Reise: Thailand/Isaan
Posted: July 20, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentEile und Weile
Thailand ist ein Land der Widersprüche. Und nirgends werden sie schöner deutlich als in der unerschlossenen Region Isaan im Nordosten, der bettelarmen, touristisch erfrischend unerschlossenen Kornkammer am Mekong.
Von Jan Freitag
Wenn Tao von Comicstars redet, klingt es selten freundlich. „Das ist doch Micky Maus“, sagt er dann mit abfälliger Geste und zeigt auf Thailands spätindustrielle Substanz: Beton. Für sie hat Tao zumeist nur Spott übrig und er spottet oft auf dieser langen Fahrt, den Mekong hinauf durch den Isaan, die gemächliche, grünschattierte, bezaubernde, urwüchsige, bettelarme Kornkammer des Landes, oben im Nordosten. Eigentlich gibt es daran wenig zu bemängeln, gäbe es da nicht die religiösen Touristenattraktionen. An ihnen lässt Tao oft kein gutes Haar.
Nicht dass er gotteslästerlich wäre oder Atheist gar, nein. Der massige Reiseleiter mit dem faustgroßen Buddha-Amulett vor der Brust ist ein zutiefst frommer Mensch, wie seine Landsleute insgesamt. Aber diese Tempelanlage in Ufernähe ist selbst für die duldsame Frohnatur zu viel. „Wie in Disneyland“, mäkelt er an den goldglänzenden Rekonstruktion des historischen Wat Phra That Phanom, das immerhin einen Brustbeinknochen des Religionsstifters beherbergen soll, herum. So wie er zuvor schon über die großstädtischen Urlaubergruppen mit ihren krächzenden Plastikmegafonen in der geheiligten Ruinenanlage Phi Mai lästerte oder über jene Klöster im staatsreligiösen Land, die sich als Herbergen hergeben – für Tagesgäste. Thailands Umgang mit Kulturdenkmälern ist in der Tat leicht pragmatisch, doch dieser Tempel an der Grenze zu Laos, der Legende nach kurz auf Buddhas Tod errichtet und spirituell höchst bedeutsam, ist seit seiner Restaurierung ein wahres Kitschinferno. Dabei hätte der Isaan solche Mätzchen gar nicht nötig.
Es ist eine der schönsten Gegenden Südasiens, touristisch noch unerschlossen, ganz anders als der Schmelztiegel Bangkok oder die endlosen Sandstrände im Süden. Gelegen auf der Khorat-Hochebene zeigt sich der sommers staubtrockene Isaan zur Regenzeit als ein Naturreservat von beeindruckender Vielfalt. Eine prall gefüllte Schatzkiste der längst vergangenen Khmerkultur zudem und ein Beleg dafür, mit welchem Tempo sich der Agrarstaat auf dem Weg in die Zukunft bewegt. Er ist feiner asphaltiert als manch deutsche Bundesstraße und wären da nicht die monsungetränkten Felder ringsum, die gemütlich kreuzenden Wasserbüffel, die sakralen Bauten – man könnte sich glatt auf einer wähnen. Das hat auch mit Tao zu tun. Im pfälzischen Restakzent eines vierjährigen Auslandsstudiums erklärt der gelernte Elektrotechniker seine alte, neue Welt und verkörpert sie gleichermaßen wie kaum ein zweiter, diese sonderbare Mischung aus Eile und Weile, Aufbruch und Tradition, aus westlichem Effizienzdenken und buddhistischer Kontemplation, aus überladenen Horden rasender Zweitakter und Betelnusskauenden Lebenskünstlern am Straßenrand.
Alles liegt dicht beieinander. Hat man die ewige Rushhour Bangkoks auch nur fünf Minuten hinter sich gelassen und fährt auf der Schnellstraße Richtung Nordosten, die amerikanische GIs 1968 zur Truppenversorgung in den Tropenwald schlugen, spürt man sofort den Ruhepuls des Landes. Nur einmal noch, in der grauen Millionenstadt Korat, dem Tor zum Isaan, wallt die Unruhe kurz auf, dann herrscht eine dunstige, arbeitsame, schwüle Gelassenheit, die nur dort unterbrochen wird, wo viele Menschen auf einem Fleck herumwuseln. Meistens sind es nur wenige. Viele, zu viele sind es in der Tempelruine Phanom Rung nahe Kambodscha, dem Auftakt der Rundfahrt. Mit ihren drachengesäumten Freitreppen gleicht sie dem berühmten Angkor Wat jenseits der Grenze und wird erst langsam zum globalen Fotomotiv. Hier merken Europäer noch, was es heißt, abgelegene Gegenden zu bereisen. Als Langnase wird man zwischen den restaurierten Mauern unversehens selbst zur Sehenswürdigkeit unter der quirligen Schar Einheimischer, die dem Heiligtum ihre Pflichtbesuche abstatten wie Moslems der Kaaba. Und mittendrin im knipsenden, plappernden Gewusel eine Schar Gläubiger, die dem Gott Wishnu im stillen Gebet Blattgold zwischen die Stierhörner reiben, als seien sie allein mit sich und der Statue. Zwei Geschwindigkeiten, auch hier, im Kleinen.
Sie begleiten den Mekong bis zur Quelle. Mal kriecht er braun und träge zum Golf, mal reißt die Strömung alles mit sich, so energisch, dass die Flüchtlinge aus dem kommunistischen Laos kaum eine Chance haben in ihren maroden Holzbooten. Es ist an Dekadenz kaum zu überbieten, den Grenzpatrouillen aus dem Edelhotel mit Pool dabei zuzusehen, wie sie das Wasser mit Scheinwerfern absuchen. Auch das ist Teil des Widerspruchgewirrs am Mekong, der Mutter aller Flüsse, wie ihn die Thai nennen. Doch noch ist übertriebener Luxus im Isaan eher Ausnahme als Regel. Wer die Tropen sucht und dafür weder Diktatur noch Turbokapitalismus ertragen möchte, wer Komfort jenseits von Backpackerrustikalität und Fünfsterneluxus will, ohne sich dabei mit devoten Dienstboten oder xenophoben Muffelköpfen zu umgeben, der wird im Isaan bestens versorgt. Die Menschen wirken aller Entbehrung zum Trotz so zufrieden, wie es westliches Anspruchsdenken nie zuließe und läge nicht das bettelarme Laos in Sichtweite, man wäre mit sich auf gediegener Fernreise völlig im Reinen.
In Chong Mek scheint es fast, als räche sich Laos beim aufstrebenden Nachbarn für diese Diskrepanz mit einem Grenzübergang, der an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist. Vor dem gezackten Steinungetüm in Veilchenlila zeigt sich das ländliche Thailand, wenn es sich sammelt. Ein Brodem aus totem Vieh, dampfenden Garküchen, Schweiß und Gewürzen durchzieht den verwirrenden Markt des Ortes. „Taste, is good“, ruft die runzlige Verkäuferin im lindgrünen Pumaimitat und zeigt auf einen Sack Chilis. Sekunden später lacht ein Dutzend Stände; der ein oder andere mag schon probiert haben und hinterher Feuer gespuckt. Diese Fröhlichkeit, die dem Fremden selbst im abgelegensten Dorf entgegenströmt, ist sprichwörtlich für die Menschen des Isaan. So wie ihr stolzes Hilfsbedürfnis oder jene ausgeglichene Lässigkeit, mit der ein 86-jähriger Mönch von Khong Chiam den Besichtigungswünschen weit gereister Gäste in seinem unaufgeräumten Tempel nachkommt, tief im Osten, wo der Mun River den Mekong trifft. Viele Thai sind kontaktfreudig, wissbegierig, improvisationsfähig wie Samay, ein greiser Mekongkapitän, der mit seiner geschweißten Symbiose aus verschrotteter Tupolew und marodem Fischerboot Händler zur laotischen Hauptstadt schippert und unablässig redet und lacht und bohrt. Und sie sind fernsehsüchtig, gesellig, spielwütig wie Tao, der jede Info zum Quiz adelt. „Wer ist Reinkarnation Wishnus?“, fragt er auf der Fahrt zum Grenzort Nong Khai im Westen. Tao hebt stolz die Nase: „Der König!“. Galerist ist der 39-Jährige schon gewesen, Akademiker und Gastronom, ein urbaner Typ mit Bildung, Polohemd, Digicam, aber auf Gott und König, da lässt er nichts kommen. Das ist hier gute Sitte und Bürgerpflicht.
Das Reich erinnert an eine geografische Frau im Spiegel. Bhumipol, der weltweit dienstälteste Monarch, prangt samt Familie an Gangways, Kreuzungen und Brücken, in Fluren, Schlafzimmern und Büros, stets in Regenbogenfarben, überlebensgroß. Und dazwischen die lokale Spielart des Gartenzwergs: bonbonfarbene Miniaturtempel vor jeder Haustür. Wie gesagt: Thailand ist Kitschland, nur hat der Kitsch hier Tradition, seit die Khmer den Isaan vor 900 Jahren mit Tempeln pflasterten, deren Erhalt nun mit Goldfarbe, Beton und Nippeshandel betrieben wird. Der Rückweg gen Süden treibt ihn nochmals zu unfassbarer Blüte: im Skulpturenpark von Wat Khaek unweit der imposanten Bergwelt rings um Loei, wo man die Götter vor 30 Jahren zu Dutzenden in turmhohe Betonskulpturen gegossen hat. Darunter verblasst selbst die absurdeste Eigenart thailändischer Gastlichkeit: Crazy Busses, quietschbunt besprühte Doppeldecker, in denen Karaoke gesungen wird wie überall im Land. Bei schalem Bier, die Boxen nach draußen gerichtet, am Mittwochmorgen. Ein paar Kilometer zuvor, wo sich die Hochebene vom Mekong trennt, fragte ein Bauer, ob die deutschen Besucher Japaner seien. Im Isaan, so scheint es, wäre selbst Micky Maus einfach nur ein Fremder.
Anreise
LTU fliegt sechsmal die Woche nonstop ab Düsseldorf sowie dreimal ab Berlin und München nach Bangkok. Der Preis in der Economy-Class beträgt ab 249 Euro pro Flug inklusive aller Gebühren. Von Bangkok in den Isaan reist man individuell günstig per Mietwagen. Der Berliner Reiseveranstalter Geoplan Touristik GmbH organisiert zudem Rundreisen in den Nordosten.
Info: www.geoplan-reisen.de; www.thailandtourismus.de
Reportage: Schanzenwasserturmhotel
Posted: July 12, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentZu Gast bei Feinden
Genau sechs Jahre ist es her, dass im denkmalgeschützten Wasserturm am Rande des Hamburger Schanzenviertels ein Luxushotel eröffnet hat. Einer der ersten Gäste war ausgerechnet freitagsmedien-Reporter Jan Freitag, der zuvor gegen den Bau demonstriert hatte. Heute ist der Widerstand längst verebbt, nicht aber jene Gentrifizierung, die viele Projektgegner auch dank des H2Otels im Krisenjahr 2007 befürchtet hatten.
Von Jan Freitag
Die lassen mich gar nicht erst rein. Als ich vor der Tiefgarage warte, kriecht leiser Verfolgungswahn in mich hinein. Schließlich stand ich ganz in der Nähe gepanzerten Polizeireihen gegenüber, als das schönste Industriedenkmal Hamburgs zum umstrittensten Hotelprojekt der Republik wuchs: Dem Mövenpick im Schanzenpark. Sie sollten es schützen, Tag für Tag, vor mir und anderen Demonstranten. Das war Anfang 2005, beim Baubeginn.
Und nun sitze ich im billigen Kleinwagen vor der fertigen Nobelherberge und zögere, als mich eine Frauenstimme durchs Mikrofon hereinflötet. Ich glaube, erkannt zu werden. Überall. Zwischen parkenden BMW-Limousinen, im kahlen Treppenhaus, auf dem Weg zur Rezeption, beim Feind. Welch ein Unsinn, aber im linksalternativen Schanzenviertel herrscht diffuses Misstrauen, seit die Investoren vor zehn Jahren zugaben, was jeder ahnte: Der Wasserturm, in Teilen 140 Jahre alt, im Ganzen seit 1961 ungenutzt, erhält kein Mischkonzept aus Arbeit und Gemeinnutz wie vereinbart, sondern vier Sterne. Und das inmitten der letzten größeren Grünanlage vor Ort.
Sie wirkt ferner denn je, als ich ein langes Förderband vom Souterrain zur Empfangshalle empor gleite. Ich bin drin, in der „Höhle des Möven“, wie Gegner spotten. Es tropft aus verborgenen Boxen, die akustische Untermalung dessen, was denkmalschützerisches Minimum und atmosphärisch stimmig ist. Unter pyramidenförmigen Lichtschächten dominieren Wasserkunst und Wellenformen aus der Ursuppe des Turms, Fotos all seiner Epochen, Reservate früherer Bausubstanz. Ein Schiffshorn dröhnt – maritimes Flair sells, gerade an der Waterkant.
Auch wenn die Erkenntnis schmerzt: das Hotel ist von kühner Schönheit. Kreuzgangartig führt das Klinkergemäuer zu den Liften. Sein meterdickes Betonfundament wurde nur durchbrochen, nicht beseitigt, nicht überall. Der Stil ist schlicht, Typ Design-Hotel, die höchste Kategorie Kunst am Gasthofbau. Vielleicht wäre elitär treffender. Nebenan steht das Wort für Strukturwandel, sozialen Kahlschlag und Vertreibung.
Dagegen geht ein „Netzwerk zum Erhalt des Schanzenparks“ vor, zusammen mit Anwohnern, Sympathisanten, Autonomen, mit Leuten wie mir, friedfertigen und gewalttätigen. Der Turm ist das Ziel. Abseits der Demos gab es 15 Anschläge, mit Steinen, Farbe, Bolzenschneider. Der Staatsschutz ermittelte gegen eine „kriminelle Vereinigung“, erfolglos. Kein Wunder, dass der erste Gast einzog, als sich der Protest vor Jahresfrist einem anderen Luxushotel widmete: in Heiligendamm. Die Eröffnungsparty fiel trotzdem aus.
Kathrin Wirth-Ueberschär lächelt, das ist ihr Job. „Soft Openings“ statt grandioser Premierenpartys seien durchaus üblich, sagt die Hotelsprecherin. Im blumigen Kostüm verkauft sie die Investition von rund 50 Million Euro als Gewinn für alle und alle seien eingeladen, den 60-Meter-Koloss zu betreten. Natürlich nicht die 17 Wohnetagen, hinauf zur Turmsuite. Es sei denn, man hat 990 Euro übrig. Und eine Chipkarte, ohne die der Fahrstuhl gar nicht erst startet. Aber das Restaurant, die Lobby, eine Bar seien öffentlich. „Wir wollen gute Nachbarn sein.“ Ärger schreckt Kunden ab wie der Bauzaun zur ebenerdigen Hotelterrasse.
Mittlerweile ist er weg und wir glauben mal, dass ich auch im Kapuzenpulli mit rotschwarzem Stern rein gekommen wäre, nicht termingerecht im gediegenen Zweiteiler. Anzugträger sind es jedenfalls nicht, die polizeiliche Platzverweise erhalten, viele Hundert bereits, noch immer. Frau Wirth-Ueberschär lächelt: „Da müssen Sie das Bezirksamt fragen.“ Und der Investor zahle ja eine Million an soziale Initiativen, eine Art finanzielle Ausgleichspflanzung für die Privatnutzung öffentlichen Raums, den sogar Gerichte beanstanden. Selbst im Viertel gibt es Rückhalt fürs Projekt, und tragfähige Alternativen fallen auch mir nicht ein, nur Zuschussgeschäfte, doch davon hält der wirtschaftsliberale Senat [damals: Schwarz-Schill] herzlich wenig.
Soziale Teilnutzung, wie mit jenem Architekten vereinbart, der den städtischen Besitz 1990 für eine Mark kaufte? Wohnraum? Leerstand, vulgo: Verfall? Ein Luxushotel mag ja ethisch bedenklich sein, betriebswirtschaftlich war es das nie, zumal Büros für Broker oder Werber kaum besser gepasst hätten. Ein idyllischerer Standort für Sternehäuser ist dagegen zwischen City, Szene, Messe undenkbar. Durch mein Gaubenfenster im 14. Stock kann ich ihn überblicken.
Von oben sind die Sorgen da unten kleiner und die Polizei unsichtbar. Wo sie unablässig patrouilliert, habe ich oft gelegen. Dort spielte das Viertel Frisbee, ein Freiluftkino Filme, das Leben im Freien. Jetzt scheinen Grillfeste am Fuße eines Hotels mit beheizten Geländern und Lifestylemagazinen auf 226 Zimmern, die Gucci-Gartenschaufelsets für 700 Euro anbieten, nicht nur mir utopisch. Die Betreiber vermarkten das Nebeneinander indes als PR-Gag wie den Park, ihren Garten. Das Alleinstellungsmerkmal liegt nicht im Service, der Sauna oder gediegenen Möbeln, es steckt in den drei A: Ambiente, Ausblick, Aggression. Die Gegner sagen: der Nutzung; die Nutzer sagen: ihrer Gegner.
Als mich tief in der Nacht ein Lautsprecher auffordert, das Hotel sofort zu verlassen, denke ich an sie. Ein Anschlag? „Es gibt ja viele, die das Hotel hier nicht wollen“, murmelt ein Evakuierter im Park und sieht zum Gebüsch. Auch ich erwarte irgendwie, dass gleich einer raus hüpft und mich beschimpft. Schlimmer: erkennt. Als Gast eines Hotels, das ich ästhetisch zwar durchaus zu schätzen weiß, strukturell aber ablehne.
So bin ich doch froh, bald wieder ins Bett zu dürfen. Es war bloß Feueralarm, ein falscher dazu. Gar nichts los also. Die noble Eleganz meines Zimmers wirkt nach der Rückkehr allerdings noch schizophrener als zuvor. Beim Duschen mit Blick über Hamburg denke ich an Wasserwerfer, die uns fixiert haben, damals, im Januar. „Das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, steht in die Glastür zum Fitnessstudio graviert, „ist die Erinnerung“. Kunst kann so wahr sein.
Reportage: Bad Kleinen, 20 Jahre danach
Posted: July 5, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Das Schweigen am Gleis
Bad Kleinen, Gleis 4. Foto: Dr. Mattias Kreutz
Vor genau 20 Jahren starben am Bahnhof von Bad Kleinen ein Polizist und ein RAF-Terrorist. Ob einer davon förmlich exekutiert wurde, ist im Zuge einer gewaltigen Pannen- und Verdunkelungsserie der staatlichen Einsatzkräfte noch immer ungeklärt – heute, wie vor zehn Jahren, als diese Reportage in mehreren deutschen Tageszeitungen erschienen ist. Zum traurigen Jubiläum eines Tages, der wie kaum ein zweiter fürs bundesrepublikanische Dilemma von Sicherheitsbedürfnis und Repression steht, dokumentieren die freitagsmedien die Stimmung im Ort, zehn Jahre danach
Von Jan Freitag
Ein Tag im Frühsommer. „Da, ein Hubschrauber“. Christian Poppe zeigt nach oben. „Wie damals.“ Von seiner Terrasse aus genießt er einen herrlichen Blick zum Schweriner See. Der 60-Jährige hatte vor zehn Jahren einen Logenplatz, als erst Geballer vom Bahnhof herüberwehte und dann Polizeihelikopter kreisten. Am 27. Juni 1993, als 44 Schüsse, zwei Tote und mehrere Verletzte Bad Kleinen aus seiner Idylle rissen. Eine kurze Zeit des Erwachens, dann schlummerte das Provinznest weiter. Auch jetzt scheint die Sonne durch eine löchrige Wolkendecke. Christian Poppe blinzelt. Doch die beiden Sonntage könnten unterschiedlicher kaum sein. Und es scheint fast, als scheue der Ort im Herzen Mecklenburgs jeden Hinweis auf das größte Ereignis seiner 825-jährigen Historie. Wer nach Zeugnissen der Schießerei zwischen dem RAF-Mitglied Wolfgang Grams und der GSG 9 sucht, muss sich schon unter den 3197 Bewohnern umhören. Es gibt kein Mahnmal für den Grenzschützer, der tödlich getroffen auf Bahnsteig 3/4 zusammenbrach. Keine Tafel verweist auf den mutmaßlichen Selbstmord von Wolfgang Grams.
Doch, sagt Siegfried Friese, ein Denkmal existiert. Der Bürgermeister bückt sich zu einem verbogenen Gitterstab. „Hier ist eine Maschinengewehrsalve gelandet.“ Die Strebe im Geländer „haben wir erhalten“. Er schwenkt nach rechts. „Und da lag die Blutlache vom, wie hieß er noch?“. Newrzella, Michael, 25, vermutlich von Grams erschossen, als dieser im Fliehen auf sieben Verfolger feuerte. Friese fuchtelt mit den Armen: Patronenhülsen, überall. Doch die Menschen im Dorf sind der Fragerei überdrüssig. Bad Kleinen? Da war doch was … Seit jenem Tag läuten im kollektiven Gedächtnis die Glocken. Wie bei Lichtenhagen, Gladbeck, Ramstein. Immerhin schwinde das Interesse, sagt ein Bewohner. Die ersten Wochen aber stand der Ort unter Belagerung – die Welt hatte ihre Augen auf ein Fleckchen Erde geworfen, von dem nur wenige wissen, in welchem Bundesland es liegt. Noch aufregender als das Ereignis selbst „waren die Tage danach, als hier vermummte Gestalten marschierten“, berichtet Apotheker Poppe über linke Protestdemos. Der damalige Bürgermeister Hans Kreher glaubte gar, „Bad Kleinen wird zum Wallfahrtsort für Linksextreme“. Zum Walhalla derjenigen, die der Theorie vom Mord an einem Staatsfeind anhängen. Die Akten sind geschlossen, doch das letzte Urteil ist keineswegs der Weisheit letzter Schluss. „Wir wissen schlichtweg nicht“, verkündete ein Richter 1998 am Landgericht Bonn, „was genau passiert ist“. Fall erledigt. Seither, sagt Hans Kreher, „ist alles ruhig“.
So ruhig wie vorigen Sonntag in diesem Dorf, das im Grunde nur aus Bahnhof besteht. Auf Bahnsteig 3/4 herrscht rheinisches Stimmgewirr, als um kurz vor halb zwei der Sonderzug nach Köln hält. Zehn Jahre zuvor betrat da gerade Birgit Hogefeld, dritte RAF-Generation, mit dem später als V-Mann enttarnten Klaus Steinmetz das Café auf der Plattform gegenüber. Stets im Visier von 35 Beamten der GSG 9 und 19 des BKA. Auf Bahnsteig 3/4 berlinert es laut, als um 14 Uhr der Regionalexpress gen Hauptstadt einfährt. 1993 holte Hogefeld da gerade Grams vom Zug ins frühere Mitropa-Restaurant. Es gab Würzfleisch. Auf Bahnsteig 3/4 ist es still, als um drei der Zug nach Lübeck einrollt. So still mag es auch gewesen sein, als sich das Trio in die Unterführung aufmachte.
Das ist ein Bahnhofstunnel wie viele andere. Ausgeleuchtet von einer Neonröhre und fahlem Tageslicht. Wer hier eintaucht, kann den Lärm abgefeuerter Schusswaffen erahnen: Eine mächtige Halle, ein guter Resonanzkörper. Grams, Hogefeld, Steinmetz schlenderten ihr entgegen, um 15 Uhr15, als der Zugriff erfolgte. Hogefeld ging ins Netz, nicht aber Grams, bis dahin nur wegen Paragraf 129a, Bildung einer terroristischen Vereinigung, gesucht. Laut Polizeiversion wurde er zehn Sekunden später zum Mörder. Auf Bahnsteig 3/4, wo Joanna Baron einen Logenplatz hatte. Sie wünscht sich indes, sie wäre nie dort gewesen. „Ich habe alles hinter mir, bitte!“ Durch die Luke ihres Kiosks, so gab sie einst zu Protokoll, hat die 44-Jährige Grams’ Hinrichtung beobachtet – durch Diener des Staates. Joanna Baron wurde von Polizei, Politik und Justiz demontiert. Dass niemand einen Suizid bezeugte, Spuren verschwanden, Videos lückenhaft waren, ist Teil der Legende.Urda Klein (55) lässt das kalt. Sechs Tage die Woche steht sie an Joanna Barons altem Arbeitsplatz. Der Kiosk ist noch der alte, Kaffee 1,10. Der Rummel von ’93, sagt sie, „interessiert im Dorf keinen“. Anschlussreisende dagegen schon eher. „Eine Bockwurst, und sagen sie: War hier nicht mal … „Die Leute fragen immer, jeden Tag.“ Seit 1995, als sie den Pachtvertrag abschloss.
„Das Ganze war ja eher so eine Wessi-Angelegenheit“, meint Ex-Bürgermeister Kreher. „Arbeitslosigkeit, das hat die Leute interessiert“. Auch heute sucht jeder Sechste einen Job, alte Betriebe sind abgewickelt, der Bahnhof ist marode. Er war mal der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Urda Klein hat die Bahn den Vertrag gekündigt. Von der „Sache mit dem Terroristen“ haben die Jugendlichen, die am Bahnhof abhängen, gehört. Mehr nicht. Jessica (15) will einen Film fürs örtliche Jugendfernsehen drehen. Über einen Tag im Frühsommer, zehn Jahre danach. Dann ist Ruhe, wahrscheinlich für immer.
http://www.tagesspiegel.de/politik/schweigen-am-gleis/426252.html
Tupac 2Pac Shakur, 42
Posted: June 14, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 CommentEin Comic-Leben
Sonntag wäre Tupac Shakur, Künstlerkürzel 2Pac, 42 Jahre alt geworden. Wäre. Hätte der Gangsta-Rapper seine aggressiven Texte nicht auch real gelebt. Ein leich akutalisiertes Porträt, das seinerzeit in der FR erschienen ist, fast 20 Jahre nach 2Pacs Tod und sieben nach einem bemerkensewerten Comic über sein Leben
Von Jan Freitag
Im HipHop, so hört man oft, ist alles Inszenierung: Die Gewalt, das Potenzgehabe, aller Ghetto-Ethos, ja selbst der Tod. „My only fear oft Death is coming back reincarnated“, steht auf dem Arm von Tupac Shakur: Sterben ist soweit okay, sofern er nur endgültig ist. So lautet also auch die Attitüde des Gangsta-Rappers. Und von denen war 2Pac schließlich der größte. Annähernd zwei Jahrzehnte ist es her, dass die muskelbepackte Ikone des delinquenten, brutalen, aufsässigen, dabei jedoch zutiefst lyrischen, anteilnehmenden und empathibegabten Sprechgesangs auf offener Straße erschossen wurde. Wie es dazu kam, das erzählt neben all den Platten, Gedichtsammlungen und Texten vom gefallenen Poeten, den Fotobänden, Biografien, Theorien und Filmen über ihn auch ein Comic. Ausgerechnet, selbstverständlich.
Der Mann mit PR-tauglichem Künstlerkürzeln war ja schon zu Leben dem Jenseits so nahe wie dem Diesseits, getrieben von todesverachtender Ruhmsucht. Sie wurde in jeder Hinsicht befriedigt, sie machte ihn zum Erfolgreichsten seiner Branche, zum millionenschweren Vorzeige-Outcast. Und das war er nicht wegen seiner Musik; die war allenfalls guter Durchschnitt, kaum provozierender jedenfalls als das Werk seiner Kollegen; er war es, weil wohl nie zuvor jemand derart gezielt im Rampenlicht auf seine postmortale Karriere hingearbeitet hat. „Live fast, die young“ – 2Pac hat die alte Parole des späten Rock’n’Roll mit nur 25 Jahren vollendet. Und das nicht bloß, indem er wie ihre Erfinder The Who gelegentlich beim Auftritt das Schlagzeug zerlegt, sondern alles: Menschen, Konventionen, Moral Gesetze, geschriebene wie ungeschriebene, vor allem aber: sich selbst. „Keinen Platz in der zivilisierten Gesellschaft?“, kommentierte er seinerzeit den entsprechenden Vorwurf von George Bushs Vizepräsidenten Dan Quayle, „dann scheiß ich auf die zivilisierte Gesellschaft“. Bis zum Exodus.
Denn 2Pacs Werdegang war ein Mix aus Attitüde und Überzeichnung, aus echter Wut und ihrem marktgerechtem Ausleben, aus Brooklyn, dem Ort seiner Geburt, und Las Vegas, wo er aus einem fahrenden Auto heraus erschossen wurde. So gesehen taugt natürlich kein Medium besser zur Darstellung seines Werdegangs als ein Comic. Zu seinem 42. Geburtstag sei also nochmals an Death Rap erinnert, wie ihn der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf zum 10. Todestag leicht pathetisch betitelt. Mit penibler Strichführung, sehr kontextbewusst und bewusst brutal, wie es die Szene von Southeast-LA bis Aggro-Berlin gern konstruiert. Ein Leben in Bildern, waffenstarrend, blutig, aggressiv. Männergewalt, Frauenerniedrigung, Weißenhass, harte Jungs, böse Cops und der videoerprobte Code vom afroamerikanischen Bling Bling, jener teils grotesken Zurschaustellung von Muskeln, Geld und dicken Autos als Insignien des besiegten Ghettos – Death Rap ist wie ein Glossar aller Klischees aus einem Vierteljahrhundert HipHopHistory. Die Polizisten sind stiernackig, ihre Opfer körperbetont, Frauen bloß Sexobjekte (oder Mutter), geweint wird nie, aufgegeben nur im Kugelhagel.
Doch schon im Vorwort zerlegt der Popkultur-Kritiker Nick Hasted das dichtmaschige Fangnetz aus Absonderung, Fluchtwegsuche und Sackgassen in seine historischen Elemente und fügt sie zur Gegenwartskultur der USA zusammen. Michael Jackson, O.J. Simpson oder ein Mike Tysen seien nun mal die wahren Helden afroamerikanischen Selbstwertgefühls, schreibt Hasted, nicht die wenigen, die dem immerwährenden Abstieg ohne Basketball oder Schnellfeuergewehr in der Hand entkommen sind und schon gar nicht der ehrliche Angestellte mit Häuschen in Suburbia. Aus jeder Liedzeile über Tits’n’Guns’n’Ghettolife, über willige Bitches, phallische Pistolen und beherrschte Häuserblocks, auf HipHop-Covers oft gekennzeichnet durch das verlockende Parental Advisory: Explicit Lyrics, quillt Gesellschaftskritik, die nicht sonderlich an Argumente glaubt. Das mag der europäischen Mittelschicht so übertrieben vorkommen wie die Videos selbst, aber Death Rap zeigt das in einer kontrastierten Farbigkeit, die wohl nur diesem Medium derart plakativ zur Verfügung steht.
Dabei hält sich das Autorentrio von Death Rap nur als Applikation mit Klischees auf. Den groben Rahmen bilden Rassentrennung, Repression, Ausschluss. Zu Tode kommen bei ihnen nicht nur ein prominenter Gangsta-Rapper, sondern auch der Nation of Islam-Führer Malxom X, ein unbeteiligter schwarzer Jugendlicher oder der drogensüchtige Schmusesänger Marvin Gaye. Die Täter – Schwarze, Weiße, Väter, Verschwörer, Unbekannte – werden symbolisiert durch den erzählenden Raben Jim Crow, Synonym für gesetzlich zementierte Rassentrennung made in USA. Doch Flameboy, Barnaby Legg und Jim McCarthy, die für Schwarzkopf auch Kurt Cobains und Eminems Leben nachgezeichnet haben, deuten Segregation ebenso als Geschäftsmodell. Für und wider die (weiße) Kundschaft, für und wider das (weiße) Establishment, für und wider den (schwarzen) Bruderfeind. „Zwischen der 27. und Vermont gibt es keine zivilisierte Gesellschaft“, fügt 2Pac seiner Replik auf den Republikaner Quayle hinzu. Er steht dabei vorm Graffito einer erleuchteten Madonna. „Behaltet eure zivilisierte Gesellschaft bei euch im Haus für weiße Jungs und verpisst euch aus unserem Hood.“
Integration, so lautet die Botschaft drei Jahre vor dem ersten schwarzen Präsidenten, ist gescheitert, die gegenseitige Skepsis zu groß, alle Gräben zu tief. Auch untereinander, vor allem da: Death Rap erzählt primär vom HipHop-Krieg zwischen West- und Ostküste. Schuld an den Fronten ist die bekannte Reaktionskette von ghettoisierter Chancenlosigkeit über Knasterfahrung bis hin zum Mangel an unbescholtenen Vorbildern. Und sie mündet in der Überbetonung schwarzer Popkultur. „Wer nichts hat“, schreibt Jennifer McLunie in ihrem brillanten Essay HipHop Betrays Black Woman, „hat ja immer noch seinen Körper“. Und der wird gestählt, befriedigt, geplündert, präsentiert, beschossen, tätowiert, bis jeder Inhalt dahinter verschwimmt.
Auch 2Pac war so gesehen vor allem Projektionsfläche, seine Haut bedruckt wie eine Litfasssäule, eine Hülle ganz im Sinne des Public Enemy-Sängers Chuck D, Rap sei das CNN der Schwarzen. Auf Tupacs Sixpack prangt folglich Thug Life, übersetzbar mit Gangsterleben und Akronym für The Hate U Give Little Infants, Fuck Everybody. Darüber die Black Unity-Parole 50 Niggaz, mit Schnellfeuergewehr, versteht sich. Und neben Dutzenden anderer Tätowierungen der Panterkopf am Oberarm als Referenz an seine Mutter, der Black Panther-Aktivistin Afeni Shakur, die ihn erst intellektuell stählte, dann politisch und später mit in den Cracksumpf zog. Bereits auf dem Cover von Death Rap steht die Fleischbeschau im Mittelpunkt: Ein Leib mit ausgestrecktem Mittelfinger und Knarre in der tief sitzenden Hose, im Rücken Gefängnisgitter. Es ist eine selbstreferenzielle Show aus Macht und Muskeln, aus denen 2Pac Seite für Seite mehr blutet, bis der Leib drum herum in einem finalen Drive-by-Shooting stirbt. Ein Schicksal, das das Genre seit den Tagen der ersten authentischen Gangster-Rapper von NWA bis Run DMC kommerziell befeuert, seit das weiße Establishment, so geht die passende Verschwörungstheorie, zu Beginn der Neunzigerjahre Drogen in die schwarzen Viertel geschleust hat.
So werden sie alle zu Opfern: 2Pacs Rivale Notorious B.I.G., Jam Master J von Run DMC, Ol’Dirty Bastard aus dem berüchtigten Wu Tang Clan oder drei Fünftel der Crossover-Rapper Bodycount – abgeknallt, verelendet, ausgebrannt, aber weiter höchst erfolgreich. „Indem sie sich früh verabschieden“, schreibt Penny Stallings in ihrer Prominenzbetrachtung Flesh and Fantasy, „ersparen uns die Stars die Peinlichkeit, mit ansehen zu müssen, wie sie in Vergessenheit geraten“. Der Rock’n’Roll-Tod des Clubs der 27-Jährigen deutet die Kulturwissenschaftlerin so geradezu als Gefallen am Publikum. Zumindest macht er ein bisschen unsterblicher. Vom toten 2Pac wurden doppelt so viele Platten herausgebracht wie vom lebenden, digital aufbereitet verkaufen sie sich bis heute prächtig. Der postmortale Kult um ihren Sohn nahm solche Ausmaße an, dass seine Mutter die Verwertungskette mit allen Mitteln zu stoppen versucht. Auch, weil zunehmend Zweifel an deren Echtheit aufkommen. Das Online-Magazin zyn.de hält die Wahrscheinlichkeit, Tupac Shakur habe derart große Teile seines Lebenswerkes nicht veröffentlicht, für ähnlich groß, wie „auf dem Mond intelligentes Leben zu finden“.
Ebenso undenkbar ist, dass eine der unzähligen Biografien über 2Pac besser an seine Existenz heranreichen könnte als Death Rap. Das Dasein des Ghetto-Elvis, wie ihn der Kulturwissenschaftler Michael Dyson nennt, war eben ein echtes Comic-Leben.
2Pac Shakur – Death Rap. Sein Leben als Comic – Schwarzkopf & Schwarzkopf, 96 Seiten, 19,90 Euro
Reisereportage: Seenlandschaft Lausitz
Posted: June 8, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wasser aufs Teufelswerk
Einst war die Lausitz die Braunkohlegrube der DDR, seit sechs Jahren flutet man den alten Tagbau zur größten künstlichen Seenlandschaft Europas. 2018 soll das waghalsige Mammutprojekt vollgelaufen sein. Zur Halbzeit eine Reportage vom Anfang.
Von Jan Freitag
Als die Lausitz ihre Zukunft feierte, kamen die Indianer. Rainer Müller lacht über seine kleine Metapher. Der PR-Mann lacht überhaupt sehr viel, es klingt stets hoffnungsfroh. Lachend zeigt er auch zur Steilküste von Großräschen, dem Sitz seines Arbeitgebers, der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Herzen der Lausitz. Wie die Ureinwohner Amerikas in alten Western hätten sich die Ureinwohner Brandenburgs am Abhang der Braunkohlegrube Meuro im März aufgereiht, zu ihren Füßen ein karstiges Gebiet, das an die Filmkulisse einer Mondlandung erinnert. Es roch also nach Hollywood, als Brandenburgs Umweltminister jenen Hahn aufdrehte, der das frühere Tagbaugebiet in ein Badeparadies verwandeln soll. Ansonsten lag ein Duft aus Brauerei und Brackwasser über dem gigantischen Loch in der Erde. Doch auch wenn nirgends auch nur ein Strauch wächst, sind die blühenden Landschaften hier, an der Grenze zu Sachsen, keine ganz so hohle Phrase: die Lausitz ist bald nasser, als es ihre sorbische Übersetzung hergibt. Die „sumpfigen Wiesen“, sie werden geflutet.
Wo im Frühjahr die Sektkorken knallten, liegt 2018 der Grund des Ilse-Sees. Der Anleger ragt bereits 50 Meter ins Nichts und wo die Indianer standen, tauchen künftig Badegäste ein. Millionenfach, ginge es nach der Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) und ihrem Vermarkter, kurz IBA. Noch ist es nur eine größere Pfütze, doch mit dem Ilse-See wurde der Schlussakt zur Schöpfung der größten künstlichen Gewässerlandschaft Europas eingeläutet: dem „Lausitzer Seenland“. Die Müritz fände locker darin Platz. Auf hochwertigen Radwegen kann man die entstehende Seenplatte auf Hunderten Kilometern abradeln, ohne je bergauf zu müssen. Vorbei an Naturreservaten, Industriedenkmälern und 30 Gewässern, vernetzt durch 13 schiffbare Kanäle. Vorbei aber auch an den Monumenten des Scheiterns: Lausitzring, Cargolifterhalle, Resultate geplatzter Städtesanierung. Keine Frage – das Hauptrevier des DDR-Tagebaus zwischen Cottbus und Dresden sucht seine Bestimmung und sie lautet meist Tourismus. Andere Branchen sind nicht in Sicht, das einzige Kapital ist die Landschaft. Dennoch fällt der Wandel vom Arbeitsplatz zum Urlaubsort schwer. Deshalb sorgt Rainer Müller nicht nur für Fördermittel oder Eintracht der beteiligten Länder, sondern auch für die Überzeugungsarbeit vor Ort. Viele der zigtausend Exkumpel und ihre Familien, „verspüren an jedem fehlenden Industriedenkmal einen Phantomschmerz“, wie er es ausdrückt. „Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns.“
Es gilt somit, einen Spagat zu üben. Und das gerade dort, wo sich 150 Jahre lang außer den Baggern wenig bewegt hat. Kein Wunder, dass die Lausitzer am Barren der Veränderung ungelenkig wirken. Es bedarf der Vorturner, wagemutiger Unternehmer wie Karin Mietke. „Am anderen Ufer“, die Gastronomin weist mit ausgestrecktem Arm zum Horizont, „planen wir 50 schwimmende Häuser“. Noch wird der Partwitzer See geflutet, aus der Schwarzen Elster, ungefähr dort, wo die Braunkohle vor 30 Jahren das Elternhaus ihres Mannes verschlang wie 500 andere Orte der Region. Doch schon 2009, wenn er seinen Höchststand erreicht, soll der Bau ihrer Feriensiedlung zu Wasser beginnen. Noch ist dort nichts als Sand, Gestein und braunes Wasser. Doch Karin Mietkes Blick reicht weiter. „Das ist unser Masterplan.“ Die Mittvierzigerin, wie ihr Mann selbst im volkseigenen Erdaushub tätig, steht auf den Planken ihres Erfolgs. Sachte schaukelt das erste schwimmende Hotel im Frühlingswind. Der gediegene Containerbau, wirkt etwas verwegen für die ländliche Gegend. Äußerlich kubistisches Holzdesign, im Innern schlichte Effizienz für vier Personen, der Blick von der Terrasse auf den Sonnenuntergang ist märchenhaft. Als Dank für dieses Schmuckstück privater Initiative gab es von der IBA den Titel „Referenzobjekt“. Es soll Nachahmer anlocken und natürlich Gäste. Aus Sachsen, aus Berlin, am Besten aus dem ganzen Land.
Das Wasser unterm doppelstöckigen Appartement ist zwar noch sauer, aber nicht giftig. Eisen aus der Grube färbt den langen Holzsteg braun, Fische gibt es keine und das Baden wird eher geduldet als erlaubt. Doch die Besucher stört das kaum. Das Gästebuch ist voll des Lobes, eine Berlinerin schwärmt vom Heiratsantrag, den Sie an Bord bejahte. Die ersten waren mehrfach da. 500.000 Euro hat Karin Mietke allein in den bebauten Ponton gesteckt, erwirtschaftet aus dem Reiterhof ihres Mannes in Sichtweite. Verglichen mit all den künftigen Investitionen sind das Peanuts. Es geht voran im touristischen Aufbruchsgebiet. Offiziell heißt es „Bergbaufolgelandschaft“ und seine Veredelung zur Seenwelt samt Aufforstung „Melioration“. Für die Verantwortlichen scheint alles nur eine Frage der Zeit. Scheitern? Ausgeschlossen! Dafür stecken zu viel Geld, Zeit und Risiken im Mammutprojekt. Yachthäfen sind geplant, Sportevents, Freizeitparks sowieso und die ganze Bandbreite schwimmender Gasthäuser. In Großräschen entsteht ein Luxushotel und die IBA-Terrassen, ein mondänes Infozentrum mit Restaurant, sind architekturpreisgekrönt. Doch bis von dort aus planschende Kinder zu sehen sind, muss der Charme zerfurchter Erde reichen; noch gibt es stattdessen geführte „Touren zum Mars“. Die Zeit bis zum Anbaden ist lang und Legislaturperioden kurz. Es geht um viel Prestige und stolze Etats. Von neun Milliarden Euro ist die Rede.
Die Bundesländer sind Partner, aber auch Konkurrenten. Mit unterschiedlichen Messlatten zudem. Karin Mietke musste im Genehmigungsverfahren gleich drei Behörden zufrieden stellen. Und während ihr Hotel in Sachsen „Boot“ heißt, nennt sich das Brandenburger Folgemodell – eine Tauchschule samt Beachbar am Gräbendorfer See – „Haus“. Dort ist alles zum Ansturm bereitet, selbst ein Beachvolleybaldfeld gibt es auf dem feinen Sandstrand, auch wenn es bei hohem Wasserstand gespült wird. Bald wird der Extagbau freigegeben, als einer der ersten nach „Dresdens Badewanne“, der Grube Niemtsch, die schon 1973 zum Senftenberger See wurde. Ein Stück Brandenburg für die Sachsen – der IBA sind derlei Befindlichkeiten egal; Wasserhotels nennt sie salomonisch „schwimmende Architektur“. Ob sie tatsächlich Massen anlocken? Für Karin Mietke sind Risiken kein Indikator für Machbarkeit. Ohne Abenteuer, sie streicht sich eine gefärbte Strähne aus der Stirn, „macht’s doch keinen Spaß“. Doch die Grenze zwischen Abenteuer und Illusion ist fließend. Wie in Plessa. Auch am Westrand des Seenlands will man hoch hinaus. Höher als der Schornstein des Braunkohlekraftwerks. Allein sein Erhalt verschlingt mit 1,5 Millionen Euro ein Drittel aller Fördergelder für den Wandel zum Erlebnispark aus Technodisko, Museum, Arbeit. Zur Eröffnung gibt es Wurst und Reden und eine Heimatband mit Heimorgel. Doch gegenüber der Bühne wird er wieder geübt, jener Spagat des Wandels. Ein Teil der riesigen Werkhalle ist saniert, der andere ruiniert, in der Mitte baute die IBA eine Mauer. Zur Sicherheit. Davor stoßen die Illusionen aufeinander, eine trügerische, eine geplatzte: Gewerbe wolle man anlocken, sagt die Projektleiterin feierlich, zur Produktion von Biodiesel etwa. „Hier hab ich gelernt“, flüstert daneben ein Frührentner mit Nelke im Revers, „jetzt ist alles kaputt“. Die meisten Besucher an diesem Maifeiertag sind Entlassene wie er. Wie gesagt: Die Industrie um uns stirbt schneller als die in uns. Und auf dem Weg entstehen Träume vom Ferienparadies mit Tagbauromantik.
Sie speisen sich aus dem Glauben an einen Boom regionaler Reiseziele, den man sich in Zeiten leerer Geldbörsen und des Klimawandels erhofft. Wenn neben Badespaß noch Industriekultur geboten wird – umso besser. Es ist das Nebeneinander von alter Arbeit und neuem Entertainment, aus dem das Gebiet sein Flair bezieht. In Lichterfeld können Urlauber schon bald ihre Zelte unterhalb der ausgedienten Förderbrücke F 60 aufschlagen. Campen unterm Koloss vom Gewicht des Eifelturms, nur länger, dafür liegend. Ein absurdes, aufregendes Ambiente. Auch hier wird geflutet, der Bergheider See. Auch hier sind schwimmende Hotels geplant. Es geht um Landmarken, Wiedererkennungswert, Charakter. Gott, so lautet ein Sprichwort, schuf die Lausitz und der Teufel legte die Kohle drunter. Jetzt, wo sie der Mensch kaum noch braucht, kippt er Wasser drauf und Gott hat seine Lausitz wieder. So hofft man im Seenland.
Porträt: Nico Hofmann, teamWorx
Posted: June 1, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage 1 Comment
Der Blockbusterschmied
Er ist Deutschlands erfolgreichster TV-Produzent, ein Feingeist mit Gespür für Massengeschmack: Nico Hofmann. Anlässlich des aktuellen Kinoprojektes seiner Filmfabrik teamWorx 5 Jahre Leben über den Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, zeigen freitagsmedien heute die aktualisierte Version eines ZEIT-Porträts
Foto: teamWorx
Nico Hofmann? Was sagt man dem erfolgreichsten Fernsehproduzenten Deutschlands nicht alles nach! Ein Blockbuster-Fetischist soll er sein, ein Quoten-Fanatiker, einer, der Sendergeld verbrenne wie kein Zweiter und dabei doch nur meist flaches, gefühliges Fernsehen abliefere. Nico Hofmann ist ein Mann für jeden Kritikpunkt. In jedem Fall aber ist er der Mann mit dem Telefon. Auf der Fensterbank seines Büros in Berlin-Mitte steht eine Fotoreihe. Sie zeigt Nico Hofmann am Handy. Immer und immer wieder. Stets auf Empfang. Stets abrufbereit.
Hofmann ist ein Rastloser, ein Getriebener, und er ist der bekennende, kompromisslose, passionierte Liebhaber eines Typs TV mit möglichst vielen Zuschauern.In seinem Büro herrscht Durcheinander. Die Fernsehpreise stehen gedrängt auf einer Vitrine, den Urkunden an der Wand fehlt jede Chronologie, die Plakatgalerie alter Arbeiten hält dem Tempo der nachfolgenden nicht stand. Überall stapeln sich Papier, DVD-Türme, Krimskrams. Ein Rechner fehlt, ein System sowieso. „Privatleben kenne ich gar nicht“, sagt der junge Mann von 53 Jahren. Für eine Familie sei keine Zeit, für Hobbys schon gar nicht. Ein wenig Yoga am Morgen, etwas Jogging im Anschluss, der Körper wirkt durchtrainiert. Ansonsten lebt Hofmann für den Film.
Vor 14 Jahren hat er mit seiner langjährigen Weggefährtin Ariane Krampe und Ufa-Geschäftsführer Wolf Bauer eine Firma gegründet, die das Fernsehen made in Germany weltmarkttauglich machen sollte. TeamWorx heißt sie, bieder mit Television & Film GmbH untertitelt, entstanden als 76-prozentige Tochter der Ufa, des „einzigen deutschen Major-Studios“, wie das Branchenmagazin Cut schwärmt. Auch dank Hofmann. Es wurde eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, und daher ist heute schwer zu glauben, dass an ihrem Anfang eine Medienschelte stand. 1995 zeichnete sein Film Der Sandmann die Sensationsgier im Entertainment der Zeit nach, und Hofmann machte daraus eine bittere Kritik am Fernsehen insgesamt. Doch dann prägte niemand anders als er die Ästhetik massenkompatibler TV-Fiktion. Heute überbrückt keiner den kulturellen Graben zwischen An- und Zuspruch mit mehr Selbstbewusstsein als er. Und kaum einer erntet mehr Publikum, mehr Auszeichnungen, mehr Kritik.
Dabei war Der Sandmann neben einem Ausflug zum Tatort nicht nur sein erstes Ausrufezeichen, sondern auch das letzte – als Regisseur. Weil er, angeblich nach dem Besuch eines zugefrorenen Dixi-Klos am Set, genug von Außendrehs und Studiopräsenz hatte, wechselte Hofmann ins Produzentenfach und landete Quotenhit auf Quotenhit, um im Jahr 2006 mit Dresden einen televisionären Epochenwechsel einzuläuten. Seither ist nichts mehr, wie es war. Zehn Millionen Euro verschlang das Weltkriegsmelodram und hob somit die Herstellungskosten deutschen Fernsehens auf Kinoniveau. Finanziell ist nun Achtstelligkeit das Maß aller Dinge, siebenstellige Zuschauerzahlen gelten dabei schon mal als Havarie. Strukturell ist es die internationale Koproduktion, ohne die Großprojekte der Marke teamWorx nicht zu stemmen sind. Dramaturgisch ist es die Historie – auch das geht auf Nico Hofmann zurück.
Seit zehn Jahren komprimiert er deutsche Zeitgeschichte auf 180 Minuten. „Bildung und Unterhaltung“, lautet sein Credo, „lassen sich nicht trennen“. Der Lehrplan ist gut gefüllt. Zuletzt mit einer neuen Hindenburg-Katastrophe und dem furiosen Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter, auch ein Porträt seiner eigenen Eltern, sagt er, der Nachkriegsgeneration. Dazu Bio-Pics von Grzimek bis Rommel. Der Generalfeldmarschall sei ein „glitschiges Thema“, wie der Initiator selbst befindet.
Hofmann polarisiert heute noch genauso gern wie als rebellischer Schulsprecher in Mannheim, der gegen rassistische Biologielehrer aufbegehrte und nach den Stammheimer Suiziden das ganze Gymnasium zum Streitgespräch auf dem Pausenhof bat. „Es gibt ein gewisses missionarisches Moment in meiner Person“, sagt der frühere Leiter evangelischer Jugendgottesdienste, und vielleicht ist es diese Mixtur aus Verführung, Leistungsdenken und Emphase, die noch heute den Nerv seines Auditoriums trifft – und das im Inland wie im Ausland. Da die Sender maximal die Hälfte der Produktionskosten zuschießen, sind Vorabverkäufe heute integraler Bestandteil opulenter TV-Events. Seit sein erster großer Publikumserfolg Der Tunnel in 71 Staaten lief, gehen viele Bestellungen auf Skriptbasis ein. Im Gegenzug besetzt Hofmann seine Großprojekte regelmäßig mit Stars großer Zielmärkte – das fördert den Verkauf bis nach Ostasien und Südamerika.
Was noch wächst, ist die prestigeträchtige Anerkennung im angelsächsischen Raum. Für sein Drama um das torpedierte Kriesgsschiff Laconia gewann er immerhin die BBC als Koproduzentin. Sogar im US-Fernsehen könnte Hofmann Erfolg haben, sagte Hofmanns Freund und Förderer Bernd Eichinger kurz vor seinem Tod. Er sei „besser als andere, weil Nico sein Publikum nicht unterschätzt“. Wenn er nun noch amerikanische Darsteller einsetze und die Sprachbarriere knacke, so Eichinger, sei der Weg frei. Zeitgeschichtsdramen à la Laconia entstehen bereits auf Englisch. Megaproduktionen mit Megathemen: Mogadischu und ein Vulkanausbruch in der Eifel, Helmut Kohl und Rudi Dutschke. Dazu Science-Fiction, Klinikserien, Romantik, Krimis – die Ufa, der Hofmann 2002 seine teamWorx-Anteile abgetreten hat, lässt ihrem Erfolgsmann alle Freiheiten, und die nutzt er weidlich, auf allen Kanälen, öffentlich-rechtlich oder kommerziell, wahllos wie kein Produzent zuvor. Und obgleich er betont, ZDF oder RTL unterscheidbare Looks zu verpassen, macht sein Stil – massive Orchestrierung, zugkräftiges Starensemble, schnulzenflankierte Historisierung – längst alle Sender ein wenig verwechselbarer. Und anspruchsvoller, zumindest was Aufwand, Technik oder Authentizität betrifft.
„Meine eigenen Frühwerke will ich mir heute gar nicht mehr angucken“, sagt Hofmann. Arthaus, Experimente, Studentenzeugs. „Ich komme gar nicht aus dem Blockbuster“, sagte er, aber der Wunsch, „extrem große, nicht bewältigte Themen wie Flucht und Dresden zu machen“, der habe sich rasch nach seinem Abschluss (mit Auszeichnung) an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film 1985 entwickelt. Der Weg vom Kurzfilm zum Mainstream war fließend, heute bekennt er sich ohne Scheu zum Massenfernsehen. Nicht minder offen gesteht er seine Verehrung des meistgehassten Publikumsmagneten im Land: Veronica Ferres. „Sie brauchen gar nicht zu lachen“, bittet er geladene Journalisten beim Galadinner zum zehnjährigen Firmenjubiläum in der Berliner Bertelsmanns-Repräsentanz und kündigt an, „weiterhin jedes Jahr einen Film mit ihr zu drehen“.
Es weht stets eine unergründliche Mischung aus Chuzpe und Freundlichkeit durch seine freien Reden, aus urbaner Schnöseligkeit und provinzieller Kumpelei. Absolut zuverlässig und ehrgeizig nennt ihn Kollege Eichinger, „von einem Arbeitseifer, der manchmal geradezu aberwitzig ist“. Hofmann sei quotenfixiert, „dazu steht er ja auch, wirkt dabei aber nie angespannt oder gestresst“. Eine Duz-Maschine mit fotografischem Namensgedächtnis im Maßanzug, stets ohne Krawatte, makellos frisiert und zutraulich wie ein guter Freund. Dazu ein Typ Liebhaber ohne Zeit für die Liebe. Dabei schwärmt Veronica Ferres: „Niemand im deutschen Film liebt Frauen auf eine respektvollere Weise als Nico Hofmann.“
Schließlich ist er vor allem von ihnen sozialisiert worden. Sein Vater, Bonner Büroleiter der Regionalzeitung Rheinpfalz, war oft abwesend (brachte aber gelegentlich Helmut Kohl zum Essen mit). Gemeinsam mit Schwester und Oma erzog ihn seine Mutter, Redakteurin der FAZ, zu häuslichen Pflichten (und zur Gleichberechtigung). Das prägt. Jedenfalls hat das Medienkind nicht nur deutsche Historie zum Exportschlager gemacht, sondern auch Frauen konsequent zu Heldinnen. Gern in Dreieckskonstellation zwischen zwei schwächeren Kerlen. Das alles sei pure Berechnung, heißt es bei Kritikern oft, pathetisch und redundant, bombastisch, oberflächlich, laut. Das lässt Nico Hofmann nicht kalt. „Mich berührt jede einzelne Kritik“, sagt er und schlägt sodann zurück: Wenn man einmal zwölf Millionen Zuschauer habe, „findet’s das Feuilleton per se nicht gut“.
Trotz oder wegen derlei Dissonanzen füttert er es mit Bröckchen intellektuellen Spartenfernsehens. Allein vier schwierige Theaterverfilmungen hat er auf Arte platziert. Pures Quotengift, das nur realisierbar sei, „weil ich Schauspieler anderer Produktionen unterm Gewerkschaftslohn rüberziehe“. Neben all der Hochglanzware investiert Hofmann auch immer wieder in junge Regisseure. Nicht selten solche, die er in 13 Jahren als Professor für Szenischen Film an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildet hat, Träger des First Steps Award in spe womöglich, den er mit Bernd Eichinger an Newcomer verleiht. Alles Futter für sein Ego, sein Portfolio, nicht unbedingt fürs Konto. Ein Debütfilm namens Kahlschlag habe ihn drei Jahre seines Lebens und 880.000 Euro gekostet, „ohne einen einzigen Euro Gewinn zu bringen“. Die Bandbreite bildet die Basis seines Selbstverständnisses: zu unterhalten, auf allen Ebenen, in allen Schichten und allen Altersgruppen. Koste es, was es wolle.
So realisiert der humanistisch gebildete Büchernarr fulminant flache RTL-Soaps ebenso wie seriöse Filmbiografien, digitales Popcorn-Fernsehen mit gleicher Lust wie stille Kammerspiele, die x-te Telenovela so beiläufig wie die erste Verfilmung deutscher Afghanistan-Traumata. Hunderte von Produktionen waren es bislang, 25 kommen Jahr für Jahr hinzu, Serienepisoden und PR-Aufträge nicht einberechnet. Branchenintern ist von Umsätzen in dreistelliger Millionenhöhe die Rede, Tendenz natürlich steigend. Wie auch die Zahl der Dependancen: Potsdam, München, Ludwigsburg, Köln, Leipzig. Und das alles mit der kleinen Stieftochter des großen Kintopp, die allem Krisengerede zum Trotz sehr wohl eine Zukunft habe, wie Hofmann meint. „Ich bin beim Fernsehen sehr glücklich“, sagt er, obwohl er vor zwei Jahren einen „starken Impuls“ hin zum Kino verspürt habe. Seit fünf Jahren widmet er sich als Chef der neuen Ufa Cinema verstärkt dem Zelluloid. Dutzende Stoffe sind in der Entwicklung, das Biopic 5 Jahre Leben übers Martyrium des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz ist grad bundesweit angelaufen und mit den Rechten an Noah Gordons Der Medicus hat Hofmann einen künftigen Kassenschlager im Gepäck. Er beherrscht den Einkauf ebenso wie die Vermarktung seiner Projekte. Nicht umsonst hält der einstige ARD-Programmdirektor Günter Struve seinen Exgeschäftspartner für das „größte Verkaufsgenie seiner Generation“.
Mit dem betriebswirtschaftlichen Beifall kann der Kreative gut leben. Mit der Regiearbeit, dem Drehbuchschreiben früherer Tage hat Hofmann abgeschlossen. „Das schaff ich einfach nicht mehr“, sagt er. Seine Tage hätten auch nur 24 Stunden, und neben den Verhandlungen in aller Welt noch ständig am Set zu stehen, das sprenge jede Belastungsgrenze, Yoga hin, Yoga her. Der fernsehverrückte Cineast Hofmann, der als kleiner Nico von sechs Jahren mit eigener Super-8-Kamera durch die Straßen zog, als Fünftklässler mit 25 Schulfreunden im Team seine ersten Kinderbücher verfilmte und bald darauf in der elterlichen Garage ein Kino eröffnete – er rückt hinter die Kulissen? „Es ist ein Vorurteil, dass Produzenten nicht kreativ sind, sie gehen damit nur nicht so hausieren“, sagt er beim Geburtstagsdinner im Hause Bertelsmann, dem Hauptstadt-Palast des größten Medienunternehmens im Land, das RTL-, Ufa- und teamWorx-Mutter in einem ist. Lässig steht Nico Hofmann da vor der Presse und verkündet in seinem sorgsam gepflegten Heimatdialekt, die offizielle Party finde erst statt, wenn die Band Rosenstolz Zeit für einen Auftritt hätte. Es klingt ein bisschen eitel, aber eben auch ehrlich. TeamWorx heißt gewiss nicht kleckern.
Jan Freitag
Der Text stammt aus der ZEIT: http://www.zeit.de/2008/47/P-Hofmann
Richard Wagner Superfilmstar
Posted: May 25, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentAnd the Oscar goes to: Wagner
Für einen richtigen Filmkomponisten hätte Richard Wagner nicht im Mai 1813, sondern 1913 geboren werden müssen. Dennoch ist sein Einfluss auf den Soundtrack unerreicht. Ein Geburtstagsüberblick
Von Jan Freitag
Die Melodie kennt jeder: Es beginnt mit Streichern. Schicht für Schicht peitschen sie sich empor, bis mächtige Hörner hineinjagen wie Fanfaren vorm Jüngsten Gericht – dann kulminiert der Walkürenritt in einem gewaltigen Orchestercrescendo. Acht Geisterwesen sind es, die in Richard Wagners zweitem Teil der Nibelungen zur Bergung der Toten himmelwärts reiten. Acht Helikopter dagegen bringen zur selben Melodie in Francis Ford Coppolas Apokalypse Now. Denn bevor die Flugformation ein vietnamesisches Dorf in Feuer badet, dreht Lieutenant Colonel Bill Kilgore die Lautsprecher auf. „I use Wagner“, erklärt er die Opernbegleitung zum Bombardement, „it scare’s the hell out of the slopes“.
Wagner, der Vietcong-Schreck, sein dröhnender Ring als Soundtrack – was nach cineastischer Episode klingt, der brillanten Vertonung einer brillanten Szene des wohl brillantesten aller Kriegsfilme, ist bei näherer Betrachtung ein gebräuchliches Stilmittel auf Leinwand und Bildschirm. Schließlich zählt der Walkürenritt dort wie kein zweites Thema der Klassik zum akustischen Standardrepertoire: In der Wochenschau intonierte er 1941 die Landung auf Kreta und in Operation Walküre 70 Jahre darauf Bomben auf Stauffenbergs Landsitz. Die Blues Brothers begleitet es auf der Flucht vor Neonazis und Desperados im Westernkampf mit Nobody. Dramen von Fellini, Serien wie Simpsons, Ballerspiele à la Far Cry 3, ja selbst die Empfängnisverkündung in Billy Wilders Komödie Eins, zwei, drei bedienen sich des Walküren-Zitats. Doch keine Szene ist so berühmt geworden wie die des Wagnerianers im Luft-Boden-Einsatz.
Aus gutem Grund. Meint Sabine Sonntag. Die Dozentin an der Musikhochschule Hannover weiß, wovon sie spricht. Sie hat schließlich nicht nur über Wagner und die Oper promoviert, sie inszeniert selber Singstücke von Mendelssohn bis Rossini. Klangmuster wie der Ritt, sagt Sabine Sonntag, erfülle gleich beide Kriterien, warum der deutsche Erweckungskomponist schlechthin auch 200 Jahre nach seiner Geburt für Film und Fernsehen unverzichtbar scheint: Das Leitmotivische und die Emotionalität. Dank dieser Komponenten, so Sonntag, interagieren Text und Ton „wie bei keinem Komponisten zuvor und danach.“ Was ihn aus ihrer Sicht zum „ersten Filmkomponisten der Geschichte“ macht.
Schon mit Lohengrin hatte Wagner 1850 ja ein Drama geschaffen, dem Epigonen von John Williams (Star Wars, Harry Potter) bis Hans Zimmer (König der Löwen, Piraten der Karibik) im Grunde näher waren als Zeitgenossen von Weber bis Verdi. Wagners Oper über Himmlers Lieblingskönig Heinrich I. im Kampf mit den einfallenden Ungarn gilt schließlich als erstes durchkomponiertes Singspiel: Statt einzelner Nummern setzt es auf Fläche; Arien, Chöre, Zäsuren und Sätze verwob Wagner fortan zu Klangteppichen, die den Kintopp der Stummfilmära ebenso prägten wie den Blockbuster von jetzt. Wer den pausenlosen Bombast überm Herrn der Ringe beklagt (der dem Ring der Nibelungen auch dramaturgisch verteufelt ähnelt), sollte sein Protestschreiben also nach Bayreuth schicken.
Oder ein kleines Dankesschön.
Denn so sehr Wagners fehlender Mut zur Lücke, der militärische Duktus, sein permanentes Mythenverarbeiten, Mittelalterverklären, Kampfverherrlichen und Deutschlandvergöttern seit jeher voll lautstarkem Pathos Fantasy, Science Fiction, Dramen, gar Comedy durchwabert wie Bodennebel die Walhalla, so passgenaue Orchestrierungen hat er dem Film im Ganzen geschenkt, lange bevor die Bilder laufen lernten. Erst die ätherischen Geigen im Vorspiel des Lohengrin, vom früheren Fan, seit dem Parcival jedoch leidenschaftlichen Wagner-Verächter Nietzsche als „blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“ verhöhnt, machen aus Chaplins Großem Diktator beim Spiel mit dem Globus eine Perle bissigen Humors. Erst Tristans Tristesse verleiht Lars von Triers Weltuntergangsgemälde Melancholia die depressive Stimmung, in der Kirstin Dunst förmlich zerfließt. Erst wenn die Artrocker Laibach aus der Walküre industriellen Metal schmieden, entfaltet Timo Vuorensolas Iron Sky jene subtile Brachialität, die seine Groteske einer Nazikolonie auf dem Mond vorm Klamauk bewahrt. Und erst wenn Werner Herzogs Dokumentation Lektionen der Finsternis Kuwaits brennende Ölfelder mit Siegfrieds Trauermarsch untermalt, entsteht daraus jenes Endzeitpathos, das dem Zweiten Golfkrieg gerecht wird.
Jede gewünschte Emotion, erklärt Sabine Sonntag, sei so tief im Werk des Meisters veranlagt, „dass man sie praktisch nur abspielen muss“: Trauer, Freude, Angst, Liebe, Leid und Kampfeslust, vor allem die. Es hat also seinen Grund, dass Woody Allen sagt, sobald er Wagner höre, „habe ich das Bedürfnis, in Polen einzumarschieren“. Einen besseren aber hat es, wenn der zigfach oscarnominierte Soundtrackfabrikant Max Steiner (Casablanca) behauptet, 100 Jahre später geboren, wäre sein Vorbild „Filmkomponist Nummer eins geworden“. So wurde Wagner aus Sicht Christoph Irrgeher posthum zum State of the Art orchestraler Begleitung: „Die wuchtigen Bläser aus Indiana Jones, die Sphärenstreicher bei Star Wars“ – für den Wiener Kinokenner sind das „raffinierte Leihnahmen“ vom Göttervater aus Leipzig.
Dem Spät-, besser: zu Spätgeborenen, wie es seine Chronistin Sonntag beschreibt. Denn ob Schnitt, Beleuchtung, Kulisse oder Ton – der Film biete Möglichkeiten, die er sich 1876, als die Uraufführung seines Rings an den eigenen Ansprüchen gescheitert ist, „sehnlich gewünscht hätte.“ And the Oscar would have gone to: Richard Wagner.
Aus: http://www.zeit.de/kultur/musik/2013-05/richard-wagner-filmmusik-walkuerenritt
Nordkarelien: Millionen Bäume und 1 Tatort
Posted: May 11, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Grenzerfahrung
Nordkarelien am Ostrand Finnlands ist ein kontemplatives Erlebnis in der Stille des Waldes, durchbrochen nur von sehr lauten, sehr lustigen Bewohnern. Ein ideales Terrain für den Kieler Tatort, der zwar diesen Sonntag wieder an der Förde spielt, vier Jahre zuvor allerdings für ein paar Drehtage am Ostrand Finnlands Station machte. Ein Setbericht in der Mitternachtssonne.
Von Jan Freitag
Es hat etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen, der Fahrer, als er durch die Endlosigkeit Finnlands fährt. Bäume, Bäume, Bäume – er wird es noch mehrmals wiederholen, dieses Mantra seiner Heimat. Und sein Englisch reicht ohnehin nicht für tiefer gehende Gespräche. „Trees, trees, trees.“ Jan Turunen lacht. Es ist ein herzliches, aber auch scheues Lachen, fast schuldbewusst. So klingt also, wer Ilomantsi beschreibt: Dieses schläfrige Nest einer ereignislosen Provinz an der verwilderten Grenze zu Russland – 6000 Einwohner, viel Natur, ein See mittendrin, gute Luft, das 1. Hotel am Platz ist eine alte Lungenklinik. Ansonsten: Nur Bäume. „Sorry.“
Meistens.
Denn künftig wird Jan Turunen wohl auch Tatort sagen, wenn ihn seine Fahrgäste künftig nach Ereignissen in dieser ereignislosen Gegend fragen. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und ein Raumschiff würde in dieser Einöde kaum mehr auffallen. Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg, der Hauptkommisar, ist Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.
Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort, wo ein Dutzend Spielfilme jährlich entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen Mordfall, so verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee. „Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.
Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action! Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: Traumschiff, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustür. Selbst dem Tatort wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.
Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter. Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der Tatort die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.
Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. Tatort. Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt. Das liegt am Wald.
Erlen, Fichten, Eschen, Tannen, Birken, Abermillionen. Sie sind Niere, Lunge, Körper, durchzogen von Arterien torfbrauner Seen und all ihrer Zuflüsse – in diesem Kapillarsystem zu verweilen, ist wie ein Reinigungsprozess. Jan Turunen muss innerlich blitzsauber sein, er lebt hier seit jeher. Und wenn er an einem heißen Sommertag Gäste durch seine Region chauffiert, obwohl seine Aufgaben in der Stadtverwaltung liegen, zeugt das von dieser Reinheit. Karelier, sagt der Mann mit dem taubenblauen Anzug, sind nicht jene sich gekehrten, wortkargen, eigenbrötlerischen Klischees aus Aki Kaurismäkis Filmen. Sie gelten als aufgeschlossen, fröhlich, energetisch. Sagen selbst Auswärtige. „Wir leben einfach gern“, erläutert Jan Turunen. „Sehen Sie mich an.“ Dann lacht er wieder scheu. Es ist in der Tat ein bemerkenswerter Flecken Erde mit bemerkenswerten Bewohnern in bemerkenswerter Atmosphäre. Von Deutschland aus braucht es nicht mal lange, um sie zu spüren. Via Helsinki mit dem inländischen Verkehrsmittel schlechthin – der Propellermaschine – Richtung Provinzhauptstadt Joensuu, dauert es einen Nachmittag. Anschlussfahrt im Auto inklusive, eine Stunde ostwärts, vorbei an nichts als sattem Grün, das nur selten den Blick freigibt auf einen der Tausend Seen.
Und man sollte tief hinein fahren in dieses Dickicht. Zum Grenzpfosten, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU. Dort, wo die Wege holprig werden und der Dialekt sperriger. Wo man eine Eintrittserlaubnis von russischer Seite benötigt und einen Bürgen aus Finnland. Dass dies ein Schweizer ist, macht den Landstrich nur bemerkenswerter. Der Geländewagen von Georg Aellig ruckelt, als er ihn durchs frühere Sperrgebiet lenkt. „Schon hart“, sagt er fröhlich. Aber kein Vergleich zu den Sechzigern, da war es allerorten so: unwegsam, rustikal, bisweilen schmerzhaft. Grenzerfahrungen eben. Seit er vor drei Jahrzehnten hier hängen blieb, ist das sehr östliche Karelien allerdings sehr westlich geworden, erzählt er durch den grauen Vollbart. Und er erzählt gern von seiner neuen Heimat. Von Perspektiven etwa, der Baumdichte zum Trotz. Hier könnten die Augen wandern. Von Risiken, trägt doch mancher Ort den Zusatz „Varaan“ im Namen, Gefahr. Das hat mit Wölfen zu tun und Bären, denen man wie einst am besten entkommt, wenn sie satt sind. Die zweite Bedeutung aber, der Schweizer in ihm grinst, lautet Hügel. Für finnische Verhältnisse, meint Georg Aellig, „ist es hier geradezu bergig“.
Doch sogar der Koli, höchste Erhebung weit und breit, die sich stolze 347 Meter über den frischen Pielinen-See erhebt, kann den Alpinisten kaum in der Fremde gehalten haben. Für ein Landwirtschafspraktikum war er als 20-Jähriger aus Schaffhausen angereist. „Und das im Winter“, sagt der Biogas-Unternehmer feierlich. Zu einer Zeit also, da die Sonne sogar mittags den Horizont küsst und die Nächte förmlich gefrieren. Acht Wochen 30 Grad waren es früher. Minus. Mindestens. Nun seien es höchstens acht Tage. Dennoch war es ein Winter, der ein Sommer war. Schon immer. Die trockene Kälte, die saure Luft. Und dann das Licht: klar, echt, „wie Tausend Sonnen im bebenden Astwerk“ Die Stimmung der Gegend, ihre Einsamkeit und Anmut machen poetisch. „Willkommen am Ende Europas“, akklamiert Aellig, als sein Auto hinterm gewundenen Koitajoki-Fluss stoppt. Zu Fuß sind es noch ein paar Hundert Meter zu jenem Punkt, wo die EU vor sieben Jahren pompös den Euro einführte. Die kleine Landzunge ins andere, russische Karelien, ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo der heiße Weltkrieg eine gute Wendung für Finnland nahm und die kalte Systemfeindschaft eine einmalige Flora zuließ und eine Fauna, die kaum je ein Mensch zu Gesicht kriegt. Wäre die Luft nicht voll biestiger Mücken und bräsiger Bremsen, man könnte hier ewig verweilen, um der Natur beim Dasein zuzusehen.
Man kann aber auch in einer der offenen Hütten zwischen Ufer und Moor einkehren, deren Feuer von umliegenden Restaurants ständig geschürt werden und Wanderer zum kostenlosen Verweilen einladen. Und wem die Würste ausgehen, bestellt per Handy beim Wirt (die Nummer steht am Türpfosten) hinzu: Kotikalja etwa, das trübe Malzbier mit dem herben Abgang. Vatruskas, gefüllte Piroggen jeder Art. Oder Unmengen von Muikku, winzige Bratfische, geschmacklich nah am Hühnchen. Kareliens Küche, russisch gefärbt wie die orthodoxe Kirche, gilt allerorten als so schlicht wie köstlich. Es sind die Beilagen all der Feste hier. „Wenn die Karelier Musik hören“, sagt Hannu Hoskonen, der Parlamentsabgeordnete aus Helsinki auf Wahlkreisreise, „dann tanzen sie bis zum Umfallen.“ Und sind irgendwo Stimmen zu hören in der Ruhe dieses Waldreichs der Größe Hessens mit einer Wasserfläche von 100 Bodenseen, strömen sie zusammen und reden, reden, reden. Wie in der Mitternachtssonne dieses Abends, als sich das offizielle Ilomantsi mit dem angereisten Tatort-Team trifft. Hoskonen ist auch da, alle sind es: ein Ereignis, endlich! Weinselig erklärt der Politiker den Deutschen, wie man Bären, so selten sie auftauchen, dann doch entkommt: Augen fixieren, langsam rückwärts, nur die Ruhe. Karelien eben.
Der Text ist eine Zusammenfassung zweier Artikel, die Ende 2009 in diversen Tageszeitungen erschienen sind
Die Samstagsreise: Freeride, Tirol
Posted: April 27, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentDer Berg rast
Wer Radfahren sagt, meint meist, von A nach B zu kommen. Beim Freeride in Leogang heißt es eher: von einem Adrenalinschub zum nächsten. Eine gepanzerte Testfahrt ins Glück
Von Jan Freitag
Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, nicht bei klarem Verstand. Fassadenklettern, Stiere reizen, Komasaufen, Gesichts-Tattoos, solche Dinge. Oder Steilhänge mit 20 Prozent Gefälle im Schuss abwärts rasen, über dicke Baumwurzeln und schmale Holzstege, durch enge Baumgruppen, noch engere Kurven und das Ganze: mit dem Fahrrad! Es gibt also eine ganze Reihe innerer Blockaden, die einrasten, wenn Sabine Enzinger ihr argloses Lächeln zeigt und dazu rät: „Einfach laufen lassen.“ Einfach. Laufen. Lassen. Leichter gesagt als getan.
Wenn Sabine Enzinger in ihrer Hochgeschwindigkeitswelt zum Einfachlaufenlassen bittet, öffnet sich schließlich nicht nur Anfängern ein Tor in Abgründe, vor denen vorsichtige Eltern schon immer gewarnt haben. Abfahrten, die schwarz gekennzeichnet würden, wären sie weiß beschneit. Doch es ist Frühling und gefahren wird im österreichischen Leogang auf zwei Rädern. Acht Parcours schlängeln sich im Bikepark die Nordwand des Asitz Richtung Talstation hinab, mal einige Hundert Meter lang, mal mehrere Tausend. Mit Namen von „Bongo Bongo“ bis „Terminator“ durchziehen sie Hanglagen, in denen vernunftbegabte Menschen ihr Rad normalerweise schöben. Doch was ist schon normal beim „Freeride“, einer radikalen Spielart des Querfeldeinrasens, deren Radikalität nur vom „Downhill“ übertroffen wird. Beides mag zusammen eine Funsportart auf zwei Pedalen bilden – mit Radeln hat sie so viel zu tun wie die bemannte Raumfahrt mit Propellerantrieb.
Seit Skigebiete weltweit ihre Pisten zur ganzjährigen Nutzung für Mountainbikes freigeben, schießen solche Anlagen aus dem Bergboden wie einst Schlepplifte. Allein im Alpenraum konkurrieren mehr als 60 Bikeparks um Adrenalinfans. Doch keiner garantiert die Ausschüttung wie Leogang. Wer im Salzburger Land nahe der Deutschen Grenze aufs Rad steigt, panzert sich wie Eishockeytorwarte. Wer oben losfährt, tut es tendenziell ungebremst. Wer trotzdem sicher unten ankommen will, sollte zunächst mal ein paar Takte mit Sabine Enzinger reden. Die ziemlich zierliche Tirolerin mit dem flachsblonden Haar mag auf den ersten Blick nicht so wirken – als Leiterin der Bikeschule Leogang ist sie „DIE Freeriderin überhaupt“, wie das Szeneblatt „World of Mountain Biking“ in seinem Parktest feststellt. Und eben das ist Sabine Enzinger nur, weil ihr Lächeln auch mal kippen kann. „Einfach laufen lassen“, wiederholt sie am Eingangstor des „Flying Gangster“. Ein schwerer Kurs, Freeride für Fortgeschrittene, aber durchaus Laientauglich. Dann guckt sie plötzlich streng: „Aber bloß nicht selbst überschätzen!“ Es ist keine Bitte.
Dabei bedarf es wirklich keines Befehls, um Neulingen Achtung vor dem zu verschaffen, was sich da talwärts windet. Nach ein paar vertrauensbildenden Maßnahmen – Slalom, Bremsen, Körperbeherrschung, ein Crashtest – an der Talstation jener Bergbahn, die im Sekundentakt Biker hoch zur Mittelstation bringt, nach drei vorsichtigen Abfahrten den anfängerfreundlichen „Hangman“ hinab, steht man nun also vorm „Flying Gangster“ und stellt kurz seine Zurechnungsfähigkeit in Frage. „Das sieht nur so steil aus“, flötet Sabine, „wenn du mal drauf bist, geht’s“. In der Tat – es geht. Es geht rasant über regenweiche Sandrinnen von einer Armlänge Breite und „Roller“ genannte Hügel, die zwei kräftige Federgabeln am Vorderrad schlucken, als sei der Weg plan. Es geht nach einer Weile zusehends selbstsicherer über schmale Bretterstege und hölzerne Steilkurven, von Kennern – wir sind hier in der Skaterszene – als „Wallrides“ bekannt, in die man sich wider jede Vernunft mit vollem Gewicht hineindrückt, um aus der Kehre förmlich herauszuschießen. Es geht dies alles ohnehin mit der durchschnittlichen Fliehkraft von 20 Prozent und mehr, zurückhaltend ausgebremst – um die Stabilität zu halten. Die geht dann doch jäh flöten, als unverhofft ein Satz Bodenwurzeln auftaucht. Was Könnern kein Wimpernzucken wert wäre, wirbelt den Anfänger auf dem stabilen Leihrad mit anderthalb Saltos durch die Luft und verdeutlicht gleich mal den Sinn all der Protektoren bis hin zu Rückenpanzer und Integralhelm. Denn danach geht es: sofort weiter.
Kurz abklopfen, Rad checken, Matsch von der Skibrille. „Lebsch noch?“, fragt Sabine lässig und steigt nicht mal ab. Mit 40 Jahren Lebenserfahrung, der Hälfte davon im Gelände, weiß sie: Das Material hält, die Endorphine fluten, der gibt nicht auf! Es braucht halt „Guts“, wird sie nach der sechsten (oder siebten?) Abfahrt sagen, wenn alle Muskeln brennen und die Handballen pochen, als parke darauf ein Kleinwagen. „Eier“, würde Oli Kahn sagen. Aber das trifft es nicht, nicht nur. Man braucht die exakte Mischung aus Kühnheit und Kontrolle, Ratio und Bauch. Deshalb sind Sabine Enzinger sportliche Thirtysomethings mit Familie lieber im Debütantenkurs als manch heißblütiger Teenager. „Die haben Angst, als zu alt für so was zu gelten, aber noch mehr, dass was dabei passiert“. Sie nennt das Respekt vorm Berg und den eigenen Grenzen. Rasen soll schließlich nur der Puls, kein Krankenwagen.
Da überlassen wir „Speedster“ doch lieber den jungen Desperados im Wald nebenan. Auf dem Downhillkurs, wo das Gefälle noch größer ist, der Untergrund noch ruppiger, die Wege noch enger, die Steilkurven noch höher. Wo zu alledem alles voller Bäume ist und schon mal reihenhaushohe Holzrampen im Wege stehen. Wer da runter fährt, ohne Zögern und mit Spaß dabei, der kann im Gelände alles, der packt auch die „Big 5 Bike Challenge“, 5000 Höhenmeter abwärts durch fünf Skiorte. An einem Tag. Nach dem allerersten im Bikepark packt der Neuling aber erstmal seine geschundenen Glieder in die Badewanne. „Nie hinsetzen. Spannung halten. Ein Finger an die Bremse. Pedale parallel. Augen in Fahrtrichtung. Keep focused!“ Sabine Enzingers Appelle hallen noch im heißen Wasser nach, wenn der Körper so langsam regeneriert. Morgen muss er wieder funktionieren. Der Berg ruft. Und übermorgen? Ist man ein besserer Radfahrer. Versprochen.
Bikepark Leogang, c/o Leoganger Bergbahnen, Hütten 39, A-5771 Leogang, Tel.: 0043(0)6583-8219; info@bikepark-leogang.com, www.bikepark-leogang.com
Samstagsporträt: Markus Staiger, Nuclear Blast
Posted: April 6, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentVom Metall zum Metal
In einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb hat der Musikfan Markus Staiger das größte unabhängige Heavy Metal-Label der Welt geschaffen. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte vor 25 Jahren im Kinderzimmer.
Von Jan Freitag
Schwäbisches Arbeitsethos? Markus Staiger schüttelt den Kopf. Ha Noi! Bei aller Bodenständigkeit, das nun nicht. Obwohl – er denkt kurz nach. „Eigentlich doch.“ Sofern es Attribute wie Beharrlichkeit und Ausdauer beschreibt, falls es für Geschäftssinn und Risikofreude steht, wenn es zu schätzen heißt, „dass man mag, wenn etwas wächst und gedeiht“, wie Staiger es ausdrückt, „bin ich wohl doch recht schwäbisch.“ Schwäbischer zumindest, als der Name seines Unternehmens: Nuclear Blast. Auch wenn man in Donzdorf gern Blascht sagt. Schwaben können eben alles, außer Hochdeutsch. Und Staigers stetig wachsende Firma belegt, dass seine Landsleute selbst im letzten Winkel jedes Produkt für die ganze Welt erzeugen. Von Maschine über Teddy bis Geschirr und nun auch noch Markus Staigers Ein und Alles, seinen Lebenszweck: Heavy Metal. Mit ihm wurde ein mittelständischer Betrieb bei Ulm zum weltgrößten unabhängigen Plattenlabel einer Musikrichtung, die gerade am Rande der Schwäbischen Alb wie eine Invasion Außerirdischer wirkt. Heavy Metal, das hören doch die mit den rauen Sitten, den satanischen Riten, den langen Matten. „Die Region ist tiefschwarz und gläubig“, sagt ihr Grundversorger Staiger, selbst eingeborener Katholik, „aber bei uns erwirbt man sich mit Erfolg eben Respekt.“
Und von beidem hat sich der Mann mit den sanften Augen in 45 Jahren reichlich erarbeitet. Besser noch: in seiner zweiten Lebenshälfte; am Ende der ersten war er noch Bürgerschreck mit Punkfrisur. Das belegt auch ein Dokumentarfilm von Arte namens Heavy Metal auf dem Lande. Staigers Mutter zeigt darin Jugendfotos ihres Buben und lächelt scheu durch ihre Küche in rustikaler Eiche. Dem Markus, so erteilt sie ihm heute Absolution, „dem isch des wirklich ernscht“. Und wem es das ist, darf auch vom deutschen Bibelgürtel aus Tassen mit Pentagramm, Aufnäher mit „Satan inside“ oder Alben mit Kruzifix als Steinschleuder verkaufen. Wer Heavy Metal sagt, muss schließlich auch Nuclear Blast sagen. Das Unternehmen mit Büro in L.A. verbucht rund um den Globus Chartplatzierungen. Nightwish, eine der mittlerweile 104 Vertragsbands, katapultiert jedes ihrer Alben nicht nur im heimischen Finnland an die Chartsspitze und knackt locker die Millionen-Grenze international verkaufter CDs. In Zeiten sinkender Tonträgerabsätze eine unglaubliche Zahl und doch nur eine Seite der Medaille.
Die andere heißt Mailorder und Merchandising. An die 6000 Produkte stapeln sich im riesigen Lager des firmeneigenen Gebäudes, weitere 2000 sind lieferbar. Woche für Woche verschicken gut gelaunte Frauen im Versand Tausende von Paketen um die Welt. Das Klima ist gut, die Musik verbindet. Hier, inmitten langer Regalfluchten, ist auch Markus Staiger in seinem Element. Zwischen Weihnachtsgirlanden aus Fledermäusen, Armreifen mit Eisernem Kreuz oder Platten in martialischen Hüllen, umgeben von Totenköpfen, T-Shirts, Nieten und Nippes. Ihr Besitzer kennt jede Kiste, jede Band, jeden Button. Er lächelt milde über unnützes Zeug, verharrt stolz vor der kleinen Vinylecke und preist ungläubig Topseller wie Patronengurte oder Trinkhörner. Staiger grinst: „Keine Ahnung, was 4000 Leute damit wollen.“ Der echte Metal-Fan hegt eben eine innige Beziehung zu Devotionalien, zum Fetisch, zur Uniform. Und sie beschert Nuclear Blast im Vorjahr fast 40 Millionen Euro Umsatz. Die knapp 100 Angestellten, meist echte Fans mit langen Haaren und Band-Shirts, kriegen sogar Weihnachtsgeld.
Das bringt Markus Staiger nachbarschaftliche Anerkennung. Dabei schafft ein Betrieb dieser Größe im überschaubaren Donzdorf mit seinen 11.000 Einwohnern gerade mal die Top Ten der größten Arbeitgeber. Doch die Kleinstadt mag ihren Markus und Bürgermeister Martin Stölzle nennt drei sehr praktische Gründe: „Er ist ein Beispiel, wie man als junger Mensch eine Firma von Weltruf aufbaut, er schafft Arbeitsplätze und ist ein guter Steuerzahler.“ Außerdem veranstalte er gern Feuerwerke und die Musik sei teilweise, nun, hörbar. In einem Ort, wo der frühere Patriarch, ein reicher Graf von bald 100 Jahren, naturgemäß mit Erlaucht angeredet wird und Konservativismus als genetisch bedingt gilt, sei Kritik da selten. Das war vor einem Vierteljahrhundert sicher anders, als Markus Staiger beim Zivildienst begann, der umliegenden Szene kleinere Posten Importplatten zu ordern. Vom Metall zum Metal – gelernt hatte er Maschinenschlosser. Doch Regelarbeitsverhältnisse waren seine Sache nie. Auch der Name seines Ur-Versands stieß kaum auf Verständnis: Misthaufen Distribution, wirtschaftlich eine Reihe Sammelbestellungen mit geringer Gewinnspanne, räumlich ein Zimmer im Elternhaus, perspektivisch ein Sprungbrett nach oben. 1987 gründete er Nuclear Blast. Seither befindet er sich im Steigflug.
So sehr, dass Staiger nun kürzer treten muss, treten darf, will. Nach20 Jahren pausenloser Arbeit nimmt er sich nun Zeit für seine Freundin und Hobbys. Joggen, Fitness, Yoga. Und Golf. Als Ausgleich und Naturerlebnis. Der untersetzte Mann in schwarzer Freizeitkleidung lacht: „Aber alloi“, nicht mit dem örtlichen Jet Set. Dafür, aus dem Munde eines wohlhabenden Porschefahrers klingt das rasch verdächtig, „bin ich zu independent“. Und doch muss man es ihm glauben. Nicht wegen der Band-Logos, die er gern vor der Brust trägt. Nicht wegen 20.000 Platten des Vollgasgenres, die seine Wohnung verstopfen. Nicht, weil er Kaufangebote der riesigen Majorlabels so ablehnt wie heimeliges Versorgungsdenken oder das Siezen. Nein, es ist das Wesen seiner Musik. Heavy Metal sei keine Frage des Geldbeutels und schon gar nicht von Trends, sondern pures Herzblut. „Ich werde ihn mein Leben lang hören“, schwört er. Was sich wie Selbstvergewisserung des alternden Fans anhört, es ist reine Feststellung.
„Hey, your Record is fucking unbelievable“, ruft Staiger einer Musikerin zu, die sein chaotisches Büro voll goldener Schallplatten und Versandkisten betritt. Bei Fourtysomethings mit blondierter Kurzhaarfrisur führen solch juvenile Ausbrüche oft zum Fremdschämen. Doch wie Markus Staiger danach beteuert, in ihre Band richtig Energie zu stecken, weil sie so unfassbar gut sei, ist man geläutert. Dieser Mix aus Leidenschaft und Energie in schwäbischem Akzent, mit ihm lässt sich alles verkaufen. Ob Metal oder Metall.