Arte-Doku: Rammstein in Amerika
Posted: October 28, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Rammie goes to Hollywood
Die herausragende Arte-Doku Rammstein in Amerika (Foto@Guido Karp/ZDF) zeigt den unwahrscheinlichen Siegeszug der erfolgreichsten deutschen Band auf dem schwierigsten Markt für ausländische Künstler und lässt dabei offen, wer da eigentlich wen genau benutzt.
Von Jan Freitag
Chad Smith zählt fraglos zu den Superstars im Milliardenbusiness Rock’n‘Roll. Als Schlagzeuger der rasend erfolgreichen Red Hot Chili Peppers dürfte ihn nach bald drei Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt also nichts mehr überraschen. Außer vielleicht: Till Lindemann. Den, erzählt dieser Chad Smith, habe er mal gefragt, was es mit all dem Feuer auf sich habe, und drei Antworten erhalten. Erstens, zitiert er den Rammstein-Sänger mit teutonischem Akzent, das des Geistes. Zweitens, sein Lächeln gerät fast spöttisch, das des Herzens. Und drittens, der abgebrühte Profi imitiert das Ganzkörperlachen des Pyromanen aus Ostdeutschland mit der Innbrunst eines bekennenden Fans, „einfach Feuer“. Einfach Feuer?
Am Sehnsuchtsort allen Entertainments, der die Hülle notorisch zum Wesenskern des Inhalts erhebt, ist Feuer nie bloß Feuer, sondern Teil einer Show, von deren Lichtstrahl auch das Sextett realsozialistisch sozialisierter Ex-Punks angesaugt wurde wie Jünger vom Demagogen. Hannes Rossachers Arte-Dokumentation Rammstein in Amerika skizziert daher nicht nur den Weg einer neudeutschen Band mit altdeutschem Gestus zu urdeutscher Sprache dorthin, wo fremde Bands mit fremdem Gestus zu fremder Sprache inakzeptabler sind als Klingonen auf der Enterprise. Rammstein in Amerika ist demnach die Muskelfleisch gewordene Synthese des Unvereinbaren, das zusammenwächst, weil es zusammengehört.
Kollege Smith weiß davon ein Lied zu singen. Iggy Pop übrigens auch, zudem Marilyn Manson, Steven Tyler, Gene Simmons, Moby, Slipknot und wie die erlesenen Platzhalter der Popkultur vor Rossachers Kamera so heißen. Zwischen kindlicher Verblüffung und adulter Hochachtung feiern sie 90 klingende Minuten lang ein Phänomen, das unerklärlich scheint und doch so naheliegend wie der Titel des Films.
Nach Amerika nämlich bricht er 1993 in grobkörnigen Archivbildern auf, als sechs befreite Zonenkinder ein Jahr vor Rammsteins Gründung zufällig zeitgleich die USA bereisen. Als Freiheitstest ins land of the free geplant, geriet der Besuch zur Pilgerfahrt ins Land der Ungläubigen, die bekehrt werden wollten, davon aber noch nichts wussten. In „Rammstein“, erklärt Iggy Pop euphorisch wie ein Junge beim Entdecken der Schokoladenschublade, stecke ja nicht nur das aggressive ram plus steinerner Härte, sondern eine US-Militärbasis, die 1988 in Flammen aufging. „Unser wunder Punkt“, meint der Berlin-Exilant aus Bowies Kreuzberger Tagen. Die Träger des Namens steckten genüsslich die Finger rein. Besser: die Lunte.
Kaum nämlich, dass ihre „Neue Deutsche Härte“ dem amerikanischen Nu Metal Mitter der Neunziger ein teutonisches „R“ über die Riffs gerollt hatte, eroberten die Mecklenburger ihren Bestimmungsort – nein, nicht grad im Sturm. Doch nach dem ersten Auftritt in New York vor 15 Gästen ging es schnell mit dem Auswärtserfolg. Gründe dafür entlockt Regisseur Rosslacher den weltweit erfolgreichsten Popstars aus Deutschland beim entspannten Plaudern auf schwarzen Sofas, wo die angegrauten Veteranen kaum zu sehen sind, so martialisch kleiden sie sich noch als sorgsame Familienväter.
Wobei es ja drei Gründe waren: Feuer (Kopf), Feuer (Herz), Feuer (Feuer). Gepaart mit dem wagnerianisch überfrachtetem Thrill von Sex, Gewalt und Nazikitsch war das Flammeninferno Rammstein besonders live „so extrem, so real“, dass ihr künftiger Agent schon früh gewusst haben will: „Amerika wird das fressen! Und wie. Streng chronologisch macht der Film deutlich, was diesen Appetit westlich des Atlantiks erzeugt, befriedigt und neu entfacht hat. Vom Soundtrack zu David Lynchs Lost Highway über den Kampf der Pyromanen mit örtlichen Brandschutzregeln und einem publikumswirksamen Prozess wegen pornografischer Showelemente bis hin zur US-Tour mit eingeborenen Genre-Göttern wie KoЯn ging es einzig bergauf – bis Rammstein nach 9/11 Zweifel am Land der Träume kamen, das sich nun fast so unfrei anfühlte wie das eigene hinterm Eisernen Vorhang, weshalb die Band ihre zweite Heimat wieder verließ. Für zehn Jahre.
Aber nicht nur dort kühlte der Draht zwischen Publikum und Band merklich ab. Noch immer eine Ikone artifiziellen Kommerzes, hatte das Feuilleton zwei Jahre zuvor erstmals mit der rechter Umtriebe nie unverdächtigen Band gefremdelt, als das Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped Leni Riefenstahls Herrenmenschenbilder nutzte. Nach der dritten Platte Mutter schien sich auch ihr Sound abzunutzen, worunter auch die bandinterne Stimmung litt. Das Feuer brannte – zumal auf der Bühne – weiter, doch es wärmte weit weniger. Bis der explizite Porno zur Single Pussy 2009 den Erregungsregler auf Anschlag drehte und Rammstein ein Jahr drauf heim ins Reich des Pop zurückkehrten.
Der Gig im Madison Square Garden, nach 20 Minuten ausverkauft, bildet die dramatische Klammer von Rossachers Film, den Hollywood nicht besser scripten könnte: Aufstieg & Fall, Zweifel & Einsicht, Katharsis & Auferstehung von Helden, deren Heroismus brüchig ist wie im Serienfernsehen dieser Tage – so geht Musikdokumentation für Kinoansprüche. Trotz allen Erfolgs türmt der Regisseur seine Objekte ja nicht nur zu Denkmälern auf, er stutzt sie zwischendurch auf die Größe von Avataren der Aufmerksamkeitsindustrie. Sechs provokante Feuerteufel zum Amüsement einer sittenstrengen, dauererregten, konsumgeilen Gesellschaft. Wie Rammstein, meint Scott Ian von der Metal-Legende Anthrax und lächelt wie zu Beginn Chad Smith, stelle sich Amerika halt Deutschland vor: „Eine gut geölte Maschine.“ Gut, dass Hannes Rossacher offen lässt, wer sie führt.
Der Film ist noch bis Samstag in der Arte-Mediathek zu sehen
Gomorrha: Serienfiktion & Wirklichkeit
Posted: October 14, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Sterben auf Abruf
Als Gomorrha (donnerstags, 21 Uhr, Arte) auf Grundlage von Roberto Savionos Bestseller entstand, hat die Serie kriminell befreite Zonen wie Neapel perfekt bebildert (Foto: Emanuela Scarpa/ZDF). Dass die Gewalt auf den Straßen zurzeit brutaler ist als auf dem Bildschirm, erschüttert sogar den berühmten Autor im Untergrund, wie er vom Untergrund aus im exklusiven freitagsmedien-Interview betonte – tut der Qualität aber keinen Abbruch.
Von Jan Freitag
Wer erfolgreich Fernsehen machen will, hält sich gern an Spielregeln, die Gesetzeskraft entfalten. Anschlussfähige Protagonisten dürfen auf ihrem holprigen Weg zum Happyend allenfalls kurz mal die Seite des Guten verlassen, wo sie auf Antagonisten treffen, denen das Antagonistische schon optisch aus allen Poren dringt. Was Drama, Action, Gefühl, Humor betrifft, sollte Fiktion der Realität aber auch sonst ein Stück weit vorauseilen, sofern sie auf Topquoten zielt. Am Bildschirm, lautet das Prinzip, ist nicht weniger, sondern mehr mehr. Weil viel eben doch viel hilft, hat Liebe also ein wenig leidenschaftlicher zu sein als im wahren Leben. Hass rasender. Spaß lustiger. Gewalt blutiger. Alles irgendwie intensiver. So gesehen begeht Gomorrha einen Fernsehgesetzesbruch.
Zum Glück. Die italienische Mafia-Serie mag nämlich so krass sein, so schonungslos roh, fast barbarisch, dass die Brutalität oft unerträglich ist. Dummerweise jedoch zeigt sich Neapels Wirklichkeit jenseits der Filmstudios zurzeit noch viel viel schlimmer. Und das will einiges heißen: Die Geschichte des Camorra-Killers Ciro, der seinem Clan-Chef Don Pietro mit allen Mitteln die Vorherrschaft im neapolitanischen Bandenkrieg zu sichern versucht, ist von geradezu diabolischer Abgründigkeit. Sie zeigt sich schon in der ersten Szene. Während Ciro den Kanister eines geplanten Brandanschlags gegen die verfeindeten Contes mit Benzin füllt, diskutiert er in aller Seelenruhe die Facebook-Aktivitäten der pubertierenden Kinder seines väterlichen Komplizen Attilio (Antonio Milo), der ein paar Autominuten später jenes Feuer entfacht, das seine Opfer am Esstisch überrascht, wo Mama Conte ihrem Sohn grad das Rauchen verbietet und dem Herrgott sodann für die hausgemachte Pasta dankt.
So dialektisch geht es alle zwölf Teile zu, die Arte ab heute in Doppelfolgen zeigt: Je entfesselter die geschätzt 50 Familienbanden der Mafiametropole im Kampf um Ehre, Macht und Drogen Auge um Auge, Zahn um Zahn verrechnen, desto absurder erscheint die bürgerliche Normalität, in der das große Schlachten vonstatten geht. Wobei diese Kontrastprogramm beileibe kein neues Phänomen ist: Die Dualität zwischen Gott und Teufel, Alltag und Verbrechen, Ordnung und Exzess prägte schon die Sopranos oder Breaking Bad – beide bereits zu Drehzeiten Legenden horizontal erzählten Fernsehens, die das Medium nachhaltig auf Kinoniveau gehoben und nebenbei den Typus des Schwerstkriminellen heldentauglich gemacht haben.
Zum Sympathieträger taugt auch Ciro, dank seiner erstaunlichen Überlebensfähigkeit „Der Unsterbliche“ genannt. Marco D’Amore spielt ihn ja nicht bloß als skrupellosen Handlanger des selbstherrlichen Don Pietro (Fortunato Cerlino), sondern als mitfühlenden Skeptiker mit Dackelblick und Familie, der den Verbrecher in sich immer wieder dekonstruiert. So ähnlich funktionieren auch die organisiert kriminellen TV-Kollegen Tony Soprano und Walther White – mit einem Unterschied: Trotz aller Authentizität sind es reine Kunstfiguren. In „Gomorrha“ hingegen wirkt alles echt.
Autor ist schließlich Roberto Saviano, der für den gleichnamigen Weltbestseller über die Mafia-Strukturen seiner Heimatstadt vor neun Jahren abtauchen musste und seither unter Polizeischutz im Verborgenen lebt. Nach Matteo Garrones Spielfilmversion des Dokumentarstoffes von 2008, verantwortet der 36-Jährige nun also auch die Serie und glaubt, das „kompromisslos realistische“ Ergebnis könnte „sowohl inhaltlich als auch dramaturgisch mit den besten Serien weltweit mithalten“. Und in der Tat: Anders als mehr oder minder realistische Fiktionen von Coppolas Pate bis zum 80er-Epos Allein gegen die Mafia kommt die erbarmungslose Wucht archaischer Stammesriten hier ohne publikumswirksame Romantik aus. Das Leben der Camorristi ist selten glamourös, sondern im besten Falle tragisch. Und ihre Stadt? Ein Höllenloch!
Das gesetzlose Neapel von Regisseur Stefano Selima, ein Slum ohne Wellblechhütten, ertrinkt selbst dort, wo das Gangstergeld sitzt, in Dreck, Verfall und Apathie. Die Plattenbauten gleichen Favelas. Drogen werden durch Einschusslöcher vertickt. Statt Schule trainieren Kinder Clangebräuche. Und wo es mal ein wenig glänzt, ist es der protzige Bling Bling stilunsicherer Mobster, die glauben, wenn ihr Plasmaschirm im barocken Blattgoldrahmen läuft, sei Monte Carlo näher als die Müllkippe vor der Tür. Selbst genreübliche Sexszenen, die ähnlich gestrickte Thriller sonst um ein wenig körperliche Wärme ergänzen, fehlen hier fast vollends. Das Leben im Sündenpfuhl ist ein Sterben auf Abruf.
Umso furchtbarer, dass die Serie dennoch auf einer Eskalationsstufe verharrt, die von der Gegenwart längst wieder überholt wurde. Nachdem sich die Lage in Neapel – auch infolge der weltweiten Beachtung des Buches – durch zahllose Verhaftungen alter Clanbosse entspannt hatte, wird die Stadt seit kurzem von einer beispiellosen Gewaltwelle blutjunger „Babygangs“ erschüttert, deren Brutalität jenseits aller Ehrencodizes selbst Insider überrascht. Erschrocken befürchtet Saviano einen „Camorra-Krieg“, der „nicht mehr allein den tradierten Mechanismen folgt, sondern einer Strategie des Terrors“. So detailliert Gomorrha das Dilemma einer kriminell befreiten Zone, deren Abstieg unablässig den Boden weiterer Rechtlosigkeit nährt, auch skizziert: Die Realität hat ihre Fiktionalisierung also längst überholt. Der Relevanz dieser herausragenden Serie allerdings tut das trotz dieser Differenz keinen Abbruch und ihrer Unterhaltsamkeit trotz miserabler Synchronisation schon gar nicht. Viel besser war europäisches Festlandfernsehen selten. Und deutsches noch nie.
Tatort Verbrannt: Rassismus & Korpsgeist
Posted: October 7, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Die Wahrheit der Dichtung
Verbrannt ist nicht nur ein exzellenter Tatort. Der reale Fall eines getöteten Asylbewerbers in Polizeigewahrsam am kommenden Sonntag (Foto: NDR) verweist auch auf jene Kraft, die Fernsehen noch immer auf öffentliche Debatten haben kann.
Von Jan Freitag
Große Ereignisse, sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Doch das Sprichwort wegweisenden Weltgeschehens muss dringend erweitert werden. Denn mehr noch als Schatten werfen große Ereignisse Drehbücher voraus, Vorlagen künftiger Spielfilme, die – das zeigen zuletzt gleich zwei Filme zum Fall Hoeneß – nicht mal mehr den Ausgang des Ereignisses abwarten. Der Prozess gegen Beate Zschäpe etwa nahm erst richtig Fahrt auf, da stand Lisa Wagner bereits als NSU-Braut vor der ZDF-Kamera. Die Alpen lagen voller Germanwings-Trümmer als Autor Benedikt Röskau schon eifrig an seiner Katastrophentragödie Blackbox Mensch schrieb. Auch der Anschlag auf Charlie Hebdo ist Teil mehrerer Dramenprojekte, von der aktuellen Flüchtlingsflut ganz zu schweigen. Verglichen damit hat die ARD fast getrödelt, wenn Sonntag ihr politischster „Tatort“ seit langem läuft.
Er handelt vom afrikanischen Asylbewerber Oury Jalloh, der 2005 im Gewahrsam einer Jenaer Polizeistation verbrannt war. Obwohl der Vorwurf des Mordes durchs wachhabende Personal bis heute im Raum steht, wurde (nach zwischenzeitlichem Freispruch) einzig der Dienststellenleiter zu lachhaften 120 Tagessätzen wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Auf Initiative des NDR rückt dieser Skandal einer an Skandalen keineswegs armen Exekutive nun abermals ins kollektive Bewusstsein. Und er wird dort Spuren hinterlassen. Tiefe Spuren.
Zum einen, da ihn Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller im letzten Fall derart eindrücklich zum Leben erwecken, dass nicht nur ideologisch wachsame Zuschauer 90 Minuten körperlich mitleiden: Bei der Observation angeblicher Flüchtlingsschlepper verprügelt Kommissar Falke einen unschuldig verdächtigten Afrikaner, der sich sodann in Haft einer angrenzenden Polizeiwache selbst verbrannt haben soll, was weder der reumütige Falke noch seine Kollegin Lorenz glauben und damit am rassistischen Korpsgeist der beteiligten Beamten abprallen.
Ein tiefgründiger, bewegender, glaubhafter, brillant gespielter Fall – der allerdings auch deshalb für Furore sorgen könnte, weil das Leitmedium dank seines unwiderstehlichen Drangs zur Faktenfiktionalisierung zusehends den Part einer soziokulturellen Paralleljustiz übernimmt, der die Nachrichtenlage spielerisch nachverhandelt. Wenn sich der rassistische Sumpf einer namenlosen Kleinstadt bei Hamburg ausgerechnet da auftut, wo doch Recht und Ordnung herrschen sollte, könnte es also über den Abspann hinaus Diskussionsbedarf geben. Und Günther Jauch dürfte – falls kein neues Dokudramenthema in spe die Tagesschau dominiert – über straffällige Gesetzeshüter talken.
Debatte dank Entertainment – mehr konnten sich Regisseur Thomas Stuber und sein Autor Stefan Kolditz (Dresden) vom Krimiformat kaum erhoffen. Oder doch? Daniel Harrichs journalistisch recherchierte ARD-Dramen zum Oktoberfest-Attentat und illegalen Waffenhandel hatten zuletzt nicht nur gute Quoten, sondern juristische Folgen: Hier die Neuaufnahme der Ermittlungen nach 30 Jahren Justizblindheit. Dort eine aktuelle Stunde im Bundestag nebst Öl ins Feuer derer, die Deutschlands Militärindustrie im Ganzen verteufeln.
Wenn Fernsehen mit Rückgrat, Leidenschaft, Wahrheitsliebe gemacht ist, hat es also noch immer die Kraft zur Veränderung. Als besorgte Ruhrpott-Bewohner 1973 zu Tausenden beim WDR anriefen, ob der Smog in Wolfgang Petersen berühmtem Fernsehspiel echt sei, hatte das zwar wie einst bei Orson Welles‘ Radio-Invasion Außerirdischer viel mit medialer Unreife zu tun, gab der jungen Öko-Bewegung aber einen kräftigen Schub. Vier Jahre später musste der BR den zarten Spross homosexuelle Gleichberechtigung noch durch ein Sendeverbot des Schwulendramas Die Konsequenz düngen, bis Holocaust belegte, wie viel das Fernsehen zu echtem Wandel beitragen kann. Der US-Vierteiler war ja nicht nur ein Straßenfeger; er machte das Thema Nationalsozialismus (erneut gegen den erbitterten Widerstand des damaligen BR-Fernsehdirektors Helmut Oeller) endgültig massentauglich.
Solche Eruptionen einer Ära, als die halbe Nation vor ein und demselben Sender saß, sind im Zeitalter zergliederten Medienkonsums kaum noch möglich. Doch Filme wie „Contergan“, den der verantwortliche Pharmakonzern Grünenthal 2007 bis vorm Verfassungsgericht stoppen wollte, oder das Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt“, dem die inkriminierte Sekte drei Jahren später wütend zu Leibe rückte, zeigen, wie viel Wahrheit zuweilen in Fiktion steckt. Und da ist noch nicht mal vom Trend die Rede, die Wirklichkeit mit Scripted Reality oder Living History so zu inszenieren, dass sichtbare Unterschiede verwischen.
In Tatort: Verbrannt, der wegen seiner Strahlkraft vorab im Kino lief, verwischt wenig. Alles ist real und nichts, kein Fakt erfunden und jeder. Braune Bullen, krimineller Korpsgeist, interkulturelle Sprachlosigkeit hat sich Stefan Kolditz zwar nur ausgemalt, aber sein Bild ist reiner Fotorealismus. Fernsehen das bewegt. Und verändert. Hoffentlich.
Deutsche Serien: Wenig Stars & Weissensee
Posted: September 30, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Serienunreife
Das ARD-Schmuckstück Weissensee (Foto: ARD/Julia Terjung) ist nicht nur die beste deutsche Serie unserer Zeit. Zum gestrigen Start der dritten Staffel fällt auf: Es ist auch praktisch die einzige, der sich Schauspieler von Rang und Namen so zur Verfügung stellen, wie es in den USA seit geraumer Zeit üblich ist.
Von Jan Freitag
Es gibt Filmstars, die lassen den Pöbel schon beim Klang ihres Namens vor Ehrfurcht erzittern. Clive Owen etwa und Glenn Close, dazu Sam Neill, Halle Berry, Anthony Hopkins, von Jude Law, Patricia Arquette oder Matt Dillon ganz zu schweigen – globale Kinomarken wie Dollarhall, zu teuer fürs profane Fernsehen, einst unerreichbar. Und heute? Hält sich Hollywood längst nicht mehr kategorisch vom Bildschirm fern. Im Gegenteil. Jeder der Genannten war bereits Teil dessen, was hierzulande nach wie vor als Todesstoß seriöser Karrieren gilt: Serien.
Wenn deutsche Produzenten eine planen, wird es hingegen dünn auf der Besetzungsliste. Während amerikanische, britische, skandinavische Serien das Kino zügig als Projektionsfläche horizontaler Erzählung ablösen, führt die dramaturgische Endlosigkeit abseits vom Zwang zu abgeschlossenen Krimireihen bei uns ein Nischendasein zwischen Vorabendspaß und Hauptabendsülze. Da ist es schon einer Meldung wert, wenn Roberto Blanko in Folge 4650 von Verbotene Liebe auftritt. „Ich gebe immer 100 Prozent“, umschrieb das Schunkelfunkinventar seinen Einsatz und freute sich, „wenn die Leute zufrieden sind“.
Nur: Das sind sie nicht, weder mit Seifenopern noch richtigen Serien, was fatale Folgen für die Anziehungskraft auf echte Schauspieler hat. Umso bemerkenswerter ist, was dieser Tage geschieht: Nachdem das ZDF am Freitag keinen Geringeren als Jürgen Vogel zur Titelfigur des fortsetzungstauglichen Fünfteilers Blochin gemacht hat, geht nun das Beste, was made in germany momentan möglich ist, mit dem gewohnten Spitzenpersonal in die dritte Staffel: Weissensee. Diesmal am Übergang von der alten DDR zur neuen BRD, bei dem es Florian Lukas, Anna Loos oder Ronald Zehrfeld wieder mit Jörg Hartmann als grandios diabolischem Stasi-Schergen zu tun kriegen. Großkaliber allesamt, von denen demnächst auch einige das gelungene RTL-Produkt Deutschland 83 adeln, mit Jonas Nay als DDR-Agent zwischen Ulrich Noeten und Maria Schrader.
Das ist ein Fortschritt, ohne Frage. Aber ein Strukturwandel? Dafür fehlen jene famosen Drehbücher, die Jude Law an der Seite von Diane Keaton Anfang 2016 zum Young Pope macht und Oscar-Gewinner Kevin Spacey in die 4. Staffel von House of Cards schickt. Was wiederum auf den inhaltlichen Engpass hiesiger Produkte verweist: Religion oder Politik sind Themen, für die deutschen Produzenten mit ihrer wahnhaften Fixierung auf Polizei und Zeitgeschichte bislang ebenso viel Fantasie fehlt wie für schwule Bestatter, dealende Lehrer oder coole Hacker, dem Topstar Christian Slater als Mr. Robot global gefeiert sein Gesicht leiht.
Wenn das nationale Schwergewicht Moritz Bleibtreu seins hingegen einer kreativeren Figur wie Ferdinand von Schirachs Anwalt in Schuld zur Verfügung stellt, dreht das ZDF ganze fünf Teile. Nicht sechs Staffeln, die eine Serie im Erfolgsfall leicht mal dauert. Doch so lang ist bei den verzagten Pragmatikern von ARD bis RTL kein Atem, sofern die Ware nicht Cobra 11 oder Dr. Kleist heißt. Selbst fürs Polizeiformat KDD war 2009 trotz Topkritiken mit der 3. Staffel Schluss, nachdem der exzellente Cast bis in die Nebenrollen sein Quotenziel verfehlt hatte. Ein Schicksal, das Monate später auch Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens ereilte, dessen Finale mangels Publikum nachts versendet wurde. Nicht grad ein Anreiz für bekannte Mimen und Regisseure, das Wagnis Serie einzugehen, der man mehr Lebenszeit und Leidenschaft widmen muss als drei, vier Spielfilmen im Jahr.
Die staffelweise explodierenden Gagen anfangs unbekannter Darsteller bei Big Bang Theorie oder Mad Men belegen zwar die Sicht des Besetzungsbeauftragten Keli Lee vom US-Sender ABC, im Fernsehen gehe darum, „neue Stars zu schaffen“, die erst dann fürs Kino taugen; doch je dicker das Fernsehstück am fiktionalen Kuchen dank gedeihlicher Serien ist, desto mehr berühmte Sahnehauben können sich TV-Konditoren leisten. Nur in Deutschland gibt es dank einer Mixtur aus Inkompetenz, Feigheit, Quotendruck und Misserfolg Schonkost. Da „große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet“, meint Jürgen Vogel, „gehen viele Produzenten noch immer davon aus, große Namen für Serien gar nicht erst anfragen zu brauchen.“ Womit die dann auch gar nicht erst rechnen.
Ein Teufelskreis. Und ein Irrglaube. Schließlich wären Schauspieler bei allzu großem Anspruchsdenken „rasch arbeitslos“, weshalb die Neigung zur Serie wächst. Vogel, schon bei KDD im Team, sagte das übrigens zum Start von Blochin, ein Fünfteiler mit viel Polizei, aber kaum Überraschungen, eher gedehnter Tatort als Emmy-Kandidat. So sieht sie aus, die triste, deutsche Serienwelt.
Doppelfogen am Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr. Alle sechs Teile in der ARD-Mediathek
Meister des Todes: Heckler, Koch & HSW
Posted: September 23, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Meister des Politainments
Der heutige ARD-Mittwochsfilm Meister des Todes (20.15 Uhr; Foto@diwafilm) verbindet journalistische Recherchen zum illegalen Waffenhandel von Heckler & Koch so gekonnt mit fiktionalen Mitteln, dass er juristische Folgen haben dürfte. Vorher aber liefert er bedrückend gute Fernsehunterhaltung.
Von Jan Freitag
Sabine Stengele, die Frau des Waffenhändlers, hat keine Kinder. Das sollte unbedingt beachten, wer heute Meister des Todes schaut, einen schmerzhaft sehenswerten ARD-Film, in dem Frau Stengeles Gatte mit Unterstützung von ganz oben illegal Sturmgewehre ins mexikanische Krisengebiet liefert und ertappt wird. Die badische Hausfrau mit Villa im Dorfidyll wird ja von keiner Geringeren als Veronica Ferres verkörpert, was insofern bemerkenswert ist, als sie sonst (abgesehen von einer sexy Bundeskanzlerin) ausnahmslos starke Mütter im Kampf um ihre Brut verkörpert. Dass sie hier allem Anschein nach kinderlos bleibt, muss im Angesicht ihres Rollenprofils demnach dramaturgische Gründe haben: Während Sabine Stengele nämlich auch ohne Nachwuchs ums Gute ringt, soll ihr angetrauter Alex als skrupelloses Arschloch inszeniert werden.
Mission gelungen.
Heiner Lauterbach spielt seinen selbstgerechten, unsympathischen, karrieristischen Biedermann im wohlgenährten Wanst süddeutscher Global Player mit derart provinzieller Grandezza, dass man ihm nicht auch noch Abkömmlinge wünscht, die womöglich Teile seines miesen Charakters erben. Doch so abschätzig, wie dieser bis zur Selbstverleugnung loyal ergebene Prokurist des größten Arbeitgebers im Ort seine Frau behandelt, wird ohnehin schon zu Beginn des Films klar, dass ihm die Verwandtschaft ringsum weit wichtiger ist als jene hinter der eigenen Haustür.
Es geht in Daniel Harrichs fabelhaftem Drama folglich gar nicht nur um die Abgründe des globalen Handels mit Dingen, die besser nicht global gehandelt werden, sondern um was Archaisches: Familie, dieses blutdicke, traditionsharte, oft konservativ gebrauchte, selten belanglose Wort nürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, mit dem sich auch in einer sozial fragmentierten Zeit wie unser nahezu alles verkaufen lässt: Vergangenheit und Zukunft, Abgrenzung und Offenheit, Gemeinsinn, Liebe, Hass, Werte, ach ja: Und Waffen. Waffen? Fragen Sie mal Heckler & Koch!
Die badische Waffenschmiede baut seit 1949, was gemeinhin als „Wehrtechnik“ verharmlost wird und momentan unterm Kürzel „G36“ für größtmögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Rüstungssektor steht. Errichtet auf den Ruinen des Konkurrenten Mauser, der vom selben Oberndorf am Neckar aus (mit kurzer Entnazifizierungsunterbrechung) seit gut 200 Jahren Schießgerät in alle Welt liefert, versteht sich H&K nicht bloß als mittelständisches Unternehmen, sondern als weitverzweigte, stets verlässliche, sehr verschwiegene Sippe, zu der Mitarbeiter, Nachbarn, Kunden ebenso zählen wie die Verwandtschaft aus Politik Verwaltung und Ökonomie.
Am Beispiel eines beschlagnahmten G36 mit, Registrierungsnummer 85-012252, das sich trotz Ausfuhrverbot bei einem berüchtigten Killer im mexikanischen Bandenkrieg wiederfand, folgt bereits das aktuelle ZEIT-Dossier den Ästen, Wurzeln, Trieben dieses Stammbaums und stößt dabei auf ein Geflecht wechselseitiger Hilfestellung, Vorteilsnahme und Amtshilfe, die sprachlos macht. Sogar Daniel Harrich. Gewissermaßen. Denn um dem schwebenden Verfahren gegen Heckler & Koch nicht filmisch vorzugreifen, hat der Regisseur und Drehbuchautor sämtliche Protagonisten von den Ergebnissen seiner jahrelangen Recherche zum System H&K abstrahiert. Reiner Selbstschutz, heißt es vom verantwortlichen SWR. Anders als in seiner anschließenden Dokumentation Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam, nennt Harrich den inkriminierten Waffenhersteller in Meister des Todes vorsorglich „HSW“. Mit besagtem Alex Stengele in leitender Funktion, dessen Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) und einem Mittelsmann namens Lechner (Udo Wachtveitl), die dank willfähriger Ministerialdirigenten (Michael Roll), Wirtschaftsfunktionäre (Herbert Knaup) und anderweitig korrupter Gewährsleute wie dem Botschaftspersonal das Sturmgewehr GS38 nach Mexiko schaffen. Ein Land im Kriegszustand, das vom Auswärtigen Amt auf die Rote Liste jener Staaten gesetzt wurde, dem keine kriegstauglichen Waffen geliefert werden dürfen.
Eigentlich.
Doch wie geschmiert sich solch ein Verbot „mit aktiver Unterstützung der für Kriegswaffenexportkontrolle zuständigen Ministerien und Behörden“ umgehen lässt, wie Harrich feststellt, das zeigt seine Erzählung vom HSW-Mitarbeiter Peter Zierler (Hanno Koffler), der das SG38 so unvoreingenommen wie innbrünstig am fernen Bestimmungsort präsentiert – bis er Augenzeuge eines tödlichen Einsatzes der heißen Ware in den Händen der dortigen Polizei wird und sich fortan von seinem Arbeitgeber, für den schon Vater und Großvater tätig waren, lossagt. Mit allen Folgen eines verletzten Wir-Gefühl verschworener Gemeinschaften. „Die Familie vergisst nichts“, sagt der ausdrucksstark verkarstete Lauterbach zu seinem verstoßenen Ziehsohn, als der „Nestbeschmutzer“ von seiner alten Dorfgemeinschaft erst ausgeschlossen, dann scharf beschossen wurde.
Wie seine „Familie“ all die Schweinereien von Waffenschiebereien bis zum kollektiven Mobbing durchzieht – das ist fast zu realistisch, um bloß erzählt zu sei. Dennoch bleibt es in jeder Sequenz ein erfundenes Fressen für den Prozess gegen Heckler & Koch, der womöglich hohe Strafen nach sich zieht. Wie schons Harrichs erschütternder Oktoberfest-Spielfilm „Der blinde Fleck“, dem im Frühjahr die Wiederaufnahme fahrlässig eingestellter Ermittlungen vor rund 30 Jahren folgte, könnte also auch dieses Werk juristische Konsequenzen haben.
Zuvor aber liefert es exzellentes Politainment mit herausragenden Darstellern in so glaubhaften Rollen, dass selbst Veronica Ferres als Stengeles Frau nie stört. Was in den „Dokumenten zum Leben fehlt“, sagt Co-Autor Gert Heidenreich über die erdachten, aber realen Charaktere, „haben wir durch Fantasie und Dramaturgie erfunden“. Nur so schafft es ein abstraktes Thema wie illegaler Waffenhandel an all den anderen Krisen der Welt vorbei in die Köpfe der Zuschauer. Schon dafür gebührt Daniel Harrich Dank!
Franz Beckenbauer: Denkmal & Denkverbote
Posted: September 9, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Halbgott in Rot
Der Kaiser und sein Hofberichterstatter (Foto: ARD) – zum 70. Geburtstag am Freitag hat der versierte Dokumentarfilmer Thomas Schadt dem Fußballmonarchen Franz Beckenbauer ein Porträt geschenkt, das hinreißend komponiert ist, aber leider alles ausspart, was auch nur annähernd am Denkmal des Kaisers zu kratzen vermag. Wie peinlich.
Von Jan Freitag
Nico Hofmann, der frisch gebackene Ufa-Chef, gibt‘s offen zu, ist „nicht sonderlich fußballaffin“. Im Land der 40 Millionen Bundestrainer ist das eine durchaus mutige Aussage – die den wichtigsten Fernsehmacher im Land keineswegs davon abhält, gern mal was mit Fußball zu produzieren. Am Dienstag etwa verballhornte Sat1 in Hofmanns Auftrag den Fall Uli Hoeneß zur Udo Honig Story, in der zwar kaum ein Ball rollte, dafür das „R“ auf Franz Beckenbauers Zunge, herrlich großkotzig verkörpert von Hannes Jaenicke.
Zwei Tage zuvor jedoch spielte sich der Kaiser selbst, besser: er zelebrierte sich, wofür ihm die ARD am Sonntag die wichtige Sendezeit nach dem ersten Tatort der neuen Saison freiräumte. Franz Beckenbauer wird nämlich präsidiale 70 und das Erste, nur fünf Jahre jünger, beschenkt ihn so reichlich, als würde das Diktum, über Tote nicht schlecht zu reden, kurz mal auf Lebende erweitert. Fußball – Ein Leben heißt die Huldigung des Regenten vom heiligen Rasen und gewährt dem Pöbel namens Publikum Audienz beim Ehrenspielführer aus Münchens Südosten.
In Spielfilmlänge lässt Thomas Schadt die Sonne aufs Haupt jenes Liberos scheinen, der dem Sport eine neue Richtung gab. 18 Monate hat ihn der gefeierte Regisseur begleitet, ist ihm in dunkle Archive voller Schwarzweiß- und Bonbonfarbenbilder gefolgt, zu den Stadien zwischen Giesing, Rom und New York, die einen Mythos zur Unsterblichkeit geformt haben. Mit seiner herausragenden Fähigkeit, altes mit neuem Material sinfonisch zu arrangieren, ist dem versierten Dokumentarfilmer somit ein Blick ins Wesen dieses weiß gereiften Über-Ichs des globalen Fußballs gelungen, der ihm nicht bloß die Seele öffnet, sondern sogar seine vier Wände. Nur wo genau die stehen – das hätte dem Autor schon mal einen Nebensatz wert sein können.
In Salzburg nämlich.
Ein Steuerparadies, zumindest von Beckenbauers Heimat aus betrachtet, wo die Abgaben weit höher sind, was des Kaisers Ruf vom Fiskusflüchtlings grundiert. Aber im Film? Kein Wort davon! Wie so viele Schattenseiten der Lichtgestalt unbeleuchtet bleiben. Da wäre die Stimme des früheren Fifa-Funktionärs für die Weltmeisterschaften in Katar und Russland, was auf unappetitliche Weise mit PR-Tätigkeiten für Putins Staatskonzerne sowie seiner menschenverachtenden Aussage über Arbeitssklaven im vulgärkapitalistischen Scheichtum korreliert, von denen er partout keinen gesehen haben will. Da wäre auch das dumpfe Raunen über Unregelmäßigkeiten beim Zustandekommen des Sommermärchens, Beckenbauers Baby. Da wären also diverse Matschflecken auf des Kaisers Hermelin, die dieser charmanten, einvernehmenden, manchmal cholerischen, meist umgänglichen Persönlichkeit sicher keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätten. Die ARD aber hat sie ganz gelassen. Nur warum?
Weil derlei Kritik mit fünf Minuten nonchalanter Einlassung Beckenbauers zum Ausschluss von der WM 2014 infolge nicht beantworteter Fragen der Ethikkommission zur WM-Vergabe „abgehandelt worden sind“, wie Produzent Jochen Laube vorab in einem Hamburger Kino betonte. Weil der Film dem Gefilmten „ein Versprechen auf Vertrauensebene gemacht“ habe, das zu brechen ein „ganz anderes Projekt hervorgebracht hätte“, wie Bettina Reitz als Fernsehdirektorin des zuständigen BR hinzufügte. Weil der Franz auf all die heiklen Fragen „ohnehin nur das geantwortet hätte, was man sich tausendfach bei Youtube“ ansehen könne, sekundierte der hauptverantwortliche Nico Hofmann und verwies auf die feinen Zwischentöne über den Schwerenöter oder dessen Selbstvermarktungsdrang.
Allein, das kann man auch mit einem Gutteil der fabelhaften Archivbilder eines lebenden Denkmals, das schlicht zu solide ist, um durch ein paar harte Worte der Wahrheit Kratzer zu erlangen. So bleibt nach 90 durchaus tief greifenden, toll komponierten, tadellos inszenierten Minuten aus dem Dasein eines grandiosen Sportlers der Makel, ihm nicht allzu nahe treten zu wollen. So war Thomas Schadt im Dokudrama Der Mann aus der Pfalz bereits mit Helmut Kohl verfahren, das den verschwiegenen Wende- und Spendenkanzler als äußerlich ruppigen, innerlich sittenstrengen Politikmacher mit menschlichem Antlitz porträtierte. Es war ein Film gewordener Kniefall vorm Alphatier, dem als Moderator Schadt willfährige die Steigbügel hielt. Vielleicht erklärt das ja den Sendeplatz seiner Beckenbauer-Eloge. Es ist der von Günther Jauch.
Fußball – Ein Leben: Abrufbar in der ARD-Mediathek, Wiederholung Freitag, 20.15 Uhr, im BR
Der Patriarch: Uli Hoeneß & Udo Honig
Posted: August 26, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVon wegen Demut
Sat1 und ZDF machen den Fall Hoeneß fast zeitgleich zu abendefüllenden Filmen. Der Patriarch mit Thomas Thieme als Bayern-Boss macht heute den Anfang und zeigt: etwas mehr privater Humor hätte dem gut recherchierten Dokudrama gut getan.
Von Jan Freitag
Es gibt nicht viele Menschen, deren Äußeres allein schon zur bundesrepublikanischen Ikonografie zählen. Konrad Adenauer vielleicht, Boris Becker, Tony Marshall, vielleicht noch Susann Stahnke. Ach ja – und Uli Hoeneß natürlich, der schwäbische Dampfkessel. Wenn es in ihm arbeitet, arbeitet es nämlich meist gewaltig. Wenn es in ihm kocht, kocht er beinahe über. Wenn es ihn ihm brodelt, dann wird sein Kopf gemeinhin zum Hochofen: Schmallippig, rotgesichtig, prallvoll mit Plänen vom nächsten Angriff noch im Moment des Rückzugs. Uli Hoeneß, das weiß Annette Ramelsberger besser als andere, ist ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, mal charmant, meist aufbrausend, aber demütig? Nein, sagt die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung im ZDF-Film Der Patriarch, Demut sei „wider seine Natur“. Weshalb sie dem gefallenen Engel hiesiger Fußballherrlichkeit unterstellt, die Beichte vor Rupert Heindl sei bloß gespielt.
Na das passt ja.
Vorm Strafrichter am Landgericht München mimt Thomas Thieme die Demut seiner Titelfigur mit einer Art innerem Aufruhr, der offenbar nur vorgeschoben ist und dem Original somit fast gespenstisch nahe kommt. Dauernd arbeitet, kocht und brodelt es so wahrhaftig im Charakterdarsteller, dass Der Patriarch oft vom Dokudrama zur dramatischen Dokumentation wächst. Und das hat mehr Gründe als besagter Thieme, der seinen wuchtigen Leib schon Helmut Kohl lieh, Gustav Krupp oder Martin Bormann.
Da wäre das Drehbuch, mit verfasst von Annette Ramelsberger, die dem Steuerhinterziehungsprozess vom mediensturmumtosten Anfang bis zum erwartbaren Ende beigewohnt hat. Da wäre also eine umfassende Recherche, die in den Verhandlungspassagen auf Gerichtsprotokollen beruht und in den Rückblicken auf reichhaltiger Quellenlage der aufkommenden bis formvollendeten Mediengesellschaft. Da wäre demnach eine Titelfigur, die Zeit ihres Lebens im Rampenlicht steht und dort von allem berichtet, was angefragt wird, also einer Menge. Da wäre, in einem Wort: viel Wahrhaftigkeit.
Und zwar selbst dann, wenn sich das obligatorische Reenactment mit Robert Stadlober als Dieter mit Löwenmähne überm Bayerntrikot in ihrer polyesterbunten Siebziger-Ästhetik oft arg gefällt. Geschickt montiert Regisseur Christian Twente einen Ulmer Metzgersohn mit dem bayerischen Nationalspieler zum Über-Ich globaler Fußball-PR, dessen machtbewusste Empathie seinen Sport mehr geprägt hat als alle Beckenbauers, Bosmans, Ballartisten. Und wenn das Bild vom Gerichtssaal, wo mit jedem Verhandlungstag weitere Millionen hinterzogenes Geld zutage treten, über den väterlichen Betrieb, wo der Lehrling zur Expansion rät, umschaltet auf ein grobkörniges Originalzitat des 22-Jährigen, keiner seiner Schulkameraden müsste wie er „Steuererklärungen ausfüllen oder Geld anlegen“, ist das dramaturgisch auf höchstem Niveau.
Dummerweise bleibt der Film auch atmosphärisch oft erhaben. Von der Kanzel seriöser Unterhaltung aus sendet er reichlich Moralin ins Publikum – bedeutungsschwer, sachlich, aber nur selten mit dem, was Uli Hoeneß kennzeichnet: Hingabe. Dem Patriarch fehlt trotz Thieme, Kostümorgien und putziger Originalzitate jede Leichtigkeit im Umgang mit einem Skandal, der ja vor allem bizarr anmutet. Von Willi Lemke über Theo Zwanziger bis Rainer Calmund sitzen gewichtige Zeitzeugen im Dutzend vor der Kamera; allein, es fehlt jene Emotionalität, die der tiefe Fall des hochgestiegenen Halbgottes bei vielen bis heute entfacht, wo er Gerüchten zufolge schneller als jeder Verurteilte zuvor zum Freigänger wurde.
Da war es keine schlechte Entscheidung von Sat1, den Fall 13 Tage später zur Groteske im Stil von Wes Andersons Grand Budapest Hotel zu machen. Uwe Ochsenknecht spielt Udo Honig darin als ulkigen Strippenzieher, der seinen Knast bald nach der Einweisung zur florierenden Wurstfabrik managt. Mit Wahrheit hat das weniger zu tun als Steuerbetrug mit einem Kavaliersdelikt. Da oft aber grad im Humor die Wahrheit am wirksamsten ist, sei Wissbegierigen mit Unterhaltungsbedarf vielleicht doch eher der Kommerzkanal empfohlen. Nach kurzem Warm-up im Zweiten.
The Yes Men: Spaß & Guerilla
Posted: August 19, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentJa-Sager mit Nein-Kraft
Seit 20 Jahren irritieren The Yes Men mit unterhaltsamen Fake-Aktionen die Mächtigen aus Politik und Business. Nach zwei grandiosen Porträts kommt nun die nächste Beleuchtung der Spaß-Guerilla mit Tiefgang ins Kino: In Die Yes Men – Jetzt wird’s persönlich zeigt Laura Nix mal ein paar private Seiten des Aktivisten-Duos mit belgisch-ungarischen Wurzeln, aber auch ihre neuen Einsatzorte.
Von Jan Freitag
Es gab Zeiten, da riefen Unzufriedene bei Ämtern an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Manche schrieben auch Leserbriefe oder gingen unverdrossen auf die Straße, wenn aus ihrer Sicht etwas falsch lief im System, welcher Art auch immer. Modernen Aktivisten mit Sendungsbewusstsein ist das längst zu ineffektiv. Statt vor einer Handvoll Anwohner auf abgelegenen Routen zu demonstrieren, führen sie lieber 120 Millionen TV-Zuschauer weltweit so dreist hinters Licht, dass selbst die Aktienkurse purzeln. Ihr Name: The Yes Men. Eine Schar renitenter, aber humorbegabter Weltverbesserer, die den Gang der globalisierten Dinge so dicke haben, dass sie No Men heißen müssten. Man konnte ihr Schaffen vor ein paar Jahren im schlichtweg brillanten Dokumentarfilm Die Yes Men regeln die Welt bestaunen. Jetzt kommt der dritte Teil einer losen Reihe verschiedener Autoren über das Medienphänomen zweier Ja-Sager mit großer Nein-Kraft ins Kino. Und verspricht wieder großes Entertainment mit Relevanz.
Denn Jacques Servin und Igor Vamos alias Andy Bichlbaum und Mike Bonnano – Autoren, Täter, Hauptdarsteller all dieser fantastischen Kompendien kreativen Widerstands gegen übermächtige Gegner – schaffen es seit nunmehr 20 Jahren, den Irrsinn unserer Welt frei von Zynismus so auf die Hörner zu nehmen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern den Kopf freiräumt. Wenn sie etwa als Konzernsprecher eines US-Multis vor die Kamera treten, um via BBC zu verkünden, Dow Chemical wolle 25 Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal endlich über 100.000 Opfer der explodierten Pestizid-Fabrik mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Dafür mussten die Yes Men bloß eine Homepage der Welthandelsorganisation WTO online stellen und auf eine Einladung der BBC zu warten.
Und so geht es weiter.
Noch immer narren sie Konferenzen, veröffentlichen Zeitungen mit guten Nachrichten, mischen sich unter die Occupy-Bewegung oder versprechen als Verwaltungsangestellte verkleidet, anders als es skrupellose, aber einflussreiche Investoren planen, völlig intakte Sozialwohnungen nach dem Hurrikan Katrina doch nicht abreißen, sondern sanieren zu wollen. Sie verkünden also eine Gerechtigkeitslogik, die der Shareholderkapitalismus täglich verhöhnt. Ihr Lohn ist das rechts-konservative Urteil “abartig und pervers” – nicht über die Politik sondern über den Protest dagegen.
Das macht die Spaß-Guerilla zu Michael Moores von heute, nur humorvoller, mutiger, weniger selbstgerecht. Und weil man ihrem scheuen Charme fast unvermeidlich erliegt, weil der Erfolg ihrer Aktionen scheinbar niemanden so sehr überrascht wie die Aktionisten selbst, dürfen auch Filme über ihr Engagement sein, was sachliche Dokumentationen eigentlich nicht sein dürfen: subjektiv, parteiisch, mal wütend, mal froh. Gerade deshalb aber sollte sie zum Pflichtprogramm marktradikaler Kräfte auf dem ganzen missbrauchten Planeten werden. Der unverfrorenen, zerstörerischen, machtbesessenen Dreistigkeit eines Systems, das ihn zum Spielball ihrer Profitinteressen macht, ist anders kaum beizukommen. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!
Peace’n’Pop: Frieden & Katastrophen
Posted: August 12, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentProtestkunst
Die Dokumentation Peace’n’Pop verdichtet den Arte-Schwerpunkt zum Frieden fast 100 Minuten lang zum Lehrstück über Macht und Ohnmacht der Protestkultur. Auch dank vielfältiger Zeitzeugen wie Ken Follett ist das weit mehr als eine unterhaltsame Nummernrevue.
Von Jan Freitag
Der Krieg hat keine Melodie, allenfalls Rhythmus. Krieg stampft, marschiert, er rattert, knallt und lärmt wie billiger Techno. Und falls der Krieg doch mal eine Poesie findet, ist es die der Trennung, des Hasses, Gefechtslyrik gewissermaßen: Copkiller, Arschficksong, Deutschland Deutschland über alles. Kein Wunder, dass Gewalt sang- und klanglos daherkommt. Musik, erklärt Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso, im Arte-Zweiteiler Peace’n’Pop, sei ja „das Esperanto der Kommunikation“, sorge also für Verständigung über Barrieren, Grenzen, Schlagbäume hinweg. Musik ist die Antithese zur Gewalt. Sie steht für Harmonie und Einvernehmen. Für Frieden.
Peace!
Doch Baez und Lennon, Blumenkinder und Folkbarden, Pazifisten und Beatniks – sie alle mögen ihm noch so innbrünstig „a chance“ geben; weil wahrer, ganzheitlicher, nicht nur militärischer, auch sozialer Frieden höchstens in der (zugegeben schönen) Fantasie existiert, hat Musik doch mehr mit Krieg zu tun, als vielen Künstlern lieb ist. Von dieser Schnittstelle handelt Christian Bettges‘ sehenswerte Analyse künstlerischer Ausdrucksformen in der Kakophonie menschlicher Spannungen jeder Art, die den Sommerschwerpunkt des Kulturkanals zum Thema Kultur & Kampf in rund 100 Minuten bündelt.
Sieben Jahrzehnte lang reist der Autor von Pop 2000 durch die jüngere Geschichte kultureller Konfliktbegleitung und wird dabei so umfassend fündig, dass er weit mehr als den Soundtrack unserer kriegerischen Gegenwart liefert. Bettges verknüpft die Bilderflut des medialen Zeitalters so geschickt und schlüssig zur Sinfonie renitenter Ästhetik, dass deutlicher wird, warum die Ära der Protestsongs erst nach dem furchtbarsten aller Kriege begann. Startschuss 1945.
Schon ein Jahr später begann nach den Völkerschlachten vorangehender Epochen das Zeitalter der Stellvertreterkriege. Seit Frankreich in Indochina unterm Vorwand kommunistischer Gefahrenabwehr sein Kolonialreich verteidigte, was die USA 1950 in Korea fortsetzten, wurde die Existenzfrage somit räumlich abgeschoben. Statt vor der eigenen Haustür floss das Blut nun ferner der Heimat. Erst diese Distanz, so Bettges, ließ aus der Sicherheit körperlicher Unversehrtheit heraus jenen Widerstand gegen das gottgewollte Recht auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln florieren, den die Hörweite detonierender Granaten zuvor unterdrückt hatte.
Weil die nukleare Weltvernichtungsgefahr jener Tage zugleich das Rock’n’Roll-Credo vom hedonistischen „live fast, die young“ befeuerte, blieb Emanzipation aber nie auf den Bellizismus der Elterngenerationen beschränkt. Ungehorsam, Drogenrausch, langes Haar, Love-Parade: Zwischen Angst und Spaß befreiten sich die Unterdrückten überkommener Konventionen nach und nach von allen Fesseln der Altvorderen – die darauf verlässlich mit Repression reagierten. Um diese Eskalationsspirale zu illustrieren, hat Christian Bettges nicht nur plakatives Archivmaterial gefunden, sondern allerlei redselige Zeitzeugen: Maler, Rapper, Modemacher, Alt-68er, Ken Follett, Bettina Wegner, wer auch immer dabei war. Oder ist. Wie besagter Clueso.
Zum Glück macht der Regisseur daraus im Gegensatz zu seiner preisgekrönten ARD-Reihe Pop 2000 nicht nur eine unterhaltsame Nummernrevue zeitgenössischer Kreativität; Peace’n’Pop ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht des Ungehorsams. Vor 16 Jahren, erklärt Bettges die Entwicklung, habe noch „großes Abgrenzungsbedürfnis zum Protestsong in Wollsocken“ bestanden. Seit 9/11 definieren sich junge Künstler wie Anfang der Achtziger wieder explizit politisch. Von diesem Wandel handelt der zweite Teil von 1979 bis heute.
Dummerweise will Bettges auch darin zu viel und zu wenig zugleich. Er schlägt den ganz großen Bogen der Protestkultur, springt von Vietnam über Techno zum War on Terror, blickt auf Zombiefilme, Punkrock, Mainstream und Off-Art, begleitet Ostermärsche, Sitzblockaden, Attac-Demos, spart abgesehen vom kurzen Schwenk auf Ballerspiele die Gegenseite der popkulturellen Politisierung zum Guten jedoch aus.
Dabei hat auch die ihre Lieder, Kunst und Kreationen. Horst Wessel, Kid Rock, Böhse Onkelz, Rednecks, Rechtsrocker und nicht zu vergessen all die Promis medial vermittelter Konflikte, deren Frontbesuch den Kampfesmut stärken sollte und soll: Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Chuck Norris, Jessica Simpson, zuletzt gar der deutsche Techno-Star Paul Kalkbrenner auf Stippvisite bei der Bundeswehr in Kunduz. Das ist keineswegs verwerflich, aber gewiss kein Pop zum Peace. Vielleicht ganz gut, ihn hier nicht zu hören. Ein Friedenslied von Lennon klingt allemal schöner.
FilmDebüt im Ersten
Posted: August 5, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchonzeit
Reihen wie das FilmDebüt im Ersten bieten dem Nachwuchs erstaunlich prominenten Entfaltungsspielraum – und prominenten Schauspielerin seit gestern wieder die seltene Möglichkeit, sich mal so richtig auszutoben.
Von Jan Freitag
Talentschmieden? Die Privatkonkurrenz reifungsresistenter Schulhofrabauken dürfte sich vor Lachen in die Hochwasserröhre machen, wenn sich ausgerechnet die Öffentlich-Rechtlichen – Altersschnitt über 60 – als nachwuchsfreundlich preisen. Doch die ARD mag in der ominösen Zielgruppe ein Nachfragedefizit haben; das Angebot ist bisweilen jugendlicher als ihr geriatrischer Ruf. Seit 2001 läuft zum Beispiel jeden Sommer das FilmDebüt im Ersten. Zur Wochenmitte dürften Filmschulabsolventen darin einmal jährlich ihre Erst- bis Zweitlingswerke zeigen.
Gut, der Sendeplatz nach den Tagesthemen ist nicht grad allererste Primetimesahne. Daniela Musgiller nennt die Zeit vor Mitternacht dennoch eine „Riesenchance für junge Talente“, um das zu präsentieren, was die federführende Redakteurin des NDR „Gemischtwarenladen“ nennt. Zum Auftakt liegt darin etwa Jan Ole Gersters gefeierte Langspielfilmpremiere Oh Boy, die der Berliner Republik mit Tom Schilling als modernitätsmüdem Lebenskünstler ein schwarzweißes Denkmal von hinreißender Lässigkeit gebaut hat.
Im Stromlinienprogramm haben sperrige Genrestudien wie diese hingegen Null Chance auf Zuschauer ohne Einschlafprobleme. Nach den Hauptnachrichten müssen schließlich Blut, Schmalz und (am besten Freuden-)Tränen fließen, gern verquirlt zum mainstreamtauglichen Cocktail für jedermann, besser noch: jederfrau. Umso überraschender, dass seit 15 Jahren auch ein paar Zwischentöne Raum zur Entfaltung kriegen. Und das beileibe nicht nur im Ersten. Ohne den Druck der Reichweite säen auch andere Sender eifrig Spielwiesen für kreative Selbst(er)finder an.
Was beim SWR Debüt im Dritten heißt, nennen WDR Kinozeit: Debüt und BR Debütsommer, während Das kleine Fernsehspiel im ZDF schon seit 1963 ein Schaufenster für Frischlinge öffnet, die darin erste Gehversuche auf 90 Minuten starten. Aus derlei Foren sind bereits Namen von Fatih Akin und Lars Kraume über Maren Ade, Aelrun Goette bis hin zu Andreas Dresen, Christian Schwochow, Tom Tykwer und sogar Wolfang Petersen hervorgegangen. Allesamt längst Superyachten der fiktionalen Gegenwart – die für ihren Einstieg allerdings weit seltener auf personelle Schützenhilfe der Branche bauen konnte.
Heute dagegen nutzen viele Schauspieler der oberen Gehaltsklasse die Chance, unter der Regie blutiger Anfänger für den Bruchteil normaler Gagen Horizonte auszuloten. Devid Striesow, Sibel Kekilli, Matthias Schweighöfer, Nora Tschirner, Moritz Bleibtreu, Corinna Harfouch oder Bruno Ganz – Kaliber dieser Größe lernen sonst ja eher Drehbücher namhafterer Autoren als Bastian Günther, dessen diesjähriges FilmDebüt Houston kein geringerer als Ulrich Tukur in der Rolle eines alkoholkranken Headhunters bereichert.
Auch Jasna Fritzi Bauer in Wolfgang Dinslages einfühlsamen Coming-of-Age-Drama Für Elise (19.8.) oder Max Riemelt als schwuler Polizist in Stephan Lacants Freier Fall (2.9.) hat wohl weniger die Aussicht auf das Geld als den Abglanz des Unbekümmerten, Neuen, Gewagten gelockt. Zumal für die Leinwand. Denn wie gewohnt wurden acht der neun aktuellen ARD-Debüts nicht eigens für den Bildschirm produziert. Ein paar Drehtage mehr als die TV-üblichen 20 dürften sogar gut gebuchte Darsteller zur Teilnahme überzeugt haben. Und anders als im Kino, wo das Millionenpublikum von Oh Boy im Kreise gefälliger Herbig- bis Schweiger-Zoten zu den anspruchsvollen Ausnahmen zählt, liegt die Zuschauerzahl am Flatscreen selbst um 22.45 Uhr stets im siebenstelligen Bereich.
Mit Regie-Rookies lässt sich also durchaus Quote machen. Was dazu führt, das sogar renditefixierte Kommerzkanäle bisweilen auf Risiko setzen. RTL zum Beispiel hat dem Werbefilmer Philipp Kadelbach schon drei Jahre vor seinem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter den Riesentopf des Blockbusters Hindenburg anvertraut. Und bei Pro7 durfte sich 1999 ein unerfahrener Kurzfilmer namens Dennis Gansel in abendfüllender Länge mit dem RAF-Thriller Das Phantom ausprobieren, bevor ihm Napola und Die Welle bekannt machten. Während die Branche also insgesamt über Quotendruck, Etatkürzungen und digitale Konkurrenz klagt, scheinen die Möglichkeiten junger Filmemacher zumindest stabil zu bleiben.
Das müssten jetzt nur noch die Programmverantwortlichen bemerken und den Nachwuchs nicht in Nachwuchsreihen Richtung Geisterstunde abschieben, sondern auf die Hauptsendeplätze. Einfach mal eine selbstbewusste 20.15 für Momčilo Mrdakovićs Regiedebüt Mamarosh etwa, das mit seiner federleicht ergreifenden Mutter-Sohn-Geschichte aus dem umkämpften Belgrad der Jahrhundertwende weltweit Preise gewann, im Ersten aber keine Chance auf etwas Prominenteres hat als einen Mittwoch Ende August kurz vor elf. Alles andere, so scheint es, ist staatsvertragswidrig. Sonst ändern sich kurz nach acht noch die Sehgewohnheiten…