Sløtface, Romano, Fuck Art, Let’s Dance

Sløtface

Ach, Norwegen ist schon bemerkenswert. Obwohl es darin vor allem Fjorde gibt und Mondpreise, ist das Land zu einem der wichtigsten im Kosmos moderner Musik geworden. Kein Wunder, dass dort selbst waschechter Punkrock ein bisschen nach Powerpop klingt. Verantwortlich dafür ist eine blutjunge Band namens Sløtface, die mal Slutface hieß, bevor das feministische Gewissen die vier Freunde zur Umbenennung rief. Das war Anfang 2016, eineinhalb Jahre nach der Gründung und ebenso lange vor der heutigen Veröffentlichung ihres Debütalbums mit dem emblematischen Titel Try Not To Freak Out.

Nicht auszurasten ist nämlich gar nicht so leicht, wenn man die zehn Stücke hört. Denn es ist ein Highspeedspaß der besonders wuchtigen Art, den Haley Shea (Gesang), Tor-Arne Vikingstad (Gitarre), Halvard Skeie Wiencke (Drums) und Lasse Lokøy (Bass) da vom heimischen Stavanger aus auf Englisch in die Welt blasen. Das Tempo ist immer eins-zwei-drei-vier-go, aber die Stimmung dazu geht dank der einfallsreichen Riffs überm Geschrammel leicht am Rückgrat vorbei direkt ins Gehirn. Pop plus Punk kann ganz schön abgebrüht klingen. Und gut.

Sløtface – Try Not To Freak Out (Propeller)

Romano

Als Roman Geike vor zwei Jahren von Köpenick aus die Rap-Republik mit einer alles andere als innovativen, aber sehr, sehr unterhaltsamen Spielart des HipHop bereicherte, war die Kritik ein wenig irritiert. Was genau war das eigentlich – noch Trash, schon Philosophie, bloß PR? Unterm Kampfnamen Romano schuf der Endreißiger mit den Flechtzöpfen schließlich Sprechgesangsrposa, die Puristen fast ebenso verstörte wie das Partyvolk, beide aber gleichermaßen so magnetisch anzog, dass sein minimalistischer Stil als irgendwie kunstvoll durchging.

Und auf seinem zweiten Album geht das ganz genauso weiter. “Wir trinken Sekt an der Champagner-Bar / wenn wir Glück haben ist Tanja da” rappt er zu extrem reduzierten Beats und lässt die Frage abermals unbeantwortet, ob das nun bloß Lalala ist oder relevant. Antwort: Egal. Wenn er im Titeltrack Copyshop “Copycopycopycopycopyshop, die Kopie von der Kopie” dichtet, wenn er den Alltag am Rande des Irrsinns beschreibt oder seinen Eltern skurrile Liebeserklärungen macht, ist das schlichtweg zum Niederknien belanglos schön wie ein wohldosierter Wodkarausch.

Romano – Copyshop (Universal)

Fuck Art, Let’s Dance

Copyshop könnte eigentlich auch das zweite Album der Hamburger Indierockband Fuck Art, Let’s Dance heißen. Wie bereits auf dem ersten namens Atlas lud sie den Ballast einer Musikgeneration auf ihre Schultern, die fieberhaft auf der Suche nach Verlässlichkeit im Morgen war und dabei gestern ebenso fündig wurde wie heute. Die Achtziger sind ja noch immer das Jahrzehnt mit der größten Sogwirkung auf alle Altersgruppen – sei es als reine Retrospektive, sei als Adaption. Und Fuck Art, Let’s Dance haben daraus etwas gemacht, das alle sehr eigensinnig bedient, ohne das ganze Zeugs von früher bloß zu kopieren.

Auch Forward! Future! ist nämlich trotz des Titels zukunftsfreudig und nostaglisch zugleich. Die elf Tracks klingen nach Neunzigerjahren, die die Achtzigerjahre in die Zehnerjahre retten. Der Raumklang ist wavig, die Aura poppig, das Resultat oft fast schon avantgardistisch, dabei aber zutiefst eingängig. Zu Nico Chams düster getragener Stimme ist dafür vor allem Tim Hansens Schlagzeug verantwortlich, dessen Highhat zwar konsequent im Offbeat, also Showmodus bleibt, während der Rest fast mathematisch vertrackt voran flattert. Gemeinsam mit der pointierten Gitarre von Romeo Sfendules’ wird daraus das Tanzbarste, was komplizierter derzeit Rock zu bieten hat. Fuck Yeah!

Fuck Art, Let’s Dance – Forward! Future! (Audiolith)


Casper: HipHop, Hardcore & Extremmetall

Das Ziel ist der Weg

Unterm Pseudonym Casper hat es der Wahlberliner Benjamin Griffey in kürzester Zeit auf den HipHop-Olymp geschafft. Wie XOXO und Hinterland dürfte also auch Lang lebe der Tod auf Platz 1 landen. Kurz bevor er die Platte einem ausgesuchten Publikum am Abend im Hamburger Mojo-Club vorstellt, erzählt Casper, warum sein drittes Album voriges Jahr plötzlich verschoben wurde, was ihm Erfolg bedeutet und weshalb sich der Sohn eines amerikanischen GI aus Westfalen manchmal wie ein gescheiterter Baumhaus-Architekt fühlt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Gibt es schon erste Verkaufszahlen deiner neuen Platte „Lang lebe der Tod“?

Benjamin Griffey aka Casper: Noch keine, die ich kennen würde, aber ich habe das Gefühl, es läuft unerwartet gut.

Unerwartet? Alles was du seit deinem Wechsel zu Four Music 2010 angefasst hast, wurde zu Gold, beiden Alben waren Nr. 1, jetzt der Wechsel zu Sony…

Schon, aber auf XOXO und Hinterland waren auch mehr eindeutige Hits drauf. (zögert) Glaub ich… Besonders, wenn man es mit der ersten Single vergleicht, wo einer wie Blixa Bargeld dabei ist. Lang lebe der Tod ist eine viel sperrigere Platte geworden als die vorherigen. Außerdem lagen zwischen dem letzten und dem neuen vier Jahre.

Was macht es mit einem Künstler, der sich wahrscheinlich ja immer noch dem Independent näher sieht als dem Mainstream, wenn alles, was er tut, durch die Decke geht?

Einiges. Wenn man Kollegen sagt, klingt das zwar, als stünde man gemeinsam an der Zerspanungsmaschine. Aber ich habe viele, die mit dem Erfolg immer selbstsicherer geworden sind – was ich sehr bewundere. Ich dagegen hatte schon immer so ein Impostor-Syndrom.

Impostor-Syndrom?

Wenn man glaubt, sich hochgeschummelt zu haben. Ich fühle mich manchmal wie ein Hochstapler, der ist, wo er gar nicht hingehört. Deshalb stehe ich morgens auch nicht auf und sehe im Spiegel den Platin-Künstler, mit megageilen Songs, der jetzt bloß mal schnell ins Studio gehen braucht, um noch megageilere Songs zu machen.

Ist das angeborene Bescheidenheit oder erlernte Selbstreflexion?

Platten zu machen, ist bei mir ein komplett verkopfter, zugleich aber sehr emotionaler Puzzle-Prozess, der mir im Grunde gar nicht so viel Spaß macht. Ich liebe das Aufführen, live auf der Bühne, zu sehen was dort passiert mit mir, mit dem Publikum. Ich möchte ein Gesamtwerk erschaffen, das mehr ist als die einzelnen Teile. Irgendwann will ich nämlich vor der Galerie meiner Albumcover stehen und sagen, jedes davon ergibt im großen Gesamtbild meines Schaffens Sinn und ist gleichermaßen liebenswert.

Das Ziel ist der Weg.

Bei mir schon.

Hast du Lang lebe der Tod kurz vorm Release Ende 2016 noch mal zurückgezogen, weil das Ziel auf diesem Weg nicht zu erreichen war?

Kann man so sagen. Wobei das keine spontane Entscheidung nach dem Aufwachen war, sondern ein schleichender Prozess, in dem mir einfach immer klarer geworden ist – oh Mann, ich pack’s nicht, ich pack’s nicht! Persönlich und musikalisch.

Inwiefern?

Persönlich war dieser Sprint aus neuer Platte, Tour, Tour, Tour, nächste Platte, Festivals, Festivals, Festivals so lange okay wie sich die Hysterie ums Ganze gedreht hat, nicht um mich als Person. Dann aber haben die Leute so viel in mich hineinprojiziert, dass es mir echt zu viel wurde. Ich habe zwar einen Vertrag unterschrieben, der einen Teil der Privatsphäre zur Veröffentlichung freigibt; aber es wurde irgendwann so invasiv wie bei einer Boyband.

Und musikalisch?

War mein Produzent Marcus Ganter einfach schon viel weiter als ich mit meinen Texten. Umso weniger fühlte es sich für mich so an als hätten wir mit der Verschiebung Zeit gewonnen. Im Gegenteil, das war wie eine Riesenniederlage. Mir kam es vor, als wäre ich ein Stararchitekt, der nach riesigen Skyscrapern ein Baumhaus bauen soll und daran scheitert. Ich hatte das Gefühl, nochmals ganz von vorne zu beginnen.

Ist der Perfektionist in dir denn jetzt trotzdem zufrieden oder wird er das nie ganz?

Doch das wird und ist er, sonst hätte ich die Platte nicht rausgebracht. Wenn du Christopher Nolan fragst, wie er seine fantastische Batman-Trilogie findet, hätte er garantiert massig daran auszusetzen. Perfektion gibt es nicht. Und wenn ich einen Wunsch für meine Musik frei hätte, würde ich mir daher die Platte gern mal von außen anhören, ohne sie vorher gekannt zu haben. Ich klopfe mir daher nicht auf die Schulter, weiß aber trotzdem, dass sie einen Platz in meiner Galerie verdient hat.

Welche grundlegenden Veränderungen haben das bewirkt.

Vor allem, dass zwei Songs gestrichen wurden. Trim the fat, cut the shit! Außerdem ist alles noch detaillierter produziert und inhaltlich pointierter.

Weil es noch mehr von seiner Welt ringsum aufgesaugt hat, in der seit der Verschiebung unglaublich viel passiert ist?

Thematisch ist es gleich geblieben, aber es wurde schon viel geschliffen. Böse Zungen meinten ja, weil der Titelsong mit Blixa bei den Kids nicht so reingehauen hat, werfen sie es über den Haufen und machen was Poppigeres. Das stimmt nicht. Es lebe der Tod war schon vorher distorted. Es gab massig Blast. Aber alles einfach nur zu übersteuern und dann gegen die Wand rauschen zu lassen kann jeder; wir wollten einen besseren Film erzählen als im ersten Versuch und das ist uns aus meiner Sicht gelungen.

Ist das Ergebnis ein politisches HipHop-Album oder ein HipHop-Album mit Politik?

Weil ich mich subjektiv als politisch begreife, sind es meine Platten objektiv auch. Wichtig daran ist allerdings, dass ich weder mit erhobenem Zeigefinger Lösungen anbiete noch für die geilste Punchline alles bloß ironisch breche. Ich versuche vor allem meine eigene Rolle im Jetzt zu beschreiben. Deshalb fängt die Platte auch düster beschreibend, fast dystopisch an, wird dann aber zusehends persönlicher.

Und was ist deine Rolle in diesem Jetzt – Aufklärung?

Eher Beschreibung. Zum Beispiel, wie seltsam es ist, dass die Menschen hierzulande offenbar mehr Angst vor Flüchtlingen haben als vor deren Fluchtursachen wie Krieg, Armut, Unterdrückung. Als jemand, der in der DIY- und Hardcoreszene aufgewachsen ist, fällt mir das womöglich mehr auf als jemandem, der immer im HipHop zuhause war. Wobei Lang lebe der Tod mein erstes Album ist, das wirklich in der Gegenwart stattfindet. Meine vorherigen waren ja noch sehr Coming-of-Age-inspiriert und haben den Leuten vor der großen Bühne erst mal erklärt, wo der Junge vom Dorf herkommt, was er ist. Ich könnte noch drei XOXO und zwei Hinterland schreiben und wäre damit wohl riesenerfolgreich. Aber Musik ist für mich eine Entdeckungsreise.

Daher auch die Kollaboration mit Künstlern wie Blixa Bargeld, Sizarr oder Dagobert.

Casper: Genau, das waren ganz neue, sehr inspirierende Einflüsse für mich. Auf der Suche danach bin ich von Throbbing Gristle über KMFDM bei den Einstürzenden Neubauten gelandet, um über Japan Harsh Noise auf Lethargy zu stoßen, einer Black-Metal-Band aus New York, die mir gezeigt hat, was jenseits vom klassischen listening pleasure möglich ist. Fuck – so kann Musik aussehen? Rap entsteht ja vor allem aus die Möglichkeit, alles Umliegende aufzusaugen, aber irgendwann entstand darin das Dogma, nur noch Soul zu sampeln, Aber ich bin halt kein funky Typ und zitiere lieber Gesaffelstein oder Skinny Puppy als Soul, den ich gar nicht mag.

Was dazu führt, dass viele dich gar nicht mehr für einen HipHopper halten.

Ja klar.

Stört dich das?

Weiß gar nicht. Ich verstehe jeden, der mich nicht für einen Rapper hält, würde auf die Frage, ob ich mich selber für einen halte, aber immer Ja antworten – obwohl ich mir selbst unsicher bin, ob ich auf ein Festival wie das Splash gehöre. Aber beine gesamte Herangehensweise an die Musik stammt ja vom HipHop: Ich suche mir einen armen Tor, der mein Chaos, meine Zweifel aushält und passende Beats um meine Lyrics bastelt.

Was könnte denn dein nächster Einfluss sein?

Zurzeit entdecke ich gerade meinen Zugang zum Jazz. Und da kann es gut sein, dass ich in ein Wormhole falle und monatelang nicht mehr rausfinde. So war es bei mir vor sechs Jahren mit Postrock, so ist zuletzt mit Industrial und Noise geschehen. Als Kind habe ich unablässig Samy Deluxe oder Eins, Zwo gehört, aber plötzlich kommt spätnachts Extreme Metal wie Satyricon auf Viva 2 und es packt mich. Es heißt ja, Reisen bildet. Für mich ist auch Musikhören so eine Reise. Das öffnet Horizonte.

Das Interview ist zuvor beim MusikBlog erschienen

The Deuce: Straßenstrich & Pornosterne

Voll Porno

Seit die fabelhafte HBO-Serie The Deuce bei Sky läuft, erstehen die Siebzigerjahre fürs Fernsehen wieder auf. Dennoch ist der fiktionale Achtteiler um die Anfänge der amerikanischen Pornoindustrie am Beispiel zweier ungleicher Brüder mehr als ein Kostümfest.

Von Jan Freitag

Der amerikanische Traum ist seit jeher auch ein Albtraum für andere. Indianer, Sklaven, Linke, Bisons können ein Lied davon singen, was seine Verwirklichung bewirkt – und sei es für Amerikaner selbst. Man braucht da nur mal Martin Scorceses Einwanderungsdrama Gangs of New York zu sehen, jede Industrialisierungstragödie von Upton Sinclair oder brandneu: die Unterhaltungsserie The Deuce. Nach seiner brillanten Echtzeitdystopie The Wire sprengt HBO-Showrunner David Simon zurzeit auf allen Sky-Kanälen den Rest dessen, was Wirtschaftskrise und Vietnamkrieg vor 46 Jahren vom amerikanischen Traum übrig gelassen haben. Viel ist es nicht.

1971 herrscht rings um den Broadway Anarchie: ausgerechnet das Fernsehen hat dafür gesorgt, dass die Mittelklassekultur aus Theatern, Restaurants und Tanzläden am Times Square durch Stundenhotels, Fastfood und Tabledance ersetzt wurde. Es herrscht das Gesetz der Straße, also gar keines. Und genau hier leitet Vinnie Martino einen Treffpunkt für Halbweltbewohner jeder Art. Während sich Amerikas Traum vor der Tür in skrupelloser Triebabfuhr auflöst, bietet der leutselige Barkeeper dahinter einen Rückzugsort vom Höllenpfuhl da draußen.

Und er wird bereits vom nächsten Brandherd befeuert: Sexfilme. Kurz nach deren Legalisierung scheint die Pornoindustrie New Yorks Prostituierten zwar einen Weg aus der Gewaltspirale zu weisen; tatsächlich verwahrlost das Viertel nur noch mehr, bevor ihm Aids den Rest gibt. Und so endet auch Vinnies gut gemeinter Versuch, die Frauen aus dem Würgegriff der Zuhälter ins vermeintlich saubere Pornogeschäft zu holen, im Verderben. Dass man trotzdem gebannt zusieht, muss also andere Gründe haben als die Aussicht aufs Entertainment mit Happyend.

Da wäre zum einen James Franco. Teilweise unter eigener Regie erschafft der ausführende Produzent von The Deuce in seiner Doppelrolle als leutseliger Vinnie und dessen kleinkrimineller Bruder Frankie zutiefst verschiedene Antihelden, die stets allenfalls knapp dies- oder jenseits der Legalität ihr Glück suchen und dabei oft im Gegenteil landen. Zugleich sorgen Maggie Gyllenhaal als arme, aber selbstbestimmte Hure Candy oder Margarita Levievas Kiezkind aus gutem Hause Abby neben all den fiesen Freiern, noch fieseren Zuhältern und korrupten Bullen für etwas Optimismus im Desaster. Bedeutender aber ist wie so oft im Historytainment die Ausstattung.

Und da leisten die wechselnden Regisseure wechselnder Drehbuchautoren nach einer wahren Geschichte Erstaunliches. Anders als in zeitgeschichtlicher Fiktion aus Deutschland nämlich wirkt die Szenerie nie museal, sondern authentisch. Gut, manchmal sehen auch die US-Protagonisten aus wie Schaufensterpuppen, aber hey – im Zweifel sind es ja auch Pornostars, Gangster, Bordsteinschwalben, die ihre Fasanenfedern oder Glitzerstolas spazieren führen. In billiger Schlaghosenprosa wie der ZDF-Serie Zarah hingegen sehen auch Kanalarbeiter aus wie Kanarienvögel. Hierzulande käme daher kein Regisseur auf die Idee, einer Hauptfigur so furchtbares Haar zu verpassen wie Frankie oder seinem Bruder ein weißes Hemd, wo es doch so schön bunte gab.

Die Kulisse quietscht also nicht vor Nostalgie, sie wirkt wie ihre Ära: verstörend, grau, konfus. Sex wird in einer Serie über dessen Kommerzialisierung zwar durchaus explizit gezeigt; gleich zu Beginn etwa ist ein erigierter Penis beim sehr glaubhaften Blowjob zu sehen. Doch anders als im handelsüblichen Renaissance-Epos der Marke Borgia etwa dient das dauernde Kopulieren stets der Handlung, keinem Effekt. Und im Hintergrund laufen einfach Lieder statt Hits. Dank dieser sensorischen Zurückhaltung erinnert The Deuce weniger an das legendäre Studio 54, dem Mark Christopher 1998 ein glitzerndes Kinodenkmal gesetzt hat, sondern an Robert de Niros Taxi Driver, der 22 Jahre zuvor ungefähr dort mit dem Abschaum aufräumt, wo nun die Brüder Martino im Trüben fischen. Travis Bickle könnte daher jederzeit in Vinnies Bar auftauchen. Er fiele nicht weiter auf.


Talkshowabgänge & Pornoprosa

Die Gebrauchtwoche

4. – 10. September

Der neue Duden ist redaktionell womöglich noch nicht abschließend bearbeitet, aber ein Begriff hätte es längst verdient, aufgenommen zu werden: „Talkshowabgang, der“, kombiniert mit „vorzeitiger“. Dieses Phänomen nämlich zählt mittlerweile fast schon zum guten Ton der Fernsehdebattenkultur. Erst im Juli verließ Wolfgang Bosbach Sandra Maischbergers Runde, weil ihm Jutta Ditfurth zu linksradikal war, nun folgte ihm Alice Weidel bei Marietta Slomkas Wahlrunde am vorigen Dienstag, weil Andreas Scheuer ihr Parteifreund Björn Höcke zu rechtsradikal ist.

Damit befinden sich beide in guter Gesellschaft einer illustren Runde von Boris Becker über Ruth Moschner bis Peter Maffay, die allesamt wutschnaubend vorzeitig das Weite gesucht – und dabei weit mehr Aufmerksamkeit gefunden haben als bei Einhaltung des Protokolls. Und so sinnierten die Medien am Mittwoch auch süffisant, ob der Auf-, besser: Abtritt von Alice Weidel nicht von langer Hand geplant gewesen war. Schließlich hat sie schon vorher mehrfach angedeutet, vom rotgrünschwarzgeldlinksversifften Kreis der Gegner nun aber echt bald die Schnauze voll zu haben. Während CSU-General Scheuer argwöhnte, die AfD-Kandidatin wolle nur rechtzeitig ans kalte Büffet, mutmaßte Moderatorin Slomka jedenfalls, sie drücke sich nur vor der anstehenden Rentendebatte.

In dem Zusammenhang könnte der Duden dann gleich noch um eine weitere Unterart des „Talkshowabgangs“ ergänzt werden. Denn nach dem vorzeitigen im Zweiten folgte gleich auch noch der vorsorgliche im Ersten. Ohne Angabe von Gründen hat Alice Weidel die zugesagte Teilnahme bei der Wahlrunde illner intensiv am Donnerstag abgesagt. Und auch der ersatzweise angefragte Alexander Gauland hatte keine Zeit. Leider, leider. Obwohl sich der Partei-Rechtsaußen André Poggenburg dann doch erbarmte, stimmt da irgendwas nicht mit dem Vorwurf, die AfD wolle dringend sagen, was man doch mal sagen müsse, aber nicht dürfe. Interessanterweise ist das Ganze Wasser auf die Mühlen des WDR-Rundfunkrats, der nach Durchsicht diverser ARD-Talkshows zum gleichen Schluss wie 2012 und 15 kommt: zu belanglos, zu populistisch, zu oberflächlich und vor allem: zu sehr auf Krawall gebürstet.

Die Frischwoche

11. – 17. September

An dieser hochpolitischen Stelle könnte es jetzt kurz um den Versuch von Pro7 gehen, heute um 22.05 Uhr in der One-Man-Show Ein Mann, eine Wahl Interesse an mehr als Actionwitzetrallalla vorzugaukeln. Weil sich Klaas Heufer-Umlauf allerdings doch mehr für sein Image als die geladenen Parteienvertreter interessiert, widmen wir uns lieber zwei Filmen, mit denen Arte am Montag ab 20.15 Uhr 100 Jahre UFA feiert. In der schwarzweißen Screwball-Komödie Glückskinder dürfen die Nazi-Lieblinge Willy Fritsch und Lilian Harvey zum Auftakt heile Liebeswelt spielen, während die Gesellschaft drei Jahre vor Kriegsbeginn bereits den Untergang plant. Im Anschluss dann suhlt sich Propaganda in der deutschen Version von Titanic zwei Jahre vor Kriegsende nochmals in der vermeintlichen Dekadenz des Feindes. Gewiss keine guten, aber bemerkenswerte Klassiker des Filmbetriebs von Goebbels Gnaden.

Der kleine Exkurs zum nationalsozialistischen Erbauungsfilm zeigt aber auch, dass die Auswahl neuer Formate eher ein bisschen dünn ausfällt. Frei empfangbar ist allenfalls der französische Arte-Dreiteiler Kim Kong (Donnerstag, 21.45 Uhr) um einen Regisseur empfehlenswert, den ein asiatischer Despot entführen lässt, um ihm King Kong nach eigenem Vorbild zu verfilmen, was bestimmt nur ganz entfernt an ein Vorbild in Korea erinnert. Wirklich brillant gerät hingegen eine HBO-Serie, die Sky ab heute auf vielen seiner Kanäle zeigt: The Deuce.

Nach seiner Gegenwartsdystopie The Wire nimmt sich Showrunner David Simon darin das New York der Siebzigerjahre vor, wo die Pornografie seinerzeit gerade zum Milliardengeschäft wächst. Mit James Franco als ungleiches Brüderpaar Vinnie und Frankie gelingt dabei ein ganz großer Wurf historisierenden Fernsehens, in dem Kostüme – Achtung ARZDF! – nur die Nebenrolle einer durch und durch glaubhaften Inszenierung spielen. Ansonsten steht die Woche bereits ganz im Zeichen der anstehenden Wahl. Nachdem die ARD tags drauf zwei Handvoll Nonnen und Ärzte das tun lässt, was sie seit Jahr und Tag am Dienstagabend tun, darf Stefan Lamby um 22.45 Uhr eine Stunde lang Das Duell der Kanzlerkandidaten auf seine ganz eigene, sehr journalistische Art analysieren.

Und weil es das auch schon war, kommen wir zu den Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Die Gefangenen von Alcatraz, das atmosphärisch sensationelle Knastdrama von 1962 mit Kirk Douglas als Doppelmörder, dem ein verirrter Vogel in der Zelle neuen Lebensmut gibt. (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat). Zum 40. Jahrestag des Heißen Herbstes zeigt Kabel1Doku am Freitag (20.15 Uhr), Steven Spielbergs famosen Politthriller München von 2005, der die Geiselnahme israelischer Olympioniken 1972 als Rachefeldzug des Mossad weiterspinnt. Und zu guter Letzt der Tatort-Tipp: Blutwurstwalzer (Montag, 22.15 Uhr, RBB), Günter Lamprechts dritter Fall als Kommissar Markowitz, in dem er es 1991 mit einem blutjungen Schauspieler zu tun kriegt: Jürgen Vogel.


Busty and the Bass, Matt Bianco, BRKN

Busty and the Bass

Die Zeit des Retrosounds wird niemals enden, allein schon, weil rhythmische Geräuschkombinatorik mit Techno und HipHop insofern als abgeschlossen gelten darf, dass wohl kein grundlegend revolutionärer Musikstil jenseits von atonaler Dissonanz oder totaler Stille mehr zu erwarten ist. Busty and the Bass könnte man daher entspannt in die Kategorie “ham wa alles schon 1000mal gehört” abheften – wäre der Retrosound der neun Kanadier nicht bei aller Nostalgie so kreativ, frisch und befreiend. Nach einer Reihe EPs kombiniert ihr Debütalbum Uncommon Good elektronischen Soul auf eine Art mit jazzigem Rap, dass ein ganzes Bündel an Parallelen aufpoppt, die der Sache doch nie gerecht werden.

OutKast und Dungeon Family klingen da durch die zehn Stücke, Arrested Development oder Daft Punk, alter Mojo wie neuer Funk, Anderson .Paak stehen Pate, A Tribe Called Quest, alles durcheinander und nichts nur als Kopie. Dem getragene Kopfstimmensoul Things Change folgt der Distortion-Rap Free Shoes, lässige Bläsersequenzen wechseln sich mit gesalzenen E-Gitarren-Soli ab, kein Stein bleibt auf dem anderen und dennoch das Gebot geschmeidiger Harmonie stets gewahrt. Vorgestragen vornehmlich von Menschen weißer Hautfarbe ist Common Ground ein Stück Black Music, dass sich im Jungbrunnen des Genres gewaschen hat. Fabelhaft!

Busty and the Bass – Uncommon Good (Peripherique Records)

Matt Bianco

Das angesprochene Problem des Retrosounds ist allerdings noch mal ein wenig problematischer, wenn eine Band drei Jahrzehnte nach ihrer Blütezeit, in der ihre Musik auch schon schwer gebraucht klang, ein Comeback feiert. Was also ist die neue Platte von Matt Bianco – nostalgisch? Antiquiert? Altbacken? Vor allem ist sie alles, was das orchestral aufgeblasene Caféhausjazzpop-Quartett schon bei seinem Durchbruch im Jahr 1984 war – und nichts davon. Geblieben ist davon schließlich nur Sänger Mark Reilly, der ausgerechnet beim Retro-Klasssiker Whose Side Are You On gar nicht gesungen hatte, weshalb man schon genau hinhören muss, was am fünften Studioalbum Gravity eigentlich Matt Bianco ist.

Antwort: eine Menge. Dieser zum Niederknien coole New Jazz, der zugleich fundamentalistisch und frisch klingt, hat seit 1984 wenig von seiner Lebenskraft verloren. Er ist nur versierter geworden, weniger poppig, dafür umso reifer, was natürlich kein Wunder ist, wenn die beteiligten Künstler dem Rentenalter längst deutlich näher sind als der Uni. Piano, Bläser, Gesang, Kontrabass – alles exakt auf dem Punkt, alles für alte Jazz-Hasen erträglich, aber auch für Mojo-Club-Nachwuchs mit Disco-Appeal. Ein herrliches Album für die Zeit der schmalen Revers, die heute ja nicht breiter sind als in den Swinging Sixties.

Matt Bianco – Gravity (Membran)

BRKN

Ein Problem toller Stimmen ist oft, dass sie sich zu ernst nehmen. Ihr Soul erstickt dann jeden Tiefgang in selbstreferenziellem Pathos. Xavier Naidoo tut so etwas. Andac Berkan Akbiyik nicht. Weder zu saftig noch zu dünn macht er als BRKN deutschen R’n’B mit gefühlvoller Selbstironie, von der die Söhne Mannheims nur träumen können. Musikalisch zwischen Hip-Hop und Big Band, feinem Spott und großer Geste weiß sich das Bildungsbürgerkind aus Kreuzberg eben auch auf seiner zweiten Platte Einzimmervilla korrekt einzuordnen. „Leute sagen Dicker“ singt er etwa in Jagd mit harten Mittelkonsonanten, „du hast 100.000 Clicks / doch es bedeutet alles nichts / ist nur Gelaber / bis ich meinen Eltern alles geb und meiner Freundin alles schenk und mit meinen Jungs alles klär / bin ich ein Versager“.

Gut, gelegentlich gleitet BRKN dabei zwar ein bisschen ins Rogercicerohafte, irgendwie gefällig Süffige ab. Unterhaltsam kombiniert mit schriller Santana-Gitarre und Spielmannszugdrums unterm angedeuteten Orchesterfunk, sind solche Zeilen jedoch vor allem Erklärungsversuche, um sich und uns jenen Hype zu erklären, den sein vorjähriges Debüt erzeugt hat. Zum Glück verliert er dabei nie die Bodenhaftung eines swingenden Rappers, der das etwas Leben tanzbarer macht, ohne je gefällig zu klingen. Zugehört, Xavier?

BRKN – Einzimmervilla (studio album)


Zarah: Fernsehemanzen & Farbenpracht

Knalleffektplastefeminismus

Die ZDF-Serie Zarah will alles auf einmal: Nostalgie und Relevanz, Sex and Drugs, Politik und Glamour. Leider arbeitet sich die Serie um eine Feministin im Medienbetrieb der Siebzigerjahre so sehr an Äußerlichkeiten ab, dass all die bunten Polyesterklamotten am Ende staubiger wirken als jene Epoche, die damit kritisiert werden soll.

Von Jan Freitag

Präzise Beiläufigkeit – so kann man es natürlich auch nennen, wenn sich alles, wirklich alles an einer Fernsehserie um die Präzision der Kulisse dreht und nichts, wirklich nichts darin beiläufiger bleibt als die Handlung. Trotzdem ist es natürlich der Job eines Regisseurs, den Inhalt seines Produktes im Ringen mit dessen Optik zu verteidigen. Aber was Richard Huber bei der Vorabpremiere seiner sorgsam hochgekochten Journalismus-Serie Zarah mit „präzise Beiläufigkeit“ beschreibt, grenzt im besten Fall an Selbstverleugnung. Im schlechteren an Selbstaufgabe.

Dafür reicht ein Blick aufs Ergebnis, das fortan donnerstags nach der gelungenen Teeny-Komödie Das Pubertier im ZDF läuft. Noch besser eignet sich jedoch der Blick an einen Set, den die Produktionsfirma Bantry Bay Mitte April kurz für die Presse geöffnet hat. Damals gewährte ein verwaistes Bankgebäude in der Hamburger City dem sechsteiligen Prestigeobjekt 53 Drehtage lang Asyl im architektonischen Brutalismus seiner Zeit: 1973, dieses bewegte Jahr zwischen RAF- und Konsumterror lässt das Team um den preisgekrönten Macher vom Club der roten Bänder also wieder auferstehen.

Und wie.

Das akkurat nachgebaute Großraumbüro, wie es ältere Zuschauer womöglich vom seligen Lou Grant kennen, der vor 38 Jahren auch hierzulande das Bild vom Ameisenhaufen Zeitungsredaktion prägte, sieht aus wie ein gut sortierter Retroshop der grellen Siebziger. Wie bei Grants Los Angeles Tribune haben die Telefone auch beim Fantasiemagazin Relevant Wählscheiben. Auf dem Schreibtisch stehen Aschenbecher und Olivetti statt Café Latte und Flatscreen. Die Garderobe ist aus Polyester, das Mobiliar vogelwild, der Tonfall saftig. „Sie sehen ja hübsch aus“, flirtet Uwe Preuß als Verleger Olsen einer, pardon: Tippse zu, die „ich bin ja auch verliebt“ zurückkiekst, dass ihre Rüschenbluse vor Kichern zittert.

Wie wichtig dem ZDF die Ausstattung ist, zeigt sich aber erst richtig, als das Toptrio der Besetzungsliste im musealen Büro des Patriarchen zum Fotoshooting posiert. Links Claudia Eisingers Zarah in Stiefelchen unter grellen Hotpants, rechts Svenja Jungs Volontärin Jenny im grelleren Hosenanzug über Plateausohlen, dazwischen Torben Liebrechts Chefredakteur Kerckow im gedeckten Breitreversdreiteiler zum Schnauzer. Alle sehen aus wie im Quelle-Katalog ‘73 – wenn sich Hubers Team mal bloß so viel Mühe mit der Dramaturgie gegeben hätte wie mit dem Drumherum…

Als der Hosenschlag ebenso breit ist wie das Ego der Männer, wird die Bestsellerautorin Zarah Wolf von der fiktiven Relevant engagiert, um Leserinnen hinzuzugewinnen. Doch gleich nach ihrer Ankunft gerät die engagierte Feministin im Minirock so heftig zwischen die Herren der Schöpfung, dass sie bei ihrer Mission publizistischer Gleichberechtigung bereits am zweiten Arbeitstag eigenmächtig das frauenfeindliche Titelbild durch einen Männerhintern ersetzt. Dieses Tempo ist sicher dem Zeitplan geschuldet und wäre dramaturgisch durchaus vermittelbar. Dummerweise nutzt Richard Huber das Thema weiblicher Emanzipation vor allem zur Verdichtung aller Klischees jener Tage auf sechsmal Kaugummientertainment.

So bleibt vom Plan der ZDF-Fernsehfilmchefin Heike Hempel, „relevant und populär zu erzählen“ am Ende nicht mal letzteres übrig. Ausgerechnet Atmosphäre und Look wirken in den ersten zwei Folgen so bieder bis staubig, als sei hier der Lindenstraße das Geld ausgegangen. Gewiss, das Buch von Eva und Volker Zahn enthält auch Perlen. Als eine Sekretärin auf Zarahs Bemerkung im Fahrstuhl, sie habe nicht mit Olsen gebumst, „ich schon“ antwortet und auf die Bemerkung der emanzipierten Reporterin hin, das tue ihr Leid hinzufügt: „Mir auch“, da zeigt sich, dass der Stoff Potenzial zu leichtfüßiger Tiefe hat. Wenn man die denn suchte.

Das ZDF jedoch sucht vornehmlich nach Knalleffekten in Knallfarben. Deshalb reicht es nicht, dass Claudia Eisinger an große Vorbilder weiblicher Medienermächtigung von Wibke Bruns bis Peggy Parnass erinnert; sie muss auch noch was mit der bildhübschen Verlegertochter anfangen und ihr Blatt – das nicht zufällig an den mächtigen Stern jener Tage erinnert – parallel von Minute eins an aufmischen als sei Emanzipation Hochgeschwindigkeitswrestling, kein zähes Ringen um kleine Erfolge.

So zeigt das amerikanische dem deutschen, das binäre dem linearen Fernsehen also abermals, wie man Dekoration als Stilmittel, nicht als Wesenskern verwendet. Auch in der Amazon-Serie Good Girls Revolt geht es um Journalistinnen im Nahkampf mit schwanzgesteuerten Platzhirschen jener Epoche. Doch die Steckfrisuren und Kettenraucher darin dienen weit weniger der Optik als der Story und sind damit genau das, was sich Richard Huber auch für Zarah gewünscht hätte: beiläufig präzise.


2 Bier – 1 Platte

BELGRAD & Joy Division

Ronnie Henseler ist so etwas wie ein (Punk-)Tausendsassa. Wenn er nicht in seinem Alien Network Studio in Altona beschäftigt ist, spielt er Bass bei Bands wie Kommando Sonne-nmilch oder No Life Lost. Mit seiner neuen Band BELGRAD sorgt er in der Post-Punk/New-Wave/schwereinzuordnen-Szene gerade für Aufsehen. Bei Bier und Kaffee erzählt er von seinen Nicht-Vorbildern Joy Division.

Interview: Marthe Ruddat

freitagsmedien: Hast du einen Hang zu schwermütiger Musik?

Ronnie Henseler: Ich würde eher melancholisch sagen, das auf jeden Fall. Ich laufe aber nicht so durchs Leben. Ich bin schon ein Typ, der gerne Faxen macht und Spaß hat. Und trotzdem höre ich viel Musik, die eine große Melancholie in sich trägt. Sei es in den letzten Jahren Lana del Rey aus dem Pop-Bereich, Sigur Ros oder auch Joy Division.

Ein Bandkollege hat über dich gesagt, du würdest keine Musik hören, nur Passagen. Hältst du die Melancholie nicht so lange aus oder was ist da los?

Nee nee, der Kontext war ein anderer. Ich beschäftige mich ja Tag und Nacht mit Musik, die Musik ist mein Job und ich lebe davon. Wenn ich den ganzen Tag im Studio war, brauche ich Zuhause manchmal einfach meine Ruhe und ertrage keine Musik mehr. Ich würde dann nie auf die Idee kommen, eine Platte aufzulegen.

Für dieses Gespräch musstest du dich aber trotzdem für ein Album entscheiden. Bei Joy Division ist die Auswahl wenigstens nicht so groß.

Stimmt, ich finde beide Alben auch extrem stark. Ich entscheide mich aber für das zweite Album Closer, es ist einfach noch ein bisschen extremer, düsterer, melancholischer, tiefgehender – ein bisschen mehr auf den Punkt als das erste Album.

Closer ist das zweite und letzte Album von Joy Division. Es erschien im Juli 1980 und damit bereits nach dem Tod von Ian Curtis. Der Sänger nahm sich zwei Monate zuvor das Leben. Beide Joy Division-Alben gelten als Meisterwerke des Post-Punk. Nach Curtis’ Tod legten die drei verbliebenen Bandmitglieder den Namen Joy Division ab und machten als New Order weiter.

Was macht diese Tiefe und Melancholie aus?

Man bekommt einerseits einen Einblick in das Seelenleben von Ian Curtis. Andererseits bleibt so vieles offen. Ich verstehe selbst nach einigem Nachlesen manche Texte nicht vollständig. Ian Curtis hat in einem Interview auch mal gesagt, dass er das Publikum nicht komplett an die Hand nehmen will, sondern es selbst assoziativ arbeiten soll. Ich finde, dass das bei dem Album auch sehr gut funktioniert und es dadurch eine große Kraft entwickelt.

Hast du beim Hören also immer noch Aha-Momente?

Ja, und das wirklich auch in allen Bereichen – textlich, tontechnisch oder spieltechnisch.

Welcher war der letzte?

Das letzte Mal sind mir vier Zeilen aus Isolation plötzlich besonders aufgefallen:

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Ich finde den Text so unglaublich düster und niederschmetternd. Daran merkt man, mit welcher Tiefe Curtis in Worten hantiert hat. Davor habe ich großen Respekt, das ist einfach großartig.

Joy Division – Isolation

In fear every day, every evening,
He calls her aloud from above,
Carefully watched for a reason,
Pain staking devotion and love,
Surrendered to self preservation,
From others who care for themselves.
A blindness that touches perfection,
But hurts just like anything else.

Isolation, isolation, isolation.

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Isolation, isolation, isolation.

Mit wem aus der Band würdest du gerne mal ein Bier trinken? Den Tod können wir an dieser Stelle auch mal ignorieren.

Nach allem, was ich über die Band gelesen habe, denke ich, dass ein Bier mit Ian Curtis vermutlich wirklich am interessantesten wäre. Der Bassist Peter Hook hat irgendwann mal erzählt, dass der Band erst nach Curtis’ Tod aufgefallen ist, was für Texte er überhaupt geschrieben hat. Das habe ich tatsächlich auch schon selber erlebt: Der Sänger einer meiner Bands war wütend, weil er das Gefühl hatte, wir anderen Mitglieder bekommen gar nicht mit oder uns interessiert nicht, was er da schreibt. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir ein Gespräch mit Ian Curtis schon am spannendsten vor. Nichtsdestotrotz schätze ich, dass auch die anderen drei sehr sympathische Typen sind, die viel zu erzählen haben.

Hast du so etwas wie musikalische Vorbilder? Joy Division vielleicht?

Naja, also wenn jetzt jemand sagen würde, dass BELGRAD etwas von Joy Division hat, dann würde ich mich schon geehrt fühlen. Ich könnte es auch nachvollziehen, obwohl die Nähe eher atmosphärisch ist. Wir sind schon poppiger und deutlich durchproduzierter. Ich spreche aber nicht so gerne von Vorbildern, für mich ist es eher die Lebenseinstellung. Ich bin ja auch mit dieser DIY-Punk-Bewegung groß geworden und finde es einfach großartig, wenn Menschen etwas zu sagen haben und es auch tun. Dafür muss man auch nicht besonders geil spielen können.

Aber hat sich diesbezüglich nicht einiges geändert in den letzten Jahrzehnten?

Natürlich! Alles ist viel ausgeklügelter, viel durchproduzierter, viel perfekter geworden. Das hat auch viel mit den Aufnahmetechniken zu tun, die ich als Produzent natürlich auch gut kenne. Ich persönlich finde es aber immer sehr sympathisch, wenn ich Platten von damals höre und sie noch kleine Haken und Macken haben.

Wir müssen auch kurz über BELGRAD sprechen. Euer Albumcover ist diskussionswürdig. Was wollt ihr damit sagen?

Das Cover wurde von einer Künstlerin entworfen, ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht wirklich, was sie sich dabei gedacht hat. Die vordergründige Frage ist ja, ob es als sexistisch wahrgenommen wird oder nicht. Das werden die Reaktionen in den nächsten Tagen zeigen.

Aber entsprechende Diskussionen gab es?

Ja, die Frage, ob das politisch korrekt ist oder nicht, haben wir diskutiert. Uns ist bewusst, dass es dem ein oder anderen nicht gefallen könnte. Wir haben aber unsere Einschätzungen ausgetauscht und diskutiert und uns dann dafür entschieden.

Neben Ronnie Henseler gehören Stephan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch zu BELGRAD. Die Band hat in der vergangenen Woche ihr gleichnamiges Debüt bei Zeitstrafe veröffentlicht. Alle (wirklich sehenswerten) Videos und weitere Infos gibt’s unter Belgradlovers.


Trump-Stilettos & Pubertiere

Die Gebrauchtwoche

28. August – 3. September

Es ist seit Jahr und Tag ein beliebtes Spiel moderner Medienkritik, den Bock, also die Presse, zum Gärtner, also Schuldigen gesellschaftlicher Schieflagen zu machen oder wahlweise den Boten zu töten, statt den Absender. Erinnert sei da ans Unwort des Jahres „Herdprämie“. Dessen Verwendern wurde 2007 ja Frauenfeindlichkeit unterstellt, obwohl genau die doch durch den Begriff erst zum Ausdruck gebracht werden sollte. Ähnlich verhält es sich nun mit Melania Trumps Kleiderwahl beim Besuch (am Rande) des texanischen Flutgebiets. Während ihr Mann im Golf-Dress kondolierte (ohne auch nur ein Opfer zu treffen), trug seine Frau Stilettos und Caprihose. Dies zu thematisieren, wurde den Medien jedoch nicht als nötige Kritik, sondern Taktlosigkeit ausgelegt. Weil es doch um die Opfer gehe, nicht das Präsidentenpaar.

Dabei  passt die Bewertung von Äußerlichkeiten gut zur heißen Wahlkampfphase. In der tigert die Spitzenpolitik nicht mehr nur durch erwachsene TV-Sender, was gestern seinen Höhepunkt im Spitzenduell auf vier Kanälen fand – woran am spannendsten war, dass bei Sat1 nicht mal 900.000 Menschen zusahen, also weniger als ein Zehntel der ARD; Merkelschulzwagenknechtözdemiretc lassen sich auch auf den Plattformen der Jugend blicken, um sich als das zu präsentieren, was sie in der Regel eben nicht sind: jugendlich. Bei den „jungen Radio-Wellen“ der ARD lief das etwa unterm sendungmitdermausigen Titel Frag doch mal die Merkel und den Schulz. Das rechtfertigt zwar keine Falschmeldung einer Rundfunkgebührenerhöhung, von der die notorisch ARZDF-feindliche FAZ gerade mal wieder fabuliert hat. Aber man muss schon manchmal den Kopf schütteln, wie das öffentlich-rechtliche Publikum gleich welchen Alters behandelt wird.

Und zwar explizit auch programmatisch.

Die Frischwoche

4. – 10. September

Die ZDF-Serie Zarah zum Beispiel sollte ab Donnerstag (21.45 Uhr) eigentlich den Kampf um Gleichberechtigung der frühen Siebziger in einer fiktiven Magazin-Redaktion namens „Relevant“ ausfechten. Was Regisseur Richard Huber und sein Team daraus gemacht haben, ist allerdings wenig mehr als eine (zunächst) sechsteilige Mottoparty, Thema 1973, das Jahr, in dem die feministische Schriftstellerin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) die Leserschaft des Stern-Abklatsches um ein paar *innen erweitern soll, aber an den Herren der Zeitungsschöpfung abprallt wie Atemluft am Zigarettenqualm im Redaktionsbüro.

Dessen Einrichtung ist denn Machern dummerweise wichtiger als die Handlung, weshalb Zarah bestenfalls Karneval spielt, aber gewiss nicht Emanzipation. Schade eigentlich. Denn im Vorprogramm macht es Das Pubertier ganz gut, die familiären Krisenjahre nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler in ein locker-leichtes Serienformat zu gießen. Als schwer pubertierende Carla macht die junge Mia Kasalo ihren Eltern (Pasquale Aleardi, Chiara Schoras) unterhaltsam und nur selten überdreht das Leben zur Hölle. Weniger ulkig ist hingegen Der Sohn am ARD-Mittwoch. Unter Urs Eggers Regie dient der Außenseiter Stefan da schließlich nicht bloß als Zotenlieferant in der Pickelphase, sondern garniert ein tonnenschweres Drama um mütterliche Selbstaufgabe und jugendliche Haltlosigkeit, das manchmal fast zu dick aufträgt, aber doch sehenswert ist. Wie die US-Serie The Deuce, mit der Sky ab Samstag einen Blick auf die bizarre Porno-Industrie der 70er und 80er Jahre wirft.

Ringsum bleibt das Programm aber politisch. Zum Beispiel wenn illner intensiv von Dienstag bis Freitag um 23 Uhr wechselnde Wahlkampfthemen mit Spitzenpolitikern diskutiert. Zum Auftakt: Welt im Chaos – wer führt Deutschland durch die Krisen. Tags zuvor klinken sich RTL und Sat1 nach dem prestigeträchtigen Sonntagsduell natürlich wieder aus, wenn die ARD um 20.15 Uhr zum oppositionellen Fünfkampf lädt, an dem neben Grünen und FDP, Linke und CSU diesmal auch die AfD teilnehmen darf. Dazu passt so ganz nebenbei auch die anschließende Doku Kreuz ohne Haken (23.45 Uhr), in der das Verhältnis der Kirchen zur Neuen Rechten in Deutschland beleuchtet wird.

Zur alten Rechten indes passt die schwarzweiße Wiederholung der Woche. In Der Mann, der Sherlock Holmes war (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mussten Hans Albers und Heinz Rühmann die Zuschauer zwei Jahre vor Kriegsbeginn als Nachfahren der berühmten Detektive noch mal kurz von Holocaust und Diktatur ablenken. Beides war bei zwei deutschen Klassikern im Anschluss allenfalls noch am Horizont zu erahnen: Viktor und Viktoria von 1933 (22.05 Uhr) und Die Liebe der Jeanne Ney (1928) um 23.40 Uhr. In einer ganz anderen Zeit spielt Werner Herzogs Conquistadoren-Drama Aguirre (Mittwoch, 23.45 Uhr, BR) von 1972 mit Klaus Kinski als gnadenlosem Eroberer auf der Suche nach dem sagenhaften Eldorado. Wie die Dreharbeiten damals ausgesehen haben, erklärt tags zuvor an gleicher Stelle um 23.30 Uhr die Doku Mein liebster Feind. Und der Tatort-Tipp: Bienzle und der Todesschrei, eine SWR-Perle (Donnerstag, 22 Uhr) aus dem eigenen Sendegebiet von 2001.


Lord Youth, Sivu, UNKLE

Lord Youth

Was macht eigentlich Adam Green? Wo treiben sich Nick Cave und Tom Waits bloß rum? Und gibt es Kitty, Daisy & Lewis noch? Die Antwort mag ein wenig esoterisch klingen, sie ist aber durchaus naheliegend: Alle sechs haben sich in einer Wolke dematerialisiert und sind nach einer Weile musikalischen Herumirrens herabgeregnet auf die Erde, wo sie seither einen Fluss bilden, in dem ein gewisser Micah Blaichman offenbar so oft gebadet hat, bis aus ihm Lord Youth geworden ist – die Reinkarnation von fast allem, was den Sound früherer Tage für die Gegenwart verwertbar macht. Sein Debütalbum Gray Gardens klingt so herzzerreißend nostalgisch, dass man geneigt ist, diesen Fluss selber zu suchen.

Denn es ist ein echter Jungbrunnen, an dem sich Lord Youth da gelabt hat. Zwölf Stücke lang taucht er durch antiquarische Stilgewässer von Rock’n’Roll über New-Orleans-Blues und Calypso bis hin zu verschwitztem Gangster-Jazz der Schwarzweiß-Ära. Man riecht förmlich den dicken Qualm filterloser Kippen, wenn Micah im Titelstück seinen Schmusebariton über Hawaii-Gitarre und Steel-Drums legt, wenn der Psychobeatpunk in Someone Was Singing Hi Ho Silver Patina atmet, wenn andauernd verwaschene Keyboards die Harmonie stören, zugleich aber liebevoll streicheln. Für Nostalgiker ein Traum, für alle anderen einen Versuch wert.

Lord Youth – Gray Gardens (BB*ISLAND)

Sivu

James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar unverkennbar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der Songwriter seiner eigenen Courage, für uns alle auch auf dem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so im nachdenklichen Kopf des Briten herumgeistert. Unterm Pseudonym SIVU vollführt James Page somit zum zweiten Mal nach dem Debüt Something On High das Kunststück, einem warmen Wind gleich prickelnd, aber unsichtbar durchs Ohr zu wehen und doch darin stecken zu bleiben.

Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome klingt Sweet Sweet Silent elf Stücke lang oft wie Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht der eigenen Zerbrechlichkeit geführt hatte. Trotzdem lässt SIVU abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.

Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)

UNKLE

Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat im Ohr herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweck-Chiffren Pop oder Indie kaum so richtig greifen. Dann ist Musik nicht nur spannend, interessant und eigensinnig, sondern stammt mit durchaus messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all den Korporationen von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke ist der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet.

In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck). Dank des durchweg getragenen Tonfalls machen sie The Road pt. 1 zu einer schwermütigen Version der fröhlichen Grenzgänger Ween oder Phoenix.

UNKLE– The Road pt. 1 (Songs for the Def)


A Giant Dog, Rat & Co, Diana, KMFDM

A Giant Dog

Kinder haben eine anstrengende, im Grunde aber sehr liebenswerte Angewohnheit: Sie verrichten nahezu alles im Laufschritt. Die Brut steh halt ständig und Strom, ungebremst von Konventionen und Bedacht, pure Energie. Und ein bisschen wie A Giant Dog. Das Quintett aus der texanischen Intelligenzenklave Austin macht seit Jahren einen Hipphipphurra-Funpunk, der sich vor lauter Kraft und Spielfreude dauernd selbst zu überholen droht. Das vierte Album mit dem vielsagenden Titel Toy ist das beste Beispiel für diese Art Selbstbescheunigungsrock.

Andrew Cashen, Grahem Low, Andy Bauer, Daniel Blanchard und Sängerin Sabrina Ellis dreschen jeden ihrer 13 Up-Tempo-Songs so rasant in Finish, das einem beim Zuhören ganz schwindelig wird. Aber eher wie bei einem angenehmen Schwips als im Falle fieser Übelkeit. Einprägsame Stücke wie Toy Gun sind sich dabei dann nicht mal für nervösen Quatsch wie ein schepperndes Saxofon-Sample zu schade. Eines wie der funkige Psychobeat Night Terror jedoch zeigt dann zugleich, dass es dabei nicht bloß um Geschwindigkeit und Blödsinn geht, sondern Spaß am Tempo mit Geschick.

A Giant Dog – Toy (Merge/Cargo Records)

Rat & Co

Diese Spielfreude wird man auch Rat & Co nicht absprechen. Und Josh Delaney, John Waller, Nick Park nutzen für ihren zutiefst elektronischen Pop sogar richtige Instrumente. Trotzdem hat ihr neues Album Third Law mit Toy weniger gemeinsam als ein Gitarrensolo im Hair Metal mit Kammermusik. Der Sound des Trios ähnelt einer rundumsanierten Version früher Ambient-Acts wie Air. Anders als im zeitgenössischen Techno flatterten die Samples seinerzeit noch in fester Liedstruktur aus dem Computer, wurden aber strikt am Rechner erzeugt.

Beides kennzeichnet auch die dritte Platte der drei Australier. Ihr Tonfall ist größtenteils digital, die Darreichung vielfach analog, zusammen wird daraus ein Sound, der ebenso fließt wie wummert. Dass die 13 Tracks dabei das Dasein moderner Städte vertonen sollen – na ja. Und auch die Erfindung eines neuen Genres namens „Trog“ im leicht melodramatischen I’m Not Dead sollte man eher unter der Rubrik PR abheften. Davon abgesehen ist Third Law einfach mal wieder ein wunderbares Stück Fusion von Krautrock und Electronica.

Rat & Co – Third Law (Smooch Records)

Diana

Kein Grenzgang nirgends, nichts Getragenes oder Schwermütiges, weder Richtungswechsel noch allzu offensichtliche Kreativität – es ist ziemlich rätselhaft, warum eine Band, die sich auch noch saftig-süß Diana nennt, so flächendeckend gefeiert wird wie das Trio aus Toronto. Ist es womöglich Carmen Elles gläserner Gesang, der es sich unterm swimmingpoolgekühlten Synth Pop im Stile der Achtziger gemütlich macht? Sind es all die Vergleiche mit Roxy Music oder den Cocteau Twins nach dem vielbeachteten Debüt vor vier Jahren, die man partout nicht aus dem Kopf kriegt? Und es gibt weitere drängende Fragen zum Thema.

Werden wir hier einfach infiltriert von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins gefälliger Harmonien, denen Joseph Sabason zu den artifiziellen E-Drums von Kieran Adams allen Ernstes hier und da Saxofonpeitschen aus der Schulterpolsterära unterjubelt? So sehr man sich auch bemüht: das Geheimnis der Anziehungskraft von Familiar Touch wird auch dann nicht gelüftet, wenn man es zum zehnten Mal durch sich hindurch rauschen lässt wie einen Sommerwind am Strand. Pop hat sie nun mal, diese Fähigkeit zur Unterwanderung des guten Geschmacks mit banalsten Mitteln. Vielleicht sollte man das einfach mal kurz genießen; das nächste Proseminar sperrige Musik kommt oft schneller als gedacht…

Diana – Familiar Touch (Tin Angel Records)

KMFDM

Sperrige Musik – das galt vor 33 Jahren auch für KMFDM. Mit internationaler Unterstützung bliesen die deutschen Aktionskünstler Sascha Konietzko und Udo Sturm dem zum NDW verseiften New Wave mit brachialem Industrialrock den Marsch. Buchstäblich. Kein Mehrheit Für Die Mitleid war zutiefst treibend, aber schwer verdaulich, im Grunde weit mehr Kunstprojekt als massentauglicher Pop. Dann aber ging ihr Sound zwischen Neuer Deutscher Härte und Atari Teenage Riot, Dubstep und Skrillex auf, wurde also irgendwie obsolet, hörte aber einfach nicht auf zu existieren. Inklusive Live-Alben zwei Dutzend Platten nach dem Debüt Opium erscheint nun Hell Yeah! und zeigt, dass Konietzko der Welt vorm Fabriktor noch immer die eine oder andere Salve Furor vor den Latz knallen kann.

Doch im Gegensatz zum infernalischen Krach von früher dient der Einsatz sägender Gitarren und zackiger Drums nicht mehr nur zur Verstörung des Publikums, sondern erzeugt Liedstrukturen, die auch außerhalb sauerstoffloser Kellerclubs funktionieren. Wenn Obsession 1/2 nahtlos vom bekifften Offbeat ins sozialkritische Highspeed-Geschepper Total State Machine übergeht, dicht gefolgt vom Trashpoptechno Murder My Heart, dann spürt man also: KMFDM sind noch immer in Wallung.

KMFDM – Hell Yeah! (studio album)