J. Bernardt, Big Boi, Danai Moore
Posted: June 16, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
J. Bernardt
In einem Land, dass Technotronic hervorgebracht hat oder Stromae, also eurodancigen Ballermann-HipHop ebenso wie intellektuellen New-Beat-Rap ist beim Sprechgesang nahezu alles möglich und nichts. J. Bernardt hat sich für fast alles, also sehr, sehr viel mehr als nichts entschieden. Vom flandrischen Gent aus hat er es als Leadsänger der Indierockband Balthazar unterm nom de guerre Jinte Deprez zunächst mal mit härteren Klängen versucht, die auch schon sehr elaboriert klingen. Jetzt sattelt er um auf Rapper und zeigt mit seinem Debütalbum, dass das absolut die richtige Wahl ist. Running Days erfindet zwar wenig neu, aber es hinterlässt doch einen bleibenden Eindruck.
Sein Flow nämlich ist von so eleganter Schnodderigkeit, als würde der frühe LL Cool J auf Dipset umschulen und sich dafür ein paar der fantastischen Mixer leihen, die Bernardts brillanter Landsmann Stromae für seinen feingliedrigen Electronica-Rap verwendet. Dabei ist es keinesfalls die Stimme des modeltauglichen Hipsterbartträgers allein, mit der sein Neustart glänzt. Fantastische Samples – mal in The Question eine stilisierte Sitar, mal in Wicked Streets gequälte Bläser – unterspülen die Gelassenheit des Gesangs mit großer Vielfalt zu einem breiten Strom schöner Arrangements, die Lust machen aufs nächste Projekt von J. Bernardt. Muss gar nicht HipHop sein. Darf aber gern.
J. Bernardt – Running Days (PIAS)
Big Boi
Wird immer HipHop bleiben, wenngleich der besonderen Art: Big Boi, einst die bessere Hälfte von André 3000. Deren legendäres Eastcoast-Duo OutKast klebte dem Gansta-Rap der Jahrtausendwendzeit einen flamboyanten Sound an die Backe, der all die ausgestellte Männlichkeit jener Tage mit glamouröser Ironie unterwanderte. Bei seinem Solo-Ausflug Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty hatte Antwan André Patton, wie der 42-Jährige bürgerlich heißt, diese Nonchalance dann noch um allerlei Referenzen an den Rest der Popkultur erweitert. Sieben Jahre später erscheint jetzt sein drittes Album ohne die alte Crew. Und es ist ein Schritt zurück nach vorne.
Hatten sich die beiden Vorgänger durchaus poppig von allen Referenzen der früheren Jahre befreit, selbst von dem, nur der robuste Buddy des schillernd schrägen André 3000 zu sein, klingt Boomiverse nun wieder mehr nach altem Atlanta-Rap – schon auch funky, aber sehr viel deeper als alles zuvor. Mit Gastsängern von Killer Mike (im hinreißend japanophilen Kill Jill) über Pimp C bis Adam Levine scheint sich Big Boi sichtlich wohl zu fühlen im großen Pool von Mobb bis Club, von dezenten Harte-Jungs-Avancen bis hin zum lustigen Sarkasmus von OutKast. Ein hinreißendes Album für die kleine Zeitreise durch den testosteronfreien HipHop.
Big Boi – Boomiverse (Sony)
Danai Moore
Danai Moore, auch wenn das im R&B kaum der Rede wert ist, kann famos singen. Stets moduliert sie präzise, jeder Ton sitzt da, wo er hingehört, es klingt herzergreifend schön, wenn die Britin ihr neues Album mit viel Soul zum Ereignis macht. Das aber ist Bring you shame vor allem deshalb, weil Danai Moore weder stimmlich noch dramaturgisch nach jener Perfektion strebt, die ihr Genre oft unangenehm glättet. Zwei Jahre nach dem gefeierten Debüt geht es der Sängerin am Klavier daher um etwas anderes: Versöhnung. Versöhnung mit ihren inneren Dämonen, Versöhnung aber auch mit der begleitenden Musik.
War Elsewhere seinerzeit oft geteilt in den Gospel ihrer jamaikanischen Herkunft und den Alternartive-Rock ihrer Jugend im Londoner Stadtteil Stratford, mischt Danai Moore nun alles durcheinander. Im Titelstück etwa unterwandert eine windschiefe Gitarre die Mondscheinträumerei, bis sich kurz darauf fröhliche Bläser wie ein Sonnenaufgang über die Melancholie legen. Ständig heitert sie ihren Trip-Hop mit lustigem Raumschifffilm-Gefriemel auf oder unterwandert das düstere Bedürfnis „to be someone’s nothing / A hollow plastic bag“ in Trickle mit Trompeten aus luftiger Höhe. Das ganze Album – eine Ode an die Unvollkommenheit.
Danai Moore – Bring you shame (Because)
Kraftklub: Provokation & Mitgrölrock
Posted: June 15, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | 1 Comment
Keine Psychopathen auf Koks
Vor sechs Jahren kannte man Kraftklub allenfalls daheim in Chemnitz, bald darauf waren die fünf Indierocker aus dem Osten schon Headliner großer Festivals und die ersten zwei Alben Nr. 1 in den Charts. Genau dort dürfte also auch Keine Nacht für niemand landen, das heute rauskommt. Frontmann Felix Brummer, verantwortlich für Texte und Gebrüll, erzählt im Interview, wie es dazu kommen konnte, was das aus den fünf Freunden gemacht hat und warum sie diesmal eher lässig als schnell sein wollen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Felix, ist eure Starrummel-Hymne Band mit K gleich zum Auftakt eures neuen Albums eigentlich nur ironisch gemeint oder auch ein bisschen angenehm überrascht vom Erfolg?
Felix Brummer: Da ist der Interpretationsspielraum bewusst relativ weit gefasst. Wir inszenieren uns ja schon schamlos als Sektenführer, kritisieren aber auch den Kult um Stars inklusive der Youtuber-Szene, die jungen Menschen das Geld aus den Sparschweinen fingert. Andererseits kann man es auch einfach als lustige Überhöhung der Popkultur von außen hören. Denn in der Realität hält sich der Rummel bei uns selbst ja doch noch in Grenzen. Wir haben anders als ein paar unserer Kollegen noch keine campenden Fans vor den Wohnungen.
Wenn anders als im Song keine Schlüpfer fliegen – wie weit geht die Fan-Liebe?
Dass manche wirklich zu jedem einzelnen unserer Konzerte fahren. Das finde ich natürlich schon auch ein wenig verrückt, vor allem aber sehr sympathisch.
Trotzdem lief der Schritt vom kleinen Club auf die ganz große Bühne für euch in einem Tempo, das schon ein wenig Größenwahnsinn rechtfertigen würde oder?
Na ja, es gab 2012 schon eine Phase, wo es im Rückblick ziemlich schnell ging. In dem Jahr ist gefühlt alles auf einmal passiert, zwischen ganz klein, erster Platte und ganz groß haben wir noch eine Kolumbien-Tour gespielt. Ernsthaft! Trotzdem hat sich für uns immer alles natürlich angefühlt, wir haben keinen Schritt übersprungen. Bei Rock am Ring zum Beispiel haben wir erst auf dem Zeltplatz gespielt, im Jahr drauf auf der kleinsten Bühne, zwei Jahre später auf der Hauptbühne, aber um 18 Uhr, dann abends und zuletzt als Headliner. Das ist schon krass, aber eben eine fließende Entwicklung.
Hat sie euch als Band, Musiker und Menschen verändert?
Sicherlich, aber ich könnte gar nicht im Einzelnen aufzählen, was genau. Wir sind jedenfalls keine kokainsüchtigen Psychopathen geworden in den letzten sieben Jahren. Vielleicht aber auch deshalb, weil wir vor dem Album hier eine Pause eingelegt haben, um wieder normale Sachen zu machen, weil man sonst schnell das Leben der anderen verschwitzt. Wir hatten das Gefühl, unsere Freunde nur noch dann zu treffen, wenn wir sie auf unsere Konzerte einladen. Das ist auf Dauer einfach nicht geil.
Ihr habt euch also bewusst wieder ein bisschen geerdet?
Auf jeden Fall, das muss man manchmal. Es gibt bestimmt genügend Menschen, die es total geil finden, sich mit einem crazy Rockstar-Life von der Realität zu entfremden. Für uns war das alte Umfeld schon immer ein wichtiger Quell der Inspiration.
Und hat es etwas an eurer Musik verändert, dass dieser Quell zwischenzeitlich ein bisschen weiter weg war?
Inwiefern?
Das man mit wachsendem Publikum versucht, fetter zu produzieren, mehr Mitgrölsongs zu schreiben, um die Massen in Bewegung zu setzen zum Beispiel?
Nee, gar nicht. Wir lernen zwar mit jedem Auftritt dazu, sind aber bis heute nicht die großartigen Virtuosen an unseren Instrumenten. Ich als Frontmann kann ja im Grunde noch nicht mal richtig singen. Dennoch bleibt es dabei, dass wir jeden Song auch im Club spielen können müssen. Was wir machen, muss sich auch im Proberaum richtig anfühlen; erst wenn es das tut, funktioniert es auch auf der Bühne.
Aber zollt man dem wachsenden Moshpit vor der Bühne nicht dennoch insofern Tribut, als man ihm auch was bieten muss?
Weil wir uns immer sehr als Live-Band begriffen haben, waren die ersten zwei Alben genau dieser Ausgangslage geschuldet. Wir wollten auch im Studio, dass es permanent knallt. Immer schnell, immer ballern. Davon haben wir uns auf diesem Album verabschiedet. Aber eher weil wir das Gefühl hatten, dass das auserzählt ist. Das Ende der Fahnenstange war einfach erreicht, denn bei der Frage, wo es mit uns hingegen soll, wurde einfach deutlich, dass noch mehr Tempo keine Antwort ist.
Welche Antwort gäbe es dann?
Mehr Lässigkeit vielleicht und eine gewisse Antihaltung zu bestimmten Erwartungen einzunehmen. Wenn alle wollen, dass wir noch ein und noch ein Album im 16el-Beat durchhacken, müssen wir mal was anderes machen. Es ist ja schon schwer genug, sich unter fünf Bandmitgliedern auf eine Linie zu einigen; falls dann noch Meinungen und Ansprüche von außen hinzukommen, wird es richtig anstrengend. Wenn den Leuten das, was da dieses Mal rausgekommen ist, nicht gefällt – gut, dann ist es halt so…
Sind eure Einigungsprozesse im Übungsraum so kompliziert wie es jetzt klingt?
Ja, da knallen schon auch Egos aneinander. Aber das war schon immer so, ist also nicht erst mit dem Erfolg passiert. Wenn man zu jemandem sagt, der und der Part passe nicht, dann kommt das schnell so an, als meinte man eigentlich: du bist scheiße! Das ist die Grundschwierigkeit aller Gruppen.
Macht es die Tatsache, dass ihr nicht nur fünf Musiker, sondern fünf Freunde seid, schwieriger oder leichter, da einen Konsens zu finden?
Ich glaube, schwieriger. Der Bassist ist mein Bruder, den kenne ich, seit er auf der Welt ist; da kenne ich seine Stärken und Schwächen so genau, dass es leichter fällt, sich zu verletzen. Zugleich aber ist es eben auch einfach schöner, mit guten Freunden Sachen zu erreichen als mit Kollegen.
Politisch steht ihr dabei ehr links vom Mainstream oder ist das bloß Wunschdenken all jener, die sich freuen, endlich stehe ein unterhaltsame Band mal politisch auf der richtigen Seite?
Das ist insofern Wunschdenken als ich es total arrogant und herablassend finde, sich auf der richtigen Seite zu fühlen. Natürlich kommt, wenn fünf politisch denkende Typen Musik machen, am Ende auch irgendwie politische Musik heraus. Aber weil wir als Menschen alle links sind, heißt das nicht, dass wir irgendeine Agenda hätten, um die Welt da draußen mit Kraftklub-Songs zu retten. Wir lassen uns vor keinen Karren spannen. Aus dem Anspruch, die Wahrheit zu kennen, entsteht ja genau das Denken, gegen das wir draußen auf der Straße demonstrieren. Wir machen Dreieinhalbminutensongs. Wer komplexe Themen in so kurzer Zeit zu lösen vorgibt, dem sollte man grundsätzlich misstrauen.
Aber ein Song wie Fenster richtet sich doch ganz klar gegen Wutbürger von AfD bis Pegida.
Das tut er. Aber nicht, um Lösungen anzubieten, sondern Kommentare auf die Gegenwart.
Ist Dein Lied dann einer für vermeintliche Gutmenschen, die natürlich rote Ohren kriegen, wenn jemand seine Ex als „Du Hure“ beschimpft?
Nein, das ist keine bewusste Provokation, sondern der Versuch, die Perspektive eines verlassenen Freundes von verständnisvoll auf rachsüchtig kippen zu lassen. Und natürlich der Spaß, eine heftige Bildsprache zu benutzen, um heftige Emotionen zu beschreiben. Ich verstehe, dass das manchen zu krass ist – gerade aus unserem Mund, von der netten Indie-Band, nicht dem fiesen Gangsta-Rapper. Und stimmt ja: ich finde es furchtbar, wenn Frauen als Schlampen oder so bezeichnet werden. Aber wenn wir einen Song wie diesen schreiben, machen wir das aus Interesse an der Situation, dass so etwas nun mal existiert.
Ist so ein Song also gar nicht autobiografisch geprägt?
Ich erzähle eine Geschichte, die alle betreffen könnte und zwar möglichst authentisch. Wenn sie in der dritten Person geschrieben wäre, also „er sagt, du Hure!“, würde es niemanden berühren. Aber ich will unsere Songs auch nicht immer erklären. Darum muss ich halt damit leben, dass mich manche Leute wegen solcher Texte für ein sexistisches Schwein halten. Die meisten werden mich schon richtig verstehen…
Dahinter steckt kein Spaß an der Provokation?
Nee. Höchstens an der Reibung . Zumal Dein Song völlig anders ist als unsere anderen Sachen, keine fetten Riffs, sondern mit echtem Orchester. Da reibt sich dann vor allem die schöne Musik an der krassen Sprache.
Habt ihr live einen Satz Streicher dabei, wenn ihr den Song aufführt?
Genau deshalb wissen wir noch gar nicht so genau, ob wir ihn live spielen. Im Studio war das toll, aber wie sollen die alle auf die Bühne passen?
Gut, die sind ja mittlerweile groß genug bei euch.
Stimmt, raufpassen würden sie. Aber was für ein Aufwand! Weiß nicht, ob wir auf den Bock haben, so als Kraftklub.
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Nazischlampen & Glaubensthemen
Posted: June 12, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
5. – 11. Juni
Nein, „Schlampe“ ist kein akzeptables Wort für welche Frau auch immer, und das Präfix „Nazi“ macht es gewiss nicht besser. Es war daher ein wenig mehr als taktlos von Christian Ehring, Alice Weidel vor sechs Wochen im Satiremagazin extra 3 als Nazischlampe beschimpft zu haben. Das frisch gewählte Spitzenbraunhemd der AfD hatte die politische Korrektheit allerdings kurz zuvor „auf den Müllhaufen der Geschichte“ gewünscht, woraufhin der Moderator „da hat die Nazi-Schlampe doch recht“ sprach und fragte: „War das unkorrekt genug?“ Es war. Und wurde nun vom Landgericht Hamburg nachträglich legalisiert. Vorige Woche lehnte es eine einstweilige Verfügung mit der Begründung ab, wegen der Satire- und Meinungsfreiheit müsse Weidel „auch überspitzte Kritik hinnehmen“.
Andererseits reichen manchmal statt derber Worte auch wortlose Bilder, um den rechtspopulistischen Irrsinn da draußen verständlich zu machen. Etwa eine Zusammenfassung jener Journalisten, die Donald Trumps Regierungssprecher Sean Spicer still dabei zuhören, wie er seine offenbar sehr eigentümliche Sicht auf die Dinge präsentiert. Die entgeisterten Gesichter sagen jedenfalls mehr als 1000 Schimpftiraden. Oder auch mehr als alles, was Oliver Pocher in alle den Jahren seiner jämmerlichen Medienexistenz bislang insgesamt abgesondert hat. Im Pro7-Mumpitz Global Gladiators etwa erklärte er den boulevardbekannten Mitstreitern, was ein A-Promi sei: Jemand, antwortete Pocher da lebensklug und altersweise, „der ohne Hilfe anderer etwas auf die Reihe bekommen hat“.
Schön zu hören, dass sich der Protegé von „Bild, BamS & Glotze“ offenbar selbst ans Ende des Alphabets setzt. Weiter vorne, aber längst noch nicht am Anfangsbuchstaben angelangt ist hingegen Carlo Ljubek, den Eingeweihte als Bühnenberserker der renommiertesten Theater kennen. Fernsehzuschauer hingegen mögen sein zerknautscht schönes Gesicht schon mal irgendwo gesehen haben, wenngleich eher in tragenden Nebenrollen.
Die Frischwoche
12. – 18. Juni
Da ist es schön, dass der kroatische Rheinländer mit Wohnsitz St. Pauli im Mittwochsfilm ganz oben auf der Besetzungsliste steht. Weil er darin einen Vater spielt, den der Hirntod seines Sohnes zwischen Hoffen und Bangen, Fluchen und Beten hin und her schleudert, ist Atempause zugleich einer wichtigsten Filme der diesjährigen Themenwoche Woran glaubst du?, die bis Sonntag wie jedes Jahr um diese Zeit das Programm aller ARD-Kanäle dominiert.
Dazu zählt zum Beispiel auch die Hauptrolle einer anderen Schauspielerin, die es trotz aller Präsenz noch nicht so richtig in die Riege der A-Promis geschafft hat: Ulrike C. Tscharre. Groß geworden in der Lindenstraße spielt Dominik Grafs Lieblingsdarstellerin am Samstag in Konfirmation die Mutter eines Teenagers, der seine Pubertätsrevolte nicht als Nazi, Schlampe oder sonst wie radikal auslebt, sondern religiös zu werden scheint – was seine coolen Eltern allerdings weit schlimmer finden als politische Eskapaden. Diesen Zwiespalt setzt Stefan Krohmer gewohnt tiefgründig und unterhaltsam in Szene.
Am Dienstag zuvor zeigt das Erste ab 22.45 Uhr die nächsten zwei FilmDebüts. Zunächst das getragene Holocaust-Drama Unser letzter Sommer, danach die Komödie 1000 Mexikaner um zwei Hochzeitsfilmer. Klar, dass es Historytainment mit Nazis auf den besseren Sendeplatz schafft, wo am Sonntag auch die neueste Adaption von Mata Hari stattfindet. Mit Natalia Wörner in der Titelrolle und Nora von Waldstätten als real existierender Gegenpol macht die ARD aus dem Spionagestoff zwar ein weibliches Ränkespiel; an die großen Vorbilder wie Greta Garbo reicht der Film allerdings nie heran.
Am Freitag versucht sich auch Netflix daran, eine reale Figur der Zeitgeschichte zu fiktionalisieren: mit El Chapo nimmt sich der Streamingdienst nach Pablo Escobar in Narcos den nächsten mittelamerikanischen Drogenboss vor. Oliver Stone dagegen nimmt es ab Dienstag auf Sky (Freitag auch Sky Atlantic) mit dem noch viel realer existierenden Wladimir Putin auf. Obwohl aufnehmen: der heimatkritische US-Regisseur kriecht ihm in vier Folgen Interview aus Sich der Süddeutschen Zeitung so tief in den Zarenhintern, dass sie The Putin Interviews zur recht als „Autokraten-Porno“ bezeichnet. Recherche, Distanz, Nachhaken? Fehlanzeige! Dann also lieber ab Freitag auf gleichem Bezahlkanal das unterhaltsame Gamour-Drama Riviera um die Schönen und Reichen und Korrupten der Oberen Zehntausend am Traumstrand. Oder wahrhaftige Realismus, etwa im Arte-Themenabend Wir schaffen das!? am Dienstag zum Menschheitsthema Flucht und Empfang, nur ausgewogen mit dem Frage- hinterm Ausrufezeichen.
Von letzteren hat die Tatort– Rückkehr Im Schmerz geboren am Montag um 22.15 Uhr (RBB) ungefähr 2500 Stück verdient. Nicht nur weil es Kommissar Murot 2014 mit mehreren Dutzend Toten zu tun kriegte, aber auch schon ein bisschen darum. Diesbezüglich hatte sich die Wiederholung der Woche 1957 sogar noch zurückgehalten, obwohl Der Seemann und die Nonne (Montag, 13.35 Uhr, ARD), mit Deborah Kerr und Robert Mitchum im 2. Weltkrieg spielt, während dessen sich die Nonne und der Soldat auf einer Pazifikinsel vor den Japanern versteckt.
INVSN, Lola Marsh
Posted: June 9, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | 1 Comment
INVSN
Wer Großes hinter sich lassen will, muss versuchen, noch ein bisschen größer zu wirken. Die schwedische Alternative-Band INVSN versucht sich gleich von einer ganzen Reihe Einflüssen zu emanzipieren: Punk zum Beispiel , dem sie daher ein “Post” vorweg klemmt. Außerdem Stoner, der unüberhörbar eingewirkt hat auf das Kollektiv. Und dann wären da noch die eigenen Wurzeln als Invasion oder Mitglieder des Consciousrock-Komittees The (International) Noise Conspirancy. Zusammengenommen führt all das zu einer Form von Sound, der mit bombastisch noch zaghaft beschrieben wäre. Das Schöne daran? All das voluminöse Pathos stört auch beim zweiten Album unter ihrem Kürzel INVSN gar nicht weiter. Im Gegenteil.
Auf The Beautiful Stories nämlich macht das Quartett um Dennis Lyxzén und Christina Karlsson aus seiner politischen, alternativen, krachigen Vergangenheit das Beste, nämlich sozialkritischen Indierock, der stets bereit ist, mit viel Pop im Repertoire dicke Bretter zu bohren. Im Opener Immer Zu etwa klingen die dann fast wie Industrial, münden aber in eine Art Psychobeat, während I Dreamt Music später wie klassischer New Wave beginnt, dann aber fast Dubstep-Elemente einfügt. Sicher, das alles ist gerade stimmlich besonders dann zu melodramatisch, wenn der weibliche Doppelgesang einsetzt. Aber egal – die Wucht dahinter ist angemessen. Und der Bass zutiefst beeindruckend.
INVSN – The Beautiful Stories (Dine Allone Records)
Lola Marsh
Wie nah sich Bombast und Stille, Orchester und Kammerspiel kommen können, zeigt ein neues Gesicht des Pop, das wie so oft, wenn es aus Israel stammt, auch noch zum Niederknien schön ist: Lola Marsh. Der Name ist eine Art Kollektivpseudonym für Yael Shoshana Cohen und Gil Landau, die nach einer vielbeachteten EP nun ihr Debütalbum veröffentlichen. Es heißt Remember Roses und klingt so wehmütig nach Roadmovie der Sechziger, dass man sich wie im Video zu You’re Mine in einen alten amerikanischen Straßenschlitten wünscht, um gemeinsam in die Wüste aufzubrechen. Verantwortlich dafür ist vor allem Sängerin Yael, deren Stimme irgendwo zwischen Shirley Bassey, Nina Simone und Nancy Sinatra durch den Raum weht: Mal trotzig, mal zerbrechlich, aber stets von einer tiefen Ergriffenheit.
Doch erst im musikalischen Gewand des Multiinstrumentalisten Gil Landau wird das Duo aus dem funkensprühenden Tel Aviv zu dem, was es so besonders macht in diesen Tagen: Eine Ode ans Leben selbst im noch so hoffnungslosen Umfeld. Da flattert dann schon mal ein fröhliches Pfeifen über melodramatische Geigen hinweg, da klimpert die Lagerfeuergitarre verträumt zu großen Streicherarrangements, da ist überall die Lust aufs ganz dicke Brett zum sehr kleinen Gefühl. Indiefolk-Glampop für gute wie schlechte Zeiten. Hach…
Lola Marsh – Remember Roses (Universal)
Wilson Gonzalez Ochsenknecht: Sohn & Kampf
Posted: June 8, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Der Boulevard-Flüchtling
Komischer Name, exzentrische Eltern, wenig Talent? Wilson Gonzalez Ochsenknecht hat ein gehöriges Imageproblem. Dennoch schafft es der Schauspielersohnschauspieler längst in seriöse Filme wie das amerikanische Schwulendrama Stonewall oder den aktuellen Tatort. Erstaunliche Begegnung mit dem Opfer einer Branche, die ihn gleichermaßen groß und klein gemacht hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Wilson Gonzalez Ochsenknecht, was genau machen Sie eigentlich beruflich?
Wilson Gonzales Ochsenknecht: (lacht) Ich bin Schauspieler und Musiker, wobei – das ist ja eher so ein Hobby-Ding. Ich bin Schauspieler, mit Leib und Seele, obwohl ich da eher reingewachsen bin, als es von der Pieke auf gelernt zu haben.
Gar keine Ausbildung?
Mit 17 bin ich auf eine Filmschule gegangen, wo ich Schauspiel, Improvisation, Regie, Stand-up, Kamera, Beleuchtung, also alles ein bisschen gelernt hab. Eigentlich ist mir allerdings da erst wirklich bewusst geworden, wie wichtig es für mich ist, am Set zu sein. Ich wusste, dass es für ehemalige Kinderdarsteller ein harter Kampf ist, sich als Erwachsener durchzusetzen. Mir war klar, dass es kein einfacher Weg wird, aber Film hat schon damals alles bedeutet. Ich hab mich mit allem befasst, was damit zu tun hat, sogar Filmgeschichte. Bis heute schaue ich nach Feierabend zwei bis drei Filme am Tag und zwar alles von Hitchcock über Fassbinder und Herzog bis zu modernen Sachen.
Ist das cineastisches Interesse oder Fortbildung?
Beides, schon seit ich denken kann. Mich interessiert bei jedem Film immer auch die Entstehungsgeschichte; deshalb lese ich parallel Biografien der Beteiligten. Ich fress‘ das förmlich in mich rein und sauge die Fähigkeiten meiner Kollegen auf, ohne sie zu klauen. Gary Oldman zum Beispiel achtet darauf, in jedem Film einen anderen Akzent zu haben. Das hat mich dazu animiert, jedem meiner Charaktere eine Eigenheit zu geben und sei es eine Handhaltung.
Was wäre denn die Eigenheit Ihrer Figur in Level X?
Ihre Gier nach Aufmerksamkeit, die sich in ruckartigen Bewegungen und dem Zwang, ständig „Hey“ und „Yo“ zu brüllen, ausdrückt. Das musste ich mir als jemand ohne Internet-Präsenz erst aneignen, auch wenn mir das oft ziemlich seltsam vorkam.
Sie haben keinen eigenen Youtube-Channel?
Um Gottes willen, nein!
Der würde doch super laufen, Sie passen doch bestens in die Zielgruppe…
Nee, mit 27 bin ich dafür doch schon zu alt. Und inhaltlich interessiert sich von der Zielgruppe bestimmt kaum jemand für das, was mich interessiert. Ich krieg schon mit, was im Netz läuft, schaue mir aber lieber einen „Tatort“ an, als stundenlang zu surfen. Und wer 16, 17 ist, will von mir ganz sicher nichts über alte Filme sehen, sondern Schminktipps, wie meine kleine Schwester, Tutorials über Videospiele. Oder eben Pranks wie in diesem „Tatort“, was allerdings auch nichts anderes ist als Versteckte Kamera, nur dass die jetzt ein Smartphone ist und englisch benannt wird, weil alle immer schwer auf international machen.
Das klingt alles ziemlich analog; sind Sie überhaupt ein digital native?
Schon. Ich habe ein gutes Verhältnis zum Internet, zumal es mir meine Fernbeziehung nach Amerika enorm erleichtert und die Nähe zu meiner Familie und meinem Publikum. Wenn ich heutzutage in die 4. Klasse ginge, wo alle nix als ihr Smartphone im Kopf hätten, wäre mein Zugang zum Internet wohl ein anderer, so wie es zu meiner Zeit eben Tamagochi oder Star Wars war, was alle in den Bann gezogen hat. Aber so käme ich ganz gut ohne Internet klar.
So weit wie der Dezernatsleiter Schnabel, der fragt, ob nicht jemand das Internet wieder abschalten könne, würden Sie also nicht gehen?
Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Und es herrscht darin ja auch ein ständiger Kampf darum, die richtige Balance zu finden, Grenzen zu setzen, einen verantwortungsvollen Weg zu finden. Nehmen Sie die Musik; als ich angefangen hab, mich dafür zu interessieren, wurde sie überall illegal runtergeladen. Jetzt bezahlen die meisten ihre Downloads und parallel dazu fangen viele wieder an, sich Vinyl zu kaufen. Ich selbst ersetze grad nach und nach alte CDs durch Schallplatten. Daran sieht man: nach einer Phase der Anarchie reguliert sich auch das Internet. Sogar das Dark Web, in dem die Hälfte aller Aktivitäten kriminell ist, bietet Menschen in Diktaturen die Chance, miteinander zu kommunizieren.
Ist das Bild, das der Tatort vom Internet zeichnet, da nicht viel zu negativ? Seine Nutzer sind ja praktisch ausnahmslos durchgeknallte Egomanen oder konsumgeile Gören…
Das ist halt die Krimi-Story, aber gar nicht mal übertrieben. Denn ganz ehrlich: diese Pranks haben auch in er Realität manchmal drastische Konsequenzen. Es gibt sicher auch sehr lustige Streiche, aber die erfordern Feingefühl und Intelligenz, sonst kann man die Opfer echt schwer traumatisieren.
Apropos Trauma: Zu Beginn Ihrer Karriere war der Name Ochsenknecht unter tatkräftiger Hilfe des Vaters sicher ein großes Einfallstor in die Filmbranche. Ist er jetzt eher Hürde oder immer noch hilfreich?
Ach, beides. Mir war nach Wilde Kerle schnell klar, dass es als Erwachsener gewiss nicht einfacher wird, künstlerisch ernst genommen zu werden. Dieses Bewusstsein hat mir von Beginn an geholfen, Höhen und Tiefen richtig einzuordnen. Ich heiße halt nicht Müller. Mittlerweile kriege ich aber viel positives Feedback, gerade für etwas wie Tatort oder einen Punk-Film an der Seite von Tom Schilling.
Ihre erste Hauptrolle als Erwachsener.
Wobei mir Hauptrollen gar nicht so wichtig sind, weil danach ja irgendwann auch nichts mehr kommt. Deshalb kann ich gern noch ein paar Jahre auf den ganz großen Kinofilm warten, alles andere wäre auch arrogant.
Was bringt so eine Rolle als Junger Wilder auf dem Weg dorthin?
Weiß nicht. Einen zehn Jahre jüngeren im Tatort zu spielen ist schon was, aber eigentlich ist meine Rolle ja eher klein. Von daher ist es einfach erst mal ein Charakter mehr auf einem langen Weg vom Kinderstar zum reifen Schauspieler.
Durften Sie überhaupt je richtig Kind sein?
Voll sogar, meine Kindheit war super. Oft natürlich im Campingbus am Set, aber auch das war super. Und zuhause habe ich sowieso immer auf der Straße gespielt, bis ich mit 19 nach Berlin gezogen bin. Der Film hat mir nicht meine Kindheit geraubt, keine Sorte.
Hat er Sie denn frühzeitig erwachsener gemacht?
Das schon eher. Ich habe mich unter Erwachsenen vermutlich viel jünger wohl gefühlt als Gleichaltrige, das prägt. Außerdem hatte ich einfach coole Eltern. Hab ich immer noch.
2 Bier – 1 Platte
Posted: June 6, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe | Leave a comment
Fayzen & Torch
Viele nennen Fayzeneinen Newcomer. Das ist falsch. Das gerade erschienene Gerne allein ist zwar erst sein zweites Album, Musik macht er aber schon seit seiner frühen Jugend. Da hat er einfach mit seiner Crew auf der Straße gerappt. Seine ersten 20.000 Mixtapes hat er dann auch genau da verkauft – in der Fußgängerzone. In seinem jetzigen Singer/Songwriter-Spoken-Word-Superpop hört man diese Wurzeln raus. Zum Glück! Denn seine Vorbilder waren die ganz Großen (und großartigen), wie er bei erkältungsbedingtem Ingwertee und Bier (für die Kolumnistin) erzählt.
Interview: Marthe Ruddat
freitagsmedien: Wie möchtest Du eigentlich angesprochen werden? Fayzen? Farsad?
Fayzen: Ich finde beide Namen cool. Die Leute nennen mich Farsad, Farsi, Fayzi, Fayzen – alles schon fast gleich oft. In so einem Interview ist es vielleicht eher irritierend, wenn du mich plötzlich Farsad nennst.
Dann bleiben wir doch einfach bei Fayzen. Es soll heute um deine Lieblingsplatte gehen. Welche hast du dir ausgesucht?
Es ist echt schwer sich für die eine Platte zu entscheiden. Aber ich werde Blauer Samt von Torch nehmen, denke ich.
Blauer Samt erschien 2000 als erstes und bislang einziges Torch-Album. Der 23-Tracks-Schinken gilt als eines der einflussreichsten deutschen Rap-Alben. Wer wissen will, wovon sich Torch bei der Entstehung seines Albums hat inspirieren lassen, dem sei der Mix The Torch With The Blue Flame empfohlen.
Warum?
Es war einfach das erste HipHop-Album, das mich voll erwischt hat und für mich bis heute viel mehr als nur ein Lebensgefühl verkörpert. Im Hip Hop geht es jaoft um einen gewissen Lifestyle. Ob das jetzt in Gangster-Rhymes oder Partytracks ist, es wird ein bestimmtes Gefühl verkauft. Für mich ist Blauer Samt das erste deutschsprachige Rap-Album gewesen, das dieses Verkaufen eines Gefühls durch richtig viel Persönlichkeit ersetzt. Es ist einfach so persönlich, dass man oft auch gar nicht genau versteht worüber er eigentlich gerade rappt. Und Torch gibt auch einen Fick drauf, das zu erklären.
Was hast Du denn so rausgehört?
Es geht viel um Liebe, aber auch um Politik. Das hat mich auch total geflasht. Ich habe es vorher noch nie erlebt, dass jemand es so unfassbar gut hinbekommt, so verschiedene Themen auf geile Art und Weise zu vereinen.
Die Themen sind eigentlich nicht besonders ungewöhnlich.
Nein, aber die Art, wie er beides so komplett persönlich und detailliert bearbeitet ist ungewöhnlich. Das hat es so vorher einfach noch nicht gegeben. Und obwohl
oder vielleicht auch weil es so persönlich und speziell ist, kann man das hören und sich in die Geschichte reinversetzen. Ich meine, ich war damals 17 oder so. Ich habe gedacht, keiner versteht mich und alle anderen sind dumm, ich war total anti. Wie man halt so tickt mit 17. Und dann habe ich Torch gehört und gedacht: Krass, damit kann ich mich identifizieren! Vielleicht sind die Geschichten, die wir Menschen erleben, doch gar nicht so unterschiedlich.
Mit HipHop hat es bei dir ja angefangen. Kanntest du Torch deshalb schon vor Blauer Samt?
Wir haben ganz am Anfang ja nur gefreestyled. Wir waren der Meinung, dass wir mit Freestyle erstmal durch eine Schule gehen müssen, unseren Style finden und schleifen. Wir waren da wirklich sehr radikal. Es gab reale und wacke HipHopper. Torch war auch immer einer, der die „echte“ HipHop-Fahne hochgehalten hat, für uns auf jeden Fall. Er war auch durchs freestylen bekannt und für uns echt so eine Art Gott oder Meister.
Und dann kam das Album…
Und dann kam das Album raus und es war so: Boom! Krass! Allein das Intro ist ja schon total heftig, es heißt Kapitel 29.
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Torch – Kapitel 29
“Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”
Kapitel 29. gewidmet an einen guten Freund
Frederik Hahn, wo immer du auch bist, dieser Track ist für dich…
Wie löse ich die Vergangenheit von der Gegenwart?
Vergesst die Zukunft,
das ist die Zeit in der ihr eben wart
Auf jeden Fall ist das Leben hart,
doch es wird erträglicher
Wenn man den Geist massiert,
deswegen les’ ich ja
Wenig zwar, aber die Quellen der Inspiration
Sind ausschlaggebend für meine Motivation.
Ich banne Phasen meines Lebens auf einen Beat,
Lass Musik dorthin gehen wohin mein Geist mich zieht
Schalt die Lichter auf mich alle Scheinwerfer an
Und lasst mich reden,
hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben
Dürrer Junge, lockiges Haar
viel zu viel Energie
wusste nicht wie die Gesellschaft war
Es war nicht immer leicht,
welchen Weg soll ich gehen
Lauf ich links, lauf ich rechts, oder bleib ich stehen
Freunde waren auf Heroin
ich blieb meiner Droge treu
denn Texte schreiben befreit,
da bleibt jeder Trip wie neu,
im Leben bleibt nichts, aber auch nichts bestehen,
denn am Tag an dem wir gehen werden wir nichts mit uns nehmen
alles vergeht, alles verweht irgendwann hab ich erkannt
dass sich die Erde ohne mich noch weiterdreht
es weitergeht, seitdem sehe ich das Leben in nem anderen Licht
nenn es philosophisch, religiös, ich weiß es nicht
bring Manaras Skizzen und Eschers Zeichnungen
in Verbindungen mit musikalischen Gleichungen,
lausch dem Gesang von Farben und der Poesie von Pflanzen.
Schau wie die Schallwellen tanzen
haitianischer Reis, rote Bohnen und karibisches Huhn
inspirieren Torchmann zu akribischem Tun
ich mach das Ding nur für mich und für meinen Crew
für die Familie, für das Publikum genau wie du
Mein Leben lang hatt’ ich noch so viel vor,
aber mein Plattendeal kommt mir heute wie ‘n Spiel vor
Monopoly, mein Leben manipuliert,
Mal eben in 2 Stunden U-Haft den gesamten Staat studiert
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text damit ihr versteht wer ich war
Obwohl ich weiß das die Welt untergeht dass ist klar
Schreib ich diesen Text
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Das hat mich gleich einfach so gecatcht. Im HipHop wird einfach viel auf Welle gemacht, nicht nur im Battlerap. Auch beim Performen ist immer alles so cool und gestyled, ein bisschen auf schick und so. Ich feiere das Zitat am Anfang so hart: “Ich spiele nicht. Ich bin das. Verstehen Sie? Und deswegen bin ich nichts!”Das Album beginnt also damit, dass er sagt, dass er nicht wichtig ist. Das ist eine direkte Schelle, die dem Posen und Angeben einiger Rapper gilt. Er sagt später aber auch: „ Schalt die Lichter auf mich, alle Scheinwerfer an. Und lasst mich reden, hier kommen 3 Minuten aus meinem Leben.“ Er gibt also auch zu, dass er trotzdem eine Bedeutung haben will. Und so zeigt er in einem einzigen Track den menschlichen Widerspruch auf: Ich fühle mich unbedeutend, will aber auch gesehen werden. Das finde ich geil.
Torch ist ja schon so etwas wie eine HipHop-Legende, das Album hatte enormen Einfluss auf den deutschen HipHop. Da hast du Dir ein echt großes Vorbild ausgesucht.
Naja, Vorbild ist so eine Sache. Torch und Blauer Samt, beides hat mich einfach derbe geflasht. Vielleicht spricht man besser von Inspiration. Seine Ehrlichkeit und auch dass er in keinem einzigen Track so richtig auf Welle machen will, das hat mich auf jeden Fall sehr inspiriert.
Wenn man dein neues Album hört, stößt man auch auf diese Ehrlichkeit.
Auf jeden Fall. Man könnte gute Musik auch am Reisbrett machen. Man nimmt einen Refrain, der auch eine Überschrift der Bildzeitung sein könnte und in den Strophen macht man den Aufbau, der das Thema dann ins richtige Licht stellt. Das ist dann ganz klar für die Leute, die es hören. Bei mir funktioniert das aber nicht. Und glaub mir, ich habe es versucht! Ich war aber nie zufrieden. Heute schreibe ich Lieder und lasse sie dann erst einmal zwei Monate liegen. Nach diesen zwei Monaten höre ich sie mir nochmal an und wenn ich dann nichts fühle, dann lasse ich sie liegen. Auch wenn sie theoretisch vielleicht gut sind. Aber es muss mich einfach kicken. Und das passiert einfach nur, wenn ich über etwas aus dem realen Leben schreibe, etwas das ich wirklich gefühlt habe. Meine Musik ist so eine Art Tagebuchmusik denke ich. Da schreibt man ja auch nichts rein, wenn nichts passiert ist.
Was mag bei Torch passiert sein, als er das Album geschrieben hat?
Zum einen spürt man seine derbe Enttäuschung von der HipHop-Szene. Es schien, als hätte er sehr an diese Community geglaubt. Für ihn war das wie eine politische Bewegung, wenn man so will. Und dann hat er vermutlich Enttäuschungen erlebt, gesehen dass vieles nur Fake ist und der politische Zweck zugunsten von Geld und Ruhm vernachlässigt wird. Ich glaube das hat ihn sehr nachdenklich gemacht und er hat sich vermutlich so Fragen gestellt wie: Wer bin ich? Was ist der Sinn? Und ich glaube verknallt war er auch.
Hast Du Torch mal kennengelernt?
Ich glaube nicht, höchstens mal die Hand geschüttelt.
Wenn Du ihn treffen würdest, was würdest Du ihm sagen oder ihn fragen.
Ich weiß gar nicht, was er grad so macht! Ich habe das eine Zeit lang mal richtig verfolgt, aber da kam dann einfach so lange nichts. Ich würde ihm einfach sagen, dass er unbedingt wieder Sachen rausbringen soll!
Fayzen ist gerade mit seinem Album Gerne allein auf Headliner-Tour durch Deutschland. Termine, Infos und jede Menge Videos gibt’s auf facebook oder fayzen.de.
Arte-Verwalter & ARD-Regisseure
Posted: June 5, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
5. – 11. Juni
Wenn ausgerechnet das dauerlächelnde Alphatier Wladimir Putin der Welt in Gestalt eines berühmten Sommerliedes vom vorigen Jahrtausend rät, sich nicht zu sorgen, sondern fröhlich zu sein, kann man sich ziemlich sicher sein: Es besteht Anlass zum genauen Gegenteil. Sein digital verbreitetes „Don’t worry, be happy“ galt schließlich Donald Trumps Abkehr vom Klimaschutz, die buchstäblich noch viel mehr solcher Hitzköpfe produzieren dürfte.
Noch bemerkenswerter an Trumps Kündigung des Pariser Abkommens war allerdings zweierlei: Wie geschlossen die deutschen Medien Geschlossenheit anmahnten und dabei einen nie gekannten Optimismus an den Tag legten. Und wie sehr es die amerikanische Politik schafft, ein Desaster so vollumfänglich durchs nächste zu ersetzen, das vom vorigen schnell kaum die Rede mehr ist. Wer spricht zum Beispiel noch davon, dass der US-Präsident den männlichen Griff zwischen Frauenbeine zwecks Fremdermächtigung für absolut legitim hält?
Pro Quote! Wobei der Verein keinesfalls nur gegen die richtig fiesen Feinde der Gleichberechtigung protestiert, sondern gern auch mal gegen überraschende. Zum Beispiel Arte. Zum 25. Geburtstag, den der Kulturkanal gerade mit viel Programm, aber wenig Tamtam feiert, hat Pro Quote „das Bild einer Anstalt aus den 50er Jahren“ angeprangert“. Grund ist die Tatsache, dass es seit der Gründung Ende Mai 1992 nicht eine einzige Programmdirektorin gab, in der neunköpfigen Programmkonferenz nur die acht Männer stimmberechtigt sind und die Intendanten dem Verwaltungsrat in Personalfragen partout keinerlei Rechenschaft ablegen.
Das allerdings ist vielleicht auch nicht ungewöhnlich, wenn Formate wie Global Gladiators auf RTL mal wieder das Testosteron als Göttertrank glorifizieren (und Oliver Pocher damit intellektuell einem weiteren Höhepunkt seiner hochwertigen Karriere zuführen) und ein Nachwuchsformat wie FilmDebüt im Ersten die ungewöhnliche Leistung vollbringt, dass zwölf der zwölf gezeigten Filme von Männern stammen. Regisseurinnen? Fehlanzeige. Nichtsdestotrotz ist natürlich wie jedes Jahr um diese Zeit ebenso mutig wie kreativ und spannend, was der Nachwuchs fortan wieder dienstags im Nachtprogramm der ARD so zeigen darf.
Die Frischwoche
12. – 18. Juni
Morgen beginnt die Reihe mit Katja Riemann als Krebspatientin, die sich in Ohne dich einer Therapie widersetzt und dabei überall auf Unverständnis stößt. Gefolgt wird das Familiendrama vom Studentendrama Agonie, in dem es um das Thema alltäglicher Gewalt geht. Beides gute Filme, beides gar nicht mal weibliche Filme, beides am Ende aber doch unter männlicher Leitung wie das gesamte Medium. Schade. Aber auch kein Grund, Filmemacher wegen ihres Geschlechts vorzuverurteilen. Schließlich zeigen Daniel Nocke und Stefan Krohmer seit Jahren in fast jedem ihrer gemeinsamen Projekte, wie präzise und zugleich empathisch Männer das Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen beschreiben können.
Ihr nächster Geniestreich heißt Neu in unserer Familie: Zwei Eltern zu viel im ARD-Mittwochsfilm, dessen Fortsetzung am Freitag läuft. Die Entscheidung von Benno Fürmann und Maja Schöne, eine offene Ehe zu führen, ruft dabei herrlich lakonische Beziehungskatastrophen hervor. Die gibt es im selbstproduzierten Sechsteiler Blaumacher um zwei Lebensmüde (Marc B. Puch, Laura Berlin) eigentlich unablässig, wenn sich beide ab Mittwoch um 21.35 Uhr nach gescheitertem Suizidversuch mühen, ihr bizarres Leben in den Griff zu kriegen.
Leben im wahrhaftigsten Sinne zeigt ab heute um 6 Uhr einen ganzen Tag lang der BR. Wie es Arte einst mit seiner vielfach preisgekrönten Langzeitbeobachtung der Hauptstadt vormachte, haben 104 Kamerateams vor einem Jahr den bayerischen Alltag festgehalten. Ob 24h Bayern die dramaturgische Wucht von 24h Berlin erreicht, bleibt offen. Als zeithistorisches Dokument dürfte es dennoch durchaus Ewigkeitswert erreichen. Einzig für den Moment unterhaltsam ist dagegen Helene Fischer, der die ARD am Donnerstag mal wieder eine Extraportion Werbung zur besten Sendezeit schenkt. Dabei ist indes kaum zu erwarten, dass das Pausengirl vom Berliner Pokal-Finale im Münchner Kesselhaus ausgebuht wird, wenn sie dort Die neuen Lieder ihrer Platte präsentieren darf.
Für Fans toll, für Verächter furchtbar – das gilt für die Wiederholungen der Woche generell selten. Kabel1 holt heute ab 20.15 Uhr mal wieder Miss Marple aus der Mottenkiste, angefangen mit Mörder Ahoi von 1964, abgeschlossen mit dem drei Jahren jüngeren Krimiklassiker 16.50 ab Paddington. Zeitgleich auf Arte: Der Mann, der Liberty Vance erschoss, John Fords schwarzweiße Westernlegende von 1962, als die Zeit des Genres eigentlich bereits dem Ende entgegenging. Ein Trend, den Terence Hill Anfang der Siebziger mit „Mein Name ist Nobody“ (Dienstag, 20.15 Uhr, P7Maxx) allerdings schon wieder umgedreht hatte. Und zum Schluss der Tatort-Tipp: Til Schweigers Debüt Willkommen in Hamburg (Donnerstag, 20.15 Uhr, WDR), mit dem er die Krimireihe 2013 zum Spielball seiner Eitelkeit gemacht hat.
Beach Fossils, Kraftklub, Roger Waters
Posted: June 2, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Beach Fossils
Es ist bekanntlich der größte Spaß, fast schon ein Sport all jener, die intensiver über Musik nachdenken, ihr lustige Label zu verpassen. Psycho-Boogy, Instant-Classic, Postpunkscreamo – solche Sachen. Das ist zwar manchmal ein bisschen selbstgefällig. Doch dann hört man die Beach Fossils, denkt über deren Musik nach, möchte partout ein Label dafür finden und versucht intuitiv die Elemente Easy Listening, Folk, Glamour, Pop, Power, Flower, Singer/Songwriter zu vereinen, dass eine Name daraus wird. Heraus kommt also eine Art Ealifoglapopoflosiso. Das ist natürlich totaler Quatsch.
Aber auch kein größerer, als das dritte Album der drei New Yorker auf einen Begriff bringen zu wollen. Summersault schafft es nämlich, ins vielschichtige Konglomerat unterschiedlichster Stile ab und zu auch noch Country, Rock, gar Jazz einzustreuen. Saint Ivy zum Beispiel, das dritte Stück, klingt zunächst wie eine fröhlich schwingende Zeitreise zurück in den Sommer der Liebe, bevor eine Klarinette die Uhr noch zwei Jahrzehnte früher rückt und später ein paar schreiende Riffs wieder Richtung Zukunft zappeln. Alles durcheinander, alles miteinander, ein Sound zum Zurücklehnen und Wohlfühlen.
Beach Fossils – Sommersault (Bayonet Records)
Kraftklub
Erfolg ist schon auch schwierig manchmal. Wenn man dem verrauchten Kellerclub gerade erst entwachsen ist und plötzlich Headliner gewaltiger Festivals ist, um statt einer Handvoll zigtausend Menschen im Moshpit zum Hüpfen zu bringen, gibt es ungefähr zwei Möglichkeiten. Man dreht ein bisschen durch. Oder man dreht so richtig durch. Kraftklub haben sich für ersteres entschieden und ein bisschen auch für letzteres. Ihr drittes Album in fünf Jahren, betitelt frei nach dem politisch durchaus ähnlich tickenden Vorbild Rio Reiser, schafft nämlich beides: Am Boden zu bleiben und abzuheben.
Ganz im Sinne ihres frischen Status als Megastars des deutschsprachigen Alternative-Vollaufsmettrocks wimmelt es auf Keine Nacht für niemand nämlich wie gewohnt nur so von Pogo-Hymnen mit Gruppengröl-Potenzial. Dafür steht zum Beispiel der selbstironische Opener Band mit K. Zugleich aber ist das Chemnitzer Quintett um den Sänger Felix Brummer, wie sagt man so schön: reifer geworden. Vor allem ruhiger, ohne dabei gesetzt zu werden. Dafür steht mehr als jeder Song Dein Lied, der mit fetten Streichern und saftigem Pathos die Trennung von einer Frau in fröhlichem Hass ertränkt, bei dem sogar ein böses Wort mit “H” fällt, ohne dass es peinlich wird.
Kraftklub – Keine Nacht für niemand (Vertigo)
Roger Waters
Normalerweise wäre an dieser Stelle kein Platz für das Comeback eines Altrockers, der mit 73 Jahren die Klampfe aus dem Schrank holt um a) sich nicht mehr so schrecklich zu langweilen im Ruhestand, b) noch mal richtig Geld zu machen mit seinem klangvollen Namen, c) dem Werk eine völlig neue Richtung zu geben oder d) dem millionenfach geäußerten Wunsch seiner Fans nachzukommen. Bei Roger Waters muss man da aber eine Ausnahme machen, weil er e) sauer ist, richtig sauer und zwar auf die richtigen: Donald Trump und sein Populistenzirkus rings um den Erdball. Darüber hat der frühere Frontmann von Pink Floyd ein Album gemacht. Und was für eins.
Abgemischt vom Radiohead-Produzenten Nigel Godrich ist Is This The Life You Really Want? 25 Jahre nach Waters letzter Solo-Platte genau das, wonach der Titel klingt: Eine wütende Abrechnung mit den herrschenden Verhältnissen, die überhaupt nicht nach Altersweisheit klingt, sondern einer ähnlichen Wut wie damals in The Wall: sinfonisch verwobene Dissonanzen, die ineinander gefügt düstere Harmonien ergeben, die bei jedem der zwölf Stücke aufhorchen lassen. Keines davon lässt sich einfach so nebenbei hören, jedes erfordert volle Aufmerksamkeit, die ihm nicht nur Nostalgiker schenken sollten, sondern auch alle Nachgeborenen. Denn so und nur so gehen gute Protestsongs.
Roger Waters – Is This The Life You Really Want? (Sony)
Marteria/Marsimoto: Plattenbau & Punchlines
Posted: June 1, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich war echt ein Alien
Mit 34 hat Marten Laciny einiges erlebt: aufgewachsen im Rostocker Plattenbau spielt der Fußballprofi für die Jugendnationalmannschaft, als ihn eine New Yorker Modelagentur entdeckt und zum Shooting um die halbe Welt schickt. Seit 2010 jedoch kennt man ihn hierzulande vor allem unter seinem HipHop-Namen Marteria. Er steht für Conscious-Rap mit Kampfkraft und Sprachwitz. Auch sein neues Album Roswell kommentiert den Irrsinn da draußen aus entspannt linker Perspektive. Ein Interview über Aliens im eigenen Land, politische Musik und was Lego einst aus ihm gemacht hat.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Marten, wer sich dein neues Albums anhört, könnte meinen, du glaubst an Außerirdische.
Marten/Marteria: Nein, ich bin eher Fan von Real Life als Science Fiction. Ein guter Indikator dafür ist zum Beispiel, was ich am Kind am liebsten aus Lego gebastelt hab. Damals gab es zwar noch nicht diese megakrassen Fantasiewelten von heute. Aber auf der riesigen Platte, die mein Vater mir gebaut hat, stand eine stinknormale Stadt mit Polizei, Feuerwehr, Wohnhäusern. Es gab sogar einen Vorort, wo man viel Fahrrad fuhr. Mein bester Freund hingegen, der damals schon diese komplizierten Sachen von Lego-Technics hatte, ist DJ geworden.
Lego hat aus dir den Rapper gemacht, der du bist?
Ein bisschen schon. Vermutlich kann man an jeder Biografie ablesen, von welchem Spielzeug sie in der Kindheit geprägt wurde. Und wenn mich jetzt Dinge mit einem Hauch von Science Fiction interessieren, sind sie wie E.T. voll in der Realität verwurzelt.
Wie kommt es dann, dass nicht nur der Albumtitel Roswell an die berühmte UFO-Sichtung vor 70 Jahren erinnert, sondern die ersten drei, vier Tracks alle von Aliens handeln?
Weil ich doppelte Böden mag. Im Englischen sind Aliens ja auch ganz allgemein Fremde oder wie ich es auf der Platte ausdrücken möchte: Außenseiter. Das kenne ich gut aus meiner eigenen Jugend in Rostock; als Teil einer HipHop-Szene wie ich da echt ein Alien, so wie man es als 17-jähriger Deutscher in New York war. Da geht es gar nicht um grundsätzliches Anderssein, sondern auch Andersfühlen.
Geschieht dir das heutzutage noch im vertrauten Umfeld oder nur in der Ferne?
Als krasser Außenseiter sehe ich mich eher selten, aber wenn ich international auf Reisen bin, bin ich das halbe Jahr lang ein Ausländer. Als ich im Dezember in Angola war, fast direkt vom Flugzeug aus auf einen Jeep gesprungen bin, um mit drei Einheimischen zu angeln, war das ein echter Alien-Moment. Da muss man sich akklimatisieren und wenn möglich verbrüdern, um nicht außen vor, sondern Teil von etwas zu sein. Auch darum geht es in Songs wie Roswell oder Scotty, beam mich hoch.
Macht es die dadurch zu politischen Songs?
Absolut. Ich finde Musik ohne Message langweilig. Jeder Mensch hat eine Meinung, und die kann man als Musiker selbst in tanzbaren Songs wie Alien unterbringen. Umgekehrt sollte man zu politischen Liedern aber auch ein bisschen abfeiern, sonst wird es schnell öde. So gesehen glaube ich, dass Rapper für junge Fans oft die besseren Politiker sind.
Wie vermeidet man da, belehrend zu werden?
Indem ich den Zeigefinger unten lasse und einfach aufschreibe, was ich empfindet, was meiner Situation entspricht. Das beste Beispiel ist Links. Das ist kein Song für Linke, sondern für solche, die den Weg dorthin suchen und glauben, es gebe da nur einen richtigen. Ich biete Optionen an. Mein Appell geht da eher an den gesunden Menschenverstand als irgendwelche Dogmen, denn auf jeder Seite gibt es welche, die Ahnung haben und es gibt die anderen.
Zu welcher Seite zählst du dich?
Schwer zu sagen (lacht). Ich komme aus dem Neubaublock eines Landes, aus dem man nicht raus durfte, jetzt reise ich viel und entdecke die Welt – das ist eine gute Voraussetzung, sich Ahnung zu verschaffen.
Hast du das Gefühl, der deutsche HipHop schafft sich durch Rapper wie Sookee, Disarstar oder dir eine Flanke von links, die es jenseits von Spaß und Gangsta nicht gab?
Ich möchte mich da mit niemandem in eine Reihe stellen, schon weil du politisch auf der richtigen Seite stehen und trotzdem unfassbar nervig sein kannst. Das ist halt auch Geschmackssache. Ich finde, Musik muss und sollte manchmal anstrengend sein, aber trotzdem immer cool bleiben. Was mich am meisten nervt, ist herum zu heulen.
Was ist dir, wenn du wählen müsstest, bei einem Song wichtiger: Die Lyrics oder der Sound?
Was glaubst du denn?
Die Lyrics.
Daran sieht man, dass der Zugang zu Musik immer auch eine Frage der persönlichen Betrachtungsweise ist. Für mich ist ein Marteria-Song stets eine komplette Symbiose von Beats und Text, wobei es auf der vorherigen Platte sogar textlastiger, deeper war. Das entsprach damals halt meiner Lebenssituation, die ich mithilfe der Musik auch abschließen konnte.
Wenn deine Musik derart Stimmungen wiedergibt – zu welcher Art von Musik dürfte deine derzeitige Laune führen?
(lacht) Wenn sich das so exakt benennen ließe, dürfte es eine stressige Platte werden.
Auch eine wütende – angesichts der weltpolitischen Situation, die uns gerade im Griff hat?
Kommt drauf an. Wut kann ganz schön peinlich werden, deshalb sollte man sie wohldosieren. Ich hatte auf der vorigen Platte mit Bengalische Tiger daher einen sehr wütenden Song, auf dieser ist es Elfenbein, ein echter Schlüsselsong fürs ganze Album. Mir ist vor allem eins wichtig: Nichts wiederholen.
Was dir noch besonders wichtig erscheint, sind griffige Punchlines oder?
Kann man so sagen.
Zeilen wie „Ich bin Julius C & A / ich kam, sah und kaufte“…
Gute Punchline!
… poppen die so auf und werden dann in den Rest des Textes integriert oder entwickeln die sich organisch aus dem Rest der Lyrics?
(lacht) Na ja – beides ein bisschen. Marteria-Musik steht seit 2010 auch dafür, Spaß dabei zu haben, mit Wörtern rumzuspielen. So ein bisschen ist das schon unser Branding. Das geht so weit, das die Hälfte meiner Punchlines keiner versteht. Vielleicht mache ich irgendwann mal eine Lesereise, wo ich sie erkläre.
Könnte das soweit gehen, dass du die Ebenen wechselst und Bücher schreibst?
Wenn man wie ich in erster Linie schreibt, ist der Horizont offen. Aber geplant ist da nix.
Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen
98 Prozent Trump-Kritik & sechs Thatchers
Posted: May 29, 2017 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
22. – 28. Mai
So kann’s kommen: Netflix, dem die exklusive Ausstrahlung von Brad Pitts Kriegssatire War Machine seit Freitag offenbar 60 Millionen Dollar wert ist, setzt die hochglänzende HipHop-Serie The Get Down aus Kostengründen nicht fort. Das ZDF hingegen gibt währenddessen die 2. Staffel der mattglänzenden Politsatire MdB Eichwald mit Bernhard Schütz als abgehalftertem Altabgeordneten in Auftrag, obwohl die 1. Staffel beim Ableger Neo quasi unter Ausschluss des Publikums lief. Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk etwa unerwartetes Beharrungsvermögen im Kampf mit Streamingdiensten? Rein journalistisch betrachtet ist ihm dies ja ohnehin zu Eigen.
Das legt eine Harvard-Studie nahe, die den Umgang der Presse mit Donald Trump untersucht. Ergebnis: Vier Fünftel aller Beiträge bewerten den US-Präsidenten weltweit persönlich oder inhaltlich negativ. Am meisten aber missbilligt die ARD, was derzeit im Weißen Haus vor sich geht: Stolze 98 Prozent aller Berichte, also praktisch jeder einzelne, kritisiert Donald Trump für das, was er tut, sagt, twittert. Da wäre es erhellend, wenn jemand auch noch ermitteln würde, wie das Erste mit Putin oder Macron, AfD und FDP, Infantino oder sagen wir: Heidi Klum umspringt.
Letztere hat am Donnerstag auf ProSieben erneut irgendein anorektisches Ding im biegsamen Alter zum neuen Autohauseröffnungssupermodel gekürt und dürfte weiterhin behaupten, ihr vorwiegend minderjähriges Publikum nehme daran keinerlei Schaden. Dazu jedoch hat Die Zeit nun eine aufschlussreiche Studie von 1995 ausgegraben. Sie untersucht den TV-Konsum auf der Fidschi-Hauptinsel Nadroga und setzt ihn mit deren (eher rundlichen) Schönheitsideal ins Verhältnis. Ergebnis: Drei Jahre nach Einführung des Fernsehens verzeichneten Haushalte mit Apparat dreimal mehr Mädchen mit Essstörung als solche ohne. Jedes zehnte erbrach sich sogar regelmäßig zur Gewichtskontrolle. Es war halt die Zeit, als wohlgeformte Models durch knochige abgelöst wurden und normale Moderatorinnen durch bauchfreie Girlies.
Zum Kotzen!
Die Frischwoche
29. Mai – 4. Juni
Ganz im Gegensatz zur 4. Staffel von Sherlock. Ab Sonntag um 21.45 Uhr geht Benedict Cumberbatch wieder auf die Jagd nach den äußeren und inneren Dämonen seines Detektivs, also dessen Widersacher Moriarty und der eigenen Soziopathie. Beides wird zwar auch in den neuen drei Fällen bis zur Abnutzung ausgewalzt. Dennoch zählen auch sie zum Besten, was Krimi derzeit hergibt – und das will angesichts der Synchronisation, die alle Stimmen entweder eine Oktave zu hoch oder zu tief ansetzt, was heißen.
In Die sechs Thatchers zum Auftakt wirkt Holmes zusehends gelangweilt vom Leben. Ihm fehlt der angeblich tote Todfeind – daran kann auch die Geburt von Watsons Tochter nichts ändern, geschweige denn eine Reihe simpler Aufträge. Dann aber holt ihn ein mysteriöser Leichenfund aus der Lethargie. Dabei spielen nicht nur Steinbüsten der Premierministerin eine Rolle, sondern Watsons Frau Mary, internationale Verbrecher und natürlich Moriarty, der partout nicht totzukriegen ist. Wie diese Filmreihe.
Ob Sky am gleichen Tag dasselbe mit Dying Up Here gelingt, bleibt abzuwarten. Aber die sorgsam kostümierte Drama-Serie um die wilde Stand-up-Comedy-Szene im New York der Siebzigerjahre macht nach ersten Bildern zumindest den Eindruck, es würde seine Zeit unterhaltsam nachstellen statt effektvoll ausschlachten. Die Sechzigerjahre, genauer: der 2. Juni 1967 erstehen am Montag (23.45 Uhr) im Ersten wieder auf. Ohne lästiges Reenactment, sondern mit der Kraft authentischer Bilder rekonstruiert die Dokumentation Wie starb Benno Ohnesorg? den Tod des Studenten vor genau 50 Jahren, ohne den RAF und Grüne kaum denkbar wären.
Wie man dereinst wohl über den 8. November 2016 urteilen wird, steht zwar noch in den Sternen. Doch die Tatsache, dass damals Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, dürfte global weitreichende Folgen haben. Umso wichtiger ist es, sich dieser Figur über seine Anhänger zu nähern, wie es Arte in Trump, mein neuer Präsident am Dienstag (20.15 Uhr) unvoreingenommener tut, als es sein diabolischen Chefberater Steve Bannon bei aller Neutralität zulässt. Das Filmporträt Der Trump-Flüsterer versucht es im Anschluss dennoch. Um Voreingenommenheit der harmloseren Art geht es ab heute auf gleichem Kanal fünf Montage lang um 16.15 Uhr: Sterotyp listet Vorurteile über nationale Klischees auf – und versucht damit aufzuräumen, soweit das möglich ist.
Film gewordenes Klischee ist die Wiederholung der Woche in Farbe Wenn der weiße Flieder wieder blüht (Montag, 20.15 Uhr, MDR) mit den Nazi-Lieblingen Willy Fritsch und Magda Schneider. Dramaturgisch kompletter Bullshit steht er nach wie vor in den Top 3 der meistbesuchten deutschen Kinofilme. Auf über 20 Millionen Zuschauer kamen die drei ersten Erfolge von Quentin Tarantino der Neunziger hingegen nicht mal zusammen. RTL II zeigt sie am Freitag um 20.15 Uhr in umgekehrter Reihenfolge: Erst Jackie Brown (1997), dann Pulp Fiction (1994), zuletzt Reservoir Dogs (1991). Zwischendurch (1995) ist unser Tatort-Tipp entstanden: Falsches Alibi mit Kain und Ehrlicher (Mittwoch, 22.05 Uhr, MDR), dessen Sohn hier unter Mordverdacht gerät.