Posted: April 3, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich bin ja nicht verkopft
Dieter Moor, der sich seit neuestem Max nennt, moderiert das ARD-Kulturmagazin titel, thesen, temperamente (Sonntag, 23.05 Uhr) im verflixten 7. Jahr. Zum Einstieg gab er Einblicke in sein Leben als Schweizer im deutschen Fernsehen, der dort seit 30 Jahren präsent ist, reihenweise TV-Formate erfindet, Filme dreht, Bücher schreibt, Theater macht und doch nur einen kleinen Publikum bekannt ist. Daran wird auch sein Auftritt im neuen Talkformat von Sarah Kuttner auf ZDFneo am 24. April nichts ändern. Leider.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Moor, haben Sie sich schon eine Anmoderation für Ihre erste Sendung ttt?
Dieter Moor: Nein, aber es wird wohl etwas mit Guten Abend werden.
Sie werden das Publikum nicht mit „Liebe Zielgruppe“ begrüßen wie einst in Ihrer Mediensendung Canale Grande?
Ganz sicher nicht.
Das würde sich doch anbieten. Kulturformate sind doch längst Fernsehen für kleine Zielgruppen.
Was heißt „längst“, das war nie anders. Wir haben eine lange Phase hinter uns, in der man etwas Verstecktes, Verstaubtes in Kultur sah. ttt ist eine Special-Interest-Sendung für Leute, die sich im allerweitesten Sinne für Kultur interessieren.
Ist Kultur ein Nischenprodukt?
Ich denke schon. Seltsam, nicht wahr? Sie umgibt uns, sie ist überall, aber was genau sie ist, bleibt umstritten. Mein Begriff ist da sehr breit, für viele womöglich zu breitweit. Wenn ich durch eine Straße gehe, bin ich umgeben von Kultur, entdecke sie eigentlich überall, wo keine Natur ist. Ich gehör noch einer Generation an, die zur Kontaktaufnahme ins Theater geschickt wurde, aber vielleicht wäre es besser, beim Heranführen von Kindern an die Kultur einfacher anzufangen: Was du da gerade gezeichnet hast, ist Kultur, wie dein Schnuller aussieht, sogar Diddl-Mäuse.
Droht da nicht Beliebigkeit, ohne nun einem Begriff von Hochkultur das Wort zu reden?
Die Gefahr besteht immer, weil das Spektrum so enorm breit ist. Doch sie droht selbst dem, der sich nur ums Theater kümmert, weil es auch davon weitaus mehr gibt, als man je in einem Kulturformat behandeln könnte. Wir haben eine relativ kurze wöchentliche Sendung für ein gigantisches Feld, da werden Sie eine gewisse Beliebigkeit kaum vermeiden können, müssen also zwangsläufig subjektiv sein, was ich aber überhaupt nicht tragisch finde. Wir sagen ja niemandem: Da musst du hin! Wir liefern Angebote zum Entdecken. In der Ergänzung durch weitere Medien ergibt sich daraus vielleicht ein umfassendes Bild. Wir haben nicht den Anspruch, Kultur zu definieren.
Heutzutage finden auch Stefan Raab und Betriebsratssitzungen im Feuilleton statt.
Das Feuilleton ist sehr breit geworden, in seiner Kulturauffassung, egal ob Gangsterrapper oder Politik. Die Grenzen sind durchlässig.
Zu durchlässig, wird oft kritisiert.
Ich finde, dass gesellschaftliche Veränderungen aufgrund des Afghanistan-Krieges durchaus in den Kulturteil gehören. Die politische Sicht kann vermitteln, wie es zu dem Krieg kam, wer wen besiegt, wer welche Interessen hat, wie man ihn löst. Was aber mit den Menschen im Einzelnen passiert, ist schließlich eine Aufgabe der Kunst.
Hat die Durchlässigkeit – abgesehen von der Naturbeobachtung – dennoch Grenzen?
Nein, denn es gibt immer einen kulturellen Ansatz. Sogar eine Wahlberichterstattung bietet dafür Potenzial. Natürlich nicht in der bloßen Ergebnisübermittlung, aber in der Darstellung, wie sie erfolgt, wie sie Ergebnisse beeinflusst. Nehmen Sie das Desaster der Bush-Wahl – da gibt es Fragen der Ästhetik, der Psychologie. Oder Schröders Ausraster nach der knapp verlorenen Wahl. Das sind Ausdrucksformen einer Kultur, die ja den Anspruch hat, Leitkultur zu sein.
Mit d oder t geschrieben?
Mit t. Eine Leidkultur gab es bei uns vor 20 Jahren, als Künstler zu leiden hatten, um Wahrhaftigkeit zu erzeugen. Davon sind sie Gott sei Dank weggekommen.
Und hat den Frohsinn entdeckt?
Nein, die Breite des Spektrums.
Fernsehvermittelt in Kulturformaten, also der Nische. Fühlen Sie sich darin wohl?
Ich war nie woanders und wenn ich es versucht habe, war es nicht von Erfolg gekrönt. Ich fühle mich dort wohl. Meine größere Mühe besteht darin zu verstehen, was Mainstream eigentlich ist: der quantitative Faktor, die Zuschauerzahl, Massenwirksamkeit? Damit müssen sich alle Programmmacher auseinandersetzen. Nur: wie wird denn die Quote ermittelt und vor allem, bei wem? Sie wird ja nicht bei Menschen ohne deutschen Pass gemessen. Und wer erklärt sich bereit, dieses Gerät bei sich aufstellen zu lassen, wer braucht diese paar Euro im Monat? Also: Ist das Messergebnis eigentlich relevant?
Sie halten es für irrelevant?
Ich halte die Quote für eine Vereinbarung, die getroffen wurde, um der Fernsehwirtschaft eine Währung zu geben. Es ist eine reine Erfindung, genau wie Geld. Auch da gebe ich Ihnen ein Äquivalent, ein Stück Papier, auf dem die Behauptung steht, 100 Euro wert zu sein, und da wir uns beide an die Vereinbarung halten funktioniert es, obwohl der Wert ständig variiert. Ähnlich funktioniert die Behauptung des Mainstreams. So wie die Modeindustrie versucht zu suggerieren, welche Farbe demnächst angesagt ist. So gesehen ist die Frage, ob ich mich in der Nische wohl fühle, mit einem herzlichen Ja zu beantworten.
Müssen Sie in ihrer Funktion zwischen dem, was als Mainstream ermittelt wird, und dem, was in der Nische Platz findet, moderieren?
Mir reicht das Ziel, dass die Leute, die sich in meine Nische begeben, darin wohl fühlen. Und ich nicht den Eindruck erwecke, in meiner Nische finde kein Frohsinn, keine Sinnlichkeit, keine Provokation statt. Solange die Nische lebt, gefällt sie mir.
Wird sie womöglich bald nur noch von den Öffentlich-Rechtlichen fürs ältere Publikum gefüllt und der junge Rest guckt Privatsender?
Ich mag nicht in solchen Blöcken denken. Es teilt sich gerade auf und vermischt sich sofort wieder. Es wäre verhängnisvoll zu sagen, ich mache anspruchsvolles Programm, aber nur für 50+-Zuschauer, und das Seichte ist für die Jungen. Wer genau ist denn das? Was stimmt, ist, dass Fernsehen für die neuen Generationen nicht mehr die Bedeutung hat, wie für ihre Eltern. Der Medienzugang hat sich geändert. Mein Vater dachte noch, was in der Zeitung steht, ist exakt so wahr, sonst dürfte es da ja nicht stehen. Diese Rolle spielte für diese Generation später das Fernsehen. Und wenn Sie jetzt einem Zwanzigjährigen sagen, weil etwas gesendet oder geschrieben wird, stimmt es auch, lacht der Sie aus. Zeitungen, Sender, Internet sind auch nur Versionen, Varianten, Möglichkeiten einer Realität.
Ist das Interesse gesunken oder die Erregbarkeit?
Schwierige Frage, denn es hat sich als Irrtum herausgestellt, was lange Zeit als Gewissheit galt, nämlich dass die jungen Leute wegzappen, wenn nicht alle drei Sekunden ein Schnitt erfolgt. Plötzlich hören sie Pink Floyd, das Musikvideo ist kein Geschäft mehr und niemand weiß so recht, wie es weitergeht. Das gefällt mir eigentlich sehr gut. Ich kenne auch ein paar Leute aus der Werbebranche, die schon vor langer Zeit von dieser Katalogisierung weggegangen sind. Ganz früher gab es die ABC-Zielgruppe: A sind die mit der Kohle, B hätten sie gern, C nennt man heute das Prekariat. Dann hat man es feiner eingeteilt in Meinungsmacher, Innovatoren, Angepasste; hat auch nicht funktioniert. Nehmen Sie Harald Schmidt. Weißgott kein junger Mann, trotzdem wird seine Sendung keineswegs nur von über Fünfzigjährigen geschaut.
Aber damit sich das für den Gesamtsender ändert, hat ihm die ARD Oliver Pocher zur Seite gestellt.
Verständlich. Ich hab’s nur leider nicht gesehen.
Pocher steht für die Vulgarisierung des Mediums. Würden Sie sich noch einmal wie in Canale Grande vor laufender Kamera ausziehen, um eine Botschaft zu vermitteln?
Nein, selbst wenn die Botschaft passen würde wie damals. Außerdem war ich ein bisschen jünger und knackiger. Man muss die Leute ja nicht gleich erschrecken.
Wo liegen Ihre Schamgrenzen?
Um ihrer Selbst Willen ganz hoch; ich geniere mich sehr schnell. Wenn es jedoch darum geht, einen Zweck zu erfüllen, sehr niedrig, fast Null. Man darf aber bei der Niveaufrage nicht vergessen, dass die Privatsender schon deshalb so wertvoll waren, weil sie Innovationen riskiert haben. Bis vor einigen Jahren haben sie der Fernsehkultur hochinteressante Impulse gegeben, denen die Öffentlich-Rechtlichen bisweilen hinterher hecheln mussten. Mittlerweile aber sind sie Unternehmen geworden, mit Shareholder-Kriterien und Quotenautomatismen statt Entscheidungsträgern. Ein Irrweg, auf dem der Innovationsanteil weiter sinken wird. Ich glaube und hoffe, dass die Öffentlich-Rechtlichen anlässlich dieses Dilemmas die Qualitätsoffensive suchen.
Ein gutes Beispiel ist ja ihr alter Sender Vox, der mit hohen Ansprüchen gestartet nun vor allem Entertainment und Lizenzserien bietet.
In der Tat. Aber Niveau war bei Vox kein Anspruch, sondern eher eine euphorisierte Aufbruchsstimmung. Es gab dort zunächst kaum echte Fernsehmacher, die waren bei RTL; dafür reichlich Printjournalisten, die den Unterschied zwischen Schreiben und Senden erst lernen mussten. Aber sie haben zu Beginn 40 verschiedene Eigenproduktionen aus der Taufe gehoben, alles neue Formate, verrückt, aber auch toll.
Und erfolglos.
Das lag an einer etwas verunglückten Imagekampagne. Sinngemäß lautete die, unterhalb eines IQ von 140 brauchst du hier gar nicht einschalten. Fernsehen nur für Intelligente mit Doktortitel – das traut sich ja nicht mal Arte.
Sind Sie ein Intellektueller?
Nee. Intellektuelle sind für mich reine Kopfmenschen. Leute, die sehr engagiert über Themen debattieren, die ohne Relevanz über den Selbstzweck der Debatte hinaus sind. Sehr luxuriös und damit auch schön, aber ich kann das nicht. Wenn ein Thema nur noch eine Handvoll anderer interessiert und betrifft, kriegt es so etwas Solipsistisches, Abgehobenes, kreist es nur um sich selbst. Ich habe das Etikett intellektuell dennoch ab und zu gekriegt, keine Ahnung, wieso.
Vielleicht in der Definition als Vermittler erklärungsbedürfigen Wissens.
Dann würde es mir wiederum gefallen. Intellektuell gleich Aufklärer.
Und spannend wird es ja dann durch ihre Zweitexistenz als Ökobauer, quasi als Gegensatz des Intellektuellen?
Wo bitte ist denn da der Gegensatz?
Weil der Bauer für das Bodenständige, Instinktive, nicht das Abgehobene, Verkopfte steht.
Dann gefällt mir der Begriff doch wieder nicht. Ich bin ja nicht verkopft. Je sinnlicher die Vermittlung ist, mit je mehr Erleben Wissen vermittelt wird, desto besser klappt es. Nur Blablabla funktioniert nicht. Meine Frau und ich versuchen ja auch, zu vermitteln, wie mit Qualität gute Ergebnisse zu erzielen sind, dass Tierproduktion und Tierquälerei nicht unbedingt zusammen gehören, dass naturgerechte Ernährung keine Geldfrage ist.
War ihr Schritt in die nachhaltige Landwirtschaft eine politische Entscheidung?
Es war einfach ein Bedürfnis. Ich wollte lernen wie man sich unabhängig macht. Tiere sind Lebewesen, Lebensspender, keine Maschinen. Ein Tier wird auf die Welt gebracht, ernährt, getötet, zubereitet und gegessen – etwas sehr Archaisches. Das kennen zu lernen halte ich für sehr wertvoll. Ich kann also das Tier schlachten, das ich essen werde.
Sollte das jeder mal getan haben, der Fleisch isst?
Nein und das wünsche ich auch nicht dem Tier.
Die Süddeutsche schreibt, Sie seien eigentlich nie ganz weg, aber manchmal müsse man Sie suchen.
Also ich finde mich immer wieder. Und sei es morgens vorm Spiegel. Aber ich kann nachvollziehen, dass man mich mal aus den Augen verliert. Es ärgert mich auch nicht, wenn man mich immer noch mit Canale Grande identifiziert. Ich habe ja in der Zwischenzeit viel gemacht, manches mit mehr, manches mit weniger Aufmerksamkeit von außen. Und Heu einzubringen oder eine Kalbsgeburt einzuleiten, sind sehr starke und seltene Erlebnisse, bei denen es blödsinnig wäre, zu fordern, dass jetzt darüber berichtet wird. Andererseits ist es doch erstaunlich, dass man sich in dieser schnelllebigen Zeit noch an etwas so lange zurück Liegendes wie Canale Grande erinnert, das ist 14 Jahre her.
Sind Sie in der Schweiz bekannter als hier, ein Star womöglich?
Durch meine tägliche Late-Night-Show war ich schon sehr bekannt, aber das ist ja schon eine Weile her und dauerte nur zwei Jahre. Das schaffte viel Medienpräsenz, auch negative Schlagzeilen, aber wenn ich heute durch Zürich gehe, habe ich nicht das Gefühl, dass sich die Leute nach mir umdrehen.
Waren Sie so etwas wie der Schweizer Harald Schmidt.
(nickt verlegen) Mhm, aber nicht mit dem gleichen Erfolg, mit dem gleichen Bekanntheitsgrad, nur – Harald Schmidt wird ja von fast allen geliebt, ich wurde mehrheitlich gehasst.
Posted: April 2, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Die Herren der Töpfe
Kochen und kein Ende: Seit mehr als zehn Jahren wird im Fernsehen fast unablässig am Bildschirm gebrutzelt. Während der heimische Herd allerdings wie eh und je in Frauenhand ist, stehen im Fernsehen fast ausschließlich Männer davor. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur sehr langsam, das zeigt auch die neue Staffel vcon Steffen Hensslers Grillshow ab Sonntag, 20.15 Uhr, bei Vox
Von Jan Freitag
Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als Kochprofis stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime. Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kochte auf ihrer Kulinarischen Tour de France regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: Auf Arte.
Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch „mmmh“ summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. „Sieh zu!“, raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält. Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Und auch in der zweiten Staffel von Grill den Henssler ist ide Rollenaufteilung klar: Ruth Moschner moderiert, Steffen Henssler kocht. Alles beim Alte also.
Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: „In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer.“ In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, er sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.
„Wir können uns ja keine Köchin ausbilden“, bemüht Stichler die Angebottheorie als Ursache der miesen Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm bruzzelte – ohne Ausbildung, Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb soviel zu verstehen wie von dessen Präsentation. Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen Drehscheibe-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format HAPS erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus szeniger Jungkoch. Steffen Henßlers Jugendstil etwa bildet seit 2006 zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.
Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann und dessen Sendung Koch doch aufs gleiche Pferd. „Frauentyp“ nennt der Sender den „vermutlich charmantesten Koch Deutschlands“. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zuhause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, „die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann“, so Jansing, „würden wir sie sehr gern nehmen.“ Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Indoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, „nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue“ zu ersetzen.
Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das Kochduell leitete, bis ihr Mälzers Schmeckt nicht, gibt’s nicht den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut Brigitte Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats Was die Großmutter noch wusste beim SWR. Immerhin hat sich mit Sarah Wiener eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von Pro7, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein Single-Dinner zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.
Posted: March 31, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
24. – 30. März 2014
Wie flach am Boden die deutsche Fernsehshow liegt, wie tief das einstige Flaggschiff der TV-Unterhaltung nicht bloß gesunken ist, sondern versenkt wurde, zeigte sich vorige Woche in Gestalt zweier Moderatorinnen, die ihre Würde sprichwörtlich an der Garderobe abgeben: Quasi unbekleidet, also willig zur Degradierung als Projektionsfläche männlicher Zugriffsphantasien, stellten sich zur besten Sendezeit erst Mittwoch Michelle Hunziker, tags drauf Helene Fischer an öffentlich-rechtliche Bühnenkanten – und es war grausam. Im ZDF-Fall Hunziker, weil „Die große Überraschungsshow“ völlig inspirationsfreies Niveaufasten war, im ARD-Fall Fischer, weil die kreative Leere der Echo-Verleihung sogar noch von deren erbarmungswürdiger Inszenierung unterboten wurde.
Man muss ich das mal vorstellen: Da sitzt praktisch alles, was massenmusikalisch in deutscher Sprache Rang und Namen hat, in einer lichtdurchzuckten Multiplexhalle und was passiert? Nichts! Keine Dramatik, Null Esprit, dazu ein Publikum, das zu jedem Live-Auftritt stoischer im Gestühl verharrte als beim Jazz-Echo. Nebst einer Gewinnerin namens Egli, die dann auch noch RTL für irgendwas dankte, was ihren Absatz befördert habe. Im Grunde war die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Mittwoch, den politisch berufenen Anteil der ZDF-Gremien künftig zu limitieren, also total hinfällig. Konservative Strippenzieher der Marke Edmund Stoiber und Roland Koch haben den „Staatsfunk“, vor dem der Erste Senat da warnte, schließlich längst als „Ballermannfunk“ verwirklicht.
Von daher ist die einzig echt relevante News aus Karlsruhe das abweichende Votum von Richter Andreas Paulus. Warum Parteien und Regierung überhaupt zur „Herstellung und Erhaltung der Rundfunkfreiheit dienen“, sei ihm völlig schleierhaft. Statt also weiter „Regierungspolitik“ in den Fernseh- und Verwaltungsräten zu betreiben, forderte er deren komplette Reinigung von allen legislativen wie exekutiven Kräften. Schöne Vorstellung, leider utopisch – würden die darüber am Ende ja selbst entscheiden. Also: wen bestimmen lassen über Wesen und Gestalt des gebührenfinanzierten Programms? Das Publikum, dieses amorphe Etwas, das den klebrigen Sat1-Bombast „Die Hebamme“ am Dienstag eine Quote auf dem Niveau vom wettenden Lanz verpasste? Übertroffen nur von der gotteslästerlichen ARD-Anmaßung „Um Himmels Willen“? Dann doch lieber Roland Koch im Ratssessel; der liefert wenigstens reales Entertainment…
Die Frischwoche
31. März – 6. April 2014
Und das kann man diese Woche vom Regelangebot wie üblich zu keiner Tageszeit zweifelsfrei behaupten. Auch wenn eins davon zur festen Bank einer ausgewogenen Mischung von Dramatik und Relevanz geworden ist: Der Mittwochsfilm im Ersten, diesmal mit der gelungenen Mobbing-Studie „Neufeld, Mitkommen!“, in der die famose Nebendarstellerin Christina Große endlich mal in der Hauptrolle glänzt. Besser über die Kernkompetenzen einzelner Sender gibt allerdings das Parallelprogramm ab acht Auskunft: Das ZDF zeigt in der Champions League, wie wenig Staatsauftrag man mit wie viel Geld erfüllen kann. Pro7 zeigt mit „How I Met Your Mother“, wie viel private Sendezeit man mit einer Handvoll importierter Sitcoms rund um die Uhr füllen kann. RTL zeigt mit „Die 25 peinlichsten TV-Momente der Welt“, wie genüsslich man sich dabei im eigenen Erbrochenen wälzen kann. Sat1 zeigt mit „Die strengsten Eltern“ (natürlich auch „der Welt“), das solche Auswürfe auf allen Kanälen primetimetauglich sind. Und der der NDR zeigt mit „Wildes Deutschland“, wie man sie mit unablässigem Sonnenlicht als sahnige Mousse verkauft.
Dann doch lieber Rohkost, nicht üppig zubereitet, aber nahrhaft und lecker. So wie die Veganismus-Reportage „Da wird mir übel“, Donnerstag bei ZDFneo. Oder wie die heutige Nahost-Doku „Zwischen Hoffnung und Vorurteil“, bei deren Dreh ARD-Korrespondent Jörg Armbruster voriges Jahr angeschossen wurde. Und das ganze Salatbuffet wird Freitag von 19 Uhr bis weit nach Mitternacht serviert, wenn 3sat erst die Verleihung der Grimme-Preise aus Marl überträgt und im Anschluss den Preisträger 2012 „Dreileben“ wiederholt, mit dem drei Regisseure in drei Filmen auf geniale Weise die Jagd nach einem Serientäter variieren. Und um 23 Uhr sinniert mit Dominik Graf auch noch einer der Autoren mit Kollegen in der WDR-Doku „Es werde Licht“ – 50 Jahre Grimmepreis“ darüber, was gutes Fernsehen bloß ist.
Er würde wohl nicht grad den Knastarzt nennen, eine neue RTL-Reihe, die vermutlich hält, was der Titel befürchten lässt. Dagegen schon eher „Kommissar Süden“ (Dienstag, 22.15 Uhr, 3sat), diesen seelisch wunden Ermittler, der 2009 zwar diverse Preise bekam, aber leider keinen 3. Fall, da dem ZDF die Quote nicht passte. Die generiert es lieber durch „Die Mütter-Mafia“ über reiche Vorstadtzicken, die Annette Frier am Sonntag parallel zum Brandenburger „Polizeiruf“ das Prekariat zur Hölle machen: ganz witzig, aber harmlos. Was wohl auch für den so genannten Impro-Talk „Vier sind das Volk“ gelten dürfte mit dem Wigald Boning und Gleichgesinnte am Freitag um elf Politiker in Gesprächsrunden imitieren.
Geradezu saukomisch und doch bedeutsam ist dagegen der „Tipp der Woche“, Dienstag bei Sat1: „Almanya“, wo Nick Tschillers Assi Fahri Yardim zeigt, wie lässig man deutsche Immigrationsgeschichte erzählen kann.
Posted: March 27, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Tempiwechsel? Wir?
Seit zehn Jahren schon gibt es die Gruppe Dÿse aus Jena und Chemnitz, aber noch immer ist ist das Mathrock-Duo ein echter Geheimtipp. Warum eigentlich? Andrej Dietrich (Gitarre, Gesang) und Jarij van Gohl (Drums, Gesang) machen zwar unglaublich vertrackte Musik, aber das mit einer Virtuosität, die ihresgleichen sucht – und dafür nicht mal einen Bass benötigt. Die zwei Lebenskünstler des Noise über Instinkte, ihre neue Platte Das Nation (Cargo Records) und wie man mit Alternative reich wird.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Andrej, Jarij, auf eurer neuen Platte „Das Nation“ klingt ihr zwar etwas geradliniger als auf den zwei zuvor. Trotzdem frage ich mich als Schlagzeuger und Hörer auch dort ständig: wie merkt man sich eigentlich eure ständigen Tempiwechsel und krummen Taktfolgen?
Andrej: Wir machen Tempiwechsel?
Jarij: Wir machen Tempiwechsel! Die muss man aber als Teil eines Prozesses sehen, in dem wir unsere Songs stark reflektieren. So oft, wie wir unsere Stücke proben, läuft der Takt in unseren Köpfen im Grunde genommen ab wie ein Film. Je öfter man den gesehen hat, desto mehr Passagen kann man mitsprechen und irgendwann beherrscht du ihn halt ganz. Das heißt, wir zählen da nichts mehr mit, sondern haben den Rhythmus so verinnerlicht, dass er aus uns rauskommt.
Andrej: Trotzdem ist das natürlich nicht nur Gewöhnung; man muss die Parts auch fühlen.
Hat das dann mit Instinkten zu tun?
Andrej: Unter anderem.
Jarij: Zumal wir ja auch schon ganz schön lange zusammenspielen, fast zehn Jahre. Da hat sich natürlich ein blindes Verständnis entwickelt, dass besonders zum Tragen kommt, wenn wir live improvisieren, was wir sehr gerne machen.
Andrej: Da merkt man schnell, worauf der andere hinaus will und stellt sich darauf ein.
Wie ein altes Ehepaar.
Jarij: Das müssen wir leider bejahen.
Als ihre geheiratet habt, hat man euch bei Indiepedia noch unter der Kategorie Mathrock eingeordnet, jetzt eher unter Noise. Warum?
Andrej: Was wir machen, klingt natürlich schon oft sehr mathematisch und ist es auch, manchmal sogar zu sehr. Als wir zum Beispiel im Oktober mit einem Konzertpianisten ein Stück namens „Sonne glänzt“ spielen wollten, ist der mit unserer Rhythmik absolut nicht klargekommen. Zwischen jedem Takt eine andere, viele Verschiebungen, damit spielen wir halt gern. Das liegt uns förmlich im Blut.
Jarij: Es ist förmlich zum Teil von uns geworden, aber als Mathrock würde ich uns trotzdem nicht bezeichnen. Schon weil wir ja auch singen. Da passen andere Label besser, glaube ich.
Zum Beispiel?
Jarij: Na, unser eigenes! Wenn wir gefragt werden, was macht ihr denn eigentlich für Musik, dann antworten wir schon eine Weile: New Wave of German Noise Rock. Das ist sozusagen unsere Antwort auf die New Wave of British Heavy Metal aus den Achtzigern. Mit einem Begriff allein sind wir halt nicht zu fassen.
Auch nicht mit dem des DIY, den ihr durch das Stück Die Ai Wai auf der neuen Platte zitiert?
Andrej: Sachen selbst anzupacken, die Musik eigenständig zu schaffen, vom Cover über die Konzerte bis zum Set alles aus eigener Kraft zu gestalten – diese Elemente des DIY waren auf jeden Fall schon immer unser Antrieb.
Jarij: Unser Herz liegt noch im DIY, der Geist durchströmt uns.
Andrej: Aber zu einer Szene würden wir uns da jetzt nicht zugehörig fühlen, weil es die als solche ja gar nicht gibt. Dennoch liegt das Organisatorische weiter vor allem in unseren eigenen Händen, auch wenn wir mittlerweile mehr Hilfe haben.
Trotz aller Hilfe kommen Dÿse aber weiterhin ohne Bass aus. Warum verzichtet ihr auf den?
Jarij: Äh…
Andrej: Äh…
Jarij: Weil wir uns irgendwann mal irgendwo Backstage getroffen hatten und zu zweit geblieben sind. Denn diese Zusammensetzung ist zwar formal extrem limitiert, eröffnet aber inhaltlich großen Spielraum, weil man natürlich mit dieser begrenzten Auswahl der Mittel äußerst kreativ sein muss, um fehlende instrumentelle Vielfalt zu kompensieren.
Andrej: Das verlangt uns genau so viel ab, wie es uns gut tut.
Ist es da bloß ein Live-Gimmick, wenn ihr euch auf der Bühne Beatboxer dazuholt, oder ist das am Ende doch die Suche nach einem weiteren Rhythmusinstrument?
Andrej: Weder noch. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die uns inhaltlich und menschlich weiterbringen, machen wir so was sehr gern. Da gab es schon Trompeter, einen Chor. Aber das sind immer eher Spannungsmomente als echte Alternativen.
Jarij: So kommt mehr Klangfarbe in unser Set. Außerdem haben wir den Anspruch, dass Leute, die zum dritten Mal Dÿse sehen, drei unterschiedliche Konzerte erleben können. Ich kenne das ja von mir selber: Um eine Band mehrfach zu sehen, muss sie mich schon immer wieder neu überraschen. Wir hören das immer wieder, dass Leute meinen, wir seien immer wieder anders. Und das ist immer wieder geil. Weil wir aber auch als Band nicht bloß im eigenen Saft schmoren wollen, laden wir uns halt immer wieder Kollegen ein, mitzuköcheln.
Andrej: Und unser Kollegenkreis ist groß genug, um da auch fündig zu werden.
Die Koordinierung ist allerdings schwer, wo ihr doch nicht in der gleichen Stadt wohnt.
Andrej: Das haben wir eigentlich noch nie getan. Jarij ist aus Jena, ich aus Chemnitz, jetzt leben wir in Dresden und München.
Jarij: Wir führen eine Fernbeziehung.
Andrej: Aber vielleicht hilft uns ein wenig Distanz auch dabei, unsere Kreativität besser ausleben zu können.
Jarij: Und wer will seinen Partner schon jeden Tag sehen, ehrlich. Aber wir haben einen Proberaum in Dresden, einen in Berlin, nutzen den auf Mallorca zwar nur selten (lacht), finden aber eigentlich immer zueinander, wenn es drauf ankommt. Dann wird halt gespielt, bis es qualmt. Aber wir haben ja auch noch andere Sachen zu tun.
Richtige Lohnerwerbsjobs?
Jarij: Genau. Ich gebe, was ein bisschen nahe liegend ist, Schlagzeugunterricht. Mache aber auch ein bisschen Sounddesign und Komposition. Außerdem gibt es noch musikalische Nebenprojekte. Zuletzt habe ich zum Beispiel angefangen, Architektur zu vertonen, etwa fürs Bauhaus Dessau. Das nennt sich dann akustische Denkmalspflege.
Andrej: Ich mache alle möglichen Jobs, wenn auch schlecht bezahlte, vor allem handwerklich. Außerdem schreibe ich gerade ein Klassikset, wofür ich allerdings viel zu wenig Zeit finde. Letztes Jahr hab ich auch viel Theatermusik gemacht, aber es ist schwer, da Aufträge zu bekommen.
Jarij: Im Moment stecken wir halt sehr viel Kraft und Zeit in Dÿse.
Verdient ihr damit denn richtig Geld?
Jarij: Wenn wir mit dieser Art Musik kein Geld verdienen würden, hätten wir das vermutlich nicht zehn Jahre auf dem Level durchgehalten.
Andrej: Es war auf jeden Fall ein Ziel, damit Geld zu verdienen und das klappt auch schon ganz gut. Allein davon leben zu müssen, fiele uns allerdings schwer.
Jarij: Es trägt halt seinen Teil zum Lebensunterhalt bei. Aber darüber hinaus macht Dÿse uns halt seit jeher unglaublich viel Spaß, auch das Touren, die Menschen, die wir treffen, alles. Und man kann nach den Konzerten eine Weile damit zurecht kommen.
Andrej: Reich wird man damit allerdings nicht.
Jarij: Noch nicht! Wir wachsen langsam, aber stetig. Wir machen aber ja auch keine Popmusik, der Mainstream wird uns immer fern bleiben. Aber wer weiß – vielleicht versteht die Welt ja irgendwann, worum es in der Musik wirklich geht. Dann schlägt unsere Stunde.
Der Text ist vorab erschienen unter: http://www.musikblog.com/2014/03/wir-wachsen-langsam-aber-stetig-dyse-im-interview/
Posted: March 26, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ziemlich harmoniesüchtig
Der Schlagerstar Helene Fischer ist in aller Munde, allen Medien, allen Kanälen präsent. Ein Interview mit ihr zu kriegen, ist trotzdem nicht leicht – selbst wenn sie gerade in der gleichen Stadt nur ein paar Kilometer entfernt zu PR-Zwecken im Hotelzimmer sitzt. Weil die begnadete Entertainerin morgen den künstlerisch nichtigen Musikpreis Echo (ARD, 20.15 Uhr) moderiert, darf man sie wenigstens anrufen. Zu schade, dass ihr Management hinterher wenig von Fischers Antworten veröffentlicht sehen möchte. Die eckigen Klammern geben Auskunft darüber, wie wenig wirklich. Protokoll eines Interviews, das mit der Realität am Ende nur noch bedingt zu tun hat.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Helene Fischer, was haben Sie und Thomas Gottschalk wohl bei allen Unterschieden gemeinsam?
Helene Fischer: (lacht) Nicht viel. Er ist der deutsche Entertainer schlechthin, während ich bei allem Bemühen, mein Publikum zu unterhalten, eher Sängerin als Moderatorin bin. Aber was meinten Sie denn – die blonden Haare?
Das auch. Aber wenn Sie die Bühne betreten, wirkt es wie bei Gottschalk nie, als seien Sie bei der Arbeit, sondern entspannen sich.
Wenn das Publikum anders empfände, könnte es sich jedenfalls kaum entspannt im Sessel zurücklehnen. Aber natürlich ist das für uns beide Arbeit, nur dass Herrn Gottschalk durch seine Routine noch viel gelassener ist. Ebenso wie mir dürfte auch ihm Nervosität bis heute nicht fremd sein, aber wir beide können offenbar einen Schalter in den Jobmodus umlegen.
Und wie lange haben Sie den Schalter schon?
Eine Weile. Ich mache mich vorher nicht mehr so verrückt und kann mit unvorhergesehenen Situationen entspannter umgehen. Erfahrung bringt Selbstbewusstsein, und das nimmt Druck von den Schultern. Trotzdem gibt es zwischen mir und Thomas Gottschalk große Unterschiede.
Aber nicht, was die Präsenz betrifft. Es gibt Helene-Fischer-Uhren, -Wandkalender und -Winterkleidung, ein Magazin, Dokumentation, die TV-Show und den Echo […]. Wann gibt es eigentlich genug Helene Fischer?
Zum Einstieg in die Diktatur der PR, hat der Agent hier gleich mal einen Teil der Frage gestrichen. Der Frage!
[…]
Ich habe mich zu allem, was von mir zu sehen ist, zwar bewusst entschieden, aber obwohl ich mir durchaus kreative Pausen nehme, kann schon das Gefühl entstehen, ich sei ständig da. Wobei man die Wiederholungen im Fernsehen ebenso wenig beeinflussen kann wie viele Geschichten über mich in der bunten Presse.
[…]
Und so geht es weiter. Hier zum Beispiel sagt Helene Fischer ein paar kluge Dinge über ihre Überpräsenz, die leider gestrichen wurden
Ist Ihre Präsenz also eine Art Dienstleistung?
In Zusammenhang mit etwas leidenschaftlichem wie Musik klingt der Begriff in meinen Ohren falsch. Aber professionell zu liefern, was erwartet wird, zählt zu meinem Beruf dazu.
Steuert die Nachfrage das Angebot oder umgekehrt ihr Angebot die Nachfrage?
Ich denke ersteres. Ich kann aber danach auswählen, ob ich die Sachen beherrsche, dahinter stehe und Spaß dabei habe. Das ist ein großer Luxus, aber ich habe ihn mir auch hart erarbeitet.
[…]
Auch hier setzte die Axt des Agenten an einer Stelle ein, die mal mehr übers Kunstprodukt Helene preisgab
Mit dem Faktor Berühmtheit als Zugabe. Sehen Sie die als Fluch oder Segen?
Am liebsten würde ich natürlich auf die Bühne gehen, meinen Job machen und dann wäre der Rummel vorbei. Aber ich bin nun mal eine Person des öffentlichen Lebens und muss damit umgehen.
[…]
Ist die Person, die heute beim Echo auf der Bühne steht, überhaupt Helene Fischer oder ein Kunstprodukt des Show-Business?
Das bin schon ich, sonst würde es nicht funktionieren. Shows wie diese haben zwar Drehbücher, aber die Zuschauer würden es merken, wenn ich nur eine Rolle spiele, die nichts mit mir zu tun hat.
[…]
Privat bin ich trotzdem eine andere, trage legere Kleidung und tanze nicht ständig durch die Gegend (lacht). Aber ich muss mich auf der Bühne für nichts verbiegen. Und beim Echo bin ja auch nicht ich der Star, sondern die Preisträger.
Was bedeutet Ihnen mehr: den Echo zu moderieren oder ihn zu kriegen?
Ich finde es toll, dass beides der Fall sein könnte. Aber ich bin ein Bewegungsmensch; wie in den Jahren zuvor passiv im Publikum zu hoffen, den Echo zu kriegen, war viel anstrengender als jetzt, wo ich vor und hinter der Bühne aktiv bin. Jetzt lenkt mich die Arbeit von der Aufregung ab, unter der die meisten anderen Nominierten ja stehen. Das finde ich sehr erleichternd.
[…]
An dieser Stelle wird es geradezu absurd, weil nicht nur sämtliche Ihrer Antworten zur Absage der Rechtsrocker Frei.Wild gestrichen wurden, sondern die Fragen gleich mit.
Ist es für eine Künstlerin von Ihrer Außenwirkung nicht wichtig, Haltung zu beziehen?
Schwierige Frage. Ich respektiere es sehr, wenn sich zum Beispiel Rosenstolz wie beim vori-gen Bambi für mehr Gleichberechtigung einsetzen, konzentriere mich selber aber aufs Künstlerische. Das bedeutet, niemanden zur Homestory zu bitten, aber auch, mich öffentlich nicht zu politischen Themen zu äußern.
Da ist die Bühnenfigur also doch eine andere als die private.
Nein, die Person bleibt die gleiche. Aber so viel, wie man von mir mitkriegt, möchte ich mich seelisch einfach nicht noch mehr ausziehen. Da brauche ich mein privates Refugium und zu dem zählen auch meinen Haltungen.
Meinen Sie mit „ausziehen“, buchstäblich viel Haut zu zeigen?
Auch.
Das macht sie zum Postergirl des Schlagers.
Ja? Da steckt aber kein Kalkül hinter. Das ist alles der Choreografie geschuldet oder kommt spontan aus mir heraus.
Braucht man für Ihre Art der körperlichen Performance eine exhibitionistische Ader?
Ohne die wäre ich im falschen Beruf, aber sie hat nicht unbedingt mit Kleidung zu tun. Ein Singer/Songwriter, der sein Innerstes über die Texte nach außen kehrt, gibt womöglich viel mehr von sich preis als ich, die mit körperbetonten Klamotten tanzt. Jeder fühlt sich auf seine Art auf der Bühne wohl. Und ich auf meine.
Wie weit würden Sie dafür nie gehen?
Wenn ich dafür mir selbst oder anderen schaden würde. Ich bin ziemlich harmoniesüchtig.
Posted: March 26, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Parteiische Frohsinnsmaschine
Wer das Personal von Raab bis Lanz sieht, wähnt sich längst im Leichenschauhaus der TV-Show. Jetzt mischt es womöglich jemand auf, der bislang im Schatten der Stars stand: Michelle Hunziker. Auch wenn Die große Überraschungsshow (heute im ZDF eher fade Gebrauchtware sein dürfte.
Von Jan Freitag
Holland liegt jetzt in Italien, der Schweiz oder umgekehrt. Vielleicht liegt es allerdings auch ein bisschen in Deutschland, je nach Perspektive: Michelle Hunziker hat jedenfalls ihre allererste eigene Fernsehshow, und das ist gewisse eine internationale Angelegenheit. Die italienische Tochter einer niederländischen Mutter mit schweizerischem Mann, geboren im Tessin, moderiert ab heute nämlich etwas, das nicht nur eine fünfsprachige Gastgeberin mit mehreren Pässen aufweist, sondern auch noch verteufelt nach Rudi Carrell klingt.
Die große Überraschungsshow heißt das Format im gewohnt aufdringlichen Jubelton des ZDF und – Überraschung! – überrascht Menschen wie du und ich mit Dingen ihres Herzens. Von einer 90-Jährigen, berichtet das Zweite vorab, die seit Wirtschaftswunderzeiten einem gewissen Fußballclub anhängt und wahrscheinlich ganz dufte von dem überrascht wird. Oder vom Fan eines Musikstars, der ihn in der Sendung persönlich begrüßen dürfte. Von ganz normalen Leuten also, die irgendetwas können, brauchen, tun oder lassen und dafür aus dem Alltag oder Saalpublikum ins Rampenlicht gezerrt werden, wo alles in überdrehter Heiterkeit explodiert.
Exakt das gab es vor gut einem Vierteljahrhundert schon einmal, nur eben mit Rudi Carrell vor der Kamera, dessen Namen die ARD vergleichbar schlicht mit Show hintendran zum Titel machte und, hoppla, Menschen wie du und ich überraschte. Am Übergang ins duale System kratzten die Zuschauerzahlen solcher Leichtigkeit regelmäßig an der Achtstelligkeit. Doch weil es so was bei 300 Konkurrenzkanälen, dem Internet und seltener einem guten Buch statt Glotze im Grunde bloß noch beim Tatort gibt, hüllen wir hiermit den Mantel des Schweigens über die nichtige Dramaturgie und wenden uns ihrem Führungspersonal zu, dass es mit den Hüllen in ausreichend wärmender Art ja auch nicht so hat.
Michelle Hunziker flutet nach dem italienischen nun also auch den deutschen Unterhaltungsmarkt allein mit Glückshormonen. Es ist eine echte Erfolgsstory. Mittlerweile 37 ist sie überaus erfahren, sieht dabei immer noch umwerfend aus und kultiviert ihr Gemüt eines kleinen Kindes unterm Weihnachtsbaum so versiert mit der Professionalität des selbstlosen Sidekicks, dass man für Die große Überraschungsshow gar nicht mal schwarz sehen muss. Seit das blonde Model mit dem Hang zu exhibitionistischer Kleidung 1998 erstmals auf Thomas Gottschalks Couch landete, hat sie sich ja nicht nur vom Beruf des sexy Accessoires ihres Gatten Eros Ramazotti emanzipiert; Michelle Hunziker ist selbst zur Hauptdarstellerin gereift, die nach einem Ausflug zu DSDS an der Seite eines gewisse Carsten Spengemann einst Wetten, dass…? 2009 vorm zwischenzeitlichen Ruin gerettet und einen neuen Typus Showmaster jenseits der großen Schunkelsausen kreiert hat: Die hyperparteiische Frohsinnsmaschine.
In dieser Rolle hortet sie nun Sympathien wie zuvor höchstens Gottschalk selbst oder vielleicht noch ein Hape Kerkeling. Geschätzt wird die konsequent leicht bekleidete Schönheit allerdings nicht nur von Voyeuren aller Altersklassen, sondern von all jenen, die es zu schätzen wissen, dass da noch eine echte Leidenschaft fürs Medium in sich trägt, statt bloß routinierter Empathie. Vielleicht setzt sich Michelle Hunziker deshalb abseits der Bühne nicht wie all ihre PR-bewussten Kollegen fürs Konsensthema Kinder ein, sondern für Opfer häuslicher Gewalt. Und vielleicht ist es ihr ja auch deshalb piepe, dass sie mit der Überraschungsshow berechenbares Stromlinienfernsehen wegmoderieren soll. Denn vielleicht liegt ihr ja wirklich etwas an ihren gewöhnlichen Gästen. Damit würfe Michelle Hunziker dem sinkenden Schiff Fernsehshow einen Rettungsanker zu. Seit Rudi Carrells Ende, ist Holland nämlich wirklich in Not.
Posted: March 24, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
17. – 23. März
Die Welt der Fernsehpreise ist vielfältig. Es gibt belanglose Trophäen wie die Goldene Kamera und noch belanglosere wie die Goldene Henne. Es gibt belanglose, aber glitzernde wie den Bambi oder so richtig belanglose weil hirntote wie den Deutschen Fernsehpreis. Und es gibt den Grimme-Preis. Die wichtigste, nein – eigentlich einzig wirklich wichtige Auszeichnung für anspruchsvolles Fernsehen in Deutschland hat ihre Preisträger 2014 bekannt gegeben, und nur bei dieser Jury hatte man das Gefühl, sie hätte sich mit ihrem Medium auseinandergesetzt.
Die zwei NDR-Produktionen Mord in Eberswalde und Grenzgang haben ebenso gewonnen wie das Kundus-Drama Eine mörderische Entscheidung. Dazu die Serie Tatort im Allgemeinen, dessen Wiener Episode Angezählt im Besonderen, nebst der schwäbischen Echtzeitreihe Zeit der Helden, die wirklich zum Niederknien gut ist. Hinzu kommen Sachfilme von Restrisiko über The Voice of Peace des Wahlhamburger Filmemachers Eric Friedler bis Work Hard – Play Hard. Und dann auch noch die Moderatoren Martin Sonneborn, Thomas Böhmermann plus – Achtung: Joko und Klaas, als einzige Vertreter des kommerziellen Fernsehens.
Es sind vielleicht nicht die objektiv besten Filme, Dokus und Entertainer, die am 4. April in Marl gefeiert werden, aber durch die Bank welche, die das Fernsehen auf ihre jeweils eigenwillige Art bereichern. Gut, zu den zwei Pro7-Gewächsen Winterscheidt/Heufer-Umlauf gibt es da sicher auch abweichende Meinungen; doch alle Ausgezeichneten eint das ernsthafte Bemühen, Spuren am Bildschirm zu hinterlassen, nicht bloß Fettflecken. Ersteres statt letzteres haben auch zwei Protagonisten vor ihrem Tod getan, der vorige Woche bekannt wurde: Mareike Carrière, die sich im Großstadtrevier vor fast drei Jahrzehnten als eine der ersten Frauen überhaupt hinters Steuerrad eines fiktionalen Peterwagens setzen durfte. Und Justus Pfaue, der seinerzeit von Timm Thaler bis Anna nahezu sämtliche Drehbücher einer Institution schrieb, die ganze Generationen Zuschauer geprägt hat: den Weihnachtsmehrteiler im ZDF.
Wie weit das öffentlich-rechtliche Fernsehen von seiner alten Serientradition entfernt ist, zeigt sich nicht nur am aktuellen Bestand, sondern auch einer schmalen Ankündigung: 2015 will das Zweite eine Miniserie mit Bastian Pastewka zeigen, die sich an Breaking Bad orientiere. Warum auch eigene Ideen entwickeln…
Die Frischwoche
24. – 30. März
…wenn man so schön von anderen klauen kann. Erstes Beispiel Michelle Hunziker. Mittwoch kriegt Gottschalks Ex-Assistentin im ZDF ihre erste eigene Sendung. Dass die großen Überraschungen der großen Überraschungsshow verteufelt an Rudi Carrells Lass dich überraschen erinnern, ist aber sicher reiner Zufall. Zweites Beispiel Sat1: Dessen Historienmelodrama Die Hebamme variiert tags zuvor das Fernsehdauerthema starker Frauen in frauenfeindlichen Zeiten gefühlt zum 6258. Mal und liefert dabei so derart überdramatisierte Stromlinienkost, dass die Geigen nur so scheppern. Drittes Beispiel – nein, der heutige ZDF-Film „Kein Entkommen“ mit Anja Kling als traumatisiertes Gewaltopfer mit anschließendem Mobbing-Problem ist zwar irgendwie auch abgekupfert. Aber vom realen Fall einer Zeit-Autorin vor vier Jahren, was irgendwie nicht richtig kopiert ist, auch wenn das Zweite das Thema ebenfalls zum 6258. durchspielt.
Dank guter Schauspieler ist das durchaus auf dem Niveau des ARD-Mittwochsfilms, diesmal mit einem Krimi der ungewohnten Art. Denn Die Fahnderin kümmert sich um Steuerbetrüger. Eine wachsende Gruppe Krimineller also, die im Lichte des Hoeneß-Urteils derzeit zwar zusehends den Mainstream bewegt wie sonst höchstens Krim-Krise und Lanz-Bashing; für herkömmliche Krimis galt das Thema allerdings lange als völlig ungeeignet zwischen all den Kinderschändern und Serienmördern. Katja Riemann gerät als Jägerin nordrheinwestfälischer Steuerbetrüger zwar zuweilen etwas arg staubig, aber überwiegend glaubhaft – und öffnet somit vielleicht Türen für Ermittler jenseits des Kapitalverbrechens à la Tatort, der Sonntag in Kiel Station macht.
Das wird umso wichtiger, als RTL parallel dazu die Behandlung relevanter Themen dadurch verhöhnt, dass es Mario Barth darauf ansetzt, der angeblich irgendwas aufdeckt, tatsächlich aber nur seinen Kontostand dank weiterer Nichtigkeiten erhöht. Nicht das einzige, aber prägnanteste, was ihn mit Helene Fischer verbindet, die Donnerstag im Ersten mit viel Glamour (aber ohne Frei.Wild) den künstlerisch sinnlosen Musikpreis Echo verleiht. Das dürfte zwar weniger Zuschauer haben als die Explosionsarie Cobra 11 die zeitgleich bei RTL in die 6258. Staffel geht. Aber einiges mehr als der grandiose Arte-Dreiteiler Burning Bush, mit dem der tschechische Produzent Jan Mojto seinen eigenen Prager Frühling spielerisch aufarbeitet. Kalter Krieg zum Anfassen quasi. Heißen Krieg dagegen gibt es morgen zur besten Sendezeit, wenn ZDFzeit die Soldaten des Ersten Weltkriegs Mit Jubel in die Hölle schickt. Dagegen wirkt der Tipp der Woche bei aller Gewalt fast friedlich: Wie ein wilder Stier (heute, 22.20 Uhr, Arte) mit dem jungen Robert de Niro als Boxer.
Posted: March 20, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Küche, Kegel, Körperpflege
Die Werbung hat ein Emanzipationsproblem: Während Männer Bier trinkend Autos kaufen, schmeißen Frauen den Haushalt. Gerade im Fernsehen funktioniert Reklame also wie vor 50 Jahren. Ein Krisenbericht zum morgigen Equal-Pay-Day, an dem Frauen in gleicher Position dasselbe verdient hätten wie ihre männlichen Kollegen im Jahr 2013.
Von Jan Freitag
Es ist wieder heimelig: Plätzchen backen, Christbaum schmücken, Festschmaus kochen, Hosen bügeln, tüchtig putzen, Süßes kaufen – Haus und Hof sollen tiptop sein, für die Feiertage. Und wer macht’s? Na Mutti! Zumindest im Fernsehen. Ein beliebiger Werbeblock zeigt blutjunge Mütter bei der Vorbereitung des Kindergeburtstags mit Lufterfrischer. Dann lockt ein Handyanbieter mit feschen Burschen beim Angeln. Darauf bespricht das schöne Geschlecht Waschmittelvorzüge. Bis das starke einen Gehirntrainer preist, eine Blondine ihre Großfamilie bekocht und wechselnde Männer Autoversicherungen loben.
Geht es also um Karriere, Kopf, Kfz, bleiben Werbeträgerinnen unsichtbar – sind ja auch mit Küche, Kegel, Körperpflege ausgelastet. TV-Reklame funktioniert heute wie 1956, als Liesl Karlstadt dem Fleck auf Beppo Brems Hose mit Persil zuleibe rückte: Wo gebacken, geschmückt, gekocht, gebügelt, geputzt, gekauft wird, verziehen sich Kerle aufs Sofa. Kein Wunder, dass Karen Heumann, Vorstand der Top-Agentur Jung von Matt, den „Rückgriff aufs Allertraditionellste“ beklagt. Die Aufteilung in Ernährer und Heimchen, ergänzt Amir Kassaei vom Art Directors Club, „ist überhaupt nicht mehr zeitgemäß“.
Trotzdem werben Greise, Singles, Ausländer, Arme nur selten für „Schnelldreher“; bei diesen Dingen des täglichen Lebens regiert die Kleinfamilie schicker Twens plus Grundschülerin mit kleinem Bruder im porentiefreinen Designerloft und Neuwagen vorm Garagentor. Reklame, erklärt Volker Nickel vom Werbeverband ZAW, „bildet gesellschaftliche Entwicklungen eben seit jeher nur ab“. Tut sie das? Das Wirtschaftsinstitut DIW hat errechnet, dass Männer Anfang des Jahrzehnts sechsmal mehr daheim halfen als 1965. Ist die Frau erwerbstätig, erledigen sie laut der „Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen“ ein Drittel der Hausarbeit. Das rechtfertigt einen Hausfrauenüberhang in der Werbung, aber keinen Hausmännerausschluss. Weil eine Managerin nach Feierabend ihren Gatten beim Spülen berät, hält Volker Nickel gegen, gab es selbst in den flotten 90ern mit ihrem Melitta-Mann, den Krönung-Light-Karrieristinnen oder Fertiggericht-Schwulen Zuschauerproteste. Ein Hausherr in Schürze: irreal, entwürdigend. Dass keine Frau darin Kritik erregt, hat indes auch Nickels Branche zu verantworten. „Unser einziges Ziel“, sagt Lothar Leonhard von der Agentur Ogilvy & Mather, „ist Return of Investment“. Die Rama-Sippe mit mütterlicher Toffifeeversorgung im sagrotanentkeimten Wohnpalast wandelt Kosten offenbar an besten in Konsum.
Agenturen, Wirtschaft und Medien betreiben somit eine Art Leitkultur-Placement. Es wird per Marktforschung erprobt, die jeder Spot vor Ausstrahlung durchläuft. Mit Testpersonen, die längst vom Reklame-Biedermeier infiltriert sind. Für Kanäle, die das zugehörige Programm liefern. Am Ende entscheide das Publikum, was läuft, sagt RTL-Sprecher Christian Körner zum kleinen Grenzverkehr zwischen Formatfestland und Werbeinsel, „aber der Vermarkter unserer Gruppe tauscht sich mit Werbekunden und Agenturen aus, in welchen Umfeldern welche Zielgruppen erreicht werden“. Wechselseitig kreiert das Leitmedium so damen- oder herrenaffine Angebote, die mit den passenden Kaufempfehlungen versehen geschlechtsspezifisch bleiben. So tragen Frauen im „Sportschau“-Break zwischen BMW, Bier und Baumarkt oft Bikini, während das Universum aus Romanze, Telenovela, Seifenoper (die der Lebensmittelmulti Procter & Gamble einst erfand) ein Wohlfühlambiente für weibliche Ware liefert. Ein Geben und Nehmen.
Und beiderlei Herz, sagt Cordelia Wagner vom TV-Vermarkter ip-Deutschland, „bildet die Familie“. Ihre Versorgung werde auf den reichweitenstärksten Sendeplätzen beworben: Shows, Blockbuster, Quotenevents. Und da Verbrauchsware im Gegensatz zu Investitionsgütern von Haushaltsführenden, also Frauen, gekauft wird, ist die Werbemoral so bieder. Das dürfte die Herdprämie noch verstärken: erfolgt Erziehung zuhause, bleibt sie trotz Elterngeld an Mama hängen, die meist weniger verdient als Papa. Ein Teufelskreis. Er hält den Werbespießer am Leben, der seit dem brillanten LBS-Spot sogar für Kinder alternativer Aussteiger als Ideal gilt. Denn wer steht im Maggi Kochstudio, wer preist Faltencreme, Bodylotion, Shampoo (außer gegen graues Haar), wer posiert in Dessous vorm Spiegel, die Max vom Gesparten der neuen Kfz-Versicherung bezahlt? Und wer erobert die Angebetete mit ritterlichen Balzritualen der Duplomatie? Aus dieser Idylle dürfen nur Kerle ausbrechen, um bei Burger King „like a man“ zu essen oder im VW für Jungs zu fahren, „die damals schon Männer waren“. Und Mario Barth reißt seine Handtaschenzoten jetzt für Media-Markt.
Alles beim alten Marketing: Frau darf dank der Pflegeserie Dove zwar fülliger sein, geht aber nach dem Pflegen einkaufen, um für den Nachwuchs zu kochen, dessen Vater hungrig aus dem Büro heimkehrt und höchstens Werkzeug besorgt. Dass sie eine Staubsaugerwerbung in „Familienmanagerin“ umtauft, mag ja modern klingen – das biedere Bild 24 Stunden verfügbarer Muttis wird so nur lukrativer. Es ist heimelig in deutschen Fernsehstuben.
Posted: March 19, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Kinder sind das Derbste
Als Florian Sump, Markus Pauli und Lukas Nimscheck vor gut zwei Jahren in Hamburg Deine Freunde gründeten, war nicht absehbar, was das für Wellen schlagen würde. Ihr Debütalbum Ausm Häuschen ist nämlich in aller Munde. Kindermunde. Aber auch Erwachsenenmunde. Denn Flo, in der Rapszene bekannt als Jim Pansen, Markus, genannt Pauli, Tour-DJ von Fettes Brot, und Lukas, zugleich Moderator beim Ki.Ka, machen echten HipHop für Kinder, der sie musikalisch ähnlich fordert wie textlich. Auch auf dem neuen Album Heile Welt geht es wieder ums Toben ebenso wie ums Streiten, um lange Autofahrten oder Deine Mudder.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Liebe Freunde, es geht die Legende, ihr seid entstanden, weil die Kita, in der Florian arbeitet, eine Rap bestellt hat. Stimmt das so?
Florian: So ähnlich, allerdings aus Eigeninitiative, weil wir in der Kita seit Jahren dieselbe Musik gehört hatten. Das wollte ich mal ein bisschen variieren und habe Pauli gefragt, mit dem ich schon seit Jahren Musik mache und der wiederum mit Lukas.
Pauli: Und weil wir uns alle schon gut kannten und die Aufnahmen zu Schokolade so viel Spaß gemacht hatten, haben wir einfach zusammen weitergemacht und eigentlich jede Woche im Übungsraum ein neues Lied aufgenommen.
Mit dem Ziel, die Kindermusik zu revolutionieren?
Florian: Nein, wir wollten uns nie gegen etwas, sondern höchstens für uns positionieren. Es ging zunächst mal um unseren eigenen Spaß an der Sache. Und dass den auch Kinder haben, konnte ich ja jedes Mal bei mir in der Kita testen, wenn ich ein neues Demo vorgespielt habe. Daraus ist eine große Eigendynamik entstanden.
Lukas: Zumal man nur gegen etwas revoltieren kann, was man auch kennt. Von uns weiß bis heute keiner allzu viel von anderer Kindermusik. Aber stimmt schon: was wir im Laufe der Zeit kennengelernt haben, war oftmals relativ unerträglich. Da sind wir hinein gestoßen.
Florian: Erst als wir einen Fuß in der Tür dieser Musikrichtung hatten, habe ich angefangen, mich umzuhören. Trotzdem haben wir uns keine Marktlücke gesucht, die Marktlücke hat uns gefunden.
Und zwar eine, die Kinder ruhig musikalisch und textlich fordern darf?
Lukas: Absolut. Aber wir wollen dabei nicht didaktisch sein und den Kindern mit jedem Lied zwanghaft irgendwas beibringen: Zähneputzen, links-rechts-links gucken – so hört man ja als Erwachsener auch keine Musik. Wir wollen gut unterhalten und ganz wichtig: unsere Songs genauso gut produzieren wie für jede andere Altersklasse.
Pauli: Deshalb hat sich die Arbeit an sich an den Songs auch überhaupt nicht geändert. Da erfordert jeder einzelne die gleiche Sorgfalt.
Florian: Das macht es zu Musik für Kinder, die auch für Erwachsene funktioniert. Deshalb haben wir überraschend viele von denen ohne Kinder im Publikum.
Pauli: Selbst in der HipHop-Branche, bei denen man ja schnell mal als nicht „real“ gilt, haben wir richtige Fans.
Lukas: Man darf ja auch nicht vergessen, dass jene, die mit deutschem HipHop aufgewachsen sind, jetzt oft eigene Kinder haben. Denen bieten wir, auch wenn das kitschig klingt, ein Erlebnis für die ganze Familie.
Florian: Da mussten auch viele Konzertveranstalter erst lernen, dass Erwachsene sich das allein anhören können. In dem Punkt setzen wir uns doch von anderer Musik für Kinder grundsätzlich ab.
Weil ihr die anders als andere mit Ironie fordert?
Lukas: Ich würde es eher Überhöhung nennen.
Florian: Ein verträgliches Augenzwinkern. Etwa wenn es um ernste Themen wie Leistungsdruck und Streit geht, also echte Probleme.
Also doch ein didaktischer Ansatz.
Lukas: Aber eben nicht als Ursache, sondern Effekt. Und ich höre auch eher von Eltern, dass das nach hinten losgeht, wenn sie mir sagen, immer wenn ihre Kinder aufräumen sollen, singen sie unseren Refrain Räum doch selber auf!. Das gab’s vorher wohl eher nicht.
Was aber schon gewertet wird, wenn ihr zum Auftakt der neuen Platte in „Attacke“ erst „Dutzi Dutzi Dutzi, ganz genau nau nau“ singt und dann zu „Scherz, keine Sorge, Deine Freunde klingen so“ den Bass reindrückt.
Lukas: Aber auch da hab ich mein Testpublikum in der Kita, das den Dutzi-Dutzi-Einstieg zu Beginn ebenso ernst nimmt wie den Rap danach. Wir wollen nichts schlecht reden, ehrlich.
Florian: Es geht nur darum, was wir selber mögen, nicht was wir an anderen ablehnen.
Pauli: Da ist kein erhobener Zeigefinger.
Florian: Und wir wollen mit niemandem Streit anfangen.
Auch nicht mit Rolf Zuckowski?
Florian: Mit dem schon gar nicht. Unser Pate.
Lukas: Wir veröffentlichen ja auf seinem Label, das er eigens für uns gegründet hat.
Pauli: Genau damit wollte er zeigen, dass es mittlerweile auch andere Kindermusik gibt.
Florian: Wobei Kinder in seinen Texten auch schon Probleme haben durften. Deshalb passen wir gut zueinander. Er lässt uns von seiner Erfahrung lernen, ohne uns reinzureden.
Lukas: Ein sehr weiser Kumpel.
Aber musikalisch aus einem völlig anderen Metier.
Lukas: Eher Singer/Songwriter, genau. Aber auch wir kommen ja aus unterschiedlichen Richtungen. Ich zum Beispiel habe vorher nie HipHop gemacht, sondern mit Pauli eher Remixes.
Florian: Wobei wir auf dem neuen Album weiter weg vom HipHop in den Pop vordringen, was kleinen Kindern musikalisch oft einiges abverlangt.
Pauli: Wir müssen uns ja auch weiterentwickeln, statt immer nur Viervierteltakt. Rumfrickeln macht gerade mir mehr Spaß.
Florian: Und ich habe gemerkt, dass man selbst Kleinkindern musikalisch viel mehr zumuten kann, als Erwachsene oft denken. Deshalb nehmen wir die auch genauso ernst. Als ich meine Kinder in der Kita mal gebeten hatte, ihre Lieblingsplatte mitzubringen, war alles Mögliche dabei: Peter Fox.
Slayer.
Florian: (lacht) Das nun nicht. Aber Dinge, die sie inhaltlich vielleicht nicht verstehen, aber musikalisch schon.
Lukas: Man lügt sich ja auch in die eigene Tasche, wenn man Kinder unterfordert. Denn die haben ja auch ein Leben abseits von Deine Freunde, sehen fern, spielen Computerspiele. Und da geht ja auch nicht alles wie beim Sandmännchen zu.
Pauli: Und wenn wir auf Festivals gespielt haben und in den Umbaupausen lief Techno, haben die Kinder eben dazu getobt.
Lukas: Obwohl wir oft schreien, laut und technoid sind, gibt bei uns vor der Bühne keine heulenden Kinder. Und das, obwohl die schon bei Märchenvorführungen teilweise heulend auf Mamas Arm landen. Darauf sind wir wirklich stolz.
Aber kommt nicht auch manchmal das Bedürfnis auf, wieder Musik ohne Furzwitze und Kinder vor der Bühne zu machen?
Pauli: Ja, aber das machen wir ja auch alle in anderen Projekten, nur nicht zusammen. Ich trete zum Beispiel mit Fettes Brot auf.
Florian: Mir haben Deine Freunde sogar aus einem kreativen Tief geholfen, deshalb fühle ich mich grad zu wohl, um was zu vermissen.
Lukas: Zumal man in Zeiten von Social Networks in der Erwachsenenmusik immer getrieben wird, ob das cool genug ist, Underground oder doch Mainstream. Diese Sorge haben wir grad nicht. Man wird sehr entspannt. Auch, weil der Tour-Rhythmus wahnsinnig unstressig ist.
Florian: Nicht wie sonst morgens aufbauen, nachmittags Soundcheck und dann diese nervöse Zeit bis zum Auftritt; jetzt bauen wir auf und eine Stunde später geht’s los.
Lukas: Und dann sind Konzerte für uns auch noch geradezu therapeutisch, weil wir danach unglaublich viel positive Resonanz kriegen, was die Musik Eltern und Kindern bedeutet.
Florian: Gerade Kinder begegnen uns dabei voll auf Augenhöhe, die haben noch nicht dieses Stardenken. Das macht echt Spaß. Kinder sind halt das Derbste.
Mehr Text’n’Sound’n’Pics auf http://www.musikblog.com/2014/03/musik-fuer-kinder-die-auch-fuer-erwachsene-funktioniert-deine-freunde-im-interview/
Posted: March 18, 2014 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Es ist das große Geheimnis der Sitcom, warum die Lacher vom Band wirklich bei jeder Pointe peitschen, als sei der Humor dazu revolutionär. Merkwürdig
Der feuchte Traum eines jeden Stand-up-Comedians sieht in etwa wie folgt aus: er steht auf der Bühne, sein Text ist weg, da hilft nur Improvisation, die dummerweise Pointe für Pointe misslingt, und was tut das Publikum? Es lacht. Und lacht. Und lacht. Und lacht. Bis der Komiker aufwacht und merkt: er ist in einer Sitcom gelandet – trotz The Big Bang Theory der Inbegriff des humorfreien Humors. Denn hier wird alles bejubelt, was weder Todesanzeige ist noch offen zum Genozid aufruft. Schon seltsam. Denn selbst die Musik im RTL-Blockbuster gönnt sich ja bisweilen kurze Pausen im Soundbrei. Die Sitcom dagegen kennt kein witzloses Satzende. Und das ist auch nur konsequent.
Denn wenn nicht ein einziger Scherz zündet, also kein Gag zur Heiterkeit taugt, dann hält es das Genre lieber wie einst Franz-Josef Strauß mit stumpfer Vorwärtsverteidigung als Rückzugsgefechten und erstickt jeden Ansatz von Nachdenklichkeit, ob da eben vielleicht irgendwas ernst gemeint war, im repetitiven Gegurgel der Spaßbrigaden aus dem Off. So muss sich der Zuschauer am Ende über Sinn und Unsinn keiner einzigen Zote Gedanken machen und schaltet entweder gleich ab oder grunzt ganz mit. Im Krieg nennt man das Sperrfeuer, in der Disco Stroboskop, im Fernsehen ist es das Prinzip Reizüberflutung. Bis der feuchte Traum der TV-Komödianten nie mehr endet.