Reportage: Radfahren in Hamburg

Offenbar illegal benutzungspflichtiger Radweg in der SternschanzeRadeln in der Autostadt

Radwegebenutzungspflicht im Nadelöhr: Die Hamburger Sternbrücke. Foto: Freitag

Das Fahrrad gilt als Fortbewegungsmittel der Zukunft schlechthin: klimaneutral, zügig, gesund. Es gibt also keinen Grund, seine Benutzung zu behindern. Theoretisch. Ein Praxistest mit dem ADFC durch Hamburg aber zeigt: der Weg ist noch weit.

Von Jan Freitag

Allein schon diese Kreuzung, Merja Spott schüttelt verständnislos den Kopf: total überdimensioniert, Treffpunkt zweier Schwerverkehrstrassen im schönsten Altbauviertel, das Ganze bei Tempo 50 entlang einer schicken Einkaufsstraße und dann überall „Schleppkurven“ für maximales Abbiegetempo: derart kompromisslose Autogerechtigkeit in einer Perle wie Eppendorf – die Verkehrsreferentin der Hamburger Zweigstelle vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, kurz ADFC, steigt entgeistert vom robusten Velo: „So was gibt’s wohl nur bei uns.“ In Hamburg nämlich. Der fahrradfreundlichsten Stadt, wie Behörden und Marketing gern. Der fahradfeindlichsten Stadt, wie Betroffene, Grüne, diverse Studien gegenhalten. Und dazwischen: Merja Spott, Geografin in Diensten des Vereins für die Rechte unmotorisierter Zweiräder. Ein wenig für sich selbst also. Vor allem aber für hunderttausende Radler einer Metropole vorm Verkehrsinfarkt. In einem Land mit Benzin im Blut. Auf einem Planeten mit ökologisch ernstem Problem. Am Brennpunkt dessen also, was für die Republik konstituierender ist als Flagge, Demokratie und Fußball in einem: Mobilität.

Die ist auch Merja Spott wichtig, wenngleich anders als dem Durchschnitt im Staat der 40 Millionen Kraftfahrzeuge. Deshalb bittet die Lobbyistin einer neuen Verkehrspolitik zur kleinen praktischen Begutachtung ihrer Wahlheimat. Denn auch in Hamburg, sagt sie drei Jahre nach ihrem Umzug aus Berlin, „bewegt sich langsam ein wenig“. Mehr Radstreifen auf der Fahrbahn etwa, bessere Leitsysteme und dann das erfolgreiche Stadtrad. Zugleich aber könne man „die verkehrspolitischen Probleme einer Großstadt nirgends auf engerem Raum erleben“. Das beginnt schon auf jener viel zu großen Kreuzung im betulichen Eppendorf. Dort wo alles dicht beieinander liegt: Wasser, Wald und Hauptverkehrsadern, Shopping, Arbeit und Gründerzeitvillen. Der Wohlstand ist hoch, das Wohnprinzip heißt Eigentum, Gentrifikation meldet Vollzug – ideale Voraussetzung für urbane Landlust-Leser mit grünem Gewissen. Und dann dieser Radweg, Merja Spott bremst scharf: Keine 80 Zentimeter breit, uralt und holprig. „Hamburger Standard“, nennt sie das typische Exemplar dessen, was dem vorkriegsprägenden Pedalverkehr in der automobilen Nachkriegszeit unter die Reifen asphaltiert wurde. Ein Mountainbike weicht lieber auf den Fußweg aus, als Merja Spott den Kernsatz zeitgenössischer Mobilmachung spricht: „Der gehört eigentlich auf die Straße.“

Nur: hier darf er nicht. Die Regel heißt „Radwegebenutzungspflicht“ und trennt klapprige Drahtesel ebenso wie rasende Kuriere vom Alltagsstau nebenan. Das zugehörige Schild begleitet die Testfahrt künftig wie episch lange Ampelphasen oder dreiste Falschparker und meist ist es illegal: 1997 nämlich erklärte eine StVO-Novelle Radwege zur Ausnahme. Ausrufezeichen. Bis dato gehörten Radler auf den Radweg. Punkt. Seither gehören sie auf die Straße. Komma. Denn wo genau, hängt von einer diffusen Gefahrenlage ab. Für wen auch immer. In Hamburg hieß das: für Radler. Denn obwohl die Neuregelung das Gegenteil wollte, pflasterten die Ämter ihre Bürgersteige mit dem weißen Rad auf blauem Grund, gern überm Pictogramm einer Frau plus Kind zur gemeinsamen Nutzung. Egal wie eng es ist. Und es ist oft eng, auf dem Weg nach St. Pauli, wo der Radanteil am Verkehr mit 18 Prozent halb so hoch liegt beim Primus Münster, aber sechs überm Stadtschnitt. Selbst am Rand vielspuriger Querungen zum City-Ring 2 klemmen Radwege unsichtbar zwischen Gebüsch und Kantstein, den die Autos wie üblich in Alsternähe in epischen Fahrspaßkurven passieren. Und wo es mal breiter wird, sogar eben, rauscht ein Rechtsabbieger so wild ums Eck, dass Merja Spott nur die Vollbremsung bleibt.

Hamburg mag mit 560 Kilometern Deutschlands längstes Radwegenetz haben; da das Gros baulich abgetrennt ist, werden seine Nutzer von Kraftfahrern oft erst bemerkt, wenn sie sich fast berühren. Ausgerechnet in Europas schnellster Stadt, wie eine Forbes-Studie ergab (www.forbes.com/2008/04/21/europe-commute-congestion-forbeslife-cx_po_0421congestion.html), tickt die Verwaltung wie zu Zeiten, als Autobahnen noch visionär waren. Innovativere Städte wie Kopenhagen, Münster, gar Berlin holen Räder konsequent auf die Straße, abgetrennt von Linien, Schutzstreifen genannt. Die zuständige Verkehrsbehörde verweist dabei auf „historisch begründete“ Fahradunfreundlichkeit an großen Kreuzungen und „hohe Kfz-Belastungen“, die in zahlreichen Straßen „wenig Spielraum für grundlegendere Verbesserungen“ ließen, versteift sich aber immer wieder auf den Radweg als zentrale Route für Pedaleros. Und dann kommt auch noch Willkür hinzu. Etwa, wenn mitten im Eppendorfer Wohngebiet plötzlich Tempo 50 herrscht, was Räder auf den Fußweg verbannt, wo sich Merja Spott auf 100 Metern dreimal Passanten aus dem Weg klingeln darf.

Aber immerhin bleibt hier noch Zeit für Warnsignale. Auf dem geteilten Radweg unter einer Brücke im berühmten Schanzenviertel hilft nur Absteigen, um sich nicht im Fußvolk des Nadelöhrs zu verkeilen. Weil die Bahn hier bald alles abreißt, gilt die Gefahrenlage aus Bürokratensicht, Mirja Spott lächelt bitter, als „temporär hinnehmbar“. Und dann kommt ihr noch ein Mountainbike auf falscher Seite entgegen. Da macht sich die Lobbyistin nichts vor: Auch ihre Klientel ist fehlbar. Radler rasen, Radler träumen, Radler sind wie alle schwer berechenbar. Nur dass man sie in Hamburg dabei auch noch auf ruinierte, rückständige, oft rechtswidrige Wege zwingt. „Die Lösung wäre Regeltempo 30 statt 50“, sagt Merja Spott, weiß aber um den PS-süchtigen Boulevard, der dagegen sofort Sturm schriebe.

Also bleibt ihr nur die Hoffnung auf kollektive Empathie: Radler mit weniger Angst vor Autos, Autofahrer mit mehr Respekt vor Radlern, beide bis auf Tunnel und Brücken auf Augenhöhe. Eine Stunde Testfahrt durch Hamburgs Mitte gibt ihr Recht, auch wenn der Verkehr an einem Ferientag wie diesem ungewohnt ruhig ist. Fünf total zugeparkte Radwege, vier genommene Vorfahrten, davon drei durch Kraftfahrzeuge bei zwei Kontakten und einem Autofahrer, der dennoch hupt. Dazu mehrere Dutzend illegaler Benutzungspflichten, die auch bei Laubhaufen, Schlaglöchern oder Baustellen selten aufgehoben werden, und natürlich eine rote Ampel nach der anderen, da grüne Wellen Autos vorbehalten bleiben. Aber auch keine ernste Lebensgefahr. Eigentlich ein guter Tag.

Mehr Bilder, Filme und Kommentare: http://www.zeit.de/mobilitaet/2013-10/hamburg-radfahren-verkehr


Begegnung: Hannes Wader

Als guter 68er

220px-Hannes_Wader_(3)Alt, weise, weiter links: Hannes Wader. Foto: Ludwich Lupe

Hannes Wader ist vielleicht nicht der letzte Linke im Land der sozialdemokratischen CDU. Der letzte Liedermacher vom linken Rand mit echter Strahlkraft ist der Schleswig-Holsteiner aber allemal. Zurzeit ist der unermüdliche „Mann mit der Gitarre“, wie er sich selbst nennt, mal wieder auf Deutschland-Tour. Und singt weiter von einer besseren Welt. Eine Begegnung.

Von Jan Freitag

Hannes Wader. Dass ein Name, der so ungemein norddeutsch moduliert, derart international, besser noch: internationalistisch klingt, ist ja schon sonderbar genug. Und dass er es seit nunmehr vier Jahrzehnten tut, grenzt fast an ein Wunder. Links? Heutzutage? 2007? Am geisteswissenschaftlich ausgerufenen Ende der Geschichte? „Nein, die alten Lieder sind noch längst nicht abgehakt“, sagt der „Mann mit der Gitarre”“ wie er sich selbst ganz bescheiden nennt. Er meint sozialkritische Lieder, sozialromantische Lieder, sozialistische Lieder. Und er hat zweifellos Recht.

Derart linke Weltanschauungen mögen ein wenig außer Mode geraten sein in den vergangenen Jahren, im politischen Leben wie auf der Bühne. Doch ihr bekanntester deutschsprachiger Vertoner lässt nicht von ihnen ab, weder hier noch dort. Und wenn er dieser Tage wieder mal von seiner neuen schleswig-holsteinischen Heimat aus bundesweit durch große Städte und kleine Orte tourt, werden die Hallen wie immer rappelvoll sein. Und sie werden Schauplätze eines Chorgesangs wie sonst nur bei Gottlieb Fischer, Waders konservativer Gegenprogrammierung, wenn man so will. Es stimme schon, sagt Hannes Wader mit seiner näselnden, seiner sonderbar pathetischen, fast arroganten Stimme: „Die Leute singen eigentlich alles mit.“

Wenn er allein mit der Gitarre auf einem Hocker sitzt und die unzähligen Stücke aus eigener Feder vorträgt, über Tankerkönige oder die eigene Familiengeschichte. Wenn er Volkslieder, Shantys oder Bob Dylan interpretiert. Wenn er „El pueblo unido“ ruft und es, wie auf seiner berühmten Arbeiterliederplatte von 1977 mit einer Stimme „jamás será vencido!“ aus dem Publikum zurückschallt. Oder von dieser Blume singt und ein Kanon von 30.000 Parteigenossen der DKP antwortet, es sei „die Blume des Partisanen, der für uns’re Freiheit starb“.

Diese rebellischen Zeiten sind natürlich längst vorbei, auch wenn Waders Vermächtnis dieser Klänge noch immer Schauder der Nostalgie über manchen Rücken jagt. Das weiß auch Hannes Wader, der ja in den heißen Tagen der RAF-Hysterie selbst ins Fangnetz aus Staatsschutz, Gesinnungsterror und Auftrittsverboten geriet. Die Linke habe damals, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, der grünen Gründungsbewegung und der ersten Anti-Terror-Gesetze „mehr Dynamik gehabt“, sagt er, das schon. Doch auch heute noch ist da etwas in den Sälen spürbar: eine Mischung aus Geborgenheit, Vertrautheit, Verlässlichkeit. Die Fans von einst, sagt Wader, seien halt einfach mit ihm älter geworden.

Dabei ist es keinesfalls so, dass nur ehemalige Spontis und die Restbestände von K- und gesinnungsverwandten Gruppen kommen, wenn Hannes Wader auftritt. Sein gesungener Monolog funktioniert bei plattdeutschen Tanztees im Vorpommerschen ebenso gut wie in großen Mehrzweckhallen auf der Schwäbischen Alb. Oder der Hamburger Fabrik: Die bespielt er regelmäßig, obwohl er fraglos auch das Kongresszentrum spielend voll kriegte, „weil man sich einen Rest von Intimität bewahren sollte“. In Berlin, wo er vor seinem Umzug in den Norden zehn Jahre lang lebte, lockt er 2.000 Leute ins Tempodrom. Die Bandbreite ist erklärbar, seit den Siebzigern hat er schließlich auch Volksliedgut im Repertoire, nicht jene Schollenromantik von, sagen wir: Marianne und Michael, selbstverständlich. Aber immerhin: Die Suche nach dem kleinen Glück im Großen.

Der Parteipolitik als Suche nach dem großen Glück im Kleinen hat er dagegen längst abgeschworen. Schon wenige Jahre nach der so genannten Wende, wie er so näselnd betont, dass es fast angewidert klingt, ist er aus der DKP ausgetreten. Nicht im Streit, aber ermüdet. In einer Krise habe er damals gesteckt, keine Plattenfirma, kein Management, private Probleme und dann auch noch jenes System zu Klump gehauen, dem er lange Jahre die Treue gehalten hatte. „Ein kapitalistisches AKW unmenschlich zu finden und ein sozialistisches menschlich, die Einstellung hab ich heute nicht mehr“, sagt er. Nur so ein Beispiel. Dass deshalb nicht alles schlecht gewesen sei, verstehe sich fast von selbst. „Ich habe ja meine Weltanschauung nicht geändert.

Wohl aber den Umgang mit seiner Rolle. Heute spielt Hannes Wader nicht mehr auf jedem Parteitreffen, aber weiterhin im Soltauer Gymnasium oder der Oldenburger Kulturetage. Danach trinkt er nicht mehr die Nacht mit dem Publikum durch, sondern geht brav ins Bett. Hannes Wader zählt, so was klingt immer sonderbar irreal, stolze 71 Jahre, einer der letzten Aktiven großer linker Musikanten von Franz Josef Degenhardt bis Knut Kiesewetter, der ihn 1969 entdeckt hat, ist also bereits im Rentenalter und abseits ein paar wütender Punkbands kommt da wenig aus der Nische ans Tageslicht der Wahrnehmbarkeit. Und die Alten? Gut, da wären noch Kollegen wie Konstantin Wecker, Bettina Wegner, Reinhard Mey, die sich politisch so unermüdlich wie hörbar irgendwie links artikulieren. Dazu die Zwischengeneration, etwa Jo Quetschenpaua aus Waders Nachbarschaft in Itzehoe. Zur Ikone aber, zum Standbild des linken Entertainments der leisen Töne bringt es letztlich nur dieser gebürtige Ostwestfale Hannes Wader, der Mann mit dem Bart und der markanten Hakennase.

Dass er sie noch immer von der Bühne ins Publikum reckt, hat durchaus praktische Gründe. Zum Geld habe er immer ein eher gebrochenes Verhältnis gehabt, sagt er und lacht. „Als Alt-68er war es irgendwie bähbäh.“ Nicht, dass seine Karriere nicht einträglich gewesen wäre. Im Gegenteil. „Das Geld hat mich oft geliebt.“ Rund 40 Platten, unablässige Touren, ein furioses Live-Projekt mit dem gleichgesinnten Liedermacher Konstantin Wecker – das bringt nicht nur Mühe, sondern auch Einkünfte. „Aber als guter 68er hab ich das Geld natürlich immer nur so rausgeworfen.“ Er lacht sich sein Schicksal moralisch schön: „Und jetzt steh ich da und muss singen, bis ich 80 bin.“ Nicht die schlechteste Aussicht fürs Publikum. „Obwohl“, Hannes Wader denkt kurz nach. Wenn er die Bühne vorher verließe, sagt er dann, „würde ich mir was aus dem Herzen reißen“.

Hannes Wader ist noch bis 18. November auf Tour. Termine: http://www.scala-kuenstler.de/hwauftritt.html


Report: Comic-Festival Hamburg 2013

Neue Deutsche Novelle

Seit 2006 gibt es das Comic Festival Hamburg. Die 8. Ausgabe zeigt aufs Neue, wie die Szene wächst. Und welche Bedeutung die Hansestadt dafür hat

Von Jan Freitag

Die Zeit gezeichneter Kurzgeschichtchen ist vorbei, selbst im popkulturell gern spät zündenden Deutschland. Es lebe die große Erzählung! Dafür reichen schon zwei Schritte abwärts in eine Herzkammer der zugehörigen Szene auf dem Hamburger Kiez. Zu Hunderten, wohl Tausenden stehen sie hier dicht gedrängt in Regalen, liegen fein säuberlich auf Tischen, zieren schicke Aufsteller zwischendrin: Comics. Aber nicht bloß Klassiker von Hergé über Disney bis Uderzo (die natürlich auch); nein – neue Comics, frische Comics, lange Comics, oft epische Comics.

Der gemütliche Laden im Souterrain mag „Strips & Stories“ heißen, doch ersteres findet man hier kaum, dafür umso mehr von letzterem. Nur dass sie nun etwas anders heißen. Graphic Novels nämlich, Romane in Bildform statt Bildgeschichten mit Rahmenhandlung. Fast vier Jahrzehnte nach dem Aufkommen des Begriffs und knappe drei nach Art Spiegelmans epochaler Holocaust-Fabel „Maus“ gelten die betexteten Illustrationen als Heilsbringer einer Subkultur auf dem Weg Richtung Mainstream. Die amerikanische Klammer verhelfe seiner Branche schließlich durchaus zu Popularität, sagt auch Sascha Hommer inmitten der pittoresken Bilderwelt nahe der Reeperbahn. Doch sein gequältes Lächeln deutet ein großes „Aber“ an. Graphic Novel sei ja zunächst mal ein PR-Begriff, der selbst unter den Künstlern dahinter alles andere als unumstritten sei und zudem „über den Stil rein gar nichts“ aussagt.

Was es im Riesenreich der Bandes Dessinées, wie Comics im frankophonen Kerngebiet heißen, darüber hinaus noch zu entdecken gibt, in welchem Ausmaß auch hiesige Werke gegenüber der französischen bis belgischen Elite langsam aufholen, wohin die gezeichnete Reise derzeit geht – all dies will der versierte Comiczeichner deshalb ab diesem Wochenende abermals unters Publikum bringen. Vor sieben Jahren hat der Schwarzwälder in seiner Wahlheimat mit dem Kunstkollegen Heiner Fischer das „Comic Festival Hamburg“ gegründet, eine Plattform von Künstlern für Künstler und ihr stetig wachsendes Abnehmerfeld, wie der 34-Jährige mit der modernen Groß(stadt)brille betont. „Bei uns stehen nicht die Verlage im Zentrum wie auf den Großveranstaltungen von Erlangen oder München“, sagt er, sondern unser eigener Geschmack, unsere Leidenschaft“. Und natürlich die Leser.

Denen wird ab kommendem Donnerstag im Großraum St. Pauli der ganze Kosmos globalen Comicschaffens präsentiert. Es gibt Workshops und Ausstellungen, Symposien und Gespräche, Filme, die obligatorische Abschiedsparty und selbstredend viel zu kaufen. Comics sind schließlich auch ein Geschäft. Vor allem aber, beteuert der Verleger, Verfasser und Fan in Personalunion, ist es eine kreative Ausdrucksform, die längst mehr ist, als die Summer ihrer „Panel“ genannten Einzelbilder. Um das zu zeigen, hat sich Sascha Hommers Festival zudem Zeichner von grenzübergreifendem Ruf eingeladen, genauer: Zeichnerinnen. Dass mit Rutu Modan aus Israel, der Französin Peggy Adam und ihrer kanadischen Kollegin Geneviève Castrée drei international angesehene Autorinnen ihre neuesten Werke in Hamburg vorstellen, belegt dabei zweierlei: Die Szene hat sich von den Wurzeln männlicher Zeichner für männliche Nerds gelöst. Und Hamburg kann trotz des anhaltenden Braindrains arrivierter Künstler nach Berlin seinen Ruf als heimliche Hauptstadt des Comics bewahren. Und as liegt auch an Anke Feuchtenberger.

Die Design-Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften gilt seit den 90er Jahren als zentrale Figur der örtlichen Gemeinde. Mit ihrem artifiziellen, zuweilen als spezifisch deutsch bezeichneten Zeichenstil jenseits klarer Figürlichkeit hat die 50-Jährige Ost-Berlinerin vom Berliner Tor aus eine ganze Generation junger Künstler beeinflusst, darunter Sascha Hommer selbst – der allerdings noch einen anderen Grund nennt, warum Hamburg nach wie vor bedeutsam ist für die deutsche Comiclandschaft: Ein „fast calvinistisches Arbeitsethos“ sorge dafür, dass viele seiner Kollegen „wie im Hamsterrad produzieren“, also aufopferungsvoll zeichnen, bis die Finger bluten. „Das kommt dieser aufwändigen Kunstform sehr entgegen.“ Kein Wunder, dass sich auch Hommer selbst und seine zehn Mitstreitenden im Hamsterrad ihres aktuellen Projekts aufopfern. Ehrenamtlich haben sie dem einstigen No-Budget-Festival einen Etat verschafft und verglichen mit den Vorjahren auch deutlich mehr Programm. In Vorbereitung auf die vier Haupttage am kommenden Wochenende gibt es breit gestreute Zusatzveranstaltungen, „Satelliten“ genannt, Anlaufpunkte für Interessierte aller Art, um Comic-Kultur 2013 in all ihren Facetten zu erleben.

Im Mittelpunkt aber stehen dennoch die drei, nun ja: Stars des literarischen Independent, der es zwar längst auf die Kulturseiten von Süddeutsche und Zeit schafft, aber selbst als zugkräftige Graphic Novel noch immer eine Randexistenz im Schatten des geschriebenen Romans führt. Peggy Adam etwa spricht über ihr schwarzweißes Drama Luchadoras, in dem es zu grob verfremdeten Bildern um ganz reale Männergewalt gegen mexikanische Frauen geht. Ruto Modan erklärt ihre schattenlos kolorierte Holocaustaufarbeitung Das Erbe, was ihr etwas leichter fallen dürfte als Geneviève Castrée, deren autobiografische Familienstory mit abstraktem Strich mehr Fragen offen lässt als beantwortet. Es sind Stoffe zwischen harter Historie, soziokulturellem Irrsinn und bildgewaltigem Tagtraum. Eine Mischung, die auch das Festival, ja die Comicszene insgesamt kennzeichnet. Geschichtchen waren gestern.

Programm und Infos: www.comicfestivalhamburg.de


Reise: Art Nouveau Bienale, Brüssel

Im Meer der Moderne

Jugendstil Brüssel Olivier Berkman vor seinem Haus

Olivier Berman vor seinem Jugendstilhaus. Foto: freitagsmedien

In Brüssel steht der schönste Jugendstil Wand an Wand mit den hässlichsten Bausünden. Dieser Kontrast hat zwar seinen Reiz, am schönsten ist die Stadt aber doch, wo die Zeit vor 100 Jahren stehen geblieben scheint. Zum Beispiel bei Olivier Berman

Von Jan Freitag

Eigentlich liegt Brüssel ziemlich weit abseits aller Küsten, doch Olivier Berman spürt trotzdem Seeluft in der Nase. „Das da drüben ist ja mein Meer“, sagt er auf seiner bezaubernden Dachterrasse und lacht, denn positiv betrachtet sei die betongraue Scheußlichkeit gegenüber kein Plattenbau, „es ist mein Atlantik“. Und sein eigenes Haus demnach kein gewöhnliches Domizil, sondern ein gediegenes Eiland im Meer architektonischer Einfalt. Wieder dieses Lachen: „So ist eben das Inselleben.“

Geht’s um ihre Metropole, werden viele Brüsseler so kritisch anspruchsvoll wie genügsam, und nichts brächte das besser zum Ausdruck als Monsieur Bermans traumhaftes Jugendstilhaus. Seit er in dem besonders schönen dieser an schönen Gebäuden so reichen Stadt wohnt, umgeben von den hässlichsten dieser an hässlichen Gebäuden kaum ärmeren Stadt, ist der distinguierte Kunsthistoriker Mitte 50 zum eleganten Zyniker mit Realitätssinn geworden. Wer hier lebt, lernt mit Widersprüchen umzugehen. Ach, er genießt sie förmlich, jene Schönheit des Durcheinanders, die Außenstehende alle zwei Jahre unmittelbar erleben dürfen.

Dann nämlich öffnen rund 100 der privaten Prachtstücke konventionslosen Bauens ihre Pforten zu Art Nouveau Bienale und keiner öffnet sie häufiger als Olivier Berman. Seit 1998 zwängen sich Wildfremde durch sein schmales Haus, um hautnah zu spüren, wie viel mehr als EU in seiner Stadt steckt. Brüssel gilt als Kapitale einer Ära, die bis vor 100 Jahren Spuren von aberwitziger Anmut setzte, sie ist aber auch das Zentrum des anarchistischen Scheißegals, in dem jeder baut, wie es ihm gerade passt, schon allein, weil es für deutsche Bürokratiemonstren  wie Flächennutzungsplan keine belgische Entsprechung gibt. Deshalb zwängt sich manch unfassliche Villa des genialen Jugendstilerfinders Victor Horta zwischen öden Nachkriegsklinker, nüchterne Art Deco und futuristische Glasstahlorgien. Das Stadtbild ist zerklüftet wie ein Felsenriff.

Von daher mag Olivier Bermans Meeresvergleich böse klingen; weit hergeholt ist er nicht. „Die Architektur hier erinnert an unsere Küste“, der sanft ergraute Mann setzt sich neben ein Grammophon und lächelt versonnen: „Wo der Jugendstil entstanden ist, sind nun die schlimmsten 60 Kilometer der Nordsee.“ Ob ihm, der die Perle des Horta-Schülers Gustave Strauven von 1919 aus „Mitleid um dessen Zustand“ einst gekauft und saniert hat, da nicht das Herz blute? Bermans Achseln zucken: „Städte sind nie statisch, sie leben.“ Es nütze also wenig, die Ignoranz zu beklagen, mit der Brüssel sein steinernes Gedächtnis betoniert. Lieber solle man sich auf die Suche begeben. Keine Sorge, sanft streichelt der elegante Berkman die Applikationen seiner eisernen Balkongitter: „Sie werden fündig.“

Gut 10.000 Gebäude sind jugendstilgeprägt. In der Rue Vanderschrick, dem kompaktesten Ensemble, stehen gleich 25 Tür an Tür. Ausgerechnet – denn während Viertel wie dieses hierzulande längst nachhaltig gentrifiziert wären, lassen die multikulturellen Namen an den kupfergrünen Klingeln erahnen, dass Saint Gilles zu Belgiens ärmsten Quartieren zählt, vergleichbar vielleicht Duisburg Marxolohe. Genau das aber ist für die Substanz ein Segen: als die Stadt in den 60ern der Modernisierungswahn befiel, fehlte den zugewanderten Bewohnern der Jugendstilquartiere schlicht das Geld zum Abriss; nun leben sie in Bauten, deren touristischen Wert die Stadt erst langsam entdeckt, wie zur Bienale.

Zu Tausenden werden auch diesen Herbst wieder Fans aus aller Welt jene lichtdurchfluteten, rundungsverliebten, blumenumrankten Lebensorte bestaunen, die oft in schlechtem Zustand sind, aber von betörendem Liebreiz. Und da ist noch nicht mal von den Königlichen Gewächshäusern die Rede, mit denen sich Leopold II. 1873 ein Jugendstildenkmal bauen ließ. Einmal im Leben, so heißt es, muss jeder Belgier die Kathedrale kolonialer Protzerei, deren Pforten jeden April ganze vier Wochen für den Pöbel öffnen, besuchen. Und jeder Mensch, für den Häuser Organismen statt bloß Gebäude sind, sollte einmal nach Brüssel fahren. Auf der Suche nach Inseln im Meer der Moderne.

Bienale Art Nouveau Art Déco: 5.-27. Oktober 2013

Infos: www.belgien-tourismus.de; http://visitbrussels.be


Report: 50 Jahre Musikkassette

Soundtrack zum Leben

CompactcassetteEs gibt Dinge, die verschwinden einfach aus unserem Leben: Faxgeräte, Telefonzellen. Und Musikkassetten. Ihr 50. Geburtstag ist also eher ein Anlass zur Trauer, denn die Verkaufszahlen gehen längst gegen Null. Zum Jubiläum zeigen die freitagsmedien daher noch mal eine Reportage aus einer Zeit vor knapp zehn Jahren, als sich eine Schar Unbeugsamer gegen den Niedergang der MC stemmte. Nicht erfolgreich, aber voller Leidenschaft.

Von Jan Freitag

Der tägliche Gang zum Briefkasten steckt für Kristian Menke voll Hoffnung. „Heute morgen war wieder eine drin“, frohlockt der 27-jährige Hamburger und zählt die Folgen einer Schnapsidee durch. Gut 25 Mixtapes lagen bisher in seiner Post – Querschnitte privater Plattensammlungen, liebevoll arrangiert auf Kompaktkassetten. Jenen analogen Speichermedien, die ähnlich der LP allen Abgesängen zum Trotz in der Liebhaberecke überleben.

Nicht zuletzt dank Sympathisanten wie Menke. Voriges Jahr hat er mit seiner besten Freundin Dani Schuster [heute: Freitag] in der Stammkneipe namens Egal Bar das Projekt „rettet die mixkassette“ ausgebrütet. Nach dem Kettenbriefprinzip versandten sie kurz darauf Kopien hintersinnig kompilierter Eigenkreationen, baten die Adressaten per Flyer das Gleiche zu tun und erhalten seither regen Rücklauf.

Aus ganz Deutschland, Österreich, sogar Südafrika – der Freundeskreis des antiquierten Tonträgers scheint nicht groß aber grenzenlos. Und Emotionsgeladen. „Ich habe einen Teil meiner selbst abgeschickt“, preist Medizinstudent Menke seine „90minütige Symphonie“. Damit ist er aus wissenschaftlicher Sicht ein typischer Vertreter der „Generation Mixtape“. So nennen Gerrit Herlyn und Thomas Overdick 20- bis 40-Jährige, die mit den akustischen Sammelsurien mehr verbinden als aufgereihtes Liedgut. Vor anderthalb Jahren haben die beiden Doktoranden am Hamburger Volkskundeinstitut ihr Seminar „C90 – Vom Umgang mit einem technischen Speichermedium“ gestartet. Eingebettet in ein Projekt über technische Erinnerungsspeicher ist es der erste Versuch, das Phänomen Mixkassette akademisch zu ergründen.

Im Zentrum stehen für Herlyn, 33, die „Menschen hinter den Tapes“. Und Empirie, Geschenktheorie, Kommunikationsmodelle, Kulturwissenschaft, Technikforschung – schließlich leitet er eine Lehrveranstaltung für 25 Studierende. Die Resultate zeigt ab 21. Mai das benachbarte „Museum für Kommunikation“. Kassettenmixer, erklärt Kollege Overdick, 32, „sind trotz aller kulturpessimistischen Theorie keine reinen Konsumenten, sondern ganz bewusste, kreative Nutzer der Technik“. Oder besser: Audiophile Biographen mit Hang zum ausgefeilten Verpackungsdesign.

Per Annonce hat das Duo bundesweit Teilnehmer gesucht. Verschiedenen Alters, geschlechterparitätisch, mitteilsam. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen: 80 Probanden berichteten oft stundenlang über ihre Erfahrungen mit dem Mixtape. Hinzu kamen 120 E-Mails und Briefe – gespickt mit teils intimen Bekenntnissen aus dem Mischer-Nähkästchen. „Wir konnten gar nicht alle Interessenten befragen“, meint Herlyn stolz. Ergebnis: Das Forschungsobjekt ist Kommunikationsmittel, Gedächtnisstütze und Duftmarke in einem. Es dient als Liebeserklärung, Briefersatz, Geschenk, Druckventil, Visitenkarte, Schmerzmittel oder sorgt einfach für Hörspaß. „Soundtrack zum Leben“, nennt es einer der 21 Teilnehmer, deren Berichte nun in Wort, Bild und Ton unter dem Titel „KassettenGeschichten“ ausgestellt werden.

Es dürfte nicht nur ein multimediales Happening werden, sondern auch ein sentimentales. Denn die Audiokassette hat eigentlich ausgedient. Seit die CD 1982 ihren Siegeszug antrat und Epigonen wie MD und DAT folgten, befindet sich die MC auf dem Rückzug. Kein Hersteller mag die Zukunft leerer Modelle garantieren. Jahr für Jahr bricht europaweit ein Viertel des Absatzes weg. Gingen 1991 noch 151 Millionen Stück über deutsche Ladentische, so zählte die „Gesellschaft für Unterhaltungselektronik“ 2002 ganze 24 Millionen. Und auch bespielt liegt das zumeist eisenbeschichtete Sounddepot unter zehn Prozent aller verkauften Tonträger – nur Kinderhörspiele und Volksmusik verhindern den totalen Einbruch. Dabei feierte es Mitte der 80er Jahre 60 Prozent Marktanteil.

Damals, in der bundesdeutschen Boomphase von Walkman und Auto-Hifi, verkörperten die 2,81-Millimeter-Bänder jugendliche Mobilität schlechthin. Und in der DDR waren es die teuren aber „einzig zugänglichen Tonträger, deren Produktion, Vervielfältigung und Verteilung auch außerhalb von kontrollierten Zusammenhängen möglich war“, wie die Berliner Musikforscherin Susanne Binas ausführt. Die Kompaktkassette als Kassiber und Kulturgut. Heute, 40 Jahre, nachdem der Technikkonzern Philips seine Erfindung auf der IFA Berlin vorstellte, hockt sie in der Randgruppennische. Im Pkw setzt sich der CD-Player durch, Abspielgeräte á la Walkman profitieren bestenfalls von gelegentlichen Revivals.

Philips hat sich längst aus dem Software-Markt zurückgezogen. Und die Hardware bezeichnet Sprecher Klaus Petri als „Auslaufmodell“; außerhalb von Kompaktanlagen seien Tapedecks schwer zu kriegen. Kein Wunder, dass bei ebay um fast 2000 Stück gefeilscht wird – wenngleich es MP3-Player auf dreimal so viele Auktionen bringen. Auch im Speicherbereich zeigt kein Hersteller Interesse, Lücken zu schließen. „Solange noch Nachfrage besteht“, verspricht Johannes Lerch vom BASF-Nachfolger Emtec, „wird der Produktzweig erhalten“. Länger nicht. Auch Marktführer TDK hält eine komplette Verdrängung der MC für möglich. Das deprimierendste Abstiegssignal funkt aber der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. „Analoges Kopieren ist für uns kein Problem“, beteuert Hartmut Spiesecke, der im Fall des explodierenden Absatzes von CD-Rohlingen nicht müde wird, den musikalischen Untergang des Abendlandes zu prophezeien. Von den 2,5 Milliarden Euro hohen Verlusten durch Piraterie kosten traditionelle Raubduplikate nur 50 Millionen. Zu wenig für Gegenmaßnahmen.

Ignoriert zu werden lässt den echten Fan indes kalt. Er hat es sich in der Subkultur eingerichtet – und erregt dort fast zwangsläufig die Neugierde des Mainstream. Seit Nick Hornbys Antiheld Rob in „High Fidelity“ das Baggerpotenzial von Mixtapes verteidigte, nimmt sich die Literatur der rauschenden Materie an. Von Max Goldt (Mind-boggling) über Karin Duve (Dies ist kein Liebeslied) und Benjamin von Stuckrad-Barre (Kassettenmädchen) bis zu Christian Gassers 13 Mixkassettenregeln in „Mein erster Sanyo“ hagelt es Erinnerungen für Thirtysomethings. Der Retrowelle entgeht nichts.

Keine Großstadt, in der nicht eine Radiosendung die Mixkassette adelt, kaum eine ohne Partys unter dem Logo der seit 23 Jahren fast unveränderten Klangkörper. Reggae- und HipHop-Szene setzen eisern auf spulbare Ware, in der Hamburger „Kassettentanke“ kann man die Ergüsse der DJ’s auf sechs Tapedecks mitschneiden. Das Internet liefert Cover, Tracklists, Tauschpartner per Mausklick. Trotz Digitalisierung, trotz aller Macken erweist sich die MC als zäh. Und das, obwohl die Konkurrenz kontert, sobald sie unterlegen scheint: Wurde die Flexibilität der Kassette gerühmt, kam die wieder bespielbare CD-R, war von Längenvorteilen die Rede, erreichte die Rivalin 90 Minuten. Rohlinge sind spottbillig, Brenner gehören zum Computerstandard wie der Rückspiegel zum Auto. Faden, mischen, LPs kopieren? Am PC kein Problem mehr. Und die Mär digitaler Datenverluste erweist sich als Pfeifen im Walde audioreaktionärer Vinylfreaks.

Doch die Nachteile, sagt Seminarleiter Overdick, „sind eigentlich ihr Vorzug“. Was in der Musiktherapie gilt, wo knackende Rillen und surrende Bänder den sterilen Silberlingen oft vorgezogen werden, gilt erst recht daheim. Überlegener Klangbrillanz entgegnen Overdicks Interviewpartner analoge Geborgenheit, Bandsalat gilt als Herausforderung. Der CD, das ist Konsens, fehlt jegliche Wärme. Verlustängste steigern dieses Empfinden nur noch. Das denkt auch der Nachwuchs. Ein 17-Jähriger spricht vom „Atmosphärenspeicher“, eine 21-Jährige spürt ein Eigenleben. Von Alltagskunst ist die Rede, von Lebensläufen, Heiligtümern und Magie. „Die haben ihr Inneres nach außen gekehrt“, so Overdick, der aus Zeitmangel nur noch selten die Recordtaste drückt.

Ganz anders Kristian Menke. Der Kettenbriefinitiator hat schon wieder neue Symphonien abgeschickt – nicht zuletzt an seine Freundin in spe, natürlich. „und jetzt hebst du die linke faust und rufst laut `lang lebe die mixkassette´“, lautet die Forderung am Ende des Beipackzettels. Das klingt nach mehr als dem Pfeifen im Walde.


Reise: Kalahari/Südafrika

Die Halbwüste lebt

Dion und Bellinda 3Als Farbige wurden die südafrikanischen San einst aus ihrem Stammesgebiet vertrieben. Jetzt kehren sie in die Kalahari zurück – als gemeinsame Betreiber eines Nobelhotels inmitten der Halbwüste.

Dion und Bellinda – Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der !Xaus Lodge am Rande der Kalahari. Foto: Freitag

 

Von Jan Freitag

Ein Eland, vielleicht eine Oryx-Antilope, auf jeden Fall etwas Großes, etwas sehr Großes. Nicolas bückt sich tief in den safranroten Sand der Kalahari, streicht sanft mit seinen ledrigen Fingern darüber und lacht. „Schwer zu sagen“, meint der Naturbursche vom Stamme der San und sagt es doch: Ein Gemsbock. Und daneben, seine Nase berührt fast die Erde, das war wohl ein Schakal. Spurenlesen ist in diesem Teil Südafrikas, eingeklemmt zwischen Botswana und Namibia, nicht so einfach. Zu rasch verweht der staubfeine Wüstenbelag, zu weich ist er für klare Abdrücke, zu nah an menschlicher Besiedlung geht Nicolas zu Boden und studiert ihn wie ein offenes Buch. Hier, er zeigt auf eine Reihe geometrischer Kratzer und lacht, das tut er oft, „eine Käferspur“. Dann holt Nicolas Afrikaner, so heißt er wirklich, eine Marlboro Menthol aus seiner Jeans und zündet sie an. „Der hatte es wohl eilig.“

Die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Halbwüste am Fuße des Kontinents – sie ließe sich kaum besser beschreiben als an diesem Ort mit diesem Mann in dieser Umgebung. Es ist seine Umgebung, sein Ursprung, wenn man so will, weit vor 1968, Nicolas Geburtsjahr, und so ist sie auch benannt: !Xaus Lodge, das Wort für Herz auf Nama, der Sprache seiner Vorfahren. Und für Naturhotel – in der des Commonwealth. Ein äußerst luxuriöses im Nichts, am Fuße einer trockenen Salzpfanne in Herzform, die sich nur bei Regen kurz füllt, zweimal jährlich. Eine Nobelherberge ohne fließendes Süßwasser und permanente Stromversorgung. Ohne gepflasterte Zufahrtstraße oder livrierte Diener. Stattdessen mit Weite und Ruhe, Licht und Eleganz, Natur und der Gewissheit, an etwas Größerem teilzuhaben als einem exklusiven Urlaub mit abenteuerlichem Wildkontakt. Dies ist schließlich nicht der Krüger-Park mit seinem durchdeklinierten Nervenkitzel. Dies ist die Kalahari. In der Sprache der San heißt das hart.

Und ihre neueste gastronomische Perle, die !Xaus Lodge, ausgesprochen mit diesem merkwürdigen, unaussprechlichen, klänge es nicht so kolonial, man würde sagen: exotischen Knacklaut zu Beginn, ist ein Stück schwarzer Rückeroberung der Spätfolgen rassistischer Repression. Außen rustikaler Reetdachbau im afrikanischen Lehmhüttenstil, innen zurückhaltende Folklore mit allem gebotenen Komfort, Vollpension und Safaritouren inklusive. Im kleinen Pool mit Wüstenblick fehlt freilich noch Wasser; dieser Tage wird es hier nachts bitterkalt. Vor wenigen Wochen feierte die Lodge Eröffnung, ein Dutzend gediegener Pfahlhütten für zwei Personen, viele Dutzend Dünen abseits der Hauptstraße durch den kargen und schillernden, artenreichen wie menschenarmen Kgalagadi Transfrontier Nationalpark im Dreiländereck. Es ist ein Stück gehobene Ferienkultur und eines der Selbstbehauptung in der Abgeschiedenheit am Kap der guten Hoffnung, die den San abhanden gekommen war.

Dass sie mittlerweile neue schöpfen, liegt auch am bemerkenswerten Projekt in den trockenen Weiten der Savanne. Und seine Existenz wäre fraglich ohne den unermüdlichen Einsatz der San, ohne die fixe Idee eines eigenwilligen Iren und die Schönheit eines verwirrenden, verwirrten Landes. 1931 wurden die San aus der Kalahari vertrieben. Von Weißen, den Baas, wie dunkelhäutige Ureinwohner die bleichgesichtigen Eroberer aus Holland unterwürfig zu nennen hatten. Fort geschickt von einem Land, das sie so lange bewohnt hatten wie es Menschen in der Kalahari gibt, seit Ewigkeiten also, in Jahren schwer zu beziffern.

Plötzlich hieß ihr Jagd- und Sammelrevier Nationalpark, plötzlich waren die San darin unerwünscht. Genauer: verboten. 1973 verschwand – forciert von den Nachbarstaaten – auch der letzte von ihnen aus Südafrikas Kalahari, vertrieben in Townships, Armut, Fremdheit und Alkoholismus. Es bedurfte des Endes der Apartheid 21 Jahre darauf, bis die San versuchen konnten, das gestohlene Land ihrer Ahnen zurück zu erlangen. Erst nach langem juristischen Tauziehen begrüßte Südafrikas späterer Präsident Thabo Mbeki im März 1999 feierlich die ersten 300 „Bushmen“ als neue Besitzer von 60.000 Hektar Wüstenland. Es war auch die Geburt der !Xaus Lodge. Ihr Vater hieß Vet Pit.

Wie Nicolas Bruder wirklich heißt, weiß kaum einer, zumindest hält es niemand für relevant. Vet Pit, soviel ist sicher, war ein alter Mastertracker der San, ein Spurenleser wie Nicolas mit der Gabe, die Sprache der Tiere zu sprechen, so geht die Sage. Vet Pit, erzählt Bellinda Kruiper vorm Kaminfeuer der kleinen Bibliothek, hat diesen Platz vor seinem Tod gefunden, nicht gesucht. Einen, formuliert die Lodge-Sprecherin blumig, „wo wir glücklich werden könnten“. Weshalb ausgerechnet hier, wisse keiner, und warum sich Bellinda Kruiper zu den Glücklichgewordenen zählt, ist eine komplizierte Geschichte. Nach ihrer Scheidung, losen Jobs in den Kanzleien, Praxen, Banken Kapstadts und zunehmender Leere im Leben, sei sie einer Stellenanzeige als Rezeptionistin in den Park gefolgt, dort rasch zur Aktivistin geworden und kurz darauf zum „ersten zugereisten Bushman“, wie sie stolz hinzufügt. Zurück zu den Wurzeln, per Initiationsritus, und das als Frau. Im patriarchalen Südafrika macht sie das per se zur Feministin.

Vermutlich die erst der San. Doch vor allem ist Bellinda Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der abgeschiedenen Gemeinde mit Herz. Im Schneidersitz und feinstem Oxfordakzent erklärt sie das Projekt, ihr Projekt, die Lodge, größtenteils finanziert von Glynn O’Leary aus der Parkverwaltung, „dem verrückten Iren mit einem Traum“: vom Urwuchs der Kalahari und dem Erbe der San. Von Versöhnung, Reconciliation, ein großes Wort am Kap, wo man auf Formularen noch immer die Hautfarbe angeben muss. Bellinda legt einen Scheit Holz in die Flammen: Nachdem Vet Pit genau hier sechs Jahre zuvor die Zukunft seiner Leute im roten Sand aufgespürt hatte, fährt sie fort, brauchte ihre künftige Familie ein tragfähiges Konzept, etwas, „das auf dem Papier interessant aussieht, denn der Plan hatte nur auf wirtschaftlich soliden Füßen eine Chance.“ Die Lösung lautete Ökotourismus. Einer der gehobenen Art.

Nun mag man darüber streiten, wie ökologisch es ist, gut betuchte Gäste aus Europa und Übersee Tausende Kilometer in die Wüste zu fliegen, um sie stundenlang auf vierradbetriebenen Spritfressern in eine Welt zu kutschieren, die Strom aus Dieselgeneratoren bezieht und jedes Stück Butter durch die halbe Kalahari fährt, die den Tieren gehört, einigen als letzte Bastion. Das Ökologische entstehe eher auf der Rezeptionsebene, im Kopf, im Bauch, erläutert die knallharte Menschenrechtsaktivistin Bellinda Kruiper und lächelt plötzlich sanfter als sie wohl möchte. Es gehe um ein neues Verständnis von Herkunft, Geschichte und Umwelt, vom Leben unter einem Sternenhimmel, dessen unverbaute Pracht von hier aus besser bestaunen lässt als irgendwo sonst. „Um das Gefühl eigener Verkleinerung im Umfeld der Unendlichkeit“. Auch für sie selbst. Ob das politisch sei, ein Akt der Befreiung? Sie überlegt kurz und verfällt wieder in eher missionarischen Tonfall: „Wenn Menschen einen Ort zum Leben finden, den nur sie begreifen, den niemand sonst besiedeln will, wo es kein Wasser gibt und keiner gestört wird, ist das nicht politisch, sondern spirituell.“ Da gehe es um tiefer liegende Kräfte.

Wer Bellinda Kruipers Lebensgeschichte aus 43 Jahren Unterdrückung, politisch bewegtem Elternhaus und gewollter Rückverwurzelung nicht kennt, könnte sie für esoterisch halten, mit ihren Monologen von Glauben und Selbstfindung und einem toten Ehemann, der als Löwe wiedergeboren durch die Kalahari streift. Dann aber spricht sie nüchtern von der Lodge als Ertragsfaktor, „an dem wir nicht mit Pfeil und Bogen Kulturgeschichte spielen wollen“, sondern mit teuren Jeeps solvente Touristen über holprige Sandpisten fahren.

Dafür haben die San bei sengender Hitze einen Weg durch die Dünen gegraben, den nur befahren darf, wer sich zuvor per CB-Funk anmeldet, um Zusammenstöße auf den Kuppen zu vermeiden. Dafür arbeiten bald 15 San mehr oder minder gleichberechtigt im Kollektiv, drei Wochen am Stück, eine Woche Auszeit. Dafür gibt es zwar Hierarchien, aber kaum Befehle, einen Manager namens Philip Gadenne, der erst die Resultate seiner englischen Fußballliga und dann die Herkunft seiner Gäste erfragt, aber keine echten Angestellten. In wenigen Tagen wird der weit herumgekommene Organisator, Möblierer, Koch und Kalfakter von Bellinda abgelöst. Bis der nächste kommt. Die Lodge erinnert an eine Art modernen Kibbuz ohne Ackerbau, eine Kommune des New Age, erdverwachsen aber profitorientiert, mit mehr Privatsphäre, mehr Natur. Und mit Löwen unterm Haus.

Als eines Nachts ihr heiseres Brüllen näher klingt, als es noch die pessimistischen San erwartet hätten, wird ihnen die Lage des Projekts erst richtig bewusst. Unter den Hütten gehen die mächtigen Tiere auf Beutejagd, suchen in Wurfweite nach Wasser und im Sommer womöglich noch näher nach Schatten. Jetzt erschließen sich die Stelzen, auf denen das Ganze erbaut ist, die alle Hütten durch höher gelegte Gänge verbinden und nur bei denen der Mitarbeiter fehlen. Möglicherweise aus Geldmangel, eventuell aus Prinzip, ganz sicher aus Gottvertrauen. Es sei eben kein Ort bloßen Beobachtens, sondern des Erfahrens, Erlebens. Allen Risiken zum Trotz.

Wie sich die müden Bewohner jedoch im Morgengrauen an ihre Kaffeebecher klammern, scheint auch ihnen die Nähe zur Natur nicht ganz geheuer. „Die Löwen haben unsere Treppen markiert“, sagt Nicolas, sein Lächeln wirkt gequält. Zum Spurensuchen führt er die neuen Gäste nach dem Frühstück dennoch. Es gehört zum Angebot und das ist keineswegs billig. Und für die San ist es mehr als eine Chance auf Anerkennung oder Auskommen, es ist eine Fügung des Schicksals, eine Fortsetzung der Geschichte und, ja: ein Politikum. Wenigstens war es das, nach der Apartheid. Und künftig? „Wenn ihr nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Nicolas mit einem Grinsen, dass sein dunkles Gesicht in tiefe Falten legt, „kann es sein, dass ich draußen bin und eine Elandkuh melke“. Er könnte ihrer Spur gefolgt sein, mit ihr gesprochen, sie von seiner Freundschaft überzeugt haben. Und vielleicht steckt er sich dann eine Zigarette an.


Report: 100 Jahre Mensch ärgere Dich nicht!

Frohes Ärgern

Vor 100 Jahren kam das beliebteste Spiel der Deutschen auf den Markt. Seither steht „Mensch ärgere Dich nicht!“ für gesellige Schadenfreude. Hommage an eine Institution

Von Jan Freitag

Wer kennt diesen Sketch nicht von zuhause: „Na was is“, sagt Gerhard Polt darin zu seinem Sohn, dem nach zwei rausgeworfenen Figuren die Lust vergeht, „jetzt wird anständig gewürfelt“. Doch Heinz-Rüdiger will nicht, Papa zieht an seiner Stelle, schmeißt ihn dann nochmals raus und schüttelt sich nebst Mama vor Lachen. Was folgt, ist Alltag: Mit einem Wisch fegt der Bub das Brett ab, kriegt was an die Ohren und die Drohung hinein, so lang weiterzuspielen, „bis du den Ernst von dem Spiel amol begreifst“.

www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=9OcuxYlOdGY&feature=related

Das Spiel heißt (natürlich) Mensch ärgere Dich nicht! und es sorgt seit genau 100 Jahren für Freude wie Verdruss. Denn 1912, als der erste Leichtathlet zwei Meter hoch sprang und die Titanic sank, brachte ein Tüftler namens Josef Friedrich Schmidt das Spiel der Spiele zunächst als Versuchsversion, ein Jahr später dann ganz offiziell in den Handel, . Da war es zwar noch ein Prototyp, handgemacht in einer kleinen Münchner Werkstatt, eher für Schmidts Söhne als den Massenbedarf. Doch das sollte sich mit der Serienfertigung ab 2014 ändern.

Denn der Spaß für vier bis sechs Personen, den Schmidt der indischen Urversion Pachisi, mehr aber noch dem britischen Ludo nachempfunden hatte, er kultivierte etwas Ungewohntes, ja Ungehobeltes, also sehr Erfrischendes in der guten Stube: Die Schadenfreude. Anders als bei den Vorläufern wurde das Rausschmeißen von der Variante zum Wesenszug – und damit der Ärger des Gegners. Ein Instinktgefühl wie das Lachen selber. Und irgendwie muss es wohl deutsche Züge tragen – sonst hätten Portugiesen und Polen, Italiener oder Iberer, Franzosen wie Engländer „Schadenfreude“ kaum in den eigenen Sprachschatz integriert. Vielleicht ja auch, weil man nicht nur in diesen Ländern bisweilen denkt, die ersten zwei Silben des Wortes, von dem wir der Welt im Lauf der Geschichte ein bisschen sehr viel zugefügt haben, erzeugt im Ursprungsland fast zwingend die hinteren beiden.

Da kann es doch kein Zufall sein, dass Mensch ärgere Dich nicht! ausgerechnet da zum Durchbruch kam, wo die Schadenfreude irgendwie endemisch ist: Auf dem Schlachtfeld. Bis zum 1. Weltkrieg nämlich wollte es kaum jemand kaufen. Also schickte der Spielproduzent in spe noch vor der Firmengründung 3000 kostenlose Exemplare an die Front. Aus Patriotismus, schreibt die Unternehmenshistorie. Mehr aber noch aus Groll den Misserfolg, der im Schützengraben sein Ende fand: Die heimkehrenden Soldaten spielten zuhause einfach weiter.

Mensch ärgere Dich nicht nun als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu sehen, ginge aber doch zu weit. Das „populärste Gesellschaftsspiel der Nation“, wie es der „Spiegel“ zum 75. Geburtstag beschrieb, macht einfach ohne großen Aufwand viel Spaß. Und die Lust am Leid anderer hat seine Ursprünge auch eher in der hierarchischen, später ständischen, bald kapitalistischen Gesellschaft als in einer Art deutschen Wesen. Schadenfreude gab dem Pöbel wenigstens dann ein kurzes Gefühl von Gleichheit vorm Schicksal, wenn die Oberschicht mal in den Dreck stolperte. Sie ist folglich keine Boshaftigkeit, sondern die „kleine Schwester der Niedertracht“, wie die „Zeit“ mal schrieb: verwandt mit dem Neid, gespeist vom Minderwertigkeitsgefühl, evolutionär überlebenswichtig, „weil sie das Gruppenrudel vor Einzelschmarotzern schützt“. Ein sozialer Kitt.

Und er wird in jener Hirnregion angerührt, die Forscher der Universität London dank mehrerer Spielexperimente auch bei Essen, Sex, Drogenkonsum aktiviert sehen. Es geht um Befriedigung. Da das gesellschaftliche Normenkorsett jener Zeit indes nur ein begrenztes Maß an Spott zuließ, kam Schmidts Spiel, von Kennern „Mädini“ abgekürzt, in einer humorlos militärischen Klassengesellschaft wie der wilhelminischen grad recht. Vor der Anleitung waren endlich alle gleich: Eltern und Kinder, Freund und Feind, satt und hungrig, uniformiert und zivil, oben und unten. „Das wohl deutscheste Spiel“, wie es die Spielesammlerin Ulrike Schiefer nennt, muss man so gesehen als Ventil einer Nation im Würgegriff von Anstand und Ordnung sehen.

Umso bemerkenswerter, dass die Berliner Firma mit bayerischen Wurzeln auch in der liberaleren Gegenwart jährlich gut 100.000 der knallroten Kartons mit dem giftgrünen Streitpotenzial verkauft. Das Layout mag optisch dem Zeitgeist gefolgt sein, der genervte Anzugträger überm geschwungenen „M“ mehrfach Krawatte und Frisur gewechselt haben – im Kern blieb das Design ebenso erhalten wie die entwaffnend simplen Regeln. Im Grunde, meint Dirk Hanneforth, der als Verfasser des Buchs „Ärger-Spiele“ zum ausgewiesenen Experten avancierte, „ist nichts dran“. Es erzähle keine Geschichte, urteilt der Schuldirektor aus Bielefeld, „die Idee ist zu einfach, die Aufmachung verglichen mit heutigen Spielen furchtbar“. Ein optisch unterforderndes, haptisch unspektakuläres, ästhetisch primitives Pappquadrat mit Pöppeln genannten Plastiksteinen – und doch gut 70 Millionen Mal verkauft.

Einst für 35 Pfennig, heute zu zehn Euro, längst auch als Bodenspiel oder Reisemini, auf CD-Rom oder Friesisch, mit Automatikwürfel oder Jokerkarten, im Pyramiden- oder Retrolook. Franzosen spielen aufmunternd Mach dir nichts draus, Amerikaner folgebewusst Frustration, Polen kryptisch Chinese, vor allem Deutsche aber sollen sich bloß nicht ärgern, tun es aber doch beständig. Bei Landesmeisterschaften, unter Wasser oder 136 Stunden am Stück.

Das Inventar jedes gut sortierten Elternhaushalts ist derart wichtig für die hiesige Popkultur, dass Gerhard Polt daraus einen brillanten Sketch machte und Sat1 eine weniger brillante Show namens Promi ärgere Dich nicht!. Es ist aber sogar so bedeutsam, dass vor zwei Jahren gar eine Briefmarke herauskam, mit dem üblichen Ablauf als Motiv: Zwei lachen, einer wütet, das Brett fliegt, Spiel aus, alles von vorn. Doch die Post lag mit dem vermeintlichen Jubiläum so daneben wie das allwissende Online-Lexikon Wikipedia. Zumindest offiziell. Selbst der Hersteller hatte sich zunächst auf 1912 festgelegt, als das Spiel erstmals im Handel aufgetaucht war, was Spielforscher Hanneforth bestätigt. Mittlerweile jedoch jubiliert Schmidt-Spiele lieber 2014, im Jahr der Firmengründung. Betriebswirtschaftlich trifft es das sogar besser: Ohne Mensch ärgere Dich nicht! gäbe es da nicht fiel zu feiern.

EPIGONEN

Verliere nicht den Kopf: Dabei muss man auf Eckfeldern, die man genau trifft, auf die diagonal gegenüberliegende Ecke ziehen.

Zoff der Zünfte (2006, 3-Hirn-Verlag): Hier haben die Pöppel Funktionen bzw. Charaktere wie Bursche, Geselle, Meister.

Nichts als Ärger (1999, Heidelberger Spieleverlag): Ergänzungskartenspiel, zu dem man ein Mensch-ärgere-Dich-nicht!-Brett benötigt. Die gezogenen Spielkarten lenken die Pöppel.

Teufelsrad (1938, Ravensburger): Mischung aus Mensch ärgere dich! nicht und Malefiz.


Reportage: VW-Blasen

Liebe geht durch den Tank

Sommerzeit ist Festivalzeit. Eines der bemerkenswertesten davon hat einen ziemlich merkwürdigen Namen: VW Blasen, das jährliche Treffen testosterongefluteter Fans gewaltiger Auspuffrohre an aufgemotzten Autos aus Wolfsburg. Vor wenigen Wochen ist das aktuellste zuende gegangen. Grund genug für eine Reportage der schwer alkoholisierten Turbo-, GT- und Tittensause aus dem Jahr 2004

Von Jan Freitag

Nach dem Tod, sagt Falk Richter, da kommen Rosen. Dann lächelt er milde. “Viele in der Szene stehen ja eher auf Totenköpfe und so”, fügt er hinzu und sein Blick wirkt etwas melancholisch. “Wir nicht. Wir lieben die Schönheit.” Der Mecklenburger mit den tiefen Lachfalten spricht über seinen Wagen und er tut es leise. Seine Stimme wird auch dann nicht lauter, als ein Stakkato aus Fehlzündungen die warme Juliluft perforiert und eine Menschenmenge dazu jubelt. Krach, Abgase, Geschrei – das gehört hier einfach dazu, auch wenn Falk Richter so was nicht nötig hat. Falk Richter bevorzugt Seidenblumen im Scheinwerfer, Airbrushspielereien am Lack und beleuchtete Initialen. “FR” prangt in pittoresker Schreibschrift an allen erdenklichen Bauteilen des “Golf 4 Edition” seiner Freundin, den der Kfz-Mechaniker in jahrelanger, zäher und vor allem sauteurer Feierabendarbeit zum “Freestyle Golf” hochgejazzt hat. Und dieser stillgelegte Militärflughafen nahe dem südbrandenburgischen Luckau ist seine größte Bühne.

VW-Blasen heißt das wohl weltgrößte umzäunte Treffen der Wolfsburger Marke und fast 60.000 Besucher aus halb Europa mit ihren 27.000 Autos versuchen vier Tage im Hochsommer beharrlich, jedes Klischee über Fans hochgetunter Kisten zu bestätigen. Man feiert sich und seinen Volkswagen – da kann der VW-Konzern in einer noch so tiefen Krise stecken. Eine Menschentraube umringt den rundum verzierten Boliden von Jana Schattmann. Sie bleibt im Hintergrund. Es ist ihr Auto, aber Falk Richters Projekt. Doch die Besitzerin zeigt nur zu gern die Fotomappe über die Metamorphose vom Kleinwagen zum Gesamtkunstwerk – Dokumentation der Schnittstelle zwischen Spießer und Freak. Digitalkameras surren, Fotoapparate klicken, wenn Richter stolz die Hydraulikanlage vorführt. Ein Knopfdruck und die Kotflügel heben sich. Einzeln. “Anblasen” nennt er diese gänzlich überflüssige Konstruktion. Aber was ist schon überflüssig auf dem Klassentreffen der einzig wahren Generation Golf.

Da zeigt die Szene, was mit der nötigen Dosis Besessenheit aus ganz gewöhnlichen Autos alles werden kann. Da dröhnt Kirmestechno unentwegt aus gigantischen Car-Hifi-Anlagen, da üben sich alkoholisierte PS-Jünger allabendlich in platter Anmache, da lassen Frauen, die das offenbar nicht stört, beim Miss-Wettbewerb auf der Bühne alle Hüllen fallen – auch wenn das weibliche Geschlecht sonst vornehmlich als beifahrende Staffage dient. In der größten Not greifen die Malteser ein, was über 250-mal nötig ist. “Bei VW-Blasen geht es um Autos, Frauen, Party und VW”, definiert Veranstalter Dirk Krühler das mittlerweile neunte Treffen. Es ist ein Festival des Überflusses in Zeiten der Krise. Pünktlich zum Beginn hat Volkswagen eine Gewinnwarnung ausgegeben. Das kalkulierte Konzernergebnis von 2,5 Milliarden Euro wurde um ein Fünftel nach unten korrigiert. Der Nettogewinn soll gar um 36 Prozent einbrechen. Hauptschuldiger dieser Tagesschau-Spitzenmeldung: der neue Golf V, der sich sogar mittels kleiner Sonderausstattungsgeschenke nur halbwegs verkauft. Der Golf. Ausgerechnet das Flaggschiff des Unternehmens, der Leib-und-Magen-Typ von Luckau.

Daniel Nofz zuckt mit den Schultern. “Interessiert mich nicht”, sagt der Besitzer eines aufgemotzten Golf 3 stellvertretend für viele zu den Prognosen. Warum er gerade diese Marke derart liebt, warum er in ein ursprünglich eher biederes Modell jede Minute, jeden Cent, jedes Quäntchen Inbrunst steckt? Der 26-jährige Treppenbauer von der Insel Rügen guckt, als fragte man ihn nach der Form der Erde: “VW hat den größten Markt, die meisten Teile, die solideste Technik.” Blöde Frage also. “Guck dich doch mal um!” Und wenn man das tut, stellt man folgendes fest: “VW-Blasen” wendet sich zwar an die Fahrer aller Produkte des Konzerns, also auch Seat, Audi, Skoda. Doch nichts ist hier so präsent wie der Golf. Sogar Polo, Passat oder Käfer spielen hier die zweite Geige. VW, das sei wie eine Religion, hört man die Jünger öfter sagen, und es klingt wie ein Glaubensbekenntnis.

Das Areal im märkischen Sand beherbergt viele Auto-Treffen – vorwiegend solcher heimischer Marken. Doch Ford, BMW oder Opel brächten es nicht mal gemeinsam auf Besucherzahl und Emotionen der VW-Gemeinde. Sagt der Organisator. Die Marke und ihr Treffen hätten “absoluten Kultcharakter”. In der Wortwahl fahl, in der Aussage richtig: Das Jahr ist gespickt mit Festivals. Der Autobild-Planer listet Hunderte Partys und Treffen aller Modelle und Marken auf. Doch ausgerechnet hier, 60 Kilometer südlich von Berlin, scheint sich die Motorszene heimischer als anderswo zu fühlen. Einer der Gründe dafür ist 402 Meter lang und überaus schmucklos. Die legendäre Viertelmeile, sagen Fachleute vor Ort, sei in Luckau am besten präpariert.

In Sechserreihen stehen sie an für das namensgebende Ereignis der Veranstaltung, das “VW-Blasen”: Verbeulte Golfs der ersten Generation, verchromte Nachfolgemodelle mit Rallyebügeln, überzüchtete Käfer, fensterlose Sciroccos, Polos mit 250 PS. Mit heulenden Motoren warten sie auf den Startschuss zu einem Rennen, das bei keinem Event von Belang fehlen darf. Und auf der alten Notlandebahn sind die Bedingungen perfekt. “Die haben hier die beste Zeitmessanlage”, sagt einer, der nicht so recht nach Geschwindigkeitsrausch und Komaparty aussieht, ein hagerer Angestellter aus Hamburg, ein Hobbyschrauber von 30 Jahren. “Mir geht’s nur ums Rennen”, sagt Michael Doebbel. Der Laptop anstelle des Beifahrersitzes zeugt von Professionalität. Der Starter gibt die Strecke frei. Die Ampel springt auf Grün. Dann rast er los. Und die Tribüne johlt bei jedem qualmenden Reifen. Dass Doebbel mit 200 Spitze gewinnt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So sportlich nehmen es nur wenige. Eigentlich ist Luckau eine Art St. Moritz der einfachen Leute. Man kommt dieses diffusen Wir-Gefühls wegen und hofft auf Spaß und Bestätigung für Leistungen, die andernorts nur Kopfschütteln ernten.

“Drück mal länger”, ruft Falk Richter seiner Freundin zu, die im Wagen sitzt. Das Heck hebt sich. “Ich will zeigen, dass es mehr gibt als PS, PS, PS”, sagt der 31-Jährige. Den Designwettbewerb hat er in diesem Jahr zwar verloren, doch seine Mission wird ihn auch 2005 nach Luckau führen – wenn auch mit anderem Auto. “Umständehalber zu verkaufen”, steht an diesem hier. Das Projekt sei eben beendet, sagt Jana Schattmann. Erfolgreich, davon zeugen elf Pokale im stets offenen Heck. Der Alltag, erklärt ihr Freund Falk, sei schließlich die größte Gefahr für derlei Gefährte – Steinschläge, Unfälle. Ob ihm nicht das Herz nicht doch ein wenig blute? “Eigentlich ja”, seine Stimme senkt sich, “aber man lebt doch glücklicher in einer Erinnerung.”

Der Text ist 2004 in der taz erschienen


Reise: Island/Westfjorde

Ode ans Wasser

Ein Geheimtipp ist Island mit seiner Mischung aus Naturereignis und Kulturregion nicht mehr. Dennoch lässt sich die Insel im Nordatlantik neu entdecken – vom Wasser her. In den Westfjorden entwickelt das zentrale Element des vulkanischen Eilands seine größte Kraft.

Von Jan Freitag

Der Soundtrack Islands klingt wie ein Fluss. Mal rauscht er durch die Ebene, plätschert ruhig weiter, stürzt tosend in die Tiefe, um bald sachte ins Meer zu gleiten. Wenn der Musikverleger Lárus Johannesson seine Heimat beschreiben soll, nimmt er am liebsten Hilmar Örn Hilmarssons CD zum bekanntesten aller Island-Filme, „Kinder der Natur“, aus dem Regal und legt sie ein. Der geigenlastige Sound ist so voller Fläche, Melancholie, Reinheit und Bewegung, dass man fast glaubt, ihn trinken zu können. Denn der Rhythmus des Landes und seiner Bewohner, sagt Lárus, der Plattenhändler aus Reykjavik, „ist wie der Rhythmus des Wassers“.

Wie Wasser, ausgerechnet Isengard, die Feuerinsel am Polarkreis. Aber sie gleicht mehr einer Seenplatte als einem Vulkan, auch wenn es stets aus der Erde dampft. Das Wasser ist allgegenwärtig. Im Frühjahr schmilzt es, im Sommer steht es, im Herbst gefriert es, im Winter schluckt es jeden Schall und für Lárus Johannesson, dem trendigen Mittvierziger aus dem Szeneviertel 101, bewirkt es in jedem Zustand mehr, als nur die Oberfläche der Insel zu formen. Wasser, er nippt am Espresso, „lässt unsere Gedanken schweifen“. Hier, in der pulsierenden Kulturmetropole ebenso wie oben, in den Westfjorden, dem karstigen, unentdeckten, lautlosen Gebiet im äußersten Eck des Landes.

Mit der Propellermaschine geht es von Reykjavik aus in den Norden, gleich durch drei Wolkendecken hindurch, ein unruhiger Flug. Island, so heißt es, zahlt für jeden Sonnentag mit einer Woche Regen. Das scheint noch untertrieben – es ist Mitte Mai und schneit auf Meereshöhe. Wer dieses Land verstehen will, seinen Takt und seine Launen, der sollte zu den Westfjorden fliegen und sich wetterfest kleiden. Von der Hauptstadt in den entlegensten Winkel, knapp eine Stunde dauerte es von der Zivilisation bis zur Einöde, wo die Ansiedlung schwerer Industrie verboten ist und jede Straße ein Abenteuer. Hier besitzt das Wasser seine größte Kraft, denn das Meer zerklüftet seit 16 Millionen Jahren die Küste.

Island, zumal den Westen, ohne blumige Metaphern zu schildern, fällt Reisenden oft schwer. Vom wachsenden Gletscher Drangajökull, fast in Sichtweite Grönlands, ist schon mal als träges Faultier die Rede, von Straßen als Kratzern im Geröll oder von Hügeln, die an hockende Trolle erinnern. Das mag am Hang zur Sage liegen, dem uralten Glauben an Kobolde, Elfen und versteckte Menschen, der die Insel noch heute prägt. Sie mögen an Einfluss verloren haben, doch wo kochendes Wasser unvermittelt aus dem Boden schießt und der Schnee auch im Sommer nur wenige Meter weiter noch in den Ebenen klebt, wo das Wetter gern minütlich umschlägt und fünf Grad kalter Ozean an lange Sandstrände von karibisch goldener Farbe brandet, da ist ein bisschen Pathos unvermeidlich.

Island-Helga2Björn und Helgas Farm ist ein Schmelztiegel dieses Wechselbads. Sie liegt unweit des malerischen Städtchens Ísafjörður, gesäumt von jenen Bergen, die alle Fjorde trennen, mit flachen Kuppen, baumlos wie das ganze Land und weiß geädert wie ein Zebra. Vom Wohnzimmer aus blickt man vorbei an kitschigen Plastikblumen auf ein Fischerdorf im Nordwesten, wo der Fjord sich zum Meer öffnet. Isländer sind auf fast erdrückende Art gastfreundlich. Es gibt getrockneten Fisch, frittiertes Brot, Skyrkaka, eine Art Joghurt auf Biskuit, fast alle landestypischen Knabbereien auf einem Tisch. Und natürlich Kaffee. Isländer trinken ihn literweise. Ein Wunder, dass sie so alt werden. Der Polkappe näher als die sechsköpfige Familie, deren Nachnamen wegen der Kombinationen elterlicher Vornamen mit dem eigenen Geschlecht variieren, leben nur wenige. Und kaum jemand hängt mehr am Tropf des Wassers als diese Sippe.

Helga Kristjansdòttir und ihr Mann züchten Lachse in der Bucht, schöpfen ihr eigenes Süßwasser, tränken ihr Vieh mit kanalisierter Schneeschmelze und betreuen Angler im Dorf. Sie versorgen sich dank eigenen Wasserkraftwerks selbst mit Energie und liefern mit einem zweiten Strom an die Stadt, wie überhaupt die ganze Insel nur mit der Wärme und der Kraft des Wassers betrieben wird. Helga, Mitte Vierzig und wie in Island üblich tonangebend in der Ehe, lächelt breit: „Wenn es ginge, würden wir das Wasser auch noch essen.“ Alles eine Frage eigener Ansprüche. Die Powerfrau mit den rauen Händen lebt wie die Hälfte der Bevölkerung außerhalb Reykjaviks, auf dem Land also, und weiß, was es heißt, der Natur zu trotzen.

Allein, dass sie hier wohnt, ist den Unwägbarkeiten der Natur geschuldet. Zum Lawinengebiet erklärt, musste die Familie ihren Hof ein paar Fjorde weiter vor neun Jahren räumen, schnitt das Haus kurzerhand in drei Teile und transportierte es per Lkw an sein neues Zuhause. „Man muss in Bewegung bleiben“, sagt Helga und lacht. Was das auf den Straßen abseits der inselumrundenden „Nationalstraße Nr. 1“, Islands längstem und fast ganz asphaltiertem Ring heißt, zeigt sich zu Beginn der Fahrt durch die Fjorde. Schotter knirscht unter den Rädern, doch es bleibt das einzige Geräusch weit und breit. Die Gegend hat noch weniger Verkehr als der Rest Islands, dessen Bevölkerungszahl vierstellig ist und deren Infrastruktur daher aufs Nötigste begrenzt. Und ohne Menschen glänzt das sommerliche Grün noch kräftiger in der Mitternachtssonne, die Gewässer wirken blauer, der Dampf heißer Quellen dichter.

Doch der Weg ist mühsam; kein Wunder, dass Island nicht nur die höchste Dichte an Schwimmbädern und Badewannen hat, sondern auch an Geländewagen. In Ermangelung großer Verbindungsstraßen müssen Dutzende Fjorde einzeln abgefahren werden, vorbei an imposanten Klippen, schneebedeckten Gipfeln, abgelegenen Buchten und geschwungenen Tälern. Durch Orte wie Þingeyri, wo das Klima den Müll auf einem Schrottplatz zum sepiafarbenen Kunstwerk verrosten ließ. Oder Haukaladur zwei Siedlungen weiter, das sich seit 70 Jahren eine Theaterbühne leistet, vier Vorstellungen im Sommer, ein Festival für Monologe, „sonst spielen wir bei Bedarf“, sagt der Betreiber. Die Westfjorde sind nichts für Eilige.

Und wenn die Kommunen doch mal einen Tunnel graben, kommt wieder das Wasser ins Spiel. Um das Fischerdorf Suðureyri nach Ewigkeiten isolierter Wintermonate anzubinden, grub man sich vor zehn Jahren durch den Berg und stach auf halber Strecke in ein verborgenes Wassernetz, das den Tunnel sogleich flutete. Was aber andernorts zum Baustopp führt, gilt in den Westfjords als Chance. Mit ohrenbetäubendem Lärm macht sich die Quelle hinter einer Stahltür am Straßenrand bemerkbar. Dahinter, mitten im Berg, rauscht aus 200 Metern Höhe ein Wasserfall nieder und versorgt die Nachbarstadt mit Strom. Noch liegen viele Schönheiten der Gegend im Verborgenen.

Island-JaksMichael Jaks sucht zum ersten Mal nach solchen Schönheiten. Bislang fuhr der Pfälzer nach Norwegen zum Hochseeangeln. Jetzt versucht er es erstmals eine Woche in den Westfjords. Und auch wenn der 51-Jährige mit seinen drei Freunden wegen Sturms an diesem Tag nicht raus aufs Meer darf, gefällt ihm das kühle Klima. „Warmes Wasser lässt mich kalt“, sagt er und seine wettergegerbte Haut pflichtet ihm bei, „da spürt man den Fisch nicht richtig“. Nicht alles sei perfekt, seinem Ferienhaus fehle es etwa an Komfort, doch in ein paar Jahren, so glaubt er, sei die Gegend ein Paradies für Natursuchende.

Nur langsam beginnen die Westfjords, Gäste wie ihn zu bedienen. Noch verdient der Fremdenverkehr hier seinen altbackenen Namen und am verwaisten Flughafen steht der Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft dicht an dicht. Am Ufer eine Fischfabrik, die heute Kabeljau für Nigeria trocknet, am Hang darüber bunte Bungalows für den wachsenden Strom anreisender Angler und Wanderer. Vielleicht ist es aber auch angenehmer, erdnäher, schöner, Komfort nicht über Hotelsterne oder Entertainment zu bemessen, sondern an der Möglichkeit, zur Ruhe zur kommen. Im Zelt, das man fast überall aufschlagen darf. Oder in jener schlichten Herberge bei Flókalundur, wo die Fähre zurück in den Süden abfährt: Ein Flachbau mit Hot Pot direkt am Meer, die prächtigsten Wasserfälle in Wanderweite. Nach einem Ausflug zu den Klippen von Látrabjarg samt ihrer Unmengen zutraulicher Papageientaucher kann man darin den Tag im Sonnenuntergang ausklingen lassen. Hier hat Hilmar Örn Hilmarsson seinen Soundtrack erdacht. Die Symphonie auf Island, eine Ode ans Wasser.


Reportage: Vom Kiez zum Kap

pic.phpDer Weg war das Ziel

Einfach zur Fußball-WM zu fahren ist leicht. Kay Amtenbrink und Bernd Volkens aus St. Pauli war das Ziel allein nicht genug, als 2010 das Turnier in Südafrika anstand – es musste die Fahrt durch zwei Kontinente Richtung Kapstadt sein. Eine Odyssee voll himmlischer Erlebnisse und Höllentrips, dokumentiert in Jo Bornemanns grandiosem Dokumentarfilm Vom Kiez zum Kap und jetzt auch in den freitagsmedien.

Von Jan Freitag

Die Reportage eltmeisterschaft Größer könnten Gegensätze kaum sein. Fünf Grad minus zeigte das Thermometer, als für Kay Amtenbrink und Bernd Volkens vor vier Monaten das Abenteuer ihres Lebens begann. Verwandte waren gekommen, Freunde, selbst ein paar Reporter, um sie auf ihre Reise von Hamburg nach Südafrika zu schicken – im uralten VW-Bus vom Kiez zum Kap. Beim Abschied aus der Winterpause Richtung WM herrschte bei den zwei St. Pauli-Fans beste Laune, Aufbruchstimmung, fast Euphorie am Stadion ihres Heimatclubs. Von Euphorie ist rund 12 000 Kilometer weiter südlich wenig geblieben.

Es ist Frühling, irgendwo in Äthiopien, und bei 42 Grad stehen die fußballverrückten Männer knietief im braunen Wasser des Mago. Zwei volle Tage haben sie geschuftet, bis zur Erschöpfung, pausenlos. Ihr T3 hatte sich festgefahren. Mit ungeahnten Kräften aber, dem Geländewagen ihres Münchner Mitreisenden Claus und viel, viel Glück, landen Mensch und Material doch am Ufer. »Ungeduld hat in Afrika nichts zu suchen«, stöhnt Bernd. Nur weil der Globetrotter von 40 Jahren in Ausnahmesituationen wie dieser ruhig bleibt und besonnen, geht die Reise weiter.

Eine, die alles bietet: Unglücksfälle jeder Art, Krankheit und Entbehrung, Feuer, Wasser, Sturm und Schmerz, aber eben auch kontemplative Naturerlebnisse, sozialer Kontaktreichtum, atemberaubende Architektur. Extreme also, gepaart mit Entspannung. Da wird der Weg zum Ziel, das mit jedem Staat, jeder Wüste, jeder Erfahrung an Bedeutung verliert: 24 Tickets der Weltmeisterschaft in der Tasche nämlich, für die Kay, der freiberufliche Grafiker, und Bernd, angestellter Autojournalist, ein halbes Jahr auf Einkünfte und noch einiges mehr verzichten. Komfort etwa, fließendes Wasser, saubere Toiletten, die gewohnte Sicherheit, das geregelte Leben. Heimat.

Deutsche auf Reisen: Dem Zufall keine Chance

Dies ist die Geschichte einer Schnapsidee nach dem Training zweier Freizeitkicker, ihrer Realisierung und all der Folgen. Monatelang hatte das Duo Routen gelegt, Gepäcklisten erstellt, Visa besorgt und Impfungen erduldet, hatte örtliche Sitten studiert, medizinische Eingriffe geübt, vor allem aber den Wagen, das Herz des Unterfangens, zugerichtet auf die Straßen eines Erdteils, dessen Bewohner diesen Begriff sehr eigenwillig definieren. Dem Zufall keine Chance, Deutsche auf Reisen eben. Doch schon wenige Tage nach dem Start im zähen Hamburger Winter sind die ersten Pläne hinfällig. Noch in Europa ändert das Navigationsgerät die Route nach Kroatien statt Ungarn. Beim Übertritt nach Serbien erinnert sich Kay an die grüne Versicherungskarte fürs Ausland auf seinem Schreibtisch. »Faul und trocken liegt sie da«, man hört ihn förmlich fluchen auf dem Balkan. Die kleine Unachtsamkeit kostet fortan ähnlich viele Nerven wie die unzähligen Pannen, kaum weniger Devisen und früher als gedacht: ein neues Zeitmanagement. Grenzen werden nun nachts passiert, wenn die Zöllner müde sind und milder.

Die machen ohnehin auf der ganzen Odyssee Schwierigkeiten, ob syrische, serbische, sudanesische. »Echte Unfreundlichkeit«, betont Bernd, »reduziert sich fast überall auf Grenzer«. Probleme bereiten aber auch jordanische Langfinger, die in der Hafenstadt Aqaba technisches Gerät erbeuten. Außerdem haben sie zudem offenbar »unser Schietwetter« mitgebracht, mault es aus der Felsenwüste Wadi Rum. Schnee und Hagel – später werden sie sich häufiger nach Abkühlung sehnen.

Überhaupt – Sehnsucht. Auch ohne zugehöriges Gerät navigiert vor allem sie die Allradtour durch knapp zwei Dutzend Nationen. Eine nach Ferne und Abwechslung, nach Ersatzteilen für die permanenten Autopannen und einem Goldesel, der die ständigen Schmiergelder, Abgaben und Fantasiegebühren finanziert. Wichtiger aber ist die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Trubel, dem Unbewohnten, Unbehausten. Nach Sinneswandel, wie ihn auch jene Handvoll Polizisten erzeugt, die den Bus auf der Reise am Nil entlang begleitet, ihre Kalaschnikows stets im Anschlag. Als würden Waffen Sicherheit suggerieren, in dieser gefährlichen Gegend für Touristen. Auch wenn bald der Sudan droht, das Schlagzeile gewordene Katastrophenszenario.

Ursprünglich sollte der Trip die Westküste entlang führen, durch die WM-Teilnehmer Afrikas hindurch. Bis das Auswärtige Amt warnte. Die Ostroute galt als sicher. Bis auf Sudan eben. »Welch ein Trugschluss«, stellt Maria Pineiro klar, Bernds Freundin, die in Kairo für zehn Wochen zusteigt. Statt das Land wie geplant mit Vollgas zu durchfahren, wenn möglich im Konvoi, am besten ohne auszusteigen, lässt sich die Gruppe ausgerechnet hier Zeit. »Wir haben uns nirgends sicherer gefühlt«, sagt die Deutsch-Portugiesin nach der Heimkehr. Sudans Bevölkerung sei ein Inbegriff der Gastfreundschaft – und fußballbegeistert, für WM-Touristen eine Art Passierschein durch heikle Gebiete. Einzig der zwanzigstündige Grenzübertritt durch den Nasserstausee weiter nach Khartoum ist für Auswärtige so qualvoll wie das islamische Alkoholverbot rings um die Hauptstadt. Von wegen Schnapsidee: »Sudan liegt trocken«, klagt Kay, der seinen 41. Geburtstag Ende Mai abstinent verbringt. »Kein Tropfen aufzutreiben.« Ein Luxusproblem, ohne Frage – und eines, das sich diesseits der äthiopischen Grenze, nach der bürokratischen Routinetortur auf staubigen Posten ohne Computer, aber voller Stempel, in einen bierseligen Rausch am Strand auflöst.

Racism divides, Football unites

So wie all die Vorurteile über das angeblich hungernde, aber herzliche Horn von Afrika. Stattdessen tummelt sich zwischen blühenden Tälern, vielschichtiger Kultur und baulicher Faszination ein eher egoistischer Menschenschlag, wie die drei Fremden berichten. Immerhin versorgt sie ein äthiopischer St. Pauli-Fan mit dem wichtigsten Aufstiegsspiel ihres Clubs im arabischen Fernsehen. Live und in Farbe. Das grenzt nun wieder an ein Wunder.

Racism divides, Football unites, sagen Fans über die völkerverständigende Kraft des Fußballs. Auch deshalb scharen die Weißen mit dem edlen Spielgerät ständig Massen Einheimischer um sich, vor denen in Reiseführern bisweilen gewarnt wird. Selbst der weltläufige Bernd, dem kein Kontinent, kaum ein Land, nichts Exotisches fremd ist, beklagt sein Dasein als längst vollbärtige Sensation, die selbst bei der Notdurft halbe Dörfer anlockt. »Das nervt!«

Doch dafür entschädigt am Ende aufs Neue: die Natur. Wie im Mago-Nationalpark, 500 Meilen unterhalb Addis Abebas. Das Feierabendpils im Sonnenuntergang nach ewigem Offroad-Geschaukel, der Blick über die Savanne, allein mit Flora und Fauna und diesem Fluss, der ihre Reise beinahe beendet und doch bloß eine weitere Verheißung ist. »Zwischen Himmel und Hölle«, meint Kay, »liegt oft nur ein Stück Schotterpiste«. In diesem Fall eine Straße aus Vulkangestein, irgendwo im Nirgendwo Kenias. Der Himmel, das ist heute das Sibiloi Naturreservat am malerischen Turkana-See tief im Osten Afrikas. »Ein weißer Sandstrand, weit und breit keine Menschenseele«, so schildern sie ihr Etappenziel vorab. Dann wird der Traum zum Albtraum.

Stolze 14 Länder haben sie bereits hinter sich und wieder wechselt der Himmel auf Erden zur Hölle wie wenige Tage zuvor, diesmal im Wortsinn: der Motor steht in Flammen, überhitzt von strapaziösen Stunden über unwegsames Terrain bei sengender Hitze, gelöscht unter Einsatz des gesamten Trinkwassers. Drei Getriebene im Angesicht ihres ruinierten Heims auf Rädern – damit lassen sich die Abgründe solch einer Odyssee bestens bebildern. »Fassungslos und ausgebrannt wie der Bus stehen wir da«, berichtet Bernd aus der Einöde fernab jeder Zivilisation. Er überlegt, aufzugeben. Zum ersten Mal. – und zum letzten Mal. Denn Claus, der Münchner mit dem bärenstarken Toyota, auch er auf dem Weg zur WM, schleppt seine Begleiter ab. 750 Kilometer nach Nairobi, zur Hälfte über Buckelpisten, ganz nah am Totalschaden. Ziel: Jungle Junction, unter Globetrottern berühmt, das Schrauber-Paradies eines Exilbayern gerade dort, wo selbst Schrauben Mangelware sind. Sie meistern auch diese Prüfung unter großer Anteilnahme Einheimischer, deren Improvisationstalent, Selbstbehauptungseifer und Stolz so gar nicht passen mag zum Bild kollektiver Abhängigkeit, das nicht nur die Medien hierzulande zeichnen.

Licht am Ende des Tunnels: Ein Kühlschrank voller Bier

Im Sog der WM kolorieren sie es ein wenig anders, immerhin. Und für ein paar Wochen existiert ein Kontinent jenseits von Hunger, Exotik und Krieg. Doch nach dem letzten Abpfiff werden viele zur Tagesordnung übergehen wie 2008, nach den Spielen in Peking. Kay und Bernd und Maria und Claus und all die anderen auf ähnlicher Route, sie dagegen werden noch lange berichten vom vielfältigen Afrika. Richtung Tansania platzt zwar das nächste tragende Teil im sanierten Maschinenraum und das erste Lebenszeichen nach wochenlanger Funkstille lautet: »Kay hat Malaria«. Aber was soll’s: In Nairobi habe man eine nette Werkstatt gefunden, freut sich Bernd, »und einen Kühlschrank voller Bier«. Am Ende des Tunnels brennt immer noch Licht.

Allein das war es wert, erzählt, zurück in Hamburg, Maria Pineiro, die alltags weltweit Windparks plant. Ob ihr Freund und sein Copilot zum Eröffnungsspiel im Stadion sitzen werden? Wer weiß … Dabei ging’s doch exakt darum. Einerseits. Andererseits geht es um so viel mehr. Ein kurzes Gefühl von Wohlstandsverslust etwa, auch um Entbehrungen, Konflikte, Gefahr, Verlorenheit. »Extremsituationen zu meistern, ist wertvoller als jede WM« – das sagt mit Kay Amtenbrink ausgerechnet einer, dessen halbes Leben um Fußball kreist. In vier Jahren will er mit Bernd nach Brasilien. Natürlich. Egal wie. Und vorher? Nun, da wären ja noch die Karten für fünf Spiele in Kapstadt, dort, wo seine Schwester lebt. Für Fußballverrückte ist das Ziel eben doch noch ein wenig mehr als der Weg.

Der Text ist 2010 in mehreren Tageszeitungen erschienen