Starfighter: RTL-Event & Aggressionsabbau

starfighterNiveauzwergs Witwenmacher

Wenn RTL Zeitgeschichte verfilmt, rast irgendwie stets die Autobahnpolizei durchs Bild. Das tut sie auch in Starfighter (heute, 20.15 Uhr; Foto: RTL/Wolfgang Ennenbach). Davon abgesehen liefert die Fiktion der reale Absturzserie deutscher Kampfjets vor rund 50 Jahren darauf, dass der Privatsender gutes Fernsehen kann, wenn er es mit Herz und Hirn, statt Testosteron und Titten versucht.

Von Jan Freitag

Pietät ist keine Kernkompetenz kommerziellen Fernsehens. Zählt es doch zum – oftmals einzigen – Daseinsgrund rücksichtsloser Medien, die Kamera voll draufzuhalten, sobald Körperflüssigkeiten jeder Art fließen. So gesehen war es eine beachtliche Entscheidung von RTL, die Ausstrahlung seines Blockbusters Starfighter kurz nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 9525 Ende März zu verschieben, wie es Pro7 zehn Jahre zuvor mit einem Film namens „Tsunami“ getan hatte.

Damals wäre allerdings wünschenswert gewesen, die Rücksichtnahme hätte sich nicht nur auf die Trauerphase der realen Katastrophe erstreckt, sondern in alle Ewigkeit – so missraten war die fiktive Flutwelle vor Sylt, so wenig hatte sie mit einer echten zu tun. Dass nun der Film über die „Witwenmachter“ genannten Bundeswehrjets neun Monate nach dem Ausgangstermin läuft, ist hingegen durchaus zu begrüßen und zieht Sensationelles nach sich: Eine Empfehlung für RTL!

Aber zum einen zeigen Formate vom männlichkeitsdechiffrierenden Restauranttester Rach über das journalistisch brisante Jenke-Experiment bis hin zum neuen Feuilleton-Darling Dschungelcamp, dass der ehemalige Titten-Kanal seinen Testosteron-Überschuss längst selten, aber sichtbar in solide Unterhaltung mit einer Prise soziokultureller Relevanz umzuwandeln versteht. Andererseits ist der seriositätshemmende Hang des Senders zum dramatischen Overkill in diesem Fall völlig angebracht: zählt das wahrhaftige Starfighter-Desaster, in dem zwischen 1962 und 1984 fast ein Drittel der 916 Maschinen vom Typ F-104 abgestürzt sind, zu den skandalösesten Affären der an skandalösen Affären keineswegs armen Historie bundesdeutscher Industriepolitik.

RTL erzählt sie so: Anfang der swinging sixties, als unterm Haarturm die Kleiderfarbe explodiert, verliebt sich Parfümverkäuferin Betti in den kernigen Kampfpilot Harry, der sie in die schillernde Welt verwegener Flieger am rheinischen Luftwaffenstützpunkt entführt. Doch der rock’n’roll-bunte american dream nahe Köln gerät zum Albtraum, als die Starfighter des US-Herstellers Lockheed gleich reihenweise ihre Besatzungen mit in den Tod reißen – darunter bald auch Harry selbst. „Pilotenfehler“, meldet das Verteidigungsministerium wie immer, was die hochschwangere Witwe bezweifelt und bei der Recherche in ein engmaschiges Netz aus Vertuschung, Lügen, Manipulation gerät, aus dem sie sich mithilfe einer Sammelklage zu befreien versucht. Erfolgreich, so viel sei über einen Prozess gespoilert, der 1975 Justizgeschichte schrieb.

Gut, RTL wäre nicht RTL, würde es aus diesem Stoff kein künstliches Kaugummientertainment voller Klischees und Knalleffekte im Beschuss permanenter Soundkaskaden stricken. Und Miguel Alexandre wäre zudem nicht Miguel Alexandre, würde der Melodramen-Regisseur alle Emotion, jeden Effekt, das ganze VFX-Gewitter weniger als ein, zwei Stufen zu hoch pitchen. Trotzdem unterscheidet sich dieses „Eventmovie“ von jedem, das den Bildschirm sonst auf diesem Kanal im Soundbrei ertränkt. Es ist: Empathie, so leidenschaftliche wie glaubhafte Empörung übers kriminelle System des korrupten Bayern-Paten Franz-Josef Strauß, das dem Profitinteresse des militärisch-politischen Komplexes neben Milliarden veruntreuter Steuergelder auch 116 Pilotenleben opferte.

Produzent Michael Souvignier, dessen geistreicher Enthüllungsfuror schon Contergan-Hersteller oder Spenderblut-Händler ins Portemonnaie traf, sagt ganz unverblümt, mit Starfighter arbeite er auch all die Schweinereien von FJS auf, den er schon als „kleiner Revolutionär in der Schule” gehasst habe. Für jene Dokumentionen, mit denen Souvigniers Firma Zeitsprung einst den Grundstein des deutschen Exportschlagers Historienevent legte, mag das zu subjektiv klingen; Spielfilmen mit Herz und Hirn kann es durchaus dienlich sein. Während keinesfalls nur Privatsender ihr Erinnerungsentertainment gern abspulen wie Trickbetrüger ihr Becherspiel, verhilft vor allem Souvigniers Mitgefühl dem opulenten Zweistünder samt seiner aufwändigen Computeranimationen aus der Quotenfalle zwischen „Top-Gun“ und „Grease“, in der die Handlung anfangs landet, um nach der Hälfte nahe Erin Brockovitch zu landen.

Das liegt auch an Picco von Groote, deren Betti einen plausiblen Wandel vom Traumprinzenaccessoire der spießbürgerlichen Vorkrisenjahre zur selbstbewussten Frau des folgenden Aufbruchs vollzieht und damit einiges über den Umbruch rings um 1968 erzählt, der verkrustete Autoritäten in Frage stellt und aufkommenden nicht ungeschoren lässt. Beides wird  versiert verkörpert von zwei tragenden Nebenfiguren: Rainer Bock als Verteidigungsminister Hermann Weltke alias Kai-Uwe von Hassel, der trotz Verlust seines eigenen Sohnes im Starfighter vom „Blutzoll“ faselt, den eine wehrhafte Demokratie in Friedenszeiten zu leisten habe und ansonsten weiter am Geflecht seines Amtsvorgängers webt; und Alice Dwyer als Bettis beste Freundin Helga, die aus der Pilotenclique in die APO abweicht, dort allerdings zur Fundamentalopposition neigt.

Das lässt die übliche Zielgruppenversorgung zwischendrin glatt vergessen, bei der die Darsteller kataloggemäß gekleidet im Cabrio vom Bowling übers Autokino zum Käseigel gen Zukunft fahren, wo Sätze damals ferne Sätze à la „das musst du dir mal reinziehen“ erklingen. Aber wenn sie ein Großschauspieler wie Frederick Lau für den Niveauzwerg RTL sagt, muss wohl was dran sein, am kurzweiligen Film über ein Kapitel deutscher Realpolitik, die bis heute ungesühnt zum Himmel stinkt, den die Piloten – wie der depperte Untertitel brüllt – gar nicht erobern wollten, sondern am Ende einfach überleben.

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Arte-Doku: Bahnhofskinos

Voodoo, Sex und Raimund Harmstorf

Bahnhofskinos gehörten einst zur City wie die Gleise selbst. Doch Mitte der Achtziger fielen sie VHS und RTL zum Opfer, die den Trash des BaLi ins Wohnzimmer holten. Eine Arte-Hommage feiert dieses Cinema Bizarre (Online in der Mediathek), das weit mehr ist, als ein Kuriositätenkabinett.

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An Sex’n’Drugs’n‘Rock’n‘Roll – Ältere müssen sich das erst in Erinnerung rufen, um Jüngeren davon zu berichten – kam man mal nur schwer heran in der frisch zwangsdemokratisierten Republik. Auf Leinwand lief bunte Betulichkeit, am Bildschirm Biedermeier in schwarzweiß. Exzesse waren unschicklich, Homosexualität und freie Liebe gleich ganz verboten, Frau und Kind zu schlagen schon weniger, sofern es daheim erfolgte, was es landauf landab munter tat, im Alkoholdunst einer sternhagelvollen Männerwelt.

Die kampfesmüde, gewaltbereite, sittenstrenge Nachkriegsgesellschaft hatte zweifelsohne ein merkwürdiges Verhältnis zu Befriedigung, Rausch und körperlichem Zwang. In dieser Atmosphäre wurden Ausschweifungen jeder Art zwar gern aus den Augen aus dem Sinn verbannt, allerdings ausgerechnet dorthin, wo es jeder deutlich sehen konnte: Ins Bahnhofskino. Auferstanden aus den Ruinen innerstädtischer Infrastruktur, um Reisenden das Warten zu verkürzen und nebenbei die umliegenden Neubaukomplexe zu finanzieren, wurde in gleisnahen Lichtspielhäusern rund um die Uhr das gezeigt, was Durchschnittsbürgern ansonsten meist verborgen blieb.

Was genau das war, weshalb es die bürgerliche Mitte gleichermaßen abstieß und anzog, wie derart anrüchige Abseiten der ästhetischen Norm inmitten ordentlich gefegter Ortskerne überlebten und was ihr schleichender Tod über unsere Gegenwart zu sagen hat – darüber klärt eine der zauberhaftesten Dokumentationen auf, die das laufende Fernsehjahr bislang zu bieten hatte. Sie heißt Cinema Bizarre und beschreibt das versunkene Reich der Bahnhofs-Lichtspiele, deren Kürzel „BaLi“ einst an kaum einer größeren Haupthaltestellenfassade zwischen Kiel und München, Braunschweig und Köln fehlte. Versehen mit einer Liebe zum Objekt, als säße das Publikum persönlich im samtroten Gestühl.

Und sähe davor obskure Streifen in Endlosschleife, deren Titel allein schon pures Entertainment sind. Die nackten Superhexen vom Rio Amore, Der Totenacker der Knochenmänner, Nackt und zerfleischt – ohne mit der faltigen Wimper zu zucken verliest Gertrud Sonnenberg, die seit 1959 in einem der fünf letzten von ehemals 30 BaLis sitzt, im blauen Kittel das Programm früherer Tage und eröffnet ein quietschbuntes Panoptikum aberwitziger Filmtrashkunst, das weit mehr sein will als nur nostalgisches Kuriositätenkabinett.

Regisseur Oliver Schwehm, der schon mal einen schwarzweißen Thementag auf Arte verantwortet hat und die Hommage Winnetou darf nicht sterben, begnügt sich nämlich nicht mit der Historisierung eines Stücks deutscher Kinogeschichte; gemeinsam mit Kollegen und anderen Cineasten wie Wolfgang Niedecken oder der tabakrauen Tatort-Staatsanwältin Mechthild Großmann, schildert er den Weg von der kriegsversehrten über die formierte zur multimedialen Gesellschaft von heute am Beispiel dieser Schmuddelecken der Aufmerksamkeitsindustrie.

Wie sie vorm Siegeszug des Fernsehens zunächst als unterhaltsames Informationsmedium zwischen Wochenschau und Tierdoku fungierten, mit dem man sich vorm Anschlusszug die Zeit vertrieb. Wie sich beide Genres bald zum „Mondo-Film“ vereinten, der bizarre Randlagen gewöhnlicher Nachrichten zu exotischen Phantasmagorien aus Sodomie, Voodoo und Schamanenkult verdichtet. Wie derart halbdokumentarischer Alltagshorror das Rattenrennen um die Zuschauergunst einläutete, in dem jede Erregungskurve rasch von der nächsthöheren übermalt werden musste – zunächst mit Abenteuer, Action, etwas Grusel. In den zügellosen Sixties ergänzt um Sex- und Gewaltphantasien, die sich ab Mitte der Siebziger immer „härter, brutaler, teilweise fast pervers gegen das Fernsehen stemmten“, wie der Filmhändler Kai Nowak Arte erklärt.

Es war die Zeit der maximalen Sogwirkung des Bahnhofskinos, begleitet vom unaufhaltsamen Niedergang. Denn die Radikalisierung der Extreme, vom augenzwinkernd bewunderten C-Movie-König Uwe Boll wunderbar beiläufig am Beispiel filmtechnisch akkurat zerteilter Köpfe skizziert, sorgte in Form krasser Frauenknast- und Splatterfilme für den endgültigen Abschied vom Mainstream Richtung Nerds, vornehmlich männlichen. Es war also nicht mehr nur zeitgenössischer Gangsterquatsch mit René Weller, Bruce Lee, Raimund Harmstorf, über den sich sein Epigone Ben Becker herrlich biegt vor Lachen und Ehrfurcht. Auch gelegentliche Kunstfilme von Pasolini bis Ferreri konnten das ramponierte Image nicht mehr aufmöbeln. Jetzt waren die Bahnhofskinos endgültig Blut, Kotze, Sperma – und halfen somit ungewollt bei der Glattrasur des Antlitzes deutscher Städte mit.

Als VHS und Privatfernsehen vor rund 30 Jahren die Grundversorgung filmischen Irrsinns ins Wohnzimmer delegierten, nahm ja parallel auch das Fahrt auf, was später Gentrifizierung heißen sollte. Allerorten wurden die Bahnhofsviertel blank geputzt, ein Prozess, der nicht nur architektonisch oft kühne Schalterhallen früherer Jahrzehnte durch seelenlose Shoppingmalls im glasstählernen Einheitslook ersetzte; von den Gleisen aus startete das Milliardenprojekt Aufwertung auch in umliegende Wohnviertel, wo seither alles Trashige geschliffen wird, bis Investorenträume die letzten Ureinwohner aus dem Stadtkern verdrängt hat.

Das ist die traurige, aber wahre Geschichte von Cinema Perverso. Die schaurige, aber schöne hingegen ist ein Film, der hinreißend im ganzen Spektrum kinematografischen Schaffens schwelgt, zwischen „Bummsfilm und Kunstfilm“, wie es der Horrorfilmer Jörg Buttgereit beschreibt. Herzzerreißend nostalgisch, zum Niederknien absurd. Die ganze Welt des Kinos, komprimiert auf 60 Minuten Arte.


Arte-Doku: Rammstein in Amerika

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Die herausragende Arte-Doku Rammstein in Amerika (Foto@Guido Karp/ZDF) zeigt den unwahrscheinlichen Siegeszug der erfolgreichsten deutschen Band auf dem schwierigsten Markt für ausländische Künstler und lässt dabei offen, wer da eigentlich wen genau benutzt.

Von Jan Freitag

Chad Smith zählt fraglos zu den Superstars im Milliardenbusiness Rock’n‘Roll. Als Schlagzeuger der rasend erfolgreichen Red Hot Chili Peppers dürfte ihn nach bald drei Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt also nichts mehr überraschen. Außer vielleicht: Till Lindemann. Den, erzählt dieser Chad Smith, habe er mal gefragt, was es mit all dem Feuer auf sich habe, und drei Antworten erhalten. Erstens, zitiert er den Rammstein-Sänger mit teutonischem Akzent, das des Geistes. Zweitens, sein Lächeln gerät fast spöttisch, das des Herzens. Und drittens, der abgebrühte Profi imitiert das Ganzkörperlachen des Pyromanen aus Ostdeutschland mit der Innbrunst eines bekennenden Fans, „einfach Feuer“. Einfach Feuer?

Am Sehnsuchtsort allen Entertainments, der die Hülle notorisch zum Wesenskern des Inhalts erhebt, ist Feuer nie bloß Feuer, sondern Teil einer Show, von deren Lichtstrahl auch das Sextett realsozialistisch sozialisierter Ex-Punks angesaugt wurde wie Jünger vom Demagogen. Hannes Rossachers Arte-Dokumentation Rammstein in Amerika skizziert daher nicht nur den Weg einer neudeutschen Band mit altdeutschem Gestus zu urdeutscher Sprache dorthin, wo fremde Bands mit fremdem Gestus zu fremder Sprache inakzeptabler sind als Klingonen auf der Enterprise. Rammstein in Amerika ist demnach die Muskelfleisch gewordene Synthese des Unvereinbaren, das zusammenwächst, weil es zusammengehört.

Kollege Smith weiß davon ein Lied zu singen. Iggy Pop übrigens auch, zudem Marilyn Manson, Steven Tyler, Gene Simmons, Moby, Slipknot und wie die erlesenen Platzhalter der Popkultur vor Rossachers Kamera so heißen. Zwischen kindlicher Verblüffung und adulter Hochachtung feiern sie 90 klingende Minuten lang ein Phänomen, das unerklärlich scheint und doch so naheliegend wie der Titel des Films.

Nach Amerika nämlich bricht er 1993 in grobkörnigen Archivbildern auf, als sechs befreite Zonenkinder ein Jahr vor Rammsteins Gründung zufällig zeitgleich die USA bereisen. Als Freiheitstest ins land of the free geplant, geriet der Besuch zur Pilgerfahrt ins Land der Ungläubigen, die bekehrt werden wollten, davon aber noch nichts wussten. In „Rammstein“, erklärt Iggy Pop euphorisch wie ein Junge beim Entdecken der Schokoladenschublade, stecke ja nicht nur das aggressive ram plus steinerner Härte, sondern eine US-Militärbasis, die 1988 in Flammen aufging. „Unser wunder Punkt“, meint der Berlin-Exilant aus Bowies Kreuzberger Tagen. Die Träger des Namens steckten genüsslich die Finger rein. Besser: die Lunte.

Kaum nämlich, dass ihre „Neue Deutsche Härte“ dem amerikanischen Nu Metal Mitter der Neunziger ein teutonisches „R“ über die Riffs gerollt hatte, eroberten die Mecklenburger ihren Bestimmungsort – nein, nicht grad im Sturm. Doch nach dem ersten Auftritt in New York vor 15 Gästen ging es schnell mit dem Auswärtserfolg. Gründe dafür entlockt Regisseur Rosslacher den weltweit erfolgreichsten Popstars aus Deutschland beim entspannten Plaudern auf schwarzen Sofas, wo die angegrauten Veteranen kaum zu sehen sind, so martialisch kleiden sie sich noch als sorgsame Familienväter.

Wobei es ja drei Gründe waren: Feuer (Kopf), Feuer (Herz), Feuer (Feuer). Gepaart mit dem wagnerianisch überfrachtetem Thrill von Sex, Gewalt und Nazikitsch war das Flammeninferno Rammstein besonders live „so extrem, so real“, dass ihr künftiger Agent schon früh gewusst haben will: „Amerika wird das fressen! Und wie. Streng chronologisch macht der Film deutlich, was diesen Appetit westlich des Atlantiks erzeugt, befriedigt und neu entfacht hat. Vom Soundtrack zu David Lynchs Lost Highway über den Kampf der Pyromanen mit örtlichen Brandschutzregeln und einem publikumswirksamen Prozess wegen pornografischer Showelemente bis hin zur US-Tour mit eingeborenen Genre-Göttern wie KoЯn ging es einzig bergauf – bis Rammstein nach 9/11 Zweifel am Land der Träume kamen, das sich nun fast so unfrei anfühlte wie das eigene hinterm Eisernen Vorhang, weshalb die Band ihre zweite Heimat wieder verließ. Für zehn Jahre.

Aber nicht nur dort kühlte der Draht zwischen Publikum und Band merklich ab. Noch immer eine Ikone artifiziellen Kommerzes, hatte das Feuilleton zwei Jahre zuvor erstmals mit der rechter Umtriebe nie unverdächtigen Band gefremdelt, als das Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped Leni Riefenstahls Herrenmenschenbilder nutzte. Nach der dritten Platte Mutter schien sich auch ihr Sound abzunutzen, worunter auch die bandinterne Stimmung litt. Das Feuer brannte – zumal auf der Bühne – weiter, doch es wärmte weit weniger. Bis der explizite Porno zur Single Pussy 2009 den Erregungsregler auf Anschlag drehte und Rammstein ein Jahr drauf heim ins Reich des Pop zurückkehrten.

Der Gig im Madison Square Garden, nach 20 Minuten ausverkauft, bildet die dramatische Klammer von Rossachers Film, den Hollywood nicht besser scripten könnte: Aufstieg & Fall, Zweifel & Einsicht, Katharsis & Auferstehung von Helden, deren Heroismus brüchig ist wie im Serienfernsehen dieser Tage – so geht Musikdokumentation für Kinoansprüche. Trotz allen Erfolgs türmt der Regisseur seine Objekte ja nicht nur zu Denkmälern auf, er stutzt sie zwischendurch auf die Größe von Avataren der Aufmerksamkeitsindustrie. Sechs provokante Feuerteufel zum Amüsement einer sittenstrengen, dauererregten, konsumgeilen Gesellschaft. Wie Rammstein, meint Scott Ian von der Metal-Legende Anthrax und lächelt wie zu Beginn Chad Smith, stelle sich Amerika halt Deutschland vor: „Eine gut geölte Maschine.“ Gut, dass Hannes Rossacher offen lässt, wer sie führt.

Der Film ist noch bis Samstag in der Arte-Mediathek zu sehen


Gomorrha: Serienfiktion & Wirklichkeit

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Als Gomorrha (donnerstags, 21 Uhr, Arte) auf Grundlage von Roberto Savionos Bestseller entstand, hat die Serie kriminell befreite Zonen wie Neapel perfekt bebildert (Foto: Emanuela Scarpa/ZDF). Dass die Gewalt auf den Straßen zurzeit brutaler ist als auf dem Bildschirm, erschüttert sogar den berühmten Autor im Untergrund, wie er vom Untergrund aus im exklusiven freitagsmedien-Interview betonte – tut der Qualität aber keinen Abbruch.

Von Jan Freitag

Wer erfolgreich Fernsehen machen will, hält sich gern an Spielregeln, die Gesetzeskraft entfalten. Anschlussfähige Protagonisten dürfen auf ihrem holprigen Weg zum Happyend allenfalls kurz mal die Seite des Guten verlassen, wo sie auf Antagonisten treffen, denen das Antagonistische schon optisch aus allen Poren dringt. Was Drama, Action, Gefühl, Humor betrifft, sollte Fiktion der Realität aber auch sonst ein Stück weit vorauseilen, sofern sie auf Topquoten zielt. Am Bildschirm, lautet das Prinzip, ist nicht weniger, sondern mehr mehr. Weil viel eben doch viel hilft, hat Liebe also ein wenig leidenschaftlicher zu sein als im wahren Leben. Hass rasender. Spaß lustiger. Gewalt blutiger. Alles irgendwie intensiver. So gesehen begeht Gomorrha einen Fernsehgesetzesbruch.

Zum Glück. Die italienische Mafia-Serie mag nämlich so krass sein, so schonungslos roh, fast barbarisch, dass die Brutalität oft unerträglich ist. Dummerweise jedoch zeigt sich Neapels Wirklichkeit jenseits der Filmstudios zurzeit noch viel viel schlimmer. Und das will einiges heißen: Die Geschichte des Camorra-Killers Ciro, der seinem Clan-Chef Don Pietro mit allen Mitteln die Vorherrschaft im neapolitanischen Bandenkrieg zu sichern versucht, ist von geradezu diabolischer Abgründigkeit. Sie zeigt sich schon in der ersten Szene. Während Ciro den Kanister eines geplanten Brandanschlags gegen die verfeindeten Contes mit Benzin füllt, diskutiert er in aller Seelenruhe die Facebook-Aktivitäten der pubertierenden Kinder seines väterlichen Komplizen Attilio (Antonio Milo), der ein paar Autominuten später jenes Feuer entfacht, das seine Opfer am Esstisch überrascht, wo Mama Conte ihrem Sohn grad das Rauchen verbietet und dem Herrgott sodann für die hausgemachte Pasta dankt.

So dialektisch geht es alle zwölf Teile zu, die Arte ab heute in Doppelfolgen zeigt: Je entfesselter die geschätzt 50 Familienbanden der Mafiametropole im Kampf um Ehre, Macht und Drogen Auge um Auge, Zahn um Zahn verrechnen, desto absurder erscheint die bürgerliche Normalität, in der das große Schlachten vonstatten geht. Wobei diese Kontrastprogramm beileibe kein neues Phänomen ist: Die Dualität zwischen Gott und Teufel, Alltag und Verbrechen, Ordnung und Exzess prägte schon die Sopranos oder Breaking Bad – beide bereits zu Drehzeiten Legenden horizontal erzählten Fernsehens, die das Medium nachhaltig auf Kinoniveau gehoben und nebenbei den Typus des Schwerstkriminellen heldentauglich gemacht haben.

Zum Sympathieträger taugt auch Ciro, dank seiner erstaunlichen Überlebensfähigkeit „Der Unsterbliche“ genannt. Marco D’Amore spielt ihn ja nicht bloß als skrupellosen Handlanger des selbstherrlichen Don Pietro (Fortunato Cerlino), sondern als mitfühlenden Skeptiker mit Dackelblick und Familie, der den Verbrecher in sich immer wieder dekonstruiert. So ähnlich funktionieren auch die organisiert kriminellen TV-Kollegen Tony Soprano und Walther White – mit einem Unterschied: Trotz aller Authentizität sind es reine Kunstfiguren. In „Gomorrha“ hingegen wirkt alles echt.

Autor ist schließlich Roberto Saviano, der für den gleichnamigen Weltbestseller über die Mafia-Strukturen seiner Heimatstadt vor neun Jahren abtauchen musste und seither unter Polizeischutz im Verborgenen lebt. Nach Matteo Garrones Spielfilmversion des Dokumentarstoffes von 2008, verantwortet der 36-Jährige nun also auch die Serie und glaubt, das „kompromisslos realistische“ Ergebnis könnte „sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch mit den besten Serien weltweit mithalten“. Und in der Tat: Anders als mehr oder minder realistische Fiktionen von Coppolas Pate bis zum 80er-Epos Allein gegen die Mafia kommt die erbarmungslose Wucht archaischer Stammesriten hier ohne publikumswirksame Romantik aus. Das Leben der Camorristi ist selten glamourös, sondern im besten Falle tragisch. Und ihre Stadt? Ein Höllenloch!

Das gesetzlose Neapel von Regisseur Stefano Selima, ein Slum ohne Wellblechhütten, ertrinkt selbst dort, wo das Gangstergeld sitzt, in Dreck, Verfall und Apathie. Die Plattenbauten gleichen Favelas. Drogen werden durch Einschusslöcher vertickt. Statt Schule trainieren Kinder Clangebräuche. Und wo es mal ein wenig glänzt, ist es der protzige Bling Bling stilunsicherer Mobster, die glauben, wenn ihr Plasmaschirm im barocken Blattgoldrahmen läuft, sei Monte Carlo näher als die Müllkippe vor der Tür. Selbst genreübliche Sexszenen, die ähnlich gestrickte Thriller sonst um ein wenig körperliche Wärme ergänzen, fehlen hier fast vollends. Das Leben im Sündenpfuhl ist ein Sterben auf Abruf.

Umso furchtbarer, dass die Serie dennoch auf einer Eskalationsstufe verharrt, die von der Gegenwart längst wieder überholt wurde. Nachdem sich die Lage in Neapel – auch infolge der weltweiten Beachtung des Buches – durch zahllose Verhaftungen alter Clanbosse entspannt hatte, wird die Stadt seit kurzem von einer beispiellosen Gewaltwelle blutjunger „Babygangs“ erschüttert, deren Brutalität jenseits aller Ehrencodizes selbst Insider überrascht. Erschrocken befürchtet Saviano einen „Camorra-Krieg“, der „nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors“. So detailliert Gomorrha das Dilemma einer kriminell befreiten Zone, deren Abstieg unablässig den Boden weiterer Rechtlosigkeit nährt, auch skizziert: Die Realität hat ihre Fiktionalisierung also längst überholt. Der Relevanz dieser herausragenden Serie allerdings tut das trotz dieser Differenz keinen Abbruch und ihrer Unterhaltsamkeit trotz miserabler Synchronisation schon gar nicht. Viel besser war europäisches Festlandfernsehen selten. Und deutsches noch nie.


Tatort Verbrannt: Rassismus & Korpsgeist

VerbranntDie Wahrheit der Dichtung

Verbrannt ist nicht nur ein exzellenter Tatort. Der reale Fall eines getöteten Asylbewerbers in Polizeigewahrsam am kommenden Sonntag (Foto: NDR) verweist auch auf jene Kraft, die Fernsehen noch immer auf öffentliche Debatten haben kann.

Von Jan Freitag

Große Ereignisse, sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Doch das Sprichwort wegweisenden Weltgeschehens muss dringend erweitert werden. Denn mehr noch als Schatten werfen große Ereignisse Drehbücher voraus, Vorlagen künftiger Spielfilme, die – das zeigen zuletzt gleich zwei Filme zum Fall Hoeneß – nicht mal mehr den Ausgang des Ereignisses abwarten. Der Prozess gegen Beate Zschäpe etwa nahm erst richtig Fahrt auf, da stand Lisa Wagner bereits als NSU-Braut vor der ZDF-Kamera. Die Alpen lagen voller Germanwings-Trümmer als Autor Benedikt Röskau schon eifrig an seiner Katastrophentragödie Blackbox Mensch schrieb. Auch der Anschlag auf Charlie Hebdo ist Teil mehrerer Dramenprojekte, von der aktuellen Flüchtlingsflut ganz zu schweigen. Verglichen damit hat die ARD fast getrödelt, wenn Sonntag ihr politischster „Tatort“ seit langem läuft.

Er handelt vom afrikanischen Asylbewerber Oury Jalloh, der 2005 im Gewahrsam einer Jenaer Polizeistation verbrannt war. Obwohl der Vorwurf des Mordes durchs wachhabende Personal bis heute im Raum steht, wurde (nach zwischenzeitlichem Freispruch) einzig der Dienststellenleiter zu lachhaften 120 Tagessätzen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Auf Initiative des NDR rückt dieser Skandal einer an Skandalen keineswegs armen Exekutive nun abermals ins kollektive Bewusstsein. Und er wird dort Spuren hinterlassen. Tiefe Spuren.

Zum einen, da ihn Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller im letzten Fall derart eindrücklich zum Leben erwecken, dass nicht nur ideologisch wachsame Zuschauer 90 Minuten körperlich mitleiden: Bei der Observation angeblicher Flüchtlingsschlepper verprügelt Kommissar Falke einen unschuldig verdächtigten Afrikaner, der sich sodann in Haft einer angrenzenden Polizeiwache selbst verbrannt haben soll, was weder der reumütige Falke noch seine Kollegin Lorenz glauben und damit am rassistischen Korpsgeist der beteiligten Beamten abprallen.

Ein tiefgründiger, bewegender, glaubhafter, brillant gespielter Fall – der allerdings auch deshalb für Furore sorgen könnte, weil das Leitmedium dank seines unwiderstehlichen Drangs zur Faktenfiktionalisierung zusehends den Part einer soziokulturellen Paralleljustiz übernimmt, der die Nachrichtenlage spielerisch nachverhandelt. Wenn sich der rassistische Sumpf einer namenlosen Kleinstadt bei Hamburg ausgerechnet da auftut, wo doch Recht und Ordnung herrschen sollte, könnte es also über den Abspann hinaus Diskussionsbedarf geben. Und Günther Jauch dürfte – falls kein neues Dokudramenthema in spe die Tagesschau dominiert – über straffällige Gesetzeshüter talken.

Debatte dank Entertainment – mehr konnten sich Regisseur Thomas Stuber und sein Autor Stefan Kolditz (Dresden) vom Krimiformat kaum erhoffen. Oder doch? Daniel Harrichs journalistisch recherchierte ARD-Dramen zum Oktoberfest-Attentat und illegalen Waffenhandel hatten zuletzt nicht nur gute Quoten, sondern juristische Folgen: Hier die Neuaufnahme der Ermittlungen nach 30 Jahren Justizblindheit. Dort eine aktuelle Stunde im Bundestag nebst Öl ins Feuer derer, die Deutschlands Militärindustrie im Ganzen verteufeln.

Wenn Fernsehen mit Rückgrat, Leidenschaft, Wahrheitsliebe gemacht ist, hat es also noch immer die Kraft zur Veränderung. Als besorgte Ruhrpott-Bewohner 1973 zu Tausenden beim WDR anriefen, ob der Smog in Wolfgang Petersen berühmtem Fernsehspiel echt sei, hatte das zwar wie einst bei Orson Welles‘ Radio-Invasion Außerirdischer viel mit medialer Unreife zu tun, gab der jungen Öko-Bewegung aber einen kräftigen Schub. Vier Jahre später musste der BR den zarten Spross homosexuelle Gleichberechtigung noch durch ein Sendeverbot des Schwulendramas Die Konsequenz düngen, bis Holocaust belegte, wie viel das Fernsehen zu echtem Wandel beitragen kann. Der US-Vierteiler war ja nicht nur ein Straßenfeger; er machte das Thema Nationalsozialismus (erneut gegen den erbitterten Widerstand des damaligen BR-Fernsehdirektors Helmut Oeller) endgültig massentauglich.

Solche Eruptionen einer Ära, als die halbe Nation vor ein und demselben Sender saß, sind im Zeitalter zergliederten Medienkonsums kaum noch möglich. Doch Filme wie „Contergan“, den der verantwortliche Pharmakonzern Grünenthal 2007 bis vorm Verfassungsgericht stoppen wollte, oder das Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“, dem die inkriminierte Sekte drei Jahren später wütend zu Leibe rückte, zeigen, wie viel Wahrheit zuweilen in Fiktion steckt. Und da ist noch nicht mal vom Trend die Rede, die Wirklichkeit mit Scripted Reality oder Living History so zu inszenieren, dass sichtbare Unterschiede verwischen.

In Tatort: Verbrannt, der wegen seiner Strahlkraft vorab im Kino lief, verwischt wenig. Alles ist real und nichts, kein Fakt erfunden und jeder. Braune Bullen, krimineller Korpsgeist, interkulturelle Sprachlosigkeit hat sich Stefan Kolditz zwar nur ausgemalt, aber sein Bild ist reiner Fotorealismus. Fernsehen das bewegt. Und verändert. Hoffentlich.


Deutsche Serien: Wenig Stars & Weissensee

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Das ARD-Schmuckstück Weissensee (Foto: ARD/Julia Terjung) ist nicht nur die beste deutsche Serie unserer Zeit. Zum gestrigen Start der dritten Staffel fällt auf: Es ist auch praktisch die einzige, der sich Schauspieler von Rang und Namen so zur Verfügung stellen, wie es in den USA seit geraumer Zeit üblich ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Filmstars, die lassen den Pöbel schon beim Klang ihres Namens vor Ehrfurcht erzittern. Clive Owen etwa und Glenn Close, dazu Sam Neill, Halle Berry, Anthony Hopkins, von Jude Law, Patricia Arquette oder Matt Dillon ganz zu schweigen – globale Kinomarken wie Dollarhall, zu teuer fürs profane Fernsehen, einst unerreichbar. Und heute? Hält sich Hollywood längst nicht mehr kategorisch vom Bildschirm fern. Im Gegenteil. Jeder der Genannten war bereits Teil dessen, was hierzulande nach wie vor als Todesstoß seriöser Karrieren gilt: Serien.

Wenn deutsche Produzenten eine planen, wird es hingegen dünn auf der Besetzungsliste. Während amerikanische, britische, skandinavische Serien das Kino zügig als Projektionsfläche horizontaler Erzählung ablösen, führt die dramaturgische Endlosigkeit abseits vom Zwang zu abgeschlossenen Krimireihen bei uns ein Nischendasein zwischen Vorabendspaß und Hauptabendsülze. Da ist es schon einer Meldung wert, wenn Roberto Blanko in Folge 4650 von Verbotene Liebe auftritt. „Ich gebe immer 100 Prozent“, umschrieb das Schunkelfunkinventar seinen Einsatz und freute sich, „wenn die Leute zufrieden sind“.

Nur: Das sind sie nicht, weder mit Seifenopern noch richtigen Serien, was fatale Folgen für die Anziehungskraft auf echte Schauspieler hat. Umso bemerkenswerter ist, was dieser Tage geschieht: Nachdem das ZDF am Freitag keinen Geringeren als Jürgen Vogel zur Titelfigur des fortsetzungstauglichen Fünfteilers Blochin gemacht hat, geht nun das Beste, was made in germany momentan möglich ist, mit dem gewohnten Spitzenpersonal in die dritte Staffel: Weissensee. Diesmal am Übergang von der alten DDR zur neuen BRD, bei dem es Florian Lukas, Anna Loos oder Ronald Zehrfeld wieder mit Jörg Hartmann als grandios diabolischem Stasi-Schergen zu tun kriegen. Großkaliber allesamt, von denen demnächst auch einige das gelungene RTL-Produkt Deutschland 83 adeln, mit Jonas Nay als DDR-Agent zwischen Ulrich Noeten und Maria Schrader.

Das ist ein Fortschritt, ohne Frage. Aber ein Strukturwandel? Dafür fehlen jene famosen Drehbücher, die Jude Law an der Seite von Diane Keaton Anfang 2016 zum Young Pope macht und Oscar-Gewinner Kevin Spacey in die 4. Staffel von House of Cards schickt. Was wiederum auf den inhaltlichen Engpass hiesiger Produkte verweist: Religion oder Politik sind Themen, für die deutschen Produzenten mit ihrer wahnhaften Fixierung auf Polizei und Zeitgeschichte bislang ebenso viel Fantasie fehlt wie für schwule Bestatter, dealende Lehrer oder coole Hacker, dem Topstar Christian Slater als Mr. Robot global gefeiert sein Gesicht leiht.

Wenn das nationale Schwergewicht Moritz Bleibtreu seins hingegen einer kreativeren Figur wie Ferdinand von Schirachs Anwalt in Schuld zur Verfügung stellt, dreht das ZDF ganze fünf Teile. Nicht sechs Staffeln, die eine Serie im Erfolgsfall leicht mal dauert. Doch so lang ist bei den verzagten Pragmatikern von ARD bis RTL kein Atem, sofern die Ware nicht Cobra 11 oder Dr. Kleist heißt. Selbst fürs Polizeiformat KDD war 2009 trotz Topkritiken mit der 3. Staffel Schluss, nachdem der exzellente Cast bis in die Nebenrollen sein Quotenziel verfehlt hatte. Ein Schicksal, das Monate später auch Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens ereilte, dessen Finale mangels Publikum nachts versendet wurde. Nicht grad ein Anreiz für bekannte Mimen und Regisseure, das Wagnis Serie einzugehen, der man mehr Lebenszeit und Leidenschaft widmen muss als drei, vier Spielfilmen im Jahr.

Die staffelweise explodierenden Gagen anfangs unbekannter Darsteller bei Big Bang Theorie oder Mad Men belegen zwar die Sicht des Besetzungsbeauftragten Keli Lee vom US-Sender ABC, im Fernsehen gehe darum, „neue Stars zu schaffen“, die erst dann fürs Kino taugen; doch je dicker das Fernsehstück am fiktionalen Kuchen dank gedeihlicher Serien ist, desto mehr berühmte Sahnehauben können sich TV-Konditoren leisten. Nur in Deutschland gibt es dank einer Mixtur aus Inkompetenz, Feigheit, Quotendruck und Misserfolg Schonkost. Da „große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet“, meint Jürgen Vogel, „gehen viele Produzenten noch immer davon aus, große Namen für Serien gar nicht erst anfragen zu brauchen.“ Womit die dann auch gar nicht erst rechnen.

Ein Teufelskreis. Und ein Irrglaube. Schließlich wären Schauspieler bei allzu großem Anspruchsdenken „rasch arbeitslos“, weshalb die Neigung zur Serie wächst. Vogel, schon bei KDD im Team, sagte das übrigens zum Start von Blochin, ein Fünfteiler mit viel Polizei, aber kaum Überraschungen, eher gedehnter Tatort als Emmy-Kandidat. So sieht sie aus, die triste, deutsche Serienwelt.

Doppelfogen am Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr. Alle sechs Teile in der ARD-Mediathek


Meister des Todes: Heckler, Koch & HSW

milberg_koffler_lauterbach-100-_v-standard368_bd4351Meister des Politainments

Der heutige ARD-Mittwochsfilm Meister des Todes (20.15 Uhr; Foto@diwafilm) verbindet journalistische Recherchen zum illegalen Waffenhandel von Heckler & Koch so gekonnt mit fiktionalen Mitteln, dass er juristische Folgen haben dürfte. Vorher aber liefert er bedrückend gute Fernsehunterhaltung.

Von Jan Freitag

Sabine Stengele, die Frau des Waffenhändlers, hat keine Kinder. Das sollte unbedingt beachten, wer heute Meister des Todes schaut, einen schmerzhaft sehenswerten ARD-Film, in dem Frau Stengeles Gatte mit Unterstützung von ganz oben illegal Sturmgewehre ins mexikanische Krisengebiet liefert und ertappt wird. Die badische Hausfrau mit Villa im Dorfidyll wird ja von keiner Geringeren als Veronica Ferres verkörpert, was insofern bemerkenswert ist, als sie sonst (abgesehen von einer sexy Bundeskanzlerin) ausnahmslos starke Mütter im Kampf um ihre Brut verkörpert. Dass sie hier allem Anschein nach kinderlos bleibt, muss im Angesicht ihres Rollenprofils demnach dramaturgische Gründe haben: Während Sabine Stengele nämlich auch ohne Nachwuchs ums Gute ringt, soll ihr angetrauter Alex als skrupelloses Arschloch inszeniert werden.

Mission gelungen.

Heiner Lauterbach spielt seinen selbstgerechten, unsympathischen, karrieristischen Biedermann im wohlgenährten Wanst süddeutscher Global Player mit derart provinzieller Grandezza, dass man ihm nicht auch noch Abkömmlinge wünscht, die womöglich Teile seines miesen Charakters erben. Doch so abschätzig, wie dieser bis zur Selbstverleugnung loyal ergebene Prokurist des größten Arbeitgebers im Ort seine Frau behandelt, wird ohnehin schon zu Beginn des Films klar, dass ihm die Verwandtschaft ringsum weit wichtiger ist als jene hinter der eigenen Haustür.

Es geht in Daniel Harrichs fabelhaftem Drama folglich gar nicht nur um die Abgründe des globalen Handels mit Dingen, die besser nicht global gehandelt werden, sondern um was Archaisches: Familie, dieses blutdicke, traditionsharte, oft konservativ gebrauchte, selten belanglose Wort nürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, mit dem sich auch in einer sozial fragmentierten Zeit wie unser nahezu alles verkaufen lässt: Vergangenheit und Zukunft, Abgrenzung und Offenheit, Gemeinsinn, Liebe, Hass, Werte, ach ja: Und Waffen. Waffen? Fragen Sie mal Heckler & Koch!

Die badische Waffenschmiede baut seit 1949, was gemeinhin als „Wehrtechnik“ verharmlost wird und momentan unterm Kürzel „G36“ für größtmögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Rüstungssektor steht. Errichtet auf den Ruinen des Konkurrenten Mauser, der vom selben Oberndorf am Neckar aus (mit kurzer Entnazifizierungsunterbrechung) seit gut 200 Jahren Schießgerät in alle Welt liefert, versteht sich H&K nicht bloß als mittelständisches Unternehmen, sondern als weitverzweigte, stets verlässliche, sehr verschwiegene Sippe, zu der Mitarbeiter, Nachbarn, Kunden ebenso zählen wie die Verwandtschaft aus Politik Verwaltung und Ökonomie.

Am Beispiel eines beschlagnahmten G36 mit, Registrierungsnummer 85-012252, das sich trotz Ausfuhrverbot bei einem berüchtigten Killer im mexikanischen Bandenkrieg wiederfand, folgt bereits das aktuelle ZEIT-Dossier den Ästen, Wurzeln, Trieben dieses Stammbaums und stößt dabei auf ein Geflecht wechselseitiger Hilfestellung, Vorteilsnahme und Amtshilfe, die sprachlos macht. Sogar Daniel Harrich. Gewissermaßen. Denn um dem schwebenden Verfahren gegen Heckler & Koch nicht filmisch vorzugreifen, hat der Regisseur und Drehbuchautor sämtliche Protagonisten von den Ergebnissen seiner jahrelangen Recherche zum System H&K abstrahiert. Reiner Selbstschutz, heißt es vom verantwortlichen SWR. Anders als in seiner anschließenden Dokumentation Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam, nennt Harrich den inkriminierten Waffenhersteller in Meister des Todes vorsorglich „HSW“. Mit besagtem Alex Stengele in leitender Funktion, dessen Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) und einem Mittelsmann namens Lechner (Udo Wachtveitl), die dank willfähriger Ministerialdirigenten (Michael Roll), Wirtschaftsfunktionäre (Herbert Knaup) und anderweitig korrupter Gewährsleute wie dem Botschaftspersonal das Sturmgewehr GS38 nach Mexiko schaffen. Ein Land im Kriegszustand, das vom Auswärtigen Amt auf die Rote Liste jener Staaten gesetzt wurde, dem keine kriegstauglichen Waffen geliefert werden dürfen.

Eigentlich.

Doch wie geschmiert sich solch ein Verbot „mit aktiver Unterstützung der für Kriegswaffenexportkontrolle zuständigen Ministerien und Behörden“ umgehen lässt, wie Harrich feststellt, das zeigt seine Erzählung vom HSW-Mitarbeiter Peter Zierler (Hanno Koffler), der das SG38 so unvoreingenommen wie innbrünstig am fernen Bestimmungsort präsentiert – bis er Augenzeuge eines tödlichen Einsatzes der heißen Ware in den Händen der dortigen Polizei wird und sich fortan von seinem Arbeitgeber, für den schon Vater und Großvater tätig waren, lossagt. Mit allen Folgen eines verletzten Wir-Gefühl verschworener Gemeinschaften. „Die Familie vergisst nichts“, sagt der ausdrucksstark verkarstete Lauterbach zu seinem verstoßenen Ziehsohn, als der „Nestbeschmutzer“ von seiner alten Dorfgemeinschaft erst ausgeschlossen, dann scharf beschossen wurde.

Wie seine „Familie“ all die Schweinereien von Waffenschiebereien bis zum kollektiven Mobbing durchzieht – das ist fast zu realistisch, um bloß erzählt zu sei. Dennoch bleibt es in jeder Sequenz ein erfundenes Fressen für den Prozess gegen Heckler & Koch, der womöglich hohe Strafen nach sich zieht. Wie schons Harrichs erschütternder Oktoberfest-Spielfilm „Der blinde Fleck“, dem im Frühjahr die Wiederaufnahme fahrlässig eingestellter Ermittlungen vor rund 30 Jahren folgte, könnte also auch dieses Werk juristische Konsequenzen haben.

Zuvor aber liefert es exzellentes Politainment mit herausragenden Darstellern in so glaubhaften Rollen, dass selbst Veronica Ferres als Stengeles Frau nie stört. Was in den „Dokumenten zum Leben fehlt“, sagt Co-Autor Gert Heidenreich über die erdachten, aber realen Charaktere, „haben wir durch Fantasie und Dramaturgie erfunden“. Nur so schafft es ein abstraktes Thema wie illegaler Waffenhandel an all den anderen Krisen der Welt vorbei in die Köpfe der Zuschauer. Schon dafür gebührt Daniel Harrich Dank!


Franz Beckenbauer: Denkmal & Denkverbote

fussball-ein-leben-franz-beckebauer-100-_v-standard368_01ed56Halbgott in Rot

Der Kaiser und sein Hofberichterstatter (Foto: ARD) – zum 70. Geburtstag am Freitag hat der versierte Dokumentarfilmer Thomas Schadt dem Fußballmonarchen Franz Beckenbauer ein Porträt geschenkt, das hinreißend komponiert ist, aber leider alles ausspart, was auch nur annähernd am Denkmal des Kaisers zu kratzen vermag. Wie peinlich.

Von Jan Freitag

Nico Hofmann, der frisch gebackene Ufa-Chef, gibt‘s offen zu, ist „nicht sonderlich fußballaffin“. Im Land der 40 Millionen Bundestrainer ist das eine durchaus mutige Aussage – die den wichtigsten Fernsehmacher im Land keineswegs davon abhält, gern mal was mit Fußball zu produzieren. Am Dienstag etwa verballhornte Sat1 in Hofmanns Auftrag den Fall Uli Hoeneß zur Udo Honig Story, in der zwar kaum ein Ball rollte, dafür das „R“ auf Franz Beckenbauers Zunge, herrlich großkotzig verkörpert von Hannes Jaenicke.

Zwei Tage zuvor jedoch spielte sich der Kaiser selbst, besser: er zelebrierte sich, wofür ihm die ARD am Sonntag die wichtige Sendezeit nach dem ersten Tatort der neuen Saison freiräumte. Franz Beckenbauer wird nämlich präsidiale 70 und das Erste, nur fünf Jahre jünger, beschenkt ihn so reichlich, als würde das Diktum, über Tote nicht schlecht zu reden, kurz mal auf Lebende erweitert. Fußball – Ein Leben heißt die Huldigung des Regenten vom heiligen Rasen und gewährt dem Pöbel namens Publikum Audienz beim Ehrenspielführer aus Münchens Südosten.

In Spielfilmlänge lässt Thomas Schadt die Sonne aufs Haupt jenes Liberos scheinen, der dem Sport eine neue Richtung gab. 18 Monate hat ihn der gefeierte Regisseur begleitet, ist ihm in dunkle Archive voller Schwarzweiß- und Bonbonfarbenbilder gefolgt, zu den Stadien zwischen Giesing, Rom und New York, die einen Mythos zur Unsterblichkeit geformt haben. Mit seiner herausragenden Fähigkeit, altes mit neuem Material sinfonisch zu arrangieren, ist dem versierten Dokumentarfilmer somit ein Blick ins Wesen dieses weiß gereiften Über-Ichs des globalen Fußballs gelungen, der ihm nicht bloß die Seele öffnet, sondern sogar seine vier Wände. Nur wo genau die stehen – das hätte dem Autor schon mal einen Nebensatz wert sein können.

In Salzburg nämlich.

Ein Steuerparadies, zumindest von Beckenbauers Heimat aus betrachtet, wo die Abgaben weit höher sind, was des Kaisers Ruf vom Fiskusflüchtlings grundiert. Aber im Film? Kein Wort davon! Wie so viele Schattenseiten der Lichtgestalt unbeleuchtet bleiben. Da wäre die Stimme des früheren Fifa-Funktionärs für die Weltmeisterschaften in Katar und Russland, was auf unappetitliche Weise mit PR-Tätigkeiten für Putins Staatskonzerne sowie seiner menschenverachtenden Aussage über Arbeitssklaven im vulgärkapitalistischen Scheichtum korreliert, von denen er partout keinen gesehen haben will. Da wäre auch das dumpfe Raunen über Unregelmäßigkeiten beim Zustandekommen des Sommermärchens, Beckenbauers Baby. Da wären also diverse Matschflecken auf des Kaisers Hermelin, die dieser charmanten, einvernehmenden, manchmal cholerischen, meist umgänglichen Persönlichkeit sicher keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätten. Die ARD aber hat sie ganz gelassen. Nur warum?

Weil derlei Kritik mit fünf Minuten nonchalanter Einlassung Beckenbauers zum Ausschluss von der WM 2014 infolge nicht beantworteter Fragen der Ethikkommission zur WM-Vergabe „abgehandelt worden sind“, wie Produzent Jochen Laube vorab in einem Hamburger Kino betonte. Weil der Film dem Gefilmten „ein Versprechen auf Vertrauensebene gemacht“ habe, das zu brechen ein „ganz anderes Projekt hervorgebracht hätte“, wie Bettina Reitz als Fernsehdirektorin des zuständigen BR hinzufügte. Weil der Franz auf all die heiklen Fragen „ohnehin nur das geantwortet hätte, was man sich tausendfach bei Youtube“ ansehen könne, sekundierte der hauptverantwortliche Nico Hofmann und verwies auf die feinen Zwischentöne über den Schwerenöter oder dessen Selbstvermarktungsdrang.

Allein, das kann man auch mit einem Gutteil der fabelhaften Archivbilder eines lebenden Denkmals, das schlicht zu solide ist, um durch ein paar harte Worte der Wahrheit Kratzer zu erlangen. So bleibt nach 90 durchaus tief greifenden, toll komponierten, tadellos inszenierten Minuten aus dem Dasein eines grandiosen Sportlers der Makel, ihm nicht allzu nahe treten zu wollen. So war Thomas Schadt im Dokudrama Der Mann aus der Pfalz bereits mit Helmut Kohl verfahren, das den verschwiegenen Wende- und Spendenkanzler als äußerlich ruppigen, innerlich sittenstrengen Politikmacher mit menschlichem Antlitz porträtierte. Es war ein Film gewordener Kniefall vorm Alphatier, dem als Moderator Schadt willfährige die Steigbügel hielt. Vielleicht erklärt das ja den Sendeplatz seiner Beckenbauer-Eloge. Es ist der von Günther Jauch.

Fußball – Ein Leben: Abrufbar in der ARD-Mediathek, Wiederholung Freitag, 20.15 Uhr, im BR


Der Patriarch: Uli Hoeneß & Udo Honig

Von wegen Demut

Sat1 und ZDF machen den Fall Hoeneß fast zeitgleich zu abendefüllenden Filmen. Der Patriarch mit Thomas Thieme als Bayern-Boss macht heute den Anfang und zeigt: etwas mehr privater Humor hätte dem gut recherchierten Dokudrama gut getan.

Von Jan Freitag

Es gibt nicht viele Menschen, deren Äußeres allein schon zur bundesrepublikanischen Ikonografie zählen. Konrad Adenauer vielleicht, Boris Becker, Tony Marshall, vielleicht noch Susann Stahnke. Ach ja – und Uli Hoeneß natürlich, der schwäbische Dampfkessel. Wenn es in ihm arbeitet, arbeitet es nämlich meist gewaltig. Wenn es in ihm kocht, kocht er beinahe über. Wenn es ihn ihm brodelt, dann wird sein Kopf gemeinhin zum Hochofen: Schmallippig, rotgesichtig, prallvoll mit Plänen vom nächsten Angriff noch im Moment des Rückzugs. Uli Hoeneß, das weiß Annette Ramelsberger besser als andere, ist ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, mal charmant, meist aufbrausend, aber demütig? Nein, sagt die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung im ZDF-Film Der Patriarch, Demut sei „wider seine Natur“. Weshalb sie dem gefallenen Engel hiesiger Fußballherrlichkeit unterstellt, die Beichte vor Rupert Heindl sei bloß gespielt.

Na das passt ja.

Vorm Strafrichter am Landgericht München mimt Thomas Thieme die Demut seiner Titelfigur mit einer Art innerem Aufruhr, der offenbar nur vorgeschoben ist und dem Original somit fast gespenstisch nahe kommt. Dauernd arbeitet, kocht und brodelt es so wahrhaftig im Charakterdarsteller, dass Der Patriarch oft vom Dokudrama zur dramatischen Dokumentation wächst. Und das hat mehr Gründe als besagter Thieme, der seinen wuchtigen Leib schon Helmut Kohl lieh, Gustav Krupp oder Martin Bormann.

Da wäre das Drehbuch, mit verfasst von Annette Ramelsberger, die dem Steuerhinterziehungsprozess vom mediensturmumtosten Anfang bis zum erwartbaren Ende beigewohnt hat. Da wäre also eine umfassende Recherche, die in den Verhandlungspassagen auf Gerichtsprotokollen beruht und in den Rückblicken auf reichhaltiger Quellenlage der aufkommenden bis formvollendeten Mediengesellschaft. Da wäre demnach eine Titelfigur, die Zeit ihres Lebens im Rampenlicht steht und dort von allem berichtet, was angefragt wird, also einer Menge. Da wäre, in einem Wort: viel Wahrhaftigkeit.

Und zwar selbst dann, wenn sich das obligatorische Reenactment mit Robert Stadlober als Dieter mit Löwenmähne überm Bayerntrikot in ihrer polyesterbunten Siebziger-Ästhetik oft arg gefällt. Geschickt montiert Regisseur Christian Twente einen Ulmer Metzgersohn mit dem bayerischen Nationalspieler zum Über-Ich globaler Fußball-PR, dessen machtbewusste Empathie seinen Sport mehr geprägt hat als alle Beckenbauers, Bosmans, Ballartisten. Und wenn das Bild vom Gerichtssaal, wo mit jedem Verhandlungstag weitere Millionen hinterzogenes Geld zutage treten, über den väterlichen Betrieb, wo der Lehrling zur Expansion rät, umschaltet auf ein grobkörniges Originalzitat des 22-Jährigen, keiner seiner Schulkameraden müsste wie er „Steuererklärungen ausfüllen oder Geld anlegen“, ist das dramaturgisch auf höchstem Niveau.

Dummerweise bleibt der Film auch atmosphärisch oft erhaben. Von der Kanzel seriöser Unterhaltung aus sendet er reichlich Moralin ins Publikum – bedeutungsschwer, sachlich, aber nur selten mit dem, was Uli Hoeneß kennzeichnet: Hingabe. Dem Patriarch fehlt trotz Thieme, Kostümorgien und putziger Originalzitate jede Leichtigkeit im Umgang mit einem Skandal, der ja vor allem bizarr anmutet. Von Willi Lemke über Theo Zwanziger bis Rainer Calmund sitzen gewichtige Zeitzeugen im Dutzend vor der Kamera; allein, es fehlt jene Emotionalität, die der tiefe Fall des hochgestiegenen Halbgottes bei vielen bis heute entfacht, wo er Gerüchten zufolge schneller als jeder Verurteilte zuvor zum Freigänger wurde.

Da war es keine schlechte Entscheidung von Sat1, den Fall 13 Tage später zur Groteske im Stil von Wes Andersons Grand Budapest Hotel zu machen. Uwe Ochsenknecht spielt Udo Honig darin als ulkigen Strippenzieher, der seinen Knast bald nach der Einweisung zur florierenden Wurstfabrik managt. Mit Wahrheit hat das weniger zu tun als Steuerbetrug mit einem Kavaliersdelikt. Da oft aber grad im Humor die Wahrheit am wirksamsten ist, sei Wissbegierigen mit Unterhaltungsbedarf vielleicht doch eher der Kommerzkanal empfohlen. Nach kurzem Warm-up im Zweiten.


The Yes Men: Spaß & Guerilla

Ja-Sager mit Nein-Kraft

Seit 20 Jahren irritieren The Yes Men mit unterhaltsamen Fake-Aktionen die Mächtigen aus Politik und Business. Nach zwei grandiosen Porträts kommt nun die nächste Beleuchtung der Spaß-Guerilla mit Tiefgang ins Kino: In Die Yes Men – Jetzt wird’s persönlich zeigt Laura Nix mal ein paar private Seiten des Aktivisten-Duos mit belgisch-ungarischen Wurzeln, aber auch ihre neuen Einsatzorte. 

Von Jan Freitag

Es gab Zeiten, da riefen Unzufriedene bei Ämtern an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Manche schrieben auch Leserbriefe oder gingen unverdrossen auf die Straße, wenn aus ihrer Sicht etwas falsch lief im System, welcher Art auch immer. Modernen Aktivisten mit Sendungsbewusstsein ist das längst zu ineffektiv. Statt vor einer Handvoll Anwohner auf abgelegenen Routen zu demonstrieren, führen sie lieber 120 Millionen TV-Zuschauer weltweit so dreist hinters Licht, dass selbst die Aktienkurse purzeln. Ihr Name: The Yes Men. Eine Schar  renitenter, aber humorbegabter Weltverbesserer, die den Gang der globalisierten Dinge so dicke haben, dass sie No Men heißen müssten. Man konnte ihr Schaffen vor ein paar Jahren im schlichtweg brillanten Dokumentarfilm Die Yes Men regeln die Welt bestaunen. Jetzt kommt der dritte Teil einer losen Reihe verschiedener Autoren über das Medienphänomen zweier Ja-Sager mit großer Nein-Kraft ins Kino. Und verspricht wieder großes Entertainment mit Relevanz.

Denn Jacques Servin und Igor Vamos alias Andy Bichlbaum und Mike Bonnano – Autoren, Täter, Hauptdarsteller all dieser fantastischen Kompendien kreativen Widerstands gegen übermächtige Gegner – schaffen es seit nunmehr 20 Jahren, den Irrsinn unserer Welt frei von Zynismus so auf die Hörner zu nehmen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern den Kopf freiräumt. Wenn sie etwa als Konzernsprecher eines US-Multis vor die Kamera treten, um via BBC zu verkünden, Dow Chemical wolle 25 Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal endlich über 100.000 Opfer der explodierten Pestizid-Fabrik mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Dafür mussten die Yes Men bloß eine Homepage der Welthandelsorganisation WTO online stellen und auf eine Einladung der BBC zu warten.

Und so geht es weiter.

Noch immer narren sie Konferenzen, veröffentlichen Zeitungen mit guten Nachrichten, mischen sich unter die Occupy-Bewegung oder versprechen als Verwaltungsangestellte verkleidet, anders als es skrupellose, aber einflussreiche Investoren planen, völlig intakte Sozialwohnungen nach dem Hurrikan Katrina doch nicht abreißen, sondern sanieren zu wollen. Sie verkünden also eine Gerechtigkeitslogik, die der Shareholderkapitalismus täglich verhöhnt. Ihr Lohn ist das rechts-konservative Urteil “abartig und pervers” – nicht über die Politik sondern über den Protest dagegen.

Das macht die Spaß-Guerilla zu Michael Moores von heute, nur humorvoller, mutiger, weniger selbstgerecht. Und weil man ihrem scheuen Charme fast unvermeidlich erliegt, weil der Erfolg ihrer Aktionen scheinbar niemanden so sehr überrascht wie die Aktionisten selbst, dürfen auch Filme über ihr Engagement sein, was sachliche Dokumentationen eigentlich nicht sein dürfen: subjektiv, parteiisch, mal wütend, mal froh. Gerade deshalb aber sollte sie zum Pflichtprogramm marktradikaler Kräfte auf dem ganzen missbrauchten Planeten werden. Der unverfrorenen, zerstörerischen, machtbesessenen Dreistigkeit eines Systems, das ihn zum Spielball ihrer Profitinteressen macht, ist anders kaum beizukommen. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!