Deutsche Serien: Wenig Stars & Weissensee

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Das ARD-Schmuckstück Weissensee (Foto: ARD/Julia Terjung) ist nicht nur die beste deutsche Serie unserer Zeit. Zum gestrigen Start der dritten Staffel fällt auf: Es ist auch praktisch die einzige, der sich Schauspieler von Rang und Namen so zur Verfügung stellen, wie es in den USA seit geraumer Zeit üblich ist.

Von Jan Freitag

Es gibt Filmstars, die lassen den Pöbel schon beim Klang ihres Namens vor Ehrfurcht erzittern. Clive Owen etwa und Glenn Close, dazu Sam Neill, Halle Berry, Anthony Hopkins, von Jude Law, Patricia Arquette oder Matt Dillon ganz zu schweigen – globale Kinomarken wie Dollarhall, zu teuer fürs profane Fernsehen, einst unerreichbar. Und heute? Hält sich Hollywood längst nicht mehr kategorisch vom Bildschirm fern. Im Gegenteil. Jeder der Genannten war bereits Teil dessen, was hierzulande nach wie vor als Todesstoß seriöser Karrieren gilt: Serien.

Wenn deutsche Produzenten eine planen, wird es hingegen dünn auf der Besetzungsliste. Während amerikanische, britische, skandinavische Serien das Kino zügig als Projektionsfläche horizontaler Erzählung ablösen, führt die dramaturgische Endlosigkeit abseits vom Zwang zu abgeschlossenen Krimireihen bei uns ein Nischendasein zwischen Vorabendspaß und Hauptabendsülze. Da ist es schon einer Meldung wert, wenn Roberto Blanko in Folge 4650 von Verbotene Liebe auftritt. „Ich gebe immer 100 Prozent“, umschrieb das Schunkelfunkinventar seinen Einsatz und freute sich, „wenn die Leute zufrieden sind“.

Nur: Das sind sie nicht, weder mit Seifenopern noch richtigen Serien, was fatale Folgen für die Anziehungskraft auf echte Schauspieler hat. Umso bemerkenswerter ist, was dieser Tage geschieht: Nachdem das ZDF am Freitag keinen Geringeren als Jürgen Vogel zur Titelfigur des fortsetzungstauglichen Fünfteilers Blochin gemacht hat, geht nun das Beste, was made in germany momentan möglich ist, mit dem gewohnten Spitzenpersonal in die dritte Staffel: Weissensee. Diesmal am Übergang von der alten DDR zur neuen BRD, bei dem es Florian Lukas, Anna Loos oder Ronald Zehrfeld wieder mit Jörg Hartmann als grandios diabolischem Stasi-Schergen zu tun kriegen. Großkaliber allesamt, von denen demnächst auch einige das gelungene RTL-Produkt Deutschland 83 adeln, mit Jonas Nay als DDR-Agent zwischen Ulrich Noeten und Maria Schrader.

Das ist ein Fortschritt, ohne Frage. Aber ein Strukturwandel? Dafür fehlen jene famosen Drehbücher, die Jude Law an der Seite von Diane Keaton Anfang 2016 zum Young Pope macht und Oscar-Gewinner Kevin Spacey in die 4. Staffel von House of Cards schickt. Was wiederum auf den inhaltlichen Engpass hiesiger Produkte verweist: Religion oder Politik sind Themen, für die deutschen Produzenten mit ihrer wahnhaften Fixierung auf Polizei und Zeitgeschichte bislang ebenso viel Fantasie fehlt wie für schwule Bestatter, dealende Lehrer oder coole Hacker, dem Topstar Christian Slater als Mr. Robot global gefeiert sein Gesicht leiht.

Wenn das nationale Schwergewicht Moritz Bleibtreu seins hingegen einer kreativeren Figur wie Ferdinand von Schirachs Anwalt in Schuld zur Verfügung stellt, dreht das ZDF ganze fünf Teile. Nicht sechs Staffeln, die eine Serie im Erfolgsfall leicht mal dauert. Doch so lang ist bei den verzagten Pragmatikern von ARD bis RTL kein Atem, sofern die Ware nicht Cobra 11 oder Dr. Kleist heißt. Selbst fürs Polizeiformat KDD war 2009 trotz Topkritiken mit der 3. Staffel Schluss, nachdem der exzellente Cast bis in die Nebenrollen sein Quotenziel verfehlt hatte. Ein Schicksal, das Monate später auch Dominik Grafs Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens ereilte, dessen Finale mangels Publikum nachts versendet wurde. Nicht grad ein Anreiz für bekannte Mimen und Regisseure, das Wagnis Serie einzugehen, der man mehr Lebenszeit und Leidenschaft widmen muss als drei, vier Spielfilmen im Jahr.

Die staffelweise explodierenden Gagen anfangs unbekannter Darsteller bei Big Bang Theorie oder Mad Men belegen zwar die Sicht des Besetzungsbeauftragten Keli Lee vom US-Sender ABC, im Fernsehen gehe darum, „neue Stars zu schaffen“, die erst dann fürs Kino taugen; doch je dicker das Fernsehstück am fiktionalen Kuchen dank gedeihlicher Serien ist, desto mehr berühmte Sahnehauben können sich TV-Konditoren leisten. Nur in Deutschland gibt es dank einer Mixtur aus Inkompetenz, Feigheit, Quotendruck und Misserfolg Schonkost. Da „große Erzählkunst angeblich nur im Kino stattfindet“, meint Jürgen Vogel, „gehen viele Produzenten noch immer davon aus, große Namen für Serien gar nicht erst anfragen zu brauchen.“ Womit die dann auch gar nicht erst rechnen.

Ein Teufelskreis. Und ein Irrglaube. Schließlich wären Schauspieler bei allzu großem Anspruchsdenken „rasch arbeitslos“, weshalb die Neigung zur Serie wächst. Vogel, schon bei KDD im Team, sagte das übrigens zum Start von Blochin, ein Fünfteiler mit viel Polizei, aber kaum Überraschungen, eher gedehnter Tatort als Emmy-Kandidat. So sieht sie aus, die triste, deutsche Serienwelt.

Doppelfogen am Mittwoch und Donnerstag, 20.15 Uhr. Alle sechs Teile in der ARD-Mediathek


Meister des Todes: Heckler, Koch & HSW

milberg_koffler_lauterbach-100-_v-standard368_bd4351Meister des Politainments

Der heutige ARD-Mittwochsfilm Meister des Todes (20.15 Uhr; Foto@diwafilm) verbindet journalistische Recherchen zum illegalen Waffenhandel von Heckler & Koch so gekonnt mit fiktionalen Mitteln, dass er juristische Folgen haben dürfte. Vorher aber liefert er bedrückend gute Fernsehunterhaltung.

Von Jan Freitag

Sabine Stengele, die Frau des Waffenhändlers, hat keine Kinder. Das sollte unbedingt beachten, wer heute Meister des Todes schaut, einen schmerzhaft sehenswerten ARD-Film, in dem Frau Stengeles Gatte mit Unterstützung von ganz oben illegal Sturmgewehre ins mexikanische Krisengebiet liefert und ertappt wird. Die badische Hausfrau mit Villa im Dorfidyll wird ja von keiner Geringeren als Veronica Ferres verkörpert, was insofern bemerkenswert ist, als sie sonst (abgesehen von einer sexy Bundeskanzlerin) ausnahmslos starke Mütter im Kampf um ihre Brut verkörpert. Dass sie hier allem Anschein nach kinderlos bleibt, muss im Angesicht ihres Rollenprofils demnach dramaturgische Gründe haben: Während Sabine Stengele nämlich auch ohne Nachwuchs ums Gute ringt, soll ihr angetrauter Alex als skrupelloses Arschloch inszeniert werden.

Mission gelungen.

Heiner Lauterbach spielt seinen selbstgerechten, unsympathischen, karrieristischen Biedermann im wohlgenährten Wanst süddeutscher Global Player mit derart provinzieller Grandezza, dass man ihm nicht auch noch Abkömmlinge wünscht, die womöglich Teile seines miesen Charakters erben. Doch so abschätzig, wie dieser bis zur Selbstverleugnung loyal ergebene Prokurist des größten Arbeitgebers im Ort seine Frau behandelt, wird ohnehin schon zu Beginn des Films klar, dass ihm die Verwandtschaft ringsum weit wichtiger ist als jene hinter der eigenen Haustür.

Es geht in Daniel Harrichs fabelhaftem Drama folglich gar nicht nur um die Abgründe des globalen Handels mit Dingen, die besser nicht global gehandelt werden, sondern um was Archaisches: Familie, dieses blutdicke, traditionsharte, oft konservativ gebrauchte, selten belanglose Wort nürlichen Zusammengehörigkeitsgefühls, mit dem sich auch in einer sozial fragmentierten Zeit wie unser nahezu alles verkaufen lässt: Vergangenheit und Zukunft, Abgrenzung und Offenheit, Gemeinsinn, Liebe, Hass, Werte, ach ja: Und Waffen. Waffen? Fragen Sie mal Heckler & Koch!

Die badische Waffenschmiede baut seit 1949, was gemeinhin als „Wehrtechnik“ verharmlost wird und momentan unterm Kürzel „G36“ für größtmögliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Rüstungssektor steht. Errichtet auf den Ruinen des Konkurrenten Mauser, der vom selben Oberndorf am Neckar aus (mit kurzer Entnazifizierungsunterbrechung) seit gut 200 Jahren Schießgerät in alle Welt liefert, versteht sich H&K nicht bloß als mittelständisches Unternehmen, sondern als weitverzweigte, stets verlässliche, sehr verschwiegene Sippe, zu der Mitarbeiter, Nachbarn, Kunden ebenso zählen wie die Verwandtschaft aus Politik Verwaltung und Ökonomie.

Am Beispiel eines beschlagnahmten G36 mit, Registrierungsnummer 85-012252, das sich trotz Ausfuhrverbot bei einem berüchtigten Killer im mexikanischen Bandenkrieg wiederfand, folgt bereits das aktuelle ZEIT-Dossier den Ästen, Wurzeln, Trieben dieses Stammbaums und stößt dabei auf ein Geflecht wechselseitiger Hilfestellung, Vorteilsnahme und Amtshilfe, die sprachlos macht. Sogar Daniel Harrich. Gewissermaßen. Denn um dem schwebenden Verfahren gegen Heckler & Koch nicht filmisch vorzugreifen, hat der Regisseur und Drehbuchautor sämtliche Protagonisten von den Ergebnissen seiner jahrelangen Recherche zum System H&K abstrahiert. Reiner Selbstschutz, heißt es vom verantwortlichen SWR. Anders als in seiner anschließenden Dokumentation Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam, nennt Harrich den inkriminierten Waffenhersteller in Meister des Todes vorsorglich „HSW“. Mit besagtem Alex Stengele in leitender Funktion, dessen Geschäftsführer Heinz Zöblin (Axel Milberg) und einem Mittelsmann namens Lechner (Udo Wachtveitl), die dank willfähriger Ministerialdirigenten (Michael Roll), Wirtschaftsfunktionäre (Herbert Knaup) und anderweitig korrupter Gewährsleute wie dem Botschaftspersonal das Sturmgewehr GS38 nach Mexiko schaffen. Ein Land im Kriegszustand, das vom Auswärtigen Amt auf die Rote Liste jener Staaten gesetzt wurde, dem keine kriegstauglichen Waffen geliefert werden dürfen.

Eigentlich.

Doch wie geschmiert sich solch ein Verbot „mit aktiver Unterstützung der für Kriegswaffenexportkontrolle zuständigen Ministerien und Behörden“ umgehen lässt, wie Harrich feststellt, das zeigt seine Erzählung vom HSW-Mitarbeiter Peter Zierler (Hanno Koffler), der das SG38 so unvoreingenommen wie innbrünstig am fernen Bestimmungsort präsentiert – bis er Augenzeuge eines tödlichen Einsatzes der heißen Ware in den Händen der dortigen Polizei wird und sich fortan von seinem Arbeitgeber, für den schon Vater und Großvater tätig waren, lossagt. Mit allen Folgen eines verletzten Wir-Gefühl verschworener Gemeinschaften. „Die Familie vergisst nichts“, sagt der ausdrucksstark verkarstete Lauterbach zu seinem verstoßenen Ziehsohn, als der „Nestbeschmutzer“ von seiner alten Dorfgemeinschaft erst ausgeschlossen, dann scharf beschossen wurde.

Wie seine „Familie“ all die Schweinereien von Waffenschiebereien bis zum kollektiven Mobbing durchzieht – das ist fast zu realistisch, um bloß erzählt zu sei. Dennoch bleibt es in jeder Sequenz ein erfundenes Fressen für den Prozess gegen Heckler & Koch, der womöglich hohe Strafen nach sich zieht. Wie schons Harrichs erschütternder Oktoberfest-Spielfilm „Der blinde Fleck“, dem im Frühjahr die Wiederaufnahme fahrlässig eingestellter Ermittlungen vor rund 30 Jahren folgte, könnte also auch dieses Werk juristische Konsequenzen haben.

Zuvor aber liefert es exzellentes Politainment mit herausragenden Darstellern in so glaubhaften Rollen, dass selbst Veronica Ferres als Stengeles Frau nie stört. Was in den „Dokumenten zum Leben fehlt“, sagt Co-Autor Gert Heidenreich über die erdachten, aber realen Charaktere, „haben wir durch Fantasie und Dramaturgie erfunden“. Nur so schafft es ein abstraktes Thema wie illegaler Waffenhandel an all den anderen Krisen der Welt vorbei in die Köpfe der Zuschauer. Schon dafür gebührt Daniel Harrich Dank!


Franz Beckenbauer: Denkmal & Denkverbote

fussball-ein-leben-franz-beckebauer-100-_v-standard368_01ed56Halbgott in Rot

Der Kaiser und sein Hofberichterstatter (Foto: ARD) – zum 70. Geburtstag am Freitag hat der versierte Dokumentarfilmer Thomas Schadt dem Fußballmonarchen Franz Beckenbauer ein Porträt geschenkt, das hinreißend komponiert ist, aber leider alles ausspart, was auch nur annähernd am Denkmal des Kaisers zu kratzen vermag. Wie peinlich.

Von Jan Freitag

Nico Hofmann, der frisch gebackene Ufa-Chef, gibt‘s offen zu, ist „nicht sonderlich fußballaffin“. Im Land der 40 Millionen Bundestrainer ist das eine durchaus mutige Aussage – die den wichtigsten Fernsehmacher im Land keineswegs davon abhält, gern mal was mit Fußball zu produzieren. Am Dienstag etwa verballhornte Sat1 in Hofmanns Auftrag den Fall Uli Hoeneß zur Udo Honig Story, in der zwar kaum ein Ball rollte, dafür das „R“ auf Franz Beckenbauers Zunge, herrlich großkotzig verkörpert von Hannes Jaenicke.

Zwei Tage zuvor jedoch spielte sich der Kaiser selbst, besser: er zelebrierte sich, wofür ihm die ARD am Sonntag die wichtige Sendezeit nach dem ersten Tatort der neuen Saison freiräumte. Franz Beckenbauer wird nämlich präsidiale 70 und das Erste, nur fünf Jahre jünger, beschenkt ihn so reichlich, als würde das Diktum, über Tote nicht schlecht zu reden, kurz mal auf Lebende erweitert. Fußball – Ein Leben heißt die Huldigung des Regenten vom heiligen Rasen und gewährt dem Pöbel namens Publikum Audienz beim Ehrenspielführer aus Münchens Südosten.

In Spielfilmlänge lässt Thomas Schadt die Sonne aufs Haupt jenes Liberos scheinen, der dem Sport eine neue Richtung gab. 18 Monate hat ihn der gefeierte Regisseur begleitet, ist ihm in dunkle Archive voller Schwarzweiß- und Bonbonfarbenbilder gefolgt, zu den Stadien zwischen Giesing, Rom und New York, die einen Mythos zur Unsterblichkeit geformt haben. Mit seiner herausragenden Fähigkeit, altes mit neuem Material sinfonisch zu arrangieren, ist dem versierten Dokumentarfilmer somit ein Blick ins Wesen dieses weiß gereiften Über-Ichs des globalen Fußballs gelungen, der ihm nicht bloß die Seele öffnet, sondern sogar seine vier Wände. Nur wo genau die stehen – das hätte dem Autor schon mal einen Nebensatz wert sein können.

In Salzburg nämlich.

Ein Steuerparadies, zumindest von Beckenbauers Heimat aus betrachtet, wo die Abgaben weit höher sind, was des Kaisers Ruf vom Fiskusflüchtlings grundiert. Aber im Film? Kein Wort davon! Wie so viele Schattenseiten der Lichtgestalt unbeleuchtet bleiben. Da wäre die Stimme des früheren Fifa-Funktionärs für die Weltmeisterschaften in Katar und Russland, was auf unappetitliche Weise mit PR-Tätigkeiten für Putins Staatskonzerne sowie seiner menschenverachtenden Aussage über Arbeitssklaven im vulgärkapitalistischen Scheichtum korreliert, von denen er partout keinen gesehen haben will. Da wäre auch das dumpfe Raunen über Unregelmäßigkeiten beim Zustandekommen des Sommermärchens, Beckenbauers Baby. Da wären also diverse Matschflecken auf des Kaisers Hermelin, die dieser charmanten, einvernehmenden, manchmal cholerischen, meist umgänglichen Persönlichkeit sicher keinen Zacken aus der Krone gebrochen hätten. Die ARD aber hat sie ganz gelassen. Nur warum?

Weil derlei Kritik mit fünf Minuten nonchalanter Einlassung Beckenbauers zum Ausschluss von der WM 2014 infolge nicht beantworteter Fragen der Ethikkommission zur WM-Vergabe „abgehandelt worden sind“, wie Produzent Jochen Laube vorab in einem Hamburger Kino betonte. Weil der Film dem Gefilmten „ein Versprechen auf Vertrauensebene gemacht“ habe, das zu brechen ein „ganz anderes Projekt hervorgebracht hätte“, wie Bettina Reitz als Fernsehdirektorin des zuständigen BR hinzufügte. Weil der Franz auf all die heiklen Fragen „ohnehin nur das geantwortet hätte, was man sich tausendfach bei Youtube“ ansehen könne, sekundierte der hauptverantwortliche Nico Hofmann und verwies auf die feinen Zwischentöne über den Schwerenöter oder dessen Selbstvermarktungsdrang.

Allein, das kann man auch mit einem Gutteil der fabelhaften Archivbilder eines lebenden Denkmals, das schlicht zu solide ist, um durch ein paar harte Worte der Wahrheit Kratzer zu erlangen. So bleibt nach 90 durchaus tief greifenden, toll komponierten, tadellos inszenierten Minuten aus dem Dasein eines grandiosen Sportlers der Makel, ihm nicht allzu nahe treten zu wollen. So war Thomas Schadt im Dokudrama Der Mann aus der Pfalz bereits mit Helmut Kohl verfahren, das den verschwiegenen Wende- und Spendenkanzler als äußerlich ruppigen, innerlich sittenstrengen Politikmacher mit menschlichem Antlitz porträtierte. Es war ein Film gewordener Kniefall vorm Alphatier, dem als Moderator Schadt willfährige die Steigbügel hielt. Vielleicht erklärt das ja den Sendeplatz seiner Beckenbauer-Eloge. Es ist der von Günther Jauch.

Fußball – Ein Leben: Abrufbar in der ARD-Mediathek, Wiederholung Freitag, 20.15 Uhr, im BR


Der Patriarch: Uli Hoeneß & Udo Honig

Von wegen Demut

Sat1 und ZDF machen den Fall Hoeneß fast zeitgleich zu abendefüllenden Filmen. Der Patriarch mit Thomas Thieme als Bayern-Boss macht heute den Anfang und zeigt: etwas mehr privater Humor hätte dem gut recherchierten Dokudrama gut getan.

Von Jan Freitag

Es gibt nicht viele Menschen, deren Äußeres allein schon zur bundesrepublikanischen Ikonografie zählen. Konrad Adenauer vielleicht, Boris Becker, Tony Marshall, vielleicht noch Susann Stahnke. Ach ja – und Uli Hoeneß natürlich, der schwäbische Dampfkessel. Wenn es in ihm arbeitet, arbeitet es nämlich meist gewaltig. Wenn es in ihm kocht, kocht er beinahe über. Wenn es ihn ihm brodelt, dann wird sein Kopf gemeinhin zum Hochofen: Schmallippig, rotgesichtig, prallvoll mit Plänen vom nächsten Angriff noch im Moment des Rückzugs. Uli Hoeneß, das weiß Annette Ramelsberger besser als andere, ist ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, mal charmant, meist aufbrausend, aber demütig? Nein, sagt die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung im ZDF-Film Der Patriarch, Demut sei „wider seine Natur“. Weshalb sie dem gefallenen Engel hiesiger Fußballherrlichkeit unterstellt, die Beichte vor Rupert Heindl sei bloß gespielt.

Na das passt ja.

Vorm Strafrichter am Landgericht München mimt Thomas Thieme die Demut seiner Titelfigur mit einer Art innerem Aufruhr, der offenbar nur vorgeschoben ist und dem Original somit fast gespenstisch nahe kommt. Dauernd arbeitet, kocht und brodelt es so wahrhaftig im Charakterdarsteller, dass Der Patriarch oft vom Dokudrama zur dramatischen Dokumentation wächst. Und das hat mehr Gründe als besagter Thieme, der seinen wuchtigen Leib schon Helmut Kohl lieh, Gustav Krupp oder Martin Bormann.

Da wäre das Drehbuch, mit verfasst von Annette Ramelsberger, die dem Steuerhinterziehungsprozess vom mediensturmumtosten Anfang bis zum erwartbaren Ende beigewohnt hat. Da wäre also eine umfassende Recherche, die in den Verhandlungspassagen auf Gerichtsprotokollen beruht und in den Rückblicken auf reichhaltiger Quellenlage der aufkommenden bis formvollendeten Mediengesellschaft. Da wäre demnach eine Titelfigur, die Zeit ihres Lebens im Rampenlicht steht und dort von allem berichtet, was angefragt wird, also einer Menge. Da wäre, in einem Wort: viel Wahrhaftigkeit.

Und zwar selbst dann, wenn sich das obligatorische Reenactment mit Robert Stadlober als Dieter mit Löwenmähne überm Bayerntrikot in ihrer polyesterbunten Siebziger-Ästhetik oft arg gefällt. Geschickt montiert Regisseur Christian Twente einen Ulmer Metzgersohn mit dem bayerischen Nationalspieler zum Über-Ich globaler Fußball-PR, dessen machtbewusste Empathie seinen Sport mehr geprägt hat als alle Beckenbauers, Bosmans, Ballartisten. Und wenn das Bild vom Gerichtssaal, wo mit jedem Verhandlungstag weitere Millionen hinterzogenes Geld zutage treten, über den väterlichen Betrieb, wo der Lehrling zur Expansion rät, umschaltet auf ein grobkörniges Originalzitat des 22-Jährigen, keiner seiner Schulkameraden müsste wie er „Steuererklärungen ausfüllen oder Geld anlegen“, ist das dramaturgisch auf höchstem Niveau.

Dummerweise bleibt der Film auch atmosphärisch oft erhaben. Von der Kanzel seriöser Unterhaltung aus sendet er reichlich Moralin ins Publikum – bedeutungsschwer, sachlich, aber nur selten mit dem, was Uli Hoeneß kennzeichnet: Hingabe. Dem Patriarch fehlt trotz Thieme, Kostümorgien und putziger Originalzitate jede Leichtigkeit im Umgang mit einem Skandal, der ja vor allem bizarr anmutet. Von Willi Lemke über Theo Zwanziger bis Rainer Calmund sitzen gewichtige Zeitzeugen im Dutzend vor der Kamera; allein, es fehlt jene Emotionalität, die der tiefe Fall des hochgestiegenen Halbgottes bei vielen bis heute entfacht, wo er Gerüchten zufolge schneller als jeder Verurteilte zuvor zum Freigänger wurde.

Da war es keine schlechte Entscheidung von Sat1, den Fall 13 Tage später zur Groteske im Stil von Wes Andersons Grand Budapest Hotel zu machen. Uwe Ochsenknecht spielt Udo Honig darin als ulkigen Strippenzieher, der seinen Knast bald nach der Einweisung zur florierenden Wurstfabrik managt. Mit Wahrheit hat das weniger zu tun als Steuerbetrug mit einem Kavaliersdelikt. Da oft aber grad im Humor die Wahrheit am wirksamsten ist, sei Wissbegierigen mit Unterhaltungsbedarf vielleicht doch eher der Kommerzkanal empfohlen. Nach kurzem Warm-up im Zweiten.


The Yes Men: Spaß & Guerilla

Ja-Sager mit Nein-Kraft

Seit 20 Jahren irritieren The Yes Men mit unterhaltsamen Fake-Aktionen die Mächtigen aus Politik und Business. Nach zwei grandiosen Porträts kommt nun die nächste Beleuchtung der Spaß-Guerilla mit Tiefgang ins Kino: In Die Yes Men – Jetzt wird’s persönlich zeigt Laura Nix mal ein paar private Seiten des Aktivisten-Duos mit belgisch-ungarischen Wurzeln, aber auch ihre neuen Einsatzorte. 

Von Jan Freitag

Es gab Zeiten, da riefen Unzufriedene bei Ämtern an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Manche schrieben auch Leserbriefe oder gingen unverdrossen auf die Straße, wenn aus ihrer Sicht etwas falsch lief im System, welcher Art auch immer. Modernen Aktivisten mit Sendungsbewusstsein ist das längst zu ineffektiv. Statt vor einer Handvoll Anwohner auf abgelegenen Routen zu demonstrieren, führen sie lieber 120 Millionen TV-Zuschauer weltweit so dreist hinters Licht, dass selbst die Aktienkurse purzeln. Ihr Name: The Yes Men. Eine Schar  renitenter, aber humorbegabter Weltverbesserer, die den Gang der globalisierten Dinge so dicke haben, dass sie No Men heißen müssten. Man konnte ihr Schaffen vor ein paar Jahren im schlichtweg brillanten Dokumentarfilm Die Yes Men regeln die Welt bestaunen. Jetzt kommt der dritte Teil einer losen Reihe verschiedener Autoren über das Medienphänomen zweier Ja-Sager mit großer Nein-Kraft ins Kino. Und verspricht wieder großes Entertainment mit Relevanz.

Denn Jacques Servin und Igor Vamos alias Andy Bichlbaum und Mike Bonnano – Autoren, Täter, Hauptdarsteller all dieser fantastischen Kompendien kreativen Widerstands gegen übermächtige Gegner – schaffen es seit nunmehr 20 Jahren, den Irrsinn unserer Welt frei von Zynismus so auf die Hörner zu nehmen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern den Kopf freiräumt. Wenn sie etwa als Konzernsprecher eines US-Multis vor die Kamera treten, um via BBC zu verkünden, Dow Chemical wolle 25 Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal endlich über 100.000 Opfer der explodierten Pestizid-Fabrik mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Dafür mussten die Yes Men bloß eine Homepage der Welthandelsorganisation WTO online stellen und auf eine Einladung der BBC zu warten.

Und so geht es weiter.

Noch immer narren sie Konferenzen, veröffentlichen Zeitungen mit guten Nachrichten, mischen sich unter die Occupy-Bewegung oder versprechen als Verwaltungsangestellte verkleidet, anders als es skrupellose, aber einflussreiche Investoren planen, völlig intakte Sozialwohnungen nach dem Hurrikan Katrina doch nicht abreißen, sondern sanieren zu wollen. Sie verkünden also eine Gerechtigkeitslogik, die der Shareholderkapitalismus täglich verhöhnt. Ihr Lohn ist das rechts-konservative Urteil “abartig und pervers” – nicht über die Politik sondern über den Protest dagegen.

Das macht die Spaß-Guerilla zu Michael Moores von heute, nur humorvoller, mutiger, weniger selbstgerecht. Und weil man ihrem scheuen Charme fast unvermeidlich erliegt, weil der Erfolg ihrer Aktionen scheinbar niemanden so sehr überrascht wie die Aktionisten selbst, dürfen auch Filme über ihr Engagement sein, was sachliche Dokumentationen eigentlich nicht sein dürfen: subjektiv, parteiisch, mal wütend, mal froh. Gerade deshalb aber sollte sie zum Pflichtprogramm marktradikaler Kräfte auf dem ganzen missbrauchten Planeten werden. Der unverfrorenen, zerstörerischen, machtbesessenen Dreistigkeit eines Systems, das ihn zum Spielball ihrer Profitinteressen macht, ist anders kaum beizukommen. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!


Peace’n’Pop: Frieden & Katastrophen

Protestkunst

Die Dokumentation Peace’n’Pop verdichtet den Arte-Schwerpunkt zum Frieden fast 100 Minuten lang zum Lehrstück über Macht und Ohnmacht der Protestkultur. Auch dank vielfältiger Zeitzeugen wie Ken Follett ist das weit mehr als eine unterhaltsame Nummernrevue.

Von Jan Freitag

Der Krieg hat keine Melodie, allenfalls Rhythmus. Krieg stampft, marschiert, er rattert, knallt und lärmt wie billiger Techno. Und falls der Krieg doch mal eine Poesie findet, ist es die der Trennung, des Hasses, Gefechtslyrik gewissermaßen: Copkiller, Arschficksong, Deutschland Deutschland über alles. Kein Wunder, dass Gewalt sang- und klanglos daherkommt. Musik, erklärt Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso, im Arte-Zweiteiler Peace’n’Pop, sei ja „das Esperanto der Kommunikation“, sorge also für Verständigung über Barrieren, Grenzen, Schlagbäume hinweg. Musik ist die Antithese zur Gewalt. Sie steht für Harmonie und Einvernehmen. Für Frieden.

Peace!

Doch Baez und Lennon, Blumenkinder und Folkbarden, Pazifisten und Beatniks – sie alle mögen ihm noch so innbrünstig „a chance“ geben; weil wahrer, ganzheitlicher, nicht nur militärischer, auch sozialer Frieden höchstens in der (zugegeben schönen) Fantasie existiert, hat Musik doch mehr mit Krieg zu tun, als vielen Künstlern lieb ist. Von dieser Schnittstelle handelt Christian Bettges‘ sehenswerte Analyse künstlerischer Ausdrucksformen in der Kakophonie menschlicher Spannungen jeder Art, die den Sommerschwerpunkt des Kulturkanals zum Thema Kultur & Kampf in rund 100 Minuten bündelt.

Sieben Jahrzehnte lang reist der Autor von Pop 2000 durch die jüngere Geschichte kultureller Konfliktbegleitung und wird dabei so umfassend fündig, dass er weit mehr als den Soundtrack unserer kriegerischen Gegenwart liefert. Bettges verknüpft die Bilderflut des medialen Zeitalters so geschickt und schlüssig zur Sinfonie renitenter Ästhetik, dass deutlicher wird, warum die Ära der Protestsongs erst nach dem furchtbarsten aller Kriege begann. Startschuss 1945.

Schon ein Jahr später begann nach den Völkerschlachten vorangehender Epochen das Zeitalter der Stellvertreterkriege. Seit Frankreich in Indochina unterm Vorwand kommunistischer Gefahrenabwehr sein Kolonialreich verteidigte, was die USA 1950 in Korea fortsetzten, wurde die Existenzfrage somit räumlich abgeschoben. Statt vor der eigenen Haustür floss das Blut nun ferner der Heimat. Erst diese Distanz, so Bettges, ließ aus der Sicherheit körperlicher Unversehrtheit heraus jenen Widerstand gegen das gottgewollte Recht auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln florieren, den die Hörweite detonierender Granaten zuvor unterdrückt hatte.

Weil die nukleare Weltvernichtungsgefahr jener Tage zugleich das Rock’n’Roll-Credo vom hedonistischen „live fast, die young“ befeuerte, blieb Emanzipation aber nie auf den Bellizismus der Elterngenerationen beschränkt. Ungehorsam, Drogenrausch, langes Haar, Love-Parade: Zwischen Angst und Spaß befreiten sich die Unterdrückten überkommener Konventionen nach und nach von allen Fesseln der Altvorderen – die darauf verlässlich mit Repression reagierten. Um diese Eskalationsspirale zu illustrieren, hat Christian Bettges nicht nur plakatives Archivmaterial gefunden, sondern allerlei redselige Zeitzeugen: Maler, Rapper, Modemacher, Alt-68er, Ken Follett, Bettina Wegner, wer auch immer dabei war. Oder ist. Wie besagter Clueso.

Zum Glück macht der Regisseur daraus im Gegensatz zu seiner preisgekrönten ARD-Reihe Pop 2000 nicht nur eine unterhaltsame Nummernrevue zeitgenössischer Kreativität; Peace’n’Pop ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht des Ungehorsams. Vor 16 Jahren, erklärt Bettges die Entwicklung, habe noch „großes Abgrenzungsbedürfnis zum Protestsong in Wollsocken“ bestanden. Seit 9/11 definieren sich junge Künstler wie Anfang der Achtziger wieder explizit politisch. Von diesem Wandel handelt der zweite Teil von 1979 bis heute.

Dummerweise will Bettges auch darin zu viel und zu wenig zugleich. Er schlägt den ganz großen Bogen der Protestkultur, springt von Vietnam über Techno zum War on Terror, blickt auf Zombiefilme, Punkrock, Mainstream und Off-Art, begleitet Ostermärsche, Sitzblockaden, Attac-Demos, spart abgesehen vom kurzen Schwenk auf Ballerspiele die Gegenseite der popkulturellen Politisierung zum Guten jedoch aus.

Dabei hat auch die ihre Lieder, Kunst und Kreationen. Horst Wessel, Kid Rock, Böhse Onkelz, Rednecks, Rechtsrocker und nicht zu vergessen all die Promis medial vermittelter Konflikte, deren Frontbesuch den Kampfesmut stärken sollte und soll: Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Chuck Norris, Jessica Simpson, zuletzt gar der deutsche Techno-Star Paul Kalkbrenner auf Stippvisite bei der Bundeswehr in Kunduz. Das ist keineswegs verwerflich, aber gewiss kein Pop zum Peace. Vielleicht ganz gut, ihn hier nicht zu hören. Ein Friedenslied von Lennon klingt allemal schöner.


FilmDebüt im Ersten

Schonzeit

Reihen wie das FilmDebüt im Ersten bieten dem Nachwuchs erstaunlich prominenten Entfaltungsspielraum – und prominenten Schauspielerin seit gestern wieder die seltene Möglichkeit, sich mal so richtig auszutoben.

Von Jan Freitag

Talentschmieden? Die Privatkonkurrenz reifungsresistenter Schulhofrabauken dürfte sich vor Lachen in die Hochwasserröhre machen, wenn sich ausgerechnet die Öffentlich-Rechtlichen – Altersschnitt über 60 – als nachwuchsfreundlich preisen. Doch die ARD mag in der ominösen Zielgruppe ein Nachfragedefizit haben; das Angebot ist bisweilen jugendlicher als ihr geriatrischer Ruf. Seit 2001 läuft zum Beispiel jeden Sommer das FilmDebüt im Ersten. Zur Wochenmitte dürften Filmschulabsolventen darin einmal jährlich ihre Erst- bis Zweitlingswerke zeigen.

Gut, der Sendeplatz nach den Tagesthemen ist nicht grad allererste Primetimesahne. Daniela Musgiller nennt die Zeit vor Mitternacht dennoch eine „Riesenchance für junge Talente“, um das zu präsentieren, was die federführende Redakteurin des NDR „Gemischtwarenladen“ nennt. Zum Auftakt liegt darin etwa Jan Ole Gersters gefeierte Langspielfilmpremiere Oh Boy, die der Berliner Republik mit Tom Schilling als modernitätsmüdem Lebenskünstler ein schwarzweißes Denkmal von hinreißender Lässigkeit gebaut hat.

Im Stromlinienprogramm haben sperrige Genrestudien wie diese hingegen Null Chance auf Zuschauer ohne Einschlafprobleme. Nach den Hauptnachrichten müssen schließlich Blut, Schmalz und (am besten Freuden-)Tränen fließen, gern verquirlt zum mainstreamtauglichen Cocktail für jedermann, besser noch: jederfrau. Umso überraschender, dass seit 15 Jahren auch ein paar Zwischentöne Raum zur Entfaltung kriegen. Und das beileibe nicht nur im Ersten. Ohne den Druck der Reichweite säen auch andere Sender eifrig Spielwiesen für kreative Selbst(er)finder an.

Was beim SWR Debüt im Dritten heißt, nennen WDR Kinozeit: Debüt und BR Debütsommer, während Das kleine Fernsehspiel im ZDF schon seit 1963 ein Schaufenster für Frischlinge öffnet, die darin erste Gehversuche auf 90 Minuten starten. Aus derlei Foren sind bereits Namen von Fatih Akin und Lars Kraume über Maren Ade, Aelrun Goette bis hin zu Andreas Dresen, Christian Schwochow, Tom Tykwer und sogar Wolfang Petersen hervorgegangen. Allesamt längst Superyachten der fiktionalen Gegenwart – die für ihren Einstieg allerdings weit seltener auf personelle Schützenhilfe der Branche bauen konnte.

Heute dagegen nutzen viele Schauspieler der oberen Gehaltsklasse die Chance, unter der Regie blutiger Anfänger für den Bruchteil normaler Gagen Horizonte auszuloten. Devid Striesow, Sibel Kekilli, Matthias Schweighöfer, Nora Tschirner, Moritz Bleibtreu, Corinna Harfouch oder Bruno Ganz – Kaliber dieser Größe lernen sonst ja eher Drehbücher namhafterer Autoren als Bastian Günther, dessen diesjähriges FilmDebüt Houston kein geringerer als Ulrich Tukur in der Rolle eines alkoholkranken Headhunters bereichert.

Auch Jasna Fritzi Bauer in Wolfgang Dinslages einfühlsamen Coming-of-Age-Drama Für Elise (19.8.) oder Max Riemelt als schwuler Polizist in Stephan Lacants Freier Fall (2.9.) hat wohl weniger die Aussicht auf das Geld als den Abglanz des Unbekümmerten, Neuen, Gewagten gelockt. Zumal für die Leinwand. Denn wie gewohnt wurden acht der neun aktuellen ARD-Debüts nicht eigens für den Bildschirm produziert. Ein paar Drehtage mehr als die TV-üblichen 20 dürften sogar gut gebuchte Darsteller zur Teilnahme überzeugt haben. Und anders als im Kino, wo das Millionenpublikum von Oh Boy im Kreise gefälliger Herbig- bis Schweiger-Zoten zu den anspruchsvollen Ausnahmen zählt, liegt die Zuschauerzahl am Flatscreen selbst um 22.45 Uhr stets im siebenstelligen Bereich.

Mit Regie-Rookies lässt sich also durchaus Quote machen. Was dazu führt, das sogar renditefixierte Kommerzkanäle bisweilen auf Risiko setzen. RTL zum Beispiel hat dem Werbefilmer Philipp Kadelbach schon drei Jahre vor seinem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter den Riesentopf des Blockbusters Hindenburg anvertraut. Und bei Pro7 durfte sich 1999 ein unerfahrener Kurzfilmer namens Dennis Gansel in abendfüllender Länge mit dem RAF-Thriller Das Phantom ausprobieren, bevor ihm Napola und Die Welle bekannt machten. Während die Branche also insgesamt über Quotendruck, Etatkürzungen und digitale Konkurrenz klagt, scheinen die Möglichkeiten junger Filmemacher zumindest stabil zu bleiben.

Das müssten jetzt nur noch die Programmverantwortlichen bemerken und den Nachwuchs nicht in Nachwuchsreihen Richtung Geisterstunde abschieben, sondern auf die Hauptsendeplätze. Einfach mal eine selbstbewusste 20.15 für Momčilo Mrdakovićs Regiedebüt Mamarosh etwa, das mit seiner federleicht ergreifenden Mutter-Sohn-Geschichte aus dem umkämpften Belgrad der Jahrhundertwende weltweit Preise gewann, im Ersten aber keine Chance auf etwas Prominenteres hat als einen Mittwoch Ende August kurz vor elf. Alles andere, so scheint es, ist staatsvertragswidrig. Sonst ändern sich kurz nach acht noch die Sehgewohnheiten…


Ludger Pistor: Bescheiden & brillant

Die zweite Riege

Nebenrolle hat einen despektierlichen Klang. Im Film sind das die Akteure hinter den Stars. Einer von ihnen, Ludger Pistor, hat es in Ein Schnitzel für alle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mal von hinten ins Rampenlicht geschafft – und erzählt, wie es sich auf beiden Seiten anfühlt.

Von Jan Freitag

Wir leben in einer Welt großer Namen. Der Boulevard, diese promisüchtige Welt öliger Gazetten, schmiert sein Geschäft praktisch mit nichts anderem. Bekannte Köpfe sind die Leitwährung der Erregungsökonomie. Heutzutage können sogar Arbeitslose Vorsitzende großer Dax-Konzerne benennen. Selbst Bundestagswahlen gewinnt man nun ohne jedes programmatische Profil spielend, solange nur ein gewohntes Gesicht von den Plakaten grinst. Und da ist noch nicht mal vom Film die Rede, dieser Oberflächenkunst, deren Topgagen fürs Titelpersonal nicht bloß in Hollywood zusehends den Löwenanteil der Produktionskosten fressen. Da klingt ein Begriff wie „Nebenrolle“ beinahe despektierlich.

Nebenrolle, das ist schließlich zweites Glied. Zufahrtsstraße. Ein lauschiges Plätzchen am Rande der Aufmerksamkeit, nicht irrelevant, aber austauschbar. Und wer will das schon sein? „Niemand“, glaubt Ludger Pistor. „Auch ich steh ja gern im Mittelpunkt“, fügt der ungemein rührige Darsteller unzähliger Filme und mindestens ebenso vieler Serienepisoden, von denen einem nur grad irgendwie keine einzige einfällt, hinzu. Auch er wolle sich „nicht auf Krampf nach vor spielen“, Gott bewahre; doch jeder Schauspieler, Pistor lacht fröhlich, „hat Angst, nicht wichtig zu sein und ersetzbar“.

Anders als in Schnitzel für alle also. Denn in der ARD-Komödie, „ich traue es mich gar nicht zu sagen“, so Pistor, spielt das Ruhrpottgewächs nach bald 30 seiner 54 Jahre auf Erden erst die zweite wirklich bedeutsame Hauptrolle. Und das auch nur, weil es die Fortsetzung seiner ersten ist: Ein Schnitzel für drei. Mit der durfte Ludger Pistor 2010 einen netten Wahrnehmungserfolg vorn auf der Besetzungsliste verbuchen. Davor wie danach allerdings gab es zwar Sprechauftritte in bedeutsamen Blockbustern – Schindler’s Liste oder Casino Royale, selbstredend Inglorious Basterds, zuletzt X-Men, solche Kaliber. Vor allem aber gab es nach seinem furiosen Kinodebüt in Der Name der Rose vor knapp drei Jahrzehnten reihenweise Assistenzeinsätze bei Schimanksi, allerlei Parts in Filmen mit Titeln wie Lüg weiter, Liebling, außerdem viel Trash von GZSZ bis Cobra 11. Und dann diese eine preisgekrönte RTL-Serie, in der er freilich nur den Sidekick der Titelfigur Balko gab.

Ludger Pistor, dieser gut geschulte Mime mit Ausbildungsstationen in New York bis Wien, mit markanter Nase und reichlich Bühnenerfahrung, er war also ein langes Berufsleben lang bloß Ergänzungsspieler. Das wirft die Frage auf: reicht ihm das? Tja, sagt Ludger Pistor zögernd, und verweist auf Theo Lingen. Theo Lingen, das war – für die Jüngeren – Pistors beruflicher Vorfahre, der sich einst durch die schwarzweiße Filmära näselte wie sonst nur Hans Moser – noch so einer, der Pistors, nun ja: Schicksal teilt. Denn Lingen, erklärt dieser, habe vorm Krieg vor allem Hauptrollen gespielt. Im Wirtschaftswunderland dagegen, das vornehmlich Aufsteiger liebte und strahlende Helden, sei Lingens Paradetypus vom „kleinen Mann“ zusehends im Hintergrund gefragt gewesen. Selbst ein Heinz Rühmann, glaubt Pistor, „würde heute nicht mehr reüssieren“.

Dabei zeugt es durchaus von Selbstbewusstsein, dass sich sein leidlich bekannter Kollege von am Großschauspieler dreier Staatssysteme misst. Aber auch Pistor, selbst aus „kleinen Verhältnissen“ stammend, sieht den Ottonormalverbraucher schließlich ebenso wie Rühmann als Kernkompetenz. Figuren wie jener Wolfgang, der in „Schnitzel für alle“ an Armin Rohdes Seite so weit unten im sozialen Ranking startet, wie ihn der erste Teil entlassen hatte, liegen ihm quasi genetisch. Die zwei Überlebenskünstler helfen dem Glück diesmal zwar gemeinsam mit einer Behinderten-WG auf die Sprünge, indem sie fremdes Geld (nach diversen Stolpersteinen) im Kasino mehren; doch auch jetzt wird das Happyend eines mit Haken sein. Etwas zum leise Lächeln, statt lauthals Jubeln.

Im deutschen Film, der Unterschicht meist als Desaster verhandelt, das übliche Fiktionspersonal von Kommissar bis Studienrat dagegen stets in Designervillen von Rem Kohlhaas einquartiert, ist derlei Heiterkeit am Rande der Gesellschaft die Ausnahme. Und somit ein Glück für Ludger Pistor, der es als „Mr. Germany, wie ich mich hin und wieder nenne“, endlich mal schafft, „90 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren“ und trotzdem an der Bühnenkante zu stehen. Dabei ist es ihm ungeachtet ihrer Größe viel wichtiger, „meine Rolle nach Kräften auszufüllen“. Zumal Nebenfiguren zwar oft „im Schatten der Titelfiguren stehen, aber trotzdem im Rampenlicht“. Wie Derricks Assistent Harry, den Pistor „eine der dollsten Figuren der deutschen Fernsehgeschichte“ nennt. „Und stellen Sie sich Schimanski mal ohne Thanner vor.“

Undenkbar, würde auch Hanns Zischler sagen, der seit 1970 weit mehr als 100 Filme mit seinem „schweigenden Gesicht“, wie es der Stern mal lobte, bereichert hat. „Ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter, fünfter Stelle“. Das aber sei kein Verharren auf halber Treppe zum absoluten Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Schließlich sei niemand entbehrlich, nicht im Film noch auf der Bühne. „Supporting Act“ nennt die amerikanische Filmwissenschaft Charaktere seiner Güte. Nachfahren großer Nebendarsteller von Hanns Lothar bis Elisabeth Flickenschild. Heute heiße sie Johanna Gastorf, Martin Brambach und Sandra Borgmann, die sich ganz offen zur Nebenrolle bekennen: Famose, aber uneitle Diener am Großen Ganzen, im Hintergründ tätig und doch Handlung selbst wie die erste Garde.

In „Ein Schnitzel für alle“ sind das übrigens eine großartige Therese Hämer, die als Wolfgangs Frau abermals hinter den Stars agiert. Oder Christina do Rego als deren Tochter Jessica, die nicht nur in Pastewka bereits ausgiebig ihr komisches Talent bewiesen hat. Auch das sind Typen jenseits gängiger Klischees, Schönheitsideale oder Altersgruppen, die an der Besetzungsspitze schwer zu vermitteln, aber keinesfalls unterbeschäftigt, gar unterfordert sind. „Je besser die Qualität bei der Besetzung der Nebenrolle ist“, hat Berthold Brecht übers Theater gesagt, „desto besser ist die Inszenierung“. Und auch, wenn das zweiteilige Schnitzel eher leichte Kost ist: Mit guten Nebendarstellern, und seien es welche auf Ausflug in Hauptrollen, wird daraus eine nahrhafte Mahlzeit.


Cordula Stratmann: Kühe & Lokalpolitik

Scheitern am Arschloch Alltag

Seit der legendären Schillerstraße war es ruhig geworden um Cordula Stratmann. Jetzt kehrt die begnadete Improvisationskomödiantin mit gleich zwei Serien zurück auf den Bildschirm.

Von Jan Freitag

Das Landleben, schenkt man dem TV-Programm Glauben, muss wie eine Seefahrt ziemlich lustig sein. Urige Gestalten liefern da im Sendeminutentakt mal harte, mal zarte Zoten. Von Nachkriegsschnulze bis Schmunzelkrimi, von Fjord bis Alm, von Hengasch bis Husum, von Kluftinger bis Alles Klara – das Fernsehen zeigt die Provinz gern als Hort heiterer Betulichkeit. Nach den traumschiffflüchtigen 80er, den technoiden 90er und den krisenhaften 00er Jahren jedoch gerät die Pampa nicht nur zum entspannenden Teilzeitexil gestresster Städter, sondern förmlich zur Comedybühne. Landflucht, Überalterung, Bauernhofsterben? Alles allenfalls am Rande relevant. Im (vor)abendlichen Unterhaltungsprogramm hingegen wird jenseits der Speckgürtel schenkelgeklopft und geschunkelt, dass sich die Scheunenbalken biegen.

Womit wir in Oberbreitbach wären, neuester Spielort dörflicher Sorglosigkeit, dem die ARD ab heute freitags vor der düsteren Tagesschau eine Extraportion Sonne durchs Idyll jagt als herrsche im Bergischen fortwährender Sommer. Und mittendrin: Cordula Stratmann. Als Kuhflüsterin spielt sie acht Folgen lang ein Landei aus dem Klischeekatalog: Tierheilpraktikerin, Klatschtante, Gartenzaunwacht, leicht esoterisch, sehr bodenständig, das Basisrepertoire der Feldwaldwiesenwelt im Clinch mit dem urbanen Nachbarn (Simon Boer), der sich als kerniger Bulle entpuppt, also der in Uniform, heitere Verwicklungen garantiert.

Solche Gegensatzpaare im gemütlichen Umfeld ziehen im Stromlinienfernsehen. Fragt sich nur, warum es die ARD ausgerechnet mit der überzeugten Wahlkölnerin besetzt, die bei „Landleben“ abseits von „bloß nicht“ bloß an drei Dinge denkt: „Urlaub, Kindheit, Langeweile“, wegen der man mich“, erklingt es im Tonfall ihrer Heimat, „in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf hätte rausholen müssen“. Stratmann und die Provinz – das passt scheinbar gar nicht. Und passt doch perfekt.

Weshalb das komödiantische Naturtalent dort zwei Wochen später abermals auftaucht: In Ellerbeck, tiefstes Emsland, wo es fürs ZDF eine umweltbewusste Erzieherin spielt, die im Streit um eine Schweinemastanlage den Kindergarten unverhofft gegen das Bürgermeisteramt ihrer fiktiven 15.000-Seelen-Gemeinde tauscht. Doch auch in der Rolle wirkt die langjährige Sozialarbeiterin keinesfalls deplatziert. Was weniger an den Geschichten selbst liegt, die abseits einiger schöner Dialoge weder durch Wackelkamera (Ellerbeck) noch Ausstattung (Kuhflüsterin) an Substanz gewinnen. Es liegt an der Selfmade-Kabarettistin allein.

Seit ihre hyperbürgerliche Kunstfigur Annemie Hülchrath zwei Jahrzehnte zuvor von rheinischen Kleinbühnen aus das Leitmedium eroberte, hat sich die schauspielerisch ungelernte Quereinsteigerin als Ausnahmeerscheinung der brachialen Spaßindustrie erwiesen. Abgesehen vielleicht von Annette Frier, an deren Seite Cordula Stratmann nicht ohne Grund mehrfach grundsoliden Wehrdienst am TV-Humor abgeleistet hat, gelingt schließlich keiner Darstellerin die Mischung aus Authentizität und Übersteuerung, kalauernder Comedy und feiner Realsatire mit ähnlich selbstverständlicher Arglosigkeit wir ihr. „Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin“, lautet ihr Berufsgeheimnis, „gebäre ich die Komik lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen“.

Schließlich sei es am lustigsten, „wenn jemand am Arschloch Alltag scheitert“. Momente zumal, „wo ich am lautesten über mich selbst lache“. Beobachtungsgabe, Selbstironie, Menschenliebe – drei Zutaten, die zwar nicht immer unterhaltsam sind, wie ihre satt missratene Miss Marple für Arme Ein Fall für Fingerhut vor fünf Jahren bewies, die sorgsam beigemengt aber eine Kunstform grundieren, von der nur wenige was verstehen. Aber dass Cordula Stratmann eine davon ist, durfte sie ja auch in einem Subgenre schulen, das unter Kennern als Königsdisziplin ihres Fachs gilt: Improvisation.

Bis 2007 hat sie in der Schillerstraße im Kreise unverstellter Kollegen mehr oder weniger sich selbst verkörpert, damit Preise gesammelt wie Mario Barth Einparkwitze und ihr Alleinstellungsmerkmal zur Vollendung gebracht: Witze allenfalls auf eigene Kosten zu machen. Der Freude am Würdeverlust anderer hingegen kann sie wenig abgewinnen, „denn das ist Schadenfreude und da hört bei mir der Spaß auf“. Bleibt die Frage, ob Ellerbeck und Kuhflüsterin in ihrer schützenfesthaften Provinzialität nicht doch genau das tun – an der Würde von rund 50 Prozent der Bewohner Deutschlands zu kratzen? „Ich finde potenziell jeden komisch, nehme aber auch jeden gleich ernst“, entfährt es ihr da in einem Hamburger Luxushotel, das der unprätentiösen Jeansträgerin von 51 Jahren spürbar zu glamourös ist, ernster als sonst und fügt hinzu: „Ich habe nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren.“

Mit diesem Ansatz kehrt die rheinische Karnevalshasserin nach längerer Abstinenz also gleich doppelt zurück auf den Bildschirm. „Schöner Zufall“, wie sie findet, „aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch, habe zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun“. In den Medien, sie lacht ihr raumgreifend lautes Lachen, „herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren.“ Das sei natürlich Unsinn. „Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht.“ Jetzt sehen wieder ein paar mehr zu. Kein schlechter Zeitvertreib.

Seit 3. Juli, 18.50 Uhr, ARD: Die Kuhflüsterin, ab 16. Juli, 22.15 Uhr, ZDFneo (24. Juli, 22.30 Uhr, ZDF): Ellerbeck; der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-07/cordula-stratmann-kuhfluesterin-ellerbeck erschienen


ZDFneo: Themenwochen Horrorfilme

Voll Porno, der Horror

Mit einer aberwitzigen Reihe zeigt ZDFneo seit voriger Woche sechs Samstage lang bis zum Morgengrauen die ganze Bandbreite des Horrorfilms und was sein Erfolg mit uns, dem Publikum, zu tun hat.

Von Jan Freitag

Worte, die es sinnübergreifend in den landläufigen Jugendslang schaffen, haben das Klassenziel sprachlicher Relevanz meist mehr als übererfüllt. „Porno“ zum Beispiel stand auf Schulhöfen eine Weile lang für „dufte“, wie es Großeltern der Benutzer Jahrzehnte zuvor noch weit betulicher ausgedrückt hatten. Deren Kinder wiederum umschreiben es unverdrossen mit dem zeitlosen „geil“, das die Enkelgeneration kurz ums zeitgemäß robuste „Dildo“ ergänzte, was Vati, seit neuestem „Babo“ genannt, schon mal einen Ausruf unbehaglichen Missfallens entlockt, der wirklich meint, wonach er klingt: „Horror!“

Während Dildo, Porno, geil nämlich von Muttis Nachtisch bis zum üblen Partyabsturz alles Mögliche bezeichnen kann, ist der Begriff blanken Entsetzens vor allem für wahrhaftige Scheußlichkeiten reserviert: mindestens Gammelfleischpartys über 30-Jähriger, tendenziell schlimme Autounfälle, Enthauptungsvideos, Trennungen per WhatsApp oder auch das, was ZDFneo ab heute aneinanderreiht, bis die Nackenhaare senkrecht stehen. Unter der Steigerungsform von „Grusel“ (übertroffen allenfalls durch „Splatter“ genannte Kunstblutorgien) zeigt der Spartenkanal dann sechs Samstage lang von der „Tagesschau“ bis zum, pardon, Morgengrauen Horrorfilme zwischen „atemberaubendem Nervenkitzel und wohlig gruseligem Schauer“, wie es Redakteurin Gabriele Weyand ein bisschen altbacken ausdrückt.

Die Intensität körperlicher Abwehrreaktionen dürfte bei den knapp drei Dutzend vorwiegend amerikanischen Exemplaren (aus Deutschland stammt nur der moderne Zombiefilm Rammbock, 25. Juli, 1.20 Uhr) zwar variieren – davon zeugt die enorme Bandbreite vom Monstermovie der Nachkriegszeit über die Hollywoodschocker der Siebziger bis in die psychoterrorisierende Gegenwart voll exzessiver Gewalt und atmosphärischer Knalleffekte. ZDFneo geht es allerdings weniger um einen Wettbewerb maximaler Angstschweißausschüttung; im Fokus des sommerlichen Schwerpunkts steht eher die Vielschichtigkeit eines Genres, das seit der Stummfilmära zum festen Repertoire des Kinos zählt. Und beides hat gute Gründe.

Die Bilder lernten schließlich gerade laufen, als der ungebremste Industrialisierungswahn erstmals offenkundig an soziale, technische, also menschliche Grenzen stieß. Naturzerstörung, Armut, der Weltkrieg und ein angeblich unsinkbares Schiff, das schon bei der Jungfernfahrt sank, sorgten für einen Skeptizismus, der sich vor allem in Kunst und Kultur wiederspiegelte. Die erste Verfilmung von Mary Shellys Frankenstein versetzte dem Fortschrittsglauben schon 1910 einen weithin spürbaren Dämpfer und etablierte die Furcht vorm Unbekannten, Bedrohlichen, Entfesselten als Triebkraft des Kintopps. Geister, Dämonen, Vampire und bald auch die ungeheuer angesagten Zombies markierten fortan bedrohliche Antipoden der Zivilisation, denen auch Ordnungsstaat und Happyend nie ganz beikommen konnten.

So sicher zumindest die westliche Gesellschaft nach 1945 geriet, so beherrschbar ihre Mechanismen wirkten, so sehr die Todesgefahr früherer Epochen aus dem Alltag verschwand – stets dräute da etwas Unheimliches im Untergrund wachsender Städte und ihrer Vorortidyllen. Zeitgenössische Ängste vorm Unbeherrschbaren, die durch Arnolds Tarantula am vorigen Sonntag früh, Hitchcocks Die Vögel (11. Juli, 21.35 Uhr) oder Spielbergs Weißer Hai (18. Juli, 1.15 Uhr) verkörpert wurden und bald ihren Weg ins Unterbewusstsein fanden, wo das Böse mal im Keller von Halle Berrys Psychiatrie lauert (Gothika, 1. August, 22.05 Uhr), mal in einem hermetischen Kubus samt sechs unwissentlich Eingeschossener (Cube, 0.55 Uhr), besonders gern jedoch im eigenen Kopf jener, die sich fortan selbst bekämpfen müssen wie in The Unborn (23.40 Uhr). Und das sind längst noch nicht die krassesten Auswüchse eines Metiers, dass mit The Walking Dead gerade eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten fortsetzt, deren lebende Leichen einst allenfalls Bahnhofskinos entvölkert hätten.

Wie jedes Konsumgut unterliegt auch das Gruselige zwar einer Steigerungslogik des freien Marktes, um im Reizgewitter der Erregungsindustrie wahrnehmbar zu sein; wenn selbst „Torture Porn“ genannter Folterhorror wie Hostel zu Kassenschlagern werden, hat das jedoch nicht nur mit einer Perversionsspirale zu tun. Überspitzt zu Untoten, Raketenwürmern, Knochenjägern, Katzenmenschen, Triebtätern wie in der ZDFneo-Reihe, lassen sich die Abgründe menschlicher Natur vom Sessel aus mit etwas Gänsehaut nun mal gemütlich abstrahieren, als existierten sie nur in 2 bis 3D. Am Ende entspringt demnach auch George Clooney als Gewohnheitsverbrecher beim aberwitzigen Splatter-Finale im Titty Twister nur der irren Fantasie von Quentin Tarantinos From Dusk Till Dawn zum Auftakt. Nichts als Kino.

Oder?