Erdogan Atalay: 25 Jahre Cobra 11

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Die Welt retten und dabei draufgehen

Genau 25 seiner 54 Jahre fährt Erdoğan Atalay (Foto: Gordon Mühle) aus Hannover bei RTL Autos zu Schrott. Ein Jubiläumsgespräch übers Erfolgsgeheimnis von Cobra 11, wie viel Realität drinstecken darf, was die Endlosserie zur Diversität beiträgt und wie er abtreten will, falls es nach der 26. Staffel, die heute beginnt, womöglich nicht weitergeht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Atalay, wissen Sie, wie viele Autos in 25 Jahren Cobra 11 geschrottet wurden?

Erdoğan Atalay: (lacht) Tausende. Die Zahlstelle weiß da vermutlich näheres. Ich nicht.

Wissen Sie denn, wie viele Verbrecher Ihre Figur Semi Gerkhan erschossen hat oder in Gefahr war, selbst draufzugehen?

Keine Ahnung, aber wenn man zusammenzählt, dürfte er nach fast 400 Fällen der effizienteste Killer der Geschichte sein. Immerhin waren seine Opfer stets die Bösen. Und das Besondere an Serienhelden wie meinem ist ja: wenn die Guten getroffen werden, genesen sie bis zur nächsten Folge.

Normale Polizisten wären entweder in psychiatrischer Behandlung oder tot. Was bewahrt Semi Gerkhan realistisch betrachtet vor beidem?

Das Wissen, im Recht und meist ohne Alternative gehandelt zu haben. Anfangs habe ich ihn tatsächlich noch so gespielt, dass er Probleme mit der Gefahr für sich und andere hat. Mittlerweile pflastern so viele Leichen seinen Weg, dass wir Cobra 11 in Semis Traumata umbenennen müssten, wenn ihm das allzu naheginge. So ein alter Hase wie er hat zu viel auf dem Kerbholz, um alles an sich ranzulassen. Das zu thematisieren, wäre nicht Ziel unserer Serie.

Was ist dann ihr Ziel?

Entertainment. Punkt (lacht).

Das sich bei aller Unterhaltsamkeit in der Realität abspielt. Wie viel davon darf, wie viel muss so seine Serie enthalten, um weder Fantasy noch der Tatort zu sein?

So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Schließlich gibt’s noch nicht mal eine Autobahnpolizei in der Form, wie wir sie spielen. Was in der Realität auf 1000 Abteilungen verteilt wird, macht Cobra 11 ja im Alleingang – bis hin zur Entschärfung von Atombomben.

Geil!

Nicht wahr? Es ist eine Mischung aus Fantasy und Tatort, die sich an der Realität orientiert, aber nicht widerspiegeln will. Was im Gegensatz zur Action allerdings unbedingt authentisch sein sollte, sind die Emotionen der Beteiligten. Und da sind wir definitiv erwachsener geworden, erdiger als früher, wo sich alles den Stuntszenen unterordnen musste.

Warum dieser Wandel? Das alte Konzept war doch erfolgreich.

Das hat mit den Neunzigerjahren zu tun, in denen unser Konzept halt funktionierte. Aber auch damit, dass wir mit dem Personalwechsel der 25. Staffel angesichts der horizontalen Entwicklung am Streamingmarkt den großen Cut wollten, anstatt uns zu wiederholen. Außerdem sind lange Serien wie Persönlichkeiten: die verändern sich mit dem Alter auch. Und wer uns von Anfang an begleitet, wird mir zustimmen, dass sich kaum eine andere mehr gewandelt hat.

Ach.

Ja! Schon durch die ständigen Wechsel meiner Partner kamen immer neue Einflüsse, die das Publikum mitbekommen hat.

Ein Publikum, dass überwiegend aus Männern bestehen dürfte.

Wir waren halt eine testosterongesteuerte Vereinigung (lacht).

Wie reagiert diese Stammkundschaft, dass Ihr Kollegium diverser wird – zum türkischstämmigen Chefermittler gesellen sich ja nicht nur ein Rollstuhlfahrer, sondern mittlerweile auch zwei Frauen?

Davon sind nicht alle megabegeistert. Aber das hat auch was mit der Liebe zur Kontinuität zu tun, die ich selbst von mir kenne. Ich bin abgesehen von meiner Filmtochter der einzig übriggebliebene Charakter. Dass Sender wie Netflix ihre Hauptfiguren nach kurzer Zeit sterben lassen, finde ich persönlich irritierend.

Entspringt der Wandel zu mehr Diversität bei „Cobra 11“ dem Zeitgeist oder echter Überzeugung?

Beides ein bisschen. Und weil die Einschaltquoten okay, aber ausbaufähig waren, bot sich ein kleiner Paradigmenwechsel an. Über den gab es intensive Diskussionen und ebenso intensive Tests, was die Akzeptanz beim Publikum betrifft.

Die muss von Beginn an hoch gewesen sein. Als Semi Gerkhan vor 25 Jahren bei Cobra einstieg, waren Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen entweder Täter oder Opfer.

Das stimmt.

War ihre Herkunft in der Serie je Thema?

Nein. Es gab zunächst die Überlegung, dass ich Semi in gebrochenem Deutsch spiele, aber ich wollte ihn an mir selbst orientieren, hier geboren und aufgewachsen, mit ein, zwei türkischen Elternteilen. Das Einzige, wo seine halbkriminelle Herkunft in Köln-Kalk durchschimmert, ist sein Bedürfnis, ein kleiner Patriarch zu sein. Aber wenn er „zuhause mach‘ ich die Ansagen“ sagt, weiß jeder, dass das Wunschdenken bleibt. Diese Ironisierung mag ich sehr.

Sehen Sie sich und Ihre Figur daher Integrationsmodelle?

Wenn Film und Fernsehen die Menschen dahingehend beeinflussen, ihr Denken zu verändern, wäre das wunderschön. Aber ich glaube nicht daran. Selbst „Türkisch für Anfänger“ hat nicht zu Akzeptanzschüben geführt. Im Gegenteil. Wer sich die Medienberichte von heute ansieht, erkennt da eher Rückwärtstendenzen. Ich halte es mit Spike Lee, der mal sagte, ein Denzel Washington sei gar kein Schwarzer, sondern Schauspieler.

Aber ist nicht genau das ein Zeichen von abklingendem Rassismus, wenn die Hautfarbe schlicht keine Rolle mehr spielt?

Schon. Aber wenn man mit Brechts Worten statt Theater Fernsehen fürs Volk machen wollte, müsste dieses Volk zugucken. Immer dann jedoch, wenn Filme bewusst zum Nachdenken anregen wollen, schauen meist nur die ohnehin Nachdenklichen zu, nicht die Denkfaulen. Trotzdem ist es wünschenswert, dass wir Diversität nebenbei als Normalität darstellen. Von daher glaube ich schon, dass mein Auftritt vor 25 Jahren unterbewusst etwas bewirkt haben könnte.

Wenn man sich an jenen Tag im März erinnert, hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl, der Papst Johannes Paul II. und die Nummer 1 im Tennis Steffi Graf. Alle längst weg. Sie sind noch da. Spricht das eher für ihr Beharrungsvermögen oder das der Serie?

Ach, dazu werde ich schon meinen Teil beigetragen haben, aber es liegt doch eher am Format. Andererseits steckt bei allem Drang zur Veränderung in jedem von uns der Keim des Bewahrens, eine Art instinktiver Heimatsuche – und die endet gelegentlich auch in Fernsehformaten, deren Hauptfiguren für eine Kontinuität stehen, die seltener wird. So gesehen ist Semi schon ein Anker in die Vergangenheit.

Sind Sie als Darsteller dahinter denn eine so treue Seele oder womöglich in einer Schublade gefangen, aus der es nach 25 Jahren längst schon kein Entrinnen mehr gibt?

Entrinnen klingt, als müsste ich vor irgendwas fliehen. Mir hat das all die Jahre einfach so irre Spaß gemacht, dass es keinen Grund dazu gab. Natürlich gab es auch mal Zeiten, in denen es schwerfiel, sich um vier Uhr morgens aus dem Bett zu quälen, um zwei Stunden später vom Helikopter ins Eiswasser zu springen. Aber ich würde die Serie auch ohne Rolle darin sehen.

Sagen Sie das jetzt, weil Sie müssen?

Ich muss gar nix sagen! Obwohl es durchaus zwischendurch Überlegungen gab, mal was anderes zu machen, hab‘ ich am Ende immer auch Verantwortung für die Serie als solche empfunden. Je länger ich dabei bin, desto größer ist die Gefahr, ihr und damit all den Menschen, die dafür arbeiten, durch einen Abschied zu schaden. Und das möchte ich nicht.

Klingt nach einer Art Fürsorgepflicht.

Nehmen Sie Pflicht raus, dann passt es.

Aber gibt es nicht auch eine Pflicht ihrem Renommee gegenüber? Im Feuilleton gilt die Serie seit Anbeginn als Synonym für hirnloses Macker-Fernsehen.

Tja.

Hat Sie das je gestört?

Früher schon. Nach einer Weile aber dachte ich, wer so denken will, soll so denken, ich denke anders. Was mich allerdings bis heute stört, ist die Pauschalisierung, was Action ist oder auch Komödie, müsse anspruchsloser Mainstream sein. Das ist mir schon deshalb zu einseitig, weil ich Mainstream überhaupt nicht als minderwertig betrachte. Aber die Kritik hat nachgelassen, mittlerweile ist Cobra bisschen Kult. Was auch an den besseren Drehbüchern von heute liegt. Und letzten Endes werde ich lieber von Zuschauern gemocht als von Fernsehkritikern.

Stimmt es, dass Staffel 26. die vorerst letzte sein soll?

Da laufen Gespräche. Schließlich ist Cobra 11 die teuerste Serie Europas, da muss RTL gerade in Zeiten von Corona die Kosten immer wieder neu abwägen. Ich bin gespannt.

Gehen wir mal davon aus, irgendwann sei Schluss: Welches Ende wünschen Sie sich für Semi Gerkhan – Tod in der Massenkarambolage oder leiser Abtritt in den Sonnenuntergang?

Unbedingt megamäßig die Welt retten, dabei draufgehen und danach kurze Zusammenfassung meiner geilsten Stunts.


Kameltreiber & Mr. Corman

TV

Die Gebrauchtwoche

26. Juli – 1. August

China attackiert westliche Medien, weil sie chinesische Sportler*innen angeblich in ehrverletzender Art zeigen, in der Provinz Zhengzhou werden ausländische Korrespondenten derweil stellvertretend für einen BBC-Kollegen auf offener Straße attackiert, da er „unfair“, ergo: kritisch über dortige Überschwemmungen berichtet haben soll. Währenddessen ist die Pressefreiheit in Japan auf ein Minimum sportlicher Grundversorgung reduziert. Weiterhin schlechte Zeiten für den Journalismus – und das scheint von Fernost nach Weitwest abzufärben.

Als ein deutscher Radfunktionär seinen Schützling vor laufender Kamera auffordert, zwei „Kameltreiber“ vor ihm einzuholen, sagte der ZDF-Reporter, das habe im Sport nichts zu suchen. Andernorts also schon? Alles also sehr aufschlussreich, was abseits der zuschauerlosen Medaillenjagd publizistisch so vor sich geht in Tokio. Aufschlussreicher jedenfalls als ein anderer Trend, der gerade vom Rechteinhaber Eurosport in die Zukunft schwappt.

Nach seinem Gold-Triumph nämlich wurde Alexander Zverev gestern nicht ins Studio nach Deutschland geladen, sondern projiziert und stand – kaum als Illusion erkennbar – zum Gespräch mit den zwei Moderatoren bereit. Noch ist das ebenso eine Spielerei wie Kameras, die um Dreispringer kreisen. In Zeiten von Homeoffice und Videokonferenzen aber dürfte es bald die Regel werden. Und damit ein vermeintlicher Ausnahmefall nicht zur Gewohnheit wird, legt sich auch Scarlett Johansson gerade mit einem mächtigen Gegner an.

Weil der Entertainment-Multi Disney ihren Superheldinnen-Blockbuster Black Widow zeitgleich auf der eigenen Videoplattform mit Plus am Ende streamt, klagt die Schauspielerin auf Umsatzbeteiligung – wenngleich (hoffen wir mal) wohl weniger aus Selbstbereicherungsmotiven, sondern aus Prinzip. Schließlich geht es bei der Parallelprogrammierung, die auch Konkurrenten wie Netflix pflegen, um nicht weniger als die Rettung des alten Kinos vorm neuen Fernsehen.

Die Frischwoche

2. – 8. August

Das natürlich auch die neue Woche gegen das alte Fernsehen dominiert. Netflix etwa startet Dienstag mit dem sehr überraschenden Doku-Prequel Shiny Flakes zur deutschen Erfolgsserie How To Sell Drugs (Fast), Disney+ folgt am Mittwoch mit den ersten zwei Staffeln der unterhaltsamen Twen-Dramedy Good Trouble. Richtig gut ist zeitgleich bei AppleTV+ die Tragikomödie Mr. Corman, in der sich Joseph Gordan-Levitt als einsame Frohnatur, der vergeblich versucht, sich seine Angststörungen schönzulächeln.

Am Donnerstag dann überzeugt Prime Video mit dem zehnteiligen Psychothriller Cruel Summer um eine entführte Highschool-Schönheit der 90er und was ihre missgünstige Mitschülerin damit zu tun haben könnte. Freitag startet die israelische Actionserie Hit and Run bei Netflix. Und Sonntag zeigt Sky, das Donnerstag zuvor die unfassbare Mordserie des Intensivpflegers Niels Högel zur vierteiligen Doku Schwarzer Schatten zusammenfasst, das Neo-Noir-Drama The Burnt Orange Heresy von Giuseppe Capotondi, dessen Kinostart 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Die Öffentlich-Rechtlichen? Tja. Da wechselt der nette Sportmoderator Sven Voss hausintern ins Boom-Genre Tod in… und rollt zunächst in der ZDF-Mediathek uralte Kapitalverbrechen von Ostfrieslang über Wales bis Berlin auf. Spitzenidee. Ähnlich jener, Sabine Heinrich als zweiter Frau neben Barbara Schöneberger eine Samstagabendshow anzuvertrauen, allerdings Das große Deutschland-Quiz, das erstmals auf die 20.15 Uhr springt. Anything else? Die niederländische Kriegsverbrechensfiktion High Flyers tags zuvor auf Neo.

Das war’s.


Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.


Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.


Sonja Zietlow: Dschungelcamp & Hundeshow

Mein Hund fürs Leben

In Ferienclubs lernt man Selbstbewusstsein

Ein Vierteljahrhundert Privatfernsehen, davon mehr als die Hälfte im Dschungelcamp – die frühere Urlaubsanimateurin Sonja Zietlow (Foto: ZDF) ist nicht unbedingt prädestiniert fürs Nachmittagsprogramm des ZDF. Seit Sonntag allerdings moderiert die passionierte Tierschützerin dort die Nachmittagsshow Mein Hund fürs Leben – auch, um ihr Portfolio zu erweitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zietlow, zurzeit wechseln gerade massenhaft Moderatoren und Moderatorinnen von der ARD zu den Privatsendern. Sie dagegen wechseln vom Privatsender zum ZDF. Warum?

Sonja Zietlow: Na ja, es ist nicht direkt ein richtiger Wechsel, sondern eher eine Erweiterung meines Portfolios. Ich moderiere eben gern Formate, die mir persönlich gefallen, zu denen ich passe, bei denen man mich sehen möchte. Und für eine Show wie diese hier, bin ich ja schon als Hunde-Fan qualifiziert.

Anders als viele ihrer Kollegen und Kolleginnen bei RTL oder auch Pro7 haben Sie allerdings keine öffentlich-rechtliche Ausbildung genossen, sondern kommen eher aus Ferienclubs und Flugzeugen. Was lernt man da fürs Fernsehleben?

In Ferienclubs lernt man das nötige Selbstbewusstsein, um souverän vor Publikum aufzutreten, also die professionelle Interaktion mit Kunden und Gästen. Bei der Fliegerei kommt vor allem die Mehrfachbelastung hinzu. Dieses Multitasking ist eine gute Fähigkeit – als Pilotin, wie auch als Moderatorin in einer Show oder Sendung. Dass man quasi zuhören kann, aber gleichzeitig genau weiß, wie es weiter geht. Von alledem kann ich so einiges bei Ein Hund fürs Leben gebrauchen – mal ganz abgesehen von meiner persönlichen Liebe zu Hunden.

Wie genau läuft die Show denn ab?

Es ist so eine Mischung aus Haustiervermittlung und Herzblatt mit Reportage-Elementen. Erst lernen wir die Menschen und Hunde kennen, dann beraten und entscheiden die Experten, also Tierpfleger vom Tierheim und ich, wer zueinander passen könnte. Und der spannendste Moment der Sendung ist dann, wenn Hund und Mensch sich das erste Mal sehen und aufeinandertreffen. Das kann durchausmal sehr emotional werden…

Und was genau ist über die Expertise hinaus Ihre Aufgabe dabei?

Ich begleite die potenziellen Adoptanten, nehme sie in Empfang, begrüße sie und stehe natürlich auch mal mit dem ein oder anderen Ratschlag zur Seite. Natürlich berate ich mich mit den Hundepflegern und führe durch die Sendung. Es geht uns vor allem um Tierliebe.

Auch die eigene?

Absolut. Ich hatte bisher fünf Hunde. Momentan leben bei meinem Mann und mir noch zwei kleine. Mein erster eigener war Laska, eine Border Collie Dame. Durch meine Heirat kam ein Podenco-Mix-Rüde dazu, der aber leider schon verstorben ist. Dann habe ich die kleine Windspiel-Mix-Dame Lila adoptiert, die jetzt immer noch da ist und schon über 13 Jahre alt. Mein Mann hat sich dann noch in die Podenco-Portugues-Hündin Lotta verliebt, die leider vor anderthalb Jahren mit zehn, also viel zu früh von uns gegangen ist. Wir hatten also gleichzeitig vier Hunde. Nach Lottas Tod haben wir die kleine griechische Mix Hündin Manki adoptiert, die jetzt zwei Jahre und ein fröhlicher Wirbelwind ist.

Wenn es um Ihre Hunde geht, kommen Sie ja fast noch mehr ins Reden als bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wie viel Schlagfertigkeit steckt eigentlich in solchen Moderationen und wie viel Drehbuch?

Also bei IBES würde ich sagen: 70 Prozent sind Skript und 30 Prozent frei. Die Moderationstexte werden von Jens Oliver Haas, Micky Beisenherz und Jörg Übber geschrieben, alles super Autoren. Aber ob der Rest wirklich Schlagfertigkeit bedeutet, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Kann man die denn überhaupt lernen oder ist die angeboren?

Das weiß ich nicht. Aber bestimmt irgendwie. Keine Ahnung. Ich habe sie jedenfalls nicht bewusst gelernt, die ist einfach so gekommen, ganz von alleine (lacht).

Hätten Sie sich angesichts Ihrer messbaren Intelligenz eigentlich gewünscht, auch mal so richtig hartes Informationsfernsehen ohne Entertainment-Faktor zu machen?

Nein. Da ich nicht nur einen relativ hohen IQ habe, sondern auch ziemlich viel Mitgefühl und Schlagfertigkeit, finde ich die Unterhaltungsformate halt am reizvollsten; sonst ist man ja nur die Informationsüberbringerin, das liegt mir – bei allem Respekt dafür – nicht.

Wäre umgekehrt ein Intelligenzquotient von 135 im sachlicheren, tendenziell verkopften Fernsehen womöglich hinderlich?

Das könnte durchaus sein. Weil Intelligenz auch bedeutet, dass man sich oft noch etwas tiefgreifender mit Themen befassen möchte und gegebenenfalls nicht immer einer Meinung mit den Inhalten ist oder diese einfach mal anders betrachtet. Bei reiner Unterhaltung kann das problematisch werden.

Mit der haben Sie Ende der Neunziger in Formaten wie dem Daily-Talk Sonja Ihre Karriere begonnen und nie wieder ganz verlassen. Was bringen Sie aus dieser Zeit mit in die Gegenwart?

Ich würde mal sagen, Wettbewerbshärte und die Schlagfertigkeit, von der wir vorhin geredet haben. Man wusste nämlich nie, wie die Gäste tatsächlich reagieren. Seither kann mich, auch bei Live-Pannen, so schnell nichts aus der Ruhe bringen.

Und was lernt man am Nachmittag privater Kanäle fürs eigene Leben an sich?

Ich habe gelernt, dass es wahnsinnig viele unterschiedliche Menschen gibt. Die meisten hätte ich im normalen Leben niemals kennengelernt. Durch deren Sicht aufs Leben und die Art, mit Dingen des Alltags umzugehen, habe ich auch viel Toleranz gelernt.

Außerdem sind Sie angeblich auch noch exzellente Golferin…

Was heißt hier angeblich? (lacht). Naja – okay, ich war wohl eher eine exzellente Golferin; seit vier Jahren spiele ich nicht mehr aktiv. Aber eine Golfkarriere wäre mir nie in den Sinn gekommen. Außerdem habe ich mittlerweile auch Pferde, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie viel Zeit bleibt denn da noch für weitere Staffeln IBES oder Mein Hund fürs Leben?

Oh, ganz viele hoffe ich. Denn beide Formate machen mir ziemlich viel Freude.


Amokläufe & Schockwellen

TV

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni

Versuchen wir uns, nur mal hypothetisch in eine Redaktionskonferenz der Bild in Berlin vom vergangenen Freitag hineinzuversetzen. Sichtlich erschüttert schaltet sich der Würzburger Lokalchef zu und berichtet vom Amoklauf in Würzburg, bei dem zu der Zeit mindestens zwei Menschen ums Leben gekommen sind. „Schrecklich“, sagt ein Kollege. „Tragisch“, ein anderer. „Kennt jemand die Hautfarbe“, fragt der dritte und wird von Jubelgeschrei unterbrochen, mit dem Julian Reichelt hereinstürmt: „Ein Asylant“, brüllt er freudestrahlend. „Aus Somalia“, mischt sich unters Geräusch der sprudelnden Champagnerflasche. Darauf die Redaktion im Chor: „Is-lam-ist, Is-la-mist, Is-la-mist!“

Also ab aufs Titelblatt mit ihm.

Unverpixelt natürlich. Vorverurteilt, abgestempelt, ausgeliefert, den Wutbürgern der Republik zum Fraß vorgeworfen. Zweimal findet sich der mutmaßliche Täter von Würzburg klar erkennbar auf dem Bild-Titel. Zweimal verstößt das gegen jeden moralischen und journalistischen Kodex. Zweimal ist das den biederen Brandstiftern der publizistischen Demokratie- und Menschenverachtung im Springer-Verlag herzlich egal, solange der braune Mob das Drecksblatt mit den dicken Buchstaben nur massenweise kauft.

Umso drolliger ist es, dass Johannes Boie, Chefdemagoge der geistesverwandten Welt am Sonntag kurz zuvor den haltungsgetriebenen, aber gewissenhaften Politik-Vlogger Rezo als „Journalistendarsteller“ bezeichnet hatte, der „durch das Video die Zerstörung der CDU“, bekanntgeworden sei, „das launig daherkam, aber – wie auch andere Videos von ihm – (noch) mehr Fehler enthielt als ein Lebenslauf von Annalena Baerbock.“ Wenn man denkt, der Hass auf Logik, Anstand, Takt und Ethos könnte nicht größer werden, kommt eben verlässlich ein moralischer Zwerg aus der Chefredaktion und arbeitet am künftigen Ermächtigungsgesetz der AfD.

Kein Wunder, dass sich Bild und Welt im wohlfeilen Empörungssturm ums Verbot der Münchener Regenbogenbeleuchtung durch die Autokratenkuschlerin UEFA zurückgehalten hat. Homosexuelle fände man bei Springer halt nur dann schützenswert, wenn sich damit die Auflage steigern ließe. Und damit zu den Schlagzeilen der Woche: ARD und ZDF vernetzen ihre Mediatheken, RTL lässt Pumuckl wiederauferstehen, ProSieben womöglich TV Total und Florian Silbereisen ersetzt Dieter Bohlen bei DSDS.

Die Frischwoche

29. Juni – 4. Juli

Viel mehr war nicht, viel mehr wird nicht. Inmitten der Sommerpause hat die Fußball-EM auch das Fernsehen vollständig im Griff. Erstausstrahlungen von Belang bleiben da naturgemäß selbst bei den Streamingdiensten, die ansonsten auf Sehgewohnheiten pfeifen, selten. Die RTL-Plattform Now überzeugt zwar ab Dienstag mit der filigranen Langzeitstudie Angela Merkel – Frau Bundeskanzlerin von Katrin Klocke und Stefan Aust. Die linearen Vollprogramme aber beschränken sich gegen die Achtel- bis Viertelfinalspiele auf Wiederholungen wie Lissabon- Krimi (ARD) oder Bier Royal (ZDF).

In der Spielpause am Mittwoch zeigt das Erste dann aber Volker Heises gewohnt akribisch recherchierte 90-Minuten-Doku Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie. Parallel zeigt Netflix seine Historiengroteske America – Der Film. Tags drauf muss man dann hoffen, dass sich der bayerische Komiker Helmut Schleich im SchleichFernsehen extra um 23.35 Uhr nicht wieder das Gesicht schwärzt, um N…, pardon: Afrikaner zu verunglimpfen.

Und zum Monatsbeginn gibt es sogar noch ein kleines Highlight. Die ZDF-Serie Loving her porträtiert sehr junge, sehr hübsche, aber sehr glaubhafte Berlinerinnen beim Balztanz um andere Berlinerinnen, und zwar, Achtung: ohne die Diskriminierungskarte zu spielen, aber nicht im Beliebigkeitsgewitter von Hochglanzserien wie The L-Word. Sechs raspelkurze Episoden lesbischer Alltagsliebe zum Zurücklehnen und Entspannen. Auch mal schön.


Rezos Angebot & Anwälte des Bösen

TV

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juni

Die Menschen der aktuellen Mediengesellschaft neigen ja bekanntlich zur Heroisierung. Alles von Jan Böhmermann wird dabei zur satirischen Demaskierung erklärt, alles mit Iris Berben zum cineastischen Hochgenuss, alles auf Arte zur sozialkritischen Hochkultur, besonders aber wird dabei alles, was der klassenbewusste Influencer Rezo von sich gibt, unbedingt bedeutsam. Eine Einladung in sein Jugendzimmer auszuschlagen, gilt demnach mindestens als Realitätsverweigerung, wenn nicht gar geriatrisch.

Gerade, wenn sie von Armin Laschet kommt, Kanzlerkandidat jener Partei, die – wir erinnern uns grinsend – Rezos Zerstörung der CDU nicht mit einem Video ihres früh vergreisten Schlaumeiers Philipp Amthor konterte, der sich kurz darauf als korrupter Lobbyist dubioser IT-Firmen erwies, sondern dem einer blondierten Knallcharge, die allen Ernstes Armin heißt. Sein Namensvetter hat Rezos Einladung zum Bundestagswahldiskurs nun dankend abgelehnt. Damit erhärtet er den Verdacht, eher Alterskohorten im Blick zu haben, die das Rentnerfernsehen Um Himmels Willen so erfolgreich machen.

Nach 20 Jahren und 29963 Folgen, hat Fritz Wepper Kaltenthal verlassen und hinterlässt, tja – was eigentlich? Ein klaffendes Loch da, wo die ARD mit etwas mehr Nachwuchsfürsorge wohl auch noch Zuschauer unter 66 hätte. Im ZDF steht deren Schwiegersohntraum Claus Kleber demnächst nicht mehr als Sexsymbol zur Verfügung. Anders als seine Tagesthemen-Kollegin Pinar Atalay – demnächst ersetzt durch den ZDF-Ankauf Aline Abboud – verlässt er das heute-journal allerdings nicht in Richtung Privatsender, sondern Ruhestand.

Also immerhin nicht in den Knast, wo der westfälische GEZ-Rebell Georg Thiel seit mehr als 100 Tagen seine Erzwingungshaft absitzt, weil er dem WDR 465,50 Euro an Rundfunkbeiträgen schuldet. Ein schönes Signal an alle identitären Querdenker übrigens, dass Demokratieverachtung nicht für umme ist. Deren Preis ist übrigens messbar: 70 Cent. So viel kostet die Bild-Zeitung am Kiosk, wo sie am Samstag für die Meinungsfreiheit von Corona-Leugnern, Querdenkern, Islamfeinden und Neonazis warb.

Die Frischwoche

21. – 27. Juni

Eigentlich müssten die Bild-Justiziare also in der True-Crime-Serie Anwälte des Bösen porträtiert werden. Weil es ab Donnerstag auf Sky allerdings um Mandanten von Adam Ahmed geht, der vor allem Kindermörder und ähnliche Verbrecher verteidigt, bleibt der Springer-Konzern ausnahmsweise außen vor und kann weiterhin Shit in den Storm der gesellschaftlichen Verrohung blasen.

Ein paar der Lieblingshassobjekte: Frauen jenseits von Küche und Ehebett, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Ihrem Kampf gegen misogyne Gewalt widmet Arte Mittwoch ab 21.50 Uhr die Dokus Bis zum bitteren Ende und #dreckshure. Bitte nicht verwechseln mit #offline, einer Reality-Soap, in der joyn tags drauf so genannte Influencer in den Wald schickt, um ohne ihre Lebenselixier Smartphone zu überleben.

Am Freitag dann geht David Weils Anthology-Serie Solos bei Amazon online, in der Superstars wie Morgan Freeman, Anne Hathaway, Helen Mirren sieben Teile lang dramaturgisch lose verknüpft das Thema Einsamkeit erzählen. Parallel zeigt Disney+ Die geheime Benedict Gesellschaft, ein hinreißende absurdes Fantasy-Epos mit vier Kindern unterschiedlicher Superkräfte, die einen verrückten Wissenschaftler an der Weltherrschaft hindern. Und Sonnabend geht derselbe Sender einer Legende auf den Grund und fragt: Wer war Charlie Brown?

Einer weniger sympathischen Legende spürt das Biopic The Program zeitgleich in der ZDF-Mediathek nach: Lance Armstrong. Begleitet von der hinreißenden Doku The Saxons um drei ostdeutsche Breakdancer. Klingt ungleich kreativer als das, was der Hauptsender Sonntagnachmittag mit der RTL-Anwerbung Sonja Zietlow macht: die Tiershow Mein Hund fürs Leb… schnarch. Dann doch lieber die Standup-Komödie Good on Paper, Mittwoch bei Netflix.


ARD-EM: Sedlaczek & Neumann

704x396Emanzipation ist nicht nur Frauensache

Als Sportjournalistinnen im Männerbusiness Fußball sind Esther Sedlaczek und Claudia Neumann Kummer gewohnt. Jetzt arbeiten beide für die ARD und zeigen bei der Europameisterschaft gerade, wie irrelevant ihr Geschlecht ist, wenn es um Qualität geht. Ein Gespräch über EM-Euphorie, Medien-Sexismus und wie weit die Sportschau vom Matriarchat entfernt ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neumann, Frau Sedlaczek – wissen Sie, wo Sie am 11. Juni, dem Tag des EM-Eröffnungsspiels, sein werden?

Esther Sedlaczek: Also ich bin in Hamburg.

Claudia Neumann: Weil wir Reporter noch immer von den Corona-Regeln und Inzidenzzahlen abhängen, weiß ich es tatsächlich noch nicht genau. Am 12. kommentiere ich zwar Russland gegen Belgien in St. Petersburg, weiß aber auch noch nicht genau, von wo aus.

Sedlaczek: Die Moderation jedenfalls findet sowohl bei uns in der ARD als auch beim ZDF, wie ich meine, komplett in Deutschland statt.

Neumann: Aber auch für Reporter macht es vorerst keinen Sinn, Reisen in alle ausrichtenden Länder zu planen, wo man womöglich vor Ort oder nach der Rückreise fünf Tage und mehr in Quarantäne muss. Wir planen da mindestens doppelgleisig, das wird sehr spannend und frisst wohl mehr Zeit, Geld und Nerven als die eigentliche Durchführung.

Sedlaczek: Deshalb mache ich bei meiner EM-Premiere auch keine Field-Interviews, sondern bleibe mit dem Sportschau-Club komplett im deutschen Studio. Immerhin ist das sehr viel leichter planbar. Meine Reiserouten stehen längst: Hamburg-München-Hamburg-München.

Aber wie soll bei all den Unwägbarkeiten so was wie Fußballstimmung, gar EM-Euphorie aufkommen?

Neumann: Ach, ich bin diesem Sport so nah, dass meine Gemütslage von der fußballerischen Qualität abhängt. Wenn die stimmt, verbessert sich meine Stimmung automatisch. Denn machen wir uns nichts vor: das übliche Drumherum so großer Turniere, Esther kennt das ja auch schon von Champions League, ist für uns Journalisten selten von euphorischer Stimmung geprägt. Akkreditierungen, Sicherheitsvorkehrungen, Schlangestehen, Abwarten.

Sedlaczek: Jetzt noch ergänzt um Schnelltests.

Neumann: Das war ohnehin immer nervig. Als Journalisten befinden wir uns da seit jeher in einer Blase. Während immerhin wieder Publikum im Stadion sein darf, wird allerdings die Atmosphäre in den Städten, der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die Begegnungen mit den Fans umso mehr fehlen.

Sedlaczek: Wir haben bei Sky ja auch vor Corona schon wichtige Spiele wie das DFB-Pokalfinale aus dem Studio gemacht, das kenne ich also schon. Und durch die Pandemie haben wir uns ein wenig an größere Distanz bei weniger Atmosphäre gewöhnt. Umso nervöser werde ich sein, am 11. Juni das erste Mal für die ARD bei so einem Ereignis vor der Kamera zu stehen.

Nervös im Sinne von Hose voll oder im Sinne von aufgeregt?

Sedlaczek: Nee, meine Hose bleibt leer (lacht), aber die Mischung aus Vorfreude, Anspannung und Konzentration, die ich vor jeder Sendung habe, wird in der Situation vermutlich noch etwas größer sein. Bei einer neuen Herausforderung steht man natürlich unter anderer Beobachtung und will besonders gut performen. Eine halbe Stunde vorm Beginn geht einem der Allerwerteste daher schon noch mal auf Grundeis, aber sobald das rote Lämpchen leuchtet, kommt der Spaß.

Neumann: Eine Portion Anspannung bleibt wohl stets, aber den Druck eines Millionenpublikums, das teilweise auf Fehler nur wartet, habe ich mit meiner Erfahrung ganz gut im Griff. Und weil ich weniger im Bild bin als Esther, ist die Beobachtung auch eine andere. Zum Glück (lacht).

Anderseits war die Beobachtung für Sie als erste Frau, die 2018 ein WM-Spiel der Männer kommentieren durfte, enorm.

Neumann: Das stimmt natürlich, da schwappte einiges aus Deutschland nach Russland rüber. Das wurde auch mit der Chefredaktion besprochen, die sehr beruhigt war, wie – ich will nicht sagen locker, aber souverän ich mit der Netz-Hetze umgegangen bin. Doch wer wie ich in Russland 2018 rund drei Wochen bis zum Achtelfinale quer durchs Land gereist ist, für den war der Zeitplan so straff, dass er wenig Möglichkeiten bot, sich mit allzu vielem darüber hinaus zu beschäftigen. Aber das ist kein Thema mehr, ich bin fein mit allem, auch mit den scheinbar unvermeidbaren Social-Media-Reflexen. Punkt, Aus, Ende.

Heißt Punkt, Aus, Ende für Sie, am liebsten gar nicht mehr übers Thema Frauen im Fußballjournalismus und den irritierenden Sexismus, der dabei noch immer offenbart wird, reden zu wollen?

Sedlaczek: Mir wäre es in der Tat am liebsten, wenn die Frage nach Frauen im Fußball gar nicht mehr gestellt würde. Aber da sind wir nun mal noch nicht, weshalb auch unsere Stimmen gebraucht werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Neumann: Denn machen wir uns nichts vor: Medienfrauen im Männerfußball sind abgesehen von der Printbranche, wo sie etwas unauffälliger Topjobs erledigen, weiter ein Riesenthema. Aber wir werden es nicht verkleinern, indem immer nur auf die negativen Aspekte Bezug genommen wird. Umso mehr spüre ich mittlerweile eine gewisse Verantwortung und Sensibilität, dabei zu helfen, Frauen im Sportjournalismus sichtbar, also normal zu machen. Vielleicht braucht es dafür der Erfahrung und Reife aus 30 Berufsjahren, die ich mitbringe.

Sedlaczek: Jeder Kollegin, aber auch jeder Kollege muss da für sich entscheiden, wie er oder sie damit umgeht. Emanzipation ist ja nicht nur Frauensache und Sexismus weit über unseren Arbeitsbereich hinaus ein gesellschaftliches Problem. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es nach der Geburt meiner Tochter hieß, jetzt geht sie endlich wieder an den Herd.

Neumann: Wahnsinn!

Sedlaczek: Das hat mich persönlich gar nicht so sehr berührt, macht aber trotzdem betroffen und traurig. Im Jahr 2019! Denn auch, wenn mir die großen Shitstorms bisher erspart geblieben sind, wird bei uns Frauen bei jedem Versprecher, jedem Fehler viel genauer hingehört als bei Männern. Und auch, wenn das mit den Jahren weniger wird, habe ich mit Hass und Hetze im Netz zu tun. Ich habe zwar meinen Umgang damit gefunden, das nicht persönlich an mich herankommen zu lassen, muss und werde es aber immer kritisch hinterfragen.

Neumann: Wobei Moderatorinnen im Fußball weit etablierter sind als Kommentatorinnen.

Spätestens seit Monica Lierhaus Anfang der Nuller zumindest.

Neumann: Trotzdem bleibt die Grundhaltung uns gegenüber skeptisch. Wenn ein Mann kommentiert, kommentiert er eben. Wenn es eine Frau tut, kommt sofort die Frage auf: kann die das überhaupt? Das gilt ebenso für Moderatorinnen. Oder nehmen Sie die Suche nach einem DFB-Präsidenten. Wollte bei den Herren Koch, Peters, Grindel irgendwer wissen, ob der das grundsätzlich kann? Nee! Das wird nur bei Frauen hinterfragt.

Sind Sie deshalb Teil einer Kampagne für mehr weibliche Führungskräfte im DFB?

Neumann: Es geht uns keinesfalls ausschließlich um den DFB, sondern das gesamte Fußball-Spektrum. Frauen sind in allen Bereichen nur im marginalen Prozentbereich vertreten, das bildet die Vielfalt unserer Gesellschaft einfach nicht ab. Die Diskussion über die Neubesetzung des DFB-Präsidentenamtes folgt überholten Mechanismen und wirkt damit ziemlich hilflos. Vor irgendwelchen Personaldebatten sollten inhaltliche und strukturelle Fragen geklärt werden. Stattdessen erleben wir gerade wieder Machtgehabe, Intrigen, ausgeprägte Beharrungskräfte. Es geht ausschließlich um persönliche Interessen, eigentlich unfassbar.

Immerhin gibt es jetzt bei der Berichterstattung einen Fortschritt. Wenn Sie Matthias Opdenhövel im August bei der legendären Samstags-Sportschau ablösen, Frau Sedlaczek – haben Frauen dort dann die Mehrheit?

Sedlaczek: Lassen Sie mich mal durchzählen – 2:1, in der Tat. Wie geil ist das denn!

Sind wir etwa vorm Umweg über echte Parität gleich auf dem Weg ins Matriarchat oder ist das bloß Episode?

Sedlaczek: Mir würde es reichen, wenn wir dadurch so viel darüber reden, dass wir irgendwann gar nicht mehr darüber reden. Ich glaube nicht, dass die ARD hier Quoten erfüllen wollte, sondern ich mir den Job verdient habe. Aber es ist ein schönes Signal, oder?

Neumann: Unbedingt sogar, es verändert sich was.

Könnte sich das auch sprachlich auswirken – werden Sie bei der EM und in der Sportschau zum Beispiel gendern?

Sedlaczek: Bei der Sportschau verwenden wir aktuell das Gender-Sternchen im Schriftverkehr, in der Regel aber nicht auf dem Sender.

Neumann: Obwohl ich mich persönlich nicht herabgewürdigt fühle, bei „Sportreporter“ mitgemeint zu sein, mache ich mir darüber immer mehr Gedanken in den letzten Wochen. Ich bin unbedingt auf allen Ebenen der Gesellschaft für absolute Gleichberechtigung und verstehe die Haltung derer, die Gendern wichtig finden, weil Sprache nun mal Haltungen definiert. In der Live-Situation empfinde ich es aber als sperrig. Vermutlich wähle ich da einen Mittelweg, der mir aber schon deshalb leichter fällt, weil ich als Kommentatorin eines Männerturniers naturgemäß selten von Frauen rede.

Letzte Frage, darf nicht fehlen, sorry: Wer wird Europameister?

Sedlaczek: Mangels Kristallkugel sage ich: sag ich nicht, bei so vielen starke Teams!

Neumann: Der beste (lacht). In den redaktionellen Tipprunden gewinnen eh immer die, die bekennend am wenigsten Ahnung von Fußball haben.

Bios

Esther Sedlaczek, Tochter des Schauspielers Sven Martinek, war Modejournalistin, bevor sie 2011 als Fußballreporterin zu Sky geht. Im August wechselt die 36-jährige Ostberlinerin zur ARD-„Sportschau“

Claudia Neumann, 1964 geboren in Düren, ist seit 30 Jahren Sportreporterin, gut zwei Drittel davon beim ZDF, für das sie bei der EM 2016 als erste deutsche Frau ein Männer-Länderspiel kommentiert.


Fußball-EM & Physical

TV

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Juni

Der Halbgötterglaube des ZDF ist mindestens ebenso legendär wie der des Ersten Programms. In den Achtzigern heilte Prof. Brinkmann den halben Schwarzwald, in den Neunzigern heilte Der Landarzt die ganze Ostsee, in den Nullern folgte beiden ein Bergdoktor, der auch vorgestern zum Einsatz kam, als die Fußball-EM kurz im Wachkoma lag. Im Spiel gegen Finnland musste ein Däne wiederbelebt werden. Schockstarre auf dem Rasen, Schockstarre im Stadion, Schockstarre am Bildschirm, Schockstarre sogar bei der Quasselstrippe Béla Réthy – da schaltete das Zweite aus Kopenhagen zum, kein Witz: Bergdoktor Hans Sigl.

Dabei saßen mit Christoph Kramer, Manuel Gräfe und Per Mertesacker drei exzellente Experten im Studio, mit denen Moderator Jochen Breyer die lange Zeit bis zum Wideranpfiff souverän überbrückt hätte. Die ARD dagegen bot gestern zwei originelle Rookies auf: Welttorhüterin Almuth Schult nennt sich selber zwar so konstant ZuschauEr und SpielEr, dass Friedrich Merz vor Glück wohl Testosteron aus Ohren, Mund und Nase läuft, überzeugt jedoch durch kenntnisreiche Einordnungen. Kevin Prince Boateng dagegen bezieht Stellung gegen Rassismus und bleibt auch sprachlich der Emanzipation verpflichtet.

Wem sich Jeff Bezos verpflichtet fühlt, haben Rechercheure nun enthüllt: me, myself and I. Nicht nur, dass der egomanische Manchester-Kapitalist für Einkünfte, die ihm ein Vermögen von sagenhaften 188 Milliarden Dollar bescherten, ganze 1 Prozent Steuern zahlt; er nutzt sie auch nicht wie Bill Gates für sinnhafte Hilfsprojekte, sondern wie Elon Musk für sinnlose Weltraumflüge. Wie gut, dass der Menschheitsfeind die Kontrolle über Amazon bald abgibt. Damit zu Guido Cantz, der Ende 2021 Verstehen Sie Spaß? verlässt – und hoffentlich bis an sein Lebensende ins ARD-Schweigekloster geht.

Verstummt schien auch Tanit Koch. Drei Jahre jedoch, nachdem Julian Reichelt sie von der Bild-Spitze gepimmelt hatte, holt Armin Laschet die zwischenzeitliche RTL-Chefredakteurin in sein Wahlkampfteam. RTL, Springer, CDU – seit langem schon ein Dreamteam. Küche, Böhmi, ZDF ist dagegen bislang kein organisches Dreigespann. Ob die angekündigte Kochshow mit Jan Böhmermann im Zweiten ein Prank ist, muss sich also erst noch zeigen. Kein Prank war hingegen, dass Putins Regime dem WDR-Sportreporter Robert Kempe die EM-Akkreditierung entzog – und nach kurzer Hektik wieder zubilligte.

Die Frischwoche

14. – 20. Juni

Darüber hinaus ist das Fernsehprogramm dieser Tage zwar reich an Fußball (zumindest, wenn es Magenta schafft, die Spiele anders als beim Auftakt am Samstag störungsfrei zu übertragen), aber arm an unterhaltsamem Tiefgang. Daran könnte indes der jüdische Schauspieler Daniel Donskoy etwas ändern, wenn sein Zielgruppentalk Freitagnacht Jews aus dem Netz ins ARD-Spätprogramm wechselt. Gleiches widerfährt der ZDF-Gesprächsperle 13 Fragen. Ab Sonntag diskutieren Salwa Houmsi und Jo Schück nämlich statt in der Mediathek bei Neo über unsere Gesellschaft.

Fiktionale Unterhaltung von Bedeutung liefern indes eher Streamingdienste. Besonders empfehlenswert wäre dabei Physical ab Freitag (Apple TV+) eine tragikomische Kostümserie aus dem Kalifornien der frühen Achtziger, wo sich eine Hausfrau an der eigenen Dauerwelle aus dem Sumpf einer reaktionären Ehe auf die Aerobic-Welle zieht. In derselben Epoche eher tragi als komisch, aber auf hinreißende Art woke und bedeutsam ist der Starzplay-Fünfteiler It’s A Sin, in dem vier schwule Männer im homophoben England anno 1981ff aus der Selbstbefreiung in die Aids-Katastrophe schlittern und doch die Köpfe hochhalten.

Weitere Neustarts: nach dem Start der achtteiligen Netflix-Doku Stadt der Pinguine über wilde Tiere im urbanen Kapstadt am Mittwoch, zeigt der Marktführer ab Freitag zwei, nun ja, nicht ganz so zuckersüße Horrorserien – die Fortsetzung der Zombie-Serie Black Summer, gefolgt von der postapokalyptischen Mystery-Dystopie Katla aus Island. Tags zuvor startet die 2. Staffel der dänischen Skandi-Noir-Serie Darkness. Auch in Blinded jagen bildschöne Cops einen Ritualkiller, der schon in der ersten von acht Folgen bekannt ist. Das ist bei aller Effekthascherei enorm spannend – und weitaus weniger lieblich als die Pixar-Komödie Luca um zwei animierte Jungs im Urlaub, die ab Freitag bei Disney+ ein kleines, aber nicht unwichtiges Geheimnis teilen.


Tina Hassel & Helen Hunt

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Mai – 6. Juni

Das ZDF anno 2021 ist schon ein ganz schön emanzipierter Laden. Chefredakteurin ist nämlich, ach nee – mit Peter Frey keine Frau, sondern der 6. Mann seit 1962. Gut, dafür wird gewiss die Programmdirektion weiblich geleitet? Fast! Mit Norbert Himmler ist der 9. Herr seit Anbeginn des Zweiten inhaltsverantwortlich. Und weil gleiches für Produktionsdirektor Michael Rombach gilt, ist Karin Brieden nach zuvor fünf Kerlen an der Spitze des Verwaltungsdirektoriums die einzige Topmanagerin des ZDF in 59 Jahren.

Noch.

Denn wenn das erweiterte Präsidium am 15. Juni mögliche Nachfolger von Intendant Thomas Bellut – natürlich Nachfolger von vier Anzugträgern – einlädt, könnte der Fernsehrat zwei Wochen später doch glatt Tina Hassel zur ersten aller Mainzelmännchen und ein paar weniger -weibchen küren. Könnte… Denn natürlich werden der Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios nicht nur wegen ihrer Stellung beim Konkurrenzkanal, sondern mehr noch wegen ihres Geschlechts weit schlechtere Chancen zugerechnet als Norbert Himmler, der wiederum mit Hausmacht und wichtiger noch: Y-Chromosom versehen ist.

Eigentlich eine Mutation, in Deutschlands TV-Kreisen jedoch unverdrossen die wichtigste Zugangsberechtigung an die Hebel der Macht. Daran ändert wenig, dass Talkshows hierzulande mittlerweile überparitätisch besetzt sind. Mit Maybrit Illner zum Beispiel, die vorigen Donnerstag Alexander Gauland zu Gast hatte. Aushängeschild einer Partei also, die bei der gestrigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zugleich verloren und gewonnen hat – interessanterweise gegen jenen CDU-Ministerpräsidenten, dessen Partei dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk durch die Ablehnung der notwendigen Gebührenerhöhung den Garaus machten möchte.

Die Frischwoche

7. – 13. Juni

Ob das dem Produktionsstandort fiktional schaden würde, sei in Anbetracht der herrschenden Programmierungsverhältnisse allerdings dahingestellt. Denn wer Tamar Jandalis dokumentarischen Streifzug Easy Love durchs Paarungsverhalten junger Menschen in Deutschland morgen 45 Minuten nach Mitternacht im Ersten versteckt, weil um 20.15 Uhr die serielle Publikumsverachtung Um Himmels Willen zu laufen hat, scheint ebenso leicht ersetzbar wie das ZDF, wo die siebenteilige Männlichkeits-Analyse Boys nur in der Mediathek zu sehen ist. Freitagabend ist halt Krimizeit.

Noch übler wird es beim WDR, der Mittwochabend als Warm-up zum EM-Eröffnungsspiel zwei Tage später die wirklich wunderbare Fußball-Doku You’ll Never Walk Allone zeigt – und fast schon boshaft auf 45 Minuten halbiert, als sei es irgendwie auch egal, was Filmemacher sich so ausdenken über den besten Fan-Song aller Zeiten. Würde die FDP damit nicht so plump am rechten Rand fischen, man müsste ihre Forderung, ARZDF aufs Informationelle zu beschränken, fast unterstützen.

Machen wir aber nicht.

Sondern bitten jüngere Zuschauer*innen lieber, das zu tun, was sie ohnehin machen, nämlich streamen. Der Giftanschlag von Salisbury, die fiktionale Rekonstruktion des Nowitschok-Attentats auf den russischen Überläufer Sergej Skripal läuft am Donnerstag zwar vier Teile am Stück auf Arte. Alle anderen Tipps der Woche laufen allerdings online. Etwa das Serien-Sequel Blindspotting, mit dem Starzplay ab Sonntag den gleichnamigen Kinoerfolg um amerikanischen Alltagsrassismus mit viel Tragikomik, noch mehr Musik und einer tollen Helen Hunt fortsetzt.  

Gewohnt hinreißend ist auch die 2. Staffel Lupin ab Freitag auf Netflix mit dem unvergleichlichen Omar Sy als Meisterdieb in Nöten. Parallel dazu startet dort das indische Empowerment-Drama Skater Girl, während Disney+ mit Loki mal wieder am Erfolgsmodell fehlerbehafteter Superhelden andockt. Bliebe noch die SciFi-Dystopie Awake auf Netflix, in der die Menschen einer postapokalyptischen Zukunft nicht mehr schlafen können. Bisschen plakativ, aber professionell gemacht.