Weihnachtsprogramm: Kinder & Krams

Bingle Bells

Weihnachten ist die Zeit des Friedens, des Schenkens – und des Fernsehens. Besonders Kinder werden an den Feiertagen sogar im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm rundumversorgt. Ganz im Gegensatz zum kommerziellen. Ein kleiner Überblick.

Von Jan Freitag

Binge Watching ist bekanntlich das neue Ding am Himmel zeitgenössischen Medienkonsums. Weil viele Zuschauer die starre Taktung des Regelprogramms langsam leid sind, schauen sie ihre Lieblingsformate lieber auf DVD oder im Internet. Besonders bei Importserien tendieren echte Fans dabei zur Druckbetankung: alle Folgen einer Staffel hintereinander weg, gern auch die der nächsten obendrein, Pausen nur zum Pinkeln, eben Binge Watching genannt. Dass man sich allerdings auch im öffentlich-rechtlichen Korsett derart dauerversorgen kann, auch noch mit ein und demselben Film, belegt – was sonst, in diesen Tagen? – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Dreizehnmal wird der televisionäre Festtagsschmaus schlechthin allein an den drei Feiertagen von anspruchsvollen Sendern serviert. Auf EinsFestival können schlaflose Kinder das nostalgische Kleinod sogar nachts um eins oder halb fünf genießen. Kinderprogramm rund um die Uhr quasi. Womit wir beim Thema wären. Denn während ARD und ZDF ihr Nachwuchsangebot im Rest des Jahres praktisch vollends gen KiKa abschiebt, versuchen sie die Familie im Ganzen rings um Heiligabend nochmals grundzuversorgen und wissen sich mit ihren Spartensendern dabei in guter Gesellschaft. Vor allem mit Märchen, besonders bei den Dritten, mehr aber noch im Ersten. Seit sieben Jahren nämlich modernisiert dessen Reihe Sechs auf einen Streich alte Volksweisen von Grimm bis Andersen und macht daraus aktuelle Geschichten im nostalgischen Gewand.

Mit der 7. Staffel schwillt der Kanon nun auf insgesamt 34 Filme an: durchweg zielgruppenfreundliche 60 Minuten lang, allesamt auf ihre Weise – wenn schon nicht immer gleich gelungen, so doch immer gleich wertvoll. Denn auch das neue Quartett, darunter mit Siebenschön zum Auftakt erstmals ein Stück des Weimarer Erzählers Ludwig Bechstein, baut bezaubernde  Brücken zwischen Nostalgie und Realität, Märchenwelt und Gegenwart. Dafür sorgt im Anschluss Grimms Außenseitergeschichte Sechse kommen durch die ganze Welt, in der eine Gruppe zeitloser Freaks durchs geistig beschränkte Mittelalter irrt. Dafür sorgt aber mehr noch die furiose Adaption von Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.

Grimms Novelle über den Töpfersohn Michel (Tim Oliver Schulz), der die schöne Königstochter nur kriegt, wenn er das Schloss ihres Vaters von Geistern befreit, mischt so viel humoristischen Horror unters Coming-of-Age-Drama, dass es selbst für Game-of-Thrones-Fans einiges bietet. Dazu Rick Kavanian als Moorleiche oder Heiner Lauterbach als obdachloser Regent – fertig ist ein Lagerfeuer für die halbe Familie, das auf den anderen Sendeplätzen gerade fleißig gelöscht wird. Wie gut, dass es einer wie Christian Theede so sorgsam am Knistern hält.

Der rührige Regisseur aus Hamburg hat der ARD-Reihe mit Perlen von Allerleirauh bis zum Fischer und seiner Frau bereits fünf äußerst sehenswerte Beiträge hinzugefügt. Nun kommt noch sein Zweiteiler Till Eulenspiegel hinzu, auch so eine Ballade, die historisch kostümiert von der Verlogenheit des Menschen kündet, die sich bis heute durchs soziale Miteinander zieht. Als Event unter den vielen Neuheiten reiht sich auch diese Bestseller-Adaption demnach nahtlos ein in den Kanon modernisierter Klassiker, die das gesamte Weihnachtsprogramm füllen.

Das ZDF hält sich dieses Jahr bis auf das rührselige Emanzipationsmärchen Die kleine Lady (Freitag, 16.35 Uhr) und die fantasyartige Schneekönigin (10.40 Uhr) zwar mit weihnachtsaffiner Frischware für kleine und große Kids zurück. Von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang ist es aber dennoch völlig egal, welches erste bis dritte Programm man vorm Wochenende einschaltet: es läuft garantiert eins der zahllosen Märchen, die in den vergangenen Jahren neu entstanden sind. Und mittendrin, besonders im MDR, wie gewohnt jene schwarzweißen bis bonbonfarbenen Kinderfilme der osteuropäischen Märchenschule, die nicht allein im ostdeutschen Gemüt wohlige Wärme entfachen.

Nur der KiKa bleibt da seltsam märchenfrei. Und natürlich die Privatsender, in denen sich alle Feststimmung eher in animiertem Hollywood-Bombast und ähnlich überdrehten Import-Komödien voll rotweißbemützter Stars erschöpft. Gut: schöner ist Weihnachten ohnehin, wenn die Glotze ausbleibt. Aber wenn man sich davor schon die Zeit bis zur Bescherung vertreibt, dann vielleicht besser mit Aschenputtel um eins im Ersten als der Weihnachtsgeschichte mit Schlümpfen zeitgleich auf RTL. Noch mehr Werbung braucht nach dem Konsumterror der Adventszeit sowieso niemand.

25. Dezember
14.15 Uhr, Siebenschön, ARD
15.15 Uhr, Sechse kommen durch die ganze Welt, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 1. Teil, ARD
26. Dezember
14.15 Uhr, Die drei Federn, ARD
15.15 Uhr, Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, ARD
16.15 Uhr, Till Eulenspiegel, 2. Teil, ARD

H. Huntgeburth: Tom Sawyer & Huck Finn

Echter Dreck

Hermine Huntgeburths Abenteuer des Huck Finn erzählt am Freitag auf Arte wie zuvor schon ihr Tom Sawyer die Welt der Kinder mit den Augen Erwachsener – und ist gerade deshalb ein Film, der sie Kindern öffnen kann.

Von Jan Freitag

Füße sind visuell eher heikle Extremitäten. Als Gebrauchswerkzeuge weit strapazierter als die anderen Körperteile, sind sie selten ansehnlich und daher vornehmlich verhüllt zu sehen. Wer Füße gern nackt betrachtet, gerät folglich rasch in den Ruch fetischistischer Obsession. Nichts fürs Familienprogramm also. Dann aber beginnt dieser Familienfilm und er beginnt – genau: mit Füßen. Und nicht nur das. Es sind dreckige Füße, Kinderfüße zwar, beim Toben im Freien zumal, doch sie stehen so derart vor Schmutz, dass man den Hauptdarstellern schon beim Zuschauen eine robuste Reinigung wünscht. So geht es viele der gut 100 Minuten weiter: schlammige Sohlen, verkrustete Zehen, abendfüllende Waschverweigerung zur besten Sendezeit. Man könnte meinen Hermine Huntgeburth hätte einen Fußtick.

Hat sie aber nicht. Die Regisseurin von Bibi Blocksberg bis Effie Briest, von Die Weiße Massai bis Neue Vahr Süd hat höchstens den Tick, artifizielle wie bodenständige Themen gleichermaßen lebensnah zu erzählen. Und in ein deftiges Abenteuer der Marke Mark Twain gehört da nun mal ausreichend Mississippidelta-Schlacke wie der Ziegen-Peter zur Heidi. Kein Wunder, dass auch Huntgeburths Version von Mark Twains Saga über Tom Sawyer und seinen Freund Huckleberry Finn die Unsauberkeit zum alltäglichen Aggregatszustand diverser Protagonisten macht; zumindest auf dem Land präsentierte sich dass 19. Jahrhundert schließlich als eher unhygienische Angelegenheit: Gebadet wurde allenfalls Samstag. Zahnpflege, Hautpflege, Nagelpflege waren großstädtischer Ostküstenluxus. Gepflasterte Straßen und Schuhabtreter ohnehin. Was das Äußere betrifft, ging es weit derber er zu als in diversen Werken über diese porentief rein gefilmte Epoche.

Anders als dort ist Hermine Huntgeburths Huck Finn also tatsächlich Wilder Westen, wenngleich im Baumwoll-Süden. Es gibt die Guten und die Bösen, den noblen Sheriff und einen dreckigen Schurken, blitzende Messer und rasende Pferde, rauchende Colts, verrauchte Saloons und alles wird in etwa so gezeigt, wie es hätte sein können, im Jahr 1876, als der wohl berühmteste aller Jugendromane zugleich auf Deutsch erschien. Schließlich ist auch Twains Buch mehr als ein kindgerechter Lesestoff mit aufregender Rahmenhandlung, sondern womöglich das erste wirklich ernstzunehmende Teenagerdrama der Weltliteratur. Eine Coming-of-Age-Novelle übers Erwachsenwerden aus Sicht Betroffener, in der Heranwachsende nicht bloß Objekte elterlicher Pflichtzuweisung waren, sondern eigenständige Protagonisten in Abgrenzung zu den Altvorderen. Eigenständig denkend vor allem. Subjekte ihrer eigenen Vorstellungskraft.

Das angemessen umzusetzen, fiel all den ehemals Kleinen, die diese Welt der künftig Großen für Bildschirm und Leinwand bebildert haben, bislang jedoch seltsam schwer. Seit der ersten Stummfilmversion von 1917 gab es rund ein Dutzend Adaptionen; doch von Don Taylors TV-Fassung vor 40 Jahren mit der blutjungen Jodie Foster als schnuckelige Richtertochter Becky Thatcher bis hin zur 26-teiligen ARD-Serie Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn anno `79 galt die raue Wirklichkeit gern als zu schädlich für junge (wie alte) Zuschauerseelen.

Bei Hermine Huntgeburth ist das ein bisschen anders. Hier durfte Sawyers schlicht gestrickter Altersgenosse im ersten Teil eher historisch als politisch korrekt „das ist doch Niggerarbeit“ sagen, bevor ihm sein schlauer Mitschüler vom Reiz des Zaunstreichens überzeugte, während August Diehl im zweiten Teil als Hucks Vater Finn nicht nur düster, sondern geradezu diabolisch sein darf, und Henry Hübchen nebst Milan Peschel grandios schmierige Sklavenjäger geben, die Hucks schwarzem Freund Jim (Jacky Ido) nachhetzen. Keine Frage, auch Huntgeburths Huck Finn ist nicht frei von abgeschliffenen Kanten. Für sich genommen mag Kino, wie Nebendarstellerin Heike Makatsch zu Tom Sawyer bemerkte, „experimentierfreudiger, mutiger sein als das Fernsehen“. Wenn es wie hier gießkannengefördert für den Bildschirm koproduziert wird, muss das Leitmedium allerdings ein paar ästhetische Kompromisse eingehen. Die Sklaven geraten dann zuweilen etwas gesünder als in der Herrenmenschenwelt jener Tage, der Irrsinn starrer Konventionen aus Twains Vorlage wird oft nur angerissen statt ausdifferenziert. Die Grundmelodie ist heiterer, als es der knüppelharte Alltag jener Eroberungstage unbekannten Terrains eigentlich gestattete. Und wenn spielende Kinder unter Schäfchenwolken über blühende Wiesen laufen, machen VFX und CGI aus der südstaatlich pragmatischen Kulturlandschaft wie Twain sie beschreibt schon mal Tolkiens Auenland – aber bitte! Huck Finn ist und bleibt Unterhaltungsliteratur plus etwas Gesellschaftskritik für junge Leute. Nicht umgekehrt. „Und grad große Unterhaltung“, meint Regisseurin Huntgeburth, „bietet ja auch die große Chance, sozialpolitische Aussagen einfach mitzuliefern“.

Dabei helfen ihr neben den arrivierten Schauspielstars zwei keinesfalls unerfahrene, aber noch unverbrauchte Talente. Dank Louis Hofmann und Leon Seidel als jugendliches Odd-Couple Tom und Huck, kann Hermine Huntgeburth das Schicksal zweier, wie man heute sagen würde: sozial benachteiligter Waisen voll nostalgischer Leichtigkeit erzählen, ohne unablässig mit erhobenem Zeigefinger auf deren Lebensumstände zu zeigen. Wie sehr ihr gottesfürchtiges Milieu den fröhlichen Freiheitsdrang der jungen Schäfchen bekämpft, gerät im unverkrampften Spiel der damals kaum dreizehnjährigen Titelhelden eher zum Subtext als zum Wesenskern. Spürbar bleibt es dennoch. In fast jeder Sekunde.

Genau das ist ohnehin eine Stärke Hermine Huntgeburths, was sie zuletzt in der wunderbar verschrobenen Korruptionskomödie Eine Hand wäscht die andere mit Ulrich Noethen als korrupten Kleinstadtbeamten zeigte: sachliche, oft ernste Botschaften in leichtes, oft heiteres Entertainment zu verpacken. Bei Tom Sawyer, wird es zusätzlich durch die detailverliebte Ausstattung verstärkt, den verschwenderischen Kulissenbau, das Bedürfnis zu bildgewaltigem Realismus. Der Hafen von St. Petersburg, erklärt die Regisseurin, „wurde zwar fast vollständig am Rechner erstellt“. Andererseits konnte ihr Team im rumänischen Studio unter anderem die Reste des Westerndorfs aus dem Hollywood-Erfolg Unterwegs nach Cold Mountain nutzen. „So einen tollen Kostümfilm dreht man nicht alle Tage“, freut sich Huntgeburth daher noch drei Jahre und eine Fortsetzung namens Die Abenteuer des Huck Finn später über einen Teil ihrer Kindheit, mit dem sie vor allem Filmerinnerungen verbindet.

Etwa den ZDF-Vierteiler Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer von 1968. Noch so eine Adaption, in der die Wirklichkeit fernsehrein gebürstet wurde und das Vagabundenleben aufs Abenteuer geduziert. In der die Klamotten heil waren und die Füße sauber. Dass die bei Hermine Huntgeburth vor Dreck starren, ist da kein Zufall. „Nackte Füße stehen bei allem Freiheitsdrang ja auch für die vergangene Möglichkeit, unverletzt durch die Natur zu laufen.“ So wie es die Regisseurin als Kind noch getan hat. Lang ist’s her, die 55-Jährige seufzt. Aber ihr Film hilft ja beim Erinnern.


3sat: Bewegte Republik Deutschland

Herrschen hilft

Der sehenswerte 3sat-Vierteiler Bewegte Republik Deutschland macht heute Abend (20.15 Uhr) den zweiten Teil seines Streifzugs durch 70 Jahre Kultur und zeigt dabei auf verstörende Weise, wie gut ihr Diktaturen tun – und wie schlecht deren Ende.

Von Jan Freitag

Kultur und Diktatur – das gilt gemeinhin als zivilisatorischer Widerspruch in sich. Nicht ohne Grund ist „Kulturbruch“ eine beliebte Umschreibung jeder Barbarei, besonders der nationalsozialistischen, die den Begriff der „Diktatur“ seinerzeit total neu definierte. Und wollten Stalin, Pol Pot, Mao nicht alle Kunst überwinden im Dienste einer vermeintlich pragmatischen Ideologie, die nur noch Arbeit als Ausdruck menschlicher Kreativität ansah? Angesichts solchen Irrsinns allerorten ist es überaus erfrischend, Heiner Müller reden zu hören. „Mit Diktaturen“, sagt der große Ostberliner Dramaturg über die Allmachtssysteme seiner Autobiografie in zwei deutschen Staaten, „komme ich gut zurecht“. Demokratie dagegen, die langweile ihn eher.

Den Grund für die provokante Selbstauskunft erfährt man im famosen Vierteiler Bewegte Republik Deutschland, mit dem 3sat ab Montag die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit Revue passieren lässt. Den Aberwitz herrschender Verhältnisse künstlerisch zu kommentieren, ergibt nicht nur aus Müllers Sicht eben weit mehr Sinn, verschafft weit mehr Befriedigung, macht womöglich gar weit mehr Spaß, wenn sie sich nicht ohne Gegenwehr kommentieren lassen. Kunst sehnt sich nach Widerstand. Wenn der fehlt, leide die Kunst selbst. Darüber geben 70 Jahre Kultur zwischen Krieg, Konsum und Politik, wie es im Untertitel heißt, 180 durchweg spannende Minuten lang Auskunft.

Der 1. Teil Schuld und Wunder zum Beispiel unternahm am Montag bereits einen mal bombenschuttgrauen, mal technicolorbunten Streifzug durchs Wirtschaftswunder, bevor Zur Waffe, Schätzchen die kurzen Jahre des geistigen Aufbruchs zwischen 1962 und 1983 begleitete (http://www.3sat.de/mediathek/?obj=48175). Heute nun findet in Geteilter Himmel endlich auch die Kultur östlich der Elbe Erwähnung, die der 4. Teil allerdings gleich wieder realitätsgetreu im Einheitstaumel untergehen lässt. Schließlich gilt dem bundesrepublikanischen Mainstream bis heute vieles, ja fast alles, was im Osten abseits der Politik zustande gekommen ist, gewissermaßen realsozialistisch verseucht. Und stets findet Heiner Müllers These Bestätigung: Enden hierzulande Diktaturen, gerät mit der Politik nicht zwingend auch die Kultur in Freiheit.

Gleich nach dem 2. Weltkrieg zum Beispiel übernahm eine neue Diktatur das Ruder, weniger blutig zwar, aber äußerst effizient: Eskapismus. Nach Goebbels Propagandaschlachten übernahmen nun Nierentische, Schwarzwaldmädels und Sonntagsbraten die Deutungshoheit übers schuldunbewusste Gemüt der besiegten Nation. In bissigen, aber treffenden Beiträgen kommentieren Künstler von Roger Willemsen über Volker Schlöndorff bis Herbert Grönemeyer, was die Leitkultur damals prägte: Wegsehen. Abstreiten. Verdrängen. Mindestens. Für den KZ-Film „Morituri“ nämlich erntete Regisseur Eugen York 1948 Nestbeschmutzer-Vorwürfe bis hin zur Morddrohung. Das sozialistische Experiment im Osten, so erfährt man bei 3sat, gestattete zwar größeren Mut im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, wie Wolfgang Staudtes Mann-Verfilmung Der Untertan 1951 belegt. Doch auch die DDR beherbergte bekanntlich bald nur noch Opfer. NS-Täter? Alle im Westen!

Dieser Dampfkessel unterdrückter Aufarbeitung wurde zwar so lange am Köcheln gehalten, dass die nachgeborene Generation ihren fast kollektiv schuldigen (Groß-)Eltern das verlogene Schweigen mit wütender Renitenz bis hin zum RAF-Terror um die Horen schlug. Dank Auschwitzprozessen, Spiegel-Affäre, Kennedy-Rede und Schah-Besuch setzte allerdings von Kraut- bis Punkrock, von Wiederbewaffnungs- bis Doppelbeschlussdemos ein kurzer Frühling des kulturellen Erwachens ein.  Doch kaum war 1989 die nächste Diktatur auf deutschem Boden beendet, flüchtete sich das wiedervereinigte Wunderland in den kollektiven Fluchtinstinkt. Aus Literatur wurde Popliteratur, aus Kultur Spaßkultur, aus dem Fernsehen ein Leitmedium mit kommerziellen Gleichschaltungstendenzen und das Autorenkino versank in der Bugwelle  harmloser Komödien für Millionen. So ist Bewegte Republik Deutschland zwar ein fabelhaftes Sittengemälde unserer Kultur. Es macht aber auch ein bisschen Angst. Angst davor, dass die aktuelle Beliebigkeit wieder in irgendwas Unseliges mündet. Bei den Deutschen weiß man ja nie.


Hanns Zischler: Intellektueller & Nebenstar

Der Mann am Hintergrund

Ob Hollywood oder TV-Drama, großes Kino oder ganz kleines Schnulzencaro – Hanns Zischler glänzt in tragenden Nebenrollen ebenso wie als zurückhaltende Hauptfigur. Im erstaunlich ansehnlichen ARD-Freitagsfilm Stille Nächte spielt er diesmal seltsamerweise beides. Doch auch die Tragikomödie ist irgendwie nur Mittel zum Zweck eines Intellektuellen, sich seine Intellektualität auch leisten zu können muss.

Von Jan Freitag

Nein, das Wort Nebenrolle hat keinen schönen Klang. Selbst die besten Hauptdarsteller sind ohne Begleitung zwar weitestgehend arbeitsunfähig, aber neben liegt eben doch leicht abseits vom Fokus. Und welcher Akteur im Rampenlicht will da schon hin? Hanns Zischler will! „Stimmt schon“, sagt der Schauspieler mit hundertfacher Nebenrollenerfahrung, „ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter Stelle“. Aber das, sagt ruhig wie immer, sei kein Verharren auf halber Treppe zum großen Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. Der betriebswirtschaftlichen – „schließlich haben Schauspieler lange Durststrecken ohne Arbeit“. Und der dramaturgischen – „schließlich ist niemand entbehrlich“. Weder im Film noch auf der Bühne. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Ob an erster oder vierter Stelle der Besetzungsliste.

Im ARD-Freitagsfilm Stille Nächte ist er diesmal irgendwas in der Mitte. Obwohl sich Filmsohn (Matthias Koeberlin) schon vor einer Ewigkeit von seiner Frau (Katharina Schüttler) getrennt hat, feiern beide Jahr für Jahr gemeinsam mit den (Schwieger-)Eltern Weihnachten, nichtsahnend, dass die längst davon wissen. Weil aber auch Hanns Zischler und Katharina Thalbach als Paul und Clara längst nicht alle (unangenehmen) Wahrheiten auf den Tisch packen, entspinnt sich daraus eine ziemlich charmante Tragikomödie um Sinn und Unsinn kleiner wie großer Lügen unter Menschen, denen man nahe steht. Und auch hier vollbringt Hanns Zischler das Kunststück, präsent und gleichsam unauffällig zu sein, den Film zu tragen und zu unterwandern in einem. Es ist die Fähigkeit des geborenen Nebendarstellers.

„Supporting Act“ nennt man solche Randfiguren, die wie ein Gustav Peter Wöhler, Alexander Held oder Stephan Kampwirth nur auffielen, wenn sie ausfielen. Uneitle Diener am Ganzen, überwiegend im Hintergründ tätig und doch handelnd wie die erste Garde. Zischlers „verschwiegenes Gesicht“, wie der Stern mal schrieb, erzeugt ohne viel Getöse eine Präsenz, die jeder Hauptrolle würdig wäre. Er habe nur auf dem Sofa gelegen und wenig gesagt, meinte der französische Weltstar Jeanne Moreau mal über eine gemeinsame Theaterarbeit, „aber er war großartig“. Diese Reduktion, mit der er nun sogar das furchtbare Drehbuch von Christiane Sadlo alias Inga Lindström mit etwas Leben füllt, hat ihn international bekannt gemacht. Steven Spielberg engagierte ihn 2005 gar für sein Terror-Drama München. In tragender Nebenrolle, versteht sich.

So spielte sich der Nürnberger von 67 Jahren seit seinem Debüt in frühen Werken von Wim Wenders durch Film und Fernsehen, nicht unbemerkt, aber jenseits aller Verwertbarkeitskriterien des Boulevards. Mehr noch als ein guter Schauspieler ist Hanns Zischler dabei ein würdevoller. Mit der zunehmenden Karstigkeit seines eisgrauen Kopfes spielt er den harten Vermieter in Die fetten Jahre sind vorbei so versiert wie den Gutsherren im Vertreibungsdrama Die Flucht und hebt jeden Bildschirm auf Kino-Niveau.

Dabei sei das Fernsehen „nur eine Briefmarke“, zitiert er den großen Produzenten Gyula Trebitsch. „Es sehnt sich nach Leinwand, kommt aber nur auf einen Meter Diagonale“. Und Zischler meint das nicht inhaltlich. Denn solange der kleine Flatscreen dem großen Kino nicht „nachhechelt wie ein eifersüchtiges Kind“, sei ihm manch ambitionierter Zweiteiler lieber als cineastische Beliebigkeit. Hauptsache, er könne sich darin auf seine Art entfalten. Wobei Entfaltung übertrieben klingt: In beiden Formaten nutzt Zischler ja oft bloß einen Gesichtsausdruck, diese „vertrauenerweckende Männlichkeit, die jeder modischen Attitüde trotzt und sympathisch altmodisch auftritt“, wie das Lexikon des deutschen Films schreibt. Sie verleiht ihm etwas Berechenbares, zugleich aber auch Unerklärliches, und vielleicht nimmt ihm ja genau das die Hauptrollentauglichkeit. „Was nicht schnell erklärt werden kann“, erklärt er die Mechanismen des Mediums, „wollen wir nicht“, Das hänge mit dem Sendeauftrag zusammen. Er lacht bissig: „Ein wunderbares Wort, wie aus dem neuen Testament.“

Doch Zischler, ein schauspielernder Intellektueller und angesehener Filmkritiker, der mit Begriffen wie „ideosynkratisch“ oder „Kinematografie“ jongliert, mehrere Fremdsprachen spricht, singt und Klavier spielt, dessen Essay Kafka geht ins Kino von französischen Kritikern als bestes fremdsprachliches Buch übers Kino gewählt wurde – er meint es gar nicht böse. Fernsehen müsse sich nur auf seine Stärken besinnen: Reportage, Sport, Serie, Mehrteiler. Und hin und wieder mal seichte Fernsehkost wie Wilde Wellen. .ein ZDF-Vierteiler, der vor ein paar Jahren so viele Grenzen des anspruchsvollen Geschmacks unterlief, dass man sich Sorgen um Zischlers Zurechnungsfähigkeit machen musste. Am Ende aber zeigte sich: Einem wie ihm kann selbst das nicht schaden.

Stille Nächte – Freitag, 5. Dezember, 20.15 Uhr, ARD


Pasquale Aleardi: Kommissar mit Dackelblick

Zu schön, um gut zu sein

Mit Kommissar Dupin hat es den deutschen Krimi im April mal wieder ins Ausland gezogen. Heute ermittelt Pasquale Aleardi zum zweiten Mal als Pariser Exilant in der fremdsprachigen Bretagne – und macht das abermals gar nicht mal schlecht.

Von Jan Freitag

Wenn leise die Meereswellen wippen und dazu mal skandinavisches, mal mediterranes Flair durchs Bild weht. Wenn fremdländische Menschen fremdländische Riten pflegen und ihr akzentfreies Deutsch mit „Monsieur le commissaire“, „Merci“ oder „Madame“ begleiten. Wenn also alles exotisch ist und gleichsam nichts – dann dreht das hiesige Fernsehen seine Krimis mal wieder außerhalb der Landesgrenzen. Nach all den Laurentis, Brunettis, LaBréas und zuletzt dem Britischen Jury ermittelt nun also ein gewisser Georges Dupin nach dem Besteller des Jean-Luc Bannalecs in der Bretagne, jenem karstig-schönen Horn Frankreichs im wilden Atlantik. Die Leute rings um den strafversetzten Kommissar aus Paris machen maue Witze, tragen mediokre Kleidung, kochen miefende Fischsuppe, sind insgesamt nur mäßig spannend und tun somit alles, was den hochnäsigen Exilanten auf die Palme bringt. Also auch uns, das Publikum. Es ist zum Davonlaufen. Aber auch zum Abschalten?

Nein! Und das liegt einzig und allein an einem: Pasquale Aleardi. Der Schweizer mit dem hinreißend schönen Äußeren zwischen Latin Lover, Frauenversteher und Finanzjongleur verleiht seiner ersten ernstzunehmenden Serienrolle in zwei Jahrzehnten Schauspielerei eine entspannte Leichtigkeit, die selten ist auf solchen Sendeplätzen. Und das will was heißen. Denn wie so viele Fälle im deutschen Krimi jenseits vom Tatort ist auch dieser hier in seiner dramaturgischen und darstellerischen Schlichtheit fast bemitleidenswert.

Ging es im ersten Fall vor um einen – gähn – Erbstreit, in dem ein – schnarch – reicher Hotelier von – chhhrrr – gierigen Verwandten ums Leben gebracht wurde, weil es da was Tolles zu vererben gibt, diesmal wertvolle Kunst, so handelt Bretonische Brandung von drei angespülten Leichen mit Betäubungsmitteln im Blut, was bald auf irgendwas mit touristischen Großimmobilien im Naturschutzgebiet zu tun hat. Dazu werden auch diesmal allerlei regionale Normklischees verhandelt, die Protagonisten gucken stets, wie es ihrer Verstrickung in den Fall entspricht, und jeder kriegt dazu seinen kleinen Running-Gag: Die Hauptfigur (Dupin) rast dauernd in die Radarfalle und hasst jene Provinz, die er bewohnt. Inspektor Kadeg (Jan Georg Schütte) lacht als einziger über die eigenen Witze. Kollege Riwal (Ludwig Blochberger) ist ein Streber mit Streberbrille. So wird alles brachial auf Serientauglichkeit gebogen.

Dazwischen aber gibt es immer wieder diese kleinen Momente lässiger Nonchalance, mit der Pasquale Aleardi seine Verhöre vornimmt, den Notizblock traktiert, eine Landschaft erkundet, die ihm fremd, aber nicht unsympathisch scheint. Was abermals beweist, wie lieblos dieser talentierte Züricher von 42 Jahren besetzt wird. Gelegentlich darf der Sohn griechisch-italienischer Gastarbeiter zwar sein Gespür für die dezenten Töne im überdrehten Miteinander zeigen; dann spielt er einen glaubhaften Revoluzzer in Stefan Krohmers Dutschke oder ein israelisches Terroropfer in Dror Zahavis München 72. Meist gibt er dann aber doch die leicht exotischen Liebhabertypen in leicht debilen Filmen mit Titeln voller „Herz“ und „Liebe“ und „Männer“, die irgendwie irgendwas sind, meist etwas zu männlich.

Das kann man mal machen; schlechte Filme zu drehen ist für den prekären Beruf des Schauspielers betriebswirtschaftlich ja immer noch besser als gar keine Filme zu drehen. Und mit diesen hier beweist die frühere ARD-Schmalstullenfabrik Degeto, dass ihr Anspruch unter neuer Führung langsam ein bisschen übers sture Versendung dämlicher Liebesschnulzen hinausgeht. Doch bei kaum einem anderen Darsteller dieser Kategorie zwischen A- und B-Promi ist das Dilemma attraktiver Optik spürbarer als bei Kommissar Dupin alias Pasquale Aleardi. Kein Wunder, dass er mit Ermittlerfreundin Esther Zimmering und Annika Blendl als Assistentin Nolwenn zwei Schönheiten zur Seite bekommt, an denen er seinen süßen Dackelblick trainieren darf. Und das gleich in Serie. Seinem Portfolio bekommt das sicher gar nicht so schlecht. Seinem Anspruch, endlich ernster genommen zu werden als seiner Hülle eher weniger.


Das Ende der Geduld: Duldung & Fiktion

Mehr Toleranz für Intoleranz

Seit Sonntag wirbt die ARD-Themenwoche auf allen Kanälen für Erdulden statt Akzeptanz. Das ist oft gönnerhaft – außer im fabelhaften Biopic Das Ende der Geduld mit Martina Gedeck als Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heute Abend im Ersten wird Toleranz darin nicht verlogen gepredigt, sondern wirklich debattiert. Auch wenn die echte Juristin zuweilen besser wegkommt, als sie in der Realität womöglich war. 

Von Jan Freitag

Toleranz ist das Gebot der Integrationsstunde. Wer sich modern geben will, liberal und empathisch, betont zwanghaft seine Toleranz für alles, was irgendwie von der Norm abweicht: Behinderte, Homosexuelle, Andersgläubige, Ausländer, die vor allem. Wer tolerant ist, meint es ja gut. Dummerweise ist gut gemeint allzu oft das genaue Gegenteil von gut – weshalb die ARD in ihrer Themenwoche Toleranz selten das Gute feiert. Sondern die hässliche kleine Schwester der Akzeptanz. Wer tolerant ist, nimmt etwas mehr zähneknirschend hin, statt es aufrichtig als gleichwertig anzunehmen. Toleranz trägt den Keim der Verlogenheit weit tiefer in sich als vorgebliche Anteilnahme. Auch deshalb hätte sich Kirsten Heisig sicher mit Stolz als intolerant bezeichnet. Als sie 2008 am Amtsgericht Tiergarten tätig wurde, wollte die Jugendrichterin den herrschenden Umgang mit jungen Kriminellen am Berliner Brennpunkt nicht mehr hinnehmen und wendete die Gesetze daher strikter an als ihre wohlmeinend nachsichtigen Kollegen.

Die ortsübliche Toleranz mit straffälligen Jugendlichen aus Erschöpfung und Personalmangel nebst liberaler Rechtsauffassung ersetzte sie durch Zügigkeit, Härte und viel persönlichem Einsatz. Die erzieherische Wirkung schneller Urteile legte später den Grundstein ihres „Neuköllner Modells“, das bundesweit rasch Vorbildfunktion erlangte. Vom Umfeld allerdings brachte es derlei Rigidität viel Gegenwind, vom Boulevard den Titel „Richterin Gnadenlos“. Und von der ARD nun sogar ein Biopic. Das Ende der Geduld, benannt nach Kirsten Heisigs biografischem Sachbuch, schildert die letzten Wochen im Leben der streitbaren Juristin, die sich im Sommer 2010 inmitten des schwarzrotgoldduseligen Weltmeisterschaftstrubels das Leben nahm. Weniger gnadenlos als pädagogisch setzt sie sich als Corinna Kleist vor allem mit einem arabischen Clan ihres Kiezes auseinander, sucht stets die juristische Konfrontation, bietet kleine Deals für geringere Strafen an, urteilt hart, aber gerecht und gerät somit zu einer Art Lichtblick im trüben Wasser toleranter Verlogenheit. Was wiederum an Martina Gedeck liegt.

Denn wie sie die reale Richterin mit Wahrhaftigkeit füllt, ist – vorsichtig formuliert – eine Sensation. Ihr Gesichtsausdruck vermag es, Nähe und Distanz in einem einzigen Halblächeln zu vereinen. Allein Martina Gedecks Mimik kündet somit ausdrucksstark vom Dilemma zwischen dem tiefen Glauben an den Rechtstaat und dessen Hilflosigkeit im Angesicht anarchistisch entfesselter Bandenkriminalität zu verkünden. Wenn dann noch ihre sonore Stimme hinzukommt, glaubt man als Zuschauer, die echte Richterin zu begleiten, nicht bloß eine Schauspielerin.

Wie sie das haspelnd vorgetragene Gedicht eines abermals verurteilten Punkmädchens ausdruckslos mit „Mach’s gut, ich vertrau dir, komm nicht wieder, ja?“ statt schwülem Pilcher-Gesäusel kommentiert; wie sie der handelsüblichen Kindergeldtirade des Polizisten auf Viertelrundfahrt, „die übernehmen uns durch ihre Fruchtbarkeit“, ein trockenes „Neidisch?“ entgegnet; wie sie einer solchen Vielfachmutter auf die Klage in holpernden Deutsch, „wir brauchen Geld für Turnschuhe“, vors Kopftuch knallt, „Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs“; wie sie also tolerant bloß im Sinne der rechtlichen Schranken ist und ansonsten ihren Geist sprechen lässt – all dies macht Das Ende der Geduld zu einem bemerkenswerten Film über die Fallstricke der Realität. Trotz allem.

Trotz einiger Klischees liberaler Gutmenschen also, die wie der fabelhafte Jörg Hartmann als Jugendrichter Wachowiak unterm Talar zottelige Geisteskiffer sind, aber bei Konferenzen teuren Wein im Edelrestaurant verkosten. Trotz der Zeichnung libanesischer Gangs als quasi genetisch bedingte Unmenschen vor allem. Und ob Kirsten Heisig wirklich eine derart makellos moralgetriebene Superjuristin wie Corinna Kleist im Film ist, deren angebliche Depression als mögliche Suizidursache einfach mal komplett ausgespart wird, sei mal – schon aus Gründen der Pietät – dahingestellt. Dennoch ist Christian Wagners leiser, aber lautstarker Film eine famose Entzauberung der Scheinidylle bürgerlicher Toleranz zum Wohle von etwas, das dieser Kirsten Heisig zumindest in Form von Corinna Kleist abzunehmen ist: Akzeptanz menschlicher Unterschiede. Ein wenig mehr davon täte auch der ARD-Themenwoche gut.


Altersglühen: Speeddating & Improvisation

Allerbest Ager

Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.

Von Jan Freitag

Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.

Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.

Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.

Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung  einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.

Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.


Bornholmer Straße: Mauerfallfilm & Hübner

Befehl!

Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.

Von Jan Freitag

Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!

Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.

Fertig.

Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.

Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.

Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.


Francis Fulton-Smith: Nostalgie & Schulter

Steward Fulton-Smith Granger

Francis Fulton-Smith ist ein Schauspieler der ganz alten Schule, ein kantiger Charmeur, der zupackt und mitfühlt, pures Fünzigerjahrefernsehen gegen die emanzipatorischen Verlockungen der Gegenwart. Jetzt zeigt er das mal wieder mit junger schöner Frau und harten Nüssen zu knacken in Ein Fall von Liebe (donnerstags, 18.50 Uhr, ARD). Und das Dollste: Damit kann FFS echt zufrieden sein. 

Von Jan Freitag

In Zeiten wie diesen haben es echte Kerle schwer. Der Kulturbetrieb sucht metrosexuelle Protagonisten, allerorten ist Androgynität gefragt, von Wirtschaft bis Kino sind Frauen auf dem Vormarsch und dürfen dabei sogar Frauen bleiben. Keine leichte Phase also für Männer vom Schlage eines Francis Fulton-Smith. Der Münchner Schauspieler ist schließlich ein Prototyp maskuliner Beharrlichkeit im Showbiz: Lederjackenattitüde, 36-Stunden-Bart, Landsermimik – ein Mannsbild wie aus dem Silberwald. Ein Kraftpaket früherer Tage, als es sonntags noch Braten mit Soße gab und alltags Vollbeschäftigung. Francis Fulton-Smith – so heißt er wirklich! – ist so gestrig wie Meister Proper und doch bestens im Geschäft. Das hat Gründe.

Offenbar gibt es auch in Zeiten wie diesen einen unverwüstlichen Bedarf nach Helden alter Schule. Und da auch die Nachfrage nach Krimiserien ungebrochen ist, darf FFC, das bayrische Kraftpaket mit britischem Pass, mal als französischer Flic mit Stahl im Blick namens LaBréa auf Verbrecherjagd gehen und dabei auf Pariser Straßen fließend deutsch sprechen. Mal darf er etwas Ähnliches in Deutschland tun, wenn er wie heute den alliterierenden Anwalt Florian Faber spielt, der mit Mariella Ahrens als Journalistin und Exfrau für Gerechtigkeit und den denkbar debilen Titel Ein Fall von Liebe kämpft.

Das ist wie nahezu alles, was Francis Fulton Smith spielt, dramaturgisch hanebüchen, schauspielerisch mäßig und alles in allem unfassbar konventionell. Aber um inhaltliche Güte geht es dem Vorabendfernsehen ebenso wenig wie dem zugehörigen Publikum. Beiden geht es ums Einlullen, die sanfte Vorbereitung auf den anschließenden Hauptabend, wenn abseits der handelsüblichen Tatort-Härte an schönen Urlaubszielen ermittelt wird und ARZDF von Venedig (Donna Leon) über halb Skandinavien bis nach Triest (Commissario Laurenti) auf Reisen geht. Und immer vorweg: diese kantigen Charmeure des Stromlinienfernsehen: Erol Sander, Uwe Kockisch und natürlich er: Francis Fulton-Smith.

Doch so auch die heimische Übeltäterhatz schmeckt – das Kraftpaket von 43 Jahren ist für derlei Formate keinesfalls die schlechteste Wahl, nicht bei diesem Sender, nicht auf diesem Sendplatz, nicht bei diesem Zielpublikum. Denn die Generation 60+ belohnt auch herkömmliche Formate mit Topquoten und mag vor der Nachtruhe weder feuilletonistisches Dialogkino noch schrilles Entertainment. Ihm reicht seichte Unterhaltung mit leichtem Schauder, an dessen Ende gut über böse siegt. Punkt.

Vor allem aber schätzt es hier wie an den anderen Schnulzenplätzen von ARD und ZDF Männer wie Francis Fulton-Smith. Eben weil er sie an verwehte Heimatfilmepochen erinnert. Nicht umsonst ist in seiner bekanntesten Rolle die ganze Filmsippe nach seinem Filmberuf benannt (Familie Dr. Kleist). Da fühlen sich viele Senioren in überschaubare Zeiten zurückversetzt, als man haushaltende Gattinnen noch mit Frau Kommerzienrat anreden durfte.

Es ist dieser zahme Tiger aus Traumschiff, Pilcher und Schwarzwaldklinik, den kaum einer besser zu reiten versteht als Francis Fulton-Smith. Viele seiner Filme tragen irgendwas mit Herzen, Liebe, Glück oder Gefühl im Titel. Seit seiner Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist er auf Beziehungsrollen abonniert. Gern spielt er sie an der Seite von Christine Neubauer. Fast immer wird darin Triviales verhandelt. Und wenn er mal etwas Härteres wie einen Wehrmachtsoffizier gibt, dann zielsicher in revanchistischer TV-Sülze wie Die Gustloff. Aus dieser Kitschfalle, so Fulton-Smith selbst, soll ihm nun Alexandra von Grotes Romanreihenverfilmung LaBréa helfen. Ausgerechnet. „Ich kann ja nicht immer der freundliche Arzt aus Eisenach sein“, sagt er offen und fügt hinzu: „Bei Dr. Kleist hat eben immer die Sonne zu scheinen.“

Mit Verlaub, Mr. Fulton-Smith, das tut sie in fast all ihren Formaten. Permanent. Vor kurzem durfte FFS zwar einen furiosen FJS spielen, als ihn die ARD in der Spiegel-Affäre als bayerischen Gegenspieler des charismatischen Rudolf Augstein besetzte. Danach aber gab’s nicht wie erhofft anspruchsvollere Formate, sondern doch wieder nur Sulz à la Ein Fall von Liebe. Doch was soll’s – „ich bin gut im Geschäft“, sagt er gut gelaunt und brüllt über die voll besetzte Tafel der Pressepremiere seiner neuen Rolle „es ist angerichtet“ hinweg, als niemand sonst die Gabel erhebt. So ist er eben: geradlinig, männlich, ein Machertyp, im Film wie privat, wo er mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau Verena Klein in München lebt. Daran gibt es wenig zu kritisieren, das Publikum sucht Darsteller wie ihn in Filmen wie diesen, ein bisschen Steward Granger, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Starke Schulter in Zeiten, wo selbst echte Kerle mal weinen. Wir leben in FFS-Zeiten. Was braucht es da gute Rollen.


Johann von Bülow: Verführer & Sidekick

Der Aristokrat

Die ARD-Serie Mord mit Aussicht entwickelt sich zusehends von der eigensinnigen Provinzstudie zur Primetime-Fassung des Schmunzelkrimis. Dass sie dennoch so erfolgreich ist, liegt auch an den exzellenten Nebendarstellern. Zu denen zählt seit dieser Staffel Johann von Bülow, der einen grandiosen Schnösel gibt. Das kann er. Gewissermaßen schon qua Geburt.

Von Jan Freitag

Es ist der Augenaufschlag. Die Stirn in Falten zu legen und gleichsam die Lider zu senken, ohne dabei verschlagen oder blöde dreinzuschauen – so wird aus Blicken Hochmut. So geht aristokratische Mimik. So verkörpert man den geborenen Snob. Und den beherrscht kaum ein zweiter wie: Johann von Bülow. Was zwar nicht nur, aber irgendwie auch ein wenig am Anredeprädikat zwischen Vor- und Nachnamen liegt. Der Wahlberliner aus München ist schließlich von Adel. Und ein ziemlich guter Schauspieler zudem.

Trotzdem sorgt er nach der Hälfte seiner 42 Jahre im Filmgeschäft selbst bei denen, die regelmäßig fernsehen, eher für eine andere Assoziation. Von Bülow – heißt so nicht ein gewisser Loriot real? Das tut er; der junge Johann ist entfernt verwandt mit Deutschlands jüngst verstorbenen König des Alltagshumors. „Sehr entfernt“, beteuert dessen Sippenmitglied, dem die mecklenburgischen Ursprünge vor fast 800 Jahren wenig bedeuten. Ländereien, Reichtum, gar Schlösser – „das muss man sich in meinem unmittelbaren Umfeld unbedingt wegdenken“, sagte er mal anlässlich einer typischen Rolle als Erbe einer Werftendynastie mit dauerkrauser Stirn. „Dass ich einen bekannten alten Namen trage, hat in meinem Alltag keine Bedeutung.“

Bis auf diesen Augenaufschlag eben, die ihm so manche Figur mit Klassendünkel beschert. Denn Johann von Bülow spielt sie oft – diese leicht hochnäsigen Charaktere im Bannstrahl der Oberschicht, gern wirklich erlaucht, zumindest mit dieser leicht dubiosen Arroganz der Macht versehen. Wie in Uli Edels dreiteiligem Historienschinken Adlon, wo er einen Offizier namens von Tennen spielt. Wie zuletzt im gelungenen Dokudrama Die Spiegel-Affäre, wo er seinem real existierenden Redakteur Becker einen Gestus umwälzenden Journalistenstolzes verpasst. Wie einst im schmalzigen Biopic Carl & Bertha, wo er dem Benzinmotorerfinder das Kapital entzieht. Wie irgendwann in der grundsoliden Kanzleiserie Die Anwälte, wo er als karrieristischer Top-Verteidiger den Gegenpart zum netten Kai Wiesinger gibt. Und nun also wie in der Krimi-Reihe Mord mit Aussicht, wo er seit ein paar Wochen immer dienstags den großspurigen Schnösel Schulte mimt, der sich zum Bürgermeister aufschwingen will. Es eine Art Paraderolle. Auch wenn Johann von Bülow davon natürlich nicht sprechen will.

Das tun andere – Produzenten, Redakteure, Filmbesetzer, das Publikum – schließlich schon zur Genüge. „Wenn ich gewollt hätte“, er zeigt sein indigniertestes Aristokratengesicht, „hätte ich häufiger den netten Grafen im Pilcher-Film spielen können“. Das Etikett vom Sohn aus gutem Hause lenke die Verantwortlichen da oft auf falsche Fährten. Umso eifriger bemüht sich Johann von Bülow, sie davon zu vertreiben: Mit Verweigerung und Vielfalt, wenngleich zumeist in Nebenrollen. Wie jetzt, als Sidekick der Serienstars Caroline Peters und Bjarne Mädel. Das sei nun mal das Schicksal der „Charakterschauspieler“, als den er sich – „bei aller Bescheidenheit“ – sieht. Des „Antagonisten, der seltener eine ganze Geschichte trägt“.

Damit hat er schon seinen ersten großen Film Nach fünf im Urwald bereichert, wo er der blutjungen Franka Potente 1995 als erwachsener Verführer Nick zeigt, dass Männer tendenziell eben doch Schweine sind. Mit dieser Bereitschaft, Arschlöcher zu spielen, trägt er nun auch Mord mit Aussicht über die hohe Hürde des Klamauks hinweg,  ohne sich ins Rampenlicht zu stellen und doch genug davon aufs uneitel gelichtete Haupthaar zu kriegen. Mit viel Gefühl fürs Timing. Mit unbeholfener Arglist im Habitus. Und mit diesem Augenaufschlag, der aristokratisch wirkt, selbst wenn das Blut rot ist, nicht blau. Dass er es mit Ritter Godofridus de Bulowe teilt, geboren Anfang des 13. Jahrhundert, spielt da keine Rolle.

Mord mit Aussicht, dienstags, 20.15 Uhr, ARD