Club-Mausoleum: Mojo (1989-2003)
Posted: May 9, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Alternative aseptisch
In seiner Blütezeit war das Hamburger Mojo (Foto: CC BY-SA 3.0) der beliebteste Musikclub Deutschlands, Zentrum alternativer Partykultur, nicht sonderlich schön, aber unvergleichlich. Sein Nachfolger ist da schon schöner – und ziemlich steril.
Von Jan Freitag
Es hätte symbolhafter kaum sein können für diese Stadt, ihre sieche Clublandschaft, das Erbe kulturpolitischer Grausamkeiten: ein Loch. Und nicht irgendeines, nein – groß wie ein Fußballplatz, tief wie die Hölle, voller Kräne bis zum Himmelsrand. Gigantisch war es, kaum zu stopfen und wurde doch verfüllt. Erst mit zwei tanzenden Türmen, dann mit etwas, das zwar Mojo-Club heißt, aber kein Mojo-Club ist.
Elf Jahre ist es nun her, dass Hamburgs seinerzeit berühmtester Tanzsaal seit dem seligen Star-Club dicht machte, und noch heute überkommt einen dieses schmerzhafte Gefühl der Leere. Denn ungefähr da, wo heute zwei futuristische Hebetore in den abgesenkten Tanzkeller von Ex-Weltruf führen, befand sich einst ein begehbarer Präsentierteller. Er nannte sich “le café abstrait” und irgendwas mit “lounge”, als der Begriff bereits seinen lässigen Sound Richtung Mainstream zu verlassen drohte. Der Glaskasten war ein Vorposten des Mojo Clubs, wo neue Klänge, die die Hansestadt bis dato nicht kannte, zu hören waren: Dancefloor Jazz, Acid House, Triphop. All sowas in einer Institution, die 1989 schon Club hieß. Damals, als man damit hierzulande noch Sportverein und Billardtisch assoziierte.
Gegenüber, hinter kalten Betonsäulen, auch tagsüber rot ausgeleuchtet, stets von aufgereihten Menschenmengen belagert, befand sich der Eingang in die Heilige Halle – über den ich nur ziemlich selten hinauskam. Gleich links war das Jazzcafé mit der gemütlichsten Sicht auf den erwachenden Kiez, die sogar das wärmste Bier der örtlichen Kneipenszene ein bisschen erträglicher machte.
Hier hing man so rum, nur ein paar Meter zum Haupttresen, die Bässe im Rücken. Allein bis zum Klo war es weit, durch einen tiefschwarzen Raum, den so mancher Gast in Hundert Besuchen kaum mal ganz durchschritten hat, weil er zu schmucklos war und stickig, zu wuselig, heiß und fern. Schon bei DJs, mehr noch bei Konzerten.
Irgendwann hat ein gewisser Goldie mal richtig viel Eintritt gekostet, 25 Mark, mindestens, und hinterher wurde hafenweit von dem Abend geschwärmt, als ein zappeliger Partystil namens Drum’n’Bass in die frühen Neunziger wummerte. Das sagenumwobene Goldzahngebiss vom Godfather of Breakbeats zu Gesicht bekamen allerdings nur jene, die sich nach dem Einlass flugs zur Bühne vorgekämpft hatten und ihren Platz für zwei, drei Stunden nicht verließen. Wer sich gegen den sauerstofflosen Saal entschied, sicherte sich also lieber einen Schaufenstersessel mit Blick auf jenen Himmel, den man durch die Panoramascheibe des vollverglasten Separees nur erahnen konnte.
Er schien damals helle auf den düsteren Mojo-Club. Auch, da das Rotlicht ringsum im Laserstrahl des modernen Entertainments verglimmte. Ende der Achtziger bereiteten ja erst VHS, dann HIV aller Ludenherrlichkeit langsam ein Ende. Wo staatliche Vernachlässigung und schießwütige Bandenkriege das Viertel zwei Jahrzehnte lang zur Sperrzone der bürgerlichen Mittelschicht gemacht hatten, entstand eine alternative Partykultur, atmosphärisch befeuert von der besetzten Hafenstraße zwei Blocks weiter zur Elbe.
Peepshows, Spelunken und Puffs wichen Tempelhof, Soul Kitchen und, eben, dem Mojo-Club. In seiner Blüte war er der beliebteste Club im Land, besucht aus allen Erdteilen, Hamburgs missing link zum Londoner Vorbild, mit einer maßgeblichen Plattenserie, die ihren Ursprung überlebt hat. Doch wie so oft war genau dies der Anfang vom Ende. Das Mojo war eben auch eine Marke, bevor ganz Hamburg dazu erkoren wurde, ein Tempel moderner Avantgarde inmitten des beginnenden Wahnsinns verwertbarer Feierlaune. Das einzig wahre Tor zur Welt – und als solcher irgendwann ebenso wenig marktkonform wie der Fünfzigerjahre-Klotz, in dem er sich befand.
Spätestens als 1995 mit dem Top Ten der letzte wirklich krasse Kiezschuppen dicht machte, war das Feld planiert für den hanseatischen Wahn bedenkenloser Renditehörigkeit. Von architektonischen Monströsitäten à la Hadi Teherani, die den Lebensraum Stadt Tag für Tag tiefer ins Glasstahlbad eitler Investorenträume tauchen.
Da ist es kein Zufall, dass die Politberserker der CDU-geförderten Schill-Partei just zu jener Zeit, als der Stararchitekt 2003 sein Tanzturmprojekt vorstellte, den verödeten Spielbudenplatz gegenüber mit einem Riesenschnurrbart an zwei Kränen von Jeff Koons verunstalten wollten. Damals dekorierte sich Hamburg gerade zu einer Art RTL2 deutscher Reiseziele, mit St. Pauli als Shoppingkanal – seelenlos, geldwert, ohne Herz, Hirn, vor allem ohne Sound. Das Hamburger Loch am Millerntor sang exakt davon, als man hineinsah, wie in einen Höllenschlund.
Hier, unter Teheranis Tanzenden Türmen, in denen allenfalls youporn-geprägte Distanzromantiker ein eng umschlungenes Tangopaar erkennen, ist der Mojo-Club zwar auferstanden und heißt sogar so. Aber er ist ein anderer als zuvor, eher hochglänzender PR-Faktor als liebenswerter Fusion-Schuppen. Ein Hot-Spot, so schön wie aseptisch. Hätte schlimmer kommen können. War mal besser. Wie der ganze Kiez.
http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-11/mojo-club-kulturpolitik-hamburg
Barflies, Clubsterben & Widerstand
Posted: May 2, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Echt von Pappe
Weil viele alte Kneipen und Clubs der vermarktbaren Stadt weichen, bauen die BarKeepers sie detailgetreu in Schuhkartongröße nach. Als Denkmäler des Kahlschlags. Ab Samstag sind drei davon in einer alten Altonaer Bedürfnisanstalt zu sehen – im Rahmen des Projekts BAR 500, das ebenfalls mittrauert, um den Verlust lebendiger Ausgehkultur.
Von Jan Freitag
Irgendwas stimmt nicht, in diesem Club. Die Gitarre vorm Verstärker hat keine Saiten und die Tür zum Klo ist zu schmal, das rotweiße Spendenschiff für Seenotopfer auf dem Tresen erinnert an Origami und der Barhocker davor – sind seine Beine nicht aus Elektrokabel? Sie sind, denn das hier ist nicht die echte Astra-Stube, sondern ein Duplikat im Schuhkarton, detailversessen, maßstabsgetreu, süß! So oder ähnlich lautet oft die Reaktion auf den Miniaturclub.
Doch Miniatur macht nicht nur Kinder froh, Miniatur hat auch PR-Potenzial. In Kombination mit „Wunderland“ zieht das Prinzip Verkleinerung kilometerlange Warteschlangen durch die Speicherstadt. Es heißt, mancher Reisebus biege eigens wegen der Eisenbahnwelt in die Original-Stadt ab. Die geschrumpfte Astra-Stube allerdings steht nicht im Miniatur Wunderland, sondern 20 Fahrradminuten entfernt. Und ihre Existenz en miniature steht auch nicht für den schönen Schein der örtlichen Eventkultur, sie ist Teil der Kritik: An Profit, statt Inhalt, an der Marke Hamburg, an Gentrifizierung und ihren fatalen Folgen für eine lebendige Subkultur.
Seit Samstag nun wird sie ausgestellt, fast zwei Wochen lang, in einer umgewidmeten Ottensener Bedürfnisanstalt, mit zwei anderen Bars, die mittlerweile das Zeitliche gesegnet hat: Egalbar, bis zum Abriss vor drei Jahren ein Refugium gediegenen Betrinkens im hippen Karoviertel. Und Meanie Bar, vorm Planieren der Essohäuser eine Art Wohnzimmer des Molotow darunter. Im Rahmen des Happenings BAR 500 werden die drei Basteleien des Künstlerinnenkollektivs BarKeepers zu „Musik, Fotografie, Reden, Auflegen. Und Alkohol“, wie es in der Ankündigung heißt, gemeinsam mit den gesammelten Flohmarktfotos von Jochen Raiß und dem Project.Egalbar ausgestellt, in dem Nils Emde und Elena Getzieh das Originalmobiliar gerettet und zur mobilen Gedenkkneipe konserviert haben.
Im Zentrum aber stehen – zumindest atmosphärisch – die liebevoll gestalteten Kartons der BarKeepers. Jedes Graffito am Türrahmen, jede Flasche im Regal, jeder Regler am Mixer aus Pappe, Kleber, Kronkorken oder Strohhalmen – eine Bastelei, die viel Leidenschaft, noch mehr Durchhaltevermögen und einen Schuss Irrsinn erfordert. „Die Egalbar war seit Jahren meine eigene Hausbar“, sagt BarKeeperin Dani Freitag, die den Verlust ihrer zweiten Heimat in zahllosen Stunden Reproduktionsarbeit kompensierte.
Doch aus der nächtlichen Schnapsidee einer hauptberuflichen Pädagogin entstand bald das Konzept kleiner Denkmäler. Modellbau als Erhaltungsmaßnahme, Erinnerungsräume im Diorama, batteriebeleuchtet, aber menschenleer. „In Hamburg wird die gewachsene Stadtteilkultur im Zweifel immer geschäftlichen Interessen untergeordnet“, meint Dani Freitag. Was schmutzig, laut und stromlinienfern sei, passe nicht zur „Marke Hamburg“. Mit jedem Club, jeder Bar, heißt es arg pathetisch auf der Homepage, fiele „eine jahrzehntelang gewachsene Begegnungs-, Besäufnis- und Subkultur“ fort. Und damit die „Patina aus altem Schweiß und Nikotin, alte Tresen, die unendlich viele Klagewehen an Barkeeper und, seltener, Barkeeperin gehört haben, kleine Bühnen auf denen semi-professionelle Kollektive ihr Herzblut vergossen haben“. Solche Sehnsuchtsorte im Kernschatten prospekttauglicher Touristenziele zwischen Landungsbrücken und Schanzenviertel will sie erhalten. Und sei es daheim im Regal.
Dafür minimiert die 42-Jährige, die ihr halbes Leben in St. Pauli lebt, nicht nur verkleinerungswürdige Gaststätten, sie hat das plastische Projekt auch zweidimensional erweitert. Als ihre Egalbar im Maßstab 1:32 stand, bat sie eine befreundete Fotografin um professionelle Bilder. Aus identischer Perspektive hat Alexandra Grieß eine Art Dialog zwischen Original und Fälschung erzeugt. Man kann ihn leicht nehmen, als Miniatur Wunderland für Fans pittoresker Basteleien. Oder schwerer, als Kampf für eine bedrohte Spezies: die Nachbarschaftskneipe.
Denn davon sind weit mehr bedroht als Kiezclubs mit klangvollen Namen wie die Kogge an der Bernhard-Nocht-Straße, deren Existenz notorisch gefährdet ist. Sie heißen eher Karins Treff und verschwinden ohne Getöse aus dem Dunstkreis des Entwicklungsgebietes Reeperbahn. Auch Kiek ut und Lucky Star haben im aufgewerteten Hamburger Berg keine Lobby. Sie heißen Bei Erna und wurden in einer Ladenzeile an der Kleinen Freiheit so lange von kreativen Startups umkreist, bis die Pacht zu teuer geriet. Jetzt stehen die nächsten Werber Schlange.
Und sie werden Lehrstellen hinterlassen. Wie jede Bar, die künftig das Karoviertel verlässt. Der Sanierungsbeirat versucht zwar mit viel Einsatz, Einzelhandelsketten und Outlet-Stores aus dem Quartier zu halten. Doch die drei Grundprinzipien jeder Neubesetzung heißen, wie ein Mitglied berichtet: „Keine Gastronomie, keine Gastronomie, keine Gastronomie.“ Der Nachschub an Miniaturvorlagen für die BarKeepers scheint also gesichert. Zuvor aber ist die Astra-Stube geschrumpft. Und was ihr widerfährt, klingt symptomatisch für die Situation unkommerzieller Einrichtungen im Bezirk Mitte insgesamt: in gut zwei Jahren fliegt die Kleinbühne nicht nur aus dem Gebäudekomplex der Bahn – sie wird offenbar verfüllt. Mit Beton.
Nicht jeder Laden eigne sich allerdings gleichermaßen für Verkleinerung, sagt Dani Freitag. Von der Stabilisierungssünde unter der Sternbrücke sind zwar drei Clubs betroffen; doch weder Fundbureau noch Waagenbau eignen sich für den Schuhkarton als Referenzgröße. „Zu groß, zu verwinkelt“, sagt Alexandra Grieß, die es schon schwer genug hatte, im Rechteck der reduzierten Astra-Stube zu fotografieren.
Für derlei Graswurzelgastronomie gab es den Kunstpreis der Kurverwaltung St. Pauli. Sein Name ist Programm für die BarKeepers: Goldener Anker. Den könnten so manche Bars und Clubs gebrauchen, die in Hamburg auf der Roten Liste der Off-Kultur stehen, nicht lukrativ genug, zu viel Charme, zu wenig Rendite. So wie die Meanie Bar, das jüngste Objekt von Pappe. In den Esso-Häusern ist seine Geschichte längst Schutt und Asche. Im Club-Museum hat die Kneipe des Molotow seinen Platz sicher. Wenigstens dort.
BAR 500, vom 2.-21. Mai in der Bedürfnisanstalt Ottensen, Bleickenallee 26a, geöffnet mittwochs bis samstags ab 19 Uhr mit Fotografien von Jochen Raiß, Project.Egalbar und Geschichten von Alexander Küpper
Eröffnung am Samstag mit Musik von R.J. Schlagseite
- Mai: Gespräch mit Ulli Müller und Jurij Klauss (Wahre Worte Weiser Wirte)
Oulu: Winterkälte & Männergeschrei
Posted: April 25, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Zum Schreien
Wenn das nordfinnische Oulu jeden Herbst bis tief in den Mai unterm Eis verschwindet, steigt seltsamerweise die Lebenslust der Bewohner. Das führt zu den seltsamsten Ideen. Eine davon: Der Chor Schreiender Männer (Foto: Mikko Törmänen). Ein Besuch ohne Ohrenstöpsel.
Von Jan Freitag
Ein Witz also. Mehr gerissen als geboren, mittig zwischen Heiterkeit und heiligem Ernst. So einfach, so kompliziert geht es in Oulu zu mit neuen Ideen. Ob es nun völlig verrückte sind oder ziemlich verrückte. „Restprodukte unseres natürlichen Sarkasmus wie Ehefrauenwetttragen und Stiefelweitwurf“, so nennt Hanna solche Einfälle. „Ausgeburten des sechsten Biers, die es bis zum Morgen schafften“, so nennt sie Petri. World-Air-Guitar-Championchip oder Mieskuoro Huutajat, so heißen zwei unmittelbare Folgen in der nördlichsten EU-Großstadt, wo es winters kaum mal hell wird und der finnische Aberwitz voll zum Tragen kommt. Die Luftgitarren-WM, nebenberuflich organisiert von der Museumsangestellten Hanna Jakku. Und der Chor Schreiender Männer.
Womit wir wieder bei Petri Sirviö wären.
Wenn es belastbare Vorurteile vom Finnen abseits hartnäckiger Legenden um absurden Alkoholkonsum auf Autofähren und einem Hang zu schwermetallischem Krach gibt – hier wirken sie vereint in einer Person, spindeldürr wie Birken im finnischen Januarwind, fast ebenso blass. Und würde sich sein pechschwarzes Outfit nicht so vom beharrlichen Weiß der verschneiten Provinzstadt am Rande Lapplands abheben, man könnte ihn glatt übersehen, wie er in einem betulichen Oma-Café am Markt fette Cremetorte isst und erzählt, was sich am Abend ereignen wird.
Denn da erlebt man den scheuen Familienvater von 51 Jahren in Aktion. Auf der Bühne taut sein spröder Charme auf und mit ihm ein Stück jenes Heimatortes, der Jahr für Jahr im Herbst unter einer Eisschicht verschwindet, die erst Richtung Mai Risse kriegt. Hier ist Petri Sirviö kein anämischer Stadtangestellter, sondern ein heißblütiger Dirigent, der mit zuckender Gestik sein Orchester anleitet. Nur dirigiert er keins mit Geigen, Flügel und Fagott, sondern den Chor Schreiender Männer. Grölende Urviecher allesamt, wie sie wohl nur diese Weltgegend hervorzubringen vermag. Zwei Dutzend sind zur Probe ins schmucklose Schulgebäude gekommen, um Volkslieder, Nationalhymnen, auch mal den Text internationaler Verträge zu üben. Jeder Kerl ein Ton, aus voller Kehle gebrüllt, so inbrünstig, dass Petri Sirviö förmlich im Spuckeregen steht.
Es braucht Phantasie, um dieser Kakophonie Melodien zu entnehmen, aber könnte das eben nicht die Marseillaise gewesen sein? Gar das Deutschlandlied, dem Mieskuoro Huutajat stets dreistrophig zum Ausdruck verhilft? Schwer zu sagen; zu stark lenkt der Eindruck ab vom Inhalt, das Ambiente vom Text. Doch um Erkennbarkeit geht es den bis zu 70 Schreihälsen auf den Bühnen der Welt vom New Yorker MoMa über japanische Opernhäuser bis hin zur Roten Flora in Hamburg nur am Rande.
„Es geht um Atmosphäre, Energie, Entertainment“, erklärt ihr Leiter zurück im Oma-Café, wo leises Klaviergeklimper aus den Ecken tröpfelt. „Und um Abwechslung vom Alltag.“ Denn der, Petri Sirviö bricht seinen zweiten Liter Filterkaffee aus der Riesenkanne am Tresen an, sei zuweilen schon trist, zumal im Frühjahr. Sein Chor aber, so viel zum Klischee von der kreativen Sonnenarmut, ist im Spätsommer entstanden, der am Flachwasserstrand des Bottnischen Meerbusens mit einer Farbgewalt übers Land bricht, als läge es im Alpenvorland. „Mit der Dunkelheit hat der Chor wenig zu tun“, schildert Sirviö eine Idee, die – wie gesagt – eher gerissen als geboren wurde.
Mit einer Handvoll Kumpels, die vor 27 Jahren nicht wegen ihrer Herkunft oder Gene, geschweige denn Mitternachtssonne und Tagesmond auf so absurde Gedanken kämen, „sondern weil derart weit ab vom Schuss die Fähigkeit zum do it yourself wichtiger wird“. Nordfinnen, sagt er mit großer Geste dünner Finger, sind Selbermacher, Anpacker, Lebenskünstler wie dieser Ex-Punk, der Finnlands Heavy-Metal-Kapitale in jungen Jahren mit aufsässigem Hardcore zugedröhnt hatte und auch sonst sein eigenes Ding gemacht. Aber das teilt er ja mit vielen hier. Wer in Oulu den Handwerker ruft, gilt als Zugezogener, ein Südfinne, eher behagliches Festlandeuropa als raues Skandinavien. „Darüber hinaus scheißen wir drauf, was andere von uns denken.“ Eine unerlässliche Eigenschaft für erwachsene Männer mit gewöhnlichen Berufen, denen vor Publikum bis zur Erschöpfung die Gesichtszüge entgleiten als zögen sie in mittelalterliche Schlachten.
Man spürt diese Mentalität, wenn sich Papio unversehens zu seinem Dirigenten setzt und vom Chor erzählt, besser: schwärmt. „Ich kann da ohne Rücksicht auf alles Dampf ablassen“, erklärt der Lehrer für Physik und Mathe, dem man leichthin abnimmt, dass er vormittags mit nüchternen Formeln hantiert hat, bevor ihm abends die Augäpfel aus dem Kopf zu springen scheinen. Und seine Nachbarn? Kollegen? Schüler? „Was soll damit sein?“, fragt der Familienvater nahe der 60 zurück. „Das hier ist Oulu.“ Tiefste Provinz. Eine Stunde Autofahrt bis Lappland, zwei weitere bis Rovaniemi, zum Weihnachtsmann. „Hier freut man sich über jede Kultur.“
Besonders jetzt.
Jahrhunderte lang galt die „weiße Stadt am Meer“ als grüne Lunge Nordfinnlands. Ein blühender Garten im Sommer, eine glitzernde Perle im Winter. Verwegen, idyllisch, holzbebaut, oft brandgebeutelt, bald betonverschandelt, noch immer wunderschön. Dann wurde Oulu zur „Nokia-City“, die sich im Handyboom der Neunziger Randgemeinde um Randgemeinde einverleibte und auf heute 200.000 Einwohner wuchs, angezogen auch von all den digitalen Startups, die dem Sog der neuen Technik folgten. Und heute, nach dem verpassten Smartphone-Zug des geschrumpften Weltmarktführers? Ist Oulu bloß noch: die Krisenstadt.
„Auf einmal waren wir eine Art Detroit“, meint Petri Sirviö. Kleiner, aber mit ähnlicher Kehrtwende. Denn wie die deindustrialisierte Motown besinnt sich auch das abgekoppelte IT-Zentrum in der Finanzkrise, die hier mehr eine Telefonkrise ist, auf frische Stärken. Soft Skills, die Petri Sirviö selbst gefördert hat, bevor ihn andere Kulturprojekte zum Jobwechsel nach Helsinki zogen. Mit ihm als Kulturreferent hatte sich Oulu zu etwas gemausert, was ihm selbst fast Schreie entlockt vor Stolz.
Kulturstadt!
Und in der Tat: Wenn er bei beißender Kälte hindurchführt, kriegt man eine Ahnung vom Ort, der neben zwei Dutzend weltbekannter Metal-Bands schreiende Männerchöre und Luftgitarrenwettbewerbe hervorbringt. Für die hippen Tanzclubs ruft der Hauptstadtflüchtling zwar lieber seinen jüngsten Sohn, auch schon 20, an. Den Rest aber findet Papa noch alleine. Eine frühere Kaserne im Wald zum Beispiel, die von 300 Künstlern jeder Art genutzt wird, seit Skater das Gelände erobert hatten. Das betörende Holzhüttenquartier Pikisaari, das den Wandel vom Industrie- zum Künstlerviertel (noch) ohne gentrifizierte Ruppigkeit vollzieht. Die Partymeile Hallituskatu mit ihren Bars, in denen es Rastas, Rapper, echte Gangster gibt. Zwei gut sortierte Plattenläden, in denen der umtriebige Petri flugs ein paar Indie-Vinyls aus den Fächern zieht, die er selbst produziert hat. Und ein paar planquadratisch überschaubare Straßen weiter, vorbei am Kellerclub, der 1988 seinen Chor gebar: Sokkeli, ein architektonisch kühnes Kaufhaus der 1930er, das Sirviö seit 2001 im Stadtauftrag zum Gründerzentrum ausbaut. Sein eigenes Büro ist auch drin, vollgestopft mit allem, was die Schreihälse je produziert haben.
Das indes ist überschaubar. Mieskuoro Huutajat funktioniert nur live. Wenn man die dampfenden Männer in den schwarzen Anzügen direkt vor Augen hat, wenn die Spucke zu Petris Taktstock fliegt, wenn der Magen gegen Deutschlands dritte Strophe rebelliert und der Kopf darüber aufmerksam wird, nachdenklich, vor allem aber: gut unterhalten. In Oulu wird man das ständig. Auftritte des Chors zählen zum Standardrepertoire des Freizeitangebots wie das nächtliche Hockeyspiel auf einer beschallten Natureisbahn mit Meerblick oder unzählige Restaurants, die an einem normalen Abend trotz grotesker Preise auch nach Mitternacht voll besetzt sind.
In solchen Momenten mag Oulus Stadtgebiet, kaum größer als Passau, an Metropolen erinnern – ein klein wenig Kreuzberg, ein klein weniger Bronx, ohne Touristen zwar, den Trubel, die breiten Straßen, das Kosmopolitische. Aber mit sprudelnder Lebenslust, die ein exzentrischer Chor ironisch gebrochen in alle Welt hinaus brüllt, bis jeder den Witz gehört hat. Auch wenn es gar keiner ist.
Anreise: Mit Finnair ab München/Hamburg mit Zwischenstopp in Helsinki ab 236 Euro
Unterkunft: Break Sokos Hotel Arina, Pakkahuoneenkatu 16 im Ortskern, 2 Personen inkl. Frühstück 150 Euro. Info: https://www.sokoshotels.fi/en/oulu/sokos-hotel-arina
Allgemeine Infos: www.visitfinland.com; www.visitoulu.fi
Stephan Möller-Titel: Prekariat & Traumjob
Posted: April 18, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wurschtelnd glücklich
Jeder 15. der bundesweit 15.000 Schauspieler lebt in Hamburg. Ihr Alltag ist oft geprägt vom Kampf gegen sinkende Etats, schlechte Bezahlung, Arbeitsmangel. Einer von ihnen ist Stephan Möller-Titel (Foto: Malte Jäger). Porträt eines talentierten Hanseaten, der sich so durchwurschtelt – und trotz allem glücklich ist.
Von Jan Freitag
Der Teufel, heißt es, scheißt meist auf den größten Haufen. Man kann Erfolg, der die Erfolgreichen durch seine bloße Existenz nur noch erfolgreicher macht, während sich Erfolglose den Misserfolg teilen, allerdings auch gewählter ausdrücken, theatralischer. Stephan Möller-Titel zum Beispiel bemüht den biblischen Matthäus-Effekt, um sein Schauspielerdasein darzustellen. „Wer einmal groß rausgekommen ist“, sagt er in einer gemütlichen Spelunke auf St. Pauli und zieht tief an seiner Selbstgedrehten, „dem fliegen die Aufträge zu“. Wer hingegen allzu lang darauf warten muss, „wartet häufig vergebens.“ Darauf nämlich, sich die Rollen nicht nur aussuchen zu können, sondern nach Belieben ablehnen, darauf, wirklich unabhängig zu sein in seiner künstlerischen Freiheit.
Stephan Möller-Titel wartet seit rund 15 Jahren.
Damals hatte der Hospitant am Hamburger Thalia-Theater sein „Schlüsselerlebnis“ in einer Branche, die dem Nachwuchs als Himmel auf Erden gilt, aber schnell ein Höllentor ins Prekariat öffnet – unterbezahlt, ausgebrannt, wechselwillig. Während der Neuling von einer Bergedorfer Waldorfschule Ende der Neunziger auf dem Klo von Jürgen Flimms Hochkulturinstitution saß, unterhielten sich zwei ganz Große über jene Bretter, die auch Stephan Möller-Titels Welt bedeuten. Robert Wilson und Lou Reed, erinnert er sich voller Ehrfurcht, der Regisseur und sein Komponist, in Alsternähe vereint zum Literaten-Musical POEtry, „und die reden beim Kacken über meinen Kopf hinweg von allem, was mir wichtig ist“. Da war es um den Anfangszwanziger geschehen.
Endgültig.
Der gebürtige Mecklenburger wurde, was er im Grunde schon kurz nach der Ausreisegenehmigung seiner Eltern 1988 wollte, die ihn über Eckernförde rasch in die Kulturmetropole Hamburg führte. Abi-Theater, Bühnenpraktika, Statisterie, Sprechrollen – für den Psychiater-Sohn deutete längst vieles darauf hin, doch nicht seinem Vater nachzueifern. Erst die Leidenschaft jedoch, mit der da zwei Weltstars von seinen Traumberuf redeten, entfachte endgültig seine. Ein Feuer, das bis heute glüht, daran lässt er auch in der Kneipe nie einen Zweifel, mit seinen stechend blauen Augen im rundlichen Gesicht.
Dabei erwies sich besagter Traum trotz früher Erfolge für den dezent ehrgeizigen Anfänger als ewiger Clinch zwischen Ruhm und Dispo. Mal gewann er eine Etappe, schon ging die nächste verloren, aufrappeln, weitermachen, bis heute. Noch während seiner Ausbildung an der Leipziger Schauspielschule bekam er erste Rollen, ein Engagement Schweriner Staatstheater gar. Und als er zwischendurch seinen ersten Fernsehauftritt hatte, ein Mörder im Polizeiruf, an der Seite Henry Hübchens, schienen ihm nicht nur ein paar Bühnentüren offen, sondern alle.
Dann aber gab er seiner Diplomarbeit 2006 den nächsten Richtungswechsel. Ihr Titel Wie ich hinkam, wo ich herkam lautete nun: Wie ich abermals drehte, zurück nach Hamburg, ass Freiberufler. Und dann? „Kam erst mal gar nix.“ Außer Musik, erst mit seiner Schulband Leilanautik, nun im Duett Sasa & Der Bootsmann. Gitarre und Gesang. Viel Spaß, kaum Ertrag. Egal. Er schweigt kurz. Neue Kippe, die achte in einer Stunde. Dazu mehr Bier, auch das in beachtlicher Frequenz – zumindest an diesem Abend, wo er mal Tacheles redet, über seinen Wunschberuf. Stephan Möller-Titel ist kein Mann mit Vollkaskoversicherung wie die Streber im Pilcher-Personal, das jeden Mist spielt, um präsent zu sein. Der Ostflüchtige indes wird auch weiter westlich von Experimentierfreude getrieben, dem Keim des Glücks. Vor allem aber: Scheiterns.
Er hält sich in der Mitte, immerhin. Solide pendelnd zwischen Auskommen und Nachsehen, Oldenburger Staatstheater und dem Wohnort Eimsbüttel. Randfiguren von RTL bis Tatort finanzieren ihm das geliebte Off-Theater. Mit Solostücken wie der Fluchtparabel Krieg oder ab Donnerstag als Gulliver im Ohnsorg-Studio, wo er selbst die Liliputaner spielt. „Auch Reklame kann Spaß machen“, betont er und schwärmt von Bier-Spots in Kapstadt und Toshiba-PR auf Englisch. „Aber man hat Null Absicherung, krank sein ist nicht“. Fazit: „Das nervt!“
Und nicht nur ihn. Fast 15.000 Deutsche nennen sich Schauspieler, jeder Dritte vor der Kamera, ein paar mehr in den Ensembles der bundesweit 700 Bühnen. Sie alle kämpfen eher ums Überleben als es gelegentlich zu verkörpern. Gut die Hälfte, klagt ihr Hamburger Kollege Hans-Werner Meyer im Auftrag des Berufsverbands BFFS, „leben von weniger als 20.000 Euro im Jahr“. Brutto. Abzüglich Spesen, Agentur, Absicherung bleibt auch für jene 13 Prozent, die es nahe 30.000 schaffen, kaum genug für die Miete. Schon gar nicht in der teuren Film- und Theaterstadt Hamburg mit all ihren Studios, Bühnen, Produzenten und an die 1000 professionellen Darstellern. Ihre Mehrzahl muss sich mit dem begnügen, was Großkaliber wie Bleibtreu, Hoger, Charly Hübner von sinkenden Etats übriglassen. Während fünf Prozent sechs- oder mehrstellig verdienen, bringt es die Masse selten auf 20 Drehtage à 750 Euro Tarif, den der BFFS 2013 ausgehandelt hat. Und die erfordern auch noch das Fünffache an Vor- plus Nachbereitungszeit. Am Theater ist es noch schlimmer. „1550 Euro Einstiegsgehalt“, empört sich Möller-Titel in breitem Hamburgisch, das seine Enden jedoch theatralisch korrekt behält, „mein Vetter verdient als Automechaniker mehr“.
So sei sein Berufsstand mit Lebensanstellungen und Topgagen zum „fahrenden Volk“ verkommen. Dabei sah es auch bei ihm mal besser aus. Im Baader-Meinhof-Komplex knallte er 2008 Hanns-Martin Schleyer ab, lernte am Set – „schwer bewaffnet“ – Sandra Borgmann kennen, ebenfalls aufstrebend, bald Mutter seines Kindes. Es gab Angebote, Mörder und Irre wurden zur Marke, mit Anfang 30 lief es – und doch nicht aufwärts, zwar voll Hingabe, aber kaum lukrativ, viel unterwegs, nie auf rotem Teppich. „Wenn man sieht, mit wie wenig Talent manche Kollegen Erfolg haben“, sagt der begabte Bühnenberserker beim letzten Bier, könnte man echt zynisch werden. Tut er aber nicht. Stephan Möller-Titel macht weiter, „es reicht ja“, wenngleich schon wieder nur für den Nebenraum der Ohnsorgs, der dem Miniaturstück zwar atmosphärisch angemessen ist, aber eben eher Off-Bühne als Großes Haus. „Ach, ich bin auch so glücklich.“ Auf den Brettern seines Lebens.
Der Text ist vorab erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-04/schauspieler-stephan-moeller-titel
Thorsten Fischer: Onlinedrucker & Offlineraser
Posted: April 4, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Der Überflyer
Angefangen hat Thorsten Fischer (links, mit seinen Geschäftsführern Tanja Hammerl und Markus Schmedtmann) mit einem Würzburger Stadtmagazin. Als ihm die Welt der Anzeigen zu klein wurde, hat er den stationären Online-Dienstleister Flyeralarm gegründet – und damit die festgefahrene Druck-Branche revolutioniert. Porträt eines DIY-Millionärs im Metier der Flugblätter und Sticker, das viel lässiger klingt, als es ist.
Von Jan Freitag
Annahme, Schuss, Tor. Annahme, Schuss, Tor. Einmal, viermal, sechsmal. Kurzes Lächeln, fester Händedruck, dann ist es vorbei nach zwei bis drei Minuten. Ob gegen einen Gegner oder mehrere, für Thorsten Fischer spielt das keine Rolle. Ihn beim Tischfußball zu schlagen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Fischer zu schlagen, ist auch abseits des Kickers in seinem riesigen Büro schwer vorstellbar. Er spricht es sogar selbst aus, laut, aber nicht aufdringlich – mit einem Selbsbewusstsein, das auf realen Erlebnissen fußt. Siegesgewiss und bodenständig zugleich kommt der 38-jährige Unternehmer rüber. Gegen einen wie ihn zu Null unterzugehen, das brauche niemandem peinlich zu sein. „Ich stell’ mich ja ned her, um zu verlieren.“ Zumal er üblicherweise Gegner ganz anderer Kaliber aus dem Weg räumt – sowohl beim kleinen Pausenwettkampf wie im großen Spielfeld seiner Branche.
Thorsten Fischer ist Chef und Inhaber von Flyeralarm, einer Druckereifirma, die nach eigenen Angaben mit rund 10 000 Aufträgen pro Tag der größte Online-Dienstleister dieser Branche in Europa ist. Dieses Geschäftsfeld hat er 2002 mit einem Hybrid aus E-Commerce und Druckerei „revolutioniert“, wie jedenfalls Christoph Schleunung vom Bundesverband Druck und Medien meint. Zuvor war das Leben des Würzburgers bemerkenswert ziellos verlaufen. Den Beruf des Unternehmensberaters fand er attraktiv, den Weg dahin aber nicht. Sein Vater, ein TÜV-Ingenieur in althergebrachter Alleinernährerrolle, wollte den Filius nach dem Wirtschaftsabitur zu „was Technischem“ bewegen. Doch zuzusehen, wie Beton härte, „das war nicht meine Berufung“, sagt Fischer.
Für ein Studium sei er nicht geeignet gewesen, „zu faul“, kokettiert Fischer und bezeichnet sich zugleich als „für nine-to-five nicht geschaffen“. Eine Versicherungslehre brach er ab und gründete „aus einer Schwimmbadlangeweilelaune“ heraus ein Stadtmagazin mit dem profanen Titel Würzburger Tester. Das Monatsheft warf schon bald solide Erträge ab. Fischer leistete sich eine Sekretärin, einen geleasten BMW und ein mittleres Gehalt. „Echt schöne Zeit“, erinnert er sich. Er war ein Do-it-yourself-Verleger, der viel lernte: Schreiben, Layout, Anzeigengeschäft, Druck und Vertrieb.
Bald aber hatte er eine noch bessere Idee. Statt „noch 20 Jahre lang in Kneipen Anzeigen zu verkaufen“, auf deren Bezahlung man oft Wochen warte, gründete der Drucker ohne Druckerausbildung eine Vertriebsplattform für Drucksachen und nennt sie Flyeralarm. „Ich hatte null Ahnung von dem Geschäft, null Maschinen und null Ahnung, wie die Dinger überhaupt funktionieren“, sagt der Gründer heute. Und doch zeigt er den Platzhirschen im Druckgewerbe rasch, womit man Geld verdienen kann. Fischer holt Getränkedosen mit Bundesligistenaufdruck aus der Vitrine und reiht sie stolz nebeneinander auf: „Wir haben ja quasi einen völlig neuen Markt generiert.“ Bei seinem Start vor elf Jahren trifft er auf eine Branche im Umbruch. Das Druckgewerbe liegt am Boden. Seit man im Internet für einige Euro Flyer basteln kann, sinken die Erträge der professionellen Unternehmen auf diesem Markt. Aber sie werden auch produktiver.
„Die Arbeit von fünf Maschinen machen heute vier und bald drei“, sagt Fischer. Der europäische Druckmarkt schrumpfe zwar. Aber „weil wir am günstigsten sind“, weil Flyeralarm für 5000 Werbezettel mit 30 Euro heute nur ein Zehntel des Preises von 2002 verlange und daran doch gut verdiene, „profitieren wir selbst vor der Krise“. Das trifft zwar durchaus auf Kritik. Über seine Art gedruckter Massenabfertigung kursiert brancheintern der Vergleich zu McDonalds, Quantität gehe zu Lasten der Qualität, Verbraucherforen sind gut gefüllt mit Klagen über erfolglose Reklamationen, mangelnde Kulanz, dazu die schlechte Bezahlung vieler Mitarbeiter. Doch mit solchen Mitteln hat Thorsten Fischer offenbar die Zeichen der Zeit erkannt. Auf der einen Seite der Entwicklung standen die traditionellen Betriebe mit ihrem Handwerkerethos, auf der anderen junge Start-upper mit ihrem Garagen-Gestus. Die Alten konnten wenig mit der Ästhetik von heute anfangen, die neuen noch weniger mit dem Know-how von einst.
In diese Lücke stieß Flyeralarm. Mit einer aggressiven Preispolitik rollt ihr Gründer seither den Markt auf. Aber eben auch mit echtem Willen „zur win-win-Situation per Handschlag, der bei Herrn Fischer noch was zählt“, wie sein Geschäftspartner Stefan Aumüller vom gleichnamigen Druckhaus in Regensburg lobt. Das sorgt für diese Mixtur aus Reputation und Lässigkeit. Oder ist die womöglich Fassade? Mal ehrlich, Herr Fischer: Ein urbanes Produkt, ein cooler Name, ein lässiges Image – ist bei Ihnen alles Party, Party, Party? Der Mann im mausgrauen Zweiteiler, der episch über die Vorteile des Sammeldrucks dozieren kann, wehrt ab. Nein, so sei er nicht. „Diskos mochte ich nie.“ Da sei es laut, da könne man nicht reden. „Schon in jungen Jahren ging ich lieber essen“. Ging? Er benutzt tatsächlich die nostalgische Vergangenheitsform und zerstört gleich noch die letzte Illusion: „Flyeralarm hat mit Feiern nichts zu tun.“
Der Herr der Flugzettel, ein kleiner Mark Zuckerberg analogen Sendungsbewusstseins, passt also ähnlich gut ins Bild der Eventindustrie wie etwa die Volksmusik. Die klingt nach großer Gaudi, ist aber bloß ein gutes Geschäft. Fischer beschreibt seines als „solide“. Treffender wäre aber: bombig. Mit drei Mitarbeitern erzielt seine GmbH aus dem Stand 250 000 Euro Umsatz 2002 und schafft rasch den Break-even. Sechs Jahre später knacken 644 Angestellte die 100-Millionen-Grenze. Heute erwirtschaften gut doppelt so viele Menschen mehr als 280 Millionen Euro. Das sind große Zahlen in einer Branche, in der sich rund 10 000 Betriebe einen Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro teilen.
Der Erfolg hat Gründe, einer ist das Portfolio: statt nur Flugblatt, Folder, Visitenkarte wie zu Beginn bietet Flyeralarm an vier deutschen Standorten mittlerweile vom Kundenmagazin über bedruckte Schlitten bis zum kompletten Markenauftritt knapp 1000 Produkte in drei Millionen Ausführungen. Rund 300 000 Abnehmer beliefert das Unternehmen, die meisten davon, 95 Prozent, sind Geschäftskunden. „Noch“, sagt Fischer und grinst vieldeutig. Sollte der kleinteilige Business-to-Consumer-Bereich nicht kräftig wachsen, dann nur, weil der margenstarke Business-to-Business-Bereich schneller zulegt.
Wie schnell, das ist nicht nur an Flagshipstores in München, Frankfurt und Düsseldorf, an Vertretungen in Österreich und Spanien und an Tochtergesellschaften in vier weiteren Ländern abzulesen. Es zeigt sich vor allem auf dem Firmengelände im Würzburger Industriegebiet. Während von 400 direkten Mitbewerbern die drei Nächstplatzierten selbst gemeinsam nicht das Volumen des Marktführers erreichen, schwillt hier ein imposantes Logistikzentrum an. Und dann diese Lobby: urbanes Latte-Macchiato-Design voll berufsfröhlicher Vertriebler und Marketingleute im Duz-Modus. Man gibt sich jung, man kleidet sich hipp, man hat ja ein eher nostalgisches Produkt im Angebot, der Fachterminus lautet Druckerzeugnis. Um Kunden jeden Alters anzusprechen, hat Fischer das Image seiner Firma frisch aufpolieren lassen: „Bisschen anders, dynamischer, peppiger.“
Die Agentur wollte ihm seinen Namen nehmen, der zwar die Banden bei Spielen der Fußballnationalmannschaft und die Brust von Bayern Münchens Basketballern ziert, aber eben auch etwas kindisch klingt. Doch der Inhaber mahnte: „Flyeralarm hat uns geholfen, vom Billigdrucker zum Kataloglieferanten für Global Player zu werden.“ So blieb der Name. Wenigstens der. Denn statt „Druck deine Idee“ lautet der Slogan jetzt „Powered by Print“ und heißt bei einem Reifenwechsel „auf der Pole Position“ willkommen. Die Botschaft ist klar: Überholspur, Tempo, Sieg. Allerdings nicht mit der prolligen Formel 1, sondern einem lässigen Mini als Werbeträger. Das spricht eher Großstädterinnen mit lustigen Strickmützen an als Vollgasfans mit Benzin im Blut.
Vor allem aber hat es Fischer angesprochen. Der mag zwar seit jeher Autos, fuhr damit aber erst um die Wette, als man beim Marken-Relaunch auf eine Rallye der britischen Kleinwagen stieß. „Wenn wir es sponsorn, können wir auch mitfahren“, erklärt der Badminton-Spieler seinen Pistenabstecher und schwärmt, Beschleunigen auf der Geraden sei „langweilig, aus der Kurve ist toll“. Selbst eine Rennlizenz hat er. Doch der Spaß höre auf, wenn er die Wochenenden fresse.
Denn eins ist Thorsten Fischer geblieben: Ein Genussmensch, ein Freund feiner Weine und guter Hotels. Also hat er sich eins gebaut, gleich beim Firmensitz. Eigentlich, so erzählt er im barocken Stadtchateau unter alten Wandmalereien, sollte die „Wiener Botschaft“ nur ein Ort sein, wo der Österreichfan auch daheim sein Schnitzel kriegt und Geschäftskunden gut unterkommen. Mittlerweile aber sei es ein „echtes Hotel mit einfacher Küche auf Sterneniveau“. Geld verdiene man damit zwar keines, räumt der Hobbygastronom ein, „aber es macht riesig Spaß.“ Der ist ihm zwar vergangen, seit die Nobelherberge standortbedingt schließen musste, doch sein Kerngeschäft boomt weiter. Und das, obwohl das Druckgewerbe alles andere als eine Wachstumsbranche ist. Um 25 Prozent im Jahr, hofft Fischer, solle Flyeralarm im Jahr zulegen, falls nötig auch ohne das Drucken, als reiner Dienstleister. Das wird man sehen. „Ich traue keiner Kristallkugel.“ Aber in zehn Jahren, so fügt der Nachhaltigkeitsfan und Einkommensmillionär mit eigener Kinderhilfsstiftung hinzu, „machen wir Gewinne genug, um die Welt zu retten.“ Und wie er dazu lächelt, irgendwo zwischen bodenständig und siegesgewiss, meint er das womöglich ernst.
http://www.zeit.de/2013/36/flyeralarm-thorsten-fischer
Nachruf: Karl Moik
Posted: March 28, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentDer Schunklertainer
Kaum wurde der volksmusikalische Moderationspudel Andy Borg vom Ersten Programm aus Altersgründen aufs Abstellgleis gesetzt, stirbt sein Vorgänger Karl Moik, der seinem Nachfolger einst aus gleichem Grund weichen musste. Nachruf auf einen Unverkannten, der das Fernsehen seiner Epoche nicht bereichert, aber geprägt hat.
Von Jan Freitag
Man kann es sich jetzt natürlich leicht machen. Karl Moik, das war ja der Zeremonienmeister reaktionärer Massenbespaßung, eine Art Frohsinn gewordener Kulturkonservatismus in Lied- wie Versform. Karl Moik, das war somit Volksmusik, Volksmusik, das war Karl Moik, aus feuilletonistischer, ach: nur einigermaßen aufgeklärter Sicht also eine furchtbare Melange des Ewiggestrigen, Geschmacklosen. Der Schunklertainer. Furchtbar. Warum also sollte man Karl Moik, der nun nach langer Krankheit verstorben ist, eine größere Träne nachweinen, als es das Mindestmaß an Pietät gebietet.
Man kann es sich allerdings auch ein bisschen schwerer machen.
Dann blickt man zurück auf diesen Alpenschlagermoderator der ersten Stunde und erkennt in ihm weit mehr als nur die populäre Antithese zur schreienden Popmoderne da draußen. Denn Karl Moik war eine Antwort, mehr ein Flehen, vielleicht gar so was wie ein Hilfeschrei. Dafür muss man sich die Ära, in der die Linzer Stimmungskanone erstmals aus dem österreichischen Staatsfunk aufs deutsche Publikum schoss, nur kurz vor Augen halten. Wir schrieben das Jahr 1981: Reagan-Zeit, Schmidt-Zeit, Thatcher-Zeit, noch nicht wirklich Kohl-Zeit. Dazu Brokdorf-Zeit, Ölkrisen-Zeit, Terror-Zeit, NATO-Doppelbeschluss-Zeit. Und natürlich NDW-Zeit, MTV-Zeit, Dallas-Zeit, bald darauf kam Denver. Es war eine Zeit, in der nichts mehr war wie es mal war, selbst hoch droben nicht in Moiks geliebten Bergen. Es gab keine Gewohnheiten, keine Gewissheiten, schon gar keine Werte. Selbst auf heile Alpenalmen regnete es sauer von Gottes Himmel und ob es nicht bald SS-20 regnen würde – wer wusste das schon.
Da wuchs auch vorm Röhrenbildschirm die Sehnsucht nach Bestandsschutz dessen, was längst keinen Bestand mehr hatte, aber am Horizont wärmer leuchtete als die aseptischen Achtziger ohne Paartanz, aber mit viel Plaste und Elaste. Kurzum: es wuchs die Sehnsucht nach Männern wie dem Moik Karl, fröhliche Pfundskerle vom Land, die im dunkelblauen Messingknopfzweireiher, besser noch förstergrünem Janker die Weise von den Tälern und Gipfeln anstimmten, wo die Madln no fesch san und die Burschn pfundig. In denen das Vergangene ein festes Standbein im Almengras hat und der Ernst des Lebens Pause. In denen das Leben noch einfacher ist und das Einfache einfach schön.
„Musik woll’n wir bringen, für jung und für – Halt!“, dichtete er 1981 lachend zur Begrüßung seiner TV-Premiere: „In den nächsten 90 Minuten, vergesst das Wort alt / Wir wollen beweisen, mit Schwung und mit Scherz / dass jugendlich bleibt nur ein fröhliches Herz“. So klangen nicht nur die holprigen Reime aus der Magengrube eines Überzeugungstäters, dessen Volkstümliche Hitparade bereits im österreichischen Radio Furore machte. Es waren die ersten Worte im Musikantenstadl. Und man sollte sich den Titel von Moiks Vermächtnis mal etymologisch vor Augen halten, um seinen Erfinder zu verstehen.
Musikanten brauchten schließlich (zumindest damals) keine E-Gitarren, geschweige denn Computer, ja nicht mal Strom zum Musizieren – sonst hätten Moiks Gäste gelegentlich Mikrofone benutzt, um auch die letzte Reihe jenes prall gefüllten Gemeindesaals zu erreichen, der optisch an Heuschober erinnerte, was übersetzt, richtig: Stadl heißt. In dem wurde noch gesungen wie daheim am Kachelofen. Hackbrett, Zither, Akkordeon, ach… LED-durchzuckte Mehrzweckhallen waren dem Musikantenstadl so fern wie dem gelernten Werkzeugmacher Moik die Maschinenbauinformatik. Und dem geübten Pianisten Karl der Synthesizer.
An der Schwelle zur medialen Neuzeit herrschte auf den Fernsehbühnen nun mal das Prinzip Reduktion. Verglichen mit Moiks Scheunenmusi, die zwei Jahre später vom ORF zur ARD gelangte und dort bis heute läuft, war selbst Schenks Blauer Bock ein vielschichtiges Spektakel aus allem was das hermetische System zweier öffentlich-rechtlicher Kanäle von Klassik über Schlager bis Comedy seinerzeit hergab. Frei von musikalischen Grenzgängen oder stilistischem Brimborium dagegen zelebrierte Moik über Jahre hinweg eine Art alpinen Purismus in Reinform – und machte ihm gerade dadurch den Garaus.
Erst der Erfolg seines Stadls sorgte nämlich dafür, dass Volksmusik bald volkstümlich wurde und letztlich Volkspop voller Fischer, Bergs und Schürzenjäger. Nur einem konnte der Zeitgeist scheinbar nichts anhaben: Karl Moik selbst. Auch nach 2005, als ihn die ARD im Streit ersetzte, blieb der mehrfache Großvater was er im Grunde schon immer war: Ein herzenskonservativer Conferencier der guten Laune mit schnurgeradem Rücken, der Italiener – den linken Arm stets exakt 90 Grad Richtung Solar Plexus angewinkelt –„Spaghettifresser“ nennen konnte, ohne dass es böse klang. Der die Regenbogenpresse auch nach 50 Jahren Ehe freiwillig zur Homestory bat und nie, nie, nie ein ernstes Wort über irgendwas verlor. Dessen öffentliches Leben einem einzigen supergaudifröhlichen Bierzelttusch auf seine Version eines wohlgeordneten Lebens glich, das mit 75 Jahren ausgerechnet auf einer Faschingsfeier den Anfang vom Ende nahm. Man kann es leicht nehmen oder schwer, aber das Volksfest, es ist wohl zuende.
Mehr Bilder, Text und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-03/karl-moik-musikantenstadl-nachruf
Hamburg auf der Reisemesse ITB
Posted: March 7, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Hamdorf in der Hauptstadt
Hamburgs sündteurer Stand auf der Berliner Reisemesse ITB soll die Vielfalt der hansestädtischen Kultur präsentiern – zeigt aber vor allem Musicals und Kreuzfahrtschiffe. Ein Besuch.
Von Jan Freitag
Irgendwie scheint Hamburg ein Ort zum Abhauen zu sein. Einer, der Fluchtimpulse auslöst, kurzer Aufenthalt, dann weg hier, bloß weg hier. Den Eindruck könnten zumindest all jene kriegen, die der Hansestadt zurzeit einen Besuch in Berlin abstatten, auf der weltgrößten Reisemesse. Auf der ITB, in Halle 6.1, schlägt auch Hamburg seit jeher eigene Zelte auf. Gewaltige Zelte. Repräsentable Zelte. Glitzernde Zelte. Teure Zelte. Wobei – eigentlich müsste es Festzelte heißen.
Denn wer den Planeten im Miniaturmaßstab am Westrand der Hauptstadt durchmisst, wo nahezu jeder nennenswerte Staat der Erde bis auf Ausnahmen wie Nord-Korea den jeweiligen Standort lobpreist, kriegt gleich gegenüber von Schleswig-Holstein vor allem zweierlei gepriesen: Kreuzfahrtschiffe plus Flughafen, beides – wie eingangs erwähnt – besonders fürs Fernweh geeignet. Hinzu kommen Musicals, viele Musicals, eins am anderen. Selbst der stilisierte Stahlhelm des 54er-WM-Singspiels wurde im Bastelmaßstab nachgebaut, 1:72 unter Glas. Etwa fürs Heimweh? Mitnichten! Das hat schließlich, schenkt man Dietrich von Albedyll Glauben, auf einer Reisemesse wie dieser wenig Bedeutung.
Deshalb geht es dem geschäftsführenden Vorstand der Hamburg Tourismus GmbH, kurz HHT, auch gar nicht so sehr um potenzielle Feriengäste, die ab heute die 20 Hallen von Berlin fluten, „sondern um mehr als 6000 Fachbesucher und 1000 Gäste unseres großen Empfangs“, die seine schicken Verkaufsflächen in den Insidertagen zuvor besuchen. Deshalb geht es ihm mehr um jene Besucher, die Hamburgs Tourismusumsatz von sechs Milliarden Euro, an dem gut 100.000 Menschen mitarbeiten, im Hintergrund mehren sollen. Deshalb heißt der aristokratische anmutende Wirtschaftsvertreter mit den Messingknöpfen am blauen Zweiteiler auf der Visitenkarte auch CEO und sein Kerngeschäft Business to Business, also Geschäftsleute für Geschäftsleute. Deshalb lässt sich der Chief Executive Officer fremdenverkehrsbezogenen Stadtmarketings sein B2B an sechs Tagen Messepräsenz auch an die 600.000 Euro kosten. Und deshalb ist das Angebot an Hamburg, mit dem Reisende wie Reiseanbieter hier beglückt werden, auch so, sagen wir mal vorsichtig: inhaltsreduziert.
Während nämlich gleich neun Reedereien den Mietanteil von 500 Euro fürs Stehpult am Rande bis hin zur eleganten Business-Lounge für 20.000 Euro hinblättern, dazu ein Dutzend großer Kulturinstitutionen von Schauspielhaus bis Stage-Entertainment und der Airport mit seiner gediegenen Weißpolsterwelt hinter Milchglas, findet man das, was die Metropole weit nachhaltiger prägt, allenfalls mit etwas Forschertrieb. St. Pauli zum Beispiel.
Dessen subkultureller Charme – ob es die offizielle PR hören mag oder nicht – hat international zwar weniger lukrative, aber weit anspruchsvollere Strahlkraft als alle Cruisecenter und Löwenkönige zusammen. Auf der ITB aber? Reduziert sich die Existenz des Viertels auf ein Faltblatt zwischen, klar, einem Folder zum Thema Kreuzfahrt und einem über homosexuelles Entertainment. Immerhin. Denn die betörenden Gründerzeitquartiere westlich der Alster, weltberühmte Off-Art von Gänge-Viertel bis Park Fiction, zwei zugkräftige Fußballclubs und ein paar mehr der schönsten Großstadtgrünflächen im Land, dazu Reeperbahnfestival, Dockville, der legendäre Mojo-Club – all dies sucht man vergeblich unter einer gigantischen LED-Wand, die Stunde um Stunde ein hochglänzendes Phantom aus gefühlt 2000 Perspektiven zeigt, rauf und runter, mal animiert, mal real.
Gut, so dauersonnig wie auf den quietschbunten Panoramabildern der merkelorangenen Ausstellungsfläche nebenan ist es zwar nicht mal im wetterverwöhnten Mecklenburg-Vorpommern. Und das bettelarme Bremen verdient mittlerweile doch etwas weniger Geld mit der christlichen Seefahrt als die schicken Installationen am Stand gegenüber suggerieren. Aber die konkurrierenden Nordländer werben wenigstens mit etwas, das existiert. Und Hamburg?
Wirbt mit der Elbphilharmonie.
Einer Konzerthalle, die mit viel Glück in zwei Jahren jene Symphoniekonzerte erleben darf, die derzeit in Berlin über all Flatscreens flimmern. Na, vielleicht hilft ja der viele Gratis-Schampus gestärkt beschürzter Kellnerinnen, um den Adressaten so die Sinne zu vernebeln, dass sie schon mal vorab ein paar Tickets ordern. Aber vielleicht hätte man auch einfach mal konsequent sein sollen und den kollektiven Rausch des Wochenendkiezes auf den vereinzelten aberwitziger 789-Millionen-Euro-Projeke übertragen. Kleiner Vorschlag für die ITB 2016: Elbphilharmonie im Maßstab 72:1 für sechs Milliarden Euro Kostenvoranschlag aufs Berliner Messegelände bauen und eine Ladung Punkrockbands aus der Roten Flora über den Cruise Terminal in der Hafencity einschiffen, die sechs Tage lang Musicaltexte mit Kettensägen interpretieren. Die Bundesländer ringsum dürften sich dann darüber beschweren, dass der Hamburger Stand zu laut sei, aber das, erklärt ein HHT-Sprecher lachend, „machen die ohnehin jedes Jahr.“ Hamburg ist schließlich eine große Stadt mit großer Kultur und eindrucksvoller Architektur. Recht hat der Mann. Fragt sich nur, warum er sie dann als kleines Dorf mit angeschlossenem Yachthafen und Kirmeszelt präsentiert.
vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/2015-03/itb-tourismus-hamburg
Club-Mausoleum: Trinity (Eimsbüttel)
Posted: February 21, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Du nicht, sprach Michael Ammer
Ende der 70er wollte das Trinity im bürgerlichen Stadtteil Eimsbüttel nicht weniger sein als ein zweiter Club 54 aus dem glamourösen New York. Das ging eine Weile lange ganz gut – auch (und gerade) weil der Autor seinerzeit zu junge und uncool war, um an einem berühmten Türsteher vorbei in Hamburgs schillerndste Disco zu kommen…
Von Jan Freitag
Der Schmerz des Opfers, lehrt uns die Küchenpsychologie, vergeht erst dann so richtig, wenn der Täter ein Gesicht hat, einen Namen. Als ich ihn erfuhr, da währte mein Schmerz schon 29 Jahre. Gut, in dieser langen Zeit drückte er mir zwar nicht ständig aufs Gemüt, eigentlich sogar nur dann, wenn ich seine Ursache sah. Das tat ich in letzter Zeit allerdings häufiger, seit mein Büro in Wurfweite des Delphi liegt, das mal Off-Line hieß und davor: Trinity.
DAS TRINITY, um seiner Größe Ausdruck zu verleihen in Großbuchstaben geschrieben, diese Großbuchstabengroßraumdisko also war Mitte der 1980er so was wie meine Nemesis, die noch Mitte der 2010er dringend der Katharsis bedurfte. Ich war damals 16, meine Hose war zeitgenössisch karottenförmig, das Polohemd mit Krokodil, die Föhnwelle wie Beton – oberflächlich schien der Weg frei für ein feuchtfröhliches Wochenende in Hamburgs, ach: der Welt wichtigstem Club. Und das in einer Zeit, als dieses Wort für viele noch mehr mit Fußball als mit Party zu tun hatte.
Doch dann saß da dieser Mann am Eingang, kein Berg von einem, zugegeben. Aber mit derart überschüssiger Arroganz versehen, dass seine Worte klangen wie das Urteil vom Jüngsten Gericht: “Und ab, Bürschlein!” Gesprochen hat sie, Boulevardfans aufgepasst: Michael Ammer. Stadtweit berüchtigter Türsteher einst, bundesweit belächelter Partykönig später, heute weitgehend unbekannt. Aber damals eben der Mann, der nicht mal meinen Ausweis sehen wollte, um zu wissen: Du nicht. Michael Ammer, das ist der Name, mit dem ich heute meinen Schmerz verbinde. Er ließ mich nicht ins Trinity. Und das im Kreis meiner Clique, die einer nach der anderen 20 Mark ins pechschwarze Kabuff reichte und eintreten durfte ins Allerheiligste hanseatischer Tanzkultur jener Tage. Ich aber war: zu jung. Zu klein. Zu uncool. Vor allem für diesen Laden.
Es war ja nicht irgendeiner, sondern der Versuch, den Hamburger Minderwertigkeitskomplex ein bisschen zu lindern. Ende der Siebziger war das. Schlaghosenzeit, Rockerzeit, Oberlippenbärtezeit. Aber eben auch die des funkelnden Dancefloors. Auf dem wurde auch hierzulande gefeiert, allerdings eher in München oder Berlin, wo Freddy und David Nächte zu Tagen machten. Aber Hamburg? War Glamourmangelgebiet.
Bis eine deutsch-amerikanische Investmentgesellschaft die robuste Rock’n’Roll-Stadt gediegen zum Glitzern brachte: mit der Kopie des Partygomorrhas Studio 54, dem großen New Yorker Club. Für drei Millionen Mark motzte sie das alte Eimsbütteler Kino auf, mit der fettesten Lichtanlage weit und breit, 1.000 Lampen stark, mit 300 Metern Neonröhren und einem Sound, der selbst das Original in den Schatten stellen sollte. Nach Weihnachten 1978 öffnete die Disco mit importierten Showtänzern aus Manhattan, der eingeflogenen DJ-Ikone Sharon Lee, viel Prominenz und 1.800 geladenen Gästen das Tor. An der Eimsbütteler Chaussee, wo sich bereits in den zwanziger Jahren eine Flaniermeile befand, mit dem edlen Kursaal im Herzen, der nach einem Intermezzo als Kino 1961 zum Kaisersaal wurde und nun also Trinity hieß.
Trinity wie Dreifaltigkeit.
Die gottlose Achse aus Party, Promis und Drogen. Erstere klappte anfangs blendend, geriet allerdings zusehends in Verruf, da Letzteres so Überhand nahm, dass dem Mittelbau des Dreiecks die Aura zu schmuddelig wurde und der Pöbel unter der VIP-Empore ein wenig profan. Bis dahin aber hagelte es Anekdoten, ausgeweidet in der Klatschpresse: Grace Jones, die nackt auf einem Schimmel einritt. Madonna, deren Schampus-Konsum selbst von benachbarten Bars kaum zu stillen war. Ein Geschäftsführer, der sich nach Bangkok absetzte. Und dann all die Erzählungen von der härtesten Tür überhaupt. Eine Tür, an der auch ich regelmäßig abbog wie ein Bumerang.
Bis zum Frühjahr 1986. Endlich hatte ich meinen Perso, mitsamt rund 30 Mark Eintritt in der Hose also zumindest theoretisch den ersehnten Passierschein. Und wer weiß, vielleicht hatte Michael Ammer einen guten Tag, vielleicht saß eine ungelernte Hilfskraft an seiner Stelle, vielleicht hatte ich auch einfach mal meine Teenie-Akne im Griff. Jedenfalls ging ich wie in Trance durchs geografisch-kantige Portal über den schwarzen Veloursteppich ins Innere und stand am Ort der Sehnsucht.
Noch nie hatte ich so viele schöne Menschen in so gediegenen Outfits gesehen: weiße Pullis, weiße Polos, weiße Hosen – im Widerschein der zuckenden Lasershow hätte man erblinden können. Aber mein Blick galt sowieso dem hufeisenförmigen Rang überm Tresen, wo die Prominenz logierte, angeblich. Ob Billy Idol wieder da war, wie die Morgenpost glaubte? Kim Wilde? Mike Oldfield? Wenigstens örtlicher Jetset der Marke Boris Becker? Doch von alledem: nichts. Nichts zu sehen zumindest. Also klammerte ich mich an mein Bier zum Wochentaschengeldpreis, bewunderte zwei Mädchen, die auf einem Spiegelkubus links des DJs tanzten, und dachte mir selig: Jetzt bist du drin, jetzt bleibst du hier.
Pustekuchen.
Am Morgen verließ ich das Trinity und kehrte nie zurück. Kurz nachdem die Ammers der Discowelt mir wieder ihr tonloses “Und ab” ins Herz gebrannt hatten, machte Hamburgs 54 zu, gescheitert an Besitzerstreit, Razzien, Schlägertrupps und zu vielen Teenies, die locker Platz gefunden hätten auf der Tanzfläche für 1.000 Leute, aber draußen bleiben mussten, weil man sich für was Besseres hielt. Ein paar Mal wurde noch wiedereröffnet, 1992 war endgültig Schluss. Schluss auch mit einem Szeneviertel, das fortan zur Schlafstadt Gutverdienender wurde. Und das Trinity? Heißt Delphi und beherbergt Castingstars oder Betriebsfeiern. Danke, Michael Ammer.
Mehr Bilder, Text und und Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-02/club-trinity-hamburg
Reportage: Landwirte im Stadtstaat
Posted: February 13, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Hanseland in Bauernhand
Wer an Landwirtschaft denkt, denkt hierzulande erstmal an Niedersachsen, Bayern, Mecklenburg. Dass es auch im Hamburger Stadtgebiet echte Bauern mit richtigem Vieh und amtlichen Äckern gibt, erscheint da eher abwegig. Ist es auch ein wenig, aber keinesfalls ausgeschlossen. Eine kleine Reise zur großstädtischen Landbevölkerung.
Von Jan Freitag
Das alte Landwort Bauer hat einen seltsamen Klang, zumindest in Großstädterohren. Bauer, das hört sich ja nach Schützenfest und grünem Grobkord an, nach viel zu viel Arbeit, viel zu wenig Entertainment, nach Provinz, Dreck, Gülle, Brauchtum, solchen Sachen. Bauern, so könnte man meinen, nennen sich da lieber Landwirt, besser: Agrarökonom. Hauke Jaacks nennt sich Bauer und er tut es voller Stolz. Der Bauer in ihm macht den Rücken fast noch ein wenig grader, hält den Kopf noch aufrechter, intoniert die Silben irgendwie fester, als er seinen Stand ausspricht. Und wenn dieser kräftige Mann mit der rosigen Gesichtsfarbe hinzu fügt, was ihm so wichtig ist, dann spricht daraus ein großer Teil seines Selbstverständnisses: „Ich bin Hamburger Bauer.“ Fehlt nur noch, dass das auch gut so sei.
Denn kurios ist es ja schon: einen Ort zu beackern, der 1,7 Millionen Bewohner auf 75.500 Hektar staut und sein Wasser zum Markenkern erhebt, aber zusehends aus Beton besteht. Doch auf einen messbaren Teil dieses steinernen Molochs – 160 Hektar nämlich – baut Hauke Jaacks Futter für sein Vieh an, das ringsum grast. Und damit ist er nicht allein: Fast 800 Blumenzüchter, Forstwirte und Baumschulen und Getreide-, Tier- oder Obstbauern nutzen ein Drittel des Hamburger Stadtgebiets landwirtschaftlich. Die meisten davon, ist aus dem örtlichen Bauernverband zu hören, seien eher Kleinbetriebe, einige gar im Nebenerwerb. Es gibt aber auch die Konkurrenzfähigen, die Agrarökonomen, die Großen.
Wie Bauer Jaacks.
Die 1,4 Millionen Liter seiner 160 Milchkühe können mit den Flächenländern ringsum mithalten. Auch 400 Rinder sind alles andere als Hobby. Und der Betrieb, den Haacks mit seiner Frau Swantje bewirtschaftet, gedeiht nicht nur, er wächst beständig. Wer also durchs Falkensteiner Forstidyll Richtung Wedel fährt, trifft früher oder später höchstwahrscheinlich auf die Zäune des Moorhofs, den der Pinneberger 2004 gekauft hat, als die elterliche Farm zu eng geworden war. Und das nicht irgendwo, sondern „genau hier in Hamburg“, sagt der 51-Jährige. Denn wer so hart arbeitet, aufstehen halb fünf, Feierabend gut 14 Stunden später, 365 Tage im Jahr, ohne Wochenenden, Feiertage, Krankenstand – „der will auch mal ein bisschen leben“.
Und vom Konzert über Theater bis hin zu guten Restaurants biete die Metropole eben alles, was er nicht missen mag, auf dem Dorf aber müsste. Von wegen wenig Entertainment. Einerseits. Andererseits – wer brauche das schon im Überfluss, wenn der Beruf „Berufung ist wie meiner“. Einer, den auch dieser Berufene so liebt, dass er sein Fernweh einst dadurch kompensierte, dem Vieh Namen exotischer Orte zu geben. „Das ist Nova Scotia“, sagt er und weiß allein, wie sich diese Milchkuh von all den Artgenossen der riesigen Halle unterscheidet. Von den Inseln Hawaiis den Gang runter oder gegenüber: Herten. Kein schickes Reiseziel, mehr Reminiszenz an den Fleischmulti Herta, Erfinder europäischer Fließbandschlachtung, heute Sinnbild dessen, was Erzeuger wie Jaacks nicht mehr wollen: Reine Massenware.
Um sich nach zwei urlaubslosen Jahrzehnten ab und an eine Kreuzfahrt zu gönnen, um sich das erste Kind leisten zu wollen, das im Vorjahr zur Welt kam, um mithalten zu können auf dem harten Viehmarkt, „muss man allerdings Kompromisse machen“. Also nicht Bio, wie er mehr ausspuckt als sagt: „Nachhaltig konventionell“. Mit Kunden von der Fastfoodkette bis zur Eigenvermarktung. Mit 4500 Kubikmetern Gülle, die nur auf eigenen Äckern landen. Mit drei Azubis und mehr Vieh, als ihm manchmal lieb wäre. Er lächelt: „Ich hätte gern wieder 25 Kühe“. Wie früher, als bäuerliches Leben nicht leichter, aber ruhiger war. Wie auf dem Hof seiner Eltern.
Oder wie bei Henning Beeken.
Der mag zwar im Kern den gleichen Beruf ausüben – von Hauke Jaacks trennen ihn trotzdem mehr als gut 30 Kilometer zwischen Rissen und Kirchwerder. Schon optisch. Im Schatten knorriger Bäume öffnet der Neubauer mit dem schicken Scheitel seinen Hoodie, als er übers Anwesen der Vorfahren führt. Alles am Hof Eggers erinnert an jene Zeiten, in die sich sein Kollege aus dem Hamburger Westen in romantischen Momenten zurücksehnt. Vorm reetgedeckten Fachwerkhaus seiner Eltern spielen die zwei Kinder, im Schweinestahl nebenan suhlen sich zufriedene Exemplare einer wachstumsschwachen, aber erhaltenswerten Rasse im Dreck, vorbei an historischen Stallungen steht das älteste Wirtschaftsgebäude der Hansestadt, Baujahr 1540. Schon damals waren es Verwandte, die sich hier niederließen. Und eigentlich“, beteuert der Enddreißiger mit dem sanften Lächeln, „sieht hier alles exakt so aus wie vor 100 Jahren“. Und doch völlig anders.
Denn unausgesprochen mag Nachhaltigkeit auch früher schon Standard gewesen sein; mit der Erholungsaura, die Beekens Land umweht, hatte der Überlebenskampf gegen Wetter und Fürst nur wenig gemein. Heute gibt es an gleicher Stelle zwar 70 Rinder, ein paar Schafe und Hühner, saisonal gar Weihnachtsgänse, dazu eine Ferienwohnung mit Ausflugslokal samt Hofladen und 90 Hektar Ackerland im ökologischen Fruchtwechsel. „Aber weil wir weder Gemüse noch Milchvieh haben“, sagt der gelernte Gartenbauer, den es 2012 nach drei Jahren Mexiko zurück auf die Heimatscholle trieb, „ist das kein so richtig hartes Bauernleben“.
Dafür eines im Einklang mit der Natur, das die Vielfalt ländlichen Wirtschaftens auf Hamburger Raum wunderbar verdeutlicht. Im Grunde gibt es hier nämlich alles, was der Agrarsektor so hergibt, nur eben meist eine Spur kleiner als in Deutschlands Schlachthof Niedersachsen oder Mecklenburg Kornkammer im Osten. Ein Henning Beeken mit seinem kreativen Angebot für gestresste Innenstädter und Einzelabnehmer ist somit repräsentativer für die hanseatische Landwirtschaft als etwa ein Hauke Jaacks mit seinem spezialisierten Großbetrieb zwischen wesensmäßig nachhaltiger, im Ertrag jedoch intensiver Produktion.
Und doch haben beide einiges gemeinsam, was junge Bauern von der tiefsten Provinz bis in die Metropole oft zu verbinden scheint: Die abgetretene Generation genießt ihren Ruhestand wie zu Urzeiten gern in Sichtweite der Nachfolger; deren Enkel sollen mal selber entscheiden, ob sie das Erbe später übernehmen; die Generation dazwischen aber betrachtet es trotz aller Entbehrungen, Mühe, Existenzangst als bauchgetriebenen Lebenszweck, den noch die schwerste Missernte nicht verhagelt. Und doch gibt es bei vielen Agrariern nun eine Art autobiografischer Konstante, man könnte sie auch Bremsimpuls vorm Berufseinstieg nennen: Bauern werden wollen nur wenige, Bauern sein dann umso mehr.
Wie Anja Ullrich.
„Ich habe meine Eltern eigentlich immer nur arbeiten gesehen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit unweit von Beekens Hof. Also machte sie eine kaufmännische Ausbildung, wurde danach Erzieherin, sagte der Landwirtschaft kurzum langfristig Ade. Bis mit Anfang 30 abermals umsattelte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Als ihr Vater 1998 schwer erkrankte, kehrte die Tochter heim und wandelte seine Mischwirtschaft um in einen Pferdehof. Weil sie diese Tiere innig liebt. Und weil die Sehnsucht der Städter danach wachse, „je mehr Technik in der Welt“ sei.
Um sie zu stillen, bietet die Frau mit dem roten Pferdeschwanz fast 40 der Vierbeiner Stellplätze auf ihrem Gestüt. Baut ihnen auf dem 17 Hektar großen Gelände eigenes Heu an. Betreut sie mit aller Liebe, lässt sie aber doch laufen, wohin sie wollen. Es sei ein erfülltes Leben, sagt Anja Ullrich beim Rundgang in Reiterhosen. Fürs Tier, mehr aber noch für sie selbst. Dass ihr Geschlecht von den Herren des Dritten Standes selbst in der urbanen Landwirtschaft noch immer nur mürrisch akzeptiert wird, sei ärgerlich; darüber hinaus aber biete ihre Aufgabe, was kein Stadtjob könne: Mensch und Tier, Büro und Freiraum, Vorsorge und Fürsorge, Natur und Technik. Am Ende also auch wieder das, was sie tagein tagaus bei ihren Eltern erlebte: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“. Nur dass die sie von der nie überzeugen wollten.
Anders als bei Mathias Peters.
Mit sechs Jahren, 1976 war das, wollte der Bauersohn aus Hamburgs Südosten aufs Gymnasium und Tierarzt werden. Ein beliebter Berufswunsch nachfolgender Generationen – noch naturnah, nicht mehr so naturverwachsen. Sein Vater aber sagte bloß: „War’ du man Buur, mien Jung“, erinnert sich der Stammhalter grinsend. Und was tat er? Nun lacht Peters: „Ich war natürlich folgsam“. Zum Glück, so sieht er das heute. Denn 37 Jahre und zwei Kinder später darf man sich Mathias Peters als glücklichen Menschen vorstellen. Der Beweis steht, besser: stakst im Stalltrakt seines prachtvollen Bauernhauses von 1561 rum. Er heißt Herkules und ist erst sieben Stunden vorher zur Welt gekommen. Der bullige Landwirt nimmt das Kalb in zwei kräftige Pranken und guckt wie stolze Väter eben gucken: „Ein Prachtstück!“
Seine Ahnen, die dieses Land seit Urzeiten bestellen, sie hätten es wohl „Geschenk Gottes“ genannt und eher nüchtern zur Kenntnis genommen als bejubelt. Der aktuelle Erbe aber zählt zur neuen Generation Hamburger Bauern. Was sie oft eint, ist ein emotionaler Pragmatismus, der selbst den eigenen Eltern, die weiterhin mithelfen im Betrieb, vermutlich fremd war. Als ertragsorientierter Landwirt könnte man das Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiese rings um die zauberhaft geschwungene Gose-Elbe also durchaus als Last empfinden, als Hindernis seiner täglichen Arbeit. Mathias Peters indes, einst ein Einserschüler und heute erstaunlich eloquent, für einen Handarbeiter, betrachtet es ganz anders. „Als Aufgabe.“
Was hier wächst und gedeiht, tut es folglich im Einklang mit der Natur, aber streng nach Effizienzkriterien. Seine 110 Rinder fressen nichts als Weidegras, sollen aber auch ihren Schlachtpreis bringen. Das Gemüse in den Gewächshäusern wie davor wird bei Befall schon mal gespritzt, ansonsten jedoch in Ruhe gelassen. Und Abertausende von Maiglöckchen auf der anderen Straßenseite werden kurz vor ihrem Namenstag von Hand gepflückt, gehen dann aber in den Export nach Frankreich. „Wer in Hamburg Landwirtschaft betreibt“, sagt Peters mit Filterzigarette im Mund, „kann nur in der Nische überleben“. Doch die müsse man schon marktgerecht füllen.
Dafür steht er täglich vor sechs auf, an Markttagen drei Stunden früher. Dafür kämpft er „an allen Fronten“, falls mal eine zusammenbricht, und lässt sich dafür von großen Bauern auch noch abfällig „Schreber“ nennen“. Dafür hat er allerdings auch ein Leben neben der Ackerkrume. Ein reetgedecktes Fachwerkhaus etwa, dass er vor zehn Jahren in Eigenarbeit luxussaniert hat. Eine Frau, die liebend gern ihren Job als Pflegerin dafür getauscht hat, nun in der Diele Petersilie zu zupfen. Und einen Sohn, der dem mütterlichen Rat, bald Abitur zu machen, mit großem Eifer widerspricht. „Der will Bauer werden“, sagt sein Vater und hat wieder seinen Kälbergeburtsblick. Bauer. Dieses Schützenfestwort.
Reportage: Buchhandlung Männerschwarm
Posted: January 24, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Ausgeschwärmt
Mit dem schwulen Buchladen Männerschwarm schließt an diesem Wochenende eine Institution, die St. Georgs Ruf als homosexuelles Zentrum Hamburgs mit geprägt hat. Das sagt auch viel über sein Umfeld.
Von Jan Freitag
Die Welt der geflügelten Worte ist ständig im Fluss. Dass Gegensätze sich anziehen zum Beispiel, zählt zu den älteren, hat aber weiter seine Berechtigung. Dass etwas auch gut so sei hingegen ist jünger, und ob es seine Berechtigung hat, kommt ein bisschen drauf an. Auf Gegensätze zum Beispiel. Bernard Wissing kennt da welche. Aus jahrzehntelanger Praxis weiß der Wirt um die Anziehungskraft des Anderen und findet es „wundervoll“. Schließlich lockt die homosexuelle Aura seines Schwulencafés längst auch heterosexuelle Gäste ins Gnosa und macht damit St. Georg insgesamt zum Ort der Begegnung einst unvereinbarer Lebensentwürfe. Als er begonnen hat, erzählt der elegante Mittfünfziger mit Blick über die Lange Reihe, „war es hier viel schwuler“. Gut 25 Jahre später aber „hat sich alles durchmischt“. Und das, genau, sei auch gut so.
Hans-Jürgen Köster sieht das naturgemäß ein wenig kritischer. Schräg gegenüber, wo die Hauptstraße des Quartiers von Gründerzeitpracht in Nachkriegsnüchternheit übergeht, leitet er den Männerschwarm. Noch. Nach 33 Jahren Grundversorgung der Schwulenszene mit Literatur, Emanzipation und audiovisuellem Beiwerk „von Porno bis Poster“, macht seine Buchhandlung an diesem Wochenende dicht. Vorher jedoch, so ist das eben, kommen die Leichenfledderer. Hans-Jürgen Köster lächelt mild, als er seine letzten Kunden, die zwischen Torschlusspanik und Schnäppchenjagd das Sortiment ausweiden, so nennt. Der ergraute Buchhändler mit dem schütteren Haar meint es ja gar nicht böse, im Gegenteil. Er freut sich über jeden Käufer, da bald Schluss ist, im Männerschwarm.
Männerschwarm – Szenekundige wissen es, alle andere ahnen es – ist ein schwuler Buchladen in St. Georg, das ja irgendwie auch schwul ist. Wer ihn am Westrand der Langen Reihe betritt weiß demnach schnell, wo er sich befindet. Unterm bordeauxroten Licht eleganter Lampen mag ein Hirschhausen-Ratgeber liegen und die neue Heyerdahl-Biografie; ansonsten beschränkt sich das Repertoire auf dem Präsentiertisch von Mangas mit grotesk erigierten Penissen über gebundene Coming-Out-Geschichten bis hin zu Fachliteratur. Bondage, Gender, solchen Sachen. Es gibt hier alles, was das homosexuelle Herz begehrt. Besser: gab. Denn das Angebot ist ausgedünnt, seit Geschäftsführer Köster die Schließlung bekanntgab. Nach 33 Jahren Szeneversorgung mit Literatur, Emanzipation und audiovisuellem Beiwerk von Porno bis Poster, wird Köster Samstag die Tür, vor der er kiloweise Tabak geraucht hat, für immer schließen. Und das, glaubt der 56-Jährige nach einem halben Leben hinterm Tresen, habe mit Durchmischung zu tun. Jenes Phänomen einer absorbierten Zielgruppe, die den Männerschwarm schon einmal zum Ortswechsel getrieben hatte, beim Umzug aus St. Pauli.
Seit 2002 versorgt der Laden mit eigenem Verlag seine Kundschaft also im anderen Heiligenviertel. Mit Erfolg. „Wir haben gut davon gelebt, dass unsere Klientel bewusst herkommt“. Doch seit sich der Mainstream Andersliebenden öffnet und umgekehrt, gehe dieses Bewusstsein im Klima wachsender Selbstverständlichkeit schwulen Lebens verloren. Als der Männerschwarm 1981 im armen Schanzenviertel entstanden war, „musste sich meine Generation Identität und Freiräume ja noch erkämpfen“. Wie Köster selbst. Aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, war er sich seiner Neigung längst sicher, als das Coming-Out kam. Im Studium, Theologie, ausgerechnet. „Mit 18 wollte ich echt Pfarrer werden“, erzählt er vor Regenbogen-Nippes und Pin-up-Kalendern von den Siebzigern in Göttingen. Doch die konservative Landeskirche mochte seinesgleichen nicht und ließ es ihn spüren. Also brach Köster ab, suchte Halt in Hamburg und fand ihn 1986 im Männerschwarm.
Abseits alle Heteronormalität gab es darin nicht nur Lesestoff, sondern Lebenshilfe, Trost, Freunde auf feindlichem Terrain. Dass diese Scharnierfunktion zwischen Aktionismus und Hedonismus verloren sei, mag an Amazon und Internet liegen, am aussterbenden Stammpublikum und ein wenig auch an Köster selbst, ein „altmodischer Buchhändler“, sagt er selber, dem zielgruppenübergreifendes Angebot à la S/M schwer gefallen sei. Als die Gentrifizierung ringsum dann Fahrt aufnahm, war es um Hamburgs erste Buchhandlung seiner Art geschehen. Und das sagt mehr über St. Georg als den Männerschwarm.
Erst 1973 war der Plan gescheitert, das Vorstadtghetto, benannt nach dem Patron der Lepra-Kranken, für ein Luxuswohnprojekt zu schleifen. So überlebte ein verwahrlostes, aber schönes Altbauquartier, das zwischen Kleingewerbe und Drogenszene auch Refugium homosexueller Subkultur war. Doch je zügiger sie aus St. Pauli Richtung Hauptbahnhof zog, desto mehr dunkle Bars wurden durch regenbogenbunte Clubs ersetzt und leisteten der Wertsteigerung Vorschub. Eine Aufwärtsspirale. „Machen wir uns nix vor“, sagt Köster. „Schwule sind oft einkommensstark und anspruchsvoll.“ Gepaart mit der Gewissheit, in St. Georg nicht toleriert, sondern akzeptiert zu sein, verstärkt das einen Trend, der im 21. Jahrhundert die Hälfte der Bevölkerung verdrängt hat und ebenso viel Mietraum verwandelt.
Dieses Klima verändert auch jene queere Szene, die es befördert. An einem Ort, der den Gegensatz quasi zur Kunstform adelt. Unterm Mariendom des katholischen Erzbistums wird sie zusehends durch hippe Locations wie dem „schwulen Laufsteg“ Kyti Voo oder dessen „Wohnzimmer“ namens M+V Bar geprägt, statt durch schwulen Alltag oder Stricherspelunken, durch Bernard Wissings Café Gnosa, das dem „Gay Village“ 1987 seine Flaniermeile verschafft hatte, oder eine sendungsbewusste Buchhandlung für konsumbewusste Käufer.
Wie Leichenfledderer sehen die daher gar nicht aus, in den Tagen des Abschieds. Eher wie kondolierende Andenkenkäufer. „Und wie geht’s für dich weiter?“, fragt ein piekfeiner Pensionär beim Zahlen erotischer Bildbände leise, während ein Beardo in die „Schmuddelecke“ abbiegt. „Erstmal feiern wir mit etwas Weinen und viel Sekt“, sagt Köster und spricht von Ausweitung seiner Arbeitszeit in der Verbraucherzentrale, für die er bereits halbtags arbeitet, seit der Laden für ihn und seinen Mitarbeiter zu wenig abwirft. Kein Wunder, dass der Inhaber ähnlich zerfleddert wirkt wie seine Regale. Schwer zu sagen, ob ihm der Gram übers Ende das schlichte Karohemd halb aus der Hose gezogen hat, aber mit dem Buchladen bricht fraglos ein Stück raus: aus ihm, den Kunden, aus einem „Gay Village“, in dem Homosexualität gottlob gewöhnlich ist. Nur zu gewöhnlich für den Männerschwarm.
Der Text ist vorab in kürzerer Fassung der ZEIT:Hamburg erschienen