Linda Zervakis (Foto@Thu Thuy Pham) ist die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund. Den Summer of Peace auf Arte präsentiert die Hamburgerin mit griechischen Eltern seit zwei Wochen allerdings wegen der kriegerischen Nachrichtenlage. Ein Gespräch über die Bürde der Herkunft, Role Models, Stilldemenz und warum ihr oft eine Locke über der Schulter hängt.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Zervakis, bislang lagen die Moderatoren der Arte-Sommer auf der Hand: Scooter hat seine technoiden 90er präsentiert, Samy Deluxe den Soul, Katja Ebstein die Sixties. Was bitte prädestiniert Sie für den Summer of Peace?
Linda Zervakis: Weil Konflikte jeder Art seit vergangenem Sommer die Nachrichten oft komplett füllen, wollte Arte den Fokus wohl mal in Richtung Frieden verschieben und hatte dabei offenbar das Bedürfnis, der Katastrophenfrau von der Tagesschau mal eine Leine zuzuwerfen, damit auch sie mal aus dem dauernden Verlesen von Krisen rauskommt (lacht).
Wobei die Katastrophenfrau das popkulturelle Thema dann politisch erden soll?
Klar, sonst hätte man ja Nicole nehmen können. Aber die hatte wohl keine Zeit… Ich dagegen bin in Elternzeit und stehe trotz aller Krisenthemen schon für die sachliche Seite des Friedensthemas.
Sind Sie denn nur krisengestählt oder auch friedensbewegt.
Ich gebe zu, noch auf keiner Friedensdemo gewesen zu sein. Stattdessen bin ich damit beschäftigt, meinen inneren Frieden zu Hause zu finden Das liegt aber auch daran, dass mich die tägliche Konfrontation mit den Krisen der Welt, die weit über das hinausgehen, was wir letztlich in den Nachrichten sehen, manchmal extrem demotiviert, dagegen öffentlich aufzubegehren. Es ist eine gewisse Ohnmacht, die sich in mir breit macht. So gesehen eröffnet mir die Zusammenstellung des Summer of Peace die Möglichkeit, mich daran zu erinnern, dass wir nicht ohnmächtig sind! Weil es den Zustand absoluten Friedens bislang eigentlich noch nie gab, wäre alles andere als Misanthropie allerdings dennoch utopisch.
Definieren Sie Frieden da im militärischen Sinne als Abwesenheit von Krieg oder im Sinne von Baruch de Spinoza und Johann Galtung als Abwesenheit von Ungleichheit?
Oha, jetzt fordern Sie meine Stilldemenz aber heraus! Also Abwesenheit von Krieg wäre ja schon mal ein schöner Schritt Richtung Frieden, aber mein Begriff davon basiert schon eher auf einer gesellschaftlichen Gesamtlage. Was allerdings bedeutet, dass wir uns angesichts der Ungerechtigkeit in aller Welt dauernd im Kriegszustand befänden. Es ist kompliziert…
Welche Situation herrscht denn dann zum Beispiel in Ihrer zweiten Heimat Griechenland?
(verdreht lachend die Augen) Na bitte!
Na, bei der ersten Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund kann man das Thema Herkunft ja nicht aussparen. In Griechenland herrscht zwar keine Waffengewalt, aber schreiende Ungerechtigkeit. Lebt das Land in Frieden?
Sicher nicht. Was Griechenland aber vom Kriegszustand unterscheidet, erlebe ich jedes Mal, wenn ich da bin: Die Menschen bewahren auch im Schlechten das Gute in ihren Herzen, teilen das Wenige, das sie haben, und lassen sich nicht unterkriegen. Griechenland wird niemals seine Seele verlieren; das Herz am rechten Fleck zu haben, beseitigt keine Krise, aber seine Wärme ist die einzig richtige Antwort auf den Krieg oben gegen unten, der alten Eliten gegen das Volk, die die Last der Reformen alleine tragen müssen. Das Miteinander bleibt freundlich, der Hilfsbereitschaft tut all dies keinen Abbruch. Das finde ich großartig.
Das klingt, als sei Ihr eigenes Herz dem Land Ihrer Ahnen näher als dem Land, wo Sie geboren und aufgewachsen sind.
Ich vergleiche Deutschland und Griechenland mit zwei Schülern derselben Klasse: Da gibt es immer den Streber, der alles kann und weiß, den die anderen dafür zwar beneiden, aber auch ein bisschen verachten. Und es gibt den verpeilten Typen, der meistens beliebter ist, aber wenig auf die Reihe kriegt. Die Verpeilten wollen nicht dauernd vom Streber hören, wie es richtig läuft, die Streber hätten gern was von der Lässigkeit der Verpeilten. So in etwa fühle ich mich auch manchmal.
Wann genau zum Beispiel?
Als ich letzten Sommer da war, hat sich eine Bekannte aufgeregt, jetzt Kfz-Steuern zahlen zu müssen. Da denke ich dann: Hey, so läuft das nun mal, wenn man ein Gemeinwesen finanzieren will, merke aber gleich, dass dieser Gedanke ganz klar der deutsche Teil in mir ist.
Welche Rolle hat Ihre Herkunft bislang im Alltag gespielt?
Abgesehen davon, dass unser großes Fest Ostern ist und nicht Weihnachten, eigentlich keine. Bis ich zur „Tagesschau“ gekommen bin – und plötzlich wurde Linda aus Hamburg zur Zervakis aus Griechenland, die dunkle Haare hat statt blonder und nicht Müller heißt, sondern irgendwie ausländisch. Das hat zwar nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, die kenne ich am eigenen Leib gar nicht. Aber merkwürdig ist das schon.
Hat aber ja auch den Grund, dass mit der Tagesschau die nächste Institution durchlässig für nichtdeutsche Biografien geworden ist…
Aber schöner wäre es doch, wenn das endlich nichts Besonderes mehr wäre, also keiner Erwähnung wert. So nach dem Motto: Das ist unsere neue. Punkt. Herkunft egal.
Zumal Ihre Herkunft als Tochter eines Kiosk-Besitzers aus einfachen Verhältnissen, die es auf einen der wichtigsten Posten der Mediengesellschaft gebracht hat, spannender ist.
Gut, ich musste mir mit meinen Brüdern ein Zimmer teilen. Und am Kiosk hab ich die volle Härte sozialer Ungleichheit gespürt, wenn Stammkunden dort ihre Sozialhilfe verflüssigt haben. Dennoch hab ich meine Kindheit nie als schwierig empfunden, obwohl man als Gastarbeiterkind früh das Gefühl bekam, ein bisschen mehr leisten zu müssen als andere. Was ich da vor allem lernen musste, war Hilfe von Menschen anzunehmen, die sich meiner angenommen haben. Und die gab es immer wieder – allen voran meine Eltern, die selber keine gute Bildung haben und gerade deshalb immer darauf bedacht waren, dass wir zur Schule gehen, auf die Lehrer hören, Deutsch lernen. Das haben wir immer beherzigt.
Taugen Sie demnach als Role-Model?
Kommt drauf an, für welche Rolle.
Sich als Frau mit Migrationshintergrund aus schwierigen Verhältnissen in einer Männerbranche durchgesetzt zu haben?
Als in Hamburg geborene Griechin tauge ich dazu im Moment doch schon deshalb nicht, weil die uns Deutschen doch nur das Geld aus der Tasche ziehen (lacht). Ein gutes Beispiel zu sein, das nehme ich gerne an, aber bitte kein Vorbild, der Rucksack ist mir zu schwer. Egal ob wegen meiner Herkunft oder meines Geschlechts.
Letzteres erfordert bei der Tagesschau offenbar einen besonderen Dresscode. Ihre Haar zum Beispiel…
Von denen eine Hälfte immer über die linke Schulter hängt, ich weiß (lacht).
Tauschen Sie beim Summer of Peace die Nachrichtenuniform gegen Batic-Shirts?
Ein bisschen Flower-Power darf es schon sein; den Tagesschau-Blazer lass ich da mal schön im Schrank.
Auch privat?
Wenn ich offizielle Termine wie den hier hinter mir habe, verwandle ich mich – zack! – in die Privatperson und tausche die Highheels gegen Chucks und Jeans. Da freu ich mich schon jetzt drauf.
Reihen wie das FilmDebüt im Ersten bieten dem Nachwuchs erstaunlich prominenten Entfaltungsspielraum – und prominenten Schauspielerin seit gestern wieder die seltene Möglichkeit, sich mal so richtig auszutoben.
Von Jan Freitag
Talentschmieden? Die Privatkonkurrenz reifungsresistenter Schulhofrabauken dürfte sich vor Lachen in die Hochwasserröhre machen, wenn sich ausgerechnet die Öffentlich-Rechtlichen – Altersschnitt über 60 – als nachwuchsfreundlich preisen. Doch die ARD mag in der ominösen Zielgruppe ein Nachfragedefizit haben; das Angebot ist bisweilen jugendlicher als ihr geriatrischer Ruf. Seit 2001 läuft zum Beispiel jeden Sommer das FilmDebüt im Ersten. Zur Wochenmitte dürften Filmschulabsolventen darin einmal jährlich ihre Erst- bis Zweitlingswerke zeigen.
Gut, der Sendeplatz nach den Tagesthemen ist nicht grad allererste Primetimesahne. Daniela Musgiller nennt die Zeit vor Mitternacht dennoch eine „Riesenchance für junge Talente“, um das zu präsentieren, was die federführende Redakteurin des NDR „Gemischtwarenladen“ nennt. Zum Auftakt liegt darin etwa Jan Ole Gersters gefeierte Langspielfilmpremiere Oh Boy, die der Berliner Republik mit Tom Schilling als modernitätsmüdem Lebenskünstler ein schwarzweißes Denkmal von hinreißender Lässigkeit gebaut hat.
Im Stromlinienprogramm haben sperrige Genrestudien wie diese hingegen Null Chance auf Zuschauer ohne Einschlafprobleme. Nach den Hauptnachrichten müssen schließlich Blut, Schmalz und (am besten Freuden-)Tränen fließen, gern verquirlt zum mainstreamtauglichen Cocktail für jedermann, besser noch: jederfrau. Umso überraschender, dass seit 15 Jahren auch ein paar Zwischentöne Raum zur Entfaltung kriegen. Und das beileibe nicht nur im Ersten. Ohne den Druck der Reichweite säen auch andere Sender eifrig Spielwiesen für kreative Selbst(er)finder an.
Was beim SWR Debüt im Dritten heißt, nennen WDR Kinozeit: Debüt und BR Debütsommer, während Das kleine Fernsehspiel im ZDF schon seit 1963 ein Schaufenster für Frischlinge öffnet, die darin erste Gehversuche auf 90 Minuten starten. Aus derlei Foren sind bereits Namen von Fatih Akin und Lars Kraume über Maren Ade, Aelrun Goette bis hin zu Andreas Dresen, Christian Schwochow, Tom Tykwer und sogar Wolfang Petersen hervorgegangen. Allesamt längst Superyachten der fiktionalen Gegenwart – die für ihren Einstieg allerdings weit seltener auf personelle Schützenhilfe der Branche bauen konnte.
Heute dagegen nutzen viele Schauspieler der oberen Gehaltsklasse die Chance, unter der Regie blutiger Anfänger für den Bruchteil normaler Gagen Horizonte auszuloten. Devid Striesow, Sibel Kekilli, Matthias Schweighöfer, Nora Tschirner, Moritz Bleibtreu, Corinna Harfouch oder Bruno Ganz – Kaliber dieser Größe lernen sonst ja eher Drehbücher namhafterer Autoren als Bastian Günther, dessen diesjähriges FilmDebüt Houston kein geringerer als Ulrich Tukur in der Rolle eines alkoholkranken Headhunters bereichert.
Auch Jasna Fritzi Bauer in Wolfgang Dinslages einfühlsamen Coming-of-Age-Drama Für Elise (19.8.) oder Max Riemelt als schwuler Polizist in Stephan Lacants Freier Fall (2.9.) hat wohl weniger die Aussicht auf das Geld als den Abglanz des Unbekümmerten, Neuen, Gewagten gelockt. Zumal für die Leinwand. Denn wie gewohnt wurden acht der neun aktuellen ARD-Debüts nicht eigens für den Bildschirm produziert. Ein paar Drehtage mehr als die TV-üblichen 20 dürften sogar gut gebuchte Darsteller zur Teilnahme überzeugt haben. Und anders als im Kino, wo das Millionenpublikum von Oh Boy im Kreise gefälliger Herbig- bis Schweiger-Zoten zu den anspruchsvollen Ausnahmen zählt, liegt die Zuschauerzahl am Flatscreen selbst um 22.45 Uhr stets im siebenstelligen Bereich.
Mit Regie-Rookies lässt sich also durchaus Quote machen. Was dazu führt, das sogar renditefixierte Kommerzkanäle bisweilen auf Risiko setzen. RTL zum Beispiel hat dem Werbefilmer Philipp Kadelbach schon drei Jahre vor seinem Welterfolg Unsere Mütter, unsere Väter den Riesentopf des Blockbusters Hindenburg anvertraut. Und bei Pro7 durfte sich 1999 ein unerfahrener Kurzfilmer namens Dennis Gansel in abendfüllender Länge mit dem RAF-Thriller Das Phantom ausprobieren, bevor ihm Napola und Die Welle bekannt machten. Während die Branche also insgesamt über Quotendruck, Etatkürzungen und digitale Konkurrenz klagt, scheinen die Möglichkeiten junger Filmemacher zumindest stabil zu bleiben.
Das müssten jetzt nur noch die Programmverantwortlichen bemerken und den Nachwuchs nicht in Nachwuchsreihen Richtung Geisterstunde abschieben, sondern auf die Hauptsendeplätze. Einfach mal eine selbstbewusste 20.15 für Momčilo Mrdakovićs Regiedebüt Mamarosh etwa, das mit seiner federleicht ergreifenden Mutter-Sohn-Geschichte aus dem umkämpften Belgrad der Jahrhundertwende weltweit Preise gewann, im Ersten aber keine Chance auf etwas Prominenteres hat als einen Mittwoch Ende August kurz vor elf. Alles andere, so scheint es, ist staatsvertragswidrig. Sonst ändern sich kurz nach acht noch die Sehgewohnheiten…
So manch musikalische Karriere begann im Backround bekannter Kollegen und Kolleginnen. Auch Sarajane sammelte in der Band von Ina Müller erste Bühnenerfahrungen. Als die Wahl-Hamburgerin mit der auffallenden Frisur dann ihr eigenes Album veröffentlichen wollte, gründete sie mit McNificent Music dafür kurzerhand ein eigenes Label. Ihr Debüt #Step One erschien im März. Welches Album sie auch bei diesem Schritt stets begleitete, erzählt Sarajane im Interview.
Von Marthe Ruddat
Marthe: Sarajane, wir sprechen heute über die Musik, die Dich in besonderem Maße geprägt und begleitet hat. Fällt Dir die Auswahl schwer?
Sarajane: Nein, überhaupt nicht. Das muss einfach die Acoustic Soul von India.Arie sein.
Acoustic Soulist das 2001 erschienene Debutalbum von India.Arie. Es wurde für 7 Grammys nominiert. Mit ihrem Mix aus Soul, Blues und Hip Hop hat die Amerikanerin eine Art neues Genre mittig zwischen Singer/Songwriting und Nu Soul geschaffen.
Das ging schnell! Warum ist die Platte für Dich so besonders?
Weil sie mir meine musikalische Karriere eröffnet hat. Ich habe schon immer heimlich in meinem Zimmer gesungen und auch Gesangsunterricht genommen. Es war aber nie so, dass ich vor Publikum, geschweige denn vor meiner Familie gesungen habe. In der 12. Klasse gab es in der Schule dann ein Projekt. Jeder durfte sich aussuchen, welches Thema er bearbeiten möchte. Man musste einen kleinen schriftlichen Text verfassen, das Projekt endete aber mit einer großen Aufführung in der Aula. Ich habe mich ganz blauäugig für das Thema Soulmusik entschieden. Mir ist erst später klar geworden, dass das bedeutet, dass ich vor Menschen singen muss. Und da war es schon zu spät.
Du hast Deinen Auftritt also durchgezogen?
Ja, ich hab’s durchgezogen! Ich hatte mir noch einige Leute für einen Chor gesucht. Die haben aber alle nacheinander wieder abgesagt und so stand ich am Tag des Auftritts alleine da. Ich war so nervös. Ich wusste, ich kann nicht anfangen zu singen, wenn ich die ganzen Menschen sehe. Deshalb ist der Vorhang erst hoch gegangen, als ich schon angefangen hatte. Mein erster Song war dann von India.Aries Acoustic Soul.
Welches Lied war das genau?
Das war Brown Skin. Es ist ein sehr emotionales Liebeslied mit wunderschönem Text und toller Gesangsmelodie. Es hat mich aber auch aus anderen Gründen sehr bewegt. Wir hatten damals ein afrikanisches Flüchtlingsmädchen in unsere Familie aufgenommen. Wir haben uns damals tatsächlich sofort verschwestert, wenn man das so sagen kann. Und auch die ganze Musik, die ich damals gehört habe, war von schwarzen Soulmusikern aus Amerika oder England. Ich habe mich damals immer schon als Teil dieser Szene und als Schwester dieses Mädchens gefühlt, obwohl ich ja ein englisch-schottisches Milchbrötchen bin.
Where are your people from? / Maybe Mississippi or an Island.
Apparently your skin has been kissed by the sun.
You make me want a Hershey’s kiss, your licorice.
Every time I see your lips / it makes me think of honey-coated chocolate.
Your kisses are worth more than gold to me.
I’ll be your almond joy / you’ll be my sugar daddy.
Brown skin, you know / I love your brown skin.
I can’t tell where yours begins / I can’t tell where mine ends.
Brown skin, up against my brown skin.
Need some every now and then:oh hey.
Seither ist ja nun einige Zeit vergangen. Ist die Platte mittlerweile aus dem Plattenregal verschwunden?
Nein, absolut nicht. India.Arie höre ich immer noch sehr viel. Ich habe selber gedacht, dass so eine Platte irgendwann an Wirkung verliert, aber sie packt mich noch immer. Als wir auf Tour gegangen sind, habe ich mir die Acoustic Soul noch einmal als Mp3 gekauft. Die CD ist einfach schon sehr zerkratzt und fällt auseinander. Als ich sie dann gehört habe, kamen tatsächlich wieder genau die selben Gefühle hervor wie damals.
Und wie fühlen die sich ungefähr an?
India.Arie hat eine sehr weiche, tiefe Stimme. Die bringt mich irgendwie immer wieder runter. Als Künstler befallen einen manchmal Ängste, davor bin auch ich nicht gefeit. Das Leben als Freiberufler bringt einfach aus Sorgen mit sich und manchmal bekomme ich Existenzängste. Auf die Songs von India.Arie greife ich zurück, wenn ich mal denke, dass jetzt alles ganz bestimmt ganz schlimm wird. Ihre Musik holt mich dann wieder in die Realität zurück. Irgendwie ist sie dann so etwas wie eine Motivatorin direkt in meinem Ohr.
Sarajane steckt voller Energie. In jeder Antwort wird ihre positive und emotionale Art deutlich. Dabei wirkt sie nie abgehoben oder unecht, sondern stets aufgeweckt und ziemlich pfiffig.
Ist India.Arie damit mehr als ein musikalisches Vorbild für Dich?
Auf jeden Fall. Als Künstlerin ist sie ein Vorbild, weil sie einfach so erfolgreich ist. Sie hat Grammys erhalten und ist unter anderem auch als Kulturbotschafterin aktiv. Aber auch als Mensch habe ich das Gefühl, dass sie eine authentische und warme Persönlichkeit ist. Es gibt ja oft berühmte Persönlichkeiten, von denen alle Welt denkt, dass sie ganz liebe Menschen sind. Und wenn man sie dann mal trifft, wird man eventuell enttäuscht. Bei India.Arie ist das, glaube ich, nicht so. Es gab zum Beispiel in Amerika mal diese I am not my Hair-Debatte. Es ging darum, dass afroamerikanische Mädchen nur über ihre Haare definiert werden und sich deshalb oft bemühen, ihre Haare wie weiße Mädchen zu stylen. India.Arie hat deshalb das Lied I am not my Hair geschrieben und sich einfach die Haare abrasiert. Das hat mich beeindruckt. Sie wirkt einfach wie eine coole Frau mit der richtigen Einstellung. Und ich glaube wenn man sie treffen würde, dann würde sie einem ein gutes Gefühl vermitteln. Auch wenn ich vor Aufregung total durchdrehen würde…
Wer Sarajane vor ihrer kurzen Sommerpause noch einmal live erleben möchte, hat am 7. August auf der Hansesail in Rostock und einen Tag später dem Beckstrassen Festiv in Hamburg noch die Gelegenheit dazu.
Landesverrat, ah ja. Fehlt nur noch der gute alte „Volksschädling“, mit dem eisernere Kanzler einst den Pöbel vom Machtzentrum der Klassengesellschaft fernhielten. 33 Jahre nach dem letzten Vorwurf an ein Medium, es würde Geheimisse des Staates aus reiner Feindseligkeit publizieren, erhebt die Bundesanwaltschaft wieder Anklage gegen Journalisten, diesmal der kleinen, aber aufmüpfigen Onlineplattform www.netzpolitik.org. Davon abgesehen, wie vordemokratisch es ist, dass nicht etwa Staatsgeheimnisse strafbar sind, sondern deren Veröffentlichung, fällt die Bundesrepublik damit zurück in dunkle Zeiten von Bismarck bis Strauß und belegt eindrücklich, das Pressefreiheit auch im Rechtsstaat nur so weit reicht, wie er die Mächtigen nicht kratzt.
Was sonst noch Juckreiz erzeugt, im aktuellen Mediengeschehen, verblasst vor dieser Ungeheuerlichkeit so sehr, dass man das Texten an dieser Stelle einstellen möchte, aber damit ist ja auch niemandem gedient. Die Besonderheiten der vergangenen Tage gibt es daher kurz in Stichworten: Inka Bause sitzt bald neben Bruce Darnell und Dieter Bohlen in der Supertalent-Jury und belegt damit nachdrücklich, wie egal es RTL mittlerweile ist, wer dessen Firlefanz moderiert – Hauptsache die Hülle überdeckt all die gähnende Leere dahinter. Die Fusion der ProSiebenSat1-Gruppe mit Axel Springer ist dagegen vom Tisch. Und der Kanzlerinnen-Kuschler LeFloid darf künftig dienstags (EinsPlus, 22.45 Uhr) als Daddelheini ausgerechnet in jenes Regelprogramm, das er auf seinem Youtube-Kanal ansonsten mit Hohn und Spott überzieht.
Mission accomplished!
Die Frischwoche
8. – 14. August
Das dürften vor genau 70 Jahren auch jene Piloten gefunkt haben, die drei Tage nach der ersten Atombombe auf Hiroshima nun Nagasaki in nuklear verwüstet hatten. Zum Gedenken an eines der furchtbarsten (und weiter ungesühnten) Verbrechen der Menschheit spricht Klaus Scherer am Montag um 23.45 Uhr im Ersten mit letzten Überlebenden und fragt: Warum fiel die zweite Bombe, was Arte tags drauf mit drei Dokumentationen zur besseren Sendezeit ab 20.15 Uhr ebenfalls tut. Und auch, wenn diesem Thema jede Leichtigkeit fehlt, passt es zum Summer of Peace, mit dem der Kulturkanal grad die Schnittstellen von Krieg und Kultur auslotet. Sonntag zum Beispiel läuft ein Prunkstück des Sommerschwerpunkts, Christian Bettges sehenswerte Doku Peace’n’Pop, die ab 22 Uhr der Geschichte des Protestsongs im Jahrhundert der Stellvertreterkriege nachgeht.
Bei so viel realpolitischer Härte fällt es schwer, Leichtigkeit zu empfehlen. Aber Oh Boy, Jan Ole Gersters schwarzweißes Porträt eines modernitätsmüden Lebenskünstlers mit Tom Schilling auf dauernder Suche nach ganz gewöhnlichem Kaffee und etwas weniger Hipsterhype, ist Dienstag (22.45 Uhr) nicht nur von hinreißender Lässigkeit; es bildet auch den Auftakt vom diesjährigen FilmDebüt im Ersten, das bis September neun Nachwuchsregisseuren eine vergleichsweise prominente Plattform ihrer Erstlingswerke bietet. Der geniale Selbstdarsteller Oli Schulz allerdings muss sich in der famosen Reihe My Hometown auf dem Kleinstkanal EinsPlus in seine Heimatstadt Hamburg begeben, deren abseitige Ecken er Mittwoch um 20.15 Uhr mit herrlicher Schnodderigkeit bewirbt.
Apropos Werbung: Dienstag um 18 Uhr umgeht ein anderer Kleinstkanal das Reklameverbot: ZDFkultur überträgt den sportlich irrelevanten, finanziell lukrativen Audi-Cup, der einzig und allein das Ziel hat, Gastgeber Bayern München, seine Sponsoren und die diesjährigen Gegner aus Mailand oder Madrid mit noch mehr Millionen zu mästen. Statt dem Ingolstädter Autokonzern also aufs Markenlogo zu starren, sei lieber ein VW namens Herbie empfohlen, der auch am Bildschirm läuft und läuft und läuft: Ab Donnerstag zeigt Disney Channel Ein toller Käfer von 1968, gefolgt von drei Sequels mit dem lebenslustigen Faltdachmodell Nummer 53, was zwar irgendwie auch Reklame ist, aber einfach zu nostalgisch, um illegitim zu sein.
Sichtwort Nostalgie: Die schwarzweiße Wiederholung der Woche heißt Im Lauf der Zeit (Montag, 22.10 Uhr, Arte), Wim Wenders akustisch reduziertes, optisch opulentes Selbstfindungsepos am Zonenrand von 1976. Fünf Jahre jünger und in Farbe ist ein Tipp, der sich eher an Männer über 40 wendet: Porky’s (Dienstag, 20.15, RTLNitro), zotiger Highschool-Quatsch gewiss. Er sagt jedoch so viel über das aus, was Jungs 1981 amüsant fanden, dass es für deren aktuelle Lebenspartner(innen) aufschlussreich sein könnte… Für alle aufschlussreich ist indes die Doku der Woche Zum dritten Pol (Freitag, 20.15 Uhr, Servus), ein berauschender Film übers Leben der Himalaya-Pioniere Norman und Hettie Dyhrenfurth, erzählt von ihrem 97-jährigen Sohn Norman, dem selbst kein Gipfel zu hoch war.
Nein, sie hat nicht „Digger“ gesagt. Auch „Yo, Motherfucker“ stand nicht auf Angela Merkels Spickzettel. Und die Basecap saß einzig auf dem Kopf ihres Gegenübers schief, weil die Bundeskanzlerin beim Youtube-Interview mit LeFloid keine trug. Puh, hätte voll in die Hose gehen können für den versierten Diskursprofi im selbstgewählten Gespräch mit dem hitzigen Videoblogger, der seine Tonlage von krass auf konziliant regelte und die Fragen seiner schulpflichtigen Fans mit Begriffen wie „Wortklauberei“ oder „schlussendlich“ vortrug.
Da trafen sehr verschiedene Welten also auf Augenhöhe aufeinander – wenngleich der junge Netzwerker etwas oft vorm Machtzentrum Merkel dienerte, das indes schon den Stolz ganz anderer Kaliber gefressen hat wie der Wolf das Lamm. Ungewohnt stammelnd, aber erstaunlich souverän (LeFloid) vs. gewohnt souverän, aber erstaunlich entspannt (LaMerkel), hat das seltsamste Gesprächspaar des Mediensommers somit doch keine Revolution angezettelt, sondern einfach mal den Kontakt gesucht – und in gewisser Weise sogar gefunden.
Ein Kontakt, den Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf auf sensationell selbstsichere Art verweiger. Als die zwei gereiften Nachwuchskräfte des Regelprogramms in einem furiosen Video die deutsche Arroganz gegenüber Griechenland anhand populistischer Schlagzeilen von Bild und ähnlich vulgären Kampfblättern der Biedermeierrechten bloßstellte, wollte sie SPD-Chef Sigmar Gabriel sofort ins Vizekanzleramt einladen – und erntete eine krachende Absage. Sie belegt schmerzhaft, wie wenig die alte Politik trotz Instagram-Profilen und Staatssekretären für neue Medien noch immer von eben denen versteht.
Die Frischwoche
20. – 26. Juli
Wie wenig sie selbst vom eigenen Biotop versteht, legt die preisgekrönte Doku Willkommen auf Deutsch nahe. Carsten Rau und Hauke Wendler müssen Dienstag (22.45 Uhr) im Ersten zu keiner Zeit kommentierend eingreifen, um das Versagen der Politik samt Alltagsrassismus der deutschen Mitte zu entlarven, die sich im Hamburger Speckgürtel gegen eine Handvoll Flüchtlinge wehrt, als gehe es um biblische Plagen.
Um ähnlich heißes Eisen geht es tags drauf zur Primetime bei 3sat. Die beklemmende Reportage Tödliche Odyssee durch die Schweiz zeichnet den Leidensweg eines schwangeren Flüchtling aus Syrien nach, den die Untätigkeit (oder der Vorsatz?) ignoranter Behörden das Baby gekostet hat – was im Anschluss klug in den Kontext ortsüblicher Xenophobie gestellt wird, wenn Gegen das Fremde den Versuch der Schweizerischen Volkspartei skiziiert, aus dem Alpenidyll eine Rassegemeinschaft zu formen.
Auf besseren Programmplätzen sind solche Themen gut fürs Renommee, aber schlecht für die Quote – also bestens geeignet für Dunja Hayali. Um dies zu belegen, kriegt die sympathischste Moderatorin mit Niveau im Öffentlich-Rechtlichen abseits vom Frühstücksfernsehen ein Format namens ZDFdonnerstalk, mit dem die türkischstämmige, hinreißende, lesbische Top-Journalistin um 22.15 Uhr viermal Maybrit Illners Sommerpause füllt. Gefolgt wird dieses Labor von der neuen Staffel Kessler, ist…. Zu Beginn schlüpft der Verwandlungskünstler in, nein: er wird förmlich Horst Lichter, in dieser Perle ernster Unterhaltung im Zweiten. Dort also, wo Lars Reichelt zwei Tage zuvor zeitgleich zeigen darf, warum der SWR zu klein geworden ist für den Schwäbischen Allround-Entertainer mit klavierbegleitet großer Klappe.
Aber auch fiktional gibt es was zu sehen im premierenarmen Sommer. Donnerstag um 20.15 Uhr etwa Kiyoshi Kurosawas in aller Stille mitreißendes Drama Sühne. Es behandelt den Mord an einem japanischen Kind nicht als Kriminalfall, sondern Sozialstudie jener vier Mitschülerinnen, die den Täter nicht identifizieren konnten und daran zu zerbrechen drohen – bis eine von ihnen 15 Jahren später seine Stimme im Radio hört. Weniger drastisch, aber ungemein sehenswert ist der Dreiteiler Halb so alt wie sie, mit dem Arte Freitag (ab 20.15 Uhr) beweist, dass man die Liebe einer reifen Hochzeitsplanerin zu einem jungen Studenten auch schmalzfrei erzählen kann – sofern es nicht in Deutschland geschieh.
In Schweden entstanden sind die Wiederholungen der Woche wie Ingmar Bergmans berühmtes Sittengemälde des Fin de Siècle Fanny und Alexander von 1982 (Montag, 20.15 Uhr) auf Arte, das im Anschluss das schwarzweiße Frühwerk des Regisseurs Wilde Erdbeeren (1957) um einen alten Professor zeigt, der all die verpassten Chancen seines Lebens resümiert. Bliebe noch ein Doku-Tipp: Der wirkliche Amerikaner, Lutz Hachmeisters Porträt des Kommunistenjägers Joe McCarthy (Dienstag, 0.00 Uhr ZDF), das sich die Spielszenen schön hätte sparen können, aber doch ungeheuer bedeutsam ist.
Petra Schmidt-Schaller ist der Sonnenschein des deutschen Films. Dabei zeigt sie nicht bloß (allerdings nur noch eine Weile) im Hamburger Tatort (Sonntag, 20.15 Uhr), dass die Schauspielertochter aus Magdeburg auch ganz anders kann.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Petra Schmidt-Schaller, Sie spielen Tatort und Komödien, Drama und Kitsch – gibt es einen Roter Faden Ihrer Karriere?
Petra Schmidt-Schaller: Nee, was ich mache ist Drehbuch- und mietabhängig. Bei meinem ersten Sonntagsfilm Sommer auf Long Island dachten wir alle gutgläubig, das System von innen zu zersetzen. Hat nicht geklappt; so einen Kitschfilm hakt man danach ab. Aber während des Drehs kämpfe ich selbst in solchen Stoffen um eine gewisse Unmittelbarkeit. Wenn man einen Vertrag sprengt, hat das unfassbare Konsequenzen. Ich kenne keinen deutschen Schauspieler, der das tut. Meinen ersten Leerlauf hatte ich seltsamerweise nach dem Fliehenden Pferd, meiner bis dahin größten Rolle, ein Dreivierteljahr ohne Angebote. Die extreme Existenzangst, die ich damals hatte, gehört aber mittlerweile so dazu, dass man sich in solchen Phasen sehr nüchtern zurechtlegt, was man statt Drehen machen kann, wie man als Mensch dadurch weiter kommt. Das entspannt mich beruflich sehr.
Sind Sie ein ängstlicher Typ?
Nein, ich war nur ängstlich, weil ich von meiner Mutter dazu erzogen wurde, finanziell autark zu sein. Ich wollte nicht zu Mama und Papa zurück und um Hilfe bitten. Der Stolz damals war riesig, mit Mitte 20.
Hilfe Ihrer prominenten Eltern Christine Krüger und Andreas Schmidt-Schaller beim Karrierestart?
Meine Mama wollte extrem, dass ich es alleine schaffe. Und mein Vater hat mir nur einmal geholfen, bei der Suche nach einer Agentur, was sehr schwer ist. Der Name hat also weder genützt noch geschadet. Ich bin mit einem wahnsinnig bekannten Vater groß geworden, mit dem man in der DDR nirgendwo hingehen konnte, ohne dass er angesprochen wurde. Da hab ich mir ein dickes Fell zugelegt und in der 2. Klasse auch mal zugelangt, als jemand zu mir meinte, dass dürfe ich ja nur wegen Papa. Zack, hat der sich eine gefangen. Ist natürlich auch nicht der richtige Weg. Ansonsten bin ich immer ganz normal zum Casting gegangen. Mein Vater war immer vorhanden, aber nicht ständig da.
Trotzdem die erste Filmrolle an seiner Seite.
Stimmt (lacht). Das war die Fügung der Umstände, weil ich ihn öfter am Set besucht habe. Ein Regisseur brauchte da mal eine Tochter, für einen Drehtag. Das war mal eine Tour im Fahrwasser.
Wollten Sie je was anderes machen als Ihre Eltern?
Zunächst schon. Wenn die sich zuhause über den Beruf unterhalten haben, dachte ich immer eher: was habt ihr denn für einen Scheißjob, der mit viel Stress und wenig Spiel zusammenhängt. Im Austauschjahr in den USA hab ich dann aber bei einem Schauspielkurs gemerkt wie toll er ist. Spielen ist für mich, als dürfte ich als Erwachsene zurück auf den Spielplatz.
Versucht man Sie, in eine Schublade zu stecken, etwa: freizügige Blondine?
Manchmal. Rainer Kaufmann hat mal gefragt, ob es mir geschadet hat, dass ich im Fliehenden Pferd meine Brüste gezeigt hab. Quatsch! Ich kann spielen, kann meine Miete bezahlen, hab sogar eine Familie gegründet, alles super! Dennoch versuchen mich manche in der Branche in eine Ecke schieben würde. Beim Sommer in Orange war auch viel Körper, aber ohne wäre so ein freizügiger Stoff auch nicht glaubhaft gewesen.
Ein Etikett nach dem ersten Sonntagsfilm: der personifizierte Sonnenschein. Muss man dagegen mit einer KZ-Wächterin anspielen?
Nicht unbedingt. Das Ausziehen war da schwieriger. Im deutschen Fernsehen spielt man weniger Charakterrollen als anderswo, aber man kann letztlich immer seine eigenen Entscheidungen treffen und das habe ich getan. Ich bin der Glas-halb-voll-Typ; es braucht einiges, um meinen Überlebenswillen klein zu kriegen.
Können Haare zu blond sein für anspruchsvolle Rollen?
(lacht laut) Also gerade möchte ich sie wieder etwas brauner haben. Mir kann ich aber nicht zu blond sein, höchstens anderen. Viele Redakteure wollen immer noch die alten Stereotype, aber es gibt auch die jungen, die nicht in den Neunzigerjahren feststecken.
Schon mal negative Rolle gespielt?
In der Kinofassung von Löwenzahn, einmal. Ich überlege gerade, warum mir das egal ist? Vielleicht, weil es uninteressanter ist, zwanghaft danach zu suchen, als in jeder Rolle den negativen Keim zu finden. Mir geht es darum, Rollen zum Leben zu erwecken. Zu viele Erwartungen beengen mich nur, sowohl von anderen als auch von mir selbst. Ich bin ein Spieltier, dass man antreiben kann, in dem man ihm Zucker gibt.
Echte Kernkompetenz: Heulen. Kann man das trainieren?
Es ist jedes Mal ein Balanceakt, der sehr von der Glaubwürdigkeit der Rolle und ihrer Sätze abhängt oder vom Regisseur und Anspielpartner, aber auch von der Fähigkeit zur Autosuggestion; in eine Abschiedsszene sollte ich mal bereits weinend hineingehen, musste dafür aber an einem Kameraassistenten vorbei, der fröhlich vor sich hin pfiff. Dass es trotzdem geklappt hat, lag an schlimmen Unglücken, die ich mir vor Augen gerufen habe.
Was ist der Tote im Watt für ein Film?
Ein Krimi mit familienpsychologischem Einschlag. Er ist rund, birgt aber von meiner Seite keine Überraschungen.
Die Geburt Ihrer Tochter war der Bunte eine Geschichte wert. Ist das ein Zeichen für echte Berühmtheit?
Ich dachte auch, aha, was soll das? Aber das löst bei mir nichts aus. Ich gehe nicht gern auf Galas, in Talkshows. Homestorys brauche ich ebenso wenig wie tolle Kleider auf dem Roten Teppich.
Nebenrolle hat einen despektierlichen Klang. Im Film sind das die Akteure hinter den Stars. Einer von ihnen, Ludger Pistor, hat es in Ein Schnitzel für alle (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mal von hinten ins Rampenlicht geschafft – und erzählt, wie es sich auf beiden Seiten anfühlt.
Von Jan Freitag
Wir leben in einer Welt großer Namen. Der Boulevard, diese promisüchtige Welt öliger Gazetten, schmiert sein Geschäft praktisch mit nichts anderem. Bekannte Köpfe sind die Leitwährung der Erregungsökonomie. Heutzutage können sogar Arbeitslose Vorsitzende großer Dax-Konzerne benennen. Selbst Bundestagswahlen gewinnt man nun ohne jedes programmatische Profil spielend, solange nur ein gewohntes Gesicht von den Plakaten grinst. Und da ist noch nicht mal vom Film die Rede, dieser Oberflächenkunst, deren Topgagen fürs Titelpersonal nicht bloß in Hollywood zusehends den Löwenanteil der Produktionskosten fressen. Da klingt ein Begriff wie „Nebenrolle“ beinahe despektierlich.
Nebenrolle, das ist schließlich zweites Glied. Zufahrtsstraße. Ein lauschiges Plätzchen am Rande der Aufmerksamkeit, nicht irrelevant, aber austauschbar. Und wer will das schon sein? „Niemand“, glaubt Ludger Pistor. „Auch ich steh ja gern im Mittelpunkt“, fügt der ungemein rührige Darsteller unzähliger Filme und mindestens ebenso vieler Serienepisoden, von denen einem nur grad irgendwie keine einzige einfällt, hinzu. Auch er wolle sich „nicht auf Krampf nach vor spielen“, Gott bewahre; doch jeder Schauspieler, Pistor lacht fröhlich, „hat Angst, nicht wichtig zu sein und ersetzbar“.
Anders als in Schnitzel für alle also. Denn in der ARD-Komödie, „ich traue es mich gar nicht zu sagen“, so Pistor, spielt das Ruhrpottgewächs nach bald 30 seiner 54 Jahre auf Erden erst die zweite wirklich bedeutsame Hauptrolle. Und das auch nur, weil es die Fortsetzung seiner ersten ist: Ein Schnitzel für drei. Mit der durfte Ludger Pistor 2010 einen netten Wahrnehmungserfolg vorn auf der Besetzungsliste verbuchen. Davor wie danach allerdings gab es zwar Sprechauftritte in bedeutsamen Blockbustern – Schindler’s Liste oder Casino Royale, selbstredend Inglorious Basterds, zuletzt X-Men, solche Kaliber. Vor allem aber gab es nach seinem furiosen Kinodebüt in Der Name der Rose vor knapp drei Jahrzehnten reihenweise Assistenzeinsätze bei Schimanksi, allerlei Parts in Filmen mit Titeln wie Lüg weiter, Liebling, außerdem viel Trash von GZSZ bis Cobra 11. Und dann diese eine preisgekrönte RTL-Serie, in der er freilich nur den Sidekick der Titelfigur Balko gab.
Ludger Pistor, dieser gut geschulte Mime mit Ausbildungsstationen in New York bis Wien, mit markanter Nase und reichlich Bühnenerfahrung, er war also ein langes Berufsleben lang bloß Ergänzungsspieler. Das wirft die Frage auf: reicht ihm das? Tja, sagt Ludger Pistor zögernd, und verweist auf Theo Lingen. Theo Lingen, das war – für die Jüngeren – Pistors beruflicher Vorfahre, der sich einst durch die schwarzweiße Filmära näselte wie sonst nur Hans Moser – noch so einer, der Pistors, nun ja: Schicksal teilt. Denn Lingen, erklärt dieser, habe vorm Krieg vor allem Hauptrollen gespielt. Im Wirtschaftswunderland dagegen, das vornehmlich Aufsteiger liebte und strahlende Helden, sei Lingens Paradetypus vom „kleinen Mann“ zusehends im Hintergrund gefragt gewesen. Selbst ein Heinz Rühmann, glaubt Pistor, „würde heute nicht mehr reüssieren“.
Dabei zeugt es durchaus von Selbstbewusstsein, dass sich sein leidlich bekannter Kollege von am Großschauspieler dreier Staatssysteme misst. Aber auch Pistor, selbst aus „kleinen Verhältnissen“ stammend, sieht den Ottonormalverbraucher schließlich ebenso wie Rühmann als Kernkompetenz. Figuren wie jener Wolfgang, der in „Schnitzel für alle“ an Armin Rohdes Seite so weit unten im sozialen Ranking startet, wie ihn der erste Teil entlassen hatte, liegen ihm quasi genetisch. Die zwei Überlebenskünstler helfen dem Glück diesmal zwar gemeinsam mit einer Behinderten-WG auf die Sprünge, indem sie fremdes Geld (nach diversen Stolpersteinen) im Kasino mehren; doch auch jetzt wird das Happyend eines mit Haken sein. Etwas zum leise Lächeln, statt lauthals Jubeln.
Im deutschen Film, der Unterschicht meist als Desaster verhandelt, das übliche Fiktionspersonal von Kommissar bis Studienrat dagegen stets in Designervillen von Rem Kohlhaas einquartiert, ist derlei Heiterkeit am Rande der Gesellschaft die Ausnahme. Und somit ein Glück für Ludger Pistor, der es als „Mr. Germany, wie ich mich hin und wieder nenne“, endlich mal schafft, „90 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren“ und trotzdem an der Bühnenkante zu stehen. Dabei ist es ihm ungeachtet ihrer Größe viel wichtiger, „meine Rolle nach Kräften auszufüllen“. Zumal Nebenfiguren zwar oft „im Schatten der Titelfiguren stehen, aber trotzdem im Rampenlicht“. Wie Derricks Assistent Harry, den Pistor „eine der dollsten Figuren der deutschen Fernsehgeschichte“ nennt. „Und stellen Sie sich Schimanski mal ohne Thanner vor.“
Undenkbar, würde auch Hanns Zischler sagen, der seit 1970 weit mehr als 100 Filme mit seinem „schweigenden Gesicht“, wie es der Stern mal lobte, bereichert hat. „Ich stehe in der Besetzungsliste oft an vierter, fünfter Stelle“. Das aber sei kein Verharren auf halber Treppe zum absoluten Erfolg, sondern eine Frage der Ökonomie. „Man muss in jeder Rolle geistesgegenwärtig sein“. Schließlich sei niemand entbehrlich, nicht im Film noch auf der Bühne. „Supporting Act“ nennt die amerikanische Filmwissenschaft Charaktere seiner Güte. Nachfahren großer Nebendarsteller von Hanns Lothar bis Elisabeth Flickenschild. Heute heiße sie Johanna Gastorf, Martin Brambach und Sandra Borgmann, die sich ganz offen zur Nebenrolle bekennen: Famose, aber uneitle Diener am Großen Ganzen, im Hintergründ tätig und doch Handlung selbst wie die erste Garde.
In „Ein Schnitzel für alle“ sind das übrigens eine großartige Therese Hämer, die als Wolfgangs Frau abermals hinter den Stars agiert. Oder Christina do Rego als deren Tochter Jessica, die nicht nur in Pastewka bereits ausgiebig ihr komisches Talent bewiesen hat. Auch das sind Typen jenseits gängiger Klischees, Schönheitsideale oder Altersgruppen, die an der Besetzungsspitze schwer zu vermitteln, aber keinesfalls unterbeschäftigt, gar unterfordert sind. „Je besser die Qualität bei der Besetzung der Nebenrolle ist“, hat Berthold Brecht übers Theater gesagt, „desto besser ist die Inszenierung“. Und auch, wenn das zweiteilige Schnitzel eher leichte Kost ist: Mit guten Nebendarstellern, und seien es welche auf Ausflug in Hauptrollen, wird daraus eine nahrhafte Mahlzeit.
Das digitale Zeitalter gebiert zuweilen die seltsamsten Allianzen. Dass RTL die Lizenzrechte seiner wöchentlichen Explosionen mit ergänzender Kriminalhandlung Alarm für Cobra 11 an den Autobahnversorger Tank & Rast GmbH verkauft, gehört eher nicht dazu. Ebenso wenig wie der Versuch der Pro7Sat1Media AG, zehn Jahre nach dem Veto des Bundeskartellamtes abermals mit dem Springer-Konzern zu fusionieren. Ja selbst die dokumentarische Liaison des quotenschwachen Nachttalkers Reinhold Beckmann mit der ARD-Primetime am Montag, war – obwohl sie künftig mangels Erfolg Richtung Dienstanacht verschoben wird – keine grundlegend absurde Beziehung. Von der allerdings kann mit Fug und Recht reden, wer vorigen Freitag einem gewissen LeFloid etwas Aufmerksamkeit im Netz zukommen ließ.
Der Youtuber hat seinen 2,6 Millionen Abonnenten und vermutlich noch ein paar Tausend mehr nämlich parallel zum Regelprogramm echter Nachrichtensender die Bundeskanzlerin geschenkt. Und zwar nicht als Spielzeug oder Pappaufsteller, wie es sie in seinem Kinderzimmer so viele zu sehen gibt, sondern höchstpersönlich. Und das, Achtung, nicht auf Anfrage des jungen Click-Millionärs, sondern vom Kanzerlinnenamt, deren Chefin nach Erstellung eines eigenen Instagram-Profils nun endgültig in den Neuen Medien, also bei künftigen Wählern Fuß fassen will.
Dafür saß ihr Hosenanzug statt Anzug mit Krawatte vermutlich ausnahmsweise mal einem Reporter in Basecap und T-Shirt gegenüber, was bei der heute geplanten Ausstrahlung deutlich machen wird, dass ein Informationsmedium, das gar kein Informationsmedium ist, sondern allenfalls ein Informationshäppchenverarbeitungsmedium, relevant genug ist, um alle Konventionen Konventionen sein zu lassen. Dennoch wird der Moderator mehr noch als die Fragen seiner Fans, die er vorab gesammelt hat, den größtmöglichen Gegensatz zur mächtigsten Frau der Welt darstellen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, oder – um im Rahmen der Politik zu bleiben: wie Merkels Heimat und Griechenland.
Die Frischwoche
13. – 19. Juli
Deren, nun ja, „Regierung“ im Übrigen seit Frühjahr eine Nachrichtenlage dominiert, die oft von Landsfrau Linda Zervakis verlesen wurde, erste Tagesschau-Sprecherin mit ausländischen Eltern und also solche eng mit deren Heimat verbunden. Doch da die halbe Griechin in Mutterschutz ist, hat sie Zeit für leichtere Kost wie den Summer of Peace. Der traditionelle Sommerschwerpunkt auf Arte kümmert sich in dieser kriegerischen Epoche fortan jedes Wochenende um den Frieden, und dafür, sagt Zervakis, sei die „Katastrophenfrau“ als Moderatorin gerade richtig. Am Samstag (21.45 Uhr) startet der Fokus mit einem tollen Porträt des Reggea-Pioniers Marley und legt tags drauf so richtig los, erst mit Robin Williams als wahrheitsliebender Frontreporter im Hollywood-Klassiker Good Morning, Vietnam, ab 22.10 Uhr dann mit Birgit Herdlischkes famoser Doku Give Peace a Chance, die 90 Minuten lang Friedensliedern und Protestsongs auf den Grund geht.
Kriegerisch geht es hingegen an gleicher Stelle beim Theaterfilm Richard III. zu, wo Lars Eidinger den blutigen Weg des psychopathischen Königs zur Macht am heute um 22.05 Uhr eine diabolische, aber brüchige Brutalität verleiht. Damit erreicht der Kulturkanal erneut ein Niveau, das andernorts chronisch unterlaufen wird. Als Beispiel fürs Anspruchunterlaufen muss da noch nicht mal Peter Zwegat herhalten oder Adam sucht Eva, worin RTL ab heute und Mittwoch sein Stammpublikum mal angezogen entschuldet, mal nackt verkuppelt. Als Beispiel dient sogar ein gediegener Sender wie ZDFneo, der Cordula Stratmanns Gabe zum glaubhaften Übersteuern ins Leere laufen lässt, wenn sie ab morgen, 22.15 Uhr, in Ellerbeck eine Dorfpädagogin spielt, die es unverhofft zur Bürgermeisterin bringt.
Und wenn es mal echt gutes Sachfernsehen gibt wie die fabelhafte Doku Kalaschnikow und Kalifat, dann versendet der Muttersender das Lehrstück über Junge Franzosen im Terrorkrieg mittwochs nach Mitternacht. Dazu passt dann, dass die großartige Rückblende 1992 über den italienischen Korruptionsskandal jener Tage, der einen gewissen Silvio Berlusconi ans Ruder gespült hat, auf Sky (freitags, 21 Uhr) läuft. Gute Nacht. Eine Dreiviertelstunde früher gibt’s aber noch die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit Louis Trenker, der auf ServusTV den Matterhornerstbesteiger Edward Whymper im nationalsozialistischen Erbauungsfilm Der Berg ruft von 1938 verkörpert. Ideologisch weniger verunreinigt und in Farbe ist das brillante Remake des Kurosawa-Klassikers Die glorreichen Sieben (Montag, 23.35 Uhr, MDR) mit Yul Brynner, Steve McQueen und Horst Buchholz als Cowboysöldner, die ein Dorf vor Banditen beschützen.
Das Auseinanderklamüsern nach Ursache und Wirkung oder schlimmer: Original und Fälschung wirkt bekanntermaßen oft scheinheilig. Sechs Jahrzehnte nach seiner Verdichtung zum musikalischen Einerlei hat der Pop aller Wahrscheinlichkeit nach längst jede erdenkliche Harmonie schon mal hören lassen, weshalb die Kritik besser mal liebevoll nach Besonderheiten suchen sollte, statt fieberhaft nach Referenzsystemen. Von beiden gibt es zum Beispiel bei The Wooden Sky reichlich, weshalb wir letztere der Vollständigkeit halber abhaken: Etwas Mumford & Sons steckt im neuen Album des kanadischen Quintetts, dazu ein bisschen Van Morrison oder Strand of Oaks.
Doch jenseits solcher Verweise hat die Band um Sänger Gavin Gardiner eine sehr eigentümliche Art, ihren Neofolk zu variieren. Mal mit dem fröhlichen Prädikat Fuzz versehen wie im Opener Saturday Night, mal mehr melodramatisch wie im flächigen Let’s be ready, grasen The Wooden Sky das Spektrum hippiesken Gitarrenrocks ab und entwickeln darin etwas, das unter Singer/Songwritern mit Hipstermatten selten ist: Enthusiasmus.
The Wooden Sky – Let’s Be Ready (Nevado Music)
Lady Lamb
Ach Enthusiasmus, dieses göttliche Privileg jugendlicher Energie zwischen den Leitplanken des Pragmatismus. Auch Aly Spaltros zweites Profialbum (nach fünf selbsteditierten) quillt über vor musikalischer Ambrosia. Dabei erinnert After nicht zufällig an Liz Phair, auch sie aus New England. Ihr Girlie Sound blies der Männerbranche schon 20 Jahre zuvor mit virtuoser Spielfreude den Marsch des Third Wave Feminism. Jetzt macht es ihr Lady Lamb, so der Projektname, nach und liefert einen sprühenden Indie-Pop, der so gar nichts Luftiges, Betörendes, also weiblich Konnotiertes hat, aber doch federleicht daherkommt.
Dieser Spagat ist das Alleinstellungsmerkmal von Spaltro, genannt The Beekeeper. Denn wie ein Schwarm Bienen surrt die siebenköpfige Begleitband um den kräftigen Gesang der Multiinstrumentalistin herum, lässt in Violet Clementine die Bläser anschwellen, in Heretic den Psychobeat und allerorten Synths, Streicher, Percussions zum strukturierten Crescendo. Das all dies trotz derlei Klangfülle nie überladen klingt, ist kein Gotteswerk. Ein bisschen himmlisch ist es schon.
Kurz, bevor mit der Politiksatire Ellerbeck die zweite Serie seit langem Cordula Stratmanns erste namens Kuhflüsterin ablöst, spricht die Komödiantin im freitagsmedien-Interview gewohnt humorvoll über halbvolle Gläser, das Landleben als Pointenlieferant, Humor ohne Würdeverlust und warum sie auch ohne Fernsehen glücklich sein kann.
Interview: Jan Freitag
Frau Stratmann, wenn man Ihre zwei neuen Serien so sieht, könnte man glatt glauben, Sie stammen aus der Provinz…
Cordula Stratmann: Dabei bin ich aus Düsseldorf, lebe in Köln und kann mir ein Leben auf dem Land bis heute nicht vorstellen.
Was verbinden Sie damit?
Urlaub, Kindheit, Langeweile. Wegen letzterer hätte man mich, wenn ich gefragt worden wäre, in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf rausholen müssen.
Heiterkeit scheinen Sie mit dem Landleben nicht zu verbinden.
Mittlerweile finde ich das Reizreduzierte sehr erholsam, aber noch immer nicht allzu heiter.
Warum bloß spielen dann gerade so viele Serien und Filme auf dem Land?
Ich mache mir nie Gedanken übers Genre, sondern nur über meine Figur darin. Und die hat mir in Ellerbeck wie bei der Kuhflüsterin gleichermaßen gefallen, ohne dass mir jetzt wichtig gewesen wäre, dass beide besonders komisch sind. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich darin nach Heiterkeit gesucht. Sonst wird mir schnell langweilig.
Und werden Sie da fündig?
Meistens.
Scheint, als wären Sie der Glas-halb-voll-Typ.
Nicht immer, aber sobald es auf halbleer zugeht, versuche ich es eigenhändig nachzufüllen. Ich habe auch schon mal schlechte Laune, fühle mich davon aber so sehr gestört, dass ich alles daran setze, sie zu bessern.
Spielen Sie deshalb fast ausschließlich Komödien und meiden tiefgreifenden Ernst?
Nein, denn in jeder guten Komödie liegt tiefgreifender Ernst. Das Klügste, was man in schwerer Lage oft machen kann, ist zu lachen. Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin, gebäre ich die Komik aber lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen. Wenn die Struktur eines Gags zu offensichtlich ist, langweilt es mich genauso.
Die Struktur der Punchlines Ihrer zwei Provinzserien zielt gern auf Landeier ab, die oft leicht verschroben wirken. Amüsiert sich da die Stadt übers Land oder umgekehrt?
Weder noch. Da amüsieren sich Menschen über Menschen, ganz gleich welcher Herkunft. Ich finde potenziell jeden komisch, neige aber auch dazu jeden gleich ernst zu nehmen.
Dennoch werden viele Klischees übers Land gepflegt und nur wenige über die Stadt.
Davon abgesehen, dass das in der Natur des Handlungsortes liegt, an dem beide spielen, habe ich nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren. Dass der gemeine Dorfbewohner zum Beispiel weniger kultiviert wirkt, weil er seltener ins Theater geht, ist zwar ein Klischee, aus dem man Humor gewinnen kann, basiert aber nicht auf einem Vorurteil, sondern auf der Tatsache, dass das nächste Theater womöglich 30 Kilometer entfernt ist.
Wie ist es mit dem Klischee der ländlichen Neugierde?
Diese Gartenzaunkontrolle kann man wunderbar klischieren, aber auch belegen. Andererseits wäre meine Kuhflüsterin in Köln womöglich genauso wissbegierig wie in Oberbreitbach, weil es eher eine Frage der Mentalität als des Umfelds ist.
Welche der beiden Figuren ist für Sie denn abstrakter?
Eine neugierige Tierheilpraktikerin ist genauso abstrakt für mich wie eine Erzieherin, die in die Lokalpolitik rutscht. Aber in Ellerbeck geht es ja weniger ums Landleben als um bürgerliches Engagement, Energiepolitik, Wutbürger, solche Sachen. Das betrifft mich persönlich etwas mehr – obwohl ich mich weder zur Politikerin noch zur Wutbürgerin berufen fühle. Letztlich sind mir beide persönlich eher fern als nah.
Und worin unterscheiden sich die zwei Provinzen?
Also das Bergische Land kenne ich noch aus meiner Kindheit, anders als das Emsland weiter im Norden. Beide Gegenden ähneln sich darin, dass man dort wie überall auf dem Land knorrige Menschen trifft, die in ihrer Eigenart für Außenstehende oft abweisend wirken, im Kern aber sehr herzlich sind.
Mögen Sie solche Typen womöglich mehr als rheinische Frohnaturen?
Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage. Also: ich mag Menschen, die zügig zu einem guten Miteinander finden, weil mir der Sinn einer schlechtgelaunten Individualität um ihrer selbst Willen nicht ergründlich ist. Da bin ich dann doch zu sehr Rheinländerin. Zelebrierte Einsamkeit, allein beim Bier an der Theke, ist mir fremd.
Sagt die Karnevalistin?
Nein! Ich finde Karneval furchtbar.
Zu viele Pointen, zu wenig Geschichten?
Vielleicht. Aber ich unterscheide zwischen Karnevalisten und denen, die im Karneval feiern. Erstere sind eher humorlos, letztere lassen es gern mal krachen und haben dazu ein paar Tage im Jahr ideale Bedingungen. Was ich allerdings brüllend komisch finde ist, wenn ich an Weiberfastnacht morgens früh an der Bushaltestelle eine lebensgroße Maus sehe, daneben zwei Cowboys und eine Nonne, die allesamt todernst auf ihre Smartphones blicken. Von solchen Momenten fühle ich mich bestens unterhalten!.
Weil sie darin den Keim eine lustigen Geschichte suchen, die zu erzählen sich lohnte?
Da überschätzen Sie meinen humoristischen Ansatz. Ich suche nicht dauernd nach irgendwas Lustigem, sondern freue mich, es zu finden. Am lustigsten sind Behauptungen, wenn absolute Selbstgewissheit im Versuch steckenbleibt und du förmlich zugucken kannst, wie jemand am Arschloch Alltag scheitert (lacht). Aber das sind auch die Momente, wo ich am lautesten über mich selbst lache.
Zum Beispiel?
Ganz banale Sachen. Nachdem ich kürzlich mit dem Flugzeug fliegen wollte und der Flieger nicht flog, hab ich mich später an meinen Blick erinnert, wie ich so unter der Tafel stand, auf dem neben meinem Flug „cancelled“ zu lesen war. Diese Mischung aus Wut und Entsetzen über etwas, das das Leben nun mal mit sich bringt, amüsiert mich enorm.
Gibt es von dieser Art auch etwas in den zwei Serien?
Also was ich an der Kuhflüsterin wirklich liebe, sind die vielen Versuche, bei denen sie ihrem neuen Nachbarn…
Von dem sie herausfindet, dass er was Mysteriöses mit der Polizei zu tun hat.
… mit der ganzen Wucht ihrer Selbstgewissheit gegenübertritt, dabei schnell Wind von vorne kriegt und im Sturm versucht, gut auszusehen, selbst als sie den Text vergessen hat. Am lustigsten sehen wir schließlich aus, wenn wir in Gefahr sind, unsere Würde zu verlieren.
Humor ist Würdeverlust?
Nein, der Kampf dagegen. Freude am Würdeverlust eines anderen ist Schadenfreude, da hört bei mir der Spaß auf.
Apropos: Man hatte zwischendurch das Gefühl, nach Schillerstraße und etwas Impro-Comedy mit Annette Frier hätte der Fernsehspaß mit Ihnen ein Ende.
Das Gefühl trügt gar nicht so sehr. Ich bekam so manches Lustige angeboten, das ich leider nicht so lustig fand wie die Anbieter…
Jetzt kommen zwei Serien auf einmal. Ist das Zufall oder ein Masterplan?
Masterpläne hab ich nie. Das ist ein Zufall. Diese Male trafen sich der Geschmack der Anbieter und meiner und so sind wir zusammen losgegangen.
Ein schöner Zufall?
Ein sehr schöner, aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch. Ich hab zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun. In den Medien herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren. Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht. Ich bin schnell satt von Aufmerksamkeit.