Heino Ferch zählt zu den erfolgreichsten Schauspielern im Land. Und den umstrittensten. Schuld daran sind Theatralik, Haltung und Männlichkeit, die der Norddeutsche seinen Charakteren oft verleiht. Das tut er Freitag im Ersten auch als Vater eines Sohns, der zur Frau verwandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Schlecht macht er es nicht.
Von Jan Freitag
Die Verschlossene Auster ist ein Preis für verschwiegene Geister. Wem er verliehen wird, der hält es nicht so mit dem Reden. Er pflegt lieber die Aura des Mysteriösen als aufgeweckter Offenheit. In den Medien gilt die Verschlossene Auster daher als Trophäe für Firmen, Leute, Institutionen, die aus Prinzip Geheimniskrämerei betreiben, was keinesfalls nett gemeint ist. Gäbe es den Preis dagegen auch für Schauspieler, er wäre positiver besetzt. Wer nicht gleich nach der ersten Klappe sein Innerstes nach außen kehrt, hält die Spannung schließlich hoch. Sorgt für Überraschungen. Bietet Raum für Publikumsgedanken.
Charakterdarsteller dieses Typs gab es immer mal wieder auch im deutschen Film, und nicht selten konnten sie ihrer Epoche gar in aller Stille einen Stempel aufdrücken: O.E. Hasse zum Beispiel der schwarzweißen. Wolfgang Kieling dem Übergang zur farbigen. Oder ein Hanns Zischler jener Phase, da kommerzielle Sender den öffentlich-rechtlichen reichlich Staub aus den Kleidern klopften. So haben gelernte Theatermimen alter Schule den Übergang in eine neue Filmästhetik mit viel Leib und noch mehr Seele etwas erträglicher gemacht. Womit wir beim jüngsten Vertreter schweigsamer Schauspieler wären: Heino Ferch.
Wann immer das Nordlicht mit der kantigen Optik auf dem Bildschirm erscheint, sinkt darauf sogleich der Schallpegel. Denn während das digitale Zeitalter sein Angebot zusehends auf Krawall bürstet, reduziert Heino Ferch jede seiner Figuren aufs Allernötigste. Kritiker nennen das zwar zuweilen: langweilig. Fiese Spötter gar: öde. Doch wer sich das Werk des Kapitänssohns aus Bremerhaven genauer ansieht, erkennt: Heino Ferch mag „ein Mann der leisen Zwischentöne“ sein, wie er selbst einräumt, einer der mit Understatement statt Exaltiertheit agiert. Doch genau darin hat er seine Bestimmung gefunden und variiert sie zwar oft verschwiegen wie Meeresgetier, in ihrer Nachdrücklichkeit jedoch meist lautstark.
Wie sehr, das belegt heute auch Mein Sohn Helen, wo er einen stabilen Familienvater spielt, dessen 17-jähriger Sohn zur Frau gewandelt vom Austauschjahr zurückkehrt. Das ist oft degetoüblich freitagsschlicht erzählt, aber Ferch tut darin eben, was er tun muss, um ein Film leidlich auf Niveau zu halten: Er gibt seinen Part als Stoiker, der diesmal gar zur Selbstreflexion fähig ist. Das ist eindrücklich gespielt, wie viele seiner Rollen zuvor in wechselnder, aber wesensverwandter Funktion. Obwohl ihm seit seiner ersten Episodenrolle beim Alten vor drei Jahrzehnten ein Serienkommissar – im Land der Todschlagsdichter und Morddezernatslenker die höchste Weihe – verwehrt bleibt, hat er es dabei immer wieder mit Kapitalverbrechen zu tun.
Schon sein Polizeipsychologe Bender ermittelte mit minimalem Gefühlsaufwand gegen einen Wiener Feuerteufel von 1999. In Dror Zahavis Terrordrama München 72 gab Ferch zum 40. Jahrestag des Olympiaanschlags (2012) den Polizeipräsidenten Waldner, der mit stoischer Mine das Antiterrorchaos dirigiert. In Matti Geschonnecks Mord am Meer von 2005 klärte sein Kripomann gewohnt wortkarg ein deutsch-deutsches Uraltverbrechen auf. Im ausgezeichneten Zweiteiler Entführt vom gleichen Regisseur tat er vier Jahre darauf das Gleiche mit dem Tatbestand des Titels. Und wie er da im anthrazitkühlen Anzug durchs eigene Designerappartement stromert, wie er das innere Erstarren am Rande der Depression zum Stilmittel implodierender Anspannung erhebt, schien das die Generalprobe für seine erste echte Reihenfigur zu sein. Vielleicht, der bestens gebuchte Darsteller auf der Suche nach Wegen aus dem Labyrinth seiner Schublade zögert lange mit diesem Wort, „meine Paraderolle“.
Sie heißt Richard Brock. Ein Wiener Psychologe auf den Spuren des Bösen, der den offiziellen Ermittlern immer dann beispringt, wenn klassische Polizeiarbeit an Grenzen stößt. Viermal hat Ferch seiner Figur bereits Leben eingehaucht, indem er es ihr scheinbar entzieht. Viermal brachte ihm die Interpretation des gefühlsmäßig, nennen wir es vorsichtig: limitierten Seelenarztes gute Kritiken und noch bessere Quoten gebracht. Viermal zementierte er damit jedoch auch das Rollenklischee vom schmallippigen Streiter gegen das Schlechte, der sich mit geradem Kreuz Richtung Showdown flüstert.
„Solange ich nicht Quasimodo spiele, wird meine Haltung eine mir eigene sein“, hält der frühere Bundesligaturner, Akrobat und Tänzer gegen und bittet energisch: „Geben Sie mir einen Wallenstein!“ Dann erlebe man seine andere Seite, eine laute, exaltierte, die er als Darsteller diverser Berliner Großbühnen der Achtzigerjahre unter Beweis gestellt hatte. Einsame, stille, verhärtete, Figuren wie Brock wecken zwar sein Interesse, würden ihm aber zu häufig angeboten. Heroische Typen mit Zug zum Guten, wie die Kritik gern spottet. Ferch nennt sie Antihelden. Klassische Helden spiele er gar nicht.
Nicht mehr, muss man hinzufügen.
Nachdem seine Karriere 1997 als Comedian Harmonist erst im Kino und vier Jahre darauf im Fluchtdrama Der Tunnel auch auf dem Bildschirm Fahrt aufgenommen hatte, gab er sie noch regelmäßiger: die Anpacker mit Anstand, Herz oder Muskeln, gern alles zusammen. Den Spiegelsonnenbrillen-General der Berliner Luftbrücke etwa. Heinrich Schliemann auf der Sat1-Jagd nach dem Schatz von Troja. Oder Albert Speer als Gegenpol zum keifenden Hitler in Hirschbiegels Untergang. Derlei Blockbuster mögen Ferchs Ruf als Star des hiesigen Historienmelodrams befördert haben; auf der Strecke blieb im öffentlichen Bewusstsein die Vielseitigkeit.
Daran ändern selbst erfolgreiche Abstecher ins Heitere (Meine schöne Bescherung), Absurde (Vom Suchen und Finden der Liebe) oder Internationale (Napoléon) wenig. Ferch kann die wunderbare Komödie Vincent will Meer noch so furios mit dem Vater eines Autisten bereichern oder Stefan Krohmers Gesellschaftsstudie Verratene Freunde mit einem windigen Unternehmer – sein Ruf bleibt seltsam eingeklemmt zwischen Steward Granger und Bruce Willis, Nachkriegs- und DMAX-Männlichkeit. Nur: warum sollte einer, der seine Mitte gefunden hat, nicht darin verweilen? Anders gefragt: Wer spielt sie denn hierzulande besser – die Standardfigur des Erlösers, der an seiner Mission leidet? „Durchaus gebrochene, auch schwache Charaktere“, sagt Ferch feierlich, „die unter Druck von außen den Weg ins Licht suchen“. Wer also könnte all die Brocks im deutschen Krimi besser verkörpern?
Eben!
Und so ist die Verschlossene Auster, die dem 51-Jährigen gewissermaßen inoffiziell gebührt, auch kein Preis für Verschwiegenheit. Sie prämiert den stillen Gegenpol im aktuellen Reizgewitter: manchmal etwas kernig vielleicht, gelegentlich pathetisch, am Ende in aller Ruhe erfolgreich. „Ich bin gesund, habe zwei wohl geratene Kinder, eine liebevolle Familie, ein glückliches Leben“, sagt das Nordlicht vom Ammersee zum Abschied, „es gibt nichts, das ich zu beklagen hätte.“ Schon gar nicht seine Filme.
Padautz! Na das war doch mal eine Sensationsmeldung, die vorige Woche von jahrelang im Untergrund lebenden Schläfern über geheime Tunnelsysteme mehrfach verschlüsselt durchgesteckt wurde: Beim „größten TV-Experiment aller Zeiten“, wie Sat1 zum Start fantasierte, wird der streng wissenschaftliche Feldversuch Newtopia manipuliert! Das legen geheime Bilder über vermeintliche Regieabsprachen des streng feuilletonistischen TV-Intellektuellen John de Mol nahe, was fast so abwegig klingt, als würde jemand bei Scripted Reality Drehbuch schreiben oder die Werbung gelegentlich übertreiben.
Absurd.
Kommen wir also zur Parallelrealität, die gerade zwei Trauerfälle beklagt: das Monitor-Urgestein Klaus Bednarz. Und mit Günther Grass den vorletzten Großliteraten deutscher Sprache mit politischer Strahlkraft neben Martin Walser, was pflichtschuldig zum medialen Kondolenzoverkill mit Gedenkdokus, Rückblicken und Blechtrommel-Wiederholung (aber ohne ARD-Brennpunkt) führte. In ihrer Realität irreal sind hingegen die Quoten des Tatort. Dessen neuer Standort Nürnberg hat es bei eher konventionellen Ermittlungen mit viel Fragerei und wenig Kreativität auf unglaubliche zwölf Millionen Zuschauer gebracht. Na wenn Markus Söder da mal nicht per Zwangseinschaltdekret in Bayern nachgeholfen hat. Der fränkische Chefpropagandist hatte dem Vernehmen nach ja schon vor der Entscheidung zum zweiten BR-Team gedroht, so lange die Luft anzuhalten (oder wahlweise jede Entscheidung aller ARD-Gremien zu blockieren), bis seine Heimat ein Heimteam kriegt.
Die Frischwoche
20. – 26. April
Doch des einen Freud ist des anderen Leid: Kaum sind die hochdeutschen Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs im erstaunlich dialektfreudigen Umfeld auf Mörderjagd, da treten Martin Wuttke und Simone Thomalla von der Leipziger Sonntagsbühne ab, was zumindest im Fall des Fleisch gewordenen Schmollmunds die vielleicht beste Nachricht des jungen Fernsehjahrs ist. Eine nicht so gute ist hingegen, dass das ZDF dem ungeheuer begabten Ronald Zehrfeld mal wieder eine Bomberjacke übergestreift hat. So gerät sein Privatdetektiv Dengler zum Reihenauftakt am Montagabend oft zu jener Klischeefalle, gegen die der Schauspieler ebenso wie seine Kollegin Birgit Minichmayr als Hackerin Olga mühevoll anspielt. Das allerdings tun beide versiert, was auch an Regisseur Lars Kraume liegt, der aus der Literaturverlage um einen unehrenhaft entlassenen BKA-Mann, der als Privatermittler dauernd auf Verfolgungsjagd ist, zwar kein grandioses, aber sehenswertes Stück anspruchsvolles Actionfernsehen macht.
Dennoch sehnen sich anspruchsvolle Zuschauer ja nicht nur nach Krimi mit mehr Niveau, sondern nach Niveau ohne Krimi. Gregor Schnitzlers leichtes Melodram Mein Sohn Helen über einen 17-Jährigen, der vom Auslandsaufenthalt als Frau zurückkehrt, hätte da alle Chancen gehabt – trotz (oder wegen) Heino Ferch als überforderter Vater. Auch das ist allerdings eher bieder geworden als soziokulturell relevant. Degeto eben, Freitagabend im Ersten, so richtig gehaltvoll wird das da nie.
Dann muss man eben zu Arte wechseln, wo das gediegene Sachfilmambiente am Freitag zur besten Sendezeit noch Platz für die charmante Komödie Global Player – wo wir sind, isch vorne lässt. Dutschke-Darsteller Christoph Bach verlagert das Business seines kriselnden Mittelständlers darin nach Fernost und macht das sehr ordentlich. Das trifft auch auf den fabelhaften Mehrteiler Broadchurch zu, der zwar auch wieder einen Mord aufklärt, aber zeigt, wie überlegen angloamerikanische Formate den deutschen selbst auf unserem Fachgebiet sind. Vier Sonntage ab 22 Uhr zeigt das ZDF, wie sich die titelgebende Kleinstadt mit ungeheuer glaubhaften Figuren auf die Suche nach einem Kindermörder ist. Die Darsteller dürfen aussehen wie Menschen statt Models, ihre Dialoge sind authentisch, die Handlungsstränge schlüssig. Ohne die grotesk miese Synchronisation wäre Broadchurch schon jetzt ein Kandidat fürs Highlight 2015.
Ein Highlight 3.0 wird hingegen womöglich Kai Wiesingers Beziehungsreihe Der Lack ist ab, die das Leichtgewicht romantischen Fernsehens gemeinsam mit seiner Freundin Bettina Zimmermann fürs Netz produziert, für Nerds über 40, wie er ankündigt. Der Teaser auf MyVideo klingt immerhin verheißungsvoll. Ein Highlight von 1964 war hingegen die schwarzweiße Wiederholung der Woche am Montag (23.40 Uhr, MDR): Alexis Sorbas mit Anthony Quinn als dickköpfiger Grieche, dessen Filmklassiker dem Drehort eine Hymne namens Sirtaki geschenkt hat, die zuvor niemand kannte. Völlig unbekannt waren auch die Darsteller des farbigen Tipps The Commitments (Dienstag, 22 Uhr, ServusTV) von 1991, das fiktive Porträt einer irischen Band, die später auch im echten Leben Karriere machte.
Jeder 15. der bundesweit 15.000 Schauspieler lebt in Hamburg. Ihr Alltag ist oft geprägt vom Kampf gegen sinkende Etats, schlechte Bezahlung, Arbeitsmangel. Einer von ihnen ist Stephan Möller-Titel (Foto: Malte Jäger). Porträt eines talentierten Hanseaten, der sich so durchwurschtelt – und trotz allem glücklich ist.
Von Jan Freitag
Der Teufel, heißt es, scheißt meist auf den größten Haufen. Man kann Erfolg, der die Erfolgreichen durch seine bloße Existenz nur noch erfolgreicher macht, während sich Erfolglose den Misserfolg teilen, allerdings auch gewählter ausdrücken, theatralischer. Stephan Möller-Titel zum Beispiel bemüht den biblischen Matthäus-Effekt, um sein Schauspielerdasein darzustellen. „Wer einmal groß rausgekommen ist“, sagt er in einer gemütlichen Spelunke auf St. Pauli und zieht tief an seiner Selbstgedrehten, „dem fliegen die Aufträge zu“. Wer hingegen allzu lang darauf warten muss, „wartet häufig vergebens.“ Darauf nämlich, sich die Rollen nicht nur aussuchen zu können, sondern nach Belieben ablehnen, darauf, wirklich unabhängig zu sein in seiner künstlerischen Freiheit.
Stephan Möller-Titel wartet seit rund 15 Jahren.
Damals hatte der Hospitant am Hamburger Thalia-Theater sein „Schlüsselerlebnis“ in einer Branche, die dem Nachwuchs als Himmel auf Erden gilt, aber schnell ein Höllentor ins Prekariat öffnet – unterbezahlt, ausgebrannt, wechselwillig. Während der Neuling von einer Bergedorfer Waldorfschule Ende der Neunziger auf dem Klo von Jürgen Flimms Hochkulturinstitution saß, unterhielten sich zwei ganz Große über jene Bretter, die auch Stephan Möller-Titels Welt bedeuten. Robert Wilson und Lou Reed, erinnert er sich voller Ehrfurcht, der Regisseur und sein Komponist, in Alsternähe vereint zum Literaten-Musical POEtry, „und die reden beim Kacken über meinen Kopf hinweg von allem, was mir wichtig ist“. Da war es um den Anfangszwanziger geschehen.
Endgültig.
Der gebürtige Mecklenburger wurde, was er im Grunde schon kurz nach der Ausreisegenehmigung seiner Eltern 1988 wollte, die ihn über Eckernförde rasch in die Kulturmetropole Hamburg führte. Abi-Theater, Bühnenpraktika, Statisterie, Sprechrollen – für den Psychiater-Sohn deutete längst vieles darauf hin, doch nicht seinem Vater nachzueifern. Erst die Leidenschaft jedoch, mit der da zwei Weltstars von seinen Traumberuf redeten, entfachte endgültig seine. Ein Feuer, das bis heute glüht, daran lässt er auch in der Kneipe nie einen Zweifel, mit seinen stechend blauen Augen im rundlichen Gesicht.
Dabei erwies sich besagter Traum trotz früher Erfolge für den dezent ehrgeizigen Anfänger als ewiger Clinch zwischen Ruhm und Dispo. Mal gewann er eine Etappe, schon ging die nächste verloren, aufrappeln, weitermachen, bis heute. Noch während seiner Ausbildung an der Leipziger Schauspielschule bekam er erste Rollen, ein Engagement Schweriner Staatstheater gar. Und als er zwischendurch seinen ersten Fernsehauftritt hatte, ein Mörder im Polizeiruf, an der Seite Henry Hübchens, schienen ihm nicht nur ein paar Bühnentüren offen, sondern alle.
Dann aber gab er seiner Diplomarbeit 2006 den nächsten Richtungswechsel. Ihr Titel Wie ich hinkam, wo ich herkam lautete nun: Wie ich abermals drehte, zurück nach Hamburg, ass Freiberufler. Und dann? „Kam erst mal gar nix.“ Außer Musik, erst mit seiner Schulband Leilanautik, nun im Duett Sasa & Der Bootsmann. Gitarre und Gesang. Viel Spaß, kaum Ertrag. Egal. Er schweigt kurz. Neue Kippe, die achte in einer Stunde. Dazu mehr Bier, auch das in beachtlicher Frequenz – zumindest an diesem Abend, wo er mal Tacheles redet, über seinen Wunschberuf. Stephan Möller-Titel ist kein Mann mit Vollkaskoversicherung wie die Streber im Pilcher-Personal, das jeden Mist spielt, um präsent zu sein. Der Ostflüchtige indes wird auch weiter westlich von Experimentierfreude getrieben, dem Keim des Glücks. Vor allem aber: Scheiterns.
Er hält sich in der Mitte, immerhin. Solide pendelnd zwischen Auskommen und Nachsehen, Oldenburger Staatstheater und dem Wohnort Eimsbüttel. Randfiguren von RTL bis Tatort finanzieren ihm das geliebte Off-Theater. Mit Solostücken wie der Fluchtparabel Krieg oder ab Donnerstag als Gulliver im Ohnsorg-Studio, wo er selbst die Liliputaner spielt. „Auch Reklame kann Spaß machen“, betont er und schwärmt von Bier-Spots in Kapstadt und Toshiba-PR auf Englisch. „Aber man hat Null Absicherung, krank sein ist nicht“. Fazit: „Das nervt!“
Und nicht nur ihn. Fast 15.000 Deutsche nennen sich Schauspieler, jeder Dritte vor der Kamera, ein paar mehr in den Ensembles der bundesweit 700 Bühnen. Sie alle kämpfen eher ums Überleben als es gelegentlich zu verkörpern. Gut die Hälfte, klagt ihr Hamburger Kollege Hans-Werner Meyer im Auftrag des Berufsverbands BFFS, „leben von weniger als 20.000 Euro im Jahr“. Brutto. Abzüglich Spesen, Agentur, Absicherung bleibt auch für jene 13 Prozent, die es nahe 30.000 schaffen, kaum genug für die Miete. Schon gar nicht in der teuren Film- und Theaterstadt Hamburg mit all ihren Studios, Bühnen, Produzenten und an die 1000 professionellen Darstellern. Ihre Mehrzahl muss sich mit dem begnügen, was Großkaliber wie Bleibtreu, Hoger, Charly Hübner von sinkenden Etats übriglassen. Während fünf Prozent sechs- oder mehrstellig verdienen, bringt es die Masse selten auf 20 Drehtage à 750 Euro Tarif, den der BFFS 2013 ausgehandelt hat. Und die erfordern auch noch das Fünffache an Vor- plus Nachbereitungszeit. Am Theater ist es noch schlimmer. „1550 Euro Einstiegsgehalt“, empört sich Möller-Titel in breitem Hamburgisch, das seine Enden jedoch theatralisch korrekt behält, „mein Vetter verdient als Automechaniker mehr“.
So sei sein Berufsstand mit Lebensanstellungen und Topgagen zum „fahrenden Volk“ verkommen. Dabei sah es auch bei ihm mal besser aus. Im Baader-Meinhof-Komplex knallte er 2008 Hanns-Martin Schleyer ab, lernte am Set – „schwer bewaffnet“ – Sandra Borgmann kennen, ebenfalls aufstrebend, bald Mutter seines Kindes. Es gab Angebote, Mörder und Irre wurden zur Marke, mit Anfang 30 lief es – und doch nicht aufwärts, zwar voll Hingabe, aber kaum lukrativ, viel unterwegs, nie auf rotem Teppich. „Wenn man sieht, mit wie wenig Talent manche Kollegen Erfolg haben“, sagt der begabte Bühnenberserker beim letzten Bier, könnte man echt zynisch werden. Tut er aber nicht. Stephan Möller-Titel macht weiter, „es reicht ja“, wenngleich schon wieder nur für den Nebenraum der Ohnsorgs, der dem Miniaturstück zwar atmosphärisch angemessen ist, aber eben eher Off-Bühne als Großes Haus. „Ach, ich bin auch so glücklich.“ Auf den Brettern seines Lebens.
Wer sich dieser Tage ins erwachende Grün des Frühlings begibt und den richtigen Soundtrack sucht, wäre mit San Cisco nicht allzu schlecht bedient. In ihrer australischen Heimat ist zurzeit Herbst, die schönste Jahreszeit dort, deren Hitze nicht mehr den Pelz verbrennt, also eher gemütserhellend als krebsfördernd wirkt. So gesehen klingt das Quartett aus einer süßen Küstenstadt nahe Perth auch auf dem zweiten Album mit dem gottgefälligen Titel Gracetown wie ein Halleluja auf die Schönheit der Schöpfung.
Anders als beim selbstbetitelten Debüt vor drei Jahren kommt nun allerdings leicht verfeinertes Songwriting hinzu, das dem hübschen Indiepop mehr Tiefe verleiht. In ihrer Mehrheit erinnern die zwölf Stücke zwar immer noch an digitalisierte Beach Boys mit Mädchengesang; doch schon die Singleauskopplung Run steigt zu Beginn kurz vom Surfbrett in die Büsche am Dünenrand, wo es vorbei an der rosafarbenen Strandhütte vom Cover über ein paar Dornen hinweg Richtung Electroclash geht, der hier die Freiluftdisco planiert. Gute Musik kann so unkompliziert sein.
San Cisco – Gracetown (Embassy Of Music)
Itchy Poopzkid
Unkomplizierte Musik kann aber auch ziemlich gut sein. Seit zehn Jahren pressen Itchy Poopzkid ihren Eins-Zwo-Drei-Vier-Karohemdrock mit Doppelgesangschorälen zu mal mehr, mal weniger vertrackten Riffs auf Platte und ihre neue mit dem numerischen Titel SIX fügt den fünf vorherigen jetzt auch keine bemerkenswerte Wende hinzu. Doch was immer die drei Schwaben auch anpacken – es ist geschmeidiger Indie mit etwas Surfpunkeinfluss nebst Alternativetendenzen, die allesamt niemandem wehtun, aber gerade live zum Stagediven und Mitgrölen animieren. Wobei – Mitgrölen; hier hakt es bei Itchy Poopzkid, seit jeher.
Die Band ergeht sich einfach zu sehr in Ohohoh-Refrains wie bei der Single-Auskopplung Dancing In The Sun. Die Gitarren auf Schritthöhe gehängt, wächst da der Eindruck, die drei machen es sich da zuweilen ein wenig einfach. Und das, wo sie es sich an anderer Stelle unnötig kompliziert machen: Beim Vokabular. Ihre behaglich sozialkritischen Texte auf Englisch zu singen, klingt doch allzu oft, als läge beim Dichten das Dictionary auf dem Verstärker. Und die arg deutsche Aussprache des Ganzen macht das Ernstnehmen nicht leichter. Aber auch SIX ist eben ein Album für die Beine, nicht den Kopf. Und in denen fühlt es sich wie immer großartig an. Also Karohemd an, Knöpfe auf, Vans drunter, rauf auf den Moshpit!
Itchy Poopzkid – SIX (Findaway Records)
Squarepusher
Dorthin gehört auch die Zuhörerschaft von Squarpusher. Und nirgendwo sonsthin. Könnte man meinen. Die Hälfte seiner 40 Jahre macht der bassversessene Produzent aus dem südostenglischen Essex eine Art Electronica, die das Gehirn beim Konsum so durchrührt, dass es als Spaßkonzentrat in die Beine sackt und Amok läuft. Drill’n’Bass nennt sich die Variante des ungeheuer schnellen, aber klügeren EDM mit “Intelligent” statt “Electronic” vor “Dance Music”. Dass man sich auch das gefühlt 20. Album aus dem Hause Warp weit jenseits irgendwelcher Tanzflächen anhören kann, hat daher ganz besondere Gründe.
Denn wie die meisten Platten zuvor, enthält auch Damogen Furies nicht nur eine endlose Zahl aberwitziger Soundkonstruktionen zwischen 60 und 200 bpm, sondern mehr noch den ganzen Kosmos dessen, was sich elektronisch an Musik generieren lässt, ohne die Möglichkeiten der Synths und Sequencer um ihrer selbst willen auszutesten. Squarpusher alias Thomas Jenkinson ist ein Forscher, der die Grenzen seines Genres permanent auslotet – und sein Publikum damit dennoch zum Ausrasten bringt. Nichts für stille Lesestunden im Kaminzimmer also, aber auch weit über den Club hinaus von Wert. Durchgeknallt. Fabelhaft!
Er hat schon diverse Kanzler verkörpert, dazu Minister und mit Christoph Schlingensief eine Partei gegründet. Als Schauspieler jedoch steht Bernhard Schütz auch nach vielen Jahren im Geschäft nur im zweiten Glied, zumindest vor der Kamera. Als desillusioniertes Politfossil Eichwald, MdB rückt der Rheinländer nun endlich an die Spitze eines grandios bissigen Vierteilers über die Berliner Republik und erzählt, wie es dazu kommen konnte.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Schütz, Ihr windiger MdB Eichwald lädt vermutlich jeden Zuschauer zum heiteren Parteienraten ein. Welcher gehört er so ungefähr an?
Bernhard Schütz: Was meinen Sie denn?
CDU, alter Blüm-Flügel.
Da müssen Sie sich zweierlei bewusst machen. Grad die Volksparteien machen längst keine Politik mehr, die entlang der alten Grenzen erkennbar ist. Und Eichwald, MdB ist Science Fiction in der Art Stanislaw Lems, wo es kein Oben, kein Unten gibt. Die wissen selbst nicht so genau zu welcher Partei sie gehören. Ich würde also sagen: linker Flügel CDU oder rechter der SPD.
Geht es im Vierteiler denn um dieses Ratespiel?
Es geht eher um eine die Bonner Republik in Berlin. Eichwald ist in der alten BRD groß geworden, Bochum II, als es noch echten Streit gab, Wehner gegen Strauß, Politiker, die ihr Mandat noch als echten Beruf im Sinne Max Webers aufgefasst haben, mit Arbeiterkindern von der SPD und Beamten in der Union
Wo sehen Sie sich als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau?
Mein Vater kommt aus Wuppertaler Lehrerverhältnissen, aber meine Mutter ist tatsächlich Duisburger Arbeiterklasse, ihre Mutter alleinerziehen mit sieben Kindern, Stahlindustrie. Dennoch war sie CDU, wenngleich frauenbewegt.
War ihre Kinderstube politisch geprägt?
Schon. Meine Mutter war Kommunalpolitikerin, mein Vater hat als Soldat noch die letzen Kriegswehen erlebt, alte Schule. Er war mit 18 in Gefangenschaft, sah das Berliner Schloss brennen, das hat seinen Umgang mit Politik geprägt. Ich hingegen war Kriegsdienstverweigerer, Atomkraftgegner, meine Freunde waren alle Trotzkisten, die RAF spielte eine Rolle. Politik hat mich immer bewegt.
Sind Sie auch aktiv politisch?
Wenn Politik überall stattfindet, wo man Einfluss nehmen kann, vom Arbeitsplatz bis ins Private – dann ja. Politische Dynamik entsteht meiner romantischen Ansicht nach überall, wo jemand seine Kraft nach den eigenen Möglichkeiten fürs Ganze einsetzt.
Das klingt nicht nach Parteipolitik.
Die wäre mir auch zu frustrierend. Deshalb habe ich mit Christoph Schlingensief vor vielen Jahren eine Alternative gegründet: Chance 2000. Viele haben sie als Spaßpartei betrachtet, aber das war’s nicht; gerade Christoph ist da völlig unironisch rangegangen. Es ging um Verstehen durch Nachspielenund einen kreativen Umgang mit den Mechanismen des deutschen Vereinigungswesens mit Kassenwarten, Satzung und allem.
Sind Sie mit ihm etwa auf dem Wörthersee zu Kohls Ferienhaus gepaddelt?
Leider nein, da wollte ich lieber selber Urlaub machen. Den Wahlkampfzirkus in Berlin hab ich aber schon mitgemacht. Aber sobald die Politik zu praktisch geworden ist, war ich dagegen. Realität interessiert mich daran nicht so sehr, ich sehe Politik als Kunst.
Ist Ihr Abgeordneter Eichwald also ein Kunstprodukt oder realistisch?
Was dazwischen. Es geht ums Handeln einer realen Kunstfigur wie Stromberg, das aus einer gewissen Bösartigkeit entsteht, die wiederum den Verhältnissen geschuldet ist. Was uns interessiert, ist die Entstehung von politischen Entscheidungen: Wie kommt der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Eisbärenkostüm, wie kommt es bei den Grünen zum Veggie Day, warum agieren Politiker oft so bizarr? In Bonn mussten Politiker Politik machen wollen, um voranzukommen. In Berlin brauchen sie sieben Berufe, müssen gut aussehen, pointiert sein, witzig, rhetorisch begabt, kompetent – sonst kommt man allenfalls ins Landwirtschaftsministerium. Aber selbst dort musst du mitten im Lernprozess suggerieren, alles bereits im Griff zu haben.
Steckt also mehr Wahrheit in Eichwald als uns lieb ist?
Na ja, wir haben in der Vorbereitung eine Sozialdemokratin getroffen, die morgens um halb acht mit dem ersten Ausschuss beginnt, um 23 Uhr den letzten hat, zwischendurch dauernd Akten ließt und extrem diszipliniert, kompetent, fleißig ist. Das kennzeichnet die meisten Abgeordneten. Von daher überhöhen wir ihn schon stark.
Überhöhen oder angesichts dieser Erfahrungen nicht doch eher verunglimpfen?
Nein, denn seine Darstellung hat vor allem mit unseren Ansprüchen zu tun, ist also Konsumentensicht. Und ich glaube, dass in der pointierten Polemik oft mehr Realismus steckt als in der wahrheitsgemäßen Abbildung. Entertainment hilft enorm beim Verstehen.
Und Sie scheinen dafür besonders geeignet, so viele Politiker Sie spielen…
Vielleicht. Ich hab schon fast alle Kanzler durch. Den alten Schmidt. Und Kohl hab ich getötet, damals mit Christoph. Schröder nackt im Fellkostüm als Siegfried in der Berliner Republik und Doris, gespielt von Irm Herrman, angeschrien: ICH WILL EIN SCHWARZES KIND VON DIR!
Ah ja. Gibt es etwas, das Schauspieler dazu prädestiniert, Politiker zu spielen?
Es gibt höchstens eine gewisse Denkfaulheit bei Produzenten und Publikum. Wenn einer wie ich mal einen Politiker gespielt hat, fragt man ihn eben dauernd danach.
Wobei Eichwald Ihre erste große Hauptrolle ist.
Ich habe 25 Jahre Theater durchgerockt, da stand ich dem Filmmarkt gar nicht zur Verfügung. Als ich in den Neunzigern Film ausprobiert habe, war das dann eher ein Lückenfüller. Richtig mit Anspruch drehe ich erst seit fünf, sechs Jahren, da kann ich noch keine Hauptrollen erwarten. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste… Dafür spiele ich öfter mal international mit, Most Wanted Man zum Beispiel. Und demnächst im Independent-Film Dog Wedding zweier New Yorker Juden. Da bin ich ein deutscher Gurkenproduzent.
Fühlen Sie sich in der zweiten Reihe womöglich gar wohler als an erste Stelle?
Nö, Hauptrollen sind viel leichter zu spielen. Man hat 1000 Szenen, in denen man sich ausprobieren kann, und viele Sklaven, die mit weniger Drehtagen dramaturgisch heillos überfrachtet die Geschichte schleppen. Hauptrollen sind toll.
Gibt es eine, von der Sie träumen?
Ich würde wahnsinnig gern mit den Dardenne-Brüdern aus Belgien arbeiten. Die machen Film wie Theater, mit viel Proben und biografischer Vermengung. Und Mike Leigh, der Naked gemacht hat, interessiert mich.
Think global!
Komischerweise, ja. Das ist mir so zugeflogen. Reines Glück.
Nach Maja und Wicki beschleunigt das ZDF nun auch Heidi digital. Das ist in etwa so natürlich wie Tiefkühlpizza und verheißt noch mehr Hektik für fernsehende Kinder. Dem Programm fehlt im kommerziellen Wettstreit mit SuperRTL längst auch öffentlich-rechtlich zusehends der Mut zu Langsamkeit und gepflegter Langeweile.
Von Jan Freitag
Die Entdeckung der Langsamkeit war ein kurzer Frühling. Einfach Kind sein, oft gelangweilt, vorwiegend heiter – so durften bloß ein, zwei Generationen aufwachsen, nachdem jede zuvor nach der Geburt bald Arbeiter, Bauern, Untertanen oder Herrenmenschen, also sehr früh sehr reif sein musste. Jetzt haben Kleinkinder Handys, Grundschulkinder Termine, Hauptschulkinder Existenznöte, Elitenkinder Burnouts, alle also viel Stress. Der Frühling ist vorbei. Womit wir beim Fernsehen wären.
Auch da sind die Tage von Langsamkeit, gar Langeweile gezählt. 73 Minuten sitzen TV-Einsteiger vorm Fernseher. Täglich. Vom Tablet ganz zu schweigen. Mit der Einschulung steigt der Konsum auf fast eineinhalb Stunden. Und geht es dann auf weiterführende Schulen, beschießt landet die Zielgruppe 106 Minuten im Effektgewitter. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa spricht von „erbarmungsloser Steigerungslogik“, die mit der Gesellschaft auch ihr Leitmedium ergreift. Selbst öffentlich-rechtlich, stimmt ein Produzent der ersten Stunde zu, gehe es zunehmend „schrill und schreiend bunt“ zu. Als Armin Maiwald vor 44 Jahren die Sendung mit der Maus erfand, passierte dagegen im Kinderfernsehen meist – nichts.
Vorm dualen System war es ein langer ruhiger Fluss. Bei Wicki etwa bewegten sich 1972 trotz Eroberungsthematik oft nur die Lippen der Wikinger. Kurz darauf mag Paulchen Panther Verfolgungsjagden in Versform kompiliert haben – ihr Tempo war noch niedriger als die Zahl der Schnitte. Sogar Captain Future stand oft regungslos vor starrem Hintergrund. Er wisse „gar nicht, was ich euch erzählen soll“, sagte Flip 1976 zum Start der Biene Maja, „im Moment passiert nicht so viel“. Und alles gab ihm recht: blasse Farben, stille Bilder und ein Grashüpfer, dessen Leben, „ganz schön langweilig“ sei.
Zu langweilig, glaubt das ZDF. „Mit dem alten Material erreicht man jetzige Generationen nicht mehr“, meint Redaktionsleiterin Irene Wellershoff. Also wurden die japanischen Animes des analogen Zeitalters 2011 mit CGI-Technik erneuert, zum Minutenpreis nah am Tatort-Niveau. Nachdem sodann auch Wicki dem Crashkurs in Sachen Hypermoderne unterzogen wurde, ist nun das nächste Idyll früherer Kinderfernsehtage dran.
Heidi.
Vor 135 Jahren von Johanna Spyri erdacht, war das süße Waisenmädchen auf Alm-Öhis Berghof eine Antwort auf die Industrialisierung, deren Folgen schon damals ein Sog zur Natur entfachte. Wenn das flämische Studio 100 diese Entschleunigung nun im Auftrag vom ZDF oder Sendern wie dem französischen TF1 rückbeschleunigt, wird der Geist des Buchs förmlich vergewaltigt – ohne jeden Mehrwert: Anders als in den 52 Folgen von 1977 klingt Heidi nicht unbeschwert selbstbewusst, sondern nach Puddingwerbung. Ihr Umfeld stakst mit seltsamen Wursthaaren durch Plastikalpen wie Videospielfiguren vor 20 Jahren. Warum jene rechnerbasierte „Tiefe und Farbigkeit“, die Barbara Biermann von der ZDF-Kinderredaktion lobpreist, mit Daten besser zur Geltung kommen sollen als per Zeichenstift, bleibt das Geheimnis des Senders. Ebenso wie der Umstand, dass Andreas Gabalier das Titellied von Gitti und Erika nun zu stupidem Volksschlager vergewaltigen darf.
Stimmt schon: das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Reizunterflutung alter Kinderbuchadaptionen widerspricht dem Zeitgeist ähnlich wie sozialdemokratische Relikte à la Rappelkiste. Minutenlange Regungslosigkeit mag auf drei Sendern mit Staatsauftrag funktioniert“; bei Hunderten ohne Scheu vor Knalleffekten wäre rückständige Zurückhaltung kaum konkurrenzfähig. Sensorische Sperrfeuer von Ninja Turtles bis Power Rangers haben Anfang der Neunziger schließlich mit der Bildsprache auch Sehgewohnheiten verändert. Selbst beim KiKa, 1997 als reklamefreie Alternative zu SuperRTL installiert, steigt der Takt. Sein Senderauftrag gehe zwar übers Entertainment hinaus, so der damalige Programmchef Steffen Kottkamp zum Maja-Relaunch. „Wir können aber nur fördernd auf Kinder einwirken, wenn sie uns zusehen.“
Dem könnte man zustimmen, vollzöge sich die Generalüberholung alter Serien dezent. Doch was denen droht, wenn erst Maja, dann Wickie, nun Heidi, bald Pinocchio beschleunigt werden, zeigte Garfield bereits 2008: zwei Jahrzehnte zuvor hatte der fette Kater bei Sat1 die Dynamik eines Felsvorsprungs, wurde dann aber zusehends von Killerkuchen durch Farbexplosionen gehetzt. Was nichts ist gegen das epileptische Gezappel der SuperRTL-Elfen Cosmo und Wanda. Selbst der betuliche Cartoon Yakari kommt nicht ohne Splitscreen aus. Und überall steigt der Schallpegel. Dabei können „laute, plötzliche, heftige und unvorhergesehene Geräusche, Stimmen und Musik“ aus Sicht des Medienpädagogen Jan-Uwe Rogge Angstzustände erzeugen.
Was fehlt, ist die Chance zur Abstraktion, zum Runterregeln. Der Soziologe Rosa hält Fernsehen da zwar generell eher für ungeeignet. Doch von Musik über Schnitt bis zum Inhalt „waren alte Serien insofern kindgerechter, als sie mehr Zeit zur Vertiefung“ ließen. Die „rasch wechselnden Simulationsflächen“ von heute seien untauglich, TV-Neulingen etwas Wesentliches zu lehren: „Sich selbst zu ertragen.“ Im Augenblick versinken – für dieses Kindertalent lässt das Kinderfernsehen kaum noch Raum.
Gesendete Betulichkeit wie die Augsburger Puppenkiste, ist vom KiKa zu hören, finde halt nur noch wenig Akzeptanz bei Kindern. Und deren Eltern mögen in ihrer Fernsehvergangenheit schwelgen, wenn sie alte Animes auf DVD kaufen; die Quoten digitaler Auffrischungen belegen, dass beides funktioniert – Original wie Fälschung. Eltern wissen ja genau, wie Vorschulkinder quieken, wenn Wickis Wikinger im Affenzahn das Nordmeer durchpflügen. Bei der ereignisarmen Zeichentrickversion kehrt dagegen Ruhe ein, Entspannung, Konzentration. Umso mehr fragt sich, wer zuerst da war: Die Hektik oder der Bedarf danach. Auch Heidi wird keine Antwort geben.
Dass Reklame zum Fernsehen gehört wie RTL, Heidi Klum oder Der klügere kippt nach, ist eine Tatsache, die man nicht mögen muss, aber akzeptieren. Dennoch – oder deshalb – macht es Konsumenten schlicht wahnsinnig, wenn darin so gelogen und betrogen wird, wie im Nahrungsmittelsektor üblich. Ein großer Discounter – nennen wir ihn Lödl – etwa, bekannt für ausbeutenden, naturzertörenden, strukturvernichtenden Preiskampf bis aufs Messer, zeigt derzeit, was es heißt, die Kundschaft hinters Licht, also an die Kasse zu führen. In Manufactum-Ästhetik stilisieren aufwändige Spots schäbig fabriziertes Folterfleisch aus Massentierhaltung zur nachhaltigen Gourmet-Ware, als sei McDonalds eine Tochter von Greenpeace. Man kann, um es dem Ärger über so viel Verlogenheit gemäß drastisch auszudrücken, gar nicht genug Lödl-Dreck fressen, um so kotzen zu müssen, wie man möchte.
Womit wir beim zweitliebsten Hassobjekt aufgeklärter Mediennutzer nach dem Privatfernsehen wären: der Bild. Die ist weiter das zweitmeistzitierte Infoprodukt nach dem Spiegel und belegt damit eindrücklich, wie man mit dubiosen, meist populistischen, nicht selten unlauteren Mitteln in den Fokus der Aufmerksamkeitsindustrie gerät. Die Mehrheit der Zitate – oft einzige Recherchegrundlage diverser Billigmedien vom Regenbogenblatt bis zum Formatradio – basiert ja auf Falschmeldungen, Skandalbastelbausätzen und sonstigen Formen des elaborierten Schmierenjournalismus, den das notorische Drecksblatt bar ethischen Anspruchs ins Gehirn seiner Nutzer bläst.
Zyniker würden dem Verlag dahinter glatt mal eine Cyber-Attacke wünschen wie jene, die am Donnerstag den französischen Kanal TV5Monde über viele Stunden lahmgelegt hat. Da das aber ein bisschen viel der virtuellen Gewalt wäre, wünschen wir uns lieber, David Lynch würde eine Serie über die Machenschaften des Springer-Konzerns drehen, die ihn als mysteriösen Machtorganismus inszeniert. Dummerweise macht das Regiegenie knapp 25 Jahre später nun aber nicht mal die heiß ersehnte Fortsetzung von Twin Peaks für den US-Sender Showtime. Der habe einfach nicht genug Geld für sein Anspruchsdenken geboten, erklärte der Regisseur seinen Rückzug, weshalb das Sequel womöglich ohne ihn hergestellt wird. Ein Jammer, eigentlich.
Die Frischwoche
13. – 19. April
Wie der Umstand, dass Donnerstag erneut ein Stück der seltenen Brillanz jenseits von Krimi und Schnulze ins öffentlich-rechtliche Asyl abseitiger Nachtsendeplätze (ZDFneo, 22.45 Uhr) geschoben wird. Es heißt Eichwald, MdB und porträtiert einen fiktiven Bundesabgeordneten, der in seiner desillusionierten Selbstgerechtigkeit so wahrhaftig wirkt, dass es fast wehtut. Ein guter Grund, dass es auch noch fabelhaft unterhält, ist hingegen Stefan Stuckmann, der sonst unter anderem die heute show mit Pointen versorgt und nun grandios den Berliner Politalltag persifliert. Ein noch besserer Grund allerdings ist Bernhard Schütz. In seiner ersten echten Hauptrolle gibt der geübte Nebendarsteller dem Wahnsinn eines Politikfossils, das sich in 30 Jahren Parlamentsarbeit zerreiben ließ, ein famoses Gesicht.
Gesichterwechsel dagegen beim misanthropischen ARD-Ermittler Zorn. In seinem neuen Fall am gleichen Tag zur ungleich besseren Sendezeit ersetzt der schicke Lover zahlloser Kommerzromanzen Stephan Luca den Charakterdarsteller Mišel Matičević, was wirklich schlimmer hätte kommen können. Gleiches gilt für Anja Kling als Kommissarin, der das ZDF die eigene Filmtochter zur Kollegin im nächsten weiblich besetzten Samstagsmorddezernat macht. Blöder als bei Die Wallensteins kann die Ausgangskonstellation eines Krimis also kaum sein. Die fabelhafte Hauptdarstellerin aber macht dann doch den Unterschied.
Kein Unterschied ist demgegenüber zwischen Christoph Maria Herbst und Christoph Maria Herbst in der betulichen Zwillingskomödie Besser als du zu erkennen, die fast sämtliche Stärken wie Schwächen des ARD-Freitags vereint: ganz nett, aber so glatt, dass man sich sofort einen Schuss Realität auf den Bildschirm wünscht. Wie die schwarzweiße Lowbudget-Sensation Oh Boy (Mittwoch, 20.15 Uhr, Arte) mit Tom Schilling als Berliner Antiheld Nico, der stinknormalen Kaffee ohne Latte, Soy, Chichi will und ansonsten einfach nur seine Ruhe. Oder doch gleich die harte ARD-Doku „Countdown zu einem Tabubruch“ (Montag, 22.45 Uhr) übers bedrückende Ringen um die Neuauflage von Mein Kampf, dessen Urheberrechte 2016 auslaufen. Bisschen sanfter, aber ebenfalls gehaltvoll, die Wiederholungen der Woche, in schwarzweiß diesmal Haben und Nichthaben, Howard Hawks‘ legendäres Résistance-Drama mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall in ihrer allerersten Rolle als femme fatale von 1944 (Sonntag, 20.15, Arte). Und in Farbe der ebenso legendäre Tatort: Reifezeugnis, (Montag, 23 Uhr, RBB) mit Klaus Kinskis Tochter Nastassja als Lolita, die mit ein bisschen Offenherzigkeit 1977 noch ein mittelschweren TV-Skandal erzeugen konnte.
Wenn Krokusse durch den Winterboden blinzeln und Frühjahrspracht die Herzen wärmt, beginnt die schizoide Zeit saisonal verwirrter Gemüter. Um dem Trübsinn der dunklen Jahreszeit auch atmosphärisch den Garaus zu machen, schwelt alle Welt bereits im nahenden Sommer, was rasch so auf die Nerven geht, dass man sich Regenwolken ins Himmelblau wünscht. Dieser Zerrüttung angemessen zu vertonen, ist eine echte Herausforderung – und führt direkt zu Rah Rah. Das kanadische Trio, dessen Umfang sich seit der Gründung 2008 fast verdoppelt hat, macht einen Power-Pop, der dem Winter Osterfeuer unterm Hintern macht. Mit vielstimmigen Woohoo-Chorälen treibt ihr neues Album Vessels die süffigen Fuzzriffs auf Eisverkäufer-Niveau, regelt die gute Laune sodann mit dumpferen Wave-Flächen auf bedeckt, bis A Love That Sticks ein paar Strahlen hindurch lässt, die noch lange nicht zum Sonnenbad anregen. Man kann den Frühling cooler begrüßen, klüger, seifiger sowieso, aber kaum lässiger. Heiter bis wolkig, würde der Wetterbericht sagen. Gibt es angenehmeres Wetter?
Rah Rah – Vessels (Devil Duck Records)
White Hills
Wobei gutes Wetter wie erwähnt nicht nur eine Frage von Azorenhochs oder polaren Tiefs ist, sondern der ganz persönlichen Wahrnehmung dessen, was die jeweilige Seelenlage gerade am besten untermalt. Für all jene also, denen schon das morgendliche Lüften zu viel der Lebensbejahung darstellt, bieten White Hills das nächste Stück elaborierter Übellaunigkeit, die sich nicht im Zweckpessimismus verläuft, sondern sämtliche Farben des Trübsinns neu verrührt. Auf ihrem grob geschätzt 150. Album in kaum zehn Jahren ist das New Yorker Psychobeat-Duo Dave W. und Ego Sensation wieder in seinen Krautrockkeller gekrochen, um darin alles auf Moll zu drehen, was nicht bei drei auf dem Dur-Baum ist. Sie mögen zwar von frühlingshafter Wanderlust singen, die einige von uns haben. Der Rest jedoch is „lying face down in the dirt“. Auf zertrampelten Krokussen womöglich, was unzweideutig daraufhin deutet, dass Walk for Motorists fern vom Tageslicht entstanden ist. Die Vorhersage für heute: Zäher Bodennebel, der sich bis zum Abend nicht auflöst. Aber manchen macht ja erst das akzeptable Laune.
White Hills – Walk for Motorists (Thrill Jockey)
Adna
Gewitterwolken im Kopf als Distinktionsmerkmal vom Eiapopeia-Fieber des frühlingserwachenden Mainstreams ist allerdings immer noch ein Privileg schwedischer Kommissare und der Pubertät im Ganzen. Bis aufs Kriminelle vereint Adna einen Großteil dieser Attribute auf sich, auch wenn die Sängerin vom Bottnischen Meerbusen mit ihren 20 Jahren schon aus dem Gröbsten raus sein sollte. Da sie aber locker fünf Jahre jünger aussieht und in ihrer gravitätischen Tristesse so skandinavisch wie ein Satz Ystader Ritualmorde, ist die düsterhaarige, düstergekleidete, düsterdaherkommende Wahl-Berlinerin der Inbegriff jugendlichen Katzenjammers. Ein bisschen wie ihre Generationsgenossin Birdie, ebenfalls mit hinreißenden Coverversionen groß geworden, nun eigenkompositorisch der Kindheit entwachsen. Ihr zweites Album Run, Lucifer wimmelt nur so von Lonesomes, Shivers, Silent Shouts und transportiert darin eine ergreifende Traurigkeit, dass man wie sie seinen Kleiderschrank instinktiv von aller Farbe befreien möchte. Doch die spärlich instrumentierten Arrangements mit Synthie-Tupfen und Adnas XX-artiger Gitarre kleiden ihr getragenes Organ in derart elegante Harmonien, dass man beim Schwärmen kaum ins Miesepetern kommt. Ist also doch Regenbogenmusik.
Adna – Run, Lucifer (Despotz Records)
Young Fathers
Ohnehin im Sonnenscheinmodus müssten die Young Fathers sein. Gerade erhielt ihr Debütalbum den Mercury Prize als beste Platte 2014, da legen sie schon den Nachfolger mit dem originellen Titel White Man Are Black Man Too hin. Und schon wieder ist es famos, was die drei Freunde aus dem schottischen Edinburgh machen. Wenn Hip-Hop das ist, was seine Urahnen stets beteuerten, ein Kommunikationsmittel nämlich, in dem es um mehr geht als den tightesten Reim, dann sind Alloysious Massaquoi, ‘G’Hastings und Kayus Bankole Kommunikationswunder. Ihre technoid-verspielte Form des Sprechgesangs wirkt wie ein dauernder Diskurs aller unter-, mit und durcheinander, was ihren Rap auf höhere Ebenen hievt. Versetzt mit viel Funk, Rock, Soul, Pop und allerlei Sounds der afrikanischen Wurzeln zweier Bandmitglieder, klingt das in den helleren Momenten, als träfen sich Bootsy Collins mit Outkast zur Bronxparty, in den dunkleren, als fände sie bei Tricky im Keller statt. In den meisten aber treffen sich alle gemeinsam oberirdisch unterm Frühlingshimmel und feiern die Kreativität.
Young Fathers – White Men Are Black Men Too (Big Dada)
Mehr Text und Bilder und Sound unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-03/young-fathers-san-cisco-adna-rah-rah
Brett Morgens Dokumentation Montage of Heck ist gewiss nicht der erste, aber beste Film über Kurt Cobain. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Selbstmord schildert er sein Leben als Abfolge von Schmerzen und wirkt gerade dadurch ungeheuer heilsam. Ein vertonter Nekrolog mit vielen Comicsequenzen und noch mehr nie gesehenen Archivbildern. Grandios!
Von Jan Freitag
Mütter sind ein Naturphänomen. Nicht wenige von ihnen halten bis tief ins Erwachsenenalter metaphysisch Kontakt zum Nachwuchs, als sei die Nabelschnur noch intakt. Mit gespenstischer Empfindsamkeit erspüren sie über große Distanzen hinweg das Seelenleben ihrer Kinder, riechen Ängste, wittern Gefahr, fühlen Sorgen und wissen Signale im Hochfrequenzbereich zielsicher zu deuten – selbst auf Musikkassetten. Als Wendy Elizabeth Fradenburg zum Beispiel vor 25 Jahren eine ihres Sohnes hörte, das wusste sie gleich mehr als bloß zu ahnen: „Schnall dich an, Kurt, denn darauf bist du nicht vorbereitet.“
Das allein wäre nun keine aufsehenerregende Interpretationsleistung, hieße der picklige Junge von damals 23 Jahren nicht mit Nachnamen Cobain und das schlichte Demotape in Mamas fürsorglicher Hand Nevermind – kurze Zeit später die wohl berühmteste Schallplatte des Rock vom wohl berühmtesten seiner Antihelden. Und Mama Cobains Antennen behielten recht, denn ihr kleiner Kurt schnallte sich nicht an. Im Gegenteil: er ließ sogar die Fahrertür offen, ignorierte alle Verkehrsregeln, pfiff auf Promillegrenzen und raste mit Vollgas in die Mauer seines eigenen Kreisverkehrs.
Mit welcher Wut er das tat, mit wie viel Eifer und was für einer Energie – das zeigt ein Film, den besser niemand sieht, in dessen Träumen Kurt Cobain ein Engel im Grungehimmel bleiben soll. Einerseits. Den andererseits unbedingt – keine Bitte, ein Befehl! – jeder sehen sollte, für den Musik nicht nur das Abspielen vorgefertigter Tonabfolgen ist, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, mehr Organismus als Sound, komponierte Persönlichkeit. Montage of Heck heißt diese Dokumentation. Es ist bei weitem nicht der erste übers Leben, Sein und Sterben des leidgeprüften Genies aus Aberdeen/Washington, aber die weitaus beste. Benannt nach Kurt Cobains erster Proberaum-MC, deren Titel ahnen lässt, was das künftige Idol einer ganzen Generation auf sich zurollen sah: Installation der Hölle.
Durch die reist Brett Morgen hindurch, vom fröhlichen Anfang bis zum bitteren Ende, atemlos, gnadenlos, kein Horrortrip, aber ein wilder Ritt. Nachdem der vielfach preisgekrönte Regisseur mit Boxern in der Bronx bereits Menschen porträtiert hat, die ihr Leben lang unten bleiben, mit den Rolling Stones aber auch solche, die zeitlebens aufwärts streben, widmet sich Cobains fast gleichalter Landsmann nun einer Figur der Zeitgeschichte, die wie eine Flipperkugel zwischen Decke und Boden des Daseins flottiert.
Streng chronologisch geht Morgen dem Objekt seiner Kamerabegierde auf den Grund. Angefangen mit grisseligen Schmalfilmaufnahmen einer spießbürgerlich behüteten Jugend im Nordwesteck Amerikas, arbeitet er sich peu à peu übers anschwellende Teenager-Desaster vor zu den ersten Gehversuchen als Musiker, die vorbei am höllischen Demotape scheinbar geradlinig auf den Olymp des Rock’n’Roll führen, bis er von ihm runter stürzt, depressiv und drogensüchtig, Flinte im Mund. Exitus. Doch es ist das Verdienst des Autors, fast ein Geschenk an faszinierte Beobachter wie innige Fans, dass er nie formalistisch gerät. Sein Gradmesser dieser totgeweihten Existenz ist weder Sieg noch Niederlage, sondern Schmerz: Des Scheidungskindes, Geborgenheit zu suchen und gleichsam zu verachten. Des Künstlers, Erfolg zu wollen und zu fürchten. Des Workoholics, faul zu sein und ehrgeizig. Des Familienvaters, Liebe zu geben und zu zerstören. Des Gottes, Hitze zu spenden, aber auszubrennen.
Schmerz, das lehrt uns die Pophistorie, ist ein steter Begleiter des Ruhms. Zumindest für alle, die schnell genug leben, um jung zu sterben, wird er vom Leid begleitet wie ein Südstaatenbegräbnis. Das belegt nicht zuletzt der legendäre Klub 27, dem zuletzt die physisch wie psychisch zerschlissene Amy Whinehouse beitrat. Das belegen mehr noch jene Zeitgenossen des Vereinsgründers, die Brett Morgen vors Objektiv kriegt. Sein erstaunlich biederer Bassist Krist Novoselić, der mit ratloser Mine vom täglichen Kampf des Bandhirns mit sich und seinen Dämonen erzählt. Ein erstaunlich offener Vater, der den jungen Kurt als hyperaktives Ritalin-Depot schildert. Dazu, erstaunlich aufgeräumt, Courtney Love, die den Traum ihres Mannes zitiert, drei Millionen verdienen zu wollen „und dann Junkie zu werden“. Und nicht zuletzt sein Träumer selbst, der auf dem Weg dorthin beteuert, alles dafür zu geben, seine chronischen Magenschmerzen loszuwerden, aber Angst habe, „ohne sie weniger kreativ zu sein“. Der in grotesk intimen Heimvideos Einblicke ins Innerste seines Daseins gewährt und doch oft direkt neben sich steht – mal angewidert, mal selbstverliebt, oft erstaunt vom aberwitzigen Kerl an seiner Seite.
Um beide zu illustrieren, Realität nebst Trugbild, verdichtet Brett Morgen das vielfältige Archivmaterial aus allen Phasen seiner 27 Jahre mit virtuosen Comic-Passagen, lebenden Skizzen und periodisch verblassendem Bildschirm über Nirvanas variiertem Soundtrack. All dies macht Montage of Heck zum gefilmten Zerfallsprozess, der niemanden schont und jeden bereichert – Cobain, sein Umfeld, die Zuschauer, sie vor allem. Anschnallen bitte!
Montag of Heck läuft für kurze Zeit in ausgewählten Kinos wie dem Cinemaxx; mehr Pics’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-04/cobain-montage-of-heck-film
Peter Thiessen ist wohl das, was man ein musikalisches Multitalent nennen kann. Bei Kante ist er für Gitarre und Gesang zuständig. Die Band hat nach langer Pause gerade das Album Zuckerfabrik veröffentlicht, eine Sammlung der wichtigsten, vielleicht auch besten Theatersongs, die Kante in den vergangenen Jahren geschrieben haben. Zwischenzeitlich spielte der Hamburger auch noch Bass bei Blumfeld und ist daher wohl zweifelsfrei der Hamburger Schule zuzuordnen. Vielleicht auch deshalb geht es heute um eine der Bands, die diese Musikrichtung entscheidend geprägt hat.
Von Marthe Ruddat
Peter Thiessen: Vor kurzem habe ich für ein Theaterstück, für welches ich mit unserem Schlagzeuger die Musik mache, nach einem richtig linken Lied gesucht. Davon gibt es zwar einige, aber auf der Reformhölle von Cpt. Kirk &. sind wirklich die tollsten linksradikalen Lieder, die ich kenne. Und als ich die Platte dann nach langer Zeit mal wieder gehört habe, ist mir bewusst geworden, dass sie mich in vielerlei Hinsicht beeinflusst und geprägt hat.
Cpt. Kirk & The Incredible Lovers haben sich Mitte der 1980er Jahre gegründet. Auf den zweiten Teil des Namens wurde schnell verzichtet. Offiziell hat sich die Band nie aufgelöst, ihr bisher letztes Album erschien 1994.
Wie bist du auf Cpt. Kirk &. aufmerksam geworden?
1992 bin ich ins Logo zu einem Konzert von Blumfeld und Cpt. Kirk &. gegangen. Ich kannte die beiden Bands eigentlich gar nicht, sondern hatte nur gehört, dass sie gut sein sollen. Ich war dann wirklich sofort ein riesen Fan von beiden Bands. Das Konzert hat mich total geflasht. Musikalisch war es so unglaublich vielfältig und einfach richtig toll! Ich habe mir dann natürlich sofort beide CDs gekauft. Auch wenn ich die Mitglieder der Band heute nicht persönlich kennen würde, so wäre Reformhölle trotzdem eine der besten Platten, die ich kenne. Diese Platte ist so etwas wie ein Werkzeugkasten. Sie liefert ein paar tolle Handwerkszeuge, um ein Stück von der Welt besser zu begreifen und zu ergründen, worum es in der Musik gehen kann.
Mit ihren 6 verschiedenen Covern liefert die Platte selbst ein Rätsel. Konntest du es lösen?
Ja genau! Das hat etwas gedauert. Es sind ja die Cover von sechs verschiedenen Platten, wo die Hauptmotive weggekratzt wurden. Ich weiß noch ziemlich genau, wie ich die Platte immer wieder aufgeklappt habe und mich gefragt habe, welche Platten das wohl sind. Irgendwann hatte ich es dann raus.
Massive Attack – Blue Lines
REM – Out of Time
Madonna – The Immaculate Collection
Prince – Purple Rain
Einstürzende Neubauten – Halber Mensch
Big Black – Songs About Fucking
Ich frage mich aber immer noch, warum vor den Titel Hotel Ruhe geschrieben und dann durchgestrichen wurde. Vielleicht war das ein alternativer Titel. Diese Idee finde ich sehr schön, da dem eigentlich gewählten Titel so das Monolithische genommen wird und man erahnen kann, dass die Platte auch ganz anders hätte heißen können.
Ich sitze mit Peter Thiessen in der kleinen Kneipe meines Vertrauens. Reformhölle läuft im Hintergrund, und während wir über die Platte reden, macht er immer wieder Denkpausen und hat dabei stets ein Lächeln auf dem Gesicht.
Du hast die Texte des Albums bereits angesprochen. Welches Lied ist für dich von besonderer Bedeutung?
Das Lied Kommt alle zugleich nach D ist für mich eines der Besten linken Lieder, die ich kenne. Es bezieht sich auf eine Zigarettenwerbung, welche Menschen verschiedener Nationalitäten bei so einer Art cometogether zeigt. Die Veröffentlichung der Platte fiel ja in die Zeit kurz nach der Wiedervereinigung und den Ausschreitungen von Rostock. Ich denke, Cpt. Kirk &. haben das zum Anlass genommen, darauf aufmerksam zu machen, dass diese Werbung eine Welt zeigt, die so nicht existiert, da die abgebildeten Menschen nicht so einfach nach Deutschland reisen konnten. Ich finde daran besonders toll, dass der Text so unkitschig, nicht so selbstgewiss ist. Die Situation wird in ganz einfachen Worten beschrieben, lässt Platz für eigene Interpretationen und wirft viele Fragen auf.
Hat Dich diese Art der Musik und des Textens bei deiner eigenen musikalischen Arbeit inspiriert?
Auf jeden Fall. Wie Tobias Levin die Gitarre spielt, hat mich sehr beeinflusst. Aber vor allem haben mich die Arrangements inspiriert. Auf der Platte sind alle Instrumente immer gleich wichtig. Es gibt kein Schlagzeug, was einfach nur einen gleich bleibenden Beat spielt. Es ist vielmehr ein melodisches Instrument, wie die anderen auch. Auch die Art, wie Cpt. Kirk & getextet haben, hat mich enorm inspiriert. Ich muss da immer an Paul Celan oder expressionistische Lyrik denken. Mehrere Gedanken werden in einem Halbsatz untergebracht. Trotzdem hört man nicht nur Schlagworte. Die große Qualität der Lieder ist einfach, dass sie dem Hörer Raum für eigene Gedanken lassen. Auch ich möchte keine Texte schreiben, die auch auf einem Flugblatt oder in einem Artikel stehen könnten. Musik soll nicht wie ein politisches Pamphlet oder eine Doktorarbeit klingen, aber dennoch zum Nachdenken anregen.
Tobias Levin, Sänger, Gitarrist und Pianist von Cpt. Kirk &., hat die Electric Avenue Studios gegründet. Neben Tocotronic und Nils Koppruch wurden dort auch einige Platten von Kante produziert.
Du kennst die Mitglieder von Cpt. Kirk &. durch eure musikalische Zusammenarbeit. Hast Du mit Ihnen über Reformhölle gesprochen?
Ja, natürlich. Aber auch wenn man die Macher einer solchen Platte kennt, verliert sie nicht ihre Magie. Es ist toll, zusätzliche Informationen über so eine Platte zu bekommen. Tobias hat mir erzählt, dass er bei der Entstehung des Albums oft Talk Talk gehört hat und ich erkenne ähnliche Strukturen bei Cpt. Kirk &. Trotzdem sind die Musikerpersönlichkeiten der Mitglieder weiter deutlich. Es ist immer schön festzustellen, dass ein Album nicht von einem einzelnen Genietypen, sondern in einem größeren Zusammenhang entwickelt wurde.
Das musikalische Werk von Cpt. Kirk &. ist heute leider nur sehr schwer zu ergattern. Weil auch Peter Thiessen der Meinung ist, dass es eine Schande wäre, wenn die Platte einfach verschwindet, hat er mir zugesichert, sich für eine Neuauflage des Albums einzusetzen.