Gruenspan: Krautrock & Theater
Posted: October 18, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Über Pferden
Ab 1889 Tanz und Vergnügungssalon, später öffentliches Bad mit Hippodrom darunter, seit 1968 Disko. Heute: frisch saniert. Das Gruenspan, Hamburgs erstaunlichster Club, dessen quietschbunte Fassade einst als Sensation galt (Foto: Opel) und noch heute fasziniert.
Von Jan Freitag
Geschichte ist der zeitgenössischen Clubkultur eher wesensfremd. Geschichte klingt nostalgisch, irgendwie alt, gar erwachsen. Party dagegen ist: jetzt. In diesem Moment. Für diesen Moment vor allem. Bis auf einige Selfies vom Absturz und den Kater danach ist nicht nur das Feiervolk rings um den Hamburger Kiez schließlich schon dann strikt geschichtsvergessen, wenn die Party nur Stunden vorbei ist. Jahrzehnte haben da wenig Bedeutung. Doch daran will Robert Hager arbeiten.
Hier, genau hier, der Clubbetreiber breitet seine Arme aus, “standen früher Wannen”, eine Menge davon. Genug jedenfalls, um die Bewohner des heruntergekommenen Arbeiterviertels St. Pauli vorm letzten Krieg und noch eine Weile später zu reinigen. Und unter der öffentlichen Badeanstalt ohne Pool, Robert Hager feuert sein lautestes Lachen durch den Vollbart, “war früher das Hippodrom”. Eine Manege also – vor knapp hundert Jahren der heißeste Budenzauber im Amüsierviertel. Pferde, Akrobaten, Musik, Bier, Schnaps, Seeleute, Seemannsbräute, nicht nur nachts um halb eins. Es war die Hochphase der Großen Freiheit, besungen von Hans Albers, beschallt von einem kleinen Balkon, auf dem die Kapelle saß, wenn tief darunter falsche Cowgirls im Kreise ritten.
So viel Geschichte steckt am Clubstandort Hamburg nur hier, im Gruenspan. Gleich neben dem Indra, wo die Beatles fern der Heimat ihr Debüt gaben. “Gegeben haben sollen”, korrigiert Robert Hager und nennt zwei, drei andere Bühnen der näheren Umgebung, die den Durchbruch der Fab Four ebenso für sich reklamieren. Auch sein Grünspan zählt zu den Bewerbern. Natürlich. Wieder lacht er durch den mächtigen Kuppelsaal seines Konzerthauses. “Hier haben sie allerdings wohl doch nur geschlafen.”
Aber egal. Die Sache mit den Beatles ist eine dieser zahllosen Geschichten vom “Tanz und Vergnügungssalon”, als der das Gruenspan 1889 erbaut wurde. Man kann an einigen zweifeln oder nicht – besser ist, man lauscht einfach staunend den fabelhaften Anekdoten, über die der zugezogene Bayer Hager selbst so oft gestaunt hat, seit er das älteste Etablissement seiner Art in Deutschland, so heißt es, 2009 übernommen hat.
Übers Kino zum Beispiel, das dem Jugendstilgebäude die ganze Weimarer Republik hindurch kosmopolitischen Glamour verlieh. Übers biedere Paartanzambiente, das ihn nach dem Badehausintermezzo Anfang der Sechziger provinziell trübte. Über den türkischen Nusshändler, der daraus gemeinsam mit einem deutschen Zahnarzt 1968 das Gruenspan machte. Über die erste Diskothek weit und breit, wo echte Discjockeys auflegten wie jener Taxifahrer, der Hager mal bei einer Fahrt erzählte, dass er vom Eröffnungsabend an zehn Jahre jedes Wochenende am Plattenteller stand. Und natürlich über jene Frau von 91 Jahren, die unlängst bei einer Hausführung ergriffen berichtete, wie sie als junges Ding hier gebadet habe.
Dass ihr dabei ein Gefühl von Wehmut durchs alte Herz wehte, daran ist Robert Hager nicht ganz unschuldig. Seit er den Laden vor fünf Jahren übernahm, erlangt Hamburgs traditionsreichster Club Stück für Stück sein Gedächtnis wieder. Während unter dem blinden Kirchenglas des früheren Oberlichts bis zu 900 Besucher feierten, wurde die schimmelige Haut vom Klinker geschlagen. Finanziert mit einem Darlehen im mittleren sechsstelligen Bereich. So begann bald das backsteinrote Herz des Gruenspan zu pulsieren.
Überall traten bauliche Kostbarkeiten ans Kunstlicht. Hier etwas Stuck, da ein alter Balken. Hatten sich die Gäste im Oberrang zuvor auf Beton gelehnt, ist es nun ein gusseisernes Gründerzeitgeländer. Wo 40 Jahre Investitionsstau, wie der gelernte Hotelfachmann die Substanzvernachlässigung seines Großods nennt, das Flair einer Kettenkneipe verströmt hatten, wirkt nun vieles aus der Zeit gefallen. “3 Kartoffelpuffer 15 Pfennig” steht neben der Eingangsbar in Fraktur; was man zur Pferdeschau halt so aß.
Und wie der akkurat frisierte Geschäftsführer mit seinem metalmähnigen Pressesprecher an seiner Seite durch das neue alte Schmuckstück führt, wie beide von den acht entschalten Säulen unter der Empore schwärmen, dem verzweigten Backstagebereich voll Sperrmüllsofas und Perserteppichruinen, von der salbungsvollen Aura überall – da wird deutlich, wo Hager und seine 40 Mitarbeiter hinwollen. “Live wird immer theatralischer”, sagt der Musiker im Verwalter, “deshalb wird auch der Raum zusehends Teil der Performance.”
Gut 5.000 Besucher, die ein Schauspielfestival 2013 ins Eigentum der Sprinkenhof AG gelockt hat, sollen demnach keine Ausnahme gewesen sein. Man sei am Ende zwar auch abhängig davon, was große Veranstalter wie Scorpio ins Haus booken, gibt PR-Mann Jannes Vahl zu bedenken. Doch zwischen Künstlern wie Jan Delay, der hier sein letztes Album vorstellte, und Karl Bartos, der hier zuletzt ohne Kraftwerk auftrat, wolle man künftig öfter mal bestuhlen. Sich also programmatisch noch breiter aufstellen, ohne beliebig zu sein. Oder wie Hager es ausdrückt: “Das Gruenspan soll von einer Ortsbezeichnung zur Inhaltsangabe werden.”
Bei ein paar Prozent Ertrag und dem Dauerrisiko roter Zahlen sei Markenbildung dafür ebenso unerlässlich wie Lokalkolorit. Die Sanierung wirkt da Wunder. Nur zu weit führen, das dürfe sie nicht. “Der Zugang zum Hippodrom bleibt zugemauert”, betont Robert Hager und man spürt, wie sein Herz dabei blutet. “Sonst renovieren wir uns pleite.” Und ist ein Laden erst mal dicht, zumal in der Lage, mit Garten, Empore und dem schönsten Raucherraum der Welt, dann wird er, was das Gruenspan auch geöffnet immer sein will: Geschichte.
Mehr Fotos & Kommentare unter: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-10/gruenspan-club-hamburg
Nils Koppruch: Der Mensch & die Lücke
Posted: October 11, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Ohne Worte
Vor zwei Jahren geschah das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige: Nils Koppruch ist gestorben. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Eine fabelhafte Werkschau erinnert nun an sein Schaffen und die Wochenendreportage an den Künstler.
Von Jan Freitag
Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.
Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.
Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.
Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.
Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.
„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.
Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.
Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.
Nils Koppruch und Fink – Werkschau (12 CDs + Begleitbuch, Trocadero)
Nationalpark Schwarzwald: Käfer & Krawall
Posted: September 20, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Ausgeparkt
Ein halbes Jahr gibt es den Nationalpark Schwarzwald und langsam gewöhnen sich selbst Gegner an ein Naturschutzgebiet, in dem Argumente schnell die Seiten wechseln und selbst Winzlinge zu Monstern werden. Ein Ortsbesuch in der gestörten Kirschtortenidylle, bei Parkranger Charly Ebel (Foto) und seinen Widersachern.
Von Jan Freitag
Der Weg in die Zukunft führt steil zu Tal. Das Geläuf ist schmal, der Boden verwurzelt, die Luft dick wie Nebel. Man sollte trittsicher sein in diesem Teil des Schwarzwalds. Und zur inneren Einkehr bereit. „Seid mal ruhig“, befiehlt Charly Ebel mehr als zu bitten und hebt den Zeigefinger. Der Abstieg sei ja mehr als eine Wanderung ins Herz seines Arbeitsplatzes. „Es geht darum“, flüstert er, „was ihr hier kultursoziologisch empfindet.“ Selbst Schweigepflicht im Nationalpark kann ihn eben nicht auf Dauer zügeln: den Fachmann im Naturburschen, den Geographen im Ranger. Ebel will das Schicksal der Gegend nicht nur erlebbar machen, sondern verständlich. Im Kopf, in der Seele, dem Bauch, überall wo Zivilisation mit dem Urzustand des Menschen ringt.
Also gehorcht man und schweigt. Lauscht seinen Schritten auf knirschendem Grund, den Vögeln darüber und plötzlich, wenige Hundert Meter Luftlinie vom Sessellift am quirligen Naturschutzzentrum Ruhestein entfernt, steht man am braunen Wasser des eiszeitlichen Wildsees und wird, ja, demütig. Vor 100 Jahren ist hier Deutschlands zweiter Bannwald entstanden und mit ihm die Idee einer Schöpfung, die nur sich selbst überlassen zu sich selber findet. Das klang schon am Übergang vom bäuerlichen ins urbane Zeitalter verträumt. Aber 2014? Charly Ebels Gesicht zerkratert in tiefe Lachfalten: „Könnte sich der ganze Nationalpark so entwickeln.“
Er heißt „Schwarzwald“, obwohl er nur einen Teil davon umfasst, kaum zwei Prozent der Gesamtfläche, exakt 10.062 Hektar, auf denen die Natur seit 1. Januar werden soll wie im Bannwald: Von Menschen besucht, statt gestaltet, klimatisch gewollte Flora, floragewollte Fauna, nicht mal Beeren darf man künftig sammeln. Geschweige denn Totholz, einst das Gold im waldreichsten Gebiet Baden-Württembergs, demnächst nur noch Teil dessen, was Charly Ebel am Fuße der uralten, viel gerühmten, oft fotografierten Großvatertanne mit „Zyklusmosaiktheorie“ umschreibt. Wie beim Menschen folge auch beim Wald auf die Phase des Wachstums maximale Stärke, bis Verfall und Tod neues Wachstum bedingen. Ebel lacht sein Kraterlachen. „Es ist der ewige Kreislauf“.
Auch Karl Gaiser lacht faltenreich, als er ihn erwähnt. Nur: es ist kein herzliches Lachen im Schwarzwälder Bannwald. Eher ein bitteres bei Schwarzwälder Kirsch. Und als die Frau des wichtigsten Aktivisten wider den Nationalpark rollenbewusst Filterkaffee ins Sonntagsservice gießt, erklärt er warum: „Ein sauberer, schöner, gesunder Wald ist mir lieber als ein rot-grüner.“ Ebel und Gaiser, sie stehen für die Fronten im Stellungskrieg: Ein Wildhüter, der zwei Drittel seiner 49 Jahre auf allen Ebenen gegen die Zerstörung der Umwelt im Ganzen kämpft, gegen einen Ortsvorsteher, der zwei seiner 60 gegen die Zerstörung der Umwelt am Gartenzaun kämpft.
So geht es weiter: Hier ein Naturschützer, der sein Gemeinschaftsprojekt lobt; da ein Verwaltungsangestellter, der Spaltung und Zerfall beklagt. Hier ein Kind der Grünen, das 30 verlorene Jobs der Holzindustrie mit 650 neuen dank Park verrechnet; da ein schwarzer Holzfällersohn, der ein Verhältnis von 70 zu 140 kennt und auf 75 Prozent der Bürgerbefragung gegen ein Projekt verweist, für das man, hält Ebel gegen, besser mehr als sieben der 105 betroffenen Gemeinden befragt hätte. Stuttgart 21, Pkw-Maut, Energiewende oder Naturparks – wenn Leute öffentlichkeitswirksam um Großprojekte streiten, klingt es stets, als sprächen sie von völlig verschiedenen Orten. Dabei sind verschieden nur die Perspektiven, kaum ein Argument, das nicht zum Gegenargument taugte.
Und sei es noch so klein.
Statt Zähne, Stacheln, Riesenwuchs hat eins davon feines Haar und kleine Fühler am winzigen Körper. Am Lotharpfad kann man den Borkenkäfer gut betrachten: Was Gegner als „Schrecken des Schwarzwalds“, hockt dort, wo 1999 ein biblischer Orkan den Schwarzwald planierte, in einer kleinen Kiste. Angelockt von Pheromenen haben sich allerdings nur zwei Käfer in den Schaukasten verirrt. Wo man die Natur zur Anschauung Natur sein lässt, ist von Plage also keine Spur. Auch spricht Charly Ebel lieber vom „Herrn der Rinde“. Er befalle ja allein jene Fichten, mit denen der einst kahlgeholzte Schwarzwald 200 Jahre lang wieder aufgeforstet wurde, und dann auch nur die alten, kranken. Zyklusmosaiktheorie? Ließe man den Borkenkäfer walten, meint Karl Gaiser, „sieht bald alles aus wie nach Lothar“.
So wird dasselbe Insekt zum Kronzeugen des Für und Wider eines Parks, den man mit dem Auto an einem halben Tag gemütlich umfahren kann. Zwischenmeinungen, Kompromisse? Da muss man zwischen die zwei Teilbebiete fahren, zu Nico Sackmann nach Schwarzenberg. Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht am Vater, vielleicht auch an ein paar Kilometern Distanz zum Park – aber der 26-jährige Sohn des Sternekochs Jörg Sackmann aus dem Dorf, das Wilhelm Hauff einst zur Köhler-Novelle vom Kalten Herz animierte, sieht die 10.062 Hektar neutraler, als „Einschnitt wie Chance“.
Ersteres fürs Gewohnheitsrecht der Bewohner, die seit je an, mit, von dem Staatsbesitz leben. Letzteres für Umwelt, Tourismus, also nicht zuletzt ihn selbst. „Er ist da, er bleibt da“, übersetzt der weitgereiste Maître in spe das resignierte „s‘isch wie‘s isch“ ringsum. Die Jüngeren verbinden damit allerdings eher Zugewinne: neue Gäste fürs eigene Hotel samt Gourmettempel Schlossberg oder neue Zutaten für seine Kochkunst, die als Kandidatin künftiger Sterne gilt. Deren Kräuter sammelt er selbst vor der Haustür. Bis rein ins Schutzgebiet. Wer weiß, sagt Nico Sackmann, als er Knoblauchranke fürs abendliche Lamm aus der feuchten Erde zieht, „welche alten Kräuter entstehen, wenn man den Park mal in Ruhe lässt“.
Noch dürfte er sie sogar pflücken. Der Nationalpark ist unumkehrbar, aber im Wandel. Wohin genau, das weiß auch Karl Gaiser nicht. Er wartet die Landtagswahl ab, wo der Freie Wähler ausgerechnet den Sieg jener CDU herbeisehnt, die den Nationalpark erst erdacht und dann, als der Widerstand wuchs, bekämpft hat. Doch beerdigt, das weiß auch Gaiser, wird er wohl nie. Also arrangiert man sich. PR-Legenden von Starkstromzäunen und abgeworfenen Braunbären sind ebenso verebbt wie utopische Gästezahlen von drei Millionen jährlich. Die Atmosphäre beruhigt sich. Zumal bis auf ein paar Schilder mit den drei stilisierten Baumkronen wenig vom Park zu sehen ist. „I werd mi mei Lebbe lang ned mit ihm abfinde“, schwäbelt Gaiser noch. „Aber jetzt isch er halt da.“ Und das wohl länger als die Menschen.
Mehr Kommentare und Bilder unter http://www.zeit.de/reisen/2014-09/schwarzwald-baiersbronn-nationalpark
INFO
www.nationalpark-schwarzwald.de
Unterkunft:
Hotel Sackmann mit Zwei-Sterne-Restaurant Schlossberg
72270 Baiersbronn/Schwarzenberg
Reportage: Die Egalbar & das Kneipensterben
Posted: September 13, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Zuhause
Nachbarschaftskneipen sterben langsam aus. Eine davon war die Egalbar im Karoviertel. Um sie nach dem Abriss zu erhalten, hat sich ein Künstler die Einrichtung gesichert und baute sie bereits in Paris und Leipzig wieder auf. Jetzt öffnet sie für zehn Tage in Hamburg ihre dreckige Tür – ausgerechnet dort, wo sie bis 2012 stand.
Von Jan Freitag
Heimat ist ein emotional aufgeladener Begriff. Als Chiffre für innige Ortsverbundenheit rechtfertigt er Hass, Gewalt und Kriege ebenso wie Demut, Idealismus, Liebe. Heimat steckt in Staaten, Zonen, Dörfern, Plätzen, Straßen, Häusern, sogar Sofas. Sie ruht überall, wo Menschen nicht bloß herstammen, sondern hingehören, wo sie leben. Das können auch 30 Papierrollen sein.
In einem Atelier am Rande Bahrenfelds, umringt von Sperrholzplatten, Malerutensilien, Bastelkrams versprühen sie zwar noch weniger Heimat als das öde Gewerbegebiet ringsum. Dann aber beginnt Nils Emde davon zu erzählen. Von der Leidenschaft, die sich darin verbirgt. Von Herzblut, Verbundenheit, von all dem, was der Künstler „Erinnerungsraum“ nennt, „Soziotop“, einen Sehnsuchtsort. Und es ist nicht nur seiner.
Es ist die Egalbar.
Besser gesagt: sie war es. Die Egalbar gibt’s nicht mehr. Gut 120 Jahre befand sich da, wo die Marktstraße zum Heiligengeistfeld abknickt, stets eine Gaststätte. Forin hieß sie, als Bismarck Kanzler war. W. & G. Thiese, als das Bier noch immer per Kutsche kam, Pappnase bevor sie der letzte Betreiber Jurij Klauss 1994 Egalbar taufte. Doch wer auch immer die Eckkneipe betrieb: Aus dem Karoviertel war sie so wenig wegzudenken wie der Schlachthof nebenan. Nur: Dort wird heute kein Tier mehr zerlegt. Und die Egalbar? Zu, abgerissen, ersetzt durchs übliche Glasstahlinferno Hamburger Architektenignoranz.
Ein Rückzugort weniger also im innerstädtischen Aufwertungsfuror, der jeden normabweichenden Ort – abgenickt vom zahnlosen Denkmalschutz – leichthin von der Bildfläche tilgt. Auch Nils Emde könnte noch immer heulen, dass er ihm die Stammkneipe geraubt hat. Doch der 40-Jährige mit den sanften Augen unterm Fünftagebart zählt nicht zu jenen, die ihr Elend am Tresen ertränken. Deshalb hat er ihn einfach mitgenommen. Und nicht nur den. Mit zwei befreundeten Künstlerinnen sicherte sich der HFBK-Dozent für Fotografie Anfang 2012 das ganze Interieur: Hocker, Tische, Stühle, Büffet samt Geschirr, dazu Nippes, Diskokugel und vor allem: Die Wände. Nicht im Ganzen, aber maßstabsgetreu abgelichtet.
Statt in Nostalgie zu schwelgen, lassen Nils Emde und seine Partnerin Elena Getzieh die Egalbar seither wiederauferstehen. Zuerst bei einem Künstleraustausch in Leipzig, wo reichlich importiertes Astra übers Originalmobiliar ging, als sei Zeit doch umkehrbar. Kurz darauf: Paris, angeliefert in zwei Lastern. Dann die documenta, „der Wahnsinn“, erinnert sich Nils Emde an 60 Tage Betrieb auf der weltwichtigsten Kunstausstellung. Es waren melodramatische Wochen. Fast jeder Stammgast fand den Weg aus Hamburg nach Kassel, schwankte zum Sound der versifften Anlage mit dem Telefonhörer als Headphones und ständig, erinnert sich Nils Emde ans leidlich geförderte Gastspiel, war die bierselige Klage zu hören: wie schön es zwar sei, dass ihr altes Zuhause als mobile Immobilie die Weltgeschichte bereise. „Aber wann kehrt sie denn bloß wieder heim?“
Heute.
Die Egalbar ist zurück, jedenfalls die Hälfte der 50 Quadratmeter, als Raum-in-Raum-Installation. Exakt dort, wo sich an einem kalten Februar-Morgen vor fast drei Jahren die Tür mit Tags aus 18 Jahren schloss, bieten ihr die Schlumper zehntägiges Asyl an alter Wirkungsstätte. Und wer den virtuellen Wirt Nils beobachtet, wie er mit dem realen Betreiber Jurij die originalverdreckten Kühlschränke ins saubere Weiß der Galerie wuchtet, wie die nikotingelben Wände von einst Bahn für Bahn Gegenwart werden, wie selbst das alte Spendenschiff für Seeleute in Not auf dem echten Tresen landet, dann ist es mehr als eine Heimkehr. Es ist ein Statement gegen die urbane Geschichtsvergessenheit. Nils Emde sagt: „Ihr könnt Räume zerstören, aber keine Orte.“ Rastplätze für Gedanken, Gefühle, für einen Rest von Miteinander ohne Profitinteresse.
Wie das räudige „Na und?“ in der Wohlwillstraße, das die nächste Cocktailbar zwar äußerlich aufmöbeln kann, aber nie ersetzen. Solche Anwohnerbiotope, Schmelztiegel unterschiedlichster Daseinsentwürfe, werden allerorten ersetzt durch Kettenprodukte oder schlimmer noch: durch nichts. Wo Entertainment häuslich oder genormt wird, weicht auch die Pavillonzeile am Hamburger Berg – das Kieck ut!, das Lucky Star – bald austauschbarer Formatgastronomie. Spekulanten wie Ernst-August Landschulze wüten so verheerend im Herzen Hamburgs, dass selbst die Vertragskündigung der Gentrifizierungskeime bp1 und bedford am Schulterblatt Widerstandsimpulse auslösen.
Und sei es einer, der das Vergangene im Kleinen konserviert. Wie das Kunstkollektiv BarKeepers. Seit dem nahenden Ende ihrer Egalbar bauen zwei Hamburgerinnen Clubs von Astra-Stube bis Molotow in Schuhkartons nach, um sie wenigstens en minature zu erhalten. Das war, sagt Nils Emde, „eine Schnapsidee wie unsere“, entstanden am selben Tresen, als die Verlustangst statt Trauer und Wut noch kreative Kraft entfaltete. Deshalb hat er die BarKeepers eingeladen, ihre verkleinerte Version der Egalbar neben seiner aufgebauten auszustellen. Dort, wo am 29. Februar 2012 nach 50.024 Betriebsstunden, Emde erinnert sich genau, I Can See Clearly Now aus den morschen Boxen kam. Ein Hit der 70er, als die Bar Spelunke war. Wie zuvor. Wie zuletzt. It’s gonna be a bright / Sun-Shiny day sang Johnny Nash zu heiteren Bläsern. Klingt wie der Moment, wenn man betrunken ins Sonnenlicht wankt, nach einer langen Nacht daheim, in der Kneipe. Diese Erinnerung ist schöner als jeder Neubau.
Mehr Text, Bilder, Kommentare unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-09/kunstprojekt-egalbar-kneipe
Reportage: Brachland Neue Mitte Altona
Posted: September 6, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Trümmerblumenpracht
Hamburg baut in Altona ein neues Stadtviertel. Zugleich geht etwas Wertvolles verloren: Brachland. Urbane Natur bewirkt Nützliches, wo der Mensch sie in Ruhe lässt.
Von Jan Freitag
Das Meer der Blüten ist reich bevölkert. Es gibt genügsame und verwöhnte, wilde und domestizierte, schöne und schlichte, seltene wie häufige. Und es gibt Trümmerblumen. Überall. Sogar hier. Peter Borchardt führt eine davon am Vollbart vorbei an sein kundiges Forscherauge und blättert nebenbei in einem zerfledderten Almanach. Es ist sein steter Begleiter, für Experten fast eine Bibel. “Schmalblättriges Weidenröschen”, teilt ihm Pareys Blumenbuch von 1986 mit. “Epilobium angustifolium”, übersetzt der promovierte Geowissenschaftler mit Biologie-Diplom botanikerstolz ins Lateinische. Und dieses hübsche Pflänzchen, es ist ziemlich robust.
Ganz gleich nämlich ob hoch im Norden, tief im Süden oder auf den Ruinen kriegsversehrter Städte: Trümmerblumen wachsen an den unwirtlichsten Orten. Selbst dort, wo ihnen Abgas, Lärm, Erschütterung und Gifte zusetzen. Wo der Mensch die Natur gestaltet hat, dann aber kurz mal in Frieden lässt. Also auch am Gleisbett der rostigen Schienen vom Bahnhof Altona.
Noch.
Wo jetzt ein dichtes Geflecht unsortierter Gebüsche in die Breite wächst, geht nämlich demnächst etwas ganz anderes in die Höhe: Hamburgs zurzeit aufregendstes Bauprojekt, vergleichbar nur mit der Hafencity, teuer wie die Elbphilharmonie. Es heißt Neue Mitte Altona, und wo in gar nicht so ferner Zukunft Platz für 3.600 Wohnungen jeder Einkommensschicht sein soll – für schmalblättrige Weidenröschen dürfte es den dann nicht mehr geben. Das könnte man nun beklagen oder begrüßen. Peter Borchardt sagt: Von beidem ein bisschen.
Denn was der Pflanzenkundler beim sonntäglichen Erkundungsspaziergang auf einer Fläche von knapp zehn Fußballfeldern an Vegetation entdeckt, sei “im Grunde alles Kroppzeug”, teils endemische, teils invasive Pflanzen, die man “ohne schlechtes Gewissen ausreißen könnte”. Oder wie es aus Sicht des BUND früher besonders in der veränderungsfreudigen Hansestadt üblich war: großflächig mit Pestiziden abtöten, bevor irgendwas Artenschützenswertes für Baustopps sorgt. An der künftigen Neuen Mitte aber war das offenbar gar nicht nötig.
Wie im Baugesetzbuch vorgeschrieben, haben die Investoren bereits 2009 im Entwicklungsabschnitt I zwischen ICE-Trasse und Holstenbrauerei nach bedrohten Arten suchen lassen. Und sie seien auch fündig geworden, erklärt Magnus-Sebastian Kutz von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt: Neben ein paar “naturschutzrelevanten Tagfaltern und Heuschrecken” kleinere “Biotope mit Rote-Liste-Pflanzen” und 29 verschiedene Brutvögel inklusive zweier bedrohter. Doch nichts davon sei geeignet, das Projekt grundsätzlich infrage zu stellen. “Die Bedürfnisse dieser Arten wurden im Ausgleichskonzept berücksichtigt”, beteuert Kutz und fügt hinzu, dass die Vielfalt urbaner Brachen mit wachsender Bewaldung zurückgehe.
Widerspruch erntet er dafür nicht mal von Naturschützern. Entlang der berüchtigten “Kreischkurve”, wo selbst die schnellsten Züge auf Schneckentempo drosseln, um nicht vom maroden Viadukt zu fallen, herrscht also Konsens. Hier gibt es weder singuläre Juchtenkäfer noch hundertjährige Eichen, also irgendwas, wofür es sich an Oberleitungen zu ketten lohnte. Dennoch treibt es die Natur hier kunterbunt. Die Bahndämme tragen genug Brombeeren, um Altonas Neue Mitte auf Jahre mit Marmelade zu versorgen. Nachtkerzen schießen, Goldruten sprießen. Wild wuchert die Ackerkratzdistel, spät blüht der Flieder. Und allerorten ragen Robinien drei, vier, gar fünf Meter aus dem Gestrüpp. Unterm Dröhnen riesiger Bagger wächst und gedeiht es mithin derart üppig, dass Pareys Blumenbuch nur so rauscht.
Allein: Es trägt, schießt, sprießt, wuchert, blüht, ragt, wächst, gedeiht wenig Wertvolles. Wo der Mensch sein Umfeld besonders intensiv gestaltet, entsteht eben höchstens, was Borchardt “Ruderalflur” nennt: Habitate genügsamer Pflanzen mit überschaubarer Tierartendichte. So was, meint der weitgereiste Wissenschaftler von 36 Jahren, “sieht an einer Brache in Paris fast genauso aus wie in New York oder Köln”.
Dennoch bieten auch die kleinsten Naturreservate nicht bloß lässliche Grünflächen im Betoneinerlei, hübsch anzusehen, leidlich erholsam. Sie kühlen die aufgeheizte Stadt und regulieren deren Hydrologie, sie reinigen die Atemluft von Feinstäuben und das Erdreich von Kontamination. Sie sorgen für besseres Klima – atmosphärisch, geologisch, generell. Und letztlich, sagt Borchardt beim Klassifizieren eines einsamen Gänsefußes auf der gewalzten Fläche vorm Gerippe denkmalgeschützter Bahngebäude, die dereinst Eigentumswohnungen beherbergen, “letztlich sind sie auch für Flora und Fauna im Ganzen wichtig”.
Diese benötigt nämlich gerade bei dichter Besiedlung Brückenkorridore. Rastplätze auf der beschwerlichen Wanderung von Insekten, Samen, Vögeln, Lebensverbreitern durch besonders zersiedelte Gebiete. Botanisch wertlos werden diese Migrationsinseln nur, wenn sich die Zivilisation zurückholt, was ihr zwischenzeitlich unwichtig war. Ließe man sie weiter in Frieden, entstünden daraus erst Vorwaldgesellschaften und irgendwann der “Klimax”, wie Borchardt Germaniens Beitrag zum Weltkulturerbe nennt: Buchenwald. Die Natur findet einen Weg. Alles nur eine Frage der Zeit.
Aber genau die ist nun mal eine besonders wertvolle Ressource unserer Tage. Sehr rar, schwer zu schürfen. In acht Jahren, planen Stadt und Bahn, soll die Verlegung der zweitgrößten Hamburger Fernverkehrsstation Richtung Diebsteich Wirklichkeit werden. Wo jetzt zarte Birkenkeimlinge aus dem Gleisbett lugen, wo selbst die grundwasserfreie Brücke überm Verkehrschaos der Stresemannstraße noch genug Regen für Geranien speichert, beginnt dann der Bahnsteig.
Und wird wirklich mal termingerecht geliefert, hätten die Baugesellschaften Aurelis und ECE hier bis dahin 78.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche aus der jahre-, teils jahrzehntealten Brache gestampft. Dazu vier Kitas, eine Schule, die zugehörige Infrastruktur nebst Erholungspark, drei Hektar groß, mit schickem Mischgehölz, englischem Rasen, menschengemacht und durchdekliniert.
Für Trümmerblumen ist darin kein Platz.
Der Text wurde zuerst veröffentlicht unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-08/neue-mitte-altona-baugelaende-brachland
Gängeviertel: 5 Jahre & die Zukunft
Posted: August 30, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Bleib in den Gängen
Mit der Besetzung des Hamburger Gängeviertels fand die Dauerkrise 2009 auch künstlerisch einen Ausdruck. Mitten im Glasstahlinferno der Innenstadt entstand ein Kunstprojekt, das weltweit Beachtung fand. Zum fünften Geburtstag wird es millionenschwer saniert und fragt sich, wo es künftig stehen wird – zwischen Marke Hamburg und Off-Art. Ein Besuch.
Von Jan Freitag
Und dann steht er plötzlich im Raum, das Unwort aller Bewegungen, oft Anfang vom Ende: Spaltung! Rita meint zwar keine kreative, geschweige denn menschliche. Dennoch hebt Matthias am Rande der Schnappatmung den Zeigefinger und sucht eifrig Blickkontakt zur Mitstreiterin. Als sie ihren Fauxpas bemerkt, schreiten beide zur inneren Vollversammlung: Nein, nein“, ertönt es fast im Chor, von Spaltung sei keine Rede. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht drei Tage vorm Geburtstag ihres spaltfreien Projektes, Rita und Matthias sagen: unserer Familie. Das Gängeviertel wird fünf; da soll von Gemeinsinn die Rede sein, der Zukunft. Auch wenn sie noch so wackelt.
Buchstäblich.
Seit vorigem Herbst nämlich wird das berühmte Kunstquartier am Gänsemarkt generalüberholt. Endlich – das sehen auch Rita und Matthias ein, als sie an diesem regnerischen Augusttag in den denkmalgeschützten Gebäudekomplex am Valentinskamp laden, um ihn gründlich zu erklären. Nach Jahrzehnten struktureller Vernachlässigung drohte dem kümmerlichen Rest innerstädtischer Arbeiterbehausungen der Freien- und Abrissstadt Hamburg schlicht der Einsturz. Um das zu verhindern, investiert sie in acht Jahren 20 Millionen Euro, mit denen aus dem chaotischen Kulturzentrum ein modernes Kreativquartier aus Wohnen, Ateliers, Gewerbe entstehen soll. Klingt doch bestens fürs Gängeviertel und seine Vereinsmitglieder. Nach einer Perspektive, die sich am 22. August 2009 nicht mal ansatzweise abgezeichnet hatte.
Damals wurde das abbruchreife Ensemble von 200 Kulturschaffenden aus der Off-Art-Szene besetzt. Es begann eine Erfolgsstory, von der die artverwandte Flora nur träumen kann. Unterstützt durch die globale Kunstszene samt Weltstars wie Daniel Richter, von bürgerlichen Kreisen, ja selbst ranghohen Lokalpolitikern galt das illegal eroberte Terrain als Beispiel alternativer Selbstermächtigung in lukrativer Citylage. Verträge wurden geschlossen, Visionen verwirklicht, selbst die New York Times pries eine gelebte Utopie, der die UNESCO das Prädikat „Ort kreativer Vielfalt“ verlieh. Da schien also mal eine Graswurzelbewegung Früchte zu tragen. Und jetzt – Spaltung.
Zunächst mal räumlich gesehen.
Denn die Bagger rollen, ist an einem Ort, der Veränderung zum Wesenkern zählt, ein wenig viel nicht mehr so wie es war. „Wir wollten den Charme erhalten“, sagt die bonbonbunt gekleidete Rita übers eingerüstete Kulturzentrum ringsum: das Wilde, Rohe, Organische. Da sich Bezirk und Behörden jedoch weder um Denkmalschutz noch Vereinswünsche scherten, „wird uns eine Standardsanierung übergestülpt“. Und nicht nur das: In der Vorbereitung sei vereinbart worden, Fabrik und Jupi-Bar nacheinander zu sanieren. Die Stadt aber tat das Gegenteil. Nun liegen mit den zwei wichtigsten Veranstaltungsräumen die Haupteinnahmequellen brach. „Wir sind etwas gelähmt“, sagt Rita. Und atmosphärisch gespalten, seit die Partyzone in eine Halle am Oberhafen ausgelagert wurde. Gerade im Winter werde es da schwer, „die Energie aufrecht zu halten“.
Dank genossenschaftlicher Strukturen, langfristiger Verträge, des großen Zusammenhalts stelle sich fürs Projekt im Ganzen zwar „nicht die Existenzfrage“, beteuert ein Vereinschef, der so gar keinem Klischee vom Künstler entspricht. Im Kleinen allerdings basiert auch dieses Projekt auf dem Prinzip Selbstausbeutung. Dafür sind Rita und Matthias zwei Beispiele. Zwei willkürlich gewählte, werden sie nicht müde zu betonen, keinesfalls repräsentativ also. Aber eben doch beredte. Matthias, dessen Nachname im Kontext übergeordneter Gruppenideale keine Rolle spielen soll, hat neben seiner Tätigkeit als Vereinsvorsitzender ja noch ein Restleben. Doch weder für sein Masterstudium noch den zugehörigen Broterwerb als Sozialarbeiter wendet der 30-Jährige auch nur annähernd so viel Zeit auf wie fürs Viertel.
Das Los teilt er mit der Grafikdesignerin Rita (36), die als Organisatorin, Moderatorin, Kuratorin, Künstlerin und DJ ganze Tage im Viertel verbringt. Ehrenamtlich, versteht sich. Unter den zahllosen Helfern, die von der einmaligen Tresenschicht bis zur täglichen Finanzverwaltung zum Ganzen beitragen, bezieht nur die Geschäftsführerin der Genossenschaft ein kleines Salär. „So ein Projekt ohne Hierarchie und Leistungsdruck zu gestalten“, sagt Rita, sei nicht nur befriedigend, sondern höchst lehrreich. Doch gruppendynamische Abnutzung, bürokratische Frustration, der ständige Kampf mit dem Staat und nicht zuletzt ein kreativer Output, der nur selten auf Verkäuflichkeit abzielt – da dürften sich 40-Stunden-Wochen gern mal finanziell auszahlen.
Wenn der Verein im Frühjahr erste Wohnungen an Aktivisten mit Paragraf-5-Schein vermieten darf und die Jupi-Bar wieder Bier auf Spendenbasis verkauft, könnte aus der vagen Hoffnung sogar geldwerte Realität werden. Doch genau darin steckt der nächste Spaltpilz: Je mehr der radical chic zum Lifestylepark der Bionade-Bourgeoisie gebügelt wird, desto mehr trägt er zur Marke Hamburg bei. Jenem PR-Prinzip renditeorientierter Aufwertung, die man von hier aus doch kreativ bekämpfen will. „Der Widerspruch war uns von Anfang an klar“, sagt Matthias und trinkt Wasser aus einer gewöhnlichen Plastikflasche. „Deshalb müssen wir klarmachen, konträr zur restlichen Stadtentwicklung zu stehen.“
Den glattsanierten Fassaden werde man also rasch Kanten verpassen und darauf hinarbeiten, weiter als Gesamtkunstwerk statt Kunstfabrik wahrgenommen zu werden. Rita nennt es „soziale Plastik“. Ein Ort für alle von wenigen, die vieles geben. Einer, der Kultur als Erlebniswelt statt Ware verfügbar macht. Wo Spaltung nur ein räumlicher Begriff ist, weil die Party zwischenzeitlich woanders steigt. Der sich der Sollbruchstelle zwischen Konsum und Verweigerung offensiv stellt, statt wohlfeil zu verteufeln. „Kein alternatives Disneyland, an dem nur die Sightseeing-Busse halten“, hofft Matthias. „Wild und kreativ wie nach der Besetzung“, ergänzt Rita. Damals, als Ertragsdenken, Markenbewusstsein, Bürokratie noch nicht das Zeitkonto geplündert haben. Als es mehr ums Miteinander ging, Kritik, Kunst, vor allem die. All dies war weniger geworden mit den Jahren. Verschwunden war es nie. Mal sehen, was hinter glattsanierter Fassade passiert.
Der Text ist zuvor bei Zeit-Online erschienen: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-08/gaengeviertel-kuenstler-hamburg
Reportage: St. Pauli ohne Touristen
Posted: August 23, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Der Alltagskiez
Vom Nobiskrug zum Fischimbiss: Am Wochenende ist St. Pauli ein schrilles Amüsierviertel. Wem begegnet man, wenn die Besucher aus aller Welt wieder abgereist sind?
Von Jan Freitag
Samstagnacht kommen sie von überall her / und am Sonntagmittag bist du wieder menschenleer / wie hältst du’s nur aus / dieses Hin und Her (Bernd Begemann, Oh St. Pauli)
Es gibt Orte, da führt selbst die Sonne ein Schattendasein. Erwacht sie an einem Frühsommermorgen über St. Pauli, ist alles noch auf den Beinen, und keiner interessiert sich für sie. Steht sie dann hoch am Himmel, zieht es die Leute in die Betten – Rollo runter, Sonne raus, gute Nacht am helllichten Tag.
Es sei denn, man verlässt die Partymeile, läuft die Lincolnstraße ein paar Meter runter Richtung Elbe. Hier ist der Tag nicht beendet, er steuert auf seine Mitte zu. Und wenn Harald Buers am Vormittag das allererste Astra für Tagträumer zapft statt ein allerletztes für Nachtfalter, dann trennt sich das Wochenende vom Montag. Dann wird der Kiez vom Ausflugsziel zum Lebensraum. Dann ist man im Nobiskrug.
“Älteste Schankwirtschaft auf St. Pauli” steht darüber in Stein gemeißelt, daneben eine Zahl: 1895. Das klingt ein wenig nostalgisch, vor allem aber klingt es stolz. “Hier liegt das wahre St. Pauli“, sagt Buers, ein Zugereister wie so viele der Gegend, nach 35 Jahren vor Ort aber längst einheimisch wie jene, die der Wirt mit flüssigem Frühstück versorgt. Es sind Nachbarn, Anwohner, Stammgäste, die an diesem sonnigen Montag im Dunst des Nobiskrugs den Morgen begrüßen. Denn was Kiezgäste, die freitags einfallen und Sonntagfrüh abziehen, meist nicht wissen, vergisst auch Bernd Begemann in seinem melancholischen Lied: Hier leben Menschen, echte Menschen. Mal arbeitende, mal arbeitslose, arme oder reiche, also sehr alltägliche.
Gut 24.000 sind es, Anrainer angrenzender Stadtteile nicht mitgerechnet. Und gut ein Dutzend von denen sitzt nun hier, zwischen Schwarzweißfotos einer Ära, als vorm Nobiskrug noch Matrosen flanierten und das Bier mit Pferdewagen kam. In einem Mobiliar, das kaum jünger ist als die mitteilsamen Rentner beim Frühschoppen. Nur warum, bei dem Wetter, zu dieser Zeit, hier, im Restrauch vieler Millionen Zigaretten? “Zuhause”, meint einer am abgewetzten Tresen. Er lächelt nicht. Ein Wort, alles gesagt.
Zuhause.
So nennen viele ein Wohngebiet, das schon 400 Jahre besiedelt war, als es Mitte des 17. Jahrhunderts zum Amüsierviertel wuchs. So nennen selbst Quiddjes, also Zugezogene, ihr Quartier, sofern sie nur lange genug da sind. Wie Jozi Sustar, genannt Pepi.
Pepi war schon einiges: Er sprang für Jugoslawien vom Wasserturm, flog die höchsten Skischanzen runter, spielte wie sonst kaum ein Slowene Tischtennis. 1960 aber wurde er St. Paulianer und steht auch mit 79 Jahren Tag für Tag vorm Spiegel seines winzigen Friseursalons. Links raus der Hamburger Berg mit seiner Flatratekultur, rechts raus die Talstraße. Auf dem Weg dorthin, gegenüber steht die Kneipe jener Rockabillies, denen Pepi bis heute Frisuren verpasst, die vor 54 Jahren populär waren. “Schöne Zeiten”, sagt er wehmütig. Ohne Nepp, Vertreibung, Eventkultur. Ohne die Gräben zwischen denen, die immer da sind, und denen, die tageweise reinschneien.
Doch für beide Gruppen wird rings um die Reeperbahn gut gesorgt. Im Topkauf etwa, dem letzten Krämer. Hier steht Ines Stoppa seit zehn Jahren an der Theke und verkauft vom Gemüse für Ansässige über den Mittagstisch für
Angestellte bis zum Alk für Feierwillige alles, wonach der Kiez dürstet. “Alltags 90 Prozent Hiesige und zehn Partyvolk”, rechnet Ines Stoppa im liebevollen Chaos der früheren Schlachterei vor. “Am Wochenende umgekehrt.” Gleich um die Ecke franst die Davidstraße in verruchte Seitengassen voller Bordsteinschwalben aus, als seien die Zuhälterkriege der Achtziger weiter im Gange.
Für Normalbürger war der Kiez damals Sperrgebiet, heute meiden ihn Menschen mit dem Anspruch nach gehobener Unterhaltung. Dazwischen lag ein Jahrzehnt kultivierten Erwachens: Der Mojo-Club wurde zum Nabel des Nu Soul, das Sparr zum Punkertreff, der Sorgenbrecher zum Trashzentrum, sogar das Top Ten salonfähig und überhaupt alles Zwielicht etwas klarer. Bis der Musicalhype das Neonlicht anknipste.
Kurz zuvor war Thomas Angele in der Silbersackstraße gelandet, wie er mit Resten seines Heimatdialektes erzählt. Dort also, wo die Nutten sich noch immer die Füße platt stehen, übernahm er vor 21 Jahren den “Kiezbäcker”. Ein
Konditormeister aus Schwaben, in einem alten Sexshop – ausgerechnet! “Nein, genau richtig”, erklärt Angele die Lage seiner Bäckerei, deren Korbmöbel auch in Eppendorf stehen könnten. “Hier leben, arbeiten, feiern so viele Leute”, sagt er, während zwei ältere Damen mit Hund Butterkuchen vom Blech kaufen, “aber es gab kein Frühstücksrestaurant”.
Es gab. Die zwei Worte fehlen in kaum einer Antwort der Kiezbewohner und meist klingt es ein bisschen seelenwund. Es gab mal das Café Möller an der Großen Freiheit, wo Damen mit Rüschenschürzen 59 Jahre lang Torten zu Kännchenkaffee servierten, bis die Miete verdoppelt wurde und ein Ballermannpub einzog. Es gab das Molotow. Es gab die Kieztanke. Es gab die Essohäuser. Es gab auch Verbrechen, Armut, Abzocke, das volle Rotlichtprogramm. Es gab aber eben auch Infrastruktur für alle statt nur Kioske fürs Vorglühen. Und natürlich gab es Fisch.
“Überall”, sagt Heiner Harhues lachend am Pils vorbei. Doch als sich der gelernte Schlosser bei der Arbeit für die Gastronomen auf dem Kiez mal umsah, fehlte der Reeperbahn ihr Grundnahrungsmittel. “Und das im letzten echten Hafenviertel.” Also hat der Mittvierziger im vorigen Jahr umgesattelt und einen Fischimbiss eröffnet. Gegenüber vom berühmten Silbersack, dem mit der seligen Erna grade das letzte Thekenfossil weggestorben war, gibt es nun nicht nur Matjesbrötchen und Bier, sondern Live-Shanties im Ölzeug und einen Hauch jener Art, wirklich in Brackwassernähe zu feiern. Dass auch Heiners “Kleine Haie, große Fische” letztlich der “Marke Hamburg” dient – geschenkt. “Ich wollte dem Kiez was zurückgeben”, sagt er. Und der Kiez revanchierte sich. Mit einem Anflug von Heimatgefühl.
Der Artikel ist zuvor erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-06/st-pauli-kiez-alltag
Reisereportage: Polo im Schlosshotel
Posted: August 16, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Elitenbreitensport
Polo ist aristokratisch wie die Treibjagd. In einem Schlosshotel am Chiemsee öffnet man sich dennoch der breiten Masse – zerlebriert aber weitherin die feinen Unterschiede.
Von Jan Freitag
Man findet heute viele Beispiele dafür, dass Kleider keine Leute machen. Luxusmarken gibt es auch von der Stange, vorsätzlich zerlumpter Radical Chic hat rote Teppiche und Designerlofts erobert. In Blankenese sitzt die Popperlocke kaum fester am Scheitel als in Marzahn. Selbst das Polohemd ist kein sicheres Unterscheidungsmerkmal mehr für Ursprung, Dasein, Ziel des Trägers. Es sei denn, man weiß es zu tragen. Und dieser Mann weiß es.
Knallpink leuchtet sein Shirt mit dem gerippten Kragen. “St. Moritz Polo World Cup on Snow” steht darunter, gleich neben einem seidenen gestickten Spieler, der übers Herz reitet. Und dann der Kragen: Er ist hochgeklappt, bis ran an die eisgraue Nackenwelle des sorgsam gegelten Haars. So sieht er aus: der echte Polohemdträger beim echten Polohemdereignis, das – Überraschung! – Polo heißt. Polo ist ein Wettkampf zweier Viererteams, die, auf Pferden sitzend, mit innerörtlicher Höchstgeschwindigkeit kleinen Plastikkugeln über ein 274 Meter langes Feld hinterherjagen und sie gelegentlich in ein fußballtorbreites Gehäuse hämmern. Vor allem aber ist Polo die aristokratischste aller Sportarten und wird in Sachen Distinktionsgewinn allenfalls übertroffen von der Treibjagd.
Wir befinden uns auf einem zauberhaften, weltentrückten Flecken inmitten der oberbayerischen Bauernwelt, auf Gut Ising. Hier findet die “Deutsche Polo Meisterschaft Medium Goal 2014” statt, wobei “Medium” eine Art Handicap teilnahmeberechtigter Spieler beschreibt. Das Landgut, auf dem dieses Poloturnier stattfindet, ist gut 1.200 Jahre alt, und es gibt ähnlich alte Riten wie im Polo. Hier raucht die Klientel noch Dunhill. Spreizt kleine Finger ab. Trägt Wildlederslipper. Die Uhren sind Chronometer, die Autos Karossen, die Taschen wirklich von Louis Vuitton und die Kinder Orgelpfeifenensembles mit hochgeschlagenen Polohemdkragen. 
Andernorts mögen Luxushotels ihren elitären Ruf abzuschütteln versuchen. Auf Gut Ising wird seit 100 Jahren ein Ambiente der Abschottung konserviert. Es gibt Biedermeiermöbel und Eichendielen, rissige Ölgemälde früherer Gutsherren und Originalradierungen “Österreich-Ungarischer Bauernhöfe”. Auch im 21. Jahrhundert weht ein Hauch von K.u.K.-Historie durch Gut Ising. Im Herzen mächtiger Stallungen mit Reithalle, Poloschule und Golfplatz kann man hier in Spa-Suites nächtigen, Suites mit Whirlpool, Lichtsauna und Flachbildschirmen, so groß wie Bettvorleger. Die Moderne wird hier also nicht verleugnet, aber es gibt doch auch diesen Gestus distinguierter Rückständigkeit, dafür sorgen Angestellte in Dirndl oder Janker. Sie lächeln aristokratischen Dünkel ebenso versiert weg wie die Verlorenheit jener, die hier nicht hergehören, sei es wegen des Kontostands, sei es, weil sie sich nicht hierher gehörig fühlen.
Leute wie Gerhard Mayr aus dem benachbarten Mühldorf. Der Selbstständige ist zwar kein Fremdkörper – sein Metier sind Schuhe, wenngleich günstige. Dennoch fremdelt Mayr leicht im Polo-Betrieb. “Irres Spiel”, sagt er, als ein Reiter vom Team mit dem Sponsorennamen Emirat das Siegtor schießt, “aber wer spielt sowas bloß?” Die Antwort ist: Leute, die sich bis zu sieben Pferde plus Unterhalt, Pfleger, Transport leisten können. Leute, sagt Moderator Thomsen aus der Polo-Hochburg Hamburg, “die wie ich diesen Sport lieben”. Und die “5.000 Euro pro Pferd” aufwärts übrig haben, die einfach nötig sind, will man ihn mit Ehrgeiz praktizieren. Thomsen, selbst Spieler, lächelt mild: “Das kann man sich doch leisten.”
So ticken hier viele, die sich und ihr Polo erklären. Zu gern möchte der Sport in die Breite wachsen wie zuletzt Golf. Dafür ist der Eintritt hier frei, sofern man kein VIP-Bändchen beansprucht. Dafür gibt es Kinderschminken, Bratwurst, Spieler hautnah. Als die einlaufen, werden sie von luxuriösen Sport- und Geländewagen eskortiert. Jens Thomsen ist Immobilienmakler. Überhaupt gibt es hier reichlich Architekten, Ärzte, Manager mit und ohne Adelstitel. Polo stellt sich hier dann doch eher als Breitensport für eine sehr spitze Zielgruppe dar.
Das Polohemd ist hier Freizeitdress wie Uniform gleichermaßen, für Erwachsene als Alternative zum Businessanzug, für Jugendliche als Alltagstracht – wie im Schlossinternat nebenan mit den schneeweißen Zinnen und dem Parkplatz voller anthrazitfarbener SUVs. Am Finaltag aber, während die nationale Poloelite um Ruhm und Pokale reitet, zeigt sich die regionale Standeselite von ihrer volkstümlichen Seite, ohne die standesgemäße zu vernachlässigen. Bevor Moderator Jens Thomsen die VIPs – das sind die mit dem entsprechenden Bändchen für 100 Euro, so viel feiner Unterschied muss sein – in der Pause zu Saibling aus dem nahen Chiemsee und Schaumwein aus der fernen Champagne lädt, bittet er sie zum Divot Stomping.
So treten nun Frauen mit großen Hüten das ramponierte Grün für die zweite Halbzeit platt, und ihre Stilettos, Thomsen grinst, “vertikutieren sogar noch den Rasen”. Man macht sich also durchaus schmutzig. Nicht so schmutzig wie die Aktiven in den weißen Hosen im Kontaktsport Polo, aber schmutziger als üblich in diesen Kreisen.
Als der Himmel zum Abschluss des Tages seine Schleusen öffnet, sitzt Gerhard Mayr, der Zufallsgast ohne eigene Pferde, bereits im Trockenen. So wird auch das Polohemd seines Sohns nicht nass. Auf der Brust der ortsübliche Polospieler. Wenn er ein solches Hemd trage, “musst du dir das auch mal ansehen”, habe der Vater vorab gesagt. Aber wenn das Outfit auch noch so gut passt: Spielen tun weiter andere.
Der Text ist zuvor erschienen http://www.zeit.de/reisen/2014-08/polo-bayern-gut-ising
Reise: Kenia/Südtirol
Posted: July 26, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentAu
f dünnen Beinen
Jedes Jahr ereignet sich die ungemein alpine Seiser Alm ein sportlicher Stilbruch. Dann veranstaltet die kenianische Langlaufelite ein Trainingslager in Südtirol. Und Amateure dürfen mitmachen.
Von Jan Freitag
Diese Waden, eher Striche in der Landschaft als das, was darin steckt. Fragil wie fleischarme Auberginen und beinahe so schwarz fliegen die Ausdauermaschinen förmlich über die Alm, 36 im Ganzen, 18 Paar, eines dürrer als das andere. Wer die zugehörigen Körper aus der Nähe betrachtet, könnte denken, gleich zerbrächen sie unterm Druck ihrer langen Schritte. Doch so richtig nah kommt ohnehin keiner ran, wenn diese Beine mal ins Rennen geraten. Und das tun sie eigentlich ständig.
Es ist ein bizarres Bild, das sich den Besuchern der Alpe di Siusi zur Wanderjahreszeit bietet. Seit vier Jahren trifft sich Kenias Laufelite für drei Wochen im Juli zum Trainingslager auf Europas größter Hochalm unweit von, aber doch ein Stück über Bozen. Die besten Langstreckler also – Goldmedaillengewinner, Weltmeister, Zeitminimalisten – aus dem westlichen Afrika, wo die Haut besonders dunkel ist und die Menschen besonders hager, sie bereiten sich ausgerechnet da auf die Saison vor, wo das Gebirge besonders alpin ist und deren Bewohner besonders volkstümlich, Trachtenträger mit Traditionsbewusstsein, die den Nachnamen zuerst nennen und zum Abschied Gott grüßen. Man muss kein Freund von Klischees sein, um darin einen Widerspruch zu erkennen.
Morgens um halb acht etwa, wenn sich die Gruppe auf dem Weg ins Tal begibt, 20 Kilometer moderates Tempo am Fuß der Dolomiten. Wie sie vor der ersten Mahlzeit so von Seis am Schlern aus durch Südtirol federn, bleibt den wenigen Frühaufstehern, die man jetzt auf den Straßen des betulichen Ferienorts trifft, der Mund offen. „Ist auch ein seltsamer Anblick“, staunt selbst Ulrich Banholzer. Dieser Kontrast, schwäbelt der Deutsche, den alle Uli nennen: so viele Afrikaner auf einen Haufen, in dieser Umgebung, „des isch scho ungewohnt“. Obwohl er genau dafür sogar bezahlt hat, wenn man so will.
Uli Banholzer gehört zur anderen Trainingseinheit, die dieser Tage vor Ort das Laufen übt, und sie hat unmittelbar mit dem Spitzenteam eines Sportartikelherstellers zu tun. Acht Tage wird der Hobbyathlet mit einer Handvoll Gleichgesinnter von zwei Trainern „der Unerreichbaren“, wie Banholzer die Kenianer nennt, geschult. Die Ausbilder derjenigen also, die auf jeder Distanz ein normalsterbliches Sprinttempo hinlegen und danach locker austraben. Ebenso wie das Proficamp ist auch dieses ein Mix aus Laufevent und Sightseeing, PR-Aktion und seriösem Sport. „Höhe, Klima, Leute, Versorgung, die Trainingsstrecken“, listet Olympiasieger Samuel Wanjiru auf – „hier ist alles perfekt“. Es klingt pflichtschuldig; trotzdem möchte man dem Marathonchamp seine Lobeshymne aufs Umfeld, die Unterkunft, den Spaß glauben. Trainingslager sind teuer, Tauschgeschäfte folglich unerlässlich. Hier ist es Präsenz gegen Preisnachlässe. Es ist also eine win-win-Situation für alle: Profis, Gäste, Anwohner, Amateure, besonders die.
Für Uli, den spindeldürren Single aus Rottweil zum Beispiel, der seinen ersten Marathon noch vor dem 35. Geburtstag, also bald, ins Auge fasst. Für Ursula, die 46-jährige Wirtschaftstrainerin aus Sachsen, der das Laufen als erschöpfender Prozess erst ab Kilometer 20 bewusst wird, langsam. Für Paolo, den italienischen Diabetiker von 44 Jahren, der auch aus therapeutischen Gründen seine fünfte Königsstrecke anpeilt und über die Distanzen seiner Schuhe Buch führt. Oder für Alexandra, die halb so alte Spaßjoggerin aus Guatemala, deren Tempo beim anstehenden Marathondebüt im Frühjahr deutlich anziehen muss, um nicht vom Besenwagen aufgekehrt zu werden.
Es ist ein bunter Haufen auf verschiedenen Leistungsstufen. Doch sie alle träumen den gleichen Traum jener 42,195 Kilometer, auf die sie hier in einer Systematik getrimmt werden, die daheim unerreichbar wäre. Durch einen Trainerstab, der sonst Topleute trainiert. Mit einer Infrastruktur jenseits jeden Freizeitsports: medizinische Versorgung, technisches Equipment, Sportlernahrung, Expertentipps, dazu die physische Nähe zu den Unerreichbaren, Tür an Tür, Massagebank an Massagebank, abschließender Wettkampf inklusive – „das motiviert zusätzlich“, sagt Uli Banholzer. Als er abends von einer freiwilligen Extrarunde zurückkehrt, hängen die schlaksigen Kenianern im winzigen Ortskern herum, zwischen einem futuristischen Kirchenneubau und den zwei Cafés der einzigen Ladenzeile im Dorf. Zwei junge Talente hören kenianische Musik aus dem Handy, James Kwambei, zweitschnellster Marathon-Läufer überhaupt, albert mit dem Seriensieger von Bosten Robert Cheruiyot herum, während Goldmann Wanjiru ein paar Jugendliche beim BMX-Tricksen fotografiert.
Nach dem Tagespensum, wenn sich die Dämmerung wie ein Vorhang von den Gipfeln in die grüne Hochebene senkt, herrscht ein entspanntes Nebeneinander auf der geräuscharmen Alm, lässig. Auch einladend? Wer mit den Stars ins Gespräch kommen will, erntet zwar stets ein Lächeln, aber auch Wortkargheit. Ein Foto? Gern. Aber bitte kein Smalltalk. Man trainiert hier, genießt die Ruhe, eine geschlossene Gesellschaft mit gelegentlichem Außenkontakt. Fertig. Der einzige Parkplatz hier oben hat alle Tagestouristen zurück ins Tal gespuckt, spärlich trudeln die Übernachtungsgäste von den verschlungenen Wanderwegen ein, da bittet ein grauhaariger Herr klatschend zu Tisch: Gabriele Rosa, „il Dottore“, Finanzier des Teams. Es ist keine Nobelherberge, in die der Sportarzt aus Brescia seine Läufer ruft, keine, die deren Preis- und Sponsorengelder gestatten, nicht das Fünfsternehaus an der Liftstation ums Eck, sondern Mittelklasse, familiengeführt, mit Vollpension. Mehr lässt das Budget offenbar nicht zu, bei einem 25-köpfigen Team. Mehr braucht es aber auch nicht beim Höhentraining. Und die Kenianer, so heißt es, sind nicht auf Luxus aus.
Dabei sei die Höhe unerlässlich, aber nicht entscheidend, sagt Claudio Berardelli. „In Kenia ist Regenzeit“, erklärt der italienische Chef-Trainer von nur 30 Jahren die Flucht seiner Klientel. „Außerdem sind die Läufer zuhause prominent wie bei uns Fußballer“. Ohne Menschentraube im Nacken sei am Viktoriasee kein Schritt denkbar. Das Alpenklima dagegen biete perfekte Witterungsverhältnisse, die niedrige Luftfeuchtigkeit fördere Heilungsprozesse, vor allem aber herrsche „ablenkungsfreie Ruhe“. Ruhe? „Sie genießen diese Abgeschiedenheit.“ Abgeschiedenheit? Das Lager muss mehr mit günstigen Konditionen zu tun haben, als die Macher zugeben, denn auch in Südtirol sind die dunkelhäutigen Spitzensportler selten allein. Überall hellhäutige Gesichter zwischen Erstaunen und Ehrfurcht, wenn sich das Läuferknäuel nachmittags über die Hochalm schiebt. An die 20 Kilometer zum Abschluss, bei sengender Hitze. Ins Schwitzen gerät dennoch keiner so recht. Ganz anders die Amateure. Sie gehen meist ans Limit und schnaufen auch so, angetrieben von Huber Rossi, einem Trainer wie aus dem Laufmodelkatalog, dessen rehbraune Augen mit seiner Unerbittlichkeit kontrastieren wie die ganze Rennerei mit der Beschaulichkeit des Bergidylls.
Rossi ist das Bindeglied zu den Kenianern, denn die bleiben letztlich unter sich. Morgens, mittags, abends etwa, wenn die Berufssportler mit den Fingern ihr Nationalgericht Ugali essen, landesüblich steinhartes Couscous zu Huhn und Gemüse, sitzt die Hobbyfraktion dicht, aber doch distanziert am Katzentisch, während sich die Profis um einen runden Tisch scharen und der Trainerstab um den nächsten. Die Atmosphäre ist gelöst, es wird gelacht, eine verlockende Stimmung. Ihr Brötchen zum Kaffee frühstückt Ursula Heil dennoch unter ihresgleichen. „Wir könnten Kontakt aufnehmen.“ Doch das Lächeln der dreifachen Mutter einer laufverrückten Familie aus Radebeul verrät: sie traut sich nicht. Was schüchtern wirkt, ist auch eine Geste des Respekts. Es geht um Ruhe, Abgeschiedenheit, wie gesagt.
Da ist eine kurze Trainingsunion am Freitag vorm Rennen das höchste der Kontaktgefühle. „Aber allein das ist es wert“. Uli Banholzer begutachtet die Dehnübungen der sehnigen Profis, die seine Trainer auf Anfänger wie ihn übertragen, nicht eins zu eins, also abgespeckt, aber immer noch erschöpfend. Dafür hat der Volkswirt eine Woche frei genommen, 800 Euro gezahlt und vorab sein tägliches Pensum gesteigert. Er nimmt viel auf sich für eine Ahnung echter Professionalität, für einen Schnupperkurs in Sachen guter Vorbereitung. Für etwas Theorie und viel Praxis, drei Gratis-Trikots und einen abschließenden Trainingsplan. Alles für seinen ersten Marathon. Für die Fitness. Und den Schmerz.
Langläufer sind eine eigentümliche Spezies. Sie leiden nicht, um zu laufen, sie laufen auch fürs Leid, auf dem Weg zum Runner’s High, dem hormongefluteten Hochgefühl, wenn bei Kilometer 36 die Strecke zum Fließband wird und alles plötzlich ganz leicht. No pain, no gain, so denken auch Ursula Heil, Uli Banholzer, die anderen. Es ist das Mantra der Ausdauer und hier, in der dünnen Almluft, ist beides, die Qual wie die Früchte, gewiss. Auch wenn letztere für Außenstehende diffus bleiben.
Das Thermometer zeigt 32 Grad, als Huber Rossi zum Training bittet. Drei Kilometer schattenlose Straße, leicht, aber stetig bergauf. Zum Warmwerden. Warmwerden! Es herrscht Schweigen. Nur Paolos „Macchina“ bricht es bisweilen, wenn er vor einem der seltenen Lieferwagen auf der autofreien Alm warnt. Nach kurzem Stretching die Steigerung: gleiche Distanz durch den Wald, über Stock und Stein zur nächsten Almhütte, einer von Hunderten auf knapp 60 Quadratkilometern Fläche, für jeden Tag eine, wie man hier sagt. Doch für keine hat man einen Blick übrig, wenn nach den ersten 200 Höhenmetern die Oberschenkel brennen, wenn bei 100 weiteren die Lunge lodert und zwei Kilometer überm Meer das Ziel erscheint, ohne Erleichterung zu bringen. Bei 20 Prozent Steigung. „Dass Beine so schwer werden können…“ sagt Uli Banholzer keuchend. Und lächelt.
Doch selbst jetzt sieht er nicht wie 34 aus. Und bei der braun gebrannten Ursula Heil liegt schon mal um ein Drittel daneben, wer ihr Alter schätzt. Laufen hält jung. Besser: Körperfett macht alt. Und davon haben sie wenig in der Haut, im Blut. Das wurde zu Wochenbeginn gemessen. Dazu Herzfrequenzen, Laktatwerte, „anthropomedizinische Parameter“, mit denen man im Alltag wenig anfangen kann, bei Steigerungsläufen auf Höhe zäher Schneereste dafür umso mehr. Auf der Seiser Alm erfahren die Laien, was Intervall-Training ist, der effiziente Wechsel aus Steigern und Entspannung. Es sind neue, hilfreiche Erfahrungen und doch reden Amateure heute ganz selbstverständlich von anaerober Schwelle und Hypoxie. Sie kontrollieren Herzfrequenz und Position, ihre Handgelenke tragen schwer an GPS-Ortungssystem und Pulsmesser.
Auch beim Finale, dem „Seiser Alm Running“, sind sie allgegenwärtig. Die Kenianer machen mit beim schwierigen Rundkurs, mehr zu Showzwecken als auf Sieg, aber immerhin; auch wenn sie statt Startnummern ihre Bestzeiten auf den Rücken tragen. Beim Straßenmarathon würde so ein Starterfeld locker eine Million Euro kosten, sagen die Veranstalter, allein an Startgeld. „Einmalig.“ Das Beste der globalen Szene beim Berglauf in einem Ort namens Compatsch, ohne Supermarkt, ohne Post oder Arbeit abseits vom Tourismus. Nur zahllose Tagestouristen, 20 beschilderte Rundkurse des brandneuen „Running-Parks“ und dieser Lauf.
Uli Banholzer hängt sich Silas Rutto, dem Nachwuchsmann, an die Fersen. Seine Zeit ist solide wie sein Zustand im Ziel, der erste Marathon kann kommen. „Desch mach ich wieder“, sagt er noch, als die Unerreichbaren ringsum Trikots signieren. Dann verliert er sich im Feld der 250 Teilnehmer, wirkt aber nicht halb so verloren wie sechs chinesische Marathonjuniorinnen, der wahrhaft exotische Teil vom Laufzirkus des Dottore. Und von irgendwo ertönen Alphörner.
Golden Pudel: Underground & Mainstream
Posted: July 5, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Vernarbte Marke
Der Golden Pudel (Foto: Tobias Johanning/ZEIT) ist das Aushängeschild Hamburger Clubkultur, hat ein Problem: Wohin mit der eigenen Bedeutung für den Standort, wenn ihn die Betreibenden eigentlich untergraben wollen? Begegnung mit einer Musikinstitution zwischen Politik und PR.
Von Jan Freitag
Philosophie, philosophierte einst Platon, sei das Streben nach dem Guten, Wahren, Schönen. Kein schlechtes Ansinnen also für all jene, die die Welt ein wenig besser machen wollen und das Leben darin freier. Die Philosophie des Golden Pudel Clubs zu erfragen, scheint daher nicht vollends illegitim. Doch so leicht mag es ein Schorsch Kamerun keinem machen. „Die Frage ist unzulässig“, antwortet er auf die nach der Philosophie seiner Idee räumlich gebundenen Entertainments. „Philosophie klingt mir zu sehr nach Konzept.“ Also irgendwie bürgerlich, also angepasst, also falsch. „Wir sind bestenfalls gegenkulturell.“
Nach dieser Belehrung singt Schorsch Kamerun, der eigentlich Thomas Sehl heißt und als Sprachrohr der Goldenen Zitronen zu den Köpfen deutschen Diskurspops zählt, etwas Unverständliches vor sich hin und es wird deutlich: Dieses Epizentrum der Spaßkultur (die man hier natürlich nicht so nennen darf) zwischen Landungsbrücken und Fischmarkt 20 Jahre nach der Eröffnung zu verstehen, bedarf mehr als plakativer Begriffe. Dennoch ist Vokabelsicherheit vonnöten, Abstraktionsvermögen. Und ein dickes Fell.
Denn Kamerun kommt nicht allein, um zu erklären, was er im Grunde gar nicht erklären will, weil es sich ja von selbst erklären soll. Ralf Köster ist auch da, Charlotte Knothe und Viktor Marek: der Booker, die Geschäftsführerin und ihr Kollege. Wenn es um ihren gemeinsamen Club geht, treten die Macher des Pudel gern zu viert auf, dann fehlt eigentlich nur noch Rocko Schamoni – Mitbesitzer, Mitanarcho, Mitgesamtkunstwerk. Aber auch das anwesende Führungsquartett dieses Kollektivs Gleichberechtigter ist nicht darauf aus, PR zu machen für ihren Laden. PR gilt hier als schlecht, falsch und hässlich, das merkt man vom ersten Satz an. Nur: was gut, wahr und schön ist am Pudel, wird auch bei tieferer Betrachtung nie ganz klar.
Als er 1988 gegründet wurde, zunächst an anderer Stelle, sechs Jahre darauf dann in einem zweigeschossigen Schmugglergefängnis von Achtzehnirgendwas mit Spitzgiebel und Elbblick, gab es ja zunächst kaum Dafürs. Nur Dagegens. Gegen Mainstream, Effizienzdenken, die ganze Eventkultur am Kiez. Genauer: „Gegen das Türstehergehabe“, meint Expunk Kamerun. „Gegen nur Männer an den Plattentellern“, ergänzt Journalistin Knothe. „Gegen abtörnende Coolness“, fügt Elektromusiker Marek hinzu und macht einen Atemzug später deutlich, welches Dafür grad noch geduldet wird: „Bescheuerter Charme.“
Bescheuert heißt hier: Schiefgehkultur, Lust am Scheitern, Ziellosigkeit. Gestern Pathospop, morgen Gabbatechno, zwischendrin Dichterlesung. Bescheuert sind auch Mareks Opaschuhe zum Goldkettchen, Knothes Omakleid zur Omafrisur, Kameruns Unfrisur über beigen Bermudas – alles gewollt abtörnend im Geiste der „Anti-Optimierung“, wie man hier sagt. Alles allerdings stets auf dem Sprung, selbst Hipsteroutfit zu werden. Jeder noch so bescheuerte Charme bleibt schließlich nur solange uncool, bis Instagram und Vice daraus heißen Scheiß machen. Der graue Kiezzausel Köster meint es somit nur halb im Spaß, als er über die Klamotten seiner jüngeren Mitstreiter befindet: „Ihr seid doch Mitschuld am Schlagermove.“
So wie der Pudel längst Teil jener Gentrifizierung ist, die seine Betreiber so verachten. Es begann schon 1994. Zur Eröffnung sollte ein Dr. Schnabel irgendwas aufführen, was dann doch nicht geschah. Mehr Philosophie, Konzept, was auch immer gab es nicht im historischen Café Elbterassen. Doch die Drohung ägyptischer Flüche bei Nichterscheinen hatte das kulturell ausgehungerte Publikum links des Mainstreams erstmals ins Brachland unter der Reeperbahn gelockt. „Hier gab es ja nur tote Industrie, Nutten, Verfall“, erinnert sich Kamerun an die Umgebung. 20 Jahre nach dem nihilistischen Auftakt im Schrottgebäude füllt sie Nacht für Nacht feuchte Investorenträume.
Und mittendrin der letzte Hamburger Club von Weltruf neben dem Mojo. Bier unter zwei Euro, Eintritt nur unwesentlich höher, kaum Hartalk in der Auslage, dafür Staub aus Dr. Schnabels Zeiten. Als Gegenpol zur Generation Flatrate lässt sich das Disparate trotz Hotspot im Lonely Planet auf jedem Quadratzentimeter des wohnungswinzigen Clubs ablesen. Dass er getagt ist, greift dabei zu kurz: der Pudel ist ein einziges Tag, lückenlos bekritzelt, Charlotte Knothe sagt: „vernarbt.“ Und dann sagt die unfreiwillig hippe Frau mit Omaoutfit noch etwas viel anderes, viel Wichtigeres: „Wir alle empfinden ganz große Liebe für diesen Laden.“
Das muss man kurz zwischen Antioptimierungsformeln und der feinen Arroganz renditeferner Alternativszenen verhallen lassen: Liebe. Bei allem was der Club keinesfalls sein will und gerade dadurch unentrinnbar wird, ist das philosophische Konzept Golden Pudel vor allem ein leidenschaftsgetriebenes. Eines, das trotz Markierung auf den Touristenrouten „große Privatheit“ besitzt, wie es Viktor Marek ausdrückt, der schon Schnauzbart trug, als Hipster noch wie Babynahrung klang. Am Wochenende ist wieder Gartenfest mit Grillen, Tanzen, Rumhocken, Touris begaffen, von Touris begafft werden, wie es eben ist, wenn man heimisch ist, wo andere Pardy machen.
Schorsch heißt dort wohl wieder Thomas und Rocko Tobias. Der Aberwitz der Aufwertungsmaschine ringsum wird für ein paar Stunden vergessen und die Marke Hamburg kann alle ebenso kreuzweise wie ein Café namens Oberstübchen, das dem Club vor ein paar Jahren ungefragt aufs Dach gesetzt wurde. Lockt das pittoreske Ensemble im Landhausstil eben noch mehr Hornbrillenträger auf die Treppen mit Elbblick. Was soll’s? „Uns kriegt man hier so schnell nicht raus“, sagt Kamerun angesichts eines Pachtvertrags bis 2028. Und wenn die Stadt bis dahin doch mal aufräumen will im Filetstück? Zieht der Club weiter, zum vierten Standort. Das Leben, hieß es mal in einem Film um ausgestorbene, aber wiederbelebte Dinosaurier, findet einen Weg. Das gute, wahre, schöne sowieso.
Der Artikel ist erschienen bei Zeit-Online: http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2014-06/golden-pudel-club-hamburg