CVC, Unknown Mortal Orchestra, Assistent

CVC

Nostalgie ist ein Wadenwickel. Sie wärmt uns in der Kälte dieser frostigen Zeit und weckt dabei wenigstens den Anschein, Heilung zu bringen. Meistens ist das pure Autosuggestion, wirkt aber besonders dann wahre Wunder, wenn man sie als Vertonung angeblich besserer Zeiten anlegt. Das walisische Church Village Collective, kurz CVC, hat demnach fast therapeutische Wirkung, wenn es Sixties und Crooner mit etwas Britpop und Progressive Rock zu einer zukunftsweisend rückwärtsgewandten Symphonie verdickt.

Alles eigentlich bisschen zu altbacken, alles eigentlich bisschen sämig, alles eigentlich bisschen maskulin für einen Boomer-Sound mit GenZ-Potenzial. Aber wie Sänger Francesco Orsi, Bassist Ben Thorne, Schlagzeuger Tom Fry, Keyboarder Naniel Jones mit den zwei Gitarristen David Bassey und Elliott Bradfield auf ihrem Debütalbum Get Real bei den Beatles oder Supertramp wildern, um Oasis im Kakao von We Are Scientists zu verrühren – das ist einfach ganz große, ja fast schon berauschende Retro-Kunst.

CVC – Get Real (Cargo Records)

Unknown Mortal Orchestra

Ungefähr im selben Referenzspektrum bedient sich seit zwölf Jahren auch das Unknown Mortal Orchestra im Fundus antiquierter Klänge, um sie gegenwartstauglich zu amalgamieren. Wobei Orchestra – das klingt wuchtig nach XL-Proberaum und rappelvoller Bühne, was rein arithmetisch Quatsch ist. Der Neuseeländer Ruban Nielson allerdings schafft es in der Tat, sein Trio zum Dutzend aufzublähen und das Repertoire von CVC nochmals zu erweitern. Um eine Prise seiner hawaiianischen Ursprünge etwa.

So gerät das 6. Album mit dem drolligen Titel V zur nostalgischen Klangkollage, die noch nicht mal allzu aufwändig aktualisiert wurde, weil es Nielsen darum gar nicht geht. Der gitarrensoloversessene Small-Big-Band-Leader schafft es einfach abermals, amerikanische Westcoast mit ozeanischer Eastcoast so zu vereinen, dass selbst Folklore urban klingt und Kreuzfahrtschiff-Piano clubtauglich. Kleines Orchester, großer Anspruch, gewaltiger Spaß, wie immer halt beim UMO

Unknown Mortal Orchestra – V (Jagjaguwar)

Der Assistent

Und damit zu jemandem, dessen Retrostyle schon als Sänger der Hamburger Avantgardepopper Fotos einer Seele zu entspringen schien, die offenbar bereits im Grundschulalter Ü-40 war und auf Solo-Pfaden entsprechend überreif daherkommt. Der Assistent, so nennt sich Tom Hessler jetzt ohne Band, sediert das Werk seiner früheren Tage so virtuos mit analogem Lo-Fi und einer Prise Laid Back, bis es fast schon Wienerische Wattebäuschigkeit vermittelt, also ein bisschen an Bilderbuch erinnert.

Allerdings, ohne sich anzubiedern. Dafür ist sein selbstbetiteltes Debütalbum einfach auf zu lässige Art elegant und schön. Vom ersten der acht karibisch angehauchten Tracks an sendet er wie im Opener Signale “eine Botschaft, die Trost schafft” nach der anderen, gefolgt von je einer “Nachricht, der Nachsicht”, was nur oberflächlich nach Wortspielerei klingt. Tatsächlich entspringt die Platte einer inneren Überzeugung vom heilsamen Drang der Reduktion, dass man darin versinken will – und glücklicherweise auch kann.

Der Assistent – Der Assistent (Papercup Records)


Sebastian Fitzek: Literatur & Fernsehen

Ich bin erkennbar-Speed-Boot-Fan

Sebastian_Fitzek

Sebastian Fitzek (Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 3.0) hat 14 Millionen Bücher in 36 Sprachen verkauft und mit der RTL-Adaption seiner Auris-Reihe nun ein paar mehr davon werbewirksam am Bildschirm platziert – auch wenn er nur Co-Autor der eigenen Idee war. Ein Interview über forensische Phonetiker, erfolgreiche Psychothriller, druckreife Sätze und auf welchen Sinn er nicht verzichten könnte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Fitzek, die Verfilmung vom Auftakt Ihrer Romanreihe Auris nimmt von der ersten Minute an Fahrt auf. Entspricht die gesendete Beschleunigung 1:1 der literarischen oder wird sie am Bildschirm nochmals hochgefahren?

Sebastian Fitzek: Es entspricht jedenfalls meiner Art zu arbeiten, aber auch der von Vincent Kliesch, mit dem ich Teil 1 ja noch sehr eng gemeinsam geplottet und geschrieben habe.

Hat Auris demnach Ihr persönliches oder eher typisches Thriller-Tempo?

Stephen King hat mal gesagt, beim Schreiben eines Thrillers gäbe es nur zwei Transportmittel: Speed-Boot oder Ozean-Dampfer. Ersteres setzt in Höchstgeschwindigkeit ab und fesselt damit pausenlos, letzteres dagegen langsamer, ist dafür bei voller Fahrt aber kaum noch aufzuhalten. Ich bin erkennbar ein Speed-Boot-Fan.

Auch als Konsument?

Auch als Konsument. Obwohl ich mir da eher mal gemächliche Thriller gefallen lasse.

Mittlere Bootsklassen, um im Bild zu bleiben, interessieren Sie als Autor gar nicht?

Doch. Wenn ein Thriller zum Psychothriller wird, darf er selbst über Hunderte Seiten hinweg zum Kammerspiel ohne Action oder Leiche geraten. Bei mir ist es nur so: Ich lese mir alles – ob Roman oder Drehbuch – immer laut vor. Und wenn dabei auffällt, dass ich Stellen schneller als nötig lese, streiche ich sie tendenziell raus. Erst durch Kürzung entsteht oft Spannung. Aber nur, weil ich Fan einer gewissen Ereignisdichte bin, haben Millionen andere Arten natürlich trotzdem ihre Berechtigung.

Das ist also kein Stil- oder Genre-Urteil?

Nein, es ist meine persönliche Präferenz. Weil ich mich selbst nicht langweilen will, lege ich daher schnell den Rotstift an. Ein großer Regisseur meinte mal, gute Filmszenen beginnen so spät wie möglich. So halte ich es beim Schreiben auch und glaube, das tut ganz gut.

Wo Frank Schätzing gerade die Serien-Verfilmung von Der Schwarm kritisiert hat…

Ach, hat er das?

Ziemlich offen und sogar ein bisschen wütend über die Mutlosigkeit des ZDF. Wie zufrieden sind Sie mit der Verfilmung von Auris bei RTL?

Ich finde es gelungen und die beiden Hauptdarsteller machen ihre Sache wirklich gut!

Wobei die Reihe zwar Ihre Idee war, aber das Werk eines anderen.

Na ja, ich wollte Auris zunächst als Hörspiel umsetzen, das ich mit Audible dann auch entwickelt habe. Aber weil mir mehrere Eisen im Feuer die Konzentration rauben, arbeite ich generell nur an einem Projekt zurzeit und hatte Glück, dass mein Kollege Vincent, den ich sehr schätze, angeboten hat, daraus auch noch Romane zu machen, die dann vom Hörbuch abweichen. Anfangs habe ich daran noch als Co-Autor mitgearbeitet.

Und dann?

Wurde ich von Teil zu Teil mehr zum Sparringspartner und bin sehr glücklich mit den Ergebnissen. Und letztlich wurde auch bei der Verfilmung mehr richtig als falsch gemacht: Schauspiel, Production Value, visuelle Ausarbeitung, also Look & Feel finde ich wirklich gut. Geradezu brillant finde ich dagegen, wie das akustische Empfinden der Hauptfigur Hegel in Szene gesetzt wurde.

Wie kommt man eigentlich auf die Idee eines forensischen Phonetikers? Ich wusste nicht mal, dass es so was gibt…

Ich auch nicht. Die Idee kam mir beim Telefonieren auf der Autobahn, als die Verbindung so schlecht war, dass ich nicht wusste, wer mich anruft. Da dachte ich, wie spannend es wäre, anhand von Geräuschen allein Rückschlüsse auf die Person am anderen Ende der Leitung zu ziehen. Über Recherchen habe ich mich dann ans Thema herangetastet und bin auf Fachleute gestoßen, die bei Geiselnahmen Stimm- und Geräuschanalysen vornehmen. Für Verfilmungen, insbesondere bei Thrillern, ist dieses sensorische Werkzeug perfekt.

Auf welchen Ihrer sieben Sinne könnten Sie als Mensch und Autor auf keinen Fall verzichten?

Das Sehen, unbedingt. Sätze, die ich schreibe, muss ich sehen und verändere sie deshalb beim Lesen am Computer. Leider fehlt mir nämlich die Gabe, schon im Kopf druckreife Sätze entstehen zu lassen.

Können Sie am Computer druckreife Sätze entstehen lassen, die sich automatisch zur Verfilmung eignen?

Das nicht, aber ich habe beim Schreiben Bilder im Kopf, die sich daher auch visuell leichter umsetzen lassen. Andererseits ahne ich oft schon beim Schreiben, wenn dies nicht der Fall sein wird, und schreibe es trotzdem hin, weil es für die Geschichte wichtig ist

Nehmen Sie dennoch Einfluss auf Verfilmungen?

Auch hier bestenfalls als Sparringspartner, der seine Meinung nur sagt, wenn er gefragt wird. Schließlich ist alles, was am Set passiert, eine Kunst für sich, die ich zu beherrschen mir niemals anmaßen würde. Ob Drehbuch, Casting, Ausstattung, Regie, Schnitt – niemand aus der zweiten Reihe sollte den Profis sagen, wie es läuft. Nur weil ich schon viele Fußballspiele gesehen habe, könnte ich – auch wenn 80 Millionen Trainer das vor jeder WM glauben – keine Nationalmannschaft aufstellen.

Schön, dass Sie den Gewerken hier mal Ihren Respekt zollen!

Klar, sie liefern auch meinen Romanen das Fundament funktionierender Verfilmungen. Ohne sie bricht alles zusammen! Jeder Film ist ein Kunstwerk, das aus Kunstwerken anderer Künstler und ihren Visionen besteht.

Welche Kunstform macht Ihnen mittlerweile den meisten Spaß – das Recherchieren, das Schreiben, das Verkaufen, das Lesen, das Podcasten, das Verfilmen lassen?

Recherchieren definitiv am wenigsten; es sei denn, mir kommen Aha-Erlebnisse wie beim forensischen Phonetiker. Mein Kollege und Freund Peter Prange sagt, am meisten Spaß mache ihm das Geschrieben-haben. Wenn etwas den Anschein erweckt, es könnte so ineinandergreifen, dass es funktioniert, bereitet mir schon das Schreiben ein gutes Gefühl. Ob es am Ende dann wirklich aufgeht, bleibt am Anfang aber immer nur eine Hoffnung.

„Auris – Der Fall Hegel“ und „Die Frequenz des Todes“, beide in der RTL-Mediathek


Jeanette Hain: Luden & leise Töne

Es bricht selten richtig aus mir heraus

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Jeanette Hain (Foto: Susanne Schramke/Prime Video) ist die Schauspielerin der leisen Töne mit großer Wirkung. Ihre Prosituierte im Amazon-Sechsteiler Luden kann auch mal laut werden. Damit verleiht sie dem schillernd brutalen, explizit frauenfeindlichen St. Pauli der frühen 80er damit enorme Dringlichkeit – und Prime Video damit verblüffend bedeutsame Unterhaltung. Beides gilt auch fürs vorab bei DWDL erschienene Interview.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hain, Sie sind im Münchner Speckgürtel aufgewachsen, also Lichtjahre vom Hamburger Rotlichtviertel der Achtzigerjahre, das Luden beschreibt.

Jeanette Hain: In Neuried, total dörflich.

Was hatten Sie seinerzeit für ein Bild von St. Pauli?

Oh Gott, als Kind war ich dort viel zu sehr mit Baumhausbauen beschäftigt, um einen Bezug zum Kiez zu entwickeln. Ich bin ihm einfach niemals begegnet. Und falls doch mal ein Funke zu mir aufs Land geflogen ist, war er für mich überhaupt nicht greifbar.

Wenn das Traumschiff vom Hamburger Hafen in See gestochen ist, haben Sie es in ZDF aber schon gesehen?

Auch nicht. Bis ich mit 15, 16 erstmals in Berlin war und mich sofort darin verliebt hatte, waren Stadt und Land für mich getrennte Planetenkonstellationen.

Was war denn dann Ihr Blick auf diese weit entfernte Galaxie, bevor Sie Luden gedreht haben?

Ich habe einmal mit Hermine Huntgeburth neben Martin Brambach dort gedreht und hatte mal zwei, drei Drehtage in der legendären „Ritze“ mit Boxring im Keller, durfte das also live erleben. Dort spürt man zwar noch den Herzschlag vergangener Jahrzehnte, kriegt ihn aber kaum zu fassen. Bei aller Neugier nehme ich mir daher nicht heraus, diesen Kosmos zu bewerten.

Sondern?

Versuche mit Achtung und Respekt langsam einzutauchen. Dieses Erspüren durch Annäherung ist mir durch viele Dokumentationen jener Zeit hoffe ich gelungen, also nicht wie bei Aaron Hilmer der aus Hamburg stammt, aus eigener Erfahrung, sondern reiner Beobachtung.

Ist das grundsätzlich ihre schauspielerische Herangehensweise?

Schon. Aber ich sehe es so, dass wir – ob als Menschen oder als Schauspieler – viele fremde Räume in uns tragen, aber noch nie betreten haben. Bei der Suche nach passenden Schlüsseln helfen dann die Geschichten der Menschen dort, ihre Erzählungen und Bilder. Wenn ich ihn dann gefunden habe, wird in mir oft etwas geweckt, was gar nichts mit Schauspielerei zu tun hat, sondern dem Gefühl, wie viel meiner Rollen ohnehin in mir stecken. Also auch von Jutta.

Was genau verbindet Sie denn mit dieser gealterten Sexarbeiterin mit Drogenproblem?

Ein Alleinsein, das nichts mit Einsamkeit zu tun hat. Ich bin mit Anfang 20 Mutter geworden, mein Sohn ist 31, meine Tochter 16. Trotzdem habe ich als Frau fast immer alleine gelebt und war, wie Jutta, auf der Suche nach Geborgenheit, Miteinander, Gemeinschaft mit Leib und Seele, ohne dass mein Leben schlecht gewesen wäre. Das verbindet uns.

Wobei Jutta unglaublich verzweifelt wirkt.

Absolut, das war ich nie, habe mich aber auch nicht annähernd in einer Situation wie ihrer befunden, mit jahrzehntelanger Heroin-Abhängigkeit und weggegebener Tochter. Zugleich aber teilen wir Grundbedürfnisse, die man auch an so verschiedenen Orten hat wie Jutta und ich.

Obwohl Jutta eine durchsetzungsfähige, selbstbewusste Frau dieser männlich dominierten Zeit war, war sie aber doch immer auch ein Objekt anderer und dadurch stets getrieben.

Dass andere über sie bestimmen, ist mir in der Tat fremder. Aber das Gefühl von Abhängigkeiten oder Unfreiheit kenne ich natürlich trotzdem – wenngleich nicht in solchem Ausmaß. Dem nachzugehen, sich ihm hinzugeben, wächst beim Spielen fast automatisch. Wichtig ist, seine Figuren im Ganzen aller Aspekte zu sehen, ohne sie zu verurteilen.

Dass Jutta trotz allen Elends, in dem sie sich befindet, immer leise bleibt – ist das da die Drehbuchfigur oder deren Darstellerin, von der man ebenfalls kaum laute Töne hört?

Es bricht in der Tat – ob vor oder abseits der Kamera – selten richtig aus mir raus. Jutta hat es sich in ihrer Situation zwar eingerichtet, lässt sich aber trotzdem nicht alles gefallen und begehrt auf, auch wenn das nicht zu grundliegenden Veränderungen führt. Die übernimmt dann ihre Tochter, obwohl der Kiez auch von ihr Besitz ergreift und versucht sie leiser zu machen.

Was an Ihrer Rolle auffällt, ist wie sehr Sie sich dafür seelisch, aber auch körperlich entblößen. Waren Sie je zuvor in einer Rolle nackter als bei dieser?

Seelisch versuche ich immer nackt zu spielen. Körperlich erinnere ich an Arbeiten mit Dominik Graf zum Beispiel oder zuletzt Faking Hitler – nur nicht in dieser Intensivität.

Was macht das mit einer Schauspielerin, sich physisch wie psychisch so auszuziehen?

Ich finde, wenig. Am Anfang hat die Regisseurin uns geraten, alles fallenzulassen wie in den freizügigen Achtzigern. Was mir dabei hilft, ist dass ich beim Drehen gar keinen Plan, kein Bild von mir habe, sondern nur die Rolle bin. Ob die angezogen ist oder splitternackt, verändert demnach kaum etwas für mich, solange Nacktheit etwas erzählt. Dann beschreibt sie Zustände, die von Bedeutung sind. Wir Menschen setzen uns aus so vielen Puzzleteilen zusammen – da gehört Nacktheit einfach dazu.

Es sei denn, sie wird selbstreferenziell, also voyeuristisch?

Genau, aber das spürt man ja schon beim Lesen des Drehbuchs, so wie man jedem Dialog anmerkt, ob er inhaltlich bedeutsam ist oder nicht. Aber obwohl mir Nacktheit normal erscheint, muss ich mich dann auch nicht ausziehen…

Oder nach dem Sex nur mit Bettdecke überm Dekolletee aufstehen, wie im prüden Hollywood…

Stimmt, wobei auch das eine Bedeutung haben kann, sofern es etwas über die Beziehung aussagt, in der es ja trotz Sexualität verklemmt zugehen kann. Bei Luden jedenfalls ging es nie darum, etwas über die Zurschaustellung ihrer Zeit hinaus zu entblößen. Das macht die Serie so gut.

Was machen Sie denn nach so einer intensiven Rolle voller Gewalt jeder Art – müssen Sie da erstmal mit einer Romantic Comedy detoxen oder sind im Gegenteil gestählt für die wirklich harten Stoffe?

Detoxen nein, harte Stoffe ja. Denn je länger ich über die Serie nachdenke, desto klarer wird mir, dass solche Serien nötig sind, um Tabus zu brechen. Deshalb erzählen wir die Geschichte in all ihren Facetten. Nur so kann man sich mit den Figuren identifizieren, und uns aus unseren Mustern lösen. Die Serie lässt schon wegen ihres Humors viel Raum für konstruktive Gedanken. Auch bei mir.


Döpfners Millionen & Körners Unbeugsame

Die Gebrauchtwoche

TV

27. Februar – 5. März

Um es trotz und wegen aller Polemik mit der akkuraten Menge Zynismus festzuhalten: jeder journalistische Arbeitsplatz birgt ein menschliches Schicksal, das Solidarität, Zuwendung und Schutz bedarf, aber nicht jeder journalistische Arbeitsplatz ist erhaltenswert, womit wir bei Welt und Bild wären. Beide Blätter haben sattsam Erfahrung damit, menschliche Schicksale so zu manipulieren, dass sie – sorry, fürs billige Wortspiel – in(s) Welt-Bild passen.

Erstere zum Beispiel empfand palästinensisches Leben vor 40 Jahren offen als unwert, was bei der Bild für praktisch alle Lebensformen abseits von der erhofften Kaufzielgruppe gewissensreduzierter Populismusfans gilt. Wie also soll man all jene, die ihr Gewissen am Axel-Springer-Platz 1 parterre abgeben, mit Solidarität, Zuwendung, Schutz versorgen? Gar nicht, liebe Springer-Bagage! Wer dem Teufel ins Rektum kriecht wie die schreibende Gauleitung des Gossenjournalismus, stinkt nicht nur schwefelig, er verdient die Arbeitslosigkeit.

Wenn Mathias Döpfner an euch nun 100 Millionen Euro spart, damit sein Konto mittelfristig die Zehnstelligkeit entert, könnt ihr die freie Zeit vielleicht dafür nutzen, in euch zu gehen, Buße zu tun, Schweigekloster vielleicht oder mal ein paar Wochen im Flüchtlingslager helfen. Alles besser als der Dreck, den ihr sonst in die Welt kübelt und damit schlimmer seid als Rupert Murdoch, der wenigstens zugibt, wie sein rechtes Pöbelforum Fox News nach der US-Wahl 2020 Lügen verbreitet hatte.

Dass Sean Hannity, Jeanine Pirro oder Maria Bartiromo dafür rausgeflogen sind, ist im Gegensatz zum RBB-Programmchef Jan Schulte-Kellinghaus freilich nicht überliefert, der nun durch die (vorerst) unbescholtene Martina Zöllner ersetzt wird. ARD und NDR haben währenddessen die Serienloser vergangener ESCs durch eine Band namens Lord of the Lost ersetzt, die sich im Mai um den letzten Platz bewirbt. Viel Erfolg dabei!

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. März

Wenig Erfolg dürfte nach Wochen verheerender Kritik normalerweise die lineare Ausstrahlung von Der Schwarm ab heute im ZDF haben, aber deutsche Zuschauer sind mindestens ebenso merkwürdige Wesen wie das Nord- und Ostseegetier, dem der Naturfilmer Thomas Behrend parallel für die ARD-Reihe Erlebnis Erde: Unserer Meere nachgeschwommen ist. Unsere und überhaupt alle weiblichen Wesen dürften zwei Tage später dagegen gern im Zentrum aller Kanäle stehen.

Am Weltfrauentag allerdings haben sich die meisten davon fürs alltägliche Regelprogramm entschieden, weshalb der Bachelor zur Primetime RTL-Sexismus kultiviert und selbst Arte nur ein Re:-Plätzchen vor acht für feministische Themen (Frauenmorde) bereithält. Immerhin zeigt 3sat um 20.15 Uhr Torsten Körners herausragende (Un-)Gleichberechtigungsdokumentation Die Unbeugsamen über Politikerinnen der ersten fünf BRD-Jahrzehnte und wie die Herren der Schöpfung sie darin bekämpft haben.

Selbstgerechte, graue, misogyne, lächerliche, aber mächtige Typen übrigens, die auch den italienischen Sechsteiler Und draußen die Nacht bevölkern, mit dem Arte in seiner Mediathek parallel eines der folgenschwersten Attentate der europäischen Nachkriegsgeschichte nachstellt: Den Mord am Christdemokraten Aldo Moro, der 1978 ein Bündnis mit der kommunistischen Partei eingehen wollte. Ähnlich historisch: Der Reichstagsbrand, dem Arte linear zugleich einen Schwerpunkt widmet. Und damit zur Fiktion dieser Woche.

Heute startet Magenta TV die Biopic-Miniserie Becoming Karen Blixen. Mittwoch zeigt Netflix die liebenswerte, aber bisweilen seichte Late-Coming-of-Age-Dramedy Faraway um eine deutsch-türkische Frau auf Selbstfindungstrip. Bei Paramount+ läuft ab Donnerstag die sechsteilige Romanze Love Me, während die Sky-Serie Christian zeitgleich Mystery mit Mafiosi verbindet und In Search of Tomorrow tags drauf fünfmal die Geschichte der Science-Fiction erzählt. Unwissenschaftliche Fiction zum Schluss: Bernd Münchow als Thirtysomething in der dreiteiligen Neo-Komödie Like a Loser und die nächste Paartherapie, diesmal: Familie Anders, ab Sonntag mit wechselnden Promi-Patient:innen im ZDF.


Macklemore, Gruff Rhys, OY

Macklemore

Dass die Welt, in der wir leben, verrückt geworden ist, darüber dürfte nirgendwo mehr ein Zweifel bestehen. Aber es liegt nur noch teilweise darin, dass – in den Worten von Chris Rock – der beste Golfer Schwarz sei und der beste Rapper weiß. Schließlich haben Tiger Woods und Eminem ihren Zenit überschritten. Doch während die besten Golfer wieder Weiße sind, ist es der beste Rapper auch, nur ein anderer: Macklemore. An der Seite von Ryan Lewis, aber auch solo – wie sein fabelhaftes Solo-Album BEN aufs Neue belegt.

Anders als der Reimstapler Marshall Mathers macht Ben Haggerty zwar weniger emblematischen HipHop. Seine Wort-Kaskaden sind dafür origineller instrumentiert und sinfonischem Pop näher als der reinen Lehre, aber so ausgeklügelt, dass sie unter 10.000 Samples und Field-Recordings, den Wokeness- und Pride-Fanfaren aller Ecken der Weltmusik ihre Stellung behaupten. Bestes Beispiel: die Single Heroes ft. DJ Premier – ein Feuerwerk aus orientalem Dub und Westcoas-Rap, der ebenso von den Füßen reißt wie No Bad Days zuvor. Schlechte Tage hat man mit dieser Platte nicht.

Macklemore – BEN (ADA/Warner)

Gruff Rhys

Soundtracks sind normalerweise selten empfehlenswert. Zu selten nur wirken sie eigenständig, also vom visuellen Kontext völlig entkoppelt, aber bei Gruff Rhys’ Score zu Charlotte Gainsbourgs Drama The Almond And The Seahorse machen wir mal eine Ausnahme. Gemeinsam mit dem National Orchestra of Wales nämlich hat deren Landsmann und Ex-Sänger der Super Furry Animals die ergreifende Beziehungsgeschichte einer Archäologin und einer Architektin zum Meisterwerk der Stimmungsschwankungen gemacht.

Das Repertoire reicht von eleganten Cello-Sonaten (Skyward) bis experimentellem HipHop (The Brain and the Body), von Alternative-Pop (Sunshine and Laughter Ever After) bis Electro-Clash (People Are Pissed), von Gaga-LoFi (Amen) bis Crooner-Rock (I Want My Old Life Back). Und immer transportiert es die Aura des Gezeigten ebenso eletang wie die des Gehörten. Weil Soundtracks längst monochrome KI-Konstrukte sind, ist dieser hier also endlich mal wieder wirklich der Rede wert.

Gruff Rhys – The Almond And The Seahorse (Rough Trade) 

OY

Beim polyphonen Berliner Ethno-Expermintal-Duo OY ist es dagegen ein bisschen umgekehrt. Keyboarderin Joy Frempong und ihr drummender Produzent, sprechender Nom de Paix: Melodydreamer, machen seit zehn Jahren Soundtracks, denen der Film zu fehlen scheint. So ist es auch mit World Wide We, ein Titel der seine Vielfalt bereits im Namen trägt. Das Album ist eine so liebenswerte Sammlung verschrobener kleiner und großer Melodien, dass die fehlenden Bilder dazu vorm inneren Auge ablaufen.

Und das Interessanteste: obwohl ihr Fokus so sehr auf der Kompilation aller Tonabfolgen, die der Welt so innewohnen, zu liegen scheint, haben sämtliche 15 Stücke alle Zeit dieser Erde, globale Sorgen anzusprechen, Identitätspolitik zum Bespiel, strukturelle Benachteiligung, Neoimperialismus – all die Fehlentwicklungen des nationalstaatlichen Kapitalismus, denen sich einst die so genannte Weltmusik widmen musste. Jetzt machen es OY. Und es klingt fantastisch wie das World Wide We, von dem  sie träumen. Träumt bitte weiter!

OY – World Wide We (Mouthwatering Records)

 


Christoph Waltz: Tarantino & The Consultant

Ich sehe mehr gute als böse Jungs

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Auf Leinwand ist Christoph Waltz (Foto: Michael Desmond/Amazon) ein Weltstar, am Bildschirm kaum zu sehen. Die Amazon-Serie The Consultant könnte das ändern. Seit Februar spielt der Wiener darin seine Paraderolle: einen manischen Menschenmanipulierer. Ein Interview über Soziopathen, Fernseher, Ängste und was er nach der Morgenzeitung gern täte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Waltz, haben Sie im früheren oder vielleicht sogar im späteren Leben öfter Videospiele gespielt?

Christoph Waltz: Ein, zweimal vielleicht, und ich fand sie so furchtbar langweilig, dass ich nie in Gefahr geraten bin, mich daran zu gewöhnen. Meine persönliche Erfahrung mit dem Thema dieser Serie ist demnach sehr limitiert.

Und wie sieht Ihre Erfahrung mit den Großraumbüros des Computerspiel-Herstellers aus, den Sie als Unternehmensberater nach dem Tod des Besitzers radikal umstrukturieren?

Ähnlich. Ich habe auch noch nie wirklich im Büro gearbeitet, bin diesem System glücklicherweise also früh entflohen.

Haben Sie darüber hinaus denn schon mit übergriffigen Chefs wie The Consultant Regus Patoff gearbeitet?

Natürlich, wer hätte das nicht in meinem Alter. Aber davon unabhängig imitiere ich für meine Rollen generell weder reale Figuren noch eigene Erfahrungen, sondern spiele das, was aufgeschrieben wurde. Und Regus Patoff ist schon deshalb gar kein übergriffiger Chef, weil Übergriffigkeit immer auch mit den Perspektiven der Betroffenen zu tun hat und wer dazu beiträgt oder sie erst ermöglicht.

Es geht in The Consultant also gar nicht um toxische Arbeitgeber, sondern toxische Arbeitsbedingungen im Hamsterrad der New Economy?

Dem könnte ich nicht mehr zustimmen! Und aus dramaturgischer Sicht sorgt Patoffs Störung missbräuchlicher Arbeitsverhältnisse durch meinen Unternehmensberater sogar dafür, dass sie vielleicht weniger toxisch werden. Gerade im digitalen Hamsterrad der New Economy würde ich mir wünschen, dass es mehr unorthodoxe Leute wie ihn gäbe, die den digitalen Gleichschritt aller Beteiligten analog ein bisschen durcheinanderbringen.

Für Sie ist Patoff also gar nicht der Schurke, den seine diabolische Art mutmaßen lässt?

Nein.

Aber schon eine Figur mit soziopathischer Persönlichkeitsstruktur, die mehrere Ihrer Erfolge als Schauspieler kennzeichnet?

Ich möchte nicht respektlos klingen, aber wenn Sie auf meine Karriere zurückblicken und nur Schurken sehen – gut. Wenn ich auf diese 45 Jahre zurückblicke, sehe ich sogar mehr gute als böse Jungs – wobei letztere natürlich zwar oft interessanter, vielschichtiger und lebhafter sind; aber wenn Sie in dieser Figur etwas Diabolisches sehen, sagt das am Ende mehr über Sie als über mich und die Serie (lacht).

Die nach Most Dangerous Game vor zwei Jahren Ihre erste seit dem ARD-Klassiker Parole Chicago ist…

(lacht herzlich) Das ist doch mal eine schöne Erinnerung, die Serie muss vom Ende der 70er stammen! Most Dangerous Game betrachte ich dagegen eher als – nicht besonders funktionierendes – Experiment eines in 15 Stücke zerteilten Filmes, an dem mich die Form mehr interessiert hat als der Inhalt. Weil ich meine bevorzugte Erzählform – das Drama – immer vom Ende her denke, unterstelle ich Serien oft, es bloß herauszögern. Damit spreche ich Ihnen nicht die Gültigkeit ab, sie wecken nur selten mein Interesse.

Klingt, als wenn Sie nicht nur selten Serien drehen, sondern auch sehen…

Ich mache hiermit ein Geständnis: Ich besitze gar keinen Fernseher und schaue zwar das eine oder andere am Computer, aber auch das eher ungern.

Und was hat Sie dann an dieser hier überzeugt?

Der Autor. Tony Basgallup. Normalerweise vertraue ich, in den Worten von D. H. Lawrence, der Geschichte mehr als ihrem Erzähler. Hier war es umgekehrt. Trotzdem hat sie mich nach dem Lesen der Pilotfolge sofort reingezogen.

Angesichts einer so vielschichtigen Figur kein Wunder, die zwar bedenkenlos Leute entlässt, aber sich vorm Treppensteigen fürchtet. Wovor haben Sie Angst?

Ängste sind immer situations- und altersabhängig. Als junger, zumal männlicher Mensch, bei dem sich der frontale Kortex nur verzögert entwickelt, hat man ja vor allem, was einen am 40. Geburtstag plötzlich entsetzt, überhaupt keine Angst. Aber selbst der fürchtet letztlich ja den Tod. Warum sollte ich da anders sein?

Sind Sie generell ein ängstlicher Typ?

Wenn ich sehe, was in der Welt gerade alles schiefläuft – sehr sogar! Sobald ich die Zeitung öffne, möchte ich eigentlich sofort zurück ins Bett und mir die Decke über den Kopf ziehen.

Haben Sie auch Angst vor Einflussverlust? In Ihrer ersten Streaming-Serie als Hauptdarsteller sind Sie zugleich Executive Producer. Klingt nach persönlicher Qualitätskontrolle…

In gewisser Weise ist es das auch, wenngleich mein Einfluss eher formeller als praktischer Art ist. Ich bin zwar ein bisschen mehr in die Kommunikation eingeklinkt und ein bisschen behilflicher als Schauspieler, die morgens zum Set kommen und abends wieder gehen. Mehr Macht will ich aber schon deshalb nicht, weil mich zunächst interessiert, was der Autor beabsichtigt. Für mehr bin ich viel zu sehr mit dem Spielen meiner Rolle beschäftigt.

Die es als The Consultant mit einer weiteren Meta-Ebene zu tun kriegt: Dem Bedürfnis, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, was womöglich größer ist als das Leben selbst.

Allerdings eine Meta-Ebene unter vielen, ja.

Was würden Sie der Nachwelt – auch wenn es noch lange hin ist – gern hinterlassen.

Meiner unmittelbaren zunächst keine Schulden, aber die Nachwelt flicht Mimen keine Kränze oder wie man Neudeutsch sagt: Augen auf bei der Berufswahl. Ich kann mir daher aber kaum vorstellen, dass die künftige Filmgeschichte nicht genügend neue Alternativen bereithält, um mich und meinen Namen in Vergessenheit geraten zu lassen.

Immerhin setzen Sie sich am Ende der Serie ein kleines Vermächtnis, wenn Sie Frank Sinatras My Way singen und damit an ihre eigenes Gesangsstudium anknüpfen.

Und wie Sie da hören, hatte es einen tieferen Sinn, dass mir der Prüfer nach bestandener Aufnahmeprüfung an der Musikakademie in Wien seinerzeit sagte, da hätte ich aber Glück gehabt, weil – „so schön haben Sie jetzt nicht gesungen“. Damit hatte er möglicherweise nicht Unrecht.


Henriks Hetze & Hamburgs Luden

Die Gebrauchtwoche

TV

20. – 26. Februar

Der Apfel fällt ja angeblich nicht weit vom Stamm. Als Verteidigungsminister stand Gerhard Stoltenberg einst am rechten Rand der geistig moralisch gewendeten, also auch nicht gerade linksliberalen CDU. Nachdem sein Enkel Henrik vorigen Mittwoch wegen Volksverhetzung verurteilt worden war, hat sich RTL nun vom Star vieler Reality-Formate wie Love Island getrennt. Schließlich befindet er sich ideologisch in durchfallbrauner Gesellschaft.

Von Konrad Kujau zum Beispiel, der laut Die Zeit offenbar nicht nur ein paar Tagebücher gefälscht und beim Stern lanciert hatte, sondern Teil eines rechtsextremen Netzwerks war, das Hitler entlasten und den Holocaust leugnen wollte. Oder Borris Brandt, den außerhalb der Fernsehbranche wohl nicht allzu viele kennen. Glück gehabt! Der frühere Pro7-Programmchef hat Deutschland vor fast 25 Jahren erst TV total, dann Big Brother gebracht und damit Mediengeschichte geschrieben.

Jetzt nimmt seine Intellekt-Verachtung jedoch gefährliche Formen an. Seit Monaten krieche seine quergedachten Kommentare Putin, AfD, Sarah Wagenknecht in den Allerwertesten. Nicht an Gehirn, immerhin aber an Demut mangelt es wie gehabt Patricia Schlesinger. Nicht, dass der früheren RBB-Chefin wegen ihrer Selbstbereicherungsmentalität Altersarmut zu wünschen wäre. Aber mehr als 18.000 Euro monatlicher Pension einzuklagen, dazu gehört schon ein gehöriges Maß an feudaler Ignoranz.

Davon hat Deutschlands einflussreichste Sozialdomina Heidi Klum bei der Verteilung bekanntlich eine Überdosis erhalten. Deshalb kleidet sie ihre Menschenverachtung weiterhin in Diversitätskostüme und macht sich beim Versuch, dagegen Stellung zu beziehen, selbst unter ihresgleichen sogar noch ein bisschen lächerlicher als das ZDF mit seiner sülzigen Seifenoper Der Schwarm, die gleichwohl Topquoten erzielte.

Von denen kann RTLzwei bis heute nur träumen. Wir gratulieren dem Sender, der zu seiner Verblödungsstrategie wenigstens steht, dennoch herzlich zum 30. Geburtstag am kommenden Montag und Fernsehlegenden wie Peep! oder Popstars, aber auch Dexter und Californication. Davon ist RTLzwei2II heute allerdings drei TV-Revolutionen entfernt. Kleiner Auszug aus dem Montagsprogramm gefällig?

Die Frischwoche

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27. Februar – 5. März

Nach dem Vorabendtrash von Köln 506687 bis Berlin – Tag & Nacht folgen erst Die Geissens, dann Daniela Katzenberger, zuletzt Armes und Hartes Deutschland. Weniger Zynismus oder relevante Importserien? Gibt’s ja nicht mal mehr im Haupthaus, wo stattdessen ab Dienstag die denkbar dusselige Fitzek-Verfilmung Auris mit Heino Ferch als Heino Ferch als forensischer Phonetiker läuft. Bleiben also mal wieder nur öffentlich-rechtliche Sender oder Streamingdienste als Empfehlungsportale.

Das Erste zeigt Mittwoch Julia C. Kaisers bedrückend gutes Sozialdrama Nichts, was uns passiert mit Emma Drogunova und Gustav Schmidt als Studierende, die zwei völlig verschiedene Sichtweisen auf eine gemeinsame Nacht haben und dem Aussage-gegen-Aussage-Dilemma vieler Vergewaltigungsdelikte zu einer dichtgewebten, vorurteilsfreien Diskussionsplattform verhelfen. Dass die 2. Staffel der dümmlich dünnen Familiensaga Unsere wunderbaren Jahre zwei Tage später an gleicher Stelle beweist, wie sinnlos die ARD oft Gebührengelder verschwendet – geschenkt.

Mit dem Episodenfilm Notes of Berlin zeigt die ARD-Mediathek am Wochenende ja wieder, was damit für feinsinnige Unterhaltung möglich ist, während der dänische Coming-of-Age-Siebenteiler My Different Ways zwei Tage zuvor bei Neo das Gleiche für Importserien nahelegt. Ohne Rundfunkbeitrag, dafür dank Jeff Bezos entstanden: Die Prime-Serie Luden. Mit Aaron Hilmer als Pimp und Jeannette Hain als Prostituierte, ist das Biopic nicht nur toll besetzt. Es zeichnet ein authentisches Bild vom radical chic St. Paulis vor 40 Jahren.

Zugaben sind dagegen: Jesse Eisenberg als onlinedating-geschädigter Fleishman is in Trouble, acht Folgen lang bei Apple TV. Die Prime-Miniserie Daisy Jones and the Six. Der dokumentarische Sechsteiler Die Anarchisten auf Sky um zwei ebensolche, denen sich das eigene Utopia als Selbstbetrug offenbart. Und natürlich die neue, 24. Folge unseres Fernsehpodcasts Och, eine noch mit mal warmen, mal kalten Worten zu The Consultant, Luden, Liaison.


Steve Youngwood: Nickelodeon & Sesamstraße

Ich fand immer Samson am Besten

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Seit 2015 leitet Steve Youngwood (Foto: Sesame Workshop) eine weltweit wichtige, weithin unbekannte Firma: Sesame Workshop. Unterm Dach dieser Non Profit Organisation entsteht seit genau 50 Jahren auch die Sesamstraße. Zum Geburtstag kam der New Yorker nach Hamburg.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Mr. Youngwood, Sie haben Ihr halbes Leben für Kinderprogramme wie Nickelodeon gearbeitet, den Sie hierzulande sogar mit aufgebaut haben. Was hat es Ihnen da bedeutet, 2015 beim Sesam Workshop anzufangen?

Steve Youngwood: Das war natürlich ein Traum, aber auch autobiografisch passend. Schließlich wurde ich im selben Jahr geboren wie die Sesame Street in den USA, bin also buchstäblich mit ihr gewachsen. Auch andere Kindersender, für die ich später gearbeitet habe, wären ohne Sesame Street nicht denkbar.

Weil sich alle anderen an ihr orientiert haben?

Weil Kinder durch Medien zu erziehen 1969 eine kühne Idee war. Auch wenn es als amerikanische Show begonnen hat, waren die Ideale und Prinzipien, Kinder als Medienkonsumenten ernst zu nehmen und ihnen Wissen mit Spaß zu vermitteln, dabei stets global. Es ging uns nie darum, ob Kinder lernen, sondern was. Die Idee zur Sesame Street entstand, weil Kinder seinerzeit vor dem Fernseher Texte von Bier-Reklame lernten.

Und dem hat die Sesamstraße das neue Konzept des Edutainments entgegengesetzt?

Genau. Wir unterhalten, um zu bilden. Das kann konkret um Lesen und Schreiben gehen, aber auch die Herausbildung einer positiven Identität und selbstwirksamen Persönlichkeit. Denn der Grundsatz If you can’t reach, you can’t teach ist kein Marketing-Aspekt, sondern unser Daseinsgrund. Nur wenn Lehrer die Herzen der Kinder erreichen, erreichen sie deren Köpfe.

Was unterscheidet Edutainment 1969 da von heute?

Vor allem durch die Kanäle. Damals hatte Sesame Street im Fernsehen 70 Prozent der Kinder erreicht. In unserer fragmentierten Medienwelt besteht die Herausforderung demnach darin, sie überhaupt noch zu erreichen. Andererseits kann man dies viel zielgerichteter tun.

Und inhaltlich?

Muss man heute ein bisschen schneller zum Punkt kommen, um Kinder bei der Stange zu halten, aber das Prinzip respektvoller Wissensvermittlung durch Unterhaltung ist geblieben. Was sich noch geändert hat: früher konnten wir langfristiger planen, heute reagieren wir eher mal auf aktuelle Entwicklungen.

Auf Covid zum Beispiel?

In der Pandemie haben wir die Puppen daher ins Home-Office geschickt und vermittelt, dass Masken und Impfstoffe richtig sind. Während einer der größten humanitären Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte haben wir zudem ein Programm für syrische Kinder in Flüchtlingslagern geschaffen und dafür 100 Millionen Dollar Spenden erhalten. Wer die Bildung der Kinder am Übergang zur Schule vernachlässigt, braucht ein Leben lang, um die Lücken zu schließen. Flüchtlingskinder in Bangladesch oder der Ukraine zu erreichen, wäre vor 20 Jahren mit der Sesamstraße allein gar nicht möglich gewesen.

Wie viel Politik vertragen Vorschulkinder denn?

Wir verstehen Politik als gesellschaftliches Handeln und vermitteln sozial-emotionale Skills, damit Kinder die Umstände, in denen sie sich befinden, so verstehen, dass keine Traumata entstehen oder vorhandene aufgearbeitet werden können. Das Konzept ist global, die Umsetzung lokal; deshalb gibt es in Südafrika eine Puppe, die HIV-positiv ist, um das Thema Aids nicht zu verstecken und Erkrankte zu destigmatisieren.

Was ist da am deutschen Markt einzigartig?

Auf dem ersten mit eigener Sendung nach Brasilien oder Mexiko und dem NDR als langjährigster Partner weltweit, geht es abseits schulischer Kompetenzen um Identität und Zugehörigkeit. Witzigerweise höre ich von Deutschen oft, sie wüssten gar nicht, dass es die Sesamstraße auch in den USA gebe…

Welche ist denn Ihre deutsche Lieblingsfigur?

Als Fan von Big Bird fand ich immer Samson am besten. Aber es sagt definitiv etwas über die Persönlichkeit aus, ob man Krümelmonster mag, Ernie & Bert oder Elmo. Aber davon unabhängig ging es immer um die Darstellung gesellschaftlicher Diversität.

Was in Bayern zunächst mal gar nicht gern gesehen wurde.

Ach, war die Sesamstraße trotzdem zu sehen?

Zu Beginn nicht.

Wie in Mississippi zum Beispiel. Aber jetzt weiß ich nichts mehr von Kontroversen. In unserer fragmentierten Medienlandschaft hat niemand mehr dasselbe Mindset wie in den Siebzigern mit vier Fernsehprogrammen.

Heute sind es Dutzende plus Streamingdienste.

Und da müssen wir uns immer wieder neu aufstellen, um Kinder zu erreichen.

Auch Ihre eigenen?

Die sind inzwischen 19, 16, 11 Jahre alt natürlich mit der Sesamstraße aufgewachsen. In den USA haben wir noch immer Aufmerksamkeitsraten von 98 Prozent und genießen hohes Vertrauen. Besonders in Zeiten der Krise suchen die Menschen Sicherheit und wenden sich dem zu, was sie kennen und schätzen.

Und warum bleibt Ihre schon so lange erfolgreich?

Ein Geheimnis unserer Marke ist, dass sie von Beginn an generationenübergreifend war, was wir anfangs, als in jedem Haushalt ein Fernseher für alle stand, durch viel Musik und Prominente gefördert haben. Deshalb wird es die Sesamstraße auf allen Kanälen noch jahrzehntelang geben. Die Welt braucht uns und in 50 Jahren feiern wir hier den 100. Geburtstag der Sesamstraße.


Schätzings Schwarm & Waltz’ Consultant

Die Gebrauchtwoche

TV

13. – 19. Februar

Literaturverfilmungen sind schon deshalb oft heikel, weil sie anders als Originaldrehbücher nicht nur mit dem Resultat, sondern der Romanvorlage verglichen werden. Wenn dann auch noch der oder die literarisch Verantwortliche am Leben ist, kommen zur Fallhöhe persönliche Befindlichen obendrauf – man denke nur an Michael Endes Verriss von Wolfgang Petersens Die unendliche Geschichte. Und jetzt also Frank Schätzing.

Sechs Tage, bevor das ZDF am Mittwoch den Achtteiler seines Weltbestsellers Der Schwarm in die Mediathek stellt, hat er die Serie so vollumfänglich verrissen, dass „pilcheresk“ noch ein freundlicher Begriff war. Das mag mit gekränkter Eitelkeit zu tun haben, dem angeschwollenen Ego des Blockbuster-Fabrikanten oder schlicht und einfach Marketing. Aber verdächtig ist es schon, dass der Kritiker öffentlich-rechtlicher Umsetzung zwei scheußliche RTL-Verfilmungen von Die dunkle Seite und Mordshunger gelobt hatte.

War also wohl doch nur gute PR, die auch der linearen Ausstrahlung Anfang März ein paar mehr Quotenpunkte bringen könnte. Und vielleicht dabei geholfen hat, vom eigentlichen Skandal des ZDF abzulenken. Dessen Gründungsintendant Karl Holzamer nämlich steckte wohl doch tiefer im NS-Staat als angenommen. Anders als von Sender und Chef behauptet, war er nicht nur langjähriges NSDAP-, sondern nach Eigenrecherchen zum 60. ZDF-Geburtstag auch SA-Mitglied.

Also einer jener Täter, für die der 1. Weltkrieg das verschwörungsideologische Testgelände zur Rechtfertigung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen aller Art war. Was Europa 1914-18 in Schutt und Asche gelegt hatte, verhilft dem Netflix-Drama Im Westen nichts Neues nun allerdings zu unerwartetem Ruhm. Nach neun Oscar-Nominierungen hat Edward Berger nun stolze sieben BAFTA-Awards bekommen.

Im Osten was Neues vom Gewalttäter Sex heißt es dagegen bei Julian Reichelt, der nach Erkenntnissen von Reschke Fernsehen noch viel mehr Frauen sexistisch attackiert hat als bislang gedacht. Im Süden nichts Altes könnte es angesichts der Meldung heißen, dass die ehrwürdige Münchner Lach- und Schießgesellschaft vorm Aus steht, weil Dieter Hildebrandts Nachfolger Bruno Jonas mit aller Welt Stress hat.

Die Frischwoche

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20. – 26. Februar

Damit geht womöglich ein Stück bundesdeutscher Humorhistorie verloren, die nicht mal das ZDF kompensieren kann. Von Frank Schätzing 2004 als Umweltthriller verfasst, wird Der Schwarm zwar als Drama-Serie angekündigt. Vom ersten Moment an allerdings hat GoT-Showrunner Frank Doelker die Vorlage so berechenbar verseift, dass es acht Teile lang meist unfreiwillig komisch ist.

Das gilt ab morgen bei Apple TV mit Einschränkungen auch für den Agenten-Thriller Liaison um ein früheres Liebespaar, das beim Kampf gegen kriminelle Hacker wiedervereinigt wird. Für Action-Fans gewiss ein Leckerbissen in sechs Gängen, ist dieses Testosteron-Gewitter nur wegen des zurückhaltend wuchtigen Vincent Cassel auch für Vernunftbegabte einigermaßen erträglich – und damit immerhin leichter verdaulich als die ARD-Schmonzette Sayonara Loreley am Freitag.

Richtig grandios dagegen ist der neue Geniestreich von Christoph Waltz, diesmal als dadaistischer Unternehmensberater The Consultant, der ab Freitag bei Prime Video eine Videospiel-Schmiede sanieren soll, deren Besitzer er selbst in den Tod getrieben hatte. Soziopathischer Aberwitz Marke Waltz vom Feinsten. Maskulines Ballermann-Fernsehen droht parallel die RTL-Serie Drift zu sein, ein deutsches Fast and the Furious mit Ken Duken und Fabian Busch.

Dann doch lieber dokumentarischen Wahnsinn wie das Paramount-Porträt Rise of the Billionaires, in der die Plattform morgen den Aufstieg mächtiger Tech-Milliardäre von Musk über Gates bis Bezos skizziert. Eine Dokusoap, aber der gehobenen Art, ist die fünfteilige Fortpflanzungsbegleitung Drei Paare, ein Ziel, aber Donnerstag in der ARD-Mediathek. Und um es nicht zu vergessen: Tags drauf steigt das französische Derby Girl zum zweiten Mal bei Neo in Rollschuhe, bevor Apple Samstag Eugene Levy in der Reportage-Reihe Urlaub wider Willen auf Reisen schickt.


Kerala Dust, Deichkind, Wesley Joseph

Kerala Dust

Dass sich Musik nicht mehr neu erfinden lässt, ist hinlänglich bekannt. Sie alt klingen zu lassen, ohne ins Nostalgische und/oder Peinliche abzudriften, erscheint daher noch komplizierter als innovativ zu sein, aber Kerala Dust schaffen es spielend. Das neue Album der Londoner aus Berlin ist schließlich eine zwölfteilige Reminiszenz an Vorbilder von Can bis Tom Waits, in die sich angeblich sogar eine Spur Velvet Underground hineindrängelt, was zwar Unsinn ist, aber den Ereignisraum der drei Briten gut umschreibt.

Der wabernde Kopfgesang vom Soundgestalter Edmund Kenny mit viel “me” und “love” quält sich durch Anachronismen, bis die Neuordnung der Dinge zugleich antiquiert und progressiv daherkommt. Wattierte Gitarren, die in Red Light an den Sixties kratzen, dystopische Keyboards, deren Tristesse in Pulse VI in den New Wave der späten Siebziger zurückreichen, zwischendurch eher sedierte als entschleunigte Elektronica zwischen psychedelischem Krautrock retrofuturistischem Pop – alles tausendmal gehört, aber selten so klug kompiliert.

Kerala Dust – Violet Drive (PIAS)

Deichkind

Höchste Zeit also für einen Break der brüchigsten Art. Deichkind sind zurück mit ihrer neuen Platte Neues vom Dauerzustand, auf der das Hamburger Trio wie immer die hedonistische Belastbarkeit von Intellekt und Moral mithilfe dadaistischen Garagentechnos ausloten. Einst als reine Spaßkapelle schwer beliebt, aber irrelevant, verstehen sich die jungen Deichkinder Porky und La Perla an der Seite des alten Bandgründers Kryptik Joe längst als Seismografen durchgehend tanzbarer Kapitalismus- und Kulturkritik.

Wenn sie im Opener “Kopf ein Affen mit Schellen / Storno im Brain / Delle am Helm” rappen, geht es also nicht um elaborierte Realitätsverweigerung, sondern digitale Hirnüberfüllung. Und selbst der Abgehtrack Fete verpennt erklärt uns unterm hochtourigen Powerbass-Gezappel eher von verpassten als versoffenen Chancen der multioptionalen Gesellschaft. Alles in allem also: Abfahrt wie immer, aber stets die Megakrisen von gestern, heute, morgen im Hinterkopf – den sie nur noch symbolisch, aber umso geiler mit Dosenbier verfüllen.

Deichkind – Neues vom Dauerzustand (Sultan Günther Musik)

Wesley Joseph

Und damit zu einem Künstler, der Sound und Vocals nicht nur politisch, sondern auch musikalisch ein bisschen ernster nimmt als die Dosenbierbrigade aus Hamburg. Das englische Kleinstadtkind, vom Label Secretly Canadian kurzerhand zum Universalgenie erhoben, schreibt – besser: malt Kunstwerke britischen HipHops voll Northern Soul und R’n’B-Sprengseln, die leider zwar völlig frei von Augenzwinkern sind, aber in ihrer lässigen Ernsthaftigkeit vom ersten bis zum letzten der acht Tracks ins Mark gehen.

Mit seiner welligen, fast gebirgigen Art zu singen, grast dieser musizierende Filmemacher, der sich parallel als Regisseur und Artworker weitere Namen macht, alle Wiesen des British Cool ab. Im Titeltrack Glow erinnert das – vermutlich bewusst – fast ein bisschen an Mike Skinner, im späteren I Just Know Highs sogar – definitiv unfreiwillig – an Hayiti, aber was heißt erinnern: wie in den Projekten zuvor will Wesley Joseph seine Art HipHop auf eigene Art definieren: nicht grad universalgenial, aber ungemein interessant.

Wesley Joseph – Glow (Secretly Canadian)