Der Patriarch: Uli Hoeneß & Udo Honig

Von wegen Demut

Sat1 und ZDF machen den Fall Hoeneß fast zeitgleich zu abendefüllenden Filmen. Der Patriarch mit Thomas Thieme als Bayern-Boss macht heute den Anfang und zeigt: etwas mehr privater Humor hätte dem gut recherchierten Dokudrama gut getan.

Von Jan Freitag

Es gibt nicht viele Menschen, deren Äußeres allein schon zur bundesrepublikanischen Ikonografie zählen. Konrad Adenauer vielleicht, Boris Becker, Tony Marshall, vielleicht noch Susann Stahnke. Ach ja – und Uli Hoeneß natürlich, der schwäbische Dampfkessel. Wenn es in ihm arbeitet, arbeitet es nämlich meist gewaltig. Wenn es in ihm kocht, kocht er beinahe über. Wenn es ihn ihm brodelt, dann wird sein Kopf gemeinhin zum Hochofen: Schmallippig, rotgesichtig, prallvoll mit Plänen vom nächsten Angriff noch im Moment des Rückzugs. Uli Hoeneß, das weiß Annette Ramelsberger besser als andere, ist ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, mal charmant, meist aufbrausend, aber demütig? Nein, sagt die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung im ZDF-Film Der Patriarch, Demut sei „wider seine Natur“. Weshalb sie dem gefallenen Engel hiesiger Fußballherrlichkeit unterstellt, die Beichte vor Rupert Heindl sei bloß gespielt.

Na das passt ja.

Vorm Strafrichter am Landgericht München mimt Thomas Thieme die Demut seiner Titelfigur mit einer Art innerem Aufruhr, der offenbar nur vorgeschoben ist und dem Original somit fast gespenstisch nahe kommt. Dauernd arbeitet, kocht und brodelt es so wahrhaftig im Charakterdarsteller, dass Der Patriarch oft vom Dokudrama zur dramatischen Dokumentation wächst. Und das hat mehr Gründe als besagter Thieme, der seinen wuchtigen Leib schon Helmut Kohl lieh, Gustav Krupp oder Martin Bormann.

Da wäre das Drehbuch, mit verfasst von Annette Ramelsberger, die dem Steuerhinterziehungsprozess vom mediensturmumtosten Anfang bis zum erwartbaren Ende beigewohnt hat. Da wäre also eine umfassende Recherche, die in den Verhandlungspassagen auf Gerichtsprotokollen beruht und in den Rückblicken auf reichhaltiger Quellenlage der aufkommenden bis formvollendeten Mediengesellschaft. Da wäre demnach eine Titelfigur, die Zeit ihres Lebens im Rampenlicht steht und dort von allem berichtet, was angefragt wird, also einer Menge. Da wäre, in einem Wort: viel Wahrhaftigkeit.

Und zwar selbst dann, wenn sich das obligatorische Reenactment mit Robert Stadlober als Dieter mit Löwenmähne überm Bayerntrikot in ihrer polyesterbunten Siebziger-Ästhetik oft arg gefällt. Geschickt montiert Regisseur Christian Twente einen Ulmer Metzgersohn mit dem bayerischen Nationalspieler zum Über-Ich globaler Fußball-PR, dessen machtbewusste Empathie seinen Sport mehr geprägt hat als alle Beckenbauers, Bosmans, Ballartisten. Und wenn das Bild vom Gerichtssaal, wo mit jedem Verhandlungstag weitere Millionen hinterzogenes Geld zutage treten, über den väterlichen Betrieb, wo der Lehrling zur Expansion rät, umschaltet auf ein grobkörniges Originalzitat des 22-Jährigen, keiner seiner Schulkameraden müsste wie er „Steuererklärungen ausfüllen oder Geld anlegen“, ist das dramaturgisch auf höchstem Niveau.

Dummerweise bleibt der Film auch atmosphärisch oft erhaben. Von der Kanzel seriöser Unterhaltung aus sendet er reichlich Moralin ins Publikum – bedeutungsschwer, sachlich, aber nur selten mit dem, was Uli Hoeneß kennzeichnet: Hingabe. Dem Patriarch fehlt trotz Thieme, Kostümorgien und putziger Originalzitate jede Leichtigkeit im Umgang mit einem Skandal, der ja vor allem bizarr anmutet. Von Willi Lemke über Theo Zwanziger bis Rainer Calmund sitzen gewichtige Zeitzeugen im Dutzend vor der Kamera; allein, es fehlt jene Emotionalität, die der tiefe Fall des hochgestiegenen Halbgottes bei vielen bis heute entfacht, wo er Gerüchten zufolge schneller als jeder Verurteilte zuvor zum Freigänger wurde.

Da war es keine schlechte Entscheidung von Sat1, den Fall 13 Tage später zur Groteske im Stil von Wes Andersons Grand Budapest Hotel zu machen. Uwe Ochsenknecht spielt Udo Honig darin als ulkigen Strippenzieher, der seinen Knast bald nach der Einweisung zur florierenden Wurstfabrik managt. Mit Wahrheit hat das weniger zu tun als Steuerbetrug mit einem Kavaliersdelikt. Da oft aber grad im Humor die Wahrheit am wirksamsten ist, sei Wissbegierigen mit Unterhaltungsbedarf vielleicht doch eher der Kommerzkanal empfohlen. Nach kurzem Warm-up im Zweiten.


Bachelorette & Udo Hoeneß

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

17. – 23. August

Die Nachrichten richtiger Fernsehsender sind, was sie bekanntlich im Vergleich mit ein paar weniger richtigen auszeichnet, vorwiegend durch Sachlichkeit geprägt, Distanz, Objektivität, solche Sachen. Und das ist meist auch gut so, seltener hingegen leicht anrüchig. Am Dienstag zum Beispiel konnte man nicht nur in der „Tagesschau“ erleben, wie das Gebot objektiv distanzierter Sachlichkeit zu subjektiv anbiedernder Unsachlichkeit führt. Der bräunliche Fußball- und Wirtschaftsfunktionär Gerhard Mayer-Vorfelder nämlich wurde da posthum von Hans Filbingers völkisch-nationalistischem Ziehkind auf „sehr konservativ“ herabgestuft, was in etwa so objektiv, distanziert und sachlich ist, als würde man die NPD „sehr rechts“ nennen und schnell über das Geschenk unserer Autobahnen reden.

Auf denen, das ist die private Top-News der Vorwoche, wird das nächste Mitglied von Cobra 11 für Raserei sorgen. RTL vermeldet, dass der unermüdliche Autoschredderer Semir Gerkhan (Erdoğan Atalay) ab 2016 mit Daniel Roesner einen neuen Beifahrer kriegt. Wobei dessen künftige Parallelpersönlichkeit mit dem sprechenden Namen Renner allen Ernstes folgende Biografie mit in die Explosionsserie nimmt: Paul, heißt es im Pressetext, „hatte nie ein anderes Berufsziel, als Autobahnpolizist zu werden“. Gäbe es solche Wünsche tatsächlich, hätte die Verblödungsstrategie kommerzieller TV-Sender Früchte getragen. Menschen des Stammpublikums strebten dann allen Ernstes nach dem neuen Mädchentraumjob Topmodel echte Lehrberufe an wie Tanzshowjuror, Raabschläger, Duellkoch oder Bachelorette.

0-FrischwocheDie Frischwoche

24. – 30. August

Die nimmt Mittwoch nach acht Folgen ihren Ausbildungsleiter mit nach Hause und wartet sodann auf ihre Nachfolgerin, die angesichts akzeptabler Quoten höchstens eine RTL-Saison auf sich warten lassen dürfte. Was mal wieder einiges aussagt übers Land, das man eigentlich gar nicht wissen möchte. Ganz im Gegensatz zu dem, was uns Wladimir Kaminer darüber zu erzählen hat. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der Mann aus Moskau als humorvoller Chronist deutscher Befindlichkeiten tätig, nun begibt er sich montags ab 19.30 Uhr fünf Wochen lang für 3sat auf die Reise in provinzielle Kulturlandschaften seiner Wahlheimat. Den Auftakt macht der Schwarzwald, wo sein distanzlos-subjektiver Blick ins Unbekannte auf Dinge trifft, die Eingeborenen womöglich verborgen blieben.

Blicke, die auch weit über das hinausgehen, was der WDR eine Dreiviertelstunde später zeigt. Als Referenzobjekt einer Programmoffensive zur Publikumsverjüngung startet um 20.15 Uhr Meuchelbeck, in dem ein Berliner samt Teeny-Tochter ins niederrheinische Titeldorf seiner Jugend zurückkehrt, das alles bietet, was in den Hirnen hiesiger Drehbuchautoren als ländlich, skurril, grotesk, ulkig und natürlich kriminalistisch gilt. Viel lustiger droht es auch im Anschluss nicht zu werden, aber immerhin abwechslungsreich, wenn nach der Politiker-WG in Duisburg-Marxloh, wo sich sieben Parlamentarier zur Brennpunkterkundung einquartieren, eine Comedy namens Das Lachen der anderen startet, dicht gefolgt von einer zweiteiligen „Abzocker“-Reportage und dem Alltagstalk Die runde Ecke (23.30 Uhr) mit ganz gewöhnlichen Menschen statt des üblichen Jauch-Inventars.

Aber wie heißt es so schön: Wer’s nicht versucht, hat schon verloren. Wenn Thomas Thieme am Donnerstag die Affäre um Uli Hoeneß als Der Patriarch darstellt, versucht das ZDF nämlich nicht mal dem Anschein nach, irgendwen unter 30 für dieses gut recherchierte, bieder inszenierte Dokudrama voll quietschebunter, aber steriler Rückblenden aufs sein Werden und Wirken vom Tablet wegzulocken. Falls überhaupt blickt die Zielgruppe allenfalls zwölf Tage später mal kurz davon hoch. Dann karikiert Uwe Ochsenknecht den gestürzten Bayern-Boss zum Knast-Chef Udo Honig, was überdreht, aber heiter ist. Meiden werden Jüngere indes weiterhin Arte, wo Mittwoch Die andere Heimat läuft, das vierstündige Prequel von Edgar Reitz‘ Hunsrück-Saga, die donnerstags ab 22.15 Uhr wiederholt wird.

Wobei: mit derart originellem Programm kein junges Publikum zu erreichen, liegt ja weniger am Publikum als am Programm; das Mittwoch auf 3sat noch ein ansehnliches, aber unsichtbares Stück bereithält. Ab 23.30 Uhr erzählen sechs Holocaust-Überlebende im Wiener Burgtheater vom Guten und Bösen in trauriger Zeit und fordern: Vergesst uns nicht! In Vergessenheit geraten, könnten die Wiederholungen der Woche, weshalb wir hiermit empfehlen: The Big Easy von 1987 mit Dennis Quaid als zwielichtiger Cop im bruttigen New Orleans (Dienstag, 0.25 Uhr, BR). Im bruttigen Casablanca hingegen spielt, genau, ebendies, worüber man ja nun wirklich nicht mehr Worte verlieren braucht als jene, wo es auch jetzt noch gesehen werden sollte: Auf Arte natürlich, am Sonntag um acht. Ebenso wie der wöchentliche Dokutipp, allerdings schon heute um 21.30 Uhr im Ersten: Schäuble. Macht und Ohnmacht von Stephan Lamby, der seit Jahren als Seismograph politischer Untiefen firmiert.


Gabi Delgado: Erdbeerkuchen & Tanzmusik

GabiVerschwende dein Alter

Vor 36 Jahren hat Gabi Delgado-Lopéz (Foto@Joe Dilworth) die deutsche Popmusik revolutioniert. Nach mehreren Punkprojekten im Rhein- und Ruhrgebiet gründete der gebürtige Spanier 1979 mit seinem Freund Robert Görl in Düsseldorf die Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Mit Hits wie Tanz den Mussolini prägten DAF fortan Techno und NDW gleichermaßen. Nach sieben Alben und mehreren Nebenprojekten brachte der Musikproduzent 2014 sein erstes Soloalbum heraus, dem nun das zweite namens 2 folgt, auf dem der 57-Jährige 32 Stücke zusammenbringt, die manchmal, aber nicht immer nach DAF klingen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Gabi Delgado, seit Sie vor 35 Jahren maßgeblich geholfen haben, die elektronische Musik in Deutschland zu etablieren, hat sie sich in diverse Spielarten von Techno über EBM bis Synthiepop ausdifferenziert. Behalten Sie da noch den Überblick?

Gabi Delgado: Eigentlich schon. Ich bin auch außerhalb der elektronischen Musik so interessiert, dass ich viele Stile intensiv beobachte. Anderseits kapsel ich mich von diesen Einflüssen oft ganz bewusst wieder ab, wenn ich meine eigenen Alben produziere. Dann setzt meine Beobachtung aus und ich höre weniger fremdes Zeug.

Welches Zeug zum Beispiel?

Alles Mögliche. Zuletzt habe ich mich viel mit französischen Tectonics beschäftigt oder brasilianischem Techno.

Also schon sehr digital.

Richtig, ich höre auch alles Mögliche abseits davon, Reggea zum Beispiel oder Flamenco, aber mein Hauptaugenmerk gilt schon dem Electro.

Im ersten Track der neuen Platte singen Sie von der Neuen Deutschen Klubmusik und verpassen ihr mit NDK gleich ein Label. Ist es das?

Das ist durchaus eins, aber nicht mein eigenes. Es kennzeichnet eine der tollen neuen Entwicklungen in Deutschland, die sich witzigerweise abspielt, wo die Hälfte der Menschen lebt, auf dem Land, in der Agrar-Disco, wie ich es gern nenne, wo es Donnerstag Gothic gibt, Freitag Techno, Samstag HipHop, Sonntag Rock, wo man also die verschiedensten Genres an einem Ort erlebt. Das ist in Berlin undenkbar, wo viele Clubs nur einen Stil kennen, sieben Tage die Woche. Andernorts jedoch entstehen hingegen spannende Hybriden, die NDK ausmacht.

Hybriden heißt vor allem Mashups, also Remixes bestehender Stile. Der Scooter-Frontmann H.P.Baxxter hat vor kurzem gesagt, es wird keine neuen Musikrichtung mehr geben wie Rock, Techno, Rap, sondern nur Zusammensetzungen. Wie sehen Sie das?

Also in Analogie zu anderen Kunstformen gilt das Zitieren auch musikalisch als Wesen der Postmoderne. Selbst die Gema sagt ja, im Bereich der westlichen Harmonielehre werde es keine grundlegenden Entwicklungen mehr geben. Ich halte das für eine gewagte These, weil niemand weiß, was im tonalen Bereich noch möglich ist.

Stichwort Kakophonie.

Zum Beispiel, extreme Dissonanz. Und auf der Beat-Ebene ist längst noch nicht alles ausprobiert. Wer weiß, was da noch in absehbarer Zukunft auf uns zukommt.

Werden Sie daran noch beteiligt sein oder ist Ihr Beitrag geleistet?

Schwer zu sagen, aber weil ich kein Nostalgiker bin, suche ich schon noch Neuland. Da warte ich immer auf Vorschläge von außen, langlebige Musik, die über Mode, Trends, Tagespolitik hinaus relevant ist. Ich mag Dinge, die lange brennen lieber als solche, die es hell tun.

Ist das ein Plädoyer für Qualität statt Quantität?

Ich würde es eher Qualität in der Quantität nennen. Die Engländer haben dafür den Begriff Silent Hit – Stücke, die sich nicht in zwei Wochen, sondern in 20 Jahren millionenfach verkaufen. Darin steckt Nachhaltigkeit jenseit der Masse.

Das ist insofern spannend, als Sie auf Ihrer Platte 32 Tracks verabreichen. Das klingt nach reichlich Masse…

Was aber den Grund hat, dass ich den Spielraum des Vorgängeralbums 1 weiter auffächern wollte, sowohl musikalisch als auch textlich. Dafür brauchte ich einfach viele Stücke. Andererseits ist das ein Statement, in der Kunst immer alles zu geben. Ich habe die CDs satt, wo zwei liebevoll gemachte Tracks von sieben Mal Füllmaterial umrahmt werden, um auf 35 Minuten zu kommen. Mein Motto lautet eher: Geiz ist nicht geil! Geil ist Großzügigkeit! Ich will viel geben. So habe ich zwar den Schrank leer, aber den Kopf frei fürs nächste Projekt.

Was allerdings die Arbeit und Aufwand am nächsten Projekt immens erhöht.

Mag sein, dass es wirtschaftlich vernünftiger wäre, etwas aufzusparen, aber so ticke ich nicht. Ich möchte Sachen abschließen und den Leuten zeigen: Habt keine Angst, alles zu geben! Sparen ist auch ökonomisch nicht haltbar.

Sie nennen es „Ökonomie der Verschwendung“.

Genau, wie die Blume: Heute alles geben, um zu verblühen, und auf dem welken Blatt was Neues starten. Ewiges Wachsen, ewiges Vergehen, so ist Natur. Angst vorm Ende hemmt nur.

Wobei Angst einer der Treibstoffe jener Zeit war, in der Sie mit Musik begonnen haben – Wettrüsten, Waldsterben, Terrorismus.

Richtig.

Ist daraus Ihr Credo vom „Verschwende deine Jugend“ entstanden?

Ich denke schon. Mit dem Deutschen Herbst 1977 war die Zeit der Zuversicht endgültig vorbei. Zuvor dachte man noch fröhlich, irgendwann hätten alle Atomtoaster und die Technik sorgt für ewigen Frieden. Das hat sich zu Beginn meiner Karriere radikal gewandelt und findet jetzt seine Fortsetzung im Rahmen der europäischen Krise und globaler Katastrophen.

Das macht Ihnen keine Angst?

Allenfalls Sorge; Angst macht mir fast nichts. Ich empfinde die radikalen Veränderungen unserer Tage eher als Chance zu positiver Veränderung. Es ist nur so, dass ich zuhause in Spanien weiter deutsche Nachrichten sehe und Zeitungen lese, aber erkennen muss, dass darin vieles, was Hoffnung machen könnte, ausgespart wird. Wenn wie zuletzt 500.000 Spanier für direkte Demokratie auf die Straße gehen, heißt es in Deutschland, die hätten gegen Sparpläne demonstriert.

Haben Sie mit demonstriert?

Nein, aber ich unterstütze die Ideen der Bewegung. Ich möchte mich als Künstler nicht zu sehr für PR-Zwecke vor den Karren spannen lassen; wenn ich was bewegen will, ist meine Arbeit eher musikalischer Natur oder erfolgt im Netz.

Weil Sie Ihre Jugend so verschwendet haben, dass Ihnen mit 57 Jahren die Kraft für physischen Einsatz fehlt?

Nein, nein (lacht). Zumal ich selbst in meiner wildesten Zeit immer ganz, ganz alt werden wollte. Meine Großmutter, die Frau, die mich am meisten beeinflusst hat, ist 99 geworden. So alt will ich auch werden. Ich fühle mich mit 57 überaus wohl, wenn auch die Regenerationsphasen nach dem Feiern spürbar länger werden.

Im Stück Der neue Stil heißt es, Sie essen im einen Moment gern gemütlich Kuchen und im gehen im nächsten tanzen. Ist das die Ambivalenz Ihres altersgerechten Alltags?

Nein, denn das war schon früher so, als ich viele Drogen genommen habe. Auch damals war ich kein Fan vom Dauerrausch und brauchte meine Zeit zum Runterkommen. Ich gewöhne mich einfach nicht gern so an Sachen.

Gewöhnen im Sinne von Abhängigkeit?

Genau, wenn etwas die Kontrolle über mich gewinnt. Erstens hat man daran letztlich keine Freude, zweitens genieße ich meine Freiheit. Daher die Pausen.

Die hat Denis Moschitto in der Verfilmung von Verschwende deine Jugend so verkörpert, dass er die meiste Zeit faul auf dem Sofa lag. Hat er Sie gut getroffen damals?

Ich finde schon. Es ist natürlich nicht Gabi Delgado, aber er macht das gut.

Stimmt denn die exaltierte Arroganz seiner Darstellung?

Schon, denn die war im Kontext der damaligen Zeit, als Gegenpol zum Hippietum, so passend wie wichtig. Vielleicht hab ich sie noch heute manchmal, aber das ist nur eine Facette von mir. Andererseits ist eine gesunde Arroganz nicht das Schlechteste, heißt sie doch, nicht alles mitzumachen, was man dir sagt.


The Yes Men: Spaß & Guerilla

Ja-Sager mit Nein-Kraft

Seit 20 Jahren irritieren The Yes Men mit unterhaltsamen Fake-Aktionen die Mächtigen aus Politik und Business. Nach zwei grandiosen Porträts kommt nun die nächste Beleuchtung der Spaß-Guerilla mit Tiefgang ins Kino: In Die Yes Men – Jetzt wird’s persönlich zeigt Laura Nix mal ein paar private Seiten des Aktivisten-Duos mit belgisch-ungarischen Wurzeln, aber auch ihre neuen Einsatzorte. 

Von Jan Freitag

Es gab Zeiten, da riefen Unzufriedene bei Ämtern an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Manche schrieben auch Leserbriefe oder gingen unverdrossen auf die Straße, wenn aus ihrer Sicht etwas falsch lief im System, welcher Art auch immer. Modernen Aktivisten mit Sendungsbewusstsein ist das längst zu ineffektiv. Statt vor einer Handvoll Anwohner auf abgelegenen Routen zu demonstrieren, führen sie lieber 120 Millionen TV-Zuschauer weltweit so dreist hinters Licht, dass selbst die Aktienkurse purzeln. Ihr Name: The Yes Men. Eine Schar  renitenter, aber humorbegabter Weltverbesserer, die den Gang der globalisierten Dinge so dicke haben, dass sie No Men heißen müssten. Man konnte ihr Schaffen vor ein paar Jahren im schlichtweg brillanten Dokumentarfilm Die Yes Men regeln die Welt bestaunen. Jetzt kommt der dritte Teil einer losen Reihe verschiedener Autoren über das Medienphänomen zweier Ja-Sager mit großer Nein-Kraft ins Kino. Und verspricht wieder großes Entertainment mit Relevanz.

Denn Jacques Servin und Igor Vamos alias Andy Bichlbaum und Mike Bonnano – Autoren, Täter, Hauptdarsteller all dieser fantastischen Kompendien kreativen Widerstands gegen übermächtige Gegner – schaffen es seit nunmehr 20 Jahren, den Irrsinn unserer Welt frei von Zynismus so auf die Hörner zu nehmen, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, sondern den Kopf freiräumt. Wenn sie etwa als Konzernsprecher eines US-Multis vor die Kamera treten, um via BBC zu verkünden, Dow Chemical wolle 25 Jahre nach der Katastrophe im indischen Bhopal endlich über 100.000 Opfer der explodierten Pestizid-Fabrik mit zwölf Milliarden Dollar entschädigen. Dafür mussten die Yes Men bloß eine Homepage der Welthandelsorganisation WTO online stellen und auf eine Einladung der BBC zu warten.

Und so geht es weiter.

Noch immer narren sie Konferenzen, veröffentlichen Zeitungen mit guten Nachrichten, mischen sich unter die Occupy-Bewegung oder versprechen als Verwaltungsangestellte verkleidet, anders als es skrupellose, aber einflussreiche Investoren planen, völlig intakte Sozialwohnungen nach dem Hurrikan Katrina doch nicht abreißen, sondern sanieren zu wollen. Sie verkünden also eine Gerechtigkeitslogik, die der Shareholderkapitalismus täglich verhöhnt. Ihr Lohn ist das rechts-konservative Urteil “abartig und pervers” – nicht über die Politik sondern über den Protest dagegen.

Das macht die Spaß-Guerilla zu Michael Moores von heute, nur humorvoller, mutiger, weniger selbstgerecht. Und weil man ihrem scheuen Charme fast unvermeidlich erliegt, weil der Erfolg ihrer Aktionen scheinbar niemanden so sehr überrascht wie die Aktionisten selbst, dürfen auch Filme über ihr Engagement sein, was sachliche Dokumentationen eigentlich nicht sein dürfen: subjektiv, parteiisch, mal wütend, mal froh. Gerade deshalb aber sollte sie zum Pflichtprogramm marktradikaler Kräfte auf dem ganzen missbrauchten Planeten werden. Der unverfrorenen, zerstörerischen, machtbesessenen Dreistigkeit eines Systems, das ihn zum Spielball ihrer Profitinteressen macht, ist anders kaum beizukommen. Lacht kaputt, was euch kaputt macht!


Das Dienstagsgeheimnis

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Davon abgesehen, dass kurzhaarige Nachrichtensprecherinnen offenbar illegal sind – warum hängt ihnen dann stets eine Haarsträhne links über die Schulter?

Es gab mal eine, bei der hätte das nicht geklappt mit der zeitgenössischen Frisurenuniform im medialen Informationsvermittlungswesen: Dagmar Berghoff. Dafür hatte La Grande Dame der Tagesschau schlicht den falschen Schnitt. Akkurat lag er kurzgewellt am Kopf wie Serepentinen im Hochgebirge. Damals, die Achtziger, eine betonfrisierte Zeit. Aber heute? Haben Nachrichtensprecherinnen zumindest im Ersten seit Susann “Bacall” Stahnke die Haare schön lang, wobei eine Hälfte rechts hinterm Schulterblatt hängt, die andere links vor der Brust. Seltsam. Aber erklärbar.

Meint jedenfalls Linda Zervakis, gesegnet mit dem dunkel-dichten Bewuchs ihrer griechischen Ahnen. Damit die Matte nicht am Mikro scheuert, erklärt das neue Nachrichten-Gesicht seine Strähnenjustierung, müsse sie halbseitig sichtbar sein. Wobei da doch ein paar Fragen bleiben. Warum nicht (sorry, liebe Antifa) mal rechts vor links? Warum nicht alles hinterrücks oder, ein radikaler (fast schon der ZDF-Kolaboration verdächtiger) Vorschlag, einfach mal Haar ab wie bei Margit Slomka?

So weit kommt’s noch, bei der bürokratischen ARD, wo Adenauer unverdrossen durch die Gremien hustet! Also gibt‘s nur eine Erklärung für die Unwucht: Mit der freien Schulter symbolisiert die Welterklärerin den männlichen, vulgo seriösen Teil ihrer Rolle; mit der bedeckten den femininen, vulgo anlehnungsbedürftigen. Soll ja keiner denken, Emanzipation reiche bis ins bürgerliche Hamburg-Lokstedt. Da könnte nachrichtenfrau gleich Jackett ohne T-Shirt drunter tragen.


Stimmenbruch & Nachtspielzeiten

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

10. – 16. August

Nachrichten sind ein knallhartes Geschäft. Gerade in Krisenzeiten wie diesen bedarf es einer gehörigen Portion Distanz, um im Wellenbad katastrophaler Neuigkeiten nicht Schaden zu nehmen an der Nachrichtensprecherseele. Umso rührender war es vorige Woche, Klaus Kleber zu beobachten, wie ihm angesichts einer seltenen Nachricht über echte Willkommenskultur für Flüchtlinge in Deutschland die Stimme brach. Langsam, aber hörbar, vor allem: spürbar. So viel Mitgefühl ist selten, im knorrigen Metier täglicher News.

Das Klebers ebenso empathische ZDF-Kollegin Dunja Hayali übrigens zeitgleich vom Spätabend zurück ins nette, aber belanglose Frühstücksfernsehen schickt. Vier Wochen lang bot ihr Donnerstalk eine frische Abwechslung zum Gesprächseinerlei von Jauch bis Illner, jetzt dürfen die Platzhirsche wieder ran. Hoffentlich kommt die sympathischste Stimme des Informationswesens bald zurück ins Rampenlicht.

Aus dem die geistig schlichten, aber bestens verdienenden Auto-Reporter um den britischen TV-Star Jeremy Clarkson fast verschwunden waren. Hofften zumindest alle Menschen mit höherem IQ als ein Kleinwagen PS hat. Nun aber kehrt der gefeuerte Moderator des Automagazins Top Gear auf den Bildschirm zurück. Angeblich bietet ihm Amazon Prime für 36 Folgen einer Online-Show umgerechnet 250 Millionen Euro, also gut sechs Millionen pro Folge. Das sind Dimensionen weit jenseits von denen des Fernsehens und belegen irritierend, auf welche Konkurrenz es sich künftig einzustellen hat.

Bleibt abzuwarten, wie die Platzhirsche darauf reagieren. RTL2 zum Beispiel zerrt ab Montag nach drei schönen Jahren Pause das einst florierende Pro7-Produkt Popstars aus der Grube, die vor 15 Jahren unterm Regiment von Detlef D. Soost eine Band namens No Angels hervorgebracht hatte. Ob die „Mutter aller Castingshows“ nach dem Ende des Genre-Booms noch funktioniert? Na ja…

0-FrischwocheDie Frischwoche

17. – 23. August

Da schauen wir uns doch lieber an, was wirklich ernst zu nehmendes Fernsehen so im Angebot hat. Vorweg: Gar nicht wenig. Wenngleich natürlich wie so oft fern der Wahrnehmbarkeit. Das ZDF etwa versteckt sein preisgekröntes bulgarisches Drama Die Lektion nach realen Begebenheiten um eine kriminelle Lehrerin, die ihre Schüler gleichzeitig vorm Verbrechen warnt, heute eine knappe halbe Stunde nach Mitternacht. Nochmals 20 Minuten später läuft am Mittwoch Die Elbphilharmonie, eine entwaffnende Doku über Hamburgs teuerste Baustelle, die ihre Kosten auf fast eine Milliarde vervielfacht hat. Tags zuvor kriegt Stefanie Schoeneborns und Christiane Hoffmanns äußerst aktuelle Doku Der Buchhalter von Auschwitz über den grad beendeten Prozess gegen SS-Mann Oscar Gröning zwar eine akzeptable Sendezeit (19 Uhr), aber einen abseitigen Sendeort (ZDFinfo).

Und dreieinhalb Stunden später bleibt für Steven Soderberghs hochgelobte Serie The Nick mit Clive Owen als drogensüchtiger Arzt eines New Yorker Krankenhauses Rassismus, Hygienedesaster, Ärztepfusch und Hierarchie-Irrsinn im Jahr 1900 der Schwesterkanal Neo. Wo im Übrigen auch Jan Böhmermanns grandioser Satire-Talk Magazin Royale am Donnerstag (22.15 Uhr) aus der Sommerpaus zurückkehrt.

Etwas besser hat es Nachspielzeit: Das leichtfüßige, aber authentische Drama vom Brennpunkt Neukölln übers Scheitern der Integration zwischen Besitzstandsdenken und Gentrifikation im Fußballmilieu zeigt der immerhin eingeweihten Kreisen bekannte Kulturkanal Arte am Freitag um 20.15 Uhr. Bemerkenswert an dem sehenswerten Film besonders: Mehmet Atesci als junger Deutschtürke, der sich mit Nazis und Investoren anlegt. Apropos Investoren: Am Montag läuft die nächste Runde im öffentlich-rechtlichen Dauersponsoring vom FC Bayern, dessen Benefizspiel gegen Dresden ab 17.40 Uhr übertragen wird. Danke ARD.

Danke Arte! Für die Wiederholung der Woche, in Farbe: Die durch die Hölle gehen, Michael Ciminos Meisterwerk von 1978 über zwei Jäger (Christopher Walken, Robert de Niro) im Vietnamkrieg (Sonntag, 20.15 Uhr). Und in schwarzweiß, Montag um 20.15 Uhr: der Defa-Klassiker Das Beil von Wandsbek von 1951 über einen Hamburger Schlachter, der aus Geldnot zum SS-Henker wird. Keine Anklageschrift, sondern einfühlsames Psychogramm.


Spechtl, Ratatat, Author & Punisher

Sleep

Andreas Spechtl ging es noch nie um Verständnis und Konsens, gar Beifall oder Lob – weder als Experimentalrocker im Burgenland noch als Herz der verkopften Progpop-Band Ja, Panik im Berliner Exil und erst recht nicht im Projekt Sleep, mit dem er die Suche nach Wohlklang im Duktus der Dissonanz zugleich verfeinert und vergröbert. Auch auf seinem selbstbetitelten Solodebüt erweist sich der Österreicher als Jäger und Sammler eines Sounds, dessen Zusammensetzung kaum einer Harmonielehre folgt, aber seltsam einträchtig klingt.

Sinneswach und neugierig schleicht er barfuß durch die „Polyrhythmik unserer Biospähre“, um herumliegende/fliegende/stehende Töne zu ertasten, die seinen Vorstellungen musikalischer Haptik genügen. Kompiliert zu acht flächig arrangierten Liedern gehen da gleich zum Auftakt gewittrige Trompetenschauer über sommerlich weiche Basswiesen nieder, die Spechtls Stimmwatte in englischer Sprache auf fortan mal mit irritierenden Saxophonfetzen, mal eklektischem Field-Recordings den Flausch aufrauen. Spechtls Welt der Kakophonie, zu schön um schief zu sein.

Sleep – Sleep (Staatsakt/Caroline)

Author & Punisher

Was Tristan Shone als Author & Punisher zur neuen Platte Milk en Honing verlötet, ist demgegenüber zu schief, um schön zu sein. Unterlegt vom fatalistischen Gebrüll des (auch mal ganz schön) chronisch übellaunigen Kaliforniers scheppert da acht überdehnte Tracks lang Stahl auf Stahl, Stromgitarre auf Verzerrungsfuror, Fabriksample auf Urknalldröhnen, dass man für die passende Atmosphäre auch am Strand von San Diego liegen könnte – selbst Shones sonnige Heimat würde beim Klang dieser Platte darker wirken als jeder Strobokeller. So weit so stumpf? Mitnichten!

Wie den Alben zuvor wohnt auch Nr. 6 die sonderbare Magie des brachial Unzugänglichen inne, das viele Schranken ins Gemüt überwindet. Author & Punisher, der nicht ohne Grund beim Label des Grölmetallers Phil Anselmo erscheint, entwickelt ein Volumen, das den selbstreferenziellen Materialtests des Industrial fast schon Liedstrukturen verpasst. Man muss nicht schlechter Laune sein, um das zu ertragen, man kann sogar bester Laune sein, ohne sie beim Hören einzutrüben. Ein kleiner Dachschaden wäre indes ratsam; Normhörgewohnheiten sind hier ja fehl am Platze.

Author & Punisher – Milk en Honing (Housecore Records)

Ratatat

Mit Hörgewohnheiten ist das allerdings so eine Sache. Wer etwa hätte im Rückblick gedacht, dass eine Band, die bald darauf Stadien jeder Größe füllte, ausgerechnet mit Aberwitz der Art von Bohemian Rhapsodie zum Durchbruch käme? Außer Ratatat wohl keiner. Die zwei Kalifornier bewegen sich ja äußerst erfolgreich in Queens musikalischem Ideenkosmos – und das trotz ihrer Jugend noch nicht mal mit den Mitteln von heute.

Unterstützt durch prähistorische Verstärker, Vintage-Gitarren und dem spinettartigen Orgelsound aus Freddy Mercurys Jugend zaubert das New Yorker Duett eine Sinfonie des Indietronic aufs neue Album, die sich an tollen Vorbildern dieser verspielten Mashup-Variante des digitalen Pops messen lassen darf. Französische Frickelgiganten von Air bis Phoenix suppen frontal in Magnifique hinein, das kindliche Genie von Retro Stefson oder Vampire Weekend zudem seitlich, alles überlagert von Krautrock, Queen und allem, was die Siebziger zu geben haben. Jeder Track ist ein Mixtape verknallter Schüler beim Balzen um die Schönste im Klassenraum der Popmusik. Zum Tanzen, Wippen, Verlieben.

Ratatat – Magnifique (Because Music)


Interview-Classics: Phil Collins

Warum diese Eitelkeit?

Zum Geburtstag seines Musicals Tarzan ist Phil Collins (Foto@Stage Entertainment) mit seinen zwei jüngsten Söhnen nach Hamburg gekommen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Fünf Jahre später zeigen die freitagsmedien das Gespräch über Männlichkeit, Selbstwertgefühl, Körperkult, leichte Musik und sein erstes Schlagzeug.

Interview: Jan Freitag

Phil Collins: Sie sind ja ganz außer Atem. Sind Sie gerannt?

Nein, ich hatte gerade ein Fußballspiel.

Als Spieler? Gewonnen?

Ja, 3:2, aber das ist unterste Amateurliga in Hamburg. Hat Ihr Team gewonnen, die Tottenham Hotspurs?

Sicher, sie haben gestern Portsmouth 2:1 besiegt, aber ich bin nicht mehr so ein Fan der Spurs wie früher. Das war eher Teil meiner Jugend. Als ich von Nord- nach Westlondon gezogen bin, wechselte ich zu den Queens Park Rangers und später, als ich viel mit den Genesis unterwegs war, wurden wir Freunde von Liverpool, die gestern unglücklich verloren haben. Ich verehre eher gutes Spiel wie jetzt von Manchester United, so wie meine beiden Jungs, sie sind große Fans von Rooney und Ronaldo. Richtig glühende Fußballleidenschaft hat viel mit dem Alter zu tun.

Und dem Geschlecht.

Selbstverständlich.

Wollen wir über Männlichkeit sprechen?

Warum nicht.

Hat Sie eine Relevanz für Sie als Mann?

Ich nehme Sie als Tatsache hin.

Sind Sie eher ein physischer oder ein intellektueller Typ Mann?

(lacht) Tja, ich bin wohl nicht gebildet genug, um wirklich ein intellektueller Kerl zu sein. Aber davon abgesehen war ich früher deutlich körperlicher als heute. Schlagzeugspielen ist eine ungemein physische Angelegenheit, weitaus mehr als viele andere Instrumente, vom Komponieren ganz zu schweigen. Aber selbst, wenn ich mich in früheren Jahren hingesetzt habe, um zu schreiben, war das etwas völlig anderes im Vergleich zu heute. Damals war ich sogar beim Nachdenken eher physisch, heutzutage überdenke ich meine Physis permanent auf eher intellektuelle Weise.

Ist das ein natürlicher Reifungsprozess?

Auch, sicher. Je älter man wird, desto mehr neigt man zur Analyse menschlichen Verhaltens – das der anderen, idealerweise aber auch des eigenen. Man versucht sich wie seine Mitmenschen zu mäßigen, man verliert an Temperament und Spontaneität. Der Geist siegt in gewisser Weise über den Körper.

Wie würden Sie Ihren Körper beschreiben?

(lacht) Gebraucht. Früher erlangte ich meine Fitness auf der Straße, auf Tour, unterwegs. Heute definiere ich meine Erscheinung viel weiter entfernt von Muskeln, Physis, Form. Ich bin nicht so fit wie ich mal war – und sein sollte (lacht).

Haben Sie als Schuljunge geträumt, eins der Sportasse zu sein?

Nicht wirklich. Als ich 13 war, ging ich ja zur Schauspielschule – mit elf Mädchen, außer mir nur noch ein anderer Junge. Sie können sich vorstellen, dass es eine großartige Zeit für mich war. Außerdem spielte ich damals schon sehr lang Schlagzeug, ich habe mit vier, fünf Jahren begonnen und das war ebenso wie Gitarrespielen eine ziemlich coole Sache.

Musik war also keine jugendliche Therapie zur Verbesserung Ihres Selbstbewusstseins.

Nein, ich habe darüber noch nie viel nachgedacht, es sei denn, man fragt mich konkret danach wie Sie jetzt. Trotzdem hat es mein Selbstbewusstsein natürlich gestärkt, als positiver Nebeneffekt. Aber dass ich überhaupt Schlagzeuger wurde, war totaler Zufall. Ich wurde 1951 geboren, die Nachkriegszeit, alles war knapp und man bekam zum Geburtstag einen Spielzeugsoldaten, ein Spiel, einen Fußball, keine ganze Kollektion von Star-Wars-Figuren, Gameboys, Spiele, von allem reichlich. Und ich hab eben ein Schlagzeug gekriegt.

Weil Ihr Vater Drummer war?

Ehrlich – keine Ahnung warum. Ich weiß noch, wie mir die Kinnlade runterklappte, aber meine Schwester war Eisläuferin, mein Bruder Cartoonist, also standen wir in gewisser Weise am Rande des Showgeschäfts, mehr steckt nicht dahinter.

Gerade darin entsprechen sie nicht dem gängigen Typus des Popstars. Hatten Sie je Probleme mit der Selbstachtung?

Im Alter langsam schon (lacht). Wenn ich in einer Bank arbeiten würde, wäre das viel wahrscheinlicher, aber in meinem Business ist das etwas schwieriger zu beantworten. Aber nein, glauben Sie mir: Ich hatte nie schlaflose Nächte wegen mangelnder Selbstachtung, war jedoch immer (überlegt lange) … sehen Sie, je öfter man liest, dass man nicht wie ein traditioneller Popstar aussieht, dass man sich optisch von den Ansprüchen dieser Branche und ihrem Publikum unterscheidet, dann beginnt man irgendwann, darüber nachzudenken und gerät in Gefahr, tatsächlich an Selbstwertgefühl einzubüßen. Ich hatte also lange Zeit keine allzu hohe Meinung von meinem Äußeren, aber das bezog sich nur auf den Abgleich mit dem öffentlichen Bild von mir.

Sie haben es nicht zu einem Problem gemacht?

Niemals. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass mir die Maskenbildner in den Achtzigerjahren, als ich zu einer öffentlichen Person wurde, wegen meines schütteren Haars ständig aufwändige Haarbehandlungen aufzwängen wollten, bis ich fast wie ein Plüschtier aussah. Das hab ich ziemlich schnell abgelehnt, weil es nicht nur albern aussah, sondern auch mehr gestört hat als Unperfektion aus Sicht der Popindustrie und zeigte mir, dass mein Aussehen andere offenbar weitaus mehr gestört hat, als mich selbst. Ich bin ein Schlagzeuger und es ist Musik, versehen Sie? Rod Steward hat sich herausgeputzt, wenn er den vorderen Bühnenrand betrat, ich habe mich herabgeputzt wenn ich an den hinteren Bühnenrand ging. Jetzt, als Musical-Komponist, verschwinde ich ganz dahinter. Also warum die Eitelkeit? Vor 30, 40 Jahren haben die Menschen in der Musikbranche weniger über so etwas nachgedacht als heute.

Jetzt malen Sie sich die Vergangenheit schön.

Nein, wenn man eine zu große Nase hatte, hielt man sie eben nicht in die Mitte des Plattencovers. In den letzten 20 Jahren hat das Image in allen Bereichen eine größere Bedeutung gewonnen. Überhaupt waren Musiker auf Schallplatten seltener, mal abgesehen von den ganz großen wie den Stones. Es war eine symbolischere Zeit.

Sie waren auf all ihren Soloplatten so groß zu sehen.

Aber doch so groß, dass ich kaum hineinpasst, weil es so ungeheuer persönlich war, was ich verarbeitet habe. Face Value zum Beispiel, mein erstes Soloalbum, war die Verarbeitung meiner Scheidung und allem, was damit zu tun hatte, eine düstere Zeit, aber auch eine produktive. Und darum geht es doch in der Musik: Gefühle hineinzulegen und auszudrücken. Darum musste man auch meinem Gesicht so nah wie möglich kommen können. Auf No Jacket Required ging es mir dann wieder besser, also wurde das Cover farbig. Bei Hello I Must Be Going hatte ich neue Perspektiven, also blickte ich zur Seite. Es sind Stimmungsbilder.

Bei denen auffällt, dass sie im Laufe Ihrer Karriere immer unkomplizierter werden, verglichen mit den Anfängen bei Genesis.

Das kann schon sein, aber die Vertracktheit von Genesis war auch der Ausdruck seiner Zeit wie jede Musik, die man macht. Ich komponiere nicht mehr viel, aber eines der fünf Lieder, die ich in der letzten Zeit geschrieben habe, klingt für Außenstehende womöglich simpel – nur ein Klavier und ich. Aber gerade diese Reduktion macht es unheimlich komplex, weil der Kopf sich mehr dazu mehr eigene Bilder erstellen muss.

Dennoch gilt das Musical als besonders unkomplizierte Musikrichtung.

Sicher, Tarzan ist massentauglich, aber ich betrachte es auch mehr als ein Projekt, um meiner Abkehr von der Popmusik eine konkrete Richtung zu verleihen.

Der Held ist eine ungeheuer physische Figur. Welche Relevanz hat sie in unserer Zeit?

Das ist eigentlich ein Missverständnis von Edgar Rice Burroughs Roman. Unser Bild von Tarzan ist geprägt durch frühe Cartoons, die Filme mit Johnny Weissmüller, wo die Figur muskelbepackt, stark und impulsiv ist. Als wir für sie für das Musical in New York, Holland oder Hamburg gecastet haben, suchten wir einen eher zerbrechlichen Typ, kein Produkt täglicher Workouts im Fitnessstudio. Genau solche aber haben sich massenhaft beworben, weil das dem Bild von Tarzan entspricht, aber auch dem des Durchsetzungsfähigen in der Wildnis. Wir wollten aber das genaue Gegenteil, eine stinknormale Person.

Wie Greystoke.

Genau, Christopher Lambert, eine der wenigen realistischen Adaptionen. Ein Charakter, der seine Kraft eher aus dem Geist schöpft, den Körper aber dennoch im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzt. Das ist gegenwärtig doch die viel zeitgemäßere Eigenschaft. Deswegen passt Tarzan je nach körperlicher Ausgestaltung in jede Zeit, es geht ums Überleben im  Dschungel, ob aus Pflanzen oder Beton. Physische Stärke ist heutzutage doch eher Accessoire als Grundlage.

Stört Sie die enorme kulturelle Bedeutung von Körper, Form, Schönheit da umso mehr?

Absolut. Und zwar auch aus eigener Erfahrung, ihr nicht gerecht werden zu können. Es gibt zwar bestimmte Genres, in denen es völlig okay ist, wie Pete Doherty auszusehen (lacht), aber meistens wird doch ein ganz anderer Typ erwartet. Vor allem Frauen werden unsäglich auf ihren Körper reduziert. Je höher die kommerziellen Erwartungen an sie sind, desto stärker repräsentieren sie den Venus-Typ – in der Werbung, in Filmen, der Musik. Die Gesellschaft erwartet es von ihnen und weil die Protagonistinnen dieser Erwartung gerecht werden wollen, wird sie immer weiter verfestigt. Es ist ein Teufelskreis.

Dem nur wenige entrinnen wie die Schauspielerin Tilda Swinten.

Ja, so was ist äußerst selten. Diese körperliche Stilisierung des Perfeken zerstört die Selbstachtung vieler Menschen und hat Auswirkungen bis in Bereiche, wo es eigentlich keinerlei Relevanz haben sollte. Ein Politiker mit dem Auftreten eines Winston Churchill ist zumindest in England heutzutage kaum noch denkbar. Ich will gar nicht sagen, dass Bill Clinton oder Tony Blair keine guten Politiker sind, aber beide haben die Standards für äußerliche Sekundärtugenden des smarten Repräsentanten enorm erhöht. Bei einem Churchill hat das gesprochene und geschriebene Wort das Image geformt, heute ist es eine jugendliche Ausstrahlung im gereiften Körper. Unsere politischen Führer sehen – mal abgesehen von Gordon Brown – alle gleich aus, nicht grad Yuppies, aber doch kreierte Images. Es sind Verkäufer.

Und die Wähler Konsumenten.

In der Tat. Unser gesamtes Umfeld ist doch Ergebnis einer einzigen großen Verkaufsstrategie: Selbst untere Einkommensschichten haben zwei Autos, Flatscreens in jedem Zimmer, alles ist ein einziges großes Wollen, das andere so neidisch macht, bis sie die Ansprüche noch höher schrauben.

Sie haben keine zwei Autos und Flatscreens in jedem Zimmer?

Nein, ich habe ein fünf Jahre altes Auto, und Sie wären überrascht wie klein mein Haus ist. An einer Straßenecke eines kleinen Dorfes in der Schweiz. Gut, ich habe noch ein Appartement in New York, das ich mir nach dem Start von Tarzan zugelegt habe, aber auch aus dem Grund, dort vielleicht mal mehr Theater zu machen. Alles in allem führe ich nach der Scheidung ein eher einfaches Leben.

Nach welcher Scheidung – der letzten?

Oh Gott! (rammt sich symbolisch einen Pflock ins Herz). Ja, der dritten. Und ich habe ehrlich nicht das Gefühl, eine vierte zu brauchen. Ich bin offenbar dazu bestimmt, allein zu sein. Und welche Frau würde wohl jetzt noch meine Hochzeitsabsichten ernst nehmen?

Zumal Sie in Kürze 60 Jahre alt werden.

Oh Gott – das kommt hin!

Klingt nicht sehr begeistert. Wird dich etwas ändern?

Ach, den größten Schritt habe ich ja bereits vollzogen habe, seit ich mich auf die Familie konzentrierte. Ich will meine Jüngsten aufwachsen sehen, fahre sie zu Schule, zum Fußball und genieße das sehr.

Keine Konzerte mehr?

Das letzte Mal bin ich bei einem Schulfest meines achtjährigen Sohns Nicholas aufgetreten. Aber die Zeit der Tourneen ist endgültig vorbei und das vermisse ich auch nicht. Durch meine Familie ist mir klar geworden, dass Karriere nicht mehr so wichtig ist. Ich werde nie aufhören, Musik zu machen und nehme gerade ein Coveralbum mit 30 Motown-Klassikern.

Aber ein Popstar sind Sie nicht mehr.

So sieht es wohl aus.

Haben Sie Ihr erstes Schlagzeug eigentlich aufgehoben?

Nein, leider. Ich habe auch keine Ahnung, wann es mir verloren gegangen ist und würde einiges darum geben, wenn es wieder auftaucht.

Hängen Sie auch sonst an Dingen der Vergangenheit?

Sehr, ich brauche sie als Speicher meiner Erinnerung. Deshalb bin ich auch das kollektive Gedächtnis meiner Familie. Dafür bräuchte ich dann doch ein größeres Haus.


Peace’n’Pop: Frieden & Katastrophen

Protestkunst

Die Dokumentation Peace’n’Pop verdichtet den Arte-Schwerpunkt zum Frieden fast 100 Minuten lang zum Lehrstück über Macht und Ohnmacht der Protestkultur. Auch dank vielfältiger Zeitzeugen wie Ken Follett ist das weit mehr als eine unterhaltsame Nummernrevue.

Von Jan Freitag

Der Krieg hat keine Melodie, allenfalls Rhythmus. Krieg stampft, marschiert, er rattert, knallt und lärmt wie billiger Techno. Und falls der Krieg doch mal eine Poesie findet, ist es die der Trennung, des Hasses, Gefechtslyrik gewissermaßen: Copkiller, Arschficksong, Deutschland Deutschland über alles. Kein Wunder, dass Gewalt sang- und klanglos daherkommt. Musik, erklärt Thomas Hübner, besser bekannt als Clueso, im Arte-Zweiteiler Peace’n’Pop, sei ja „das Esperanto der Kommunikation“, sorge also für Verständigung über Barrieren, Grenzen, Schlagbäume hinweg. Musik ist die Antithese zur Gewalt. Sie steht für Harmonie und Einvernehmen. Für Frieden.

Peace!

Doch Baez und Lennon, Blumenkinder und Folkbarden, Pazifisten und Beatniks – sie alle mögen ihm noch so innbrünstig „a chance“ geben; weil wahrer, ganzheitlicher, nicht nur militärischer, auch sozialer Frieden höchstens in der (zugegeben schönen) Fantasie existiert, hat Musik doch mehr mit Krieg zu tun, als vielen Künstlern lieb ist. Von dieser Schnittstelle handelt Christian Bettges‘ sehenswerte Analyse künstlerischer Ausdrucksformen in der Kakophonie menschlicher Spannungen jeder Art, die den Sommerschwerpunkt des Kulturkanals zum Thema Kultur & Kampf in rund 100 Minuten bündelt.

Sieben Jahrzehnte lang reist der Autor von Pop 2000 durch die jüngere Geschichte kultureller Konfliktbegleitung und wird dabei so umfassend fündig, dass er weit mehr als den Soundtrack unserer kriegerischen Gegenwart liefert. Bettges verknüpft die Bilderflut des medialen Zeitalters so geschickt und schlüssig zur Sinfonie renitenter Ästhetik, dass deutlicher wird, warum die Ära der Protestsongs erst nach dem furchtbarsten aller Kriege begann. Startschuss 1945.

Schon ein Jahr später begann nach den Völkerschlachten vorangehender Epochen das Zeitalter der Stellvertreterkriege. Seit Frankreich in Indochina unterm Vorwand kommunistischer Gefahrenabwehr sein Kolonialreich verteidigte, was die USA 1950 in Korea fortsetzten, wurde die Existenzfrage somit räumlich abgeschoben. Statt vor der eigenen Haustür floss das Blut nun ferner der Heimat. Erst diese Distanz, so Bettges, ließ aus der Sicherheit körperlicher Unversehrtheit heraus jenen Widerstand gegen das gottgewollte Recht auf Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln florieren, den die Hörweite detonierender Granaten zuvor unterdrückt hatte.

Weil die nukleare Weltvernichtungsgefahr jener Tage zugleich das Rock’n’Roll-Credo vom hedonistischen „live fast, die young“ befeuerte, blieb Emanzipation aber nie auf den Bellizismus der Elterngenerationen beschränkt. Ungehorsam, Drogenrausch, langes Haar, Love-Parade: Zwischen Angst und Spaß befreiten sich die Unterdrückten überkommener Konventionen nach und nach von allen Fesseln der Altvorderen – die darauf verlässlich mit Repression reagierten. Um diese Eskalationsspirale zu illustrieren, hat Christian Bettges nicht nur plakatives Archivmaterial gefunden, sondern allerlei redselige Zeitzeugen: Maler, Rapper, Modemacher, Alt-68er, Ken Follett, Bettina Wegner, wer auch immer dabei war. Oder ist. Wie besagter Clueso.

Zum Glück macht der Regisseur daraus im Gegensatz zu seiner preisgekrönten ARD-Reihe Pop 2000 nicht nur eine unterhaltsame Nummernrevue zeitgenössischer Kreativität; Peace’n’Pop ist ein Lehrstück über Macht und Ohnmacht des Ungehorsams. Vor 16 Jahren, erklärt Bettges die Entwicklung, habe noch „großes Abgrenzungsbedürfnis zum Protestsong in Wollsocken“ bestanden. Seit 9/11 definieren sich junge Künstler wie Anfang der Achtziger wieder explizit politisch. Von diesem Wandel handelt der zweite Teil von 1979 bis heute.

Dummerweise will Bettges auch darin zu viel und zu wenig zugleich. Er schlägt den ganz großen Bogen der Protestkultur, springt von Vietnam über Techno zum War on Terror, blickt auf Zombiefilme, Punkrock, Mainstream und Off-Art, begleitet Ostermärsche, Sitzblockaden, Attac-Demos, spart abgesehen vom kurzen Schwenk auf Ballerspiele die Gegenseite der popkulturellen Politisierung zum Guten jedoch aus.

Dabei hat auch die ihre Lieder, Kunst und Kreationen. Horst Wessel, Kid Rock, Böhse Onkelz, Rednecks, Rechtsrocker und nicht zu vergessen all die Promis medial vermittelter Konflikte, deren Frontbesuch den Kampfesmut stärken sollte und soll: Marlene Dietrich, Marilyn Monroe, Chuck Norris, Jessica Simpson, zuletzt gar der deutsche Techno-Star Paul Kalkbrenner auf Stippvisite bei der Bundeswehr in Kunduz. Das ist keineswegs verwerflich, aber gewiss kein Pop zum Peace. Vielleicht ganz gut, ihn hier nicht zu hören. Ein Friedenslied von Lennon klingt allemal schöner.


Kleinblockbuster & Heldenbeschau

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

3. – 9. August

Range, Maaßen, Beckedahl – das Sommerloch produziert gern Tagesschau-Stars, die darin selten zu sehen sind. Der Generalbundesanwalt, Deutschlands oberster Verfassungsschützer und ein leidlich bekannter Netzjournalist erregen sonst allenfalls die Gemüter medial Eingeweihter. Aber da sich Griechenland grad ein wenig beruhigt, in der Ukraine kaum geschossen wird und selbst die größten Mitgefühlsreserven irgendwann mal erschöpft sind angesichts des Flüchtlingselends in aller Welt, dominiert das aberwitzige Ränkespiel um vermeintlich illegal publizierte Staatsgeheimnisse seit Tagen die nachrichtenarme Zeit.

Das ist gut so und wichtig, aber doch ein bisschen seltsam. Schließlich lockt die Pressefreiheit ansonsten allenfalls Betroffene hinterm Ofen bundesrepublikanischer Behaglichkeit hervor. Quote ist mit ihr jedenfalls ebenso wenig zu machen wie Werbung, zumal mit Spotpreisen wie beim Superbowl, dem Finale der amerikanischen Football-Liga NFL. Bei der Übertragung im Februar liegen sie wieder oberhalb von 150.000 Dollar – pro Sekunde, nicht pro Spot. Dieser Irrsinn ist jedoch längst so normal, dass zuletzt keiner über 4,5 Millionen plus Herstellungskosten für einen Halbminüter debattierte, sondern eher darüber, dass die kommerziellen Kleinblockbuster im Februar 2016 erstmals auch ins Netz gestreamt werden.

Aus deutschen Landen ist da höchstens mitteilenswert, dass der „Musikantenstadl“ unter leicht verjüngter Moderation künftig Stadlshow heißt, womit das Erste offenbar jene Alterskohorte im Visier hat, die ZDFneo zurzeit mit Blockbustaz versorgt. So heißt der Gewinner des vorjährigen TV-Labs, mit dem der Spartenkanal sein Publikum über die Serientauglichkeit neuer Formate abstimmen lässt. Fragt sich nur, über wen das siegreiche Schultheater mit Eko Fresh und Ferris MC als liebenswerte Plattenbau-Loser mehr sagt: Die Zuschauer, die solchen Klischeemüll wählen. Oder den Sender, der ihn überhaupt zur Wahl stellt.

0-FrischwocheDie Frischwoche

10. – 16. August

Um Angebote zu finden, die gegen Sender und Zuschauer sprechen, muss man sonst eher ins private Milieu zappen. Zu Sat1 etwa, wo man es ab Mittwoch für geboten hält, 25 Jahre Einheit vorab mit einer Bild-kompatiblen Heldenbeschau namens Wir sind Deutschland zu feiern und Freitag drauf den Container von Promi Big Brother mit Kalibern von Nino de Angelo bis Menowin Fröhlich zu füllen, deren Existenz ja vor allem den ganz alten oder ganz schlichten Konsumenten bekannt sein dürfte.

Was noch vor wenigen Jahren höchstens ein paar Nachtschattengewächsen in schlecht belüfteten Zimmern bekannt gewesen sein dürfte, sind hingegen Zombie-Fiktionen. Seit dem unfassbaren Erfolg von Walking Dead jedoch beißen sich die Untoten übers frei empfängliche Fernsehprogramm zusehends in gewöhnliche Wohnstuben. Gerade ist bei Pro7 die unerbittlich gruselige US-Serie „The Strain“ angelaufen, da legt Sixx donnerstags zur besten Sendezeit mit der nächsten Comic-Adaption nach: iZombie handelt von einer Pathologin (Rose McIver), die anders als andere Zombies zwar blass, aber bombig aussieht und nur Gehirne von Mordopfern isst, von denen sie sodann Erkenntnisse über den Tathergang sammelt. Das ist von so gravierender Dummheit, dass man es glatt schon wieder mögen könnte.

Vielleicht sollte man doch lieber gleich die lebenden Untoten der Fußball-Bundesliga ansehen, mit denen am Freitag live im Ersten die neue Saison startet: Zum Auftakt tritt der HSV bei Meister Bayern an, wo die hanseatischen Zombies abermals versuchen, ihr hirntotes Überleben zu verlängern. Eine spannende Doku, in der es irgendwie auch um Artenschutz geht, läuft Mittwoch im Zweiten. Aus Liebe zum Tier heißt das Schmuckstück, in dem die Reihe ZDFzoom radikale Umweltschützer fragt: „Wie weit dürfen Aktivisten gehen?“, aber nicht moralinsauer wie gewöhnlich, sondern ergebnisoffen.

Das erinnert an die farbige Wiederholung der Woche: Christian Petzolds Kinodebüt Die innere Sicherheit (2000) mit der blutjungen Julia Hummer als Kind fliehender Terroristen, das im Untergrund die Liebe entdeckt  (Montag, 22.45 Uhr, WDR). Schwarzweiß ist dagegen der Spätwestern vom Mann, der Liberty Vance erschoss (1962, Freitag, 21.50 Uhr, Servus) mit James Steward als Senator, der seine Karriere auf ein Duell begründet, das nie stattfand. Die „Doku der Woche“ heißt passend zur abstrusen Vergabe der Olympischen Winterspiele an Peking: China, die neue Supermacht (Dienstag, 20.15 Uhr, Arte.