EWG & FCB

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

13. – 19. Januar

Der Second Screen ist ein seltsamer Bildschirm. Wer ihn parallel zum Fernseher öffnet, sieht irgendwie doppelt fern – und irgendwie nur halb. Es ist also mit Vorsicht zu genießen, was das MediaCom Science-Institut vorige Woche veröffentlicht hat: Beim jährlichen Social TV Buzz-Ranking wurde ermittelt, zu welchen Sendungen das Publikum nebenbei auf Twitter oder Facebook unterwegs war. Ergebnis: Vorn lag der allmächtige Tatort mit 444.053 Beiträgen, gut doppelt so viel wie die zweitplatzierte Tagesschau, gefolgt vom – hoppela – Night-Talker Domian auf Rang drei. Die gute alte Glotze mag also reichlich Interesse in den neuen Medien entfachen und das trotz sechs Pro7-Formaten unter den Top 20 vor allem öffentlich-rechtlich – am Ende erhöht der Second Screen nicht die Aufmerksamkeit am first one, sondern reduziert sie durch Doppelbeschuss.

Es bleibt also dabei: Der zweite Bildschirm bleibt ein notorischer Feind des ersten, versucht ihn peu à peu mit solch perfiden Methoden in die Bedeutungslosigkeit zu treiben, und was tut das Fernsehen? Es reagiert mit gewohnt rückständig, um zumindest Bestandsschutz zu erlangen, also mit den ewig gleichen Mitteln. Mit Günther Jauch zum Beispiel, der seinen Vertrag mit der ARD gerade bis 2015 verlängert hat. Mit Deutschland sucht den Superstar, dessen gut fünf Millionen Zuschauer zum Start der 11. Staffel an die Topquoten früherer Jahre anknüpfte. Mit dem Dschungelcamp, das es gerade beim jungen Publikum auf die gewohnten Spitzenwerte oberhalb eines Drittels der Gesamtzuschauer brachte.

Und nun sogar mit Einer wird gewinnen.

Hans-Joachim Kuhlenkampffs Straßenfeger aus den Fernsehrwirtschaftswunderjahren vorm dualen System ab März wiederzubeleben, ist ja nichts weniger als die Kapitulation des Innovativen vor der Nostalgie, wie zuvor schon die Exhumierung von Dalli Dalli. Und es hat etwas umso Fatalistischeres, dies auch noch mit den faltenfrei vergreisten Biedermeiermoderatoren Jörg Pilawa und Kai Pflaume zu tun. Armer Nachwuchs.

TV-neuDie Frischwoche

20. – 26. Januar

Für den bleibt vor wie hinter der Kamera abseits einiger Spartenkanäle wenig übrig. ZDFneo mag also unverdrossen Serien wie Spooks (montags, 23.35 Uhr) oder Mad Men (dienstags, 22.40) zeigen, die den Vollprogrammen schlicht zu vertrackt sind. ZDFkultur mag das Ganze mit guter Musik zur Nacht und Eins Plus mit wunderbaren Magazinen à la Beatzz (heute, 20.15 Uhr) garnieren – die Hauptkanäle widmen sich lieber Menschen fehlenden (RTL), billigen (Pro7) oder geriatrischen (ARZDF) Anspruchs.

Verkörpert durch den Bachelor, der mittwochs um zehn auf RTL wieder um emanzipationsbefreite Halbnacktmodels buhlt. Garantiert durch irgendwas mit Raab am Wochenende. Oder durch Filme der Art von Die letzte Instanz, wo Jan Josef Liefers heute (ZDF) bis tief in die DDR zurückermittelt, und die ARD-Mittwochskomödie Eine Hand wäscht die andere mit Ulrich Noethen als korrupten Kleinstadtbeamten. Beides gute Unterhaltung, beides wie gemalt für die Zielgruppe 60+. Und ob Liam Neeson plus Peter Maffay auf dem Karlsruher Wettsofa ein viel jüngeres Publikum anlocken, sei mal dahingestellt.

Das fällt gediegeneren Sendern naturgemäß schwer, aber sie versuchen es wenigstens mit gediegeneren Angeboten. Heute etwa Wolfgang Ettlichs und Andreas Duerrs 3sat-Doku Hat der Motor eine Seele? über ein aberwitziges Autorennen von 1908 oder zeitgleich der shakespearegute Frühwestern Red River, gefolgt vom vielleicht besten Horrorfilm ever, Carpenters The Fog, beides auf Arte. Dort also, wo morgen ein Themenabend zum Organhandel Gespür für Aktualität beweist und tags drauf einer namens Speed über den Faktor Zeit in unserer dauerbeschleunigten Gegenwart. Diese Gegenwart ist allerdings nicht nur zu schnell, sondern zu populistisch. Weshalb auch der Saarbrücker Tatort von etwas handelt, was der Krimi so unablässig wie realitätsfern zum Alltagsverbrechen hochjazzt: Kindesmissbrauch.

Diese Form der Publikumsanbiederung ist so öde, so blöde, dass der Tipp der Woche fast Weltniveau erreicht: Conan der Barbar, Arnold Schwarzeneggers Durchbruch vor fast 34 Jahren und der endgültige Beweis, dass zumindest in den USA offenbar doch jede/r von ganz tief unten bis ganz hoch nach oben kommen kann. War noch was? Ach ja: Freitag startet die Bundesligarückrunde, natürlich live mit den Bayern, das übliche Elitensubventionsprogramm eben. Im Fernsehen nichts Neues…

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Reisereportage: Thaipusam/Malaysia

Penang-Schmerz9Entspanntes Schmerzensfest

Dieser Tage ereignet sich im südasiatischen Raum wie jedes Jahr Erstaunliches: Millionen Hindus danken ihren Göttern am Thaipusam mit einem blutigen Ritual. Und nirgends lässt sich das wichtigste Fest der Weltreligion unverfälschter erleben als auf Penang, Malaysias Wellnessoase.

Von Jan Freitag

Normalerweise kennt Malaysia keine Jahreszeiten. 365 Tage im Jahr herrscht die gleiche drückende Hitze, nicht mal Regenzeiten verändern das Klima in Äquatornähe. An diesem Tag aber ist die Luft über der kleinen Insel Penang hoch oben im Norden noch ein wenig schwüler, ihre Hauptstadt scheint förmlich zu dampfen und das hat einen Grund. Besser Tausende: Räucherstäbchen. Inmitten einer endlosen Prozession entzündet Raja eine Handvoll davon und streckt sie hinauf zur Statue Subras auf dem geschmückten Festwagen. Der Sohn von Gott Shiva thront über allen, von bunt behängten Ochsen gezogen, die breite Jalan Utama hinunter zum Regierungssitz. Es ist Subras Ehrentag und Hindus wie Raja danken es ihm mit Früchten, Qualm und Kokosnüssen. Zwei Millionen, so heißt es, werden dieser Tage im ganzen Land zu Boden geschleudert, um sich symbolisch vom Schlechten des Jahres zu lösen. Auch Raja hat eine geknackt, wenngleich nicht für sich. „Ich habe für meinen kranken Vater gebeten, jetzt geht es ihm besser“, sagt der junge Hindu. Dann tanzt er barfuss über den kochenden Asphalt, die Hände stets am Kavadi. Das trutzige Gestell aus Holz, Stahl und Farben lastet schwer auf den Schultern, doch das ist gut so. Der Schmerz ist sein Opfer.

Und das größte steht Raja erst bevor. Morgen, beim Thaipusam, dem Geburtstag von Murugam, Gott der Wünsche und des Dankes. Jedes Frühjahr versammeln sich unzählige Hindus in den Straßen Südasiens, um das Wertvollste darzubringen, was sie geben können: ihr Leid. Dass es vor allem Einheimische sind, Pilger, deren Verwandte, die auf vor Malaysias Westküste feiern, ist für die wenigen Touristen vor Ort ein wahrer Segen. Nirgends erlebt man das wichtigste Fest des Hinduismus unverfälschter als hier. In den Metropolen ist es ein Event, zigtausendfach durchlitten und millionenfach bestaunt. Doch nur auf Penang ist das Sehenswürdige am qualvollen Ritual die Würde selbst, nicht ihre bloße Optik.

Wie gut, dass man sich als Außenstehender so überaus angenehm darauf einstimmen kann. Denn Penang ist nicht nur eine Hochburg des Thaipusam, sondern auch der Entspannung. Nirgends liegen Wohl und Wehe näher beieinander als hier und jetzt. Jede Herberge in der brodelnden Vielvölkerstadt Georgetown hat einen eigenen Spa-Bereich, auch niedrigklassige Häuser bieten Beautysalons und chinesische Heilmedizin an. Und die ganz großen wie das edle Rasa Sayang vor den Toren Georgetowns, in diesem Jahr trotz einer Speisekarte aus aller Herren Länder, verschwenderischem Wasserverbrauch und fast absurdem Überfluss zum nachhaltigsten Hotel Asiens gewählt, kommen wie ein einziger Wellnessbereich daher – gediegene Poolwelten, mobile Masseure und Gratisschampus inklusive.

Was für eine Entwicklung am „Ende der Welt“, wie Einheimische die Grenzregion zu Thailand lange nannten. Denn früher, erzählt Shamsul, „gab es hier im Sumpf Krokodile, an Land Kopfjäger, auf dem Meer Piraten und in der Luft Malaria“. Wie die meisten Reiseleiter der Gegend beherrscht auch Shamsul viele Sprachen und erklärt damit die Gegenwart seiner Heimat voller Stolz. Schließlich war die Vergangenheit keineswegs lebens-, geschweige denn sehenswert. Als der Fremdenverkehr Einzug hielt, in den Siebzigerjahren, regierte der Beton, ein Hochhausinferno des Billigtourismus für Malaysier. Erst vor einigen Jahren, erzählt Shamsul, während sich am Straßenrand die Affen tummeln, habe sich Penang zum First-Class-Ziel Malaysias gemausert. Ein kostspieliges zwar, aber für derart lückenlosen Fünfsterneservice und westliche Geldbeutel sogar erschwinglich. Und wie bereitet man sich wohl besser auf ein Schmerzensfest wie Thaipusam vor als faul und verwöhnt am indischen Ozean zu dösen. Was morgen kommt, wird selbst für Zuschauer hart genug. Es ist ein Feuerwerk für die Sinne.

Am Tag der Tage zieht ein Brodem aus Schweiß, Rauch, Gewürzen und warmer Milch durch Georgetown, doch Raja riecht nichts. Überall wird gefeiert, gesungen, gebetet, doch er hört nichts. Dass Merkwürdigste aber ist, dass er auch nichts zu spüren scheint. Rund 50 Kilo wiegt sein Kavadi, ein quietschbuntes Pfauennest mit Diskokugeln im Schnabel und Subra in Alu, zwei Meter hoch, gehalten von dürren Metallspießen – in Rajas Haut! Es schmerzt schon beim Anblick, doch Raja schweigt. „Ich habe keine Angst“, sagt er leise, bevor ihm eine bleistiftdicke Lanze durch die Wangen gestoßen wird, „der Schmerz gibt mir Kraft“. Ein Helfer will ihmWasser über die blutende Zunge gießen. Raja winkt ab: Keine Linderung auf diesem, seinem Weg.

Im Zug Tausender Pilger läuft er die 5000 Meter hoch zum Wasserfalltempel, dem Ziel der endlosen Prozession, um dort für seine Götter zu tanzen und ihnen Milch aus silbernen Krügen zu spenden. Doch zunächst mal muss er mal hinkommen, gebremst von einem Dutzend Haken in seinem Rücken mit Seilen, an denen sein Bruder wie wild zieht. „Vel Vel“, so schreit ihn die Menge in Trance. Vel ist Tamilisch für jene Lanze, die Murugan der Legende nach im Kampf gegen das Böse erhielt. Eine Ewigkeit später ragt sie nun aus Rajas Gesicht und erhöht seine Qualen. Vel Vel, immer wieder die aufmunternde Liturgie – anders ist die steile Treppe nicht zu ertragen, nicht für die zähesten Männer, nicht für die wenigen Frauen. In Kuala Lumpur mag das Fest prächtiger sein und damit der Andrang größer; auf Penang ist es am härtesten. So hart, dass die Selbstkasteiung im hinduistischen Kernland Indien längst verboten ist. Auch das lockt Hindus aus aller Welt nach Penang. Je stärker der Schmerz, desto größer der Dank.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Wunden der Teilnehmer bluten nur selten und kaum, dass sie von den Kavadis, Haken, Spießen befreit wurden, kehrt das Leben zurück in die geschundenen Körper. Raja ist fort, untergetaucht im Menschenmeer, einem elektrisierenden Volksfest. Er hat es geschafft, bis zum nächsten Thaipusam, seinem sechsten. Nun darf er entspannen, all die Schmerzen und 40 Tage Askese in den Gliedern. Nach vielen Stunden der Hitze ist das auch für Zaungäste nötig. Die Eindrücke eines Jahres an nur einem Tag im Kopf verarbeiten sich bei einer Strandmassage für den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten am besten. Manchmal muss man sich auch von den Strapazen anderer erholen.

Am nächsten Morgen zum Beispiel, beim gemeinsamen Thai Chi im Rasa Sayang mit Master Hue. Um diese Zeit misst die Luft noch beinah frische 24 Grad, weniger als das quallenreiche Meer in Wurfweite, und der chinesische Lehrer zeigt, was die fernöstliche Kampfkunst aus Menschen machen kann. Trotz seiner 72 Jahre stößt der kleine Chinese einen stämmigen Engländer mit zwei Fingern fort, immer wieder, so sehr sich der Schüler auch wehrt. Nur umgekehrt bewegt sich nichts. Es ist der Frühsport des New Age und Master Hue erzählt von Wilma aus Deutschland, die es jedes Jahr für Monate nach der Stoppuhr zelebriert: halb acht Schwimmen, danach Frühstück, um zehn Liege reservieren, zwei Stunden später Mittag, vor dem Kaffee eine Runde Golf auf dem Hoteleigenen Neun-Loch-Platz, Strand, Abendessen, Cocktails, Nachtruhe und alles wieder von vorn.

Mehr als die Hälfte der Gäste aus Europa, Amerika, Australien verlassen ihre Hotels nur selten, klagt Suleiman Abdul Rahman, der Manager des Rasa Sayang. Selbst in die zahllosen Food-Center der Stadt mit ihren vielen Restaurants aller Geschmacksrichtungen verliert sich kaum mal ein Tourist, um die vielfältigen Spezialitäten zu probieren oder einfach ein bisschen am Leben der Einheimischen teilzuhaben. All-inclusive kann auch ein Hindernis der Begegnung sein. Deshalb nimmt sich Mr. Suleiman fürs nächste Jahr vor, „unsere Feste viel besser zu vermarkten“. Thaipusam am 8. Februar ebenso wie das chinesische Neujahr zwei Wochen zuvor. Die mehrtägige Party der größten Minderheit stellt mit seinen Myriaden von Girlanden, Feuerwerken und Straßenumzügen sogar das Schmerzensfest der Hindus in den Schatten. Penang versteht es eben nicht nur zu leiden, sondern auch zu feiern.


Popfriday: Dorau, Jurado, SDP

Andreas Dorau

Die Frage, ob man nicht langsam mal erwachsen werden sollte, steht bekanntlich auch den lässigsten Großstadthipstern irgendwann bevor. Nehmen wir mal den rundesten aller Geburtstage vor der mystischen 100. Wenn das Leben meist geruhsame Bahnen einnimmt und alles darin sachlicher, geordneter, reifer zugeht, könnte man meinen, ein Sänger verkneift sich selbst im adolsezenzbefreiten Planschbecken Popmusik Liedzeilen wie Flifliflaflaflaschenpfand oder Oh Baby, ich bin Löwe zu Titeln namens Bienen am Fenster oder Faul und bequem. Könnte man. Andreas Dorau allerdings kann nicht.

Am Sonntag wird das nimmermüde NDW-Gewächs stolze 50 Jahre, also schon ziemlich alt für einen Popstar. Doch wie – abgesehen vom verlustgeprägten 2011er-Album Todesmelodien – all die anderen Platten zuvor, klingt auch Aus der Bibliotheque in etwa so erwachsen wie ein Trinkspiel auf dem Abiball oder wahlweise ein ganzer Tag Ki.Ka. Allein – was soll’s? Andreas Dorau ist wie er ist. Er schreibt zarte kleine Weisen zu absurden kleinen Wortkaskaden, denen man große Gedanken oder große Banalität entlocken kann, je nach Zugangsweise. Wer dem Flatterschlager zum Kindergesang aufgeschlossen gegenüber ist, wird folglich auch seinem neunten Album in 33 Jahren etwas abgewinnen können. Wer nicht, hört ohnehin bald Klassik. Oder hat es schon immer getan.

Andreas Dorau – Aus der Bibliotheque (bureau b)

Damien Jurado

Es gibt Musiker, von denen man irgendwie schon gehört zu haben glaubt; mit einem Gesicht, das aussieht wie das dieses bekannten Schauspielers; der klingt wie, ja, wie hieß er noch gleich …? Es gibt also Musiker, die sind wie Schlossgespenster: uralt und flüchtig, voller Historie, aber nicht recht existent. Sixto Rodriguez war so einer, der weltberühmte Sugar Man, den dennoch fast niemand kannte. Oder eben Damien Jurado, einer der umtriebigsten Songwriter unserer Zeit, hochproduktiv, sehr kreativ. Stolze zwölf Alben hat er seit 1997 gemacht und insgesamt wohl mehr Kollaborationen, Singles, Projekte, als sein offenbar reifes Leben Jahre hat. Trotzdem nie gehört? Kann schon passieren.

Damien Jurado mag auch nach einem Vierteljahrhundert auf den abseitigen Bühnen der Independentwelt noch immer als Geheimtipp gehandelt werden, tendenziell aber einfach den meisten völlig unbekannt sein – der Grundschullehrer aus Seattle, von dem sich in den einschlägigen Foren nicht mal das Alter findet, ist ein Tausendsassa der unterschwelligen Empathie. Ein rastloses Räderwerk des pathetischen Understatements. Das Beste mithin, was experimenteller Folkwave womöglich zurzeit zu bieten hat – eine Kategorie, die er in gewisser Weise ja allein bespielt. Dank seiner blutleeren Stimme klingt schließlich auch das neue Album mit dem verstörend esoterischen Titel Brothers and Sisters of the Eternal Son zuweilen, als würde Randy Newman mit den Editors Texte von T.C. Boyle intonieren, als träfe sich die Family of the Year mit Bird Control an Lou Reeds Grab zum Poetry Slam. Nichts an den zehn Stücken voll absurder Namen zwischen Silver Donna, Silver Malcolm und Silver Katherine ist sofort eingängig, aber alles brennt sich ins Unterbewusstsein wie ein dräuender Klosterchoral.

Damien Jurado vermag es, mit einer Mischung aus zu viel Brimborium und zu wenig Nachdruck eine Atmosphäre zu schaffen, die anspruchsvolle Hörer wie in Jericho Road erst ganz kurz abstößt in seiner Seifigkeit, im selben Moment allerdings anzieht wie eine Feuerwerksfabrikexplosion am Horizont. Da flattert das Falsett in Deep-Purple-Manier, da hämmert ständig eine Pauke durchs Szenario, da gibt es Glockenschläge und Geigen und viel, viel Gefühl über der Westerngitarre. Aber, oh Donner: Es wirkt, es ist anrührend, es hat Substanz und bleibt, statt sich rasch wieder zu verflüchtigen wie ein Spuk nach der Geisterstunde. Auf Brothers and Sisters of the Eternal Son gebiert Jurado seinen Folk mehr, als dass er ihn spielt. Und das erzielt eine Wirkung, die zugleich aufdringlich und subversiv ist. Berühmt wird man mit so was natürlich nie, auch in zwölf weiteren Alben nicht. Die Chance zum Kennenlernen sollte sich aber dennoch keiner entgehen lassen, der schon immer mal wissen wollte, was Crosby, Stills, Nash & Young wohl getan hätten, hätten sie sich vor 25 Jahren gegründet und wären heute in den besten Jahren. So ungefähr könnte es klingen.

Damien Jurado – Brother and Sisters of the Eternal Son (Secretly Canadian); Sound’n’Pics’n’Kommentare: http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/01/15/damien-jurado_17368

Stonedeafproduction

Das wird die Review einer Musik, die nicht mit Musik beginnt, von einer Band, die nicht mit der Band beginnt, zu einer Platte, die inhaltlich irrelevant ist. Also beginnt diese Review nicht mit Tönen, Menschen, Tonträgern, sondern mit Bildern. Das Cover der neuen Platte von SDP namens Bunte Rapublik Deutschpunk nämlich ist strikt im bombastischen Vielfarbstil sowjetischer Propagandakunst gehalten und feiert vor allem eines: sich selbst. Weil allerdings noch das aufgeblähtestes Artwork am Ende ja doch nur den Sound dahinter illustriert, müssen wir also doch noch kurz darauf zu sprechen kommen. Leider.

Auf der Spielwiese kommerziellen Pops ist auch das zehnte Album des Berliner Ballermannduos Stonedeafproduction schließlich die Quintessenz dessen, was diese Art strukturierter Sinnlosigkeit so immens erfolgreich macht. 17 Stücke lang klingt ihr selbstreferenzieller PopHop, als würden Die Ärzte Die Prinzen covern oder umgekehrt, als wäre Oliver Pocher neuer Bassist der Atzen, als würde sich PR als Spaß tarnen und damit auch noch durchkommen. “Wir sind keine Band, wir wollen die Macht übernehmen”, singt der Berliner Aggroumfeldproduzent Vincent Stein alias Beatzarre samt seines Kumpels Dag-Alexis Kopplin und es klingt meist wie jener Dreck, den sie allen anderen in Lied für die Fans von den anderen Bands, vorwerfen: Nach Schlager für Volltrunkene. Wer das kauft, ist so blöd wie die Texte. Wer das verkauft, so klug wie sein Marketing. Und es funktioniert, die Masse tanzt. Pop eben.

SDP – Bunte Rapublik Deutschpunk (Berliner Plattenbau)


Dennis Moschitto: Tatort-Fiesling & -Sweetie

Wut und Wahnsinn

Als der Bremer Tatort mit Hochzeitsnacht 15. Geburtstag feierte, blieb er wie so oft blass. Wenn er heute im WDR wiederholt wird, kann daran auch der großartige Denis Moschitto als Episodenschurke mit Herz wenig ändern. Ein Porträt mit Interview.

Von Jan Freitag

Können diese Augen hassen? Kaum zu glauben, wenn Denis Moschitto so freundlich vor einem sitzt. Wenn dieser kleine Kerl mit den weichen Zügen ins Hotelpolster sinkt und nervös am Ärmel nestelt. Wenn der Schauspieler sein süßestes Jungslächeln zeigt und arglose Jungssachen sagt wie jene vom „Hallodri mit Fehlern“, den er so oft verkörpern musste, bis, ja bis es endlich ernst wurde. Besser: bis es seine Augen wurden, werden durften. Denn dass die hassen können, beweist Dennis Moschitto Sonntag aufs Neue, diesmal im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht. Dort spielt er einen sehr wütenden Mann namens Wolf, der mit seinem noch wütenderen Komplizen (Sascha „Ferris“ Reimann) die Festgesellschaft zweier frisch Vermählter, Hauptkommissar Stedefreund inklusive, in Kollektiv kidnappt, um so herauszufinden, wer seine Exfreundin getötet hat, für deren Mord er unschuldig im Knast saß.

Eine krude Geschichte, ein absurder Stoff – unlogisch, konstruiert, einfach mies. Wäre da nicht Moschitto als Schaf im Wolfspelz, der von den Umständen ins Verbrechen getrieben wird, obwohl er doch eigentlich nur Liebe will. Dieser Mix aus echter Wut und falschem Weg ist seine Paraderolle, seit ihn Fatih Akin 2008 erstmals gegen den Strich besetzte. „Chiko“ hieß das ultrabrutale Kiezdrama, in dem der Mädchenschwarm Denis mit finsterem Blick zum Drogenboss mutierte.

Ein Segen, eine Befreiung, sagt dessen Darsteller heute. Er hat zwar lange Kung-Fu gemacht, was ihm in ruppigen Kölner Problemviertel so viel Selbstbewusstsein verschafft hat, dass der Sohn türkisch-italienischer Eltern nach abgebrochenem Philosophiestudium Schauspieler statt, sagen wir: Gangsterrapper wurde. Aber dass da etwas Hartes in ihm steckt, dass ihm der Bösewicht nun gleich reihenweise zugetraut wird – das zu können war mir lange Zeit nicht klar. Er hat sich trotz seiner Kampfkunst ja nicht mal auf der Straße geprügelt. „Zu klein“, sagt er. Kein Wettbewerbtyp. Auch deshalb bekam er in vielen seiner 35 Jahre die falschen Angebote fürs echte Talent. Sicher, der liebenswert verlotterte Ibo in Kebab Connection, der unfreiwillige Sexhotlinebetreiber Elviz in Süpersex waren charmante Rollen in lustigen Filmen. Aber sie schickten ihn in eine „gefährliche Schublade“, wie er es nennt: Den Sympathieträger fürs Leichte, tauglich für Gastauftritte in Klamauk wie Till Schweigers 1½ Ritter. Da habe Chiko Türen geöffnet. Durch die er nun regelmäßig geht.

Im Kinothriller Brand spielt er den finsteren Bullen mit ebensolcher Hingabe wie den Fußfetischisten einer österreichischen Komödie. Für ambitionierte Projekte lässt er sich trotz aller Abneigung „gegen Klischees und Langeweile“ sogar auf Rollen ein, die seine südländische Optik ausschlachten, als islamischer Terrorist etwa in einer internationalen Produktion neben Eric Bana und Rebecca Hall, als „Bremer Taliban“ Murnat Kurnuz in Tom Tykwers Episodenfilm Deutschland 09.

freitagsmedien: Welche Rolle spielt Ihr südländisches Aussehen?

Als visuelles Medium sortiert Film nun mal nach optischen Kriterien vor. Beunruhigender finde ich etwas anderes: Meine deutschen Rollen werden mir auch wegen meines Namens angeboten. Hieße ich, sagen wir: Murat, würde ich wie viele meiner Freunde meist Brüder in Ehrenmordstorys spielen. Dieses Vorurteil über die Anrede stört mich weit mehr als die Einordnung über mein Aussehen. Dass mir meist Italiener und Türken angeboten werden, liegt doch in der Natur der Sache.

Dabei sind Sie weder das eine noch das andere so richtig.

Ich habe – aus purer Faulheit – die italienische Staatsbürgerschaft. Aber wer wie ich mit drei Nationalitäten aufwächst, hat das Problem, nirgends richtig zugehörig zu sein.

Empfinden Sie die Tatsache, im Tatort einen Wolf Koschwitz zu spielen, als Indiz für die Befreiung des Films von seiner Klischeeverliebtheit?

Eher als kleine Bewegung. Gegen wahre Kreativität wirken da viele Kräfte, die auch zur Frage führen, ob ein Türke als Deutscher funktioniert. Von Befreiung kann man erst reden, wenn Herkunft generell nur nebenbei mitliefe. Türkische Ärzte, Anwälte, Unternehmer sind jedenfalls im Film weit seltener als in der Realität. Und dann reden sie fast immer mit Akzent.

Anders als Sie.

Warum sollte ich auch! Ich bin hier geboren und groß geworden. Da ist es merkwürdig, wenn mir Leute auf die Schulter klopfen, wie super ich Deutsch spreche. Und wenn ich ein Drehbuch kriege, in dem mein erster Satz mit „Digger“ beginnt, hör ich auf zu lesen. Langeweile stößt mich genauso ab wie Klischees um ihrer Selbst Willen.

Dafür ist dann sein Polizist in der Ki.Ka-Serie Allein gegen die Zeit noch deutscher als der Kidnapper im Tatort. Warum sich der wählerische Charaktertyp für dieses dramaturgische Durcheinander hergab? Weil er Kammerspiele möge, sagt Moschitto, „Geschichten auf engstem Raum“. Vor allem aber: Experimente. Und dazu darf man Hochzeitsnacht ruhig zählen, mit ihrer klaustrophobischen Atmosphäre in einem verschlossenen Festsaal, Verbindung zur Außenwelt gekappt. Allein: es ist herzlich missglückt und somit kein schönes Geburtstagsständchen für Sabine Postel. Seit 15 Jahren ermittelt ihre Hauptkommissarin Inga Lürsen in Bremen. Mit nunmehr 26 Fällen zählt sie nicht nur zu den dienstältesten, sondern populärsten Ermittlern der ohnehin beliebten Krimiserie. Das ist insofern bemerkenswert, als Lürsen samt Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Feuilleton gern als bemerkenswert hölzern kritisiert wird. Ihre Fälle mögen mit bis zu 14 schon mal die meisten Toten aufweisen und dank achteinhalb Millionen Zuschauern stabile Quoten aufweisen; filmisch ist das Team der winzigen Sendeanstalt zuweilen doch arg beschränkt.

Daran ändert auch Denis Moschitto wenig, der mit dem Rapper Ferris MC zur Seite eifrig gegen das furchtbare Drehbuch ankämpft. Als Bösewicht, der weit mehr ist als böser Blick. Der all die Wut, den Wahnsinn, „der in jedem von uns steckt“, sehr versiert abruft und dabei stets sympathisch bleibt. Denis Moschitto ist eben gar nicht so, der will nur spielen.


Sven Gösmann: dpa-Chef & Reporter

Mein Weckruf wurde erhört

Sven Gösmann ist erschöpft. Tags zuvor hat die Rheinische Post ihren scheidenden Chefredakteur offiziell verabschiedet, entschuldigt er vorsorglich etwaige Folgeschäden. Es könnte also feuchtfröhlich zugegangen sein, vor Gösmanns Wechsel zur wichtigsten deutschen Nachrichtenagentur. Dass er keine Krawatte trägt und auch sonst eher lässig wirkt, hat mit der Party allerdings nichts zu tun. So ist der 47-Jährige Niedersachse, einer der profiliertesten Journalisten im Land vor seiner wichtigsten Aufgabe: Dem Posten als dpa-Chefredakteur.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Gösmann, in einer Gesprächsrunde zum Thema Agenturjournalismus vor gut vier Jahren haben Sie Ihrem Vorgänger bei der dpa gesagt, Herr Büchner, Sie müssen jetzt ganz stark sein – es geht auch ohne dpa.

Sven Gösmann: Ich erinnere mich.

Ist ihr neuer Arbeitgeber wirklich so entbehrlich?

Nein. Wolfgang Büchner, die Chefredaktion mit Michael Ludewig und Roland Freund sowie das Redaktionsteam, aber auch Michael Segbers als Geschäftsführer haben seither einen Superjob gemacht und die dpa mehr verändert, als es manch einer ahnt, der sie nur von außen betrachtet. Es gibt eine neue Kundenorientierung, neue Formate, große Teile der Redaktion wurden aus Hamburg und Frankfurt ins brodelnde Berlin umgesiedelt und in diesem Zuge vieles auf den Kopf gestellt, was bis dahin als Gesetz galt. Ich bin froh, dass mein Weckruf von damals erhört wurde und die Kritik insgesamt ernst genommen.

Mit der Konsequenz, dass auch Ihre Zeitung wieder bei dpa bestellt.

Genau. Dass die Rheinische Post 2012 zum Basisdienst zurückgekehrt ist, war allerdings Ergebnis eines zweigleisigen Prozesses. Man soll über Verblichene nichts Schlechtes sagen, aber wir hatten auch vorher schon erkannt, dass die Mitbewerber nicht das Niveau der dpa halten konnten. Als die Veränderungen dann spürbar wurden, habe ich eine Rundmail an alle RP-Redakteure geschrieben, um für die Rückkehr zur dpa zu werben.

Waren Sie da nur ausführendes Organ oder Initiator?

Ich habe es initiiert und durchgesetzt.

Was ihrem jetzigen Wechsel zugute gekommen sein dürfte. Oder wäre der Chefredakteur des größten Nicht-Kunden für die dpa tragbar gewesen?

Da fragen Sie mal besser den Aufsichtsrat. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil ich die Qualität der dpa vorbehaltlos anerkenne.

Das hat Ihr Vorgänger offenbar anders gesehen.

Ulrich Reitz ist 2004 ausgestiegen, wie dann später auch bei der WAZ. Diese Entscheidung habe ich geerbt, aber nie für gut befunden.

Und nun hinterlässt Ihnen Wolfgang Büchner ein intaktes Haus: Die Zahlen sind wieder schwarz, der infrastrukturelle Umbau ist vollzogen und selbst die abtrünnige WAZ wieder auf der Kundenliste. Gibt es da überhaupt noch Baustellen?

Baustellen trifft es nicht, ich bevorzuge den Begriff Chancen. Die größte ist die genossenschaftliche Struktur mit 187 tragenden Unternehmen, was die dpa zu einer neutralen Instanz in der deutschen Medienlandschaft ohne eigene Agenda, nur im Interesse der deutschen Publizistik insgesamt macht. Eine andere Chance ist die digitale Transformation. Von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern über den privaten Rundfunk und klassische Medienhäuser bis hin zu seriösen Online-Angeboten fragen sich gerade alle, mit welchen Tools, Ansprüchen, Formaten und Technologien sie die bewältigen. Da muss die dpa Standards in Fragen der Berichterstattung setzen.

Könnte sich aber auch als zu schwerfällig und langsam erweisen.

Natürlich sind deutsche Redaktionen aller Gattungen unter Druck, zu beschleunigen, ohne an Verlässlichkeit einzubüßen. Da muss die dpa auch in der Digitalisierung der kompetente, verlässliche Dienstleister von heute bleiben, in manchen Punkten allerdings noch ausführlicher, präziser und dennoch schneller werden. Nachdem die dpa zuletzt stark an ihrer Organisation und Kundenorientierung gearbeitet hat, beginnt jetzt also die Ära der Inhalte: Wie ergänzen wir das Themen-Portfolio? Wie spiegelt sich social media in klassischer Berichterstattung wieder? Wie schafft es dpa, digitale Erkenntnisse zu verifizieren und gleichzeitig ähnlich aktuell zu sein?

Die weiter vom Sitz in Hamburg aus angegangen werden oder bald gebündelt in Berlin?

Mit Prognosen, welche Organisationsform mein Arbeitgeber haben wird, halte ich mich tunlichst zurück. Aber die Redaktion sitzt in Berlin sehr richtig.

Wird es darin personelle Veränderungen geben?

Ich werde selbst dem journalist zu diesem frühen Zeitpunkt keine Regierungserklärung zur dpa abgeben. Als aufmerksamer Kunde sehe ich aber schon heute, welche Schrauben in diesem hervorragenden Team justiert werden könnten. Ich werde mit meinen künftigen Kollegen erst einmal tiefer ergründen, wie wir das angehen. Deshalb rede ich auch nicht über Personalien.

Auch nicht über Isabelle Arnold, die kurz nach Bekanntgabe Ihres Wechsels nach nur wenigen Wochen in der Chefredaktion wieder gekündigt hat?

Nur so viel: Sie ist eine hervorragende Journalistin, mit der ich gern zusammengearbeitet hätte. Die Überschneidung war reiner Zufall.

Als die wichtige WAZ 2009 den Basisdienst der dpa gekündigt hat, galt das als Signal an die Agenturen, ihr Angebot zu diversifizieren. Hat das Paket überhaupt eine Zukunft?

Ja. Die dpa ist und bleibt ja der Vollversorger fürs Nachrichtengeschehen, den praktisch alle deutschen Medien nutzen. Insofern ist der Basisdienst eine Benchmark jeder Redaktion, um zu wissen, ob sie das richtige Geschehen in der richtigen Form abbildet. Andererseits gibt es auch neue Angebote. Der Grafik-Dienst gewinnt an Bedeutung, Audio und Video werden wichtiger, auch die Kindernachrichten, um auch mal ein Nebenfeld anzusprechen. Es geht auf allen Feldern voran.

Auch finanziell? Nach dem Umzug nach Berlin hatte die dpa 2010 schwarze Zahlen geschrieben und danach nur geringe Überschüsse erwirtschaftet.

Wissen Sie – die dpa hat eine funktionierende Trennung: Der Chefredakteur ist in erster Linie für die Inhalte und die Redaktionsstruktur zuständig, der Geschäftsführer für die Zahlen. Aber Sie sehen mich lächeln…

Womöglich auch, weil sie ein Haus übernehmen, das kaum noch echte Konkurrenz hat.

Einspruch, Einspruch, Einspruch! Es gibt die vom französischen Staat üppig subventionierte AFP, es gibt gerade im Wirtschaftsfach Reuters, im Sportbereich sid, dazu eine Fülle von Anbietern für Spezialnachrichten wie Bloomberg. Wir sind weit entfernt von einer Monokultur.

Wird das Aus der DAPD Ihre Arbeit dennoch beeinflussen?

Ach, Marktführer haben vor allem sich selbst als Messlatte, deshalb müssen wir die notwendige Bewegung, um voran zu kommen, aus uns selbst holen, statt aus tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenzsituationen. Um Ideen zu finden, die Qualität zu erhöhen, unser Tempo zu steigern, blicke ich also lieber auf mich als andere.

Aber Konkurrenz belebt schon noch das Geschäft?

Natürlich. Zumal Nachrichtenagenturen nicht nur miteinander konkurrieren, sondern auch mit anderen Medien. Und natürlich mit dem Internet. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass die dpa auch bei Netzinhalten oft als Lieferantin auftritt.

Was das alte Preisgefüge auf den Prüfstand stellt.

Und da müssen wir uns wie die ganze Branche fragen: Was ist die Währung von morgen? Wenn die Auflage, die Hörer pro Stunde oder die Einschaltquote dafür nicht mehr taugen, muss Ersatz her. Da zerbrechen sich allerdings kluge Menschen ausreichend die Köpfe, dem will ich nicht vorgreifen.

Denken diese klugen Köpfe auch über Kooperationen mit Online-Medien nach?

Da muss man genau schauen, was zu einem Anbieter wie der dpa passt; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auch was das Nichtmediengeschäft betrifft?

Mein Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf Nachrichten. Daneben kann man vieles diskutieren.

Etwa News on demand, also Nachrichten zum kostenpflichtigen Einzelabruf?

Das spielt in unseren jetzigen Überlegungen keine Rolle.

Und in Ihren als Tageszeitungskunde – hätten sie da gern paid content im Einzelabruf?

Weil der Begriff der Exklusivität in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. so überstrapaziert ist, wäre das nicht meine Priorität. Was vor einer Sekunde noch exklusiv war, ist in der nächsten Sekunde schon als Retweet unterwegs und verwischt die Quelle. Nicht Exklusivität, sondern Relevanz steht für Güte. Vor allem abgesicherte Relevanz.

Was halten Sie als Chefredakteur klassischer Medien von Internetrecherche?

Als wichtiges Hilfsmittel ergänzt sie die klassische Recherche. Mir fehlt allerdings bei manchem Reporter zusehends der Mut, die Objekte der Kritik unmittelbar damit zu konfrontieren. Das Rezensionsfeuilleton hat sich für meinen Geschmack zu sehr in die politische Berichterstattung verbreitet, in derlieber Noten vergeben werden, statt richtig zu analysieren.

Klingt nach ziemlich nüchterner Berichterstattung.

Es ist vor allem eine professionelle, zu der auch Nüchternheit gehört. Wer mit Schaum vor dem Mund Nachrichten erstellt, ist fehl am Platze.

Was qualifiziert einen Zeitungsmann wie Sie überhaupt für die Leitung der größten deutschen Nachrichtenagentur?

Da müssten Sie wieder den dpa-Aufsichtsrat fragen. Ich bin überzeugt: Neben den journalistischen Grundtugenden ist der größte Schatz, den ich mitbringe, ein Newseater mit der nötigen Kundensicht zu sein. Ich weiß, was Medienhäuser – auch digitale – wann von wem und wie wünschen. Darüber hinaus habe ich bewiesen, auch große Teams sehr erfolgreich leiten zu können; auch die Rheinische Post hat einen Redaktionsapparat von 250 Menschen.

Auf dem Niveau ändert das Dreifache also nichts?

Doch, weil erstens jeder einzelne Mitarbeiter Beachtung verdient. Und zweitens die Redaktion der dpa mit weltweit 100 Standorten nochmals deutlich dezentraler ist als die RP mit immerhin 35. Irgendwo auf dem Globus brennt immer Licht im dpa-Büro. All diese Kolleginnen und Kollegen muss man mitnehmen, motivieren und über Veränderungen informieren.

Kennen Sie jeden Ihrer jetzigen Redakteure?

Ja.

Und grüßen Sie namentlich im Lift?

Das ginge, dafür bin ich aber zu flapsig. Für ältere Kollegen war es etwas schwer zu ertragen, dass ich in der Chefredaktion ein zwangloses „Hi“ oder „Moin“ eingeführt habe; aber „Guten Tag“ plus Name geht auch. Das ist aber keine Qualifikation, sondern selbstverständlich.

Eine andere Qualifikation könnte die Rheinische Post sein. Von ihren fünf Vorgängern waren immerhin zwei ebenfalls hier tätig.

[lacht] Na dann scheint die RP ja gut auszubilden.

Was nehmen Sie konkret aus acht Jahren Düsseldorf mit nach Berlin?

Unter allem, was sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen lässt, die Gewissheit: Ein Chefredakteur ist nichts ohne sein Team – und umgekehrt. Außerdem habe ich hier mehr als an jeder journalistischen Station gelernt, wie Regionalzeitungen ticken, welch immense Bedeutung sie für die Medienlandschaft haben. Das wird aus der Perspektive Hamburgs oder Berlins mitunter etwas unterschätzt.

Sie hat also doch eine Zukunft, die Regionalzeitung?

Auf jeden Fall. Allerdings muss sie begreifen, dass „regional“ zusehends „lokal“ ist, dass sich der Horizont der Leser durch Reisen und das Internet zwar erweitert, zugleich aber aufs direkte Umfeld konzentriert. Als ich eine Familie gegründet habe, hat sich sofort meine Sicht auf Düsseldorf verändert – vom Interesse an Kneipen  und Theater hin zu Spielplätzen und Schulen. Guter Lokaljournalismus bohrt genauso tief wie die große Recherche im Mantel.

Zuvor waren Sie wie ihr dpa-Vorgänger Büchner lange auf dem Boulevard tätig. Was gibt der Ihnen mit für die Arbeit bei der dpa?

Die Detailversessenheit. Wenn der Bundespräsident Angela Merkel im Schloss Bellevue die Ernennungsurkunde überreicht und im Hintergrund hängt Gotthard Graubners Gemälde Begegnungen, muss man das mitteilen. Das mag zwar im ersten Moment übertrieben klingen, bedeutet für den Endkunden einen zusätzlichen Informationsgehalt. Also: reingehen, anschauen, verständlich machen! Das gibt mir der Boulevard mit.

Auch eine Hinwendung zu bunten Themen, die der dpa, dem politischen Verlautbarungsorgan früher Jahre, noch immer leicht suspekt ist?

Das „politische Verlautbarungsorgan“ weise ich natürlich mit Abscheu und Empörung zurück. Die dpa darf nie Boulevard, also zu bunt werden; dennoch muss sie auch Unterhaltung liefern. Den 50. Geburtstag von Brad Pitt gilt es angemessen zu thematisieren, aber nicht jede Posse, die es aufs Titelblatt von Bild oder in die Prominews von ProSieben schafft, eignet sich für die dpa.

Interessieren Sie diese Possen denn persönlich?

Mich interessieren Stars und Sternchen grundsätzlich weniger, als was den Menschen ausmacht – ungeachtet, ob er Wirtschaftsboss oder Fußballspieler ist.

Herr Gösmann, erstarren Sie eigentlich mitunter angesichts der Größe und Bedeutung Ihrer neuen Aufgabe?

Nein, estarren nicht. Zumal ich ja nicht zu einer starren Institution komme, sondern einer in Bewegung. Davor habe ich den nötigen Respekt, am besten trifft es aber – gerade für den Nachrichtenjunkie – der christliche Begriff der Demut.

Wenn man mit 47 das journalistisch relevanteste Medium im Land lenkt – was kann danach überhaupt noch kommen?

[stöhnt] Ich möchte die dpa erfolgreich in eine digitalere Zukunft führen, aber jetzt lassen Sie mich doch erst mal anfangen, bevor wir übers Ende nachdenken…

Die Frage liegt insofern nah, als die dpa in 60 Jahren vier Chefredakteure hatte und nun in vier Jahren den zweiten…

Aber das hatte mit der dpa weniger zu tun als mit dem großartigen Journalisten Wolfgang Büchner, der an einer anderen wichtigen Stelle, die er bereits kannte, gebraucht wurde und dort eine Ära prägen könnte.

Und wenn man Sie ähnlich schnell zu einer ähnlichen Ära wegkauft?

Keine Sorge, ich bin niemand, den man irgendwo weg  kaufen kann.

Zum Schluss noch ein Blick in die Glaskugel: Wird es Nachrichtenagenturen, wie wir sie heute kennen, in zehn Jahren noch geben?

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.“ Stammt nicht von mir, sondern von Willy Brandt: Es wird Nachrichtenagenturen geben, die den heutigen in der Form ähneln, aber sie werden digitaler sein, möglicherweise Themenfelder beackern, die heute noch nicht auf dem Schirm sind, und mit noch mehr Kundendialog. Dafür sind wir bereit, darauf freue ich mich.


1 Outing & 2000 Dinner

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Januar

Die formierte Gesellschaft, Ludwig Erhards Ideal der zwangsharmonischen Wohlstandsgesellschaft – wenigstens in der Presselandschaft nimmt sie gut 50 Jahre nach seiner Kanzlerschaft langsam Gestalt an: Kaum ist der erste deutsche Profifußballer schwul, da zollen die linksliberale taz und die populärdebile Bild Thomas Hitzlsperger auch schon auf dem Titelblatt in seltener Einmütigkeit „Respekt“ dafür, es zu sein oder wenigstens, drüber zu reden. Muss Liebe schön sein. Ob all jene Medien, die seit voriger Woche – gedruckt, gesendet, gepostet – eine wahren Hype übers Outing-Debüt der Bundesliga entfacht haben, der kurzzeitig den Server der erstvermeldenden Zeit zum Zusammenbruch brachte, ob also sogar der latent homophobe Brachialboulevard auch homosexuelle Liebe so schön findet, wie es vorige Woche den Anschein erweckte, bleibt dann aber doch fraglich. Aber es passt nun mal gut in den Zeitgeist – so ein wenig Empathie für Randgruppen, Außenseiter, Unbeliebte.

Vielleicht hat der NDR ja deshalb Donnerstagmorgen allen Ernstes die Verabschiedung einer Gruppe live aus Hannover übertragen, die all dies auf sich vereinigt: von 150 Bundeswehrsoldaten zu ihren Auslandseinsätzen. Denn irgendwie scheint deren soziales Standing doch etwas unter dem vor 100 Jahren zu liegen, als der Erste Weltkrieg – das Premiumthema dieses Dokumentarjahres – seinen umjubelten Anfang nahm. Hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass Lutz Marmor und Thomas Schreiber den abrückenden Landsern Blumen in die Gewehrläufe steckt.

Aber so sehr haben es der Intendant und sein Unterhaltungschef ja nicht mit Präsenten. Sonst würden sie ihrem Tatortreiniger, diesem zart funkelnden Juwel im billigen Strasshaufen plumper Landfrauenunterhaltung langsam mal einen anständigen Sendeplatz verpassen. Vielleicht sogar im Ersten Programm, dem Marmor zurzeit vorsitzt. Denn vorige Woche knackte Schottys Zuschauerzahl trotz gezielter Unterfinanzierung, die selbst Hauptdarsteller und Regisseur als lieblos geißeln, die Millionenmarke – und lag damit sogar mehr als tags drauf die zweite Folge das Pro7-Elitencasting Millionärswahl. So was macht doch fast Hoffnung auf bessere Fernsehzeiten.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 19. Januar

Die allerdings schon diese Woche sachte Fahrt aufnehmen. Und das wie so oft mit akzeptablen Spielfilmen auf den üblichen Sendeplätzen. Montags im ZDF zum Beispiel. Heino Ferch beweist dort, dass seine ewig gleiche Melodramenmimik auch zu guten Krimis wie Spuren des Bösen, wo er zum dritten Mal den Polizeipsychologen Brock spielt, führen kann. Oder dem ARD-Mittwoch, der diesmal das Familiengewaltthema mit Silke Bodenbender und Mark Waschke im Drama Es ist alles in Ordnung auf beklemmend unaufgeregte Art variiert, was sich tags drauf im preisgekrönten Schweizer 3sat-Drama Summer Games (22.25 Uhr) seine Fortsetzung findet.

Da muss man sich als kritischer Zuschauer dann doch mal mit zwei Zahlen wieder auf den Boden der televisionären Tatsachen zurückholen. 2000 und 11. Erstere bezieht sich auf die Jubiläumsfolge von Das perfekte Dinner, mit dem Vox ab heute wieder und wieder und wieder den Vorabend füllt. Letztere auf RTL, das am Freitag folgendes noch nicht so dreckige knappe Dutzend in den Dschungel schickt: Mola Adebisi, Marco Angelini, Jochen Bendel, Corinna Drews, Winfried Glatzeder, Larissa Marolt, Melanie Müller, Gabby de Almeida Rinne, Tanja Schumann, Julian F. M. Stöckel und Michael Wendler, deren Prominenzgrad zwischen Moderator, Schauspieler, Schlagerstar nebst ganz vielen Frauen mit dem Beruf Optik wieder kein gediegenes Entertainment, aber großes Spektakel aufeinanderprallender Klischees versprechen.

Etwas Ähnliches, nur ohne das Spektakel, gibt’s morgen zur besten Sendezeit gleich doppelt. In Real Cool Runnings trainiert die sehr blonde Eisläuferin Anni Friesinger sehr dunkle Afrikaner zu sehr putzigen Wintersportlern, was Vox sicher völlig frei von rassistischen Stereotypen inszeniert. Auf Sat1 liefert Frauenherzen die weibliche Fortsetzung des ähnlich lautenden Quotenerfolgs mit Männern – bleibt darin allerdings trotz aller Vorurteile über schuhfixierte Großstädterinnen erstaunlich leicht und locker.

Das exakte Gegenteil von lockeren Klischees läuft dafür tags drauf bei Arte, das Arno Schmidt in Mein Herz gehört dem Kopf auf eine Art porträtiert, die vergessen macht, wie randständig der avantgardistische Nachkriegsdichter heutzutage ist. Leichtere Kost dagegen läuft Freitag zur Primetime auf dem Disney Channel, der seit Jahresbeginn auf dem Platz von Das Vierte sendet, Aristocats nämlich, einer der bezauberndsten Zeichentrickfilme aller Zeiten. Da kommt – nein, nicht der Konstanzer Tatort, sondern nur noch der Tipp der Woche ran: Nichts zu verzollen, eine Schmugglerkomödie von/mit Danny Boon, die Mittwoch, viertel vor elf im Ersten, abermals die Frage aufwirft, warum französische Komödien bloß so wunderbar sind.


Reportage/Kommentar: Auf der Gefahreninsel

klobürsteSpaß in der Gefahrenzone

Es wird viel diskutiert über Hamburgs Gefahrengebiet, über gestürmte Polizeiwachen, staatliche Repression und autonome Gewalt. Doch was macht es eigentlich mit den Menschen, die in der Sonderrechtszone leben? Erfahrungsbericht eines Bewohners und der zugehörige Kommentar im Deutschlandfunk, der dort heute morgen um 6.05 Uhr lief, aber als Audiofile abhörbar ist.

Von Jan Freitag

KOMMENTAR

Hamburg brennt. Lichterloh, sagt die Politik. Lebensgefährlich, schreibt der Boulevard. Ordnungswidrig, sekundiert die Polizei. Ein riesiges Areal zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn auch nur zu betreten, sei also ein Risiko. Weshalb Politik, Polizei und Presse nach vermeintlich linken Attacken auf Polizeistationen in großer Eintracht vorangetrieben haben, was Hamburg juristisch einzigartig macht in Deutschland: Ein Gefahrengebiet. Acht Hektar, auf denen Grundrechte außer Kraft sind und Kontrollen ohne Anlass, Leibesvisitationen, selbst Platzverweise möglich. Kurzum: eine Notstandszone nach Polizeiermessen. Unablässig, unbefristet. Ukrainische Verhältnisse in Hamburg-Mitte.

Seit Ende voriger Woche patrouilliert die Staatsmacht in doppelter Hundertschaftsstärke und dass nicht durch ein Bürgerkriegsgebiet, sondern normale Wohnviertel mit normalen Menschen im normalen Alltag. Kein Wunder, dass die mobilisierungsfähige Hamburger Linke da nicht stillhält. Und auch, dass die Bewohner missmutig bis genervt auf den Generalverdacht krimineller Energien ihrer selbst samt Freunde, Nachbarn, Gäste reagieren, überrascht wenig.

So vollzieht sich seit acht Tagen vor allem im Amüsierviertel St. Pauli, wo gut 50.000 Leute leben, Abend für Abend das gleiche Schauspiel: Zwischen Spielplätzen und Straßenstrich, Krämerläden, Kneipen, Clubs sammeln sich jene Menschen, vor denen die Menschheit angeblich geschützt werden soll, um gegen diesen Schutz aufzubegehren. Und sie tun das meist friedlich, fröhlich sogar, oft kreativ. Mit Klobürsten statt Knüppeln, mit gigantischen Kissenschlachten und Kindern auf den Schultern.

Sicher, sie tun das auch im Verbund mit Autonomen, Demotouristen und, ja, Chaoten, denen politisches Understatement eher wesensfremd ist. Ideologisierte Rebellen, die bei jeder größeren Zusammenkunft instinktiv ihre Parolen von Feuer, Flamme, Bullenstaat skandieren und nebenbei Silvesterrestbestände verfeuern. Aber das Gros der Protestierenden sorgt diesmal für eine Atmosphäre, die bereits zur Verkleinerung des Gefahrengebiets geführt hat. Doch auch drei kleinere Gefahreninseln lassen mit jeder Minute ihrer Existenz eine Erkenntnis reifen, die das Wesen, das Selbstverständnis dieses Staates und seiner Institutionen betrifft.

Der martialische Daueraufmarsch seiner Ordnungskräfte, gepanzert wie beim Castortransport, nicht selten unzugänglich wie eine Horde Hooligans vorm Hassspiel, zeigt sich nämlich nicht als exekutive Reaktion auf sicherheitsrelevante Umstände. Nein: Die Polizei bastelt sich diese Umstände selbst, wirkt somit quasi legislativ, macht Politik, anstatt ihr zur Durchsetzung zu verhelfen. Sie schafft durch eine Art institutionalisierter Dauerdemonstration in der willkürlich gefassten Gefahrenzone exakt jene Sicherheitsgefährdung, die sie doch eigentlich einzudämmen vorgibt.

Das ist ganz im Sinne des konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt. Für den war nur jene Regierung wirklich souverän, die den Ausnahmezustand beherrscht. In Hamburg geht die Polizei, aufgestachelt von journalistisch halbseidenen Sensationsblättern, angetrieben vom zusehends autoritär agierenden SPD-Senat, sogar noch einen Schritt weiter und erklärt den hausgemachten Ausnahmezustand zur Grundlage seiner selbst. Subtiler hätte auch Thomas Hobbes’ Leviathan kaum seine Macht gesichert.

Um nicht missverstanden zu werden: Gezielte Angriffe auf den Staat sind nicht nur juristisch inakzeptabel; als Rechtstaat darf, ja muss er sie sogar etwas weniger dulden als die auf seine Bürgerinnen und Bürger. Schon weil es die Grundfesten des Systems betrifft, seinen Wesenskern. Dass auch der Rechtstaat mit Härte reagiert, wenn Polizeistationen attackiert und Beamte dabei aufs Schwerste verletzt werden, ist da konsequent. Nur: wer die Verhältnismäßigkeiten nicht verletzt, sondern ad absurdum führt, wer zivile Gewalt mit uniformierter Willkür bis hin zu bewusst lancierten Falschmeldungen über den Ablauf linker Attacken beantwortet, der nutzt den Ausnahmezustand nicht zur Ordnung, sondern manipuliert sie zum eigenen Machterhalt.

Hamburg brennt nämlich gar nicht. Was gelegentlich heißer brennt, als der Staat hinnehmen muss, ist der Protest gegen eine Politik der sozialen Kälte, der Vertreibung, der Ellbogengesellschaft – ausgefochten mit dem Schlagwerkzeug aus Geld, Kontakten, Besitz, dem Recht der Wohlhabenden, Einflussreichen. Dass auch ein sozialdemokratischer Senat dieses Feuer mit allen legalen Mitteln zu löschen hat, ist Teil des demokratischen Prozesses. Es selber zu legen, eher nicht.

http://www.deutschlandfunk.de/gefahrenzone-ukrainische-verhaeltnisse-in-hamburg.720.de.html?dram:article_id=274341

TEXT

Das erste Opfer des Krieges, heißt es, ist die Wahrheit. Und Hamburg hat Krieg, Bürgerkrieg. Sagen die einen, sagen die anderen, und meinen damit sehr verschiedene Dinge. Womit wir beim Thema wären. Denn seit kurz vor Weihnachten der ortsübliche Kampf um die Rote Flora zur blutigen Schlacht eskalierte, seit gar Polizeiwachen angegriffen wurden und der Adventseinkauf behindert, sind acht Hektar des vermeintlich offenen Tors zur Welt eine Festung. Genauer: ein Gefahrengebiet. So heißt die hanseatische Spezialform des lokalen Ausnahmezustands auf Zeit, in dem dank polizeilicher Sonderbefugnisse Recht und Ordnung herrschen soll. Beteuert die Politik. Oder in der beides dank polizeilicher Willkür außer Kraft ist. Entgegnen deren Gegner.

Dann wollen wir doch mal sehen.

Da drüben stehen sie an diesem milden Montagabend fernab von Reeperbahn, Schanzenviertel, den Brennpunkten temporärer Gewalt: Acht Bereitschaftspolizisten inmitten des Wohnviertels. Und sie warten auf, ja was eigentlich? Besoffene? Randalierer? Terroristen? „Wir warten auf gar nix“, sagt ein Zugleiter mit der Jeanschiffre 501 am Helm und grinst argloser, als sein Ganzkörperpanzer suggeriert; Sicherheit für das Schill-Erbe Gefahrenzone heißt offenbar zunächst: Sicherheit für die Sicherheitskräfte.

Aber es hat ja auch geknallt, fünf Minuten zuvor. Ein Böller, dann noch einer. Nichts Neues nach Neujahr, aber St. Pauli ist halt Danger Zone, wie ein Transparent vom Balkon gegenüber verkündet und um Blauhelme fleht; da werden Silvesterreste schon mal kriminalisiert wie die Menschen in toto. Denn das Amüsierviertel, Außenstehende wie die regierende SPD vergessen das zuweilen, ist bewohnt. Dicht sogar. Von 50.000 Menschen. Fleißige wie faule, nette und nicht so nette, geburtsdeutsche und gefühlsdeutsche, reiche, arme – alles dabei. Und nun leben sie, wie der Autor, im Risikoraum. Der ist selbst in Hamburg nicht ungewöhnlich, wo das juristisch bedenkliche Notstandsgebiet seit 2005 mehr als 40 Mal eingerichtet wurde – wenngleich meist nur für Stunden und das auf engem Raum. Dieses hier indes reicht von der Elbe übers Schanzenviertel bis zum Bahnhof Altona und zwar unbefristet. Es umfasst Supermärkte und Diskotheken, Spielplätze und Puffs, umschließt den Alltag und das Leben. Durchdringt es. Und nicht nur viele der 82.000 Bewohner sind, sagen wir mal: irritiert davon, beim samstäglichen Brötchenholen mit Kleinkind auf dem Arm drei Polizeitransporter im Schritttempo zu sehen, Seitenscheibe runter, scharfer Blick, weiter geht die Spähfahrt. Wir sind irritiert, beim Sonntagsbummel durchs Quartier von 400 Kontrollen allein am ersten Wochenende zu hören. Wir sind des Weiteren irritiert, abends auf dem Weg zur Stammbar ein Spalier bewaffneter Stormtroopers durchschreiten zu müssen, deren breites Kreuz nur unbereitwillig schwenkt, um Passanten passieren zu lassen.

Kurzum: Viele der Generalverdächtigen sind bis zum Hass auf jede Uniform irritiert von der Erklärung des heimischen Mikrokosmos zum Hot Spot des Verbrechens. Weil das letzte Opfer des Krieges aber bekanntlich der Humor ist, suchen sie ihr Heil oft in einer Art heiterer Renitenz. Zum Beispiel weißes Pulver (ideal: Natron) in klarsichtiger Tüte direkt vor den Gefahrenzonenwächtern gegen Geldbündel tauschen (soll angeblich zu beachtlicher Humorlosigkeit vieler Freunde/Helfer geführt haben). Beliebt auch: Wasserflasche mit Taschentuch im Hals. Klobürstenstab (weiß) aus Kapuzenpulli (schwarz) blicken lassen. Mit erhobenen Händen rote Ampeln ignorieren. Gemeinsam durchs Kriegsgebiet flanieren.

Schade, dass derart filigraner Widerstand die Rechnung ohne den ideologischen Wirt mit begrenzter Fähigkeit zum Understatement macht. Just als eine bunte Schar Kiezbewohner zwischen Bioladen, Apotheke und Spielplatz testen will, wie die Polizei auf friedliche Gruppenbewegung reagiert, kommt schon ein Trupp Autonome und brüllt irgendwas mit „Feuer“, „Flamme“, „Repression“. Noch zwei Böller dazu – fertig ist der Polizeikessel in Echtzeit.

„Bei 150 Leuten ist das kein Spaziergang, sondern Aufzug“, übersetzt der freundliche Jeansnummernbeamte das Lautsprecherknarzen vom Einsatzfahrzeug nebenan. Da bedürfe es eines Demonstrationsleiters, „sonst ist hier Schluss.“ Wegen der Ordnung. Und vielleicht, um für etwaige Schäden zu haften. Das nämlich hatte seine Gewerkschaft nach den jüngsten Vorfällen gefordert und gleich noch draufgelegt: Höre die Zivilgewalt gegen die Staatsgewalt nicht auf, sei Schusswaffengebrauch möglich. Anlass für die verbale Aufrüstung waren Angriffe auf Polizeistationen, die für eine Welle der Solidarität gesorgt hatte – selbst in der künftigen Gefahrenzone. Der allerdings hat nun ausgerechnet die Polizei ein Stück ihrer Rechtfertigung entzogen. Sprecher Mirko Streiber nämlich verlegte den Kieferbruch eines Beamten beim angeblichen Sturm Vermummter auf die Davidwache nachträglich 200 Meter nördlich ins Wohngebiet. Bisschen verschätzt, kann ja mal passieren, und die Überwachungskamera – leider, sorry, der Datenschutz – habe auch nicht aufgezeichnet. Es ist aber auch vertrackt mit dem Rechtstaat in einem Viertel voller Staatsfeinde, die der Boulevard von Bild bis Morgenpost Tag für Tag zum wilden Mob paramilitärischer Chaoten hochjazzt.

Die allerdings sitzen nach zwei Tagen voller Kontrollen, Platzverweisen, Gewahrsam-, gar Festnahmen nicht in konspirativen Kellern und planen den Umsturz, sondern an den Tresen und trinken sich ihr Stigma lustig. In einer Nachbarschaftskneipe namens Otzentreff etwa analysieren Gäste zu Molotow-Cocktail-Shots für 1,50 und Polizisten aus den Boxen, was vor der Tür abgeht, bis die Danger Zone wieder Wohngebiet sein darf. Bis das dauernde Blaulicht vor den Butzenscheiben erlischt. Erst morgens machen die Kriegsparteien mal Pause. Selbst als auf der Reeperbahn die umkämpften Esso-Häuser geräumt werden, ist kein Polizei zu sehen. Bis zur Dämmerung. Die Fenster der Drogerie sind noch vom letzten Kampftag kaputt, die des SPD-Büros gar verrammelt, da spielen die Hüter ihrer Wahrheiten abermals Katz und Maus. Am alternativen Kunstprojekt Park Fiction sammeln sich die Anwohner zum Spaziergang mit Elbblick und sind, wie so oft, irritiert, wenn martialische Einsatzpolizisten höflich mit „Moin“ grüßen, wer immer sie passiert. Um „20 Uhr 23“, der Lautsprecher ist da korrekt, ist sogar eine Demoleiterin gefunden und es geht los, Richtung Kiez. Kurz darauf kracht ein Böller. Bürgerkrieg im Gefahrengebiet, das jetzt Gefahreninseln heißt, Schlachtfeld St. Pauli. Das zweite Opfer dieses Krieges ist die Nachtruhe.

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