Anna Winger: Deutschland 83 & Transatlantic

Feier des Lebens in schrecklicher Zeit

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Seit Deutschland 83 gilt die New Yorkerin Anna Winger (Foto: Netflix) als feinste Beobachterin deutscher Gegenwartsgeschichte. Ihr siebenteiliges Netflix-Drama Transatlantic reist nun ins Marseille des Jahres 1940, wo eine realexistierende Flüchtlingsorganisation jüdische Intellektuelle vor den Nazis rettet. Gespräch mit einer Überzeugungstäterin.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Nach Deutschland 83/86/89 und Unorthodox beschäftigt sich auch Transatlantic mit Ihrer deutschen Wahlheimat, wenngleich Jahrzehnte früher. Warum dieser Sprung in eine Zeit so lange vor Ihrem Umzug nach Berlin?

Anna Winger: Stimmt, jetzt wo Sie es sagen… Wobei ich auch 1986 nicht in Berlin war, mir mein Wissen darüber also mit harter Recherche erarbeiten musste. Über Musik und Popkultur hatte ich zwar einen Bezug zum Deutschland jener Jahre, aber nie über die Folgen des Kalten Krieges für Berlin nachgedacht, bevor ich dort hingezogen bin. Von daher war Deutschland 83 anders als Unorthodox, das im Berlin meiner Zeit hier spielt, eher ein zeitgenössisches Kostümdrama als irgendwie biografisch.

Was haben die Formate dennoch gemeinsam?

Meine Geschichten entstehen immer aus Neugierde, sind häufig Fish-out-of-water-Stories und führen sie auf unterschiedliche Art aus der Dunkelheit ins Licht. Trotzdem wollte ich eigentlich nie etwas über Zweiten Weltkrieg oder Nationalsozialismus machen und war nach all den Angeboten, die ich dazu abgelehnt hatte, selbst überrascht, dieses hier angenommen zu haben.

Was hat Sie dennoch überzeugt?

Vor allem, was mein Vater mir darüber mal erzählt hatte, als wir gemeinsam über den Potsdamer Platz gegangen sind und ihm dort die Varian-Fry-Straße auffiel.

Benannt nach einer Hauptfigur, die mit Mary Jane Gold das Emergency Rescue Committee zur Rettung europäischer Juden betrieben hatte.

Den kannte er zwar nicht persönlich, dafür zwei andere Seriencharaktere, die fürs ERC gearbeitet hatten. Mit Lisa Fittko protestierte er in den Sechzigern gegen den Vietnamkrieg, mit Albert Hirschman lehrte er in den Siebzigern in Harvard. Als mein Vater mir davon 2012 erzählte, war ich schon deshalb so fasziniert von der Geschichte, weil der Einfluss jüdischer Intellektueller auf mein akademisch geprägtes Elternhaus in Cambridge, Massachusetts, wo ich aufgewachsen bin, so enorm war.

So gesehen kam „Transatlantic“ für Sie sogar vor „Deutschland 83“.

Ja. In meiner Kindheit und später in New York, hatten so viele im Umfeld meiner Eltern deutschen Akzent, dass ich deren Immigrationsgeschichte fühlen konnte. Genau darüber hatte ich wieder nachgedacht, als die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge zu Tausenden nach Berlin kamen. Am Ende war das aber nicht der Hauptgrund, Transatlantic zu machen.

Sondern?

Dass uns Gemeinschaft, Kreativität und Lebensmut oder Liebe, Sex und Freundschaft dieser Erzählung daran erinnern, wie viel Licht selbst in tiefster Dunkelheit steckt. Dabei fasziniert mich besonders, dass Leute verschiedenster Herkunft, Klassen, Hintergründe und Ansichten, die sich ansonsten wohl nie getroffen hätten, eine Art magischer Gemeinschaft bilden. Neben Deutschland waren 1940 ja auch Italien, Nordfrankreich, Spanien faschistisch, England wurde bombardiert, Amerika war neutral – selten zuvor war eine Zeit dunkler als diese.

Umso mehr handelt Transatlantic abseits all jener, die sich und anderen geholfen haben, von denen, die es wie die USA nicht getan haben, den untätigen Ignoranten also.

Sie machen dunkle Zeiten noch dunkler: Menschen und Bürokraten verbrecherischer Systeme und ihrer Nachbarn, die ihrem Alltag nachgehen und den menschlichen Preis ignorieren. Wobei Marseille eine Sonderrolle spielt. Unabhängig vom Pétain-Regime im Norden, gab es dort einerseits Kollaborateure, andererseits Anfänge der Résistance und mittendrin diese Intimität des ERC. Aus Sicht einer Autorin war das alles sehr interessant.

Ist es am Ende diese Intimität im Umfeld herzloser Zerstörungswut, die Transatlantic von der Vielzahl anderer Fiktionen zwischen Shoah und Weltkrieg unterscheidet?

Und die Feier des Lebens in schrecklicher Zeit. Beides hat mich damit verbunden, obwohl es im Kern tieftraurig bleibt. Ich habe mich oft gefragt, wie ich empfunden hätte, wenn mein Umzug aus den USA nach Berlin 2002 eine Flucht gewesen wäre, und habe mich da an Filme meiner Kindheit erinnert, die vielfach von jüdischen Emigranten stammten.

Die haben einfach weitergemacht.

Und ihre Traumata mit Humor, Liebe, Kunst in einer großen deutsch-jüdischen Exilgemeinde aufgearbeitet. Die halbe Crew von Casablanca bestand aus Flüchtlingen. Billy Wilder und Ernst Lubitsch waren deshalb als Künstler und Menschen unglaublich inspirierend für mich.

Würden Sie Transatlantic als deutsche oder internationale Produktion bezeichnen?

Deutsch. Unbedingt.

Glauben Sie, dass sie besonders in den USA auch als deutsche Produktion wahrgenommen wird oder doch eher, schon wegen der Sprache, der Organisation ERC und einiger Darsteller:innen, als internationale?

Macht das einen Unterschied?

Insofern, als deutsches Kino und Fernsehen in den USA nur dann wahrgenommen wird, wenn es sich mit Krieg und Tyrannei beschäftigt – wie man an vier Oscars für Im Westen nichts neues sieht.

Das sehe ich komplett anders. Zum einen gibt es in den USA selbst unglaublich viele Produktionen, die mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben. Zum anderen sind mittlerweile auch aus Deutschland Projekte erfolgreich, die damit gar nichts zu tun haben.

Mir fiele da nur Dark ein und dann wieder die beiden Historien-Serien Babylon Berlin oder Deutschland 83.

Trotzdem sind Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg nicht immer deutsche Themen und deutsche Themen nicht immer Zweiter Weltkrieg oder Kalter Krieg. Und hier geht es auch nicht um Deutsche und Flüchtlinge oder Opfer und Täter, sondern um gewöhnliche Menschen, die ungewöhnliche Dinge machen. Ich glaube, wir sind uns einig, hier uneinig zu bleiben.

Okay, aber?

Am wichtigsten ist mir, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die meine Vision teilen. Deshalb sind es auch immer wieder dieselben Leute, etwa die deutsche Bühnenbildnerin Silke Fischer, der Kameramann Wolfgang Thaler aus Österreich oder die Kostümbildnerin Justine Seymore aus England. Auch, wenn diese Show am Ende eine deutsche Produktion ist, schlägt sie demnach Brücken und ist auf organische Weise international.

Als wir 2015 anlässlich von Deutschland 83 übers Fernsehen geredet haben, meinten Sie, in den USA wüsste niemand, was das abseits einiger Witze in 30 Rock zu Wetten, dass…? eigentlich sei.

Und nicht nur darüber (lacht). Tina Fey ist halb Deutsche, deshalb hat sie ständig Witze über Deutschland gemacht…

Hat sich an dem Bild durch deutsche Produktionen, die über Streamingdienste ein weltweites Publikum finden, etwas geändert?

Definitiv. Weil das alte Bild von Deutschland altmodisch, also überholt war und sich die Welt seither geändert hat, und zwar radikal. Es wird zusehends unwichtiger, wo etwas entsteht, solange es gut ist. Früher haben Amerikaner fast nichts Ausländisches gesehen. Punkt. Jetzt haben sich Fenster in alle Länder geöffnet – auch das nach Deutschland. Ich finde wirklich nicht alles von hier gut, aber es gibt viele Produktionen, die ich liebe.

Zum Beispiel?

Miss Merkel bei RTL, eine Comedy über die Bundeskanzlerin als Hobbydetektivin.

Ich habe darüber bei DWDL geschrieben.

So unglaublich! Jeder in den USA würde es lieben, weil die meisten Angela Merkel lieben.

Als Anker der Stabilität in einer instabilen Welt?

Vielleicht. Aber auch, weil sie ein so einzigartiger Charakter ist, dass man ihr auch abkauft, nach der Pensionierung Kriminalfälle in der Uckermark zu lösen.

Weckt das Ihr Interesse, eine Historienserie übers Leben Angela Merkels zu machen?

Nein, zumindest vorerst nicht. Wobei ich durchaus Fantasien in andere Richtungen als bisher habe, Real Crime zum Beispiel oder Comedy. Auch in Transatlantic steckt Humor. Meine Serien sind immer ein Genremix.

Welche wird ihre nächste?

Ich arbeite unter Hochdruck daran, kann aber noch nicht verraten, worum es darin geht.

Wenigstens Zeit und Ort?

Es spielt in der Gegenwart Großbritanniens.

Müssen Sie dafür wie bei Transatlantic und der Geschichte Ihres Vaters eine persönliche Verbundenheit zum Stoff spüren?

Über der Oberfläche nicht, sonst hätte ich Deutschland 83 nie machen können. Unter der Oberfläche fühle ich mich mit all meinen Charakteren verbunden. Wer über die Vergangenheit schreibt, schreibt immer über die Gegenwart. Und wer über andere Menschen schreibt, schreibt immer auch ein bisschen über sich selbst.


Döpfners Ossis & Laudes Deutsche

Die Gebrauchtwoche

TV

10. – 16. April

Eine Überraschung kennzeichnet gemeinhin das Unerwartete, weshalb der New Scientist sie als „Wechsel der Erwartung aufgrund des Eintreffens neuer Daten“ definiert. Wen es da überrascht, dass sich der milliardenschwere Springer-Chef Mathias Döpfner, dessen Verlag kontinuierlich die Zersetzung demokratischer, humanistischer, rechtstaatlich-pluralistischer Prinzipien in Richtung einer rechtslibertären Oligarchie mächtiger Männer betreibt, dürfte Wladimir Putin für einen lupenreinen Demokraten halten.

Döpfner, so zeigen geleakte Chats in der aktuellen Zeit, findet Ostdeutsche nicht nur dann „eklig“, sofern sie Merkel heißen, er verachtet auch alle Westdeutschen, falls ihnen das Klima, die Wissenschaft, der linksgrünversiffte Unfug menschlicher Werte wichtiger ist als ein Wirtschaftssystem zum Wohle Superreiche wie ihn. Kein Wunder, dass Döpfner den sexuell gewalttätigen Bild-Boss Julian Reichelt dazu aufforderte, die FDP zu fördern.

Alles Propaganda, pöbelte der Beschuldigte zurück, geriert sich wie unter Rechtspopulisten üblich als Opfer der eigenen Elite, entschuldigt sich dennoch, ohne um Verzeihung zu bitten, und belegt damit, der angeblich so verhassten AfD näher zu sein als Grundgesetz und Ethik. Damit ist Döpfner Gauland minus Judenhass und auf ideologisch auf Linie von Elon Musk, der Twitter in X umbenannt hat, damit er die BBC dort frei vom Ballast früherer Liberalität als staatlich finanziert verunglimpfen kann, und ein Moratorium der KI-Forschung unterstützt, um alle GPU-Prozessoren aufzukaufen.

Vielleicht ist es da gar ein gutes Zeichen, dass das größte US-Datenleck seit Edward Snowden zunächst mal nicht in die Öffentlichkeit gezwitschert wurde, sondern über Gaming-Chats wie Discord Verbreitung fand. Ein schlechtes Zeichen: der mutmaßliche Täter war kein Whistleblower, sondern offenbar ein rechtsnationaler Rassist und damit ideologisch ganz auf Linie Mathias Döpfners, dem – Obacht Ironie – Alfred Hugenberg der neurechten Bohème.

Die Frischwoche

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10. – 16. April

Zugeben – nicht ganz leicht, den Bogen ins aktuelle Fernseh- und Stremingangebot zu spannen, aber vielleicht bietet es ja Ablenkung von der geplanten Machtübernahme moralisch verkommener Oligarchen wie diesen. Para zum Beispiel, Fortsetzung der hinreißenden Erzählung von vier Berlinerinnen beim Versuch, die kriminelle Energie hypermaskuliner Nachbarn aus 4 Blocks ab heute bei Warner TV zu kopieren, ohne dabei ständig Leute plattzumachen.

Eine Kopie ist auch die Web-Serie Almania, in der Phil Laude – einst ein Drittel der Pimmelwitzbrigade Y-Titty – Bernd Stromberg quasi zum Lehrer einer Problemschule macht. Nach zwei Pilotfolgen vor zwei Jahren geht die Mockumentary Freitag als Achtteiler auf die ARD-Mediathek und trotz aller Abklatschansätze: das ist manchmal schon auch lustig, ohne platt zu sein. Ohne jeden Humor tiefgründig ist dagegen die Überraschung der Woche: Drops of God.

Auf Basis japanischer Mangas verfilmt Apple darin das Duell einer Französin, die mit dem Ziehsohn ihres verhassten Vaters um dessen Erbe kämpft: Wein im Wert von 148 Millionen Euro. Die Serie zeigt aber nicht nur einen Wettstreit aus dem bizarr bildgewaltigen Milieu der Önologie. Achtmal 55 faszinierende Minuten lang handelt die doppelte Familiensaga ab Freitag auch vom Kulturclash der sinnlichen Provence im aseptischen Tokio. Während die französisch-japanische Serie ihr eigenes Thema ständig mit Wendungen überrumpelt, setzt das deutsche Fernsehen auf Altbewährtes.

In der ARD-Krimireihe Mordack etwa spielt Mehmet Kurtulus Donnerstag nicht wie einst beim Tatort einen verdeckten Ermittler, sondern – nee: doch einen verdeckten Ermittler. Auch das ZDF betritt mit Die Spur ausgetretenes Terrain, obwohl es das Format Mittwoch als erste deutsche forensische Real Crime Serie bezeichnet. An gleicher Stelle geht zwei Tage zuvor die forensische Fiktion Im Schatten der Angst mit der famosen Mercedes Müller weiter. Aber wenn Netflix mit Diplomatische Beziehungen ab Donnerstag ebenso wie Apple tags drauf (Ghosted) RomComs absondert, ist lineare Hausmannskost allemal statthaft.


Tim Raue: Sternekoch & Restaurantretter

Scheitern, aber bitte mit Konzept

Raue - Der Restaurantretter

Was machen Tim und Katharina Raue (Foto: RTL/Pascal Buenning) eigentlich nach Feierabend? Ein Doppel-Interview (vorab erschienen bei DWDL) mit dem Sternekoch und seiner Geschäfts- und Ehepartnerin über die Arbeit mit oder ohne Kamera und wie da noch Platz für Raue – Restaurantretter bei RTL bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Raue, Frau Raue – kann es sein, dass Sie mit der kreativ wie geschäftlich enorm zeit- und kraftraubenden Spitzengastronomie nicht ausgelastet sind?

Tim Raue: Katharina, es geht ums Geschäft, also du bitte!

Katharina Raue: Wir sind beide durchaus ausgelastet, aber wenn uns etwas über den Weg läuft, von dem wir beide glauben, dass es ebenso spannend wie erfolgsversprechend ist, machen wir es einfach zu gerne, um nein zu sagen.

Raue – Der Restaurantretter ist Ihnen also auch über den Weg gelaufen und erschien erfolgversprechend?

Tim Raue: So muss es gewesen sein, denn bei Fernsehformaten bin ich eher schwierig. Deshalb hatte ich auch lange gewartet, bevor ich bei Magenta TV mein erstes eigenes Format gemacht habe. Ich möchte mich darin nicht nur wiederfinden, sondern überzeugt sein, dass es funktioniert.

Wobei die Spitzengastronomie als arbeitsintensiv am Rande menschlicher Belastungsgrenzen gilt. Wie schaffen Sie es, jetzt noch ein TV-Format reinzuquetschen?

Tim Raue: Dazu muss man vor weg sagen, dass meine jetzige Frau Katharina mit dem Restaurant Tim Raue, das ich mit meiner Ex-Frau Marie-Anne führe, nichts zu tun hat. Dafür haben wir die Raue-Consulting, in der acht weitere Restaurants verhackstückt werden.

Sie müssen also nichts quetschen, sondern gut delegieren?

Tim Raue: Ich muss schon auch quetschen, kann aber womöglich etwas zeitintensiver arbeiten als andere.

Katharina Raue: Dafür hat mein Mann aber auch exzellente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst dann exzellente Arbeit abliefern, wenn er nicht im Restaurant ist.

Tim Raue: Zum Glück habe ich die Fähigkeit, Menschen vertrauen zu können; nur so konnte ich schon sehr jung Küchenchef werden. Dass mir das nie gereicht hat, sieht man aber an den anderen Restaurants, die ich berate. Arbeit – selbst viel – ist für mich nichts, was ich machen muss, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Katharina Raue: Geht mir genauso. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht, und wenn ich dafür Geld bekomme – umso besser. Aber Geld ist nie mein Antrieb.

Tim Raue: Und da ist es bei aller Bescheidenheit ein großes Glück, dass wir in unseren Jobs gut genug sind, um nicht nur darin tätig zu sein, sondern aktiv zu gestalten. Deshalb sind wir auch in der RTL-Sendung keine Marionetten, sondern haben von Anfang an darauf bestanden, die Fälle – im Einvernehmen mit dem Sender natürlich – auszusuchen oder abzulehnen.

Katharine Raue: Es geht dabei immer um ein größtmögliches Miteinander.

Tim Raue: Das im Arbeitsalltag des ganzen Teams herrscht. Wir sind keine Egoshooter, die sich für die Größten halten, sondern beziehen jene, denen wir vertrauen, in alle Prozesse ein. Deswegen war es wichtig, das mit meiner Frau zu machen; was Marketing, Gestaltung, soziale Medien angeht, ist sie mir einfach um Längen voraus. Ich kann gut und gern Hilfe von denen annehmen, die etwas besser können als ich.

Tim kreativ, Katharina betriebswirtschaftlich – das ist also die Arbeitsteilung beim Restaurantretter?

Katharina Raue: Fast, auch Betriebswirtschaft erfordert Kreativität und umgekehrt. Weil wir beide gestalterisch tätig sind, besteht die Arbeitsteilung eher darin, dass Tim alles kulinarisch schön macht und ich optisch. Dafür schauen wir uns im Vorfeld des Castings an, inwiefern sie bei den Kandidaten der Sendung funktioniert.

Gemeinsam?

Katharina Raue: Gemeinsam, aber das visuelle Konzept vom Restaurantretter folgt in aller Regel erst aufs kulinarische.

Tim Raue: Wobei der Name eigentlich das Einzige ist, was Rach, der Restauranttester ähnelt. Inhaltlich haben wir einen komplett anderen Ansatz.

Nämlich?

Katharina Raue: Wir bespielen unterschiedlichere Dimensionen und betrachten das Restaurant als Gesamterlebnisraum, den wir auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden wollen.

Tim Raue: Und zwar zu zweit auf 90 Minuten statt allein auf 45. Deshalb gehen wir tiefer in die Materie, arbeiten intensiver mit den Menschen und packen die Materie schon deshalb anders an, weil Gastronomie 2023 eine völlig andere ist als 2002 – gerade, was die Außendarstellung betrifft.

Katharina Raue: Außerdem haben sich die Gäste – nicht zuletzt durch die Pandemie – vom reinen Versorgungsdenken hin zu mehr Kost- und Küchenverständnis emanzipiert.

Tim Raue: Umso mehr wollen wir niemandem beim Scheitern zusehen, sondern suchen gezielt nach dem Potenzial, etwas bewegen, also überleben zu können.

Klingt gastronomisch, also fachlich. Wie hat sich denn das Kochfernsehen seit Christian Rachs Pionierarbeit verändert?

Tim Raue: Ich kann da nicht fürs Genre sprechen, aber wir nehmen uns mehr Zeit für die Bilder, arbeiten also nicht mit schnellen Schnitten, sondern Konzentration aufs Wesentliche. Momente brauchen Emotionen und umgekehrt, wir legen den Fokus auf den Menschen, ohne ihm dabei zusehen zu wollen, auf die Fresse zu fallen.

Haben Sie den Restauranttester seinerzeit als Referenzobjekt gesehen?

Tim Raue: Natürlich, es war schließlich ein Format, das über zehn Jahre hinweg grandios gelaufen ist und damit eine echte Benchmark, die wir damals – noch unabhängig voneinander – beide gern gesehen haben.

Katharina Raue: Räumlich getrennt, aber vereint in der Faszination fürs Format.

Tim Raue: Bei dem ich jedes Mal wieder aufs Neue den Kopf darüber schütteln musste, warum nahezu jeder ein Restaurant eröffnen kann, ohne die geringste Idee davon zu haben. Wie viel weniger Not und Tragödie würde es geben, wenn Restaurant-Betreiber ein Lehrberuf mit Abschluss wäre.

Katharina Raue: Ich höre es jetzt noch klatschen, so oft hat Tim als Restaurantretter die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.

Sie halten es nicht mit dem amerikanischen Business-Modell fail, try again, fail better?

Katharina Raue: Doch, aber bitte mit einem Konzept, von dessen Erfolg man vorm Scheitern überzeugt war.

Tim Raue: Wir hatten diesbezüglich Kandidaten, die zwar das falsche Konzept am falschesten Ort mit dem falschesten Personal hatten, was eigentlich zu sinnfrei ist, um daran zu arbeiten. Aber wenn die Überzeugung der Betroffenen groß ist, kann man versuchen, kulinarisch und gestalterisch neue Zielgruppen zu fokussieren.

Katharina Raue: Wer auf die Frage nach denen antwortet, sie sei Jung und Alt oder für jeden Geschmack was dabei, hat schon verloren.

Tim Raue: Das Problem ist, dass finanzielle Sorgen schnell dazu führen, Basics wie Disziplin und Hygiene zu vernachlässigen. Aus diesem Strudel herauszukommen, ist extrem schwierig.

Und wie helfen Sie dabei, es doch zu schaffen?

Tim Raue: Durch positives Bestärken.

Katharina Raue: Das Besinnen auf eigene Stärken und Konzepte, die anfangs vielleicht vorhanden waren, aber dem Misserfolg zum Opfer gefallen sind.

Würden Sie ähnlich vorgehen, wenn es in der Sendung um Ihr Restaurant ginge?

Tim Raue: Ja, aber das machen wir doch eh ständig. Ich bin 25 meiner 48 Jahre Küchenchef und wäre kaum so lange erfolgreich, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Ansatz starten würde, mich und das Restaurant zu optimieren. Von daher macht der Restaurant-Retter gar nicht viel anders als der -Betreiber. Ich consulte mich an 222 Tagen, die ich zwischen all meinen Unternehmungen unterwegs bin, selbst.

Wenn Sie also maximal 143 Tage die Chance haben, Ihre Frau persönlich zu treffen – ist so eine Sendung dann auch ein bisschen We-Time für beide?

Tim Raue: Da haben Sie die falsche Vorstellung von Drehtagen und wieviel Gelegenheit zur Zweisamkeit sie bieten (lacht). Wir haben ein Beziehungsleben, das viele sich weder vorstellen können noch wollen, genießen die gemeinsame Zeit dafür halt umso mehr und bewusster.

Wie sieht ein gemeinsamer Feierabend bei Raues dann aus?

Katharina Raue: Wie bei normalen Paaren, die nach schwerem Arbeitstag gemeinsam essen, übern Tag reden, sich noch mal hinsetzen, entspannen, zu Bett gehen.

Tim Raue: Kein Halligalli! Und weil mir schleierhaft ist, was die Leute übers Kochen hinaus an mir finden, stehen wir auch nur zweimal pro Jahr auf red carpets und versuchen schon wegen unserer verschiedenen Lebensmittelpunkte Zeit gemeinsam zu genießen, und da gibt es ein Prinzip: keiner von uns beiden kocht. Auf gar keinen Fall!

Katharina Raue: Essen heißt bei uns zuhause daher, was Leckeres bestellen.

Tim Raue: Oder essen gehen, das machen wir natürlich auch sehr gern. Schon, weil man unsere Kollegen überall auf dem Planeten unterstützen sollte. Die haben’s nicht leicht gerade.

Raue - Der Restaurantretter

Was machen Tim und Katharina Raue (Foto: RTL/Pascal Buenning) eigentlich nach Feierabend? Ein Doppel-Interview (vorab erschienen bei DWDL) mit dem Sternekoch und seiner Geschäfts- und Ehepartnerin über die Arbeit mit oder ohne Kamera und wie da noch Platz für Raue – Restaurantretter bei RTL bleibt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Raue, Frau Raue – kann es sein, dass Sie mit der kreativ wie geschäftlich enorm zeit- und kraftraubenden Spitzengastronomie nicht ausgelastet sind?

Tim Raue: Katharina, es geht ums Geschäft, also du bitte!

Katharina Raue: Wir sind beide durchaus ausgelastet, aber wenn uns etwas über den Weg läuft, von dem wir beide glauben, dass es ebenso spannend wie erfolgsversprechend ist, machen wir es einfach zu gerne, um nein zu sagen.

Raue – Der Restaurantretter ist Ihnen also auch über den Weg gelaufen und erschien erfolgversprechend?

Tim Raue: So muss es gewesen sein, denn bei Fernsehformaten bin ich eher schwierig. Deshalb hatte ich auch lange gewartet, bevor ich bei Magenta TV mein erstes eigenes Format gemacht habe. Ich möchte mich darin nicht nur wiederfinden, sondern überzeugt sein, dass es funktioniert.

Wobei die Spitzengastronomie als arbeitsintensiv am Rande menschlicher Belastungsgrenzen gilt. Wie schaffen Sie es, jetzt noch ein TV-Format reinzuquetschen?

Tim Raue: Dazu muss man vor weg sagen, dass meine jetzige Frau Katharina mit dem Restaurant Tim Raue, das ich mit meiner Ex-Frau Marie-Anne führe, nichts zu tun hat. Dafür haben wir die Raue-Consulting, in der acht weitere Restaurants verhackstückt werden.

Sie müssen also nichts quetschen, sondern gut delegieren?

Tim Raue: Ich muss schon auch quetschen, kann aber womöglich etwas zeitintensiver arbeiten als andere.

Katharina Raue: Dafür hat mein Mann aber auch exzellente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die selbst dann exzellente Arbeit abliefern, wenn er nicht im Restaurant ist.

Tim Raue: Zum Glück habe ich die Fähigkeit, Menschen vertrauen zu können; nur so konnte ich schon sehr jung Küchenchef werden. Dass mir das nie gereicht hat, sieht man aber an den anderen Restaurants, die ich berate. Arbeit – selbst viel – ist für mich nichts, was ich machen muss, sondern Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Katharina Raue: Geht mir genauso. Ich arbeite, weil es mir Spaß macht, und wenn ich dafür Geld bekomme – umso besser. Aber Geld ist nie mein Antrieb.

Tim Raue: Und da ist es bei aller Bescheidenheit ein großes Glück, dass wir in unseren Jobs gut genug sind, um nicht nur darin tätig zu sein, sondern aktiv zu gestalten. Deshalb sind wir auch in der RTL-Sendung keine Marionetten, sondern haben von Anfang an darauf bestanden, die Fälle – im Einvernehmen mit dem Sender natürlich – auszusuchen oder abzulehnen.

Katharine Raue: Es geht dabei immer um ein größtmögliches Miteinander.

Tim Raue: Das im Arbeitsalltag des ganzen Teams herrscht. Wir sind keine Egoshooter, die sich für die Größten halten, sondern beziehen jene, denen wir vertrauen, in alle Prozesse ein. Deswegen war es wichtig, das mit meiner Frau zu machen; was Marketing, Gestaltung, soziale Medien angeht, ist sie mir einfach um Längen voraus. Ich kann gut und gern Hilfe von denen annehmen, die etwas besser können als ich.

Tim kreativ, Katharina betriebswirtschaftlich – das ist also die Arbeitsteilung beim Restaurantretter?

Katharina Raue: Fast, auch Betriebswirtschaft erfordert Kreativität und umgekehrt. Weil wir beide gestalterisch tätig sind, besteht die Arbeitsteilung eher darin, dass Tim alles kulinarisch schön macht und ich optisch. Dafür schauen wir uns im Vorfeld des Castings an, inwiefern sie bei den Kandidaten der Sendung funktioniert.

Gemeinsam?

Katharina Raue: Gemeinsam, aber das visuelle Konzept vom Restaurantretter folgt in aller Regel erst aufs kulinarische.

Tim Raue: Wobei der Name eigentlich das Einzige ist, was Rach, der Restauranttester ähnelt. Inhaltlich haben wir einen komplett anderen Ansatz.

Nämlich?

Katharina Raue: Wir bespielen unterschiedlichere Dimensionen und betrachten das Restaurant als Gesamterlebnisraum, den wir auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden wollen.

Tim Raue: Und zwar zu zweit auf 90 Minuten statt allein auf 45. Deshalb gehen wir tiefer in die Materie, arbeiten intensiver mit den Menschen und packen die Materie schon deshalb anders an, weil Gastronomie 2023 eine völlig andere ist als 2002 – gerade, was die Außendarstellung betrifft.

Katharina Raue: Außerdem haben sich die Gäste – nicht zuletzt durch die Pandemie – vom reinen Versorgungsdenken hin zu mehr Kost- und Küchenverständnis emanzipiert.

Tim Raue: Umso mehr wollen wir niemandem beim Scheitern zusehen, sondern suchen gezielt nach dem Potenzial, etwas bewegen, also überleben zu können.

Klingt gastronomisch, also fachlich. Wie hat sich denn das Kochfernsehen seit Christian Rachs Pionierarbeit verändert?

Tim Raue: Ich kann da nicht fürs Genre sprechen, aber wir nehmen uns mehr Zeit für die Bilder, arbeiten also nicht mit schnellen Schnitten, sondern Konzentration aufs Wesentliche. Momente brauchen Emotionen und umgekehrt, wir legen den Fokus auf den Menschen, ohne ihm dabei zusehen zu wollen, auf die Fresse zu fallen.

Haben Sie den Restauranttester seinerzeit als Referenzobjekt gesehen?

Tim Raue: Natürlich, es war schließlich ein Format, das über zehn Jahre hinweg grandios gelaufen ist und damit eine echte Benchmark, die wir damals – noch unabhängig voneinander – beide gern gesehen haben.

Katharina Raue: Räumlich getrennt, aber vereint in der Faszination fürs Format.

Tim Raue: Bei dem ich jedes Mal wieder aufs Neue den Kopf darüber schütteln musste, warum nahezu jeder ein Restaurant eröffnen kann, ohne die geringste Idee davon zu haben. Wie viel weniger Not und Tragödie würde es geben, wenn Restaurant-Betreiber ein Lehrberuf mit Abschluss wäre.

Katharina Raue: Ich höre es jetzt noch klatschen, so oft hat Tim als Restaurantretter die Hände überm Kopf zusammengeschlagen.

Sie halten es nicht mit dem amerikanischen Business-Modell fail, try again, fail better?

Katharina Raue: Doch, aber bitte mit einem Konzept, von dessen Erfolg man vorm Scheitern überzeugt war.

Tim Raue: Wir hatten diesbezüglich Kandidaten, die zwar das falsche Konzept am falschesten Ort mit dem falschesten Personal hatten, was eigentlich zu sinnfrei ist, um daran zu arbeiten. Aber wenn die Überzeugung der Betroffenen groß ist, kann man versuchen, kulinarisch und gestalterisch neue Zielgruppen zu fokussieren.

Katharina Raue: Wer auf die Frage nach denen antwortet, sie sei Jung und Alt oder für jeden Geschmack was dabei, hat schon verloren.

Tim Raue: Das Problem ist, dass finanzielle Sorgen schnell dazu führen, Basics wie Disziplin und Hygiene zu vernachlässigen. Aus diesem Strudel herauszukommen, ist extrem schwierig.

Und wie helfen Sie dabei, es doch zu schaffen?

Tim Raue: Durch positives Bestärken.

Katharina Raue: Das Besinnen auf eigene Stärken und Konzepte, die anfangs vielleicht vorhanden waren, aber dem Misserfolg zum Opfer gefallen sind.

Würden Sie ähnlich vorgehen, wenn es in der Sendung um Ihr Restaurant ginge?

Tim Raue: Ja, aber das machen wir doch eh ständig. Ich bin 25 meiner 48 Jahre Küchenchef und wäre kaum so lange erfolgreich, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Ansatz starten würde, mich und das Restaurant zu optimieren. Von daher macht der Restaurant-Retter gar nicht viel anders als der -Betreiber. Ich consulte mich an 222 Tagen, die ich zwischen all meinen Unternehmungen unterwegs bin, selbst.

Wenn Sie also maximal 143 Tage die Chance haben, Ihre Frau persönlich zu treffen – ist so eine Sendung dann auch ein bisschen We-Time für beide?

Tim Raue: Da haben Sie die falsche Vorstellung von Drehtagen und wieviel Gelegenheit zur Zweisamkeit sie bieten (lacht). Wir haben ein Beziehungsleben, das viele sich weder vorstellen können noch wollen, genießen die gemeinsame Zeit dafür halt umso mehr und bewusster.

Wie sieht ein gemeinsamer Feierabend bei Raues dann aus?

Katharina Raue: Wie bei normalen Paaren, die nach schwerem Arbeitstag gemeinsam essen, übern Tag reden, sich noch mal hinsetzen, entspannen, zu Bett gehen.

Tim Raue: Kein Halligalli! Und weil mir schleierhaft ist, was die Leute übers Kochen hinaus an mir finden, stehen wir auch nur zweimal pro Jahr auf red carpets und versuchen schon wegen unserer verschiedenen Lebensmittelpunkte Zeit gemeinsam zu genießen, und da gibt es ein Prinzip: keiner von uns beiden kocht. Auf gar keinen Fall!

Katharina Raue: Essen heißt bei uns zuhause daher, was Leckeres bestellen.

Tim Raue: Oder essen gehen, das machen wir natürlich auch sehr gern. Schon, weil man unsere Kollegen überall auf dem Planeten unterstützen sollte. Die haben’s nicht leicht gerade.


Janolis ESC & Beckers Boom

Die Gebrauchtwoche

TV

3. – 9. April

Da wachse also zusammen, was zusammengehört? Jahrelang haben Jan Böhmermann & Oli Schulz in ihrem Podcast Fest & Flauschig förmlich darum gebettelt, Moderatoren anstelle des Moderators zu werden, also Peter Urban beim ESC abzulösen. Da weder der berufsfröhliche LiLaLaune-Bär Frank Beckmann noch sein stocksteifgeschlagener NDR-Vorfahre Thomas Schreiber als Unterhaltungsverantwortliche für so viel Anarchie empfänglich waren, gehen Janoli allerdings ins Exil und moderieren beim ORF.

Zumindest in dessen Mediathek und beim österreichischen Jugendradio wird der, nun ja, „Gesangswettbewerb“ folglich modernisiert, während der NDR vermutlich darüber nachdenkt, Peter Illmann dafür aus der Rente zu holen. Von dort also, wo die Führungskräfte öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten finanziell so gut ausgestattet werden, dass sie fast schon an privatwirtschaftliche Privilegien-Träger (seltener: Trägerinnen) heranreichen, die aber schon zu Arbeitszeiten fürstlich entlohnt werden.

Das zeigte zuletzt ein Bericht des Bundesanzeigers über Boni-Zahlungen bei der Axel Springer SE. Jenem Konzern, dessen niederträchtige Belegschaft am Niedergang von Demokratie und Rechtsstaat herumschlagzeilt, dafür aber eher Kündigungen als Anerkennung erntet. Doch während Mathias Döpfner auf dem Rücken seiner Leute spart, gönnt er sich und seinesgleichen Sonderzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe. Na ja, so funktioniert halt der Turbokapitalismus, dem Bild und Welt das Wort schreiben.

Dass die Regenbogenkonkurrenz von Burda dem RTL-Spielzeug G+J nacheifert, sieben Magazine streicht und gelegentlich gar schwangere Redakteurinnen feuert, ist da schon kaum noch der Rede wert in einer Branche von vollumfänglich verlotterter Moral und Ethik. Deshalb kurz zu jemandem, der verglichen mit Shareholder-Verlegern von – man beachte die Diversität ihrer Vornamen: Martin Weiss bis Thomas Rabe geradezu heilig ist.

Die Frischwoche

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10. – 16. April

Seit Freitag läuft bei Apple TV+ die dreistündige Doku Boom Boom! The World vs. Boris Becker, und obwohl das Porträt des hochgestiegenen, tiefgefallenen Tennisspielers filmästhetisch eher konventionell geraten ist, erschafft Oscar-Preisträger Alex Gibney (Taxi zur Hölle) damit ein Meisterwerk personalisierter Beobachtung – und gewährt nebenbei Einblicke in die Abgründe des profitorientierten Spitzensports, die auch eine Sky-Doku kennzeichnen.

Sechs Jahre, nachdem ein irrer Spekulant den Dortmunder Teambus mit Nagelbomben angriff, um Kursverluste der BVB-Aktie zu provozieren, erzählt Der Anschlag mit einer erlesenen Auswahl Beteiligter, was er mit Mensch, Maschine, Fußball angestellt hat. Dazu passt abzüglich der Detonation die vierteilige ARD-Doku Tech-Titanen, worinndas Erste ab morgen in seiner Mediathek alles umwälzende Alpharüden der Marke Elon Musk porträtiert.

In deren Galerie wiederum hängt ab morgen auch die 4. Staffel der tollen Netflix-Serie Succession um eine ebenso rücksichtslose wie zerstrittene Mediendynastie, die nicht zufällig an Rupert Murdochs erinnert. Irgendwie mit Medien hat auch Irgendwas mit Medien zu tun, einer achtteiligen MDR-Mockumentary, die ab Freitag in der ARD-Mediathek der GenZ dabei zusieht, im Stromberg-Stil am Leistungsdruck der Multioptionsgesellschaft zu scheitern.

Und während sich die Sky-Serie A Town Called Malice Mittwoch mit surrealer Innbrunst aus der legalen in die illegale Wirtschaftskriminalität einer britischen Gang wechselt, die Mitte der Achtziger mit viel Musik versucht, an der Costa del Sol Fuß zu fassen, kopiert sich RTL tags zuvor selber und lässt statt (Christian) Rach als Restauranttester (Tim) Raue als Restaurantretter auf marode Küchen los. Kreativer zeigt sich daher mal wieder Apple.

Dort lugt Jennifer Garner als Star des Familienthrillers The Last Thing He Told Me ab Freitaag aus der Versenkung. Sieben Teile gibt es zwar keine Leichen, aber eine Zweitfamilie ihres verschollenen Mannes, den sie mithilfe seiner Tochter sucht. Zeitgleich eifert die neunjährige Jane dem gleichnamigen Vorbild Goodall nach, rettet gefährdete Tierarten und schwimmt damit ebenso am Rande des Mainstreams wie die deutsch-italienische ZDF-Serie The Gymnasts (Samstag, Mediathek) um junge Turnerinnen auf der Suche nach sich selbst.


Wednesdey, Blondshell, Daughter

Wednesday

Was an den Neunzigern toll war? Vor allem natürlich die kultivierte Wut über einen Hedonismus, der zu blind, zu taub, zu ignorant war für die offenkundige Erkenntnis, in welchem Tempo unsere Art zu Leben gerade gegen jede nur erdenkliche Wand fährt. Kein Wunder, dass die realitätsblinden Neunziger musikalische Protestbewegungen wie den Grunge hervorgebracht haben, der zwar zur melodramatischen Hülse verkam, aber genug Hoffnung in sich trug, um Epigonen zu erzeugen. Folgebewegungen wie Wednesday.

Mit schreiender Gitarre und verbissenen Drums trägt das Quintett die Fackel popkultureller Renitenz aus dem stockkonservativen North Carolina in die weite Welt des Alternative-Rocks und macht daraus ein Debütalbum, als träfe sich Heather Nova mit Donald Trump auf Kurt Cobains Grab zum Fight Club. Verantwortlich dafür ist Frontfrau Karly Hartzman, deren intimer Gesang sich so eindringlich über brachiale Steelguitar-Riffs legt, dass Country, Shoegaze, Punk und Trash auf Rat Saw God eine Einheit von dialektischer Eleganz bilden. Brutal schön.

Wednesday – Rat Saw God (Dead Oceans)

Blondshell

So richtig aus dem Quark ihrer Wurzeln kommt auch die New Yorkerin Sabrina Teitelbaum nicht, wenn sie das selbstbetitelte Debüt als Blondshell mit der groben Kraft älterer Riot-Grrrl-Disharmonien zerstückelt. Gemeinsam mit Bosh Rothman (Drums), Sam Stewart (Guitarre), Joe Kennedy (Bass & Keys) emanzipiert sich die 25-Jährige nämlich vom Schweinerock, den sie daheim in Manhattan hören musste, bleibt seiner Metrik allerdings so treu, dass daraus retrofuturistischer Indie-Noise-Pop wird.

Wie Wednesday lebt also auch Blondshell vom Widerspruch klanglicher Gegensätze. Wenn Olympus von toxischen Beziehungen erzählt, mögen Teitelbaums Worte wie “I wanna save myself you’re part of my addiction / I just keep you in the kitchen while I burn / Burn / Burn / Burn / Burn” nach Blitz und Donner klingen – dank ihrer pragmatisch ruhigen Stimme allerdings wirken selbst Brandbeschleuniger so tiefenentspannt, als sei das innere Chaos totenstill. Blondshell sedieren, Blondshell zerwühlen, Blondshell sind auf widersprüchliche Art großartig.

Blondshell – Blondshell (Partisan Records)

Daughter

Völlig frei von Widersprüchen ist demgegenüber auch 13 Jahre nach seiner Gründung das britische Trio Daughter. Die Hälfte ihres Daseins in der Folkrock genannten Mischung aus Tradition und Moderne haben sich Elena Tonra, Igor Haefeli und Remi Aguilella zuletzt Zeit fürs dritte Album gelassen. Jetzt liegt es vor. Und Stereo Mind Game gelingt dabei derselbe kleine Geniestreich wie auf den Platten zuvor: geschmeidig und gleichsam kantig zu klingen, also etwas mehr Moderne als Tradition zu verbreiten.

Wie eine hellere Variation von The XX schleicht Daughter durch Alternative-Harmonien von Toriamoshafter Hyperemotionalität, deren Streich- und Bläser-Einlagen keine Samples sind, sondern teils live im Schwimmbad eingespielt wurden und dem Ganzen damit orchestrale Sinnlichkeit verleihen, die ein fließender Sound bis hin zu Walgesängen unter Wasser zu drücken scheint. Auf Koks durch die Großstadt laufen sollte man zu den 12 Tracks nicht, aber das ist ja auch weder Tradition noch Moderne, sondern voll Neunziger.

Daughter – Stereo Mind Game (4AD)


Schweigers Kleber & Kempters Android

Die Gebrauchtwoche

TV

27. März – 2. April

Man muss die Jubiläumsfeste feiern, wie sie fallen, und heute fällt eines aus dem Hintergrund der Erinnerungskultur, das den Vordergrund geprägt hat wie kaum ein anderes der vergangenen 50 Jahre: am 3. April 1973 telefonierte der Motorola-Ingenieur Martin Cooper als erster Mensch mobil. Das New Yorker Ortsgespräch mit Riesen-Handy war inhaltlich zwar trivial, hinsichtlich der globalen Kommunikation allerdings weltbewegender als Mondlandung und Mauerfall zusammen.

Oder im Bedeutungsranking von Til Schweiger: fast so wichtig wie die Geburt dieses querdenkenden Manta-Manta-Mannomannes, dessen Ego gerade mal wieder auf Stierhodengröße angeschwollen ist. Er würde Klimakleber von der Straße reißen, pöbelte er in der Bild. Gut, vermutlich nicht seine eigenen, die er trotz weitestgehender Talentlosigkeit schauspielerisch fördert wie Adolf Hitler einst den Bau von Schweigers heißgeliebter Autobahn.

Einen Sascha Lobo würden beide nach seiner jeder Art von Machtergreifung für dessen Kritik an der Defensive deutscher Impf-Befürworter vermutlich ins Arbeitslager schicken. Und eine Laura Wontorra, die statt wie für deutsche Mädels schicklich Kind und Kegel zu hüten, auch noch als DSDL-Moderatorin arbeitet, gleich mit. In Schweigers schöner alter Film- und Fernsehwelt sollten Frauen, die nicht Schweiger heißen, aber ohnehin nur Posten als Bond-Girl oder Ansagerin kriegen.

Schon damit letzteres kein undeutsch entmannter Riccardo Simonetti machen muss – wie zum 60. Geburtstag des ZDF. Jenem Sender also, dem der RBB parallel das Studio fürs gemeinsame MittagsMagazin gekündigt hat, weil – tja… Til Schweiger würde, falls ihn AfD oder Bild fragen, sagen: solche kostenlosen Synergie-Effekte für den zwangsgebührfinanzierten Staatsfunk ebenso wenig Geld sparen wie ein Tempolimit Emissionen. Was also würde der schauspielerisch erfolgreichste Querdenker im Land von heute an sehenswert finden?

Die Frischwoche

0-Frischwoche

3. – 9. April

Die Erstausstrahlung von Dominik Grafs Kästner-Adaption Fabian ab sofort in der ZDF-Mediathek wohl schon deshalb nicht, weil ihm der Schriftsteller zu linksgrünversifft ist und der Regisseur zu ignorant – bucht der ihn doch in totaler Missachtung seiner Brillanz nie für seine Dramen. Auch die Krimi-Reihe mit Franziska Hartmann als psychisch labile Kripo-Beamtin Katharina Tempel im Zweiten ist nix für Schweiger – zu klug, zu woke, zu emanzipiert.

Gut gefallen könnte ihn hingegen die Arte-Reihe Evangelikale, würde sie den reaktionär-profitablen Christenkult nicht so kritisieren. Die Serien-Version der Eighties-Schnulze Grease, ab Freitag bei Paramount+, aber passt vermutlich schon deshalb in Schweigers Ideologie, weil Frauen damals noch nach der Pfeife echter Kerle wie ihm getanzt haben. Damit aber mal Schluss mit dieser Jammergestalt überkommener Traditionen und hin zu richtig guter Unterhaltung.

Tender Hearts zum Beispiel mit Friederike Kempter, die sich ab Donnerstag bei Sky über acht Folgen hinweg in einen Liebesroboter verliebt und dabei mehr über unsere Gesellschaft erzählt als – einmal noch! – Schweiger in seiner Gesamtsendezeit seit der Lindenstraßen. Die Comedy-Serie Ziemlich beste Schwiegermutter zeigt Mittwoch in der ARD-Mediathek, warum Fernsehen aus Frankreich selbst banale Themen gehaltvoll macht. Und Netflix beweist tags drauf mit der zehnteiligen Dark Comedy Beef über verbissene Streithammel, warum ähnliches für Südkorea gilt.

Eine kleinere Enttäuschung ist demgegenüber an selber Stelle der Achtteiler Transatlantic, in dem Anna Winger der deutschen Geschichte nach Deutschland 83/86 und Unorthodox rückwärts nach Marseille folgt, wo sie eine real existierende Fluchtorganisation beim Retten jüdischer Intellektueller anno 1940 beobachtet. Gut gemeint, aber zu rührig. Blieben stichpunktartig noch folgende Neustarts.

Free Vee zeigt ab Freitag die Mockumentary Jury Duty um Geschworene eines britischen Gerichts, die bis auf einen gecastet sind. In der Arte-Mediathek ist Desirée Nosbusch ab Donnerstag als Topanwältin Anna Conti aktiv. Funk schickt parallel dazu die Mystery-Serie Feelings bei Youtube online. Und wenn das ZDF am Sonntag einen Dr. Neiss als – tihi – Dr. Nice ins Herzkino schickt, ist dessen drolliger Name mal wieder wichtiger als aller Inhalt.


Takeshi’s Cashew, Deerhoof, A Certain Ratio

Takeshi’s Cashew

Wer in Erdkunde auch nur ein ab und zu mal zugehört hat, dürfte sich erinnern, dass Japan kein Bundesstaat Mexicos ist, Ostafrika nicht an der Küste Südamerikas liegt und Halle kein Stadtteil Wiens oder umgekehrt. Wer jetzt allerdings beim zweiten Album der österreich-deutschen Band Takeshi’s Cashew zuhört, könnte dies alles auch in Frage stellen. Das Instrumental-Sextett reist nämlich in jedem der elf Stücke von Asien über Arizona Richtung Fernost, sammelt dabei ergebnisoffen Sounds ein und verrührt sie zu einer Süßspeise von betörender Vielfalt.

Enter J’s Chamber heißt dieses Dessert, das aus dem Menü Hunderter Neuveröffentlichungen pro Woche heraussticht, ohne dafür das Rad des Pop neu zu erfinden. Auf filigrane Art beschwingt wie ihr Name, mischen Takeshi’s Cashew dafür Electrobeats jeder möglichen Herkunft mit Sitar, Flöten, Funkgitarre, kippen noch etwas psychedelischen Krautrock unter Dutzende von Percussions – fertig ist die retrofuturistische Partyzone einer Bühne am Rand großer Festivals, vor der sich alle Versprengten, Verirrten, Verlorenen zur Ekstase treffen. Versprochen!

Takeshi’s Cashew – Enter J’s Chamber (Laut & Luise)

Deerhoof

Dass der kalifornische Indierock von Deerhoof nach drei Jahrzehnten noch immer genau da zu finden ist, also abseits der großen Floors, Kanäle, Wahrnehmungsgrenzen, ist zwar eine Frechheit von epischem Ausmaß, hat aber natürlich auch ein bisschen damit zu tun, wie das Trio aus San Franzisko um den Schlagzeuger und Keyboarder Greg Saunier, nun ja: musiziert. Auf ihrem 19. Album Miracle-Level schreddern sie ihre International Pop Conspiracy schließlich abermals so brutal zum Noise, dass ein Tinnitus verglichen damit nach Belcanto klingt.

Weil Satomi Matsukakis japanisch-amerikanischer Gesang das jazzig verspielte Durcheinander mit luzider Schönheit überzuckert, vor allem aber, weil die verschobenen Riffs und Synths am Ende doch immer irgendwie zueinander finden, ist Deerhoof mit jeder neuen Platte ein frischerer Luftzug im Alternative-Rock. Und obwohl sich Vergleiche angesichts des Bandalters schlicht verbieten: Wenn sich Sonic Youth beim Hate-Sex auf Mescalin mit Madonna vermehren – so hinreißend durchgeknallt könnte das Baby brüllen.

Deerhoof – Miracle-Level (Cargo Records)

A Certain Ratio

Und damit zu einer Band, die sogar so lange existiert, dass der Titel ihres 13. Albums fünf Jahre jünger ist, zum Relikt der echten, also buchstäblichen Postpunk-Ära also, die seit 1977 ein Stück unterm Radar der Popkultur fliegen, aber Einflüsse versprüht haben wie andere Gruppen Titel mit “Love”. Davon finden sich im epischen Werk von A Certain Ratio gewiss auch ein paar. Zentraler ist aber ihr Anspruch, nahezu jeden feuilletonistisch pfiffigen Sound aufzulesen und einzuweben in ihr eklektisches Breitband-Œuvre.

Auf 1982 sind es folglich zu viele, um auch nur einige zu benennen. Mit kollaborativer Hilfe exquisiter Gäste wie Tony Quigley oder Ellen Beth Abdi haben Jez Kerr, Martin Moscrop und Donald Johnson ihren Avantgarde-Rock aus Manchester jedoch erneut so virtuos mit Funk, Jazz. Soul bis hin zu HipHop angereichert, dass die Veteranen jünger wirken als viele ihre Epigonen. Waiting on a Train zum Beispiel – als würde The Jam mit Sade und Kendrick Lamar rappen. Old goes young goes timeless goes immortal. Bitte hört niemals auf!

A Certain Radio – 1982 (PIAS)


Dieters Eckhart & Rabbit Holes

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. März

Juden? Bruhahhaahh. Von der linksgrünversifften Wokeness-Brigade lässt sich die salonantisemitische Comedyhaubitze Lisa Eckhart doch nicht vom rechten Rand verdrängen, soweit kommt’s noch. Was sie der AfD allerdings am Freitag ins braune Poesiealbum gepöbelt hat, können wir leider nur erahnen. Da hieß Lisa Eckhart Milli Probst und durfte die Grenze des Sagbaren mal nicht bei Nuhr im Ersten sprengen, sondern ganz woanders und gleichsam ums Eck: bei Nuhr im Zweiten.

In seiner baugleichen Parodie nämlich hetzte – wer sonst – Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royale fünf Klone von Dieter Nuhrs nationalliberaler Spaßbrigade auf Volksverrat von Feminismus übers Gendern bis hin zum Radfahren, und alle waren auf brutalstmögliche Art so authentisch, dass die schlimmste aller Pointen gar keiner bedurfte. „Wissen Sie, was ein Jude ist?“, fragt Milli aka Lisa also ins geifernde Publikum geistesgreise kostümierter Bild-Fans und nach einem Schnitt, der jede Interpretation offen lässt, lacht es Tränen.

Nach Robert Habecks lautstärktegedimmten Wutausbruch wider die eigene Koalition in den Tagesthemen zwei Tage zuvor, war es das Highlight der Fernsehwoche und damit sogar noch bemerkenswerter als, sagen wir: der angekündigte Rücktritt von Peter Urban als ewiger ESC-Moderator. Oder die Ankündigung des neuen Sportsenders Dyn, in vier Monaten das Fernsehen zu revolutionieren. Oder TikTok vorm Repräsentantenhaus.

Dort nämlich musste sich dessen Chef Shou Zi Chew gegen Vorwürfe à la Spionage, Phishing, Totalitarismus und Verbrechen wider die Jugend erwehren, und es zeigte sich auch jenseits der Tatsache, dass alle vier auf praktisch jedes soziale Netzwerk anwendbar sind: solche Shows bühnenreifer Hybris liefert nur die US-Politik. Da kann ab Samstag seit genau 60 Jahren selbst der deutsche Unterhaltungssender schlechthin nicht mithalten. Happy Birthday ZDF.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

27. März – 2. April

Das Programm des marktführenden Jubilars, passend zum 1. April: Die Show der Shows, ein (je nach Perspektive) Best- oder Worst-of von Dalli Dalli über 1, 2 oder 3 bis Wetten, dass…? und was halt so am Lagerfeuer der alten BRD zündelte. Der heutige Primetime-Film hingegen brennt im anderen Stammgehege, wenngleich Unbestechlich dort etwas beinahe Neues wagt: interne Ermittlungen, also innerhalb der Polizei, was in der Realität praktisch niemals Konsequenzen hat, als Krimi allerdings durchaus gehaltvoll ist.

Noch interessanter, weil gesellschaftlich relevanter scheint aber die Neo-Serie I Don’t Work here sein, ab Freitag vorab in der ZDF-Mediathek. Es geht darin um eine Patchwork-Familie im bundesdeutschen Vorstadtinferno, allerdings ohne erhobenen Zeigefinger, sondern Humor, der weder Schwarz noch Weiß ungeschoren lässt und dennoch Liebe für alle Beteiligten übrig hat. Hass gibt es demgegenüber in einer norwegischen Serie, in der es nur oberflächlich um Wölfe geht.

Bei Magenta machen die Bewohner eines Küstendorfes nämlich das scheue Waldtier fürs Verschwinden eines Jugendlichen verantwortlich. Dass die Wahrheit deutlich tiefer liegt, am Abgrund sozialer Konflikte aller Menschen vor Ort nämlich, macht Fenris ab heute sechs Teile lang bei Magenta TV extrem vielschichtig und spannend. Beides gilt zeitgleich noch ein bisschen mehr für die Paramount-Serie Rabbit Hole.

In dem nämlich steckt der New Yorker Wirtschaftsspion John Weir (Kiefger Sutherland), seit ihn die eigene Kindheit anfällig für Verschwörungsideologien gemacht hat. Nun scheinen sich viele davon zu bewahrheiten. Oder ist doch alles Realität? Wahn und Wahrheit virtuos miteinander ringen zu lassen – damit machen die Showrunner John Requa und Glenn Ficarra ihren Achtteiler zum aktuell überraschendsten Streamingformat 2023.

Das feministische SciFi-Experiment Die Gabe, ab Freitag bei Prime Video, oder der Fantasy-Horror Mayfair Witches, parallel bei Sky, haben’s da schwer, dieses Niveau zu halten, schaffen es aber einigermaßen. Umso mehr verweisen wir auf ein Stück Fernsehhistorie (heute, 22 Uhr, Arte) aus längst vergangener, sehr haltbarer Zeit: Wolfgang Petersens Die Konsequenz. Der BR hat sich 1977 aus der schwulen Erzählung geklinkt. Dieter Nuhr täte es heute wohl genauso oder würde AfD-kompatible Zoten darüber machen.


Heidenreich & Hoffmann: SZ & Lokales

Das Kleine im Großen im Kleinen

Heidenreich-Artikel

Als Ressortleitung der größten und wichtigsten überregionalen Tageszeitung in Deutschland, prägen Ulrike Heidenreich und René Hofmann (Foto: Sebastian Arlt) das lokale Bild der weltumspannenden Süddeutsche Zeitung. Sind sie damit damit Vorreiter:innen oder Außenseiter:innen? Ein Interview mit Blick über München sucht nach Antworten – die vorab im Medienmagazin Journalist erscheinen sind.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Heidenreich, Herr Hofmann – Sie leiten die Gemeinschaftsredaktion München-Region-Bayern der Süddeutschen Zeitung in einer Epoche voll globaler Krisen von Krieg übers Klima bis Inflation mit unmittelbarer Auswirkung aufs Lokale. Welche hat es auf die Berichterstattung im Weltdorf München und Umgebung?

Ulrike Heidenreich: Wie früher eigentlich: Das Kleine im Großen zu finden. Erst dieses Herunterbrechen vom Globalen, Nationalen aufs Regionale macht Lokaljournalismus interessant.

Und wird durch digitale, überall verfügbare Informationen in Echtzeit noch interessanter?

René Hofmann: Dadurch können fast alle Weltlagen im Lokalen Thema werden. Bestes Beispiel ist das Erdbeben in der Türkei und Syrien. Fliegen auch bayerische Helfer und Helferinnen dorthin? Wie geht die türkische und syrische Community bei uns damit um? Was ist am Münchner Flughafen los? Wie beim Krieg in der Ukraine hat so eine Katastrophe sehr direkte Auswirkungen auf unser Einzugsgebiet.

Heidenreich: Mir fiele jetzt auch keine einzige gesellschaftliche, politische Großwetterlage mehr ohne Einfluss auf uns hier ein.

Hofmann: Bei der man sich zurücklehnen könnte und denken, lass das mal andre verhandeln.

Hat sich also nur die Quantität heruntergebrochener Großwetterlagen verändert oder auch ihre Qualität, also die Art, sie lokal zu thematisieren?

Heidenreich: Inhaltlich hat sich in jedem Fall verändert, dass auch lokale Themen ferner Regionen überregional relevant werden, die man jetzt direkter ansprechen kann. Kürzlich zum Beispiel wurde ja über ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem auf 800 Einwohner 700 Geflüchtete kommen, berichtet. Da habe ich mich an eine Geschichte aus meiner Zeit als Bayern-Reporterin vor gut zehn Jahren aus der Nähe von Deggendorf erinnert, wo das Verhältnis noch deutlicher war. Es waren 900 Einwohner in dem Dorf und über 1000 Geflüchtete.

Und haben es für eine aktuelle Berichterstattung aufgegriffen?

Heidenreich: Die Geflüchteten sind inzwischen alle fortgezogen. Aber schon damals konnte man daran alle Probleme aufzeigen, die sich im politischen und sozialen Miteinander ergeben, von der praktischen Versorgungslage bis zur inneren Haltung. Das hat eine Wucht, mit der man menschlich, aber auch publizistisch viel in Bewegung setzen kann.

Hofmann: Ein anderes Beispiel, Geschichten abseits vom großen Radar weiterzuerzählen, ist unsere Kolumne „Typisch Deutsch“, wo ein Kollege im Herbst 2015 zunächst geflohene Journalisten darum gebeten hat, ihren Blick auf uns in der SZ darzustellen.

Heidenreich: Damals waren es vor allem syrische und nigerianische Kollegen, jetzt ist es auch eine ukrainische Kollegin, die eine ähnliche Kolumne hat.

Hofmann: Und das funktioniert schon deshalb wunderbar, weil es nicht nur Einblicke in deren Lebenswelten gewährt, sondern auch solche zurück auf uns, wie diese ehemaligen Neuankömmlinge Phänomene vom Oktoberfest bis zum Gassigehen also wahrnehmen.

Heidenreich: Wenn der syrische Kollege eine Stilkritik über den Verzehr von Schweinebraten mit Knödeln schreibt, ist das ja nicht nur informativ und unterhaltsam, sondern manchmal auch auf lustige Art entlarvend.

Hofmann: Das hilft besonders in den Landkreisen sehr dabei, zu zeigen, dass diese Menschen nicht nur gekommen, sondern geblieben sind.

Und wie findet das die lokale Kundschaft ländlicher Verbreitungsgebiete, die womöglich in ihrer Welt ein bisschen verkapselter und damit konservativer sind?

Hofmann: Weil SZ-Leserinnen und -Leser generell eine gewisse Offenheit mitbringen, ist die Resonanz grundsätzlich positiv, aber klar gibt es auch – nennen wir es mal: Verwunderung.

Heidenreich: Die meisten unserer lokalen Leserinnen und Leser verstehen das ironische Augenzwinkern solcher Geschichten schon. Sie wissen ja, warum sie die SZ abonniert haben und was sie mit ihr bekommen.

Und verspüren Sie beim Rest eine Art Erziehungsauftrag, ihm die Weite der Welt jenseits von Ober- und Niederbayern zu erklären?

Heidenreich: Erziehungsauftrag, oh je. Wer will als Erwachsener schon erzogen werden…

Hofmann: Damit muss man sehr aufpassen. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie fein die Antennen vieler Leserinnen und Leser sind, sobald wir versuchen, sie in irgendeine Richtung zu informieren, die als gewünscht empfunden werden könnte. Das hat unsere Objektivität noch gewissenhafter gemacht.

Heidenreich: Wir bilden nicht, wir bilden ab.

Auch, um es sich mit seiner zahlenden Kundschaft in Zeiten sinkender Abo-Erlöse und Kiosk-Verkäufe nicht zu verscherzen?

Heidenreich: Nicht, was die inhaltliche Berichterstattung betrifft. Wo wir auf sie zugehen, ist allenfalls die Art, wie wir mit unseren Leserinnen und Lesern in Dialog treten. Das betrifft aber nicht nur uns, sondern das ganze Haus. Ich war vorher in der Politik-Redaktion, René lange Sportreporter – seither sind wir hier wie dort verantwortungsbewusster beim Austausch mit unserem Publikum geworden.

Was sich worin zeigt?

Heidenreich: Dass wir oder die Social-Media-Abteilung Zuschriften oder Kommentare noch gewissenhafter und intensiver beantworten als früher.

Hofmann: Und dabei zu erklären, warum wir diesen oder jenen Zugang so und nicht anders gewählt haben. Da geht es nicht um Inhaltskorrektur, sondern um Transparenz.

Heidenreich: Runter von dieser unerreichbaren Elfenbeinturmspitze, aus der Redaktionen die Welt erklärt haben, ohne Rückfragen zuzulassen. Das gibt es schon lange nicht mehr.

Hofmann: Dieses selbstkritische Herangehen wird geschätzt, aber das wichtigste bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Sache an sich, also den Berichtsgegenständen. Deshalb ist das Feedback der Leserinnen und Leser auch eher positiv als negativ. Mit affirmativem Journalismus gewinnen Sie im Lokalen heutzutage nix.

Aber mit anteilnehmendem, interaktivem Journalismus. Geht der bei Ihnen auch Richtung Twitter-Charts oder Leserinnen-Kolumnen, um die Kundschaft redaktionell einzubinden?

Heidenreich: Wir arbeiten natürlich mit Dashboards, erkennen, wenn Geschichten von sehr großem Interesse sind, und legen dann vielleicht noch ein paar Geschichten und Longreads zu dem Thema nach. Aber am Produktionsprozess beteiligen wir die Leute nicht. Schließlich haben wir die gleichen journalistischen Grundsätze und Qualitätsanforderungen wie das gesamte Haus.

Zugleich wünschen sich die Menschen, was vielfach gepanelt wird, vom Lokaljournalismus Nähe und Geborgenheit. Fällt das einer überregionalen Zeitung wie der Süddeutschen, deren Fokus anders als bei Regionalblättern weit über den Tellerrand der Landkreise hinausgeht, schwerer?

Heidenreich: Wir machen da idealerweise gar keinen Unterschied zwischen SZ im Lokalen, Regionalen, Nationalen und Globalen. Alle Standbeine sind absolut gleichwertig und das Lokale und Regionale ist schon allein deshalb nicht weniger bedeutend, weil es vom Personal her das größte Ressort bei der SZ ist. Diese Gleichwertigkeit findet sich auch im Redaktionsstatut, dem Wertepapier des Redaktionsausschusses, dem publizistischen Kompass der Chefredaktion wieder. Die journalistischen Qualitätsansprüche sind – auch im Digitalen – identisch.

Hofmann: Wir wollen im Lokalen das Gleiche beherrschen wie überregional, also alle Stilformen von der Härte des Investigativen übers Packende der Reportage bis hin zum Leichten des Streiflichts beherrschen und nutzen. Gäbe es qualitativ und stilistisch von Ressort zu Ressort Unterschiede, dann würden die Leserinnen und Leser das schon deshalb seltsam finden, weil auf der Homepage alles nebeneinander zu finden ist. Je näher man München kommt, desto eher wird, glaube ich, ein gewisser SZ-Sound erwartet, aber das Gefühl dafür ist in allen Regionen ähnlich.

Erhebt die Süddeutsche, ob ihre Leser:innen sie eher wegen oder trotz der Lokalberichterstattung kaufen?

Heidenreich: Natürlich [blättert in Papieren]. Laut Marktforschungen ist der MRB-Teil, also die Ressorts München/Region/Bayern, die wir leiten, neben dem Politik-Teil der beliebteste der SZ. Als einzige überregionale Zeitung in Deutschland mit relevanter Regionalberichterstattung haben wir da ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Hofmann: Das allerdings auch Herausforderungen mit sich bringt, denn wir haben gleich von drei Seiten Konkurrenz: Auf Bundesebene von FAZ, taz und Welt, aber auch den Wochenmagazinen Stern, Spiegel, Die Zeit. Auf Landesebene vor allem vom Bayerischen Rundfunk, der als einziges Medium Bayerns ein – wenngleich deutlich – größeres Korrespondentennetz unterhält als wir. Und im Kernverbreitungsgebiet vor allem den Münchner Merkur, der im ländlichen Raum stark ist, und den Boulevardzeitungen Abendzeitung, tz und Bild. In der digitalen Welt ist es umso sportlicher, aber auch spannend, unser Versprechen, mit lokalem Herz in die Welt hinauszublicken, jeden Tag aufs Neue gerecht zu werden.

Und nach welcher Hierarchie-, womöglich gar Kommandostruktur agieren die verschiedenen Landes-, Lokal- und Regionalredaktionen da?

Heidenreich: Wir haben das gesamte Groß-Ressort in den vergangenen zwei Jahren komplett umstrukturiert, inklusive unserer neun Lokalredaktionen, um es angesichts von Etatkürzungen, Personalabbau und den Herausforderungen beim digitalen Wandel neu aufzustellen. Unsere Redakteurinnen und Redakteure müssen ja inzwischen Aufgaben stemmen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht erfunden waren. Die digitale Aufbereitung ist zusätzliche Arbeit.  Andererseits müssen sie sich nun weniger an der Konkurrenz wie etwa dem Münchner Merkur messen, der auf Kreisebene einfach breiter aufgestellt ist.

Mit welcher Folge?

Heidenreich: Dass wir nicht mehr auf jeder Gemeinderatssitzung präsent sein und die Sperrung jeder Sackgasse redaktionell begleiten müssen. Unsere Arbeit ist da eher themen- als ereignisorientiert.

Hofmann: Die Struktur ist dreigeteilt: die Bayern-Redaktion hat den Freistaat und die Landespolitik im Blick, die München-Redaktion kümmert sich um die das Geschehen in der Stadt und in der Region um diese herum sind wir in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Freising plus Erding mit Redaktionen präsent. Hab‘ ich jetzt eine vergessen?

Heidenreich: Bloß nicht!

Hofmann: Ja, den Landkreis München, natürlich. Alle Landkreisredaktionen sind trotz verschieden hoher Auflagen eigenständige Einheiten unterm MRB-Dach, also nicht in einen Pool organisiert. Wer draußen ist, hat das eigene Berichtsgebiet besser im Blick als wir. Im digitalen Zeitalter ist es jedoch wichtig, dass Stories, die in Haar im Landkreis München spielen, so gedacht werden, dass sie theoretisch auch in Hamburg Interesse finden. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Baumarkt-Kater aus Starnberg.

Alkohol oder Tier?

Hofmann: Ein Katzenmännchen, das sich jeden Tag im Baumarkt rumtreibt und abends wieder heimgeht. Früher hätte die Geschichte nur Leute in Starnberg erreicht, jetzt hatte sie inzwischen mehr eine Million Zugriffe auf unserer Homepage. Das mag eine kuriose Schmonzette sein, aber ähnlich wie die erste bayerische Gemeinde mit gegenderten Ortsschildern sorgt sie überregional für Interesse. Wir können zwar nicht mehr alles 360 Grad covern, müssen uns aber auf das konzentrieren, was Interesse findet. Und dafür geben wir den Kolleginnen und Kollegen vor Ort alle Freiheit, die sie brauchen.

Also auch die, bei Interesse doch jede Gemeinderatssitzung oder Sackgassensperrung zu besuchen?

Hofmann: Da geben wir keine Richtlinien vor. Dafür sind die Landkreise viel zu unterschiedlich und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort erfahren genug, um das selbst abzuwägen. Sie müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass man sich mit begrenzter Kapazität bei der Entscheidung für ein Thema im Zweifel gegen ein anderes entscheidet.

Heidenreich: Wobei die automatische Präsenzpflicht von früher schon deshalb nicht mehr nötig ist, weil wir die Print-Umfänge bei unserer Strukturreform reduziert haben. Das aus der Printlogik entstandene Konstrukt stand dem digitalen Wandel eher im Weg, als dass es ihn beförderte. Es brachte unsere Leute bei der Arbeitsbelastung an den Anschlag und entsprach nicht ihrem eigenen Anspruch. Durch starre Seiten-Vorgaben war die Redaktion gezwungen, Platz zu füllen, anstatt nach journalistischer Relevanz Inhalte auszuwählen. Durch diesen Zwang, lokalen Platz zu füllen, stand da mitunter nicht immer wirklich relevanter Stoff.

Hofmann: Na ja, nennen wir es mal „nicht so spannender“ (lacht).

Heidenreich: Wir haben vor unserer Reform eine Lesewertstudie gestartet und herausgefunden, dass solche Meldungen manchmal, nunja, äußerst niedrige Einschaltquoten haben. Für diese Resonanz nicht mehr ungeachtet journalistischer Relevanz Platz füllen zu müssen, ist für die Leute vor Ort eine Riesenentlastung.

Und wie viel Personal wurde dafür nun abgebaut?

Heidenreich: Das lässt sich nicht genau beziffern. Der Personalabbau betraf zum Beispiel Assistentinnen, die Tag für Tag Serviceseiten gefüllt haben – also ein Angebot, das sich im digitalen Zeitalter ebenfalls überholt hat. Für alle, die so etwas dennoch gern auf Papier möchten, bieten wir es halt nur noch ein, zweimal die Woche an.

Hofmann: Der personelle Abbau im Lokalen war anteilig zum Gesamthaus.

Heidenreich: Digital haben wir sogar Personal aufgebaut, weil die Nachfrage und Notwendigkeit massiv gewachsen ist.

Hofmann: Wir haben beispielsweise eine Kollegin für den Bereich Social Media. Es gibt auch jemand, der sich gezielt für die Suchmaschinen-Optimierung der Inhalte kümmert, die im Ressort entstehen. All das ist essenziell, um auf dem digitalen Marktplatz bestehen zu können. Diese Aufgaben und Stellen sind hinzugekommen.

Unterliegt Ihr Lokalteil eigentlich geringerem Selbstfinanzierungs-, also Rentabilitätsdruck als Konkurrenzblätter ohne derart lukrativen Mantel im Rücken?

Heidenreich: Die Frage klingt jetzt, als müsse uns der Mantel querfinanzieren… Wir erwirtschaften Erlöse dank unserer hohen Auflage im Kernverbreitungsbereich sogar auch noch durch gedruckte Werbung. Da kommt Einiges rein. Übrigens finanziert sich die SZ seit gut einem Jahr vollständig über die Einnahmen aus dem Verkauf in Print und Online, also durch den Vertrieb und nicht durch Anzeigen. Das gab es noch nie.

Hofmann: In einer prosperierenden Region wie München drängen außerdem gerade zur Weihnachtszeit erfreulich viele Unternehmen ins Werbegeschäft. Manchmal wird es dann mühsam, um die alle auf den Printseiten herum zu layouten.

Bringen solche Luxusprobleme auch mit sich, dass Ihre Lokalausgaben nicht den einen großen Werbepartner vieler Landkreise haben, über den sie besser nicht allzu kritisch berichtet, weil sein Verlust Riesenlöcher in den Etat reißen würde?

Hofmann: Natürlich gibt es große und wichtige Anzeigenkunden, aber um die kümmert sich die Anzeigenabteilung. Für unser Standing im Haus ist es sicher gut, dass das, was wir journalistisch bieten, auch einen ökonomischen Wert hat.

Heidenreich: Das ist die eine Seite. Um immer auf Augenhöhe zu sein, haben und fördern wir als Ressortleitung auch den redaktionsübergreifenden Personal-Austausch. Viele aus der Lokalredaktion wechseln in Mantel-Ressorts, umgekehrt geschieht dies auch, zuletzt zum Beispiel aus der Politik in den Bayern-Teil.

Ist das Bestandteil einer strukturellen Fluktuation?

Heidenreich: Natürlich gibt es in den Außenredaktionen Leute, die noch nicht in den großen Mantelressorts gearbeitet haben. Aber wir achten wirklich sehr drauf, dass unsere Leute auch für andere Ressorts schreiben – sei es als lokale Zulieferung von Geschichten in der Politik, sei es auf der Meinungsseite oder auch als eigene Geschichte auf der Seite Drei. Gerade zum Beispiel der Text mit dem hinreißenden Titel „Ein Mann für jeden Kuhfladen“ über Hubert Aiwanger, den bayerischen Wirtschaftsminister. Die Reportage haben unsere Bayern-Reporter Andreas Glas und Johann Osel gemeinsam mit Roman Deininger, dem SZ-Chefreporter, verfasst.  

Hofmann: Deshalb hat natürlich die Kollegin Carolin Fries aus der Redaktion Starnberg über den ersten Corona-Fall in Deutschland geschrieben, der dort aufgetreten war. Sie hatte die Kontakte, sie hatte die Informationen – was brauchte sie da noch?!

Offene Türen!

Hofmann: Genau. Dabei hilft zum Beispiel, dass die langjährige Leiterin der Redaktion in Erding jetzt in dem Team ist, das sich um die Titelseite und das Thema des Tages, also die zweite Zeitungsseite, kümmert. Dafür kümmert sich die ehemalige stellvertretende Nachrichtenchefin jetzt um Wirtschaftsthemen im München-Teil, weil sie wieder mehr inhaltlich arbeiten wollte. Ein erfahrener Sportkollege hat die Chance ergriffen, Polizeireporter im München-Teil zu werden, der Kollege, der sich hier schon um Kirchen-, Schul- und Umweltthemen gekümmert hat, ist dagegen jetzt im Wissen-Ressort. Durchlässigkeit in beide Richtungen finde ich schon deshalb gut, weil Erfahrungsaustausch immer hilfreich ist.

Das klingt jetzt, mit Verlaub, fast ein bisschen zu harmonisch für eine Qualitätszeitung, in dem einige Ressorts bundesweit höchstes Ansehen genießen, die – wie zuletzt im Falle Nico Frieds oder Frederick Obermaiers – entsprechend Personal an Konkurrenten verloren haben…

Hofmann und Heidenreich: (beide lachen) Bundesweites Ansehen genießt übrigens auch der MRB-Teil, denn wir bestücken täglich eine Seite auch für die Fernausgabe in Print. Und auf der Homepage stehen unsere Texte sowieso.

Gibt es hier wirklich keine Form von Mantel-Dünkel, die wahrnehmbarere, preiswürdigere, weltbedeutendere Arbeit zu leisten als das tägliche Brot im Lokalen?

Heidenreich: Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, müssten Sie mal morgens an der Konferenz aller Ressorts teilnehmen; da herrscht gegenseitige Wertschätzung, also auch für die kreative und gut recherchierte Arbeit der Lokalredaktionen.

Hofmann: Und als Sportredakteur, der freiwillig ins Lokale geht, bin ich doch das beste Beispiel, dass dieser Dünkel nicht existiert. Wir beiden haben vorher die Wochenendausgabe im Mantel koordiniert.

Heidenreich: Ich habe zu viele Stationen in verschiedenen Medienhäusern in verschiedenen Städten hinter mir, um Vorbehalte zu haben. Umso mehr achten wir drauf, den Stempel des Seppltums lokaler Geschichten gar nicht erst zuzulassen. Außerdem versuchen wir – da sind wir als Lokalredaktion sogar echte Vorreiter – möglichst viele Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen.

Hofmann: Dennoch darf man diesen Wechsel ins Lokale durchaus als Signal verstehen, dass das Pendel in beide Richtungen und wieder zurückschwingen darf. Aber das kann man nicht verordnen, sondern nur fördern – etwa, indem wir uns eine Kollegin mit der Seite Drei auf einer doppelten Stelle teilen. Die Idee kam übrigens von der Chefredaktion und beugt Stockwerksdenken vor.

Also Großkopferte, die sich für was Besseres halten?

Heidenreich: Die Silberrücken am Konferenztisch sind definitiv seltener geworden in den letzten 15, 20 Jahren, und das ist auch gut so.

Hofmann: Ein Prozess, den das Zusammenwachsen der Print- und Onlineredaktion beschleunigt hat. Das war ein echter – ohne dass es sozialistisch klingen soll – Gleichmacher.

Heidenreich: Wir haben vor einem halben Jahr den Podcast München persönlich gegründet, der mit exakt der gleichen Akkuratesse gepflegt wird wie die politischen Podcasts.

Aber wie ist es denn auf der horizontalen Ebene vor Ort: treten Ihre Lokalredakteur:innen gegenüber Kolleg:innen kleinerer Zeitungen bei den angesprochenen Gemeinderatssitzungen nicht manchmal großkopfert auf, weil man schließlich von der prächtigen SZ kommt?

Heidenreich: Interessante Frage, aber auf dem platten Land ist die SZ manchmal verglichen mit der Lokalzeitung gar nicht so wichtig, denn wir berichten ja nicht mehr über jede kleine Pressemeldung eines dort möglicherweise gewichtigen Amtsinhabers.

Aber aufregend ist schon, wenn die Süddeutsche vorbeikommt, oder?

Heidenreich: Allein durch die Höhe der Auflage genießen wir da ein gewisses Ansehen, das stimmt. Aber wie gesagt: Wir befinden uns nicht im Wettlauf um die größtmögliche Präsenz, sondern pflegen das, was wir als SZ mit digitaler Expertise am besten können. „Leuchtturmprojekte“ hört sich womöglich zwar auch wieder von oben herab an, aber sie stehen für das, was uns auszeichnet. Deshalb haben wir für unsere Kolleginnen und Kollegen ohne Redaktionsschließungen, aber durch beispielsweise Seiten, die von zwei benachbarten Redaktionen gemeinsam erstellt und eingehängt werden, Freiräume geschaffen, die sie nun für digitale Projekte nutzen können.

Dennoch ist das Arbeiten im Lokalen mit einer hohen Taktung wie in der Politik doch ein anderes als, sagen wir: im Feuilleton oder Wissen…

Hofmann: Ich bin 2000 von der Journalistenschule als Sportredakteur zur Süddeutschen Zeitung gekommen, und einmal im Jahr gab es die Redaktionsvollversammlung, wo immer die Klage geführt wurde, dass die Arbeitsbelastung im Lokalen so hoch sei. Das hab‘ ich mir ungefähr zehn Jahre lang angehört und meinte dann, im Sport ist die Arbeitsbelastung fast jeden Tag oft bis tief in den Abend genauso hoch.

Zuzüglich Wochenenden.

Hofmann: Jede Redaktion hat halt ihre Herausforderungen. Denken Sie an die Ministerpräsidenten-Konferenzen der Corona-Krise, wo das Politikressort bis spätnachts am Platz war. Weil wir jedoch gemerkt haben, dass diese Arbeitsbedingungen unsere eifrigsten Leute ausbrennen, haben wir in den letzten zwei Jahren gezielt darauf hingewirkt, sie – etwa durch Teilzeitmodelle und Freizeitausgleich – beherrschbar zu machen.

Mithilfe der ominösen Work-Life-Balance?

Hofmann: Ja, denn im Wettbewerb um die besten Köpfe müssen wir ihre Arbeit konkurrenzfähig organisieren. Dazu gehört allerdings auch, dass unsere Autorinnen und Autoren sich für ihre Geschichten die Zeit nehmen, die sie brauchen; nur dann sorgen sie auch im Digitalen für Zuspruch. Seit der thematische Vollversorgungsanspruch im Lokalen Geschichte ist, garantieren wir lieber, große Geschichten groß, wichtige Geschichten schnell und schöne Geschichten schön zu erzählen. Die Leute erwarten von uns gutes Story-Telling.

Alle Leute oder nur jüngere, während ältere noch etwas mehr am chronistenpflichtigen Lokaljournalismus früherer Jahre hängen?

Heidenreich: Alle, die auch alle von den Lesegewohnheiten der jeweils anderen profitieren.

Hofmann: Wenn wir, was unser Ziel ist, neue Leserschichten erschließen wollen, müssen wir diesen Weg gehen. Mit der Stadt hat sich ja auch ihr Umland radikal gewandelt. Weil Jahr für Jahr Zehntausende Menschen nach München ziehen, nimmt die durchschnittliche Verwurzelung ab. Dass jemand 30, 40, 50 Jahre in Feldkirchen wohnt, kommt inzwischen seltener vor, und dieser Fluktuation müssen wir gerecht werden.

Heidenreich: Weil sich die Lebens- und Arbeitswelten gewandelt haben, bilden wir sie seit langem schon urbaner ab, wozu auch gehört, das, was wir können, digital und analog gleichwertig zu verbreiten. Dafür wollen wir im Regional-Bereich auch eine Investigativ-Abteilung aufbauen, denn damit können wir dank unseres Ansehens ebenso punkten wie zum Beispiel in den Bereichen Gastronomie und Kulturberichterstattung.

Hofmann: Viele der Münchnerinnen und Münchner sind nicht mehr hier geboren, weniger als die Hälfte sind inzwischen in keiner kirchlichen Konfession mehr organisiert. Auf sowas muss man journalistisch eingehen.

Ohne die anderen 50 Prozent zu verschrecken.

Hofmann: Ja, wobei diejenigen, die wir schon haben, wahnsinnig treu sind und uns größtenteils durch alle Neuerungen folgen. Das hätte ich vorher nicht gedacht und das gibt uns viele Freiheiten, weniger verwurzelte Zielgruppen – etwa durchs Digitale oder Podcasts – zu gewinnen, um nicht hinter den Stand anderer Redaktionen zurückzufallen.

Wie sehr sind Sie beide denn in München verwurzelt?

Heidenreich: Ich bin in Bayern geboren, habe 1985 bei der Neuen Passauer Presse volontiert und arbeite seit 1996 bei der SZ, bin zwischendurch aber von Italien über Norddeutschland bis Ost-Berlin gut rumgekommen und spreche nicht mal Dialekt, wie Sie hören. Nach meiner Zeit im Politikressort und als Wochenendkoordinatorin wollte ich daher eigentlich auch gar nicht mehr unbedingt zurück ins Lokale, fühle mich hier jetzt aber sehr wohl.

Hofmann: Als Schüler habe ich bereits im Sublokalen der Würzburger Main-Post gearbeitet und kam 1995 an die Journalistenschule nach München, bin hier klassisch hängengeblieben, dann aber durch Themen wie Formel 1 oder Olympische Spiele ebenfalls viel rumgekommen.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Regional-Chefs denn da, dass Ihre Autorinnen und Autoren im eigenen Arbeitsumfeld verwurzelt sind?

Heidenreich: Man sollte die Leute schon kennen und auch ein bisschen mögen; das gilt ja in gewisser Weise auch umgekehrt. In München sind René und ich vermutlich bekannter als die Mantel-Chefredaktion und müssen uns entsprechend öfter mal sehen lassen. Deshalb war ich gestern auf der Gedächtnisveranstaltung mit Frank-Walter Steinmeier für die Weiße Rose und René beim Jahresempfang der Grünen.

Um zu berichten oder zu repräsentieren?

Heidenreich: Teils, teils, aber wenn wir irgendwo auftauchen, dann immer auch als Repräsentanten der SZ.

Könnte ein hervorragender Journalist aus Berlin oder Saarbrücken ohne Vorkenntnisse und Wurzeln über und aus Erding berichten?

Heidenreich: Klar, sofern er die Leute verstehen will und es auch kann. Buchstäblich! Denn obwohl ich selbst aus Bayern komme, war ich schon mal in Außenredaktionen und habe den harten Dialekt der Leute dort kaum verstanden (lacht).

Hofmann: Auch deshalb schickt die SZ all ihre Volontäre zum Lackmus-Test in die Landkreise, da gibt es dann beiderseits wundervolle Erfahrungen zu machen. Am Ende hängt es zwar immer vom Einzelnen ab, aber der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis ist Commitment mit der Region, den Menschen, ihren Themen.

Und wer sind dabei als Lokalteil Ihre Hauptkonkurrenten – kleine Kreiszeitungen, größere Regionalblätter, die Bild?

Heidenreich: Wir beobachten alles. Wenn wir zur Arbeit kommen, hat der MRB-Desk daher schon die erste Auswertung bayerischer Medien erstellt – aber nicht nur, um zu wissen, was die Konkurrenz macht, sondern um nachfolgende Berichterstattungen oder eventuell Kampagnen zu erspüren.

Hofmann: Wobei zur Konkurrenz nicht nur klassische Medien, sondern auch digitale zählen wie muenchen.de oder Instagram-Accounts, die besonders im Servicebereich interessante Sachen machen. Weil die wirtschaftliche Ausrichtung bei der Geschäftsführung liegt, sind wir dabei aber stets inhaltlich getrieben, also aus journalistischer Neugier. Unser Selbstbewusstsein ist groß genug, um zu sagen, dann setzen wir halt eigene Geschichten als andere weiterzuspinnen. Schon weil es nicht viele Quer-Leser gibt, die bei Bedarf eben eine andere Zeitung aus den stummen Verkäufern ziehen.

In denen Sie aber auch gar nicht immer liegen, oder? Am Bahnhof Berg am Laim jedenfalls gab es kein SZ-Fach…

Hofmann: Ausverkauft! (lacht) Wie immer!

Heidenreich: Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen, dass die Zeit der so genannten Stummen Verkäufer zuende geht. Auch die Zeit der Abendverkäufer, die abends durch die Bars und Restaurants gingen und Charles Schumann ihn gleich mal fünf Exemplare abgekauft hat, ist vorbei. Denn das hat sich leider alles nicht mehr rentiert.

Hofmann: Die Herausforderung unserer Marke an diesem Ort besteht deshalb darin, sie trotz Digitalisierung sichtbar im Ortsbild zu halten. Früher funktionierte das über Leser mit Zeitung in der Tram oder Studierenden-Abos. Heute werden wir zwar von mehr Menschen als früher gelesen, aber auf dem Smartphone bleibt es halt unauffällig.

Und wie lautet der Ausweg?

Hofmann: Fahrgastfernsehen zum Beispiel in der Trambahn, in Bussen oder der S-Bahn, wo die Süddeutsche Zeitung – wie auch der BR – Nachrichten präsentiert. Oder auch Kulturveranstaltungen, mit denen wir uns im Gespräch halten.

Trauern Sie der Nostalgie sichtbarer Zeitungen und Abendverkäufer nach?

Heidenreich: Ach, wer wie ich mit Print groß geworden ist, hat da doch ständig nostalgische Gefühle.

Hofmann: Aber wenn du abends spät auf einem Termin warst und morgens früh siehst, wie viele Menschen den Text gelesen haben, oder wenn bei Instagram zu deiner Glosse über Wiesen-Plakate die Herzchen nur so aufploppen – das sind neue Freuden, die den Verlust der alten mindestens kompensieren.

Aber auch die Gefahr des Click-Baitings mit sich bringen, also Resonanz um der Resonanz willen…

Heidenreich: Das ist wie überall Teil einer permanenten Diskussion im Haus. Unser Grundsatz lautet da: Wir orientieren uns an Zahlen, machen uns aber nicht zu ihren Sklaven.

Hofmann: Wir alle hier, mich eingeschlossen, freuen uns doch, wenn unsere Inhalte goutiert werden. Aber wir alle haben auch einen inneren Kompass, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Wichtig ist, dass das Bedeutsame auf jedem SZ-Kanal ausgespielt wird, wofür wir uns – auch wenn Ihnen das vielleicht wieder zu schön, um wahr zu sein klingt – dann entsprechend gemeinsam verantwortlich fühlen.

Und wofür fühlen sich alle hier in, sagen wir: zehn Jahren gemeinsam verantwortlich – die letzte große regionale Tageszeitung im Konkurrenzkampf mit ein paar Redaktionsgemeinschaften und Social Media?

Heidenreich: Untersuchungen in dieser Richtung führen regelmäßig zum Ergebnis, dass große Häuser wie die Süddeutsche bleiben, kleinere eher nicht. Aber um zu wissen, woran wir sind, wollen wir nun gemeinsam mit der Chefredaktion eine Perspektive für München-Region-Bayern 2030 erarbeiten. Denn am Ende ist alles davon abhängig. Auch, wohin jetzt schon Personal und Etats verschoben werden.

Hofmann: Im Lokalen wurde zuletzt jedenfalls deutlich mehr ausprobiert als im Überregionalen, da geht die Evolution weiter. Aber im Moment steht unsere Zeitung sehr solide auf ihren zwei Standbeinen.

Und bleiben sie mittelfristig beim lokalen Standbein?

Heidenreich: Bislang habe ich im Berufsleben in regelmäßigen Abständen mein Themengebiet und die Ressorts gewechselt und empfehle das auch anderen, weil es einem selbst und dem jeweiligen Medium guttut. Weil mein Job hier als Ressortleiterin aber mit unglaublich viel Personal verbunden ist, etwaeinem Viertel der SZ-Belegschaft, und man alle gut kennen muss, um eine sinnvolle Personalpolitik mit entsprechendem journalistischen Output zu leisten, könnte es für mich hier aber auch ein bisschen länger dauern.

Hofmann: Als ich hier angefangen habe, hatte ich das Lokale kaum auf dem Schirm. Aber in den vier Jahren habe ich darin und davon so viel gelernt, dass ich die ganze Welt tagtäglich im Kleinen spannend genug finde, um damit weiterzumachen. Der Rennfahrer Gerhard Berger meinte mal, in der Formel 1 erlebe man in fünf Jahren so viel wie andere im Leben. Dieses Gefühl habe ich hier manchmal auch.

Ulrike Heidenreich (*64), René Hofmann (*74)

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Interview: Jan Freitag

Frau Heidenreich, Herr Hofmann – Sie leiten die Gemeinschaftsredaktion München-Region-Bayern der Süddeutschen Zeitung in einer Epoche voll globaler Krisen von Krieg übers Klima bis Inflation mit unmittelbarer Auswirkung aufs Lokale. Welche hat es auf die Berichterstattung im Weltdorf München und Umgebung?

Ulrike Heidenreich: Wie früher eigentlich: Das Kleine im Großen zu finden. Erst dieses Herunterbrechen vom Globalen, Nationalen aufs Regionale macht Lokaljournalismus interessant.

Und wird durch digitale, überall verfügbare Informationen in Echtzeit noch interessanter?

René Hofmann: Dadurch können fast alle Weltlagen im Lokalen Thema werden. Bestes Beispiel ist das Erdbeben in der Türkei und Syrien. Fliegen auch bayerische Helfer und Helferinnen dorthin? Wie geht die türkische und syrische Community bei uns damit um? Was ist am Münchner Flughafen los? Wie beim Krieg in der Ukraine hat so eine Katastrophe sehr direkte Auswirkungen auf unser Einzugsgebiet.

Heidenreich: Mir fiele jetzt auch keine einzige gesellschaftliche, politische Großwetterlage mehr ohne Einfluss auf uns hier ein.

Hofmann: Bei der man sich zurücklehnen könnte und denken, lass das mal andre verhandeln.

Hat sich also nur die Quantität heruntergebrochener Großwetterlagen verändert oder auch ihre Qualität, also die Art, sie lokal zu thematisieren?

Heidenreich: Inhaltlich hat sich in jedem Fall verändert, dass auch lokale Themen ferner Regionen überregional relevant werden, die man jetzt direkter ansprechen kann. Kürzlich zum Beispiel wurde ja über ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, in dem auf 800 Einwohner 700 Geflüchtete kommen, berichtet. Da habe ich mich an eine Geschichte aus meiner Zeit als Bayern-Reporterin vor gut zehn Jahren aus der Nähe von Deggendorf erinnert, wo das Verhältnis noch deutlicher war. Es waren 900 Einwohner in dem Dorf und über 1000 Geflüchtete.

Und haben es für eine aktuelle Berichterstattung aufgegriffen?

Heidenreich: Die Geflüchteten sind inzwischen alle fortgezogen. Aber schon damals konnte man daran alle Probleme aufzeigen, die sich im politischen und sozialen Miteinander ergeben, von der praktischen Versorgungslage bis zur inneren Haltung. Das hat eine Wucht, mit der man menschlich, aber auch publizistisch viel in Bewegung setzen kann.

Hofmann: Ein anderes Beispiel, Geschichten abseits vom großen Radar weiterzuerzählen, ist unsere Kolumne „Typisch Deutsch“, wo ein Kollege im Herbst 2015 zunächst geflohene Journalisten darum gebeten hat, ihren Blick auf uns in der SZ darzustellen.

Heidenreich: Damals waren es vor allem syrische und nigerianische Kollegen, jetzt ist es auch eine ukrainische Kollegin, die eine ähnliche Kolumne hat.

Hofmann: Und das funktioniert schon deshalb wunderbar, weil es nicht nur Einblicke in deren Lebenswelten gewährt, sondern auch solche zurück auf uns, wie diese ehemaligen Neuankömmlinge Phänomene vom Oktoberfest bis zum Gassigehen also wahrnehmen.

Heidenreich: Wenn der syrische Kollege eine Stilkritik über den Verzehr von Schweinebraten mit Knödeln schreibt, ist das ja nicht nur informativ und unterhaltsam, sondern manchmal auch auf lustige Art entlarvend.

Hofmann: Das hilft besonders in den Landkreisen sehr dabei, zu zeigen, dass diese Menschen nicht nur gekommen, sondern geblieben sind.

Und wie findet das die lokale Kundschaft ländlicher Verbreitungsgebiete, die womöglich in ihrer Welt ein bisschen verkapselter und damit konservativer sind?

Hofmann: Weil SZ-Leserinnen und -Leser generell eine gewisse Offenheit mitbringen, ist die Resonanz grundsätzlich positiv, aber klar gibt es auch – nennen wir es mal: Verwunderung.

Heidenreich: Die meisten unserer lokalen Leserinnen und Leser verstehen das ironische Augenzwinkern solcher Geschichten schon. Sie wissen ja, warum sie die SZ abonniert haben und was sie mit ihr bekommen.

Und verspüren Sie beim Rest eine Art Erziehungsauftrag, ihm die Weite der Welt jenseits von Ober- und Niederbayern zu erklären?

Heidenreich: Erziehungsauftrag, oh je. Wer will als Erwachsener schon erzogen werden…

Hofmann: Damit muss man sehr aufpassen. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie fein die Antennen vieler Leserinnen und Leser sind, sobald wir versuchen, sie in irgendeine Richtung zu informieren, die als gewünscht empfunden werden könnte. Das hat unsere Objektivität noch gewissenhafter gemacht.

Heidenreich: Wir bilden nicht, wir bilden ab.

Auch, um es sich mit seiner zahlenden Kundschaft in Zeiten sinkender Abo-Erlöse und Kiosk-Verkäufe nicht zu verscherzen?

Heidenreich: Nicht, was die inhaltliche Berichterstattung betrifft. Wo wir auf sie zugehen, ist allenfalls die Art, wie wir mit unseren Leserinnen und Lesern in Dialog treten. Das betrifft aber nicht nur uns, sondern das ganze Haus. Ich war vorher in der Politik-Redaktion, René lange Sportreporter – seither sind wir hier wie dort verantwortungsbewusster beim Austausch mit unserem Publikum geworden.

Was sich worin zeigt?

Heidenreich: Dass wir oder die Social-Media-Abteilung Zuschriften oder Kommentare noch gewissenhafter und intensiver beantworten als früher.

Hofmann: Und dabei zu erklären, warum wir diesen oder jenen Zugang so und nicht anders gewählt haben. Da geht es nicht um Inhaltskorrektur, sondern um Transparenz.

Heidenreich: Runter von dieser unerreichbaren Elfenbeinturmspitze, aus der Redaktionen die Welt erklärt haben, ohne Rückfragen zuzulassen. Das gibt es schon lange nicht mehr.

Hofmann: Dieses selbstkritische Herangehen wird geschätzt, aber das wichtigste bleibt die kritische Auseinandersetzung mit der Sache an sich, also den Berichtsgegenständen. Deshalb ist das Feedback der Leserinnen und Leser auch eher positiv als negativ. Mit affirmativem Journalismus gewinnen Sie im Lokalen heutzutage nix.

Aber mit anteilnehmendem, interaktivem Journalismus. Geht der bei Ihnen auch Richtung Twitter-Charts oder Leserinnen-Kolumnen, um die Kundschaft redaktionell einzubinden?

Heidenreich: Wir arbeiten natürlich mit Dashboards, erkennen, wenn Geschichten von sehr großem Interesse sind, und legen dann vielleicht noch ein paar Geschichten und Longreads zu dem Thema nach. Aber am Produktionsprozess beteiligen wir die Leute nicht. Schließlich haben wir die gleichen journalistischen Grundsätze und Qualitätsanforderungen wie das gesamte Haus.

Zugleich wünschen sich die Menschen, was vielfach gepanelt wird, vom Lokaljournalismus Nähe und Geborgenheit. Fällt das einer überregionalen Zeitung wie der Süddeutschen, deren Fokus anders als bei Regionalblättern weit über den Tellerrand der Landkreise hinausgeht, schwerer?

Heidenreich: Wir machen da idealerweise gar keinen Unterschied zwischen SZ im Lokalen, Regionalen, Nationalen und Globalen. Alle Standbeine sind absolut gleichwertig und das Lokale und Regionale ist schon allein deshalb nicht weniger bedeutend, weil es vom Personal her das größte Ressort bei der SZ ist. Diese Gleichwertigkeit findet sich auch im Redaktionsstatut, dem Wertepapier des Redaktionsausschusses, dem publizistischen Kompass der Chefredaktion wieder. Die journalistischen Qualitätsansprüche sind – auch im Digitalen – identisch.

Hofmann: Wir wollen im Lokalen das Gleiche beherrschen wie überregional, also alle Stilformen von der Härte des Investigativen übers Packende der Reportage bis hin zum Leichten des Streiflichts beherrschen und nutzen. Gäbe es qualitativ und stilistisch von Ressort zu Ressort Unterschiede, dann würden die Leserinnen und Leser das schon deshalb seltsam finden, weil auf der Homepage alles nebeneinander zu finden ist. Je näher man München kommt, desto eher wird, glaube ich, ein gewisser SZ-Sound erwartet, aber das Gefühl dafür ist in allen Regionen ähnlich.

Erhebt die Süddeutsche, ob ihre Leser:innen sie eher wegen oder trotz der Lokalberichterstattung kaufen?

Heidenreich: Natürlich [blättert in Papieren]. Laut Marktforschungen ist der MRB-Teil, also die Ressorts München/Region/Bayern, die wir leiten, neben dem Politik-Teil der beliebteste der SZ. Als einzige überregionale Zeitung in Deutschland mit relevanter Regionalberichterstattung haben wir da ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Hofmann: Das allerdings auch Herausforderungen mit sich bringt, denn wir haben gleich von drei Seiten Konkurrenz: Auf Bundesebene von FAZ, taz und Welt, aber auch den Wochenmagazinen Stern, Spiegel, Die Zeit. Auf Landesebene vor allem vom Bayerischen Rundfunk, der als einziges Medium Bayerns ein – wenngleich deutlich – größeres Korrespondentennetz unterhält als wir. Und im Kernverbreitungsgebiet vor allem den Münchner Merkur, der im ländlichen Raum stark ist, und den Boulevardzeitungen Abendzeitung, tz und Bild. In der digitalen Welt ist es umso sportlicher, aber auch spannend, unser Versprechen, mit lokalem Herz in die Welt hinauszublicken, jeden Tag aufs Neue gerecht zu werden.

Und nach welcher Hierarchie-, womöglich gar Kommandostruktur agieren die verschiedenen Landes-, Lokal- und Regionalredaktionen da?

Heidenreich: Wir haben das gesamte Groß-Ressort in den vergangenen zwei Jahren komplett umstrukturiert, inklusive unserer neun Lokalredaktionen, um es angesichts von Etatkürzungen, Personalabbau und den Herausforderungen beim digitalen Wandel neu aufzustellen. Unsere Redakteurinnen und Redakteure müssen ja inzwischen Aufgaben stemmen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht erfunden waren. Die digitale Aufbereitung ist zusätzliche Arbeit.  Andererseits müssen sie sich nun weniger an der Konkurrenz wie etwa dem Münchner Merkur messen, der auf Kreisebene einfach breiter aufgestellt ist.

Mit welcher Folge?

Heidenreich: Dass wir nicht mehr auf jeder Gemeinderatssitzung präsent sein und die Sperrung jeder Sackgasse redaktionell begleiten müssen. Unsere Arbeit ist da eher themen- als ereignisorientiert.

Hofmann: Die Struktur ist dreigeteilt: die Bayern-Redaktion hat den Freistaat und die Landespolitik im Blick, die München-Redaktion kümmert sich um die das Geschehen in der Stadt und in der Region um diese herum sind wir in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Freising plus Erding mit Redaktionen präsent. Hab‘ ich jetzt eine vergessen?

Heidenreich: Bloß nicht!

Hofmann: Ja, den Landkreis München, natürlich. Alle Landkreisredaktionen sind trotz verschieden hoher Auflagen eigenständige Einheiten unterm MRB-Dach, also nicht in einen Pool organisiert. Wer draußen ist, hat das eigene Berichtsgebiet besser im Blick als wir. Im digitalen Zeitalter ist es jedoch wichtig, dass Stories, die in Haar im Landkreis München spielen, so gedacht werden, dass sie theoretisch auch in Hamburg Interesse finden. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer der Baumarkt-Kater aus Starnberg.

Alkohol oder Tier?

Hofmann: Ein Katzenmännchen, das sich jeden Tag im Baumarkt rumtreibt und abends wieder heimgeht. Früher hätte die Geschichte nur Leute in Starnberg erreicht, jetzt hatte sie inzwischen mehr eine Million Zugriffe auf unserer Homepage. Das mag eine kuriose Schmonzette sein, aber ähnlich wie die erste bayerische Gemeinde mit gegenderten Ortsschildern sorgt sie überregional für Interesse. Wir können zwar nicht mehr alles 360 Grad covern, müssen uns aber auf das konzentrieren, was Interesse findet. Und dafür geben wir den Kolleginnen und Kollegen vor Ort alle Freiheit, die sie brauchen.

Also auch die, bei Interesse doch jede Gemeinderatssitzung oder Sackgassensperrung zu besuchen?

Hofmann: Da geben wir keine Richtlinien vor. Dafür sind die Landkreise viel zu unterschiedlich und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort erfahren genug, um das selbst abzuwägen. Sie müssen sich aber darüber im Klaren sein, dass man sich mit begrenzter Kapazität bei der Entscheidung für ein Thema im Zweifel gegen ein anderes entscheidet.

Heidenreich: Wobei die automatische Präsenzpflicht von früher schon deshalb nicht mehr nötig ist, weil wir die Print-Umfänge bei unserer Strukturreform reduziert haben. Das aus der Printlogik entstandene Konstrukt stand dem digitalen Wandel eher im Weg, als dass es ihn beförderte. Es brachte unsere Leute bei der Arbeitsbelastung an den Anschlag und entsprach nicht ihrem eigenen Anspruch. Durch starre Seiten-Vorgaben war die Redaktion gezwungen, Platz zu füllen, anstatt nach journalistischer Relevanz Inhalte auszuwählen. Durch diesen Zwang, lokalen Platz zu füllen, stand da mitunter nicht immer wirklich relevanter Stoff.

Hofmann: Na ja, nennen wir es mal „nicht so spannender“ (lacht).

Heidenreich: Wir haben vor unserer Reform eine Lesewertstudie gestartet und herausgefunden, dass solche Meldungen manchmal, nunja, äußerst niedrige Einschaltquoten haben. Für diese Resonanz nicht mehr ungeachtet journalistischer Relevanz Platz füllen zu müssen, ist für die Leute vor Ort eine Riesenentlastung.

Und wie viel Personal wurde dafür nun abgebaut?

Heidenreich: Das lässt sich nicht genau beziffern. Der Personalabbau betraf zum Beispiel Assistentinnen, die Tag für Tag Serviceseiten gefüllt haben – also ein Angebot, das sich im digitalen Zeitalter ebenfalls überholt hat. Für alle, die so etwas dennoch gern auf Papier möchten, bieten wir es halt nur noch ein, zweimal die Woche an.

Hofmann: Der personelle Abbau im Lokalen war anteilig zum Gesamthaus.

Heidenreich: Digital haben wir sogar Personal aufgebaut, weil die Nachfrage und Notwendigkeit massiv gewachsen ist.

Hofmann: Wir haben beispielsweise eine Kollegin für den Bereich Social Media. Es gibt auch jemand, der sich gezielt für die Suchmaschinen-Optimierung der Inhalte kümmert, die im Ressort entstehen. All das ist essenziell, um auf dem digitalen Marktplatz bestehen zu können. Diese Aufgaben und Stellen sind hinzugekommen.

Unterliegt Ihr Lokalteil eigentlich geringerem Selbstfinanzierungs-, also Rentabilitätsdruck als Konkurrenzblätter ohne derart lukrativen Mantel im Rücken?

Heidenreich: Die Frage klingt jetzt, als müsse uns der Mantel querfinanzieren… Wir erwirtschaften Erlöse dank unserer hohen Auflage im Kernverbreitungsbereich sogar auch noch durch gedruckte Werbung. Da kommt Einiges rein. Übrigens finanziert sich die SZ seit gut einem Jahr vollständig über die Einnahmen aus dem Verkauf in Print und Online, also durch den Vertrieb und nicht durch Anzeigen. Das gab es noch nie.

Hofmann: In einer prosperierenden Region wie München drängen außerdem gerade zur Weihnachtszeit erfreulich viele Unternehmen ins Werbegeschäft. Manchmal wird es dann mühsam, um die alle auf den Printseiten herum zu layouten.

Bringen solche Luxusprobleme auch mit sich, dass Ihre Lokalausgaben nicht den einen großen Werbepartner vieler Landkreise haben, über den sie besser nicht allzu kritisch berichtet, weil sein Verlust Riesenlöcher in den Etat reißen würde?

Hofmann: Natürlich gibt es große und wichtige Anzeigenkunden, aber um die kümmert sich die Anzeigenabteilung. Für unser Standing im Haus ist es sicher gut, dass das, was wir journalistisch bieten, auch einen ökonomischen Wert hat.

Heidenreich: Das ist die eine Seite. Um immer auf Augenhöhe zu sein, haben und fördern wir als Ressortleitung auch den redaktionsübergreifenden Personal-Austausch. Viele aus der Lokalredaktion wechseln in Mantel-Ressorts, umgekehrt geschieht dies auch, zuletzt zum Beispiel aus der Politik in den Bayern-Teil.

Ist das Bestandteil einer strukturellen Fluktuation?

Heidenreich: Natürlich gibt es in den Außenredaktionen Leute, die noch nicht in den großen Mantelressorts gearbeitet haben. Aber wir achten wirklich sehr drauf, dass unsere Leute auch für andere Ressorts schreiben – sei es als lokale Zulieferung von Geschichten in der Politik, sei es auf der Meinungsseite oder auch als eigene Geschichte auf der Seite Drei. Gerade zum Beispiel der Text mit dem hinreißenden Titel „Ein Mann für jeden Kuhfladen“ über Hubert Aiwanger, den bayerischen Wirtschaftsminister. Die Reportage haben unsere Bayern-Reporter Andreas Glas und Johann Osel gemeinsam mit Roman Deininger, dem SZ-Chefreporter, verfasst.  

Hofmann: Deshalb hat natürlich die Kollegin Carolin Fries aus der Redaktion Starnberg über den ersten Corona-Fall in Deutschland geschrieben, der dort aufgetreten war. Sie hatte die Kontakte, sie hatte die Informationen – was brauchte sie da noch?!

Offene Türen!

Hofmann: Genau. Dabei hilft zum Beispiel, dass die langjährige Leiterin der Redaktion in Erding jetzt in dem Team ist, das sich um die Titelseite und das Thema des Tages, also die zweite Zeitungsseite, kümmert. Dafür kümmert sich die ehemalige stellvertretende Nachrichtenchefin jetzt um Wirtschaftsthemen im München-Teil, weil sie wieder mehr inhaltlich arbeiten wollte. Ein erfahrener Sportkollege hat die Chance ergriffen, Polizeireporter im München-Teil zu werden, der Kollege, der sich hier schon um Kirchen-, Schul- und Umweltthemen gekümmert hat, ist dagegen jetzt im Wissen-Ressort. Durchlässigkeit in beide Richtungen finde ich schon deshalb gut, weil Erfahrungsaustausch immer hilfreich ist.

Das klingt jetzt, mit Verlaub, fast ein bisschen zu harmonisch für eine Qualitätszeitung, in dem einige Ressorts bundesweit höchstes Ansehen genießen, die – wie zuletzt im Falle Nico Frieds oder Frederick Obermaiers – entsprechend Personal an Konkurrenten verloren haben…

Hofmann und Heidenreich: (beide lachen) Bundesweites Ansehen genießt übrigens auch der MRB-Teil, denn wir bestücken täglich eine Seite auch für die Fernausgabe in Print. Und auf der Homepage stehen unsere Texte sowieso.

Gibt es hier wirklich keine Form von Mantel-Dünkel, die wahrnehmbarere, preiswürdigere, weltbedeutendere Arbeit zu leisten als das tägliche Brot im Lokalen?

Heidenreich: Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, müssten Sie mal morgens an der Konferenz aller Ressorts teilnehmen; da herrscht gegenseitige Wertschätzung, also auch für die kreative und gut recherchierte Arbeit der Lokalredaktionen.

Hofmann: Und als Sportredakteur, der freiwillig ins Lokale geht, bin ich doch das beste Beispiel, dass dieser Dünkel nicht existiert. Wir beiden haben vorher die Wochenendausgabe im Mantel koordiniert.

Heidenreich: Ich habe zu viele Stationen in verschiedenen Medienhäusern in verschiedenen Städten hinter mir, um Vorbehalte zu haben. Umso mehr achten wir drauf, den Stempel des Seppltums lokaler Geschichten gar nicht erst zuzulassen. Außerdem versuchen wir – da sind wir als Lokalredaktion sogar echte Vorreiter – möglichst viele Frauen aus der Teilzeitfalle zu holen.

Hofmann: Dennoch darf man diesen Wechsel ins Lokale durchaus als Signal verstehen, dass das Pendel in beide Richtungen und wieder zurückschwingen darf. Aber das kann man nicht verordnen, sondern nur fördern – etwa, indem wir uns eine Kollegin mit der Seite Drei auf einer doppelten Stelle teilen. Die Idee kam übrigens von der Chefredaktion und beugt Stockwerksdenken vor.

Also Großkopferte, die sich für was Besseres halten?

Heidenreich: Die Silberrücken am Konferenztisch sind definitiv seltener geworden in den letzten 15, 20 Jahren, und das ist auch gut so.

Hofmann: Ein Prozess, den das Zusammenwachsen der Print- und Onlineredaktion beschleunigt hat. Das war ein echter – ohne dass es sozialistisch klingen soll – Gleichmacher.

Heidenreich: Wir haben vor einem halben Jahr den Podcast München persönlich gegründet, der mit exakt der gleichen Akkuratesse gepflegt wird wie die politischen Podcasts.

Aber wie ist es denn auf der horizontalen Ebene vor Ort: treten Ihre Lokalredakteur:innen gegenüber Kolleg:innen kleinerer Zeitungen bei den angesprochenen Gemeinderatssitzungen nicht manchmal großkopfert auf, weil man schließlich von der prächtigen SZ kommt?

Heidenreich: Interessante Frage, aber auf dem platten Land ist die SZ manchmal verglichen mit der Lokalzeitung gar nicht so wichtig, denn wir berichten ja nicht mehr über jede kleine Pressemeldung eines dort möglicherweise gewichtigen Amtsinhabers.

Aber aufregend ist schon, wenn die Süddeutsche vorbeikommt, oder?

Heidenreich: Allein durch die Höhe der Auflage genießen wir da ein gewisses Ansehen, das stimmt. Aber wie gesagt: Wir befinden uns nicht im Wettlauf um die größtmögliche Präsenz, sondern pflegen das, was wir als SZ mit digitaler Expertise am besten können. „Leuchtturmprojekte“ hört sich womöglich zwar auch wieder von oben herab an, aber sie stehen für das, was uns auszeichnet. Deshalb haben wir für unsere Kolleginnen und Kollegen ohne Redaktionsschließungen, aber durch beispielsweise Seiten, die von zwei benachbarten Redaktionen gemeinsam erstellt und eingehängt werden, Freiräume geschaffen, die sie nun für digitale Projekte nutzen können.

Dennoch ist das Arbeiten im Lokalen mit einer hohen Taktung wie in der Politik doch ein anderes als, sagen wir: im Feuilleton oder Wissen…

Hofmann: Ich bin 2000 von der Journalistenschule als Sportredakteur zur Süddeutschen Zeitung gekommen, und einmal im Jahr gab es die Redaktionsvollversammlung, wo immer die Klage geführt wurde, dass die Arbeitsbelastung im Lokalen so hoch sei. Das hab‘ ich mir ungefähr zehn Jahre lang angehört und meinte dann, im Sport ist die Arbeitsbelastung fast jeden Tag oft bis tief in den Abend genauso hoch.

Zuzüglich Wochenenden.

Hofmann: Jede Redaktion hat halt ihre Herausforderungen. Denken Sie an die Ministerpräsidenten-Konferenzen der Corona-Krise, wo das Politikressort bis spätnachts am Platz war. Weil wir jedoch gemerkt haben, dass diese Arbeitsbedingungen unsere eifrigsten Leute ausbrennen, haben wir in den letzten zwei Jahren gezielt darauf hingewirkt, sie – etwa durch Teilzeitmodelle und Freizeitausgleich – beherrschbar zu machen.

Mithilfe der ominösen Work-Life-Balance?

Hofmann: Ja, denn im Wettbewerb um die besten Köpfe müssen wir ihre Arbeit konkurrenzfähig organisieren. Dazu gehört allerdings auch, dass unsere Autorinnen und Autoren sich für ihre Geschichten die Zeit nehmen, die sie brauchen; nur dann sorgen sie auch im Digitalen für Zuspruch. Seit der thematische Vollversorgungsanspruch im Lokalen Geschichte ist, garantieren wir lieber, große Geschichten groß, wichtige Geschichten schnell und schöne Geschichten schön zu erzählen. Die Leute erwarten von uns gutes Story-Telling.

Alle Leute oder nur jüngere, während ältere noch etwas mehr am chronistenpflichtigen Lokaljournalismus früherer Jahre hängen?

Heidenreich: Alle, die auch alle von den Lesegewohnheiten der jeweils anderen profitieren.

Hofmann: Wenn wir, was unser Ziel ist, neue Leserschichten erschließen wollen, müssen wir diesen Weg gehen. Mit der Stadt hat sich ja auch ihr Umland radikal gewandelt. Weil Jahr für Jahr Zehntausende Menschen nach München ziehen, nimmt die durchschnittliche Verwurzelung ab. Dass jemand 30, 40, 50 Jahre in Feldkirchen wohnt, kommt inzwischen seltener vor, und dieser Fluktuation müssen wir gerecht werden.

Heidenreich: Weil sich die Lebens- und Arbeitswelten gewandelt haben, bilden wir sie seit langem schon urbaner ab, wozu auch gehört, das, was wir können, digital und analog gleichwertig zu verbreiten. Dafür wollen wir im Regional-Bereich auch eine Investigativ-Abteilung aufbauen, denn damit können wir dank unseres Ansehens ebenso punkten wie zum Beispiel in den Bereichen Gastronomie und Kulturberichterstattung.

Hofmann: Viele der Münchnerinnen und Münchner sind nicht mehr hier geboren, weniger als die Hälfte sind inzwischen in keiner kirchlichen Konfession mehr organisiert. Auf sowas muss man journalistisch eingehen.

Ohne die anderen 50 Prozent zu verschrecken.

Hofmann: Ja, wobei diejenigen, die wir schon haben, wahnsinnig treu sind und uns größtenteils durch alle Neuerungen folgen. Das hätte ich vorher nicht gedacht und das gibt uns viele Freiheiten, weniger verwurzelte Zielgruppen – etwa durchs Digitale oder Podcasts – zu gewinnen, um nicht hinter den Stand anderer Redaktionen zurückzufallen.

Wie sehr sind Sie beide denn in München verwurzelt?

Heidenreich: Ich bin in Bayern geboren, habe 1985 bei der Neuen Passauer Presse volontiert und arbeite seit 1996 bei der SZ, bin zwischendurch aber von Italien über Norddeutschland bis Ost-Berlin gut rumgekommen und spreche nicht mal Dialekt, wie Sie hören. Nach meiner Zeit im Politikressort und als Wochenendkoordinatorin wollte ich daher eigentlich auch gar nicht mehr unbedingt zurück ins Lokale, fühle mich hier jetzt aber sehr wohl.

Hofmann: Als Schüler habe ich bereits im Sublokalen der Würzburger Main-Post gearbeitet und kam 1995 an die Journalistenschule nach München, bin hier klassisch hängengeblieben, dann aber durch Themen wie Formel 1 oder Olympische Spiele ebenfalls viel rumgekommen.

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Regional-Chefs denn da, dass Ihre Autorinnen und Autoren im eigenen Arbeitsumfeld verwurzelt sind?

Heidenreich: Man sollte die Leute schon kennen und auch ein bisschen mögen; das gilt ja in gewisser Weise auch umgekehrt. In München sind René und ich vermutlich bekannter als die Mantel-Chefredaktion und müssen uns entsprechend öfter mal sehen lassen. Deshalb war ich gestern auf der Gedächtnisveranstaltung mit Frank-Walter Steinmeier für die Weiße Rose und René beim Jahresempfang der Grünen.

Um zu berichten oder zu repräsentieren?

Heidenreich: Teils, teils, aber wenn wir irgendwo auftauchen, dann immer auch als Repräsentanten der SZ.

Könnte ein hervorragender Journalist aus Berlin oder Saarbrücken ohne Vorkenntnisse und Wurzeln über und aus Erding berichten?

Heidenreich: Klar, sofern er die Leute verstehen will und es auch kann. Buchstäblich! Denn obwohl ich selbst aus Bayern komme, war ich schon mal in Außenredaktionen und habe den harten Dialekt der Leute dort kaum verstanden (lacht).

Hofmann: Auch deshalb schickt die SZ all ihre Volontäre zum Lackmus-Test in die Landkreise, da gibt es dann beiderseits wundervolle Erfahrungen zu machen. Am Ende hängt es zwar immer vom Einzelnen ab, aber der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis ist Commitment mit der Region, den Menschen, ihren Themen.

Und wer sind dabei als Lokalteil Ihre Hauptkonkurrenten – kleine Kreiszeitungen, größere Regionalblätter, die Bild?

Heidenreich: Wir beobachten alles. Wenn wir zur Arbeit kommen, hat der MRB-Desk daher schon die erste Auswertung bayerischer Medien erstellt – aber nicht nur, um zu wissen, was die Konkurrenz macht, sondern um nachfolgende Berichterstattungen oder eventuell Kampagnen zu erspüren.

Hofmann: Wobei zur Konkurrenz nicht nur klassische Medien, sondern auch digitale zählen wie muenchen.de oder Instagram-Accounts, die besonders im Servicebereich interessante Sachen machen. Weil die wirtschaftliche Ausrichtung bei der Geschäftsführung liegt, sind wir dabei aber stets inhaltlich getrieben, also aus journalistischer Neugier. Unser Selbstbewusstsein ist groß genug, um zu sagen, dann setzen wir halt eigene Geschichten als andere weiterzuspinnen. Schon weil es nicht viele Quer-Leser gibt, die bei Bedarf eben eine andere Zeitung aus den stummen Verkäufern ziehen.

In denen Sie aber auch gar nicht immer liegen, oder? Am Bahnhof Berg am Laim jedenfalls gab es kein SZ-Fach…

Hofmann: Ausverkauft! (lacht) Wie immer!

Heidenreich: Wir überlegen noch, wie wir damit umgehen, dass die Zeit der so genannten Stummen Verkäufer zuende geht. Auch die Zeit der Abendverkäufer, die abends durch die Bars und Restaurants gingen und Charles Schumann ihn gleich mal fünf Exemplare abgekauft hat, ist vorbei. Denn das hat sich leider alles nicht mehr rentiert.

Hofmann: Die Herausforderung unserer Marke an diesem Ort besteht deshalb darin, sie trotz Digitalisierung sichtbar im Ortsbild zu halten. Früher funktionierte das über Leser mit Zeitung in der Tram oder Studierenden-Abos. Heute werden wir zwar von mehr Menschen als früher gelesen, aber auf dem Smartphone bleibt es halt unauffällig.

Und wie lautet der Ausweg?

Hofmann: Fahrgastfernsehen zum Beispiel in der Trambahn, in Bussen oder der S-Bahn, wo die Süddeutsche Zeitung – wie auch der BR – Nachrichten präsentiert. Oder auch Kulturveranstaltungen, mit denen wir uns im Gespräch halten.

Trauern Sie der Nostalgie sichtbarer Zeitungen und Abendverkäufer nach?

Heidenreich: Ach, wer wie ich mit Print groß geworden ist, hat da doch ständig nostalgische Gefühle.

Hofmann: Aber wenn du abends spät auf einem Termin warst und morgens früh siehst, wie viele Menschen den Text gelesen haben, oder wenn bei Instagram zu deiner Glosse über Wiesen-Plakate die Herzchen nur so aufploppen – das sind neue Freuden, die den Verlust der alten mindestens kompensieren.

Aber auch die Gefahr des Click-Baitings mit sich bringen, also Resonanz um der Resonanz willen…

Heidenreich: Das ist wie überall Teil einer permanenten Diskussion im Haus. Unser Grundsatz lautet da: Wir orientieren uns an Zahlen, machen uns aber nicht zu ihren Sklaven.

Hofmann: Wir alle hier, mich eingeschlossen, freuen uns doch, wenn unsere Inhalte goutiert werden. Aber wir alle haben auch einen inneren Kompass, Qualität von Quantität zu unterscheiden. Wichtig ist, dass das Bedeutsame auf jedem SZ-Kanal ausgespielt wird, wofür wir uns – auch wenn Ihnen das vielleicht wieder zu schön, um wahr zu sein klingt – dann entsprechend gemeinsam verantwortlich fühlen.

Und wofür fühlen sich alle hier in, sagen wir: zehn Jahren gemeinsam verantwortlich – die letzte große regionale Tageszeitung im Konkurrenzkampf mit ein paar Redaktionsgemeinschaften und Social Media?

Heidenreich: Untersuchungen in dieser Richtung führen regelmäßig zum Ergebnis, dass große Häuser wie die Süddeutsche bleiben, kleinere eher nicht. Aber um zu wissen, woran wir sind, wollen wir nun gemeinsam mit der Chefredaktion eine Perspektive für München-Region-Bayern 2030 erarbeiten. Denn am Ende ist alles davon abhängig. Auch, wohin jetzt schon Personal und Etats verschoben werden.

Hofmann: Im Lokalen wurde zuletzt jedenfalls deutlich mehr ausprobiert als im Überregionalen, da geht die Evolution weiter. Aber im Moment steht unsere Zeitung sehr solide auf ihren zwei Standbeinen.

Und bleiben sie mittelfristig beim lokalen Standbein?

Heidenreich: Bislang habe ich im Berufsleben in regelmäßigen Abständen mein Themengebiet und die Ressorts gewechselt und empfehle das auch anderen, weil es einem selbst und dem jeweiligen Medium guttut. Weil mein Job hier als Ressortleiterin aber mit unglaublich viel Personal verbunden ist, etwaeinem Viertel der SZ-Belegschaft, und man alle gut kennen muss, um eine sinnvolle Personalpolitik mit entsprechendem journalistischen Output zu leisten, könnte es für mich hier aber auch ein bisschen länger dauern.

Hofmann: Als ich hier angefangen habe, hatte ich das Lokale kaum auf dem Schirm. Aber in den vier Jahren habe ich darin und davon so viel gelernt, dass ich die ganze Welt tagtäglich im Kleinen spannend genug finde, um damit weiterzumachen. Der Rennfahrer Gerhard Berger meinte mal, in der Formel 1 erlebe man in fünf Jahren so viel wie andere im Leben. Dieses Gefühl habe ich hier manchmal auch.


Alfred Döpfner & Claas Relotius

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. März

Der schlechtgealterte Best-Ager Mathias Döpfner sieht sich bekanntermaßen als allgewaltige Fügung deutsch-amerikanischer Publizistik, wenn nicht gar Gottkaiser an. Als solcher hat er jetzt entsprechend absolutistisch verfügt, sein Himmelreich auf Erden neu zu besetzen und die gesamte Bild-Chefredaktion entlassen. Nun fällt es dem vernunft- und empathiefähigen Teil der Weltbevölkerung naturgemäß schwer, Johannes Boie, Alexandra Würzbach oder Claus Strunz nachzutrauern, aber die Kaltherzigkeit, mit der Döpfner drei digitalaffine Demokratieverächter:innen durch zwei aus der papierraschelnden Printhistorie ersetzt, ist bemerkenswert.

Der Move, Marion Horn aus der PR und Robert Schneider vom Focus zu holen, um seinen Verlag zukunftsfähig zu machen – das scheint selbst für einen Springer-Boss, der dem alten NS-Steigbügelhalter Alfred Hugenberg längst näher ist als dem jungen Feuilletonspund Mathias Döpfner, verblüffend irrational. Mal sehen, wen er noch so auf die Kreuzberger Führungsetage lässt. Frei hätte zum Beispiel grad Michael Wendler.

Keine 24 Stunden nämlich, nachdem RTLzwei den verschwörungsschwurbelnden Ex-Schlagerstar mit einer Schwangerschafts-Dokusoap quersubventionieren wollte, hat man sie mit der zerknirschten „Entschuldigung, sollten wir hier Gefühle verletzt haben“, wieder abgeblasen weil – hoppla – irgendwer bemerkt haben muss, dass der Wendler ein verschwörungsschwurbelnder Ex-Schlagerstar ist. Aber darüber hatte die linksgrünversiffte Lügenpresse zuvor ja auch echt kein Wort verloren…

Springer-kompatibel wären selbstverständlich auch jene BBC-Verantwortlichen, die den beliebten Sportmoderator Gary Lineker für einen regierungskritischen, also nicht rechtsnationalen Tweet zu Großbritanniens menschverachtender Flüchtlingspolitik rausgeworfen und – hoppla – nach einer Reihe Kündigungen solidarischer Kolleg:innen plus Shitstorm – gleich wieder eingestellt haben. Verzichten muss Alfred Döpfner hingegen auf Louis Klamroth.

Der darf trotz seiner Beziehung zur Klima-Aktivistin Louise Neubauer weiter Hart, aber fair moderieren und lässt somit die Frage im Raum, ob seine Unabhängigkeit wohl auch in ebendie gestellt worden wäre, wenn er vorab erklärt hätte, täglich fünf Kilo Industriefleisch zu essen und sonst nichts ohne Palmöl. Ist aber eh alles egal, denn Im Westen nichts neues hat vier Oscars abgeräumt und ist damit der erfolgreichste deutsche (Netflix-)Film aller Zeiten.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

20. – 26. März

Dass Netflix auch anders, also richtig anders kann, zeigt derweil die RomCom Faraway um eine deutschtürkische Frau über 50, die ihr Leben im Eheknast spontan gegen den Freiraum einer geerbten Finca in Kroatien tauscht und damit ein kleines Juwel reifer Selbstermächtigung liefert. Die Agentenserie The Night Agent ab Donnerstag an gleicher Stelle scheint dagegen keiner Erwähnung wert zu sein.

Aus Skandinavien ganz neu auf Magenta TV: die seltsame Real-Fantasy-Serie Fenris um unsere Angst vor Wölfen, die Todesstrafen-Auseinandersetzung Cell 8 ab Donnerstag und bereits auf Arte online: Blackport, ein achtteiliges Gesellschaftspolitökonomiedrama aus dem Island der frühen Achtziger. Zwischendurch auf Paramount+: Sly Stallones Rückkehr als Mafioso Tulsa King in Oklahoma oder das niedliche Londoner WG-Experiment Flatshare und bei Apple, zum Dritten: Ted Lasso.

Bei joyn geht Freitag derweil die pubertäre, aber liebenswerte Große-Jungs-Youtube-Empowerment-Zote Intimate der Kleinen Brüder Bruno Alexander, Oskar plus Emil Belton in Serie. Und auf RTL schlüpft Katharina Thalbach in Raute und Blazer von Miss Merkel, die nach ihrer Kanzlerschaft nun also zur Ulknudel drolliger Landkrimis degradiert wird, was selbst die Mitschuldige an Klimawandel und Putinmacht nicht verdient hat.

Unweit ihres Brandenburger Comedy-Exils spielt der ARD-Mittwochsfilm Wolfswinkel, in der Claudia Eisinger ein Dorf rechts unterwandert, während das Erste mit der Promi-Presenter-Reportage Wir können auch anders ab heute nur good news verbreitet und Freitag einen vierteiligen Schritt zum Abgrund eines Stalking-Thrillers geht. Das Beste zeitgleich zum Schluss: Erfundene Wahrheit, ein Dokumentarfilm von Daniel Sager, der nach den Recherchen zur Ibiza-Affäre erneut unter seinesgleichen wühlt: in der Spiegel-Affäre um Claas Relotius. Und zwar brillant.