Stella Sommer: Die Heiterkeit & Happiness
Posted: August 9, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Songwriting ist immer einsam
Eigentlich ist Stella Sommer Kopf und Stimme der Hamburger Indie-Band Die Heiterkeit. Nach drei Platten hat sie nun jedoch ein Solo-Album aufgenommen. Wobei der Titel 13 Kinds of Hapiness trügt. Die 13 Tracks klingen getragen, melodramatisch, orchestral, also ganz anders als der ironische Diskurspop ihres Hauptprojekts. Ein Gespräch (vorab erschienen auf MusikBlog) mit der Alleskönnerin über autobiografische Lieder, englische Texte, künstlerische Inspirationsquellen und warum ihr Glück mit der Einsamkeit verwandt ist.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Stella Sommer, wenn man den Sound und die Texte von 13 Kinds of Hapiness mit dem vergleicht, was Die Heiterkeit macht, wirkt dein Soloalbum melodramatisch, manchmal fast pathetisch. Woher kommt diese Stimmungslage so plötzlich?
Stella Sommer: Ach, das ist gar nicht so plötzlich. Auf dem letzten Album der Heiterkeit gab es auch schon Stücke wie Die Kälte, die womöglich ins Melodramatische gehen. Wobei ich den Begriff sowieso ein bisschen komisch finde…
Nennen wir es Getragenheit. Kennzeichnet sie das Gegenteil jener unterkühlten Lässigkeit, mit der Die Heiterkeit sonst spielt?
Ich finde, die Stimmung dieses Albums rührt viel stärker als sonst von der Instrumentierung her. Bei der Heiterkeit hab ich schließlich immer nur Gitarre in einer klassischen Indieband-Konstellation gespielt. Jetzt ist alles ein bisschen größer, orchestraler. Durchs Klavier oder die Orgel nehme ich mir definitiv Freiräume, die auch emotional spürbar sind.
Sind mit dem Titel denn tatsächlich 13 verschiedene Glückszustände gemeint?
Der Ansatz war eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ich mal gelesen habe. Ich fand diese Eleven Kinds of Loneliness zwar ein bisschen langweilig, aber die Idee dahinter, elf Erzählungen über die Einsamkeit zu schreiben, ganz gut. Deshalb habe ich das aufs Glück übertragen. Von Einsamkeit ist das schließlich gar nicht unbedingt weit entfernt.
Wird diese Verwandtschaft dadurch zum Ausdruck gebracht, dass du vermeintliche Glücksgefühle mit derart getragenem Sound verknüpfst?
Ganz genau. Ich spreche ja schon im Titelstück abwechselnd von 13 Kinds of Hapiness und Loneliness. Die Musik dazu soll zum Ausdruck bringen, wie austauschbar beide Begriffe oft sind.
Ist diese Austauschbarkeit autobiografisch geprägt?
Autobiografisch ist die Platte vor allem in dem Sinne, dass ich die Stücke über einen sehr langen Zeitraum angesammelt habe. Einige davon sind sicher zehn Jahre alt, stammen also aus einer völlig anderen Lebensphase von mir. Abgesehen davon, dass Liedtexte eigentlich immer auch ein wenig vom Texter erzählen, würde ich mich aus meiner Sicht viel zu angreifbar machen, wenn darin alles von mir und meinem Innersten handelt.
Ein vertontes Tagebuch ist das Album also nicht?
Nein, so weit will ich die Musik nicht an mich und das Publikum heranlassen. Es geht inhaltlich auch gar nicht um so persönliche Sachen. Die Stücke sind einfach Ergebnisse verschiedener Skizzen um Themen wie Einsamkeit oder Glück. Es gibt da noch viel mehr unveröffentlichtes Material von mir, aber der Rest passt bislang nicht richtig zueinander.
War denn beim Entstehen der ersten Stücke noch vor der Gründung von Die Heiterkeit absehbar, dass sie irgendwann mal Teil eines Konzeptalbums werden?
Eher nicht. Damals war ich ja noch nie im Studio, weshalb das Plattenmachen noch sehr weit entfernt war. Die Idee einer Band war seinerzeit zwar durchaus präsent, aber ziemlich schwer zu greifen. Ich habe mit elf oder zwölf angefangen, Lieder zu schreiben – damals noch überwiegend auf Englisch, weil ich damals halt viel britischen Folk gehört hatte. Erst, als ich mit 20 nach Hamburg gezogen bin, fiel mir auf, dass man Indie auch Deutsch singen kann, hatte aber dieses Arsenal von Texten in englischer Sprache – sehr schlechtem Englisch allerdings.
Und jetzt hat es sich so weit verbessert, dass es an die Öffentlichkeit darf?
Als ich an die Platte herangegangen bin, habe ich es eher als große Herausforderung empfunden, die Bruchstücke und Refrains auszuarbeiten und zu vervollständigen. Im Deutschen kenne ich mich gut aus, da bin ich zuhause. Sich eine andere Sprache anzueignen wie die eigene, ohne sich dabei lächerlich zu machen, das fand ich interessant und spannend. Letztlich war es dann aber gar nicht so großartig anders, nicht auf Deutsch zu schreiben.
Du hast nicht das Gefühl, verkünstelt zu klingen?
Also ich bin ganz zufrieden.
Gab es Momente, in denen du mit Deutsch weiter gekommen wärst, weil du dich nicht adäquat ausdrücken konntest?
Eigentlich nicht. Beide Sprachen sind in meinem Alltag so präsent, dass ich gar nicht groß differenziere. Bei Filmen zum Beispiel weiß ich hinterher oft nicht, ob ich sie im Original oder übersetzt gesehen habe. Ich hoffe, das überträgt sich auch auf meinen Gesang.
Ist es Zufall, dass der ein wenig an Andy Warhols Muse Nico erinnert?
Unterbewusst vielleicht. Als die Stücke entstanden sind, habe ich viel Musik aus den Sechzigerjahren wie Marianne Faithfull oder die Stones gehört. Es gibt aber auch andere Inspirationsquellen wie Nick Cave oder Tocotronic.
Inspirationsquellen oder schon Vorbilder?
Wo genau ist da der Unterschied?
An Vorbildern orientiert man sich, Inspirationsquellen macht man sich nutzbar.
Dann eher letzteres. Ich habe sie quasi ausgenutzt [lacht].
Und die Instrumente hast du alle selbst eingespielt?
Philipp spielt wie bei der Heiterkeit Schlagzeug, der Bass kommt teilweise von Pogo McCartney und ein Freund von ihm hat eine Gitarrenlinie beigesteuert. Ansonsten kommt alles von mir, ja.
Wenn du so viel Unterstützung hast – warum heißt es dann Solo-Album?
Weil ich alles alleine arrangiert und vorproduziert habe und es irgendwie lächerlich gefunden hätte, jetzt noch eine Band aufzumachen. Ich wollte mich nicht wieder abhängig machen von Leuten, bei denen unklar ist, ob sie nach der Platte wieder aussteigen. Als Stella Sommer hab ich alle Freiheiten und muss keine Kompromisse machen. Aber auch Die Heiterkeit weiß gar nicht so ganz genau, ob es überhaupt eine Band ist beziehungsweise was das überhaupt sein soll – eine Band. Vielleicht sind wir ein projektbezogenes Kollektiv.
Das es weiterhin gibt?
Ja, grad letzte Woche hab ich ein Album fertig gemacht, das im Grunde seit einem Jahr rumliegt.
Kommt man nicht durcheinander, wenn zwei Projekte nebenher laufen?
Nein, das geht. Es ist ja nicht zeitgleich passiert.
Was unterscheidet Die Heiterkeit musikalisch von Stelle Sommer solo?
Allein bin ich folkiger, zeitloser, vielleicht auch klassischer, nostalgischer. Ich finde es sehr angenehm, dem Band-Zusammenhang zu entkommen und jeden Song in jede Richtung zu denken, weil nicht alle Mitglieder beschäftigt sein müssen. Im Proberaum alles alleine gemacht zu haben, war schon eine neue Erfahrung. Aber Songwriting ist immer einsam.
Bist du trotzdem Teamplayer?
Doch. Schon. Aber ich habe es in 20 Jahren noch nie anders versucht.
ARD-Doku: Kulenkampffs Schuhe
Posted: August 8, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Vergessenskultur
Die fabelhafte SWR-Doku Kulenkampffs Schuhe handelt heute um 22.30 Uhr in der ARD nur vordergründig vom biederen Showfernsehen der 60er und 70er Jahre. Regine Schilling erklärt damit die Fluchtinstinkte der jungen Bundesrepublik am Beispiel ihres eigenen Vaters, der sich vor lauter Wirtschaftswunder zu Tode geschuftet hat.
Von Jan Freitag
Die deutsche Samstagabendshow, so lautet ein Vorurteil übers Lagerfeuer der TV-Nation, das im Jahr sieben nach dem heiligen Gottschalk nur noch ein fahles Glimmen ist, hat sich nie allzu eifrig um die Nachrichtenlage davor wie danach gekümmert. Ganz gleich ob Torriani oder Frankenfeld, Carrell oder Elstner, Pilawa oder Pflaume, Lanz oder Winterscheidt: wann immer Deutschlands Entertainer zur Unterhaltung bliesen: Die Politik blieb draußen. Könnte man meinen.
Dann aber sieht man diese Doku und erstarrt vor Schreck. Erklärt der Kandidat einer grauweißen Quizsendung sein mögliches Schummeln da gerade beiläufig mit dem Satz, „ich habe bei Juden gelernt“? Sagt Hans-Joachim Kulenkampff in der östlich dekorierten Kulisse von Einer wird gewinnen wirklich, dies sei „das erste Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein?“ Singt Peter Alexander in seiner gleichnamigen Show allen Ernstes ein Lied übers zerbombte Land, in dem „das Hungern“ wenigstens „schön schlank“ mache. Und trägt der Holocaust-Überlebende Hans Rosenthal bei der Jubiläumsausgabe von Dalli Dalli am Jahrestag der Reichpogromnacht echt Trauerschwarz statt Quietschebunt wie 1975 üblich?
Ja! Ja! Ja! Ja! Ergo: Nein! Am Anfang der hiesigen Fernsehgemütlichkeit, so belegen die 91 Minuten von Kulenkampffs Schuhe eindrücklich, ging es doch nicht ausnahmslos so eskapistisch, wie es die Legendbildung hierzulande besagt. Genau das arbeitet die prämierte Filmemacherin Regine Schilling (Geschlossene Gesellschaft) in einer famosen Kollage aus Archivmaterial und Super-8-Filmen der sechziger bis siebziger Jahre heraus. Sie beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den Abriss des televisionären Zerstreuungsangebots, sondern erstellt am Beispiel ihres eigenen Vaters ein autobiografisch gefärbtes Narrativ der späten Nachkriegsgesellschaft.
Geboren 1925, wie viele Showmaster jener Tage also ein relativ schuldbefreiter Jahrgang, durchlebt der lebenslustig strebsame Drogerie-Besitzer das abflauende Wirtschaftswunder in einer Mischung aus Aufstiegseuphorie und Abstiegsangst, bis der heillos überarbeitete Kettenraucher früh an einem Herzinfarkt verstarb. Zuvor allerdings lenkte er sich wie die meisten seiner Mitbürger tagtäglich drei, vier Stunden am Röhrenapparat vom harten Alltag ab. Mit Maria Schraders Stimme erzählt seine Tochter, geboren 1962, von den Samstagabenden ihrer Kindheit, an denen alle Sorgen des Daseins verfliegen, „der Vater rauchend mit Bier, Mutter ein Glas süßen Mosels“, dazwischen die kleine Regine – glücklich, behütet, aber ein bisschen verwirrt, wenn der Kriegsveteran Kulenkampff (im Beisein des EWG-Produzenten und SS-Hauptscharführers Martin Jente) mal wieder Witze über den Russlandfeldzug macht und Familie Schilling damit doch nie ganz aus der düsteren Vergangenheit entlässt.
Man muss sich das kurz vergegenwärtigen: ein Showmaster, der seine Zuschauer nicht nur mit Weltstars in Tiermaske oder Schleichwerbung für Gummibärchen belästigt, sondern dem dunkelsten Kapitel der Menschheit oder Geschichten aus dessen zerbombten Erbe? Bei den Herren (Damen gibt es ja bis heute nicht) Kerner, Cantz oder Hirschhausen wäre das in etwa so denkbar wie ein Format ohne Kinderaugen! Natürlich bedienten auch die Gastgeber der Aufbruchsjahre vor allem Fluchtinstinkte. Ein seliges Publikum voller Bienenstock- und Brillantine-Frisuren im Saal, waren auch die Conférenciers der Aufbruchsjahre gnadenlos der guten Laune verpflichtet.
Besonders Hans Rosenthal, der die Kollektivschuld seiner arischen Nachbarn unterm Sofa einer Gartenlaube überstand, arbeitete das Trauma des Nationalsozialismus mit einem Frohsinn auf, der Dalli Dalli ab 1971 zum Inbegriff bürgerlichen Verdrängungsbedürfnisses machte. Wenn der jüdische Moderator jedoch zeitgleich beim empathischen Talk-Host Blacky Fuchsberger von seiner Todesangst im Berliner Versteck erzählt, zeigt sich, dass die Hochphase deutscher Fernsehunterhaltung mit Einschaltquoten nahe 100 Prozent doch ein wenig vielschichtiger waren als im Rückblick oft beklagt. Nur: damit hält sich Regina Schilling allenfalls am Rande auf. Im Kern kombiniert sie die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit mit der Vergessenskultur des Wirtschaftswunders und einer neuen Erinnerungskultur nach den Auschwitz-Prozessen zu einer Kollage bundesdeutscher Befindlichkeiten, das von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.
Als Hans Rosenthal ausgerechnet am 9. November sein Sendungsjubiläum feiern sollte, da federte das ZDF diese Instinktlosigkeit im Anschluss mit der Vernichtungslagerdokumentation Nacht und Nebel ab, die 20 Jahre später erstmals ausgestrahlt wurde. Den einst so geliebten Fernseheskapismus konnte Regine Schilling danach nicht mehr ertragen. Schwer zu glauben, dass Markus Lanz die Sendung seinerzeit gesehen hat.
Jason Priestley: Beverly Hills & Private Eyes
Posted: August 2, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich habe immer gearbeitet
Jason Priestleys Glück ist zugleich sein Problem: Die Hauptrolle in der 90er-Legende Beverly Hills, 90201 hat ihn zwar weltberühmt gemacht, aber auch langfristig auf den braven Sunnyboy festgelegt. Beim Privatsender 13th Street kehrt der 48-Jährige nun als Privatdetektiv in Private Eyes zurück. Ein Gespräch über seine Anfänge im Meer vor Vancouver, Ähnlichkeiten seiner Charaktere und ob er je als Brandon nach Beverly Hills zurückkehrt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Jason Priestley, können Sie sich noch an ihren ersten Auftritt vor der Kamera erinnern?
Jason Priestley: Oh Boy, das ist lange her. Mehr als 40 Jahre, ich war damals noch ein kleines Kind und habe nach meinem Einstieg eigentlich nie aufgehört, zu drehen.
Wirklich? Hierzulande empfinden viele Ihren Auftritt als Privatdetektiv in Private Eyes sicher als Comeback…
Das ist es absolut nicht, ich habe immer gearbeitet. Und das im Gegenteil sogar immer und immer mehr. Deshalb ist vielleicht schwierig, sich an alles zu erinnern, was am Anfang passiert ist.
War es den zunächst Werbung, Fernsehen oder Kino?
Kann sein, dass ich zuvor schon mal einen Werbeclip gedreht habe, aber mein erster richtiger Auftritt als Schauspieler war in einem Drama, ganz ernster, schwerer Stoff. Und wahnsinnig anstrengend zu drehen. Ich musste im strengen Winter von Vancouver – und die Winter von Vancouver sind sehr streng – in den Ozean steigen und so tun, als würde ich ertrinken. Diese Kälte, die damals trotz dickem Badeanzug meine Wirbelsäule runterkroch, werde ich nie vergessen.
Ist es trotzdem eine gute Erinnerung?
Absolut. Aber wenn ich zurückblicke, kann ich mich eigentlich nur an gute Momente erinnern. Die schlechten habe ich wahrscheinlich frühzeitig verdrängt. Als Kind ist allerdings ohnehin immer alles aufregend, was man mit Erwachsenen machen darf.
Wollten Sie da schon Schauspieler sein oder war es noch eher Spielerei als Spielen?
Na ja, es hat mir gut gefallen und großen Spaß gemacht, sonst hätte ich damit ja nicht weitergemacht. Aber mich hat niemand dazu gedrängt, ein Schauspieler zu sein, geschweige denn dazu gezwungen. Es war meine eigene Entscheidung. Und als ich meiner Mutter sagte, einer werden zu wollen, hat sie sich sofort um einen Agenten gekümmert, der mich mit Vorsprechen versorgt hat und kleineren Jobs. In den 70ern hatte Vancouver eine wirklich kleine Filmindustrie, da war es schwer, Fuß zu fassen. Aber ich bin quasi mit ihr gewachsen und deshalb gut vorbereitet nach Los Angeles gegangen.
Wenn Sie jetzt auf diese fast 40 Jahre im Business zurückblicken – sind Sie genau da, wo Sie es sich beim ersten konkreten Plan vorgestellt hatten?
Wow, schwierige Frage. Ich glaube, die kann niemand aufrichtig mit Ja beantworten, oder? Wenn ich mir die Ziele eines Achtjährigen ansehe mit seinem begrenzten Horizont, wurden natürlich alle Erwartungen meilenweit übertroffen. Wenn ich den 21-Jährigen betrachte, der dachte, die Filmwelt von Beverly Hills aus zu erobern, wurden sie eher unterboten. Trotzdem bin ich überaus zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.
Welche Rolle spielt da eine Serie wie Private Eyes?
Eine große, wirklich. Das sage ich nicht nur zu Werbezwecken. Es ist mein erstes Format, das ich entwickelt, produziert und geformt habe – inklusive meiner eigenen Figur und ihrer Partnerin Angie Everett. Die kam im Drehbuch zunächst nämlich gar nicht vor. Wir wollten unbedingt starke Frauencharaktere, mit denen Matt Shade zusammenarbeiten, aber auch streiten kann. Das ist einerseits diese Privatdetektivin, aber auch seine Tochter. Erst in der Mitte dieses Dreiecks kann er sich voll entfalten.
Zu was genau?
Zu einem komplizierten, aber bodenständigen Mann, der immer an sich selbst glaubt, seinen Instinkten folgt und bereit ist, härter zu arbeiten als andere. Und auch wenn er seinen Porsche nicht verkauft hat, scheut er es auch nach seiner besten Zeit als Eishockey-Agent nicht, sich dreckig zu machen. Um ein guter Vater zu sein, ein guter Ex-Mann, ein guter Detektiv.
Kann man sich Matt Shade als eine Art erwachsenen Brandon Walsh vorstellen, der Sie vor einem Vierteljahrhundert auf einen Schlag berühmt gemacht hat?
Das ist ein schöner Gedanke. Aber darüber hinaus, dass beide irgendwie Nice Guys sind, die auf der guten Seite stehen und meistens nur das Beste für alle wollen, ist das schwer vorstellbar. Brandon war vielleicht ein bisschen zu brav, zu tugendhaft, zu rechtschaffen, um die jüngere Version von Matt zu sein, der im reiferen Alter all das wiedergutzumachen versucht, was er vorher verbockt hat. Umso mehr ist Brandon Geschichte für mich und meine Karriere.
Weil Sie auf diesen Charakter reduziert wurden?
Anfangs wurde das versucht, aber mit wenig Erfolg. Ich habe mein Leben lang sehr verschiedene Figuren gespielt, die zum Teil Lichtjahre weg waren von Brandon. Trotzdem betrachte ich Beverly Hills 90210 bis heute als Geschenk. Die Möglichkeit zu haben, bei einer weltweit so derart erfolgreichen Show mitzuarbeiten, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Diese Chance bietet sich echt nicht jedem Schauspieler. Das macht mich unendlich dankbar – gerade, weil die Serie für viele Menschen und die Branche jener Zeit äußerst bedeutsam war.
Inwiefern?
Es war die erste Serie überhaupt, die konsequent für Jugendliche zwischen 14 und 24 gemacht wurde, ohne ein Kinderprodukt zu sein. Aaron Spelling, der Sender Fox, den Autoren war früher als dem Rest des Metiers bewusst, wie radikal unterrepräsentiert die Altersgruppe von Beverly Hills 90210 im Fernsehen war. Leute um die zwanzig waren bis dahin höchstens Anhängsel ihrer Eltern. Hier dagegen standen sie voll im Fokus. Das war für uns ganz allein!
Wo Sie sich selbst offenbar zur Zielgruppe dazuzählen: Gab es zwischen dem jungen Jason und Brandon irgendwelche Ähnlichkeiten?
Nicht wirklich viele. Bis auf das Aussehen hatten Jason und Brandon echt wenig miteinander gemeinsam.
Wie ist es mit Matt Shade?
Als guter Kanadier hab ich natürlich wie Matt Eishockey gespielt, wenn auch nicht annähernd so gut. Wir sind beide Väter, trinken gern mal einen, sonst haben wir exakt so viel gemeinsam wie Männer unseres Alters in einer Großstadt nun mal gemeinsam haben können.
Versuchen Sie generell eher Bezüge zur Rollen zu finden oder bewusst davon zu abstrahieren, um größtmögliche Distanz zu erzeugen?
Um einen Charakter glaubhaft zu spielen, ist aus meiner Sicht unbedingt beides nötig. Wenn man ihn zu nah an sich ranlässt, wird er schnell melodramatisch, wenn er einem zu fern bleibt, artifiziell. Ich hoffe, diese Balance ist mir in Private Eyes gelungen. Denn wie gesagt: Es liegt mir wirklich sehr am Herzen.
Wird es weitere Fortsetzungen geben?
Wir sind gerade mitten in der dritten Staffel, und besonders in Kanada, aber auch den USA und Großbritannien ist die Serie echt populär. Wenn jetzt auch noch Deutschland dazukommt, sind das beste Voraussetzungen für weitere Staffeln.
Und wo wir uns gerade im Zeitalter des ewigen Sequels befinden: Wird es irgendwann eine Fortsetzung von Beverly Hills 90201 geben?
Haha! Wissen Sie was? Ich hab keine Ahnung… Bislang hat niemand mit darüber geredet, was aber nicht heißt, dass nicht morgen früh schon jemand damit ankommen könnte.
Und was würden Sie sagen, wenn jemand käme?
Was ich sagen würde? Natürlich!
Karin Baal & Tankstellenwitze
Posted: July 30, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
23. – 29. Juli
Karin wer, bitteschön? Das dürften sich viele der rund zwei, drei Dutzend Zuschauer unter 65 gefragt haben, die das lineare Fernsehen frei von beruflichem Interesse auch hinter den Kulissen verfolgen, als der ersten Götz-George-Preis in Berlin verliehen wurde. Karin Baal, bitte sehr, lautet die Antwort. In der Zeit wöchentlicher Wallace-Verfilmungen ein Nachwuchsstar mit Bravo-Starschnitt, hangelt sich die 77-Jährige tapfer durch ein Spätwerk aus Episodenrollen mit mehr oder weniger Niveau. Vor acht Tagen taugte sie dennoch zur ersten Premierenträgerin einer Trophäe, die die heillos überalterte TV-Welt in etwa so dringend braucht wie noch mehr Chauvi-Scherze am Bildschirm.
Weil die das männlich dominierte Comedy-Genre indes nach wie vor mit tyrannischer Intelligenz-Verachtung dominieren, verpasst ihr das außergewöhnliche Comedy-Talent Sophie Passmann im aktuellen Zeit-Magazin eine Breitseite, die direkt im offenen Hosenstall von Mario Barth gelandet sein müsste. „Der Selbstanspruch großer deutscher Comedians ist es, beschämend viel Geld zu verdienen und ohne größeren intellektuellen Kollateralschaden durch ihr Programm zu kommen“, ätzt das Ensemblemitglied der humoristischen Revoluzzer vom Neo Magazin Royale und schiebt angemessen angepisst hinterher, der hiesige Zotenhumor sei mitverantwortlich dafür, „dass die kommerzielle Comedy-Szene in Deutschland in der kulturellen Belanglosigkeit vor sich hin krebst“.
Doch das hat sie, also die Szene, am Ende mit der kommerziellen Nachrichten-Szene gemein, die es geschafft hat, eine Schar verschütteter Jungs aus Thailand über Tage bis in die ehrenwerte Tagesschau hinein zur Top-News zu machen – obwohl nur ein paar Elendsquartiere abseits der Höhlenbuben Millionen Gleichaltrige in bitterer Armut verenden. Allerdings erst, nachdem sie noch rasch die Billigklamotten unseres Wegwerfwohlstands genäht haben. Aber gut, so funktioniert nun mal die mediale Auf- und Erregungsgesellschaft, in der mit #MeTwo nach #MeToo nun der nächste kurze Wirbel um Benachteiligte verpuffen wird wie ein bedächtiger Wortbeitrag im Talkshow-Getöse.
Die Frischwoche
31. Juli – 5. August
In dieser Atmosphäre findet dann auch überdrehter Internet-Trash wie Tanken seinen Weg ins Regelprogramm von ZDFneo. Ab Dienstag simuliert die Sitcom nach dem lausigen Drehbuch von Gernot Griksch und Julia Drache zwölf Teile lang Interesse an der Belegschaft einer Tankstelle im urbanen Randgebiet. Was ulkig gemeint sein soll, ist wöchentlich um 22.45 Uhr aber bloß spottbilliger Pennälerhumor auf Kosten Unterprivilegierter von fettleibig bis dement, unterläuft damit selbst das Niveau der Lochis spielend und wirft die Frage auf, warum sich ein Schauspieler wie Ludwig Trepte für solchen Müll hergibt.
Lohnenswert ist an gleicher Stelle dagegen die zweite Doppelfolge der sehr französischen Krimi-Serie Art of Crime am Freitag um 21.45 Uhr, in der nicht frei von Stereotypen, aber inhaltlich ungewöhnlich in der globalen Kunstszene ermittelt wird. In der globalen Hacker-Szene spielt dagegen heute (22.15 Uhr) im Rahmen des ZDF-Montagskinos Baran bo Odars Gegenwartsdystopie Who I am. Für Qualität sorgen dabei allein schon die Darsteller: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung und Wotan Wilke Möhring.
Morgen dann wird es tagespolitisch, wenn die ZDF-Doku Russlands Rückkehr von Stefan Brauburger und Christian Frey um 20.15 Uhr Russlands Rückkehr? weniger infrage stellen, als es das Satzzeichen suggeriert. Anderthalb Stunden später konstatiert die ARD ganz ohne solche Satzzeichen, dass wir Mit Vollgas in den Verkehrskollaps steuern. Arte steuert derweil aufs Finale ihres diesjährigen Sommerschwerpunkts zu, der sich Summer of Lovers nennt und einerseits belegt, dass sich dieses Konzept langsam totzulaufen scheint. Andererseits hat es aber noch immer tolle Formate in petto.
Freitag zum Beispiel um 21.44 Uhr ein umfangreich recherchiertes, schillernd präsentiertes Porträt von Freddy Mercury, gefolgt von der schwer skandalisierten und schon deshalb unfassbar zugkräftigen Doku In Bed with Madonna, die dem damaligen Superstar 1990 live und auf Platte Verkaufsrekorde einzufahren half. Am Sonntag dann endet die Wochenration Liebhaber zur besten Sendezeit mit einem seinerzeit ebenfalls skandalträchtigen Stoff: Ang Lees Western-Schwulen-Drama Brokeback Mountain von 2005. Und weil er am Sonntag aus der Sommerpause zurückkehrt, sparen wir uns die Wiederholung des Tatort und empfehlen den neuesten aus der Schweiz, der im Stile Hitchcocks daherkommt: Die Musik stirbt zuletzt ist ungeschnitten, also in einem Take aufgenommen. Theaterfernsehen. Schauen wir mal…
Denzel Curry, Pram, Ebony Bones
Posted: July 27, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Denzel Curry
Die große, ziemlich seltene und darum unendlich kostbare Kunst, zeitgenössischen Mainstream von musikalischem Belang zu machen, besteht tendenziell darin, Tradition und Moderne so miteinander zu verrühren, dass es niemand so richtig merkt und doch jeder hören will. Denzel Curry gelang dieser Spagat bereits im Alter von 18 Jahren, als sein Debüt den 2013 noch weit weniger verbreiteten Trap mit dem Oldschool-HipHop der Bronx mischte. War Nostalgic 64 seinerzeit allerdings noch ein bisschen hippelig und auch der gefeierte Nachfolger Imperial ein wenig zu aufgeplustert, so packt TA13OO seine Raps nicht immer alle in einen Track, sondern schichtet sie nun Stück für Stück auf.
Zu sperrigen Texten über Kindesmissbrauch oder Nahtoderfahrungen, Hatespeech seiner eigenen Branche und die Angst, die ihm der Hass allerorten macht, klingt sein Florida Sound demnach wie ein fein austariertes Kompendium zeitgenössischen Sprechgesangs. Während er in TABOO betulich vor sich hinschlängelt und in BLACK BALLOONS sodann Arrested-Delelopment-Schwung aufnimmt, wird es in Cash Maniac zunächst autotunepoppig, bevor es mit SUMO experimentell wird, also zunehmend ruppig statt gefällig. Dank der Wandelbarkeit von Currys Stimme ist TA13OO allen Motherfucker und Niggaz im Text zum Trotz ein großes Stück emanzipativer Selbstermächtigung im Deppenbiz des geldwerten HipHop.
Denzel Curry – TA13OO (Caroline)
Pram
Wenn Musik ohne allzu viel Text Bilder im Kopf erzeugt, muss sie so einiges richtig gemacht haben. Die Gruppe Pram hat diesbezüglich seit 30 Jahren nahezu alles richtig gemacht. Als die Experimentalband Ende der Achtziger in Birmingham entstand, konnte (oder wollte) keines der vier Gründungsmitglieder richtig singen. Was schon darum auffiel, da es bis auf ein antiquiertes Vorläufermodell des Synthesizers auch kein richtiges Instrument gab. Dennoch erzeugen Samantha Owen und Matt Eaton im luftleeren Zwischenraum des klanglich Denkbaren Töne, die wie Soundtracks ohne Film funktionieren.
Akustische Epen ohne Struktur, aber von einer rhythmischen Schönheit ohnegleichen. Zwölf Personalwechsel später hat sich das Instrumentarium nicht nur erhöht, sondern multipliziert. Das erste Album nach elfjähriger Studiopause wirkt daher verglichen mit früher fast orchestral. Im Kreise reitendes Zirkusklavier mischt sich mit Sirenengesang, Räuberhöhlenposaune, Krautrockgitarren und Zaubersamples zu derart ergreifenden Psychopopserenaden, dass man intuitiv die Augen schließt und in Across The Meridian abtaucht, als vertone es einen Tagtraum. Selbst Taktstrukturen gibt’s mittlerweile. Manchmal. Film ab!
Pram – Across The Meridian (Domino)
Ebony Bones
Wenn Künstler auch ohne Musik Bilder im Kopf erzeugen, sollte man hingegen nie dem ersten Eindruck glauben. Wer etwa Ebony Bones vor Augen hat, dürfte ein irres Pop-Esperanto aus Björk und Bonaparte auf Finnisch und Koks erwarten. Tatsächlich macht die Produzentin aus London das exakte Gegenteil ulkigen Mash-ups. Nach dem Intro aus militärischen Drums und Trauermarschbläsern verhallt ihr drittes Album Nephilim im getragenen TripHop des Titelstücks, den leiernde Geigen eher vorwärts quälen als treiben. Und wenn die 35-Jährige am düsteren Bass vorbei traurig schön übers schwere Kreuz singt, das auf ihr lastet, wird das karnevaleske Outfit aus zitronengelbem Afroturm und tausendfarbigen Gaultier-Kostümen vollends dialektisch.
Zur Mitte hin nimmt das Album zwar eine Menge Fahrt und reichlich Furor auf. Wenn Ebony Bones jedoch in Kids of Coltan das Leid schwarzer Minenarbeiter für unsere jährlich wechselnden Smartphones beklagt oder „there’s no black in the Union Jack“, täuscht auch das gesteigerte Tempo nie ganz darüber hinweg, wie die schrille Optik mit der politischen Wucht im Umfeld eleganter Elektroflächen kontrastiert. Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, meinte der kluge Kater Garfield einst, verwirr‘ sie. Hoffentlich wirkt es.
Ebony Bones – Nephilim (1984 Records)
Mourn, Adrian Younge/Ali Shaheed, Immersion
Posted: July 6, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Mourn
Vergleiche können nicht nur in der Musik, aber besonders dort ziemlich schmeichelhaft sein, vergiftet oder schlicht unvermeidbar. Wer Jazz Rodríguez Bueno hört, kommt jedenfalls kaum umhin, darin Corin Tucker zu erkennen. Mitte der Neunziger hatte sie Sleater Kinney einen halsstarrigen, wutentbrannten Tremolo verpasst, der die Tonlage dessen, was seinerzeit Riot Grrrls genannt wurde, auf ein noch zornigeres Niveau hob. Fast 25 Jahre später klingt die Sängerin der Garagenpunkband Mourn aus Barcelona ganz ähnlich wie die Wegbereiterin weiblicher Selbstbehauptung auf der männerdominierten Rockbühne – und das hat durchaus seinen Grund.
Als sie 2015 mit ihrer jüngeren Schwester Leia, der Gitarristin Carla Perez und Antonio Postius am Schlagzeug kaum volljährig ein aufgebrachtes DIY-Debüt veröffentlichte, nahm die männliche Konterrevolution grad so herrisch Fahrt auf, dass neuer Bedarf nach einer feministischen Gegenrevolte aufkam. Dennoch ist das dritte Album Sorpresa Family nicht grundlegend politisch. Die englischen Texte sind reizbar, aber nie parolenhaft. Der Furor entspringt eher den filigranen, vielfach messerscharfen Riffs, die das Schlagzeug mit mathematischer Präzision zerwühlt. All dies macht Mourn auch abseits des Gesangs bemerkenswert. Und angemessen sauer.
Mourn – Sorpresa Family (Captured Tracks)
Adrian Younge & Ali Shaheed
Falls es einen Referenzrahmen zeitgenössischer Popmusik gibt, dessen Einflüsse nicht einmal annähernd ausgeschöpft, geschweige denn erschöpft sind, ist es die Black Music der Sechzigerjahre. Ohne deren Soul wären weder Funk noch Dance, weder House noch Rap denkbar, also auch nicht Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad. Als Mitglieder von Hip-Hop-Legenden wie Ghostface Killah oder A Tribe Called Quest haben beide stets gierig im Fundus ihrer Ahnen gewühlt. Nun geben sie ihnen ein bisschen was davon zurück und erweisen zugleich den Ahnen der Ahnen Respekt: The Midnight Hour.
So heißt ihre Hommage an die Historie schwarzer Subkulturen seit der Zwischenkriegszeit. Unterstützt von gut einem Dutzend höchst verschiedener Kollegen an der Seite des studioeigenen Linear Lab Orchestra in L.A. schlägt es 20 Stücke lang den Bogen vom Jazz der Harlem Renaissance in unserer Gegenwart. Die vielfach fast filmmusikalisch beschwingte Mischung aus Hammondorgel, Querflöte, Synthesizer, Percussion und einem Satz Bläser mit modernem R’n’B, klingt jedoch selten nostalgisch, allenfalls hochachtungsvoll. Und in jeder Sekunde so elegant, wie wir uns die Sixties wünschen.
Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – The Midnight Hour (Linear Labs)
Immersion
Instrumentelle Musik hat es auch nicht leicht. Fehlender Gesang wird, zumindest jenseits von Techno und Klassik, rasch als Mangel wahrgenommen. Da besonders Pop-Texte vielfach von erschreckender Schlichtheit sind, fragt sich allerdings: was bringt die Stimme zum Ausdruck, das Gitarren, Keyboard, Synths nicht besser können? Beim Hören der neuen Platte des Krautrockduos Immersion lautet die Antwort: Nichts. Wie zuletzt vor fast 20 Jahren walzt die israelische Universalkünstlerin Malka Spigel an der Seite ihres britischen Mannes Colin Newman analog und digital eingespielte Soundfragmente zu einer Fläche aus, die keiner sprachlichen Vertiefung bedarf.
Noch elektronischer als auf den ersten drei Alben in den Neunzigern, erinnert Sleepless an eine Art generalüberholten Jean-Michel Jarre. Ständig fiept und raunt und pluckert es vielgestaltig über der mal sägenden, mal sanften Gitarre. Konsolengeräusche der Videospielära untermalen Spigels blubbernden Bass. Jazzige Rockdrums wechseln sich ab mit hitzigen Breakbeat-Sequenzen. Dicht am Rande der Überfrachtung fließt alles ineinander, bis das Artifizielle naturalistisch klingt und umgekehrt. Gesang wäre da exakt ein Instrument zu viel.
Immersion – Sleepless (Swim ~ )
Neumann-Hass & Sinky Röver
Posted: June 25, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
18. – 24. Juli
Über Tote, so besagt es der Volksmund, ohne dass er uns sagen würde, warum das bitteschön so ist, über Tote also soll man bitteschön nicht schlecht reden. Wie gut, dass VIVA noch nicht tot ist, sondern seinen Tod nur fürs Ende des Jahres verkündet hat. Dann nämlich stellt die Konzern-Mutter Viacom, der schon MTV sein langanhaltendes Sterben zu verdanken hat, den Sendebetrieb des einstigen Musiksenders ein, der mit Musik mittlerweile noch weniger zu tun hat als die CSU mit Begriffen wie christlich, sozial, geschweige denn Union. Wenn VIVA also am 31. Dezember letztmals sein bedeutsames Erbe von 1993 verachtet, als er die Bedürfnisse der Jugend hierzulande als erster Fernsehkanal überhaupt wirklich mal ernst nahm, gibt es schon lange nichts mehr zu betrauern.
Für Menschen, die ein paar Tage lang den Abschied der Trump-freundlichen Rassistin Roseanne Barr als Trump-freundliche Proletarierin Roseanne Conner beim Disney Channel betrauert haben, bietet ABC nach deren Absetzung schon vorher Ersatz an – ohne die Hauptdarstellerin, dafür aber mit mehr Verantwortungsbewusstsein, Ethos und Moral. Alles Attribute übrigens, von denen keine überwältigend große, aber überwältigend laute Schar Internet-Nutzer so wenig haben wie – ach, siehe CSU.
Gemeint sind all jene, die Claudia Neumann gerade dafür jedes WM-Spiel in den Shitstorm jagen, dass sie ihre Arbeit macht – nämlich Fußball-Spiele zu kommentieren. Dass macht sie nicht herausragend gut, sie macht es aber auch keineswegs unterirdisch schlecht. Für viele Zuschauer indes, könnte sie auch permanent journalistische Weltklasse abliefern – ihr Testosteron-Überschuss würde die Frau im Männergeschäft dennoch zur Hölle wünschen. Als Strafe für so viel ignorante Boshaftigkeit gäbe es eigentlich nur eins: pro Hass-Post 24 Stunden zwangsweise Dauerbeschallung mit Béla Réthy am Mikro. Oder wahlweise die gleiche Zeit GZSZ am Stück. Obwohl: wenn die RTL-Soap nun auch in Frankreich ausgestrahlt wird – vielleicht ist da ja doch was dran…
Die Frischwoche
25. – 31. Juli
Trotzdem wollen wir sie aber auch in dieser Woche nicht als Alternativ-Angebot zur Dauerbeschallung mit Weltmeisterschaftsfußball empfehlen. Um 20.15 gäbe es Montag den ARD-Thriller Tödliche Geheimnisse, der vor zwei Jahren ungeachtet seines bescheuerten Titels einen wirklich gelungenen Blick in die Verstrickungen von Medien und Wirtschaft warf. Tags drauf dann darf sich der lange Zeit schwer unterschätzte Mark Walberg im US-Drama The Gambler von 2014 auf P7Maxx als Spielsüchtiger beweisen. Am Mittwoch bietet sich in dieser Rubrik abgesehen vom zweiten Teil der Tödlichen Geheimnisse 25 Jahre nach den tödlichen Schüssen von Bad Kleinen ein langer Themenabend auf ZDFinfo zum Thema RAF an. Und Donnerstag zeigt Tele5 Das Kabinett des Dr. Parnassus, eine der unzähligen Kamikaze-Groteske des Monty Pyhton Terry Gilliam von 2009.
Weil die Vorrunde damit vorbei ist, gibt es am Freitag auch keine Ersatzwiederholung der Woche. Stattdessen feiern wir die wenigen Neuveröffentlichungen der aktuellen Innovationsdürre: Heute startet Arte die fünfteilige Reportage-Reihe Neuland, in der sich Andreas Korn bis Freitag um jeweils 17.10 Uhr auf die Suche nach menschlicher Kreativität in Europas Provinz sucht. Den Anfang machen findige Waldschützer in Rumänien. Und das ist wirklich liebenswert. Morgen dann setzt die ARD ihr FilmDebüt im Ersten mit der sensationellen Geschlechter- und Gesellschaftsstudie Dinky Sinky fort, in der Katrin Röver als Mittdreißigerin mit verbissenem Kinderwunsch brilliert – allerdings zur deprimierend ignoranten Sendezeit um 1.25 Uhr.
Nur gut ein Stündchen früher wirft das ZDF am Mittwoch unterm Titel Kampfbereit einen verstörenden Blick in Russlands Hooligan-Szene. Aber ganz ehrlich – bis auf die 2. und allem Anschein nach noch bessere zweite Staffel der Siebzigerjahre-Wrestlerinnen-Serie Glow ab Freitag auf Netflix, gibt es echt nix Neues von Belang am Bildschirm. Weshalb am Ende auch der Tatort-Tipp steht: Liebeswirren, ein zehn Jahre alter, gewohnt sehenswerter Fall der 2008 auch schon nicht mehr blutjungen Ermittler Batic und Leitmayr, am Montag (22.15 Uhr) im RBB.
Washington, Melody’s Echo Chamber, Whyless
Posted: June 22, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Kamasi Washington
Jazz, tja. Für Spätgeborene ohne Studienrat in der Anrede oder Zeit-Abo ist das ein komischer, staubiger, schwer greifbarer, jedenfalls nicht allzu anziehender Begriff. Jazz, das mögen Eltern, Tendenz Großeltern. Aber Kinder, gar Enkel? Sollten sich zur Erweiterung ihres Horizonts unbedingt mal Kamasi Washington anhören. Der Saxofonist aus Los Angeles hat vor drei Jahren mit The Epic ein Debütalbum produziert, das auch außerhalb seines Fachbereichs hymnisch gefeiert wurde. Nun legt er den Nachfolger vor, der es ebenfalls schafft, die Grenzen zwischen alter und neuer, schwerer und leichter Musik zu durchlöchern, ohne sie vollends zu sprengen.
Geteilt in die Sphären “Himmel und Erde” fliegen sie förmlich durch die Stratosphäre des Sounds und streifen dabei Pop, Soul, Funk und manchmal gar Punkrock ohne E-Gitarre. Begleitet von Kollaborateuren wie Thundercat, Terrace Martin, Ronald Bruner, Jr., Cameron Graves, Brandon Coleman, Miles Mosley, Patrice Quinn oder Tony Austin, die eher in Kamasis Genre ein Begriff sind, erhebt er den Jazz dabei zu einer orchestralen Größe, die auch ohne Gespür für einzelne Noten fasziniert. Heaven & Earth ist Brückenbauer-Musik der allerfeinsten Sorte, oftmals verwirrend, vielfach erhellend, ein Lichtblick im gleißenden Dunkel des Crossover.
Kamasi Washington – Heaven & Earth (Young Turks)
Melody’s Echo Chamber
Einatmen, ausatmen, alles gut? Ach, wären die Wege zu nachhaltigen Lockerung unserer heillos überspannten Zeit doch immer so einfach, wie Melody Prochet es auf ihrer neuen Platte empfiehlt. „Breathe In, Breathe Out“ singt sie auf dem zweiten Stück und fleht sodann mit verhallender Engelsstimme, „there must be some kind of light to come“. Wie auf ihrem Debüt fünf Jahre zuvor ist das schwedische Hippiemädchen bis in tiefere Schichten ihrer Batik-Kleider optimistisch, dass es nun aber wirklich bald Licht werde im Dunkel dieser zerrütteten Tage.
Nur Sekunden, nachdem sie im Opener Cross My Heart bereits Querflöten, Scratching, Breakbeats, Gitarrensoli und Geigenteppiche zu einer mehrsprachigen Collage sommerlicher Zuversicht verwoben hat, mag das vielleicht naiv klingen. Zum einen jedoch ist Bon Voyage kein allzu weltliches, sondern planvoll entrücktes Album. Zum anderen hat Prochet die Indierocker Dungen ins Studio geladen. Sie drängeln ihre Landsfrau immer mal wieder mit einer sanften Tracht Krautprügel aus dem Blumenkinderland. Das Ergebnis ist ein Psychopop, der sein friedliebendes Publikum mit allerlei Wendungen von Gebrüll bis Autotune gelegentlich zum Hyperventilieren treibt. Feueratem nennt sich das im Eso-Fach. Soll sehr befreiend sein.
Melody’s Echo Chamber – Bon Voyage (Domino)
River Whyless
Ist Paul Simon eigentlich noch gut zu Fuß und hat sich kürzlich ein paar hochwirksame Aufputschmittel besorgt, um damit ins Sonic Ranch Studio nach Tomillo/Texas zu fahren? Der fröhlich durcheinander scheppernde Folkpop von River Whyless klingt nämlich so spürbar nach dem Spätwerk ihres Urahnen, als wäre er bei der Herstellung dabei gewesen. Mit ungezügelter, ethnisch aufgeblasener Spielfreude wirbeln Ryan O‘Keefe, Halli Anderson, Daniel Shearin und Alex McWalters auf Kindness, A Rebel die Referenzen alter Country-Helden und neuer Cowpunks so durcheinander, dass es sich abgesehen von ein paar schräg schönen Western-Balladen gelegentlich selbst überholt.
The Feeling of Freedom zum Beispiel klingt mit einem Herb-Alpert-Sample zu Beginn, als habe Paul Simon The Mamas and the Papas exhumiert, um mit ihnen eine Art hochgepitchten Squaredance anzuleiten. Anders als der vorwiegend beschwingte Sound suggeriert, sind O’Keefes Texte zu Andersons oft entfesselter Fidel aber oft von eindringlicher Mitteilungsbedürftigkeit übers Unrecht in der Welt und all die Krisen darin. Schön, dass man sich in diesem Fall davon nicht andauernd belehrt fühlt.
River Whyless – Kindness, A Rebel (Roll Call Records)
Oliver Kalkofe: SchleFaZ & Wixx-Akten
Posted: June 21, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Aus Scheißfilmen Partys
Schon Anfang der Neunziger hat sich Oliver Kalkofe (Foto: kalkofe.de) im brachialen Frühstyxradio einen Namen als Unterhaltungsberserker gemacht, der auch in Sendungen wie Kalkofes Mattscheibe tüchtig austeilt. Jetzt wiederholt Netflix nicht nur seine WiXXer-Parodien, sondern plant eine Fortsetzung der Reihe. Ein Gespräch über Scheinheiligkeit im Fernsehhumor, lieblosen Mist und wie viel Wut noch in ihm steckt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Oliver Kalkofe, Sie haben nach der Schule eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten gemacht…
Oliver Kalkofe: Und Wirtschaftsdolmetscher. Ich wusste einfach nicht was ich sonst machen sollte, aber als ich fertig war, wusste ich sehr genau, dass ich das nicht machen wollte.
Wie ist 30 Jahre später Ihr Englisch?
Wenn ich es in der Praxis anwenden muss, fange ich wie alle erstmal an zu stammeln, komme aber zumindest so gut durch, dass ich mir alle Serien im Original ansehen kann.
Dann machen wir einen kleinen Vokabeltest: Was heißt scheinheilig oder heuchlerisch auf Englisch?
Das ist leicht: Hypocritical.
Ist das womöglich ein netteres Wort für Ihre Art Fernsehen, mit dem Sie seit fast 25 Jahren das Fernsehen anderer beurteilen und nicht selten verurteilen?
Im Vergleich zu heuchlerisch schon. Meine Art, übers Fernsehen zu urteilen, ist jedoch eine Art Recycling: Ich nehme was Überflüssiges und erzeuge daraus etwas Verwertbares, mache also aus einem Scheißfilm ‘ne Party. Wenn ich jetzt selber jeden Mist mitmachen würde, wäre das sicher scheinheilig. Aber obwohl auch bei mir Fehltritte dabei waren, habe ich 90 Prozent aller Angebote abgelehnt und Sendungen gemacht, von denen ich überzeugt war. Deswegen trifft überkritisch es besser. Aber man kann ja auch an schlechten Dingen Freude empfinden.
Heißt das, eigentlich mögen Sie all die Sendungen, über die Sie sich oft in scharfem Tonfall erheben?
Man darf sehr wohl schätzen, was man kritisiert. Für die Haltung wird man hierzulande generell gern missverstanden. Ich liebe Fernsehen und bin großer Fan von guter Unterhaltung. Das Belehrungsfernsehen der Siebziger war zwar furchtbar, noch viel weniger möchte aber allerdings verarscht werden. Und genau das tut lieblos gemachter Müll von heute, der mir leidenschaftslos vor die Füße gerotzt wird.
Hingabe reicht Ihnen als Gütemerkmal?
Nein, aber wenn ich bei SchleFaZ bin.
SchleFaZ?
Die Schlechtesten Filme aller Zeiten. Wenn ich da merke, etwas wurde zwar schlecht, aber aus Überzeugung gemacht, weiß ich das durchaus wertzuschätzen. Beim Trash meiner Kindheit wie King Kong gegen Godzilla, mit dem ich die August-Reihe eröffne, spürt man das Herzblut der Macher. Die wollten einen guten Film machen, hatten aber nicht die Möglichkeiten dafür. Ich mag alles, das liebevoll verhunzt wurde wie das meiste von Ed Wood.
Das kann man von der Volksmusik nicht behaupten.
Zu Beginn von Kalkofes Mattscheibe war das völlig zu recht das Hauptobjekt meines Spottes. Aber selbst das hat sich zum Schlimmeren verändert. Und wenn ich mir das Marionettentheater heute ansehe, war das verglichen mit Scripted Reality fast warmherzig. Damals war mieses Programm oft scheinheilig, heute ist einfach nur zynisch. Aus meiner Sicht war Fernsehen früher ein Fluchtpunkt, heute ist es eher Fluchtursache.
Wenn man heute 1000 Leute befragt, mit wie viel Herzblut oder Zynismus Ihre WiXXer-Filme gemacht sind, würde sich das Urteil vermutlich die Waage halten…
Was heißt die Waage: Mattscheibe oder SchleFaZ finden ganz sicher mehr Menschen furchtbar als toll. Aber als Kritiker ist man stets Teil des Kritisierten, sonst fehlt die Eignung zur Kritik. Das legt die Messlatte an mich zwar hoch, aber selbst Meisterwerke werden von Teilen des Publikums geliebt und von anderen verflucht. Mein Ziel ist es, den gewünschten Ausschnitt der Zuschauer zu bedienen. Alle stellt man eh nie zufrieden.
Das klingt jetzt, als sei Ihr Humor eine Art Dienstleistung am Kunden?
Natürlich ist jeder Unterhalter auch Dienstleister. Sonst könnte ich mich auch in Garten stellen und mir selber Witze erzählen. Der Unterschied zu meinem Ansatz besteht darin, dass es mir nicht um Masse geht – sonst hätten wir nicht so etwas Altmodisches wie Edgar-Wallace-Filme persifliert, die Jüngere kaum kennen. Mit dem WiXXer haben wir uns daher nie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt, aber zugegeben: Weil damals zu viele reingeredet haben, um genau den zu finden, bin ich im Nachhinein mit dem ersten Teil eher unzufrieden. Da war die Angst vorm kommerziellen Misserfolg schon spürbar. Mir ist wichtig, einen Humor zu finden, über den auch ich lachen kann.
Gelingt Ihnen das immer?
Na ja, man lacht über die eigenen Witze schon deshalb irgendwann nicht mehr, weil man sie ja schon kennt. Hinzu kommt, dass ich meine Pointen im Nachhinein oft verbesserungswürdig finde. Aber die grundsätzliche Richtung entspringt schon meinem eigenen Humor. Witze, die ich nicht mag, könnte ich gar nicht erzählen, das wird unglaubwürdig.
Finden Sie die Wixxer-Filme oder auch das Frühstyxradio, mit dem Sie Anfang der 90er Jahre Ihre Laufbahn begonnen haben, heute noch witzig?
Also den zweiten Teil vom Wixxer auf jeden Fall. Und weil Netflix dieses Universum einem jüngeren Publikum zugänglich macht, werden wir es als WiXX-Akten in Form einer Mini-Serie weiterentwickeln.
Ließe sich auch das Frühstyxradio fortsetzen?
Dafür hören die Menschen längst zu wenig Radio. Außerdem wäre das, was damals als unflätig galt im Vergleich zum heutigen Tonfall völlig harmlos. Damals sind Jugendliche freiwillig sonntags um neun aufgestanden, um uns gemeinsam mit ihren Eltern zu hören. So gesehen hat das Frühstyxradio wie auch die WiXXer-Filme Generationen vereint. Und zwar ohne – das ist mir witzig – bloß Randgruppen-Klischees auszuwalzen. Die Bully-Komödien, so unterhaltsam die auch sind, haben ihre Witze zu einem großen Teil über Schwule gemacht.
Wenn man sich jetzt mal Ihre eigenen Generationen betrachtet – was steckt vom jungen Radio-Berserker noch im reifen Fernseh-Veteranen?
Eine Menge. Natürlich werde ich älter, das merk ich vor allem körperlich. Aber wenn ich mir neue Staffeln von Mattscheibe oder SchleFaZ ansehe, bin ich weder sprachlich noch inhaltlich grundsätzlich softer geworden. Auch bei mir stellt sich eine gewisse Altersmilde ein, aber es ist immer noch genügend Wut und Leidenschaft in mir, um ordentlich raufzuhauen.
Personalien & Crash Test Promis
Posted: June 18, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
18. – 24. Juni
Football? What Football! So sehr die Weltmeisterschaft der Despoten, Millionäre, Korruption und Wir-bringen-der-Menschheit-Frieden-Verlogenheit auch alle Medien beherrscht, stehen zumindest hierzulande gar nicht so sehr die Fußballer im Fokus. Es ist unter anderem einer, der ansonsten über sie berichtet. Hajo Seppelt nämlich, dem DFB und Auswärtiges Amt davon abgeraten haben, seinem Beruf in Russland nachzugehen, weil Putins Russland Journalisten als Feinde betrachtet. Oder auch der WDR-Spielfilmchef und Tatort-Koordinator Gebhard Henke, dem sein Arbeitgeber nun endlich gekündigt hat, nachdem die Zahl angeblich sexuell belästigter Mitarbeiterinnen zuletzt abermals angestiegen war.
Fünf Erregungsstufen tiefer findet sich das Coming-Out des RTL-Moderators Jochen Schropp, der diesen Schritt so lange gescheut hatte, weil ihm seine sexuelle Orientierung allen Ernstes auch im 21. Jahrhundert noch beruflich geschadet hätte. Vorstandschef Conrad Albert hat derweil die Entlassung von 141 Mitarbeitern der ProSiebenSat1 Media AG bekannt gegeben, was weniger ist als befürchtet, aber mehr, als der Fernsehbranche gut tut. Und auch die Personalie Trump darf in solch einer Liste natürlich nicht fehlen. Der nämlich hat seinen kleinen Medienkrieg mit dem nationalen Kartellamt verloren. Das nämlich gestattet gegen die Twitter-Tiraden des Pressefreiheitsfeindes die Mega-Fusion der Kommunikationskonzerne AT&T und Time Warner.
Dabei hatte der US-Inhaber seiner Welt gemeinsam mit dem Philanthropen Kim Jong-un doch gerade für immer und ewig Frieden, Liebe und Glückseligkeit geschenkt. „Historisch oder hysterisch“ hatte die Süddeutsche zum bizarrsten Politgipfel aller Zeiten getitelt – was das Personalkarussell doch noch mal zum Sport drehen lässt. Unterm ganzen Dutzend Reportern, die für Deutschlands beste Tageszeitung von der WM berichten, ist exakt eine, in Zahlen 1 Frau. Und Birgit Schönau berichtet, nein, nicht aus Russland, sondern aus Italien und was die armen Tifosi während des Turniers eigentlich so machen…
Die Frischwoche
25. Juni – 1. Juli
Weil die meisten Sender während dieses Turniers unabhängig von Geschlechterfragen kaum Neues verschleudern. Die Wiederholungen der Woche sind diesmal daher Alternativangebote zum jeweiligen Abendspiel. Am Montag um 20.15 Uhr empfehlenswert: Francois Truffauts Gaunerinnenkomödie Ein schönes Mädchen wie ich von 1972 auf Arte. Dienstag auf Nitro, ebenfalls aus Frankreich, ähnliche Zeit, andere Welt: Balduin der Heiratsmuffel mit Louis de Funès als Louis de Funès. Am Mittwoch, keine Wiederholung und doch derselbe Mist wie immer: Crash Test Promis, ein zweiteiliger Testosteron-Rausch auf RTL in vier Disziplinen wie gegen Wände laufen.
Donnerstag mal something completely different auf Arte: Macbeth aus der Berliner Staatsoper mit Placido Domingo in der Titelrolle. Und bevor 3sat dem Vorrundenspiel der Deutschen am Samstag mit Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns aus Zürich vermutlich kaum Zuschauer abnehmen dürfte, wildert Sat1 tags zuvor im Revier der Tierfreunde: 111 völlig verrückte Viecher! kompiliert „Die witzigsten Tiere der Welt“, gefolgt von 111 krasse Kollegen. Tja. Zum Glück gibt’s abgesehen vom 58 Jahre alten Schwarzweiß-Tipp Jack Lemmon und Shirley MacLaine in Das Appartement (Sonntag, 16.30 Uhr, 3sat) und dem Bremer Alt-Tatort: Abschaum von 2004 (Montag, 22.15 Uhr, RBB) noch ein paar echte Innovationen.
Heute um 19.30 etwa feiert Kevin James zehn Jahre nach der Comedy-Legende King of Queens sein Comeback in der 24teiligen Serie Kevin Can Wait, für die man James und Sictoms allerdings schon ganz schön grundsätzlich mögen muss. Am selben Abend um 23.55 Uhr folgt dann jedoch ein echtes Highlight. Zum Start des ZDF-Vierteilers Auf der Flucht begleitet der junge Filmemacher Jakob Preuss (23.55 Uhr) einen Flüchtling bei seiner Odyssee von Kamerun nach Brandenburg. Als Paul über das Meer kam ist eine hinreißende Hommage an die Menschlichkeit – und ein guter Anlass einer Debatte darüber, wie sehr sich ein Berichterstatter mit seinem Berichtsgegenstand gemein machen darf/kann/soll.
Noch eine Doku von herausragender Intensität, wenngleich mit weniger dramatischem Thema: Nowitzki. Der perfekte Wurf (Mittwoch, 22.45 Uhr, BR), Sebastian Dehnhardts gelungenes Porträt des besten deutschen Basketballers seit der vorvergangenen Eiszeit. Und als krönender Abschluss: Morris aus Amerika, Chad Hartigans grandiose Coming-of-Age-Erzählung eines dicken, farbigen, eigenbrötlerischen New Yorkers, der sich am Dienstag im Rahmen des ARD-FilmDebüts (1.10 Uhr) mit HipHop und Eigensinn in der Heidelberger Fremde durchboxt.