Dennis Moschitto: Tatort-Fiesling & -Sweetie

Wut und Wahnsinn

Als der Bremer Tatort mit Hochzeitsnacht 15. Geburtstag feierte, blieb er wie so oft blass. Wenn er heute im WDR wiederholt wird, kann daran auch der großartige Denis Moschitto als Episodenschurke mit Herz wenig ändern. Ein Porträt mit Interview.

Von Jan Freitag

Können diese Augen hassen? Kaum zu glauben, wenn Denis Moschitto so freundlich vor einem sitzt. Wenn dieser kleine Kerl mit den weichen Zügen ins Hotelpolster sinkt und nervös am Ärmel nestelt. Wenn der Schauspieler sein süßestes Jungslächeln zeigt und arglose Jungssachen sagt wie jene vom „Hallodri mit Fehlern“, den er so oft verkörpern musste, bis, ja bis es endlich ernst wurde. Besser: bis es seine Augen wurden, werden durften. Denn dass die hassen können, beweist Dennis Moschitto Sonntag aufs Neue, diesmal im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht. Dort spielt er einen sehr wütenden Mann namens Wolf, der mit seinem noch wütenderen Komplizen (Sascha „Ferris“ Reimann) die Festgesellschaft zweier frisch Vermählter, Hauptkommissar Stedefreund inklusive, in Kollektiv kidnappt, um so herauszufinden, wer seine Exfreundin getötet hat, für deren Mord er unschuldig im Knast saß.

Eine krude Geschichte, ein absurder Stoff – unlogisch, konstruiert, einfach mies. Wäre da nicht Moschitto als Schaf im Wolfspelz, der von den Umständen ins Verbrechen getrieben wird, obwohl er doch eigentlich nur Liebe will. Dieser Mix aus echter Wut und falschem Weg ist seine Paraderolle, seit ihn Fatih Akin 2008 erstmals gegen den Strich besetzte. „Chiko“ hieß das ultrabrutale Kiezdrama, in dem der Mädchenschwarm Denis mit finsterem Blick zum Drogenboss mutierte.

Ein Segen, eine Befreiung, sagt dessen Darsteller heute. Er hat zwar lange Kung-Fu gemacht, was ihm in ruppigen Kölner Problemviertel so viel Selbstbewusstsein verschafft hat, dass der Sohn türkisch-italienischer Eltern nach abgebrochenem Philosophiestudium Schauspieler statt, sagen wir: Gangsterrapper wurde. Aber dass da etwas Hartes in ihm steckt, dass ihm der Bösewicht nun gleich reihenweise zugetraut wird – das zu können war mir lange Zeit nicht klar. Er hat sich trotz seiner Kampfkunst ja nicht mal auf der Straße geprügelt. „Zu klein“, sagt er. Kein Wettbewerbtyp. Auch deshalb bekam er in vielen seiner 35 Jahre die falschen Angebote fürs echte Talent. Sicher, der liebenswert verlotterte Ibo in Kebab Connection, der unfreiwillige Sexhotlinebetreiber Elviz in Süpersex waren charmante Rollen in lustigen Filmen. Aber sie schickten ihn in eine „gefährliche Schublade“, wie er es nennt: Den Sympathieträger fürs Leichte, tauglich für Gastauftritte in Klamauk wie Till Schweigers 1½ Ritter. Da habe Chiko Türen geöffnet. Durch die er nun regelmäßig geht.

Im Kinothriller Brand spielt er den finsteren Bullen mit ebensolcher Hingabe wie den Fußfetischisten einer österreichischen Komödie. Für ambitionierte Projekte lässt er sich trotz aller Abneigung „gegen Klischees und Langeweile“ sogar auf Rollen ein, die seine südländische Optik ausschlachten, als islamischer Terrorist etwa in einer internationalen Produktion neben Eric Bana und Rebecca Hall, als „Bremer Taliban“ Murnat Kurnuz in Tom Tykwers Episodenfilm Deutschland 09.

freitagsmedien: Welche Rolle spielt Ihr südländisches Aussehen?

Als visuelles Medium sortiert Film nun mal nach optischen Kriterien vor. Beunruhigender finde ich etwas anderes: Meine deutschen Rollen werden mir auch wegen meines Namens angeboten. Hieße ich, sagen wir: Murat, würde ich wie viele meiner Freunde meist Brüder in Ehrenmordstorys spielen. Dieses Vorurteil über die Anrede stört mich weit mehr als die Einordnung über mein Aussehen. Dass mir meist Italiener und Türken angeboten werden, liegt doch in der Natur der Sache.

Dabei sind Sie weder das eine noch das andere so richtig.

Ich habe – aus purer Faulheit – die italienische Staatsbürgerschaft. Aber wer wie ich mit drei Nationalitäten aufwächst, hat das Problem, nirgends richtig zugehörig zu sein.

Empfinden Sie die Tatsache, im Tatort einen Wolf Koschwitz zu spielen, als Indiz für die Befreiung des Films von seiner Klischeeverliebtheit?

Eher als kleine Bewegung. Gegen wahre Kreativität wirken da viele Kräfte, die auch zur Frage führen, ob ein Türke als Deutscher funktioniert. Von Befreiung kann man erst reden, wenn Herkunft generell nur nebenbei mitliefe. Türkische Ärzte, Anwälte, Unternehmer sind jedenfalls im Film weit seltener als in der Realität. Und dann reden sie fast immer mit Akzent.

Anders als Sie.

Warum sollte ich auch! Ich bin hier geboren und groß geworden. Da ist es merkwürdig, wenn mir Leute auf die Schulter klopfen, wie super ich Deutsch spreche. Und wenn ich ein Drehbuch kriege, in dem mein erster Satz mit „Digger“ beginnt, hör ich auf zu lesen. Langeweile stößt mich genauso ab wie Klischees um ihrer Selbst Willen.

Dafür ist dann sein Polizist in der Ki.Ka-Serie Allein gegen die Zeit noch deutscher als der Kidnapper im Tatort. Warum sich der wählerische Charaktertyp für dieses dramaturgische Durcheinander hergab? Weil er Kammerspiele möge, sagt Moschitto, „Geschichten auf engstem Raum“. Vor allem aber: Experimente. Und dazu darf man Hochzeitsnacht ruhig zählen, mit ihrer klaustrophobischen Atmosphäre in einem verschlossenen Festsaal, Verbindung zur Außenwelt gekappt. Allein: es ist herzlich missglückt und somit kein schönes Geburtstagsständchen für Sabine Postel. Seit 15 Jahren ermittelt ihre Hauptkommissarin Inga Lürsen in Bremen. Mit nunmehr 26 Fällen zählt sie nicht nur zu den dienstältesten, sondern populärsten Ermittlern der ohnehin beliebten Krimiserie. Das ist insofern bemerkenswert, als Lürsen samt Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Feuilleton gern als bemerkenswert hölzern kritisiert wird. Ihre Fälle mögen mit bis zu 14 schon mal die meisten Toten aufweisen und dank achteinhalb Millionen Zuschauern stabile Quoten aufweisen; filmisch ist das Team der winzigen Sendeanstalt zuweilen doch arg beschränkt.

Daran ändert auch Denis Moschitto wenig, der mit dem Rapper Ferris MC zur Seite eifrig gegen das furchtbare Drehbuch ankämpft. Als Bösewicht, der weit mehr ist als böser Blick. Der all die Wut, den Wahnsinn, „der in jedem von uns steckt“, sehr versiert abruft und dabei stets sympathisch bleibt. Denis Moschitto ist eben gar nicht so, der will nur spielen.


Sven Gösmann: dpa-Chef & Reporter

Mein Weckruf wurde erhört

Sven Gösmann ist erschöpft. Tags zuvor hat die Rheinische Post ihren scheidenden Chefredakteur offiziell verabschiedet, entschuldigt er vorsorglich etwaige Folgeschäden. Es könnte also feuchtfröhlich zugegangen sein, vor Gösmanns Wechsel zur wichtigsten deutschen Nachrichtenagentur. Dass er keine Krawatte trägt und auch sonst eher lässig wirkt, hat mit der Party allerdings nichts zu tun. So ist der 47-Jährige Niedersachse, einer der profiliertesten Journalisten im Land vor seiner wichtigsten Aufgabe: Dem Posten als dpa-Chefredakteur.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Gösmann, in einer Gesprächsrunde zum Thema Agenturjournalismus vor gut vier Jahren haben Sie Ihrem Vorgänger bei der dpa gesagt, Herr Büchner, Sie müssen jetzt ganz stark sein – es geht auch ohne dpa.

Sven Gösmann: Ich erinnere mich.

Ist ihr neuer Arbeitgeber wirklich so entbehrlich?

Nein. Wolfgang Büchner, die Chefredaktion mit Michael Ludewig und Roland Freund sowie das Redaktionsteam, aber auch Michael Segbers als Geschäftsführer haben seither einen Superjob gemacht und die dpa mehr verändert, als es manch einer ahnt, der sie nur von außen betrachtet. Es gibt eine neue Kundenorientierung, neue Formate, große Teile der Redaktion wurden aus Hamburg und Frankfurt ins brodelnde Berlin umgesiedelt und in diesem Zuge vieles auf den Kopf gestellt, was bis dahin als Gesetz galt. Ich bin froh, dass mein Weckruf von damals erhört wurde und die Kritik insgesamt ernst genommen.

Mit der Konsequenz, dass auch Ihre Zeitung wieder bei dpa bestellt.

Genau. Dass die Rheinische Post 2012 zum Basisdienst zurückgekehrt ist, war allerdings Ergebnis eines zweigleisigen Prozesses. Man soll über Verblichene nichts Schlechtes sagen, aber wir hatten auch vorher schon erkannt, dass die Mitbewerber nicht das Niveau der dpa halten konnten. Als die Veränderungen dann spürbar wurden, habe ich eine Rundmail an alle RP-Redakteure geschrieben, um für die Rückkehr zur dpa zu werben.

Waren Sie da nur ausführendes Organ oder Initiator?

Ich habe es initiiert und durchgesetzt.

Was ihrem jetzigen Wechsel zugute gekommen sein dürfte. Oder wäre der Chefredakteur des größten Nicht-Kunden für die dpa tragbar gewesen?

Da fragen Sie mal besser den Aufsichtsrat. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil ich die Qualität der dpa vorbehaltlos anerkenne.

Das hat Ihr Vorgänger offenbar anders gesehen.

Ulrich Reitz ist 2004 ausgestiegen, wie dann später auch bei der WAZ. Diese Entscheidung habe ich geerbt, aber nie für gut befunden.

Und nun hinterlässt Ihnen Wolfgang Büchner ein intaktes Haus: Die Zahlen sind wieder schwarz, der infrastrukturelle Umbau ist vollzogen und selbst die abtrünnige WAZ wieder auf der Kundenliste. Gibt es da überhaupt noch Baustellen?

Baustellen trifft es nicht, ich bevorzuge den Begriff Chancen. Die größte ist die genossenschaftliche Struktur mit 187 tragenden Unternehmen, was die dpa zu einer neutralen Instanz in der deutschen Medienlandschaft ohne eigene Agenda, nur im Interesse der deutschen Publizistik insgesamt macht. Eine andere Chance ist die digitale Transformation. Von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern über den privaten Rundfunk und klassische Medienhäuser bis hin zu seriösen Online-Angeboten fragen sich gerade alle, mit welchen Tools, Ansprüchen, Formaten und Technologien sie die bewältigen. Da muss die dpa Standards in Fragen der Berichterstattung setzen.

Könnte sich aber auch als zu schwerfällig und langsam erweisen.

Natürlich sind deutsche Redaktionen aller Gattungen unter Druck, zu beschleunigen, ohne an Verlässlichkeit einzubüßen. Da muss die dpa auch in der Digitalisierung der kompetente, verlässliche Dienstleister von heute bleiben, in manchen Punkten allerdings noch ausführlicher, präziser und dennoch schneller werden. Nachdem die dpa zuletzt stark an ihrer Organisation und Kundenorientierung gearbeitet hat, beginnt jetzt also die Ära der Inhalte: Wie ergänzen wir das Themen-Portfolio? Wie spiegelt sich social media in klassischer Berichterstattung wieder? Wie schafft es dpa, digitale Erkenntnisse zu verifizieren und gleichzeitig ähnlich aktuell zu sein?

Die weiter vom Sitz in Hamburg aus angegangen werden oder bald gebündelt in Berlin?

Mit Prognosen, welche Organisationsform mein Arbeitgeber haben wird, halte ich mich tunlichst zurück. Aber die Redaktion sitzt in Berlin sehr richtig.

Wird es darin personelle Veränderungen geben?

Ich werde selbst dem journalist zu diesem frühen Zeitpunkt keine Regierungserklärung zur dpa abgeben. Als aufmerksamer Kunde sehe ich aber schon heute, welche Schrauben in diesem hervorragenden Team justiert werden könnten. Ich werde mit meinen künftigen Kollegen erst einmal tiefer ergründen, wie wir das angehen. Deshalb rede ich auch nicht über Personalien.

Auch nicht über Isabelle Arnold, die kurz nach Bekanntgabe Ihres Wechsels nach nur wenigen Wochen in der Chefredaktion wieder gekündigt hat?

Nur so viel: Sie ist eine hervorragende Journalistin, mit der ich gern zusammengearbeitet hätte. Die Überschneidung war reiner Zufall.

Als die wichtige WAZ 2009 den Basisdienst der dpa gekündigt hat, galt das als Signal an die Agenturen, ihr Angebot zu diversifizieren. Hat das Paket überhaupt eine Zukunft?

Ja. Die dpa ist und bleibt ja der Vollversorger fürs Nachrichtengeschehen, den praktisch alle deutschen Medien nutzen. Insofern ist der Basisdienst eine Benchmark jeder Redaktion, um zu wissen, ob sie das richtige Geschehen in der richtigen Form abbildet. Andererseits gibt es auch neue Angebote. Der Grafik-Dienst gewinnt an Bedeutung, Audio und Video werden wichtiger, auch die Kindernachrichten, um auch mal ein Nebenfeld anzusprechen. Es geht auf allen Feldern voran.

Auch finanziell? Nach dem Umzug nach Berlin hatte die dpa 2010 schwarze Zahlen geschrieben und danach nur geringe Überschüsse erwirtschaftet.

Wissen Sie – die dpa hat eine funktionierende Trennung: Der Chefredakteur ist in erster Linie für die Inhalte und die Redaktionsstruktur zuständig, der Geschäftsführer für die Zahlen. Aber Sie sehen mich lächeln…

Womöglich auch, weil sie ein Haus übernehmen, das kaum noch echte Konkurrenz hat.

Einspruch, Einspruch, Einspruch! Es gibt die vom französischen Staat üppig subventionierte AFP, es gibt gerade im Wirtschaftsfach Reuters, im Sportbereich sid, dazu eine Fülle von Anbietern für Spezialnachrichten wie Bloomberg. Wir sind weit entfernt von einer Monokultur.

Wird das Aus der DAPD Ihre Arbeit dennoch beeinflussen?

Ach, Marktführer haben vor allem sich selbst als Messlatte, deshalb müssen wir die notwendige Bewegung, um voran zu kommen, aus uns selbst holen, statt aus tatsächlichen oder vermeintlichen Konkurrenzsituationen. Um Ideen zu finden, die Qualität zu erhöhen, unser Tempo zu steigern, blicke ich also lieber auf mich als andere.

Aber Konkurrenz belebt schon noch das Geschäft?

Natürlich. Zumal Nachrichtenagenturen nicht nur miteinander konkurrieren, sondern auch mit anderen Medien. Und natürlich mit dem Internet. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass die dpa auch bei Netzinhalten oft als Lieferantin auftritt.

Was das alte Preisgefüge auf den Prüfstand stellt.

Und da müssen wir uns wie die ganze Branche fragen: Was ist die Währung von morgen? Wenn die Auflage, die Hörer pro Stunde oder die Einschaltquote dafür nicht mehr taugen, muss Ersatz her. Da zerbrechen sich allerdings kluge Menschen ausreichend die Köpfe, dem will ich nicht vorgreifen.

Denken diese klugen Köpfe auch über Kooperationen mit Online-Medien nach?

Da muss man genau schauen, was zu einem Anbieter wie der dpa passt; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Auch was das Nichtmediengeschäft betrifft?

Mein Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf Nachrichten. Daneben kann man vieles diskutieren.

Etwa News on demand, also Nachrichten zum kostenpflichtigen Einzelabruf?

Das spielt in unseren jetzigen Überlegungen keine Rolle.

Und in Ihren als Tageszeitungskunde – hätten sie da gern paid content im Einzelabruf?

Weil der Begriff der Exklusivität in Zeiten von Twitter, Facebook und Co. so überstrapaziert ist, wäre das nicht meine Priorität. Was vor einer Sekunde noch exklusiv war, ist in der nächsten Sekunde schon als Retweet unterwegs und verwischt die Quelle. Nicht Exklusivität, sondern Relevanz steht für Güte. Vor allem abgesicherte Relevanz.

Was halten Sie als Chefredakteur klassischer Medien von Internetrecherche?

Als wichtiges Hilfsmittel ergänzt sie die klassische Recherche. Mir fehlt allerdings bei manchem Reporter zusehends der Mut, die Objekte der Kritik unmittelbar damit zu konfrontieren. Das Rezensionsfeuilleton hat sich für meinen Geschmack zu sehr in die politische Berichterstattung verbreitet, in derlieber Noten vergeben werden, statt richtig zu analysieren.

Klingt nach ziemlich nüchterner Berichterstattung.

Es ist vor allem eine professionelle, zu der auch Nüchternheit gehört. Wer mit Schaum vor dem Mund Nachrichten erstellt, ist fehl am Platze.

Was qualifiziert einen Zeitungsmann wie Sie überhaupt für die Leitung der größten deutschen Nachrichtenagentur?

Da müssten Sie wieder den dpa-Aufsichtsrat fragen. Ich bin überzeugt: Neben den journalistischen Grundtugenden ist der größte Schatz, den ich mitbringe, ein Newseater mit der nötigen Kundensicht zu sein. Ich weiß, was Medienhäuser – auch digitale – wann von wem und wie wünschen. Darüber hinaus habe ich bewiesen, auch große Teams sehr erfolgreich leiten zu können; auch die Rheinische Post hat einen Redaktionsapparat von 250 Menschen.

Auf dem Niveau ändert das Dreifache also nichts?

Doch, weil erstens jeder einzelne Mitarbeiter Beachtung verdient. Und zweitens die Redaktion der dpa mit weltweit 100 Standorten nochmals deutlich dezentraler ist als die RP mit immerhin 35. Irgendwo auf dem Globus brennt immer Licht im dpa-Büro. All diese Kolleginnen und Kollegen muss man mitnehmen, motivieren und über Veränderungen informieren.

Kennen Sie jeden Ihrer jetzigen Redakteure?

Ja.

Und grüßen Sie namentlich im Lift?

Das ginge, dafür bin ich aber zu flapsig. Für ältere Kollegen war es etwas schwer zu ertragen, dass ich in der Chefredaktion ein zwangloses „Hi“ oder „Moin“ eingeführt habe; aber „Guten Tag“ plus Name geht auch. Das ist aber keine Qualifikation, sondern selbstverständlich.

Eine andere Qualifikation könnte die Rheinische Post sein. Von ihren fünf Vorgängern waren immerhin zwei ebenfalls hier tätig.

[lacht] Na dann scheint die RP ja gut auszubilden.

Was nehmen Sie konkret aus acht Jahren Düsseldorf mit nach Berlin?

Unter allem, was sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen lässt, die Gewissheit: Ein Chefredakteur ist nichts ohne sein Team – und umgekehrt. Außerdem habe ich hier mehr als an jeder journalistischen Station gelernt, wie Regionalzeitungen ticken, welch immense Bedeutung sie für die Medienlandschaft haben. Das wird aus der Perspektive Hamburgs oder Berlins mitunter etwas unterschätzt.

Sie hat also doch eine Zukunft, die Regionalzeitung?

Auf jeden Fall. Allerdings muss sie begreifen, dass „regional“ zusehends „lokal“ ist, dass sich der Horizont der Leser durch Reisen und das Internet zwar erweitert, zugleich aber aufs direkte Umfeld konzentriert. Als ich eine Familie gegründet habe, hat sich sofort meine Sicht auf Düsseldorf verändert – vom Interesse an Kneipen  und Theater hin zu Spielplätzen und Schulen. Guter Lokaljournalismus bohrt genauso tief wie die große Recherche im Mantel.

Zuvor waren Sie wie ihr dpa-Vorgänger Büchner lange auf dem Boulevard tätig. Was gibt der Ihnen mit für die Arbeit bei der dpa?

Die Detailversessenheit. Wenn der Bundespräsident Angela Merkel im Schloss Bellevue die Ernennungsurkunde überreicht und im Hintergrund hängt Gotthard Graubners Gemälde Begegnungen, muss man das mitteilen. Das mag zwar im ersten Moment übertrieben klingen, bedeutet für den Endkunden einen zusätzlichen Informationsgehalt. Also: reingehen, anschauen, verständlich machen! Das gibt mir der Boulevard mit.

Auch eine Hinwendung zu bunten Themen, die der dpa, dem politischen Verlautbarungsorgan früher Jahre, noch immer leicht suspekt ist?

Das „politische Verlautbarungsorgan“ weise ich natürlich mit Abscheu und Empörung zurück. Die dpa darf nie Boulevard, also zu bunt werden; dennoch muss sie auch Unterhaltung liefern. Den 50. Geburtstag von Brad Pitt gilt es angemessen zu thematisieren, aber nicht jede Posse, die es aufs Titelblatt von Bild oder in die Prominews von ProSieben schafft, eignet sich für die dpa.

Interessieren Sie diese Possen denn persönlich?

Mich interessieren Stars und Sternchen grundsätzlich weniger, als was den Menschen ausmacht – ungeachtet, ob er Wirtschaftsboss oder Fußballspieler ist.

Herr Gösmann, erstarren Sie eigentlich mitunter angesichts der Größe und Bedeutung Ihrer neuen Aufgabe?

Nein, estarren nicht. Zumal ich ja nicht zu einer starren Institution komme, sondern einer in Bewegung. Davor habe ich den nötigen Respekt, am besten trifft es aber – gerade für den Nachrichtenjunkie – der christliche Begriff der Demut.

Wenn man mit 47 das journalistisch relevanteste Medium im Land lenkt – was kann danach überhaupt noch kommen?

[stöhnt] Ich möchte die dpa erfolgreich in eine digitalere Zukunft führen, aber jetzt lassen Sie mich doch erst mal anfangen, bevor wir übers Ende nachdenken…

Die Frage liegt insofern nah, als die dpa in 60 Jahren vier Chefredakteure hatte und nun in vier Jahren den zweiten…

Aber das hatte mit der dpa weniger zu tun als mit dem großartigen Journalisten Wolfgang Büchner, der an einer anderen wichtigen Stelle, die er bereits kannte, gebraucht wurde und dort eine Ära prägen könnte.

Und wenn man Sie ähnlich schnell zu einer ähnlichen Ära wegkauft?

Keine Sorge, ich bin niemand, den man irgendwo weg  kaufen kann.

Zum Schluss noch ein Blick in die Glaskugel: Wird es Nachrichtenagenturen, wie wir sie heute kennen, in zehn Jahren noch geben?

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.“ Stammt nicht von mir, sondern von Willy Brandt: Es wird Nachrichtenagenturen geben, die den heutigen in der Form ähneln, aber sie werden digitaler sein, möglicherweise Themenfelder beackern, die heute noch nicht auf dem Schirm sind, und mit noch mehr Kundendialog. Dafür sind wir bereit, darauf freue ich mich.


1 Outing & 2000 Dinner

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

6. – 12. Januar

Die formierte Gesellschaft, Ludwig Erhards Ideal der zwangsharmonischen Wohlstandsgesellschaft – wenigstens in der Presselandschaft nimmt sie gut 50 Jahre nach seiner Kanzlerschaft langsam Gestalt an: Kaum ist der erste deutsche Profifußballer schwul, da zollen die linksliberale taz und die populärdebile Bild Thomas Hitzlsperger auch schon auf dem Titelblatt in seltener Einmütigkeit „Respekt“ dafür, es zu sein oder wenigstens, drüber zu reden. Muss Liebe schön sein. Ob all jene Medien, die seit voriger Woche – gedruckt, gesendet, gepostet – eine wahren Hype übers Outing-Debüt der Bundesliga entfacht haben, der kurzzeitig den Server der erstvermeldenden Zeit zum Zusammenbruch brachte, ob also sogar der latent homophobe Brachialboulevard auch homosexuelle Liebe so schön findet, wie es vorige Woche den Anschein erweckte, bleibt dann aber doch fraglich. Aber es passt nun mal gut in den Zeitgeist – so ein wenig Empathie für Randgruppen, Außenseiter, Unbeliebte.

Vielleicht hat der NDR ja deshalb Donnerstagmorgen allen Ernstes die Verabschiedung einer Gruppe live aus Hannover übertragen, die all dies auf sich vereinigt: von 150 Bundeswehrsoldaten zu ihren Auslandseinsätzen. Denn irgendwie scheint deren soziales Standing doch etwas unter dem vor 100 Jahren zu liegen, als der Erste Weltkrieg – das Premiumthema dieses Dokumentarjahres – seinen umjubelten Anfang nahm. Hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass Lutz Marmor und Thomas Schreiber den abrückenden Landsern Blumen in die Gewehrläufe steckt.

Aber so sehr haben es der Intendant und sein Unterhaltungschef ja nicht mit Präsenten. Sonst würden sie ihrem Tatortreiniger, diesem zart funkelnden Juwel im billigen Strasshaufen plumper Landfrauenunterhaltung langsam mal einen anständigen Sendeplatz verpassen. Vielleicht sogar im Ersten Programm, dem Marmor zurzeit vorsitzt. Denn vorige Woche knackte Schottys Zuschauerzahl trotz gezielter Unterfinanzierung, die selbst Hauptdarsteller und Regisseur als lieblos geißeln, die Millionenmarke – und lag damit sogar mehr als tags drauf die zweite Folge das Pro7-Elitencasting Millionärswahl. So was macht doch fast Hoffnung auf bessere Fernsehzeiten.

TV-neuDie Frischwoche

13. – 19. Januar

Die allerdings schon diese Woche sachte Fahrt aufnehmen. Und das wie so oft mit akzeptablen Spielfilmen auf den üblichen Sendeplätzen. Montags im ZDF zum Beispiel. Heino Ferch beweist dort, dass seine ewig gleiche Melodramenmimik auch zu guten Krimis wie Spuren des Bösen, wo er zum dritten Mal den Polizeipsychologen Brock spielt, führen kann. Oder dem ARD-Mittwoch, der diesmal das Familiengewaltthema mit Silke Bodenbender und Mark Waschke im Drama Es ist alles in Ordnung auf beklemmend unaufgeregte Art variiert, was sich tags drauf im preisgekrönten Schweizer 3sat-Drama Summer Games (22.25 Uhr) seine Fortsetzung findet.

Da muss man sich als kritischer Zuschauer dann doch mal mit zwei Zahlen wieder auf den Boden der televisionären Tatsachen zurückholen. 2000 und 11. Erstere bezieht sich auf die Jubiläumsfolge von Das perfekte Dinner, mit dem Vox ab heute wieder und wieder und wieder den Vorabend füllt. Letztere auf RTL, das am Freitag folgendes noch nicht so dreckige knappe Dutzend in den Dschungel schickt: Mola Adebisi, Marco Angelini, Jochen Bendel, Corinna Drews, Winfried Glatzeder, Larissa Marolt, Melanie Müller, Gabby de Almeida Rinne, Tanja Schumann, Julian F. M. Stöckel und Michael Wendler, deren Prominenzgrad zwischen Moderator, Schauspieler, Schlagerstar nebst ganz vielen Frauen mit dem Beruf Optik wieder kein gediegenes Entertainment, aber großes Spektakel aufeinanderprallender Klischees versprechen.

Etwas Ähnliches, nur ohne das Spektakel, gibt’s morgen zur besten Sendezeit gleich doppelt. In Real Cool Runnings trainiert die sehr blonde Eisläuferin Anni Friesinger sehr dunkle Afrikaner zu sehr putzigen Wintersportlern, was Vox sicher völlig frei von rassistischen Stereotypen inszeniert. Auf Sat1 liefert Frauenherzen die weibliche Fortsetzung des ähnlich lautenden Quotenerfolgs mit Männern – bleibt darin allerdings trotz aller Vorurteile über schuhfixierte Großstädterinnen erstaunlich leicht und locker.

Das exakte Gegenteil von lockeren Klischees läuft dafür tags drauf bei Arte, das Arno Schmidt in Mein Herz gehört dem Kopf auf eine Art porträtiert, die vergessen macht, wie randständig der avantgardistische Nachkriegsdichter heutzutage ist. Leichtere Kost dagegen läuft Freitag zur Primetime auf dem Disney Channel, der seit Jahresbeginn auf dem Platz von Das Vierte sendet, Aristocats nämlich, einer der bezauberndsten Zeichentrickfilme aller Zeiten. Da kommt – nein, nicht der Konstanzer Tatort, sondern nur noch der Tipp der Woche ran: Nichts zu verzollen, eine Schmugglerkomödie von/mit Danny Boon, die Mittwoch, viertel vor elf im Ersten, abermals die Frage aufwirft, warum französische Komödien bloß so wunderbar sind.


Reportage/Kommentar: Auf der Gefahreninsel

klobürsteSpaß in der Gefahrenzone

Es wird viel diskutiert über Hamburgs Gefahrengebiet, über gestürmte Polizeiwachen, staatliche Repression und autonome Gewalt. Doch was macht es eigentlich mit den Menschen, die in der Sonderrechtszone leben? Erfahrungsbericht eines Bewohners und der zugehörige Kommentar im Deutschlandfunk, der dort heute morgen um 6.05 Uhr lief, aber als Audiofile abhörbar ist.

Von Jan Freitag

KOMMENTAR

Hamburg brennt. Lichterloh, sagt die Politik. Lebensgefährlich, schreibt der Boulevard. Ordnungswidrig, sekundiert die Polizei. Ein riesiges Areal zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn auch nur zu betreten, sei also ein Risiko. Weshalb Politik, Polizei und Presse nach vermeintlich linken Attacken auf Polizeistationen in großer Eintracht vorangetrieben haben, was Hamburg juristisch einzigartig macht in Deutschland: Ein Gefahrengebiet. Acht Hektar, auf denen Grundrechte außer Kraft sind und Kontrollen ohne Anlass, Leibesvisitationen, selbst Platzverweise möglich. Kurzum: eine Notstandszone nach Polizeiermessen. Unablässig, unbefristet. Ukrainische Verhältnisse in Hamburg-Mitte.

Seit Ende voriger Woche patrouilliert die Staatsmacht in doppelter Hundertschaftsstärke und dass nicht durch ein Bürgerkriegsgebiet, sondern normale Wohnviertel mit normalen Menschen im normalen Alltag. Kein Wunder, dass die mobilisierungsfähige Hamburger Linke da nicht stillhält. Und auch, dass die Bewohner missmutig bis genervt auf den Generalverdacht krimineller Energien ihrer selbst samt Freunde, Nachbarn, Gäste reagieren, überrascht wenig.

So vollzieht sich seit acht Tagen vor allem im Amüsierviertel St. Pauli, wo gut 50.000 Leute leben, Abend für Abend das gleiche Schauspiel: Zwischen Spielplätzen und Straßenstrich, Krämerläden, Kneipen, Clubs sammeln sich jene Menschen, vor denen die Menschheit angeblich geschützt werden soll, um gegen diesen Schutz aufzubegehren. Und sie tun das meist friedlich, fröhlich sogar, oft kreativ. Mit Klobürsten statt Knüppeln, mit gigantischen Kissenschlachten und Kindern auf den Schultern.

Sicher, sie tun das auch im Verbund mit Autonomen, Demotouristen und, ja, Chaoten, denen politisches Understatement eher wesensfremd ist. Ideologisierte Rebellen, die bei jeder größeren Zusammenkunft instinktiv ihre Parolen von Feuer, Flamme, Bullenstaat skandieren und nebenbei Silvesterrestbestände verfeuern. Aber das Gros der Protestierenden sorgt diesmal für eine Atmosphäre, die bereits zur Verkleinerung des Gefahrengebiets geführt hat. Doch auch drei kleinere Gefahreninseln lassen mit jeder Minute ihrer Existenz eine Erkenntnis reifen, die das Wesen, das Selbstverständnis dieses Staates und seiner Institutionen betrifft.

Der martialische Daueraufmarsch seiner Ordnungskräfte, gepanzert wie beim Castortransport, nicht selten unzugänglich wie eine Horde Hooligans vorm Hassspiel, zeigt sich nämlich nicht als exekutive Reaktion auf sicherheitsrelevante Umstände. Nein: Die Polizei bastelt sich diese Umstände selbst, wirkt somit quasi legislativ, macht Politik, anstatt ihr zur Durchsetzung zu verhelfen. Sie schafft durch eine Art institutionalisierter Dauerdemonstration in der willkürlich gefassten Gefahrenzone exakt jene Sicherheitsgefährdung, die sie doch eigentlich einzudämmen vorgibt.

Das ist ganz im Sinne des konservativen Staatsrechtler Carl Schmitt. Für den war nur jene Regierung wirklich souverän, die den Ausnahmezustand beherrscht. In Hamburg geht die Polizei, aufgestachelt von journalistisch halbseidenen Sensationsblättern, angetrieben vom zusehends autoritär agierenden SPD-Senat, sogar noch einen Schritt weiter und erklärt den hausgemachten Ausnahmezustand zur Grundlage seiner selbst. Subtiler hätte auch Thomas Hobbes’ Leviathan kaum seine Macht gesichert.

Um nicht missverstanden zu werden: Gezielte Angriffe auf den Staat sind nicht nur juristisch inakzeptabel; als Rechtstaat darf, ja muss er sie sogar etwas weniger dulden als die auf seine Bürgerinnen und Bürger. Schon weil es die Grundfesten des Systems betrifft, seinen Wesenskern. Dass auch der Rechtstaat mit Härte reagiert, wenn Polizeistationen attackiert und Beamte dabei aufs Schwerste verletzt werden, ist da konsequent. Nur: wer die Verhältnismäßigkeiten nicht verletzt, sondern ad absurdum führt, wer zivile Gewalt mit uniformierter Willkür bis hin zu bewusst lancierten Falschmeldungen über den Ablauf linker Attacken beantwortet, der nutzt den Ausnahmezustand nicht zur Ordnung, sondern manipuliert sie zum eigenen Machterhalt.

Hamburg brennt nämlich gar nicht. Was gelegentlich heißer brennt, als der Staat hinnehmen muss, ist der Protest gegen eine Politik der sozialen Kälte, der Vertreibung, der Ellbogengesellschaft – ausgefochten mit dem Schlagwerkzeug aus Geld, Kontakten, Besitz, dem Recht der Wohlhabenden, Einflussreichen. Dass auch ein sozialdemokratischer Senat dieses Feuer mit allen legalen Mitteln zu löschen hat, ist Teil des demokratischen Prozesses. Es selber zu legen, eher nicht.

http://www.deutschlandfunk.de/gefahrenzone-ukrainische-verhaeltnisse-in-hamburg.720.de.html?dram:article_id=274341

TEXT

Das erste Opfer des Krieges, heißt es, ist die Wahrheit. Und Hamburg hat Krieg, Bürgerkrieg. Sagen die einen, sagen die anderen, und meinen damit sehr verschiedene Dinge. Womit wir beim Thema wären. Denn seit kurz vor Weihnachten der ortsübliche Kampf um die Rote Flora zur blutigen Schlacht eskalierte, seit gar Polizeiwachen angegriffen wurden und der Adventseinkauf behindert, sind acht Hektar des vermeintlich offenen Tors zur Welt eine Festung. Genauer: ein Gefahrengebiet. So heißt die hanseatische Spezialform des lokalen Ausnahmezustands auf Zeit, in dem dank polizeilicher Sonderbefugnisse Recht und Ordnung herrschen soll. Beteuert die Politik. Oder in der beides dank polizeilicher Willkür außer Kraft ist. Entgegnen deren Gegner.

Dann wollen wir doch mal sehen.

Da drüben stehen sie an diesem milden Montagabend fernab von Reeperbahn, Schanzenviertel, den Brennpunkten temporärer Gewalt: Acht Bereitschaftspolizisten inmitten des Wohnviertels. Und sie warten auf, ja was eigentlich? Besoffene? Randalierer? Terroristen? „Wir warten auf gar nix“, sagt ein Zugleiter mit der Jeanschiffre 501 am Helm und grinst argloser, als sein Ganzkörperpanzer suggeriert; Sicherheit für das Schill-Erbe Gefahrenzone heißt offenbar zunächst: Sicherheit für die Sicherheitskräfte.

Aber es hat ja auch geknallt, fünf Minuten zuvor. Ein Böller, dann noch einer. Nichts Neues nach Neujahr, aber St. Pauli ist halt Danger Zone, wie ein Transparent vom Balkon gegenüber verkündet und um Blauhelme fleht; da werden Silvesterreste schon mal kriminalisiert wie die Menschen in toto. Denn das Amüsierviertel, Außenstehende wie die regierende SPD vergessen das zuweilen, ist bewohnt. Dicht sogar. Von 50.000 Menschen. Fleißige wie faule, nette und nicht so nette, geburtsdeutsche und gefühlsdeutsche, reiche, arme – alles dabei. Und nun leben sie, wie der Autor, im Risikoraum. Der ist selbst in Hamburg nicht ungewöhnlich, wo das juristisch bedenkliche Notstandsgebiet seit 2005 mehr als 40 Mal eingerichtet wurde – wenngleich meist nur für Stunden und das auf engem Raum. Dieses hier indes reicht von der Elbe übers Schanzenviertel bis zum Bahnhof Altona und zwar unbefristet. Es umfasst Supermärkte und Diskotheken, Spielplätze und Puffs, umschließt den Alltag und das Leben. Durchdringt es. Und nicht nur viele der 82.000 Bewohner sind, sagen wir mal: irritiert davon, beim samstäglichen Brötchenholen mit Kleinkind auf dem Arm drei Polizeitransporter im Schritttempo zu sehen, Seitenscheibe runter, scharfer Blick, weiter geht die Spähfahrt. Wir sind irritiert, beim Sonntagsbummel durchs Quartier von 400 Kontrollen allein am ersten Wochenende zu hören. Wir sind des Weiteren irritiert, abends auf dem Weg zur Stammbar ein Spalier bewaffneter Stormtroopers durchschreiten zu müssen, deren breites Kreuz nur unbereitwillig schwenkt, um Passanten passieren zu lassen.

Kurzum: Viele der Generalverdächtigen sind bis zum Hass auf jede Uniform irritiert von der Erklärung des heimischen Mikrokosmos zum Hot Spot des Verbrechens. Weil das letzte Opfer des Krieges aber bekanntlich der Humor ist, suchen sie ihr Heil oft in einer Art heiterer Renitenz. Zum Beispiel weißes Pulver (ideal: Natron) in klarsichtiger Tüte direkt vor den Gefahrenzonenwächtern gegen Geldbündel tauschen (soll angeblich zu beachtlicher Humorlosigkeit vieler Freunde/Helfer geführt haben). Beliebt auch: Wasserflasche mit Taschentuch im Hals. Klobürstenstab (weiß) aus Kapuzenpulli (schwarz) blicken lassen. Mit erhobenen Händen rote Ampeln ignorieren. Gemeinsam durchs Kriegsgebiet flanieren.

Schade, dass derart filigraner Widerstand die Rechnung ohne den ideologischen Wirt mit begrenzter Fähigkeit zum Understatement macht. Just als eine bunte Schar Kiezbewohner zwischen Bioladen, Apotheke und Spielplatz testen will, wie die Polizei auf friedliche Gruppenbewegung reagiert, kommt schon ein Trupp Autonome und brüllt irgendwas mit „Feuer“, „Flamme“, „Repression“. Noch zwei Böller dazu – fertig ist der Polizeikessel in Echtzeit.

„Bei 150 Leuten ist das kein Spaziergang, sondern Aufzug“, übersetzt der freundliche Jeansnummernbeamte das Lautsprecherknarzen vom Einsatzfahrzeug nebenan. Da bedürfe es eines Demonstrationsleiters, „sonst ist hier Schluss.“ Wegen der Ordnung. Und vielleicht, um für etwaige Schäden zu haften. Das nämlich hatte seine Gewerkschaft nach den jüngsten Vorfällen gefordert und gleich noch draufgelegt: Höre die Zivilgewalt gegen die Staatsgewalt nicht auf, sei Schusswaffengebrauch möglich. Anlass für die verbale Aufrüstung waren Angriffe auf Polizeistationen, die für eine Welle der Solidarität gesorgt hatte – selbst in der künftigen Gefahrenzone. Der allerdings hat nun ausgerechnet die Polizei ein Stück ihrer Rechtfertigung entzogen. Sprecher Mirko Streiber nämlich verlegte den Kieferbruch eines Beamten beim angeblichen Sturm Vermummter auf die Davidwache nachträglich 200 Meter nördlich ins Wohngebiet. Bisschen verschätzt, kann ja mal passieren, und die Überwachungskamera – leider, sorry, der Datenschutz – habe auch nicht aufgezeichnet. Es ist aber auch vertrackt mit dem Rechtstaat in einem Viertel voller Staatsfeinde, die der Boulevard von Bild bis Morgenpost Tag für Tag zum wilden Mob paramilitärischer Chaoten hochjazzt.

Die allerdings sitzen nach zwei Tagen voller Kontrollen, Platzverweisen, Gewahrsam-, gar Festnahmen nicht in konspirativen Kellern und planen den Umsturz, sondern an den Tresen und trinken sich ihr Stigma lustig. In einer Nachbarschaftskneipe namens Otzentreff etwa analysieren Gäste zu Molotow-Cocktail-Shots für 1,50 und Polizisten aus den Boxen, was vor der Tür abgeht, bis die Danger Zone wieder Wohngebiet sein darf. Bis das dauernde Blaulicht vor den Butzenscheiben erlischt. Erst morgens machen die Kriegsparteien mal Pause. Selbst als auf der Reeperbahn die umkämpften Esso-Häuser geräumt werden, ist kein Polizei zu sehen. Bis zur Dämmerung. Die Fenster der Drogerie sind noch vom letzten Kampftag kaputt, die des SPD-Büros gar verrammelt, da spielen die Hüter ihrer Wahrheiten abermals Katz und Maus. Am alternativen Kunstprojekt Park Fiction sammeln sich die Anwohner zum Spaziergang mit Elbblick und sind, wie so oft, irritiert, wenn martialische Einsatzpolizisten höflich mit „Moin“ grüßen, wer immer sie passiert. Um „20 Uhr 23“, der Lautsprecher ist da korrekt, ist sogar eine Demoleiterin gefunden und es geht los, Richtung Kiez. Kurz darauf kracht ein Böller. Bürgerkrieg im Gefahrengebiet, das jetzt Gefahreninseln heißt, Schlachtfeld St. Pauli. Das zweite Opfer dieses Krieges ist die Nachtruhe.

KOMMENTAR


Alexander Duszat – Elton & tja

Mann ohne Eigenschaften

Alexander Duszat kennen nur wenige, sein Pseudonym dagegen schon einige mehr: Elton. Seit einiger Zeit darf der frühere Sidekick von Stefan Raab sogar große Abendshows wie Die Millionärswahl (heute, Pro7, morgen Sat1) moderieren. Chronologie eines seltsamen Aufstiegs

Nun also Münzenflitschen. Alexander Duszat, genannt Elton, hat beim Kinderkanal Pro7 bereits jede Infantilität als Fernsehen verkauft. Er hat sich verprügeln lassen, selbst kasteit und lächerlich gemacht, ausgezogen, abgezogen, zugezogen, er war immer der Mann fürs Grobe ohne Tiefgang. Das ist er auch in Elton zockt, nur ganz allein: Der rundliche Sidekick größerer Namen kriegt bei seinem Haussender die erste eigene Abendshow, macht aber auch dort weiter, wo er scheinbar nie aufhört: Beim Ringelreihen.

Denn wenn er zur besten Sendezeit Geldstücke Richtung Wand schnipst, wird die Ereignislosigkeit erneut zur Essenz privaten Entertainments – mit dem Unterschied, dass seine Kandidaten gegen die Chance auf 100.000 Euro eigenen Besitz von Auto bis Ehering setzen. So viel Geld auf diesem Sendeplatz: Das kann man trotz aller Debilität als Aufstieg des Lilalaunebärs werten, der es von Raabs Praktikanten in zwölf Jahren jetzt einen Buchstaben hinaufgeschafft hat, im Orbit des Star-Rankings.

Und nun also auch noch: Millionärswählen. Erst auf Pro7, ab morgen dann bei Sat1 darf der frühere B-Promi wieder irgendwas Kommerzielles rund um den Kommerz machen, der wie gewohnt im Kommerzfernsehen zugleich gefeiert und verlacht wird. Und weil das immer sein Publikum findet, ist Elton nun noch ein Stück näher am A-Promi, und das wundert ihn selbst am meisten. „Unentwegt sogar“, sagt der Berliner mit Herz in Hamburg und Wohnsitz Köln. Dabei klingt er wie einer, der trotz 18 Jahren Erfahrung mit Kameras noch immer hineinblickt, als sei er zufällig davor geraten. Alexander, pardon: Elton ist nicht so populär, weil ihn irgendwas kennzeichnet wie das PR-Produkt Katzenberger mit ihrer Silikonbräsigkeit; sein Alleinstellungsmerkmal ist dessen vollständiges Fehlen. „Mein Erfolgsgeheimnis heißt Ehrlichkeit“, sagt das Dutzendgesicht mit der Randlosbrille. Ihm ist selbst so eine Plattitüde unbedingt zu glauben.

Denn so sehr er sich auch durch die Raab-Verwertungen von Turmspringen bis Wok-WM hetzen, so viele Pennälerzoten er auch bei Elton vs. Simon über sich ergehen, so peinliche Brachial-Castings à la Die Alm er auch mit sich ausstatten lässt – Duszat ist eines der wenigen Gesichter im Durchlauferhitzer Event-TV, dessen Unbefangenheit glaubhaft wirkt. Als personifizierter Kindergeburtstag für Adoleszenzverweigerer adelte ihn der Wille zur Normalität nicht nur fürs debile Kommerzfernsehen, sondern zum Nachfolger Michael Schanzes, dessen Evergreen 1, 2 oder 3 seit vier Jahren unter Eltons leichter Hand läuft.

Schanze war seinerzeit ein Moderator von internationalem Rang eben weil seine Hingabe für den Nachwuchs kein bloßes Markenzeichen war, sondern echter Leidenschaft entsprang. Wie bei seinem Vorgänger, ist Eltons Beliebtheitsrezept also, sich mit Zuschauern und Kandidaten unbedingt gemein zu machen. Natürlich hätten Typen wie er oder auch Oliver Pocher ein bisschen zur „Verkindlichung“ des Mediums beigetragen, räumt der zweifache Vater freimütig ein. „Aber eigentlich gab’s das schon immer.“ Auch Wetten, dass…? habe ja eine „neue Form der Infantilität ins Abendprogramm gehoben, die sich in den Achtzigern durchgesetzt hat“, Duszat lacht: „Da bin ich nur einer von vielen.“

Und weil er das ist, sorgt seine Präsenz im zappeligen Medienalltag fast für angenehme Beständigkeit: Als einer, der sich trotz aller Mängel an Stimmvolumen, Talent und Handwerk unbeirrt im Fokus dieser Parallelöffentlichkeit zwischen Pro7 und ZDF hält. Der diesem Phänomen in Buchform mit dem Titel „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Zum Glück bin ich keins“ auf den Grund geht. Der wie sein Mentor Raab keinen physischen Schmerz scheut, um dem Publikum die Illusion guter Unterhaltung zu geben. Der durch pure Präsenz auf allen Bühnen televisionärer Selbstentwürdigung Schritt für Schritt „in die Sachlichkeit hochseriösen Fernsehens“ gegangen ist und nun sogar samstagabendtauglich wird.

Selbst eine Episodenrolle im Tatort hält er für denkbar. Zumal in seinem Alter, wo man sich überlegen müsse, „ob man ewig gegen Wände laufen will“. Oder Münzen flitschen. Bei Artgenossen seiner Spezies TV-Kasper würde man jetzt vor Fremdscham zu Boden blicken; Alexander Duszat sieht man da besser fest in die Augen. Einen Elton kriegt so schnell keiner weg vom Bildschirm.


Christine Theiss – Kickboxerin & Moderatorin

Beides geht nicht

Fast die Hälfte ihrer 33 Jahre zählte Christine Theiss zu den besten Kickboxerinnen der Welt. Nach ihrem letzten WM-Kampf im Dezember wechselte das neue Sat1-Sendergesicht endgültig ins Fernsehen, wo die schöne Medizinerin ab 8. Januar The Biggest Loser moderiert

freitagsmedien: Frau Theiss, während der Vorbereitung auf Ihren allerletzten WM-Kampf haben Sie nebenbei noch die neue Staffel von The Biggest Loser vorbereitet. War in Andalusien überhaupt Zeit zum Trainieren?

Christine Theiss: Ach, trainieren brauchte ich doch nicht mehr. Nein, Quatsch (lacht), natürlich hab ich da trainiert. Dort gab es sogar die ruhigsten Bedingungen des ganzen Jahres. Wir waren da im absoluten Nirwana, außer mir und meinem Trainer gab es da keinerlei Ablenkung – außer eben den Dreharbeiten. Mit denen hatte ich zwar viel zu tun, aber die Vorbereitung war dennoch um einiges konzentrierter als zuhause in München.

Und was war anstrengender – Drehen oder Trainieren?

Das kann man schwer vergleichen. Training ist morgens und abends je eineinhalb Stunden körperliche Anstrengung, Drehen die sechs, sieben Stunden dazwischen höchste Konzentration im Kopf. Beides fordert auf seine Art und hat auch sonst wenig miteinander zu tun.

Am 13. Dezember haben Sie Ihre Profikarriere also beendet. Bleiben Sie dennoch Kickboxerin oder sind fortan nur noch Fernsehmoderatorin?

Bis zum letzten Gong war ich mit Haut und Haaren Kickboxerin, da war ich voll fokussiert. Seither hat sich mein Leben sehr gewandelt.

Indem sie einen Schalter umgelegt haben und etwas anderes sind.

Ich kann mir da jedenfalls keinen fließenden Übergang vorstellen. Nach diesem Kampf werde ich garantiert eine Weile auch nicht zum Trainieren kickboxen. Auch weil ich den Kopf nach harten Kämpfen frei kriegen muss. Vielleicht mache ich es irgendwann mal wieder just for fun. Aber Freitag heißt es: der Letzte macht das Licht aus und fertig.

Entspricht das Ihrer Mentalität – ganz oder gar nicht?

Nein, das folgt der Vernunft. Mit über 30 habe ich an meinem Körper kleinere Baustellen und wenn ich in Rente gehe, muss ich das nicht vor mir herschieben. Ich könnte nicht von einem Tag auf den anderen mit Sport aufhören; den brauche ich jeden Tag. Aber ich mache diesen hier seit 26 Jahren, die meiste Zeit davon professionell; da kann ich mir kaum vorstellen, ihn ohne Wettkampf zu betreiben.

An welchem Punkt dieser 26 Jahre haben Sie gemerkt, dass das Fernsehen Ihnen eine Perspektive eröffnet?

Als ich 2006 Profi geworden bin, hieß das ja zunächst nicht, Geld zu verdienen, sondern ohne Kopfschutz zu kämpfen. Nur weil das Fernsehen Interesse zeigte, hab ich überhaupt weiter gemacht. Bis vor sechs Jahren dachte ich ja, ein paar Kämpfe noch, dann arbeite ich in meinem studierten Beruf als Ärztin. Denn beides gemeinsam geht nicht, das frisst jeweils zu viel Zeit und Kraft, da wirst du gaga.

So wurden Sie also zum Objekt des Fernsehens, das mit Ihnen im Ring erstmals überhaupt regelmäßig von dieser Randsportart berichtet hat. Aber wie wurden Sie zum Subjekt, das selber berichtet?

Wie die Jungfrau zur Mutter. Ich wurde nach einer Weile als Talkgast präsent, hab die Spielshow Fort Boyard gemacht, ahnte auch irgendwie, dass das was für mich ist, aber nicht, in welcher Art genau. Als mir Sat1 dann vor zweieinhalb Jahren The Biggest Loser angeboten hat, hab ich eher intuitiv ja gesagt.

Als was hat sie der Sender denn angefragt: die schicke Blondine mit der rechten Klebe oder als kompetente Moderatorin?

Als eine Person, die weiß, was es heißt, zu beißen. Die die Mühsal der Gewichtsreduktion kennt und mit den zugehörigen Anforderungen klarkommt. Deswegen war der sportliche Hintergrund zunächst entscheidend. Wenn sich künftige Engagements von diesem Hintergrund lösen, beschwere ich mich nicht.

Allerdings nicht grad in Sendungen, die als Quintessenz gediegenen Fernsehens gelten. Sehen Sie die als Sprungbrett in anspruchsvollere Formate oder bleibt ihr Metier Help TV?

Das klingt so abfällig. Soziale Schichten, die von Übergewicht stärker betroffen sind, erreiche ich nun mal nicht mit einer Doku auf Arte. Dafür kriegen sie bei uns echte Emotionen echter Menschen, mit denen sich die Zuschauer besser identifizieren können als mit irgendwelchen Promis auf anderen Kanälen. An den vielen Zuschriften merke ich, dass wir etwas bewirken und zwar langfristig. So ganz falsch kann das Format also nicht sein.

Aber wem helfen Sie mit einem wie Mein Mann kann neben Oliver Pocher oder einem Abenteuerfilm auf RTL?

Na ja, für Die Jagd nach der heiligen Lanze suchte RTL vor einigen Jahren eine Schauspielerin, die kickboxen kann. Weil es das nicht gab, haben sie sich eben für die Kickboxerin entschieden, deren Text ungefähr zwei Worte umfasst. Und Mein Mann kann ist halt eine Samstagabendshow. Punkt. Ich bin nicht im Fernsehen angetreten, um das Literarische Quartett zu moderieren.

Gäbe es nicht zwischen Trash und Hochkultur nicht noch einen Mittelweg für Sie?

Nichts, worüber ich jetzt schon reden möchte; die Gespräche laufen da noch hinter den Kulissen. Aber an The Biggest Loser hänge ich wirklich von ganzem Herzen. Vielleicht hat das mit meinem Leistungssport zu tun: Auch da arbeite ich projektbezogen auf ein Ereignis hin, den Kampf, wofür man sich monatelang den Hintern aufreißt und dann kommt der nächste.

Als Kickboxerin tragen Sie allerdings ziemlich flache Schuhe. Wo auch immer Sie dagegen im Fernsehen auftreten, sind es sexy Highheels. Biegt sich die Showwelt da eine Oberfläche zurecht?

Überhaupt nicht, das entspricht mir vollends. Tagsüber laufe ich gern in Hundeklamotten herum. Aber was ich beim Laufen mit meinen Hunden anhab, hätte ich auch ohne das Fernsehen nie auf einem Termin oder am Abend getragen. Nur weil ich Sportler bin, trage ich ja nicht die ganze Zeit Jogginghosen. Turnschuhe sind für mich reine Arbeitskleidung. Und wenn ich abends weggehe, mach ich mich wie jede Frau auf der Welt gern schön, auch mit hohen Schuhen, von denen ich sehr viele im Schrank habe. Ich hab doch eine recht ansprechende Figur; wieso soll ich die in einen Kartoffelsack stecken.

Dachte sich auch Sat1, als man Sie dort zum TV-Star aufgebaut hat.

Fernsehen ist halt ein visuelles Medium, weshalb ich dort auch als Sportlerin gut funktioniert habe. Würde ich ausschauen wie die Nacht, hätte ich 2007 aufhören können, da mache ich mir überhaupt keine Illusionen. Ich hätte darüber hadern können, wie ungerecht das im Vergleich zu Männern ist, habe es aber lieber genutzt.

Warum nutzen Sie es bislang nicht für die Sportmoderation, in die es ja doch die meisten früheren Profis im Fernsehen zieht?

Ich will das nicht ausschließen, versuche aber ja grad Abstand zum Sport zu gewinnen.

Und was machen Sie mit Ihrem Doktor der Medizin?

Keine Medizin jedenfalls. Ich bin mit einem Oberarzt verheiratet und sehe jeden Tag, welchen Belastungen er ausgesetzt ist. Nach sieben Jahren aus dem Beruf bin ich Realist genug, um zu erkennen, dass sich das Rad zu schnell weiterdreht, um darin noch mal Fuß zu fassen. Außerdem hätte ich so viele Kritikpunkte am Krankenhausbetrieb, dass ich daran ständig rummeckern würde. Und privat möchte ich lieber eine Familie gründen, als mich noch mal ein paar Jahre bis zum Facharzt durchzuquälen

Ihr Weg geht also eher Richtung Eckard von Hirschhausen.

Das klingt gut, ich krieg das Hirschhausen-Syndrom.


Mikrofonzwangsrückkopplung

fragezeichen_1_Wann immer sich wer ohne Bühnenerfahrung in Film und Fernsehen ein Mikrofon schnappt, koppelt es garantiert rück. Merkwürdig?

Es gibt verschiedene Signale, die darauf hindeuten, dass gerade jemand ohne Bühnenerfahrung eine Bühne besteigt. Es könnte aufmunternden Applaus geben, erstauntes Raunen oder hektisches Gebrabbel, hier vielleicht ein Hüsteln, dort vielleicht ein Schnäuzen. Nur eins sollte nach den Regeln der Physik Ruhe bewahren: Die Technik. Eigentlich. Denn wann immer sich jemand unverhofft das Mikro schnappt, um einen Heiratsantrag zu machen, etwas sonst wie Überraschendes mitzuteilen oder Karaoke zu singen – als erstes beginnt es mal heftig zu fiepsen. Rückkopplung. Merkwürdig.

Denn üblicherweise ist die Audioanlage zuvor eingestellt worden, und das nicht selten von ausgewiesenen Profis. Und weil das Mikrofon in der Regel auch vorm ungeübten  Zugriff des Laien nicht ständig gejault hat, scheint technisch mit ihm also alles in bester Ordnung gewesen zu sein. Bleiben also zwei Erklärungen für die spontane Geräuschemission in unangenehmen Tonlagen: Entweder, Film und Fernsehen verwenden die Rückkopplung als elektronisches Pendant zum Räuspern, nur eben moderner. Oder empfindliche Tonabnehmer reagieren auf Angstschweiß, Unsicherheit und Körperwärme, als sei jedes Mikro ein verkappter Lügendetektor. Bei wem es fiept, das wird zudem subkutan vermittelt, der ist es nicht gewohnt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass die Tonlage auf hundertfach verstärkter Hundepfeifenfrequenz auch schwer Gehörgeschädigte aus dem Tiefschlaf holt, ist da nur folgerichtig. Hüsteln hilft da wenig.


Falsche News & wahre Lügen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

30. Dezember – 5. Januar

Der Tod ist eine neutrale Instanz. Er droht unabhängig von Herkunft, Lebensweg, Wissen und Gewissen allen, und das ständig. Es gibt allerdings welche, die ihn förmlich herausfordern – weil sie ungesund leben, achtlos, gefährlich. Dennoch ist auch deren Tod natürlich wert, beachtet und betrauert zu werden. Nur wie sehr, darüber ließe sich ja mal diskutieren. Zurzeit etwa beachten und betrauern unzählige Menschen den drohenden Tod Michael Schumachers, der das Risiko bekanntlich zum Credo erhoben hatte und dabei Millionen Fans für die Gefahr von Vollgas und Verkehrsinfarkt begeistert. Umso erstaunlicher, dass da selbst die sachliche Tagesschau seinen Skiunfall begleitet und betrauert, als gäbe es an Michael Schumacher aber auch mal gar nichts zu kritisieren (besser macht es die Zeit auf ihrer Titelseite).

Die Massen nähmen nun mal „Anteil an seinem Schicksal und möchten wissen, wie es ihm geht“, erklärte der zuständige Chefredakteur Kai Gniffke die Dauerberichte über einen rasenden Umweltverpester im Krankenhaus (http://blog.tagesschau.de/2014/01/02/michael-schumacher-in-der-tagesschau/). Entsprechend „töricht“ wäre es, „wenn wir in diesen eher nachrichtenschwachen Tagen unsere Sendungen krampfhaft mit sogenannten B-Themen füllen würden“. Womit endlich offen ausgesprochen wäre, dass sich auch die ehrwürdige Tagesschau weniger nach Angebot als der Nachfrage richten, die von ihr offenbar sogar ein tägliches Update erfordert, an Schumachers Zustand habe sich nichts verändert.

Wenn Nachrichten selbst in der ARD zur Massenware werden, Information also zum reinen Verkaufsgut, hätte Gniffke allerdings gleichsam als Topnews vermelden können, dass Sascha Hehn seit Neujahr der neue Traumschiff-Kapitän ist. Mit 8,66 Millionen haben dem schließlich mehr Zuschauer beigwohnt als parallel dazu im Ersten dem (zugegeben erbärmlichen) Leipziger Tatort. Oder das Sechsfache von Til Schweigers Geburtstagsparty auf Sat1 wenige Tage zuvor. Was immerhin beweist, dass sich das Publikum doch nicht jede peinliche PR-Sause als sehenswerte Unterhaltung andrehen lässt. Und das wäre dann doch mal eine schlüssige Erklärung dafür, dass der Ex-Markführer RTL – dessen 30. Geburtstag Freitag von einem (fürs ZDF bemitleidenswert) gut aufgelegten Thomas Gottschalk moderiert wurde – 2013 mit einer Jahresquote von ganzen elf Prozent so schlecht abgeschnitten hat wie zuletzt 1989.

Damals war eine Nation im Einheits- und Konsumtaumel zusehends der kommerziellen TV-Versorgung verfallen. Dass das ehrwürdige ZDF heute (zumindest beim reiferen Publikum) vor der noch ehrwürdigeren ARD führt, könnte man da glatt als Zeichen der Hoffnung deuten, Seriosität und Anspruch hätten noch eine Chance im Aberwitz billigen TV-Trashs – Schumi hin, Pilcher her.

TV-neuFrischwoche

6. – 12. Januar

Davon zeugt unter anderem das Wirtschafts- und Sozialmagazin WISO, das heute ebenfalls dreißigjähriges Bestehen feiert. Oder die famose Dokumentation Voice of Peace, mit der Deutschlands versiertester Sachfilmemacher Eric Friedler morgen das Leben des unbekannten Weltstars der Friedensbewegung Abie Nathan porträtiert. Oder der wunderbare ARD-Film Ein blinder Held, wo Edgar Selge dem unfassbaren Wirken des Judenretters Otto Weidt ein filmisches Denkmal setzt. Oder der unvergleichliche Tatortreiniger, mit dem der NDR ab morgen wieder drei Tage hintereinander den Bildschirm ein bisschen zum Leuchten bringt.

Zu blöd, dass all dies natürlich nur auf den billigen Sendeplätzen läuft, vor der Tagesschau oder nach den Tagesthemen. Kein Wunder – ist doch die so genannte Primetime, an der sich noch immer das größte Publikum vor den Flatscreens versammelt, mit Müll verstopft wie ein Duschabfluss mit Haaren. Heute etwa stümpert sich das neue Mainstreamdarling Josefine Preuß im Zweiten als Pilgerin durch die nächste Verfilmung der Wanderhurenqueen Iny Lorentz, während im Ersten eine Culure-Clash-Geschichte mit Elmar Wepper wiederholt wird. Morgen versperren Dr. Kleist nebst James Bond die Hauptsendezeit und auf N3 röhrt Mittwoch Der Rothirsch – König der Alpen, bevor Schotty seinen Tatort putzen darf.

Das ist von der Gewichtung her dann auch nicht mehr so richtig weit weg vom Biggest Loser wo der schöne Talkshowstar Dr. Christine Theiss Mittwoch auf Sat1 von der Kickboxerin zur Gewichtsverlustdomina wird. Und sogar richtig nah dran am abstrusen TV-Gewächs Elton, der tags drauf auf Pro7 zu etwas kaum minder Abstrusen namens Millionärswahl bittet, was Freitag auf Sat1 auch noch fortgesetzt wird. Für Anspruchsvollere bleibt da nur die Seitenabzweigung zu Arte, wo zeitgleich Lancelot von Nasos Bahnhofsthriller Partitur des Todes mit Matthias Koeberlin als Frankfurter Kommissar Marthaler läuft und im Anschluss das Drama Stockholm Ost über eine Liebe zwischen Täter und Opfer.

Bei so viel realer Härte vergeht einem das Lachen fast so schnell wie bei der leicht gemeinten Familiendetektivin (ab Samstag im ZDF). Und das unterscheidet beide Formate grundlegend vom Scoop des Jahreswechsels. Wie die echte Meldung über den Wechsel Ronald Pofallas zur Bahn (http://www.der-postillon.com/2014/01/ex-kanzleramtsminister-ronald-pofalla.html) rückdatiert veröffentlicht und fortan vom Netz als Falschmeldung betrachtet wurde, die die neuen Medien fortan den alten vorwarfen – das war ganz großer Humor. Und erzeugte ein Durcheinander von wahren Fakes und unechter Wirklichkeit, dass eigentlich nur noc auf eines Verlass ist: Den Tipp der Woche. Nach zwei Tatorten am Stück ein einzelner Polizeiruf. Aber immerhin der aus Rostock.


Feature: Selbstzensur beim Tatort

Im Realitätsasyl

Zum ersten Mal in 43 Jahren läuft heute ein Tatort erst um 22 Uhr. Freiwillig, wie der WDR mitteilt. Würde man es auch den Privaten selbst überlassen, wann sie was zeigen, wäre gelegentlich wohl schon das Nachmittagsprogramm erst ab 18 genießbar. Eine Übersicht
Von Jan Freitag
Was Kindern schadet, ist oftmals eine Frage des Zeitgeistes. Früher, als es bloß Erwachsene in klein waren, haben bekanntlich schon Sechsjährige gearbeitet und zum Frühstück gab’s Bier zum trocken Brot. Später dann, mittlerweile anerkannt infantil, rauchte Vati fröhlich in ihrem Zimmer voller Spielzeug mit Ecken, Kanten, Weichmachern, Gefahrenherden. Und heute? Ist die Kindheit vollkaskoversichert, aber nachmittags läuft im Fernsehen Harry Potter.
Schon seltsam: Mit jeder Adaption geriet die Kindersaga mehr zur Horrorfilmreihe. In HD-Qualität jagen grausige Monster durch finstere Gewölbe. Hinter jeder Ecke droht den blutjungen Hauptfiguren das Ende. Und dann die Sache mit dem Okkultismus: Im Grunde, klagen Kritiker seit dem ersten Teil vor gut zehn Jahren, gehöre der Achtteiler ins Nachtprogramm. Ausstrahlung ab 22 Uhr also, wenn empfindsame Kinderseelen (hoffentlich) längst schlafen. Wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihre skandinavischen Krimiserien zeigen und die Privaten ihr Gewalt- oder Sexexzesse. Wenn der Tatort läuft.
Moment – der Tatort?
Zum ersten Mal in 43 Jahren zeigt das Erste sein Flaggschiff morgen nicht gleich nach der „Tagesschau“, sondern als zweiter Teil einer Art Double-Feature mit dem hessischen Tatort in neuer Besetzung als Auftakt. Eine Sensation! Aber auch ein Skandal? „Nein“, betont Gebhard Henke, der als Fernsehfilmchef des WDR die 890. Episode verantwortet, lapidar. Ihr Titel lautet arglos Franziska, hat es aber in sich. Jene Franziska, gespielt von Tessa Mittelstaedt, schlüpft hier von der randständigen Rolle als unscheinbare Assistentin der Kölner Kommissare Ballauf und Schenk, in den Hauptpart als Geisel eines verurteilten Mörders (Hinnerk Schönemann), der die nebenamtliche Bewährungshelferin im Keller des Knastes gefangen hält. Entstanden ist daraus ein beängstigend gutes Kammerspiel, das weniger durch Brutalität, gar Blutdurst verstört, als durch das unentrinnbare Gefühl der Ausweglosigkeit, in dem sich die Schlinge um den Hals des Opfers im wahrsten Sinne des Wortes zuzieht, dass es kaum zu ertragen ist.
Weil diese Atmosphäre, wie Henke einräumt, „nicht durch Schnitte im Film hätte verringert werden können“, ohne dessen künstlerische Substanz zu beeinträchtigen, hat sich seine Redaktion „nach intensiver Debatte“ mit dem eigenen Jugendschutzbeauftragten für den späteren Anstoß entschieden. „Und zwar einvernehmlich“. Damit dürfte sich der Vorgang vom ersten Fall derartiger Selbstzensur klar unterscheiden. Als der WDR-Film Wut 2006 verlegt wurde, hagelte es Proteste gegen das Realitätsasyl. Immerhin thematisiert das Drama ein aktuelles Thema, von dem die „geschützte“ Zielgruppe explizit betroffen ist: Jugendgewalt.
So mag es nicht jedem Zuschauer sofort ergründlich sein, warum es „Wut“ oder Franziska erwischt hat, aber keinen der 42 anderen „Tatorte“ des laufenden Jahres mit ihren 76 Toten. Die Verhandlungen dazu laufen intern, Jugendschutzbeauftragte schweigen beharrlich, das Procedere ist intransparent. Doch ganze drei Verschiebungen in der ARD-Historie inklusive des Münchner „Polizeirufs“ vor zwei Jahren plus einem von 1994, den der SWR wegen seiner diffusen Haltung zu Gewalt und Rechtsextremismus mittlerweile unter Verschluss hält belegen auch: das Prinzip Selbstkontrolle greift. Besser zumindest als bei der kommerziellen Konkurrenz.
Ob deren Angebot die Jugend gefährdet, untersucht der unabhängige Verein Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) – und wird dabei fast unablässig fündig. Seit 1994, rechnet die Leiterin der Programmprüfung Claudia Mikat vor, hat die FSF sage und schreibe 2684 spätere Sendezeiten verfügt, als ursprünglich vorgesehen. Und während es bei 3155 Sendungen bloß Schnittauflagen gab, wurden 255 gleich ganz indiziert.
So wird dann schon mal Mission Impossible vom Nachmittag gestrichen oder Alien vom Hauptabend. Doch es sind mitnichten bloß Agententhriller, Horrorfilme oder Softpornos, die der Primetime entzogen werden. Auf Grundlage des Staatsvertrags zum Jugendmedienschutz moniert die zuständige Kommission der Landesmedienanstalten auch vermeintlich harmlose Unerhaltung wie Joko & Klaas. Deren Mutproben verleiten angehende Teenager aus KJM-Sicht so zum Nachahmen, dass sie erst nach 20 Uhr laufen dürften. Ähnlich verhält es sich mit Reality-TV à la We love Lloret, wo Frauen von männlichen Rolemodels zu willigen Sexobjekten degradiert werden.
Es ist die Kunst des heutigen Kölner Tatorts, dass darin anders als in derlei Privatformaten niemand zum Sexobjekt degradiert wird, obwohl die Titelfigur Franziska in der Hand eines Serienvergewaltiger ist. Statt sexistisch ist dieser Fall geschlechtsneutral inszeniert und dabei zutiefst artifiziell. Sich in dieser Weise freiwillig gegen die gewohnte Zuschauerzahl nahe zehn Millionen zu entscheiden, zeugt da von vorauseilendem Gehorsam, der den Privatsendern zutiefst wesensfremd scheint. Dort läuft die kleine Horrorshow Harry Potter weiter fleißig nach dem Mittagessen, entschärft nur durch ein paar geschickte Schnitte.

Auf dem Recyclinghof: Das TV-Jahr 2014

TV-neuDas Frischjahr

Fußball & Olympia, Stefan Raab & Dagmar Manzel – das neue Fernsehjahr hält nur dann mehr bereit als das abgelaufene, wenn man genau hinsieht, lange aufbleibt, am besten beides. Wenn die Masse das tut, kann 2014 eigentlich nur einer Marktführer werden, in jeder Zielgruppe: ZDFneo. Theoretisch. Ein Ausblick.

Von Jan Freitag

Es ist aber auch zu blöd für Programmplaner, wie schwer sich Fernsehen planen lässt. Unter all der öffentlich-rechtlichen Harmlosigkeit und kommerziellen Brachialunterhaltung, den peinlichen Wettsofaparaden und gebrauchten Privatshows hatte das abgelaufene TV-Jahr seine besten Momente immer dann, wenn das Weltgeschehen selbst Regie führte. Die Papstwahl etwa, der im März 6000 Reporter vor Ort beiwohnten, viele davon fürs Dutzend deutscher Sender. Oder die des Bundestags, der im TV-Duell Stefan Raabs respektables Debüt als, nun ja, Journalist vorausging. Dazu ein Frühjahrshochwasser, dem die ARD elf Brennpunkte plus sechs mit Herbststürmen widmete. Das war spannendes Fernsehen. Und weil meteorologische Extranachrichten die politischen insgesamt ums Doppelte übertrafen, sei hier noch auf Mariette Slomka und Sigmar Gabriel im heute-journal verwiesen; wie sich die Streithähnchen live zum SPD-Mitgliederentscheid zankten, war noch größeres Entertainment als Katja Riemann beim Rangeln mit dem entnervend schlichten DAS!-Moderator Henning Baumgarten.

Nur schade, wie gesagt, dass so etwas selten in Programmzeitschriften steht. Die vermelden folglich auch 2014 viel Gebrauchtware in neuer Verpackung, dazu die üblichen Verdächtigen und nur gelegentlich ein paar ungewohnte, die allerdings im Land der Drehbuchdichter und Krimidenker notorisch auf Täterjagd gehen. Und es mag zwar bereits 21 Tatort-Teams geben; wenn im Herbst das 22. aus Nürnberg hinzukommt, lässt dessen Besetzung doch aufhorchen: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs. Besser geht’s kaum. Mal gucken, ob es nüchterne Aktenwühler werden wie in Köln, Bremen, Wien. Oder zielgruppentaugliche Witzbolde à la Til „Kawoom“ Schweiger als Nick „Pow“ Tschiller und das Duo Ulmen/Tschirner, die ihre Weimarer Posse nun doch weiterdrehen dürfen. Irgendwo dazwischen jedenfalls könnte Katja Riemann liegen, der ein schwäbisches Tatort-Event angeboten wurde. Noch so eine alte Bekannte.

Womit wir zurück beim Thema Recyclinghof TV-Programm sind. Biopics über Hannelore Kohl, das Würzburger Justizopfer Harry Wörtz oder Bayern Münchens Ehrenpräsident Kurt Landauer belegen ja allein in der ARD ab Frühling, dass Filmporträts mit realem Hintergrund auch 2014 wieder einen gehörigen Teil der Gebühren verbrauchen werden. Zumal es auch im Dokudrama zur Spiegel-Affäre, zum Grundgesetz (mit Iris Berben) und zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs vor allem berühmte Gesichter sind, die Zeitgeschichte unterhaltsam machen sollen. Diesem Sog der Wirklichkeitsfiktion fügt das ZDF im Februar den Wagner-Clan hinzu und später ein Dokudrama zum Attentat von Sarajewo mit Heino Ferch, während Sat1 den Rücktritt Christian Wulffs adaptiert und RTL, nein – die versenden wie eh und je ihr risikoarmes Plastikentertainment zwischen Cobra 11 (mit dem neuen Sprengmeister Vinzenz Kiefer) und Gottschalks Klassentreffen ab Februar, wo alte (Schul-)Kameraden raten. Innovationen? Wagemut? Gar Scheitern als Chance?

Fehlanzeige!

Dafür sorgen schon die Buchhaltungen jener Sender, deren Führungsetagen entweder dem Parteienproporz gehorchen oder von Management-Units durchsetzt sind. Fernsehbesessenen wie einst einem Helmut Thoma gibt es darin kaum noch, weshalb betriebswirtschaftlich das alte CDU-Credo herrscht: Keine Experimente! Warum sollte es da dramaturgisch anders zugehen als in der Nachkriegszeit, wo sich das kampfesmüde Verlierervolk lieber sedieren als fordern ließ. So gilt bei RTL abseits von Bauersfraudschungelcastings mit oder ohne Rach ein schicker Knastarzt und Henning Baum als Götz von Berlichingen als kreativ. Auf Pro7 gibt es wie gehabt Raab aus allen Rohren und Elton bei der Millionärswahl. Sat1 schickt die Heimatfilmstars Diana Amft und Josefine Preuß in flache Primetimegewässer, durch die nun Sascha Hehn das Traumschiff steuert, was ähnlich anspruchsvoll ist wie der nächste Schmunzelkrimi im Ersten, bald auch aus Bochum.

Sieht man mal vom ARD-Mittwochsfilm ab, der 2014 für viel Güte sorgen wird. Lässt man die tollen Nischenkanäle kurz beiseite, wo ZDFneo endlich eine eigene Serie produziert. Ignoriert man überdies Neues aus der Anstalt, das mit den Kamikern Max Uthoff und Claus von Wagner den satirischen Umbruch wagt. Und vergisst auch, dass etwas Furioses wie Weissensee noch 2014 ins Finale gehen könnte, dass Polizeirufe oft die besseren Tatorte sind und zu Weihnachten sicher wieder ein paar wunderbare Märchenadaptionen entstehen, Till Eulenspiegel als Zweiteiler inklusive, dann bleibt an echter Aufregung vor allem dreierlei: Sport, Sport und Sport.

Allein 240 Stunden davon zeigen ARZDF live aus Sotschi. Die Dauersause aus der Diktatur garnieren sie zwar mit ein paar dokumentarischen Bedenken zu Putins Spielen, senden insgesamt aber eher gesinnungsfrei. Außerdem läuft noch irgendwas richtig Dickes in Brasilien. Was genau wird unter all den Bau- und Korruptionsskandalen der Fifa zwar zusehends egal. Die Sendezeit wird es ab Anfang Juni aber ebenso üppig füllen wie so manches Konto im globalen Spiel der Megaeventvermarktung. Und das Publikum? Wird sich da mit Grausen abwenden. Wird dem banalen Overkill die kalte Schulter zeigen. Wird Dinge ohne Dreck am Stecken, dafür mit Niveau sehen. Deshalb wird die fraglos brillante Echtzeitstudie 24 Stunden Jerusalem im April auf Arte nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstands zum Quotenkrösus 2014. Und Marktführer wird weder WM noch Olympia, nicht Germany’s Next Topmodel oder Wetten, dass…?. Nein, ZDFneo. Garantiert.