30 Rock: Jack Donaghy & Alec Baldwin
Posted: June 3, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentArschlochfernsehen
Die fabelhafte Sitcom 30 Rock blickt so artifiziell wie realistisch hinter die Kulissen der amerikanischen Comedy-Industrie. Der verdiente Lohn dafür sind allerlei Fernsehpreise und die Primetime, zumindest in den USA. Bei uns hingegen wird die Serie mal wieder abseits der Wahrnehmbarkeit versendet (donnerstags, 22.55 Uhr, RTL Nitro).
Von Jan Freitag
Ein – pardon, das Wort muss jetzt mal sein: Arschloch gilt gemeinhin als Königsdisziplin des Schauspiels. Wen immer man in der Branche fragt, er würde den schlichten Romantiker Romeo leichten Herzens gegen seinen intriganten Widerpart Tybald tauschen, diesen bauchgetriebenen Unruhestifter. Herausfordernd ist ein Bernd Stromberg, kein Prof. Brinkmann. Und süffige Sympathieträger(innen) von Christine Neubauer über Erol Sander bis Veronica Ferres haben ja auch deshalb ein derart lausiges Renommee, weil ihre Figuren frei von jedem Makel sind. Grundsätzlich. Immer.
Arschlöcher hingegen sind in Film und Fernsehen mehr noch als in der Realität vor den Studiotüren Makelmillionäre. Windige Fehlersammler. Vermeintliche Unsympathen, die all das öffentlich raushauen, was sich selbst rückständige Normmänner allenfalls mal daheim am Stammtisch trauen. Unflätige Dinge tun zum Beispiel, etwa einer Mitarbeiterin beim ersten Treffen lächelnd „natürlich kochen Sie nicht“ ins Gesicht zu sagen, „sie sind ja eine New Yorker Feministin mit Collage-Abschluss, die vorgibt, glücklich zu sein als überlasteter, untervögelter Single“.
So unverfroren nimmt der neue Chef einer amerikanischen TV-Varietésendung Tuchfühlung zu seiner fortan wichtigsten Autorin auf. Und wie dieser charmante Soziopath Jack Donaghy auch sonst mit der klugen, aber spröden Liz Lemon umgeht, wie er überhaupt alle Leute seines Einflussbereichs in Grund und Boden ekelt, wie ihm der Hollywood-Star Alec Baldwin zu verachtenswerter Grandezza treibt, ohne ihn aller Menschlichkeit zu berauben – da zeigt sich abermals: Wenn irgendein Land jenseits deutscher Grenzen Fernsehunterhaltung produziert, kann Spaß tatsächlich Tiefgang haben und umgekehrt.
30 Rock heißt die sehenswerte Ausnahmeerscheinung am gesättigten Markt importierter Sitcoms und läuft ab heute – wie hierzulande für alles Serielle von Belang üblich – auf einem Spartenkanal zur Nacht. Das ist schade, nein: unerhört. Denn so fiktiv die permanente Kollision von Donaghys elitärer Selbstgerechtigkeit mit seinem Umfeld bisweilen auch wirkt, so realistisch ist die spielerische Eleganz, mit der Alec Baldwin sein kultiviertes Arschloch auf ein höheres Niveau hebt. Das liegt daran, wie er die Frage, warum er tagsüber einen Smoking trage, mit der Antwort abbürstet, „es ist halb sechs, bin ich ein Bauer?“. Es liegt aber mehr noch an Tina Fey.
Die Hauptdarstellerin verleiht ihrer Liz nicht nur eine hinreißende Balance zwischen Ostküsten-Emanzipation und männerdominierter Wirklichkeit, sie hat 30 Rock auch noch im Ganzen ersonnen, produziert, gemacht. Was zudem nicht ihrer Fantasie entsprang, sondern einem tiefen Blick in die Branche: Vor Feys bislang größten Erfolg, der nach Startproblemen am heimischen Markt weltweit läuft und sämtliche relevanten Fernsehpreise im Dutzend abräumt, hat sie jahrelang Witze für die Comedy-Legende Saturday Night Live geschrieben, die hier ziemlich unverblümt als Vorbild der persiflierten „Girlie Show“ firmiert. Die Mittvierzigerin kennt den amerikanischen Humorbetrieb somit von innen und spielt sich darin ebenso selbst, wie Baldwins Donaghy zum wahrhaftigen Stammpersonal des Großsenders NBC zählt, der hier unter seinem Klarnamen durch den Kakao gezogen wird.
Diese Bereitschaft zur Selbstironisierung war 2006, als die erste von 138 Folgen in sieben Staffeln anlief, selbst in den USA selten. Mittlerweile hat sich dieses Prinzip bissiger Selbstreflexion jedoch bis nach Deutschland durchgesetzt, wo Lerchenberg zuletzt das ZDF an der Nase durch den eigenen Ring zog. 30 Rock hat dazu aber etwas, das in Mainz fehlt: Die Bereitschaft, auch ein größeres Publikum zur prominenten Sendezeit daran teilhaben zu lassen, was Gaststars von Al Gore über Oprah Winfrey bis Steve Buscemi ins New Yorker Rockefeller Plaza 30 lockte. In Lerchenberg trat mal Wayne Carpendale auf. Witzig.
Two and a Half Men: Ende der Lachkonserven
Posted: May 27, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentNull und kein halber Mann
Nach 225 Folgen in zwölf Jahren und Milliarden fröhlicher Zuschauer ist der Vorreiter des jüngsten Sitcom-Booms am Dienstag auch in Deutschland vom Bildschirm abgetreten. Natürlich wird Pro7 noch bis in alle Ewigkeit Wiederholungen senden, doch mehr denn je stellt sich nun die Frage, warum Two and a Half Men eigentlich so absurd erfolgreich waren? Ein Erklärungsversuch.
Von Jan Freitag
Es gibt unzählige Arten zu lachen: Gehässiges und herzliches Gelächter, schallendes und bauchiges, bitteres und blödes, überdrehtes und verstohlenes, falsches wie ehrliches. Lachen, das im Halse stecken bleibt, zu Herzen geht oder nach innen erfolgt. Es gibt also schönes und hässliches Lachen. Das hässlichste aber, schlimmer als jedes schadenfroh sarkastisch hinterhältige Fieslingslachen ist: Lachen vom Band.
Nicht umsonst nennt man es in den USA, wo so eine Tonspur seit 1950 über den Fernsehhumor gekippt wird, Lachkonserve: abgekocht, aseptisch, wenig nachhaltig, ewig haltbar. Da es den Zuschauern vorm Bildschirm schwerfällt, Gefühlen freien Lauf zu lassen, delegieren sie ihre Empfindung an andere. Die Sozialwissenschaft spricht von Interpassivität: Pointe, Plastiklacher, Pulsanstieg samt Spaßgefühl, als habe das Publikum selbst gelacht. Klingt nach einem netten Service in isolierter Zeit. Einerseits. Andererseits signalisieren Lachkonserven auch an ziemlich witzlosen Stellen Humor.
Womit wir in Malibu-Beach wären.
Hier nämlich haben Charly, Alan, Jake und Walden ein Häuschen am Strand, in dem es zwar meist komisch zugeht, aber selten so brüllend, wie das ständige Kunstlachen suggeriert. Beispiele gefällig? „Morgen, Jake, wie willst du deine Eier?“ Antwort: „Im Osternest!“ Hysterisches Lachen. Oder: „Warst du im Bett?“ Antwort: „Nicht in meinem!“ Hysterisches Lachen. Oder: „Ist dir dein Vater plötzlich nicht mehr gut genug?“ Antwort: „Was heißt denn hier plötzlich!“ Hysterisches Lachen. Mal zum Schmunzeln, mal zum Grinsen, nie zum Brüllen – so geht es immerfort, bei Two and half men, der erfolgreichsten Sitcom ihrer Generation.
Zwölf Staffeln, 225 Folgen, gut ein Jahrzehnt lang Quotenkrösus in 40 Ländern, auf ProSieben schon mal ganztätig, Kalauerfutter für Milliarden rund um den Erdball. Mit Fließbandwitzen zum Thema Sex, Saufen, Saufen und Sex schreibt die CBS-Serie seit der Erstausstrahlung am 22. September 2013 Fernsehgeschichte. Genauer: schrieb. Jetzt lief die Story um eine groteske Männer-WG mit Charly Sheen als trinkfreudigem Weiberheld, John Cryer als sein geschiedener Bruder, Angus T. Jones als dessen dicker Sohn Jake und Ashton Kutcher als melodramatischer Milliardär, der die moralisch versiffte Hauptfigur zur neunten Staffel ersetzt hat, zum letzten Mal.
Das ist schon eine Würdigung wert. Kritiker würden sagen: auf dem Weg zur Hölle, Fans hingegen: gen Himmel. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Two and a Half Men hat ja in vielerlei Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Wirtschaftlich war die Serie derart erfolgreich, dass Charly Sheen zum Gründungsmitglied des Million-Dollar-Clubs jener Seriendarsteller wurde, die pro Episode siebenstellig verdienen, was der junge Angus zwar nur zu einem Viertel erreichte, damit aber zum bestbezahlten Kinderstar seiner Generation wurde. Personell hatte Chuck Lorres Erfindung auch nach dem Rauswurf des zügellosen Superstars vor gut drei Jahren eine so große Sogwirkung, dass die Liste prominenter Gastauftritte von Sean Penn über Mila Kunis und Megan Fox bis hin zu Arnold Schwarzenegger schier endlos ist. Doch selbst dramaturgisch ging das Format über die Aneinanderreihung derber Zoten hinaus.
Die blutsverwandte Männergruppe war nämlich nicht weniger als ein Abbild der Anschlussblockade ihrer Geschlechtsgenossen ans neue Jahrtausend. Zwischen Spaßgesellschaft, Dauerkrise und Hyperindividualismus wurden nach 9/11 ausgerechnet die Herren der Schöpfung abgehängt. Ausgerechnet diese zweieinhalb Kerle kennzeichnen da drei Archetypen dieser Verkümmerung: Auf der einen Seite Alan, ein Emanzipationsverlierer mit prekärem Job im Gesundheitswesen, dessen Männlichkeit im steten Clinch mit Anspruch und Wirklichkeit liegt. Auf der anderen Charly, ein Adoleszenzverweigerer, der den drohenden Bedeutungsverlust mit verantwortungslosem Sex, reichlich Alkohol und mangelndem Realitätssinn kompensierte. Und mittendrin Jake, der seinem Vater die Coolness des Onkels soufflieren muss und umgekehrt etwas Vernunft, was den heillos verfressenen Teenager zuletzt von der Spielkonsole zur Army führt, also hinein in die letzte Bastion amerikanischen Männlichkeitskults, aber raus aus der Serie.
Besser könnte man die Abwärtsspirale im Way of Life der USA kaum darstellen. Im Kern geht es allerdings nicht um soziokulturelle Relevanz, sondern ein Medieninvestment zur heiteren Entspannung nach Feierabend. Auch im gestrigen Finale ging es also bestenfalls hintergründig um ein Fazit, gar Lösungsansätze für die Zukunft, sondern ausschließlich um die Show. In durften Gaststars wie Arnold Schwarzenegger auftreten, Rückkehrer wie der gereifte Jake und nicht zuletzt Charly, den man zwar nur hüftabwärts von hinten sehen konnte, als umflort von den üblichen Sexwitzchen mit Promille ein fliegendes Klavier auf ihn herniederging und sodann ein zweites auf den Showrunner. Es ist also wirklich zu Ende. Ist es?
heute+: Infotainment & Netznudisten
Posted: May 20, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentPlus minus News
Seit Montag ist das gute alte Nachtmagazin im Zweiten 21 Jahre nach Nina Ruge Geschichte. Stattdessen will das ZDF mit heute+ junge Zuschauer übers Netz vor den Fernseher ziehen. Das Rezept: Infotainment im Pseudohipstersprech statt echter Nachrichten, von Netznudisten wie Daniel Bröckerhoff, die sich doch etwas besser mit tainment als Info auskennen.
Von Jan Freitag
Da steht er nun, mitten im Raum, wie ein Hologramm in Krieg der Sterne, nur nicht so körnig wie Prinzessin Leia. Wir schreiben das Jahr 2015, Daniel Bröckerhoff ist also gut zu sehen, als er im Greenscreen-Großstadtverkehr eine Premiere feiert: Heute Nacht ist 22 Jahre nach Nina Ruges erstem Auftritt im ZDF seit Montagabend Geschichte. Die nachrichtliche Geisterstunde heißt nun:heute+. Die Sendung soll fortan alles grundlegend anders machen als die Ahnherren aus dem analogen Regelprogramm. News der Generation Internet, Instant-Infos für Bröckerhoffs Peergroup. Fern der weihevollen Würde von Anchormen wie Claus Kleber, der dem Nachwuchsmoderator ein possierliches Werbevideo gedreht hat, in dem sich der Platzhirsch herrlich selbstgerecht über den Frischling mokiert: Ohne Krawatte?! Ohne Tisch?!? Crazy!!!!
Genauso trat der Neue am alten Sendeplatz gestern tatsächlich auf, um 23 Uhr live in der ZDF-Mediathek, 50 Minuten später im traditionellen Fernsehkanal. Das Hemd guckt dem öffentlich-rechtlichen Newcomer von auch schon fast 40 Jahren lässig aus der verwaschenen Jeans, die Hände stecken hipstergerecht in tief sitzenden Hosentaschen, als er de Zuschauer zu den “neuen Nachrichten im ZDF” begrüßt. Die heißen, der Reihe nach: Flüchtlingspolitik, Klimawandel, irgendwas mit Drogen, dazu die übliche Dosis Bahnstreik, ein bisschen Krieg (IS im Irak), ein bisschen Popkultur (LED-Radtouren durch Berlin), fertig nach 15 Minuten.
Die informationelle Revolution ist ganz schön kurz. Vor allem aber ist sie alles Mögliche, aber nicht informativ. Fünf meinungslastige Beiträge in einer Viertelstunde plus Newsblock und Eigenwerbung – das bietet allenfalls Raum für Kasuistik und Häppchen. Zwei iranische Asylbewerber erzählen von ihrer Ankunft in Deutschland, ein kenianischer Schlepper erzählt vom Schleppen, ein substituierter Junkie vom Substituieren. Kontext? Metaebene? Relevanz? Zweitrangig! Zusätzlich geht es um menschelnde Modethemen, wie diese Radfahrer, die als LED-beleuchtete Critical Mass durch die Hauptstadtnacht rollen – nachhaltig wie Bubble Tea. Ab und zu mögen Statistikfetzen übers Touchpad wehen; zur Illustration globaler Fluchtwege sagen drei haltlose Sätze eines Betroffenen in Nairobi ebenso wenig übers globale Megathema aus wie sechs künftige Engpässe im Kühlschrank, die, ja genau, der Klimawandel zu verantworten hat. Kaffee wird irgendwann knapp? Armes Kreuzberg.
Die Frage also lautet: Bekommen die öffentlich-rechtlichen Gebühreneintreiber mit dem banalen Mix aus Logo, LeFloid und Tagesschau24 die Jugend weg von RTL oder Instagram zurück vor den Fernseher, der längst kein Fernseher mehr ist, sondern ein Flatscreen zum Anfassen, gern in Form eines Smartphones mit beiläufiger Telefonfunktion, jedenfalls mobil, das heißt, nicht fest installiert, im Wohnzimmer gar, sondern überall und nirgendwo und immerzu und überhaupt und war das jetzt eigentlich zu viel Wort und Schwall und Kraut und Rüben und Zackzackzack in mehr als 500 Zeichen, die übrigens an einem uralten Netbook entstanden sind, Baujahr ungefähr, pardon: approximately 2009, also multimediahistorisch Steinzeit, gewinnt man – zurück zur Frage – multitaskinggeschulte Digital Natives der auch schon wieder dritten Generation auf diese Weise also zurück fürs klassische Programm?
Die Antwort muss anspruchsvollen Sachkonsumenten durchaus Angst bereiten, denn sie lautet: langfristig vermutlich schon, wenn auch die Premiere im stationären Fernsehen eine schwache Quote von 660.000 Zuschauern aufwies. Der moderierende Netznudist Bröckerhoff glänzt weniger durch Eloquenz und Kenntnistiefe als durch optische Zielgruppenanschlussfähigkeit und 44.800 Tweets für 10.300 Follower. Wenn er den nächsten Bahnstreik verkündet, bedient sein “und alle so Yeah” das Pro7-Publikum wie die urbane Partycrowd, der auch seine vielen Versprecher im Onlinedebüt herzlich egal sein dürften – in der anschließenden Fernsehfassung waren diese wie von Geisterhand geglättet. Vielleicht macht es seine Co-Moderatorin Eva-Maria Lemke besser, mit der sich Bröckerhoff täglich abwechselt.
heute+ will nicht informieren, sondern um seiner selbst Willen crossmedial sein, bis der Server dampft. Deshalb werden einige Beiträge schon vor Sendungsbeginn online veröffentlicht; deshalb darf bei Facebook und Twitter fleißig Einfluss genommen werden auf Sendung, Inhalt, Moderatoren, alles “in Echtzeit, immer verfügbar”, wie die Redaktion wirbt. “Ich hoffe”, beendete Daniel Bröckerhoff die Show, “wir haben niemanden zu sehr verstört”. Doch, sie haben. All jene, die durch Nachrichten etwas von der Welt erfahren wollen, anstatt sie bloß youtubegerecht zubereitet zu bekommen wie einen netten Videoclip. Claus Kleber, übernehmen Sie, zur Not auch mit Krawatte!
http://www.zeit.de/kultur/film/2015-05/heute-plus-zdf-nachrichten-broeckerhoff
Tocotronic: Popkultur & Relevanz
Posted: May 13, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Fette Heringe
Wohl keine andere Band hat die deutsche Popkultur seit Kraftwerk mehr bereichert als die Hamburger Musterschüler Tocotronic. Pünktlich zum elften Album feiert nun ein opulenter Bildband 20 Jahre Studioplattengeschichte. Das ist ein bisschen zu fett für die drei Heringe aus Hamburg und doch genau richtig.
Von Jan Freitag
Was in einer Hansestadt von Gewicht ist, hängt selten mit Gramm und Kilo zusammen. Gut, in München oder Köln, den absolutionskatholischen Epizentren rheinisch-fröhlicher bis hedonistisch-bayerischer Selbstgerechtigkeitsbeben bringt man gern mal mehr auf die Waage, um oben mitzuspielen. Millowitsch? Zwei Zentner. Strauß? Locker drei. Karneval? Vier Promille. Bierzelt? Schon mal fünf. In Hamburg hingegen pflegt man lieber das Distinktionselement der Askese, als allzu physische Präsenz. Quinn, Lindenberg, Albers, Kabel und erst die Honoratioren Schmidt, Voscherau, Dohnanyi: alles eher Heringe im Wellenbad der Weltstadt.
Hier herrscht halt Understatement, Effizienzethik, Demut – und dann das: Fünf Pfund Hochglanzpapier, verteilt auf 384 Seiten mit noch mehr Bildern, knallrot wie die Mao-Bibel, wuchtig wie eine von Gutenberg: Tocotronic, kulturell das wichtigste Schwergewicht der Region seit Brahms, feiern 20 Jahre Debütalbum. Und sie tun es mit einem Bildband im Coffee-Table-Format. Fett!
Fett?
Kein Attribut könnte das Trainingsjackengeschwader der systemkritischen Poplinken unzutreffender beschreiben als dieses. Fett, das waren im Musikbiz andere, die Athleten, die Househopser – physisch, psychisch, dramaturgisch. Fett war Rave, der damals die Rückkehr des Rock zur Disco bezeichnet hatte, dann die Aneinanderreihung von Monstertrucks zu Liebesparaden. Fett waren Eurodance und Hair Metal und Big Beat und MTViva und überhaupt die ganze entpolitisiert feiernde Jugend jener Tage, als deren Antithese Tocotronic Anfang der Neunziger aus den Ruinen musikalischer Independenz aufgestiegen ist.
Rein körperlich war das Trio spindeldürr und linkisch, zwar irgendwie exaltiert, aber sonderbar unterschwellig, so profan wie politisch, alltagslyrisch und philosophisch, alles in einem und nichts davon oder wie es Jens Balzer im Vorwort zu besagten fünf Pfund bebildertem Papier ausdrückt: „Die schönste und klügste und bewegendste Gruppe, die dieses Land in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat.“ Und das ist dann doch mal einen Folianten dieser Größenordnung wert.
Er heißt Tocotronic Chroniken und ist laut Autor weniger Biografie als Montage. Eine Installation dreier Leichtmatrosen in Motto-Shirts, die dank großer Beharrlichkeit und zeitloser Originalität längst auf der Kommandobrücke des deutschen Diskursrocks stehen, von der „Mithüpfband zur Zuhörband“ gereift, wie ein Kritiker schrieb. Wer Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank als erstere erlebt hat, wird sich beim Durchblättern abermals wundern, wie das passieren konnte, was da passiert ist. Ende 1993 etwa, als sie es in einer Genossin namens Rote Flora wagten, zu kreischenden Rockriffs von der Freundin (und ihrem Freund) zu singen statt der Revolution (und wie man die hinkriegt). Auf Deutsch! In bunter Kleidung! Eher beschleunigter Powerpop als ortsüblicher Hardcore! Die anwesenden Autonomen im dampfenden Keller wirkten spürbar irritiert und repräsentierten damit eine Haltung, die der Band aus dem Eimsbütteler Bunker bis heute entgegenschlägt.
Selbst zu viert mögen Tocotronic plus Rick McPhail weniger wiegen als jedes Mitglied von Grönemeyers fantastischen vier Ärztehosen: Seit dem unausgereiften Debüt Digital ist besser hat fast jedes Album was Bleibendes in der popkulturellen Ikonografie hinterlassen. Ihr dadaistisches Songwriting ersann so viele Bonmots, dass selbst Feinde wie die FAZ Teil dieser Jugendbewegung sein wollten, deren Texte von Lowtzows Textzeilen nur so strotzen. Ihre Ästhetik füllt die Kleiderschränke einer ganzen Generation Großstadtslacker. Ihr androgyner Habitus ist bis heute stilbildend. Und auch Das rote Album, Platte Nummer elf, setzt musikalisch Maßstäbe.
All dies ist nicht nur in den vorigen 20 Jahren singulär, es hat also spielend Potenzial für 384 Seiten Hommage. Strikt entlang der Platten (und gottlob ohne die üblichen Kinderfotos) erzählt, sagen sie viel über Tocotronic, aber auch ihre Zeit an diesem Standort: Hamburg. Als die Band 1993 hier entstand, war keine Stadt vergleichbarer Größe mehr vom Rückzugsgefecht des popkulturellen Anspruchsdenkens betroffen. Doch just, als die unkommerzielle Club- zur Eventkultur aufpoliert wurde, kombinierten junge Bands von Huah! bis Blumfeld NDW so erfolgreich mit Garagenrock, dass daraus ein Sammelbecken selbstironischer Systemanlysten entstand: die Hamburger Schule, in der Tototronic noch 1995 neu waren, bald aber den Ton angaben. Vor allem im Klassenzimmer Heinz Karmers, wo die Band bis zum Abriss fast im Wochenrhythmus Familienfeste gab.
Weil aber nicht nur Freunde und Verwandte mitfeierten, sondern eben jener popkulturelle Mainstream, dem die drei Diskursrocker leidlich kostümierte Verachtung entgegenbrachten, vollzog die „intellektuellste Boygroup Deutschlands“, wie sie ausgerechnet die verhasste Springerpresse lobte, den Wandel zur Erwachsenenband. Trainingsanzüge, WG-Ästhetik und Erste Person Singular wanderten ins Archiv der Nachwendegesellschaft und machten Platz für poetische, oft kryptische, doch unverblümte Systemkritik. Aber hier leben? Nein Danke! Was Tocotronic 1999 auf K.O.O.K. andeuteten und drei Jahre später mit dem Weißen Album vollendeten, war kein Kurswechsel, sondern radikale Abkehr. Und die Überraschung, fast ein Wunder: In den Jubelchor des Feuilletons stimmte niemand geringeres ein als das Publikum!
Es ließ sich sogar etwas gefallen, wovon andere Gassenhauer-Lieferanten nur träumen: Als Schall & Wahn vor fünf Jahren sensationell die Hitparade anführte, standen im Übel & Gefährlich vielleicht zwei Klassiker auf der Set-List. Der Rest war Politlyrik von heute, die verlässlich einstellige Chartsplätze erreicht und dennoch zum hartlinken Soundtrack von Deutschland du Opfer! bis Recht auf Stadt taugt. Man kann das in Balzers Chroniken nachlesen, dem Kompendium einer Band, deren Erfolg – gerade in dieser Permanenz – noch immer virtuell erscheint. Spindeldürr sind sie noch immer. Nur wiegen sie längst mehr. Viel mehr.
Jens Balzer, Die Tocotronic Chroniken, 384 Seiten, Blumenbar, 49,90 Euro; der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-05/tocotronic-bildband-chroniken-20-jahre-studiogeschichte
Ron Jeremy: Pornostar & Schmuddelimage
Posted: May 6, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer größte Lover aller Zeiten
Auch mit gut 60 Jahren ist Ron Jeremy ein Superstar des globalen Porno. Niemand hat so viele Sexfilme gedreht wie der haarige New Yorker. Für die Goldenen Jahre des Genres steht er daher wie sonst nur Linda Lovelace, deren Leben 2013 verfilmt wurde (11. Mai, 22.15 Uhr, ZDF). Anders als das gefallene Sternchen aus Deep Throat hat es Jeremy allerdings als einer der wenigen Darsteller zu Reichtum gebracht. Porträt eines Getriebenen des lukrativen Treibens.
Von Jan Freitag
Sex und Lüge sind Geschwister. Ob zur Anbahnung, Durchführung oder Nachbereitung erotischer Erlebnisse jeder Art – stets ist die Unwahrheit mit im Liebesspiel des Größerlängerbesserhärterzarteröfter. Und wenn dann noch einer wie Ron Jeremy behauptet, 4000 Frauen im Bett gehabt zu haben, auf Tischen, Stühlen, Bänken, Straßen, Stränden, Stahlträgern, wer weiß wo, dann scheint das Blendwerk perfekt. Mit Schmerbauch, Doppelkinn und ergrautem Schnauzer hat der winzige Kerl schließlich in etwa die sexuelle Attraktion eines Mopsterriers. Und das soll der größte Lover aller Zeiten sein?
Er ist es und Ron Jeremy hat Beweise. Besser: halb so viele wie die Anzahl seiner Gespielinnen und einer steht sogar im Bestleistungskompendium der Welt, dem Guinnessbuch. Mit 1750 Rollen in Pornofilmen ist Ron Jeremy dort verzeichnet und es kommen auch in einem Alter neue hinzu, da viele Männer auf Penetration zu verzichten beginnen. Erst kürzlich gab es wieder einen. Jeremy lacht: „Sobald ich für einen Ständer Viagra bräuchte, ziehe ich mich aus dem Pornogeschäft zurück“. Noch muss er nicht, behauptet er. Wie gesagt: Wir befinden uns im Kosmos der Sexualität, der professionellen zumal. Es ist ein Märchenland. Genau so muss dem 62-jährigen Amerikaner das Leben vorkommen, seine Arbeit, sein Ruhm und vor allem: dieses Stehvermögen. „Bin ich ein verdammter Glückspilz oder was?“, lautet die rhetorisch gemeinte Frage in seiner Biografie, gänzlich unbescheiden mit Ein Mann und viertausend Frauen betitelt, „es ist noch nicht mal Mittag und ich habe schon Sex mit 14 Frauen gehabt“.
Nun ist hier die Rede von Pornografie. Harter Pornografie. Ein System extremer Ausbeutung, an dem zumeist nur eine winzige Minderheit der Beteiligten gut verdient. Und wenngleich Jeremy, in gewisser Weise ihr Uropa, lieber arglos von „Erwachsenenfilmen“ spricht, die ein gigantisches Publikum finden, ist ihr Ruf unterm Strich erbärmlich. Porno steht für Frauenverachtung, Ausbeutung, Verrohung und Warenförmigkeit, für Ekel, Gewalt, ja Prostitution und Unterwelt. Ein Männergewerbe voller Sklavinnen, klagen nicht nur Feministinnen. Ron Jeremy sieht es, nun ja, differenzierter. Und das wirft vor allem auf die deutsche Sexindustrie kein gutes Bild. Hier würden die richtig harten, grenzwertigen, die „perversen“ Filme gedreht, sagt er und tut dies ohne Groll. Sein Credo ist das der Toleranz. Solange kein Zwang herrscht… Dennoch: er selbst mache „nur lustigen Blümchensex“.
In der Tat, denn als knallharter Macho hat er trotz seiner dichten Körperwolle, die ihm den Spitznamen „der Igel“ einbrachte, nie getaugt. Auch nicht zu Beginn seiner Karriere, Ende der Siebziger, als er noch äußerst durchtrainiert war und der Hardcore seinen kurzen Stopp im Mainstream feierte. Werke wie Deep Throat oder Behind the green Door vertausendfachten locker ihre Produktionskosten an den Kassen, Darstellerinnen wie Linda Lovelace oder Marilyn Chambers waren Superstars, „Porn Chic“ katapultierte nicht nur die offene Ejakulation in Frauengesichter auf die Leinwände großer Kinosäle, sondern inhaltsreiche Drehbücher, fürstliche Budgets, reichlich Drehzeit und echte Requisiten an den Set. Porno war angesagt und da kam ein charismatischer Bursche mit grünen Augen und viel Humor aus New York gerade recht, der seinen Höhepunkt perfekt terminieren konnte und mit einem Viertelmeter im Schritt bestückt war. „Fünf Zentimeter … überm Boden“ – so pflegt er die Länge seines Gemächts zu beschreiben. Gern auf Kleinkunstbühnen, die er seit 20 Jahren als Stand-up-Comedian erfreut.
Als er noch Ronald Jeremy Hyatt hieß, wollte der studierte Theaterwissenschaftler und ausgebildete Sonderpädagoge richtige Rollen haben, natürlich. Dass er es am Ende auch vollständig bekleidet in 60 Filme geschafft hat, spricht Bände über den Rang der Pornografie. Die Talkshowtingelei einer Gina Wild oder Jenna Jameson ist dafür so beredtes Zeugnis wie Ron Jeremys Engagement für die Tierschutzorganisation Peta oder zahllose Fotos im Innern seiner Biografie, die ihn Wange an Wange mit Berühmtheiten von Dustin Hoffman bis Sting zeigen. Jeremy ist Kult, ein Klavierspielender Charmeur aus gutem Hause, einer der alten Schule, als Porno noch Niveau besaß. Behaupten seine Fans.
Ihr dienstältester Hengst hat beides erlebt, gestaltet, geprägt: Qualität und Quantität, millionenschwere Überhöhung als Kunstform und milliardenschwere Fließbandproduktion mit standhaften Männern, vor allem aber gefügigen Frauen als Gebrauchsgegenstände einer gnadenlosen Verwertunglogik, die völlig zu Recht den feministischen Zorn auf sich gezogen hat und immer noch zieht. Dank eines Nacktfotos im Playgirl war er 1978 in die Horizontale geraten und aus Rücksicht auf seine jüdischen Eltern ohne Nachnamen liegen geblieben. Sein Kontostand indes ging stetig in die Höhe. Als Ergebnis harter Arbeit, wie er betont. „Wir machen das nicht zu unserem Vergnügen, sondern zu eurem“. Für Romantik sei so wenig Platz wie für privates Liebesglück, das weiß er, das beklagt er, das will er erst ändern, wenn er mal eigene Kinder hat und glaubt doch gleichsam, den Spaß am Sex nie zu verlieren – daheim und am Set. Schließlich hat er eine Mission. „Ich bin doch der lebende Beweis dafür“, sagt der Weltrekordmann und lacht laut auf, „dass jeder Mann eine Chance bei Frauen hat“.
Der Mensch
Ron Jeremy, 1953 als Ron Jeremy Hyatt in New York geboren, hat in mindestens 1700 Pornofilmen mitgespielt, mehr als jeder andere Darsteller. Der studierte Theaterwissenschaftler und Sonderpädagoge ist seit 1978 in der Szene. In über 100 Pornofilmen hat er selbst Regie geführt und in 60 Nichtpornos mitgewirkt, u.a. bei Killing Zoe und Studio 54. Ron Jeremy lebt allein in New York.
Und das Buch
Ron Jeremy – Ein Mann und viertausend Frauen. Die Autobiografie des größten Pornostars aller Zeiten. Mit Eric Spitznagel. 336 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 14,90 Euro
Katharina Schüttler: Aggressiv & zerbrechlich
Posted: April 29, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ich bin nicht Hedda Gabler…
…aber wenn jemand seine Rollen so intensiv, so glaubwürdig verkörpert wie die Schauspielerin Katharina Schüttler (Foto: Matti Hillig), muss man sich mit Rollenvergleichen arrangieren. Ab Montag ist sie wieder drei Tage lang zur besten Sendezeit als brüchige Nazi-Sängerin in ihrem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter (20.15 Uhr, 3sat) zu sehen. Eine Begegnung in ihrem Prenzlberger Heimatkiez mit Blick auf die halbe Welt.
Von Jan Freitag
Manchmal muss eben die Requisite dran glauben. Wenn eine Rolle sie förmlich durchflutet, wenn eine von der anderen Besitz ergreift, dann tritt Katharina Schüttler schon mal so oft ins Bühnenbild, bis eine Tür zerbirst. „Meine Figur steckt voller Aggressivität“, erklärt sie die kaputte Kulisse bei der Besetzungsprobe zum RAF-Melodram Es kommt der Tag. Katharina Schüttler spürt darin Iris Berben als ihre Mutter auf, die sie einst auf dem Weg in den Untergrund verlassen hatte. „Da konnte ich gar nicht anders“. Manchmal muss auch der Stolz dran glauben. Von fiktiven Häftlingen etwa, mit denen sie als Theaterregisseurin im ARD-Film Schurkenstück ein Dürrenmatt-Werk probt. „Bin ich hier im Kindergarten?“, fragt die zarte Frau da in die harte Runde, und als sie feststellt, „ich werd’ nicht alles mit ihnen diskutieren“, da bröckelt der Hochmut schwerer Jungs aus schweren Verhältnissen hörbar.
Manchmal aber muss Katharina Schüttler selbst dran glauben. Als Hedda Gabler zum Beispiel, die an der eigenen Wut zerbricht, irgendwo zwischen Anpassung und Ausbruch. Sie spielt das sogar ohne Sprache als „Inkarnation der neuen deutschen Patzigkeit“, wie der Spiegel jubelte, nicht mal aufzuhalten von einer Kehlkopfentzündung. Die Stimme als Kollateralschaden ihrer Leidenschaft – es scheint, als müsse stets etwas zu Bruch gehen, wenn Katharina Schüttler ihren Spieltrieb von der Leine lässt. Ob beim Casting, im Film oder auf der Bühne. Die „Kampfmaschine“, wie Iris Berben ihre Kollegin halb anerkennend, halb erschrocken nannte, er steht nicht nur in Flammen, er brennt sich aus. So glaubhaft, so authentisch, dass sie nach dem Ibsen-Erfolg in Berlin zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde: Mit 26, jung wie keiner zuvor. Mit dem Titel kamen Hauptrollen, es wuchs aber auch der Druck. Noch vier Jahre später spricht sie von einer Bürde. Katharina Schüttler hat gelernt sie zu tragen.
„Unter jeder Schwäche liegt eine Stärke“, erklärt sie ein Wirkmuster, das ihr zum Credo geriet, „und unter jeder Schwäche eine Stärke“. Beruflich wie im Leben. Und wie sie das so sagt, beim Latte Macchiato im Trendviertel Prenzlauer Berg ums Eck ihrer Wohnung, wird auch im Privaten die Ambivalenz ihres Zaubers spürbar. In ihrem „Textlern-Café“ redet sie tiefgründig, aber auf bodenständige Weise von sich und ihrer Arbeit. Sie vergöttert das Theater, liebt den Film, schätzt das Fernsehen, pflegt aber keine Dogmen. Sie ist bildhübsch, man muss die Schönheit nur über einige Hürden hinweg entschlüsseln, den zu spitzen Mund, die kindliche Figur, das hypnotische Grün der Augen unterm strengen Scheitel. Katharina Schüttler wirkt durchscheinend, rätselhaft, zerbrechlich. Oberflächlich. Auf den zweiten Blick ist es der emanzipierte, kraftstrotzende, umwälzende Charakter, den sie so spielt. Bis zum nächsten Blick… Sie ist ein Widerspruch in Echtzeit.
Darin ähnelt die 35-Jährige den Schauspielerinnen ihrer Generation: Lavinia Wilson, Julia Jentsch, Hannah Herzsprung. Alle gut gebucht, selbstbewusst fragil, alle eher vertrackt als einfach attraktiv, alle zuhause im seriösen Fach. So verschieden sie besetzt werden: es eint sie das Geheimnis einer Angreifbarkeit, die Angriffe an gläserner Wand abprallen lässt, eine Fertigkeit, zugleich lenkbar und am Hebel zu sein. Niemand beherrscht diese Multifunktionsweiblichkeit der Gegenwart wie Katharina Schüttler. Der Spross einer Kölner Theaterfamilie hat das Wesen des Berufs zutiefst verinnerlicht. Es geht nicht nur darum, eine Rolle gut zu spielen, schon gar nicht, sich mit ihr gemein zu machen, schließlich sei abseits der Bühne „eine total schlechte Lügnerin“. Es gilt, ihr wirklich alle Facetten abzutrotzen. Und Katharina Schüttler trotzt da sehr hart. Mehr Forscherin als bloß Verkörperung, ist sie eine Art Trafo, der die wechselnden Spannungen ihres Fachs ohne Energieverlust nutzbar macht: Den schwangeren Spät-Teeny (Sophiiiie!) so wie Marcel Reich-Ranickis Frau Tosia (Mein Leben), die blinde Cellistin Elli in Almut Goettes Drama Ganz nah bei dir nicht weniger als die Zeitzeugin Beatrice Rohner in Eric Friedlers Dokumentation Aghet über den türkischen Genozid an den Armeniern. In Titel- wie Neben- und Episodenrollen.
Mit denen ist Katharina Schüttler zufrieden, mit ihrem Metier weniger. Sie wünscht sich andere Filme mit eigener Sprache, mutige wie Ich, Du und alle die wir kennen von Miranda July, Experimentelles für den Mainstream also. „Es gibt in Deutschland so viele tolle Bücher, die nie zu Ende finanziert werden“. Gerade im Fernsehen, sie wird da sehr energisch, herrsche die Diktatur der Quote. In der Tat, denn manchen Film rettet nur Katharina Schüttler selbst vor dem Verriss. Sie schafft das mit dieser Mixtur schwer vereinbarer Teile: Pathos und Vernunft, Larmoyanz und Furchtlosigkeit, Resignation und Willensstärke, Ying und Yang, wie sie es ausdrückt. Nicht umsonst erklärte Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier die Vergabe Hedda Gablers an die Nachwuchsmimin damit, dass sie „eine weibliche Autonomie ohne verkrampften Feminismus“ verkörpert. Es steckt alles in ihr. Das Publikum mag so was eigentlich nicht.
Mit großen Augen im riesigen Gesicht erzählt sie gestenreich aus einem Theater- und Filmleben in einem Theater- und Filmland, das stets auf der Suche nach Schubladen ist. „Auf meiner stand nie jung und wild“, verneint sie das Etikett aller Darsteller unter, sagen wir: 35. „Eher magische Zicke, die nicht mehr süß sein will und radikal aufbegehrt.“ Die linke Braue schnellt wie so oft empor bei der Frage, was davon in ihr stecke: Nichts und alles eben. Sie sei nur ein extrem empathischer Typ, „offen, sehr ungeschützt“. Das könne hilfreich sein, aber auch hinderlich. „Beim Spielen dringt viel in mein Innerstes vor“. Zu viel bisweilen, um die Balance zu wahren.
Darum pflegt sie ihre Schutzräume. Die meisten Figuren „bleiben mir so abstrakt, dass ich mich nur mit meinem Handwerk, nicht der Person in den Dienst der Geschichte stelle“. In der Öffentlichkeit dagegen werde man rasch auf Kunstfiguren zugespitzt, die Eigenarten einer Rolle. „aber ich bin nicht Hedda Gabler“. Eher eine Art Kontrastgel beim Ultraschall, ein Transportmittel. „Wenn das Gerät auf meine Organe blickt, eröffnen sich Aspekte, die ich zu spielen habe.“ Schöne Analogie einer Schauspielerin, die kaum anders konnte, als Schauspielerin zu werden.
Der Vater ist Theaterintendant, die Mutter Autorin, selbst ihr Freund dreht Filme. Und auch wenn beide Geschwister mit Architektur und Ethnologie andere Wege gehen, war ihrer vorgezeichnet. „Ich kann mich an nur einen Ausflug mit meinen Eltern erinnern“, erzählt sie aus ihrer Jugend: Ins Freibad. „Sonst waren wir immer im Theater“. Nicht, dass sie schon als Gymnasiastin Klassiker verschlungen hätte, aber die Bühne besaß von klein auf das, was sie als „große Normalität“ empfand. Kein Wunder, dass sie bereits mit elf vor der Kamera debütierte. Wochenlang neben den Profis am Set, dieses Zugehörigkeitsgefühl – „das hat mich früh erwachsen werden lassen“.
Vielleicht rührt es daher, dass sie so häufig getragene Rollen spielt, nicht frei von Gefühlen, aber im Kern sachlich, am Rande sozialer Brüche und Abgründe, die Schüttlers Karriere kennzeichnen. Das macht eine banale Schwiegermutterklamotte beim Plastikkanal ProSieben fast zum Akt der Befreiung. „Ein wunderbarer Ausbruch“, sagt sie fünf Jahre danach. „Wenn ich im Kino eine Komödie sehe, fühle ich mich hinterher ja auch besser als nach Lars von Triers Dancer in the Dark.“ Nicht dass sie sich um leichte Stoffe bemühe, „aber wenn sie anklopfen und charmant sind, öffne ich die Tür einen Spalt“. Wie einen Fluchtweg aus der unerträglichen Schwierigkeit des Seins, fort vom Ernst ihres Schaffens. Er führte sie schon in körperliche Abenteuerkomödien, aber auch zum Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter, wo Katharina Schüttler eine Sängerin spielt, die im NS-System Karriere macht – elaboriertes, aber durchweg massentaugliches Historytainment, mit globalem Millionenpublikum statt jener 5000 Kinobesucher, die sich schon mal für sie ins Kino verirren. Beides sorgt mittlerweile dafür, dass ihr Stigma ewiger Jugend in fiktionaler Reife mündet.
Noch mit 26 spielte Katharina Schüttler in Wahrheit oder Pflicht ja eine Schülerin. Und ihr Äußeres taugt bis jetzt für die Lolita, mit der die Theaterlaufbahn 2002 Fahrt aufnahm. Dagegen steht ihre Knastregisseurin vergleichbar tief im Leben. Fast wie jene Figur, zu der sie eine Maskenbildnerin mal machen wollte. „Wir waren sogar im Perückenladen“, erinnert sie sich. Bis ihr auffiel, dass eine Mutter nahe 40 viel abstrakter war, als eine Mörderin im eigenen Alter. Sie strich die Rolle. Rein handwerklich könne zwar das Irreale glaubhaft geraten. Aber die reale Fiktion einer Mutter am Scheideweg? „Eher nicht.“
Nicht genug. Nicht für die Ansprüche des Publikums, des Mediums, ihrem Perfektionismus. Dem habe man zu genügen. Punkt. „Wo Leute den Blick fürs Ganze verlieren, fühle ich mich fast verletzt.“ Halbherzigkeit fache ihr Helfersyndrom an, dann greife sie ein. „Wenn ich etwas nicht richtig machen will, kann ich auch am Strand sitzen.“ Schwer zu glauben, dass Katharina Schüttler das kann, fernab von Kamera und Bühne, wo alle Furcht des Alltags von ihr weicht. Bis Anfang des Jahres kannte sie nicht mal Lampenfieber. Dann drehte sie erstmals in Englisch. „Wenn ich auf einer Hochzeit singen soll, bin ich total aufgeregt.“ Beim Spielen aber, da sei sie durch ihre Figur geschützt. Die Bühne, so Katharina Schüttler, „macht mir keine Angst“. Warum auch? Als Elftklässlerin trat sie nach wenigen Tagen ihres Highschool-Jahrs in Florida vor die Theatergruppe und bewarb sich in stotterndem Englisch. Mit Erfolg. Mut, sagt sie „schafft Haltung“. Auch wenn es gelegentlich erschreckt.
Heino Ferch: Stoizismus & Rückenschule
Posted: April 22, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKernige Auster
Heino Ferch zählt zu den erfolgreichsten Schauspielern im Land. Und den umstrittensten. Schuld daran sind Theatralik, Haltung und Männlichkeit, die der Norddeutsche seinen Charakteren oft verleiht. Das tut er Freitag im Ersten auch als Vater eines Sohns, der zur Frau verwandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Schlecht macht er es nicht.
Von Jan Freitag
Die Verschlossene Auster ist ein Preis für verschwiegene Geister. Wem er verliehen wird, der hält es nicht so mit dem Reden. Er pflegt lieber die Aura des Mysteriösen als aufgeweckter Offenheit. In den Medien gilt die Verschlossene Auster daher als Trophäe für Firmen, Leute, Institutionen, die aus Prinzip Geheimniskrämerei betreiben, was keinesfalls nett gemeint ist. Gäbe es den Preis dagegen auch für Schauspieler, er wäre positiver besetzt. Wer nicht gleich nach der ersten Klappe sein Innerstes nach außen kehrt, hält die Spannung schließlich hoch. Sorgt für Überraschungen. Bietet Raum für Publikumsgedanken.
Charakterdarsteller dieses Typs gab es immer mal wieder auch im deutschen Film, und nicht selten konnten sie ihrer Epoche gar in aller Stille einen Stempel aufdrücken: O.E. Hasse zum Beispiel der schwarzweißen. Wolfgang Kieling dem Übergang zur farbigen. Oder ein Hanns Zischler jener Phase, da kommerzielle Sender den öffentlich-rechtlichen reichlich Staub aus den Kleidern klopften. So haben gelernte Theatermimen alter Schule den Übergang in eine neue Filmästhetik mit viel Leib und noch mehr Seele etwas erträglicher gemacht. Womit wir beim jüngsten Vertreter schweigsamer Schauspieler wären: Heino Ferch.
Wann immer das Nordlicht mit der kantigen Optik auf dem Bildschirm erscheint, sinkt darauf sogleich der Schallpegel. Denn während das digitale Zeitalter sein Angebot zusehends auf Krawall bürstet, reduziert Heino Ferch jede seiner Figuren aufs Allernötigste. Kritiker nennen das zwar zuweilen: langweilig. Fiese Spötter gar: öde. Doch wer sich das Werk des Kapitänssohns aus Bremerhaven genauer ansieht, erkennt: Heino Ferch mag „ein Mann der leisen Zwischentöne“ sein, wie er selbst einräumt, einer der mit Understatement statt Exaltiertheit agiert. Doch genau darin hat er seine Bestimmung gefunden und variiert sie zwar oft verschwiegen wie Meeresgetier, in ihrer Nachdrücklichkeit jedoch meist lautstark.
Wie sehr, das belegt heute auch Mein Sohn Helen, wo er einen stabilen Familienvater spielt, dessen 17-jähriger Sohn zur Frau gewandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Das ist oft degetoüblich freitagsschlicht erzählt, aber Ferch tut darin eben, was er tun muss, um ein Film leidlich auf Niveau zu halten: Er gibt seinen Part als Stoiker, der diesmal gar zur Selbstreflexion fähig ist. Das ist eindrücklich gespielt, wie viele seiner Rollen zuvor in wechselnder, aber wesensverwandter Funktion. Obwohl ihm seit seiner ersten Episodenrolle beim Alten vor drei Jahrzehnten ein Serienkommissar – im Land der Todschlagsdichter und Morddezernatslenker die höchste Weihe – verwehrt bleibt, hat er es dabei immer wieder mit Kapitalverbrechen zu tun.
Schon sein Polizeipsychologe Bender ermittelte mit minimalem Gefühlsaufwand gegen einen Wiener Feuerteufel von 1999. In Dror Zahavis Terrordrama München 72 gab Ferch zum 40. Jahrestag des Olympiaanschlags (2012) den Polizeipräsidenten Waldner, der mit stoischer Mine das Antiterrorchaos dirigiert. In Matti Geschonnecks Mord am Meer von 2005 klärte sein Kripomann gewohnt wortkarg ein deutsch-deutsches Uraltverbrechen auf. Im ausgezeichneten Zweiteiler Entführt vom gleichen Regisseur tat er vier Jahre darauf das Gleiche mit dem Tatbestand des Titels. Und wie er da im anthrazitkühlen Anzug durchs eigene Designerappartement stromert, wie er das innere Erstarren am Rande der Depression zum Stilmittel implodierender Anspannung erhebt, schien das die Generalprobe für seine erste echte Reihenfigur zu sein. Vielleicht, der bestens gebuchte Darsteller auf der Suche nach Wegen aus dem Labyrinth seiner Schublade zögert lange mit diesem Wort, „meine Paraderolle“.
Sie heißt Richard Brock. Ein Wiener Psychologe auf den Spuren des Bösen, der den offiziellen Ermittlern immer dann beispringt, wenn klassische Polizeiarbeit an Grenzen stößt. Viermal hat Ferch seiner Figur bereits Leben eingehaucht, indem er es ihr scheinbar entzieht. Viermal brachte ihm die Interpretation des gefühlsmäßig, nennen wir es vorsichtig: limitierten Seelenarztes gute Kritiken und noch bessere Quoten gebracht. Viermal zementierte er damit jedoch auch das Rollenklischee vom schmallippigen Streiter gegen das Schlechte, der sich mit geradem Kreuz Richtung Showdown flüstert.
„Solange ich nicht Quasimodo spiele, wird meine Haltung eine mir eigene sein“, hält der frühere Bundesligaturner, Akrobat und Tänzer gegen und bittet energisch: „Geben Sie mir einen Wallenstein!“ Dann erlebe man seine andere Seite, eine laute, exaltierte, die er als Darsteller diverser Berliner Großbühnen der Achtzigerjahre unter Beweis gestellt hatte. Einsame, stille, verhärtete, Figuren wie Brock wecken zwar sein Interesse, würden ihm aber zu häufig angeboten. Heroische Typen mit Zug zum Guten, wie die Kritik gern spottet. Ferch nennt sie Antihelden. Klassische Helden spiele er gar nicht.
Nicht mehr, muss man hinzufügen.
Nachdem seine Karriere 1997 als Comedian Harmonist erst im Kino und vier Jahre darauf im Fluchtdrama Der Tunnel auch auf dem Bildschirm Fahrt aufgenommen hatte, gab er sie noch regelmäßiger: die Anpacker mit Anstand, Herz oder Muskeln, gern alles zusammen. Den Spiegelsonnenbrillen-General der Berliner Luftbrücke etwa. Heinrich Schliemann auf der Sat1-Jagd nach dem Schatz von Troja. Oder Albert Speer als Gegenpol zum keifenden Hitler in Hirschbiegels Untergang. Derlei Blockbuster mögen Ferchs Ruf als Star des hiesigen Historienmelodrams befördert haben; auf der Strecke blieb im öffentlichen Bewusstsein die Vielseitigkeit.
Daran ändern selbst erfolgreiche Abstecher ins Heitere (Meine schöne Bescherung), Absurde (Vom Suchen und Finden der Liebe) oder Internationale (Napoléon) wenig. Ferch kann die wunderbare Komödie Vincent will Meer noch so furios mit dem Vater eines Autisten bereichern oder Stefan Krohmers Gesellschaftsstudie Verratene Freunde mit einem windigen Unternehmer – sein Ruf bleibt seltsam eingeklemmt zwischen Steward Granger und Bruce Willis, Nachkriegs- und DMAX-Männlichkeit. Nur: warum sollte einer, der seine Mitte gefunden hat, nicht darin verweilen? Anders gefragt: Wer spielt sie denn hierzulande besser – die Standardfigur des Erlösers, der an seiner Mission leidet? „Durchaus gebrochene, auch schwache Charaktere“, sagt Ferch feierlich, „die unter Druck von außen den Weg ins Licht suchen“. Wer also könnte all die Brocks im deutschen Krimi besser verkörpern?
Eben!
Und so ist die Verschlossene Auster, die dem 51-Jährigen gewissermaßen inoffiziell gebührt, auch kein Preis für Verschwiegenheit. Sie prämiert den stillen Gegenpol im aktuellen Reizgewitter: manchmal etwas kernig vielleicht, gelegentlich pathetisch, am Ende in aller Ruhe erfolgreich. „Ich bin gesund, habe zwei wohl geratene Kinder, eine liebevolle Familie, ein glückliches Leben“, sagt das Nordlicht vom Ammersee zum Abschied, „es gibt nichts, das ich zu beklagen hätte.“ Schon gar nicht seine Filme.
Kinderprogramm: Heidi & die Plastikalpen
Posted: April 15, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAlles so schön bunt hier
Nach Maja und Wicki beschleunigt das ZDF nun auch Heidi digital. Das ist in etwa so natürlich wie Tiefkühlpizza und verheißt noch mehr Hektik für fernsehende Kinder. Dem Programm fehlt im kommerziellen Wettstreit mit SuperRTL längst auch öffentlich-rechtlich zusehends der Mut zu Langsamkeit und gepflegter Langeweile.
Von Jan Freitag
Die Entdeckung der Langsamkeit war ein kurzer Frühling. Einfach Kind sein, oft gelangweilt, vorwiegend heiter – so durften bloß ein, zwei Generationen aufwachsen, nachdem jede zuvor nach der Geburt bald Arbeiter, Bauern, Untertanen oder Herrenmenschen, also sehr früh sehr reif sein musste. Jetzt haben Kleinkinder Handys, Grundschulkinder Termine, Hauptschulkinder Existenznöte, Elitenkinder Burnouts, alle also viel Stress. Der Frühling ist vorbei. Womit wir beim Fernsehen wären.
Auch da sind die Tage von Langsamkeit, gar Langeweile gezählt. 73 Minuten sitzen TV-Einsteiger vorm Fernseher. Täglich. Vom Tablet ganz zu schweigen. Mit der Einschulung steigt der Konsum auf fast eineinhalb Stunden. Und geht es dann auf weiterführende Schulen, beschießt landet die Zielgruppe 106 Minuten im Effektgewitter. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht von „erbarmungsloser Steigerungslogik“, die mit der Gesellschaft auch ihr Leitmedium ergreift. Selbst öffentlich-rechtlich, stimmt ein Produzent der ersten Stunde zu, gehe es zunehmend „schrill und schreiend bunt“ zu. Als Armin Maiwald vor 44 Jahren die Sendung mit der Maus erfand, passierte dagegen im Kinderfernsehen meist – nichts.
Vorm dualen System war es ein langer ruhiger Fluss. Bei Wicki etwa bewegten sich 1972 trotz Eroberungsthematik oft nur die Lippen der Wikinger. Kurz darauf mag Paulchen Panther Verfolgungsjagden in Versform kompiliert haben – ihr Tempo war noch niedriger als die Zahl der Schnitte. Sogar Captain Future stand oft regungslos vor starrem Hintergrund. Er wisse „gar nicht, was ich euch erzählen soll“, sagte Flip 1976 zum Start der Biene Maja, „im Moment passiert nicht so viel“. Und alles gab ihm recht: blasse Farben, stille Bilder und ein Grashüpfer, dessen Leben, „ganz schön langweilig“ sei.
Zu langweilig, glaubt das ZDF. „Mit dem alten Material erreicht man jetzige Generationen nicht mehr“, meint Redaktionsleiterin Irene Wellershoff. Also wurden die japanischen Animes des analogen Zeitalters 2011 mit CGI-Technik erneuert, zum Minutenpreis nah am Tatort-Niveau. Nachdem sodann auch Wicki dem Crashkurs in Sachen Hypermoderne unterzogen wurde, ist nun das nächste Idyll früherer Kinderfernsehtage dran.
Heidi.
Vor 135 Jahren von Johanna Spyri erdacht, war das süße Waisenmädchen auf Alm-Öhis Berghof eine Antwort auf die Industrialisierung, deren Folgen schon damals ein Sog zur Natur entfachte. Wenn das flämische Studio 100 diese Entschleunigung nun im Auftrag vom ZDF oder Sendern wie dem französischen TF1 rückbeschleunigt, wird der Geist des Buchs förmlich vergewaltigt – ohne jeden Mehrwert: Anders als in den 52 Folgen von 1977 klingt Heidi nicht unbeschwert selbstbewusst, sondern nach Puddingwerbung. Ihr Umfeld stakst mit seltsamen Wursthaaren durch Plastikalpen wie Videospielfiguren vor 20 Jahren. Warum jene rechnerbasierte „Tiefe und Farbigkeit“, die Barbara Biermann von der ZDF-Kinderredaktion lobpreist, mit Daten besser zur Geltung kommen sollen als per Zeichenstift, bleibt das Geheimnis des Senders. Ebenso wie der Umstand, dass Andreas Gabalier das Titellied von Gitti und Erika nun zu stupidem Volksschlager vergewaltigen darf.
Stimmt schon: das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Reizunterflutung alter Kinderbuchadaptionen widerspricht dem Zeitgeist ähnlich wie sozialdemokratische Relikte à la Rappelkiste. Minutenlange Regungslosigkeit mag auf drei Sendern mit Staatsauftrag funktioniert“; bei Hunderten ohne Scheu vor Knalleffekten wäre rückständige Zurückhaltung kaum konkurrenzfähig. Sensorische Sperrfeuer von Ninja Turtles bis Power Rangers haben Anfang der Neunziger schließlich mit der Bildsprache auch Sehgewohnheiten verändert. Selbst beim KiKa, 1997 als reklamefreie Alternative zu SuperRTL installiert, steigt der Takt. Sein Senderauftrag gehe zwar übers Entertainment hinaus, so der damalige Programmchef Steffen Kottkamp zum Maja-Relaunch. „Wir können aber nur fördernd auf Kinder einwirken, wenn sie uns zusehen.“
Dem könnte man zustimmen, vollzöge sich die Generalüberholung alter Serien dezent. Doch was denen droht, wenn erst Maja, dann Wickie, nun Heidi, bald Pinocchio beschleunigt werden, zeigte Garfield bereits 2008: zwei Jahrzehnte zuvor hatte der fette Kater bei Sat1 die Dynamik eines Felsvorsprungs, wurde dann aber zusehends von Killerkuchen durch Farbexplosionen gehetzt. Was nichts ist gegen das epileptische Gezappel der SuperRTL-Elfen Cosmo und Wanda. Selbst der betuliche Cartoon Yakari kommt nicht ohne Splitscreen aus. Und überall steigt der Schallpegel. Dabei können „laute, plötzliche, heftige und unvorhergesehene Geräusche, Stimmen und Musik“ aus Sicht des Medienpädagogen Jan-Uwe Rogge Angstzustände erzeugen.
Was fehlt, ist die Chance zur Abstraktion, zum Runterregeln. Der Soziologe Rosa hält Fernsehen da zwar generell eher für ungeeignet. Doch von Musik über Schnitt bis zum Inhalt „waren alte Serien insofern kindgerechter, als sie mehr Zeit zur Vertiefung“ ließen. Die „rasch wechselnden Simulationsflächen“ von heute seien untauglich, TV-Neulingen etwas Wesentliches zu lehren: „Sich selbst zu ertragen.“ Im Augenblick versinken – für dieses Kindertalent lässt das Kinderfernsehen kaum noch Raum.
Gesendete Betulichkeit wie die Augsburger Puppenkiste, ist vom KiKa zu hören, finde halt nur noch wenig Akzeptanz bei Kindern. Und deren Eltern mögen in ihrer Fernsehvergangenheit schwelgen, wenn sie alte Animes auf DVD kaufen; die Quoten digitaler Auffrischungen belegen, dass beides funktioniert – Original wie Fälschung. Eltern wissen ja genau, wie Vorschulkinder quieken, wenn Wickis Wikinger im Affenzahn das Nordmeer durchpflügen. Bei der ereignisarmen Zeichentrickversion kehrt dagegen Ruhe ein, Entspannung, Konzentration. Umso mehr fragt sich, wer zuerst da war: Die Hektik oder der Bedarf danach. Auch Heidi wird keine Antwort geben.
Kino: Kurt Cobain – Montage of Heck
Posted: April 8, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer Schmerzensmann
Brett Morgens Dokumentation Montage of Heck ist gewiss nicht der erste, aber beste Film über Kurt Cobain. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Selbstmord schildert er sein Leben als Abfolge von Schmerzen und wirkt gerade dadurch ungeheuer heilsam. Ein vertonter Nekrolog mit vielen Comicsequenzen und noch mehr nie gesehenen Archivbildern. Grandios!
Von Jan Freitag
Mütter sind ein Naturphänomen. Nicht wenige von ihnen halten bis tief ins Erwachsenenalter metaphysisch Kontakt zum Nachwuchs, als sei die Nabelschnur noch intakt. Mit gespenstischer Empfindsamkeit erspüren sie über große Distanzen hinweg das Seelenleben ihrer Kinder, riechen Ängste, wittern Gefahr, fühlen Sorgen und wissen Signale im Hochfrequenzbereich zielsicher zu deuten – selbst auf Musikkassetten. Als Wendy Elizabeth Fradenburg zum Beispiel vor 25 Jahren eine ihres Sohnes hörte, das wusste sie gleich mehr als bloß zu ahnen: „Schnall dich an, Kurt, denn darauf bist du nicht vorbereitet.“
Das allein wäre nun keine aufsehenerregende Interpretationsleistung, hieße der picklige Junge von damals 23 Jahren nicht mit Nachnamen Cobain und das schlichte Demotape in Mamas fürsorglicher Hand Nevermind – kurze Zeit später die wohl berühmteste Schallplatte des Rock vom wohl berühmtesten seiner Antihelden. Und Mama Cobains Antennen behielten recht, denn ihr kleiner Kurt schnallte sich nicht an. Im Gegenteil: er ließ sogar die Fahrertür offen, ignorierte alle Verkehrsregeln, pfiff auf Promillegrenzen und raste mit Vollgas in die Mauer seines eigenen Kreisverkehrs.
Mit welcher Wut er das tat, mit wie viel Eifer und was für einer Energie – das zeigt ein Film, den besser niemand sieht, in dessen Träumen Kurt Cobain ein Engel im Grungehimmel bleiben soll. Einerseits. Den andererseits unbedingt – keine Bitte, ein Befehl! – jeder sehen sollte, für den Musik nicht nur das Abspielen vorgefertigter Tonabfolgen ist, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, mehr Organismus als Sound, komponierte Persönlichkeit. Montage of Heck heißt diese Dokumentation. Es ist bei weitem nicht der erste übers Leben, Sein und Sterben des leidgeprüften Genies aus Aberdeen/Washington, aber die weitaus beste. Benannt nach Kurt Cobains erster Proberaum-MC, deren Titel ahnen lässt, was das künftige Idol einer ganzen Generation auf sich zurollen sah: Installation der Hölle.
Durch die reist Brett Morgen hindurch, vom fröhlichen Anfang bis zum bitteren Ende, atemlos, gnadenlos, kein Horrortrip, aber ein wilder Ritt. Nachdem der vielfach preisgekrönte Regisseur mit Boxern in der Bronx bereits Menschen porträtiert hat, die ihr Leben lang unten bleiben, mit den Rolling Stones aber auch solche, die zeitlebens aufwärts streben, widmet sich Cobains fast gleichalter Landsmann nun einer Figur der Zeitgeschichte, die wie eine Flipperkugel zwischen Decke und Boden des Daseins flottiert.
Streng chronologisch geht Morgen dem Objekt seiner Kamerabegierde auf den Grund. Angefangen mit grisseligen Schmalfilmaufnahmen einer spießbürgerlich behüteten Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet er sich peu à peu übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu den ersten Gehversuchen als Musiker, die vorbei am höllischen Demotape scheinbar geradlinig auf den Olymp des Rock’n’Roll führen, bis er von ihm runter stürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. Doch es ist das Verdienst des Autors, fast ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass er nie formalistisch gerät. Sein Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: Des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workoholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.
Schmerz, das lehrt uns die Pophistorie, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Zumindest für alle, die schnell genug leben, um jung zu sterben, wird er vom Leid begleitet wie ein Südstaatenbegräbnis. Das belegt nicht zuletzt der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Whinehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers, die Brett Morgen vors Objektiv kriegt. Sein erstaunlich biederer Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Bandhirns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen „und dann Junkie zu werden“. Und nicht zuletzt sein Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, „ohne sie weniger kreativ zu sein“. Der in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innerste seines Daseins gewährt und doch oft direkt neben sich steht – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.
Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!
Montag of Heck läuft für kurze Zeit in ausgewählten Kinos wie dem Cinemaxx; mehr Pics’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/cobain-montage-of-heck-film
ARD: Nackt unter Wölfen
Posted: April 1, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt 2 CommentsDie Ästhetik der Gewalt
Zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zeigt Philipp Kadelbachs schonungslose Neuverfilmung von Bruno Apitz’ Weltbestseller Nackt unter Wölfen (1. April, 20.15 Uhr), was Menschlichkeit im unmenschlichen System eines KZ bedeutet. Und wie man unterhaltsame Filme über Nazi-Gräuel macht.
Von Jan Freitag
Normalerweise sind Hauptdarsteller aus Fleisch und Blut, meist Menschen, selten Tiere, alles andere bleibt Accessoire. Kulissen zum Beispiel, Orte, Musik. Und Bekleidung. Philipp Kadelbach hatte da eine andere Idee. Als der Regisseur ein Drehbuch verfilmte, dessen Vorlage nicht weniger ist als Teil des filmischen Weltgedächtnisses, suchte er für die Figuren ein Zubehör, das ihr elendes Dasein besser symbolisierte als blanke Gewalt und sich zudem ein wenig vom Original absetzte: Mützen.
Wenn am Mittwoch Nackt unter Wölfen läuft, Kadelbachs werkgetreues ARD-Remake von Frank Beyers gleichnamigem DEFA-Drama nach dem Weltbestseller von Bruno Apitz, mögen die Protagonisten in Buchenwald denen von 1962 gleichen, seinerzeit gespielt vom blutjungen Armin Müller-Stahl oder dem recht alten Erwin Geschonneck. Auch die Atmosphäre von Brutalität und Disziplin aus der Erzählungen des langjährigen Insassen Apitz hat er mit drastischen Bildern in zeitgenössische Ästhetik übertragen. Dieses seltsam hermetische System kommunistischer Kapos, die das Lagerleben unterm übermächtigen SS-Diktat so geschickt im eigenen Interesse führten, dass angeblich nur gut 70 KPD-Mitglieder unter den mehr als 50.000 Toten gezählt wurden.
Heute wie vor 53 Jahren fragt der Film also, wie viel Menschlichkeit im Unmenschlichen verbleibt, als wenige Wochen vor der Befreiung – nach wahren Motiven – ein Kind ins KZ geschmuggelt wird, dessen Überleben den Humanismus der Häftlinge auf eine ernste Probe stellt – gefährdet es doch nicht nur die kommunistische Kommandostruktur, sondern mehr noch deren akribisch geplanten Aufstand. Dieses Spannungsfeld überbrückt Kadelbach unter anderem mit Kopfbedeckungen. Eine brillante Volte.
Minutenlang befiehlt etwa der eiskalte Kommandant auf dem Exerzierplatz, die Mützen aufzusetzen, abzusetzen, aufzusetzen, immer weiter. Erscheinen Befehlsgeber, saust das Barett in Echtzeit vom Kopf, liegen Befehlsempfänger zerschunden am Boden, landet es als erster Akt der Selbstermächtigung zurück auf dem geschorenen Haar, weshalb sie sich ihrer Kappen nicht mal entledigen, als die SS schon unbedeckt vor den Amerikanern flieht. Nicht grundlos spielt die autobiografische Erzählung überwiegend in der Kleiderkammer. Wenn der Irrsinn regiert, sind es oft banale Dinge, die zeigen, dass man noch am Leben ist. Philipp Kadelbach hat das begriffen. Und nicht nur das.
Kaum ein anderer Regisseur seiner Generation schafft es, Realität so versiert in Entertainment zu verwandeln, ohne dass eins unterm anderen leidet. Gemeinsam mit Autor Stefan Kolditz (Dresden) ist das dem 40-Jährigen bereits im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gelungen, wie Nackt unter Wölfen von Nico Hofmann produziert. Selbst als ihm der Ufa-Großproduzent zwei Jahre zuvor den Auftrag zur Regie des RTL-Krachers Hindenburg gegeben hatte, sorgte sein Ziehkind von der Filmhochschule Ludwigsburg abgesehen von standesgemäß überwältigender Bildsprache auch für ein paar leise Zwischentöne im Eventgetöse.
Gelernt hat das der gebürtige Frankfurter ausgerechnet in der Werbebranche, wo er unterm Pseudonym Begbie preisgekrönte Clips von BMW über Burger bis Baumarkt herstellte. Verfeinern konnte er sein Gespür für zugkräftige Bildsprache 2010 in der inhaltlich lausigen, ästhetisch gediegenen Ferres-Schnulze Das Geheimnis der Wale, mit der Kadelbach seine anhaltende Zusammenarbeit mit der Filmschmiede teamworx begann. Um die Marktgesetze zu lernen, war er sich nicht mal für den dämlichen Wanderhuren-Abklatsch Die Pilgerin zu schade, von dem er sich nun distanziert, indem er deren Darstellerin Josefine Preuß offen als das umschrieb, was sie schauspielerisch ist: eine Katastrophe.
Probieren, scheitern, aufstehen, durchsetzen – so machen es auch Altersgenossen von Florian Schwarz über Lars Kraume bis Alexander Dierbach. Dank Nackt unter Wölfen hat ihr Altersgenosse Kadelbach nun letzteres vollzogen. Mit dem anämischen Matthias Bundschuh als SS-Mann oder Frauenschwarm Florian Stetter als kommunistischer Häftling Pippig zeigt er sein Gespür für kreative Besetzungen, mit denen er sein kompliziertes System drastischen Understatements verkörpert, das dem Betrachter, wie Kadelbach es nennt, „nur wenige Augenblicke des Glücks“ erlaube, die „den Schmerz nur noch unerträglicher machen“. Hoffentlich unerträglich genug, um jenen Deutschen, die einen Schlussstrich unterm NS ziehen wollen, zehn Tage vorm 70. Jahrestag der Buchenwald-Befreiung zu antworten: Niemals.