Fußballbundesliga: Tradition & Retorte

RB_Leipzig_Logo_2009.svgNeues Brauchtum braucht das Land

Zum Start der neuen Bundesliga-Saison hatten es die Alteingesessenen vorige Woche gleich mit vier Clubs zu tun, denen Puristen das Präfix “Retorten” verpassen. Doch was unterscheidet Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg, Ingolstadt eigentlich vom Rest der Liga? Über Tradition im Fußball.

Von Jan Freitag

Na, das war doch mal ein ehrwürdiges Treffen zum Bundesliga-Auftakt 2016/17: Bayern gegen Bremen, AG gegen KGaA, zu viel Geld gegen fehlendes. Vor allem aber war es ein Duell zweier Traditionsteams, das vor acht Tagen die die 54. Saison eröffnete – obgleich der Abo-Meister seit 1980 kaum Dellen im Brauchtum immerwährenden Erfolges hat, während der Fast-Absteiger zerbeult ist wie zuletzt als Zweitligist im gleichen Jahr und entsprechend mit 0:6 in München unterging.

Als RB Leipzig den Spieltag in Hoffenheim komplettierte, wirkte es daher wie eine Antithese der Startpartie: erst zwei Traditionalisten mit Vereinsstruktur und Geschichte, dann zwei Karrieristen mit Businessplan und Visionen. Da drängt sich der Eindruck auf, die DFL hätte Dietrich Matteschitz‘ Brause-Investment bewusst so früh zu Dietmar Hopps Software-Investment geschickt; Retortenclubs ernten voneinander schließlich nicht jene Verachtung wie von Frankfurt und Schalke, die tags zuvor aufeinander trafen.

Denen erwächst mit Red Bull nach Wolfsburg und Hoffenheim schließlich ein dritter Konkurrent, der nach eigenem Rechtsgefühl im nostalgischen VEB Profifußball nix zu suchen hat. Umgekehrt werfen die Neulinge den Alteingesessenen vor, ihre Historie wie Monstranzen der Fortschrittsverweigerung vor sich herzutragen. Es spielt sich ein Kulturkampf ab, fast ein Glaubenskrieg: Tradition vs. Innovation. Als reiße letztere erstere aus dem Wald wie ein Bagger die Eiche. Nur, was ist das eigentlich – Tradition?

Aus dem Lateinischen übersetzt, ist sie ein erstaulich mobiler Begriff. Tradere heißt hinübergehen, was eng an traditio für Übergabe gekoppelt ist. Wer ehrlich von Tradition redet, meint also besonders im Sport etwas sehr Bewegliches, das einst von Aktiven gegründet wurde, die ihren Leib im Kollektiv ertüchtigen wollten. Um dieses Gemeinschaftsgefühl mit deutscher Ordnung zu paaren, sammelte Turnvater Jahn seine Söhne schon vor 200 Jahren in Vereinen. Es folgten die Ruderer, bevor 1874 der erste Fußballclub entstand. Der Gründungsimpuls abertausender Spielgemeinschaften von heute war also selten materieller Natur. Alle 56 Teams der ersten drei Bundesligen etwa wurden zu einer Zeit gegründet, als sich mit Fußball vielleicht Ruhm, aber kein Geld ernten ließ. Fast alle.

Es war im Jahr 2009, als sich die Red Bull GmbH mit der Lizenz des SSV Markranstädt einen Platz in Liga 5 erkaufte. Dank unbegrenzter Mittel aus Österreich ging es für RasenBallsport Leipzig, wofür RB offiziell steht, zügig in die Beletage, wo noch zügiger Europa für das angepeilt wird, was jede Konzernsubvention erbringen soll: PR plus Rendite. Beides per se abzulehnen, findet sich zwar selbst beim kapitalkritischen FC St. Pauli allenfalls in der  Meckerecke des (brandneuen) Stadions; zum Daseinszweck erhoben sorgt die neue Business Class fast überall dort für Skepsis, wo „Traditionsverein“ draufsteht.

Kein Wunder, ist das Wort doch ein Kollateralschaden der Kopfgeburt vom reichsten Bewohner einer Kleinstadt im Kraichgau. Bevor SAP-Gründer Dietmar Hopp der TSG Hoffenheim (noch ohne 1899 im Label) mit Abermillionen inklusive Stadionneubau den Durchmarsch von der Dritt- in die Erstklassigkeit spendierte, taugte nur Bayer Leverkusen trotz hundertjähriger Werksclubhistorie als kommerzieller Gegenpol zur provinziellen Vereinsmeierei. Und als Milliardär Hopp seinem Spielzeug nach mäßiger Hinrunde so viel Geld ins Team steckte, wie die Zweitligakonkurrenz zusammen, war klar: Es ist eine Zeitenwende. Zumal VW zeitgleich 100 Prozent des VfL Wolfsburg übernehmen durfte, was der grauen Maus drei Jahre später auf den Ruinen der 50+1-Regel zum Titel verhalf. Der VfL bekam seine (wie einst die Bayern geschenkte) Arena zwar auch im Meisterjahr kaum voll, spielte aber immerhin finanziell auf FCB-Niveau – und existiert immerhin zehnmal länger als RB Leipzig.

Als Dosenkrösus Matteschitz vor sieben Jahren einen Club in Sachsens Fußballdiaspora rammte, gab es statt Team und Fans nur eine WM-Arena und die Sehnsucht, sie zu füllen. Wenn das Team Marktwert abgehängter Traditionsclubs nun Fernsehgelder nach Popularität fordert, hat das also durchaus geschichtsferne Gründe: während Stuttgart, Hertha, Frankfurt, Köln, Bremen und der HSV überregionale, teils international attraktiv sind, gönnt man Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg fern der Stadtmauern selten was Besseres als den Untergang. Die Gescholtenen entgegnen da gern, diese Arroganz erst hindere Traditionsclubs daran, modern zu managen, ergo: zu spielen. Und hätten sie selbst einen Matteschitz, Hopp oder Winterkorn vor Ort – die Platzhirsche nähmen deren Geld mit Kusshand, um damit jene Spielkultur zu entfalten, mit der sich das Premiumprodukt Bundesliga die Emporkömmlinge mittlerweile mangels Alternative schönredet.

Man dürfte es dort nicht gern hören, aber als Underdogs mit konsumkritischer Fanbase sind sozialromantische Relikte wie St. Pauli, Freiburg, Union Berlin somit die letzten Traditionsvereine, deren Selbstverständnis nicht Nostalgie, sondern Demokratie entspringt. Ihre mal mehr, mal weniger konsequente Weigerung, Sponsoren zu hofieren, sorgt dabei aber eher für einen Platz im Liga-Fahrstuhl, während Schalke seine Seele an Putins Staatsgaskonzern und einen Industrieschlachter verkauft hat, aber stets international spielt. Dort also, wo sich 1860 München sah, als ein orientalischer Geschäftsmann groß einstieg. Seither ist die TSG weiter vom Stadtrivalen entfernt ist als der HSV vom siebten Meistertitel.

Der spielte zum Saisonauftakt übrigens gegen Ingolstadt: 2004 auf Initiative eines lokalen Unternehmers gegründet, ist dieser brandneue Club auch dank eines schicken Stadions aus der Kasse der benachbarten Audi AG flugs aus der Bayern- in die Bundesliga geführt. Tradition gegen Retorte also? Seit Jahren entgeht der HSV dem Abgrund nur durch Spenden eines launischen Logistikmilliardärs. Als die Profikicker auf sein Drängen 2014 in eine AG ohne Mitbestimmung der Basis ausgegliedert wurde, haben sich die treuesten Fans Ersatz geschaffen, dem sie nun in der Kreisklasse anfeuern: HFC Falke, ein Kofferwortclub aus Hamburger FC und FC Falke, die 1919 das Grundgerüst ihres HSV bildeten, um einfach Fußball zu spielen. Traditionsvereine wie St. Pauli waren damals gewiss schwer indigniert…

Der Text ist mitsamt Kommentaren vorab auf ZEIT-Online erschienen


A Summer’s Tale: Indiepop & Family-Yoga

deine-freunde-540x304Feierabendstimmung

Musikfestivals sind laut und dreckig? Nicht so das A Summer’s Tale nahe Hamburg. Auf dem Gelände eines weltberühmten Reitturniers hat es mit seiner Premiere eine neue Zielgruppe erschlossen: die High-End-Alternativen. Kommende Woche steht die Wiederholung an – mit besserer Versorgung und mehr Gästen.  Hoffen die Veranstalter.

Wie so oft: Die Sonne bringt es an den Tag. Schon zum Frühstück schieben sich dichte Wolken über die Lüneburger Heide. Auch dem idyllischen Luhmühlen graut es ein wenig vorm anbrechenden Wochenende, so sehr verdunkelt sich der Himmel – und öffnet seine Schleusen, noch bevor ein Konzert den jungen Tag beschallt hat. Im Hauptzelt, groß wie landestypische Mehrzweckhallen, erzählt ein kleiner ZDF-Reporter mit dem optimistischen Namen Möglich was Kritisches über Wild Germany, da droht auch dieses Festival abzusaufen, als sei es ein Naturgesetz für Open-Airs im Norden. Dann aber hört es auf. Einfach so. Kein Landunter, keine Schlammschlacht, nicht mal das kleinste bisschen Matsch.

Seltsam.

Seltsam wie so vieles am A Summer’s Tale, rund 40 Autominuten südlich von Hamburg gelegen, ein Festival der besonderen Art, das nur vorweg. Besonders teuer, sagen die einen. Besonders komfortabel, entgegnen die anderen. Besonders vielfältig – darauf können sich die meisten hier immerhin einigen. Auf dem ausladenden Gelände des örtlichen Reitvereins, in der Pferdesportwelt bekannt fürs internationale Vielseitigkeitsturnier CCI, geht am Mittwoch die zweite Ausgabe eines fünftägigen Events in der fortwährend wachsenden Liste musikalischer Großveranstaltungen zu Ende. Für bis zu 199 Euro pro Person kriegen die Gäste rund 75 Live-Stunden Musik geboten, mit Headlinern von Sigur Ros über Parov Stelar und Boy bis Billy Bragg. Zur Premiere vor einem Jahr waren es Tori Amos über Belle & Sebastian, Calexico und ZAZ bis hin zu allerlei melancholischen Songwritern wie Damien Rice oder Niels Frevert. Dazu Workshops, Lesungen, Filme, Theater, Kunst, Performances, Installationen und alles, was Kinderherzen erfreut – das Unterhaltungsangebot des selbsterklärten Sommermärchens ist facettenreich.

Weniger Dosenbier, mehr gediegener Zeitvertreib

Nur eins ist es nicht: sonderlich preiswert. Drei Dutzend Bands – das bieten andere Festivals dieser Preisklasse wie das benachbarte Hurricane oder das kaum fernere Wacken täglich. Locker. Und selbst, wenn man in Rechnung stellt, dass A Summer’s Tale von Mittwoch bis Samstag allerlei Randzonenentertainment abseits der drei Hauptbühnen zu bieten hat, ist der Gegenwert eines halben Hartz-IV-Satzes für ein Programm, das auf 150 Hektar Heideland gerade mal von Mittag bis Mitternacht reicht und nur wenige Megastars aufbietet, eher überschaubar. Es muss also was anderes dran sein, an der Luhmühlener Premiere, dass dennoch 7.000 Besucher daran teilhaben.

Zum Beispiel Matthias. Rote Vans, Röhrenjeans, Basecap. Augenscheinlich ein Hipster wie aus dem Handbuch, fachlich Winzer aus St. Pauli, der neben Mischwald und Kuhweide einen – kein Scherz – Sommelier-Workshop anbietet. Gut, schon nach zehn Minuten erweist sich der Schnellkursus für 50 Hobbykenner in spe als üppige Weinprobe; doch wenn Fachmann Matthias einen Tropfen nach dem anderen ausschenkt, lernt man nicht nur was über Verabreichung (immer schön schwenken) und Expertentum (immer viel trinken), sondern auch einiges über den gemeinen Gast eines Festivals dieser Art.

Denn der ist, zumindest optisch analysiert, tendenziell älteren Semesters, genussfreudig, kultiviert, dabei zu robuster Wochenendgestaltung bereit – aber bitte mit Stil, Contenance und einem Grundmaß an Bequemlichkeit. Was auch nach dem zweiten Regentief Richtung Samstag zwischen all den Yoga-Workshops und Mehrgänge-Menüs, Traumfänger-Bastlern und Urban-Gardening-Vorträgen, den Charleston-Kursen und Kunsthandwerk-Ständen, Toilettenparks mit Spülkasten und Hundertschaften uniformierter Ordner herrscht, ist gediegenster Zeitvertreib. Er hat mit dem Rock ‘n’ Roll vergleichbarer Freiluftpartys weniger gemeinsam hat als mit den Wagner-Festspielen in Bayreuth.

Sommermärchenlandbewohner schlafen offenbar weniger mit Dosenbier im Wurfzelt als im Mietzelt mit Polsterpritschen. Mindestens. Gleich nebenan hat ein Paar behaglichkeitsaffiner Best-Ager aus Bayern im “Komfortcamp” einen Container bezogen. Für 900 Euro samt Tickets, erzählt es in einem Tonfall zwischen Selbstzufriedenheit und Selbstkritik, sei das Dach überm Kopf “schon gemütlich”. Bei vier Nächten plus Anfahrt, Versorgung, dem ganzen Rest eben, sie der Preis aber auch “ganz schön happig”.

Ab Mitternacht geht das Gros der Leute zu Bett

Die Cuisine, wie das kulinarische Angebot natürlich heißt, mag vorwiegend vegetarisch sein und oft regional bestückt; eine Mahlzeit abseits der, nun ja, billigsten Pizza ist unter sieben Euro kaum zu haben. Die Getränkekarte ist reichhaltig, aber hochpreisig. Wohnmobile kosten 50 Euro extra, Kinder ebenso. Selbst das Programmheft schlägt mit rätselhaften 3,50 Euro ins Kontor, was verbreitet für sachten Unmut sorgt.

Wofür es indes nicht sorgt, ist Konsumverweigerung. Die meisten der 7.000 Besucher schlucken die Apothekenpreise nicht nur mit autogenem Langmut, sie haben den elitären Charakter förmlich verinnerlicht. Der gewinnorientierte Hamburger Konzertgigant Scorpio hat auf malerischem Heidegrund eine ganz neue Festivalzielgruppe entdeckt: den gutsituierten High-End-Alternativen. Auffällig viele Besucher sind knapp über 55, ausgestattet mit etwas Restrenitenz, oder knapp unter 44, begleitet von kleinen Kindern. Ihnen sind die Hygienedesaster der Scorpio-Schwester Hurricane zu wild und Wochenenden vorm Fernseher zu gewöhnlich.

Wenn bei den Protestsongs der hinreißend gereiften Punk-Ikone Patti Smith im Abendrot der Nostalgiegenerator wummert, sind die einen ebenso selig wie es die anderen sind, wenn ihr Nachwuchs zum kindgerechten HipHop von Deine Freunde durch den Birkenwald hopst. Es ist, als läge Nimmerland, die Insel, auf der Kinder nie erwachsen werden, genau hier. Da, wo das Hamburger Künstlerkollektiv 210 Klappen exakt 251 Zugvögel aus poliertem Blech vor die Waldbühne gehängt hat. Wo auch sonst ein Hauch des anarchistischen Fusion-Festivals durch die Wipfel weht.

Nicht mehr, nicht weniger.

Denn verglichen mit dem heimlichen Vorbild in Mecklenburg ist A Summer’s Tale schlicht zu kommerziell. Für übliche Großfestival-Hopper hingegen ist es wie das offizielle Vorbild Wilderness im britischen Oxfordshire zu behaglich, drogenfrei, zu esoterisch und ruhig. Schon ab Mitternacht schließen alle Live-Bühnen und das Gros der Leute geht zu Bett. Sonderbar beseelt und spürbar erleichtert – von ein paar Alltagssorgen und einer schönen Stange Geld. Viele werden trotzdem wiederkommen, im August 2016, zur festivaltauglichen High-End-Alternative ohne Verwilderungsbedarf. Schließlich hält das Areal auch dem zweiten Wolkenbruch am Samstag Stand. Spielend. Statt Schlammrutschen gibt’s bloß Espadrilles-Workshops, Family-Yoga und Jochen Distelmeyer am Teich.
Der Artikel ist voriges Jahr auf ZEIT-Online erschienen

Claus Kleber: Anchorman & medium adopter

dataWir mussten da unbedingt hin

Claus Kleber (mit Astro Teller; Foto: Martin Ehlebenmag vielen als Moderator des heute-journal bekannt sein; gut 15 Jahre seiner Karriere war der Volljurist aus Reutlingen als Forscher und Korrespondent in den USA. Beste Voraussetzungen für eine Reportage aus dem Silicon Valley, die am 19. Juni um 23.30 Uhr im ZDF läuft. Ein Gespräch über späte Sendezeiten, Gefühle im Nachrichtenfach und ob die Schöne Neue Welt im kalifornischen Erfindertal auch hässliche Seiten hat.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kleber, obwohl Sie relativ frisch aus dem Silicon Valley zurückgekehrt sind, ist Ihre Rasur wie immer perfekt.

Claus Kleber: Danke, äh…

Es gab Kollegen, die nach einem Aufenthalt dort völlig zugewachsen heimgekehrt sind.

Ah (lacht), Sie meinen Kai Diekmann.

Der damalige Bild-Chef suchte auch Inspiration und Erkenntnis im Valley. Was unterscheidet Ihren Besuch von den vielen anderer Journalisten?

Wer von deutschen Verlagen dorthin gefahren ist, stellte sich oft die Frage, wie man bekannte Entwicklungen dort nutzen oder kopieren kann. Wir hingegen waren Suchende von etwas, das wir bei der Abfahrt gar nicht kannten. Am meisten hat uns dann überrascht, welch große Rolle persönliche Kontakte spielen. Fast alle Techniken moderner Kommunikation sind da entstanden, und doch muss man offenbar an diesem Ort mit seinen horrenden Mieten sein, um sie zu ersinnen. Bevor die Elektronik den Menschen außerhalb des Valleys erreicht, treffen darin leibhaftige Menschen aufeinander. Deshalb mussten auch wir als Reporter unbedingt hin, um all das zu finden, was wir noch nicht mal erahnt hatten.

Zum Beispiel?

Dass im Silicon Valley Dinge jenseits von Google, Facebook, Netflix Dinge entstehen, die man damit überhaupt nicht assoziiert: Gentechnologie, Life-Science-Medizin, Bionik.

Das Tal entwickelt sich also vom Smartphone zur Naturwissenschaft?

Genau. Die Endgeräte haben eine gewisse Reife erlangt; jetzt geht es darum, wie und in welchem Ausmaß sie unsere Gesellschaft verändern. Ich erinnere mich, vor Jahren als einer der ersten ein iPhone in der Hand gehalten zu haben. Eric Schmidt, als Google-Chef auch im Aufsichtsrat von Apple, hatte es mir damals gegeben und das brandneue Prinzip der App erklärt. Aber während viele mit Privatjets zur Präsentation gefahren sind und total aufgeregt waren, hab ich das Potenzial überhaupt nicht erkannt. Heute wird auf Grundlage solcher Geräte und ihrer Möglichkeiten alles Existierende grundlegend infrage gestellt. Exponential disruption – das ist die Regieanweisung aus dem Silicon Valley, dem sich niemand entziehen kann.

Haben Sie in den 30 Drehtagen vor Ort also wirklich neue Erkenntnisse gemacht oder doch nur ein bekanntes Phänomen neu bebildert?

Ersteres, unbedingt! Es hat mich zum Beispiel total überrascht, wie im Silicon Valley alles ineinander greift. Etwa, dass eine Arzneimittelfirma auf 120 Quadratmetern Laborfläche eine Milliarde Dollar wert werden kann, weil sie mithilfe der Apple-Watch so kontinuierlichen Zugriff auf die körperlichen Daten ihrer Träger hat, dass man damit zum Bruchteil der Kosten klassischer Forschung an einem Medikament gegen Parkinson arbeiten kann. Jeder im Valley ist interessiert daran, inwiefern die Entwicklungen anderer für eigene nutzbar sind und umgekehrt. Darin sehen manche ein Florenz des 21. Jahrhunderts, wo technische, kulturelle, wissenschaftliche, medizinische, künstlerische, gar politische Konstellationen auf engstem Raum entstehen.

Auch Sie scheinen vom Virus kalifornischer Zukunftseuphorie erfasst zu sein. Aber bräuchte der Titel Schöne neue Welt angesichts von Datensammelwut, Ressourcenvergeudung, Machtkonzentration nicht ein Fragezeichen?

Obwohl ich in meinem Alter etwas abgebrühter bin als jüngere Kollegen, haut mich in der Tat vieles schlichtweg um. Aber erst dass beides – die schlimmen Seiten im Sinne Aldous Huxleys und die guten im Sinne der Worte – so rasant an einem Platz entsteht, macht die Faszination aus. Als Reporter wollen wir das zunächst mal dokumentieren, stellen uns aber anders als viele amerikanische Kollegen die Frage, ob der Nutzen jeden Nebeneffekt wert ist. Vor einer Antwort steht jedoch immer das Begreifen. Und dabei will der Film helfen.

Was entspricht denn Ihrem Naturell: Fortschrittsgläubigkeit oder -skeptizismus?

Als Sohn eines Diplom-Ingenieurs und Ex-Schüler eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums bin ich grundsätzlich aufgeschlossen. Als europäischer Journalist mit langjähriger Erfahrung in Amerika sehe ich aber durchaus, wo die Euphorie zu weit geht. Die Verachtung jeder Form von Regulierung, Aufsicht, gar staatlicher Kontrolle ist mir fremd. Und manche Innovation ist schlicht zu wichtig und heikel, um sie zwei, drei Firmen allein zu überlassen. Das widerstrebt dem Spirit vom Valley, aber finanzieller Erfolg gleich inhaltlicher Erfolg – das ist mir zu schlicht. Nicht jede Erfindung ist sinnvoll, nur weil sie gekauft wird.

Zählen Sie als Kunde zu den early adoptern, die Smartphone, Tablet, Handy und PC als erste haben mussten?

Ich bin so ein medium adopter, der zunächst abwartet, dass die Kinderkrankheiten neuer Geräte verschwinden. Mein iPhone-4, das auf deutschen Schulhöfen jedem Kind längst zu peinlich wäre, hab ich gerade erst gegen ein neues Modell getauscht. Ich springe nie als erster, aber halte mich auf dem Laufenden.

Ist das ein beruflicher oder privater Anspruch?

Ich interessiere mich auch persönlich für Technik, aber wie gesagt: es sind grad nicht so sehr die Endgeräte, die das Leben verändern, sondern der Umgang damit. Da ist es meine Aufgabe als Journalist, den Leuten zu zeigen, wie tief diese kleinen technischen Wunderwerke in unser aller Existenz eingreifen. Ich frage mich oft, was wir früher mit all der Zeit angefangen haben, die mit Surfen, Chatten, Katzenvideos draufgeht. Ein Teil der Antwortet lautet: lebenswerter gelebt.

Macht es Ihnen eigentlich Angst, dass besonders die multimedialen Entwicklungen aus dem Silicon Valley Ihren eigenen Berufsstand gefährden?

Da ist was dran. Zugleich hatte ich beruflich nie zuvor solche Möglichkeiten. Wenn ich über die Wasserversorgung im Nildelta berichten will, musste ich mir fast sämtliche Informationen ohne Gewähr, sie zu kriegen, dort unten holen. Heute kann ich vom Schreibtisch aus in wenigen Stunden bequem zusammentragen, wofür man früher Wochen brauchte. Deshalb wundere ich mich immer wieder, wie man früher ein tagesaktuelles Magazin wie das heute-journal hingekriegt hat. So gesehen leben wir im großartigsten Zeitalter des Journalismus. Und wenn wir nicht in der Lage sind, dafür ein Publikum zu interessieren, liegt es gewiss nicht an den neuen Verbreitungstechnologien.

Umso deprimierender muss es doch sein, dass die Angebotslage so gut ist, die Nachfrage aber zumindest im kostenpflichtigen Qualitätsjournalismus kontinuierlich sinkt?

Wissen Sie was? Verschwinden wird vor allem die lieblose Alltagsberichterstattung, wo Minister aus ihren Wagen steigen und erwartbare Antworten auf erwartbare Fragen geben. Das braucht niemand. Auf der anderen Seite haben gut recherchierte, auf allen Kanälen nutzbare Geschichten mittlerweile eine Verbreitung wie nie zuvor. Als die österreichische Regierung kürzlich vorschlug, Flüchtlinge auf einer Mittelmeerinsel zu internieren, hat mir meine Tochter, die Ende 20 ist und nichts mit aktuellen Nachrichten macht, einen Radiobeitrag zu so einer Insel vor der Küste Australiens verlinkt. Erschütternd, großartig, packend, von 2003! Der Chance, so etwas auch 13 Jahre später noch hören zu können, würde ich nachtrauern, öder Routine weniger.

Aber heißt das Zaubermittel im Kampf mit Instant-Entertainment nicht Emotion statt Information, geschweige denn Nutzwert?

Wenn Gefühl heißt, Langeweile zu durchbrechen, ja. Wenn es heißt, auf die Tränendrüse zu drücken, nein. Auch beim heute-journal geht es zunächst um journalistischen Inhalt, danach aber auch um Dramaturgie und Atmosphäre. Um diese Zeit möchte sich kein Zuschauer in die Volkshochschule setzen.

Welche Art von Informationskonsument sind Sie denn selbst?

Vor allem einer, der es nicht leiden kann, wenn Informationen, die fürs Thema wichtig sind, fehlen. Da ist viel Luft nach oben, die Schöne neue Welt hoffentlich nicht hat.

Was hat diese Reportage eigentlich mit Fußball zu tun?

Nichts, warum?

Nichts, genau. Läuft sie deshalb erst kurz vor Mitternacht?

Ach, direkt nach einem EM-Spiel ist kein schlechter Sendeplatz für ein Fußballpublikum, das keineswegs so tumb ist wie manche offenbar glauben. Sachformate werden da erfahrungsgemäß gut eingeschaltet. Aber selbst wenn nicht – der Film wird lange Beine haben. Nach der Erstausstrahlung läuft er auf 3sat, Phoenix, ZDFinfo und nicht zu vergessen: Im Netz, bestimmt auch auf Geräten aus dem Valley.


Denkmalsschutz: Altbauglanz & Abrissbirne

1-BA-621-2_28_A7 (2)Aus neu mach neu

Wer heutzutage Denkmalschutz sagt, meint meist uralte Prachtbauten von Kirche bis Rathaus. Dass er auch für zahllose Nachkriegs-, also Neubauten gilt, ist eher unbekannt – und keinesfalls unumstritten. Eine Suche nach Erhaltenswertem jüngeren Baujahrs am Beispiel eines Hamburger Amtsgebäudes, das trotz Schutzstatus kurz vorm Abriss stand.

Von Jan Freitag

Der große Sitzungssaal ist ganz schön klein. Schon wenn sich darin, wie an diesem sonnigen Frühlingstag, zwei Dutzend Ausbildungsleiter der städtischen Kernverwaltung treffen, wirkt es dort, wo 60 Jahre zuvor ein neuer Wind durch Hamburgs Bürokratie blies, eng und muffig. Wie soll es da in der nostalgischen Furnierholzvertäfelung erst zugehen, wenn die Bezirksversammlung tagt? Falls alle kommen, meint Harald Rösler, „müssen die zusammenrücken“. Als der Leiter des Bezirksamts Nord 50 Jahre zuvor im damaligen Ortsamt Eppendorf seine Lehre begann, hätten dort ja noch 40 Abgeordnete getagt. „Jetzt sind es 51.“

Entsprechend nüchtern wirkt der Chefadministrator des Areals zwischen Airport und Alster, als er die Perle seines Amtssitzes zeigt. Dabei ist der gesamte Bürokomplex ein architektonisches Juwel, mit dem Hamburgs Erster Baudirektor Paul Seitz der jungen Demokratie einst ein Monument kommunaler Selbstverwaltung erschuf. Um auch baulich den Staub aus der Obrigkeitsstaatlichkeit vordemokratischer Zeit zu klopfen, erzählt Harald Rösler im resopalgrauen Büro mit Blick auf die lauteste Kreuzung der Gegend. Um aufzuräumen im bürokratischen Morast.

Wie Grindelhochhäuser, Alsterschwimmhalle, die Staatsoper war auch das Bezirksamt-Nord bei seiner Eröffnung 1958 kühn, verwegen, also schon bei Grundsteinlegung denkmalschutzwürdig. Betonung auf war. Imperfekt. Denn gut ein halbes Jahrhundert nach dem letzten Anbau von historischem Rang taugt die Backsteinkonstruktion der Schreibmaschinenära nicht mehr so recht fürs Internetzeitalter. Meinen ihre Besitzer, meint auch Harald Rösler. „Wir kommen zurecht“, sagt der Mittsechziger nach einem lückenlosen Erwerbsleben vor Ort. Doch Denkmalschutz hin oder her – wenn es was Besseres für ihn und seine 650 IMG_5807Mitarbeiter gäbe, „stelle ich mich dem nicht entgegen.“

Was er dann auch nicht tat, als mit dem Verkauf der Immobilie an die Richard Ditting GmbH vor zwei Jahren ein Ideenwettbewerb zur Umgestaltung begann. Der sollte das ganze Spektrum von Erhalt bis Abriss erbringen. Eigentlich. Faktisch aber kam keinem Wettbewerber etwas anderes in den Sinn als Kahlschlag. Keinem einzigen! „Denkmalschutz hatte keine Priorität“, moniert Maria Koser vom neubaukritischen Stadtteilarchiv. Es gab allerdings einen Planungsbeirat aus Vereinen, Bürgern und Initiativen des Quartiers, der seinen Einfluss geltend machte. Es gab also neben Gewinn- und Geltungsstreben und „ein Beispiel demokratischer Einbindung“, wie Koser lobt. Es gab demnach viel Streit, „aber auch fruchtbare Debatten“, wie Amtsleiter Rösler bestätigt. Ende 2014 aber gab es: einen Ideenstopp. Status Quo. Bis auf Weiteres.

Was zwei Fragen aufwirft: Warum opfert die Freie & Abrissstadt Hamburg selbst bei wunderschönen Stadtvillen am Alsterufer den Denkmalschutz so leicht? Und: warum braucht Nachkriegsarchitektur wie die City-Höfe am Hauptbahnhof eigentlich gesetzliche Fürsorge? Jedes achte der rund 5000 Baudenkmäler ist nach 1945 erbaut, scheinbar also, nun ja, zu neu, um erhaltenswert zu sein. Anders als Laien glauben, erklärt das zuständige Amt nicht nur das per Verwaltungsakt zu Wahrzeichen, was golden glänzt wie Hamburgs Rathaus, Irdischem trotzt wie der Michel oder Gäste lockt wie die Landungsbrücken; über konsensfähige Attraktivität hinaus, erklärt Enno Isermann von der Kulturbehörde, begründen auch „historische, künstlerische, wissenschaftliche Bedeutung oder die Bewahrung charakteristischer Eigenheiten des Stadtbildes ein öffentliches Erhaltungsinteresse“. Anders ausgedrückt: Die todgeweihten City-Höfe am Hauptbahnhof mögen nicht mehr schön sein, stadtsoziologisch bedeutsam sind auch nach Jahrzehnten gezielter Verwahrlosung noch immer.

b-luftbildIm Bezirksamt Nord mit seinem wabenförmigen Grundriss, der zeittypischen Stahlskelettkonstruktion und dem nimmermüden Paternoster im luftigen Treppenhaus, mehr aber noch der Grundschule nebenan, die Helmut Schmidts Sandkastenfreund Gerhart Laage 1955 im Lichte innovativer Sonderpädagogik entworfen hatte, kam aber noch etwas anderes hinzu. Rösler nennt es „politische Komponente“. Er spricht das trocken aus, ohne Wertung, gar Empathie. Abwägungsprozesse, Belastungsszenarien – solche Begriffe wirft der Pragmatiker im hanseatisch blauen Zweiteiler beim Rundgang oft durch sein Reich. Er sieht es als funktionalen Mikrokosmos, der früher Bücherhalle, Druckerei, Kohlenkeller zählte und nun eben digitalisierte Dienstleistungszentren für Bürger, die jetzt Kunden heißen. Dank dauernder Modernisierungen gebe es demnach keinen Leidensdruck. Dennoch dürfe Denkmalschutz nicht dazu führen, „die Stadt in alle Ewigkeit einzufrieren“.

Der glasstählerne Beleg dieser denkmalschutzkritischen Haltung steht in Sichtweite. Wo einst ein kommunales Kino, später dann Karstadt im schmucken Art-Deco residierten, ragt seit 2008 das Technische Rathaus klinisch weiß ins Farbllinkerumfeld. Oberflächlich betrachtet passt der organisch runde Zweckbau zur kantigen Verwaltungszentrale daneben wie der Fernsehturm zu Planten un Blomen. Aber so, wie sich Hamburgs höchstes Gebäude im Kontext der betonsüchtigen Sechziger unentbehrlich gemacht hat, könnte Hadi Teheranis mondäner Wurf seinerseits den Zorn künftiger Denkmalschützer auf sich ziehen – wenn ihn der Investor nach Ablauf des 20-jährgen Pachtvertrags für überflüssig hält.

Freunde des baulichen Bestands sehen die Sache mit dem Bezirksamt daher differenziert. Als voriges Jahr mit dem Alten Brauhaus das (vor)letzte Stück dörflicher Struktur aus dem Viertel gerissen wurde, war der Widerstand auch wegen des seelenlosen Ersatzes so laut: Ein öder Riegelbau, wie er von Flensburg bis Füssen die Städte dominiert. Teheranis Rathaus, räumt selbst Hakim Raffat vom nostalgischen Stadtteilarchiv ein, „zeigt immerhin Mut.“ Das Gros der Neubauten diene dagegen nicht dem Mensch, nur der Rendite. Dabei sind Deutschlands Städte im Grunde fertig, also allenfalls für Nachverdichtung und Verfallsbeseitigung geeignet.

Für diesen raumsoziologischen Konsens ist Hamburg jedoch kein gutes Pflaster. Nirgends ist Denkmalschutz zahnloser, nirgends Abriss leichter; da hat Ole von Beust ein Trümmerfeld ertragsorientierter Privatisierung hinterlassen, das alle Bürgermeister vor ihm bestellt haben – und sein Nachfolger nicht weniger. Das Bezirksamt ist also keinesfalls gerettet. Harald Röser nennt den Erhalt daher „Momentaufnahme“, als er auf einen Vogel überm Dauerstau zeigt. „Das ist unser Reiher.“ Der flöge ständig über sein Büro mit dem mächtigen Airbus an der Wand zum Teich im Park gegenüber. Dorthin, wo jüngst ein historisches Schwesternheim des benachbarten UKE statt saniert öde ersetzt wurde. Denkmalschutz, Denkmalschutz her.

Der Text ist zuvor bei Zeit-Online erschienen

Heikedine Körting: 100 Goldplatten & Drei ???

aufnahmestudioHerrscherin im Hörspielschloss

TKKG, Hui Buh, Drei ???: Die Kassetten, Schallplatten und CDs des Europa-Verlags sind Teil des kollektiven Kindheitsgedächtnisses der Republik. Und seit bald 50 Jahren werden sie von der gleichen Frau produziert: Heikedine Körting. Besuch in ihrer prächtigen Villa in Hamburgs nobler Rothenbaumschosse, dem Märchenschloss der Hörspielära.

Das Märchenschloss hat keine Zinnen. Ein Graben fehlt, ebenso die Zugbrücke. Es gibt weder edle Ritter noch livrierte Diener, geschweige denn Prinzessinnen – und von dicht befahrenem Asphalt vorm Burgtor war in Grimms Weisen auch nie die Rede, da rauscht ja allenfalls der dunkle Wald. Doch obwohl hier nur Straßenverkehr rauscht, ist die Villa an der Rothenbaumchaussee das Märchenschloss zeitgenössischer Dichtung schlechthin. Zumindest für die Jüngsten bis jung Gebliebenen. Denn im edlen Stadtteil Harvestehude, wo die Gärten Parkmaße haben und die Grundstücke Garagen wie Einfamilienhäuser, schlägt das Herz des deutschen Hörspiels.

Und wie es schlägt. Es schlägt laut, es schlägt rasch, es schlägt auch an diesem Frühlingsvormittag ganz aufgeregt, aber längst nicht so rasch, laut, aufgeregt wie das der Burgherrin: Heikedine Körting. Wer den Namen nicht kennt, braucht nur mal in seine Kiste mit Kindheitserinnerungen zu greifen und bei irgendeiner Hörspielkassette oder Schallplatte auf Beipackzettel oder Cover zu sehen. Die Wahrscheinlichkeit, das unter “Regie” Körtings Name steht, liegt nahe 100 Prozent. Gut 2.000 Stücke, womöglich 3.000, so genau weiß sie selbst das nach 47 Jahren im Geschäft nicht recht, hat die Regisseurin in ihrem prächtigen Jugendstilbau produziert. Von TKKG über Hui Buh, Hexe Lilli, Perry Rhodan bis zum Blockbuster schlechthin, den Drei Fragezeichen, ist alles dort entstanden, wo auch jetzt wieder Hochbetrieb herrscht.

Ein knappes Dutzend Leute wuselt chaotisch, aber bester Laune durchs Dachgeschoss, als die 117. Folge der Fünf Freunde entsteht: Julian, Dick und Anne, George und Tihimmi der Huhuhund, Eltern der heutigen Zielgruppe bestens bekannt aus der eigenen Jugend. Von den anwesenden Sprechern lebte noch keiner, als das Plattenlabel Europa 1966 erstmals mit Märchen in Serie ging. Und auch als Europa zwölf Jahre darauf erstmals Enid Blytons Bestseller adaptierte, waren Theresa Underberg, Ivo Möller, Alexandra Garcia noch nicht mal in Planung. Trotzdem werden Spätgeborene wie sie von Heikedine Körtings Hingabe ergriffen, als wären sie schon immer dabei.

“So Kinder, weiter geht’s”, ruft die Allverantwortliche und treibt ihr Team händeklatschend vom liebevoll gestaltetenmischpult Mittagsbüffet an den runden Tisch des Studios. Als sei sie keine 70, sondern jung wie die Studentin beim ersten Studioeinsatz im Nebenjob. Kaum volljährig hatte die Lübeckerin Europa-Label-Chef Andreas Beurmann auf einem Straßenfest erst kennen, dann lieben gelernt und seither nicht mehr von der Seite gelassen. Fast 100 Goldene Schallplatten später, die den gesamten Bürotrakt im Keller tapezieren, macht sie nun an einem Wochenendtag aus 30 Seiten Drehbuch das neueste Hörspiel, dessen Absatz zwar keine Preise mehr verheißt, aber noch immer bestens läuft.

Das liegt auch am Eifer der Frühaufsteherin Körting. Doch er überträgt sich eins zu eins auf alle anderen. Sie sei halt die letzte Hörspielproduzentin, deren Darsteller gemeinsam am Mikro sitzen, sagt Körting. “Wie eine Familie beim Sonntagsfrühstück”, erklärt Mutti unter Ölporträts bedeutsamer Ahnen im Pausenraum. Wenn Ivo etwa nach zehn Jahren als Reihenheld Julian um die dritte Wiederholung bittet, ist das spürbar. Außer dem dicht tätowierten Kinderdarsteller selbst fiel es keinem auf, dass er dauernd “in der” statt “inner” sagt, aber er will nun mal jenes Optimum, das die Chefin ihrem Personal bei aller Freude abverlangt.

Körting ist eben eine Besessene des Metiers, die als Anwältin bestens verdient, aber seit jeher mehr Energie in das steckt, was sie liebt, als das, was sie einst studiert hat. Ihr großbürgerliches Nest bot zwar ein komfortables Sprungbrett – aber als Frau in den sechziger Jahren Jura zu studieren, Fallschirm zu springen, Autos zu reparieren? Das war auch Ausdruck einer kraftvollen Liberalität, die es ihr möglich machte, ihr Hobby selbstbewusst zum Beruf zu erklären und ohne Standesdünkel mit einem jungen Punk namens Oliver Rohrbeck umzugehen. Knapp 500 Mark kostete damals eine Aufnahme mit dem Sprecher des Fragezeichens Justus.

Heute ist es das Achtfache in Euro und wird zusätzlich vor zigtausend Zuschauern live in Großraumhallen gesprochen. Das schien vor gar nicht langer Zeit undenkbar. Dem Boom bis in die Achtziger, als Europa-Kassetten jedes Kinderzimmer pflasterten, folgte im Zuge der Computerspiele ein Tief, das erst die Retrowelle der Nuller durch sorgsam modernisierte Klassiker überwand. Wenn Körting etwa zu Hanni & Nanni einlädt, kommen dieselben Sprecherinnen wie 40 Jahre zuvor. Die haben dann zwar Smartphones, sind aber so aufgeregt wie früher. “Da ist Kindergeburtstag”, erzählt die Regisseurin von reifen Damen, denen ihr Hörspiel noch mehr bedeutet als den Epigonen der Fünf Urfreunde, von denen nur der ewige Erzähler Lutz Mackensy noch dabei ist.

“Julian, weniger männlich”, bittet die Regisseurin übers Mischpult und lacht ihr altersloses Lachen. Alterslos wie die vielen Tausend Tonspuren auf Magnetband im Archiv nebenan: quietschende Reifen, Hundebellen, eine Tür, die schon im Horrorschloss von Körtings Lieblingsserie Macabros knarrt und beim “Wolf in den Highlands”, mit dem es die Fünf Freunde heute zu tun kriegen, wohl wieder.

Nach acht Stunden Arbeitsspaß wird das Resultat zwar digital gemastert, aber wie eh und je auch auf echten Musikkassetten gespeichert, denen zwar die Hardware ausgeht, aber egal: “Augen zu, Ohren auf, Film ab”, rät Heikedine Körting auch ihren mitgealterten Fans, von denen es kaum weniger gibt als junge. Nostalgie auf Magnetband, verabreicht von einer Frau ohne Alter. Im jüngsten Märchenschloss der Welt.

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Wahnsinnsstadt

South_American_Jungle_SGAmphibisch vorwärts

Dass die Stadt einem Urwald (Foto: Sascha Grabow) gleicht, ist ebenso platt wie plakatif und dabei doch so wahr. Zumal Urwälder allerorten schneller abgeholzt werden als man kaum dreimal laut Nachhaltigkeit sagen kann. Auch aus dem Hamburger Dschungel wird selbst kerngesunder Bewuchs heraus gerissen. Dafür kann man ihn nun unter Wasser befahren.

Von Jan Freitag

Dass die Stadt ein Dschungel ist, zählt zu den beliebten Metaphern des urbanen Raums. Wild und gefährlich, so sagt man, gehe es zu auf den Straßen, deren Gesetze nicht nur für Zugereiste oft schwer ergründlich sind. Und erst darunter: Kanalisation, Abwasser, Urban Underground, trüb wie die Elbe, Hamburgs schlammige Lebensader, schiffbar für Containerschiffe in Landungsbrückenlänge, bewohnbar hingegen nur von den hartgesottenen Kreaturen, die längst niemand mehr auf dem Teller sehen mag. Seit der hanseatische Wortschatz vor gut 30 Jahren um Coli-Bakterien, Badeverbot, Schwebstoffe und Schwermetallbelastung erweitert wurde, steigt dort keiner ohne Not oder ausreichend Bier aus der angrenzenden Strandperle freiwillig hinein.

Doch diesen Missstand will das ortsansässige Regionalmarketing nun endlich beheben und investiert dafür kräftig. Dummerweise nicht in die Reinigung der örtlichen Feuchtgebiete, sondern den „HafenCity RiverBus“, ein Amphibiengefährt, das seine Passagiere für den Gegenwert eines Zehnlitervorratskanisters professionellen Rohrreinigers ins Brackwasser abtauchen lässt, um darin, tja, was eigentlich? Die Sicht dürfte selbst an den paar klaren Stellen nur Zentimeter betragen. Und wäre sie besser, würde der durchschnittliche Zweieinhalb-Nächte-Gast mit seinem Bedürfnis nach aseptischem Thrill à la Dungeon vorzeitig sein Budgethotel räumen und zurück nach Stuttgart fahren, wo es ja auch ein paar Musicals geben soll.

Andererseits: Vielleicht ist so eine Fahrt durch die schmutzige Realität der Metropole heilsam für all jene, denen die PR das Bild der polierten Reisekatalogwelt vorgaukelt, die zwar manchmal ein bisschen rau klingt und derbe, am Ende aber sicher ist und sauber wie ein Stück Urwald-Simulation bei Hagenbeck. Was darin behaust statt dekoriert erscheint, wird daher aufgewertet, statt präsentiert. Die Cobra-Bar zum Beispiel, letzter Club mit glaubhafter Punkrock-Attitüde in der Touristenfalle am Hans-Albers-Platz, ist nun Geschichte, weil dem Spekulanten der zugehörigen Immobilie ein Hotel deutlich mehr Profit erwirtschaftet als die Miete für ein wenig Restbestand an Authentizität. Ein weiteres Baudenkmal von historischer Relevanz, der Bunker am Dom, wird die neue Herberge in Sichtweite allerdings womöglich verschatten, wenn er seine ohnehin exorbitante Höhe durch ein begrüntes Event-Zentrum auf 60 Meter nahezu verdoppelt.

Von einem Investor solch herausragender Solvenz kann die Schilleroper dagegen bloß träumen. Die bundesweit einmalige Zirkuskonstruktion, Baujahr 1889, steht nach ihrer wechselvollen Geschichte seit zehn Jahren leer und wird es nach hiesigem Ermessen auch tun, bis die Witterung dem Denkmalschutzstatus so zusetzt, dass auf dem wertvollen Gelände gebaut werden kann, was der hiesigen Sozialdemokratie weit mehr behagt als ein sperriges Veranstaltungszentrum. Kleine Anregung: Wie wär’s mal mit einem Hotel (aber natürlich keins wie in den Schanzenhöfen, die dem Schanzenviertel nach dem Rauswurf alter Mieter ebenfalls teureren Lack verpassen werden)?

Das müsste man dann natürlich schwarzrotgold beflaggen wie es die, nun ja, konkurrierende CDU gerade für Hamburgs Schulen gefordert hat, um den Flüchtlingen die Integration zu erleichtern im Großstadtdschungel Hamburg. Den sie nach der Vorstellung einer Bürgerinitiative selbstredend nicht in Massenunterkünften bewohnen sollen, sondern den vielen schönen, günstigen, freistehenden Wohnungen jedweder Größe und Lage überall in der Stadt, von denen es bekanntlich so derart viele gibt, dass der Mietenspiegel seit Jahren sinkt, weshalb besonders in den angesagten Viertel praktisch jede*r Interessierte ohne weitere Prüfung genommen wird, nur damit der stuckierte Altbau endlich mal winters beheizt wird. Fehlt eigentlich nur noch ein dichtes Netz kostenloser Amphibienbusse. Schöner neuer Großstadtdschungel.


Fußball-EM: Panini & Gewinnspiel

da569c1394Hauptsache Glitzis

Gut zwei Monate vor der Fußball-EM in Frankreich verlosen die freitagsmedien wieder Sammelalben von Panini mitsamt jeweils zehn Bildertüten. Um die Gewinnfrage zu beantworten, muss man nur die folgende Reportage vom Sammelfieber zur Europameisterschaft vor zwölf Jahren in Portugal lesen und ein bisschen Glück haben.

 

Die Frage steht am Ende des Textes

Von Jan Freitag

Malina steht auf Findet Nemo und findet ihren Liebling fast täglich. Besonders die “Glitzis” haben es der Schülerin aus St. Pauli angetan. Ihren Freundinnen auch, also wird getauscht und die seltenen glitzernden Metallic-Sticker mit dem Clownsfisch stehen hoch im Kurs. Stefan steht dagegen mehr so auf Fußball, logisch. Gerade vor Welt- und Europmeisterschaften juckt es ihm in den Fingern. Dann trifft er sich, wie in den Jahren zuvor, mit Kumpels und feilscht um Doppelte brasilianische Verteidiger oder europäische Verbandswappen. Malina und Stefan sind sich in ihrer Leidenschaft für Sammelklebebilder also ziemlich ähnlich – und doch grundverschieden: Malina ist ein achtjähriges Mädchen und finanziell abhängig – von Stefan. Denn Stefan, Burmeister mit Nachnamen, ist Malinas Vater, 35 Jahre alt und als Bestatter vergleichsweise kaufkräftig. Als dieser Stefan so alt war wie Tochter Malina, Ende der Siebziger, erlebte das Einkleben von WM-Bildern in Sammelalben einen ersten Höhepunkt: Argentina ’78, die Schmach von Cordoba, klingelt’s?

Damals, als Deutschland gegen Österreich verlor und Hersteller Panini zum zweiten Mal deutsche Fußballfans mit in Tüten verpackten Bildern versorgte, hießen Fußballer noch Karl-Heinz, Horst und ganz selten Bum oder Kevin. Sie erinnerten optisch oft an polnische Gewerkschaftsführer und kosteten im Tütenverbund 25 Pfennig. Jetzt sind es 50 Cent. Es hat sich viel gewandelt im Klebebilderkosmos. Aber es gibt Konstanten: Noch immer bilden Präpubertierende vor Kiosken Rudel, investieren ihre Barschaft in Haftbelege aktueller Sportereignisse, angelaufener Blockbuster oder angesagter Comics. Noch immer ist der rare Topstar auch eine Chance für Außenseiter, sich in der Clique Respekt zu erwerben: Tausche einen Zidane gegen zwei Portugiesen!

Vor allem aber sind Sportserien – neben Walt Disneys Kreaturen – noch immer ein äußerst einträgliches Geschäft. Eine Milliarde Tüten wirft Quasimonopolist Panini Jahr für Jahr von Italien aus auf derzeit 80 nationale Märkte – Barbie bis Bundesliga, Pokemon bis Potter, Manga bis Tierbabys. Nur die britische Marke Merlin hält mit Yu-Gi-Oh oder Spongebob mit. Respekt, meint Birgit Barner, Marketingmanagerin bei Panini, “da waren die schneller als wir”. Ganz im Gegensatz zu Bergmann, Americana, Sicker, Eikon, Ulli Bilderdienst und wie sie alle hießen. Die ehemaligen Konkurrenten waren obenauf, als es auch Bonanza und Pelé waren. Inzwischen ist der Markt bereinigt, Panini schluckt eine Lizenz und eine Firma nach der anderen. Erst 2002 erwischte es den Stuttgarter Dino-Verlag samt der Rechte an Star Wars, Simpsons und GSZS. Und das ist nicht der einzige Generationenwechsel. Zwar zählt, wer vor 50 Jahren als Bub Margarinebilder in dicke Bände geleimt hat, kaum zu den späteren WM-Paninisten, doch wer vor knapp 20 Jahren auf dem Pausenhof mit Briegel, Krankl, Platini handelte, könnte bei der EM 2004 durchaus wieder mitmischen, zumal Ferrero seit 1982 seine Schokoriegel unbeirrt mit deutschen Nationalspielern bestückt.

Und natürlich ist auch Panini in Portugal wieder dabei. Nicht im selben Umfang wie zum letzten globalen Turnier, aber doch auflagenstärker als etwa zur Champions League. Mehr als die Hälfte der Bildchensammler sind sechs- bis vierzehnjährige Mädchen und Jungen. Sie haben, so Paninis PR-Frau Barner, Lion King zum weltweit bestverkauften Album gemacht. Dass die vorige WM auf Platz zwei landete, ist dagegen auch Käufern wie Stefan Burmeister zu verdanken: “Fast jeder Vierte”, so Barner, “ist über 25 und Fußballfan.” Die Gründe sind vielfältig: im Zuge einer beginnenden Midlifecrisis, aus Liebe zum Sport oder, wie es Andreas Steinle vom Hamburger Trendbüro formuliert, aus “tief sitzender Befriedigung des Besitzens” und einer nachdenklichen “Beschäftigung mit der Vergangenheit”. 1978 zum Beispiel, als Panini und Americana deutsche Schulhöfe eroberten. Auf dem Titelblatt vom längst bankrotten Verlag aus München: Berti Vogts auf Kinnhöhe von Kaltz, Maier, Rüssmann, Hand an der Naht wie beim Bund. Im Inneren war für Vornamen so wenig Platz wie für andere Farben als Mattblau und Blassrot. Vier Jahre später sahen die Bilder schon nicht mehr aus wie vom gymnasialen Fotokurs. Man erfährt sogar, dass Breitner aus Kolbermoor stammt und Paul heißt. Aber was ist das im Vergleich zu heute.

Im Band zur laufenden Bundesligasaison haben die Spieler Biografien, nicht selten das Zeug zum Mädchenschwarm, oft eigene Homepages und selten deutsche Pässe. Nur die Probleme der Jugend sind die gleichen. Wo ein Zwölfjähriger anno ’82 vergeblich Horst Hrubesch herbeisehnte und auf zehn Jean-Marie Pfaffs sitzen blieb, haben sich heute zwar die Namen, nicht aber die Relationen geändert. Manipulation? “Natürlich nicht”, behauptet Birgit Barner. Es gebe keine Verknappungen, eher Überschüsse, weil jede Serie auf einem Bogen gedruckt wird und Freiflächen gefüllt werden. Selbst wenn das stimmt, steckt der junge Sammler in der Klemme. Weiterkaufen? Teuer! Nachbestellen? Undenkbar! Aber leere Felder erst recht. “Männer wollen was komplett und Frauen was Schönes haben”, vorverurteilt Max Goldt sammelnde Gemüter – und vergaß dabei den Jagdtrieb. Das beste Beispiel ist Gerd Päsler. Der 51-Jährige hat seit seiner Kindheit gut 3.000 Alben komplettiert – vom kaiserlichen Zigarettenbild bis zu Barbie 2000. “Für mich ist das ein Stück vom Leben.” Und das bündelt er in einem Katalog, den der Dortmunder in 3. Auflage herausgibt. “Cards und Tütenbilder”, die Bibel der Szene. Experten wie Päsler sammeln nicht wahllos, mit zwei von 100 Fehlenden pro Tüte (unter Kennern ein Erfolg); sie setzen auf Onlinebörsen wie “stickerbasar”, “die-bildersammler” oder “klebebildchen”, lokale Tauschbörsen – und eBay. 1.600 Einträge bringt dort das Stichwort Panini.

Eine Tüte UFO 1973 geht für 3,20 Euro über die virtuelle Theke, 120 nummerierte Nemo-Sticker kosten 13 Euro, 100 EM-Tüten über 30 Euro. Profis brauchen keinen Sammelkick, der stört nur den Vollständigkeitstick. “Ich kaufe fast nur bei eBay”, sagt auch Wolfgang Prochocki, Postler aus Herne. Zum Kiosk geht einer wie er selten. Zu teuer, zu unsicher, zu kindisch sei das. Mit 75.000 Stickern in 300 Alben hat Prochocki eine der größten Kollektionen selbstklebender Bilder und bietet auf seiner Homepage 6.000 Doppelte zum Tausch. Nicht schlecht, bei mehr als 650 Alben, seit Panini 1971 das Abziehbildprinzip einführte. “Es ist eine Art Sport”, meint er und erklärt die Regeln: Zwei Alben kaufen, nichts eintragen, Gratissticker und Werbung im Heft lassen, sauber kleben. Bei der WM 1958 war der Debütant, damals 8, gelassener. Was nicht im Ofen der Eltern endete, wurde beim Zielwerfen entwertet. Jetzt sagt er stolz, “Herr der Ringe” mit “dreimal Tauschen ohne Kaufen voll bekommen” zu haben.

Prochocki ist ein Sammler der alten Schule. Er sammelt um des Sammelns Willen, nicht wie Stefan Burmeister als Event oder wie Tochter Malina, weil sie Nemo so niedlich findet. Es sei eben ein Mix aus Beschäftigungstherapie, Sinnsuche und Kommunikation, meint Trendexperte Steinle. Bei Wiederholungstätern wie Stefan Burmeister kommt ein weiteres Motiv hinzu: Angst vorm Erwachsenwerden. Bis zur WM 2002 steckte das Klebefieber in ihm und schlief. “Plötzlich merkte ich, dass ich nicht allein bin”, beschreibt er sein Coming-out. In seinem alternativen Wohnprojekt fand er sechs Gleichgesinnte, dealte fortan aus dicken Stapeln, lachte über Paninis Drohung, die Serie aus Protest gegen falsche Schiedsrichterpfiffe gegen die Squadra Azzurra zu stoppen, und wartete vergebens auf die zu spät gelieferten Iren. Auch das gehört dazu, denn für jedes Bild sind Verträge mit Verband, Sponsoren und Spieler nötig. Bei der anstehenden EM fehlen deshalb Oli Kahn und halb Dänemark. Rund 1.000 Euro Lizenzgebühr pro Spieler sind einigen offenbar zu wenig.

Sammelbilder haben also auch ernste Seiten – nicht vor dem Krieg, als Tabak und Margarine mit Bildern von Kanonen oder deutscher Leitkultur bestückt waren. Auch heute steigern Sticker das Image von Süßigkeiten, heizen Filme schon vorm Kinostart an oder untertiteln – wie in Israel – Soldaten mit Sätzen wie “Die IDF verteidigt uns und wird Frieden bringen”. Und erinnert sich jemand an die Titanic-Beilage mit Rudis leidenden Spielern zum Aufkleben? Das fand nicht jeder witzig. Im Grunde genommen ist Klebebilder-Sammeln aber eine friedliche Passion meist männlicher Normalbürger. Sie sorgen dafür, dass der Panini-Bilderdienst in Modena Nachbestellungen nur im Schichtdienst bewältig, WM für WM. Sie freuen sich, dass man beim Schokoriegel Duplo von außen schon die Motive erkennt. Sie spinnen Verschwörungstheorien über den gezielten Mangel einzelner Bilder, um die Käufer bei der Stange zu halten. Sie glauben trotzdem, die Motive landen nach einem errechnetem Zufallsprinzip in der Tüte – schließlich sind Doppelte eine Art Währung, Tauschen ist der halbe Spaß. Und Nachkaufen gilt nicht.

FRAGE

Wo ereignete sich die Schmach von Cordoba?

Antworten bitte mit Versandadresse an janfreitag@gmx.net.


Wotan Wilke Möhring: Prolls & Heimat

tatort2798_v-vierspaltigDabei sein ist nicht alles!

Mit viel Hingabe, großer Empathie und liebenswerter Bodenständigkeit hat sich Wotan Wilke Möhring zum absoluten Sympathieträger des deutschen Films gemausert, der brachiale Komödien mit „Männer“ im Titel ebenso hinreißend verkörpert wie bleischwere Sozialdramen. Kein Wunder, dass er auch als Tatort-Kommissar aktiv ist – der sich im neuen Fall nicht nur mit Islamisten auseinandersetzen muss, sondern nach dem Ausstieg von Petra Schmidt-Schaller auch mit neuer Partnerin (Foto: NDR). Ein Gespräch über knisternde Kolleginnen, leichte Stoffe und was er von seinen drei Kindern gelernt hat.

Interview: Jan Freitag

Herr Möhring, ist Ihnen Dirk Matthies ein Begriff?

Wotan Wilke Möhring: Nee, wer ist das?

Großstadtrevier?

Ah ja, dieser Polizist, genau. Ich brauche immer Bilder, um mich zu erinnern. Namen reichen da oft nicht. Was ist mit dem?

Der fährt seit fast 30 Jahren mit wechselnden Partnerinnen auf Streife, bei denen es oft knistert, aber nie so richtig funkt…

Also wenn Sie da auf Falke und Lorenz im „Tatort“ ansprechen – da hat das ja zum Schluss schon ein bisschen mehr als geknistert.

Wird sich das mit Franziska Weisz als Julia Grosz wiederholen und somit zum Running Gag des Hamburger Tatort?

Auszuschließen ist das nicht, weil so ein bisschen Knistern die Spannung erhöht, aber geplant ist da nix. Wir lassen uns da von der Entwicklung treiben.

Was wird die Neue denn an Ihrer Figur verändern?

Einiges. Schon weil er nicht mehr nur eigenen Geheimnissen nachspürt, sondern auch ihren. Warum macht diese hochqualifizierte Polizistin in so einen kleinen Flughafenjob? Das dürfte ihn auch als Typ verändern.

Welcher Typ im Sinne von Mann ist dieser Falke denn bislang?

Ein physischer, empathischer, loyaler seinen Freunden und Prinzipien gegenüber, darin ist er mir durchaus verwandt. Andererseits ist er ein ungebundener, vereinsamter Mann, mit einem eklatanten Missverhältnis von privater und beruflicher Erfüllung, voller Sehnsüchte, deren Wert verblasst, sobald sie sich erfüllen. Deshalb stürzt er sich aus seiner Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, voll in die Arbeit. Darin ähneln wir uns nun überhaupt nicht; ein lonely wolf bin ich mit drei kleinen Kindern sicher nicht. Außerdem ist er kein Fußballfan und ich bin noch heiser von Dortmunds gestrigem Spiel gegen Tottenham.

Was ihn weniger zu jenem Typus liebenswerter Proll macht, den Sie sonst gerne spielen.

Und das, obwohl er aus einer echt harten Ecke in Hamburg-Billstedt kommt, in der drohender Tiefgang gern mit Gewalt, Lautstärke oder Humor überspielt wird, typisch männlich eben, wobei der Scherz bekanntlich das Loch ist, aus dem die Wahrheit pfeift. Solche Typen spiele ich in der Tat gern, zumal Prolls gern unterschätzt werden, und unterschätzte Rollen mag ich. Ich hab als Old Shatterhand zwar grad einen großen Helden in einer großen Geschichte abgedreht, bevorzuge aber einfache Charaktere einfacher Geschichten mit einfachem Kern: Liebe, Schmerz, Verzweiflung, das menschliche Wollen gegen das göttliche Sollen als Destillat unseres Lebens. Ich mag die Zerrissenheit im Einfachen lieber als verkopfte Erzählungen.

Ist das der Grund, warum Sie kaum Berührungsängste mit leichten Stoffen haben?

Das mag sein. So lange du deiner Figur mit dem nötigen Ernst begegnest, kannst du jede spielen. Deine Figur genießt grandiose Freiheiten, wenn sie doof oder klischeebehaftet gezeichnet ist.

Was so weit geht, dass viele Ihrer Filme schon im Titel „Mann“ und „männlich“ durch deklinieren, also humoristisch eher niedere Instinkte ansprechen.

Aber auch da haben meine Figuren alle Sehnsüchte, Ernsthaftigkeit, Tiefe, weshalb sie nicht dauernd oben ohne rumlaufen, sondern kommunizieren. Trotzdem kriege ich gerade mit dem Alter zunehmend Lust auf schwere, unmännliche Stoffe wie Der letzte schöne Tag, wo die Mutter meiner Kinder plötzlich stirbt.

Spielt man so etwas anders, wenn man selbst welche hat?

Absolut. Zumal ich keine Schauspielschule besucht habe und daher ohnehin intuitiver agiere. Filmemachen ist zwar keine Therapie, aber so, wie ich was von zuhause zum Drehen nehme, nehme ich auch was vom Drehen mit heim; das hilft mir sehr bei der Reflektion meines täglichen Handelns und lässt mich erkennen, wie wertvoll es ist, was man hat. Als ich kürzlich mal vier Wochen in Andalusien war, hab ich mich richtig gefreut, den deutschen Wald wiederzusehen.

Ist das bodenständig oder menschlich?

Beides, hat aber mit Heimatduselei wenig zu tun; ich liebe New York ja fast so wie den Pott, aber je mehr du um die Welt reist, desto schöner erscheint dein Zuhause, denn morgen kann schon alles vorbei sein. Um das zu erkennen, helfen reale Dramen wie „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ mehr als Komödien. Dennoch nehme ich von jedem Projekt etwas mit, und sei es die Erkenntnis, dass ich bestimmte Rollen besonders beherrsche. Für die wirst du ja ausgewählt, weil du bist wie du bist, und wenn du im Fußball als Verteidiger besser bist, kannst du es gern mal über die sechs in den Sturm rutschen; deine Position bleibt hinten. Dass muss man auch als Schauspieler akzeptieren und kann sich darüber freuen, für bestimmte Charaktere sofort auf dem Zettel zu sein.

Stört es dennoch, wegen der Oberfläche oder des guten Namens angefragt zu werden?

Nein. Stören tun mich schlechte Bücher. Nur dann sage ich ab.

Muss man sich leisten können…

Stimmt, aber Filmemachen ist ja anders als Olympia: Dabei sein ist nicht alles.

Und wenn Tarantino anruft oder eine Fernsehserie wie Homeland, deren fünfte Staffel voller deutscher Schauspieler ist?

Gut, das ist noch mal ne andere Nummer, aber selbst das würde ich nicht tun, nur um meine kleinen Eitelkeiten zu befriedigen. Die wollen zwar auch gefüttert werden, aber wenn ich wählen müsste zwischen Hollywood um Hollywoods willen und einem lang geplanten Urlaub mit meiner Familie, würde ich den jetzt nicht umstandslos absagen. Andererseits bietet internationales Kino Möglichkeiten, die man nicht ungenutzt lassen kann. Ich will meinen Horizont ja nicht verkleinern, sondern erweitern. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wo man herkommt und wo man hinwill.

Und wo wollen Sie hin?

Das ist mit drei Kindern schwerer zu beschreiben denn je. Die Welt wird plötzlich so groß, es gibt so viel zu erleben und höchstens mal physisch ein „genug“. Wenn man alle drei Tage mit einem breiten Grinsen ins Bett geht, ist schon viel gewonnen.


Wahnsinnsstadt: Klaus-Störtebeker-Straße

Störte-StraßePirat statt Piratenjäger

Bis heute sind Hamburger Straßen, Orte, Schulen nach nationalsozialistischen Euthanasie-Ärzten, demokratiefeindlichen Reichskanzlern und vormodernen Generälen benannt. Nur für einen berühmten Seeräuber, den selbst das offizielle Stadtmarketing gekapert hat, ist bislang kein Wegesschild übrig. Eine Initiative namens “Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli” will das nun ändern.

Von Jan Freitag

Von wegen Kleider – Namen machen Leute. Wer Fäule oder Stümper heißt, wird wohl besser kein Zahnarzt. The Facebook war zu kompliziert fürs erdumspannende Netzwerk. Als Justin, Dustin, Kevin schafft man es gemeinhin höchstens sportlich auf höhere Prestige-Ebenen, wer Billstedt, Bitterfeld, gar Dresden bewohnt, sollte es im Bewerbungsschreiben an gewisse Arbeitgeber vielleicht doch unterschlagen. Und auch Straßennamen sind nicht einfach abstrakte Adressbestandteile, sondern etwas seltsam Aussagekräftiges, fast Beseeltes. Trotzdem erhalten noch immer allein in Hamburg durchschnittlich 36 Straßen pro Jahr neue Bezeichnungen, was sogar dann selten ohne Anliegerproteste vonstatten geht, wenn etwa der preußische Juncker Paul von Hindenburg das Privileg eines eigenen Wegs zugunsten des Sozialdemokraten Otto Wels verliert, der als letzter Reichstagsredner 1933 gegens Ermächtigungsgesetz jenes Mannes eintrat, dem der Reichspräsident kurz zuvor ins Amt gebracht hatte: Adorf Hitler.

Trotzdem begehrten viele Bewohner seinerzeit auf gegen die Umbenennung. Da fragt sich doch, was die der Simon-von-Utrecht-Straße sagen würden, wäre sie – sagen wir: nicht mehr nach dem spätmittelalterlichen Piratenjäger der Hanse, sondern – sagen wir: einem seiner angeblichen Opfer benannt, nämlich Klaus Störtebeker? Weil Menschen ungern lieb gewonnene Gewohnheiten ändern und neue Straßennamen zudem mit bürokratischem Mehraufwand verbunden sind, würde es mit Sicherheit Widerspruch hageln. Andererseits: Störtebeker – ist das nicht so eine Art inoffizieller Nationalheld der Hamburger, dessen Strahlkraft bis hoch ins offizielle Stadtmarketing reicht?

Das dachte sich offenbar auch eine Initiative namens „Klaus-Störtebeker-Straße für St. Pauli“, die seit ein paar Wochen in einer eigenen Facebook-Gruppe für die Umsetzung ihres Titels wirbt und damit eine Menge Wind macht. Die ersten Aufkleber mit erstaunlich authentisch wirkender Beschilderung zieren bereits jenes vermeintliche Zweitheimatviertel des Likedeeler genannten Freibeuters, der den vergleichsweise unterprivilegierten Anwohnern mit seinem historisch überlieferten Hang zum Teilen naturgemäß etwas näher steht als der niederländische Kriegsschiffhauptmann in Diensten raffgieriger Pfeffersäcke.

Schließlich lässt es sich trefflich diskutieren, wer in Zeiten extremer Ungleichheit eigentlich die wahren Verbrecher waren: Piraten, die nach den vielfach ungeschriebenen Buchstaben der mittelalterlichen Elitenjustiz schlichtweg als Diebe galten? Oder doch jene bestohlenen Kaufleute, die ihren unermesslichen Reichtum auf den Schultern eines rechtlosen Lumpenproletariats erbeu…, pardon erzielt haben? Gut 600 Jahre und ein paar kräftige Emanzipationsschübe nach Störtebekers Ergreifung ist das jedoch eine eher philosophische Debatte, die der „Klaus-Störtebeker-Straße“ wohl selbst aus Sicht der wirtschaftsnahen FDP kaum im Wege stehen dürfte.

Und doch ehrt zwar im Dörfchen Greetsiel bei Aurich ein Weg den einzig prominenten Seeräuber deutscher Herkunft. Auf Rügen gibt es Festspiele seines Namens, in Ostfriesland den Tourismusverbund dreier Gemeinden und in Stralsund ein (ziemlich leckeres) Bier. Hamburg dagegen hat unweit eines verschämten Denkmals in der HafenCity seit 2008 den Störtebeker SV. Das war’s. Was umso ärgerlicher ist, als es nach wie vor zwei Straßen gibt, die nach den ortsansässigen Euthanasie-Ärzten Georg-Ernst Konjetzny und Max Nonne benannt sind. Als der unverbesserliche Proletarierhasser Fürst von Bismarck sogar einer Schule als Patron dient. Als das Eppendorfer Generalsviertel nach sieben hochrangigen Militärs vordemokratischer Epochen benannt ist, deren Beruf das Töten im Dienste wechselnder Willkürherrscher war. Wenn Helmut Schmidt nun einen eigenen Flughafen ziert und Friedrich Ebert Hamburgs wichtigste Ost-West-Tangente, scheint eine Straße für Hamburgs berühmteste Figur der Zeitgeschichte gar nicht so abwegig.


Club-Mausoleum: Golden Pudel (1995-2016)

Burning Bretterbude

Ein liebevoll verwahrlostes Heim, so widerständig wie stilbildend: Der Golden Pudel Club (Foto: JOTO) ist abgebrannt – und mit ihm ein Stück Hamburg, das im Grunde nie eines war. Ein Club-Mausoleum aus gegebenem, todtraurigem, womöglich endgültigem Anlass.

Von Jan Freitag

Worum es sich in unserem Kulturkreis aufrichtig zu trauern lohnt, dafür gibt es gesellschaftlich definierte Regeln. Menschen verdienen selbst dann ein Höchstmaß an Hochachtung und Pietät, wenn ihr Leben kein ganz so vorbildliches war. Bis auf ein paar Tote der Sorte Hitler habe man demnach nur Gutes über sie zu berichten – oder eben nichts. Danach wird es komplizierter: Der abgehauenen Freundin nachtrauern, drei Punkten beim Heimspiel, gar einer verpassten Folge Game of Thrones? Schwierig, als Außenstehender da ordentlich Anteil zu nehmen. Das ist mit Gebäuden seltsam ähnlich.

Das gilt besonders für jene Stadt, die heute womöglich eine Abrissbirne zum Wahrzeichen hätte, wenn es es nochmal neu vergeben werden würde: Hamburg. Hier fallen Verluste an Bausubstanz weniger ins Gewicht. Diese Stadt gönnt sich ein Denkmalschutzamt, dessen vornehmste Aufgabe darin besteht, den rasanten Abriss des steinernen Gedächtnisses lieber larmoyant zu beklagen als zu verhindern. Was weg muss, muss weg, lautet seit dem Stadtbrand anno 1842 die Devise der Pfeffersäcke.

Zwischen Eppendorf, St. Pauli und Barmbek werden noch die schönsten, solidesten Altbauquartiere für seelenlose aufgereihte Rauputzquader geopfert, ohne dass Widerstand lautstark vernehmbar wäre. Was soll da schon der Ausfall einer kleinen Holzbaracke mit Elbblick auslösen. Doch genau um die trauert zurzeit nicht gerade ganz Hamburg, aber doch ein weithin hörbarer Teil. Der Golden Pudel Club ist abgebrannt, eine Immobilie, dessen pittoreske Pracht rein architektonisch allenfalls zwischen Fachwerkimitat und Fahrradhäuschen zu verorten ist. Für den Musikstandort Hamburg jedoch ist seine Bedeutung größer als die hier zelebrierte Beatles-Nostalgie oder ein neues Opernhaus.

Samstagnacht, davon waren die digitalen Netzwerke, aber auch analoge Medien bis weit über die Landesgrenzen hinaus in Echtzeit voll, fing der Dachstuhl Feuer. Die Polizei spricht von Brandstiftung. Bei einer derart morschen Bausubstanz kommt das bei allem gebotenen Optimismus der Vorstufe eines Planierungsauftrags gleich. Nach gut zwei Jahrzehnten am selben, kapitalumtosten Standort ist somit eine Legende zerstört, die so eigentlich nie hätte entstehen dürfen und gerade deshalb so wunderbar ist, war, puhh. Dass ihr materielles Ende zum Heulen ist, wäre mit “untertrieben” demnach geradezu fröhlich umschrieben.

Nirgends sonst in der zusehends durcheventisierten Musical-Metropole voller Beatles-Memorabilien hatte der independente Eigensinn ein liebevoller verwahrlostes Heim mit liebevoller verlotterten Sitten und liebevoller hochmütigem Selbstbewusstsein. Als elektropunkiger Resonanzkörper für die hedonistische Bohème links der Verwertungsmechanik entstanden, war der frühere Schmugglerknast aus dem 19. Jahrhundert Sub- und Leitkultur in einem.

Kultureller Underground und Mainstream, so widerständig wie stilbildend, irgendwie Rot-Grün im Idealzustand. Alles mit den Overground-Anarchisten Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun in prominenter Herbergsvaterfunktion, als befänden plötzlich Asylbewerber in der Ausländerbehörde über Aufenthalt oder Abschiebung.

Zum zukunftsfähigen Sound elaborierter Trash

Pudel, das war die Verkehrung der freien Marktwirtschaft. Bier unter zwei Euro. Auf dem Klo besser nicht hinsetzen. Und morgens nach dem Rauswanken noch mal mit der Bürste unter die Fingernägel. So roch, klang, wirkte ein Ambiente entspannter Arroganz im lebenden Denkmal alternativer Freizeitgestaltung, das in der Geschichtsschreibung bekanntlich gern etwas wunderbarer verklärt wird, als die Wirklichkeit gestattet. So hob es sich ab aus der Masse selbst erklärter Clubs mit mehr Substanz als einem Link auf Hamburgs Marketing-Seiten.

Die synchron übereinandergeschlagenen Beine angemessen affektierter Stammgäste auf der Bank am Eingang, das demütige Abwarten des Bedienungsgesprächs an gähnend leerer Theke, der unvergleichliche Mix zeitgenössischer mit rückwärtsgewandter Popkultur zum zukunftsfähigen Sound elaborierten Trashs – all dies wird es so nicht mehr geben, weil dem Wachsen allerorten längst ebenso wenig Zeit gelassen wird wie in den PR-Kulissen von Berlin und München.

Ob Freizeitpark mit Dino oder verklärte Clubkultur: Das Leben, lehren uns Realität und Fiktion, findet seinen Weg. Es wird also auch diesmal ersatzweise irgendwo etwas Unbequemes, Ungeputztes, Unformatiertes entstehen. Ein Refugium auf Zeit, das die Rendite auf Dauer eine Weile bestehen lässt, um es dann aufzufressen wie einen drögen Keks. Und auch wenn der Verdacht handelsüblicher Warmsanierung angesichts der Rechts-, Besitz- und Logiklage hier nicht greift – die Investorenschlange bei der Zwangsveranstaltung im April dürfte angesichts der erledigten Bretterbude auf dem Filetstück nicht kürzer sein. Dann, so war es bislang zumindest angekündigt, soll der Pudel verkauft werden, weil sich die zwei Besitzer Rocko Schamoni und Wolf Richter zu sehr zerstritten haben, als dass sie ihn zusammen betreiben können.

Egal, was aus dem Gelände wird: Es werden viele davor stehen und um ein Stück Hamburg trauern, das im Grunde nie und gerade deshalb eines war. Tschüss, Pudel. Im Herzen bürsten wir weiter.

Der Text ist vorab auf ZEIT-Online erschienen