Posted: February 19, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Mich stresst das Bombastische
Interview: Jan Freitag
Friedemann Fromm (im Bild links) mag zeithistorisches Fernsehen. Für die Vorwendeserie Weissensee hat er nationale Filmpreise geerntet, für den Nachkriegsvierteiler Die Wölfe gar internationale, jetzt dreht der frühere Tatort-Regisseur, was hierzulande jeder seines Fachs früher oder später mal dreht: Irgendwas mit Nazis. Allein – sein Reichstagsbrand-Drama Nacht über Berlin (20. Februar, 20.15 Uhr, ARD) ist weit besser als alles, was zuletzt über diese Zeit gefilmt wurde. Und das, obwohl der 49-jährige Schwabe eigentlich lieber die Drehbücher seines älteren Bruders Christoph als wie hier ein eigenes
freitagsmedien: Herr Fromm, ist Nacht über Berlin ein Film über den Reichtagsbrand oder bloß mit ihm?
Friedemann Fromm: Weder noch. Es ist einer, der den Reichstagsbrand ans Ende einer Entwicklung stellt und dessen Wirkung aus der Zeit heraus erzählt: die Schwäche der Republik, die Verachtung der Demokratie, die Entschlossenheit einer handelnden Gruppe und die Schwäche ihrer Gegner. Erst in dieser Gemengelage erhält das Feuer seine wahre Relevanz, ohne gleich die Hauptrolle zu spielen. Deshalb wollen wir auch nicht erklären, wer letztlich das Streichholz gelegt hat.
Bei Ihnen ist es doch Marinus van der Lubbe zu sein, der dafür hingerichtet wurde?
Nicht eindeutig. Denn wir verwenden nur Fakten, die aus unserer Sicht unwiderlegbar sind, also ziemlich wenige. Der Film erzählt von Möglichkeiten, und dafür ist viel entscheidender, dass der Reichstagsbrand den Weg in die Diktatur unmittelbar geebnet hat. Es gab ja direkt danach die ersten Massenverhaftungen.
Und so wie der Reichstagsbrand für die Nazis bloß Vehikel war, ihre Politik durchzusetzen, ist er, überspitzt gesagt, für Sie bloß ein Vehikel, ihre Lovestory zu erzählen…
Ich brauche doch keinen Reichstagsbrand, um Lovestorys zu erzählen; dann gäbe es ja nicht allzu viele. Aber es ist auch völlig legitim, ein historisches Ereignis mit einer Liebesgeschichte zu verknüpfen und die Historie in der Geschichte meiner Protagonisten zu spiegeln.
Was ist dabei wichtiger: die Emotionalität oder die Authentizität?
Beides gleichermaßen. Ich habe freue mich sehr, dass mir Historiker versichern, die Atmosphäre und Gewalt in den Straßen sei glaubhaft dargestellt. Aber genauso braucht die Liebe emotionale Authentizität, sonst wäre es bloß eine Schmonzette. Trotzdem hatte ich nie den beinahe dokumentarischenAnspruch wie bei Die Wölfe. Es ist ein zutiefst fiktionaler Film im historischen Rahmen.
Sind Sie denn grundsätzlich geschichtsinteressiert?
Ich bin zwar im weitesten Sinne ein Bildungsbürger, aber historisches Interesse übers Schulwissen hinaus wurde bei mir erst durch den Beruf geweckt.
Und scheint nun eine Art Steckenpferd zu sein.
Ich mag jedenfalls den Kontrast subjektiver Belange zur objektiven Realität, denn im wahren Umfeld wächst die emotionale Fallhöhe, etwa die Beziehung der Hauptfigur zu einem Juden. Heute hätte das kaum Relevanz, damals war es eine Entscheidung auf Leben und Tod, ob bewusst oder nicht. Insofern kann man im historischen Film Manches klarer erzählen. Auch wir müssen uns in 30 Jahren ja von unseren Kindern vorwerfen lassen, vieles nicht erkannt zu haben, was auf der Hand lag. Davon abgesehen macht es handwerklich großen Spaß, solche Welten zu kreieren.
Ist es da eine bewusste Entscheidung, dass Sie sie anders als im Genre üblich mit eher leisen Tönen kreieren?
Absolut, auch visuell – selbst die Kamera hält sich ja zurück, weshalb es auch nur eine einzige Kranfahrt gibt, kaum Totalen, wir bleiben konsequent am Boden, auch erzählerisch. Jeder Film hat seine Berechtigung, aber historische TV-Events müssen mittlerweile fast gesetzmäßig überfrachtet sein. Mich stresst das Bombastische auch als Zuschauer, weil es mir die Freiheit zur Interpretation nimmt – auch, wenn man so im Zweifel mehr Zuschauer kriegt.
Sind Ihnen die unwichtig?
Nein, auch ich will natürlich, dass man meine Filme sieht. Deshalb fühle ich mich so wohl im Fernsehen, weil dort selbst ein Flop mehr Zuschauer hat als ein Megaerfolg im Kino. Trotzdem nehme ich lieber in Kauf, einige weniger zu haben, als mich zu verbiegen und meine Filme mit Effekten, Kitsch und Krach zu überfrachten.
Muss man dafür mit Redakteuren und Produzenten kämpfen?
Ach, ich mache ja kein Geheimnis aus dem, was ich gerne möchte, sodass man immer schnell weiß, ob man zusammen passt. Ich bin ein großer Freund von Klarheit. Wenn man mich also für eine andere Art Film bucht, mir das aber deutlich sagt, hätte ich auch mal Spaß am Bombastischen. Ich gehe immer mit offenem Visier in die Verhandlungen, vielleicht muss ich deshalb so selten kämpfen.
Auch nicht ums Ende, das – ohne es vorweg zu nehmen – ungewöhnlich ist?
Doch, daher war der anfangs auch leichter. Aber wir waren uns schnell mit dem Sender einig, dass der Schluss wehtun darf, dafür aber länger nachhallt. Glatte Happyends haben selten Substanz, das ist mein Prinzip, auch als Autor.
Würden Sie sich als Autorenfilmer bezeichnen?
Schon deshalb nicht, weshalb ich letztlich aus der Not heraus wieder zu schreiben begonnen habe. Ich wollte weg vom Krimi, aber als Autorenfilmer müsste ich meine Filme auch noch selbst produzieren.
Und die Resonanz der Publikums völlig ignorieren.
Stimmt [lacht], das sagt man so. Aber letztendlich geht es doch immer um Authentizität – auch als Filmemacher. Ich habe noch nie einen Film gemacht, für den ich nicht einstehen konnte. Ich würde heute einige anders machen, kann aber zu jeden stehen.
Ist Filmemachen nicht Kompromissemachen?
Für mich ist Filmemachen wie eine Zwiebel. Es gibt den unverhandelbaren Kern, sonst gehe ich raus. Drumherum liegen die wichtigen, aber verhandelbaren Schichten. Außen ist die Schale, die man verwerten kann oder nicht. Ich lebe ja nicht autark. Die Zeiten, wo Fassbinder einem ängstlichen Produzenten sein Script auf Butterbrotpapier hinklatscht und jeden Etat dafür kriegt, sind vorbei. Heute ist allen klar, dass Filmemachen vor allem mit Respekt zu tun hat. Filmemachen ist Kommunikation.
Sie scheinen da besonders gern mit Ihrem Bruder zu kommunizieren, der Ihnen schon mehrere Drehbücher geliefert hat.
Es ist einfach toll, mit meinem Bruder zu arbeiten. Die Arbeitswege sind kurz, die Reibungsverluste gering, das schätze ich sehr.
Gibt es da ein Ranking – er als Älterer, Sie als Erfolgreicherer?
Alter spielt mit jedem Jahr mehr eine geringere Rolle. Ansonsten gibt es höchstens verschiedene Kompetenzen. Christoph recherchiert genauer, fast akribisch, ich bin der emotionalere Typ, da ergänzen wir uns blendend.
Ansonsten arbeiten Sie scheinbar nur noch mit einem Autoren lieber zusammen: sich selbst. Haben Sie gern die Kontrolle?
[lacht] Schon, aber dafür steht man ja auch voll in der Verantwortung, zeigt viel mehr von sich selbst, kann niemanden außer sich in Haftung nehmen. Außerdem kann ich mich Gott sei dank am Set komplett von meinen eigenen Büchern lösen. Es hat also weniger mit Kontrolle als mit Freiheit zu tun, Themen selber setzen zu können und Wege einzuschlagen, die andere nicht gehen wollen. Das Angebot guter Drehbücher ist ja nicht grenzenlos…
Sie sind also kein Kontrollfreak?
Bis zu einem gewissen Grad muss ein Regisseur Kontrolle ausüben, aber für meinen Beruf bin ich da noch harmlos.
Posted: February 18, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wer seine Mutter Mutter nennt und Vati Vater, ist entweder adelig, unterkühlt, Louis van Gaals Tochter – oder im Fernsehen. Mama sagen darin nur Kleinkinder.
Von Jan Freitag
Die ersten Worte sind selbst im Labermedium Fernsehen selten zu hören. Und wenn es doch mal frühkindlicher Artikulationsversuche zeigte – Babys würden nicht Mama sagen, sondern Mutter. Den Eindruck jedenfalls erweckt das aktuelle Programm, wo Kinder, sobald sie flügge sind, sprachliche Distanz zu ihren Erzeugern aufbauen. „Aber Mutter!“, dröhnt es durch Pilcher-Schnulzen, „Vater, bitte!“, durch jeden „Tatort“. Ja, wo leben wir denn?
Antwort: In der Vergangenheit! Denn im Mutter/Vater pflegt der Bildschirm auch als Flatscreen seinen Alterskonservatismus. Wo sich selbst blutjunge Paare, wie in Soaps, beharrlich „Schatz“ nennen; wo grundsätzlich, wie bei Inga Lindström, in weiß geheiratet wird; wo Königshochzeiten, wie in ARZDF, als relevante Ereignisse behandelt werden und das Restprogramm wie der Hausfunk eines Seniorenstifts, da sucht man auch semantisch die Nähe zu den Fünfzigerjahren.
Denn in denen hatte es sich schließlich geziemt, Eltern formal korrekt, emotional aber leicht unterkühlt anzureden. Damals, als das Gras noch grüner war und Vater Herr im Haus. Als Moral, Sitte, Anstand intakt waren und Mütter am Herd einfach glücklicher. Klingt nach Dr. Kleist? Komisch…
Posted: February 18, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Rücksichtnahme
Die Fernsehwoche, die war: 11.-17. Februar
Von Jan Freitag
Die Tagesschau funktioniert nach ziemlich festen Regeln. Nationale News vor globalen. Relevanz vor Entertainment. Politik vor Wirtschaft. Vor Kultur. Vor Sport. Vorm Wetter. Und nie länger als 200 Sekunden pro Beitrag, es sei denn im Katastrophen- oder Weltmeisterfall. Man muss das wissen, um die Nachrichten der Vorwoche zu verstehen. Denn eigentlich ist Freitag wenig passiert, als ein Himmelskörper an der Erde vorbei flog und ein anderer zwar in Russland einschlug, aber auch nicht größer war, als zahllose anderer pro Jahr – nur eben öfter im Bild. Trotzdem fraßen beide fast die Hälfte der Tagesschau, gefolgt von viel Pferdefleischskandal, der so skandalös ist wie, sagen wir: ein herkömmliches Mettbrötchen. Oder Natascha Kampusch im Talksessel, wo Günther Jauch scheinbar ergriffen, am Ende aber doch nur höchst entertainmentbewusst Hass-Briefe ihrer Landsleute an sie verlas, um zu zeigen, wie fies Österreicher so sein können, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Patrioten generell gern Opfer zu Tätern machen, sofern die Tat ihrem Heimatland im Ausland Schande bereitet. Was wiederum zeigt: Information soll im Fernsehen vor allem unterhalten, also tun, was Karneval dort nie täte.
Umso erstaunlicher, dass es auch 2013 bis Aschermittwoch tagelang voll davon war, nahtlos fortgesetzt von Unser Song für Malmö, der die Suche im Misthaufen ESC-tauglicher Musik als LSD-artigen LED-Fasching konzipiert, der sogar Mainz bleibt Mainz Freitag zuvor noch an Armseligkeit unterboten hat. Bemerkenswert immerhin ist, dass die Unterhose der Sängerin des Siegers Cascada selbst aus der Vogelperspektive noch gut unterm Minirock einsehbar war. Bei so viel Unrat am Bildschirm muss man einer Serienfigur ja beinahe nachtrauern, die Freitag zur letzten Staffel Ein Fall für zwei antrat: Claus Theo Gärtner, der als Privatdetektiv Matula in 32 Jahren 300 Folgen für wechselnde Anwälte auf Blutkapseln biss. Wir werden ihn vermissen. Sobald er weg ist. Vielleicht.
Aussichtsplattform
Die Fernsehwoche, die wird: 18.-24. Februar
Mit Mystery holt man seit Akte X eigentlich keinen Hund von Baskerville mehr hinterm Fernsehofen hervor. Bei der Vox-Serie Grimm indes stellen sich sogar dem mal kurz die Nackenhaare auf. In Portland, so der Kurzinhalt, haben all jene Monster der klassischen Märchenwelt Unterschlupf gefunden, denen dort einzig die Nachfahren der titelgebenden Gebrüder Paroli bieten. Das ist so bizarr, so kreativ und dabei für Genreverhältnisse recht zurückhaltend orchestriert, dass man es ab Montag, 20.15 Uhr, nicht nur müde zur Kenntnis nimmt, sondern aufgeregt einschaltet. Das lässt sich auch über die nächste Ausgeburt öffentlich-rechtlichen Event-Fernsehens mit Nazifokus sagen: Nacht über Berlin heißt die Geschichtsstunde am ARD-Mittwoch, und sie klemmt natürlich eine dampfende Lovestory über den Reichstagsbrand von 1933, das aber frei von süffigen Klischees, dafür mit einem echt überraschenden Unhappyend im erwartungsfreien Historytainment.
Dem überraschungsfreien Medicaltainment fügt Dr. Monroe ab Donnerstag auf Arte dagegen wenig wirklich Unerwartetes hinzu: Die Titelfigur ist ein brillanter Soziopath, nur ohne Krückstock. Aber immerhin darf er anders als Dr. House ein leidlich intaktes Privatleben haben. Kommen wir also zum Kernstück des neuen deutschen Fernsehens: Promitainment. Davon kippt uns RTL ab Freitag gleich zwei neue Formate hintereinander ins Abflussrohr schlichter Gemüter: Erst bringen Shooting Stars vermeintlich berühmte TV-Gewächse wie Sylvie van der Vaart an ihre Grenzen, dann müssen bei Es kann nur E1NEN geben noch vermeintlich berühmtere TV-Gewächse à la Bürger Lars Dietrich Tat oder Wahrheit spielen. Oder so. Auch egal. In beiden Fällen will ohnehin niemand mit mehr als drei Büchern im Schrank wissen, um was genau es eigentlich geht. Da freut man sich doch fast ein bisschen mehr auf Wetten, dass…? am Samstag.
Posted: February 15, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Daniel Puntas Bernet
Herausgeber von Reportagen
Daniel Puntas Bernet liebt Journalismus, er liebt auch Belletristik, vor allem aber liebt er die Quintessenz aus beidem: eine gute Reportage. Deshalb gibt der Schweizer das einzige deutschsprachige Magazin des Genres heraus. Ein Besuch seiner Redaktion in Bern, die fast so schwer zu finden ist wie schöne Reportagethemen.
Von Jan Freitag
Zeit. Sie ist das Wesen, sie ist der Grund und Zweck von allem, auch im Journalismus. Zeit gilt ja ohnehin längst als wertvollste Ressource unserer Tage, so kostbar, so rar, dass sich nur, wer darüber verfügt, reich nennen darf. Wer Zeit bloß totschlägt, sagt der Volksmund, begehe Selbstmord, wer sie sinnvoll nutzt, der feiere das Leben.
Man muss sie sich also nehmen, die Zeit, denn ohne wird alles Handeln wertlos und arm. Daniel Puntas Bernet ist so gesehen Millionär und Bettler in einem. Der Verleger mit dem zufriedenen Lächeln handelt förmlich mit Zeit und hat davon doch viel zu wenig. Er druckt sie auf schönes Papier, bindet es in gediegenes Leinen, verkauft das Ensemble für stolze 15 Euro pro Stück, verdient damit am Ende dennoch recht wenig und ist doch unter seinesgleichen eine Art Krösus. Denn wenn er von irgendetwas reichlich hat, dann ist es Zeit – nur dass er sie anderen auszahlt, nie sich selbst. „Mein eigenes Zeitkonto“, sagt er und wirkt keinesfalls erschöpft, „ist bei 60 Stunden Arbeit aufwärts die Woche meistens ganz schön leer“.
Daniel Puntas Bernet, dieser seelenruhige Schweizer mit der sanften Stimme, er gibt das einzige Magazin im deutschsprachigen Raum heraus, in dem Zeit nun wirklich keine Rolle spielt und gleichsam die wichtigste. Reportagen heißt es so unprätentiös wie sein monochromes Cover daherkommt. Es ist ein anmutiges Zweimonatsheft im Buchformat, eine bildgewaltige Weltumseglung ohne Foto, ohne Schnickschnack, nichts als Text, viel Text, angereichert nur um ein paar simple Grafiken hier und schwarzweiße Illustrationskunst dort. „Das Wesentliche eben“, sagt sein Herausgeber, Macher, Finanzier: Mal sechs, mal sieben Versionen der journalistischen Königsdisziplin, verteilt auf gut 120 Seiten. Eine gehaltvoller als die vorige, inhaltlich keine wie die nächste, ein themensatter Mix jenseits aller Konventionen.
Da gibt es die Geschichte vom kinderlosen Ehepaar aus Persien, aufgeschrieben vom Nachbarn, der die Odyssee einer künstlichen Befruchtung über alle Vorbehalte der Scharia, alle behördlichen Widerstände und Männerbefindlichkeiten hinweg schildert, ohne einen einzigen Zeitzeugen zu befragen, mehr eine Novelle, nur dass sie der Realität entspricht. Da gibt es die epische Erzählung aus dem finanzkrisengebeutelten Irland, die sich inmitten des Kollapses ums Aufstehen, nicht ums Niedergehen dreht. Da gibt es Krebsdramen, die Tränen der Rührung erzwingen, und Clubschiffverrisse, bei denen es die des Lachens sind. Es gibt, sagt Daniel Puntas Bernet, keine Kriterien, keine Gesetze, nicht mal Regeln bis auf diese: „Alles außer Fiktion, alles außer Oberflächlichkeit.“ Schluss mit der Norm.
Die Standardreportage – szenischer Einstieg, Vorstellung relevanter Personen, Vertiefung des Thema in Richtung Problematik, Anhörung von Experten, Synthese im Finale, möglichst als Happyend – gleiche bisweilen ja doch Sat1-Melodramen, sei also leidlich unterhaltsam, aber leicht durchschaubar. Um nicht missverstanden zu werden: „Ich liebe gut gemachte Texte mit gewöhnlichen Mitteln“. Nur – die kriege man auch andernorts. Der Schöngeist im Reporter Puntas will allerdings mehr als Entertainment: eine Weltsicht nämlich zwischen den Zeilen statt blanker Kommentare, persönliche Eindrücke statt nackter Fakten, ein Stück Wahrhaftigkeit in der Belletristik. Und umgekehrt.
Daniel Puntas Bernet denkt umfassender als wesenverwandte Ressorts – inhaltlich, stilistisch, ästhetisch. Er rührt gefühlte zehn Minuten im Kaffee, versonnnen, aber hochkonzentriert, als er seinen verlegerischen Ansatz schildert, für den der Redakteur vor zwei Jahren eine sichere Stelle bei der Neuen Züricher Zeitung aufgab und mit ihr eine solide Gegenwart: Es gehe ihm ums Große Ganze Besondere, nicht um Aktualität, gar Chronistenpflicht. Reportagen sei folglich weit mehr als Lückenbüßer der wachsenden Leerstelle im Zeitschriftensegment. Ganz kurz ist hier mal der Verkäufer im Erzähler zu hören, wenn Puntas Bernet beteuert: „Wir vereinen das Beste aus Journalismus und Literatur.“
Verfassen lässt er es von Stars des Genres und Nachwuchsreportern, von großen Namen und kleinen Talenten, Schriftstellern oder Reportern, von Sibylle Berg also ebenso wie von Ruedi Leuthold oder auch mal einem Ernest Hemingway, Gattung: historische Reportage. Jedenfalls von echten Überzeugungstätern. „Sie sollten natürlich ihr Handwerk beherrschen“, sagt ihr wählerischer Auftraggeber. Dazu selbstredend brillant schreiben können und versiert recherchieren, ergänzt er das Anforderungsprofil für die rund 40 Druckplätze im Jahr. Außerdem, verstehe sich, überbordendes Interesse zeigen und ein Übermaß an Hingabe, Empathie, vor allem die.
Sie sollten also all das in ihre sprachlichen Kaleidoskope stecken, was Daniel Puntas Bernet von sich selbst erwarten würde, hätte er nur die Zeit. „Wer nicht mindestens zwei Wochen in die Recherche stecken mag und nochmals das Gleiche in Vor- und Nachbearbeitung“, hier legt sich die sonnengebräunte Stirn des Mittvierzigers fast feierlich in Falten, „der ist bei uns fehl am Platze.“ So viel Aufwand lässt er sich schließlich einiges kosten. Reportagen ist in der Herstellung fast so teuer wie im Handel, teuer ist es aber vor allem für ihn selbst. Puntas, macht er in seinem winzigen Büro mit Blick aufs Berner Bundeshaus glaubhaft, verdiene nur so viel an seinem Baby, dass es für Miete und Essen reiche. Nach eineinhalb Jahren trage es sich ja nicht mal annähernd allein.
Das halbe Dutzend ganzseitiger Anzeigern Schweizer Uhrenhersteller, österreichischer Tourismusvereine oder befreundeter Printmedien liefert bestenfalls die finanzielle Grundierung des Kleinunternehmens. Eine Handvoll Redaktionsmitglieder – drei Landsleute samt des deutschen Büroleiters Hannes Grassegger – werden eher ad hoc als geregelt beschäftigt. Puntas Bernets Frau Rocío, „ohne die hier gar nichts liefe“, arbeitet wie ihr Mann eher nach dem Prinzip Selbstausbeutung als Ertragsdenken. Richtig verdienen „tun eigentlich nur die freien Autoren“. Das allerdings nicht schlecht.
3000 Franken pro Auftrag, eher mehr. Je nach Umfang, Aufwand, Dauer, je nach Popularität und Renommee, das auch. Einen Roger Willemsen, um den er ein Jahr buhlte, bis der seinen Reisebericht „In Transit“ beisteuerte, könne man sich eigentlich gar nicht leisten, noch nicht. „Aber auch für ihn kommt das Salär von Herzen“. Gehe es doch in Reportagen nur um dies: geografisch, sprachlich, thematisch breit streuende Texte von Weltrang. In den Produktionsphasen werden die zwar von bis zu 20 Personen – Layouter, Korrektorat, Techniker, Teilzeitkräfte – verwaltet; doch neben seiner rechten Hand (und ein Stück der linken) Christa Bless, heißt die einzig echte Vollzeitkraft der Puntas Reportagen AG: Puntas.
Der stopft gerade das aktuelle Heft, Aufmacherthema: „Käufliche Freiheit“, eigenhändig in braune Versandumschläge, als er zum Gespräch hoch zum – kein Witz – 2 ½. Stock im Käfiggässchen 10 bittet, die tatsächlich so klein ist, wie ihr Name suggeriert. Zwei schmucklose Räume nutzt der Chefredakteur und Chefsekretär, Vermarkter und Versender plus Mädchen für alles in Personalunion zwischen zwei Etagen. Zur Untermiete, sagt Puntas und hält die Hände ein wenig wie Angela Merkel vors blaue Oberhemd, als er die Synergieeffekte verteidigt. Die Reiseagentur Globetrotter, an dessen Briefkasten ein unscheinbarer Aufkleber auf den Untermieter verweist, verhilft dem klammen Puntas nicht nur zu billigen Räumlichkeiten, sondern zu mancher Spesenersparnis.
Reportagen sind eben aufwändig, langwierig, abseitig und bei allem Einsatz nur dann lukrativ, wenn sie auf den Premiumplätzen der Branche residieren: Die Seite 3 der Süddeutschen oder ganze Ausgaben der Geo, das Dossier der Zeit oder das Titelthema des Spiegel – so heißen hierzulande die periodischen Lektüreinseln mit voller Aufmerksamkeit, vollem Renommee und, nun ja: halbvollen Kassen. Allerdings liegen sie in einer Medienlandschaft, die ihre langen Strecken, wie Daniel Puntas Bernet beklagt, „zusehends ausdünnt“.
Er klingt dabei nicht traurig, eher leise trotzig und vor allem: hoffnungsfroh. Das ist sein Naturell. Denn wenn auf dem Zeitungsfriedhof Amerika vier mächtige Reportagemagazine vom Esquirer über Atlantic bis Harpers und New Yorker überleben, wenn sich die Pariser Ikone XXl allein in Frankreichs Buchläden zehnmal besser verkauft als Reportagen insgesamt, wenn es ähnliche Blätter in Italien und England gibt, halb Südamerika, gar Indien – warum dann nicht auch in Deutschland?
Nach dem raschen Aufstieg und Fall der SPIEGELreporter um die Jahrhundertwende gab es zwar keinen analogen Anlauf im verwaisten Genre, das weiß auch Daniel Puntas Bernet. „Aber ich neige dazu, nicht zu akzeptieren, dass die Leser unseres Sprachraums nur nach Fastfood verlangen.“ Gut 7000 Käufer, jeder vierte davon im hiesigen Klein- und Bahnhofsbuchhandel, geben ihm ein Jahr nach der Nullnummer durchaus Recht.
Es gibt sie also, die anspruchsvolle Zielgruppe mit dem Verlangen nach Niveau, Haptik und jener dramaturgischen Härte, die das Genre noch immer prägt. Puntas sträubt sich fühlbar, sie zu skizzieren, aber gut, seine Kundschaft sei tendenziell männlich, gut situiert und jenseits der 40. Er wisse aber auch von Digital Natives unter 30, die im multimedialen Kreuzfeuer nach einem Gegenpol suchen. Dass sich seine Klientel eher bei Manufactum als Ikea einrichtet, dass die Distribution als Dreingabe hochpreisiger „Freitag“-Taschen eher kaufkräftige Schichten anspricht; dass sein Magazin ohne solvente Anteilseigner längst tot wäre – geschenkt. „Aber wir wollen nicht nur auf Salontischen liegen“, auch in Schulen und Bibliotheken, Wohngemeinschaften und Arbeiterhaushalten.
Im Grunde also am Ursprung des Zeitverkäufers, dessen wechselvolle Karriere seinerseits Stoff einer Reportage wäre. Unverhoffte Wendungen, unberechenbare Protagonisten und ungewöhnliche Wege bilden schließlich das Grundgerüst der Gattung. Aufgewachsen im bäuerlichen Umfeld zwischen Bern und Zürich, macht Daniel Puntas Bernet statt Abitur eine Lehre beim Notar, Schwerpunkt Scheidungen und Erbrecht, wo der Teenager von einst, heute muss er sich ein Abschweifen sichtbar verkneifen, „drei Jahre alle menschlichen Abgründe“ kennenlernt. Er zieht zum Jobben nach Spanien, lernt – getrieben vom „produktiven Stress“ – in zwei Wochen die Sprache, gerät sodann in die Immobilienbranche, kehrt bald zurück in die Schweiz, wird Devisenhändler bei einer Bank, vertieft das Business ein Jahr in New York, wird wieder daheim von einem Baseler Tennisvermarkter abgeworben, ohne von Marketing, geschweige denn Tennis eine Ahnung zu haben, und beschließt, noch keine 30, dass diese Scheinwelt kein Dasein sei. Er schnürt den Rucksack: drei Jahre Südamerika.
Daniel Puntas Bernet folgt stets Impulsen. Mal wegen der „Action, mit 21 Millionen zu bewegen“. Mal wegen der Dynamik, „ein Weltklasseturnier zu organisieren“. Mal aus Zuneigung, als er seinem Vater beim Aufbau einer Pizzeria an der Costa Blanca hilft, Sprachlehrer wird, Germanistik nebst Literatur studiert und plötzlich erstmals in seinem Leben („vorher war es höchstens der Sportteil“) liest. Es ist ein Erweckungserlebnis. Der reife Student liest unablässig, eine Art Überkompensation alter Lektüreverweigerung. Das hat Folgen, denn weil ihm die Debatten über Stringenz in der Belletristik eher albern erscheinen, wendet er sich der rasch der Wahrheit im Geschriebenen zu. Genauer: Der Reportage.
Es ist ein Sog, der ihn nie mehr loslässt. Und Daniel Puntas Bernet wäre ein anderer, würde der Spross eines bildungsfernen Elternhauses ohne Literaturbezug mit fast 40 nicht von Null auf Hundert durchstarten im neuen Fach. Ihm zuzusehen, zuzuhören, wie er von seinem Einstieg ins Genre berichtet, dies allein taugt aufs Neue für eine Reportage: Mit wedelnden Händen schildert er jenen Tag, als ihm seine Oma vom Bergmann erzählt, der nach wochenlanger Arbeit an einem nahe gelegenen Bahntunnel plötzlich Risse im Fels entdeckt, mit denen ihm der Berg, „sein Berg“, eher gute Freundin als Stein, zuflüstert, sie möge nicht mehr, breche also gleich zusammen, was sich der herbeieilenden Bauleitung gleich nach der Ankunft als äußerst stichhaltige Ahnung bewahrheitet.
„Supergeschichte“, erinnert sich Daniel Puntas Bernet. Allein: Keiner hat sie gebracht. „Niemand! Und das im Eisenbahnland Schweiz!“ Zehn Absagen hagelt es auch für ihn, den Anfänger ohne Referenzen. Bis die NZZ zugreift und einen Journalisten kreiert, der dem Genre ein Dutzend bereister Länder auf fünft Kontinenten später eine neue Heimstatt schenkt.
Damit die weiter behaust wird, bedarf es indes noch einiger Anstrengungen, das weiß er selbst am besten. Das Anzeigenaufkommen müsse steigen, moderat zwar, um die „Sättigungsgrenze eines hochklassigen Produkts“ nicht zu überschreiten, aber genug für eine Unabhängigkeit, „die sich zu 80 Prozent aus dem Verkaufspreis speist“; mit Storys, deren Spesen die Redaktion bedarfsgerecht, nicht kostenneutral trägt; von Autoren, die um Reportagen werben statt umgekehrt wie im Falle der Popliteraten von Uslar oder Stuckrat-Barre, deren „Arroganz“ Puntas Bernet zu spüren bekam; für ein Publikum, das „meine romantische Naivität“ rechtfertigt, es lasse sich Qualität den Gegenwert einer guten Flasche Wein kosten.
Bis dahin ist der Weg weit. Zwei Jahre noch bis zum Break-even, eher drei. Eine Phase, in der Daniel Puntas Bernet anderen weiter so reichlich gewährt, was er sich selber vorenthält: Zeit. Zeit für seine Kleinfamilie in den geliebten Bergen. Zeit zum Joggen, um nach zehn Stunden im Büro den Kopf zu lüften. Zeit vor allem für eigene Geschichten. Eine Million, sagt er, „tausche ich sofort für eine Sprache, die ich über Nacht kann.“ Oder gegen ein tragfähiges Magazin. Dann ließe er sich nicht mehr nur als Verleger vorstellen, dann bräuchte er keine Investoren mehr, dann wäre er weg, am nächsten Morgen vielleicht, für drei Wochen. Mindestens. Weniger dürfen es bei Reportagen nicht sein.
Erschienen in “journalist”, Oktober 2012
Posted: February 14, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
“Ein Hauch Arroganz”
RTL-Sprecher Christian Körner
Fragen: Jan Freitag
Herr Körner, wer sucht eigentlich Christian Rachs Hemden aus?
Christian Körner: …Er selbst.
Warum liegt die werberelevante Zielgruppe eigentlich zwischen 14 und 49 Jahren – kaufen über 50-Jährige nicht ein?
14/49 hat lange Zeit einen Großteil der rund 35 Millionen Fernsehhaushalte abgebildet und war damit eine gute Währung, um die Leistungen von Sendern beim etwas jüngeren Publikum vergleichbar zu machen. Aber die Bevölkerung wird bekanntlich immer älter, und mit ihr auch die TV-Zuschauer. Schon heute stellt 14/49 nur noch rund die Hälfte aller Zuschauer dar, Tendenz fallend. Deshalb erweitern wir die sogenannte Referenz-Zielgruppe für unsere Sender jetzt ab 1. März auf 14 bis 59 Jahre. Fürs Programmmachen selbst war 14/49 nie wirklich relevant ebenso wenig wie in der Vermarktung selbst. Es war und ist eine Währung, die vergleichbar machen soll, nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Ältere und jüngere Jahrgänge sind bei RTL also gar nicht weniger wert?
Im Gegenteil. Wir machen erfolgreich Programm für die ganze Familie, wie man gut erkennen kann, wenn man sich das Programm selbst und seine Protagonisten anschaut.
Warum gucken RTL-Zuschauer der Unterschicht nachmittags so gern ins Unterschichtenleben?
Ein Klassiker: Etwas dünne Recherche verbunden mit einem Hauch Arroganz. Menschen, die am Nachmittag Fernsehen schauen, als Unterschicht zu bezeichnen ist aus unserer Sicht nicht nur grenzwertig, sondern einfach falsch: Das RTL- Publikum entspricht am Nachmittag in Sachen Bildung oder Einkommen in etwa dem Schnitt der deutschen TV-Zuschauer. Hinzu kommt, dass die Geschichten am Nachmittag in unterschiedlichen Milieus spielen, also nicht nur in der „Unterschicht“, was auch immer das sein soll.
Warum ist Ihre Quote gegenüber 1993 eigentlich um fast ein Drittel gesunken?
Betrachtet man einzelne Formate geht die Entwicklung ja in beide Richtungen, einige gewinnen, andere verlieren. Die Gründe sind individuell. Pauschal bezogen auf die langfristige Entwicklung der Jahresmarktanteile ist die zuletzt oft strapazierte Fragmentierung des Marktes wesentlich: Seit 1993 hat sich allein das deutsche TV-Angebot ungefähr verfünffacht. Das probieren die Zuschauer nach und nach aus. So geben alle großen Sender ab, auch RTL. Kleinere wie RTL NITRO gewinnen.
Hand aufs Herz: Was war das größte Desaster, der mächtigste Flop, die gewaltigste Schande der Sendergeschichte?
Schande ist ein großes Wort in diesem Kontext, aber Programmmachen heißt unbedingt auch Flops produzieren – so ist das nun mal in einem kreativen Geschäft. Nur die wenigsten Ideen und Konzepte schaffen es überhaupt auf den Bildschirm. Wer nur Fehler vermeiden will, sollte besser woanders arbeiten – entscheidend bleibt, daraus zu lernen.
Und was macht eigentlich Harry Wijnvoord?
… er ist zum Beispiel am kommenden Sonntag Kandidat bei der Promi Koch Arena unserer Kollegen von VOX und soll ansonsten eine gut gepflegte Website haben, die dazu besser Auskunft geben kann als ich …
Posted: February 13, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Vorm Kamin hör ich gern Enya
Von Jan Freitag
Ein fester Händedruck inmitten goldener Schallplatten, hallo, ich bin H.P. Englisch ausgesprochen klingen die Kürzel etwas weltläufiger als Hans-Peter. Und auch der Künstlername Baxxter hat mehr Sound als Geerdes. Aber die meisten assoziieren mit dem wasserstoffblonden Meister synthetischer Stampfrhythmen ohnehin seine Band Scooter und zuletzt sein Posten als Juror in der Casting-Show “X-Factor”. Wer weiß schon, dass der Frontmann von Deutschlands erfolgreichstem Musikexport Ostfriese ist, auf Hardrock steht und beim Reden oft scheu lacht, statt ständig „Make some Noise!“ zu brüllen.
Gar nicht so einfach, die richtige Anrede zu finden. Wie soll ich Sie nennen: H.P., Ice, Mr. Baxxter, Hans-Peter, Candyman, Herr Geerdes, die Auswahl ist riesig.
Ach, aus Spaß leg ich mir bei jeder zweiten Single ein neues Pseudonym zu. Aber das ist mehr so just for fun. Die meisten sagen H.P.
Also nicht Hans-Peter. Ist das die späte Rache an der Provinz?
Im Gegenteil. Der Name ist mal in der Schule entstanden durch meinen holländischen Chemielehrer. Der hat mich immer H.P. genannt.
Und Baxxter?
Das ist frei erfunden. Als damals während des Abis Listen rumgingen, wer was machen will, studieren oder so, hab ich Sänger hingeschrieben. Da meinte eine Mitschülerin: Und wie willst du dich nennen? Ich meinte, H.P. hab ich ja schon, fehlt nur noch ein Nachname. Und sie hat gesagt: Nenn dich doch Baxter. Frag mich jetzt nicht, wie die da drauf gekommen ist, aber ich bin dabei geblieben.
Wie ist sie darauf gekommen?
Gut. Ich hab 1985 Abi gemacht. Das war auch die Zeit von Dallas, mit J.R. Ewing, das war wohl die Idee mit dem H.P. Und Baxxter – es war zu der New Wave Zeit damals einfach üblich, dass man sich, wenn man aus Deutschland kommt, wenigstens einen möglichst abgefahrenen Künstlernamen zulegt.
Ihre musikalischen Wurzeln liegen im New Wave?
Na ja, eigentlich fing das bei mir mit richtig harten Sachen an. So was wie Led Zeppelin, Deep Purple, später dann Rainbow, Motörhead und so. Das mit dem New Wave war dann ein totaler Umbruch. Ich hab plötzlich nur noch Soft Cell, Cure, Depeche Mode, frühe Simple Minds-Geschichten gehört und was so alles dazugehört.
Das war dann ja schon – mit etwas gutem Willen – eine Vorstufe zu dem, was Sie seit zehn Jahren machen.
Genau. Unsere erste Band, die ich damals mit Rick gegründet hab – Celebrate The Nun – war auch schon Elektronikpop mit Wave-Einschlüssen. Damals war ich ja auch noch eher Sänger, heute bin ich MC. Vorbilder waren so Dave Gahan oder Marc Almond. Wir waren nur – im Nachhinein betrachtet – für diese Musikrichtung ein wenig zu spät. Der große Wave Hype war schon vorüber, als wir unseren ersten Plattenvertrag gekriegt haben, das hat da nicht mehr funktioniert. In Deutschland gab’s zu der Zeit Camouflage, die waren super erfolgreich. Wir waren zufällig beim selben Label. Aber in den Jahren haben wir für später wichtige Erfahrungen gesammelt.
Die wichtigste?
Dass wir gelernt haben wie es ist, wenn es nicht läuft, was ja viele, die jetzt von Null auf Hundert durchstarten, nicht kennen.
Warum machen Sie da ausgerechnet bei einer Castingshow mit, deren Kerngedanke der schnelle Null-auf-100-Erfolg ist?
Wissen Sie, ich arbeite seit fast zwei Jahrzehnten mit Scooter, bin im Studio oder auf Tour, das ist oft ein sehr ähnlicher Ablauf. Da ist X Factor eine neue Herausforderung, mit anderen Leuten mal ganz andere Dinge zu machen.
Andere Leute heißt in diesem Fall Moses Pelham, Sarah Connor und Sandra Nasic, mit denen Sie nicht viel gemeinsam haben.
Wir kommen zwar aus verschiedenen, fast gegensätzlichen Musikrichtungen, aber sonst wäre es doch langweilig. In so einer Jury suche ich jedenfalls nicht nach glattgebügeltem Pop, sondern etwas Ungewöhnlichem, das hängenbleibt. Mit solchen Gegensätzen haben auch Scooter immer gearbeitet – dabei allerdings acht Jahre lang gemerkt, wie schwer es ist, Platten zu machen. Überhaupt in die Charts zu kommen, war ja ein Ding der Unmöglichkeit.
Aber darum ging es auch Ihnen letztlich, um die Charts.
Es gibt sicher so Freaks, die nur um der Sache selbst Willen rumbasteln. Aber wir hatten wie fast jeder immer das Ziel, in die Charts zu kommen. Wir wollten so sein wie Depeche Mode oder irgendwann große Konzerte geben.
Waren Sie da noch in Ostfriesland, als der Traum von den Top Ten Gestalt annahm?
Es fing schon in Leer an, wo ich aufgewachsen bin. Da hatte ich ja auch schon meine ersten Bands, eher im Rockbereich. Aber ich wollte in die New Wave Richtung gehen und das ist einfach unmöglich in der Provinz. Die Leute hören da heute noch Pink Floyd, glaube ich. Das kann man da nicht machen, die Leute sind einfach nicht progressiv genug. Für mich war klar, dass ich gleich nach der Schule in die Stadt gehe. Durch Zufall, über die Studienplatzvergabe, bin ich dann in Hannover gelandet und hab inseriert: Sänger sucht Keyborder.
Wie war denn die Jugend des deutschen Technosuperstars in der friesischen Provinz. Auch damals immer Paady, Paady, Paady?
Ja, auch da gab es zwei Dorfdiscos. Eine richtige, so mit beleuchtetem Tanzboden. Und eine, die manchmal Rock und Wave gespielt hat. Da hat man sich halt mit Freunden getroffen. Aber mir war das schon damals zu eng. Es gab vielleicht vier Leute, die sich ein wenig verrückt angezogen haben, wenn’s hochkommt. Und ich hatte immer so die Vorstellung: In der Großstadt gibt’s davon ganz viele und alles wird besser. Aber gut, im Nachhinein hat es sich gezeigt, dass in der Großstadt dafür alles anonymer ist und nicht ganz so fröhlich wie in Leer ist. Ich muss sagen, dass ich ganz froh bin, da aufgewachsen zu sein.
Es war aber doch eine Flucht.
Auf jedem Fall. Ich glaub nach wie vor, das ist der einzige Weg, wenn man was wie ich machen will. In der Provinz bleibt immer alles Hobby, semiprofessionell, da gibt es zu wenig Leute mit den gleichen Interessen. Es ist sowieso schwer genug, jemanden zu finden, der genau das vor Augen hat wie du.
Trotzdem wird Ihre Art Techno gerade dort besonders gehört, von wo Sie wegen der Musik geflohen sind.
Kommt drauf an. Das ist glaub ich ein Vorurteil. Bei meinen letzten Tourneen war es in den Großstädten alles schon wochenlang ausverkauft, das war in den kleineren Städten nicht unbedingt so. Wobei du natürlich Recht hast: In der Metropole wie Hamburg sind die trendy Clubs und da läuft eben ganz andere Musik.
Wenn man irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern an der Ecke steht, komm jedenfalls aus vorbeifahrenden Wagen vor allem Stampftechno. Ist doch komisch, dass das, was in der Provinz gehört wird, nur in den Metropolen entstehen kann.
Gut das stimmt. Aber da musst du fragen: Was wird denn überhaupt in der Provinz produziert? Alles was mit Kultur, Kunst, Medien, Musik zu tun hat, haut doch ab vom Land.
Scooter klingt jedenfalls wie Autoscooter, nach der Landjugend, die sich beim Schützenfest auf dem Dorfplatz die Kante gibt. Ist das gewollt?
Könnte man meinen, ist aber einen Schritt zu weit gedacht. Als wir anfingen hat das wie gesagt ja alles nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Da hatten wir dann die Überlegung: Wollen wir noch acht Jahre als Band im Keller sitzen oder doch besser als Produzenten, als Remixteam Projekte an den Start zu bringen. Vor Hyper Hyper hatten wir ein ähnliches Stück produziert, für das wir so auf die Schnelle einen Projektnamen gesucht haben. Diese Melodie hat an einen Jahrmarkt erinnert, an eine alte Karussellmelodie aus den Zwanzigerjahren, nur eben auf Dance. Da hat irgendeiner in den Raum geworfen: Dann nennen wir uns doch dafür Scooter. Als Produzenten hatten wir uns damals Loop genannt und gedacht, das heben wir uns auf für was ganz Anspruchsvolles. Bei Scooter hatten wir nichts Großartiges im Sinn und plötzlich ging das ganz gut ab in den Dancecharts und die ersten Anfragen kamen, ob wir das live performen könnten. Aber wir wollten eigentlich gar nicht unbedingt auf die Bühne, da sind wir eher zu überredet worden. Für unseren ersten Gig in Hamburg haben wir dann extra noch ein Lied gemacht; was heißt hier Lied: einen Track, und das war so die Urversion von Hyper Hyper. Da hab ich erst beim Soundcheck überlegt, mir mal ein Mikro in die Hand zu nehmen und den MC zu machen, wie man das von den Raves her kannte. Und plötzlich gab es uns. Wir sind da wie die Jungfrau zum Kind gekommen, das hat sich alles verselbständigt, da war überhaupt nichts so geplant.
Also ist es ein Unfall, dass Sie da hängen geblieben sind?
Ja. Die Nummer ging im Club richtig gut ab. Da haben wir eine Woche später im Studio die ganze Geschichte ausproduziert und schwupp war Hyper Hyper fertig. Und man merkte schon: Da ist irgendwas in der Luft. Erst waren wir das Projekt Scooter und eine Woche später eine richtige Band. Obwohl wir das erst gar nicht wollten. Aber so ist das ja oft: Man will was mit Gewalt wie mit der ersten Band, das klappt dann nicht und wenn du mit gar nichts rechnest, klappt auf einmal alles wie von selbst.
Geboren war der Kirmestechno. Der Begriff wird ja fast synonym mit Scooter verwendet.
Ja, das stimmt wohl.
Nervt das?
Na gut, natürlich ist der Begriff negativ behaftet. Auch wenn es irgendwo nicht ganz falsch ist. Weil: die Musik hat einen hohen Wiedererkennungswert. Sie ist sehr kompakt, das heißt, wenn wir eine Single rausbringen, ist das nicht so ein seelenloses Technostück, das man nicht als eigenen Track identifizieren kann, sondern es ist aufgebaut nach Popmaßstäben: Mit Strophen, Chorus, C-Part, aber von der Musik her eher technoid. Von daher kann man das den Leuten, die das so nennen, nicht verübeln, weil so was eben aufm Rummel oder in großen Discotheken gut läuft. Da wo gefeiert wird, da wo was los ist.
Da können Sie mit leben.
Da kann ich mit leben, obwohl es den Kern nicht ganz trifft. Wenn man das Gesamtwerk von Scooter betrachtet, also auch die alten Sachen, da sind auch viele Trancenummern drauf, wo man gar nicht unbedingt merkt, dass das von Scooter ist. Und wenn du dann noch siehst, wie wir das live transportieren, ist der Begriff Kirmestechno ein wenig zu banal. Darunter verstehe ich auch eine Insel mit zwei Bergen und das ist nicht Scooter.
Ist der Begriff durch Sie entstanden oder sind Sie nur sein Sinnbild?
Doch, der ist vermutlich schon durch uns entstanden. Am Anfang waren wir vielen ein Dorn im Auge. Die Leute dachten, wir sind so ein Retortenprojekt, von irgendeinem Produzenten im Hintergrund und wurden nur da vorne hingestellt. Das ist ja nur so Ballaballakram – also Kirmestechno. Das ist natürlich Quatsch. Da wollten uns auch welche eins auswischen.
Was ist denn aus Ihrer Sicht gute Musik?
Die Idee muss einen anmachen, auch bei Coverversionen. Es darf nicht zu offensichtlich sein. Manchmal sind gerade im Dancebereich Nummern dabei, da hört man richtig raus: Ah ja, das Thema hat funktioniert, also lutschen wir das noch aus. Ich finde es immer gut, wenn man ein Thema ausgrätscht, mit dem keiner rechnet, was in unserem Fall vielleicht gar nicht mit Techno in Zusammenhang gebracht werden kann. So wie die Miss Marple-Melodie oder „Was wollen wir trinken“, diese Ökohymne aus den Siebzigern, woraus wir dann „How much ist The Fish“ gemacht haben.
Aus alter Hymne mach neue Hymne…
Okay, aber ich finde es gut wenn Musik in Anführungszeichen gut gemacht, gut produziert wird. Ich mag nicht, wenn eine Nummer so dahingepfuscht wird. Da unterschätzen die Leute unsere Arbeit. Wenn wir hier produzieren, dann ist das wirklich mit Nachtschichten und Schweiß verbunden, mit wochenlangem Getüftel, bis ich dann mal sag, jetzt bin ich zufrieden.
Also ist gute Musik nur eine Frage des Arbeitsaufwands?
Denk ich schon. Zum anderen natürlich auch einer gewissen Kreativität oder Genialität. So was aus dem Arm schütteln zu können, dieses Talent hat man oder nicht. Und dann eben auch das Handwerkliche, die Ideen gut umsetzen zu können. Das funktioniert im Team sehr gut. Bei mir ist es so, dass ich eine sehr blühende Fantasie habe und dadurch auch viele Ideen. Und Rick, mit dem ich jetzt seit 18 Jahren zusammenarbeite, kann die Sachen blind umsetzen.
Auf Ihrer Homepage steht über die Coverversion von Rebel Yell, das sei der erste Rocksong ohne jeden Gitarrenriff. Klingt ein wenig nach erfüllter Mission: Stirb, Rock’n’Roll, Stirb!
Nein, das stimmt nicht. Das wurde ja nachträglich dazu geschrieben und war nicht die Zielsetzung. Für uns war nur klar, dass wir mit elektronischer Musik arbeiten und wenn ’ne Gitarre, dann als Sample. Das finde ich aber gar nicht so wichtig. Ich höre immer noch gerne harte Rockmusik.
Nämlich?
Also Backstage läuft bei uns oft auch mal Judas Priest, Limb Biscuit, Linkin’ Park oder so.
Beschreiben Sie doch mal Ihr Plattenregal.
Bei mir gilt: Wenn es zu einseitig ist, wird es langweilig. Deswegen habe ich alles querbeet und auch alle Epochen. Früher war ich eingefleischter Ritchie Blackmore-Fan, das war so mein Vorbild als Gitarrist. Und immer mal wieder hört man sich so eine alte Scheibe an. Oder auch stimmungsabhängig – wenn ich vorm Kamin sitze, dann hör ich auch mal irische Volksweisen oder Enya oder einfach Akustikgitarre. Und wenn ich gute Laune habe und im Auto rumfahre, hör ich meistens Trance. Für ganz harten Techno, da muss man schon entsprechend mit Nebel und Monsteranlage und viel Licht arbeiten.
Und unter Leuten sein.
Genau. Einfach so zum Hören, da hab ich meine Trancesachen und natürlich Wave. Ich hör natürlich immer noch gern The Cure.
Steckt da die eigene kleine Retrowelle des Über-30-Jährigen drin?
Nein, das war immer so.
Ich frag mal ab – haben Sie AC/DC im Schrank?
Ja auch, wobei mir das damals – dass gerade ich das sage (lacht) – einen Tick zu kommerziell war. Bei uns in Leer waren früher alle Heavy-Rocker AC/DC-Kuttenträger. Ich hab immer andere Sachen gehört. Led Zeppelin oder Van Halen, die alten Sachen, bis Jump.
Blümchen?
Nein, nein.
Billy Idol?
Logo.
Marusha?
Ja, die ersten Sachen fand ich gut. Ich kaufe halt immer, was mir grad gefällt. Ich bin immer noch Singles-Käufer, weniger Alben.
Richtige Vinyl-Singles?
Früher ja, da hatte ich noch nicht so viel Kohle, jetzt eher Maxi-CDs. Aber ich hab noch jede Menge richtige Schallplatten. In meinem Musikzimmer, mit richtigen PA-Systemen, 1400 Watt, wenn man sich mal abreagieren will oder die Nachbarn ärgern, reiß ich gern mal auf.
Was darf in keiner Plattensammlung fehlen? Und sagen Sie jetzt nicht Scooter.
Das ist geschmacksabhängig. Es gibt ein paar Nummern, die sind bei mir in den letzten drei Jahrzehnten hängen geblieben. Das ist mit Sicherheit „Blue Monday“ von New Order, dann Cure: „A Forest“, Anne Clark, find ich noch immer super, „Sleeper in Metropolis“, Humanoids aus der Acid-Zeit, das war auch so ’ne Bombe.
Sind Sie Mitte, Ende der 80er gleich auf den Acid-Zug gesprungen?
Ja. Da war ich grad in Hannover und hab mit Celebrate The Nun noch dieses Synthiewave-Programm gemacht, privat aber gerne Acid-House gehört. Das war so eine Übergangszeit für mich und die hat man auch gehört. Die wenigen Kritiker, die über uns geschrieben haben, meinten damals, wir müssten uns jetzt mal entscheiden, ob wir Dance und Acid wollen oder eben Wave. Und irgendwann hab ich nur noch Acid gehört und hatte dann auch keine Lust mehr auf das andere. Das ist jahrelang bei mir in der Versenkung verschwunden.
Nicht nur bei Ihnen. Sie haben ja tatkräftig daran mitgewirkt, dass der junge Techno aus dem Underground nach oben gezogen und chartskompatibel wurde.
Das ist so passiert, ohne dass wir das forcieren wollten. Wir waren ganz normale Raver, sind überall hingefahren wo am Wochenende was los war. Wenn was in Mannheim lief, sind wir da mit einer Kolonne hin, oder nach Berlin. Damals musste man danach ja noch richtig suchen. Aber weil wir schon jahrelang Songs produziert hatten, hat sich das bei uns automatisch entwickelt, dass die Sachen kompakter waren, singletauglich. Wir waren ja keine DJs mit acht-Minuten-Tranceschleifen, sondern gehörten in die Popstruktur.
Und damit saßen Sie von Anfang an zwischen den Stühlen. Selbst in der Technoszene ist Scooter ja häufig Teil von Beschimpfungen im Sinne von: wenigstens hör ich nicht den…
Wir hatten schon insgeheim immer den Traum einer Band, auch live, mit allem was dazu gehört. Und da keiner von uns richtiger DJ war, kamen wir eben aus einer anderen Ecke. Das ist für einige bis heute nicht nachzuvollziehen. So wie bei Prodigy in England.
Nur dass die nicht nur kommerziell erfolgreich sind, sondern auch als Musiker akzeptiert. Der musikalische Respekt hält sich bei Ihnen dagegen oft in Grenzen.
Ach, das sehe ich eigentlich ganz entspannt. Zu Anfang, als man sich noch wirklich zur Raveszene zugehörig fühlte und dann plötzlich von allen gedisst wurde, da war es noch so ein bisschen schmerzlich. Aber mit der Zeit geht man über das meiste, über das man früher noch geseufzt hat, hinweg. Auf der anderen Seite kommt auch viel Bestätigung; es gibt ja noch genug, die es toll finden. Und irgendwie ist es auch immer wieder lustig, wenn man mal einen Verriss liest. Das ist sehr unterhaltsam.
Besser, es wird schlecht über einen gesprochen als gar nicht.
Ja, wirklich. Und ich kann das auch verstehen, wenn da einige nicht mit klar kommen. Man kann es auch nicht allen recht machen, das ist schon okay.
Immerhin sind Sie so der zweitbekannteste Ostfriese geworden.
Nach Otto Waalkes, ja.
Dann noch Karl Dall und das war’s auch schon. Ist Ihr Erfolg zuhause spürbar? Gibt es schon Baxxter-Plätze, -Straßen, -Denkmäler?
Nein, nein. Noch nicht (lacht). Das ist ja auch solange her, ich hab da meine Kindheit und Jugend verbracht. Wenn du überlegst: Mit 21 nach Hannover, dann nach Hamburg. Klar fährt man gern mal hin, Verwandtschaft besuchen. Aber sonst bin ich eben in Hamburg.
Ist ja auch eine Weile her… Und mit annähernd 50 sind Sie in einem Alter, wo MTV-Moderatoren schon 15 Jahre draußen sind. Ist man für Techno irgendwann zu alt?
Ach Gott, das ist doch nun wirklich relativ. Wie viele sind schon mit 20 steinalt … Und es gibt Leute – wenn die Gene gut sind, sieht man eben auch noch länger jünger aus. Also wir sind ja nun wirklich gerade mitten drin, haben eine Tour hinter uns, haben immer wieder junge Fans. Ich glaub, man merkt es rechtzeitig an der Resonanz – wenn die fehlt, wenn einem nichts mehr einfällt, wenn man keine Lust mehr hat, dann wird es Zeit, was anderes zu machen. Und unsere Tour jetzt, die war härter als sonst. 27 Shows, je zwei Stunden, da hatte ich vorher schon meine Bedenken, aber es hat alles echt gut funktioniert.
Woran merken Sie, keine 25 mehr zu sein?
Na ja, damals wollte mich ja keiner hören. Da fehlt mir der Vergleich. Doch durch die jahrelange Routine, durch eine Art Training klappt das eigentlich immer besser. Ich weiß gar nicht, wie ich das vor acht Jahren so hingekriegt hab. Bis jetzt fühl ich mich jedenfalls noch ganz fit.
Und die Leute im Publikum sind ja auch gar nicht so weit von Ihnen entfernt wie bei anderen Techno-Acts. Da sind doch erstaunlich viele um die 30.
Einige sind einfach mitgewachsen, wie haben eine große Fanbase.
Sie kennen aber noch nicht die Gesichter der ersten Reihe.
Doch, es gibt ein paar Leute, die reisen einem hinterher. So einen Hardcorefankreis sieht man immer wieder, erste Reihe, Bühnenmitte.
Und die werden Sie auch weiterhin anschreien oder lernen Sie noch mal ordentlich singen?
Wir haben ja schon ein paar Tracks mit richtigen Gesang …
Tatsächlich?
… sicher. Aber eigentlich arbeiten wir drauf los im Studio, gucken so, was passiert, aber haben nicht die Zielsetzung, beim nächsten Stück muss jetzt Gesang rein. Dieses MCing hat sich eben so entwickelt, wie ein Markenzeichen, irgendwie automatisch.
Sie können also singen?
Sagen wir mal so, ich glaube ich habe schon eine ganz ordentliche Stimme, aber Intonation war nicht immer meine Hauptstärke. Ich bin auf gar keinem Fall der Sänger, der jeden Ton trifft. Aber wenn mir ein Stück gut gefällt – wir haben ja auch mal „Eyes Without a Face“ gecovert –, das fand ich dann auch gut. Aber als MC bin ich doch besser.
Und Sie haben auch nicht im Kirchenchor gesungen?
Nein.
Wie steht’s mit Gitarre spielen?
Ich hab früher jahrelang gespielt, auch E-Gitarre, Hardrock. Nur, das ist in der letzten Zeit echt ganz selten geworden. Aber gut, das vergisst man ja nicht. Wie Fahrradfahren.
Stehen Sie denn mit 50 noch auf der Bühne wie die Stones?
Langfristig werden wir uns sicherlich mehr ins Studio zurückziehen und Sachen machen, zu denen man bis jetzt nicht gekommen ist. Aber dass ich immer Musik mache, glaub ich schon. Vielleicht nicht mehr ständig live unterwegs, sondern zu Hause.
Du willst nicht auf der Bühne sterben?
Nein, das muss nicht sein. Obwohl – einen besseren Ort könnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Man weiß ja nie.
Posted: February 11, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wer im Fernsehen badet, fügt nicht bloß einen Deckel Badezusatz hinzu, sondern Unmengen. Anders sind drei Kubikmeter Schaum nicht zu erklären. Oder doch?
Von Jan Freitag
Es fängt schon beim Namen an: Wie heißt eigentlich dieses Gel, das man in die Wanne kippt: Badeschaum? Schaumbad? Badezusatz? Waschaktive Tenside? Sei’s drum: was dem Wasser da immer Volumen verleiht – im Fernsehen kommt nie weniger als eine Flache hinein. Wenn man die Schaumgebirge auf vermeintlich nackten Schauspielern so betrachtet, könnte man gar denken: der Jahresverbrauch eines europäischen Zwergstaats.
Dafür könnte man nun profane Gründe ins Feld führen. Sittlichkeit etwa, um die Szene auch vor 22 Uhr zeigen zu können (Wasseroberflächen wirken ohne Schaum, rein optisch, vergrößernd…). Oder Praktikabilität, schließlich tragen Darsteller, kein Witz, selbstredend Kleidung beim Baden, um nicht auszukühlen, nach der 18. Klappe. Was zum dritten Motiv führt: schaumbedeckt bleibt Badewasser länger warm. Da klingt der wahre Grund spannender: Schaumbäder sind Geheimbotschaften, ein von Arte, 3sat oder Roger Willemsen lancierter Hinweis auf die Verfüllung des Mediums mit einer Substanz, die alles abglitschen lässt wie ein See flache Steine. Es ist eine Warnung, das Schaumbad als Code der Seifigkeit im TV: Soap ins Programm, Inhalt raus, fertig ist die Lauge, äh: Laube.
Posted: February 11, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Rücksichtnahme
Die Fernsehwoche die war, 4.-10. Februar 2013
Die gute News der 6. Woche vorweg: Nach 18 Jahren schließt Hani Hinterseer sein volksmusikalisches Fernsehhospiz und wird Friseur in Schladming, wo grad die unbewaffnete zweier Weltmeisterschaften auf Skiern stattfindet, deren Übertragung höchstens mal von Breaking News wie Annette Schavans Rücktritt via Tagesschau extra und an Umfang nur von Fußball übertroffen wird, der uns bei aller Gewöhnung mit einer Neuigkeit versorgte: Mehmet Scholl, verriet er vorm Länderspiel gegen Frankreich, ist erst mit 12 in die 1. Klasse gekommen. Das setzt die Einstellungskriterien für ARD-Moderatoren doch in ein völlig anderes Licht. Darauf n’ Narrhallamarsch. Der wird mittlerweile ja auch auf der Großen TV Total Prunksitzung geblasen, mit der Stefan Raab den Faschingsoverkill Samstag um satte drei Stunden erweitert hat. Zeitgleich lief zwar noch eine brillante Dokumentation von 1927. Doch Berlin, die Sinfonie einer Großstadt dürfte auf Arte weniger Publikum gehabt haben, als DGTVTPS Zuschauer mit Literatur im Regal – oder Arte auf der Fernbedienung. Und so dürften sie dort Donnerstag die einzig nennenswerte Innovation der Woche verpasst haben: Injustice, eine britische Anwaltsserie, die nicht bloß Krimi + Gesetzbuch ist, sondern die Fehlbarkeit der Justiz am Beispiel eines mitschuldigen Strafverteidigers skizziert.
Aussichtsplattform
Die Fernsehwoche, die wird, 11.-17. Februar 2013
Während Injustice Donnerstag zum Finale recht reale Gerichtsbarkeit mit eher fiktiven Mitteln bietet, bittet Alexander Hold seit zwölf Jahren fast täglich zu sehr fiktiver Gerichtsbarkeit mit, nun ja: realen Mitteln. Alexander wer?, dürfte da fragen, wer sonst nur Arte sieht. Richter Alexander Hold, letzter Vertreter einer Spezies, die Ende den Bildschirm Ende der 90er mit Barbara Saleschs in Reihe geflutet hat. Dienstag fällt der echte Amtsrichter sein letztes Fernsehurteil, das nach 60 Minuten kollektiven Gekeifes wie üblich per Überraschungszeuge zustande kommen wird. Danach gibt’s nur noch Wiederholungen. Um den Übergang Richtung rechtsfreier Raum zu erleichtern, kann man aber noch bis Mittwoch Karneval kucken. Oder Biathlon, diese kleinbürgerliche Großsause, deren Bengalos im Publikum von schlichten Reportern nicht wie im Fußball zu Massenvernichtungswaffen erklärt werden, sondern zu Freudenfeuern. Im Fasching ist halt alles erlaubt. Alles erlaubt ist längst auch Jan Fedder, der nicht mehr nur als schnodderiger Streifenbulle geht, sondern als selbstgerechter Startalker wie im ARD-Drama „Stille“ (Mittwoch), der allerdings so lausig ist, dass man Fedder flink ins Großstadtrevier wünscht. Oder zum Vorentscheid des ESC vulgo Grand Prix, dessen Vorentscheid Donnerstag läuft. Nichts für akustische Ästheten, aber vielleicht gewinnt ja La Brass Banda… Und für Ästheten jeder Sensorik gibt’s am selben Abend ja auf ZDFneo gleich nach Sarah Kuttners wunderbarem Magazin Bambule das noch wunderbarere Reportageformat Wild Germany mit dem nun wirklich allerwunderbarsten Moderator Manuel Möglich, der sich zum Auftakt der 4. Staffel dem Thema Schamanismus widmet, ohne zu werten.
Posted: February 9, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Kein Albtraumschiff
Aus: Traumreisen 4/2012
Von Jan Freitag
Mit dem Clubschiff zu verreisen, ist für Individualreisende der Horror. Wer es dennoch auf einem Linienkreuzer wie der AIDA versucht, erlebt sein knallbuntes, sehr lautes, aber auch unvergleichliches Wunder. Ein Frontbericht.
Melodie aus jeder Ritze. Von überhall, so scheint es, kommt Musik. Kein Ort an Bord, der ohne Soundtrack bliebe. Selbst bei der idyllischen Schäreneinfahrt im Morgengrauen, die Stockholmer Inselwelt auf halber Kraft durchmessend, suppt seichter Pop über die Reling. Stille, Schweigen, innere Einkehr? Nirgends, nicht hier, an Bord eines Clubschiffs. Wer so übers Meer fährt, sollte sich schon an Land von der Idee verabschieden, die 14 Decks duldeten irgendwo je Ruhe. Auf diesem Pott von der Länge dreier Fußballfelder sind einzig die 1097 Kabinen schallreduzierte Zonen. Kreuzfahrt – im Jahr 2012 heißt das vor allem: Samba Samba die ganze Nacht. Klingt furchtbar? Ist es auch. Und wunderbar. Je nach Perspektive. Und die ist bei 2000 Passagieren auf derlei Giganten aus grauem Stahl und greller Farbe durchaus einheitlich: Nur her mit den Eindrücken pro Sekunde! Unterhaltet, beschallt, berieselt uns! Dazu ein Schiff wie ein Refrain: Let me entertain you!. Die zugehörige Strophe läuft lange vorm Zustieg.
Denn schon beim Check-In umgibt die euphorisierten Menschenschlangen eine Kakophonie hektischer Betriebsamkeit. Die gibt’s auch beim Desinfizieren am Kai, wo falsche Matrosen ekstatisch Einstiegsfotos befehlen (und kriegen). Drinnen geht es weiter, wo echte Asiaten das Gepäck durchleuchten (und den Alkohol behalten). Und es endet auch nicht im das turmhohe Treppenhaus seine lebende Fracht in die Gangfluchten entlädt mit ihrer bunten Eintönigkeit. Dieses Gewitter klingt ab sofort nicht mehr ab, zehn Tage auf der Ostsee, eine Überdosis Aido. Auf so einem Dampfer, besser: Hochhaus mit Dieselantrieb, eher Kleinstadt als Kreuzfahrer – auf diese Art zu reisen ist wie ein stilles Abkommen, lärmend bespaßt zu werden. Und da ist von Landausflügen, der Quintessenz des Linienfahrens, noch gar nicht die Rede. Erstmal ist Seetag.
Von Rostock zum ersten Halt Estland ist es eine mächtige Strecke. Erst 37 Stunden nach Ablegen küsst der gepinselte Mund am Bug die Hauptstadt Tallinn, ein hanseatischer Ausflugstraum, bezaubernd und spannend wie alle Stationen: Petersburg, Helsinki, Stockholm, Danzig, Kopenhagen. Doch bis zum ersten Stopp herrscht Aufbruchsstimmung. Die Vielfahrer belegen ihre Vertrautheit durch ostentative Verweise auf alles, was unverändert sei („guck mal, gibt wieder Oktoberfest“) ab. Anfänger staunen leiser über alles („die ham hier ja’n Blumenladen!“). Gemeinsam stromert alles aufgeregt durch einen Irrgarten, der sich den meisten nie vollends erschließt. Abfahrt ist Landvermessung auf See: das Heim auf Zeit wird sondiert, ein Anbändeln ohne Verzug, denn so wild die Dekors auch an allen Wänden sprießen, so geschmeidig sich das Leitmotiv Siebzigerjahre mit modernen Materialien und uniformem Mobiliar vermischt, so psychedelisch das Interieur anfangs flimmert: Am Ende ist alles eins und nichts dem Zufall überlassen, ein Saal wie der nächste. Leitmotiv nennt sich das: Orangebraunrot mit Lindgrünlila, alles etwas kräftig, alles sehr einprägsam, keinesfalls hässlich, doch nichts, was in der Natur vorkäme.
Das macht ein Clubschiff zur Antithese jener Bodenständigkeit, die Clubschiffen wie ein Makel anhaftet. Alles daran, darin, darauf ist artifiziell, eine Art einvernehmlicher Betrug. Wie der, Orte nach fünf Stunden organisiertem Landgang auch nur grob zu kennen. Oder dass täglich vier Fütterungen Essen sind statt Mast, die Tischweine gut, nicht bloß gratis, 1000 Hummer zum Abschied Luxus statt Gag und die Cocktails an zwölf Bars mehr als nur Metapher für eine Exotik, die diese Art Schiff- der Kreuzfahrt so rentabel ausgetrieben hat. Vor allem aber ist es eine Illusion, dass dieser Freizeitstress Fun ist. Fun Fun Fun. Allein: wer will’s hier anders? Keiner! Nicht die Orgelpfeifensippe aus dem Rheingau, deren edler SUV für 165 Euro Gebühr am Ufer parkt; nicht das Goldene Hochzeitspaar bei ihrem elften Törn auf gleicher Route, diesmal zwei Enkel im Schlepptau; nicht die kolumbianische Botschaftsangehörige, deren Mann auf dem Oberdeck im Golfkäfig trainiert. Nicht die alleinerziehende Mutter mit drei Teenagern, nicht das Kölner Single-Pärchen in der Innenkabine, ja nicht mal der Autor, der trotz unisono bestätigter Vorurteile glücklich, ach: selig zurückkehrt. Das macht ihn zum Teil eines Organismus. Was Fremde als kollektives Wachkoma verhöhnen, verschweißt Besatzung und Gäste zur Notgemeinschaft. Mag auf den Kabinenpreis zweier Bruttodurchschnittslöhne noch die vierstellige Summe für Trips, Drinks und Tralala hinzukommen, mag man von alledem zwei Monate gediegen durch Südamerika reisen können, mag man nach zehn Abenden auf ewig genug haben von Roulette und Flipper, Showtanz und Artisten, Bord-TV und Dauergedudel – hier Ferien machen, heißt, Abstand zu nehmen von allem, denn so wie auf dem Clubschiff ist es nirgends sonst.
Obwohl: Wenn Wüstenwandern dem Freejazz des Urlaubs entspräche und Bildungsreisen Beethoven, wenn Backpacking Punkrock wäre und Strandurlaub Kuschelrock – dann ist Clubschiff gleich Musical. Die Menschen lieben das. Warum auch nicht.
Posted: February 4, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Das Sportinterview kennt eine eherne Regel: Da der Interviewer ohnehin weiß, wie es dem Interviewten geht, fragt er bloß noch Stichworte ab.
Von Jan Freitag
Dafür, dass Sport eine emotional eher berechenbare Sache ist, wird seine emotionale Unberechenbarkeit sehr gepflegt. Was in Sportlern vor sich geht, die gerade gesiegt/vergeigt haben, dürfte selbst Küchenpsychologen klar sein. Trotzdem fragen die unbedarftesten davon, vulgo: Sportreporter, immer das Gleiche: „Mario Gomez: 0:5 verloren, keinen Zweikampf gewonnen und dazu noch verletzt – wie bitter ist das?“. Dass sich der Befragte auf derlei Dialoge einlässt und die Bitternis bloß adverbial variiert (sehr/schon/schon sehr), überrascht da fast mehr als die Blödheit des Abpfiffverhörs. Dabei sollte er, statt zu antworten, doch gegenfragen: Wie bitter, Herr Antwerpes/Réthy/Simon, es denn sei, so miserable Interviews zu führen…
Doch die haben gute Gründe. Der eine steht vor ihnen und heißt: Schlichtheit. Wer, wie von Felix Magath gefordert, ohne Schulabschluss Fußballprofi wird, soll gefälligst nicht auch noch denken für seine Millionen. Der andere steht hinterm Mikro und lautet: Kontrollsucht. Wenn man schon live vor die Kamera bittet, muss man ja nicht noch unerwartete Antworten fürchten. Das Fernsehen von heute duldet nämlich einiges, Überraschungen sicher nicht. Bitter. Aber wie bitter genau?