Andreas Dorau: Jupiterfred & Chartsträume

Zumindest mal Platz 98 oder so

Zwei Drittel seiner 53 Jahre ist Andreas Dorau (Foto: Gabriele Summen) nun bereits im Musikgeschäft. Nach seinem Hit Fred vom Jupiter als Teenager hat der Hamburger Pastorensohn neun Platten, mehrere Kompilationen und diverse Singles herausgebracht. Eines aber ist ihm noch immer nicht gelungen: Ein Album in die Charts zu bringen. Mit Nr. 10 Die Liebe und der Ärger der anderen soll sich das nun endlich ändern. Ein MusikBlog-Gespräch über Ehrgeiz, Hierarchie, Punchlines, Lego-Musik und wo er eine Goldene Schallplatte aufhängen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Andreas, nach neun Alben in bald 40 Jahren willst du endlich mal in die Charts.

Andreas Dorau: Album-Charts, wohlgemerkt. Meine Singles waren ja schon drin. Wenn man den Gesamtverkauf betrachtet, wären meine Platten zuvor wohl auch schon mal eingestiegen, er hat sich aber stets über einen zu großen Zeitraum erstreckt. Deshalb wollen wir den Leuten diesmal klarmachen, dass sie das Album frühzeitig kaufen, damit wir in der ersten Woche zumindest mal Platz 98 oder so schaffen.

Was ist dieses Vorhaben – ernster Plan oder eher ein Spaß?

Schon ersteres. Es wurmt mich einfach, in so langer Zeit kein Album in die Top 100 gekriegt zu haben. Das ist mein Ehrgeiz, so wie andere Leute irgendwann in ihrem Leben mal einen Marathon laufen wollen.

Den hast du schon geschafft?

Um Gottes willen, nein! Ich hasse es, so lang zu laufen. Wobei die Hitparade ja auch längst was wie ein Langstreckenlauf ist. Früher hat sie den Erfolg eines Künstlers gut in Zahlen ausgedrückt; heute promotet jeder zweitklassiger Rapper sein Album ein Jahr massiv im Voraus, um dann auf den Punkt genug zu verkaufen, damit er auf Platz 1 geht.

Dafür brauchte man früher Hunderttausende von Platten, jetzt gibt’s für weit weniger bereits die Goldene Schallplatte.

Und da kann ich mich noch gut an Fred vom Jupiter erinnern. Kurz, nachdem das aus den Charts gerutscht ist, wurde die Zahl dafür gesenkt. Sonst hätte ich jetzt auch eine hängen.

Wo genau?

Vermutlich bei meiner Mutter. Oder auf dem Klo, so als verachtende Geste.

Scooter hat sie dicht an dicht in den Flur zu seinem Studio gehängt. Ein sehr langer Flur…

Kann ich mir gut vorstellen. Und das hat er auch verdient, wie ich finde. Umso mehr will ich wenigstens die Charts mal schaffen. Dafür mache ich sogar ein Doppelalbum, obwohl ich so was eigentlich nicht mag. Doppelalbum zählt halt doppelt für die Charts.

Was hast du inhaltlich geändert, um es endlich zu schaffen?

Nichts. Bei den Stücken aufs Radio zu schielen – so weit geht es dann doch nicht.

Kommerziell erfolgreich zu sein, muss ja nicht gleich Anpassung heißen, sondern kann auch einfach die Bedürfnisse der Fans gezielt bedienen.

Schrecklich! Zumal ich nicht glaube, dass man Bedürfnisse berechnen kann. Es sei denn, man heißt eben Scooter; der macht wirklich Lego-Musik und das sehr gut, wie ich finde. Aber wenn ich das täte, käme ich mir blöd vor und würde mich umso mehr ärgern, wenn nicht mal das funktioniert. Musik mache ich zunächst mal für mich.

Und klingst dabei nach Aus der Bibliotheque wieder sehr viel danciger.

Mag schon sein. Das hat aber auch mit dem Zustandekommen zu tun. Aus der Bibliotheque war für mich ja insofern ungewöhnlich, als es mit Band eingespielt wurde. Das wollte ich nicht noch mal machen. Ich will jetzt nicht mehr irgendwo hin mit meiner Musik, sondern lasse sie sich entwickeln. In den drei Jahren, in denen ich an dieser Platte gebastelt habe, ist es also von allein elektronischer und damit auch danciger geworden. Es ist so ein Hybrid aus Pop und Dance, das aber niemals im Club funktionieren würde; viel zu viel Text.

Wo liegen denn die Vorteile der Arbeit mit Band?

Dass ich in der Sixties-Musik, die ich sehr mag, mehr zum Ausdruck bringen konnte. Aber da ist aus meiner Sicht jetzt alles gesagt. Und vor Gruppendynamik hatte ich ohnehin immer ein bisschen Schiss. Da schauen immer andere dabei zu, wie du arbeitest. Ich lösche gern viel, probiere rum, das möchte ich anderen nicht zumuten. Und ich will mich auf keinen Fall wiederholen.

Hat dein Hang zur Einzelarbeit auch damit zu tun, dass du dich nicht gern unter oder über ordnest?

Das könnte man so sagen. Ich mag keine Hierarchien, sondern demokratische Prozesse, und die sind ungeheuer schwer in Band-Situationen. Da arbeite ich lieber für mich.

Andererseits arbeitest du mit einem Dutzend Produzenten zusammen?

Stimmt. Aber die Ursprungsidee rührt noch aus der Lesereise meines Buches Ärger mit der Unsterblichkeit, dass ich mit Sven Regener gemacht habe, als ich meiner eigenen Person überdrüssig war und lieber über andere erzählen wollte. Eigentlich sollte das Album nämlich „Der Ärger der anderen“ heißen. Bei der Suche wurde ich allerdings mehrfach mit dem Thema Liebe konfrontiert. Das wollte ich in möglichst verschiedenen Klangkosmen durchdeklinieren.

Hört man einem Stück ohne Vorkenntnis an, ob da zum Beispiel Ja, Panik oder Snap mitgewirkt haben?

Nicht unbedingt, weil wir uns bei jedem Stück in der Mitte getroffen haben. Wenn ein Künstler so ein unverwechselbares, stets erkennbares Trademark im Sound hätte, fände ich es auch langweilig. Und würde mich da auch nicht mit deren Sängern messen wollen, die das bestimmt besser machen. Ein heiteres Produzentenraten würde daher nicht funktionieren.

Aber was genau bringen Francoise Cactus, T.Raumschmiere oder Snap! denn dann ein?

Da waren mir drei Faktoren wichtig: Haltung zur Musik, ideologische  Wellenlänge und normal großes Ego. Ich hasse Hahnenkämpfe. Und den Sound muss ich natürlich auch mögen.

Hast du von jedem deiner Mitspieler Platten im Schrank?

Eher auf dem Rechner.

Kein Vinyl mehr?

Doch, hab ich noch. Aber neues kaufe ich mir nur, wenn ein Download-Code dabei ist.

Wie viele der Lieder deiner neuen Platte genau handeln denn nun von Liebe?

Warte [kramt einen Stoß zerknitterte Zettel aus der Tasche]. Werden wir mal genau: Von 20 Stücken handeln – eins, zwei, drei, vier von der Liebe. Ich mag eigentlich keine Liebeslieder, aber 80 Prozent aller Songs sind welche, die seit Shakespeare von vier, fünf emotionalen Grundsituationen handeln. Dem ist nichts hinzuzufügen, schon gar nicht von mir. Deshalb befassen sich meine Liebeslieder auch sehr abstrakt mit ihrem Thema. Es geht zum Beispiel nie um zwei Personen.

Dein erster Track heißt Liebe ergibt keinen Sinn. Ist das so?

Abgesehen davon, dass der Text nicht von mir ist, hat er nichts mit Abgesang auf die Liebe zu tun, sondern mit einem jungen Mann, der versucht, dieses Begriffs habhaft zu werden. Ich konstruiere meine Songs gern aus Fragmenten, die ich wahllos zusammentrage.

Stehen da eher Punchlines wie „Ich habe ein Radio-Gesicht, meine Stimme ist aber nicht so gut“ am Anfang oder ein Liedkonzept?

In dem Fall hatte ich einfach seit fünf Jahren das Wort „Radiogesicht“ auf dem Zettel stehen, wusste aber nicht, ob das vielleicht zu klamaukig ist und Applaus aus der falschen Ecke kriegt, so Malle-mäßig. Ich versuche generell eher genrefreie Musik zu machen.

Ist es das, was Gereon Klug meint, wenn er dich im Text zu deiner Platte „musikalischer Wolpertinger“ nennt?

Genau. Auf dem Cover umarme ich daher auch ein Tier, halb Hyäne, halb Schwan. Ich möchte einfach so wenig linear wie möglich sein. Wenn meine Musik fröhlich klingt, ist der Text oft getragen und umgekehrt. Wobei ich mit meiner Stimme eher wenig machen kann. Ihr Tonumfang ist relativ gering und fängt unten schnell an zu schnarren. Ich habe keine feste Tonart.

Ist das womöglich dein Erfolgsgeheimnis – nicht festlegbar zu sein?

Es könnte aber auch mein Manko sein, das einem breiteren Erfolg im Wege steht. Bis jetzt. Hoffe ich.

Auf einer Skala von 1 bis 10 die Chance, dass es mit den Charts klappt diesmal?

Hmm, ich sag mal 6, bisschen besser als 50:50.

Das Gespräch ist vorab auf Musikblog.eu erschienen

Polizeigeplapper & Punkpresenter

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Juli

Wer Björn Staschen bereits vor fünf Tagen kannte, war vermutlich ein Kollege beim NDR, aus seiner oldenburgischen Heimat oder absoluter Nachrichtenjunkie. Seit Donnerstag dürfte der Tagesschau-Reporter auch darüber hinaus vielen ein Begriff sein. Da nämlich stürzte er sich voll ins Getümmel der Ausschreitungen rings um den G20-Gipfel in Hamburg, plapperte jedoch anders als viele Verlautbarungsjournalisten nicht nach, was die Polizei verlautbaren ließ, sondern machte sich sein eigenes Bild vom Chaos. Die „angeblich 1000 Vermummten im schwarzen Block“ hat er zum Beispiel einfach mal nachgezählt und ist dabei „auf weit weniger gekommen“, wie er Donnerstag live von den Landungsbrücken berichtete.

Da selbst sein Chefredakteur Andreas Cichowicz zugleich – hüstel – vergessen hatte, Hamburgs Polizeipräsidenten im Interview nach so sperrigem Zeugs wie exekutiver Verhältnismäßigkeit zu fragen, blieb am Ende dieses bürgerkriegsartigen Wochenendes vor allem eines hängen: ausgewogener Journalismus wurde von ZDF über RTL bis n-tv oft nur vor Ort geliefert; die Studios waren in beklemmender Art und Weise staatstragend. Sollte das im Angesicht vermeintlich linker Gewaltexzesse kein falscher Eindruck sein, könnte Pro7Sat1-Vorstand Conrad Albert demnächst recht bekommen mit seiner Aussage, „nur fünf Prozent der Zuschauer von ARD und ZDF sind unter 30 Jahre alt“. Das ist zwar nachweislich falsch, aber vielleicht hat der Cheflobbyist“, wie ihn das Öffentlich-Rechtliche indigniert nannte, ja nur in die nähere Zukunft geschaut.

Die übrigens hält eine Sensation bereit: In der ersten DFB-Pokalrunde am 14. August zeigt die ARD nicht, wir wiederholen: NICHT das Spiel des FC Bayern München in Chemnitz live, sondern irgendwas anderes mit Hansa und Hertha. Das grenzt fast an Palastrevolution. Und könnte um ein paar Ecken damit zu tun haben, dass die Münchner Haus- und Hofberichterstatter der Springer AG gerade mit Constantin über den Kauf des Spartenkanals Sport1 verhandeln, um daraus womöglich einen FCB-Kanal zu machen, wer weiß.

Die Frischwoche

10. – 16. Juli

Bevor die ARD Anfang August allerdings wieder den Audi Cup überträgt, eine weitere Dauerwerbesendung für den Rekordmeister ohne sportlichen, aber mit viel kommerziellem Reiz, ist aber ohnehin fußballfreie Zeit im Fernsehen. Zeit also für den Summer of Fish’n’Chips, mit dem Arte ab Freitag seine Tradition fortsetzt, den Sommer mit einem musikalischen Schwerpunkt zu füllen. 2017 dreht er sich ums Vereinigte Königreich. Zum Auftakt zeigt der Kulturkanal um 21.50 Uhr die Dokumentation United Kingdom of Pop, dicht gefolgt von der Wiedervereinigungstour der legendären Monty Pythons vor drei Jahren, alles präsentiert von niemand geringerem als der Punk-Ikone Johnny Rotten. Tags drauf gibt es um 22.40 Uhr eine Dokumentation über die Britpop-Pioniere Pulp, dazu das letztjährige Konzert von Radiohead in Berlin, bevor am Sonntag (23.25 Uhr) der unvergessene Peter Sellers mit einem Biopic gefeiert wird.

So unterhaltsam kann es sein, wenn sich ein Sender mal ausgiebig mit einem Thema beschäftigt, das nicht nur den Mainstream befährt, sondern dessen Zuflüsse. Das wagt am Dienstag auch die ARD, wenn sie ihre dreieinhalbstündige Kurzfilmnacht zeigt. Dummerweise erst ab 2.05 Uhr, was Zuschauerzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich nach sich ziehen dürfte. Nicht, dass irgendjemand aus dem öffentlich-rechtlichen Stammpublikum auf die Idee kommt, sich für was anderes als Show oder Krimi zu interessieren… Eine Mischung daraus ist ab Freitag um 21.15 Uhr zu sehen: Mit dem True-Crime-Format Morddeutschland spielt der NDR vier Folgen lang RTL2, indem wahre Verbrechen unterhaltungstauglich gemacht werden.

Für echten Thrill sei daher doch lieber Arte empfohlen, das am Dienstag den ganzen Abend lang an den türkischen Putsch vor einem Jahr erinnert, was die ARD tags zuvor wiederum erst um 23.10 Uhr mit einer dreiviertelstündigen Doku macht. Und bevor wie zu den Wiederholungen der Woche kommen, gibt es da noch den unerlässlichen Netflix-Tipp: Friends from Collage, eine Serie über die Tücken des Wiedersehens alter Studienfreunde ab Freitag. Schon gesehen, aber unverändert fantastisch: Marvin Krens deutscher Zombiefilm Rammbock (Montag, 23.50 Uhr, ZDF), der bereits 2010 bewiesen hat, wie viel sozialkritisches Potenzial in den Untoten schlummert. Ein Jahr zuvor ist die schwarzweiße Wiederholung vom Montag (0.20 Uhr) entstanden: Michael Hanekes weltweit gefeiertes Vorkriegsepos Das weiße Band. Und der Tatort-Tipp kommt mal wieder aus Köln: Manila von 1997 (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR), einer der frühen Fälle des amtierenden Teams Ballauf und Schenk ums Thema Kindesmissbrauch, als es noch nicht zum Standardrepertoire des Krimis gehörte.


Dorau, London Grammar, Kamikaze Girls

Andreas Dorau

Es gibt Popstars, die waren schon immer da und sind doch kaum greifbar. Einer von ihnen ist Andreas Dorau. Als Teenager hat er sein Schul-Video um einen Außerirdischen namens Fred gegen den Willen seiner Lehrkräfte veröffentlicht und seither in 35 Jahren neun Schallplatten gemacht. So richtig abgegangen ist davon allerdings trotz des frühen Superhits keine. Und genau das will der gebürtige Hamburger im stolzen Popalter von 53 nun ändern. Sein zehntes Album Die Liebe und der Ärger der Anderen soll unbedingt in die Charts. Dafür hat er nicht nur 20 Tracks auf zwei Tonträgern kompiliert, sondern auch einen – nun ja – mehr oder weniger erlesenen Kreis Produzenten verpflichtet.

Klangtüftler von Zwanie Jonson über Moses Schneider, Mense Reents, Andreas Spechtl bis hin zu T.Raumschmiere oder dem Eurodance-Gott Luka Anzilotti von SNAP! haben das Werk begleitet und tatsächlich: Es ist absolut chartskompatibel. Also jetzt nicht für oberere Regionen, aber die Top 100. Kluger Dance mischt sich da mit schmissiger LoFi-Electronika und Disco-Schlager zu einer wirklich unterhaltsamen Melange, die ein bisschen nach Gesamtretrospektive eines der ausdauerndsten, zugleich aber unbekanntesten Stars des hiesigen Pop klingt. Wünschen wir ihm dafür mindestens mal Platz 99.

Andreas Dorau – Die Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt)

London Grammar

Nahe am Trip-Hop, fern dem R’n’B und dabei alles andere als unvollkommen sind London Grammar. Seit ihrem vielbeachteten Debütalbum If You Wait hat sich das Indiepop-Trio aus dem englischen Nottingham zu einer der beliebtesten Festivalbands gemausert, Einsatzort Hauptbühne, dort wo die ganz große Show mit ganz großer Geste gefordert ist. Wenn London Grammar vier Jahre später nun mit ihrem Nachfolger genau dorthin zurückkehren, wirft das daher erneut die Frage auf, warum so ausdrucksstarker, so getragener Electro-Wave ohne jedes Dance-Element derart massenwirksam ist. Die Antwort gibt Hannah Reid.

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frontfrauen des Indie-Pop, sondern konterkariert ihre optische Makellosigkeit mit einem Gesang von ergreifender Tiefe. Dass die Melodramatik nie in Pathos abgleitet, dafür sorgen dann schon Dan Rothman und Dominic Major. Wie einst bei U2 huschen ihre Riffs und Synths flächig unter Hannah Reids dunklem Timbre hinweg und hellen es damit angenehm auf. Ein bisschen klingt Truth Is A Beautiful Thing daher wie Birdie nach Erreichen der Volljährigkeit – ungemein vollmundig und bei aller Düsternis sehr hoffnungsfroh.

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing (Universal)

Kamikaze Girls

Man sagt, Musik ohne Bass fehle das Skelett, sie sei konturlos und amorph, ein einziger Brei. Das stimmt. Und ist manchmal nicht weiter schlimm. Dann zum Beispiel, wenn die Kamikaze Girls aus der alten Weberstadt Leeds ihren DIY-Punk allein mit Gitarre und Schlagzeug durch die Garage hetzen. Von den Hochgeschwindigkeitsdrums ihres Kumpels Conor Dawson angetrieben, füllt Sängerin Lucinda Livingstone die zehn Tracks ihres Debütalbums mit so verzerrtem Geschepper, dass der fehlende Bass kaum noch auffällt. Damit dieses Gitarrengemetzel allerdings nicht hoffnungslos in den höheren Tonlagen zerbirst, holt es Lucindas Gesang übers sinnentleerte Leben ihrer Generation regelmäßig auf den Boden der Harmonielehre zurück.

Atmosphärisch meistens dicht an der Achtzigerwave-Ikone Anne Clark, nur ohne deren notorisches Phlegma, verleiht dieser Gesang den Kamikaze Girls somit exakt jene wohl austarierte Ruhe, die den Begleitinstrumenten eher wesensfremd zu sein scheint. So ist Seafoam am Ende dem Emo- doch ein wenig näher als dem Noiserock. Von Gefühlsduselei kann dennoch nirgends die Rede sein. Seafoam liefert reinsten Abgehrrriotkrach, wenngleich – und das nicht nur für Feminist*inn*en mit Hintersinn.

Kamikaze Girls – Seafoam (Big Scary Monsters)


Angela Merkel: Ehe für alle & Brigitte Live

Merkels Bühnenhomestory

Seit vier Jahren lädt das Frauenmagazin Brigitte Politikerinnen zum Live-Austausch über die Grenzen von Privatem und Beruf. Gerade zum zweiten Mal dabei, nachdem zuvor bereits ihr Herausforderer Martin Schulz auf dem Podium gesessen hatte: Angela Merkel (Foto: Alexander Körner/Getty Images). freitagsmedien hat zugesehen, als die Kanzlerin mehr oder weniger gewollt die Ehe für alle auf den Weg gebracht hat, ansonsten aber in Ruhe gelassen wurde.

Von Jan Freitag

Wenn Angela Merkel tatenlos zuhören muss, entgleiten ihr gern die Gesichtszüge, bis man sie lesen kann wie ein offenes Buch. Anfang Juli zum Beispiel im Maxim-Gorki-Theater, da dauert es keine fünf Minuten, bis ihr Lächeln Bände spricht. Ende September sei Bundestagswahl, hatte ihr die Chefredakteurin der Brigitte auf einer Berliner Bühne gerade in Erinnerung gerufen und hinzugefügt, „aber Sie, liebe Frau Merkel, dürfen wie vor vier Jahren auch jetzt schon wählen.“ Als Brigitte Huber fortfuhr, diese Wahl bestünde „zwischen zwei Begriffspaaren“, entglitt Merkels Mimik bereits ins Ironische, was beim ersten Begriffspaar „zuhause oder unterwegs“ fast spöttisch wurde. Damit war nicht nur die Stimmungslage des Gastes für gut 90 Minuten festgelegt, sondern auch der Veranstaltung insgesamt.

Seit der Bundestagswahl 2013 lädt dieses Frauenmagazin aus Zeiten, da sein Name für Mädchen noch schwer en vogue war, Politikerinnen zum Kammerplaudern in die Hauptstadt. BRIGITTE LIVE ist dabei trotz der Buchstabengröße ein lockeres Beisammensein jenseits der harten Realität. Zu Beginn dieser Gesprächsreihe durfte die Kanzlerin bereits über den Tellerrand tagesaktueller Berichterstattung blicken und ihre Handhaltung erklären oder was sie an Männern attraktiv finde. Im ernsten Nachrichtengeschäft wäre das unschicklich, im Kosmos der Regenbogen-Presse ist es allenfalls das Aufwärmprogramm für die Homestory. Zu der es dann aber nicht kommt.

Angela Merkel wählt „unterwegs“.

Dumm aber auch. Aber eine prima Gelegenheit, dem World Wide Web zu zeigen, dass die mächtigste Frau der Welt mehr ist als eine jener Phrasenmaschinen, den ihr Beruf in Massen erzeugt. Merkel ist witzig, Merkel ist schlagfertig, Merkel fühle sich wohler, „seit nicht mehr so über meine Haare gelästert wird“, und wünsche sich, dass Männer ohne Elternzeit „in Erklärungsnot geraten“. Merkel ist alles, was man stets zu ahnen glaubte, aber nicht recht glauben wollte. Sie spricht von den Tücken der Hotel-Fernseher und was sie mit dem Alter zu tun haben, das selbst dieses Alphatier mit Sorgen erfülle, „ob ich die ganze moderne Entwicklung noch hinkriege“.

Kriegt sie. Bei aller Koketterie. So viel darf man voraussetzen. Was man, bei aller Güte, besser nicht voraussetzen sollte, ist das naturgegebene Talent einer Chefredakteurin zum Interview maximal prominenter Gäste. „Ja, vor allem nachts, wenn man sonst wie“ stammelt Brigitte Huber zurück und spätestens jetzt wird klar: Sie sitzt wohl doch eher fürs Protokoll hier mit ihren diagonal drapierten Beinen im Audienzstil. Das Substanzielle regelt schon Meike Dinklage. „Unser nächstes Begriffspaar lautet bergauf, bergab“, sagt Hubers Chefreporterin und zielt zwar auf Urlaubsziele ab. Doch dann entlockt sie Angela Merkel etwas von Belang. Thema Entscheidungen. Die nämlich „dauern bei mir oft sehr, sehr lang“. Wie einst in der Griechenland-Krise. Aber dann, fügt sie später hinzu, „hadere ich eigentlich nie damit“.

Es sind starke Passagen im heiteren Begriffe-Teilen, das auf der Homepage des Blattes allen Ernstes zwischen den Rubriken „Ernährung umstellen? Das passiert im Körper“ und „6 Sätze, die du niemals zu deinem Ex sagen solltest“ zu klicken ist. „Also deine neue Freundin … was willst du denn mit DER???“, solle man sich im Beisein des früheren Partners verkneifen. Darf man das im Brigitte-Kosmos bereits als Abrechnung mit Jamaika vorm dritten Treffen in vier Jahren werten? Jedenfalls wird es nun politisch – auch wenn das duale Themensystem nicht immer ganz hinhaut. Mit „80 oder 120 Prozent“ tarnt Brigitte Huber die Frage nach weiblichem Perfektionismus und erntet dafür nicht nur ein Gesichtsentgleiten der markanteren Art, sondern das Bekenntnis, bei Merkels daheim klappe es nicht so mit dem Wäscheaufhängen, „oder was meinen Sie?“

Ja, was meinen die, wenn Teilzeitarbeit angeschnitten, aber durch Wortpärchenspiele verbrämt wird? Was soll der Gegensatz von SMS und Twitter oder die Wahl zwischen Macho und Feministin? So mäandert das Podiumsgespräch warm, aber drückend wie föniger Wind durch den vollen Saal, der artig lacht, wenn Merkel scherzt, und sittsam schweigt, wenn der Journalismus versagt. Aus „Wut oder Mut“ wählt erstere jedenfalls letzteres, schwadroniert über eigene Leistungen beim Umweltschutz. Und die Reporter? Schweigen so huldvoll wie nach Merkels Satz, ihre bislang mutigste Entscheidung sei der Atomausstieg, wobei sie selbst darauf hinweisen muss, kurz zuvor noch die Laufzeit verlängert zu haben. Erst aus dem Publikum gibt es am Ende so was wie Widerspruch, der ihr beim Thema Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sogar eine Art Bekenntnis zur Ehe für alle abrang, die nur Tage später Gesetzeskraft erlangte. Auf der Bühne blieb es derweil artig.

Und das ist nicht mal tragisch. BRIGITTE LIVE will ja nur die menschliche Seite des Politischen präsentieren und ein bisschen die politische des Menschlichen. der Kanzlerin hat diese Wohlfühlatmosphäre unter Geschlechtsgenossinnen erstaunliche Offenheit abgetrotzt. Trotzdem darf man dem Charme des Gegenübers ruhig mehr entgegensetzen als „Lächeln oder Zähnezeigen“, worauf die Kanzlerin antwortet, sie „träume davon, auch dann interessiert auszusehen, wenn ich schweige“. An diesem Abend gelingt ihr das fast immer. Man lässt sie ja auch reden. Am Schluss noch mal über Ehe oder Liebe. Schön.


Formatradio & Internetreden

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juni

Wir haben Sommer. Endlich. Man merkt das am Ausdünnen des Fernsehprogramms, man merkt das aber natürlich auch, genau: am Wetter. Der Deutschen, ach – der ganzen Zivilisation liebstes Thema. Wie wichtig genau, das zeigt sich ganz gut, wenn in der Küche das altersschwache Kofferradio plötzlich keine klugen Sender wie Deutschlandradio Kultur mehr empfängt, sondern stattdessen nur noch, nun ja, weniger kluge wie die Heimatwellen der großen Funkhäuser, etwa NDR. Ein mehrtätiger Zwangsfeldversuch beim täglichen Frühstückmachen erbrachte dort folgendes: Das Formatradio spielt nicht nur ausschließlich Lieder, die sich kaum voneinander unterscheiden dürfen; zwischendurch wird auch ausschließlich übers Wetter geredet. Immer. Wirklich pausenlos. Es ist absolut irre.

Und ein guter Grund, sich doch ab und zu mal ein bisschen weniger übers Fernsehen aufzuregen. Das hat sich vorige Woche schließlich als überraschend lernfähig erwiesen und nicht nur die umstrittene Antisemitismus-Doku des WDR sogar auf Arte gezeigt. Es hat auch gleich noch eine Maischberger-Debatte dazu hinterher geklemmt. Brav. So, wie sich die Herrscher des Nahen und Mittleren Ostens auch den Nachrichtensender Al Jazeera wünschen. Weil der aber lieber über deren Verfehlungen und schlimmer noch: Gegner in den eigenen Ländern berichtet, fordern die Tyrannen der Region nun dessen Schließung – auch wenn sie damit weniger die Unterstützung islamistischer Terroristen im Sinn haben als die Disziplinierung des isolierten Emirats Katar.

Dabei ist die Sache mit dem Terror womöglich gar nicht so abwegig, im Sinne der Meinungs- und Pressefreiheit allerdings auch ziemlich unerheblich. Der Vorwurf könnte aber insofern Erfolg haben, als die Geldflüsse von Al Jazeera vielleicht versiegen. Und damit eine der letzten ausgewogenen Stimmen dieser durchgedrehten Weltgegend. Ganz so absurd geht es bei uns zum Glück noch nicht zu, trotz allem. Was auch an Medien liegt, die zu einem nicht unerheblichen Teil sehr ausgewogen übers Geschehen im Land berichteten und manchmal sogar versuchen, Politik spannend zu machen.

Die Frischwoche

26. Juni – 2. Juli

Arte verlagert diesen Versuch zwar gerade mal wieder ins Internet, wo ab Samstag Große Reden der Weltgeschichte abrufbar sind – von İNo Pasarán! aus dem Spanischen Bürgerkrieg bis zu François Hollande und Joachim Gauck in Oradour-sur-Glane im Jahr 2013. Bei ZDFneo hingegen wird es dann auch im linearen Programm politisch. Dort startet zwei Tage zuvor um 22.15 Uhr ein Experiment, in dem wechselnde Parlamentarier drei potenzielle Wähler von sich und ihren Ideen überzeugen sollen. Ziel: Argumente austauschen, Vorurteile beseitigen, Zuschauer unterhalten. Das alles könnte sogar klappen, schon wegen der Moderation des sehr feinsinnigen Kulturjournalisten Jo Schück.

Doch damit nicht vergessen wird, in welchem Medium wir uns aufhalten, machen wir einen kurzen Schlenker zu RTL. Dort startet am Freitag die Quiz-Game-Show The Wall mit einer Mauer, die mit Bällen traktiert wird, um irgendwelche Geldkassetten zu finden, was von den Regularien her ungefähr so sinnig ist wie einst Tutti Frutti, also vor allem Schauwert bieten soll, für den unter anderem der putzige, aber nicht ganz so feinsinnige Moderator Frank Buschmann sorgt.

Für Schauwert ganz anderer Art sorgt am selben Tag auf Netflix die unvergleichliche Naomie Watts als übergriffige Psychotherapeutin in der Streaming-Serie Gypsy. Das ist den ersten Eindrücken zufolge ungeheuer bissig und entertaint dabei gehörig. Und weil es abgesehen vom Confed-Cup in Russland mit dem Finale am Sonntag eher wenig Aktuelles zu empfehlen gibt, können wir an dieser Stelle auch gleich zu den „Wiederholungen der Woche“ kommen.

In schwarzweiß, aber nicht aus der entsprechenden Ära: Frances Ha (Samstag, 20.15 Uhr, Servus TV), Noah Baumbachs hinreißende Liebeserklärung an das Scheitern mit Greta Gerwig als prekäre Tanzschülerin im unendlich coolen, aber auch erschöpfenden New York des Jahres 2012. Ebenfalls schwarzweiß und auch aus der entsprechenden Epoche: Wer die Nachtigall stört (Montag, 22.45 Uhr, Arte) von 1962, in dem Gregory Peck einen Schwarzen verteidigt, der 1932 im rassistischen Alabama eine Frau vergewaltigt haben soll. Eingeleitet vom Sklaverei-Drama Amistad (1997) rundet das den Abend zum Thema Rassismus in den USA legendär ab. In Farbe wie immer wunderbar: Ein Fisch namens Wanda (Samstag, 22 Uhr, ZDFneo) mit Kevin Cline als krimineller Depp an der Seite von Jamie Lee Curtis (1987).

Aus Deutschland überaus ratsam Hermine Huntgeburths fabelhaftes Herr-Lehmann-Prequel Neue Fahr Süd (Sonntag, 20.15 Uhr, One) von 2010. Und schon weil er Filmgeschichte geschrieben hat: Dirty Harry (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte), der Clint Eastwood 1971 endgültig zum Superstar des Actionkinos mit Niveau gemacht hat. Im Anschluss: Die Rückkehr von Harry Callahan zwölf Jahre später. Und am Freitag wiederholt der WDR um 23.40 Uhr endlich mal wieder einen Haferkamp-Tatort, Baujahr 1977 namens Spätlese, vom Krimi-Duo Herbert Lichtenfeld und Wolfgang Staudte.


Beth Ditto, Big Thief, Alle We Are, New Swears

Beth Ditto

Und wenn das Leben da draußen stürmt und tobt, wenn die Hoffnung auf ewige Glückseligkeit in die Gewissheit dauernder Konterrevolutionen der Freudlosen umschlägt, wenn allerorten Trübsinn herrscht und Misanthropie und die Macht der Dummen – dann sollte man trotzdem den Kopf nicht hängen lassen, sondern einfach Beth Ditto zuhören und ihn erheben, den Kopf, so wie sie es immer und immer und immer wieder tut, für sich, für uns, für alle, die mehr wollen vom Leben als in ihren Schützengräben hocken und den Untergang herbeizusehnen.

Seit mehr als der Hälfte ihrer 36 Jahre auf dieser komplizierten Erde schafft es das Kleinstadtgewächs aus Arkansas mit einem Selbstwertgefühl am Rande der Sättigungsgrenze, das Ringen gegen das Böse in furiosen Pop zu verwandeln. Bis 2016 in ihrer Discopunk-Band Gossip, jetzt mal wieder solo. Fake Sugar heißt ihr Album ohne Brace Pain und Hannah Blilie. And weather, if your straight or gay, wie es ihr erklärter Fan Barack Obama ausdrücken würde, egal ob man dick oder dünn, hell oder dunkel, gewöhnlich oder anders ist: Es sorgt mit ungeheuer ergreifenden Hymnen der Selbstermächtigung dafür, dass niemand den Spaß beim Kampf um Gleichberechtigung verlieren muss. Ach Beth…

Beth Ditto – Fake Sugar (Sony)

Big Thief

Es ist oft auf seltsame Art ergreifend, wenn die Hand beim Wechsel der Akkorde ein kratziges Wehklagen auf den Saiten erzeugt, so als würden sie vor Schmerz kurz aufheulen. Adrianne Lenkers Gitarre heult zu Beginn ihrer neuen Platte gleich mehrfach auf. Jedesmal ist es zum Niederknien ergreifend. Und wie die Sängerin des New Yorker Quartetts Big Thief dazu mit brüchiger Stimme von den Wunden der Seele erzählt, da zeigt sich auch sonst: Wahre Schönheit entsteht aus dem Imperfekten. Kein Jahr nach ihrem Debütalbum ist Capacity ein überraschendes kleines wunderbares Meisterwerk. Und das hat zwei Gründe.

Es dreht den Alternative-Pop von Masterpiece nicht nur deutlich leiser, sondern verlässt die frühere Harmoniebedürftigkeit immer wieder in dissonante Regionen. Shark Smile zum Beispiel startet mit einer Kakophonie ineinander scheppernder Instrumente, bevor sich daraus ein elegantes Stück Countryfolk entspinnt. Oder die bewegende Single-Auskopplung Mythological Beauty. Sie mag zwar Lagerfeuerromantik verbreiten; hinter all dem Wohlklang sucht Adrianne Lenker allerdings fast verbissen nach den inneren und äußeren Verletzungen ihrer Kindheit. Sie gehen ungemein zu Herzen. Wie das ganze Album.

Big Thief – Capacity (Saddle Creek)

All We Are

Der Charme des Gestrigen im Zwingstock der Gentrifizierung: Mit dem Cover seiner neuen Platte will das Liverpooler Trio All We Are fraglos ein Statement setzen gegen vieles, was Tradition und Nostalgie derzeit den Garaus macht. Zu sehen ist ein verschnörkeltes Gründerzeithäuschen, das sich stolz, aber chancenlos zwischen zwei Stahlskelettkolossen wegduckt. Wer bei dieser Verpackung an politisch bewussten Folkrock denkt, liegt musikalisch allerdings knapp daneben. Wie auf ihrem Debütalbum vor zwei Jahren liefern All We Are abermals tanzbaren Discopop voll elektronischer Spielereien, auch wenn sie ihn leicht wehmütig Psychedelic Boogy nennen.

Unterm Teppich breiter Riffs und treibender Synths erzählen die Uni-Kumpels Richard’O Flynn (Drums), Guro Gikling (Bass) und Luiz Santos (Gitarre) dazu die Geschichte eines malerischen Dorfes im Kampf mit der Moderne: Ein Autobahnprojekt droht, die Gemeinschaft nach und nach zu spalten. Inhaltlich macht das Sunny Hills zu einem echten Konzeptalbum mit sozialkritischer Stoßrichtung. Stilistisch bleibt es dem hedonistischen New Wave der Achtzigerjahre mit Links in die Retrophasen der Gegenwart verhaftet, ohne allerdings ja nostalgisch zu klingen, geschweige denn gestrig.

All We Are – Sunny Hill (Double Six/Domino)

New Swears

Tief in den Siebzigern ohne irgendwelches Retrozeugs verhaftet sind die New Swears aus Ottawa. Sie bestehen aus vier Freunden, die sich angeblich einst im verlausten Gästezimmer eines verranzten Punkclubs zur Band formiert haben. Klingt nach einer Legende, erklärt den zauselig schönen Sound auf ihrem Debütalbum mit dem hinreißenden Titel And the Magic of Horses, der durch ein Kirmes-T-Shirt-Cover mit drei Pferden, die über Kanadas Prärie aus dem Himmel grinsen, nochmals herrlicher wird, aber ganz gut. Was das Quartett darauf macht, könnte man vielleicht am ehesten mit Swaggercountryglampop umschreiben, aber eigentlich sind Umschreibungen hier völlig fehl am Platze.

Schon das Auftaktstück Dance with the Devil scheppert so atemberaubend überdreht zwischen den frühen Strokes und den späten Thin Lizzy durch die saftigen Weiten des Garagenrocks im Westcoast-Outfit, dass man sich Scru Bar, Sammy J Scorpion, Beej Eh, Nick Nofun oder wie auch immer sie wirklich heißen mögen, als uneingeschränkt glückliche Menschen vorstellen muss. Ein Glück, das es ihr verstrubbelter Gesang im permanenten Up-Tempo-Modus in jedem der zehn Stücke über Kiffen, Saufen, Vögeln, Rumhängen, aber auch die Freundschaft und den Tod eins-zu-eins an uns weitergibt. Da ist nichts Verkopftes, keine Metaebene, da ist nur diese Band und ihre Energie. Abfahrt!

New Swears – And the Magic of Horses (Dine Alone Records)

 


Senta Berger: Kir Royal & Eva Prohacek

Ich komme grad aus dem Garten

Senta Berger (Foto: ZDF) ist seit 60 Jahren im Filmgeschäft. Jetzt aber tritt sie ein bisschen kürzer – weshalb ihr neuer Terror-Fall (in der ZDF-Mediathek abrufbar) von Unter Verdacht der vorletzte sein soll. Ein Gespräch über Amtsmüdigkeit, Hierarchien, Heimatfilme und das Refugium Gartenarbeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Berger, gab’s das schon mal – Unter Verdacht als Zweiteiler?

Senta Berger: Nein, das war eine außerordentliche Idee. Sie wurde dadurch geboren, dass ich schon vor zwei Jahren gesagt habe, es wäre jetzt langsam mal an der Zeit, Eva Prohacek – die ja  Beamtin mit festgelegter Pensionsgrenze ist – in Rente gehen zu lassen. Wir wollten eine komplexe Geschichte erzählen. Das persönliche Schicksal der Prohacek mit der gegenwärtigen Situation in Deutschland verknüpfen. Dafür haben wir uns ein umfangreicheres Format gewünscht und vom Sender auch zugestanden bekommen.

Das ist also Ihr Abschied von der Reihe?

Nicht ganz. In der Zeit, in der das Drehbuch für Verlorene Sicherheit geschrieben wurde, liefen im Fernsehen zwei neue Folgen und mehrere Wiederholungen älterer Filme, die nicht nur mir, sondern dem Publikum offensichtlich großen Spaß bereitet haben. So haben wir uns alle auf eine letzte Folge einigen können und freuen uns auf die Dreharbeiten im Herbst.

Nichtsdestoweniger scheint sich die Figur in Verlorene Sicherheit von ihrer Rolle innerlich zu verabschieden.

Ist das so?

Sie wirkt psychisch, aber auch physisch angeschlagener als in den 25 Folgen zuvor.

Na – dann ist uns ja geglückt, was wir uns vorgenommen hatten, für Eva Prohacek ein neues Kapitel aufzuschlagen, einen Aufbruch – und sei es einer ins Ungewisse.

Ist es eher Amts- oder Altersmüdigkeit, die Eva Prohacek da erwischt?

Weder noch. Wir haben das Alter der Kriminalrätin immer unbestimmt gelassen. Dass ich zehn Jahre älter bin als die Prohacek im Staatsdienst eigentlich sein darf, weiß ja jeder, und ich finde, langsam sieht man es auch. Es geht mir um die Glaubwürdigkeit der Figur und damit auch um die Glaubwürdigkeit der Geschichten, die wir erzählen.

Gab es bei Ihnen selbst schon mal so etwas wie Amtsmüdigkeit, was diese Rolle betrifft?

Nein, gar nicht. Sie macht mir großen Spaß und wird mir unglaublich fehlen – nicht nur die Geschichten, sondern das Team, mit dem ich bis auf wenige Ausnahmen seit 2001 zusammen arbeite. Weil ich selber schon lange in der Produktion tätig bin, kenne ich auch die Bedingungen, die Notwendigkeiten hinter der Kamera gut und weiß, was die Menschen dort leisten, aber auch brauchen. Wenn man sich gut versteht, haben Dreharbeiten auch immer etwas vom Schulausflug einer Klasse, in der es verschiedene Temperamente und Aufgaben gibt, aber keine Hierarchien.

Entspricht das auch Ihrer Persönlichkeit, es mit Hierarchien nicht so zu haben?

Absolut, aber die gibt es schon seit Jahrzehnten nur selten am Set. Und falls doch, empfinde ich das immer als ein Zeichen von begrenzter sozialer Intelligenz. Ich werde öfter gefragt, wie sie denn so waren – diese großen Hollywoodstars, mit denen ich gearbeitet habe. Mein Eindruck: Je berühmter, desto bescheidener. Ich werde nie einen Film mit Marcello Mastroianni vergessen, der ganz unscheinbar auf einem Stühlchen in der Ecke saß, an dem ständig Leute vorbeiliefen und fragten, Marcello, was kann ich dir bringen, Marcello willst du noch einen Kaffee. Aber er wollte das alles nicht, er wollte nur arbeiten.

Umschwärmt man Sie nach 60 Jahren im Geschäft ähnlich?

Manchmal, aber man merkt dann schnell, dass es eher den Umschwärmenden schmücken soll als mich.

Sah man Sie darin nach Ihrer Rückkehr aus den USA hierzulande mit anderen Augen?

Ach wissen Sie, dieser Beruf folgt ja selten einer geraden Linie. Als ich aus Amerika zurückgekehrt bin, habe ich in Rom, in der Cinecitta weiter Kinofilme gedreht. Da gab es ja noch bis Anfang der 80er lange Schlangen vor den Kinos, in den Sälen durfte sogar geraucht werden. Das kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen, obwohl das Popcorn-Schmatzen eine ebensolche Pest ist. Aber in Deutschland galt Hollywood dem damaligen Autorenfilm als Feind und ich war seine Vertreterin. Ich habe also jahrelang in Deutschland keine Filme machen können. Aber ich habe Theater gespielt. Begonnen hat es bei den Salzburger Festspielen dass  ich, als erwachsene Frau meine eigene Sprache wieder entdeckt habe, das war sehr aufregend. Unsere Produktionsfirma Sentana-Film hat erste Erfolge gehabt, zum Beispiel mit Die Weiße Rose und ich habe – vielleicht das schönste Abenteuer meines Lebens – zwei Kinder bekommen. Es war also klar, dass ich mich entscheiden musste, wo ich leben und arbeiten wollte. Der Übergang nach Deutschland war also fließend, bevor ich dort die erste wichtige Arbeit hatte.

Nämlich?

Kir Royal, zumal das ausgestattet war wie ein Kinofilm, auf 35mm, pro 45-minütiger Folge 28 Drehtage.

Wann genau ist eine Arbeit inhaltlich wichtig für Sie?

Wenn es etwas ist, an das ich glaube und zugleich das Interesse anderer weckt. Ich bin in der Zeit dieser verlogenen Heimatfilme aufgewachsen, ein gebranntes Kind. In Österreich haben hervorragende Kabarettisten die schlimmsten Drehbücher geschrieben, weil sie glaubten, dem  Publikum sei die Wahrheit nicht zumutbar, die man auch durchaus humorvoll erzählen könnte. Das versteht der Zuschauer nicht – wie oft habe ich das gehört! Welch ein furchtbarer Irrtum! Den Zuschauern ist das Beste zumutbar, selbst wenn sie gar nicht wissen, was genau das ist. Nur ein gemeinsamer Anspruch macht Filme wichtig.

Ist das bei diesem hier aus Ihrer Sicht der Fall?

Ich denke und hoffe es.

Wobei man nicht weiß, was einem mehr Angst macht – der islamistische Terror oder ein Staat, der bei dessen Bekämpfung alle Regeln missachtet.

Weil es nur ein Krimi und kein Dokumentarfilm ist, ganz gewiss nicht letzterer. Dennoch erhebt der Film natürlich einen gewissen Wahrheitsanspruch. Und angesichts der Tatsache, dass seine Ausstrahlung wegen der Anschläge von Frankreich und Berlin verschoben wurde, offenbar auch zu recht. Aber es gibt ja viele Wirklichkeiten. Eine davon erzählt von einer türkischen Familie, die bis auf ein junges Mädchen, das auf der Suche ist, ohne noch  zu wissen, was es sucht, bestens integriert ist. So gesehen ist dieser Film in anderer Hinsicht wichtig.

Wenn Sie die Zeitspanne zurück zu Ihrem ersten im Jahr 1957 betrachten: ist das überhaupt noch derselbe Beruf?

Das ist schwer zu vergleichen. Vom technischen Standpunkt hat sich alles verändert. Was sich nicht geändert hat, ist das Bedürfnis Geschichten zu erzählen, hören, sehen, die die Menschen berühren – das war  immer so. Denken wir nur an Höhlenzeichnungen, das Antike Theater, an Shakespeare, Moliere, ans Kasperletheater…

Was bedeutet Ihnen an der Arbeit über diesen langen Zeitraum hinweg besonders viel?

Dass ich in keine Schublade gesteckt worden bin. Dazu gehört, dass ich nach der glamourösen Mona in Kir Royal sofort Die schnelle Gerdi spielen durfte.

Eine Taxi-Fahrerin.

Die mir als Kind der Wiener Vorstadt sehr vertraut ist. Und fragen sie mal meinen Mann; der kennt meinen Jähzorn nur zu gut, auch wenn er sich gebessert hat. Aber mir haben viele Arbeiten etwas bedeutet. Sie und Er zum Beispiel, der erste Westfilm von Frank Beyer mit der gesamten Schauspielelite des Ostens; so was ist im kollektiven Gedächtnis womöglich nicht mehr präsent, aber in meinem sehr. Das war eine sehr besondere Arbeit, wie Frau Böhm sagt Nein und Lilli Lottofee und… und… und eben die Eva Prohacek. Ich hatte oft Glück, das weiß ich, aber ich möchte mich nicht zu viel mit der Vergangenheit beschäftigen.

Warum?

So sehr ich stets mit ganzem Herzen bei meinem Beruf bin – ich habe auch noch ein anderes Leben. Jetzt grad komme ich aus dem Garten, um neue Pflanzen zu setzen. Nach zuletzt vier, fünf Filmen im Jahr genieße ich es, ein bisschen zuhause zu sein und mich mit meinem Mann wieder mehr aufeinander besinnen zu können. Das ist schön.


Elitenmast & Pressefreiheit

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. Juni

Nun ist es amtlich: Das ZDF muss, soll, kann, darf sich ab Sommer 2018 wieder ein bisschen mehr seinem Staatsauftrag widmen, statt sich weiter vom Elitenmastbetrieb Champions League am Nasenring durch die Arenen ziehen zu lassen. Fehlt eigentlich nur noch ein überfälliger Boykott der korrupten Fußballgrößtereignisse von Russland bis Katar. Aber so weit geht das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Bereich compliance dann wohl doch nicht. Kurz, nachdem das Zweite den Ausstieg aus diesem Irrsinn verkündet hat, wurde allerdings die Rückkehr eines anderen verkündet: The Team.

Die deutsch-belgisch-dänische Agententhriller-Superduperserie wird nächstes Jahr mit Jürgen Vogel statt Lars Mikkelsen fortgesetzt, was nur dann sehenswert sein dürfte, wenn das Ganze anders als bei den internationalen Kooperationspartnern nicht vollständig übersetzt wird. Wird es aber eh. Und damit gewiss wieder unansehnlicher als nötig. Das Erste hat derweil gezeigt, welch grandiose Unterhaltung darin entstehen kann, wenn Oli Dittrich mit von der Partie ist. Sein achter Camouflage-Auftritt, diesmal als emeritierter Starreporter Sigmar Seelenbrecht, war wieder mal von so perfider Klugheit, dass sich abermals fragt, warum die ARD derartige Perlen donnerstags kurz vor Mitternacht versendet. Ach, es ist so müßig…

Weshalb man geradezu dankbar darüber sein muss, dass sich auch die anspruchsvolle Konkurrenz gelegentlich mal in die Nesseln setzt. Arte nämlich hat sich im Fall der Selbstzensur seiner Dokumentation Auserwählt und Ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa so tapsig, fast dusselig, jedenfalls kurzsichtig angestellt, dass die strukturell intolerante Bild praktisch gar nicht umhin kam, dem zu Tode auf Ausgewogenheit geprüften Film des WDR gönnerhaft auf der eigenen Homepage Asyl zu gewähren. Unter all den Diskriminierungen Andersartiger, die seit der ersten Ausgabe zur DNA des Springer-Blattes gehören, fehlt schließlich seit jeher nur der des Antisemitismus.

Und auch, wenn die ARD dem Nöhlen des Feuilletons nun insofern nachgegeben hat, den Film von Sophie Hafner und Joachiem Schröder am kommenden Mittwoch um 22.15 Uhr zu zeigen: Schöne Steilvorlage.

Die Frischwoche

19. – 25. Juni

Von der es die ein oder andere auch auf dem Rasen geben wird, wenn die öffentlich-rechtlichen (Sport-)Sender den Phantomschmerz der fehlenden Champions-League, Olympia-Rechte und Bundesliga-Exklusivität mit der Übertragung des sportlich bedeutungslosen und politisch anrüchigen Confed-Cups in Russland kompensieren. Aber gut – selbst Panini hat dazu ja ein Sammelalbum erstellt. Darüber hinaus ist das Angebot an Frischformaten aber auch himmelschreiend dünn diese Woche.

Immerhin: auf Netflix gibt es ein bisschen was Überraschendes zu sehen. Freitag startet dort der neunzigminütige Dokumentarfilm Nobody Speak über die grassierende Einschränkung der amerikanischen Pressefreiheit am Beispiel eines Prozesses vom früheren Wrestler Hulk Hogan. Der leitet damit prima über zur neuen Serie des Streamingdienstes. Parallel beginnt nämlich das üppig kostümierte Spektakel Glow um ein real existierendes Team Wresterinnen, die in den Achtzigerjahren kurz für Furore gesorgt haben.

Ansonsten bieten sich frühzeitiger als sonst eher Wiederholungen als Innovationen der Woche an. ZDFneo etwa zeigt ab Donnerstag (21.15 Uhr) nochmals in Doppelfolgen sein unvergleichliches Boxer-Epos Tempel mit Ken Duken und Thomas Thieme, die voriges Jahr gezeigt haben, dass deutsche Serien dramaturgisch doch mithalten können. Wenn man sie lässt. Wer es noch etwas älter mag, hätte hier drei Filme zur Auswahl: Paul Verhoevens Basic Instinct (Samstag, 23.30 Uhr, ZDF) von 1992, als Sharon Stone und Michael Douglas noch jung und heiß waren. Tags drauf um Mitternacht bringt der WDR Sophia Coppolas Meisterwerk Lost in Translation mit der 2003 sehr, sehr jungen Scarlett Johansson und dem noch nicht so richtig alten Bill Murray zurück auf den Bildschirm.

Und dann gibt es ja heute noch die furiose David-Lynche-Retrospektive auf Arte, angefangen um 20.15 Uhr mit Mullholland Drive (2001), abgerundet durch Lost Highway (1996), beides in seinem alltäglichen Mystizismus bahnbrechend und brillant. Wie seinerzeit übrigens der schwarzweiße Westernklassiker Bis zum letzten Mann (Freitag, 23.35 Uhr, BR), mit dem John Ford 1948 nicht nur seine legendäre Kavallerie-Trilogie begann, sondern dem Genre auch filmästhetisch neue Maßstäbe verpasst hat. Sprachlich war hingegen ein gewisser Goetz George stilbildend, als er 1981 in Gestalt des damals unerhörten Tatort-Kommissars Horst Schimanski sein Debüt gab. Am Dienstag um 22.10 Uhr wiederholt der WDR Duisburg-Ruhrpott, einen Film, der das deutsche Fernsehen nachhaltig verändert hat.


J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore

J. Bernardt

In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.

Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.

J. Bernardt – Running Days (PIAS)

Big Boi

Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.

Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.

Big Boi – Boomiverse (Sony)

Danai Moore

Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.

War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.

Danai Moore – Bring you shame (Because)

 


Kraftklub: Provokation & Mitgrölrock

Keine Psychopathen auf Koks

Vor sechs Jahren kannte man Kraftklub allenfalls daheim in Chemnitz, bald darauf waren die fünf Indierocker aus dem Osten schon Headliner großer Festivals und die ersten zwei Alben Nr. 1 in den Charts. Genau dort dürfte also auch Keine Nacht für niemand landen, das heute rauskommt. Frontmann Felix Brummer, verantwortlich für Texte und Gebrüll, erzählt im Interview, wie es dazu kommen konnte, was das aus den fünf Freunden gemacht hat und warum sie diesmal eher lässig als schnell sein wollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Felix, ist eure Starrummel-Hymne Band mit K gleich zum Auftakt eures neuen Albums eigentlich nur ironisch gemeint oder auch ein bisschen angenehm überrascht vom Erfolg?

Felix Brummer: Da ist der Interpretationsspielraum bewusst relativ weit gefasst. Wir inszenieren uns ja schon schamlos als Sektenführer, kritisieren aber auch den Kult um Stars inklusive der Youtuber-Szene, die jungen Menschen das Geld aus den Sparschweinen fingert. Andererseits kann man es auch einfach als lustige Überhöhung der Popkultur von außen hören. Denn in der Realität hält sich der Rummel bei uns selbst ja doch noch in Grenzen. Wir haben anders als ein paar unserer Kollegen noch keine campenden Fans vor den Wohnungen.

Wenn anders als im Song keine Schlüpfer fliegen – wie weit geht die Fan-Liebe?

Dass manche wirklich zu jedem einzelnen unserer Konzerte fahren. Das finde ich natürlich schon auch ein wenig verrückt, vor allem aber sehr sympathisch.

Trotzdem lief der Schritt vom kleinen Club auf die ganz große Bühne für euch in einem Tempo, das schon ein wenig Größenwahnsinn rechtfertigen würde oder?

Na ja, es gab 2012 schon eine Phase, wo es im Rückblick ziemlich schnell ging. In dem Jahr ist gefühlt alles auf einmal passiert, zwischen ganz klein, erster Platte und ganz groß haben wir noch eine Kolumbien-Tour gespielt. Ernsthaft! Trotzdem hat sich für uns immer alles natürlich angefühlt, wir haben keinen Schritt übersprungen. Bei Rock am Ring zum Beispiel haben wir erst auf dem Zeltplatz gespielt, im Jahr drauf auf der kleinsten Bühne, zwei Jahre später auf der Hauptbühne, aber um 18 Uhr, dann abends und zuletzt als Headliner. Das ist schon krass, aber eben eine fließende Entwicklung.

Hat sie euch als Band, Musiker und Menschen verändert?

Sicherlich, aber ich könnte gar nicht im Einzelnen aufzählen, was genau. Wir sind jedenfalls keine kokainsüchtigen Psychopathen geworden in den letzten sieben Jahren. Vielleicht aber auch deshalb, weil wir vor dem Album hier eine Pause eingelegt haben, um wieder normale Sachen zu machen, weil man sonst schnell das Leben der anderen verschwitzt. Wir hatten das Gefühl, unsere Freunde nur noch dann zu treffen, wenn wir sie auf unsere Konzerte einladen. Das ist auf Dauer einfach nicht geil.

Ihr habt euch also bewusst wieder ein bisschen geerdet?

Auf jeden Fall, das muss man manchmal. Es gibt bestimmt genügend Menschen, die es total geil finden, sich mit einem crazy Rockstar-Life von der Realität zu entfremden. Für uns war das alte Umfeld schon immer ein wichtiger Quell der Inspiration.

Und hat es etwas an eurer Musik verändert, dass dieser Quell zwischenzeitlich ein bisschen weiter weg war?

Inwiefern?

Das man mit wachsendem Publikum versucht, fetter zu produzieren, mehr Mitgrölsongs zu schreiben, um die Massen in Bewegung zu setzen zum Beispiel?

Nee, gar nicht. Wir lernen zwar mit jedem Auftritt dazu, sind aber bis heute nicht die großartigen Virtuosen an unseren Instrumenten. Ich als Frontmann kann ja im Grunde noch nicht mal richtig singen. Dennoch bleibt es dabei, dass wir jeden Song auch im Club spielen können müssen. Was wir machen, muss sich auch im Proberaum richtig anfühlen; erst wenn es das tut, funktioniert es auch auf der Bühne.

Aber zollt man dem wachsenden Moshpit vor der Bühne nicht dennoch insofern Tribut, als man ihm auch was bieten muss?

Weil wir uns immer sehr als Live-Band begriffen haben, waren die ersten zwei Alben genau dieser Ausgangslage geschuldet. Wir wollten auch im Studio, dass es permanent knallt. Immer schnell, immer ballern. Davon haben wir uns auf diesem Album verabschiedet. Aber eher weil wir das Gefühl hatten, dass das auserzählt ist. Das Ende der Fahnenstange war einfach erreicht, denn bei der Frage, wo es mit uns hingegen soll, wurde einfach deutlich, dass noch mehr Tempo keine Antwort ist.

Welche Antwort gäbe es dann?

Mehr Lässigkeit vielleicht und eine gewisse Antihaltung zu bestimmten Erwartungen einzunehmen. Wenn alle wollen, dass wir noch ein und noch ein Album im 16el-Beat durchhacken, müssen wir mal was anderes machen. Es ist ja schon schwer genug, sich unter fünf Bandmitgliedern auf eine Linie zu einigen; falls dann noch Meinungen und Ansprüche von außen hinzukommen, wird es richtig anstrengend. Wenn den Leuten das, was da dieses Mal rausgekommen ist, nicht gefällt – gut, dann ist es halt so…

Sind eure Einigungsprozesse im Übungsraum so kompliziert wie es jetzt klingt?

Ja, da knallen schon auch Egos aneinander. Aber das war schon immer so, ist also nicht erst mit dem Erfolg passiert. Wenn man zu jemandem sagt, der und der Part passe nicht, dann kommt das schnell so an, als meinte man eigentlich: du bist scheiße! Das ist die Grundschwierigkeit aller Gruppen.

Macht es die Tatsache, dass ihr nicht nur fünf Musiker, sondern fünf Freunde seid, schwieriger oder leichter, da einen Konsens zu finden?

Ich glaube, schwieriger. Der Bassist ist mein Bruder, den kenne ich, seit er auf der Welt ist; da kenne ich seine Stärken und Schwächen so genau, dass es leichter fällt, sich zu verletzen. Zugleich aber ist es eben auch einfach schöner, mit guten Freunden Sachen zu erreichen als mit Kollegen.

Politisch steht ihr dabei ehr links vom Mainstream oder ist das bloß Wunschdenken all jener, die sich freuen, endlich stehe ein unterhaltsame Band mal politisch auf der richtigen Seite?

Das ist insofern Wunschdenken als ich es total arrogant und herablassend finde, sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Natürlich kommt, wenn fünf politisch denkende Typen Musik machen, am Ende auch irgendwie politische Musik heraus. Aber weil wir als Menschen alle links sind, heißt das nicht, dass wir irgendeine Agenda hätten, um die Welt da draußen mit Kraftklub-Songs zu retten. Wir lassen uns vor keinen Karren spannen. Aus dem Anspruch, die Wahrheit zu kennen, entsteht ja genau das Denken, gegen das wir draußen auf der Straße demonstrieren. Wir machen Dreieinhalbminutensongs. Wer komplexe Themen in so kurzer Zeit zu lösen vorgibt, dem sollte man grundsätzlich misstrauen.

Aber ein Song wie Fenster richtet sich doch ganz klar gegen Wutbürger von AfD bis Pegida.

Das tut er. Aber nicht, um Lösungen anzubieten, sondern Kommentare auf die Gegenwart.

Ist Dein Lied dann einer für vermeintliche Gutmenschen, die natürlich rote Ohren kriegen, wenn jemand seine Ex als „Du Hure“ beschimpft?

Nein, das ist keine bewusste Provokation, sondern der Versuch, die Perspektive eines verlassenen Freundes von verständnisvoll auf rachsüchtig kippen zu lassen. Und natürlich der Spaß, eine heftige Bildsprache zu benutzen, um heftige Emotionen zu beschreiben. Ich verstehe, dass das manchen zu krass ist – gerade aus unserem Mund, von der netten Indie-Band, nicht dem fiesen Gangsta-Rapper. Und stimmt ja: ich finde es furchtbar, wenn Frauen als Schlampen oder so bezeichnet werden. Aber wenn wir einen Song wie diesen schreiben, machen wir das aus Interesse an der Situation, dass so etwas nun mal existiert.

Ist so ein Song also gar nicht autobiografisch geprägt?

Ich erzähle eine Geschichte, die alle betreffen könnte und zwar möglichst authentisch. Wenn sie in der dritten Person geschrieben wäre, also „er sagt, du Hure!“, würde es niemanden berühren. Aber ich will unsere Songs auch nicht immer erklären. Darum muss ich halt damit leben, dass mich manche Leute wegen solcher Texte für ein sexistisches Schwein halten. Die meisten werden mich schon richtig verstehen…

Dahinter steckt kein Spaß an der Provokation?

Nee. Höchstens an der Reibung . Zumal Dein Song völlig anders ist als unsere anderen Sachen, keine fetten Riffs, sondern mit echtem Orchester. Da reibt sich dann vor allem die schöne Musik an der krassen Sprache.

Habt ihr live einen Satz Streicher dabei, wenn ihr den Song aufführt?

Genau deshalb wissen wir noch gar nicht so genau, ob wir ihn live spielen. Im Studio war das toll, aber wie sollen die alle auf die Bühne passen?

Gut, die sind ja mittlerweile groß genug bei euch.

Stimmt, raufpassen würden sie. Aber was für ein Aufwand! Weiß nicht, ob wir auf den Bock haben, so als Kraftklub.

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