um etwas gesprächigen Aberwitz bereichert; und es wirft abgesehen von der bemerkenswerten Existenz dieses Formats an sich erneut ein trübes Licht aufs ZDF, dass es sein zukunftstauglichstes Zugpferd a) sonntags um 22.45 Uhr b) im Spartenkanal ZDFneo und dann auch noch c) als Konserve versendet.

So sehr die Gremlins in den Lerchenberger Gremien ihren Nachwuchs(Böhmer)mann nämlich zu schätzen wissen, so sehr misstrauen sie ihm, zumal an der Seite des Perpetuum Mobiles anarchistischen Humors (Schulz). Wie gut, dass die zwei da weniger verzagt sind. Zum Auftakt hatten sie sich nämlich Gäste eingeladen, die ihre Debattentauglichkeit konfliktgeladen auf die Probe stellen dürften: der narzisstische Wetterfrosch Jörg Kachelmann traf dabei auf den manipulativen Hochstapler Gert Postel, die es beide mit Deutschlands zurzeit erfolgreichster Drehbuchautorin Anita Becker und dem brutalstmöglichen Gangstarapper Kollegah zu tun kriegten.

Der Auftakt zeigte zwar, wie wichtig ein betuliches Regulativ wie Charlotte Roche für den entfesselten Böhmermann war, aber auch, welch unglaubliche Spielfreude er zusammen mit seinem Fuck-Buddy Schulz entfaltet. Es war, es ist, es wird also sein: Eine energetische Mischung in vertrautem Ambiente. Das Studio nämlich erinnert verteufelt an Böhmermanns viel zu früh vergangenen Nostalgietalk mit der wunderbaren Charlotte Roche, die vor ein paar Jahren vor ein paar namentlich bekannten Zuschauern vor allem damit befasst war, das erstarrte Ritual selbstverliebten Faselns der ewig gleichen Gäste in kreative Gesprächskultur echter Persönlichkeiten zu verwandeln. Wie damals wird auch diese Sendung von der Kölner Produktionsfirma bildundtonfabrik produziert. Wie damals ist das Interieur optisch entsprechend reduziert und konsequent nostalgisch. Wie damals darf, ja muss beim Reden geraucht und gesoffen werden. Und wie damals dürfte es dabei wie im Rausch zugehen.

Schließlich beweisen die Diskussionsleiter ihre gesamte Medienexistenz über bereits großes Balancegefühl auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Als betrunkener Außenreporter der Berlinale etwa hat der gelernte Singer/Songwriter Schulz Fernsehgeschichte geschrieben, während Jan Böhmermann mit Neo Magazin Royale Woche für Woche beweist, was man dem abgedroschenen Genre Late Night noch abringen kann, wenn man es ernst und zugleich leicht nimmt.

So gesehen könnte etwas Großes, Bleibendes entstehen, in fünfmal 60 Minuten, sonntags zu später Stunde im Nischenprogramm, beim nächsten Mal mit Gästen wie Nora Tschirner und Katrin Göring-Eckhart, denen hoffentlich ein paar mehr als die 400.000 Zuschauer der Premiere zusehen. Und falls nicht? Wälzen Schulz & Böhmermann die Sehgewohnheiten eben woanders um. Was bleibt den Verantwortlichen des alten Regelfernsehens auch übrig; sie haben ja sonst keinen…