Journalismus nach Offshore-Leaks und NSA

Partnertausch

Vom Mediensubjekt zum -objekt: Julia Stein vom NDR

Ein Jahr nach der Aufdeckung des NSA-Skandals dokumentieren die freitagsmedien eine Reportage des Medienmagazins journalist, in dem die gleichen Journalisten am Beispiel von Offshore-Leaks nicht nur ein neues Licht auf internationale Finanzströme warfen, sondern auch zeigten, wie wichtig investigative Recherche fürs Funktionieren demokratischer Gesellschaften ist. Und wie Qualitätsmedien dafür kooperieren sollten.

Von Jan Freitag

Zwölf Ziffern, neun Nullen und ein Kraftbegriff zur Umschreibung – man muss den Umfang dieser schwer ermesslichen Ziffernfolge laut aussprechen, um sich ihrer Tragweite bewusst zu werden: 260.000.000.000. In Worten: Zweihundertsechzigmilliarden. Speichereinheiten nämlich. Gut ein Viertel Terabyte oder bildlich formuliert: der Gegenwert von einer halben Million Bibeln. Und das ist noch nichts dagegen, was diese Datenmenge symbolisiert: Eine Nummer mit 15 Ziffern, zweiunddreißig Billionen. Dollar nämlich. So hoch schätzt die NGO Tax Justice Network den Wert sämtlicher Einlagen, die in sonnigen Steueroasen bunkern. Es sind gewaltige Zahlen, furchteinflößende Zahlen, irrationale Zahlen, vor allem aber sind es welche mit zahllosen Unbekannten. Zumindest so lange, bis irgendwer ein paar Strahlen Lichts ins Dunkel der Vetternwirtschaft internationaler Finanzströme zwischen grad noch legitim und längst nicht mehr legal bringt, bis dieser Jemand somit einigen Fragzeichen erhellende Ausrufezeichen verpasst – sie folglich dechiffriert, ordnet, verwaltet, auswertet und am Ende: publiziert wie nun unterm Titel Offshore-Leaks, einem der größten Knüller unserer rasanten Medienwelt seit Watergate.

Das aber – ein Knüller – war die Enttarnung von rund 130.000 schweigsamen Vermögenstransakteuren aus gut 170 Ländern weniger, weil das Enttarnte so sensationell wäre; wie schmutzig die Reichsten der Welt ihren Reichtum mehren, wurde in der Dauerkrise längst zur deprimierenden Gewissheit. Nein – zum globalen Ereignis geriet die Enthüllung erst, da sie in einer grenzübergreifenden, besser: grenzsprengenden Kooperation internationaler Journalisten erfolgte. Ein Dreivierteljahr, nachdem das „International Consortium of Investigative Journalists“ seine 86 Mitglieder in 46 Staaten vage über den wohl umfassendsten Geheimnisverrat der Wirtschaftsgeschichte informiert hatte, veröffentlichten Medien von der Washington Post über die BBC bis hin zur Süddeutschen Zeitung in der Nacht zum 4. April zeitgleich den ersten Schwung ihrer kollektiven Recherche. Es war eine beispiellose Zusammenarbeit, ein gewaltiger Scoop, eine Schlagzeilenfabrik unter Volllast, ein Riesenfass voller Superlative.

Und ein Rätsel.

Denn warum bloß, fragten sich Außenstehende wie Eingeweihte, verzichten öffentlich-rechtliche Anstalten, profitorientierte Verlage, Konkurrenten allesamt auf einem zäh umkämpften Mark der Meinungen und Meldungen bloß freiwillig auf die Leitwährung ihrer täglichen Arbeit: Exklusivität. „Schließlich entstehen bei einer solchen Interaktion Unschärfen, was die eigene Leistung bei der jeweiligen Geschichte betrifft“, gibt Stephan Weichert, Professor für Journalistik an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien, zu bedenken. Und schlimmer noch: „Man teilt sich ja nicht nur die Arbeit, sondern auch den publizistischen Erfolg“.

Einer, der beides sogar ziemlich gern geteilt hat, bleibt angesichts solcher Einwände ganz gelassen. Denn als Datenexperten die Festplatte voll Herrschaftswissen aus dem Geldasyl langsam in journalistisch verwertbare Informationen verwandelten, erinnert sich Bastian Obermayer von der Süddeutschen an den Herbst 2012, „fragten wir uns, ob der finanzielle und personelle Aufwand für unser kleines Ressort zu stemmen ist“. Die Antwort: Eher nein. Selbst die Ausnahmejournalisten des findigen, vielfach preisgekrönten, einfach famosen SZ-Teams Investigative Recherche um den Ausnahmeausnahmejournalisten Hans Leyendecker – der neben dem zögerlichen (Ex-)Spiegel-Chef Georg Mascolo als einziger Deutscher im ICIJ sitzt – waren zwar rasch Feuer und Flamme, aber Realisten genug, um sich Hilfe ins Boot zu holen: Den NDR.

Mit dem Hamburger Funkhaus, betont der Bayer Obermayer, habe man schließlich gute Erfahrungen gesammelt. Erst vor wenigen Wochen präsentierten beide eine interredaktionelle Langzeitrecherche zur miesen Zahlungsmoral hiesiger Versicherungen parallel in ihren Reportageforen – gedruckt auf Seite 3, gesendet bei Panorama. Über fehlenden Datenschutz beim Dienstleister EasyCash wurde ebenso gemeinsam geforscht wie zu CIA-Gefängnissen oder die Machenschaften bei der HSH-Nordbank. Da lag es nahe, sich im weltumspannenden Fall undurchsichtiger Geldströme mit den Kollegen von der Elbe zusammenzutun. Vermittelt über den freien Journalisten John Goetz, „eine Art Scharnier zwischen beiden Redaktionen“, wie ihn Bastian Obermayer nennt, wurde die lockere Partnerschaft fortan auf ein neues Niveau gehoben. „Wir haben wirklich alle Informationen ausgetauscht“, sagt Julia Stein und lacht laut, das tut sie öfter, es ist ihr Naturell. Erst im Januar wechselte die Hanseatin von 41 Jahren aus der Redaktionsleitung des Medienmagazins ZAPP an die Spitze vom NDR-Team Recherche und damit gleich mal zur größten Story ihrer Karriere, mit dem höchsten Grad an Aufmerksamkeit, vor allem aber: an Zusammenarbeit. „Selbst bei Wiki-Leaks gab es keine Kooperation dieses Ausmaßes“.

Wöchentliche Schaltkonferenzen zum Beispiel zwischen ICIJ, der SZ, ihr selbst. Dazu ständiger Telefonkontakt mit den vier Kollegen aus München, die Absprache mit drei weiteren aus dem Reporterpool des hauseigenen Inforadios, das ihr Vorgänger vor Beginn seiner Elternzeit noch hinzugezogen hatte, „da man der Datenmenge nur im großen Team Herr werden konnte“. Das alles bei maximaler Transparenz gleichrangiger Medien, die sämtliche Rechercheergebnisse von ein und derselben Festplatte ohne Ausnahme, ohne Verzug kommunizieren – das war ein nie da gewesener Koordinationsaufwand, sagt die zweifache Mutter zwischen einem halben Dutzend Telefonaten in den unprätentiösen Fluchten des Sendersitzes am schicken Hamburger Rothenbaum. Sicher, es habe auch Reibungsverluste gegeben; „solche Abstimmungen kosten Zeit“, das hat Julia Stein gelernt. Da könne man nicht „so vor sich hinbröseln“ wie gewohnt. „Genau das aber hat uns zusätzlich motiviert“, widerspricht Peter Hornung vom beteiligten NDR-Info und erntet heftiges Nicken seiner TV-Kollegin, „Druck kann auch förderlich sein.“ Ergo, fast im Chor: Die Koalition hat sich gelohnt! Mehrfach und auf allen Ebenen. Denn jede Recherche, sagt der Mittvierziger Hornung, ein abgebrühter Hörfunkmann aus Heidelberg, „gewinnt durch Kooperationen andere Blickwinkel“. So kann eine Geschichte nur besser werden – und da sei noch nicht mal von der juristischen Sicherheit doppelter Ergebnisprüfung durch zwei Rechtsabteilungen die Rede. Doch unabhängig vom Primat des Inhaltes, vom Ethos des Berufes, vom Erfolg der Story, ganz zu schweigen vom Nutzen fürs Publikum, erbringt die Verbrüderung einen weiteren Effekt – auch wenn alle Befragten zögern, ihn offen auszusprechen: Marketing.

Schließlich dienen unterschiedliche Verbreitungswege auch als reziproke Reklametafeln. Offshore-Leaks, sagt Julia Stein, führe dazu, dass sich Fernsehen, Funk und Presse „untereinander teasern“. Das klingt ein bisschen positiv, weshalb sie nachträglich ein verschämtes „unbeabsichtigt“ davor setzt, so anrüchig erscheint ihr der Werbeeffekt. „Wenn die Süddeutschen auf eine ARD-Reportage am Abend hinweist oder die umgekehrt auf einen morgigen Text bei uns“, ergänzt auch SZ-Reporter Obermayer eher beiläufig, „helfen wir uns gegenseitig“. Man stehe ja nicht in direkter Konkurrenz zueinander. Peter Hornung drückt es so aus: „Wir ziehen uns im Rattenrennen nicht die Wurst vom Brot.“ Im Gegenteil. Die gewaltige Resonanz aufs Enthüllungspaket, das den 60 belieferten ARD-Wellen allein in Woche eins fast 100 Berichte, Interviews und Kommentare beschert hat, dem aufwändigeren Fernsehen ein Dutzend Reportagen plus Live-Schaltungen in Tagesschau– Formate, der Süddeutschen jeden Tag locker eine Seite Lesestoff in mehreren Ressorts nebst regelmäßiger Titelgeschichten, hat also das Zeug zur Blaupause künftiger Kooperationen. „Ich sehe da schon einen Trend“, meint Julia Stein.

NDR-Info macht’s mit der Welt, ein Panorama-Autor schreibt seinen Beitrag für sueddeutsche.de um, SZ-Reporter Klaus Ott tauscht sich mit dem griechischen TV-Moderator Tasos Telloglou aus, der Spiegel druckt seine Reportagen im holländischen Politikmagazin De Tijd, freie Liebe am Nachrichtenmarkt. Dabei diene der Partnertausch im Idealfall einem höheren Zweck, hofft Julia Stein: „Guten Geschichten größtmögliche Aufmerksamkeit zu geben.“ Das Ziel sei eher Marktdurchdringung, Reichweite, Abspielflächen. „Sonst gehen wichtige Recherchen unter“, im Informationsoverkill der multimedialen Gesellschaft. Offshore-Leaks sei demgemäß ein Experiment gewesen, „zuweilen gar ein Abenteuer“ – Julia Stein lacht wieder so herzlich, dass jenseits der Glasfront die Köpfe herumfahren. Es gehe aber „nicht um trimediale, quatromediale, sonst wie mediale Koalition als Selbstzweck“, sondern darum, „was rauskommt“. Für das Medium, seine Nutzer, die Sache. „Kooperation ist toll“, pflichtet Peter Hornung bei. Wie im Fall psychologischer Kundenprofile bei der Hamburger Sparkasse vor zwei Jahren könne die dank der SZ nationales Interesse an lokalen Themen wecken oder in dem der systemrelevanten HRE die globale Krise regional runterbrechen. Alles wunderbar, meint der frühere NDR-Korrespondent in Prag, fügt aber gewohnt nüchtern hinzu: „Solange sie keine Pflicht sind“. Man suche sie also auch fürderhin, gezielt und regelmäßig, aber nur ad hoc. Hornungs Fernbeziehung auf Zeit, Bastian Obermayer, kann dem nur beipflichten: „Wir legen jetzt keine Standleitung zum NDR“, doch die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit seien nun „präsenter“.

So wie überall. Die Datenbanken der Welt lecken an allen Ecken und Enden, Konzerne liegen unterm Brennglas der Netzgemeinde, Institutionen werden durchleuchtet wie beim Radiologen, die digitale Welt ist enthüllungssüchtig. Das sorgt für einen anhaltenden Strom groß angelegter Recherchen, die laut Peter Hornung selbst innerredaktionell selten im Alleingang erfolgen und fast folgerichtig zu einer Wiederbelebung entsprechender Ressorts führen. „Der Hessische Rundfunk hat wieder ein kleines“, erzählt Peter Hornung. Dazu WDR, SWR, die Zeit. Da ist was in Bewegung, und je umfassender, globaler gar die Taten- und Tätersuche gerät, desto schwieriger wird es für Einzelkämpfer. „Man sollte Kompetenzen bündeln“, sagt Medienforscher Weichert, „um zusehends komplexe Themen zu bewältigen.“ Kleiner werden die Zahlen ja nicht.


St. Joseph Kirche: St. Paulis polnische Enklave

JosephKirche-540x304Führe uns nicht in Versuchung!

Foto: CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

Gut besucht an einem gottlosen Ort: Deutschlands wohl ungewöhnlichste Kirche liegt in der Großen Freiheit an der Reeperbahn, zwischen Schnapsleichen und Prostitution.

Von Jan Freitag

“Ach, sündig …!” Jacek Bystron lacht, als er aus seinem schlichten Büro zur Großen Freiheit blickt. “Bei uns”, sagt der Pfarrer im weichen Klang seiner Heimat, “ist Alkohol 150 Meter um Kirchen herum verboten. Aber wir sind nun mal nicht in Polen.” Hier, auf St. Pauli, wird dagegen bis vor das Kirchenportal gekotzt. Der Geistliche mit den Lausbubenaugen breitet seine Arme aus: “So ist das Leben!” Grelles Sonnenlicht taucht sein Gotteshaus in göttliche Farben. Bis aufs Vogelgezwitscher dringt kaum ein Laut durch die Mauern. Es herrscht himmlischer Frieden rings um St. Joseph. Sündig ist es hier nicht. Noch nicht

In wenigen Stunden nämlich werden Horden entfesselter Partygäste die Nacht davor zum Tage machen. Wie jedes Wochenende, Jahr für Jahr, ob schwül oder verschneit, so sicher wie das Amen in der Kirche, das hier in der St.-Josephs-Kirche anders klingt als in evangelischen Gemeinden. Leidenschaftlicher, ehrlicher, vor allem aber: vielstimmiger. St. Joseph ist ja nicht nur eine ungewöhnlich schöne Kirche an einem ungewöhnlichen Ort; der katholische Sakralbau ist das Herz der wohl gottesfürchtigsten Christen dieser säkularen Stadt. Jeden Sonntag trifft sich hier die polnische Exilgemeinde zur Heiligen Messe.

“Sünde!”, mit diesem religiösen Urteil ließ sich in 5.000 Jahren Religionsgeschichte praktisch alles ausmerzen: Freie Liebe und freier Wille, Unbotmäßigkeit, Eigenentfaltung, Entertainment. Heute jedoch gelten höchstens Steuerbetrüger noch als Sünder und Geschiedene werden CDU-Chef – da haben’s Katholiken schwer als letzte Hüter christlicher Moral. Gerade hier, unweit jener Straße, die bis heute als sündigste Meile der Welt gilt. Es ist halb acht in der Früh. Aus angrenzenden Clubs wummert unverdrossen der Bass durch die erlahmende Feierzone, als die ersten Gottesdienstgäste durchs Kirchenportal gehen. Demütig schlagen sie das Kreuz, während sich vorm Shooters schräg gegenüber zwei berauschte Kerle um eine blondierte Frau streiten. Es riecht nach Männerschweiß und Promille, schnapsdumpfer Gewalt. Gleich neben einem Flatrate-Bumms, der früher mal Starclub hieß und ziemlich berühmt war, liegt eine Lache Erbrochenes.

Die Gläubigen scheint das wenig zu kümmern. “Wir sind hier, weil wir Polen sehr religiös sind”, sagt Margarete Lindner-Zielinski in akzentfreiem Deutsch. Und als klänge das zu fromm in modernen Zeiten, fügt die Ärztin aus der City hinzu: “Aber es ist auch ein Stück Heimat.” Heimat. So lautet die Chiffre für alles, was 83.000 Hamburger polnischer Herkunft hier finden, falls sie einen der drei Sonntagsgottesdienste von St. Joseph besuchen. Für die junge Mutter also, deren Eltern nach der Einwanderung vor 25 Jahren sogleich zum polnischen Gottesdienst gingen in die Polnische Mission, die hier seit den Sechzigern sitzt. Oder für Krzysztof, den Industriemechaniker aus Sasel, der kettenrauchend erzählt, Polen sei immer mal wieder von der Landkarte verschwunden, “die Kirche war immer da”. Ein Paar verkauft allerlei nationalkatholische Literatur, von einem Poster gibt Johannes Paul II. “Vaterland, Gott und Ehre” als Lebensmaximen aus. Ein fliegender Händler handelt vom Krakauer Klatschblatt bis zur masurischen Fleischwurst mit allem, was den Landsleuten die Exklave versüßt.

Pfarrer Jacek Bystron kennt sie alle, seine bis zu 3.000 Gläubigen pro Sonntag. “Na ja, die meisten”, sagt er mit jener väterlichen Heiterkeit, die einem Glauben voll sittlicher Strenge und milder Vergebung so zu eigen ist. Entsprechend lang ist die Schlange am Beichtstuhl, als der Pfarrer im zweiten Gottesdienst zur Buße bittet. Länger ist da nur die Schlange vorm Abendmahl. 200 Menschen sind es am Sonntag morgen um halb zehn, jedes Alter, jede Schicht, mal sehr gläubig, mal eher gesellig. Es sind so viele, dass die Hauptmesse ins Freie übertragen wird, um all die Gläubigen zu erreichen, für die es innen nicht mal Stehplätze gibt. Die deutsche Pfarrei rechts der Kirche müsste vor Neid erblassen, sie hat kaum eine Handvoll schlohweißer Stammgäste. Trotzdem herrsche kein “Wettkampf der Nationen”, meint die Referentin der deutschen Gemeinde, “es geht um jeden einzelnen, der zu Jesus und zu uns kommt”. Warum auch immer

Doch bei aller Spiritualität gibt es in der polnischen Gemeinde reichlich Weltliches zu leisten. Pilgerfahrten und Kinderreisen, Kuchen nach der Messe, Konzerte am Altar und ganz sachlichen Beistand. Der Pfarrer übersetzt Neuankömmlingen Worte wie “Passangelegenheiten” und kümmert sich um Hilflose, Arbeitslose, Alkoholiker, “das Übliche eben”, St. Pauli eben. Ein Viertel voller Spaß und Probleme, Alltag und Ausnahmezustände. Ein armes reiches Quartier mit dem schönsten Sakralbau des Spätbarock weit und breit, im Krieg zerstört, innen gerade wieder kaputtsaniert, von außen aber weiter prächtig. Pfarrer Bystron lacht: “So, wie Polens Katholiken es lieben.” Und sei das Umfeld noch so sündig.

Der Text ist zuerst erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-05/st-josephs-kirche-grosse-freiheit-pfarrer-bystron


Edathy, Marius, KiK & die Moral

Das kollektive Spaltungsirresein

Sebastian Edathy und andere vermeintliche Skandale zeigen nicht den Verfall unserer Gesellschaft – sondern die Scheinheiligkeit derer, die sich erregen, ihren moralischen Wahn.

Von Jan Freitag

Was Sebastian Edathy, Katja Riemann und die Giraffe Marius verbindet? Oberflächlich haben der Politiker, die Schauspielerin und das Zootier wenig miteinander zu tun. Wer jedoch in den Maschinenraum der Aufmerksamkeitsökonomie hinabsteigt, findet etwas, das die drei Medienwesen durchaus eint: eine gewisse Schizophrenie.

Ob auf dem Finanzamt oder dem Maidan-Platz in Kiew, in Klums Magersuchtzucht oder der Tagesschau, bei Knut und Wulff, im Internet oder im Straßenverkehr: Überall manifestiert sich das Missverhältnis zwischen dem, was die Masse als Skandal empfindet, und dem, was wirklich skandalös ist. Sebastian Edathys Pädophilie wird für andere erst dann zum Problem, wenn er sie auch auslebt. Das Amtsgericht Hannover jedoch ließ sein Haus bereits durchsuchen, obwohl der Vorsitzende vom NSU-Untersuchungsausschuss nur im Besitz legaler Nacktbilder war, wogegen der Beschuldigte nun vorm Bundesverfassungsgericht klagt. Dem Boulevard aber reichte der Anfangsverdacht aus, um ihn aufs mediale Schafott zu führen. Dort darf er Gnade nur noch erbetteln und hat sein Recht auf weitere Bezüge ebenso verwirkt wie das auf Unschuldsvermutung – als sei er längst schwerster Verbrechen überführt. Da hält die Wirklichkeit mit dem Wahn schlicht nicht Schritt.

Bei Katja Riemann ist es umgekehrt: Als sie Ende März als Fahnderin gegen Steuerbetrüger ermittelte, bebildert der ARD-Film ein Delikt, das dem Gemeinwesen ganz enorm schadet, wie jede Polizeistatistik belegt, zwischen all den Triebtätern in der Krimiflut aber kaum Platz hat in der Primetime. So wenig wie Marius im Kopenhagener Zoo. Aus Zuchtgründen verfütterte der die gesunde Giraffe an Löwen. Ein Tier frisst ein anderes, eigentlich ein natürlicher Vorgang. Trotzdem zog er einen globalen Proteststurm nach sich.

Drei Namen, drei News, die den Realitätsverlust der Mehrheitsgesellschaft gut skizzieren. Denn so pervers Edathys Neigung aus deren Sicht ist: Solang sie nie zu strafbaren Handlungen führt, ist Pädophilie wie jede sexuelle Phantasie Privatsache. So asozial Wirtschaftskriminalität dagegen sein mag, so konkret und fatal ihre Folgen: Fiktional geht ihr Unterhaltungswert verglichen mit plakativer Gewalt gegen null. Und so sehr verfütterte Giraffen verstören: Jedes Putensteak auf dem Teller übertrifft die angeprangerte Tierquälerei um ein Vielfaches.

Welche Dinge für Hysterie sorgen und welche nur Ignoranz hervorrufen, was erregt und was gleichgültig ist – es sagt wenig über die Sache, aber viel übers Gemüt. Das kollektive “Spaltungsirresein”, wie Schizophrenie wörtlich heißt, entspringt hier nämlich nicht im Gehirn, sondern im Gewissen.

So wird etwas klarer, warum wir Missbrauch als Todsünde geißeln und dabei Kleider von kik bis Nike tragen, die Gleichaltrige in den Folterkellern der Globalisierung nähen. Fürs elende Zoodasein eines Eisbären kämpfen und den Lebensraum von Knuts Artgenossen mit Billigfleisch aus dem Tier-KZ vernichten. Die Energiewende wollen, bloß keine Stromtrasse vor der Tür. Über verödete Innenstädte mosern, aber im Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese shoppen. Prominente Steuerkriminelle anprangern, unsere Nachtlektüre jedoch als Fachliteratur absetzen. Den windigen Ex-Bundespräsidenten zur Hölle wünschen, aber dem windigeren Ex-Bayernpräsidenten die Champions League.

Die Mechanismen dieser Doppelmoral reichen vom kurzsichtigen not in my backyard über simple Betriebsblindheit bis hin zum verblendeten Furor gegen alles Normabweichende und haben aus Sicht des Sexualtherapeuten Christoph Ahlers “psychohygienische” Gründe: “Wir bestärken uns in unseren weißen Pelzen, wenn wir eine Minderheit der schwarzen Schafe ausmachen, stigmatisieren und exekutieren.”

Gesehen wird nur die (vermeintliche) Schuld der anderen, nicht die eigene Verantwortung. Und zwar auch für das, was heutzutage unseren Umgang mit Kindern so prägt: den Mangel am Objekt unserer Fürsorge. Denn bei einer Geburtenrate von 1,36 pro Frau wird Nachwuchs zusehends zur Seltenheit. Neben oft übertriebener elterlicher Zuneigung wird ihm daher die der Gesamtgesellschaft zuteil, eine Art kollektiver Sorge aller für alles Heranwachsende. Auf deren Schutz können sich in einer Gesellschaft ohne Kinder somit alle einigen. “Mag auch niemand mehr wissen was Wahrheit, was Lüge ist”, schrieb der BHG-Vorsitzende Thomas Fischer dazu in der ZEIT, so eint uns doch die “unschuldige Liebe zu den sexuell ausgebeuteten Kindern”.

Dass unser Lebensstil dem Planeten (unschuldig geliebte Kinder inklusive!) weit mehr schadet als jeder Päderast, ist so manchem Wutbürger nicht bewusst, wahrscheinlicher aber egal. Das prägt mit dem Urteilsvermögen auch seinen Informationsbedarf, der sich am Betroffenheitspotenzial bemisst. Ein fatales Zugunglück in Afrika taugt da zur Spitzenmeldung, weil es spektakulär ist. Die Armutsopfer ringsum, deren Zahl ja weit höher liegt, interessieren aber kaum.

“Wir sind uns bewusst, dass der tausendfache Hungertod jeden Tag in der Welt weit schlimmer ist als die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft”, erklärt Tagesschau-Chef Kai Gniffke diese Unwucht der Relevanz. Doch das sei eben der “Zwiespalt, mit dem jeder Nachrichtenjournalist lebt”. Eine seriöse Form des Spaltungsirreseins, die seine Sprecher beharrlich vermelden lässt, unter den Toten seien “auch Frauen und Kinder”. Schwäche hat es uns nun mal angetan – ob altersbedingte oder geschlechtsspezifische.

Kurzum: Unsere Gesellschaft hat kein Missbrauchs-, geschweige denn ein Kriminalitäts-, sondern ein Scheinheiligkeitsproblem. Mit Bild als Zentralorgan, dass sich dort kratzt, wo es einen “inquisitorischen Mob” juckt, den Peter Sloterdijk “Echokammer für Hysterien und Vorwürfe” nennt. Um mit Schopenhauer zu sprechen: “Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwerer.” Das belegt eine Telekom-Personalleiterin mit dem munteren Namen Morgan-Schönwetter. In der Süddeutschen Zeitung erklärt die Mutter stolz zur Renaissance des Feierabends: “Der Nachmittag zwischen 16 und 20 Uhr ist bei mir mailfreie Zone.” Toll, wie sich Führungskräfte vom Erreichbarkeitszwang befreien. Und irgendwann klappt das sicher auch bei ihrer Assistentin, die den Schriftverkehr der Chefin “bis zum Feierabend im Blick” behält.

Der Artikel ist diese Woche unter http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-05/skandale-moral-scheinheiligkeit-gesellschaft erschienen


Reisereportage: St. Pauli Tourist Office

Touristoffice1Die Welt zuhause

Als letzte Möglichkeit, am WM-Gewinnspiel der freitagsmedien teilzunehmen, gibt es heute eine Reportage, die Ihren Anfang vor der Heim-Weltmeisterschaft vor acht Jahren genommen hat: Übers St. Pauli Tourist Office im Hamburger Stadtteil St. Pauli wo vor acht Jahren der bundesweite Boom, Privatwohnungen an Reisegäste zu vermieten, seinen Anfang nahm.

Die Frage zum Gewinnspiel steht wie immer unterm Text.

Von Jan Freitag

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Sie können von Glück reden, kein anonymes Zimmer in irgendeinem x-beliebigen Hamburger Hotel gebucht zu haben, sondern beim St. Pauli Tourist Office.

Es ist unser Zimmer, eines von vier einer Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen – Insidertipps zum Ausgehen, Ausfliegen, Ausspannen inklusive. Das wird genutzt. Kurz nach der Ankunft hatten Jiao und Lan, die zwei Studentinnen aus Hongkong, einen Reiseführer aus dem Rucksack gezogen und zwischen Schriftzeichen aufs einzig lesbare Wort gedeutet: Kiel.

Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole Hamburg. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini und der hintere Kaukasus. Dass Jiao und Lan nicht auch noch nach Dänemark fahren, ist mir zu verdanken. Und Henning Bunte.

Als vor einem Jahr das erste WM-Spiel bevorstand, schulte der 34-Jährige um. Hamburg, so dachte er sich, werde bald von Fußballtouristen überrannt, bis die Bettenkapazität erschöpft sei und ein wenig darüber hinaus. Also schmiss er seinen Job in einer sozialen Einrichtung, legte seine nebenberufliche Künstleragentur auf Eis und wurde Herbergsvater. Zuerst stellte er nur sein eigenes Schlafzimmer zur Verfügung und wich ins Büro darunter aus. Schlachtenbummler kamen zwar kaum, doch die Nachfrage normaler Reisender erhöhte den Bedarf bald so stark, dass heute knapp zwei Dutzend Wohnungen auf seiner Homepage strahlen, als schiene an der Waterkant immer die Sonne.

„Leute, die zu uns kommen, wollen eben keine Abfertigung an der Rezeption, sondern Kontakt zu Einheimischen“, erklärt der Sozialpädagoge, selbst einst ein Kieler. Das britische Konzept des „Bed & Breakfest“, private Jugendherbergen mit Komfort, Wohnungstauschbörsen und Backpackerhostels im Wohngebiet haben nicht nur in der Hansestadt Konjunktur. Auch Henning Bunte fand es bei seinen Trips durch Asien und Südamerika schöner, „bei richtigen Menschen unterzukommen“ als in gesichtslosen Hotels.

Bei Reiseführern aus Fleisch und Blut quasi. Bei Ortskundigen ohne kommerzielles Hauptinteresse und Eingeweihten mit Bezug zur Umgebung. Hätten sie also in einem der unzähligen Hamburger Unterkünfte von Kiezkaschemme bis Nobelherberge gebucht, Jiao und Lan wären an einem ihrer raren Tage nach Kiel gefahren, statt in die mittelalterliche Perle Lübeck mit ihrem Herz aus Fachwerk und Marzipan. Die beiden Frauen um die 30 bedanken sich mit einem Schwein der Marke Niederegger für meine Planänderung. Sie wissen beides zu schätzen – den Hinweis ebenso wie die Süßigkeit. Ihre Trolleys sind voll davon.

Sein Zimmer privat anzubieten, ist häufig mehr als bloßer Nebenerwerb, es folgt einer Mischung aus Kontaktfreude, eigener Interrailbiografie und Lokalpatriotismus. Ich jedenfalls preise meine Heimatstadt Menschen anderer Kulturkreise mindestens so euphorisch an, wie es dortige Bewohner einst in meinen rastloseren Tagen taten. 1987 in einer irischen Scheune, mit Sandwiches, Tee und Routenempfehlungen vom halben Dorf. Und abends gemeinsam in den Pub.

Die drei Mittzwanziger aus London setzen ihre Bierflaschen an und leer wieder ab, wie es sich für englische Fußballfans eben gehört. „Exakt das richtige Willkommen“, beteuert Dave, der Immobilienmakler mit englischem Fanschal um den Hals. Ein besseres Bier als dieses Astra habe er noch nie getrunken. Es klingt selig, seine Kumpels nicken. Sie seien skeptisch gewesen, bei der Abreise. Hospitality, Dave betont das Wort für Gastfreundschaft, als sei es tabu, habe man nicht so recht erwartet, nicht von Deutschen. Eher schon kühles Organisationstalent und distanzierte Höflichkeit. Ich schalte den Fernseher ein und die drei sind bereit zur Emigration: Fußball, irgendein WM-Vorrundenspiel. Erst jetzt scheinen sie wirklich angekommen. Noch ein Astra?

Immerhin halten sie das Wappen des Hamburger Kiezbieres nicht wie eine Gruppe Cottbusser Architekten für einen Puff. Überall auf der Reeperbahn leuchtet das Herz mit dem Anker in verruchtem Rot auf Leuchtreklamen und so wähnten die fünf unerfahrenen Ostdeutschen wie es das Klischee gebietet allerorten Bordelle, bis ich sie eines besseren belehre. Darf man auf eigentlich überall rein – in die Freudenhäuser, Bars und Souvenirshops – oder kostet alles Eintritt? Henning Buntes Gäste wollen vieles wissen, sie brauchen Tipps zum Frühstücken, Sightseeing, Amüsieren. Vor allem dazu, denn wer aus städtebaulichen Gründen nach Hamburg kommt, bleibt chronisch unterversorgt. Sicher, der Hafen ist prachtvoll und gerade für das Fünftel ausländischer Gäste des Tourist Office ganz anregend, doch den historischen Altstadtkern gibt es an der erneuerungsfreudigen Waterkant ebenso wenig wie ein Schloss mit Burggraben.

Dafür bietet Hamburg Entertainment. Die Stadt ist blutjung und ihre Besucher sind es, abgesehen vom unablässigen Strom an Musicalgästen, auch. „Wir kommen nur zum Pennen hierher“, sagt Mario aus Mannheim. Er ist mit sechs Freunden angereist, um Counter Strike zu spielen. Es sind ProGamer, Ballerspielprofis, aber ohne die zugehörige Vorurteilsaura aus Verfettung, Perspektivlosigkeit und Aggression.

Sechs Stunden vernetztes Daddeln in der Großraumhalle, zwei Stunden Vorschlafen, verteilt auf zwei Zimmer, dann Aufbrezeln, der Rest ist Party. Und vorher noch ein Spiel am Tischkicker in der Küche, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Im englischsprachigen Raum wie Australien heißt er übrigens Fusball. Mit weichem S. Es ist ja nicht so, dass man nicht auch etwas von seinen Gästen lernen könnte.

Dass Computerspieler Vollzeitberufe haben können etwa, welch hoher Verbrauch an Stylingprodukten andernorts üblich scheint oder wie häufig außerhalb Hamburgs offenbar geduscht wird. Die sechs Frauen aus Brandenburg bringen es rund um ihren Junggesellinnenabschied mit Striplokal auf bis zu fünf Badezimmerblockaden in nur 36 Stunden. Pro Person. Respekt! Zwischendurch ein Prosecco auf dem Balkon, Schminkorgien und Fragen über die berühmte Herbertstraße. Dürfen wir da rein? Kreisch!

Für derlei Basiswissen liegt mittlerweile ein verschweißter Folder mit Hotspots, Hausregeln und Versorgungslage auf dem Tisch (Herbertstraße meiden, Wasser sparen, Drogerie ums Eck). Professionalisierung, so lautet die Erkenntnis nach dem ersten Jahr, verselbständigt sich zusehends. Meine WG denkt gerade daran, kleine Betthupferl aufs Kopfkissen zu legen und Frühstück zu bereiten, für fünf, sechs Euro zusätzlich zu den rund 25 Euro pro Kopf minus fünfzehnprozentiger Provision fürs Tourist Office. Nicht um des Profits Willen, sondern für die Sache. Als kleines Dankeschön zudem – schließlich gab es bisher nicht den geringsten Grund zum Ärger. Selbst siebenköpfige schwedische Familien mit Kühlbox in Schrankwandgröße und immer wieder Fußballfans auf Auswärtsfahrt halten sich stets überraschend zurück. Die Privatsphäre anderer ist vielen heilig.

Nur einmal war mir etwas mulmig zumute. Als Robbie Williams zeitgleich mit Tausenden von Harley Davidson-Fahrern die Stadt geflutet hat. Zum Glück haben wir statt der Biker Popfans abgekriegt. Keine Sauforgien und Kavalierstarts vor der Haustür also, dafür permanentes Duschen samt parfümierter Nebelbank im Flur. Und viel Wissenswertes über Robbies Hintern. Das war’s wert.

Liebe Kieler, mit Verlaub, die Frage muss gestattet sein: Was bitte sollen zwei weit gereiste Chinesinnen auf Europatrip in eurer kriegsgebeutelt turbosanierten Stadt? Ausgerechnet Kiel – seenah zwar, doch wenig Sehenswürdiges und kaum touristisch verwertbare Historie. Jiao und Lan schauen ein wenig bedröppelt, als ich Ihnen den Ausflug dorthin ausrede. Hamburg hat wirklich aufregende Ecken und sein Umland viel Schönes zu bieten, versuche ich den beiden klarzumachen. Aber Kiel? Absurd. Und warum, bei Konfuze?

Die zwei Studentinnen aus Hongkong ziehen einen zerfledderten Reiseführer aus dem Rucksack und deuten aufs einzig lesbare Wort über kryptischen Schriftzeichen: Kiel. Gerade mal eine Seite widmet das Buch Deutschlands zweitgrößter Metropole. Etwas Shoppen, ein bisschen Hafen, die Reeperbahn und dann empfehlen die Autoren ausgerechnet Kiel als Ausflugsziel, immerhin fast 100 Kilometer weiter nördlich, sonst nichts. Ach ja: außer Kopenhagen. Fehlen eigentlich nur noch Rimini oder der hintere Kaukasus.

Wie gut, dass Jiao und Lan kein Hotel gebucht haben, sondern ein Zimmer im St. Pauli Tourist Office. Unser Zimmer, eines von vier einer sehr hanseatischen Altbauwohnung in Kieznähe. Wenn keine Gäste kommen steht es leer, weil ein Teil der Wohngemeinschaft derzeit auswärtig studiert. So wird durch Vermietung Leerstand vermieden – und ein zunehmend beliebtes Übernachtungskonzept gefördert: Wohnen im natürlich Lebensraum der Eingeborenen.

Welche Stadt nahegelegene Stadt gilt in chinesischen Reisführern als Sehenswürdigkeit von Hamburg? Antworten wie immer an janfreitag@gmx.net. Zu gewinnen gibt es das letzte Sammelalbum von Panini nebst 12 Packungen Bilder.


WM-Reise: Mondiali Antirazzisti Montecchio

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Die Mondiali Antirazzisti ist eine der bizarrsten Veranstaltungen des Weltfußballs. Hunderte Teams aus aller Welt treffen sich Jahr für Jahr im Norden Italiens zur alternativen WM und liefern sich dort bei sengender Hitze ein politisches Sportfest gegen Rassismus, Homophobie und Ungerechtigkeit. Ein Bericht aus den Anfangsjahren des Turniers.

Von Jan Freitag

Das riecht nach einer Sensation. Luxemburg, hinter Burundi, Tahiti oder Andorra 157. der Fifa-Weltrangliste, steht im WM-Viertelfinale. Erst eine makellose Vorrunde, locker drei K.O.-Runden überstanden, nun will der Fußballzwerg den Titel. Die Julisonne brennt über dem Rasen, als der Traum zerplatzt. Null zu eins gegen italienische Ballkünstler mit schicken weißen Hemden und Schnauzbärten. Der Favorit jubelt, die Underdogs sinken zu Boden – zurück im globalen Fußballalltag.

Zumindest fast. Das Turnier in Montecchio nennt sich zwar Weltmeisterschaft und Fußball wird auch hier zelebriert. Doch das war’s bereits mit den Gemeinsamkeiten zum medialen Großereignis vor und in zwei Jahren. Ein paar Kilometer südlich von Parma kickt nicht das professionelle Hochplateau, sondern die Basis. Jene sieben Luxemburger Antifas etwa gegen ein soziales Projekt aus Bologna. Auf 14 Kleinplätzen spielen Frauen und Männer, harte Ultrafans und schlichte Fußballfreunde, mehr oder weniger Linke aus allen Himmelrichtungen ihren eigenen World Cup – einen antirassistischen. Mondiali Antirazzisti heißt die fünftägige Feier und keiner weiß so recht, ob Fußball hier Politik flankiert oder umgekehrt.

Nicht mal Matthias Durchfeld. „Tja,“ der Mitorganisator zögert mit der Definition seiner Erfindung, die vor sieben Jahren mit 80 Spielern begann, „es ist keine politische Sportveranstaltung, mehr ein soziales Kulturfest“. Der Schalker mit Wohnsitz Italien schiebt seine Stutzen runter und grinst wie ertappt: „Aber wir sind auch Fußballverrückte.“ Wir – das sind gut 3500 Teilnehmer aus 17 Nationen, die den lokalen Sportpark mit Transparenten förmlich tapezieren. Wir – das sind 1500 Gäste, die auch wegen Konzerten, Diskussionen, Kunst, Kino und Party kommen. Wir – das sind 320 helfende Hände, die das Event ehrenamtlich oder symbolisch entlohnt auf die Beine stellen. Wir – das ist die Kurzformel einer gänzlich unkommerziellen Fußballparty im Feindesland.

„Berlusconi, pezzo di merda.“ Es ist Freitagmittag. Auf den holprigen Feldern spielen einige der 168 Teams ihre 20-minütigen Vorrundenpartien. Wer die Parole gegen Italiens Regierungschef angestimmt hat, ist unklar, doch überall wird eingestimmt. Ein Eimer Scheiße soll er also sein und es hallt übers Gelände. „Berlusconi ist schuld, dass viele nicht hier sind“, erklärt Daniela Conti. Die Abschottungspolitik des Rechtspopulisten halte viele von der Mondiali fern.

Bei dem Thema stirbt ihr Lächeln, und das passiert der Abgesandten des Fanprojekts „Progetto Ultrá“, das die Mondiali mit einem regionalen Geschichtsinstitut austrägt, selten. Es kehrt rasch zurück: „Aber wir sind trotzdem nicht allein.“ Dafür sorgen Senegalesen, Ghanaer und Kameruner, Peruaner, Albaner oder Kurden. Flüchtlinge, die sich in Europas Städten zusammengefunden haben. Nur eine Mannschaft bricht den monokontinentalen Charakter auf: 6000 der 160.000 Euro Gesamtkosten, finanziert aus Fördertöpfen, Spenden und den Einnahmen der Gastronomie vor Ort, wurde in die Anreise Palästinas investiert.

Die jungen Araber fallen kaum auf unter 44 deutschen und 78 italienischen Teams, unter Namen wie Barcelona Anitfeixista, St. Pauli Woman, Clandestino Venezia, Czeck Punk oder Patkari Macedonia, unter Schottenröcken, Müllsäcken und anderen Fantasietrikots. Sie sind ehrgeiziger und tragen den linke Gedanken weniger als der Rest. „Aber sie sind da“, freut sich Daniela Conti. Das allein zählt.

Nach diesem Motto wird auch das Festzelt erträglich. „Hurra, die Loizscher die sind da“, brüllen besoffene Leipziger abends auf den Tischen, „Frankfurt über alles, Frankfurter Stolz“ schallt es zurück. Ein nackter Hintern blitzt auf. Die Ultra-Szene stellt 57 Teams, nicht wenige von ihnen pflegen eine kirmesartige Feierkultur und ihr Terrain ist das Restaurant. Hier, in der „Testosteron-Halle“, kämpfen echte Kerle um die Trophäe der dominantesten x-Chromosomen. Später führt eine Prügelei gar zum Ausschluss mehrerer Teams. „Wir wollen kein linkes Oktoberfest“, meint Matthias Durchfeld gelassen, „aber dass Sexisten und Prolls so eine Fest besuchen, ist doch ein großer Schritt.“

In der Tat, treffen sie doch nicht nur auf ein hochpolitisiertes Umfeld, sondern einen Frauenanteil, den keine vergleichbare Veranstaltung zu bieten hat. Die Hälfte der Teams sind gemischt, einige rein weiblich, zu den 483 Spielen gesellt sich ein spontanes Frauenturnier – das tut dem Turnier gut. So wie das Regelwerk: Stollen sind verboten, ab dem Halbfinale entscheiden Penalties, den größten Pokal kriegen die eifrigsten Antirassisten. Fouls sind folglich so selten wie allzu offener Ehrgeiz. „Und? Wie viele hab ich umspielt?“ Yvonne aus Hamburg kickt nicht oft, aber sie tut es inbrünstig und hat ihr allererstes Dribbling bestritten. Nicht nur deshalb schlagen ihre Bauwagenplatz-Sympathisanten „Abfahrt Bambule“ die Jungs vom Vorjahresfinalisten „dem Ball is egal, wer ihn tritt“. Der Grund steht in den Augen der Verlierer: rot geädert, halb geschlossen. Die Nacht war hart und morgens um zehn ist die Welt noch nicht so in Ordnung.

Doch Niederlagen verpuffen hier schnell. So wird es zur Nebensache, dass ein paar italienische Ultras im Finale häufiger aus sieben Metern treffen als die African Allstars Budapest. „Auf dem Platz zählt nicht die Hautfarbe, sondern die Ballbehandlung“, mahnt der britische Exprofi Paul Elliot bei der Preisverleihung. Sicher – siegen will auch in Montecchio jeder, aber bitte ohne Stress.


WM-Reihe: Marc Bogmans Minitrikots

nederland2002Der Minimalist

Eigentlich wollte Marc Bogman normale Fußballtrikots sammeln. Weil das allerdings auf Dauer zu teuer war, wechselte der Holländer auf Miniaturausgaben. Mittlerweile hat er von den winzigen Kombinationen ein paar Tausend Stück. Und es werden fast täglich mehr…

Auch diese Wochenendreportage ist Teil des freitagsmedien-Gewinnspiels. Als Preis gibt es wie immer WM-Sammelalben von Panini samt 12 Päckchen Sticker. Die Frage steht unterm Text, der dafür genau gelesen werden sollte.

Von Jan Freitag

Als Fußballfan mit Niveau rümpft man immer die Nase, wenn sie vor einem halten: Autos, vornehmlich saubere Mittelklassewagen aus Rüsselsheim, mit kleinen Trikotsets an der Heckscheibe, direkt unterm Zusatzbremslicht. Dazu noch ein Steuern-runter-macht-Deutschland-munter-Sticker am Kofferraum und zwei Samtkissen auf der Ablage – fertig ist die Spießerkarre. Nein, solche Fanartikel kaufen sich nur Sitzplatzdauerkartenabonnenten vom Land über 50, denken Sprechchorerprobte Anhänger da gern.

Vielleicht ist an dem Vorurteil was dran, vielleicht wird der Trashfaktor auch nur unterschätzt, vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Denn der größte Miniaturtrikotfan des Universums hat kein Schrumpfjersey seines Lieblingsvereins Feyenoord Rotterdam über der Rückbank hängen. Dafür aber über 50 Stück im Wohnzimmer – umrahmt von rund 500 Exemplaren anderer Clubs. Ganz zu schweigen von all denen in Kisten, Kartons, Schubladen. Marc Bogman aus dem niederländischen ’s-Hertogenbosch hat mit locker 2500 „Football Miniatures“ von allen Kontinenten die weltweit wohl größte Sammlung. Ein paar Tausend Hemdchen samt Höschen – genauer ist die Anzahl nicht zu taxieren. Schließlich kauft Marc Bogman bei nahezu jeder Gelegenheit. „Ich investiere rund 500 Euro im Jahr“, beziffert der 51-Jährige seine Leidenschaft. Bei einem durchschnittlichen Neukaufpreis von zehn Euro ein ungebremster Wachstumsprozess.

Dabei sollte alles ursprünglich noch viel größer werden – wörtlich genommen. „Ich wolle eigentlich normale Replika-Trikots sammeln“, erinnert sich der eingefleischte Fußballfan, im Alltag Bibliothekar eines Sportverbands, an das Jahr 1995. „Die sind aber so teuer, da bin ich zu Minis gewechselt.“ Eine Milchmädchenrechnung, heißt es in solchen Fällen wohl. Denn mittlerweile hat seine Sammlung einen geschätzten Wert von weit über 15.000 Euro. Das teuerste Exponat – eine Rotterdam-Variante von 1984 – kostet allein 75 Euro. „Ein Geschenk“, meint Marc Bogman fröhlich und macht gleich darauf seinem Ärger Luft. Da es weder internationale Online-Tauschbörsen noch eine organisierte Szene gibt, schreibt er Jahr für Jahr direkt an Vereine in ganz Europa und bittet um Ergänzung seines Bestandes. Mit vorhersagbaren Ergebnissen: „Es ist eine Schande, dass fast kein Club reagiert“, ärgert er sich vor allem über die Arroganz europäischer Topclubs. Klingt ziemlich vertraut nach Alltag.

Einzig kleinere Vereine – für die der kostenlose Beitrag samt Porto oft mehr ist als ein Griff in die Portokasse – freuen sich über die Anfragen und antworten zahlreich. So haben ihm unterklassige Vereine mehrerer Länder überraschend häufig mit Sachspenden unterstützt. In seiner Sammlung fehlen Championsleaguefinalisten ebenso wenig wie ein deutscher Oberligist namens VfB Pössneck, Club Ravinala vom Inselstaat Madagaskar, Al Ahli Saudi aus ölhaltigeren Regionen oder Süd Afrikas Nationaldress.
Das Standbein seiner Kollektion aber wird von Gleichgesinnten geschient. Großartig, schwärmt Marc Bogman, „wöchentlich bekomme ich Briefe von Fans, die helfen möchten und Minis verschicken.“ Ein deutscher Hersteller tütet ihm zudem viele Neuerscheinungen ein, der Rest stammt von Fanshops, ebay und anderen Sammlern, die auf Marc Bogmans Homepage doppelte Trikots begutachten können. Und Menschen wie Bogman gibt es scheinbar in der ganzen Welt. Erst kürzlich hat er im Internet mit einem japanischen Jäger erfolgreich getauscht. Jetzt hat das Kleine Rote von den Urawa Reds selbstredend einen Ehrenplatz – nach so einer Reise!
Überhaupt die Exoten. In seinem Repertoire ist Luxemburg besser vertreten als Portugal, Uruguay zahlreicher als Spanien und einzig das fußballverrückte Australien hängt wohl auf absehbare Zeit nicht in Trikotform über seiner Couchgruppe.

Auf zehn bis zwölf schätzt Marc Bogman die Zahl „seriöser Sammler“ wie ihn selbst. Und der Rest? Kleinkollektionen, Gelegenheitskäufer, Archivare einzelner Clubs. Die meisten, meint Bogman leicht naserümpfend, haben nur ihren Lieblingsverein im Angebot. Das kann man vom Champion nicht behaupten. Sicher – Feyonoord steht ganz oben auf seiner akribisch geführten Kartei. Vor wenigen Stunden erst, berichtet Marc Bogman stolz, habe er ein Heim- und ein Auswärtshemd jenes Vereins erstanden, deren Spiele er bereits als Vierjähriger verfolgte. Doch mit mehr als 1200 Clubs und Nationalteams, mal abgesehen von Fantasietrikots im Stile von Che Guevara und WM-Merchandising, lässt seine Sammlung kaum Präferenzen erkennen. An Marc Bogmans Wohnzimmerwand – und damit auf die alphabetisch sortierte und reich bebilderte Homepage gelangt alles, was der Markt so hergibt; Hauptsache, es passt rein theoretisch einem Chihuahua und hat (außer in Mexico, wo es scheinbar nur Oberteile gibt) Hemd plus Hose.

Ob ihm denn noch ein bestimmtes „Mini-Kit mit Saugnapf“ (so der deutsche Fachtitel) fehlt? Da kriegt Marc Bogman glänzende Augen: Logisch! Und nicht nur eines. Alte Raritäten von Feyonoord, dazu River Plate und Boca Juniors aus dem Land der Gauchos, säumige Topteams wie Valencia, La Corunha oder Porto und regionale Sahnestückchen wie Wacker Burghausen, Jahn Regensburg, LR Ahlen – all dies sehnt er herbei.
Er kennt sie alle, er hat klare Vorstellungen, er liebt Trikots in Schwarz, er lobt das Design von FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf und er ist begehrt – eine Amsterdamer Sportkneipe hat mal 3000 Euro für alle geboten. Er sieht irgendwie ein bisschen so aus wie ein etwas verschrobener Sammler, mit seinem unscheinbaren Äußeren und der großen Brille. Er ist aber einfach nur ein Fan, der „irgendwas mit Fußball sammeln wollte“. Vielleicht auch, um für seine rund 1000 Scheiben starke Plattensammlung der 80er einen textilen Gegenpol zu schaffen. Dass zu seinen Leidenschaften auch Groundhopping zählt, ist da kaum noch einer Erwähnung wert. Hunderte Fotos aus 25 Ländern sind auf seiner Homepage verewigt, darunter Hong Kong und Melbourne. Ein Spießer ist Marc Bogman nicht, ein Fußballverrückter allemal.

Gewinnfrage: Aus welchem Jahr stammt Marc Bogmans teuerstes Minitrikot? Antwort an janfreitag@gmx.net


Bernd Schachtsiek: Erfolg & Homosexualität

Passiert halt

Alphatier, Vater, Porschefahrer – Bernd Schachtsiek, Vorsitzender des Völklinger Kreises schwuler Führungskräfte, passt nicht recht ins Klischee eines homosexuellen Wirtschaftsfunktionärs. Einerseits.

Von Jan Freitag

Da kann man noch so suchen, forschen, scannen – oberflächlich verweist nichts an diesem Mann auf das, was er ist, worauf ihn die Gesellschaft nur zu gerne reduziert. Keine versteckte Andeutungen, nirgends der kleinste Wink. „Wer mich hier bloß so sitzen sieht“, bekennt er am Ende einer langen Nacht an Wiesbadens Theken, „würde mich nie als das identifizieren, was ich bin“. Dann aber, so plötzlich wie unerwartet, passiert es doch. „Hab ich’s getan?“, fragt Bernd Schachtsiek entgeistert: „Dekolletee-Griff?“ Der raumfüllende Wirtschaftsfunktionär lacht laut und wiederholt die Geste wie zur Selbstvergewisserung, dass sie ihm im Grunde wesensfremd ist. „Passiert halt“, fügt er achselzuckend hinzu und leert sein letztes Bier. „Man kriegt es nie ganz aus sich raus.“

Die Codes seiner sexuellen Orientierung nämlich. Bernd Schachtsiek spricht lieber von Identität und dass man bei einer Person wie ihm, mit einer Ausstrahlung wie seiner, in einer Funktion wie dieser überhaupt Sexualität, Liebe, das Intimste thematisiert – dies allein bildet bereits die Arbeitsgrundlage als Vorsitzender einer Institution, die überflüssig zu machen seine edelste Aufgabe, ach: Mission ist. Der erfolgreiche Unternehmensberater leitet den Bundesverband schwuler Führungskräfte.

Bund, Schwul, Führung, Kraft – es stecken starke Begriffe im Titel dieser Interessensvertretung. Sie passen auch zu Bernd Schachtsiek selbst. Begriffe voller Beharrlichkeit, offensive Begriffe selbstbewusster Randgruppenvertreter einer Gesellschaft, die sich ihrer lästigen Homophobie zusehends entledigt. Doch wenn der Sechzigjährige die Geschichte eines Vorstandsmitglieds in Frankfurt erzählt, dem wegen eines zutiefst züchtigen Profils auf der Online-Kontaktbörse GayRomeo die Entlassung drohte, dann zeigt sich: Es gibt noch viel zu tun. Deshalb fordert mit Bernd Schachtsiek einer, der die Bühnenkante gewöhnt ist: „Wir müssen sichtbar sein.“ Mit allem was dazugehört. Mit schwuler Attitüde und schwulem Understatement, schwulen Schwächen, schwulem Rückrat, wenn’s sein muss schwulen Dekolletee-Griffen und dem Stolz, das schwul davor laut auszusprechen, ohne es vor sich herzutragen wie ein Schild, wie eine Lanze.

„Wir sehen uns nicht als Klagezirkel der Unterdrückten“, sagt der Verbandschef und bäumt sich spürbar auf im dunkel getäfelten Büro einer Wiesbadener Gründerzeitvilla, „aber auch nicht als Kampfverband“. Schließlich wisse man als gut bezahltes Leitpersonal um seine Privilegien; nach oben mobbt es sich bekanntlich schwerer. „Wir wollen nicht bevorzugt behandelt werden“, fügt er lächelnd hinzu, als eine Sekretärin französisches Wasser und asiatischen Tee serviert, „sondern gleich“. Sicher, es gehe dem VK bei aller ökonomischen Ausrichtung auch ums Große Ganze: dass Schwule und Päderasten nicht in einen Topf geworfen werden, dass sich der Katholizismus modernisiert und die CDU, dass es mehr gibt als die Tucke im „Traumschiff Surprise“ und die Partyfraktion beim CDS, dass der Wind durchs Land weiter auffrischt. Dennoch sei der Weg seines Kreises weniger politisch als menschlich. Es geht um Vernetzung vereinzelter Wirtschaftssubjekte. Das Ziel lautet Diversity. Auf allen Ebenen, auch den höchsten, gerade dort.

Vor zwei Jahrzehnten, als die Idee zum Verband geboren wurde, da mag der Ruf nach Vielfalt und offensiver Teilhabe geklungen haben wie das Pfeifen im Walde. Die Wowereits, Wills, von Beusts waren 1990 womöglich noch auf der Suche nach ihrer eigenen sexuellen Identität und eingetragene Lebenspartnerschaften illusionär, als ein homophiler Manager aus einer saarländischen Kleinstadt um Brüder in Geist und Körperlichkeit warb. „Kapitalistenknecht und Vorstands-Assi sucht Kapitalisten und andere Knechte für Austausch von Berufserfahrungen“ – mit dieser Annonce, zitiert Bernd Schachtsiek die Vereinshistorie, suchte der Entscheider Gleichgesinnte, die nicht weiter im Verborgenen entscheiden wollten.

Zwölf Monate später hatte er zwei Dutzend beisammen, die für juristische, berufliche, gesellschaftliche Gleichbehandlung ringen wollten, in der Wirtschaft, aber nicht nur dort. Sie benannten sich nach dem Wohnort des Initiators „Völklinger Kreis“, kurz: VK, untertitelten ihn mit dem später übersetzten „Bundesverband Gay Manager“ und schon die Provinzialität im Namen darüber verweist auf den Bedarf nach einer solchen Organisation. In den Topsphären der Wirtschaft, Bernd Schachtsiek scheint das mehr zu wundern, denn zu ärgern, hinke die Emanzipation noch heute hinterher.

Showgrößen, Volksmusiker und Popstars, Regierungschefs, Topjournalisten, selbst Außenminister können heute recht barrierefrei zu sich und ihren gleichgeschlechtlichen Partnern stehen. In nostalgischen Männerbünden vom Handwerk über Armee, DFB, Polizei bis in die Konzernzentralen hinein aber, leben die alten Vorbehalte oft unverhohlen fort – und halten das Versteckspiel am Laufen. Gerade bei Banken und Versicherungen suche man vergebens nach bekennenden Schwulen an der Spitze, zu schweigen von deren weiblichen Pendants. „Lesben werden bis in die Chefetagen hinein doppelt diskriminiert“, meint Schachtsiek, „wir Männer immerhin nur als Homosexuelle.“

Während dies in den Werkhallen und Großraumbüros offener erfolgt, drohen Schachtsieks Klientel subtilere Formen der Benachteiligung. Willkürliche Beförderungsstopps, verschlossene Türen einflussreicher Industrieclubs, Karrierehemmnisse nach ganz oben, besonders in den DAX-Vorständen, all dies verleidet sogar VK-Mitgliedern das Outing. „Ab einer bestimmten Höhe, wird die Luft für uns dünn“. Dazu die kleinen Abfälligkeiten, ein blöder Scherz hier, ein schiefer Blick da – die Restbestände normsexueller Homophobie rechtfertigen allemal einen Verband mit fünfköpfigem Vorstand, Zentrale am Berliner Kaiserdamm und 20 rührigen Regionalverbänden. Wenngleich sich sein Vorsitzender an die letzte Diskriminierung am eigenen Leib nicht mehr erinnern kann. Sein Auftreten, glaubt der kraftstrotzende Charismatiker mit dem Siegerlächeln überm Dreitagebart, „lädt dazu offenbar nicht ein“.

Und nicht nur die. Als Selbstständiger zählt er ohnehin zu jenem Drittel der 700 Völklinger, denen die fehlende Frau im Gegensatz zu angestellten Mitgliedern jenseits fester Hierarchien Probleme bereitet. Sein Erfolg macht zudem ungleichbehandlungsresistent. Bernd Schachtsiek bekam ihn förmlich in die Wiege gelegt. Als der Jurist nach dem 2. Staatsexamen auf Drängen des Vaters in den Bielefelder Familienbetrieb einstieg, war Opas kleine Maschinenbaufabrik dank lukrativer Erfindungen von der Schokoladenpapierprägung über Perforationstechniken bis hin zum bahnbrechenden Rubbellos zur ORO-Druck gewachsen. Weil aber ein Großkunde nicht zahlen konnte, strich Sohn Bernd 1977 Promotion und BWL-Diplom, kaufte sich mit dem Bausparvertrag in die Firma ein und lieh sich gleich noch 100.000 Mark von der Mutter, um damit 50 Prozent des säumigen Schuldners zu erwerben: die Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD).

Es war sein Einstieg in die Fortbildungsbranche und die beschleunigte fortan den Aufstieg des Jungunternehmers immens. Kaum 30, sanierte er in fünf Jahren beide Häuser, expandierte fleißig, gründete 1994 gemeinsam mit der Klett AG die Deutsche Weiterbildungsgesellschaft (DLG), die sich bald darauf Deutschlands größte Fernschule ILS einverleibte, und stand bei seinem Ausstieg aus der Geschäftsführung vor zehn Jahren dort, wo es für VK-Mitglieder in Toleranzfragen sauerstoffarm ist: ganz oben. Seine Geschäfte hätten ihn wohlhabend gemacht, das weiß er. „Manche würden sogar sagen: reich.“

Ein gutes Polster für die florierende Schachtsiek Beratung in der Landeshauptstadt, mit der er nun vor allem am Weiterbildungsmarkt sein Geld verdient, dank einiger Geschäftsführungen und Beteiligungen sogar viel Geld. Geld genug, um nebenbei in Bio-Bäckereien, Weingüter, die Kommunikationsbranche und Luxusimmobilien zu investieren. Eine davon bewohnt er selbst. Schachtsiek nennt sie „mein geschrumpftes Schloss Schwanstein“. Während sein Büro dort ist, „wo ich mein Notebook aufschlage“, ist sein Chalet ein fester Halt für den Globetrotter und seinen langjährigen Freund, einen Friseur. Ausgerechnet, sagt Schachtsiek und muss selber lachen: dieser Millionär ohne Spekulationseinkünfte, herkunftsbegünstigt und doch mehr als bloß Erbe. Ein kultivierter Opernliebhaber sei er, der auch mal Schwulenwitze reißt. Porschefahrer mit „Aversion gegen Schickimicki“, Arbeitsamer Genießer, der gutes Essen schätzt und guten Wein. So sehr, dass beim Heilfasten auf Mallorca unlängst elf überzählige Kilo purzelten.

Bernd Schachtsiek ist der Gegenbeweis vieler Klischees und ihr Beleg gleichermaßen: Der traditionsbewusster Veränderer überreicht Bremens 2. Bürgermeisterin bei der Grußrede zum Verbandstag – „da bin ich konservativ“ – galant Blumen, legt aber bei öffentlichen Reden durchaus die Federboa über den Zweiteiler mit Krawatte, kauft für eine Präsentation der Deutschen Bahn – „mit 16 Beamern und Teilwaggons“ – ein ganzes Gebäude in Qatar und in New York ein Penthouse, um dem Parkett der Met nah zu sein. Schachtsieks Credo ist ein Mix aus Savoir Vivre und fast protestantischem Ethos, Kompromiss und Alleingang, Härte und Empathie. Fußball interessiert ihn auch noch. Und über allem schwebt seine Kraft, physisch, geistig, zielgerichtet.

Exbundesjustizministerin Brigitte Zyprie lobt ihn als „Macher der Probleme anpackt und nicht lang fackelt“. Einer, „der der Gesellschaft unbedingt etwas von seinem Erfolg zurückgeben will“, wie es sein früherer Verbandsassistent Steffen Westermann formuliert. „Ein väterlicher Typ“, befindet Mercedes Rodriguez Garcia-Gutierrez vom lesbischen VK-Pendant Wirtschaftsweiber, der „viel sehr Platz einnimmt, ohne alle zu verdrängen“. Einschätzungen, die von Respekt zeugen, der Anerkennung seines Ehrenamts als Netzwerker, als Kämpfer für seinesgleichen und ein Klima allseitiger Achtung. Aber wie einer nach der anderen das „Alphatier“ in ihm orten, wie sie es an die „Spitze der Bewegung“ setzen (Zypries), „Selbstverliebtheit“, gar „Beratungsresistenz“ monieren (Westermann), mehr Augenhöhe mit, mehr Angebote an Mitstreiter(innen) fordern (Garcia-Gutierrez), spürt man auch die Ambivalenz seiner Person und deren Aufgabe.

Denn es ist eine Gratwanderung, die Bernd Schachtsiek vornimmt. Als Mann und Manager, mehr aber noch als Vermittler und Angehöriger einer Gruppe, der das Vorurteil weiche Seiten andichtet, die im harten Kampf der Wirtschaft Punkte kosten. In Bremen, unter Freunden, herzt er fast jeden Gast, Küsschen links, Küsschen rechts, zwanglose, wenn man denn so will: schwule Gepflogenheiten. Im sexuell identitätsneutralen „Aktionskreis Leistungsträger“ aber, im beruflichen Tagesgeschäft, bei der Verbandsbürokratie, da verhalte sich sein Ex-Chef aus Sicht Steffen Westermanns zuweilen „heterosexueller als mancher Hetero“.

Vielleicht ja auch, weil der „westfälische Dickschädel“ als Unternehmer ein Schnellstarter war, in Identitätsdingen hingegen ein Spätzünder. Mit 22 hat er geheiratet, fünf Jahre darauf einen Sohn bekommen und wurde sich nach dem 10. Hochzeitstag seiner Homosexualität bewusst. Es folgten schmerzhafte Jahre, umwälzende, selbstzerstörerische, aber auch heilsame. Denn ohne diesen Bruch in der Biografie, bekennt das FDP-Mitglied in seiner offenen Art, „wäre ich ein selbstherrlicher Konservativer geworden“. Und ohne die Hilfe seiner Frau, fügt der hingebungsvolle Vater hinzu, „ein – mit Verlaub – borniertes Arschloch“.

So wurde er zum gewordenen Schwulen mit Familienanschluss, den man auch im eigenen Betrieb akzeptieren konnte, weil man ihn ja anders, heterosexuell, kannte. Dabei will Bernd Schachtsiek doch vor allem eines sein: normal. Er betont es immer wieder, es ist sein Selbstverständnis. Als Vertreter einer Randgruppe komme man so einfach weiter. Und als Unternehmer? „Kann man sich keine Dogmen leisten.“ Es gehe ums Geld. „Moral spielt in der Wirtschaft oft keine Rolle.“ Und auch wenn ihm hier ein „leider“ entfährt, genieße er dort Höchstleistungen. Auch deshalb wird der VK ihn im Herbst wohl wieder zum Vorsitzenden wählen, nach neun Jahren im Verband und zwei an der Spitze. Denn ja, er sei ein Macher, einer, der anpackt, sich einmischt. Alphatier sagt er nicht. Die Hand bleibt trotzdem fern vom Dekolletee.


Reisereportage: Ras Al-Khaimah, VAE

Banyan Tree Al WadiAm Rande des Wahnsinns

Das Emirat Ras Al Khaimah liegt nur wenige Kilometer nördlich von Dubai und doch Lichtjahre entfernt vom glasstählernen Aberwitz der Millionenmetropole. Noch. Denn die beschauliche Landspitze im persischen Golf eifert dem durchgedrehten Nachbarn bereits bereits so eifrig nach, dass sie rasch noch mal besuchen sollte, wer arabische Wüstenaura ohne Zwang zum Luxus erleben will.

Von Jan Freitag

Adel staunt. „Sie sehen sich unsere Stadt an?“, fragt der gottesfürchtige Muslim kurz vorm Freitagsgebet so ungläubig, dass seine Mundwinkel förmlich abwärts stürzen. „Sightseeing?“, hakt er in holprigem Englisch nach. „Einfach so?“ Der lederhäutige Mann mit den lachenden Augen kann es kaum fassen, dass da ein Mitteleuropäer seinen Geburtsort besucht, in dessen Nationalmuseum er oft tagelang vergebens auf ausländische Besucher wartet. Dass er sich also nicht wie der Rest gleich nach Ankunft stumpf an den Strand legt und dort rundumversorgt liegen bleibt, bis nach zwei Wochen der Bus zurück zum Airport fährt. Dass er bei glühender Mittagshitze freiwillig einen Abstecher zur riesigen Sheik Zayed-Moschee macht, aus Interesse am Feiertagsritus und nicht, weil eine geführte Bustour ihren raspelkurzen Fotostopp einlegt. Dass er da ist, wo er ist.

Hier, bei Adel Mahboub, dessen entgeistertes Gesicht besser als jedes Ortsschild, jeder Kompass, jede noch so wortreiche Antwort verrät, wo man sich gerade befindet: In Ras Al Khaimah, die nordöstliche Nase der Vereinigten Arabischen Emirate, deren Übersetzung bereits zart andeutet, dass es hier etwas beschaulicher zugeht. Sie lautet „Spitze des Segels“, und ganz gleich, ob sie jene vorüber ziehenden Schiffe beschreibt, die seit Menschengedenken der Straße von Hormus Richtung Persischer Golf folgen, oder doch Beduinenzelte, die von deren Ausguck aus als erstes sichtbar waren, wenn sie die Landzunge passierten – in RAK, wie das östlichste Emirat gern abgekürzt wird, ist die arabische Halbinsel noch so, wie sie zur Zeit der Segelboote war. Wenigstens beinahe, aus Südwesten kommend, Startbahn Dubai. Von dessen architektonischem Aberwitz ins abgelegene Ras Al Khaimah vergeht zwar kaum eine Stunde Busfahrt durch die Ödnis rotbrauner Dünen, doch gefühlt sind es Lichtjahre. Wer VAE erreicht, wie der junge Gesamtstaat gern abgekürzt wird, landet zunächst in einer Megacity, die auf engstem Raum alles Natürliche, Gewachsene, Erträgliche unter reichlich Glamour, Glasstahl und Konsum begraben hat. Dubai, das ist der zubetonierte Inbegriff menschlicher Anmaßung ohne Sinn, ohne Verstand. Ohne Herz vor allem.

Von dieser künstlichen Vorhölle geht es – den Golf zur Linken – über schnurgerade Highways Richtung RAK, und schon wenige Meter nach der Stadtgrenze stellt sich eine seltsame Ruhe ein. Sie wird sogar noch stiller, wenn sich am Ziel, vier Emirate später, im flimmernden Dunst beißender Hitze zur Rechten das mächtige Hadschar Gebirge am Horizont erhebt wie Asche aus einem aktiven Vulkan. Ras Al Khaimah ist eine Art Konzentrat dessen, was die arabische Halbinsel eigentlich gar nicht ist: vielfältig. Hier aber, Seite an Seite mit dem Sultanat Oman im Osten, haben es Tektonik, Gischt und Klima offenbar besser gemeint mit dem kargen Land als in den sechs anderen Teilstaaten. RAK kennt entlang seiner Küste schließlich nicht bloß Wüste, Wüste, Wüste und was Mensch und Maschine ihr mühselig abtrotzen. Hier gibt es noch nahezu unberührte Mangrovenwälder in malerischen Lagunen. Biotope, aus denen riesige Flamingoschwärme aufsteigen, bis sich der Himmel rosa färbt überm fruchtbaren Ackerland, das vom Quellwasser der angrenzenden Gipfelkette gespeist wird, in der es regelmäßig Niederschläge gibt, zuweilen gar Schneefall, was in den schattigen Wadis winters die Flussbetten füllt und sommers für Abkühlung sorgt. All dies macht das Emirat abwechslungsreich, urbar und lebenswert. Nicht so eintönig oder artifiziell wie die Gegend ringsum.

Nur deshalb, erzählt Adel Mahboub zwei Tage später in der stehenden Luft des Nationalmuseums, könne sein Arbeitsplatz unweit der großen Moschee von 7000 Jahren Besiedlungsgeschichte berichten. Von Perlentauchern und Steinzeitfunden, Landwirtschaft und der leidigen Piraterie, die das ökonomisch unbedeutende Stammesgebiet der weiterhin herrschenden al-Qawasims vor knapp 200 Jahren ins Visier der Briten trieb. Seither ist viel passiert Ras Al Khaimah hat sich entwickelt, je nach Perspektive sogar zum Guten. Denn während Dubais Petrodollar-Gigantismus seit der Staatsgründung 1971 groteske Blüten trieb, fristete der ölarme Nachbar weiter sein Nischendasein zwischen Fischerei, Zementindustrie und etwas sanftem Fremdenverkehr abenteuerlustiger Rucksacktouristen. Noch heute sind die Wanderwege im Hadschar diesseits von Oman kaum ausgebaut. Und der Eifer, das nachzuholen, sagt Nermin Abushnaf in fließendem Deutsch, „ist auch etwas gedämpft“. Nur Monate zuvor sei ein Pilot vom schmalen „Stairway of Heaven“ gestürzt, einem Trail, der bei klarer Luft zwar grandiose Blicke bis tief in iranische Hoheitsgewässer erlaubt, bei der ortsüblichen Schwüle jedoch kreuzgefährlich ist, mit seinem messerscharfen, aber brüchigen Fels.

Doch keine Sorge, sagt Nermin, die mit ihrer westlichen Kleidung im Einerlei vollverschleierter Frauen auffällt wie eine Seemöwe im Starenschwarm: „Wir entwickeln uns zügig.“ Sie sagt das beim Spaziergang durch RAK-City, der kleinen Regionalkapitale, die den Großteil der Infrastruktur des Emirates beherbergt und einen weit größeren seiner 265.000 Bewohner. Sie sagt es also beim Flanieren vor winzigen Ladengeschäften in zentraler Lage, die auch 2013 nur auf Arabisch beschildert sind. Umgeben von einem Straßenverkehr, der allen Ernstes noch fließt, statt bloß zu stehen wie zum Beispiel in Abu Dhabi, der weiter westlich gelegenen Hauptstadt. Sie sagt es auch am Fuße zweier vielstöckiger Wolkenkratzer, den einzigen dieser Größenordnung in RAK, wie Nermin beteuert, mehr würden nicht genehmigt, „garantiert“. Sie meint es also durchaus positiv, das mit dem Entwickeln. Und doch ist es eine Drohung.

Um sie zu erspüren, empfiehlt sich ein Rundflug per Wasserflugzeug, den manches neue Luxusresort hier für ein paar 100 Dirham anbietet. Vorbei am emsigen Siedlungsbau mit hoher Pooldichte, geht es hoch überm staubtrockenen Boden hinaus aufs Meer – und doch rasch wieder über Land. Neues Land, falsches Land. Ras Al Khaimah schüttet auf und zwar im großen Stil. Unweit des echten Forts aus dem 18. Jahrhundert erweitert ein Milliardenprojekt namens Al Marjan Island die Küstenlinie des Emirats um satte 21 Kilometer. Gegenüber der stilisierten Festungsanlage (die PR sagt lieber: Korallenriff) ergänzt das zweitgrößte Bauvorhaben des baufreudigen Emirats „Al Hamra Village“ zeitgleich die Landmasse im Staatsauftrag um ein paar trocken gelegte Lagunen. Vorbei am frisch eröffneten Fünfsternekoloss der Marke Waldorf Astoria frisst sich weiter östlich der riesige Hilton-Komplex ins Salzwasser hinein. Und da ist noch nicht mal von jener Kunstinselgruppe die Rede, mit der Real Madrid ein Standbein in den Golf schütten wollte, bevor die Pläne auf Eis gelegt wurden.

Noch sind Kräne also meist die höchsten Erhebungen weit und breit, doch es sind viele und es werden mehr. Scheinbar mehr gar als in Dubai selbst, wo unablässig ein messbarer Anteil der weltweit verfügbaren Großgerätschaften tätig sein soll. Und so kommt besonders Al Marjan dem Irrsinn der Metropole näher und näher. Dicht an dicht wachsen dort pyramidenförmige Hotels gen Himmel. Gediegene Bettenburgen für beständig wachsende Übernachtungszahlen. Noch 2011 kamen ganze 600.000 Gäste. Doch schon dieses Jahr soll der Wert verdoppelt werden, mit schwelgerischen, aber günstigen Komfort, nach dem der globale Pauschaltourismus so dürstet. Kein Wunder, dass es allerorten längst ein bisschen nach Las Vegas riecht. Nach Wasserverschwendung, wo kaum Wasser ist. Nach Energieverschwendung, wo Öl fast nichts kostet. Kein Witz: An 350 Sonnentagen tankt augenscheinlich nicht ein einziger Kollektor regenerative Energie. Der flirrende Frühdunst am Horizont, dieses visuelle Spektakel, das den Hadschar wie der Münchner Fön seine Alpen heranholt – längst ist zu befürchten, dass Unmengen an Abgas die Optik weit mehr täuschen als der heiße Wind.

Statt seine Stärken zu bündeln, statt die ortsübliche Zweigeschossigkeit zum Markenkern zu erheben und die Reize der Natur zum lokalen Alleinstellungsmerkmal, statt womöglich eine Perle des nachhaltigen Tourismus inmitten des ökologischen Scheißegals zu werden, kopiert RAK also doch bloß Dubai. Und könnte somit wie der Moloch zu einem der reichsten, atmosphärisch aber ärmsten Punkte auf dem Erdball wachsen. Dabei ist die Segelspitze – zumal in den milden Wintermonaten – ein Ereignis. Ab 600 Metern Höhe wird es im schroffen Gebirge selbst sommers so erträglich, dass man sich gedanklich leicht verlieren kann am Rande grandioser Canyons, wo allenfalls mal ein Ziegenhirte vorbei kommt. Wer zurück in der Ebene dem dichten Netz der Klimaanlagen ins Freie entflieht, die mitunter auch dort alles auf Kühlschranktemperatur kühlen, kriegt allerdings rasch ein Gefühl dafür, was es 2022 heißen könnte: im baulich ebenso absurden Katar, wo der arabische Absolutismus offen despotische Züge annimmt, Fußball zu spielen.

Dank des äußerst beliebten Alleinherrschers Scheich Chalid ibn Saqr al-Qasimi, der seine Untertanen zwar Kindern gleich behandelt, aber vor Alltagssorgen wie Steuern bewahrt, ist sein Emirat weder mit dem autoritären Oman noch dem närrischen Dubai geschweige denn der Religionsdiktatur Saudi-Arabiens zu vergleichen. Und dennoch: The Rising Emirate, wie sich Ras Al Khaimah vermarktet, bereitet doch eher dem Business Freude. Für untere Einkommensschichten dagegen bleibt neben ein paar Dirham mehr im Portemonnaie nur die Entfremdung der Heimat. „Schauen Sie“, bittet Mahmud in warmen Worten, als sei er hier geboren, „wie schön das alte Ras ist“. Seit 25 Jahren lebt der Taxifahrer fern der algerischen Heimat und weiß daher genau, was seine neue zu verlieren hat. Auf dem Weg von RAK-City nach Al Hamra erzählt er vom Zusammenhalt der Menschen, der gewachsenen Kultur, vom quirligen Gewusel des Suk, den es längst nicht mehr gibt, und vom Zauber des Beduinenlebens, das bei seiner Ankunft als junger Mann noch geherrscht habe. Ohne Elektrizität, ohne Verkehr, ohne Kräne, nur Fischerei, Bergbau, Leben. Und jetzt? Der tiefgläubige Muslim kratzt sich am Vollbart: „Jetzt ist alles gut fürs Geschäft, aber schlecht für die Seele.“

Um die seine macht sich Adel Mahboub keine Sorgen. Eben noch dröhnte es aus knarzenden Lautsprechern über den Platz, als gebe es heute Hasspredigt; doch zurück in der sengenden Sonne betont Adel im schneeweißen Kaftan, der Scheich habe um Respekt für Frauen, Milde mit Kindern und weniger Egoismus gebeten. Zum Beleg hält Adel drei Finger in die Höhe: „Liebe, Frieden, Hoffnung“, übersetzt er das Zeichen und zeigt sein lustigstes Lächeln. „Das treibt uns an in Ras, das bewahrt uns vor dem Schlechten.“ In Dubai war es sicher mal ähnlich.

www.rasalkhaimahtourism.com

Der Text ist im Januar 2014 in der Süddeutschen Zeitung erschienen


Reportage: Frauenknast Bützow

Unter Verschluss

Frauen werden immer häufiger straffällig. Vor allem aber häufiger schwer. Ilka P. zum Beispiel saß wegen Totschlags in der JVA Bützow bei Rostock. Ein Tag im Leben einer Gefangenen zwischen Arbeit, Langeweile, tausend Schlössern, der Grübelei, wie es dazu kam, und dem Blick nach vorn.

Von Jan Freitag

Klackklackklack. Als ein großer Satz Schlüssel begann, den Alltag von Ilka P. und Jens K. zu beherrschen, waren sie um die 20. Heute nimmt Ilka P. es kaum noch wahr, wenn Jens K. ihn benutzt. Und das tut er schon so lange, ein Vierteljahrhundert fast, dass auch Jens K. sein klackendes Geräusch ignoriert. Dennoch haben beide manchmal genug vom ewigen Schließen in der Justizvollzugsanstalt Bützow. „Abends tut mir oft die Hand weh vom Drehen“, sagt Jens K., den man gern beim Namen nennen kann; schließlich verlässt Herr Kötz das Gefängnis bei Rostock jeden Tag nach Dienstschluss. „Ich träume häufig, die Türen hätten keine Schlösser“, meint dagegen Ilka P., deren Name erfunden ist. Ilka P. ist eine Strafgefangene, Jens Kötz ihr Vollzugsbeamter. Zwei Menschen, deren Leben nicht verschiedener sein könnten. Und doch zwei, die sich näher sind, als ihnen lieb ist.

Ilka P. hat jemanden umgebracht und dafür fünf Jahre Haft gekriegt. An sich zu Recht, gesteht die Täterin leise. Aber in der Höhe doch zu viel, fügt sie lauter hinzu. Geständigkeit ist für einen Freiheitsentzug in Würde unerlässlich, betonen Gefängnispsychologen. Doch die Würde selbst braucht dabei auch ein wenig Widerstand gegen das Schicksal hinter Gittern. So formuliert es Jens Kötz, ihr Wärter, der so nicht genannt werden will. Das klinge ihm zu sehr nach Sühne und Verwahren, der alten Strategie des Straffvollzugs.

Weil er bis ins 18. Jahrhundert rein destruktiver Natur war, um Häftlinge erst aus den Augen, dann aus dem Sinn zu schaffen, hat ihn der Philosoph Michel Foucault in seinem Buch Überwachen und Strafen als repressives Kräfteverhältnis beschrieben. Die moderne Haft dagegen sei Teil einer „Disziplinargesellschaft“, in der das bloße Wegsperren durch produktive Rehabilitation ersetzt wurde. Auch wenn das die Bild mit ihrer Hetze gegen Fernseher, Freigang und Frohsinn in der Zelle gern anders sähe, meint Jens Kötz. „Dabei heißt es Freiheitsentzug, nicht Freudenentzug.“ Der Beamte spricht gern in geflügelten Worten. Und so ist die Zeit im Knast eben kein Akt sinnloser Rache, sondern einer geordneten Abfolge von Belohnung und Regeln, Rechten und Pflichten, Arbeit und Langeweile. Von letzterem stets ein wenig mehr.

Einer der klobigen Bartschlüssel an seinem Bund scheppert ins Schloss. Wie jeden Morgen geleitet er Ilka P. und die anderen Azubis vom kleinen Frauentrakt zum Ausbildungsplatz. Klackklackklack. Umdrehen, aufziehen, durch, zuziehen, abschließen – ein Ritual, das wenige Meter weiter stets aufs Neue erfolgt. Und wieder. Und wieder. Es war sechs Uhr, als Ilka es an diesem Wintertag geweckt hat wie an jedem anderen. Als Morgenmuffel ist das eine Strafe für sich, doch sie hat sich auch damit arrangiert. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt die zierliche Frau mit den verspielten Farbsträhnchen im dunklen Haar und reibt sich nervös den Hals mit dem Kruzifixkettchen. Das tut sie immer dann, wenn die Gedanken um ihr neues Leben kreisen. Vor gut zwei Jahren, als sich das Tor zum einstigen „Zuchthaus Dreibergen“ hinter ihr schloss, da dachte sie, „das überleb ich nicht“ und wünschte sich, die Zeit zurückzudrehen.

Vor diesen einen Moment, jenen Kurzschluss. Klick, den Verstand abgestellt. Klick, alle Adrenalin-Hähne offen. Klick, vor ihr lag das Leben wie es war in Trümmern. Und nicht nur ihres: eines war ausgelöscht. Und das einer Familie, eines Dorfes, einer Region irgendwie gleich mit. Wäre sie damals nicht… Hätte sie doch nur… Ihre Tat passt zum Trend, dass die Härte weiblicher Straftaten noch schneller steigt als deren bloße Zahl.

Sie ist zwischen 1996 und 2006, dem Jahr, als Ilka durchdrehte, um gut ein Fünftel auf 110.000 gestiegen. Schwere Delikte von Raub über Körperverletzung bis hin zum Mord aber haben sich mehr als verdoppelt. Gut 7000 sind es heute und gerade Gewaltverbrechen legen weiter stetig zu. So enden immer mehr Frauenbiografien zwischenzeitlich im Knast, ein Bruch, der nicht selten bis an ihr Ende reicht. Allen Resozialisierungsgelöbnissen zum Trotz, klagt Karin Greifenstein, „schädigt die Haft Körper und Seele“. Als Seelsorgerin in Frankfurt-Preungesheim betreut sie einen von bundesweit sieben Frauenknästen. Doch weil es allerorten an Personal und Bewährungshelfern fehle, würden viele Insassinnen nur verwahrt. So geht der Trend hinter Foucault zurück. Viele Inhaftierte, so Greifenstein, „verlassen die JVA zerstörter, als sie reingekommen sind“.

Ilka P.s Gedanken an die Zeit danach füllen Zelle 201 mehr als das Klo hinterm rosafarbenen Vorhang, die schmale Pritsche gegenüber, das Mobiliar mit JVA-Siegel, die Bilder die Erinnerungen an draußen auf acht Quadratmetern. Zu lange spielte die Vergangenheit der jungen Frau im Konjunktiv und so beschloss sie, nach vorn zu blicken, statt übers Geschehene zu grübeln. Das, was Soziologen Prisonisierung nennen, den Prozess der Anpassung an die Gefängniskultur, es wirkte auch bei ihr.

Denn Ilka P. hat Arbeit. Und das ist nicht die Regel. Wie draußen, im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, ist die Erwerbslosigkeit der JVA gigantisch, um die 40 Prozent, gibt die Anstaltsleitung zu. Dennoch: theoretisch hat jede der 25 Frauen, jeder der 526 Männer in Bützow Anspruch auf einen Job. Es ist eine Chance, sagt Jens Kötz. Wer keine Lehre vom Tischler bis zur Gebäudereinigerin macht, wer die Bildungs-, Hilfs- und Jobangebote ablehnt, wer sich sogar dem freiwilligen Putzen der Gänge im Wechsel verweigert, habe selber Schuld, so Kötz. Beschäftigung ist das einzige Mittel gegen die Eintönigkeit, Nichtstun macht lethargisch, faul, einige gar aggressiv. „Wer sich beschäftigt, beschäftigt nicht uns“ – noch so ein Bonmot des Sicherheitsbeauftragten. Niemand werde zu irgendetwas gezwungen, nicht zum Schaffen, nicht zur Therapie, nicht zu Freundlichkeit, geschweige denn Reue. Aber wer kooperiert, darf vier Stunden im Monat Besuch empfangen statt einer. Bekommt mehr als die üblichen 30 Euro Taschengeld für Stromkostenbeteiligung und Telefon, für Tabak, Kaffee oder Deo im Knastshop. Erhält womöglich einen Abschluss. Kann gar auf Haftlockerung hoffen, auf vorzeitige Entlassung.

Ilka kriegt nicht nur alle 14 Tage vier Stunden Besuch, sie stattet ihn zuhause ab. Sie erhält fast 100 Euro Lohn und macht demnächst ihre Prüfung zur Friseurin. Sie zählt nicht nur auf Bewährung im Sommer, sondern schon vorher auf echten Urlaub. Ihre Augen leuchten: „Mit Übernachten!“ Bei der Familie und Missy Elliott, ihrer Katze. Gemeinsam mit Freunden, Popstars und einer Siegerurkunde im Torwandschießen pflastern sie ihre nikotingelben Zellwände, zwischen all dem Mädchennippes, den Putzmitteln unterm Handstein, einem winzigen Fernseher neben der Tür. Über Nacht – das heißt auch länger als ihre Telefonate. Alle zwei Tage, im Ringen mit 24 Traktgenossinnen um den einzigen Apparat der Abteilung. Immerhin – viele Länder gewähren ihren Gefangenen weniger Freiräume als das ehemals rot-rot gegierte Küstenland. Ilka P. trägt sich meist für den Nachmittag in die Telefonliste ein, kurz vor sieben, wenn die Zellentür zugeht. Hinter ihr.

Dann sieht sie fern, bis tief in die Nacht, am liebsten US-Krimiserien wie „C.S.I.“. Und – es klingt wie ein Treppenwitz: „Prison Break“. Ein Foto der fiktiven Knastausbrecher hängt an ihrer Pinnwand. Sie muss selber darüber grinsen. Drei, vier Stunden Schlaf, das reiche ihr. „Keine Ahnung, warum.“ Jetzt lacht Ilka, herzlich sogar. Das tut sie häufiger, als man von einer Frau im Bau denken würde. Nur morgens um sechs ist ihr nie danach zumute. Eine Stunde hat die gelernte Altenpflegerin zum Aufstehen. Duschen am Ende des langen Gangs voll uralter Holztüren in giftgrün, Frühstück auf Zelle, Graubrot und Aufschnitt, nicht trocken und mit Wasser, aber doch eher schlicht. Dann kurz aufräumen. Um acht beginnt die Arbeit.

Auf dem Weg dorthin herrscht Schweigen. Zu sehr ist das halbe Dutzend Frauen mit ihren Zigaretten beschäftigt, die sie hastig einatmen. Ilka P. winkt zwischen zwei Zügen zaghaft zu einem der unzähligen Fenster im schönen Klinkergebäude gegenüber. Unter Gefängniskennern ist die Fassade berühmt für ihren pittoresken Jugendstil, fast zu malerisch für diesen Zweck. Vor einem Dreivierteljahrhundert galt der Neubau als vorbildlich, mit seinem Fenster zu jeder Zelle. Heute sind die Gemäuer auf dem riesigen Gelände vielerorts zu alt für die Stromversorgung eigener Kühlschränke hinter Gittern. Vorbei an Milchtüten und Margarine grüßt ein Insasse zurück. Man kennt sich, man begegnet sich sogar beizeiten. Männer und Frauen leben getrennt, aber sie werden es nicht, nicht strikt.

Dennoch dürfen die Herren nicht in den Salon HAARscharf. Leider, sagt Ausbilderin Ines Schröder vom regionalen Bildungsträger. „Die Damen sollten das volle Programm lernen.“ Also frisiert Ilka eine Kollegin, mal wieder, wie jeden Tag. Oder sie leitet eine andere an. Ilka ist die Erfahrenste. „Und die Beste“, flüstert die Meisterin, eine Externe, wie man hier sagt. Deshalb durfte Ilka mal auf einen Lehrgang in die Landeshauptstadt und zur Friseurmesse nach Rostock. Privilegien wie jene Leistungspunkte, die Ines Schröder für besonderen Einsatz verteilt. Sie bringen bares Geld. Ilka hat sich dafür Fachliteratur gekauft, obwohl es die auch in der Anstaltsbibliothek gibt. Um darin herumkritzeln zu dürfen, schließlich will sie als Friseurin weiterarbeiten. Draußen. „Das hier drin soll sich ja auch ein bisschen lohnen.“ Ein Satz wie aus dem Lehrbuch für effizienten Strafvollzug.

Derlei Ehrgeiz erfordert Selbstüberwindung, aber die lohnt sich. „Ich mache das nicht für meine Akte“, sagt Ilka. Trotzdem weiß sie natürlich, dass die 20 Betreuer vom Sozialtherapeuten bis zur Schließerin alles darin vermerken, Negatives wie Positives. Ilkas Akte sieht gut aus, betont Jens Kötz. Ihre Arbeit wird geschätzt. Doch statt echter Kunden stets die gleichen Köpfe, das ermüdet. Herr Kötz war zwar bereits unter ihrer Schere, die sie aus Sicherheitsgründen nur gegen Unterschrift erhält. Aber selbst das JVA-Personal kommt selten, trotz des günstigen Preises von ein paar Euro. Und so kriecht die Zeit bis zur Pause um elf. Sie vergeht auch nach der hastigen Mahlzeit aus Schwein, Kartoffeln und Bohnen auf Zelle kaum rasanter, doch sie steht wenigstens nicht wie bei jenen, die „vor der Playstation festwachsen“, so nennt es Jens Kötz.

Ilka hat ihre zuhause gelassen. „Sonst käme ich gar nicht zum Schlafen.“ Stattdessen treibt sie Sport, dreimal die Woche, im öden Fitnessraum, in dem drei der vier Geräte haken. Und sie tanzt. HipHop, alle 14 Tage. Sogar ein Auftritt beim Sommerfest im selbst gestalteten Frauengarten kam dabei heraus, zwischen der lautstark piepsenden Volière und einer selbstgebauten Brücke überm Ententeich. Dazu die freie Zeit im Gang zwischen Aufschluss und Einschluss, vom Feierabend bis zum Abendessen, wenn die Tür offen ist und Zeit zum Treffen, zum Austausch, zur Interaktion. Bei Ilka ist es meist nur viel, sehr viel Kaffee mit einer Freundin von nebenan. Danach gibt es statt echter Gesichter nur noch 30 Programme. Knastmonotonie.

Das ist nicht Teil der Strafe, aber ein Aspekt. Und am Wochenende fällt auch noch der Zeitfüller Arbeit weg. „Früher hab ich die Tage gezählt bis ich rauskomme“, erinnert sich Ilka P. Heute räumt sie lieber permanent ihre Zelle um, zuletzt die Woche zuvor. Das machen fast alle so, zumindest jene, die noch genug Kraft zur Veränderung haben. Irgendwann wird sie auch ihr restliches Leben umräumen und neu beginnen. Und ihre Jahre im Knast? Entmündigend und destruktiv, wie es die Knastseelsorgerin Greifenstein beschreibt, oder doch produktiv und sinnvoll im Sinne des modernen Strafvollzugs? Es klingt nicht ganz ehrlich oder besser: zu ehrlich, mehr nach Selbstvergewisserung und, ja: Schönfärberei, was Ilka P. antwortet: „Die war’n auch was wert.“ Trotz Langeweile und, sie zögert: „Zickenkrieg“. Trotz Liebesentzug und, hier stockt Jens Kötz: „Knasthierarchie“. Trotz Gewissensbissen und Gehorsam, Enge, Mauern, Einsamkeit. Und trotz all der Schlüssel. Sie selbst hat nur einen einzigen. Ilka P. lächelt: „Zu meinem Kühlschrankfach“. Wenigstens ein Klack, das nach Freiheit klingt.


Reportageporträt: Beate Klarsfeld zum 75.

Haben sie sabotiert?

Beate Klarsfeld wurde als Nazijägerin bekannt – und mit einer Ohrfeige für Kanzler Kiesinger berühmt. Zu ihrem 75. Geburtstag dokumentieren die freitagsmedien eine Begegnung mit der streitbaren Frau im KZ-Neuengamme, dass sie vor acht Jahren besucht hat.

von Jan Freitag

Die zierliche Frau mit den fröhlichen Augen hat genau zwei Einstellungen: einen Fragemodus und einen Erzählmodus. Der Fragemodus ist aktiv, wenn ihr wichtige Details eines Sachverhalts fehlen. Meistens ist Beate Klarsfeld im Erzählmodus. Es sei denn, die Französin deutscher Herkunft befindet sich in einem KZ. Das macht sie demütig, fast schweigsam, das staucht sie etwas zusammen und nimmt ihr ein wenig jener Redseligkeit, mit der sie die Menschen sonst in ihren Bann zieht. Seit 1968 hat die Frau, die Naziverbrecher aufspürte und einen Kanzler ohrfeigte, unzählige Konzentrationslager besucht, fast alle sogar. Doch in Neuengamme war sie noch nie. Das wirft Fragen auf.

Wie wurde das Gas eingeleitet?

Wenn jemand wie die Gattin des berühmten Nazijägers Serge Klarsfeld die Gedenkstätte am Südostrand Hamburgs besucht, muss das Führungspersonal auf knifflige Fragen gefasst sein. Neuengamme war kein Vernichtungslager wie Auschwitz, das weiß auch Beate Klarsfeld. Hier wurde mit Arbeit getötet, doch als sie erfährt, dass über 400 Häftlinge an zwei Tagen in einer winzigen Baracke durch Zyklon B starben, hakt sie nach.

Warum wurden sie vergast?

Waren es Juden?

Wie viele Juden gab es hier?

“Etwa 13 Prozent”, antwortet der Museumsexperte kundig.

Und der Rest? Oppositionelle?

Nein, auch Homosexuelle, Kriegsgefangene, rassisch, religiös, weltanschaulich Verfolgte, Fremde oder fremd Gemachte. Dass ihnen allen hier angemessen gedacht wird, wäre ohne Beate Klarsfeld vielleicht nicht möglich. Nicht in dieser Form, nicht als Erkenntnis-, vor allem aber Bekenntnis-Ort. Im Jahr 1979 hat sie eine Petition unterschrieben, die vom Senat die Rückführung des Lagers, das rund 55.000 Menschen den Tod brachte, in ein Lager zu deren Erinnerung verlangte. Ein berühmter Name bringt Publicity. Ohne Sie, sagt der Museumsführer fast ehrfürchtig, wäre das hier noch ein normales Gefängnis. Beate Klarsfeld winkt lächelnd ab. Bestreiten tut sie es nicht.

Was für Häftlinge saßen hier?

Es waren vor allem Jugendliche. Im Vorjahr allerdings zogen die letzten Häftlinge der JVA nach zähem politischen Ringen doch aus. Seither bilden das Gelände, die Ziegelei, die Baracken, die Betriebs-, Unterkunfts- und Verwaltungsgebäude annähernd eine Einheit. Ein echtes Mahnmal, dessen Außenlager vom Darß über die Nordseeküste bis in den Harz eine Fläche der Größe Israels bedecken. Was da noch stört, ist der waschbetonfarbene Neubau auf den Halden des früheren Tonabbaus für die Ziegelproduktion.

Das muss unbedingt weg, sagt Beate Klarsfeld am Fuße der langen Rampe des Ziegelwerks und blickt herüber zum stacheldrahtbewehrten Knast der Gegenwart. Sonst kommt ein neuer Schill und steckt da wieder Gefangene rein. Es gibt auch hier nicht nur Fragen, auch Forderungen.

Beate Klarsfelds Leben bestand stets aus Forderungen. Kiesinger, Nazi, abtreten! Forderte sie lautstark bei jeder Gelegenheit und als der Appell außer Problemen nichts brachte, schlug sie dem NSDAP-Mitglied im Kanzlerrang auf einem CDU-Parteitag ins Gesicht. Plötzlich war sie berühmt, berühmter gar als ihr Ehemann, ein Jude, dessen Vater in Auschwitz umkam. Seit ihrer Heirat fordern sie gemeinsam Gerechtigkeit für die Opfer durch Strafverfolgung der Täter. Beides war im Deutschland bis dahin tabuisiert, verschwiegen, verdrängt, verleugnet.

Gemeinsam verfassten sie Bücher, halfen Hinterbliebenen, gründeten Organisationen, spürten untergetauchte Spitzen-Nazis auf. Klaus Barbie etwa, den Schlächter von Lyon, den Pariser Gestapo-Chef Kurt Lischka oder Alois Brunner, Mitorganisator der Endlösung. Viele derer, die sie fanden, standen in einem Netz alter Seilschaften und neuer Kameraden. Das Gedenken in Deutschland, sagt sie, sei ein Opfergedenken. Die Täter brauchte man ja noch, also ließ man die Vergangenheit ruhen oder deutete sie um.

Gibt es auch Revisionisten, die die Echtheit der Dokumente bezweifeln?

Auch in der Neuengammer Gedenkstätte scheint Beate Klarsfeld permanent auf Tätersuche zu sein. Die Dokumente sind Totenbücher, ausgestellt in schwarz verhängten Glaskästen. Akribische Auflistungen der Todesursachen im Lager zwischen 1938 und 1945, die aus Angst vor Verfall unlängst durch Faksimiles ersetzt wurden. Seither wird ihre Echtheit durchaus bezweifelt, aber durch Revisionisten? Nein, nein, der Führer wirkt erleichtert: durch Kinder. Die nämlich lassen sich durch Kopien nur schwer fesseln. Ein Stockwerk höher stehen Namen, gut 24.000, ein Teil der Toten von Neuengamme, auf großen Leinwandbahnen, nur Namen, mehr nicht.

Warum diese Häufung an einem Tag im Juni 1944? Will Beate Klarsfeld wissen, als sie wieder herunterkommt. Deportationen in Vernichtungslager, lautet die simple Antwort. Sie würden als Opfer von Neuengamme geführt. Im Computer soll Frau Klarsfeld den Namen Klarfeld eingeben. Er findet jemanden, Leon mit Vornamen. Ein Verwandter sei das wohl nicht, obwohl sie Angehörige in Amerika habe, “die sich das S gestrichen haben”.

Sie selbst kam 1939 in Berlin als Beate Auguste Künzel zur Welt. “Damals war sie noch nicht unbedingt wie heute”, erinnert sich Margit Mücke. Nicht so mutig, nicht so unberechenbar, weniger “aus dem Stand heraus”, urteilt sie über ihre alte Schulfreundin, die sie nach Hamburg begleitet hat. Das sei sie erst “durch die Bekanntschaft mit Serge geworden”. Eine Frau, die auch im Rentenalter nie zurücksteckt und immer ein Ziel verfolgt. Meistens geht es dabei um verfolgte Juden.

Und konnten welche fliehen?

Am Modell des Lagers erfährt Beate Klarsfeld, dass viele Insassen von den benachbarten Bauern als Erntehelfer angefordert wurden.

Und haben sie sabotiert?

Bis zu einem Drittel der Waffenproduktion für die Firma Walter am Rand des KZs.

Wem gehörte die Ziegelfabrik?

Der Stadt.

Haben Überlebende dafür gesorgt, dass aus dem Gefängnis eine Gedenkstätte wird?

Es war der Senat, der ein uraltes Versprechen einzulösen hatten. Andernfalls wäre womöglich Beate Klarsfeld auf den Plan getreten.

So wie für ihre Ausstellung “11.000 Kinder”? Die Sammlung von Fotos auf der Schiene aus Frankreich über Deutschland deportierter jüdischer Kinder wurde auf 18 großen französischen Bahnhöfen gezeigt. Die Deutsche Bahn verweigert Klarsfelds Organisation “Fils et Filles des Deportés Juifs de France” ihre Stationen als Ort der Ausstellung und will sie ins Nürnberger Eisenbahnmuseum verbannen.

Um dagegen zu protestieren, wurde Beate Klarsfeld als Gastrednerin der Veranstaltungsreihe “Nur die Sterne waren wie gestern” eingeladen. Umringt von Fotos und Erinnerungen des Auschwitz-Häftlings Henryk Mandelbaum in der Hamburger Finanzbehörde am Gänsemarkt, forderte sie am Abend vor dem KZ-Besuch Hartmut Mehdorn auf, seine Bahnhöfe für die Stellwände freizugeben.

Ich weiß auch nicht, was er dagegen hat. Sie etwa?

Sicherheitsgründe, Kostengründe, Pietätsgründe. Nein, sagt Beate Klarsfeld, er hat Angst vor den Reaktionen. Ein Gefühl, das sie selbst kaum kennt. In Neuengamme berichtet sie von Holzbaracken eines französischen Lagers, die man auf einem Bauernhof gefunden und ins “Musée de la Shoah” nach Paris gebracht habe.

Wer hätte gedacht, dass sich Holz so lange hält?

Auch wenn es klingt wie eine Frage – Beate Klarsfeld ist wieder im Erzählmodus.