Ron Jeremy: Pornostar & Schmuddelimage
Posted: May 6, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDer größte Lover aller Zeiten
Auch mit gut 60 Jahren ist Ron Jeremy ein Superstar des globalen Porno. Niemand hat so viele Sexfilme gedreht wie der haarige New Yorker. Für die Goldenen Jahre des Genres steht er daher wie sonst nur Linda Lovelace, deren Leben 2013 verfilmt wurde (11. Mai, 22.15 Uhr, ZDF). Anders als das gefallene Sternchen aus Deep Throat hat es Jeremy allerdings als einer der wenigen Darsteller zu Reichtum gebracht. Porträt eines Getriebenen des lukrativen Treibens.
Von Jan Freitag
Sex und Lüge sind Geschwister. Ob zur Anbahnung, Durchführung oder Nachbereitung erotischer Erlebnisse jeder Art – stets ist die Unwahrheit mit im Liebesspiel des Größerlängerbesserhärterzarteröfter. Und wenn dann noch einer wie Ron Jeremy behauptet, 4000 Frauen im Bett gehabt zu haben, auf Tischen, Stühlen, Bänken, Straßen, Stränden, Stahlträgern, wer weiß wo, dann scheint das Blendwerk perfekt. Mit Schmerbauch, Doppelkinn und ergrautem Schnauzer hat der winzige Kerl schließlich in etwa die sexuelle Attraktion eines Mopsterriers. Und das soll der größte Lover aller Zeiten sein?
Er ist es und Ron Jeremy hat Beweise. Besser: halb so viele wie die Anzahl seiner Gespielinnen und einer steht sogar im Bestleistungskompendium der Welt, dem Guinnessbuch. Mit 1750 Rollen in Pornofilmen ist Ron Jeremy dort verzeichnet und es kommen auch in einem Alter neue hinzu, da viele Männer auf Penetration zu verzichten beginnen. Erst kürzlich gab es wieder einen. Jeremy lacht: „Sobald ich für einen Ständer Viagra bräuchte, ziehe ich mich aus dem Pornogeschäft zurück“. Noch muss er nicht, behauptet er. Wie gesagt: Wir befinden uns im Kosmos der Sexualität, der professionellen zumal. Es ist ein Märchenland. Genau so muss dem 62-jährigen Amerikaner das Leben vorkommen, seine Arbeit, sein Ruhm und vor allem: dieses Stehvermögen. „Bin ich ein verdammter Glückspilz oder was?“, lautet die rhetorisch gemeinte Frage in seiner Biografie, gänzlich unbescheiden mit Ein Mann und viertausend Frauen betitelt, „es ist noch nicht mal Mittag und ich habe schon Sex mit 14 Frauen gehabt“.
Nun ist hier die Rede von Pornografie. Harter Pornografie. Ein System extremer Ausbeutung, an dem zumeist nur eine winzige Minderheit der Beteiligten gut verdient. Und wenngleich Jeremy, in gewisser Weise ihr Uropa, lieber arglos von „Erwachsenenfilmen“ spricht, die ein gigantisches Publikum finden, ist ihr Ruf unterm Strich erbärmlich. Porno steht für Frauenverachtung, Ausbeutung, Verrohung und Warenförmigkeit, für Ekel, Gewalt, ja Prostitution und Unterwelt. Ein Männergewerbe voller Sklavinnen, klagen nicht nur Feministinnen. Ron Jeremy sieht es, nun ja, differenzierter. Und das wirft vor allem auf die deutsche Sexindustrie kein gutes Bild. Hier würden die richtig harten, grenzwertigen, die „perversen“ Filme gedreht, sagt er und tut dies ohne Groll. Sein Credo ist das der Toleranz. Solange kein Zwang herrscht… Dennoch: er selbst mache „nur lustigen Blümchensex“.
In der Tat, denn als knallharter Macho hat er trotz seiner dichten Körperwolle, die ihm den Spitznamen „der Igel“ einbrachte, nie getaugt. Auch nicht zu Beginn seiner Karriere, Ende der Siebziger, als er noch äußerst durchtrainiert war und der Hardcore seinen kurzen Stopp im Mainstream feierte. Werke wie Deep Throat oder Behind the green Door vertausendfachten locker ihre Produktionskosten an den Kassen, Darstellerinnen wie Linda Lovelace oder Marilyn Chambers waren Superstars, „Porn Chic“ katapultierte nicht nur die offene Ejakulation in Frauengesichter auf die Leinwände großer Kinosäle, sondern inhaltsreiche Drehbücher, fürstliche Budgets, reichlich Drehzeit und echte Requisiten an den Set. Porno war angesagt und da kam ein charismatischer Bursche mit grünen Augen und viel Humor aus New York gerade recht, der seinen Höhepunkt perfekt terminieren konnte und mit einem Viertelmeter im Schritt bestückt war. „Fünf Zentimeter … überm Boden“ – so pflegt er die Länge seines Gemächts zu beschreiben. Gern auf Kleinkunstbühnen, die er seit 20 Jahren als Stand-up-Comedian erfreut.
Als er noch Ronald Jeremy Hyatt hieß, wollte der studierte Theaterwissenschaftler und ausgebildete Sonderpädagoge richtige Rollen haben, natürlich. Dass er es am Ende auch vollständig bekleidet in 60 Filme geschafft hat, spricht Bände über den Rang der Pornografie. Die Talkshowtingelei einer Gina Wild oder Jenna Jameson ist dafür so beredtes Zeugnis wie Ron Jeremys Engagement für die Tierschutzorganisation Peta oder zahllose Fotos im Innern seiner Biografie, die ihn Wange an Wange mit Berühmtheiten von Dustin Hoffman bis Sting zeigen. Jeremy ist Kult, ein Klavierspielender Charmeur aus gutem Hause, einer der alten Schule, als Porno noch Niveau besaß. Behaupten seine Fans.
Ihr dienstältester Hengst hat beides erlebt, gestaltet, geprägt: Qualität und Quantität, millionenschwere Überhöhung als Kunstform und milliardenschwere Fließbandproduktion mit standhaften Männern, vor allem aber gefügigen Frauen als Gebrauchsgegenstände einer gnadenlosen Verwertunglogik, die völlig zu Recht den feministischen Zorn auf sich gezogen hat und immer noch zieht. Dank eines Nacktfotos im Playgirl war er 1978 in die Horizontale geraten und aus Rücksicht auf seine jüdischen Eltern ohne Nachnamen liegen geblieben. Sein Kontostand indes ging stetig in die Höhe. Als Ergebnis harter Arbeit, wie er betont. „Wir machen das nicht zu unserem Vergnügen, sondern zu eurem“. Für Romantik sei so wenig Platz wie für privates Liebesglück, das weiß er, das beklagt er, das will er erst ändern, wenn er mal eigene Kinder hat und glaubt doch gleichsam, den Spaß am Sex nie zu verlieren – daheim und am Set. Schließlich hat er eine Mission. „Ich bin doch der lebende Beweis dafür“, sagt der Weltrekordmann und lacht laut auf, „dass jeder Mann eine Chance bei Frauen hat“.
Der Mensch
Ron Jeremy, 1953 als Ron Jeremy Hyatt in New York geboren, hat in mindestens 1700 Pornofilmen mitgespielt, mehr als jeder andere Darsteller. Der studierte Theaterwissenschaftler und Sonderpädagoge ist seit 1978 in der Szene. In über 100 Pornofilmen hat er selbst Regie geführt und in 60 Nichtpornos mitgewirkt, u.a. bei Killing Zoe und Studio 54. Ron Jeremy lebt allein in New York.
Und das Buch
Ron Jeremy – Ein Mann und viertausend Frauen. Die Autobiografie des größten Pornostars aller Zeiten. Mit Eric Spitznagel. 336 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 14,90 Euro
Barflies, Clubsterben & Widerstand
Posted: May 2, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Echt von Pappe
Weil viele alte Kneipen und Clubs der vermarktbaren Stadt weichen, bauen die BarKeepers sie detailgetreu in Schuhkartongröße nach. Als Denkmäler des Kahlschlags. Ab Samstag sind drei davon in einer alten Altonaer Bedürfnisanstalt zu sehen – im Rahmen des Projekts BAR 500, das ebenfalls mittrauert, um den Verlust lebendiger Ausgehkultur.
Von Jan Freitag
Irgendwas stimmt nicht, in diesem Club. Die Gitarre vorm Verstärker hat keine Saiten und die Tür zum Klo ist zu schmal, das rotweiße Spendenschiff für Seenotopfer auf dem Tresen erinnert an Origami und der Barhocker davor – sind seine Beine nicht aus Elektrokabel? Sie sind, denn das hier ist nicht die echte Astra-Stube, sondern ein Duplikat im Schuhkarton, detailversessen, maßstabsgetreu, süß! So oder ähnlich lautet oft die Reaktion auf den Miniaturclub.
Doch Miniatur macht nicht nur Kinder froh, Miniatur hat auch PR-Potenzial. In Kombination mit „Wunderland“ zieht das Prinzip Verkleinerung kilometerlange Warteschlangen durch die Speicherstadt. Es heißt, mancher Reisebus biege eigens wegen der Eisenbahnwelt in die Original-Stadt ab. Die geschrumpfte Astra-Stube allerdings steht nicht im Miniatur Wunderland, sondern 20 Fahrradminuten entfernt. Und ihre Existenz en miniature steht auch nicht für den schönen Schein der örtlichen Eventkultur, sie ist Teil der Kritik: An Profit, statt Inhalt, an der Marke Hamburg, an Gentrifizierung und ihren fatalen Folgen für eine lebendige Subkultur.
Seit Samstag nun wird sie ausgestellt, fast zwei Wochen lang, in einer umgewidmeten Ottensener Bedürfnisanstalt, mit zwei anderen Bars, die mittlerweile das Zeitliche gesegnet hat: Egalbar, bis zum Abriss vor drei Jahren ein Refugium gediegenen Betrinkens im hippen Karoviertel. Und Meanie Bar, vorm Planieren der Essohäuser eine Art Wohnzimmer des Molotow darunter. Im Rahmen des Happenings BAR 500 werden die drei Basteleien des Künstlerinnenkollektivs BarKeepers zu „Musik, Fotografie, Reden, Auflegen. Und Alkohol“, wie es in der Ankündigung heißt, gemeinsam mit den gesammelten Flohmarktfotos von Jochen Raiß und dem Project.Egalbar ausgestellt, in dem Nils Emde und Elena Getzieh das Originalmobiliar gerettet und zur mobilen Gedenkkneipe konserviert haben.
Im Zentrum aber stehen – zumindest atmosphärisch – die liebevoll gestalteten Kartons der BarKeepers. Jedes Graffito am Türrahmen, jede Flasche im Regal, jeder Regler am Mixer aus Pappe, Kleber, Kronkorken oder Strohhalmen – eine Bastelei, die viel Leidenschaft, noch mehr Durchhaltevermögen und einen Schuss Irrsinn erfordert. „Die Egalbar war seit Jahren meine eigene Hausbar“, sagt BarKeeperin Dani Freitag, die den Verlust ihrer zweiten Heimat in zahllosen Stunden Reproduktionsarbeit kompensierte.
Doch aus der nächtlichen Schnapsidee einer hauptberuflichen Pädagogin entstand bald das Konzept kleiner Denkmäler. Modellbau als Erhaltungsmaßnahme, Erinnerungsräume im Diorama, batteriebeleuchtet, aber menschenleer. „In Hamburg wird die gewachsene Stadtteilkultur im Zweifel immer geschäftlichen Interessen untergeordnet“, meint Dani Freitag. Was schmutzig, laut und stromlinienfern sei, passe nicht zur „Marke Hamburg“. Mit jedem Club, jeder Bar, heißt es arg pathetisch auf der Homepage, fiele „eine jahrzehntelang gewachsene Begegnungs-, Besäufnis- und Subkultur“ fort. Und damit die „Patina aus altem Schweiß und Nikotin, alte Tresen, die unendlich viele Klagewehen an Barkeeper und, seltener, Barkeeperin gehört haben, kleine Bühnen auf denen semi-professionelle Kollektive ihr Herzblut vergossen haben“. Solche Sehnsuchtsorte im Kernschatten prospekttauglicher Touristenziele zwischen Landungsbrücken und Schanzenviertel will sie erhalten. Und sei es daheim im Regal.
Dafür minimiert die 42-Jährige, die ihr halbes Leben in St. Pauli lebt, nicht nur verkleinerungswürdige Gaststätten, sie hat das plastische Projekt auch zweidimensional erweitert. Als ihre Egalbar im Maßstab 1:32 stand, bat sie eine befreundete Fotografin um professionelle Bilder. Aus identischer Perspektive hat Alexandra Grieß eine Art Dialog zwischen Original und Fälschung erzeugt. Man kann ihn leicht nehmen, als Miniatur Wunderland für Fans pittoresker Basteleien. Oder schwerer, als Kampf für eine bedrohte Spezies: die Nachbarschaftskneipe.
Denn davon sind weit mehr bedroht als Kiezclubs mit klangvollen Namen wie die Kogge an der Bernhard-Nocht-Straße, deren Existenz notorisch gefährdet ist. Sie heißen eher Karins Treff und verschwinden ohne Getöse aus dem Dunstkreis des Entwicklungsgebietes Reeperbahn. Auch Kiek ut und Lucky Star haben im aufgewerteten Hamburger Berg keine Lobby. Sie heißen Bei Erna und wurden in einer Ladenzeile an der Kleinen Freiheit so lange von kreativen Startups umkreist, bis die Pacht zu teuer geriet. Jetzt stehen die nächsten Werber Schlange.
Und sie werden Lehrstellen hinterlassen. Wie jede Bar, die künftig das Karoviertel verlässt. Der Sanierungsbeirat versucht zwar mit viel Einsatz, Einzelhandelsketten und Outlet-Stores aus dem Quartier zu halten. Doch die drei Grundprinzipien jeder Neubesetzung heißen, wie ein Mitglied berichtet: „Keine Gastronomie, keine Gastronomie, keine Gastronomie.“ Der Nachschub an Miniaturvorlagen für die BarKeepers scheint also gesichert. Zuvor aber ist die Astra-Stube geschrumpft. Und was ihr widerfährt, klingt symptomatisch für die Situation unkommerzieller Einrichtungen im Bezirk Mitte insgesamt: in gut zwei Jahren fliegt die Kleinbühne nicht nur aus dem Gebäudekomplex der Bahn – sie wird offenbar verfüllt. Mit Beton.
Nicht jeder Laden eigne sich allerdings gleichermaßen für Verkleinerung, sagt Dani Freitag. Von der Stabilisierungssünde unter der Sternbrücke sind zwar drei Clubs betroffen; doch weder Fundbureau noch Waagenbau eignen sich für den Schuhkarton als Referenzgröße. „Zu groß, zu verwinkelt“, sagt Alexandra Grieß, die es schon schwer genug hatte, im Rechteck der reduzierten Astra-Stube zu fotografieren.
Für derlei Graswurzelgastronomie gab es den Kunstpreis der Kurverwaltung St. Pauli. Sein Name ist Programm für die BarKeepers: Goldener Anker. Den könnten so manche Bars und Clubs gebrauchen, die in Hamburg auf der Roten Liste der Off-Kultur stehen, nicht lukrativ genug, zu viel Charme, zu wenig Rendite. So wie die Meanie Bar, das jüngste Objekt von Pappe. In den Esso-Häusern ist seine Geschichte längst Schutt und Asche. Im Club-Museum hat die Kneipe des Molotow seinen Platz sicher. Wenigstens dort.
BAR 500, vom 2.-21. Mai in der Bedürfnisanstalt Ottensen, Bleickenallee 26a, geöffnet mittwochs bis samstags ab 19 Uhr mit Fotografien von Jochen Raiß, Project.Egalbar und Geschichten von Alexander Küpper
Eröffnung am Samstag mit Musik von R.J. Schlagseite
- Mai: Gespräch mit Ulli Müller und Jurij Klauss (Wahre Worte Weiser Wirte)
Katharina Schüttler: Aggressiv & zerbrechlich
Posted: April 29, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ich bin nicht Hedda Gabler…
…aber wenn jemand seine Rollen so intensiv, so glaubwürdig verkörpert wie die Schauspielerin Katharina Schüttler (Foto: Matti Hillig), muss man sich mit Rollenvergleichen arrangieren. Ab Montag ist sie wieder drei Tage lang zur besten Sendezeit als brüchige Nazi-Sängerin in ihrem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter (20.15 Uhr, 3sat) zu sehen. Eine Begegnung in ihrem Prenzlberger Heimatkiez mit Blick auf die halbe Welt.
Von Jan Freitag
Manchmal muss eben die Requisite dran glauben. Wenn eine Rolle sie förmlich durchflutet, wenn eine von der anderen Besitz ergreift, dann tritt Katharina Schüttler schon mal so oft ins Bühnenbild, bis eine Tür zerbirst. „Meine Figur steckt voller Aggressivität“, erklärt sie die kaputte Kulisse bei der Besetzungsprobe zum RAF-Melodram Es kommt der Tag. Katharina Schüttler spürt darin Iris Berben als ihre Mutter auf, die sie einst auf dem Weg in den Untergrund verlassen hatte. „Da konnte ich gar nicht anders“. Manchmal muss auch der Stolz dran glauben. Von fiktiven Häftlingen etwa, mit denen sie als Theaterregisseurin im ARD-Film Schurkenstück ein Dürrenmatt-Werk probt. „Bin ich hier im Kindergarten?“, fragt die zarte Frau da in die harte Runde, und als sie feststellt, „ich werd’ nicht alles mit ihnen diskutieren“, da bröckelt der Hochmut schwerer Jungs aus schweren Verhältnissen hörbar.
Manchmal aber muss Katharina Schüttler selbst dran glauben. Als Hedda Gabler zum Beispiel, die an der eigenen Wut zerbricht, irgendwo zwischen Anpassung und Ausbruch. Sie spielt das sogar ohne Sprache als „Inkarnation der neuen deutschen Patzigkeit“, wie der Spiegel jubelte, nicht mal aufzuhalten von einer Kehlkopfentzündung. Die Stimme als Kollateralschaden ihrer Leidenschaft – es scheint, als müsse stets etwas zu Bruch gehen, wenn Katharina Schüttler ihren Spieltrieb von der Leine lässt. Ob beim Casting, im Film oder auf der Bühne. Die „Kampfmaschine“, wie Iris Berben ihre Kollegin halb anerkennend, halb erschrocken nannte, er steht nicht nur in Flammen, er brennt sich aus. So glaubhaft, so authentisch, dass sie nach dem Ibsen-Erfolg in Berlin zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde: Mit 26, jung wie keiner zuvor. Mit dem Titel kamen Hauptrollen, es wuchs aber auch der Druck. Noch vier Jahre später spricht sie von einer Bürde. Katharina Schüttler hat gelernt sie zu tragen.
„Unter jeder Schwäche liegt eine Stärke“, erklärt sie ein Wirkmuster, das ihr zum Credo geriet, „und unter jeder Schwäche eine Stärke“. Beruflich wie im Leben. Und wie sie das so sagt, beim Latte Macchiato im Trendviertel Prenzlauer Berg ums Eck ihrer Wohnung, wird auch im Privaten die Ambivalenz ihres Zaubers spürbar. In ihrem „Textlern-Café“ redet sie tiefgründig, aber auf bodenständige Weise von sich und ihrer Arbeit. Sie vergöttert das Theater, liebt den Film, schätzt das Fernsehen, pflegt aber keine Dogmen. Sie ist bildhübsch, man muss die Schönheit nur über einige Hürden hinweg entschlüsseln, den zu spitzen Mund, die kindliche Figur, das hypnotische Grün der Augen unterm strengen Scheitel. Katharina Schüttler wirkt durchscheinend, rätselhaft, zerbrechlich. Oberflächlich. Auf den zweiten Blick ist es der emanzipierte, kraftstrotzende, umwälzende Charakter, den sie so spielt. Bis zum nächsten Blick… Sie ist ein Widerspruch in Echtzeit.
Darin ähnelt die 35-Jährige den Schauspielerinnen ihrer Generation: Lavinia Wilson, Julia Jentsch, Hannah Herzsprung. Alle gut gebucht, selbstbewusst fragil, alle eher vertrackt als einfach attraktiv, alle zuhause im seriösen Fach. So verschieden sie besetzt werden: es eint sie das Geheimnis einer Angreifbarkeit, die Angriffe an gläserner Wand abprallen lässt, eine Fertigkeit, zugleich lenkbar und am Hebel zu sein. Niemand beherrscht diese Multifunktionsweiblichkeit der Gegenwart wie Katharina Schüttler. Der Spross einer Kölner Theaterfamilie hat das Wesen des Berufs zutiefst verinnerlicht. Es geht nicht nur darum, eine Rolle gut zu spielen, schon gar nicht, sich mit ihr gemein zu machen, schließlich sei abseits der Bühne „eine total schlechte Lügnerin“. Es gilt, ihr wirklich alle Facetten abzutrotzen. Und Katharina Schüttler trotzt da sehr hart. Mehr Forscherin als bloß Verkörperung, ist sie eine Art Trafo, der die wechselnden Spannungen ihres Fachs ohne Energieverlust nutzbar macht: Den schwangeren Spät-Teeny (Sophiiiie!) so wie Marcel Reich-Ranickis Frau Tosia (Mein Leben), die blinde Cellistin Elli in Almut Goettes Drama Ganz nah bei dir nicht weniger als die Zeitzeugin Beatrice Rohner in Eric Friedlers Dokumentation Aghet über den türkischen Genozid an den Armeniern. In Titel- wie Neben- und Episodenrollen.
Mit denen ist Katharina Schüttler zufrieden, mit ihrem Metier weniger. Sie wünscht sich andere Filme mit eigener Sprache, mutige wie Ich, Du und alle die wir kennen von Miranda July, Experimentelles für den Mainstream also. „Es gibt in Deutschland so viele tolle Bücher, die nie zu Ende finanziert werden“. Gerade im Fernsehen, sie wird da sehr energisch, herrsche die Diktatur der Quote. In der Tat, denn manchen Film rettet nur Katharina Schüttler selbst vor dem Verriss. Sie schafft das mit dieser Mixtur schwer vereinbarer Teile: Pathos und Vernunft, Larmoyanz und Furchtlosigkeit, Resignation und Willensstärke, Ying und Yang, wie sie es ausdrückt. Nicht umsonst erklärte Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier die Vergabe Hedda Gablers an die Nachwuchsmimin damit, dass sie „eine weibliche Autonomie ohne verkrampften Feminismus“ verkörpert. Es steckt alles in ihr. Das Publikum mag so was eigentlich nicht.
Mit großen Augen im riesigen Gesicht erzählt sie gestenreich aus einem Theater- und Filmleben in einem Theater- und Filmland, das stets auf der Suche nach Schubladen ist. „Auf meiner stand nie jung und wild“, verneint sie das Etikett aller Darsteller unter, sagen wir: 35. „Eher magische Zicke, die nicht mehr süß sein will und radikal aufbegehrt.“ Die linke Braue schnellt wie so oft empor bei der Frage, was davon in ihr stecke: Nichts und alles eben. Sie sei nur ein extrem empathischer Typ, „offen, sehr ungeschützt“. Das könne hilfreich sein, aber auch hinderlich. „Beim Spielen dringt viel in mein Innerstes vor“. Zu viel bisweilen, um die Balance zu wahren.
Darum pflegt sie ihre Schutzräume. Die meisten Figuren „bleiben mir so abstrakt, dass ich mich nur mit meinem Handwerk, nicht der Person in den Dienst der Geschichte stelle“. In der Öffentlichkeit dagegen werde man rasch auf Kunstfiguren zugespitzt, die Eigenarten einer Rolle. „aber ich bin nicht Hedda Gabler“. Eher eine Art Kontrastgel beim Ultraschall, ein Transportmittel. „Wenn das Gerät auf meine Organe blickt, eröffnen sich Aspekte, die ich zu spielen habe.“ Schöne Analogie einer Schauspielerin, die kaum anders konnte, als Schauspielerin zu werden.
Der Vater ist Theaterintendant, die Mutter Autorin, selbst ihr Freund dreht Filme. Und auch wenn beide Geschwister mit Architektur und Ethnologie andere Wege gehen, war ihrer vorgezeichnet. „Ich kann mich an nur einen Ausflug mit meinen Eltern erinnern“, erzählt sie aus ihrer Jugend: Ins Freibad. „Sonst waren wir immer im Theater“. Nicht, dass sie schon als Gymnasiastin Klassiker verschlungen hätte, aber die Bühne besaß von klein auf das, was sie als „große Normalität“ empfand. Kein Wunder, dass sie bereits mit elf vor der Kamera debütierte. Wochenlang neben den Profis am Set, dieses Zugehörigkeitsgefühl – „das hat mich früh erwachsen werden lassen“.
Vielleicht rührt es daher, dass sie so häufig getragene Rollen spielt, nicht frei von Gefühlen, aber im Kern sachlich, am Rande sozialer Brüche und Abgründe, die Schüttlers Karriere kennzeichnen. Das macht eine banale Schwiegermutterklamotte beim Plastikkanal ProSieben fast zum Akt der Befreiung. „Ein wunderbarer Ausbruch“, sagt sie fünf Jahre danach. „Wenn ich im Kino eine Komödie sehe, fühle ich mich hinterher ja auch besser als nach Lars von Triers Dancer in the Dark.“ Nicht dass sie sich um leichte Stoffe bemühe, „aber wenn sie anklopfen und charmant sind, öffne ich die Tür einen Spalt“. Wie einen Fluchtweg aus der unerträglichen Schwierigkeit des Seins, fort vom Ernst ihres Schaffens. Er führte sie schon in körperliche Abenteuerkomödien, aber auch zum Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter, wo Katharina Schüttler eine Sängerin spielt, die im NS-System Karriere macht – elaboriertes, aber durchweg massentaugliches Historytainment, mit globalem Millionenpublikum statt jener 5000 Kinobesucher, die sich schon mal für sie ins Kino verirren. Beides sorgt mittlerweile dafür, dass ihr Stigma ewiger Jugend in fiktionaler Reife mündet.
Noch mit 26 spielte Katharina Schüttler in Wahrheit oder Pflicht ja eine Schülerin. Und ihr Äußeres taugt bis jetzt für die Lolita, mit der die Theaterlaufbahn 2002 Fahrt aufnahm. Dagegen steht ihre Knastregisseurin vergleichbar tief im Leben. Fast wie jene Figur, zu der sie eine Maskenbildnerin mal machen wollte. „Wir waren sogar im Perückenladen“, erinnert sie sich. Bis ihr auffiel, dass eine Mutter nahe 40 viel abstrakter war, als eine Mörderin im eigenen Alter. Sie strich die Rolle. Rein handwerklich könne zwar das Irreale glaubhaft geraten. Aber die reale Fiktion einer Mutter am Scheideweg? „Eher nicht.“
Nicht genug. Nicht für die Ansprüche des Publikums, des Mediums, ihrem Perfektionismus. Dem habe man zu genügen. Punkt. „Wo Leute den Blick fürs Ganze verlieren, fühle ich mich fast verletzt.“ Halbherzigkeit fache ihr Helfersyndrom an, dann greife sie ein. „Wenn ich etwas nicht richtig machen will, kann ich auch am Strand sitzen.“ Schwer zu glauben, dass Katharina Schüttler das kann, fernab von Kamera und Bühne, wo alle Furcht des Alltags von ihr weicht. Bis Anfang des Jahres kannte sie nicht mal Lampenfieber. Dann drehte sie erstmals in Englisch. „Wenn ich auf einer Hochzeit singen soll, bin ich total aufgeregt.“ Beim Spielen aber, da sei sie durch ihre Figur geschützt. Die Bühne, so Katharina Schüttler, „macht mir keine Angst“. Warum auch? Als Elftklässlerin trat sie nach wenigen Tagen ihres Highschool-Jahrs in Florida vor die Theatergruppe und bewarb sich in stotterndem Englisch. Mit Erfolg. Mut, sagt sie „schafft Haltung“. Auch wenn es gelegentlich erschreckt.
Oulu: Winterkälte & Männergeschrei
Posted: April 25, 2015 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Zum Schreien
Wenn das nordfinnische Oulu jeden Herbst bis tief in den Mai unterm Eis verschwindet, steigt seltsamerweise die Lebenslust der Bewohner. Das führt zu den seltsamsten Ideen. Eine davon: Der Chor Schreiender Männer (Foto: Mikko Törmänen). Ein Besuch ohne Ohrenstöpsel.
Von Jan Freitag
Ein Witz also. Mehr gerissen als geboren, mittig zwischen Heiterkeit und heiligem Ernst. So einfach, so kompliziert geht es in Oulu zu mit neuen Ideen. Ob es nun völlig verrückte sind oder ziemlich verrückte. „Restprodukte unseres natürlichen Sarkasmus wie Ehefrauenwetttragen und Stiefelweitwurf“, so nennt Hanna solche Einfälle. „Ausgeburten des sechsten Biers, die es bis zum Morgen schafften“, so nennt sie Petri. World-Air-Guitar-Championchip oder Mieskuoro Huutajat, so heißen zwei unmittelbare Folgen in der nördlichsten EU-Großstadt, wo es winters kaum mal hell wird und der finnische Aberwitz voll zum Tragen kommt. Die Luftgitarren-WM, nebenberuflich organisiert von der Museumsangestellten Hanna Jakku. Und der Chor Schreiender Männer.
Womit wir wieder bei Petri Sirviö wären.
Wenn es belastbare Vorurteile vom Finnen abseits hartnäckiger Legenden um absurden Alkoholkonsum auf Autofähren und einem Hang zu schwermetallischem Krach gibt – hier wirken sie vereint in einer Person, spindeldürr wie Birken im finnischen Januarwind, fast ebenso blass. Und würde sich sein pechschwarzes Outfit nicht so vom beharrlichen Weiß der verschneiten Provinzstadt am Rande Lapplands abheben, man könnte ihn glatt übersehen, wie er in einem betulichen Oma-Café am Markt fette Cremetorte isst und erzählt, was sich am Abend ereignen wird.
Denn da erlebt man den scheuen Familienvater von 51 Jahren in Aktion. Auf der Bühne taut sein spröder Charme auf und mit ihm ein Stück jenes Heimatortes, der Jahr für Jahr im Herbst unter einer Eisschicht verschwindet, die erst Richtung Mai Risse kriegt. Hier ist Petri Sirviö kein anämischer Stadtangestellter, sondern ein heißblütiger Dirigent, der mit zuckender Gestik sein Orchester anleitet. Nur dirigiert er keins mit Geigen, Flügel und Fagott, sondern den Chor Schreiender Männer. Grölende Urviecher allesamt, wie sie wohl nur diese Weltgegend hervorzubringen vermag. Zwei Dutzend sind zur Probe ins schmucklose Schulgebäude gekommen, um Volkslieder, Nationalhymnen, auch mal den Text internationaler Verträge zu üben. Jeder Kerl ein Ton, aus voller Kehle gebrüllt, so inbrünstig, dass Petri Sirviö förmlich im Spuckeregen steht.
Es braucht Phantasie, um dieser Kakophonie Melodien zu entnehmen, aber könnte das eben nicht die Marseillaise gewesen sein? Gar das Deutschlandlied, dem Mieskuoro Huutajat stets dreistrophig zum Ausdruck verhilft? Schwer zu sagen; zu stark lenkt der Eindruck ab vom Inhalt, das Ambiente vom Text. Doch um Erkennbarkeit geht es den bis zu 70 Schreihälsen auf den Bühnen der Welt vom New Yorker MoMa über japanische Opernhäuser bis hin zur Roten Flora in Hamburg nur am Rande.
„Es geht um Atmosphäre, Energie, Entertainment“, erklärt ihr Leiter zurück im Oma-Café, wo leises Klaviergeklimper aus den Ecken tröpfelt. „Und um Abwechslung vom Alltag.“ Denn der, Petri Sirviö bricht seinen zweiten Liter Filterkaffee aus der Riesenkanne am Tresen an, sei zuweilen schon trist, zumal im Frühjahr. Sein Chor aber, so viel zum Klischee von der kreativen Sonnenarmut, ist im Spätsommer entstanden, der am Flachwasserstrand des Bottnischen Meerbusens mit einer Farbgewalt übers Land bricht, als läge es im Alpenvorland. „Mit der Dunkelheit hat der Chor wenig zu tun“, schildert Sirviö eine Idee, die – wie gesagt – eher gerissen als geboren wurde.
Mit einer Handvoll Kumpels, die vor 27 Jahren nicht wegen ihrer Herkunft oder Gene, geschweige denn Mitternachtssonne und Tagesmond auf so absurde Gedanken kämen, „sondern weil derart weit ab vom Schuss die Fähigkeit zum do it yourself wichtiger wird“. Nordfinnen, sagt er mit großer Geste dünner Finger, sind Selbermacher, Anpacker, Lebenskünstler wie dieser Ex-Punk, der Finnlands Heavy-Metal-Kapitale in jungen Jahren mit aufsässigem Hardcore zugedröhnt hatte und auch sonst sein eigenes Ding gemacht. Aber das teilt er ja mit vielen hier. Wer in Oulu den Handwerker ruft, gilt als Zugezogener, ein Südfinne, eher behagliches Festlandeuropa als raues Skandinavien. „Darüber hinaus scheißen wir drauf, was andere von uns denken.“ Eine unerlässliche Eigenschaft für erwachsene Männer mit gewöhnlichen Berufen, denen vor Publikum bis zur Erschöpfung die Gesichtszüge entgleiten als zögen sie in mittelalterliche Schlachten.
Man spürt diese Mentalität, wenn sich Papio unversehens zu seinem Dirigenten setzt und vom Chor erzählt, besser: schwärmt. „Ich kann da ohne Rücksicht auf alles Dampf ablassen“, erklärt der Lehrer für Physik und Mathe, dem man leichthin abnimmt, dass er vormittags mit nüchternen Formeln hantiert hat, bevor ihm abends die Augäpfel aus dem Kopf zu springen scheinen. Und seine Nachbarn? Kollegen? Schüler? „Was soll damit sein?“, fragt der Familienvater nahe der 60 zurück. „Das hier ist Oulu.“ Tiefste Provinz. Eine Stunde Autofahrt bis Lappland, zwei weitere bis Rovaniemi, zum Weihnachtsmann. „Hier freut man sich über jede Kultur.“
Besonders jetzt.
Jahrhunderte lang galt die „weiße Stadt am Meer“ als grüne Lunge Nordfinnlands. Ein blühender Garten im Sommer, eine glitzernde Perle im Winter. Verwegen, idyllisch, holzbebaut, oft brandgebeutelt, bald betonverschandelt, noch immer wunderschön. Dann wurde Oulu zur „Nokia-City“, die sich im Handyboom der Neunziger Randgemeinde um Randgemeinde einverleibte und auf heute 200.000 Einwohner wuchs, angezogen auch von all den digitalen Startups, die dem Sog der neuen Technik folgten. Und heute, nach dem verpassten Smartphone-Zug des geschrumpften Weltmarktführers? Ist Oulu bloß noch: die Krisenstadt.
„Auf einmal waren wir eine Art Detroit“, meint Petri Sirviö. Kleiner, aber mit ähnlicher Kehrtwende. Denn wie die deindustrialisierte Motown besinnt sich auch das abgekoppelte IT-Zentrum in der Finanzkrise, die hier mehr eine Telefonkrise ist, auf frische Stärken. Soft Skills, die Petri Sirviö selbst gefördert hat, bevor ihn andere Kulturprojekte zum Jobwechsel nach Helsinki zogen. Mit ihm als Kulturreferent hatte sich Oulu zu etwas gemausert, was ihm selbst fast Schreie entlockt vor Stolz.
Kulturstadt!
Und in der Tat: Wenn er bei beißender Kälte hindurchführt, kriegt man eine Ahnung vom Ort, der neben zwei Dutzend weltbekannter Metal-Bands schreiende Männerchöre und Luftgitarrenwettbewerbe hervorbringt. Für die hippen Tanzclubs ruft der Hauptstadtflüchtling zwar lieber seinen jüngsten Sohn, auch schon 20, an. Den Rest aber findet Papa noch alleine. Eine frühere Kaserne im Wald zum Beispiel, die von 300 Künstlern jeder Art genutzt wird, seit Skater das Gelände erobert hatten. Das betörende Holzhüttenquartier Pikisaari, das den Wandel vom Industrie- zum Künstlerviertel (noch) ohne gentrifizierte Ruppigkeit vollzieht. Die Partymeile Hallituskatu mit ihren Bars, in denen es Rastas, Rapper, echte Gangster gibt. Zwei gut sortierte Plattenläden, in denen der umtriebige Petri flugs ein paar Indie-Vinyls aus den Fächern zieht, die er selbst produziert hat. Und ein paar planquadratisch überschaubare Straßen weiter, vorbei am Kellerclub, der 1988 seinen Chor gebar: Sokkeli, ein architektonisch kühnes Kaufhaus der 1930er, das Sirviö seit 2001 im Stadtauftrag zum Gründerzentrum ausbaut. Sein eigenes Büro ist auch drin, vollgestopft mit allem, was die Schreihälse je produziert haben.
Das indes ist überschaubar. Mieskuoro Huutajat funktioniert nur live. Wenn man die dampfenden Männer in den schwarzen Anzügen direkt vor Augen hat, wenn die Spucke zu Petris Taktstock fliegt, wenn der Magen gegen Deutschlands dritte Strophe rebelliert und der Kopf darüber aufmerksam wird, nachdenklich, vor allem aber: gut unterhalten. In Oulu wird man das ständig. Auftritte des Chors zählen zum Standardrepertoire des Freizeitangebots wie das nächtliche Hockeyspiel auf einer beschallten Natureisbahn mit Meerblick oder unzählige Restaurants, die an einem normalen Abend trotz grotesker Preise auch nach Mitternacht voll besetzt sind.
In solchen Momenten mag Oulus Stadtgebiet, kaum größer als Passau, an Metropolen erinnern – ein klein wenig Kreuzberg, ein klein weniger Bronx, ohne Touristen zwar, den Trubel, die breiten Straßen, das Kosmopolitische. Aber mit sprudelnder Lebenslust, die ein exzentrischer Chor ironisch gebrochen in alle Welt hinaus brüllt, bis jeder den Witz gehört hat. Auch wenn es gar keiner ist.
Anreise: Mit Finnair ab München/Hamburg mit Zwischenstopp in Helsinki ab 236 Euro
Unterkunft: Break Sokos Hotel Arina, Pakkahuoneenkatu 16 im Ortskern, 2 Personen inkl. Frühstück 150 Euro. Info: https://www.sokoshotels.fi/en/oulu/sokos-hotel-arina
Allgemeine Infos: www.visitfinland.com; www.visitoulu.fi
Heino Ferch: Stoizismus & Rückenschule
Posted: April 22, 2015 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentKernige Auster
Heino Ferch zählt zu den erfolgreichsten Schauspielern im Land. Und den umstrittensten. Schuld daran sind Theatralik, Haltung und Männlichkeit, die der Norddeutsche seinen Charakteren oft verleiht. Das tut er Freitag im Ersten auch als Vater eines Sohns, der zur Frau verwandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Schlecht macht er es nicht.
Von Jan Freitag
Die Verschlossene Auster ist ein Preis für verschwiegene Geister. Wem er verliehen wird, der hält es nicht so mit dem Reden. Er pflegt lieber die Aura des Mysteriösen als aufgeweckter Offenheit. In den Medien gilt die Verschlossene Auster daher als Trophäe für Firmen, Leute, Institutionen, die aus Prinzip Geheimniskrämerei betreiben, was keinesfalls nett gemeint ist. Gäbe es den Preis dagegen auch für Schauspieler, er wäre positiver besetzt. Wer nicht gleich nach der ersten Klappe sein Innerstes nach außen kehrt, hält die Spannung schließlich hoch. Sorgt für Überraschungen. Bietet Raum für Publikumsgedanken.
Charakterdarsteller dieses Typs gab es immer mal wieder auch im deutschen Film, und nicht selten konnten sie ihrer Epoche gar in aller Stille einen Stempel aufdrücken: O.E. Hasse zum Beispiel der schwarzweißen. Wolfgang Kieling dem Übergang zur farbigen. Oder ein Hanns Zischler jener Phase, da kommerzielle Sender den öffentlich-rechtlichen reichlich Staub aus den Kleidern klopften. So haben gelernte Theatermimen alter Schule den Übergang in eine neue Filmästhetik mit viel Leib und noch mehr Seele etwas erträglicher gemacht. Womit wir beim jüngsten Vertreter schweigsamer Schauspieler wären: Heino Ferch.
Wann immer das Nordlicht mit der kantigen Optik auf dem Bildschirm erscheint, sinkt darauf sogleich der Schallpegel. Denn während das digitale Zeitalter sein Angebot zusehends auf Krawall bürstet, reduziert Heino Ferch jede seiner Figuren aufs Allernötigste. Kritiker nennen das zwar zuweilen: langweilig. Fiese Spötter gar: öde. Doch wer sich das Werk des Kapitänssohns aus Bremerhaven genauer ansieht, erkennt: Heino Ferch mag „ein Mann der leisen Zwischentöne“ sein, wie er selbst einräumt, einer der mit Understatement statt Exaltiertheit agiert. Doch genau darin hat er seine Bestimmung gefunden und variiert sie zwar oft verschwiegen wie Meeresgetier, in ihrer Nachdrücklichkeit jedoch meist lautstark.
Wie sehr, das belegt heute auch Mein Sohn Helen, wo er einen stabilen Familienvater spielt, dessen 17-jähriger Sohn zur Frau gewandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Das ist oft degetoüblich freitagsschlicht erzählt, aber Ferch tut darin eben, was er tun muss, um ein Film leidlich auf Niveau zu halten: Er gibt seinen Part als Stoiker, der diesmal gar zur Selbstreflexion fähig ist. Das ist eindrücklich gespielt, wie viele seiner Rollen zuvor in wechselnder, aber wesensverwandter Funktion. Obwohl ihm seit seiner ersten Episodenrolle beim Alten vor drei Jahrzehnten ein Serienkommissar – im Land der Todschlagsdichter und Morddezernatslenker die höchste Weihe – verwehrt bleibt, hat er es dabei immer wieder mit Kapitalverbrechen zu tun.
Schon sein Polizeipsychologe Bender ermittelte mit minimalem Gefühlsaufwand gegen einen Wiener Feuerteufel von 1999. In Dror Zahavis Terrordrama München 72 gab Ferch zum 40. Jahrestag des Olympiaanschlags (2012) den Polizeipräsidenten Waldner, der mit stoischer Mine das Antiterrorchaos dirigiert. In Matti Geschonnecks Mord am Meer von 2005 klärte sein Kripomann gewohnt wortkarg ein deutsch-deutsches Uraltverbrechen auf. Im ausgezeichneten Zweiteiler Entführt vom gleichen Regisseur tat er vier Jahre darauf das Gleiche mit dem Tatbestand des Titels. Und wie er da im anthrazitkühlen Anzug durchs eigene Designerappartement stromert, wie er das innere Erstarren am Rande der Depression zum Stilmittel implodierender Anspannung erhebt, schien das die Generalprobe für seine erste echte Reihenfigur zu sein. Vielleicht, der bestens gebuchte Darsteller auf der Suche nach Wegen aus dem Labyrinth seiner Schublade zögert lange mit diesem Wort, „meine Paraderolle“.
Sie heißt Richard Brock. Ein Wiener Psychologe auf den Spuren des Bösen, der den offiziellen Ermittlern immer dann beispringt, wenn klassische Polizeiarbeit an Grenzen stößt. Viermal hat Ferch seiner Figur bereits Leben eingehaucht, indem er es ihr scheinbar entzieht. Viermal brachte ihm die Interpretation des gefühlsmäßig, nennen wir es vorsichtig: limitierten Seelenarztes gute Kritiken und noch bessere Quoten gebracht. Viermal zementierte er damit jedoch auch das Rollenklischee vom schmallippigen Streiter gegen das Schlechte, der sich mit geradem Kreuz Richtung Showdown flüstert.
„Solange ich nicht Quasimodo spiele, wird meine Haltung eine mir eigene sein“, hält der frühere Bundesligaturner, Akrobat und Tänzer gegen und bittet energisch: „Geben Sie mir einen Wallenstein!“ Dann erlebe man seine andere Seite, eine laute, exaltierte, die er als Darsteller diverser Berliner Großbühnen der Achtzigerjahre unter Beweis gestellt hatte. Einsame, stille, verhärtete, Figuren wie Brock wecken zwar sein Interesse, würden ihm aber zu häufig angeboten. Heroische Typen mit Zug zum Guten, wie die Kritik gern spottet. Ferch nennt sie Antihelden. Klassische Helden spiele er gar nicht.
Nicht mehr, muss man hinzufügen.
Nachdem seine Karriere 1997 als Comedian Harmonist erst im Kino und vier Jahre darauf im Fluchtdrama Der Tunnel auch auf dem Bildschirm Fahrt aufgenommen hatte, gab er sie noch regelmäßiger: die Anpacker mit Anstand, Herz oder Muskeln, gern alles zusammen. Den Spiegelsonnenbrillen-General der Berliner Luftbrücke etwa. Heinrich Schliemann auf der Sat1-Jagd nach dem Schatz von Troja. Oder Albert Speer als Gegenpol zum keifenden Hitler in Hirschbiegels Untergang. Derlei Blockbuster mögen Ferchs Ruf als Star des hiesigen Historienmelodrams befördert haben; auf der Strecke blieb im öffentlichen Bewusstsein die Vielseitigkeit.
Daran ändern selbst erfolgreiche Abstecher ins Heitere (Meine schöne Bescherung), Absurde (Vom Suchen und Finden der Liebe) oder Internationale (Napoléon) wenig. Ferch kann die wunderbare Komödie Vincent will Meer noch so furios mit dem Vater eines Autisten bereichern oder Stefan Krohmers Gesellschaftsstudie Verratene Freunde mit einem windigen Unternehmer – sein Ruf bleibt seltsam eingeklemmt zwischen Steward Granger und Bruce Willis, Nachkriegs- und DMAX-Männlichkeit. Nur: warum sollte einer, der seine Mitte gefunden hat, nicht darin verweilen? Anders gefragt: Wer spielt sie denn hierzulande besser – die Standardfigur des Erlösers, der an seiner Mission leidet? „Durchaus gebrochene, auch schwache Charaktere“, sagt Ferch feierlich, „die unter Druck von außen den Weg ins Licht suchen“. Wer also könnte all die Brocks im deutschen Krimi besser verkörpern?
Eben!
Und so ist die Verschlossene Auster, die dem 51-Jährigen gewissermaßen inoffiziell gebührt, auch kein Preis für Verschwiegenheit. Sie prämiert den stillen Gegenpol im aktuellen Reizgewitter: manchmal etwas kernig vielleicht, gelegentlich pathetisch, am Ende in aller Ruhe erfolgreich. „Ich bin gesund, habe zwei wohl geratene Kinder, eine liebevolle Familie, ein glückliches Leben“, sagt das Nordlicht vom Ammersee zum Abschied, „es gibt nichts, das ich zu beklagen hätte.“ Schon gar nicht seine Filme.




