Lizenzgebühren & Kohlrabenschwärze

Die Gebrauchtwoche

TV

29. Mai – 4. Juni

Man stelle sich vor, es ist Fußball-WM und niemand schaut zu. Was bei einer mit Männern nicht nur undenkbar, sondern absurd erscheint, könnte bei jener mit Frauen nun Realität werden. Denn wenige Wochen vorm Start ihrer Weltmeisterschaft ist noch immer kein Fernsehsender in Deutschland bereit, die relativ geringe Lizenzgebühr zu erwerben, seit die FIFA sie von der Herren-WM abgekoppelt hat.

Man stelle sich parallel vor, die Umfragewerte einer rechtsextremistischen Partei klettern auf alphabetisch symbolträchtige 18 Prozent und Friedrich Merz twittert, „mit jeder gegenderten Nachrichtensendung, gehen ein paar Hundert Stimmen mehr zur AfD“, anstatt mal darüber nachzudenken, wie viele Tausend Stimmen seine Partei seit Wochen durchs Wiederholen populistischer Bild-Schlagzeilen von „Habecks Heiz-Hammer“ in rechtsextreme Arme treibt.

Man stelle sich des Weiteren vor, Sat1 könnte durch die Übertragungsrechte der Bundesliga-Relegation für drei Stunden ein klein wenig seiner Bedeutung längst vergangener ran-Jahre zurückerlangen und vermasselt es im Rauschen fehlerhafter Live-Bilder vom Hinspiel Stuttgart gegen den HSV (das dort heute fortgesetzt wird). Zu guter Letzt stelle man sich vor, mit Bravo-Girl ginge ein Stück Printkulturgeschichte verloren, während mit dem kolportierten Ende des Bild-Talks Viertel nach acht ein Stück Onlinekulturgegenwart hinterherspringt.

Was bliebe im Angesicht so verwirrender News aus dem Maschinenraum der Medienlandschaft noch an Halt und Ankern? Gestandene Audiofans schlügen da womöglich die neue Folge vom Fernsehpodcast Och eine noch! vor, um der Woche wieder Struktur zu verleihen. Videofans dagegen könnte eine schriftliche Auswahl empfehlenswerter Serien, Shows und Filme der Woche weiterhelfen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. Juni

Zum Beispiel die oberflächenorientierte Musikindustrie-Milieustudie The Idol mit der Hollywood-Drama-King-Tochter Lily-Rose Depp als strauchelnder Popstar, der es mithilfe des realexistierenden Abel „The Weeknd“ Tesfaye ab heute bei Sky (HBO) zurück an die Spitze der sexiest woman alive schaffen will. Oder die ähnlich kostümselige, dabei aber tiefgründig drollige Serienporträtfiktion Flaming Hot (ab Freitag, Disney+) über den Erfinder der Cheetos genannten Chili-Snacks.

Über die 2. Staffel der Paris Police 1905 (Donnerstag, Sky) oder das achtteilige Frau-klärt-Tod-ihrer-toten-Schwester-und-gerät-dabei-in-Schwierigkeiten-Psychodrama SaintX zuvor bei Disney+ hinaus aber werden dieser Tage eher Menschen porträtiert als getötet. Richard Branson etwa, den Sky ab Freitag viermal 50 Minuten lang durch die letzten zwei Wochen vor seinem Weltraumflug begleitet. Oder Arnold Schwarzenegger, dessen Dasein Netflix ab Mittwoch drei Teile lang Revue passieren lässt.

Und dann wäre da noch eine Fluchthelferin namens Aracy de Carvalho, die das wundersame Kunststück vollbrachte, als brasilianische Konsulatsangehörige im nationalsozialistischen Hamburg so viele Jüdinnen und Juden zu retten, dass Arte ihr am Donnerstag eine Dokumentation widmet. Das ist trotz des irreführenden Titels auch The World’s Most Dangerous Show. Prime Video begibt sich darin Mittwoch sechs Teile lang auf Weltreise zu den Hotspots des Klimawandels.

Host Joko Winterscheidt sorgt allerdings dafür, dass der Fatalismus in heiterer Weise hoffnungsfroh klingt – etwa, wenn er sich über sein eigenes Greenwashing lustig macht oder nach Lösungen zwischen Technik und Natur sucht. Bevor sich Negah Amiri zwei Tage drauf in der ARD-Mediathek als Stand-Upperin von Never Ever fünfmal Gedanken übers Dasein migrationsvordergründiger Frauen macht, aber noch zwei echte Überraschungen.

In der Paramount-Serie Kohlrabenschwarz kämpft ein Quartett um den Polizeipsychologen Schwab (Michael Kessler) oder seine Ex (Bettina Zimmermann) ab Donnerstag gegen materialisierte Märchenmonster – und padautz: die Horrorkomödie von Tommy Krappweis (Regie: Erik Haffner) ist ebenso gut wie die Apple-Serie Crowded Room um den Verdächtigen einer Schießerei in New York, worüber man nicht mehr sagen darf, als dass alles anders ist als vermutet – mehr darf man über den grandiosen Psychothriller nicht verraten.


Nathan Micay, Zion Flex, Protomartyr

Nathan Micay

Die Werbung erfindet gern blöde Phrasen für neue Platten. “Lang ersehntes Debüt” ist so ein Bullshit-Terminus, übertroffen nur vom “bislang emotionalsten Werk” oder ganz frisch im Regal der PR-Verarschung: das “bislang ehrgeizigste Album” von Nathan Micay. Rückfrage ans Marketing: war der kanadische Produzent und DJ zuvor unambitioniert und faul? War er nicht, wovon seine Soundtracks für Fernsehformate wie Industry oder Reality stehen.

Dennoch sticht To The God Named Dream aus dem Kanon der Filmmusiken und Dance-Sinfonien heraus. Dieses “postmodernes Meisterwerk aus Score-Sounds, Downtempo, Pop und Clubmusik” ist nämlich echt überwältigend. Micays perfektionistischer Mix aus digitalem Footage und hitzigen Beats, nostalgischen Synths und futuristischem Rave passt ebenso ins Berghain wie aufs Waldfestival und ist vor allem, nein – nicht besonders ehrgeizig, sondern besonders gut.

Nathan Micay To The God Named Dream (LUCKYME)

Zion Flex

Es ist schon fast peinlich, dass die Popwelt im Allgemeinen und freitagsmedien im Besonderen nahezu alles feiern, was aus Österreich nordwärts schwappt. Aber wenn es zuvor von UK aus südwärts über die Alpen gewandert ist, machen wir es gerne – für Zion Flex. Ursprünglich aus Bristol, verbreitet die Rapperin ihren eklektisch-noisigen HipHop nun über Wien in die Welt und es klingt ortsunabhängig erstaunlich.

Mit vielschichtigen Vocals über technoidem Sound, scheppert sie ein Werk weiblichen Empowerments in die Branche, das wütend und nachsichtig, angriffslustig und kompromissbereit gleichermaßen klingt. Produziert von Def III ist We Got This deshalb auch weniger verkopft, als das Thema andeutet. Es handelt von Verletzungen, aber nie aus Opferperspektive. Und es verwendet dafür triphopige Downbeats, die zwar dystopisch klingen, aber Mut machen.

Zion Flex – We Got This (Banc Publik Records)

Protomartyr

Und damit zu einer Band, die ausgerechnet dort eklektisch noisigen Post-Punk kreiert, wo Zion Flex’ musikalische Urahnen einst Techno und HipHop revolutioniert haben. Nach Detroit also, seit elf Jahren Heimat von Protomartyr. Auf ihrer neuen Platte Formal Growth In The Desert verdichtet das Quartett seinen Hang zum retrofuturistischen Wave nun in einer dystopischen Mischung aus Poesie und Politik.

Wenn Joe Casey die mal luziden, mal brachialen Riffs von Greg Ahee wieder zwischen Rezitation und Sprechgesang überwölbt, wenn Alex Leonard seine reduzierten Drums dahinter versteckt, die Scott Davidsons Bassläufe scheinbar freudlos unterhöhlen, fühlt man sich an The Fall im Abbruchhaus erinnert – alternativer Industrial lichtloser Räume. Nichts für laue Sommernächte am Strand, aber in den Kellern darunter grandios.

Protomartyr – Formal Growth In The Desert (Domino)


Marka und Yesilkaya: Tatort & Der Greif

Unsere erste gemeinsame Liebe war Hohlbein

PREMIERE HOHLBEINS - DER GREIF

Acht Tatorte haben der Autor Erol Yesilkaya (hi.li.) und sein Regisseur Sebastian Marka (hi.re., Foto: Amazon Prime Video) gemeinsam gedreht. Mit der Amazon-Serie von Wolfgang Hohlbeins Fantasy-Saga Der Greif erfüllen sie sich nun einen Kindheitstraum – wie das Interview mit beiden, vorab erschienen bei DWDL, zeigt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Marka, Herr Yesilkaya – Sie haben bereits sieben „Tatorte“ zusammen gemacht.

Sebastian Marka: Ich glaube sogar acht, wobei wir beide auch welche ohne den anderen gemacht haben.

Waren das dann sozusagen teambildende Maßnahmen, um auch ein riesiges Mystery-Projekt wie „Der Greif“ zu bewältigen?

Marka: Das kann man so sagen. Seither können wir alles miteinander machen – von der Großhochzeit über Krimifilme bis hin zur großen Fantasy-Serie.

Erol Yesilkaya: Wir haben ja sogar schon am Vorabend gemeinsam angefangen, mittlerweile unsere gemeinsame Produktionsfirma DogHaus gegründet und sind überhaupt sehr eingespielt aufeinander.

Marka: Wobei der „Tatort“ sozusagen die Spielwiese war, auf der wir vieles, was jetzt auch im „Greif“ so passiert, bereits ausprobiert haben: witzig, düster, skurril, gruselig, Thriller – alles dabei, alles nach unserem Geschmack.

Yesilkaya: Wir haben ohnehin einen sehr ähnlichen Geschmack, können einander die Sätze vervollständigen und streiten uns dennoch sehr selten, wofür es bei einer Produktion wie dieser echt genügend Anlässe gegeben hätte. Wir sind aber noch immer die besten Freunde. Alles super!

Alles super, weil Fantasy, was das Handwerk betrifft, am Ende die gleichen Schreib- und Drehprozesse erfordert, wie Krimi oder Komödie?

Marka: Es ist auf der einen Seite das Gleiche, weil man Schauspieler, Crew und acht Stunden Drehzeit hat.

Yesilkaya: Deshalb war der Genre-Wechsel auch organischer als der Format-Wechsel. Von Film zu Serie ist ein ganz schöner Sprung.

Marka: Aber auf der anderen Seite bringt das Fantasy Genre Elemente mit, wie teure Kulisse und jede Menge CGI, die viel größer und komplexer sind als beim „Tatort“. Handwerklich haben uns gemeinsame Routinen also sehr geholfen. Das war schon ein anstrengender Ritt, an dem wir insgesamt fünf Jahre gearbeitet haben.

Pausenlos?

Marka: Erol hat parallel noch an einer weiteren Serie geschrieben und ich einen „Tatort“ gedreht.

Yesilkaya: Aber sonst war „Der Greif“ über diesen Zeitraum hinweg unser Hauptprojekt – was sich auch dadurch erklärt, dass unsere erste gemeinsame Liebe gar nicht „Tatort“, sondern Hohlbein war.

Marka: Die meiste Aufmerksamkeit für tolle Storys kriegt man hierzulande definitiv für Tatorte. Aber unsere Entscheidung, überhaupt Filme machen zu wollen, hing auch damit zusammen, früher die Bücher von Hohlbein gelesen zu haben. Deshalb haben wir ihn auch aktiv angesprochen. Ich habe hier einen 20 Jahre alten Brief liegen, wo ich ihn um die Rechte an seinem Stoff bitte.

Yesilkaya: Seither haben wir ihn regelrecht gestalkt.

Marka: Als ich Wolfgang unseren ersten gemeinsamen Tatort aus seinem Riesenfernseher gezeigt habe, meinte er [imitiert Hohlbeins Stimme] „ja, also eure Bilderwelten, schön düster, das ist mein Geschmack“. Dann durften wir wiederkommen und haben uns mit jedem Film quasi nach oben zu ihm hochgearbeitet, bis er unserer neu gegründeten Produktionsfirma die Rechte gegeben hat, mit denen wir zu Quirin Berg gegangen sind.

Als Partner von Wiedemann & Berg verantwortlich für Serien wie „Dark“ und „Pass“.

Marka: Also der deutsche Produzent, der so ein großes Ding verantworten kann. Und genauso wie wir hat er mit 13 Jahren den Greif gelesen und deshalb sofort gesagt, er sei dabei.

Yesilkaya: Und auch Philipp Pratt, bei Prime Video für deutsche Originals zuständig, kam nicht rein und fragte, was wir da hätten, sondern: wo muss ich unterschreiben? Mit diesem Spirit sind wir da rein und haben nicht mehr zurückgeschaut. Zeig ihm mal das Bild, Sebastian.

Marka: [zeigt Handyfoto als Kind mit T-Shirt von „Der Greif“] Das bin ich an meinem elften Geburtstag mit diesem Geschenk an.

Was macht die epische Story zwischen realer und surrealer Welt über Ihre Kindheitserinnerungen hinaus denn verfilmbar? Anders als bei Büchern von Schätzing oder Fitzek ist die Visualisierung ja nicht schon in der Literatur geplant und verankert.

Yesilkaya: Absolut richtig. Wolfgang Hohlbein hat dieses Stilmittel intuitiver Erzählung mit Sätzen wie Mark – die Hauptfigur – wusste einfach, er müsse nach Norden gehen. Da denkt ein Drehbuchautor: Oh mein Gott, wie sollst du das adaptieren? Das wird aber durchs Kopfkino, das seine Ideen auslösen, locker ausgeglichen. Und für mich stellt sich natürlich auch die Frage: wenn alles im Roman bereits perfekt für eine Verfilmung vorformuliert wäre – warum sollte ich es dann adaptieren, wo bliebe da der eigene künstlerische Ausdruck?

Hat Ihnen Wolfgang Hohlbein den denn zugebilligt?

Yesilkaya: Hat er, es war großartig! Wir konnten unsere Aspekte des Romans in die Verfilmung einbringen.

Marka: Und anders wär’s auch nicht gegangen, unsere Empfindungen als Jugendliche in die Verfilmung als Erwachsene zu transportieren. Figuren wie der türkischstämmige Metalhead aus Erols Heimatstadt Krefeld, die wir zu Krefelden gemacht haben, sind Kombinationen unserer Jugend und macht den Roman erst verfilmbar, weil er in einer echten Welt spielt, zu der wir persönlich Bezüge haben, und zugleich in der parallelen Fantasy-Welt, die allein – wie in Hohlbeins Buch „Midgard“ zum Beispiel oder US-Serien wie „The Witcher“ – nicht funktionieren würde.

Haben Sie trotz dieser autobiografischen Perspektive auf den Greif dennoch das Publikum und dessen Sehgewohnheiten im Blick?

Yesilkaya: Da hat uns der „Tatort“ geholfen, weil er zwar stark im Krimi-Realismus wurzelt, aber meist Genre bleibt. Wenn du das nicht selbst in Geister-Tatorten, die wir auch gemacht haben, ausreichend im Mainstream der Wirklichkeit erdest, funktioniert es nicht. Und da helfen persönliche Erfahrungen mit dem Stoff ungemein.

Marka: Deshalb sind wir ja auch nicht Regisseur und Autor allein, sondern das Publikum.

Yesilkaya: Also auch Amazon-Prime-Abonnenten.

Marka: Wir haben ständig im Hinterkopf, die Zuschauer nicht nur dramaturgisch, sondern auch emotional mitzunehmen. Da hilft es übrigens enorm, dass wir nicht nur gegenseitig unsere größten Fans, sondern auch die größten Kritiker sind.

Yesilkaya: Die Formel, wie man erfolgreich für sich und das Publikum Filme macht, ist noch immer nicht geknackt. Wäre das der Fall, würden alle nur noch danach drehen.

Gibt es unabhängig von dieser Formel so etwas wie Lehrsätze, nach denen man Fantasy verfilmen sollte – oder auch nicht?

Yesilkaya: Ernstnehmen, wie ein Arthaus-Drama behandeln, dabei so echt bleiben wir möglich, also keinen Trends folgen – dann werden die Leute spüren, dass du ein Überzeugungstäter bist.

Marka: Gerade weil Fantasy teuer ist und mehr Vorbereitung erfordert, darf man nicht zulassen, dass es die anderen Elemente, wie Comedy und Drama zu stark überlagert.

Normalerweise müsste man bei einem so teuren Produkt hinzufügen: Und unbedingt auf Englisch drehen. Warum haben sie sich für Deutsch entschieden?

Marka: Weil Amazon Prime Deutschland dafür da ist, deutschen Content zu produzieren, der weltweit funktioniert. Vor 20 Jahren hätte man es dennoch auf Englisch machen müssen, aber dank international erfolgreicher Formate wie „Dark“, schaffen es deutsche Serien mittlerweile selbst in die USA.

Yesilkaya: Heute würde man deshalb auch „Die unendliche Geschichte“ auf Deutsch drehen, damals ging das nicht.

Marka: Es ist einer der Nebeneffekte des Streaming-Zeitalters, das Publikum weltweit an untertitelte oder synchronisierte Serien zu gewöhnen.

Hat „Der Greif“ womöglich sogar eine deutsche Ton- und Bildsprache, die als solche im Ausland wahrgenommen, gar geschätzt wird?

Marka: Bei „Dark“ war es der dunkle Wald, sehr deutscher Mythos, bei uns – hoffe ich – die Mischung aus deutscher Architektur und deutschen Neunzigern mit einer präzisen, ökonomischen Erzählsprache, die aus Gründen geringerer Budgets international fast schon ein deutsches Qualitätskriterium ist. CGI zum Beispiel einzusetzen, wo es sinnvoll ist, nicht nur der Computereffekte willen.

Yesilkaya: Wir haben deshalb sogar mal darüber gesprochen, auf Film zu drehen, um diesen digitalen Bonbonlook zu vermeiden, den heutzutage fast jede Serie hat. Das leicht Körnige macht es echter – und passt perfekt zu Hohlbein.

Haben Sie von dem bereits das nächste Buch in petto?

Yesilkaya: Wenn „Der Greif“ erfolgreich wird, wird es auch mehr Hohlbein von uns geben.

Marka: Dafür haben wir gesorgt.


Spiegels Hähne & Obamas Arbeit

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. Mai

Es ist ja im Grunde gut, wenn alte Medien nochmals die neuen erhitzen. Der Spiegel, den es – Ältere erinnern sich – noch immer in nennenswerter Zahl auf Papier gibt, trennt sich vom Chefredakteur, und selbst online wird auch deshalb darüber berichtet, weil Steffen Klusmann das frühere Flaggschiff der Demokratie gewinnbringend durch den populistischen Sturm unserer Tage gesteuert hatte.

Abseits der Ursachen, die viel mit Machtkämpfen und wenig mit Führungsstärke zu tun haben, bleibt also zweierlei vom geplanten Überraschungsflug übrig: In Dirk Kurbjuweit wird das Blatt erstens wieder von einem maximal analogen Print-Fossil geleitet, das zweitens kein weiblich gelesener Journalist ist. Und so bleibt es bei 17 Männern seit 1947 – auch wenn die vierköpfige Chefredaktion des 61-Jährigen mit Melanie Amann eine Frau enthält.

In der ARD hingegen denkt man da ein wenig zeitgemäßer und ersetzt die scheidende Talk-Moderatorin Anne Will durch ihre Kollegin Caren Miosga, was der Fernsehstreitkultur definitiv besser tut als Markus Lanz. Seine Idee, zur Debatte über den Klimaschutz den energiepolitischen AfD-Sprecher Steffen Kotré einzuladen, war ja durchaus mutig, artete aber in einem völlig willkürlichen Redezeitmanagement aus, das der fachlich inkompetente, aber dramaturgisch besonnene Rechtsextremist zu seinem Vorteil nutzen konnte.

Das wäre womöglich auch Ron DeSantis gelungen – hätte er seinen Wahlkampfauftakt nicht ausgerechnet bei Twitter gestartet. Bis zu Elon Musks Übernahme ein funktionsfähiger Mikroblogging-Dienst, hat ihn sein Besitzer in kürzester Zeit so heruntergewirtschaftet, dass der rechtsextreme Präsidentschaftsbewerber kaum zu hören war, sofern die Übertragung denn überhaupt mal funktionierte.

Und so durfte Donald Trump dabei zusehen, wie sich sein Mitbewerber fast 60 Jahre nach dem Mord an John F. Kennedy quasi selbst erledigte. Genau 60 Jahre wird Samstag das aktuelle sportstudio im ZDF. Und es ist zwar nur noch für jene interessant, die schon bei der Erstausgabe schulpflichtig waren, aber immerhin fußballbegeisterter als der Streamingdienst Sky, der Borussia Dortmund ein Public Viewing vorm Stadion untersagte, um mehr Zugriffe beim irrwitzigen Bundesliga-Finale zu erzielen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

22. – 28. Mai

Am Samstag nun wird auf gleichem Kanal das DFB-Pokalfinale übertragen, was allerdings außerhalb Leipzigs und Hessen kaum jemanden interessiert. Und damit zum Rest eines Fernseh- oder Streaming-Angebots, das leicht unterm Radar des Massengeschmacks funkt, weshalb es kaum Fiktionales anzupreisen gibt. Am – buchstäblich – bemerkenswertesten wäre da noch die Netflix-Doku Arbeit: Was wir den ganzen Tag machen.

Als Doku über Werktätige in den USA gedacht, bietet sie vor allem dem Gastgeber ein Podium zur Selbstdarstellung. Offiziell steigt Barack Obama drei Teile in ökonomische Maschinenräume. Am Ende aber geht es nur um den Ex-Präsidenten und seinen Kontostand, den Netflix weiter hebt. Dafür porträtiert die Arte-Mediathek morgen einen Mann, den vermutlich fast niemand kennt: Adolf Kanter.

Was für ein scheußlicher Name, dessen Story (Buch & Regie: Claus Räfle) als Teil einer deutsch-deutschen Spionagestory im Licht der Flick-Affäre aber hochinteressant ist. Zwei Tage später zeigt die ARD-Mediathek den Vierteiler Frontman, der Rockopas wie Ozzy Osbourne oder David Lee Roth je 90 Minuten widmet. Ungleich jünger sind die Protagonist:innen der dreiteiligen Doku Dirty Little Secrets, in denen der BR an gleicher Stelle das turbokapitalistische Ausbeutungssystem Spotify analysiert.

Mittig zwischen Sach- und Spielfilm befinden sich das Arte-Dokudrama Die rote Fini mit Adele Neuhauser als Wiener Polit-Ikone (Donnerstag, Mediathek) und das Browser Ballett (Mittwoch, ZDF-Mediathek) auf längerer Strecke. Am Ende daher drei Fiktionen: Die japanische Endzeitserie The Days (Donnerstag, Netflix), die österreichische Mysterykrimi-Serie Der Schatten (Freitag) und die sechsteilige Dating-Persiflage Einsame Herzen mit dem Youtuber Freshtorge (Sonntag, beides ZDF-Mediathek).


Dirk Steffens: TerraX & RTL GEO-Show

Man wird zum Abenteurer wider Willen

Dirk steffens

Seit Jahren schon erklärt Dirk Steffens (Foto: RTL) beim ZDF die Welt – und wie wir sie zerstören. Jetzt wechselt er für eine GEO-Show zwischenzeitlich zu RTL und will dort Großes für den Naturschutz erreichen: Durchschnittsmenschen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Steffens, was genau ist ein Abenteurer?

Dirk Steffens: Ein Abenteurer ist jemand, der aus persönlichem Interesse und Leidenschaft Reisen unternimmt, von denen er oder sie nicht weiß, wie sie enden.

Macht Sie das zu einem?

Eher zum Dokumentarfilmer, der jeden Drehtag bestmöglich durchplant. Aber es liegt zum Glück im Wesen unserer Arbeit, unvermeidbar ins Unvorhersehbare zu schlittern. Tauchgänge mit Haien oder Gletscherbesteigungen können Sie noch so präzise vorbereiten; irgendwann wird man dabei zum Abenteurer wider Willen.

Hat RTL diese Einschränkung also nur vergessen, wenn es Sie in der GEO-Show als Wissenschaftler und Abenteurer ankündigt?

(lacht) Ach, das ist bei der Ankündigung eines Berufsreisenden wie mir schon okay.

Kippt übers Sprachliche hinaus noch mehr, wenn Sie nach jahrzehntelanger Arbeit fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen nun ins Private wechseln?

Ja, denn ob Sie’s glauben oder nicht: Wir sind wissenschaftlicher, schlagen aber zumindest in den Dokus ab Herbst dramaturgisch publikumswirksamere Bögen, stellen uns also die Frage, warum Menschen sich überhaupt für einen Vulkan am anderen Ende der Welt interessieren sollen, wenn sie vorher acht Stunden lang gearbeitet haben und sich eigentlich, so wie ich es ja auch gern mache, nur noch mit Bierchen auf dem Sofa entspannen wollen.

Und die Antwort?

Suchen wir durch andere Herangehensweisen als im Wissenschaftsformat am Sonntagabend. Aber wissen Sie, ich bin mit GEO aufgewachsen, und der Heft-Claim „die Welt mit anderen Augen sehen“ beschreibt präzise unsere Haltung: Vorgefertigte Meinungen muss ein Wissenschaftsjournalist auf jeder Reise hinterfragen, sich also im positiven Sinn selbst ständig verunsichern. Um Neues zu lernen.

Zurück zu RTL…

Da beginnen wir das GEO-Abenteuer mit einer Show, um GEO beim Publikum populär zu machen, was sehr wichtig ist. Wenn man die großen Probleme der Menschheit wie Artensterben und Klimawandel lösen will, darf man in Demokratien nämlich nicht nur mit der Minderheit ohnehin sensibilisierter TerraX-Zuschauer um die 65 kommunizieren, sondern muss die Mehrheit erreichen, den Durchschnitt, und beides repräsentiert RTL. Durch die – zugegeben holprige – Fusion von RTL mit Gruner + Jahr, sind für mich jetzt ein paar Dinge möglich, die zuvor unmöglich waren.

Dinge inhaltlicher Natur?

Zunächst mal publizistischer. Das größte Medienhaus Europas ist ein 360-Grad-Unternehmen, das GEO-Themen, also auch meine, breit in die weite Welt trägt. Ich kann unsere Arbeit über alle Medien verbreiten. Dazu gehören mehrere TV-Sender, der Streamingdienst RTL+ inklusive Podcast-Plattform, dazu Beteiligungen an ein paar Dutzend Radiosendern, die Zeitschriften, nicht zu vergessen den weltgrößten Buchverlag Penguin Random House, mit dem wir innerhalb des Bertelsmann-Konzerns zusammenarbeiten, da erscheinen ja auch meine Bücher. Und natürlich GEO selbst, immer noch das führende Wissensmagazin in Deutschland.

Wuchtige Werbung, die ich Ihnen sogar abkaufe. Aber kann man dann sagen, sie sind aktuell der einzige Journalist bei RTL formerly known as Gruner + Jahr, der wirklich von dieser umstrittenen Übernahme profitiert?

Ob ich der Einzige bin, der davon profitiert, weiß ich jetzt nicht… Aber falls ja, möchte ich es nicht bleiben. So eine Fusion ist hochkomplex, da klappt naturgemäß nicht alles auf Anhieb.  Hoffentlich wird GEO der Showcase für die gelungene Fusion, und wir können GEO als neue Marke unterm RTL-Dach etablieren, ohne die inhaltliche DNA zu verlieren. Das ist bei allem Risiko für beide Seiten sehr spannend.

Und der Klima- und Artenschutzzweck heiligt dabei so die Mittel, dass Ihre GEO-Show ständig auf Tränendrüsen drücken und Saalapplaus fordern darf?

Religiös formuliert: Wer nur in der eigenen Kirche predigt, wird die Gemeinde nie erweitern. Deshalb musste ich vom Hügel der Erkenntnis runter, auf dem ich mich noch zwei Jahrzehnte gemütlich von der Abendsonne meiner öffentlich-rechtlichen Karriere hätte bescheinen lassen können. Falls es schiefgeht, kriege ich für diesen Abschied aus der Komfortzone sicher Häme, aber um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen: RTL ist eben echtes Abenteuer. Mit ungewissem Ausgang. Und genau deshalb so spannend.

Häme könnte es auch im Erfolgsfall geben, sofern man Ihnen Greenwashing unterstellt, ausgerechnet beim langjährigen Formel-1-Sender RTL, [GM[+J1] dem eine gute Quote im Zweifel lieber ist als das Klima, für Umweltschutz zu unterhalten.

Dessen bin ich mir schon deshalb bewusst, weil ich als RTL-Moderator nicht nur nach außen wirken soll, sondern als Nachhaltigkeitsbotschafter auch nach innen. Bertelsmann hatte sich vorher schon halbwegs ambitionierte Klimaziele verordnet, die aber im Gesamtkonzern noch nicht überall angekommen sind. RTL ist eben in alle Richtungen ein Spiegel der Gesellschaft. Meine Herausforderung ist da, Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber mit den Widersprüchen, mit denen RTL als langjähriger Formel-1-Sender zu kämpfen hatte, kämpfe ich auf andere Art auch in meinem Leben. So wie wohl jeder Mensch.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen?

Kein perfektes. Ich war gestern auf einem Maifest, und was habe ich gegessen? Ne Bratwurst! Mache ich ab und zu gern, dürfte es streng ökologisch gesehen aber nicht, wenn sie nicht bio ist. Da weiß ich es zu schätzen, was RTL versucht. Der Laden ist genauso menschlich und widersprüchlich wie das echte Leben. Diese inneren Konflikte sind keine Schwäche, sie machen stark. Es ist natürlich bequemer, sich gegenseitig in derselben Filterblase zu applaudieren, das führt aber zu nix.

Und was führt zu was?

Wenn wir uns fragen, was in der Handwerkerin oder dem Vater auf dem Weg zum Kindergarten vorgeht, wenn er oder sie vor Klimaklebern im Stau steht.

Das Merkel-Mantra, alle mitnehmen zu müssen?

Man kann demokratische Gesellschaften nicht ohne Mehrheiten verändern. Die finde ich bei RTL und bin darüber hinaus in der Lage, durchs 360-Grad-Projekt innerhalb von vier Wochen theoretisch 99 Prozent der Deutschen zu erreichen, also alle.

Und praktisch?

Wird das nie so sein, ich bin ja nicht doof. Aber wir erreichen bei RTL mehr von denen, die hart – oder auch gar nicht – arbeiten, aber dabei nie reich werden, und können ihnen erklären: Oberhalb deiner Probleme gibt es etwas Übergeordnetes wie Arten- oder Klimaschutz. Und wenn wir beides nicht in den Griff kriegen, Deine alltäglichen und unser aller übergeordnete Probleme, dann ist alles andere bald auch egal, also lass uns reden. Aber nicht ideologisch.

Wie ideologisch ließe sich bei mindestens 120 bereisten Ländern Ihr ökologischer Fußabdruck beurteilen?

Wenn ich das nicht selbstkritisch sähe, wäre ich unseriös. Wir kompensieren die Vielfliegerei daher im Rahmen des Möglichen. Ich muss für meinen Beruf reisen, so wie jemand, der fürs Außenministerium arbeitet, für eine Hilfsorganisation, eine große Firma oder Klimaforschung betreibt. Der Vorwurf, Wasser zu predigen und Wein zu trinken, kommt ja auch meist aus der Ecke, in der auch Klimawandelleugner sich tummeln, die wollen Menschen auf persönlicher Ebene jenseits der sachlichen desavouieren, weil sie keine Argumente haben. Wer es Verrat nennt, wenn Leute ins Ausland fahren, um aus dem Ausland zu berichten, ist weltfremd oder Populist. Auf der wissenschaftlichen Ebene: Die Naturschutzgebiete der Erde haben acht Milliarden Gäste jährlich. Was glauben Sie, würde damit passieren, wenn keiner hinreist?

Nichts Nachhaltiges, nehme ich mal an…

Genau. In der Corona-Krise konnte das Phänomen, was passiert, wenn der Flugverkehr eingestellt wird, erstmals konkret gemessen werden. In Afrika zum Beispiel ist die Wilderei seither schlimmer denn je. In Südamerika gilt Ähnliches für die Abholzung der Wälder. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige weltweit. Und weil die Menschen sich beim Reisen lieber intakte als zerstörte Landschaften ansehen, hat der Fremdenverkehr ein intrinsisches Interesse daran, sie zu schützen. Natürlich ist auch Tourismus oft von Profitgier getrieben und betreibt Greenwashing. Aber auf lange Sicht bleibt er ein wichtiger Hebel des Umwelt- und Klimaschutzes. Pauschal Flüge zu verbieten, wird der Komplexität der Zusammenhänge da schlicht nicht gerecht.

Was war eigentlich für Ihre Karriere als umweltbewegter Wissenschaftsjournalist ausschlaggebender – Fernweh, Tierliebe, Ökologie?

Zwei Dinge, an denen Sie sehen, was ich für’n alter Knacker ich bin: Ich habe als Sechsjähriger noch auf dem Schwarzweißfernseher ferngesehen, Jüngere kennen das ja gar nicht mehr. Bei Sendungen von Bernhard Grzimek habe ich dann beschlossen, Tierfilmer zu werden, und bin darüber vielleicht ein bisschen nerdig geworden. Zweite Motivation: Ich bin in den Siebzigern in einem Dorf der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen, aus dem ich nur wegwollte. Je weiter weg, desto besser. Das war mein Antrieb.

Wie RTL ihn bei DSDS formulieren würde: Sie leben Ihren Traum!

Ich habe den schönsten Beruf der Welt, und ja – er macht mich jeden Tag glücklich.

Aber ist er nicht ein Albtraum, darin jeden Tag zu erleben, wie unsere Zivilisation gegen die Wand fährt und alle machen einfach weiter wie immer?

Ja, zumal ich diesen Job vor 30 Jahren als junger Mann begonnen habe, der einfach mit Kumpels um die Welt fahren und Naturfilme drehen wollte. Mein erster Tauchgang durchs Great Barrier Reef war ‘ne Glücks-Party in einer Welt von solcher Schönheit, dass ich zwei Nächte nicht schlafen konnte. Seither war ich ein halbes Dutzendmal dort und die Zerstörung wurde immer schlimmer. Also Schluss mit Schönfärberei, habe ich mir gesagt, und begonnen, auch über Naturzerstörung zu berichten. Dieser Lernprozess ist bis heute frustend, denn wir haben kein Erkenntnis-, sondern nur ein Handlungsproblem. Das macht einen manchmal schon irre.

Nur irre oder auch mutlos?

Dafür zitiere ich gern einen Satz von Karl Popper, den wir zum Motto unseres GEO-Projektes gemacht haben: Es gibt zum Optimismus keine vernünftige Alternative. Ohne Hoffnung auf den Sieg braucht auch ein Fußballer gar nicht erst anzutreten, dann ist er chancenlos. Was die Natur und damit unsere Zukunft betrifft: Sieht nicht gut aus im Moment, zugegeben. Klimakrise und Artensterben sind mächtige Gegner, aber Homo sapiens darf man nie unterschätzen. Das Spiel ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.



Neumanns Finale & Platonische Liebe

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. Mai

Manche Gerichtsentscheidungen sind von einer Bedeutung, die weit über den medialen Rummel darum hinausgeht. Der Beschluss des Bundesgerichtshofs zum Beispiel, das öffentliche Interesse an Tagebucheinträgen des furchtbaren Warburg-Bankers Christian Olearius in der Süddeutschen Zeitung zum Cum-Ex-Skandal sei größer als die Schutzwürdigkeit seiner Privatsphäre, stärkt Pressefreiheit und Pluralismus in einer Weise, die ihr gar nicht so heimlicher Feind Mathias Döpfner stinken dürfte.

Dessen Anwälte versuchen ja weiter, die Publizierung menschen- und demokratieverachtender Chats in der Zeit zu kriminalisieren, während seine Propagandamaschine gegen die Grünen heiß und heißer läuft. Am Sonntag prangerte Bild am Sonntag den zu langsamen Ausbau nachhaltiger Energiegewinnung als Wind-Wahnsinn an, während Springers Kampfblätter ansonsten blöken, er ginge zu schnell. Muss heiter zugehen, am Rudi-Dutschke-Platz.

Besonders, falls die Jagd auf alles links der Rechten funktioniert. Dass Robert Habeck seinen Staatssekretär Patrick Graichen (endlich) entlassen hat, zeigt schließlich, wie erfolgreich der FDP-hörige Kampagnenjournalismus ist. Nächstes Opfer in spe: Claudia Neumann, die das Finale der Champions League im ZDF kommentiert und den Hass der sehr alten, sehr weißen Männer im Bild-Hades so auf sich ziehen wird, dass Döpfners publizistische Pitbulls bereits die Zähne fletschen.

Ungeschoren bleibt dagegen eine Cashcow wie Heidi Klum, deren geplanter Auftritt beim Bergdoktor schon deshalb wohlwollende Aufmerksamkeit bei Bild/BamS/Glotze erlangen wird, weil sie das traditionelle Geschlechterbild männlicher Ausbeutung des weiblichen Körpers zu sehr viel Geld (und tollen Halbnacktbildern hypersexualisierter Teenies) machen kann.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

22. – 28. Mai

Was Medien dieser Stoßrichtung hingegen gar nicht verstehen: dass Mann und Frau auch einfach nur gute Kumpels auf Augenhöhe sein könnten. Ein Zustand, den die Apple-Serie Platonic mit Rose Byron und Seth Rogan am Schauplatz L.A. durchspielt. Zehn Teile lang versuchen ihre Großstadtcharaktere ab Mittwoch eine Freundschaft ohne Sex oder Liebe zu pflegen, was dank der beiden Hauptdarsteller:innen auf organische Art komisch ist und nebenbei die Prüderie der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft entlarvt.

Womit schlichte Gemüter eher was anfangen können, ist die Fantasy-Serie Der Greif. Das eingespielte Tatort-Duo Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie) will seinem Kindheitsidol Wolfgang Hohlbein damit Freitag bei Prime Video ein Denkmal setzen. Dummerweise verliert es sich bei aller Bildgewalt und eigensinniger Schauspielriege allzu oft in einer Form nachlässiger Effekthascherei – die Genrefans allerdings herzlich egal sein dürfte.

Dass seine Protagonisten in ein Gewitter ohne Regen geraten oder Kostüme wichtiger werden als ihre Umgebung, passiert einem der ganz Großen des deutschen Film- und Fernsehens eher selten. Auch deshalb widmet Warner dem German Genius ab morgen eine Art dadaistischer Mockumentary, in der die sich Kida Ramadan als Kida Ramadan spielt, der über Toni Hamadis Schatten weg Produzent werden will und dabei das System dahinter entlarvt, dessen Stars von Volker Schlöndorff bis hin zu Ricky Gervais Cameos haben. Selten ist mittlerweile auch Arnold Schwarzenegger sehen, weshalb es durchaus erwähnenswert wirkt, wenn ihn die Netflix-Serie Fubar am Donnerstag als CIA-Agent aus der Rente holt.

Ob ein NS-Erbe-Splatter-Film an gleicher Stelle tags drauf sehenswert ist, muss sich noch zeigen. Dass Nazis bei der wilden Jagd nach Blood & Gold endlich mal nicht nur Ausnahmen im unschuldigen Tätervolk sind, darf man Autor Stefan Barth und Regisseur Peter Thorwart schon mal zugutehalten. Samstag folgt ein weiteres Prequel der voluminösen Paramount-Serie Yellowstone Kevin Costners Rancher-Dynastie Dutton achtmal ins Jahr 1923. Und RTL+ reist ein paar Jahre weniger zurück, um ab Mittwoch den Fall Uwe Barschel(s) – Untertitel: Der rätselhafte Tod eines Spitzenpolitikers – zu erkunden.


Bipolar Feminin, bar italia, Isolée

Bipolar Feminin

Ein bisschen wohlfeil ist es schon, nahezu alles abzufeiern, was musikalisch aktuell aus Österreich nach Deutschland schwappt, aber um mit dem Opener des neuesten Partygrundes Bipolar Feminin zu sprechen: “Es ist wie es ist wie es war”, also abermals mit fantastisch noch zwei, drei Nummern zu klein beschrieben. Denn wenn mittlerweile sogar leicht schweiniger Noisepop über den Umweg des Herzens ins Hirn vordringt wie eine Axt durch Butter, könnte es auch an der Herkunft Wien liegen.

Zunächst aber liegt es an Leni Ulrich. Deren Gesang erinnert zwar an Rockröhren genannte Siebzigerstimmen wie Joy Fielding. Wenn sie zu Jakob Brejchas Gitarrengetöse wiederholt “Willkommen am Boden” singt, der Überflussgesellschaft in Attraktive Produkte reibeisenruppig den Kampf ansagt oder dem Tocotronic-Drummer Herr Arne Zank ihren Respekt als Inspirationsquelle erweisen, ist Bipolar Feminins Debütalbum dennoch das Beste was uns dieser Tage von irgendwo her erreicht, hier halt: Austria.

Bipolar Feminin – Ein fragiles System (Buback Tonträger)

bar italia

Kleines Ratespiel: woher mögen wohl bar italia kommen? Italien wäre jetzt natürlich zu einfach. Der Name des Debütalbums Tracey Denim gibt auch keinerlei Auskunft darüber. Und wer die Namen des Trios Nina Cristante, Jezmi Tarik Fehmi und Sam Fenton hört, kriegt auch keinerlei Hinweise auf ihre Wurzeln. Der Sound allerdings ist, wenn schon nicht in Österreich, dann hörbar in London zuhause, wo er sich aus Melting Pots und Pop-Traditionen bestens erklären lässt.

Atmosphärisch eine Emulsion der The-Bands Notwist, XX oder Velvet Underground, erkundet dieser Postpunk das Abseits analoger Musik mit psychedelischer Methodik von versteckter Schönheit. Akustisch verschachtelt, windschief gesungen, textlich voller Rätsel, macht Tracey Denim zwar nicht ständig Laune, animiert aber in jedem der 15 meist einsilbig betitelten Tracks zum Entschlüsseln dieser plöddernden Pop-Rätsel. Sie klingen dabei nach vielem, nur keiner italienischen Bar. Zum Glück.

bar italia – Tracey Denim (Matador Records)

Isolée

An Hamburger Bars ist hingegen schon so einiges erklungen, aber hausgemachte Clubsounds entstammen gemeinhin fernab der örtlichen Schule. In Frankfurt zum Beispiel, Heimat des Klangkünstlers Rajko Müller, der die Tanzflächen seit zwei Jahrzehnten mit elektronischer Tanzmusik bereichert – die allerdings ausnahmsweise nicht in Deutschlands hessischer Techno-Hauptstadt entstehen, sondern – eben: in Hamburg, wo sein Pseudonym Isolée sämtliche Platten aufnimmt, also auch das vierte: Resort Island.

Das mit klassischen Club-Labels zu versehen, greift erneut zu kurz. Erstmals auf eigenem Label, veranstaltet Müller aka Isolée nämlich gar keinen Micro-House, sondern Schatzsuchen. Und er wird überall dort fündig, wo sich viele seiner Mix-Kolleg:innen oft nicht hinbegeben: In die Zwischenräume geschmeidiger Rhythmen und Beats, dort also, wo Panflöten und Vibrafone, Drones oder Videospielschnipsel Flächen zerteilen, bis sie platzen und dennoch intakt lassen. Gut, dass die Festivalsaison beginnt.

Isolée – Resort Island (Resort Island)


Max Mauff: Mapa & die Traurigkeit

Mein Ziel ist Kommunikation

mapa-serie-ard-vater-max-mauff

Max Mauff ist einer der unwahrscheinlichsten Fernsehstars im Land – daran hat seine Hauptrolle als junger Witwer in der ARD-Serie Mapa (Foto: Carolin Weinkopf/RBB) großen, aber nicht alleinigen Anteil. Interview zum Start der 2. Staffel über traurige Rollen, ihre Heilungsversprechen, Kapitalismus am Set oder warum er für Nebenrollen manchmal alles stehen und liegen lässt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Max Mauff, Ihr Witwer Metin ist in der 2. Staffel Mapa teilweise richtig gut drauf. Ist es nach dem Trübsinn der 1. Staffel eine Erleichterung, ihn so positiv spielen zu dürfen?

Max Mauff: Eine Riesenerleichterung sogar! Und mir fällt erst dadurch auf, wie schwer der Weg durch die erste Staffel für uns war. Die Drehzeit, das gesteht man sich währenddessen ja gar nicht ein, war damals streckenweise schon richtig belastend. Ich bin oft erstaunt darüber, was ich von meinen Figuren auch danach noch mit rumschleppe, gerade bei den eher aggressiven. Abgefahren.

Ist das eine Frage der Mentalität oder der Bücher, Geschichten auch persönlich so an sich heranzulassen?

Beides, aber ich bin ein Typ, den Geschichten wirklich erreichen und gegebenenfalls auch fertigmachen. Dieses Gespür muss man aushalten können, denn manchmal ist es wie ein Fluch, den ich seit 20 Jahren in meinem Beruf mit mir herumtrage.

Fluch oder auch Segen? Je näher einem Charaktere emotional kommen, desto mehr kann man ihnen emotional ja auch entlocken…

Stimmt. Da ich Schauspielen immer machen wollte, aber nie richtig gelernt habe, musste ich mich immer eher aufs Fühlen als Können verlassen. Wenn ich etwas über mich herausgefunden habe, dann Emotionen finden zu wollen, aber auch ertragen zu können. Trotzdem hat es Riesenspaß gemacht, bei Mapa jetzt endlich mal fröhlich, statt immer nur traurig zu sein. In der ersten Staffel hatten die anderen viel damit zu tun, mich zu stützen, damit ich in der Traurigkeit nicht untergehe.

Ist Traurigkeit, ohne traurig zu sein, schwerer zu spielen, als Freude, ohne froh zu sein?

Also mir fällt es leichter, zu lachen; weinen ist intimer. Es bleiben natürlich Abstraktionen meiner wahren Gefühle, aber so sehr, wie ich mich auf Szenen einlasse, ist es am Ende gar nicht so abstrakt, sondern ein Teil von mir. Diesen Kontrollverlust erhoffe ich mir als Schauspieler selbst von Drehbüchern, die mich eigentlich perfekt führen. Es klingt vielleicht esoterisch, aber wenn ich Metin spiele, bin ich so etwas wie sein Medium. Manchmal dachte ich dabei fast, ich zwinge alle anderen am Set in meine Emotionen rein, obwohl wir letztlich ja doch eine gute Zeit zusammen haben…

Andererseits ist Mapa ja nicht Lars von Trier, hatte also bei aller Melancholie und Traurigkeit auch in der ersten Staffel schon lichte Momente.

Unbedingt sogar. Fast alle Aspekte der Trauer enthalten ja ein Heilungsversprechen. Das hilft am Ende nicht nur bei der realen Bewältigung, sondern auch der filmischen Heldenreise, die dazu neigt, alles vorm Trauerfall zu idealisieren und alles danach zu problematisieren.

Das klingt ziemlich souverän. Hatten Sie selbst schon mal einen Trauerfall im engeren Umfeld, der Ihren künstlerischen Umgang mit dem Tod beeinflusst hat?

Nein. Ich hatte auch während der Kindheit zwar schon erste Verlusterfahrungen, aber so richtig gestorben wird um mich herum erst jetzt so langsam, je mehr ich meine Dreißiger durchschreite. Meine Oma ist zum Beispiel, ohne die ich vielleicht gar kein Schauspieler geworden wäre, weil sie mir schon ganz früh immer alles, was ihr als Anschauungsmaterial wichtig erschien, in der Fernsehzeitschrift angekreuzt und aufgenommen hatte, damit ich es mir beim nächsten Besuch auf VHS-Kassetten ansehen konnte. Als sie nach der ersten Staffel Mapa gestorben ist, habe ich erstmals gespürt, was Trauer für ein zähes Brett sein kann.

Kann Film oder Filmemachen da therapeutisch wirken, als Hilfe bei der Trauerarbeit?

Ich denke schon, glaube generell auch fest an den therapeutischen Effekt des Spielens für sich und andere. Wir sind alle manipulierbar. Zugleich aber sollte man sich hüten, als Schauspieler oder Publikum zu viel von Fiktion zu erwarten – gerade in Bezug auf Heilung innere Verletzungen. Obwohl Filme und Serien Denkanstöße geben, muss man den Bärenanteil der Aufarbeitung schon noch privat leisten. Das ist aber auch ein Entwicklungsprozess. Mit Anfang 20 dachte ich noch viel eher, wir werden den deutschen Film dahingehend verändern, dass er die Menschen wirklich beeinflusst. Da wurde ich doch ein bisschen desillusioniert.

Neigen Sie zur Desillusionierung, also großen Träumen und geringem Ertrag?

Manchmal mehr, manchmal weniger. Ich will da allerdings gar nicht so fatalistisch klingen. „Mapa“ zum Beispiel kann definitiv therapeutisch wirken, so was will ich häufiger machen, darum geht es doch als Schauspieler.

Seit wann nennen Sie sich so – schon bei Ihren ersten Rollen als Achtjähriger mit Aelrun Goette oder erst später?

Später, obwohl ich nicht erst bei Aelrun am Set, sondern sogar vorher schon in der Theaterklasse genau wusste, Schauspieler werden zu wollen. Es gab nie einen zweiten Berufswunsch, ich habe ihn allerdings erst so bezeichnet, als ich meine erste Agentur hatte, so mit 14 Jahren.

Was macht es mit dem Schauspieler und Menschen, Dreiviertel seines Lebens vor der Kamera zu stehen – abgebrüht oder demütig?

Ich hab‘ ja nur das eine Leben und deshalb auch keinen Vergleich, kenne also auch keinen anderen Arbeitsrhythmus als meinen – manchmal wochenlang durchzuarbeiten und dann wieder lange auf was Neues zu warten. Alles bleibt ungewiss, nirgends gibt’s feste Strukturen, dazu ständig diese Widersprüche, etwas zu wollen, was dich nicht will oder umgekehrt, und das ohne protegierende Instanzen wir in Frankreich, die dir das Geschäft von der Pike auf erklären. Weil man sich hier alles erst mühsam erarbeiten muss, bin ich demnach weder abgebrüht noch demütig, sondern Realist.

Was bedeutet?

Das kapitalistische Konkurrenzsystem der Schauspielerei zu akzeptieren, wie ich es in meiner Anfangszeit Ende der Neunziger erlebt hatte. Gleichzeitig merke ich, wie wenig es mir gibt, wie sehr ich mich darin zurückziehe und wie toll es ist, wenn sich die Konkurrenz im Ensemble auflöst, wenn man nicht gegen-, sondern miteinander spielt. Das ist so viel inspirierender.

Belebt Konkurrenz im Schauspiel also nicht das Geschäft?

Doch, die gehört schon dazu. Ich musste auch für Mapa mit anderen um die Titelrolle konkurrieren. Aber je länger ich im Geschäft bin, desto klarer wird mir, dass diese Konkurrenz zwar dazu gehört, aber nichts verbessert. Wirklich gut bin ich erst, wenn es ein Miteinander gibt. Mir ist einfach mittlerweile klar geworden, dass ich diesen Beruf nicht für Geld, Renommee, tolle Regisseur:innen oder Figuren mache, sondern dafür, sich im Kollektiv auf etwas Gemeinsames einzulassen. Mein Ziel ist Kommunikation. Das Gegenteil hab‘ ich mal mit Heiner Lauterbach erlebt.

Ach…

Das schlimmste Casting meines Lebens, vor 15 Jahren ungefähr, der hatte mich da so kleingemacht, diesen Schock werde ich – ohne nachtragend zu sein – schon aus purem Selbstschutz, so nicht werden zu wollen, niemals vergessen.

Aus einem Duell überdimensionaler Egos wie Klaus Kinski und Werner Herzog würden Sie also keine Energie ziehen, sondern flüchten?

Vielleicht würde ich da so etwas wie konstruktiven Trotz entwickeln, aber tendenziell machen mich solche Machtspiele aus einer Zeit lange vor #MeToo einfach nur unglücklich. Ich verbinde mit der Schauspielerei ja eher Begriffe von Freiheit statt Autorität.

Gehört zu dieser unautoritären Freiheit auch, trotz ihres gewachsenen Ansehens und damit auch Einflusses nicht mehr nur Hauptrollen zu spielen, sondern wenn nötig freiwillig ins hinter Glied kleiner Nebenrollen zurückzutreten?

Auf jeden Fall! Das Gefühl, unbedingt Hauptrollen spielen zu müssen, ist mir aber seit jeher völlig fremd. Ich habe erst vor kurzem eine Tagesrolle bei Schalko gemacht.

Na ja – für David Schalko lässt man halt so einiges stehen und liegen…

(lacht) Okay, aber abgesehen davon, dass mein Freund und Kollege Joel Basman auch dabei war, ist mir generell wichtig, den Druck solcher Nebenrollen zu erspüren, in ein eingespieltes Team zu kommen, seine Leistung abzuliefern und wieder rauszugehen. Nebenrollen sind richtig harte Arbeit. Ich wünsche mir ja auch als Hauptdarsteller, dass für Nebenrollen tolle Leute engagiert werden, die für die Familie alles reinwerfen.


Musks Yaccarino & Mauffs Mapa

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. Mai

Okay, wir haben es verstanden: Im Westen nichts Neues von Edward Berger ist ein echt guter Fernsehfilm mit Kino-Intermezzo und damit durchaus vieler Preise wert. Aber ihm gleich neun Lolas ins deutsche Eichenregal zu stellen – nur in der Königskategorie von Das Lehrerzimmer geschlagen – ist dann vielleicht doch ein bisschen viel fürs Remake eines Remakes mit belangloser Politikflankierung, lückenhafter Dramaturgie und bisweilen leicht selbstreferenziellem Splatter.

Alles Themenaspekte übrigens, die auch im medialen Aufreger der Vorwoche stattfanden: Patrick Graichen, Staatssekretär in Habecks Wirtschaftsministerium, hat die Mammutaufgabe Energiewende mit Verwandten besetzt und damit Oppositionszorn erzeugt – namentlich der CSU, die auf Vetternwirtschaft ein Copyright hält, was die Enkel des korrupten Diktatorenkuschlers Franz-Josef Strauß freilich nicht daran hindert, auf jeder sozialen Plattform gegen Grüne zu schießen.

Auch auf Twitter, versteht sich, dem Elon Musk mit der Werbestrategin von NBC Universal ein echtes Verkaufstalent an die Spitze setzt. Der Trump-Fan Linda Yaccarino dürfte schließlich vor allem Wachstum im Kopf haben, um Musks Propagandadienst in die Gewinnzone zu bringen. Lappalien von Demokratie über Debattenkultur bis Pressefreiheit dürften da bestenfalls vierte Geigen spielen.

Letztere ist übrigens hierzulande weiter schwer unter Beschuss, weshalb Deutschland im Pressefreiheitsranking um drei Plätze auf Rang 16 abgerutscht ist – was allerdings weniger an staatlicher Repression als privatem Hass von rechts zu verdanken ist. Dass der MDR in dieser Atmosphäre sein Boulevardmagazin Live nach Neun streicht, dürfte darauf nur bedingt Einfluss haben, zeigt allerdings, dass der demokratierelevante öffentlich-rechtliche Rundfunk auf die RBB-Katastrophe weiterhin mit Sparen am Programm reagiert.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

15. – 21. Mai

Dass es dort wie anderswo wenig erbauliche Neuveröffentlichungen zu vermelden gibt, hat damit aber wohl nichts zu tun. Bemerkenswert immerhin: die zweite Staffel von Mapa, der abermals wunderbaren Erzählung vom viel zu jungen Witwer Metin (Max Mauff), der sein kleines Kind auch weiterhin ohne Mutter großkriegen muss, aber ab Donnerstag in der ARD-Mediathek wenigstens ein eigenes Liebesleben entwickeln darf.

Das sechsteilige Erbschaftsfolgendrama Am Ende von Andreas Prochaskas Sohn Daniel, ab Mittwoch im ZDF, ist hingegen kaum der Rede wert, weshalb die Tipps der nächsten sieben Tage vor allem dokumentarischer Art sind. Bereits abrufbar: Still, das großartige Netflix-Porträt von Michael J. Fox, der wenige Jahre nach seinem Durchbruch mit Zurück in die Zukunft an Parkinson erkrankte und seither zeigt, wie Beharrungsvermögen und Humor der Hoffnungslosigkeit trotzen.

An gleicher Stelle nicht unbedingt anspruchsvoll, aber kontrovers: Queen Cleopatra, Gina Gharavis Serienporträt der ägyptischen Königin mit, Achtung: der Schwarzen Adele James als Titelheldin der Reenactment-Elemente eines überaus feministischen Blickwinkels auf die Antike. Das bringt Rassisten aller Herren Länder verlässlich auf die Palme jahrtausendealter Privilegien. Und Netflix PR, die sich der Streamingdienst kaum erkaufen könnte.

Am Donnerstag geht der weiße männliche Talkshow-Host Markus Lanz erstmals seit seiner Südpol-Reportagen vor 13 Jahren wieder fürs ZDF auf Reisen – zunächst nach Moldawien ungeschminkt. Der oberste Artenschützer des Zweiten dagegen lässt andere reisen. Bei seinem RTL-Abstecher schickt Dirk Steffens (mit Sonja Zietlow) ab Samstag Menschen verschieden niedriger Prominenzgrade um die Welt, um im Auftrag der Umwelt ein Quiz im Stil von Joko & Klaas zu improvisieren.

Das ist zwar nur bedingt unterhaltsam, dient dem F1-Sender RTL aber gehörig beim Greenwashing – und dank der Kanäle des feindlich übernommenen Zeitungsverlags Gruner + Jahr auch beim Quotensammeln. Empfehlenswerter: die vierteilige Sky-Doku Juan Carlos – Liebe, Geld, Verrat von Christian Beetz, der den spanischen Ex-König tags drauf als gewissenloses Schwein im Diktatorendienst entlarvt. War noch was? Ach ja: der ESC. 18 Millionen LED-Lampen, 18 Punkte Deutschland, letzter. Wie immer.


Greta Schloch, Overmono, Esben and the Witch

Greta Schloch

Greta Schloch, wer wüsste das nicht, ist – tja: wer oder was noch mal? Seit Ende der Neunziger veröffentlich er/sie/es darunter Songs, von dem Alter fast schon Kultstatus erlangte. “Lieber ne Flasch Bier als Freund / als ne Flasche als Freund” – treffender ließ sich das Verpaarungsdilemma nicht auf den dadaistischen Pop-Punkt bringen. Stilistisch zwischen weder und noch, fanden es alle zwar ungefähr so schrecklich wie Fatih Akins Goldener Handschuh, aber anziehender als Autounfälle im Gegenverkehr und damit perfekt für ein Remix-Album, das Crocodile Records kuratiert.

Vom Disco-Dub des kanadischen Musikers Deadbeat bis zum Minimalhouse des schwedischen Produzenten The Field, vom Electro-Kraut der Ostrock-Band Herbst in Peking bis zu Gretas eigener Country-Version, vom fiepsenden Atari-Trash bis zur Originalversion macht die viel zu kurze EP daraus alles und nichts zugleich, also herzzerreißend behämmerte Found-Footage-Remixe zum Tanzen, Kotzen, Schlafen, verschwitzt aufwachen, ergo: den Soundtrack unserer dissonant bewegenden Zeit.

Greta Schloch – Alter Remixe (Crocodile Records)

Overmono

Und wenn Greta Schloch schon ein Kunstbegriff von schlichter Schönheit ist – was soll man da eher vom Label halten, das die britischen Brüder Ed und Tom Russell ihrem Club-Projekt Overmono verpassen: Mono mal Mono gleich Stereo? Einklang plus Vielklang macht Durchdrehen? Egal: das – hier kann mans wirklich mal sagen: lang erhoffte Debütalbum der Tanzflächenfüller ist so derart poloyphon elektronisch, dass es den Dancefloor selbst als Konserve mitreißt, Homedisco-Eskalation gewissermaßen.

Denn Good Lies schafft es spielend, Stimmungen in Bässe zu verwandeln und umgekehrt – Sound in Gefühle. Stilistisch der weiten Welt des House am nächsten, hat der Gewinner des DJ Mag Best of British Awards als bester Live-Act seine schweißtreibenden Club-Sounds 13 Tracks lang auf Tonträger gerettet und bietet darauf gewissermaßen Anschauungsmaterial, wie einfach, zugleich aber vertrackt es ist, elektronische Zappeligkeit in plattentauglichen Pop zu verwandeln.

Overmono – Good Lies (XL Recordings)

Esben and the Witch

Und damit zu etwas wirklich, also vollumfänglich anderem als House und Dada, nämlich der Dark-Wave-Band Esben and the Witch, die natürlich auch deshalb unterm Radar der Clubkultur läuft, weil sie so tief in sich ruht, dass der ideale Ort dafür Hängematten im Dunkeln sind oder zumindest Zimmer mit zugezogenen Vorhängen. Aber bitte nicht missverstehen: das Trio aus Brighton macht dennoch zutiefst aufwühlende Musik, die mit seinem digital-analogen Dark-Wave tief ins Unterbewusstsein vordringt.

Bestes Beispiel: das sechste Album Hold Sacred. Flächig ausgewalzt von Thomas Fishers Gitarrenbrett, singt sich Bassistin Rachel Davies abermals in die Abgründe ihrer alltagswunden Seele, kreiert damit allerdings Epen von variabler Tristesse, die The XX quasi ästhetisch aufblähen und dabei manchmal fast noisig, ja krautig klingen. Wenn Drummer Daniel Copeman dazu klitzekleine Synths und Samples über diese Kunstwerke des elaborierten Trübsinns tröpfelt, ist es daher egal, ob man allein oder im Pulk ist. Der Magen vibriert sowieso.

Esben and the Witch – Hold Sacred (Nostromo Records)