Das Ende der Geduld: Duldung & Fiktion

Mehr Toleranz für Intoleranz

Seit Sonntag wirbt die ARD-Themenwoche auf allen Kanälen für Erdulden statt Akzeptanz. Das ist oft gönnerhaft – außer im fabelhaften Biopic Das Ende der Geduld mit Martina Gedeck als Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heute Abend im Ersten wird Toleranz darin nicht verlogen gepredigt, sondern wirklich debattiert. Auch wenn die echte Juristin zuweilen besser wegkommt, als sie in der Realität womöglich war. 

Von Jan Freitag

Toleranz ist das Gebot der Integrationsstunde. Wer sich modern geben will, liberal und empathisch, betont zwanghaft seine Toleranz für alles, was irgendwie von der Norm abweicht: Behinderte, Homosexuelle, Andersgläubige, Ausländer, die vor allem. Wer tolerant ist, meint es ja gut. Dummerweise ist gut gemeint allzu oft das genaue Gegenteil von gut – weshalb die ARD in ihrer Themenwoche Toleranz selten das Gute feiert. Sondern die hässliche kleine Schwester der Akzeptanz. Wer tolerant ist, nimmt etwas mehr zähneknirschend hin, statt es aufrichtig als gleichwertig anzunehmen. Toleranz trägt den Keim der Verlogenheit weit tiefer in sich als vorgebliche Anteilnahme. Auch deshalb hätte sich Kirsten Heisig sicher mit Stolz als intolerant bezeichnet. Als sie 2008 am Amtsgericht Tiergarten tätig wurde, wollte die Jugendrichterin den herrschenden Umgang mit jungen Kriminellen am Berliner Brennpunkt nicht mehr hinnehmen und wendete die Gesetze daher strikter an als ihre wohlmeinend nachsichtigen Kollegen.

Die ortsübliche Toleranz mit straffälligen Jugendlichen aus Erschöpfung und Personalmangel nebst liberaler Rechtsauffassung ersetzte sie durch Zügigkeit, Härte und viel persönlichem Einsatz. Die erzieherische Wirkung schneller Urteile legte später den Grundstein ihres „Neuköllner Modells“, das bundesweit rasch Vorbildfunktion erlangte. Vom Umfeld allerdings brachte es derlei Rigidität viel Gegenwind, vom Boulevard den Titel „Richterin Gnadenlos“. Und von der ARD nun sogar ein Biopic. Das Ende der Geduld, benannt nach Kirsten Heisigs biografischem Sachbuch, schildert die letzten Wochen im Leben der streitbaren Juristin, die sich im Sommer 2010 inmitten des schwarzrotgoldduseligen Weltmeisterschaftstrubels das Leben nahm. Weniger gnadenlos als pädagogisch setzt sie sich als Corinna Kleist vor allem mit einem arabischen Clan ihres Kiezes auseinander, sucht stets die juristische Konfrontation, bietet kleine Deals für geringere Strafen an, urteilt hart, aber gerecht und gerät somit zu einer Art Lichtblick im trüben Wasser toleranter Verlogenheit. Was wiederum an Martina Gedeck liegt.

Denn wie sie die reale Richterin mit Wahrhaftigkeit füllt, ist – vorsichtig formuliert – eine Sensation. Ihr Gesichtsausdruck vermag es, Nähe und Distanz in einem einzigen Halblächeln zu vereinen. Allein Martina Gedecks Mimik kündet somit ausdrucksstark vom Dilemma zwischen dem tiefen Glauben an den Rechtstaat und dessen Hilflosigkeit im Angesicht anarchistisch entfesselter Bandenkriminalität zu verkünden. Wenn dann noch ihre sonore Stimme hinzukommt, glaubt man als Zuschauer, die echte Richterin zu begleiten, nicht bloß eine Schauspielerin.

Wie sie das haspelnd vorgetragene Gedicht eines abermals verurteilten Punkmädchens ausdruckslos mit „Mach’s gut, ich vertrau dir, komm nicht wieder, ja?“ statt schwülem Pilcher-Gesäusel kommentiert; wie sie der handelsüblichen Kindergeldtirade des Polizisten auf Viertelrundfahrt, „die übernehmen uns durch ihre Fruchtbarkeit“, ein trockenes „Neidisch?“ entgegnet; wie sie einer solchen Vielfachmutter auf die Klage in holpernden Deutsch, „wir brauchen Geld für Turnschuhe“, vors Kopftuch knallt, „Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs“; wie sie also tolerant bloß im Sinne der rechtlichen Schranken ist und ansonsten ihren Geist sprechen lässt – all dies macht Das Ende der Geduld zu einem bemerkenswerten Film über die Fallstricke der Realität. Trotz allem.

Trotz einiger Klischees liberaler Gutmenschen also, die wie der fabelhafte Jörg Hartmann als Jugendrichter Wachowiak unterm Talar zottelige Geisteskiffer sind, aber bei Konferenzen teuren Wein im Edelrestaurant verkosten. Trotz der Zeichnung libanesischer Gangs als quasi genetisch bedingte Unmenschen vor allem. Und ob Kirsten Heisig wirklich eine derart makellos moralgetriebene Superjuristin wie Corinna Kleist im Film ist, deren angebliche Depression als mögliche Suizidursache einfach mal komplett ausgespart wird, sei mal – schon aus Gründen der Pietät – dahingestellt. Dennoch ist Christian Wagners leiser, aber lautstarker Film eine famose Entzauberung der Scheinidylle bürgerlicher Toleranz zum Wohle von etwas, das dieser Kirsten Heisig zumindest in Form von Corinna Kleist abzunehmen ist: Akzeptanz menschlicher Unterschiede. Ein wenig mehr davon täte auch der ARD-Themenwoche gut.


Altersglühen: Speeddating & Improvisation

Allerbest Ager

Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.

Von Jan Freitag

Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.

Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.

Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.

Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung  einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.

Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.


Bornholmer Straße: Mauerfallfilm & Hübner

Befehl!

Der famose ARD-Film Bornholmer Straße (5. November, 20.15 Uhr) ist gewiss eines der besten Stücke Aufarbeitung des Mauerfalls vor 25 Jahren. Das liegt am tragikomischen Drehbuch, mehr aber noch an Charly Hübner als zweifelnd resoluter Grenzer, den es angeblich genau so in der Realität gab. Und das ist fast noch schwerer zu glauben als der Spießersozialismus selbst.

Von Jan Freitag

Das Aussehen, so lautet eine Grundregel filmischer Attraktivitätsverteilung, hängt maßgeblich von der Geisteshaltung ab. Um in 90 Minuten möglichst wenig Zeit mit Charakterzeichnung zu vergeuden, zeichnet man lieber an der äußeren Kontur. Die Guten sehen daher meist super aus, die Bösen dagegen, nun ja, eher Scheiße. Ein DDR-Grenzübergang zum Beispiel, in einer kühlen Herbstnacht vor 25 Jahren: Nervös beobachtet die Wachmannschaft eine anschwellende Menschenmenge, die ohne Visum von Ost- nach Westberlin wollen, und wie sehen sie aus, die uniformierten Schießhunde des sinkenden Schiffes? Wie Trottel!

Die Körper zu linkisch, die Haare zu bieder, die Brillen zu groß, die Blicke zu dumpf – die gesamte Schlagbaumbesatzung ist eine hyperbürokratische Karikatur ihrer Selbst, allesamt Fratzen der Tyrannei, demaskiert von der wankenden Mauer daneben. So stellt sich das gesamtdeutsche Fernsehen zum Jubiläum der Wiedervereinigung den Systemfeind vor. Noch ein Klischeestück über die Wendezeit, noch mehr fiese Realsozialisten im Kampf mit aufrechten Bürgern – mit dieser Feststellung könnte man es bewenden lassen, abschalten oder einnicken und rasch vergessen.

Fertig.

Doch so einfach ist es nicht. Die ARD mag das Vorurteil des falschen Lebens im Falschen abermals nach Schema F wie Fremdscham kostümieren – abgesehen vom Äußeren fiktionalisiert „Bornholmer Straße“ die Realität einer historischen Nacht am Rande der Brillanz. Christian Schwochows Film liefert mit das Beste, was zum 9. November 89 samt Folgen bislang gedreht wurde. Und das hat zwei gleichrangige Gründe. Der erste steht im Drehbuch der Eltern des Regisseurs. Das Familienprodukt von der Ferieninsel Rügen entwickelt nämlich als erster Film zum Thema glaubhaft Empathie für die Täter, ohne ihre Handeln zu verharmlosen. Das Schlüsselwort lautet: Befehl. Je mehr die bewaffneten Grenzer innerlich vorm wachsenden Mob im Neonlicht ihres Postens kapitulieren, je absurder ihnen das Exekutieren überkommener Gesetze im Lichte von Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz („unverzüglich“) erscheint, je heftiger sie ihre aufkeimende Angst in hilfloses Paragrafenreiten kleiden, desto häufiger verweisen sie auf ihre Vorgesetzten. Gern ohne Prädikat und Objekt: Befehl. Punkt.

Dieser betutlich-biedere, ketterauchend-ignorante, moosgrün-staubige Kadavergehorsam macht Bornholmer Straße zu weit mehr als bloß einer weiteren Fiktion des diktatorischen Ernstfalls vor realem Hintergrund. Weder bloß Tragödie noch bloß Komödie, die das System aus SED, FDJ, NVA wechselweise verulkt oder überzeichnet, um ernsthafte Diskurse zu vermeiden. Es ist eine wahrheitsgemäß groteske Darstellung hierarchischen Verhaltens insgesamt, eine mal sehr lustige, mal mehr ergreifende Studie gesunden Menschenverstands am Krankenbett der Unlogik. Die Protagonisten mögen dabei bis in die höchsten Dienstgrade handelnde Akteure des Legalen, aber Illegitimen sein – als in dieser Nacht lange nach der Moral auch noch das Recht kippt, werden sie selbst zu Opfern. Opfern der Geschichte, Opfern der Zukunft.

Und die verkörpert, zweiter Grund, niemand so hinreißend wie Charly Hübner. Sein tapsig resoluter Oberstleutnant Harald Schäfer schwankt so fabelhaft zwischen Macht und Ohnmacht, Wut, Verzweiflung, Loyalität und Trotz, als stünde der echte Harald Schäfer am Set, jener Chef vom Dienst, der damals kurz vorm Gewaltausbruch den Grenzbaum hochzog. Dafür braucht der 41-Jährige wie bei Mecklenburgern üblich nicht viele Worte; ihm reichen kleine Gesten, die mehr sagen als ein ganzer Abend RTL. Wie sein schweigsam brodelnder Kommissar Bukow im Polizeiruf schürzt Hübner im Konfliktfall oft nur die Lippen und betrachtet den Lauf der Dinge wie von außen, hilflos und zweifelnd, doch voller Verantwortungsgefühl: für seine Grenze, die jener Schäfer seit 25 Jahren sichert. Für das System, hier symbolisiert von einem grandios zerfließenden Ulrich Mattes als Oberst Hartmut Kummer. Für seine Untergebenen von Milan Peschel über Rainer Bock bis Frederick Lau. Letztlich auch für die Menge, deren Zorn zusehends gerechter wirkt. Auch sie ist übrigens erstaunlich unfotogen. Wenn selbst die Guten scheiße aussehen dürfen, macht ein guter Film noch mehr richtig.


Francis Fulton-Smith: Nostalgie & Schulter

Steward Fulton-Smith Granger

Francis Fulton-Smith ist ein Schauspieler der ganz alten Schule, ein kantiger Charmeur, der zupackt und mitfühlt, pures Fünzigerjahrefernsehen gegen die emanzipatorischen Verlockungen der Gegenwart. Jetzt zeigt er das mal wieder mit junger schöner Frau und harten Nüssen zu knacken in Ein Fall von Liebe (donnerstags, 18.50 Uhr, ARD). Und das Dollste: Damit kann FFS echt zufrieden sein. 

Von Jan Freitag

In Zeiten wie diesen haben es echte Kerle schwer. Der Kulturbetrieb sucht metrosexuelle Protagonisten, allerorten ist Androgynität gefragt, von Wirtschaft bis Kino sind Frauen auf dem Vormarsch und dürfen dabei sogar Frauen bleiben. Keine leichte Phase also für Männer vom Schlage eines Francis Fulton-Smith. Der Münchner Schauspieler ist schließlich ein Prototyp maskuliner Beharrlichkeit im Showbiz: Lederjackenattitüde, 36-Stunden-Bart, Landsermimik – ein Mannsbild wie aus dem Silberwald. Ein Kraftpaket früherer Tage, als es sonntags noch Braten mit Soße gab und alltags Vollbeschäftigung. Francis Fulton-Smith – so heißt er wirklich! – ist so gestrig wie Meister Proper und doch bestens im Geschäft. Das hat Gründe.

Offenbar gibt es auch in Zeiten wie diesen einen unverwüstlichen Bedarf nach Helden alter Schule. Und da auch die Nachfrage nach Krimiserien ungebrochen ist, darf FFC, das bayrische Kraftpaket mit britischem Pass, mal als französischer Flic mit Stahl im Blick namens LaBréa auf Verbrecherjagd gehen und dabei auf Pariser Straßen fließend deutsch sprechen. Mal darf er etwas Ähnliches in Deutschland tun, wenn er wie heute den alliterierenden Anwalt Florian Faber spielt, der mit Mariella Ahrens als Journalistin und Exfrau für Gerechtigkeit und den denkbar debilen Titel Ein Fall von Liebe kämpft.

Das ist wie nahezu alles, was Francis Fulton Smith spielt, dramaturgisch hanebüchen, schauspielerisch mäßig und alles in allem unfassbar konventionell. Aber um inhaltliche Güte geht es dem Vorabendfernsehen ebenso wenig wie dem zugehörigen Publikum. Beiden geht es ums Einlullen, die sanfte Vorbereitung auf den anschließenden Hauptabend, wenn abseits der handelsüblichen Tatort-Härte an schönen Urlaubszielen ermittelt wird und ARZDF von Venedig (Donna Leon) über halb Skandinavien bis nach Triest (Commissario Laurenti) auf Reisen geht. Und immer vorweg: diese kantigen Charmeure des Stromlinienfernsehen: Erol Sander, Uwe Kockisch und natürlich er: Francis Fulton-Smith.

Doch so auch die heimische Übeltäterhatz schmeckt – das Kraftpaket von 43 Jahren ist für derlei Formate keinesfalls die schlechteste Wahl, nicht bei diesem Sender, nicht auf diesem Sendplatz, nicht bei diesem Zielpublikum. Denn die Generation 60+ belohnt auch herkömmliche Formate mit Topquoten und mag vor der Nachtruhe weder feuilletonistisches Dialogkino noch schrilles Entertainment. Ihm reicht seichte Unterhaltung mit leichtem Schauder, an dessen Ende gut über böse siegt. Punkt.

Vor allem aber schätzt es hier wie an den anderen Schnulzenplätzen von ARD und ZDF Männer wie Francis Fulton-Smith. Eben weil er sie an verwehte Heimatfilmepochen erinnert. Nicht umsonst ist in seiner bekanntesten Rolle die ganze Filmsippe nach seinem Filmberuf benannt (Familie Dr. Kleist). Da fühlen sich viele Senioren in überschaubare Zeiten zurückversetzt, als man haushaltende Gattinnen noch mit Frau Kommerzienrat anreden durfte.

Es ist dieser zahme Tiger aus Traumschiff, Pilcher und Schwarzwaldklinik, den kaum einer besser zu reiten versteht als Francis Fulton-Smith. Viele seiner Filme tragen irgendwas mit Herzen, Liebe, Glück oder Gefühl im Titel. Seit seiner Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist er auf Beziehungsrollen abonniert. Gern spielt er sie an der Seite von Christine Neubauer. Fast immer wird darin Triviales verhandelt. Und wenn er mal etwas Härteres wie einen Wehrmachtsoffizier gibt, dann zielsicher in revanchistischer TV-Sülze wie Die Gustloff. Aus dieser Kitschfalle, so Fulton-Smith selbst, soll ihm nun Alexandra von Grotes Romanreihenverfilmung LaBréa helfen. Ausgerechnet. „Ich kann ja nicht immer der freundliche Arzt aus Eisenach sein“, sagt er offen und fügt hinzu: „Bei Dr. Kleist hat eben immer die Sonne zu scheinen.“

Mit Verlaub, Mr. Fulton-Smith, das tut sie in fast all ihren Formaten. Permanent. Vor kurzem durfte FFS zwar einen furiosen FJS spielen, als ihn die ARD in der Spiegel-Affäre als bayerischen Gegenspieler des charismatischen Rudolf Augstein besetzte. Danach aber gab’s nicht wie erhofft anspruchsvollere Formate, sondern doch wieder nur Sulz à la Ein Fall von Liebe. Doch was soll’s – „ich bin gut im Geschäft“, sagt er gut gelaunt und brüllt über die voll besetzte Tafel der Pressepremiere seiner neuen Rolle „es ist angerichtet“ hinweg, als niemand sonst die Gabel erhebt. So ist er eben: geradlinig, männlich, ein Machertyp, im Film wie privat, wo er mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau Verena Klein in München lebt. Daran gibt es wenig zu kritisieren, das Publikum sucht Darsteller wie ihn in Filmen wie diesen, ein bisschen Steward Granger, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen Starke Schulter in Zeiten, wo selbst echte Kerle mal weinen. Wir leben in FFS-Zeiten. Was braucht es da gute Rollen.


Johann von Bülow: Verführer & Sidekick

Der Aristokrat

Die ARD-Serie Mord mit Aussicht entwickelt sich zusehends von der eigensinnigen Provinzstudie zur Primetime-Fassung des Schmunzelkrimis. Dass sie dennoch so erfolgreich ist, liegt auch an den exzellenten Nebendarstellern. Zu denen zählt seit dieser Staffel Johann von Bülow, der einen grandiosen Schnösel gibt. Das kann er. Gewissermaßen schon qua Geburt.

Von Jan Freitag

Es ist der Augenaufschlag. Die Stirn in Falten zu legen und gleichsam die Lider zu senken, ohne dabei verschlagen oder blöde dreinzuschauen – so wird aus Blicken Hochmut. So geht aristokratische Mimik. So verkörpert man den geborenen Snob. Und den beherrscht kaum ein zweiter wie: Johann von Bülow. Was zwar nicht nur, aber irgendwie auch ein wenig am Anredeprädikat zwischen Vor- und Nachnamen liegt. Der Wahlberliner aus München ist schließlich von Adel. Und ein ziemlich guter Schauspieler zudem.

Trotzdem sorgt er nach der Hälfte seiner 42 Jahre im Filmgeschäft selbst bei denen, die regelmäßig fernsehen, eher für eine andere Assoziation. Von Bülow – heißt so nicht ein gewisser Loriot real? Das tut er; der junge Johann ist entfernt verwandt mit Deutschlands jüngst verstorbenen König des Alltagshumors. „Sehr entfernt“, beteuert dessen Sippenmitglied, dem die mecklenburgischen Ursprünge vor fast 800 Jahren wenig bedeuten. Ländereien, Reichtum, gar Schlösser – „das muss man sich in meinem unmittelbaren Umfeld unbedingt wegdenken“, sagte er mal anlässlich einer typischen Rolle als Erbe einer Werftendynastie mit dauerkrauser Stirn. „Dass ich einen bekannten alten Namen trage, hat in meinem Alltag keine Bedeutung.“

Bis auf diesen Augenaufschlag eben, die ihm so manche Figur mit Klassendünkel beschert. Denn Johann von Bülow spielt sie oft – diese leicht hochnäsigen Charaktere im Bannstrahl der Oberschicht, gern wirklich erlaucht, zumindest mit dieser leicht dubiosen Arroganz der Macht versehen. Wie in Uli Edels dreiteiligem Historienschinken Adlon, wo er einen Offizier namens von Tennen spielt. Wie zuletzt im gelungenen Dokudrama Die Spiegel-Affäre, wo er seinem real existierenden Redakteur Becker einen Gestus umwälzenden Journalistenstolzes verpasst. Wie einst im schmalzigen Biopic Carl & Bertha, wo er dem Benzinmotorerfinder das Kapital entzieht. Wie irgendwann in der grundsoliden Kanzleiserie Die Anwälte, wo er als karrieristischer Top-Verteidiger den Gegenpart zum netten Kai Wiesinger gibt. Und nun also wie in der Krimi-Reihe Mord mit Aussicht, wo er seit ein paar Wochen immer dienstags den großspurigen Schnösel Schulte mimt, der sich zum Bürgermeister aufschwingen will. Es eine Art Paraderolle. Auch wenn Johann von Bülow davon natürlich nicht sprechen will.

Das tun andere – Produzenten, Redakteure, Filmbesetzer, das Publikum – schließlich schon zur Genüge. „Wenn ich gewollt hätte“, er zeigt sein indigniertestes Aristokratengesicht, „hätte ich häufiger den netten Grafen im Pilcher-Film spielen können“. Das Etikett vom Sohn aus gutem Hause lenke die Verantwortlichen da oft auf falsche Fährten. Umso eifriger bemüht sich Johann von Bülow, sie davon zu vertreiben: Mit Verweigerung und Vielfalt, wenngleich zumeist in Nebenrollen. Wie jetzt, als Sidekick der Serienstars Caroline Peters und Bjarne Mädel. Das sei nun mal das Schicksal der „Charakterschauspieler“, als den er sich – „bei aller Bescheidenheit“ – sieht. Des „Antagonisten, der seltener eine ganze Geschichte trägt“.

Damit hat er schon seinen ersten großen Film Nach fünf im Urwald bereichert, wo er der blutjungen Franka Potente 1995 als erwachsener Verführer Nick zeigt, dass Männer tendenziell eben doch Schweine sind. Mit dieser Bereitschaft, Arschlöcher zu spielen, trägt er nun auch Mord mit Aussicht über die hohe Hürde des Klamauks hinweg,  ohne sich ins Rampenlicht zu stellen und doch genug davon aufs uneitel gelichtete Haupthaar zu kriegen. Mit viel Gefühl fürs Timing. Mit unbeholfener Arglist im Habitus. Und mit diesem Augenaufschlag, der aristokratisch wirkt, selbst wenn das Blut rot ist, nicht blau. Dass er es mit Ritter Godofridus de Bulowe teilt, geboren Anfang des 13. Jahrhundert, spielt da keine Rolle.

Mord mit Aussicht, dienstags, 20.15 Uhr, ARD


Christoph Röhl: Missbrauch & Persönlichkeit

Die perfekte Fassade

Der Regisseur Christoph Röhl war Tutor an der berüchtigten Odenwaldschule. Nach einer fabelhaften Doku über seinen früheren Arbeitsplatz hat der Deutsch-Brite das dortige Missbrauchssystem nun als Spielfilm Die Auserwählten verarbeitet. Fast wäre die Ausstrahlung heute Abend (1. Oktober, 20.15 Uhr) in der ARD allerdings geplatzt: weil sie ihn als verharmlosend empfinden, haben zwei Betroffene auf Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt. Erfolglos.

Interview: Jan Freitag 

freitagsmedien: Herr Röhl, die Missbrauchsopfer Andreas Huckele und Till Boße fühlen sich von Die Auserwählten in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt, weil ihnen die Filmfiguren aufs Haar gleichen und die Odenwaldschule zudem verharmlosend dargestellt werde. Können Sie das nachvollziehen?

Christoph Röhl: Nein, denn bis auf die beiden waren alle anderen Betroffenen, die den Film bisher gesehen haben, begeistert.

Wenn rechtlich nichts zu beanstanden ist – können Sie den Vorwurf angesichts der Tatsache, dass die Ähnlichkeit vieler fiktionaler Figuren mit den lebenden verblüffend ist, denn nachempfinden?

Wir wollten uns von Anfang an auf kein Einzelschicksal konzentrieren. Uns war wichtig, keine Geschichte über einen Einzelfall zu erzählen, sondern über ein ganzes System. Der Grund ist klar: Im Falle der Odenwaldschule gab es mindestens 132 Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Deren Schicksal müssten wir mit dem Film gerecht werden. Er schildert keinerlei Ereignisse, die nur Huckele wiederfahren sind. Weder inhaltlich noch szenisch.

Hat der Regisseur eines Spielfilms mit realer Grundlage nicht dennoch eine besondere Fürsorgepflicht gegenüber den Protagonisten?

Die Verantwortung des Regisseurs – und die des Autors übrigens auch – ist, so authentisch zu sein wie nur möglich. Konkret heißt das: die Mechanismen vom Missbrauch wahrheitsgetreu darzustellen und das Universelle hervorzuheben. Details spielen dabei eine zweitrangige Rolle, solange die Essenz wahrhaftig ist. Es gibt viele Fachexperten, die uns bezeugt haben, dass wir dieses Ziel erreicht haben.

Hätte man dafür nicht jeden einzelnen Darstellten, also auch Andreas Huckele, intensiv am Entstehungsprozess des Films beteiligen müssen?

Andreas Huckele wollte auf eigenen Wunsch nicht involviert werden, weil er zu dem Zeitpunkt seinen eigenen Spielfilm realisieren wollte, mit Till Boße als Regisseur. Wenn beide nun behaupten, der Film verharmlose die Wirklichkeit, müsste man mir konkrete Beispiele nennen, an welchen Stellen man hätte härter erzählen müssen.

Den konkreten Missbrauch zum Beispiel deuten Sie im Film stets nur an.

Um der Gefahr des Voyeurismus vorzubeugen, die bei Kindesmissbrauch besonders groß ist. Film wirkt am stärksten, wenn er das Offensichtliche nicht zeigt. Daher müssen wir die Tat visuell nicht nochmals bestätigen. Zumal es hier um die Mechanismen geht, das Umfeld. Als ein Junge, dem der Täter das Bein streichelt, immer wieder zaghaft die Hand wegschiebt statt zu protestieren, geht es nicht um Missbrauch an sich, sondern den Versuch des Kindes, nein zu sagen, und darum, wie der Täter darüber hinwegsieht. Das zu zeigen ist wichtig, weil die Öffentlichkeit hinterher gern fragt: warum hast du dich nicht gewehrt?

Ist dieser zweite Missbrauch am Ende sogar schlimmer als der erste?

Das kann man weder trennen noch verallgemeinern. Aber was ich bei meiner Dokumentation noch nicht verstanden hatte, war die Bedeutung des Vertrauensverlusts, der das Opfer ein Leben lang begleitet. Es hat Angst, Scham, Schuldgefühle, findet aber nirgends Gehör und unterliegt so weiter der Täterstrategie. Man darf sich keine Illusionen machen: Das Delikt wird es immer geben. Deshalb verfolgt der Film ein bescheidenes Ziel: Der Zuschauer soll abwägen, wie er selbst handeln würde, geschähe es im eigenen Umfeld.

Was ist da besser geeignet: Die Doku Und wir sind nicht die einzigen, mit der Sie 2011 zum gleichen Thema Furore gemacht haben, oder ein Spielfilm, der die Realität nur zur Grundlage hat?

Letzteres, weil er emotionaler berührt. Das sagen auch Betroffene der Odenwaldschule, die ihn gesehen haben. Mit Fiktion erreicht man grundsätzlich mehr Menschen. In diesem Fall verfolgt sie aber auch einen ganz anderen Ansatz. Meine Dokumentation hat Missbrauch in seinen Grundzügen verständlich gemacht; der WDR-Film setzt all dies in den Kontext der Verhältnisse, indem wir zum Beispiel Petra Grust einführen, die als Lehrerin Einlass findet in dieses geschlossene System und dagegen aufbegehrt.

Andreas Huckele, der den Fall seinerzeit an die Öffentlichkeit gebracht hatte und anschließend unter Pseudonym ein Buch darüber geschrieben, wirft Ihnen vor, so eine Mahnerin habe es nie gegeben, weshalb sie allein dem Bedarf des Publikums nach einer positiven Figur diene, um aufatmen zu können. 

Dass hat mit Aufatmen nichts zu tun. Es ging uns um die Frage: warum schaut das Umfeld weg, wenn es vom Missbrauch was mitbekommt? Der beste Weg, um dies zu zeigen ist durch eine Figur, die auf den Missbrauch aufmerksam wird, darüber anderen berichten möchte, und – genau wie die betroffene Kinder selbst – auf Abwehrmechanismen stößt. Die Perspektive einer Lehrerin, die ebenfalls an dem Missbrauchssystem scheitert, verdeutlicht zudem die hoffnungslose Lage der Schüler. Wie alle anderen Figuren ist sie fiktional, aber nicht irreal. Ich selbst kann mich gut mit ihr identifizieren, weil ich dieses System ganz ähnlich kennengelernt habe.

Als Sie 1989 für zwei Jahre dort als Englisch-Tutor tätig waren.

Wie Petra habe ich damals ständig fotografiert, ohne konkreten Missbrauch mitzukriegen. So setzen sich alle Charaktere aus echten Personen zusammen. Selbst Simon Pistorius ist nicht eins zu eins Gerold Becker, bildet aber ab, was solche Menschen kennzeichnet: Charme, Intelligenz, Charisma. Selbst unsere Odenwaldschule ist fiktional, obwohl es der Originalschauplatz ist.

Hat es den Film beeinflusst, dort zu drehen?

Ich finde schon. Es ging uns zwar mehr um die Essenz des Geschehens als möglichst detailgetreue Kulissen. Aber die Odenwaldschule verkörpert ihr geschlossenes Missbrauchssystem natürlich nicht nur als Institution, sondern auch äußerlich. Gerade weil man dieser Idylle so wenig ansieht, was im Inneren vor sich geht, bietet sie die perfekte Fassade. Das Märchenhafte daran ist ein Geschenk für die Metaebene des Films und seine Authentizität.

Wie authentisch ist es dabei, dass Direktor Pistorius und sein Kollegium in Ihrer Darstellung an den Sektenführer Charles Manson und seine Family erinnert?

Tun sie das wirklich? Das wäre nicht gut, weil Becker und die Lehrer an der Odenwaldschule keine Monster wie Manson waren. Das ist wichtig. Missbrauch wird nicht vom „bösen fremden Mann“ begangen, sondern von Menschen mitten unter uns, oft die beliebtesten. So war es auch mit Becker, das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Bei meiner Ankunft war er zwar nicht mehr Direktor, aber alle haben von ihm geschwärmt. Eines Tages sah ich ihn über die Wiese auf den Speisesaal zukommen. Er war umringt von fröhlichen Kindern, die ihn förmlich angebetet haben. Ich fragte eine Kollegin: Who the hell is that?! Und sie sagte mit leuchtenden Augen: That’s Becker! Er wurde fast vergöttert.

Haben Sie ihn je kennengelernt?

Nein. Und ich fand ihn im Gegensatz zu anderen auch nicht charismatisch, was Filmaufnahmen von damals belegen. Das war letztlich der Grund, den Film zu machen: Jeder feierte die Schule, wie anders, besonders, einzigartig und toll sie doch sei. Auch ich war anfangs begeistert, allein vom Ambiente, habe aber schnell die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit entdeckt. Erstens war der Unterricht langweilig, konventionell und frontal, also keineswegs revolutionär. Zweitens gab es Missstände wie Alkohol- und Drogenkonsum, oft am helllichten Tag. Diese Art Regellosigkeit ist typisch für eine Missbrauchskultur.

Hätten Sie ihn jetzt, im Lichte der Vorwürfe, anders gemacht?

Nein. Ich habe mich seit viereinhalb Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt, einen Dokumentarfilm unter schwierigen Bedingungen hergestellt, danach an einem E-Learning Programm für das BMBF gearbeitet und nun mein ganzes Wissen inklusive eigener Erfahrungen in diesen Film eingebracht. Er war für mich also immer mehr war als bloß das – ein Film.

Mehr Infos und Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/odenwaldschule-christoph-roehl-interview


11 Freunde im TV: Die Last des Anspruchs

Bolzplatz war gestern

Die Fernsehversion des alternativen Fußballmagazins 11 Freunde im RBB hätte dem Fußballjournalismus durchaus etwas Neues hinzufügen können. Was Magazin-Chef Philipp Köster und Ko-Moderatorin Jessy Wellmer in der ersten Folge vor einem Monat ablieferten, war dann aber doch bloß eine halbgare Mischung aus Sport1-Stammtisch und Sat1-Comedy, die wenig Hoffnung macht, dass es heute wesentlich besser wird.

 

Von Jan Freitag

 

Die Assimilierung alternativer Ideen in den Mainstream ist ein probates Mittel der herrschenden Meinung, Abweichlern ein Stück ihrer renitenten Kraft zu rauben. Nach diesem Prinzip wurden schon grüne Gedanken christlich-demokratisch und rechtsradikale christlich-sozial, so gerieten Atomkraftwerke auf konservative Streichlisten, besetzte Häuser ins Stadtmarketing und nun also 11 Freunde ins Fernsehen. Seit gestern nämlich ist das rotzfreche Fußballmagazin früherer Tage beim RBB auf Sendung. Nach einer Testphase von zwei Folgen soll es dort monatlich zu vorgerückter Stunde zeigen, was das gedruckte Magazin schon lange nur noch so nebenbei liefert: Die abseitigen Seiten von Deutschlands Leib- und Magensport. Oder wie es Moderatorin Jessy Wellmer vor der Premiere herausposaunt hat: „Wir berichten leidenschaftlich über Fußball, wir beziehen Stellung, vor allem aber haben wir Spaß an diesem Spiel“.

Das ist der Kommunikationswissenschaftlerin vom ZDF-Morgenmagazin mit Sportschau-Erfahrung sogar zu glauben. Allein – ihr Spaß am Spiel erschließt sich gesendet noch ein bisschen weniger als in Heftform. Im Mittelpunkt des Auftakts aus dem Hause der Hamburger Produktionsfirma Riesenbuhei, stand schließlich nicht irgendein Bolzplatz im Umfeld glitzernder Champions-League-Städte, kein Randgruppenkicker im Ringen um Anerkennung, nicht mal zweite, dritte, gar Verbandsliga – nein, es ging ausnahmslos um die Belletage vorm Auftaktspiel am Freitag. Um profane Fragen nach Bayerns Durchmarsch, Hamburgs Abstieg oder Wolfsburgs Einkaufspolitik. Es ging also exakt um jene fußballerische Massenkultur, der die 11 Freunde vor 14 Jahren von der Etagenwohnung des Chefredakteur Philipp Köster aus doch eigentlich das Herz, genauer: die Magengrube des Fußballs entgegensetzen wollte.

So begrüßte dieser graswurzelbewegte Edelfan der drittklassigen Bielefelder Arminia sein Publikum im Schwiegersohnhemd zur Klugscheißerbrille allen Ernstes mit den Worten: „Herzlich Willkommen – hier ist Berlin Mitte“. Womöglich, weil das mehr an die Hitparade als Instagram erinnert, feuerte das Format fortan aus allen Rohren Wackelzooms und Zappelschnitte, als hätten die Kameraleute kollektiv Pennälerblasen. Und auch sonst erinnerte abseits der obligatorischen Turnschuhe aller Protagonisten vieles an Schultheater. Das Interview der ersten Studiogäste Arne Friedrich und Thees Uhlmann wirkte unstrukturiert wie ein Drittklässler-Referat. Jessy Wellmer kombinierte im gewagten Zebrastreifenshirt Fragen nach der Fußballbiografie des Popstars (Tomte) völlig haltlos mit solchen nach seiner jeweiligen Frisur. Und wie oft Friedrichs früherer Verein Hertha BSC in Wort und Bild verarbeitet wurde, das roch dann doch schwer nach den frisierten Ranglisten von Kerners Besten und NDR-Rankingshows.

Dabei hätte man von 11 Freunde TV durchaus ein wenig mehr erwarten können als Kneipengespräche im Barambiente und Duzen als Distinktionsmoment. Schon auf gediegen mattiertem Papier hatte sich das selbsternannte „Magazin für Fußballkultur“ zwar nicht erst seit der Übernahme durch Gruner + Jahr 2010 dem Milliardenevent samt seiner unersättlichen Gier nach Stars, Pokalen, Big Business verschrieben. Doch wer abseits handgemachter Fanzines nach Geschichten mit Grant statt Geld an den Hacken sucht – in Kösters Blatt wird er noch ab und zu mal fündig.

Seine Anmoderation, die Sendung werde sich „irgendwo zwischen Lionels Messis Goldfuß und verregneten Auswärtsspielen in Usbekistan“ bewegen, muss man dennoch eher als Fiebervision abheften. Denn was da gestern kurz vor Mitternacht zu sehen war, befasste sich von der ersten bis zur letzten Sekunde mit Spitzensport. Die Rubrik „Fünf steile Thesen“ konstatierte zu Beginn Bayerns Sturz auf Platz 2, Paderborns Abstieg und natürlich irgendwas mit Friedrichs Hertha. Ein leidlich unterhaltsames Puppenzirkusstück mit Papp-Kahn als Direktor persiflierte den Toptrainer Rangnick, den Topstürmer Lasogga, solche Kaliber. Der lange Bericht übers Chaos beim HSV ließ immerhin einen Fanvertreter zu Wort kommen, doch das einzige Stück mit echten Tribünenflair war eine Satire über – was sonst – einen Hertha-Anhänger auf der erfolglosen Suche nach einer BSC-Kneipe in der Hauptstadt.

Witzig.

Und so dümpelten die ersten 30 Minuten ziemlich überdreht zwischen teurem Formatfernsehen und billigem Abi-Scherz herum – nie so ganz mit sich selbst im Reinen, ob das nun echte Satire sein soll oder doch ein ernster Blick hinter die Kulissen. Den größten Witz allerdings hob sich der leicht seifige Köster bis zum Schluss auf. „Damit“, behauptete er nicht spürbar ironisch vorm Abspann, „hätten wir fast alle Fragen zur anstehenden Bundesliga-Saison zufriedenstellend beantwortet“. Bis auf eine: was 11 Freunde TV dazu künftig Erhellendes beitragen könnte. Kleiner Vorschlag: Zurück zu den Wurzeln, fort vom Hochglanzprodukt, hin zum Fußball wie er leibt und lebt, also etwas mehr von der unterschwelligen Kapitalismuskritik, zu der man den St.Pauli-Fan Uhlmann immer mal wieder nötigte, und viel weniger vom biederen Promikult, der in einem skurrilen Fakevideo des gescheiterten Exnationaltorwarts Tim Wiese gipfelte. Dann wäre die Premiere vielleicht doch nur eine verpatzte Generalprobe gewesen. Und das Beste kommt vielleicht noch. In der Winterpause.


Sturm der Liebe: Zupacker & Rehkitz

Laues Lüftchen der Liebe

Unglaublich, aber wahr: Die ARD-Telenovela Sturm der Liebe sucht seit ein paar Tagen bereits das zehnte Hochzeitspaar in spe, diesmal also Julia und Niklas. Damit dürfte das Erste auch im Jubiläumsjahr Topquoten erzielen. Ein Versuch das Unerklärliche zu erklären.

Von Jan Freitag

Amnesie geht immer. Wenn Filmhandlungen zu verworrene Filmwendungen nehmen, wenn Filmfiguren unerkannt in andere Filmfiguren schlüpfen oder spätere Filmsequenzen plötzlich nicht mehr auf spätere passen wollen, dann eben: Amnesie. Mit der Diagnose Gedächtnisverlust lässt sich jeder dramaturgische spielend Graben überbrücken, und sei er noch so tief. Julia zum Beispiel nimmt die Identität ihrer tödlich verunglückten Freundin Sophie an, um deren Vater Geld zur Heilung ihres sterbenskranken Bruders abzuringen. Sollte der Geschäftsmann mit dem eisenharten Namen Stahl nicht ebenso wie sein gesamtes Umfeld taub, blind, blöd, jedenfalls ungeheuer naiv sein, ist das natürlich trotz eiartiger Ähnlichkeit der Rollentauscherinnen grotesker Unsinn; aber – hey! Wir sind hier in einer Telenovela.

Und da geht es nicht um Logik, es geht um den fiktionalen Rahmen eines Fernsehjahrs im Sturm der Liebe, an dessen Ende die „herzliche, aufrichtige Thailand-Aussteigerin“ Julia Wegener (Jennifer Newrkl) garantiert ganz in weiß vorm Traualtar landet, um dort den „leidenschaftlichen, erfolgreichen Sternekoch“ Niklas Stahl (Jan Hartmann) zu freien. Mit derlei Attributen versieht die ARD also nun bereits zum zehnten Mal ein Hochzeitspaar in spe, um dem Endlosformat sein Stammpublikum zuzuführen. Und wie gut das klappt, ist durchaus bemerkenswert.

Denn als vor ziemlich exakt neun Jahren das Premierentraumpaar im Dunstkreis vom Luxushotel „Fürstenhof“ und seiner wiederkehrenden Besatzung auf Tuchfühlung ging, war dieser Typus Seifenoper grad auf dem Weg nach oben. Seit Bianca – Wege zum Glück, die das südamerikanische Genre einer Protagonistin auf ihrem beschwerlichen Weg zur Ehe 2004 zugkräftig importierte, gab es mehr als ein Dutzend süßer Fräuleins mit „a“ am Ende, die das Format in 99 bis 333 Folgen zu ehrbaren Frauen machte. Heute gibt es abgesehen vom Heidschnuckenschmalz Rote Rosen allerdings nur noch Sturm der Liebe, die praktischerweise direkt hintereinander weg laufen.

Das wäre keiner Erwähnung wert, würde nicht Nachmittag für Nachmittag fast jeder dritte Zuschauer am Nachmittag zuschalten, insgesamt bis zu drei Millionen, überwiegend weiblich, selten unter 60. Und es dürften auch diesmal kaum weniger werden, wenn der blauäugig-kernige Zupacker Niklas um die rehäugig-kesse Julia buhlt. Den ersten Kuss dazu gab‘s schon zum Finale der vorigen Staffel, als SIE beim Baden im Gebirgssee ihre Herzchenkette verlor, die ER ihr flugs vom Grund fingerte, worauf es so heftig funkte, dass noch am Ufer tropfend die Lippen glühten, was allerdings nur Auftakt der branchenüblichen Irrungen Wirrungen bildet.

Das Wirkprinzip lautet: Wechselbäder der Gefühle, Distanz und Nähe in schneller Abfolge, prozessuale Liebesharmonielehre mit Misstönen, bis sämtliche Standards serieller Eheanbahnung durchdekliniert sind: Fieslinge, die auch fies aussehen, Sympathen, die aber mal sowas von nett sind. Dazu bei guter Laune Sonnenschein, bei schlechterer Wolken. Und Geigen, bis die Saiten reißen. Schließlich sind Telenovelas die Musicals der Seifenoper. Jede Mimik ist eine Spur drüber, jedes Lächeln etwas arg selig, jeder Furor viel zu furios. Trachten sorgen in Bayerns Bergwelt für Verlässlichkeit, Intriganz ist eine genetisch kodierte Wesenseigenschaft, Liebe währt wirklich, bis dass der Tod sie scheidet. Und Julia braucht genau 90 Sekunden sozialer Interaktion mit ihrem Zukünftigen, bis ihr erstmals das Wort „Schicksal“ über die bebenden Lippen kommt. Dem muss sie auf dem Weg zum Happyend zwar noch allerlei Schnippchen schlagen.

Aber es kommt. Und damit Jennifer Newrklas Chance, Henriette Richter-Röhl nachzueifern. Die erste Liebesstürmerin hat es als einzige zur wahrnehmbaren Anschlusskarriere gebracht. Sprungbretter sind selbst die haltbaren Versionen des Schrumpfgenres längst nicht mehr; ein gutes Training für höhere Aufgaben jedoch allemal. Vor allem dank der Leistung, täglich ganze Folgen abzudrehen, wo ernst gemeinteres Fernsehen kaum drei Minuten schafft. Kein Schauspieler muss sich schämen, da mitzumachen. Tag für Tag für Tag zuzusehen, wie bessere Laiendarsteller banale Baukastensätze billiger Drehbücher durchs Zahnarztlächeln drücken – dafür vielleicht schon eher.


Tracks: Musikfernsehen & Fernsehmusik

Tracks_HDSeismographen des Pop

Tracks ist nicht nur die beste, sondern letzte echte Musiksendung. Zu schade, dass auch Samstag, wenn Arte sein Prachtstück mal wieder rundumüberholt, wieder mal kaum einer zusieht.

Von Jan Freitag

Manchmal muss sich anspruchsvolles Fernsehen an Kleinigkeiten erfreuen. Im Vorjahr, sagte Marie-Anne Iacono vor einigen Jahren mal über ihr liebstes Kind bei Arte, „haben 1,3 Millionen Personen mindestens einmal 15 Minuten Tracks gesehen“. Ojemine. Auch wenn es in Frankreich dreimal so viele waren – mit diesen Zahlen vegetiert das klingende Lifestylemagazin selbst in der televisionären Sauregurkenzeit Richtung Mitternacht im Nirwana der Wahrnehmung. Übertrumpft von Golfübertragungen bei Eurosport, überholt von Westernwiederholungen im Spielfilm-TV, übertölpelt von Riesenbaggerreportagen auf N24. Das ist weniger schade, als eine Schande, denn Tracks ist nicht nur die beste Musiksendung im Land, sondern genau genommen die einzige.

Über jeden Sat1-Blockbuster wird heutzutage mehr Sound gekippt als in eine typische Viva-Show. Ambitionierte Epigonen von VH1 bis Viva2 wurden nicht ohne Kalkül im Quotenrennen an die Wand gefahren. Sogar das legendäre „Top Of The Pops“ wurde nach 42 Jahren von der BBC beerdigt. MTV, wo einst der Videoclip seinen Durchbruch feierte, wo die Jugend musikalische Inspiration, das Alter Retrospektiven und der Mainstream Unterwanderung erfuhr, läuft längst unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Pay-TV. Und kaum hört sich mit ZDFkultur ein wahrnehmbarer Spartenkanal in der Independent-Kultur um, wird er vom Muttersender auch schon wieder beerdigt. „Wir sprechen von der Vergangenheit, wenn wir über Musikfernsehen reden“, klagt mit Steve Blame ein MTV-Moderator aus Zeiten, da man für diesen Job statt Astralleibern noch Fachverstand benötigte. Heute dagegen, so Blame im Online-Magazin Tonspion weiter, gebe es nur Jugendfernsehen.

In der Tat, denn die Zuschauer der bestätigenden Ausnahme mögen deutlich jünger sein als das Restpublikum bei Arte. Mit rund 43 Jahren sind die „Tracks“-Fans aber auch alles andere als juvenil. Die Generation Pickel lässt sich bei Viva auf die Kommerzwelt impfen, die der Falten schunkelt öffentlich-rechtlich zu Blaskapellen, dazwischen herrscht so gähnende Leere, dass man Peter Illmanns seliger Chart-Show Formel 1 nachzutrauern geneigt ist, die das Erste 1990 mit der Begründung absetzte, man könne ja nun permanent im Privatfunk Videos gucken. Es scheint eine Primärtugend der ARD, sich konsequent Richtung Vergreisung zu programmieren.

Immerhin schuf dieses Vakuum zwischen Beat-Club, Hitparade und konsumorientierten Zielgruppenkanälen Freiräume für Tracks. Wenngleich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Frühjahr 1997 ging die französisch-deutsche Co-Produktion on Air, damals noch als reines Musikformat. Ein ehrgeiziges, ein kostspieliges Projekt, das via Hamburg, München, Berlin, Paris mit Beiträgen vom ganzen Globus gefüttert wurde. „Quotengift“, befand Mitentwicklerin Tita von Hardenberg, die ihre Firma Kobalt Productions auch für den schon damals gewagten Mix aus Populärkultur und ihrer hintergründigen Phänomenologie gründete. Kein Wunder also, dass David Bowie drei Relaunches, 500 Folgen und 2500 Reportagen später einst auf die Frage, ob er je was von Tracks gehört habe, verdutzt näselte: „Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

So läuft es eben in der öffentlich-rechtlichen Nachtschleife: Hier tummelt sich alles, was den Erfordernissen privaten Oberflächenfernsehens zur Primetime nicht genügt. Kreatives, experimentelles, abstraktes, anregendes TV ohne Rezipienten, denn all diese Attribute dichtet man schließlich gern intellektuellem Anspruchsdenken an. Zu dumm, dass die Bohème so wenig von der Glotze hält wie vor ihr hängt. So gesehen werden 50.000 Nachteulen mit kulturellem Bedarf fast schon wieder zur respektablen Größe. Und dass Mr. Bowie nicht dazu zählt, überrascht ja nun auch nicht wirklich, obwohl er Ende 2003 selbst mal Schwerpunkt einer Sendung war und überhaupt ein Paradebeispiel jenes Credos darstellt, das die verantwortliche Marie-Anne Iacono so beschreibt: „Tracks liebt Stars, vor allem aber Anti-Stars“.

Und es besitzt die ungeheure Kraft, zwischen diesen Polen zu vermitteln. Tracks ist eine Art Seismograph independenter Erdbeben des Pop. Von The Strokes oder The White Stripes hatte hierzulande noch kaum einer gehört, als hochmobile Arte-Autoren sie aus amerikanischen Kellerclubs kramten; Coldplay oder Franz Ferdinand waren purer britischer Underground, als „Tracks“ sie mit langen Elogen feierte. Und als die besten Rapper noch schwarz waren und die besten Golfer weiß, hielt man bei Tracks einen gewissen Eminem für empfehlenswert. Leider ist es wie in jedem Katastrophenfilm à la Hollywood: Es muss erst richtig wackeln, bis man die Warner ernst nimmt.

Deshalb versucht sich die Redaktion auch so oft, selbst zu erneuern. Ab Samstag zum Beispiel mit der nächsten Generalüberholung, neue Rubriken und frischer Vorspann inklusive, dazu natürlich eine eigene App nebst aufgepepptem Online-Auftritt. Alles, um die Absonderlichkeiten hinter den Fassaden des Pop-Biz, von denen Trend-, People-, Klatsch- und Boulevard-Magazine nie Notiz nehmen, publikumswirksamer auszuloten. Zum Relaunch geht es dabei um 23.30 Uhr aber auch inhaltlich nicht nur um Off-Art und Nischen-Punk. Sondern neben „Zimmerpflanzen-Elektro“ von Data Garden oder die „Working-Class Grantler“ Sleaford Mods auch um auch um das Geschäftsmodell von 50 Cent. Tracks darf das. Wer Kunst im Ganzen betrachtet, braucht auch den Mainstream nicht zu scheuen.


Sat1-Staatsaffäre: Politphantasien & die Ferres

Bekifftes Huhn

Sat1 hat den Politfilm für sich entdeckt. Und die Emanzipation. Das bedeutet furchtbarerweise: Deutsche Bundeskanzlerin verliebt sich in französischen Präsidenten. Das bedeutet furchtbarererweise: Veronika Ferres.

Von Jan Freitag

Die weibliche Emanzipation ist ein modernes Megathema des Films. Emotionale, aber starke Frauen im Sog männlicher Einflussgebiete – so holt man Heimchen wie Karrieristin vor den Bildschirm. Dort sehen sie eine Welt, in der selbst gute Mädchen nicht nur in den Himmel kommen, sondern überall hin: Management, Lehrstuhl, Barrikade, Selbstständigkeit, Politik. Alles mit Herz, Hirn, Highheels, Haushaltshoheit. Und nun also hierher.

Ins Bundeskanzleramt.

Sat1 hat sich seine Regierungschefin nach einem Schnittmuster der Petra gebastelt: Das Haar goldblond, makellos der Körper, im Auftreten feminin und doch kernig – die Kanzlerin des früheren Kohl-Kanals ist sexy und kompetent, sympathisch und machtbewusst, schlagfertig und resolut, lustig und seriös, häuslich und weltgewandt, mondän und sportlich, mode- und fußballinteressiert. Kurz: Anna Bremer ist fernsehperfekt. Schließlich wird sie gespielt von ihr: Veronica Ferres.

Darauf muss man erstmal kommen.

Die Neovolksschauspielerin hat nämlich in ihren geschätzt 875 Filmen mit gefühlt 3,5 Ausnahmen bislang nur eine Rolle verkörpert: das waidwunde Muttertier im Kampf ums Gelege. Und jede davon variiert sie mit exakt drei Mimiken: trotzig, liebevoll, verletzlich. In Die Staatsaffäre ist sie nun ein schicker Single Ende 40 ohne Kinder, aber mit dem höchsten Amt im Lande. Zu Beginn des „großen TV-Events“, wie bei Sat1 alles heißt, was nicht mit Laiendarstellern im Bruchbudenambiente produziert wird, bringt sie gleich mal eine staatstragende Pressekonferenz abwechselnd mit Faktenwissen über die Energiewende zum Staunen und charmanten Sprüchen zum Lachen. Dann aber steuert sie zielstrebig auf den Titel dieser selten freiwillig komischen Klamaukkomödie zu: Frankreichs neuer Präsident erweist sich darin als Bremers One-Night-Stand vom Abend des Mauerfalls, als es noch die süße Anna war. Das führt zu amourösen Verwicklungen im Umfeld eines europäischen Energieabkommens und … wem an diesem Punkt noch nicht der Kaffee aus den Nasenlöchern schießt, zählt entweder zum Sat1-Stammpublikum.

Oder trinkt lieber Tee.

Denn dusseliger, plumper, aufdringlicher als in Die Staatsaffäre wurde der letzte Nerv anspruchsvoller Zuschauer seit Erfindung von Til Schweigers nicht mehr geraubt. Veronica Ferres, das zeigt sich bereits nach ihrem allerersten Grinsen, ist nicht nur für jede Filmrolle ohne Mutterpass ungeeignet; sie ist als Schauspielerin generell ein Verriss ihrer selbst. Und weil das offenbar auch dem Autor Don Bohlinger, Urheber von Machwerken wie Popp dich schlank, klar war, fällt nach 5:28 Minuten erstmals das Family-Entertainment-Wort schlechthin, eine ArtFerres-Code: Kinder. Denn um deren Zukunft, sagt die Phantasiekanzlerin da aus dem Drehbuchbausatz für empathische Spitzenpolitiker zum Liebhaben, gehe es doch.

Wer Sat1 guckt, braucht eben Schlüsselreize, zumal beim Thema Politik, diesem unbekannte Wesen. Sie müssen ja nichts mit der Realität zu tun haben. Bei Sat1 trifft die sexy Kanzlerin den sexy Präsidenten daher nicht gleich nach dessen Amtsantritt, wie es diplomatische Pflicht wäre, sondern vier Wochen später beim EU-Gipfel. Dort sprechen natürlich alle Staatschefs dialektbehaftet, aber fließend Deutsch. Bei Sat1 faselt die Nachrichtensprecherin von Frankreich und Deutschland als „Achsenmächte“, was zuletzt die Wochenschau vorm Zusammenbruch der Ostfront getan haben dürfte. Die bemerkenswerteste Bewusstseinsstörung in diesem besinnungslosesten Politfilm seit Leni Riefenstahl besteht allerdings darin, dass die Bundeskanzlerin ihre tagesaktuelle News ausgerechnet von Pro7Sat1 bezieht, dessen Informationen in der Realität den Nutzwert einer Energydrink-Werbung haben.

Nun ist die deutsche Fiktion generell im Hintertreffen, wenn es darin um Politik geht. Als Spielfilm hält sie qua Humor, Historie oder Krimi vorsichtshalber Distanz zur Relevanz. Selbst ehrgeizige Serien wie Kanzleramt oder Wedels Affäre Semmeling wirken verglichen mit Borgen, West Wing, House of Cards lahm oder betulich. Die Staatsaffäre aber erklärt Ignoranz gewissermaßen zum Wesenskern politischer Fiktion. Wenn Kanzlerin und Präsident andauernd unbegleitet, unerkannt, ungeheuer romantisch durch Berlin flanieren. Wenn politische Aushandlung impulsiv, emotional und vorwiegend heiter abläuft. Wenn Frau Bremer selbst auf gewichtigen Podien giggelt wie ein bekifftes Huhn und beim Schlusskuss im Abendrot von der Vereinbarung des Privaten mit dem Beruf sülzt. Dann wollen schlichte Gemüter die Sache mit der Emanzipation vielleicht doch noch mal überdenken.

Mehr Bilder & saftige Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/film/2014-09/staatsaffaere-veronica-ferres-bundeskanzlerin