In der brüllend komischen Magenta-Serie Oh Hell spielt die verblüffend humorbegabte Mala Emde einen Loser, der sich und andere betrügt – oder doch zu aufrichtig ist für die Selbstoptimierungsgesellschaft? Das überlässt Showrunner und Jerks-Autor Johannes Bosse dem Publikum.
Von Jan Freitag
Das Fernsehen ist seit schwarzweißer Zeit voller Hochstapler. Es gibt die großen und die kleinen, die charmanten und die schamlosen, die echten und die falschen, die Krulls und Madoffs, die Kujaus und Lupins. Mit Anna Sorokin gab es zuletzt zwar eine Frau im Betrugszirkus Maximus; meist aber sind es doch Männer, die publikumswirksam betrügen. Auf Helene hat das Fernsehen daher lange gewartet. Zu lange. Weshalb ihm das Streaming abermals zuvorkommt und der sehenswertesten Hochstaplerin seit Erfindung der Täuschung die Bühne bereitet.
Also Vorhang auf für Hell. Besser: Oh Hell! Da das Fake-Leben dieser Fake-Studentin mit Fake-Freunden und Fake-Jobs bei der Anrede stets unausgesprochen Ausrufe des Erstaunens vor sich zieht, sind Serientitel und Hauptfigur ab heute bei Magenta TV quasi deckungsgleich. (Oh) Hell Sternberg, 24 Jahre alt und auf der Karriereleiter noch deutlich unterhalb der ersten Sprosse, ist nämlich ein autobiografisches Desaster, dem die fabelhafte Mala Emde ein gleichermaßen naives wie abgebrühtes Gesicht verleiht.
Denn anders als Papa Günter (Knut Berger) glaubt, sitzt sie Mitte der zweiten von vorerst acht Folgen keineswegs im Audimax, um ihr Staatsexamen abzuholen, sondern im Call-Center, um Gartenartikel zu verkaufen. Und so geht es weiter. Immer weiter. Angefangen bei Rückblenden zur pubertären Gymnasiastin (Romi Pauline Dörlitz), die wegen fortgesetzten Schwänzens beim Psychologen (Roland Bonjour) ist, dort aber das Liebesleben ihrer Eltern („Ich gehe wieder zur Schule, wenn meine Eltern wieder richtig saftigen Geschlechtsverkehr haben, mit dem Penis in der Scheide“) kitten will und sich zur manipulativen Lügnerin ausbildet.
Nichts an Oh Hell, das wird mit jeder von jeweils 25 Minuten pro Episode offensichtlicher, entspricht den Erwartungen anderer, also: aller. Aber „das Tolle, wenn du immer verkackst“, beteuert sie mit gefälschtem Zeugnis auf dem Weg zur eigenen Abschlussfeier, für die ihr Vater überraschend seine Dienstreise absagt: „Du bist unglaublich gut darin, das Verkacken zu vertuschen“. Und so hangelt sich Oh Hell vom Verkacken zum Vertuschen zum Verkacken zum Vertuschen und wieder zurück. Nur: wen sie mehr betrügt, lässt der frühere Journalist Johannes Boss auf ähnlich brillante Art offen, wie in seiner fabelhaften Männlichkeitsstudie „Jerks“.
Mit Dialogen nahe Monty Python und einer Bildsprache Richtung Wes Anderson, also einer realsatirischen Portion Aberwitz, die hierzulande selten ist, zeichnen die Drehbücher des Showrunners nicht nur das tragikomische Bild einer zwanghaften (Selbst-)Betrügerin. Simon Ostermann und Lisa Miller machen daraus ein entwaffnend lustiges Lehrstück über die Mechanik unserer hochglanzpolierten Aufmerksamkeitsgesellschaft, an der grobkörnige Freigeister wie dieser halt traurig oder fröhlich scheitern. Hell entscheidet sich für letzteres. Was für ein Glück.
Während das strahlende Rolemodel Maike (Salka Weber) schon in der Geburtsklinik besser aussah, täglich ein paar Tausend Insta-Follower zwischen sich und ihre Krippenfreundin legt, reihenweise Weltverbesserungsstart-ups hat und einen Freund zum Niederknien, kultiviert Oh Hell mangelnden Geschmack mit Ramschware, plant ein Losergram mit Don’t Likes für Menschen ohne Stil, Freunde und Einfluss, lebt so mittel- wie ideenlos in den Tag hinein und sucht in Laternenpfahlannoncen Anschluss, den sie im dritten Teil sogar findet.
Der schüchterne Musiklehrer Oskar (furios: Edin Hasanovic), dem sie (natürlich) vorlügt, Cello-Virtuosin ohne Praxis zu sein, entdeckt an seiner neuen Schülerin etwas, das sonst niemand in ihr sieht. Und so wird aus dem bizarren Psychogramm nebenbei die aktuell wohl schönste Lovestory im Serienfernsehen von heute – auch, weil zu keinem Zeitpunkt klar wird, ob Helene alias Oh Hell sich das alles nur einbildet oder wirklich erlebt. Und genau hierin liegt die eigentliche Kunst von Johannes Boss, der alle Fragen nach wahr oder falsch im Ungefähren lässt, also Interpretationsspielräume statt Filterblasen öffnet. Was Helene niemals träumt, ist nämlich eine Aufrichtigkeit, die der bürgerliche Kontrollwahn schon vor den sozialen Netzwerken als übergriffig empfunden hat.
Aus seiner Sicht versagt Helene pädagogisch, als sie der siebenjährigen Madlen (Rosa Löwe) im Kindergarten „wenn du später kiffst, achte auf die richtige Musik“ oder „fuck the system and create your own“ mit auf den Weg gibt, aber Kindern, die sie mobben, „noch eine dumme Bemerkung, dann wacht ihr morgen auf und habt Krebs“. Aus humanistischer Sicht begegnet sie Kindern damit auf Augenhöhe. Ob Oh Hell sich selbst betrügt oder andere, ob hier überhaupt irgendwer betrogen wird oder doch nur zur Aufrichtigkeit animiert – das überlässt Boss demnach uns, dem Publikum.
Es gelingt ihm auch mithilfe der Hintergrundmusik von Daniel Strohhäcker und Felix Raffel blendend, die ein wenig so klingt, als hätten Bach und Buxtehude den Soundtrack von Clockwork Orange auf Ketamin im Kinderkarussell komponiert. Er untermalt eine meist brüllend komische, gelegentlich melancholische Figur, die in uns allen steckt, aber von den Konventionen einer ordnungsliebenden Selbstoptimierungsgesellschaft partout nicht rausgelassen wird. „Wenn die Welt eine Vernissage wäre, wärst du ein tolles Exponat“, sagt die Callcenter-Chefin zu Hell, die nach zwei Wochen nur einen Kaktus verkauft hat, weil sie am Telefon halt lieber quatscht als belabert. „Ist sie aber leider nicht“. Schade eigentlich.
Keine drei Wochen ist es nun her, dass Putin die Ukraine überfallen hat. Ganze 19 Tage, um einen Krieg in Europa schon wieder fast als Normalzustand anzusehen. Tote werden gezählt und Bombennächte, Sanktionen verabschiedet und umgangen, russische Medien und Begriffe wie Krieg verboten. Weil Journalist*innen für die Wahrheit darüber nun 15 Jahre Haft drohen, hatten ARZDF das Land zwar zwischenzeitlich verlassen, sind aber schon wieder zurück und berichten zusehends routiniert in der Diktatur über den Ausnahmefall einer Invasion, die gleichermaßen undenk- und erwartbar war.
Es sind bizarre Zeiten, in denen man sich mehr denn je nach Normalität sehnt, vorerst aber schon mit der Anerkennung unverrückbarer Tatsachen wie jener zufrieden wäre, dass man mit faschistischen Kriegstreibern keinen Handel treibt. Immerhin hat die Bundespressekonferenz begriffen, dass man mit deren Handlangern nicht im selben Saal sitzen möchte und den unsäglichen Boris Reitschuster einstimmig ausgeschlossen. Endgültig. Vielleicht stellt ihn Bernd Höcke ja ein, wenn er nach der thüringischen Machtergreifung einen Chefredakteur für den neuen Stürmer braucht.
Ein anderer Grenzwanderer zwischen Hirn und Hoden ist nach seinem Rauswurf beim Tagesspiegel da untergekommen, wo alte weiße Privilegien-Verteidiger gewissermaßen endemisch sind: Harald Martenstein schreibt jetzt für Ulf Poschardts elitenkapitalistische Welt. Das passt ja mal wie Arsch auf Arsch, oder wie heißt das noch? Ob die spektakulärste Personalrochade der Woche passt, muss sich noch zeigen, aber dass Bastian Obermayer und Frederik Obermaier von der Süddeutschen zum Spiegel wechseln, darf man wohl als intrasensationellen Medienscoop bezeichnen.
Die Frischwoche
14. – 20. März
Größer noch als die angekündigte Rückkehr von Stefan Raabs Wok-WM nach sieben Jahren Pause, aber nicht ganz so groß wie jene Boni für die (natürlich komplett männlichen) Springer-Vorstände Jan Bayer, Julian Deutz, Andreas Wiele und Mathias Döpfner, für den (kann so eine Zahl Zufall sein?) 88,8 Millionen Euro Sonderauszahlung ein Trostpflaster ist, dass seinem Königreich BDZV langsam die Stiefellecker ausgehen. Was dem Fernsehen hingegen nie ausgeht: Rateshows.
Jörg Pilawas leutseliges Quiz für Dich geht deshalb Mittwoch bei Sat1 in die zweite Runde. Auch Historytainment wie Honecker und der Pastor, heute Abend im ZDF, wird auf deutschem TV-Boden niemals ausgehen. Ebenso wenig aussterbegefährdet: Schmunzelkrimis der Art von Mord mit Aussicht, jetzt dienstags mit Katharina Wackernagel statt Caroline Peters. Frisch beliebt ist hingegen das Prinzip Mockumentary à la Wrong, mit dem RTL+ gerade in Gestalt einer vermeintlichen dokumentargefilmten Hamburger Hipster-WG Baden geht.
Richtig, also so richtig richtig, um nicht zu sagen richtig richtig richtig gut ist demgegenüber die Magenta-Serie Oh Hell, in der Jerks-Autor Johannes Boss die unfassbare Mala Emde ab Donnerstag zu einer notorisch wahrheitsliebenden Lügnerin macht, die das Medium bislang noch nie gesehen hat. Acht Teile à 25 Minuten und jeder Moment eine Offenbarung sozialanalytischer Realcomedy. Über Human Ressources würde man auch gerne was sagen, aber Netflix ist die Presse wie immer zu lästig, um ihr vorab etwas über den Serienstart am Freitag erzählen.
Ebenfalls bemerkenswert sind zwei Achtteiler. Der erste startet parallel bei Apple+, heißt We crashed und handelt von der Welt des Coworking. Der zweite beginnt tags zuvor, nennt sich Funeral for a Dog und erzählt von einem Reporter (Albrech Schuch), den sein Interview mit dem Bestseller-Autor Svensson (Friedrich Mücke) am Comer See in die Vergangenheit einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung zieht. Und die ARD-Serie All In, ab Sonntag in der Mediathek, ist schlicht zu weird, um über Inhalte zu reden. Einfach ansehen, bitte! Zeitgleich bodenständig: Das Rehagel-Porträt König Otto bei Sky. Die liebenswerte Disney+-Doku More Than Robots über kybernetische Bastelwesen. Und die vierteilige Sky-Begegnung mit Janet Jackson an gleicher Stelle ist auch sehenswert.
Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Weil sie nur Lügenpropaganda verbreiten, ist es drei Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges daher pure Selbstverteidigung, die Staatsmedien RT und Sputnik in Europa zu sperren. Das letzte Opfer des Krieges ist hingegen der Zynismus. Während ProSieben gar GNTM 15 Minuten verschiebt, während RTL echte Nachrichten sendet, während also selbst artverwandte Boulevardmedien komplex, fast demütig berichten, braucht Bild-Chef Boie zurzeit weder seinen Pornhub-Account noch alimentierte Messermänner, um sabbernd vorm Flatscreen zu hocken.
Mehr noch als Amtsvorgänger Diekmann, aber nur unwesentlich weniger als dessen Nachfolger Reichelt, geilt er sich im Springerhauptquartier am ukrainischen Elend auf, gibt Rendite- und Hamstertipps für anstehende Weltkriegswinter, lässt den bellizistischen Reisereporter Ronzheimer am Schlachtfeldrand flennen und treibt mit Titeln wie „Eine Schande, Kanzler!“ seine völkisch-rassistisch Agenda voran. Nicht, dass die rot-grün-gelbe Krisenstrategie gelungen wäre, im Gegenteil; aber wie Boies Kampfblatt im Schützengraben populistischer Ideologie Parteipolitik statt Publizistik betreibt und Ökonomie statt Empathie, ist nur noch niederträchtig.
Wie wohltuend (und quotenstark) war demgegenüber die öffentlich-rechtliche Kriegsberichterstattung wie im ZDF, dessen Moderator Matthias Fornoff spürbar indigniert darauf hinwies, wer nicht auf die verschobene Kölner Mädchensitzung verzichten wolle, könne sie ja in der Mediathek sehen. Überhaupt – der Karneval! Er war schon oft ein Indikator fürs Katastrophale. Gelegentlich haben ihm Kriege die Stimmung verhagelt. Wirtschaftskrisen oder Stürme, gar Streitereien im Festkomitee und zuletzt Corona waren für Absagen der Festzüge verantwortlich. Aber gefeiert wurde letztlich immer und das Fernsehen mittendrin – bis jetzt.
Denn Karneval am Bildschirm fällt 2022 (Stand jetzt) aus. Magenta wiederum wirft Europapokalspiele mit russischer Beteiligung aus dem Programm. Als dann noch die Meldung kam, Russland sei vom ESC (aber natürlich nicht aus GianniInfantinos autokratischer Fußballmafia Fifa) ausgeschlossen, wurde klar, wie einig sich die Weltgemeinschaft mal abgesehen von China, Syrien, Belarus gerade im Kampf gegen Putin ist.
Die Frischwoche
28. Februar – 6. März
Dagegen verblasst natürlich alles fiktional Unterhaltsame zu einer Form der Nebensache, über die man eigentlich laut schweigen müsste. Die Fernsehtipps der Woche sind demnach mehr denn je Eskapismus-Angebote zum Sammeln realpolitisch aufgebrauchter Energien. Ob Joe vs. Carol dazu geeignet ist, kann man zwar noch nicht sagen; Sky hält die Spielfilmserie von Tiger King bis zur Ausstrahlung am Freitag unter Verschluss. Aber ob eine derart erfolgreiche Dokumentation wie jene um durchgeknallte Großtierkleinzoobetreiber in den USA darstellerlisch noch steigerbar ist?
Das ist trotz Kyle MacLachlan in tragender Hauptrolle ein bisschen zweifelhaft. Über eines allerdings dürfte Gewissheit herrschen: in ZDF-Krimis liegt die Wahrscheinlichkeit bei ungefähr 1, dass es sich dabei um melodramatische Effekthascherei wie Der Überall handelt. Das sechsteilige Thriller-Hirngespinst ist von so stumpfer Berechenbarkeit, dass wir hier trotz und wegen Katja Riemann in tragender Rolle aus reiner Fürsorgepflicht fürs Publikum einfach mal alles verschweigen, Ausstrahlungstermin inklusive.
Stattdessen zwei aufrichtige Empfehlungen: Das norwegische Zeitreise-Epos Beforeigners wird Sonntag in der ARD-Mediathek fortgesetzt. Auf Starzplay startet parallel die amerikanische Horrorcomedy-Serie Shining Vail. Weil beides eher der gediegenen Ablenkung dient, raten wir zum Abschluss aber eingehend zur ARD-Doku F@ck this Job heute nach den Tagesthemen und in der Mediathek. NDR und BBC porträtieren darin Doschd – den letzten unabhängigen Fernsehkanal in Putins Diktatur. Und damit zurück zu den Nachrichten.
In der Langzeitstudie Mein Herz schlägt numa hier schildert RTL+ sehr viel Leid und dennoch Freud beim MSV Duisburg – mit einem besonderen Fan als Stichwortgeber: Joachim Llambi (Foto: picture alliance/RTL). Der strenge Juror über seine Leidenschaften Fußball und Tanzen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Llambi, Sie tanzen seit über 40 Jahren, davon fast 30 als Profi und mittlerweile 15 in der RTL-Jury von Let’s Dance. Tanzen begleitet Sie fast Ihr gesamtes Leben. Aber das ist noch nichts verglichen mit dem Fußball!
Joachim Llambi: (lacht) Mein Vater hat mich schon als Vierjähriger mit zum MSV genommen. Man kann das aber trotzdem nicht so ganz vergleichen, weil mein Tanz-Dasein schon immer ein aktives war, während mein Fußball-Dasein bis heute ein reines Fan-Dasein ist.
Das wie bei vielen Traditionsvereinen heutzutage eher von Leid als Freud geprägt ist?
Während sich viele Fans bewusst für den FC Bayern entscheiden, um am Saisonende oben zu stehen, war bei mir schon als Kind klar: einmal MSV, immer MSV, und das hieß nun mal immer auch Leiden. Wobei ich das große Glück eines Vaters, der längst an Krebs gestorben ist, aus der Nähe von Barcelona hatte. Im Moment sind zwar beide Clubs pleite, aber ich genieße das Privileg zweier Extreme von Champions League und Oberliga im selben Herz.
Und was hat darin nun den größeren Platz – Tanzen oder Kicken?
Sportlich gesehen ist die Liebe zum Tanz größer. Was aber auch damit zu tun hat, dass ich darin wirklich vom Fach bin. Die Liebe zum Fußball kommt eher aus dem Bauch, aber auch da versuche ich, etwas mehr Sachkompetenz aufzubauen, die bei RTL oder Magenta sogar schon zum Einsatz bringen konnte.
Haben Fußball und Tanzen darüber hinaus etwas gemeinsam?
Auf jeden Fall die Leidenschaft, die alle Beteiligten dafür haben. Aber unabhängig von völlig verschiedenen Bewegungsabläufen unterscheidet sich Fußball darin, ein Mannschaftssport mit elf Jungs oder Frauen zu sein, während Tanz in der Regel allein oder zu zwei, meist Mann und Frau abläuft.
Ich erinnere mich allerdings an eine Kindheit in den Achtzigern, als die ARD gefühlt jedes dritte Wochenende mit großem Aufwand Welt- oder Europameisterschaften im Formationstanz übertragen hat.
Und nicht nur das, Tanzen war generell normaler Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Das ist deutlich weniger geworden. NDR, MDR und SWR machen da ab und an noch was in den Dritten Programm. Aber wer, wie der WDR, Steffen Simon als Sportchef hat, zeigt nur wenige Sportarten.
Fußball, Fußball, Fußball?
Und wenn doch noch mal ein Sendeplatz frei ist, auf jeden Fall Fußball (lacht). Als ich Medienbeauftragter des deutschen Profitanzsports war, hat er einem Turnier mal einen Sendeplatz gegen „Schlag den Star“ und DSDS oder so gegeben. Zur Quote von 0,2 Prozent meinte er dann nur „siehste! Euch will ja keiner sehen“.
Sie sind also nicht nur in einer Zeit groß geworden, als es bei ARD und ZDF noch viel zu Tanzen gab, sondern als Duisburg, wie die ergreifende Doku MSV – Mein Herz schlägt numa hier beweist, noch relativ erfolgreich war.
Und wie! Ende der Siebziger sogar UEFA-Cup bis ins Halbfinale, mit Bernhard Dietz, der die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän zur Europameisterschaft führte. Wir waren ein sehr angesehener Verein mit einigen Highlights in der Clubgeschichte.
Gestern allerdings hat er 3:1 gegen die 2. Mannschaft des BVB verloren.
Da sind wir wieder bei der Leidensbereitschaft. Obwohl es zwischendurch immer mal wieder schöne Dinge gab, mit tollen Teams und dem Pokalfinale Ende der Neunziger, waren meine 50 Jahre Vereinszugehörigkeit weitaus mehr Leid als Freud.
Sind Sie als Typ generell leidensfähig?
Ja, zumal das Leid berechenbar ist. Der MSV hatte nie viel Geld, und jetzt hat er noch weniger denn je. Und wer es gewohnt ist, mit begrenztem Budget zu arbeiten, wird vom Misserfolg weniger überrascht.
Wer Sie davon erzählen hört, spürt sofort die Leidenschaft für das, was die Dokumentation zeigt. Sind Sie auf der Tribüne eher Analytiker oder Hitzkopf?
Mittlerweile bin ich zwar ein bisschen ruhiger geworden, aber egal, in welcher Sportart: ich war immer schon eher das HB-Männchen als stiller Beobachter. Ich stehe öfter auf, schimpfe vor mich hin, und wenn es wie vor zwei Wochen beim Heimspiel richtig eng wird, laufe ich auch schon mal nervös die Tribüne rauf und runter. Hat aber auch nicht geholfen.
Das ist schon deshalb interessant, weil Sie bei Let’s Dance für Impulskontrolle stehen – zwar ziemlich streng, aber stets reserviert.
Weil ich da vom Fach bin, so ein bisschen wie Lothar Matthäus, von dessen Expertise ich übrigens sehr viel halte.
Oha.
Wie, oha?
Da dürften ziemlich viele Zuschauer anderer Meinung sein.
Egal, wie man zu ihnen persönlich steht: fachlich sind Lothar Matthäus und Stefan Effenberg zwei Top-Experten im Fernsehfußball. Und als Tanz-Juror weiß ich ähnlich wie sie, wovon ich rede, und möchte diesen Anspruch – auch, wenn es sich zur Hälfte jeweils um Laien handelt – einigermaßen erfüllt sehen. Sonst brauchen wir weder Wettbewerb noch Jury.
In der zudem noch zwei Persönlichkeiten mit anderen Schwerpunkten sitzen.
Jorge González ist für die gute Stimmung zuständig, Motsi Mabuse fürs gute Herz, ich bringe es dann halt – auch, wenn ich mich damit selten beliebt mache – eher technisch auf den Punkt. Mir geht es darum, dass Tänzer, die wirklich gut sind, besser bewertet werden als Fußgänger. Sportliche Gerechtigkeit verdient manchmal Klartext.
Ist das eine Mentalitätsfrage oder halt ihre Rolle.
Also wenn Sie sich in meinen Freundeskreis oder der Fernsehbranche umhören, werden Ihnen vermutlich viele bestätigen, dass ich als Typ eher locker bin und jeden Quatsch mitmache, mit 57 sogar richtige Streiche. Wenn ich irgendwann mal in die Kiste springe, will ich schon auch meinen Spaß gehabt haben. Ich bin auch in der Jury so, wie ich bin, und spiele niemand anderes. Aber mir geht es in den dreieinhalb Produktionsmonaten, die einen gehörigen Teil meines Berufslebens ausmachen, wirklich um Expertise, nichts anderes.
Umso besser, wenn Sie das RTL-Publikum jetzt mal den heißblütigen Fußballfan kennenlernt.
Finde ich auch.
Sieht man Sie in den ersten vier Folgen angesichts der Misere ihres Vereins mal heulen?
Ich bin nicht so der Typ fürs Heulen. Eher einer, der versucht, das Ding wieder in die richtige Bahn zu bringen.
Werden Sie da persönlich vom Verein angefragt?
Nein. Ich bin in erster Linie Fan, in zweiter Linie Mitglied und erst in dritter mit meinem Geschäftspartner nebenbei für ein wenig Akquise werbender Unternehmen beim MSV zuständig. Ich bin weder in ein Amt gewählt noch würde ich mir sportliche Entscheidungen anmaßen.
Mögen Sie eigentlich den Begriff „Edelfan“?
Was soll das denn bitte sein?! Ich bin so edel oder normal wie der achtzehnjährige Ultra oder Opa Kawuppke, der seit 70 Jahren denselben Stammplatz hat. Nicht mehr, nicht weniger. Mit Edelfan kann ich nix anfangen.
Wenn Sie die Wahl hätten: würden Sie den MSV lieber in der 1. Liga sehen oder Tanzen wieder im Hauptprogramm von ARD und ZDF?
Wenn ich an Steffen Simon denke? MSV in der 1. Liga!
Was wohl Peter Merseburger gesagt hätte zur Irrsinnsidee, die Olympischen Winterspiele in der perfidesten, dabei effizientesten Diktatur seit Erfindung elektronischer Überwachungsmethoden zu veranstalten? Er hätte es angeprangert. Woche für Woche, Tag für Tag, Minute für Minute seiner streitbaren Berufstätigkeit als journalistischer Spürhund der Bonner Republik, den die Berliner Republik leider nur noch als stillen Beobachter erlebte. Nun ist es nicht so, als hätten ARD und ZDF das Politische am Sportlichen ausgespart, im Gegenteil.
Während Eurosport die verheerende Menschenrechts-, Umweltschmutz- und Dopingsituation in China als Hauptlizenznehmer des tyrannischen IOC herzlich egal, womöglich sogar recht war, wurde öffentlich-rechtlich auch zur besten Sendezeit beharrlich über Abgründe in Peking berichtet. Einer wie Merseburger jedoch hätte es ohne Rücksicht auf Verlust getan und in alle Richtungen ausgeteilt, also auch Richtung Deutschland, das sich zwar zum diplomatischen, aber keinesfalls wirtschaftlichen Boykott durchringen kann.
Nun ist der große, alte Mann von Panorama mit 93 gestorben und mit ihm ein Stück Mediengeschichte. Was von Merseburger bleibt? Die vage Erinnerung, dass politischer Journalismus mal eine Leib- und Seelensache war. Was von Olympia bleibt? Kathi Witts Tränen nach dem verpatzten Lauf des gedopten Gewaltopfers Kamila Walijewa im Ersten. Thomas Bachs Schweigen, als Chinas NOK-Sprecherin auf einer PK neben ihm politische Propaganda betrieb. Und acht Milliarden Dollar Übertragungsgebühr, für die NBC lausige Quoten erntete.
Ach ja, was vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleibt, dieser Karikatur pressefreiheitlicher Verbandstätigkeit im Griff von Mathias Döpfner? Eine Clique rückgratloser Opportunisten (und exakt einer Opportunistin), die ihren Führer auch dann noch deckte, als ruchbar wurde, wie er das Gewaltsystem des Bild-Hetzers Julian Reichelt deckte. Immerhin: Mit Funke ging nun ein Verlag auf Abstand, gefolgt von Madsack-Chef Thomas Düffert, der Donnerstag als BDZB-Vize zurücktrat. Mehr davon!
Die Frischwoche
21. – 27. Februar
Und bitte auch mehr Dokumentarfilme von Torsten Körner. Seine Lebensstudie Im Lauf der Zeit porträtiert Angela Merkel morgen Abend auf Arte zwar ästhetisch konventionell; gerade das Fehlen zeitgenössischer Splitscreens und Animationen sorgt aber dafür, dass er der Kanzlerin im Wildgehege männlicher Alpharüden nahekommt, ohne die Distanz zu verlieren. Etwas mehr Distanz, um nicht zu sagen: maximaler Abstand wäre hingegeben zu Diese Ochsenknechts wünschenswert.
Wenn Sky ab heute Milkyway-Hedgefonds, Thunderstorm-Bingewatching, Ntschotschi-Horst und die 25 anderen Kinder von Natascha (ohne Uwe) sechs Teile lang beim, nun ja, b-prominent sein begleitet, würde allerdings auch der volle Erdumfang zwischen uns und der Sippe fürs Seelenheil kaum reichen. Es gab übrigens Zeiten, da wollten Kritiker*innen auch Henning Baum nicht näherkommen als unbedingt nötig. Sein Spiel, sein Typ, der ganze Kerl stand schließlich für eine irgendwie vormoderne Männlichkeit. Das tut sie bis heute.
Er setzt sie allerdings in einer Weise ein, die selten toxisch ist und damit doch wieder ein bisschen modern. Zum Beispiel als Der König von Palma. Nach einer wahren Begebenheit spielt Baum im Sechsteiler von RTL+ einen Clubbesitzer, der sich – an Sandra Borgmanns wunderbarer Seite – ab Donnerstag mit der Gastronomie-Mafia auf Malle anlegt. Anders als der Titel andeutet, ist das allerdings nicht die Spur lustig, aber durchaus ansehnlich.
Gleiches gilt fürs Box-Drama Gipsy Queen, eine Art Million Dollar Baby auf St. Pauli mit Tobias Moretti, der die alleinerziehende Rumänin Ali (Alina Serban) aus der Gosse zurück in den Ring coacht. Und nachdem sich die Dritten zügig mit Karneval füllen, setzt Netflix am Freitag seinen Historien-Blockbuster Vikings mit dem Spin-Off Valhalla fort. Das ZDF startet in ihrer Mediathek die fünfteilige Spießer-Mockumentary Normaloland. Parallel dazu beginnt bei Neo das originelle Mystery-Experiment Unseen, in dem die Bewohner einer belgischen Kleinstadt unsichtbar werden und damit einiges über unsere Überwachungsgesellschaft erzählen.
Ob Filme im Kopf nun instrumental begleitet werden oder vokalisiert, orchestral oder kammermusikalisch, strukturiert oder flächig, das wird vermutlich auch keine Traumdeutung ergründen. Aber falls das Unterbewusstsein einen Soundtrack verdient – Uèle Lamores Debütalbum wäre nicht die schlechteste Wahl. Mit Loom hat die franko-amerikanische Künstlerin schließlich ein Werk erschaffen, das zwischen Ambient, Klassik und Dreampop Gedanken vertont, ohne sie auszusprechen.
Gemeinsam mit dem London Contemporary Orchestra experimentiert die 27-Jährige so vielgestaltig mit synthetischer und modularer Electronika aus jeder Art von Computer-Terminal, dass die elf Stücke Road-Movies der Siebziger ebenso vertonen könnten wie zeitgenössische SciFi. Wenn dabei klavierbegleitete Geigenteppiche entspannt übers sphärische Rauschen futuristischer Visionen rollen, ist alles denkbar, alles drin, alles geschmeidig, ergreifend, virtuos und angenehm verstörend.
Uèle Lamore – Loom (XXIM)
The Simps
Schwer zu sagen, wen oder was The Simps vertont, aber The Simpsons sind es definitiv nicht, dafür ist das das kalifornische Duo zu düster und verstiegen. Vielleicht vertont es auch gar nichts. Vielleicht ist ihr Debütalbum Siblings einfach, wonach es klingt: eine düster verhallende, hintergründig eklektische, nostalgisch klingende Reminiszenz an den Future-Pop der Achtziger, wie Joy Division mit etwas besserer Laune.
Dabei ist der Old New Wave von Zzzahara and Eyedress, wie sich Zahara Jaime aus L.A. und Idris Vicuña von den Philippinen hier nennen, weder neu noch alt, weder gebraucht noch innovativ. Mit unverzerrter Funkgitarre, E-Drums und Schulterpolster-Keyboards suppt ihr Beach-Pop durch verrauchte Kellergewölbe und hellt sie auf, während sich der Gesang in den Ecken zu verstecken scheint, aber spürbar an die frische Luft will. Herausspaziert.
The Simps – Siblings (Lex Records)
White Lies
Und damit zu etwas Unverdruckstem, Selbstbewusstem, Exaltiertem, das in jeder Strophe, jeder Bridge, jedem Refrain ganz bei sich ist und nirgendwo anders hin will als unter richtig fette Scheinwerfer richtig fetter Bühnen: White Lies. Eine Band, die seit ihrem Debütalbum To Lose My Life vor zwölf Jahren zu den Abräumern des Brit-Rock zählt, und auch mit ihrer sechsten Platte ausgetretenes Terrain planiert, das aber sehr unterhaltsam.
Nicht also, dass As I Try Not To Fall Apart dem Bestand auch nur ansatzweise erweitern würde. Denn im anschwellenden Meer genresprengender Bands mit dem Anspruch, alles mit allem irgendwie unerhört zu verquirlen, macht die gemeinsam gereifte Schulkapelle aus London bloß das, was sie am besten kann: geradlinigen, massentauglichen, melodramatischen Postpunk, der niemals stört und dennoch stets ein bisschen eigensinnig bleibt.
Im hochinteressanten Biopic Inventing Anna fiktionalisiert Netflix die reale Millionenbetrügerin Anna Sorokin alias Delvey und fragt neun Teile lang mit lipstickfeministischem Trotz: verdienen wir es nicht anders? Tja…
Von Jan Freitag
Kein Profilfoto mit Falten, kein Insta-Post ohne Farbfilter, kein Wort der Wahrheit, kein Lachen von Herzen. Mundus vult decipi, sagten Lateiner lange, bevor Social Media digitalisiert wurde – die Welt will betrogen werden. Ergo decipiatur, folgt darauf bis heute – dann betrügen wir sie! Zwar ist nicht überliefert, ob Anna Delvey zusätzlich zum halben Dutzend lebendiger Sprachen auch tote spricht. Aber wenn jemand das altrömische Sprichwort bis hin zum Pseudonym verinnerlicht hat – dann die Großbetrügerin aus Deutschland, der halb Amerika auf den Leim gegangen ist.
Geboren 1991 in Moskau, als Russland eine Diktatur war, umgezogen 2007 ins Rheinland, als Putins sie grad erneuerte, zog Anna Sorokin, so lautet ihr echter Namen, mit Anfang 20 über Paris nach New York und fand eine Stadt vor, die um Betrug förmlich bettelte. Also gab ihr Anna Sorokin alias Delvey, was sie wollte, flog höher als alle Hochhäuser, fiel tiefer als jeder Metro-Schacht und lieferte den Stoff einer Realfiktion, die Shonda Rhimes zum Auftakt jeder Episode mit „diese Geschichte ist total wahr“ einleitet, „außer alles, was daran total erfunden ist.“
Geht das? Und wie das geht! Zumindest, wenn sich die Schöpferin stilbildender Serien von Grey’s Anatomy bis Bridgerton der total wahr erfundenen Geschichte annimmt. Zusammen mit Jessica Pressler hat sie deren Magazin-Story How Anna Delvey Tricked New York’s Party People für Netflix in ein neunteiliges Biopic übersetzt. Und ließe sich nicht so gut recherchieren, was darin alles stimmt – vieles wäre zu fantastisch, um wahr zu sein. So wahr, dass selbst die Urheberin dran glaubt.
„Bitches, ich arbeite für meinen Erfolg“ sagt sie zu Beginn in die Polizeikamera, pöbelt „fickt euch“ hinterher und zeigt: hier betrügt jede jeden und alle sich selbst, Titelfigur inklusive. Weil die ehrgeizige, aber erfolglose Reporterin Vivian (Anna Chlumsky) eine Story wittert, nimmt sie Kontakt auf zur inhaftierten Anna (Julia Garner), die der ebenso ehrgeizige, aber erfolglose Anwalt Todd (Arian Moayed) lieber öffentlich verteidigen will, als einen Deal anzunehmen – schließlich brächte der spektakuläre Fall Schwung in seine Berufskarriere und der Angeklagten die Aussicht auf noch mehr Publicity.
Schon früh wird deutlich: Inventing Anna handelt nur vordergründig von der manipulativen Hochstaplerin, die sich als Milliardenerbin ausgibt und New Yorks Boheme im Stil von Mark Twains Novelle The Million Pound Bank Note ohne einen Cent im Gucci-Täschchen um Kleider, Kunst, Luxusgüter erleichtert; dahinter geht es um die Aufmerksamkeitsgesellschaft, die Neidgesellschaft, die Statusgesellschaft, die Profilneurosengesellschaft. Eine Klassengesellschaft massenhafter Individuen auf der Jagd nach Distinktion oder wie es Vivians Informantin Neff (Alexis Floyd) ausdrückt: jeder in New York will „Geld, Macht, Image, Liebe“. Nur die Wahrheit, die will hier niemand.
Ob Anna Objekt oder Subjekt ihrer betrügerischen Energie ist, darauf können sich alle nun volle neun Stunden kurzweiliger Fernsehunterhaltung ihre eigenen Reime machen. Doch je tiefer Vivian mithilfe eines Quartetts abgehalfterter Kollegen ins Glamourdasein der Fake-Erbin taucht, desto mehr sagt Netflix über unsere Zeit aus. Eine Zeit unablässig veröffentlichter Privatsphären, die Blender zu Influencern macht, also aus Parias früherer Gemeinwesen angehimmelte Parvenüs. Doch hier, da emanzipiert sich Shonda Rhimes erneut von Frauenrechtlerinnen der Generation Alice Schwarzer, formuliert die Serie einen Feminismus fernab bloßer Gleichstellungsträume.
Annas Freund Chase (Saamer Usmani) und sein Start-up dienen ja allenfalls als Einfallstore der Ambitionen willensstarker Frauen wie ihre Mentorin Nora (Kate Burton). Überhaupt sind Männer wahlweise Helfer oder Hemmnisse weiblicher Selbstermächtigung – verkörpert durch Alphatiere in Prada-Kostümen, die ihre Interessen ähnlich skrupellos verfolgen wie jene in Boss-Anzügen, aber nicht annähernd so erbärmlich aussehen, wenn sie dabei auf Anna reinfallen.
Obwohl Anna Chlumsky ihre Vivian sketchupmäßig überspitzt, macht das die Serie zur lohnenswerten Feldstudie einer autoaggressiven Konsumepoche. „Anna ist alles, was an Amerika schiefläuft“, sagt eine Staatsanwältin. „Und sie ist noch nicht mal Amerika“. Wer Anna Sorokin alias Delvey, der shondaland angeblich 325.000 Dollar Honorar für die Verfilmung ihrer Story zahlte, stattdessen ist – die Frage zieht sich durch neun Teile und gibt doch keine Antwort außer der, dass unsere Welt betrogen werden will. Ergo decipiatur.
Der Rechtspopulismus hat – von seiner parlamentarischen Säbelspitze AfD in Kreis-, Land- und Bundestag perfektioniert – ein kurioses Wirkprinzip: Unsagbares aussprechen, anschließend das Gegenteil beteuern, um ersteres damit in Diskursen, also Köpfen zu verankern. Ulf Poschardt, publizistisches Florett reaktionärer Alpharüden mit Porsche, hat da viel von seiner heimlichen Leibpartei gelernt, Super-Holocaustüberlebende als Schuldige einer angeblich linken Dominanz benannt – und hinterher fehlerhaftes Copy-and-Paste dafür verantwortlich gemacht.
Auf die Entschuldigung des ähnlich weißen, aber etwas älteren Tagesspiegel-Kollegen Harald Martenstein müssen wir derweil noch warten. Aber als der Kolumnist Judensterne mit „Ungeimpft“ als „eindeutig nicht antisemitisch“ verteidigte, hat er das sicher nicht so gemeint. Genauso gemeint wie gesagt war Jan Böhmermanns berühmtes Schmähgedicht über Präsident Erdoğan, dessen Verbreitung das Bundesverfassungsgericht nun kommentarlos und endgültig untersagte. Julian Reichelt darf dagegen weiter klagen, er sei Opfer sexueller Gewalt von Frauen, die wohl einfach zu ungefickt sind, um sein moschusduftendes Brusttoupet sexy zu finden.
Das hat auch Mathias Döpfner so die Sinne vernebelt, dass er Reichelts Missbrauchssystem – wie Nils Minkmar in der Süddeutschen Zeitung schreibt – selbst dann noch aktiv vertuschte, als daran längst kein Zweifel mehr bestand. Mal sehen, besser: hören, ob Helene Fischer den Soundtrack schreibt, wenn RTL den Fall verfilmt. Einen Hang zum Autokratischen beweist sie schließlich im ARD-Song Jetzt oder nie, der an den Diktaturspielen von Peking aber mal gar nix auszusetzen hat.
Allein das qualifiziert sie zur Cash-Cow von Zuckerbergs Meta, dem Europas Datenschutz so zuwider ist, dass er Facebook und Instagram abschalten wollte. Während ersteres kaum noch jemand bemerken würde, hätte letzteres Konsequenzen – etwa für Heidi Klum, deren neun Millionen Insta-Fans nicht so mit negativen Fragen nerven wie das Medienportal DWDL, dem sie deshalb ein zugesagtes Interview verweigert. Weltstars wie diese basteln sich schließlich längst ihre eigene Realität – wer braucht da noch kritischen Journalismus…
Die Frischwoche
14. – 20. Februar
Kanye West jedenfalls nicht, weshalb sich der lukrativste Rapper des 21. Jahrhunderts lieber ein Gefälligkeitsgutachten von Netflix erstellen lässt, als sich aufrichtig durchleuchten zu lassen. Dennoch ist das dreiteilige Abbild Jeen-Yuhs ab Dienstag faszinierend – zeigt es doch Geburt, Aufstieg, Apotheose eines Selbstvermarktungsprofis. Dafür muss man ja nicht gleich seine Trump-Leidenschaft oder den Größenwahn überbetonen…
Fernab von Größenwahn, gar Trump-Leidenschaft ist der MSV Duisburg. Bei RTL+ begleiten Verantwortliche und Fans wie Joachim Llambi den Drittligisten durch eine Clubgeschichte, die so konsequent von Tiefen bei seltener Höhe geprägt ist, dass man mit der Leidenschaft fürs Kellerkind mit Erstliga-Historie körperlich mitleidet, aber auch viel über jene Leidensfähigkeit lernt, von der Bayern-Verantwortliche und -Fans nicht mal träumen dürfen.
Einen Albtraum erleben die Figuren von Ben Stillers Dystopie Severance. Als hätte Wes Andersen Ricky Gervais‘ The Office in der Kulisse von Stanley Kubricks 2001 gedreht, erzählt Hollywoods Spaßkanone vom Personal eines dubiosen Konzerns, dem Hirnimplantate das Privatleben operativ vom Berufsleben trennen. Klingt irre, ist irre, aber so gut erzählt, so toll gespielt, so originell ausgestattet, dass man trotz ereignisloser Dramaturgie im retrofuturistischen Stil neun Teile lang gebannt vorm Bildschirm sitzt.
Wer sechs Folgen der deutsch-deutschen Wirtschaftspolitikserie ZERV sieht, dürfte zwar weniger gebannt sein. Trotzdem stellt die ARD damit heute ein Format in seine Mediathek, das überrascht. Während es oberflächlich um Zwangsadoption vor und Waffenhandel nach der Wende geht, füllen Nadja Uhl und Fabian Hinrichs das zeithistorische Kostümfest als gegensätzliche Ermittler mit so viel Liebe, dass der Krimiplot erträglich wird. Den Rest in Stichworten: Neo zeigt parallel die achtteilige Young-Adult-Sitcom Ich dich doch auch, ab Donnerstag startet Sky sein vierteiliges KI-Finanzdrama The Fear Index. Und zeitgleich im BR schreddert Oliver Polaks Talkshow Gedankenpalast mit Gästen von Patrick Lindner bis Lady Bitch Ray, die er im Wald trifft, wieder alle Seh- und Hörgewohnheiten.
2015 hat Benjamin Fredrich (Foto: Peter van Heesen) in Greifswald Katapult gegründet und die Startauflage von einigen Hundert Heften auf zuletzt gut 150.000 gesteigert. Mit dem Mix aus Wissen und Journalismus, Texten und Tabellen, Buchverlag und Spin-offs erzielten die 48 Mitarbeiter*innen der gGmbH 2020 fast werbefrei 2,5 Millionen Euro Umsatz, seit Juni sogar mit eigener Regionalzeitung MV. Ein Interview über Lokaljournalismus, toxisches Wachstum, Genderdebatten und warum er gezielt um rechtsradikale Hater in den Kommentarspalten wirbt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Benjamin Fredrich, ist der Tageszeitungsjournalismus aus Ihrer Sicht noch zu retten?
Benjamin Fredrich: Puhh. Die Frage ist, was man sich unter Tageszeitungsjournalismus genau vorstellt. Wir probieren ja gerade, ihn zu retten und wachsen damit stark, wenn auch von geringem Anfangsniveau aus. Das passiert auch, weil wir anders als andere hier im Land und überall sonst hinnehmen, dass der Printbereich auf lange Sicht wohl nicht funktionieren wird. Verglichen mit Online-Journalismus ist der schließlich naturgemäß immer mindestens einige Stunden zu alt.
Wobei dieses Dilemma schon im Titel „Tageszeitung“ steckt.
Aber darüber hinausgeht. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel hat sich noch keine davon abgesehen von uns bei TikTok angemeldet. Ein Riesenfehler, denn egal, wie scheiße man ein Medium findet – du musst dahingehen, wo die Leute sind und es dadurch mitgestalten. Instagram war früher mal eine Plattform für Fotos von Essen und Körpern. Dadurch allerdings, dass immer mehr Medien dort veröffentlichen, wurde sie konstant um journalistischen Inhalt erweitert.
Und verbindet so nicht nur Menschen miteinander, sondern auch mit Nachrichten und Informationen.
Stimmt, aber noch wichtiger ist, dass man es aus innerer Überzeugung und keinem Pflichtgefühl raus tut wie die drei Zeitungen hier, deren Internetauftritte aussehen, als hätte das irgendjemand vor 20 Jahren notgedrungen in Auftrag gegeben, um es so nebenbei mit ein paar Spitzenmeldungen zu füllen. Dummerweise vergessen die Verantwortlichen im Zeitungsjournalismus dabei, wie viel größer das Interesse an lokalen Nachrichten ist als das an nationalen oder gar globalen.
Verwenden Sie Tageszeitungs- und Lokaljournalismus mittlerweile synonym?
Ich verwende eher Tageszeitungs- und Onlinejournalismus synonym, weil er nur in Echtzeit, also digital verbreitet ausreichend Interessent*innen findet, um rentabel und relevant zu sein. Anders verhält es sich dagegen mit tiefergehenden Analysen, langen Reportagen, Betrachtungen ohne frühes Verfallsdatum, die den Leuten Möglichkeiten gibt, im Wochen- oder Monatsrhythmus aus dem Internet aufs bedruckte, haptische Papier zu entkommen. Am Erfolg von Katapult als Magazin oder Lokalzeitschrift lässt sich gut ablesen, dass daran Bedarf besteht.
Das wäre dann eine Art Coffee-Table-Journalismus hübsch gestalteter Hochglanzprodukte fürs Wochenende, statt publizistischer Grundversorgung.
Wie das gestaltet ist, ist eigentlich egal. Hauptsache, die Leute lesen sich auch mal in tiefere Analysen und nicht nur Überschriften mit kurzen Teasern Ob es auch klappt, wissen wir heute trotz aller Anzeichen noch nicht, aber irgendwie muss und wird es klappen – besonders im Lokalen. Denn das Interesse an Informationen aus der eigenen Umgebung ist ungebrochen riesig. Wenn das Nachbargebäude brennt, ist das für die meisten maßgeblicher als jedes größere Feuer außer Sichtweite.
Wenn Katapult eine seiner Deutschlandkarten mit Tageszeitungen machen würde, die – egal ob online oder offline – eine Zukunft hätten: welche wären das?
Zunächst mal überregionale, weil die früher begriffen haben, alle Verbreitungswege gleichberechtigt zu bespielen, und in der Lage sind, tiefere Analysen des Geschehens zu erstellen. Seit Medien dank der Digitalisierung dahingehend demokratisiert wurden, dass jeder und jede Falschinformationen verbreiten kann, brauchen Leute wie Wendler oder Atilla Hildmann keine Schockblätter vom Boulevard mehr, um ihr Anliegen unters Volk zu kriegen. Meine Prognose lautet da, dass Inhalte abseits journalistischer Standards von der Personality-Story bis zur politischen Ideologie für große Publikationen an Relevanz verlieren, weil Influencer über Social Media und Messengerdienste wie Instagram oder Telegram mit jedem Mist Clicks kriegen.
Es sei denn, es handelt sich um Sinnfluencer.
Ein Rezo hat es in der Tat geschafft, als Quereinsteiger journalistischen, gut recherchierten Inhalt erfolgreich zu machen. Damit ist er zwar die absolute Ausnahme, könnte sich aber durchaus neben den so genannten Qualitätsmedien im Bereich seriöser Berichterstattung halten. Für weniger seriöse Berichterstattung dagegen braucht es eigentlich keine Redaktionen mehr; das liefern die Leute allein von zuhause oder dem Smartphone aus mit weniger Aufwand und machen den klassischen Boulevard damit langfristig überflüssig.
Wobei gerade Regenbogenblätter, deren Inhalt aus Mutmaßungen, Unterstellungen und blanken Lügen bestehen, noch immer solide Auflagen haben.
Die allerdings bei größeren Boulevardmedien wie Bild und Bunte steil bergabgehen, während die Kundschaft billiger Königshäuserhefte langsam ausstirbt. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Bild vor zehn Jahren ein relevantes Meinungsmedium mit dreieinhalb Millionen verkaufter Hefte pro Tag war. Heute dient sie nur noch als Skandal-Verstärker, und sogar der Postillon hat online mehr Fans. Ein Kanzler Schröder empfand die Bild noch als entscheidend, um in Deutschland Politik zu machen. Heute ist die Bild als Meinungsmacherin nicht mehr so relevant, alsdass die Politik besonders auf dieses Medium acht geben würde. Trotz enormer Reichweite haben Redakteure ihr Monopol auf mediale Meinungsbildung verloren. Aber darum werde ich als letztes trauern, denn das sorgt endlich für ein demokratisches Gleichgewicht.
Also nochmals – welche Medien finden auf Ihrer Landkarte langfristig Platz?
Die Süddeutsche, FAZ, das Handelsblatt vielleicht noch so was wie taz oder Frankfurter Rundschau und natürlich Die Zeit, wobei das ja schon wieder eine Wochenzeitung ist. Umso mehr warte ich sehnsüchtig auf eine überregionale Lokalzeitung mit mehr Niveau als Bild.
Wollen Sie diese Lücke mit der monatlichen Regionalausgabe der Katapult füllen?
Zunächst mal wollen wir diese Lücke auf Landesebene füllen, wo weder Ostsee-Zeitung noch Schweriner Volkszeitung geschweige denn der Nordkurier gelungene Online-Auftritte haben und ihre überregionalen Inhalte zudem von Zentralredaktionen und Agenturen beziehen. Falls wir weiter so stark wachsen wie bisher, möchten wir auf dieser Grundlage möglichst bald andere Bundesländer erschließen.
Mit haltungsgetriebenem Lokaljournalismus also?
Haltung und Lokales kann prima koexistieren, auch wenn sich das bei uns eher zufällig so ergeben hat, also keinem Masterplan folgt. Als Politologe kann ich Erkenntnis gar nicht von Haltung trennen, diese Wissenschaft ist schließlich schon deshalb als einzige nicht neutral, weil sie nach dem Dritten Reich gegründet wurde, um ein Viertes zu verhindern. Man könnte Politologie daher als Wissenschaft der Demokratie bezeichnen, die sie nie zur Debatte stellt, sondern mit Leben füllt. Und dazu zählen die drei Grundpfeiler von Katapult.
Die da wären?
Antifaschismus, also die Ablehnung von jeder rechtsradikalen, fremdenfeindlichen und menschenunwürdigen Politik. Gleichberechtigung, also im weitesten Sinne Feminismus und Diversität. Außerdem Ökologie, also Umwelt- und Klimaschutz. Obwohl dieser normative Ansatz unsere Fallhöhe steigert, darf daran bei uns nicht gerüttelt werden.
Spüren Sie diese Fallhöhe in der Resonanz auf Katapult-Berichte?
Klar. Unsere demokratischen Standards kommen in Echtzeit zu uns zurück, aber diesen Druck machen wir uns am Ende selbst. Wenn Recyclingpapier knapp wird, das mit 65.000 Euro Druckkosten pro Ausgabe ohnehin schon teuer ist, aber eben ungleich weniger Bäume verbraucht, können wir nicht einfach auf konventionelles Papier umsteigen. Das ist zwar anstrengend, sichert uns aber den Zuspruch unserer externen Kontrollinstanz: den Lesenden. Kennen Sie unseren Streit mit Hoffmann & Campe?
Über das Buch Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben, das aus Karten besteht, die schwer an jene von Katapult erinnern?
Eine Kopie, über die ich mich auch öffentlich aufgeregt habe. Allein das brachte uns zwar locker 20.000 Abos, aber kürzlich hat eine Redakteurin aus unserem News-Team den Tweet eines fremden Nutzers benutzt und so in ihre Recherche eingebunden, dass sie es für ein völlig eigenständiges Werk hielt. Als sich der Twitter-Nutzer darüber beklagte, hat er auf Kommentare von mir verwiesen, in denen ich mich über geklaute Ideen anderer beschwere. Da stand es völlig außer Frage, dass wir es sofort berichtigen, ein Honorar anbieten oder zumindest seinen Namen als Autor erwähnen. Wer hart austeilt, muss auch hart einstecken und vor allem fair bleiben.
War das der Ratschlag Ihrer Rechtsabteilung?
Das war vor allem der Ratschlag unserer Moralvorstellung. Ganz unabhängig von den wettbewerbs- oder urheberrechtlichen Kriterien, die man im Zweifel vor Gericht klären muss, sind wir von unserer Position aus dazu verpflichtet, ethisch einwandfrei zu sein und sympathisch rüberzukommen. Wir müssen immer die Guten sein.
Kann dieser Anspruch gepaart mit dem externen Korrektiv Ihrer Kundschaft auch dazu führen, dass Katapult seine Haltungen mal ändert?
Kommt auf die Haltungen an. Denn genauso, wie wir Dinge machen, die uns neue Abos bringen, machen wir auch viele, die uns alte Abos kosten, aber die drei Säulen unserer Berichterstattung bleiben unangetastet. Obwohl wir beim Thema Feminismus inhaltlich hyperprogressiv sind, hat Katapult erst auf Druck des Publikums damit begonnen, zu gendern. Wir haben damit wie jedes Verlagshaus zwar Abos verloren, aber auch neue gewonnen. Und wie in der ganzen Gesellschaft gab es darüber natürlich auch interne Auseinandersetzungen, aber wichtig ist doch, überhaupt konstruktiv zu streiten. Das ist schließlich nicht überall so. Als wir gemeinsam mit einem anderen Medium etwas über Greenwashing machen wollten, ist es daran gescheitert, dass die nur konstruktiven, statt kritischen Journalismus machen, um Anzeigenkunden nicht zu verschrecken. Aber der ist mir zu langweilig.
Sind konstruktiver und kritischer Journalismus denn unvereinbar?
Nicht grundsätzlich, aber wenn man einen deutschen Mega-Konzern als Dauer-Anzeigenkunden hat und darüber einige Mitarbeitende bezahlt, fällt es doch wohl sehr schwer, kritisch über diesen Konzern zu berichten.
Kritischer Journalismus scheint Ihnen ein bisschen lieber zu sein.
Schon. Denn kritischer Journalismus muss aus meiner Sicht stets wunde Punkte suchen, er besteht aber auch darin, dass sich beide Extreme aufeinander zubewegen. Angriff ohne Inhalt ist ebenso sinnlos wie Inhalt ohne Angriff, doch zurzeit überwiegt insgesamt, aber teils auch bei uns noch ein bisschen zu oft letzteres. Das sind dann so harmlose Artikel über die besten Freizeitaktivitäten am Strand oder so. Das langweilt. Brauche ich nicht. Generell wünsche ich mir, dass man für jede Recherche alle Beteiligten lieber den ganzen Tag mit Anrufen nervt und noch was rausbekommt, was über die langweilige Geschichte hinaus geht.
Nerven, bis alle Infos da sind, oder alle, die man sich erhofft hat?
Natürlich alle, die es gibt (lacht). Ich komme aus der Wissenschaft. Wer da nicht ergebnisoffen arbeitet, erzielt niemals Erkenntnisgewinne. Und das gilt auch für meine Art von Journalismus. Überparteilichkeit ist da – mal abgesehen von ultrarechten Partien wie der AfD – absolute Pflicht. Und manchmal ist es auch interessant, bei einer Recherche nichts Aufregendes zu finden.
Haben Sie ein Beispiel, wo Recherchen ins Leere liefen und dennoch ein guter Bericht draus geworden ist?
Manchmal veröffentlichen wir ergebnislose Recherchen einfach und fragen unser Publikum, ob es mehr weiß. Crowdsourcing. Man denkt zunächst, dass es einem etwas journalistische Glaubwürdigkeit nimmt, aber am Ende ist gibt es den Lesenden auch einen Einblick, wie wir arbeiten und woran wir scheitern und auch, dass sie mitmachen können. Wir haben über Crowdsourcing beispielsweise mal Daten über Praktikumsbezahlung gesammelt. Das hat geklappt.
Gibt es so etwas wie Streit-, wenn nicht gar Rauflust der Katapult, also die Suche nach Punchlines und Skandalen statt ergebnisoffenem, überparteilichem Journalismus?
Wenn man Punchlines oder Skandale durch Schwachstellen der Mächtigen oder Regierenden ersetzt, gibt es definitiv eine Streit- oder Rauflust bei Katapult. Aber wenn Ministerpräsidentin Schwesig den Vorpommern-Beauftragten Patrick Dahlemann zum Chef ihrer Staatskanzlei macht, der aber – was sehr ungewöhnlich ist – sein Landtagsmandat behält, prüfen wir natürlich eingehend, ob er die Gelder zuvor gleichmäßig verteilt hat oder zugunsten seiner Heimatregion. Wenn ersteres der Fall ist, schreiben wir das jedoch ebenso auf wie letzteres. Wir suchen nicht nach Skandalen, weil es Skandale werden sollen, sondern weil so eine Aufdeckung gesellschaftlich relevant ist.
Dennoch macht ein haltungsgetriebenes Magazin wie Katapult mit gecheckten und belegten Skandalen doch mehr Auflage als mit gecheckten und widerlegten?
Wichtig ist es, den fairen Mittelweg finden, aber ich freue mich natürlich über jeden Anfangsverdacht, den wir gewissermaßen ermitteln. Da ist die Redaktion eine Art Kommissariat, das möglichen Straftaten zwar nachgeht, aber nicht vorverurteilt. Dafür sind Gerichte da.
Die gerade auf hohem Recherche-Niveau mit aufwändigem Layout teuer ist. Wie genau finanziert sich das wachsende Portfolio von Katapult?
Jedenfalls nicht mit Werbung. Als wir noch klein waren, haben wir ein Anzeigenaustauschgeschäft mit der Titanic gemacht. Mittlerweile sind wir zwar ähnlich groß , behalten das aber bei, weil die uns geholfen haben, als uns am Tag vorm Andruck der einzige Anzeigenkunde abgesprungen ist. Das Problem war aber gar nicht so sehr das fehlende Geld, sondern zwei weiße Seiten, die wir plötzlich füllen mussten. Darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit Fritz-Cola, aber die bringt uns eher endlos Getränke als Einnahmen.
Immerhin gut fürs Start-up-Feeling…
Kann man so sagen. Unsere Anzeigenpreise haben wir dagegen mit 30.000 Euro bewusst so hoch angesetzt, dass sie eh niemand zahlt; das sorgt sozusagen für marktgerechte Werbefreiheit. Unlängst hat das Hamburger Label Audiolith gefragt, ob wir Anzeigen von ihnen schalten wollen. Das fanden wir eigentlich schon deshalb super, weil es Feine Sahne Fischfilet unter Vertrag hat.
Eine Punkrockband aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich vehement gegen rechts positioniert und dafür sogar vom Landesverfassungsschutz beobachtet wurde.
Klar. Auf jeden Fall Respekt, dass die es da reingeschafft haben. Wir wissen ja heute, wie der Verfassungsschutz damals gearbeitet hat und dass der Verfassungsschutz wohl selbst auch in den Verfassungsschutzbericht gehört hätte. Mit Feine Sahne verbindet uns einiges, aber uns ist eine Kooperation über klassische Anzeigen hinaus lieber, vielleicht mal ein gemeinsames Festival oder so. Das Geld brauchen wir nicht. Unser Ziel ist es, das Heft weitestgehend reklamefrei zu halten.
Um finanziell oder auch politisch und moralisch unabhängig zu bleiben?
Von allem ein bisschen. Als wir noch zu dritt waren, haben wir tatsächlich rumtelefoniert, um Anzeigen zu kriegen, von Verlagen zum Beispiel. Es gab auch Interessenten, aber weil immer mehr Geld in soziale Medien floss, befand sich der Anzeigenmarkt im Printbereich bereits im freien Fall. Und weil unsere Abo-Zahlen parallel explodierten, war die Entscheidung gegen Reklame eher personeller Art: lieber alle Kraft in Abos stecken und unabhängig sein, als zu dritt nebenbei noch Anzeigen akquirieren. Mit 48 Mitarbeiter*innen können wir uns diesen Luxus mittlerweile auch finanziell leisten – merken am Beispiel der erwähnten Greenwashing-Kooperation aber auch, wie gut uns das journalistisch tut.
Inwiefern?
Weil Rewe ein Anzeigenkunde des geplanten Medienpartners ist, wollten die nicht kritisch über ihn berichten. Das kann uns nicht passieren, wir müssen auf niemanden Rücksicht nehmen.
Außer aufs eigene Publikum. Während werbefinanzierte Medien Rücksicht auf Anzeigenkunden nehmen, muss Katapult womöglich mehr Rücksicht auf Leserinnen und Leser nehmen, damit sie nicht in Scharen davonlaufen.
Das glaube ich auch. Die Frage ist, ob wir das aushalten oder nicht.
Und?
Jedes Heft bringt Hunderte Emails und Online-Kommentare von Lesenden, die sich oft heftig über uns aufregen. Da könnte man nun jeden Artikel auf mögliche Entfremdung von der zahlenden Kundschaft hin prüfen, aber das würde uns wahnsinnig machen. Außerdem kennen wir unsere Käufer*innen nicht und erheben auch null Daten über sie – weder Alter noch Einkommen geschweige denn Bildung oder Schicht. Uns interessiert nur die Anschrift und wie sie auf uns aufmerksam geworden sind. Alles andere braucht man nur, um Anzeigen zu verkaufen.
Warum ist es dann wichtig zu wissen, wie die Leute auf Katapult aufmerksam wurden?
Um zu erfahren, wo wir sichtbar sind und Verbreitung finden. Wobei da vor allem Instagram von Interesse ist; Facebook kann man so langsam mal auslaufen lassen. Darüber hinaus fühlen wir uns in dieser Datenarmut sauwohl; das entspricht auch dem hohen moralischen Anspruch unserer Lesenden. Darüber hinaus aber wollen wir ja gerade, dass bei uns in den Kommentarspalten die Hölle los ist. Dafür werben wir sogar gezielt bei Rechtsradikalen.
Bitte?!
Damit die auf uns aufmerksam werden, Streit entfachen und unsere Bubble nicht einfach nur sich selbst genügt. Vielleicht bekommt man ja manche auch irgendwann mal mit einem Argument überzeugt. So sehr unser Medium haltungsgetrieben ist, so wenig wollen wir bloß Zielgruppenjournalismus machen. Katapult steht allen offen, und je mehr sich darüber fetzen, umso besser. Von 48 Leuten hier machen drei deshalb nichts anderes als Moderation, diesen Prozentsatz am Personal hat sonst kein Medium.
Kriegen die dann Sonderzulagen, weil sie sich mit Nazis rumärgern, die Sie gezielt angelockt haben?
Das nicht, aber ab und an psychologische Hilfe. Die wissen aber auch, dass es dem wichtigen Zweck dient, Homogenität in der Zielgruppe vorzubeugen. Inhaltlich bin ich durchaus Fan der taz, aber die haben sich mit ihren Lesenden mittlerweile so homogenisiert, dass den Artikeln – so gut und wichtig ich sie oft finde – öfter mal das Überraschende fehlt, was Journalismus bedeutsam macht. Wir haben jetzt vier leitende Redakteure, und einer davon, Sebastian Haupt, der den Knicker macht…
Ein Spin-Off zum Ausklappen.
… der ist für jedes Thema offen, aber bitte nichts über die Armutsschere in Deutschland, von der wirklich alle berichten. Nur mit breiter Palette kannst du ein breites Publikum erreichen.
Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bilden aber gewiss nicht das gesamte Meinungsspektrum ab, oder?
Na ja. Menschenfeinde von rechts wollen wir nicht im Haus haben, ansonsten aber stehen wir politisch grundsätzlich allen offen, sofern sie nicht parteipolitisch gebunden sind. Darüber gab es grad eine Diskussion, weil zwei Redakteure Parteimitglieder sind. Eigentlich ist das okay, arbeitsrechtlich dürfen wir so was ja nicht mal abfragen, und ich persönlich hätte gern alle demokratischen Meinungen hier vertreten, aber nicht als aktive Parteimitglieder. Unsere Art der Berichterstattung macht Katapult eben extrem angreifbar. Politische Präferenzen werden da sehr genau beobachtet.
Wie verhindert man da, dass bei Katapult keine „waschechten Rassisten“ arbeiten, die Sie im Streit mit der Konkurrenz vom Nordkurier ja in deren Redaktion verortet haben – gibt es einen Fragekatalog, um das Wort „Gesinnungstest“ zu vermeiden?
Der Chefredakteur vom Nordkurier hat nach dem Rassismusvorwurf darauf hingewiesen, dass „nicht alle“ beim Nordkurier Rassisten sind, um damit meine Pauschalisierung zu kritisieren. Guter Punkt. Aber auch eine hochinteressante Aussage über den Rest von „alle“. Egal, wir haben in zwei Jahren 37 Leute eingestellt; deren gute Gesinnungen zu testen, schafft man auch ohne Fragekatalog, anhand der Bewerbungsunterlagen und kurzer Online-Recherche über das, was die vorher gemacht haben. Schwieriger ist es, falls Bewerber*innen von NGOs kommen.
Welche zum Beispiel?
Na ja, Greenpeace etwa oder Amnesty International. Die sind, was ich generell nicht falsch finde, missionsgetrieben. Ihnen fehlt das Ergebnisoffene. Da müssen wir mehr drauf achten, als ob einer mal in der Wiking-Jugend war, der bewirbt sich eh nicht bei uns. Wer dagegen bei Oxfam tätig ist, wird nie zur Erkenntnis gelangen, die Armutsschere wird kleiner; dann würde er seine NGO ja überflüssig machen.
Wie rekrutieren Sie überhaupt Mitarbeiter*innen in einer Region wie Vorpommern, wo junge, besonders weibliche Menschen nach Ausbildung oder Studium mehrheitlich das Weite suchen?
Durch unsere Reichweite in den sozialen Medien haben wir die luxuriöse Lage, weder Stepstone noch Xing zu nutzen oder sonst wie Geld und Zeit in Personalsuche zu stecken. Haben wir mal gemacht, aber schnell gemerkt, dass sich eh alle über social media bewerben. Wenn wir darüber eine Redakteursstelle ausschreiben, haben wir in kürzester Zeit 100 Bewerbungen, also echt keinerlei Nachwuchsprobleme. Am schwierigsten ist es, Köch*innen zu finden.
Die Sie sogar im Impressum ausweisen.
Und zwar völlig zu recht! Auch Programmierer*innen sind etwas schwieriger zu finden als Grafiker*innen und Redakteur*innen, gerade aus der Umgebung. Früher kamen die meisten bei uns aus MV, mittlerweile noch 25 Prozent. Wir haben sogar zwei Leute aus den USA, die unsere englischsprachige Ausgabe machen. War auch kein Problem, die von Alabama nach Greifswald zu kriegen. Problematisch war hier auch etwas anderes. Als wir unsere Abo-Zahlen 2020 verdreifacht hatten…
Trotz Pandemie?
Und wegen der Pandemie! Da bin ich dem Impuls gefolgt, jeden Überschuss sofort für neues Personal auszugeben; das ist bei mir intrinsisch, aber manchmal eben einfach zu viel. Auf 15 alte Mitarbeiterinnen kamen damals 20 neue, das war die Hölle.
Weil der redaktionelle Zusammenhalt gelitten hat?
Eher, weil mehr Personen zum Einarbeiten als zum Arbeiten vorhanden waren, und das geht zulasten von beidem. Manchmal ist langsameres Wachsen trotz voller Kassen sinnvoller. Dieses Jahr haben wir immer noch viel eingestellt, das Ganze aber trotz ähnlich guter Ausgangslage ein bisschen ruhiger angehen lassen.
Gibt es bei Medien grundsätzlich so was wie toxisches Wachstum in der Start-up-Phase?
Wenn es so exponentiell läuft wie bei uns, schadet es jedenfalls schnell mal der internen, also zwischenmenschlichen Kultur – wie wir alle miteinander umgehen also. Selbst unsere Artikel sind in der Zeit etwas schlechter geworden. Umso wichtiger ist der neue Ort, den wir uns hier mit Journalist*innenschule bauen; da kommen wir alle neu zusammen und haben dadurch die Möglichkeit, uns gemeinsam weiterzuentwickeln.
Und in welche Richtung?
Zum Beispiel ein Stück weg vom früheren, leicht anarchistischen Katapult-Humor, der etwas sachlicher wird und angesichts der Entwicklungen auch werden musste, ohne ihn ganz abzuschaffen. Der Verlust des Impulsiven zugunsten einer gewissen Professionalisierung, gepaart mit geregelten Arbeitszeiten, auf die unsere Angestellten ein Anrecht haben, passiert aber allen Start-ups irgendwann. Das tut gelegentlich weh, gehört aber dazu.
Schmerzhaft könnte es auch sein, dass Zeitungen wie die Süddeutsche Ihr Erfolgskonzept bisweilen stumpf kopieren. Oder ist diese Art der Respektsbekundung sogar ein bisschen schmeichelhaft?
Ach, es ist beides. Wenn das offen geschieht wie bei der Schweriner Volkszeitung, die uns auf einer Podiumsdiskussion gesagt hat, sie fänden unser Konzept mit den Karten so toll, dass sie da jetzt eigene machen, aber ersichtlich anders als unsere, finde ich das schmeichelhaft. Außerdem sind Karten jeder Art ja keine Neuerfindung von uns. Als die Süddeutschen Zeitung mehrfach unverkennbar von uns abgekupfert hat, ohne das zu kommunizieren oder kenntlich zu machen, fühlten wir uns dagegen schon veräppelt. Das ist zwar nicht urheber-, aber wettbewerbsrechtlich bedenklich.
Mit welcher wettbewerbsrechtlichen Konsequenz?
Dass eine Redaktion die andere systematisch ausbeutet. Eine sucht tagelang nach lustigen Vergleichen und die andere macht sich diese Arbeit nicht und nimmt sie einfach vom kleineren Medium. Das ist bei einer gewissen Wiederholung wettbewerbsrechtlich relevant und das war bei uns der der SZ leider der Fall.
Sie haben vorhin vom Verlust des früheren Katapult-Witzes gesprochen. Ist Humor mal abgesehen von klarer Haltung und analytischer Tiefe ein Faktor, der den Journalismus gerade in Konkurrenz zum schnelleren Internet zukunftsfähig machen könnte?
Empfehlen kann ich ihn jedenfalls niemandem, der dafür kein Händchen hat.
Ersetzen wir Humor durch Leichtigkeit, die Ihrem Magazin bei aller inhaltliche Tiefe zu eigen ist.
Auch die würde ich Lokalblättern wie Ostsee-Zeitung oder SVZ nur eingeschränkt empfehlen, aber für uns ist es – auch intern – perfekt, jenseits vom Grundton allgemeiner Krisenberichterstattung zu schreiben. Wichtig ist, die Seriosität der Recherche zwischen der Leichtigkeit erkennbar werden zu lassen.
Gute Beispiele für diese Mischung aus Humor und Journalismus wären amerikanische Late-Night-Shows von Jon Stewart, Trevor Noah oder John Oliver, die viele Zuschauer als Informationsmedien nutzen, hierzulande vergleichbar mit Böhmermanns ZDF Magazin Royal oder der heute-show.
Die sind in der Tat großartig und ziehen das Publikum aus dem Trott der Nachrichten heraus, in denen ironiefrei über Politik berichtet wird. Dass dieser Ansatz in MV komplett fehlte, war eine Motivation für uns, Katapult zu machen. Auch wenn Humor nicht deren Ansatz ist, gewinnen wir alle doch ein Stück Würde, wenn wir über uns selbst lachen können. Bei den Lokalblättern im Bundesland erschöpft sich die Selbstironie allerdings darin, es ab und zu Meck-Pomm, statt MV zu nennen. Wobei wir das superschicke Kürzel Meck-Vorp bevorzugen.
Weil Pommern weiter östlich ist?
In Polen, um genau zu sein. Meck-Pomm klingt, ohne dass es so gemeint sein dürfte, unangenehm großdeutsch. Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr das viele hier im Land als Angriff auf Ihre Region empfinden. Auch wegen der Lokalzeitungslandschaft sind viele das gar nicht mehr gewohnt, augenzwinkernd auf ihre Region zu blicken.
Wollen sich die Leserinnen und Leser mit Katapult denn vor allem informieren oder unterhalten lassen?
Beides, und genau darin liegt, um zur Eingangsfrage über die Rettung des Lokaljournalismus, unsere Chance, das tradierte Spektrum gesellschaftspolitischer Zuschreibungen aufzubrechen und bedeutsame Unterhaltung zu machen. Im leichten Bereich, etwa über Bierbrauereien, sprechen wir daher alle ungeachtet ihrer Haltungen an, sind damit extrem demokratisch und bieten gerade damit die Gelegenheit, in härteren Beiträgen über den Tellerrand zu blicken.
Wird dieser Blick über den Tellerrand auch in der Journalistenschule gelehrt, der gerade auf dieser Großbaustelle, auf der wir uns unterhalten, entsteht?
Absolut. Wobei ein wichtiger Schwerpunkt unserer Schule darin bestehen wird, das klassische Journalistenschulen kaum lehren, für uns aber existenziell ist: alles mit Grafik, also Visualität, dazu Programmieren, Datenverarbeitung. Sowas sollten Journalist*innen aus meiner Sicht aber ohnehin in der Ausbildung lernen. Und vielleicht bringen wir ihnen hier auch noch Methodik und Statistik der Wissenschaft bei, was für Katapult im Besondern, aber den Journalismus im Allgemeinen hilfreich ist. Unsere Tendenz geht klar Richtung Wissenschaftsjournalismus.
Mit dem Namen Katapult-Journalistenschule?
Namen gibt’s noch nicht, könnte aber sein und muss auch bald sein. Denn im Frühjahr geht es ja schon los, und wir kriegen jetzt schon massenhaft Bewerbungen – witzigerweise ungefähr halb so viele als Dozierende wie als Studierende. Das wäre mal ein guter Bildungsschlüssel für 106 Leute auf 2000 Quadratmetern.
Die wie viel für die Ausbildung bezahlen?
Hoffentlich gar nichts. Wenn Katapult stark genug ist, bezahlen wir das.
Und werden Sie in der Lehre mitmachen?
Puhh, wenn mir was einfällt, was ich besonders gut kann, vielleicht. Im Grunde aber würde ich da lieber Profis ranlassen. Ich bin ja nicht mal Journalist, ich hab nur Bock drauf irgendwas relevantes zu machen und nirgendwo fühle mehr ich Relevanz als im Lokalen. Man spürt oft: Wenn ich hier heute nicht drüber berichte, dann macht es keiner. Das ist nur im Lokaljournalismus so. Deshalb ist er so befriedigend. Ob ich auch lehren werde, gute Frage. Ich bin Praktiker, kein Didaktiker. Vielleicht lehre ich am Ende das Fach „Peinliche aber virale Tiktok-Videos“!
Der irritierende Apple-Thriller Suspicion mit Uma Thurman hetzt uns an der Seite scheinbar argloser Briten unter Entführungsverdacht acht Teile lang atemlos durch die Welt der Überwachungskameras und sozialen Medien.
Von Jan Freitag
1984, das muss man 73 Jahre nach der berühmten Dystopie anerkennen, blickte lang vorm digitalen Zeitalter furchtbar visionär in die Zukunft moderner Überwachungsstaaten. Das London von heute ist George Orwells Version von damals also alles andere als unähnlich. Mit einer Ausnahme: Es hält seine Bürger nicht in Beugehaft freudloser Alltagsroutinen und bei Zuwiderhandlung schon mal hungrige Ratten vor ihre Gesichter. Die gegenwärtige Gedankenpolizei hat bessere Methoden zur kollektiven Kontrolle. Feinere, geschicktere, smartere – garantiert durch Millionen Kameras.
Allein im öffentlichen Raum der britischen Hauptstadt kommen unfassbare 73,3 davon auf 1000 Einwohner – mehr als Peking und Moskau zusammen. Bei aktuell 8.961.989 Londonern, erfassen also gut 650.000 Objektive jeder Art alle, wirklich alle, die sich durch Straßen und Häuser, Geschäfte oder Parks bewegen. Auch Eddie, Tara, Aadesh und Natalie. Nachdem maskierte Kidnapper den Sohn der einflussreichen Unternehmerin Katherine Newman (Uma Thurman) aus einem New Yorker Luxushotel entführt haben, geraten sie schon darum ins Visier der Polizei, weil die vier Londoner zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Und so werden drei davon gleich am Anfang des achtteiligen Apple-Thrillers Suspicion nach ihrer Rückkehr aus den USA festgenommen. Die begüterte Finanzmanagerin Natalie Thompson (Georgina Campbell) bei der eigenen Traumhochzeit. Der mittellose IT-Experte Aadesh Chopra (Kunal Nayyar) im Teppichladen seiner Familie. Die kultivierte Uni-Dozentin Tara McAllister (Elizabeth Henstridge) vor den Augen ihrer Klasse. Als es den Studenten Eddie (Tom Rhys Harries) Ende der dritten Folge vorm Pup erwischt, sind seine Leidensgenossen also längst Teil einer Eskalationsspirale, wie sie die weltweite Paranoia im Jahr 20 nach 9/11 allerorten hervorruft.
Nach getrenntem Verhör des englischen Good Cops Vanessa Okoye (Angel Coulby) mit dem amerikanischen Bad Cop Scott Anderson (Noah Emmerich), wird das Trio tags drauf zwar gemeinsam entlassen. Scheinbar auf freiem Fuß aber lässt es Regisseur Chris Long nicht nur durch die Linsen seiner drei Kameraleute verfolgen; mindestens ebenso oft erscheinen sie auf dem CCTV genannten Arsenal omnipräsenter Monitore westlicher Konsumgesellschaften, die ihre Kundschaft pauschal zu Verdächtigen aller denkbaren Delikte erklären oder einfach süchtig nach Informationen sind.
Nur einer entkommt der allumfassenden Verfolgung filmender Drohnen, ausgerechnet: der Hauptverdächtige Sean Tilson (Elyes Gabel), den wir anfangs als Passagier Richtung Belfast kennengelernt haben, bevor er sich im Stil eines Doppelagenten mit der Lizenz zum kaltblütigen Töten nach London durchschlägt. Spätestens hier wird die stille Jagd der Staatsmacht auf ihre mutmaßlichen Gegner zur wilden Jagd aller gegen alle. Denn je mehr das Hollywood-Remake der israelischen Thriller-Serie „False Flag“ Fahrt aufnimmt, desto unlösbarer verknotet Showrunner Rob Williams ihre Fäden. Denn während die Tatbeteiligung des Quartetts im 400-minütigen Spannungsbogen denkbarer wird, geraten sie auch noch ins Fadenkreuz machtpolitischer Intrigen.
Wie Suspicion von einer klugen Sozialkritik am paranoiden Kontrollwahn liberaler Prägung zum Verschwörungsthriller anschwillt, behandelt er aber auch ein paar Randaspekte von 1984 Baujahr 2021. Soziale Medien etwa, die jedes digitale Raunen durch Links & Likes zur Tatsache aufblasen und Wahrheiten noch schneller zerstören als Existenzen. „Das Geschwätz hört auf, sobald jemand einen Hund beim Bellen eines Mariah-Carey-Songs filmt“, sagt Dozentin Tara zum Rektor, als er sie wegen des Sturms in der Hochschulblase entlassen will. Sie sollte sich irren. Zum Leidwesen der Demokratie, zur Freude des Entertainments.