Im deutschen Fernsehmelodram ist Katharina Wackernagel meist das letzte Aufgebot bürgerlicher Willenskraft. Mit Mädchenlächeln und Frauenpower kämpft sie auch im ARD-Film Immer wieder anders (Freitag, 20.15 Uhr) ums Wohlergehen ihrer Familie, wie sie es schon in Dutzenden baugleicher Filme getan hat. Interview mit einer Schauspielerin, deren Figuren stets das Gute suchen – und finden.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Wackernagel, an einer Stelle in Immer wieder anders fragt die Nebenbuhlerin Katjas Mann, was er denn in diesem Spießerparadies wolle.
Katharina Wackernagel: Mit getöpfertem Türschild.
Ist das auch Ihre Vorstellung vom Spießerparadies, so eins am Einfallfamilienhaus im Speckgürtel hängen zu haben?
Das Namensschild dürfte gern aus Metall sein, aber ein Häuschen mit Garten in Innenstadtnähe und zwei Kindern plus Hund finde ich noch nicht spießig. Spießig ist allenfalls die Tatsache, dass das Paar darin nicht über den Zustand seiner Ehe reden kann, um das oberflächliche Glück drum herum nicht zu gefährden.
Dass Ihre Figur mit Heirat in weiß, 50er-Jahre-Pömps und Doris-Day-Haarbändern versinnbildlicht.
Das ist aber eher kein Konzept. Die Haarbänder waren zum Beispiel meine Entscheidung, da steh ich einfach drauf. Katja ist Lehrerin, Frau, Mutter, handwerklich begabt, also eigentlich modern. Mir ist zwar vieles an dieser Figur ein bisschen fremd, aber sie ist unbedingt authentisch. Und ihr Leben mag kein Rock’n’Roll sein, aber haben wir nicht alle die Sehnsucht nach einem gemütlichen Nest?
Sie haben die?
Ich sehne mich jetzt nicht nach Häuschen, Garten, zwei Kindern, verbinde mit spießig aber dennoch etwas anderes: kleingeistig, intolerant, engstirnig, rückwärtsgewandt.
Also das Gegenteil dessen, was man sich vom Kind einer Schauspielerdynastie vorstellt.
Das mag schon sein, aber meine Kindheit war völlig normal.
Es gingen also nicht ständig Kollegen ein und aus, um über den Kulturbetrieb zu debattieren?
Das schon [lacht], aber so viel auch über Kultur geredet wurde – ich trage das überhaupt nicht weiter.
Was macht es aus einem Kind, unter lauter Schauspielern groß zu werden?
Zum Beispiel, schon früh Theater zu spielen. Meine Familie hat mich dazu weder gedrängt noch davon abgeraten, aber es ist schon ein Bett bereitet, in das man sich gut legen kann. Es gab also nicht die typischen Sprüche wie „lern was Vernünftiges“; als ich mit 15 die reguläre für die Schauspielschule schmeißen wollte, haben meine Eltern allerdings schon gefragt, ob ich noch ganz dicht sei.
Mit Erfolg?
Na ja, ich hab noch zwei Jahre gewartet und dann zu Drehen begonnen, was für meine Eltern, Großeltern, meinen Onkel, die allesamt vom Theater kommen, dann auch wieder nicht richtig war, so ohne Schauspielschule. Umso mehr haben die geschmunzelt, als ich voriges Jahr erstmals auf der Bühne stand. Trotzdem: einer meiner Brüder ist auch Informatiker geworden: man muss also auch mit dieser Verwandtschaft nicht zwingend auf die Bühne.
Muss man mit ihr denn zwingend politisch werden?
Auch nicht. Meine Eltern sind viel politischer als ich, auch, weil sie aus einer Zeit stammen, in der kulturell viel mehr angeschoben wurde als heute.
Das hat einen Teil davon bis ins Umfeld der RAF getragen.
Ja, meinen Onkel Christof.
Hat es sie von der Politik abgeschreckt, dass er wegen seiner Mitgliedschaft im Knast saß?
Ich würde sagen: Einen anderen Zugang dazu entwickelt. Meine Eltern sind immer offen damit umgegangen, dass Onkel Christof praktisch meine gesamte Kindheit im Gefängnis saß. Dadurch habe ich natürlich viele Fragen gestellt: Was ist die RAF, was ist Terrorismus, was ist los in diesem Land? Das hat mich geprägt; wir sind alle dazu erzogen, unsere Meinung zu äußern.
Auch lautstark?
Na ja, wenn ich so sehe, wie meine Eltern stets für ihre Vorstellungen gekämpft haben, bin ich vermutlich doch, wie soll man das sagen: gemütlicher?
Spießiger?
Nein (lacht). Realistischer. Natürlich gehe auch ich auf die Straße, wenn aus meiner Sicht was schief läuft im System. Aber das gesellschaftliche Klima ist heute eben ein anderes als vor 30, 40 Jahren, selbst die Demonstrationen sind heutzutage andere. Aber so sehr meine Eltern betont haben, wie wichtig es sei, gegen das eingestaubte Nachkriegssystem mit all den Altnazis in wichtigen Positionen zu kämpfen, haben sie immer betont, das sei nur gewaltlos möglich.
Hat diese Erziehung einen anderen Zugriff auf Ihre Rolle als Terroristin Astrid Proll im Baader-Meinhof-Komplex mit sich gebracht als bei den anderen Darstellern?
Das glaube ich nicht. Ob Baader-Meinhof oder Immer wieder anders – eine Rolle bleibt eine Rolle. Die nehme ich an und spiele sie. Ein Leben im Untergrund zu spielen, ist ebenso toll wie eines in dem, was angeblich ein Spießerparadies ist; beides zu führen, dagegen eher nicht so.
Was mögen Sie denn lieber – harte Realität oder unterhaltsame Leichtigkeit, Contergan oder Romanze?
Da wird wohl jeder Schauspieler ersteres antworten. Aber wenn sie authentisch und glaubwürdig sind, mag ich leichte Stoffe genauso wie die schwierigen. Trotzdem hätte Immer wieder anders an manchen Stellen ein bisschen radikaler sein können, mutiger. Aber ich kann voll dahinter stehen. Der Film liegt mir am Herzen und er fügt sich gut in mein Gesamtwerk. Ich möchte letztlich eine breite Palette an Filmen haben.
Und welche Rolle fehlt Ihnen dazu noch ganz dringend?
Da fällt mir jetzt keine ein. Aber ich habe mal wieder Lust auf so ein richtiges historisches Drama. Gern ohne Happyend.
Von Gleichberechtigung, beklagt nicht nur der Verein ProQuote, sind deutsche Medien weiter entfernt als das öffentlich-rechtliche Programm vom Staatsauftrag. „Dass ein Bruchteil der Führungspositionen in Rundfunkanstalten und Verlagshäusern von Frauen besetzt“ sei, nennt nicht nur Mitglied Anne Will „katastrophaler Missstand“. Und der wird nicht besser, wenn die Topjournalistin nun solch einen Topposten kriegt: Nach Günther Jauchs – offenbar gar nicht so plötzlichem – Ausstieg kehrt Anne Will 2016 auf jenen Sendeplatz zurück, den der abgeschobene Talkprofi fünf Jahre zuvor für den überbezahlten Talkstümper räumen musste, was belegt: Frauen sind in der ARD allenfalls ansehnliche Manövriermasse herrschender Männer, die wie deren Programmchef das Wort Herr(es) zuweilen gar im Namen tragen. Wenn sein Vorsitzender Lutz Marmor nun also sagt, „ich freue mich auf Anne Will“, gilt das nur, bis der nächste Alpharüde in ihr Revier pinkelt.
Davor sind Betaweibchen im Grunde nur gefeit, wenn sie aufgebrezelt durchs Studio wackeln wie Barbara Schöneberger. Da stelle man sich ihre Kodderschnauze mal im Leib eines Mauerblümchens vor – über die Mitternachtsschleife käme sie nie hinaus. So aber schafft es die, pardon: dralle Blondine bei Gruner + Jahr zum eigenen Magazin namens Barbara. In der Gedenkwoche für das grad verstorbenen Society-Fossil Paul Sahner, das für den Konkurrenten Burda rund 3000 Prominente zu den Belanglosigkeiten des Stardaseins interviewt hat, klingt das zwar schwer nach Brigitte, soll aus Verlagssicht aber „eine Frauenzeitschrift neuen Typs“ sein. Vermutlich gibt es also innovative Rubriken wie Styling, Beauty, Celebs, Gossip, Weiberzeugs eben, nur klüger verpackt als sonst.
Die Frischwoche
15. – 21. Juni
Männerzeugs, nur cooler verpackt als sonst, dürfte das Mackermagazin Cowboy & Dandy auf dem Pro7-Ableger MAXX sein. Fünf Teile zeigen zwei eitle Hipster ab Donnerstag, 22.30 Uhr, warum die Evolution Frauen hoffentlich bald zur Selbstbefruchtung ermutigt, angesichts solcher XY-Mutanten, die selbst dann nur an Titten, PS und Grillfleisch denken, wenn sie lässig daherkommen.
So viel Testosteron ist für Vernunftbegabte nur mit Substanzen verträglich, die Arte ab Montag mit dem tollen Themenschwerpunkt Drogen – Lust & Last bedenkt. Toll auch, weil er dumpfes Schwarzweißdenken ins Bierzelt delegiert, wo es sich ab 1,3 Promille saftig über kriminelle Kiffer herziehen lässt. Arte hingegen trennt nicht zwischen legalem und illegalem Rausch, sondern porträtiert im Drama Oslo, 31. August (21.55) zum Auftakt ein Bildungsbürgerkind im Bann von Stoff jeder Art, der dafür gar nicht verteufelt werden muss. Das erledigen dagegen am Dienstag gleich drei Dokus über die globale Versorgung unter der Klammer Die Schattenmacht.
Deren Angebot ist übrigens oft mitverantwortlich für das, was eine Dokusoap auf Sixx beseitigen soll: Horror Tattoos. Vier Profis korrigieren ab Mittwoch um 20.15 Uhr Tätowierungen, die dank „Drogen, Dummheit, Schnapsideen“ entstanden sind. Acht Folgen gewähren jedoch nicht nur einen Blick in kommerzielle Zielgruppen, sie sind auch ohne bewusstseinsverändernde Mittel unterhaltsam. Im Gegensatz zu einer irren Erstausstrahlung: Santo und der blaue Dämon contra Dracula und Werwolf von 1973 kann man Donnerstag (0.40 Uhr) zum Ende der Arte-Trashfilmreihe zwar nüchtern sehen, aber kaum genießen.
Bei vollem Verstand genießbar sind folgende Debüts: Shut Up, Crime! um einen schüchternen Koch (Rainn Wilson), der sich Dienstag (0.05 Uhr, Tele5) seines Nebenbuhlers mit enormer Spielfreude als Superheld entledigt. Dazu die deutsche Komödie Love Steaks (Freitag, 21.45 Uhr, EinsFestival), die der zarten Liebe zweier Mitarbeiter eines Wellnesshotels mit Laiendarstellern und Improvisation Wahrhaftigkeit verleiht. Und kurz darauf ein oft unterschätztes Format: Kurzfilme. Fünf Stück zeigt Arte um 23.55 Uhr im Rahmen des Animationsfestival Annecy und versprochen: Jeder davon ist hochdosiertes Entertainment der besten Art.
Wie die Wiederholungen der Woche: Billy Wilders Das verlorene Wochenende (heute, 20.15 Uhr, Arte) etwa bracht Ray Milland als alkoholkrankem Schriftsteller 1946 den Oscar ein. Ohne Oscar, aber in Farbe: Nowhere Boy (heute, 23.15 Uhr, NDR), ein Biopic über John Lennons Jugendjahre. Eine Viertelstunde später zeigt die ARD unseren Sachfilm der Woche: Florian Hubers Duell auf hoher See rollt 20 Jahre danach die Versenkung der Bohrinsel Brent Spar auf. Weitere 50 Jahre zurück geht Arte, wenn es Mittwoch (22.25 Uhr) 40 Verbotene Filme begutachtet, die von den 1200 Werken der NS-Zeit nur unter Auflage gezeigt werden dürfen.
Das Heinz Karmers auf St. Pauli eröffnete in einer ekligen alten Domschänke. Es ist lange geschlossen, steht aber für den Übergang von der Kneipen- zur Clubkultur. Folge 6 des Hamburger Club-Museums.
Von Jan Freitag
Erinnerungen an alte Orte des wilden Feierns und wehen Erwachens, der knietiefen Abstürze und schmerzhaften Auferstehung sind häufig nicht nur zigarettenrauch- bis bierdunstgetrübt; sie verfliegen förmlich im Nebel nostalgischer Rückbesinnung auf durchzechte Nächte, die vielleicht besser waren, aber eben auch krasser, extremer, manchmal richtig böse. Wie zerbombte Kirchtürme ragen sie dann aus den Trümmerlandschaften persönlicher Geschichtsschreibungen hervor oder ekliger ausgedrückt, eklig wie, sagen wir, die Klos im Heinz Karmers: wie braune Zahnstümpfe aus einem ungepflegten Gebiss.
Es befand sich ringsum, damals, vor auch schon wieder mehr als 20 Jahren: Der Kiez, Mitte der Neunziger noch immer reichlich ungewaschen, roh, ludendominiert und waffenverbotsschilderfrei, weil das ohnehin kaum exekutierbar gewesen wäre. Gegenüber lag wie heute das Stadion, nur war es eine bessere Bretterbude, in der glaubhaft „Nazis raus!“ gebrüllt wurde, die dann wirklich auch raus sind, Richtung Reeperbahn, um mit Autonomen oder der Polizei Bambule zu machen. Und dazwischen, noch ungewaschener, noch roher, aber luden- wie verbotsschildfrei: Das Heinz Karmers. Bis 1994 eine „Asso-wir-saufen-uns-tot-Kneipe“, wie Oliver Hörr mal erzählte, aus der für die darauffolgenden drei Jahre ein „Asso-wir-saufen-uns-tot-haben-dabei-aber-mehr-Spaß-Club“ wurde, den der Mitbetreiber in einer versifften Domschänke installiert hatte und einfach weiter versiffen ließ. Gezielt, raunte man sich zu, mit aufgemalten Schimmelflecken und Bierflaschenabräumverbot, um dem pillenbunten Folgejahrzehnt der aseptischen Achtziger etwas entgegenzusetzen.
Es ist nicht so leicht, Erinnerungen an diesen alten Ort des wilden Feierns und wehen Erwachens wachzurufen, die über den optischen Zustand des Ladens substanziell hinausreichen. Viele kamen schon vorgeglüht an, verharrten in der Menschentraube vorm bröckelnden Flachbau mit den blickdichten Fenstern. Und sie mieden den Weg vorbei an immobilen Herumstehenden zum winzigen Tresen elegant überforderter Barkräfte, die das Wort „Service“ fürs Porzellanset in der elterlichen Vitrine vorbehielten und grundsätzlich niemanden bedienten, der ihnen am nächsten stand, sondern lieber irgendwem im hintersten Eck mit lautstarken Kommandos das Astra zureichen ließen, was zwar kommunikativ und abenteuerlich war, aber schrecklich ungerecht.
Auch deshalb blieb ich gern vor der Tür statt dahinter, hab bei Nordwind auf der ungeschützten Hauptverkehrsadervorfläche halt den Trainingsjackenreißverschluss überm Hoodie, der seinerzeit noch Kapuzenpulli hieß, hochgezogen und bin allenfalls im Winter oder nach verregneten Heimspielen des benachbarten Fußballclubs reingegangen. Wobei auch dann der Weg das Ziel war. Denn Hamburgs härteste Tür, sie mag seinerzeit das Top Ten in Blickweite verschlossen haben; den härtesten Gang hatte Heinz K. Er war gewissermaßen Türsteher, Tür, Zu- und Rückweg in Personalunion, weniger eng als inexistent. Womöglich lud er grad deshalb stets ein Drittel der Gäste zum Verweilen ein.
Immerhin entging man in der dortigen Kakophonie aus Stimmengewirr, Durchzug und Toilettenspülung dem paradoxen Klangsalat vom einzigen Raum, der an guten Tagen aus heillos übersteuertem Live-Sound von heillos untrainierten Bands wie Boy Division stammte, die sich angeblich hier gegründet hatten, an weniger guten Tagen Shanties und Surf-Trash-Punk mit Schlager kompilierte, an schlechten alles zugleich übereinander legte, weil wieder mal wer mit ausgeleierten Musikkassetten auflegte. Umso bemerkenswerter, dass die Legende am Übergang von der Kneipen- zur Clubkultur zum Fluchtpunkt wurde. Ein Heimatsurrogat. Zuhause.
Denn ob es die konsequente Regellosigkeit war, der kunstvolle Dreck, das kollektive Koma: hier herrschte noch (un)gepflegtes Miteinander des Inseldaseins an einer dicht befahrenen Monsterkreuzung, die schon damals bis aufs Karmers tot war und nun eben mausetot ist. Denn als der marode Flachbau in einer legendären Abschiedsparty vor 18 Jahren vom eigens herbeigeeilten Eventpublikum im Schutze der Nacht sprichwörtlich dem Erdboden gleichgemacht wurde, war im Sog der aufkommenden Gentrifizierung des angrenzenden Schanzenviertels mit allem zu rechnen: Cocktaillounge, Einkaufszentrum, Hochhauskomplex, Mehrzweckhalle. Dass dort allerdings das entstünde, was nun dort ist, erschien im Tränenmeer des Wohnzimmerverlustes selbst eingefleischten Miesmachern undenkbar. Wo das Heinz Karmers einst von zwei Werbewänden umrahmt wurde, ist heute:
Nichts.
Außer Zäunen, Asphalt, gähnender Leere. Kein Mensch hält sich da auf, niemals, nirgendwo. Selbst die Fans des FC, der seine Heimspiele längst in der schicken Stadtteilarena austrägt, gehen nach Abpfiff achtlos vorbei oder nutzen das Areal als öffentliches Pissoir, das Nobelhotel East vor Augen, errichtet auf den Ruinen des Muckibuden-Rap-Schuppens Powerhouse, von dem sich hier auch keine Spur mehr findet. Vielleicht ist es ganz gut so, dass der gierige Kraken Kiez seine Tentakel nicht bis hier auswirft, wo St. Pauli Wohngebiet ist und auch ein weiterbetriebenes Tanzcafé früher oder später entdeckt worden wäre vom Eventmarketing. Womöglich waren drei Jahre genug, und der Original-Tresen war ja noch ein paar mehr auf Reisen durch Hamburgs alternative Clubkultur. Die Erinnerung schmerzt zwar, aber Trainingsjacken trägt ja auch kein Mensch.
Was Laute zu Klängen macht, Klänge zu Tönen, Töne zu Musik und Musik harmonisch, ist vielgestaltig wie die Zahl der Geräusche generell. Eine Bach-Kantate unterscheidet demnach von karibischer Trommelei und Eurodance mehr als die Summe der einzelnen Teile, besteht aber auch nur aus ähnlichen Bauteilen, die eben bloß eigentümlich verfügt werden. Nach diesem Motto füllt der britische Elektrotüftler Matthew Herbert seit jeher Hallräume mit kuriosem Wohlklang. Selbst die Akustik eines Schweinelebens von der Geburt bis zur Schlachtbank diente da schon als Klanggerüst. Verglichen damit wirkt sein neues Album The Shakes gradlinig.
Durch viele der zwölf Stücke fließt orchestrales Dance-Pathos, als ginge Frankie noch nach Hollywood, während tanzbare Melodramatik umherflattert, als sänge Rihanna, wer „in the middle oft the night“ auf wen warte. Das wirkt zuweilen fast eingängig – würde der akademisch gebildete Produzent zwischendurch nicht dauernd widersprüchliche Soundkaskaden zu digitalen Popgespinsten verweben. Bissfester war Soundbrei selten.
Matthew Herbert – The Shakes (Accidental Records)
Nozinja
Für eher nordwestlich geschulte Ohren klingt jedoch vieles, was den strengen Regeln klassischer Harmonielehre allzu sehr wiederspricht, rasch dissonant, also unhörbar. Wer diese eurozentrische Sicht auf den Musikgeschmack überwinden will, ohne gleich jede Grenze einzureißen, dem sei ein Blick nach Südafrika empfohlen. Hier vereint Richard Mthetwa, genannt Nozinja, den urwüchsigen Sound seiner Heimatprovinz Limpopo mit digitaler Disco, und weil der Pionier elektronischen Crossovers über diese Art modernisierter Tradition den ortsüblichen Bantudialekt legt, nennt er sie „Shangaan Electro“.
Das Resultat klingt zwar leicht nach Kwaito, dieser verschwitzten House-Variante mit HipHop- und Dance-Elementen, ist aber um eine gehörige Prise aberwitziger. Da flattern Samples afrikanischen Alltagslebens vogelwild über eklektische Percussion, da überdrehen scheinbar wirr verklebte Beats, da läuft schon mal auf 45, was mit 33 Umdrehungen schon arg schnell ist, und sorgen so für eine Dynamik, wie sie womöglich nur den Vierteln dieser Region entspringen kann.
Nozinja – Nozinja Lodge (Warp)
Ferris MC
Innen rau, außen rau, durch und durch rau ist hingegen Sascha Reimann. Der Pfälzer hat seine Ursprungsmentalität seit dem Zuzug ja so oft gegen die Kaimauern der Waterkant gedeppert, dass er als assimilierter Prollrapper Ferris MC zum Synonym fürs Küstenattribut schlechthin wurde, mit dem sich das glattgebügelte Hafenviertel so gerne schmückt: Derbe. Derbe ist Ferris seit 1995 als Vorgröler des deutschen Sprechgesangs, derber wurde er zwischendurch bei Deichkind, derbst bleibt er auch auf seiner ersten Soloplatte seit zehn Jahren.
Es ist eine Rückkehr, die sich vom bierdosenzischenden Sideprojekt ein paar Eventelemente geborgt hat und auch sonst ambivalenter klingt, rockiger, poppiger, weniger bekifft als beim antiquarischen Durchbruch Asimetrie anno 99. Aber auch Glück Ohne Scherben treibt dem deutschen Hip-Hop mit kratzender Stimme die Konsensbereitschaft aus den Zeilen. „Ich lass die Kettensägen kreischen“, rappt er in All die schönen Dinge und bricht auch sonst gern Beine, entzündet Rote Teppiche, verprügelt Promis, kotzt und tritt und haut alles zu Klump. Reimann? Geil!
Ferris MC – Glück Ohne Scherben (Warner)
Mehr pics’n’sound’n’kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-05/ferris-mc-heather-nova-matthew-herbert-nozinja
Lebende Personen werden eher selten verfilmt. Einer von ihnen war vor zehn Jahren der Weltklasseläufer Dieter Baumann. 2004 hatte das Erste die aberwitzige Karriere des Olympiasiegers unter Dopingverdacht in Spielfilmform gegossen – allerdings nicht im Auftrag des weißen Kenianers, wie seine Konkurrenz den Ausnahmeläufer seinerzeit ehrfürchtig nannten. Freitagsmedien dokumentieren das Interview zu Ich will laufen mit einem bemerkenswert übellaunigen Sympathieträger.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Baumann, wie oft wurden Sie seit Herbst 1999 frei vom Thema Doping interviewt?
Dieter Baumann: Keine Ahnung.
Und der Tendenz nach?
Ich glaube, es gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht, das Thema anzuschneiden. Damit lernen Athleten umzugehen. Insofern findet es in jedem Gespräch mit Journalisten statt.
Nur die Ebene hat gewechselt – vom Saubermann zum Sünder.
Ja klar, die Rolle hat sich geändert, aber dann eben auch wieder. Das ist ein ständiger Wandlungsprozess. Ich weiß, was Sie jetzt von mir hören wollen.
Ob sich bei ihnen alles um Doping dreht.
Mein Leben beschränkt sich nicht aufs Thema Doping. Es ist mit tollen Projekten erfüllt und die paar Interviews verkrafte ich halt.
Sie waren stets offensiver als andere.
Das bin ich noch. Ich habe ja nichts zu verbergen.
Wann haben Sie beschlossen, sich selbst an die Öffentlich zu wenden.
Das war schon während der ersten Monate. Ich hatte mir viele Notizen gemacht und gemerkt, es tut mir gut, wenn ich die Tagesverläufe quasi als Tagebuch festhalte. Irgendwann ging mir auf: da könnte ein Buch draus werden.
Und wann wurde das Filmprojekt an Sie herangetragen?
Kurz vor der EM 2002.
War das eine Chance, alles noch mal mit größerer Resonanz aufzurollen?
Eigentlich habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Natürlich sehe ich diese Gefahr, dass alles wieder angerührt wird. Deswegen habe ich sehr lang versucht, das Projekt nicht zu machen.
Wenn auch ohne Erfolg.
Na ja, ich bin dem Charme vom Regisseur Diethard Klante erlegen und habe ihm gesagt: Gut, wenn es dein Lebensglück erhöht, machen wir’s eben. Er ist da sehr hartnäckig.
Wie finden Sie seinen Film?
Ich kann da keine Wertung abgeben. Das ist als Betroffener nicht möglich. Es gibt aber diese Ambivalenz – auf der einen Seite war alles so wie im Film dargestellt, auf der anderen wurde vieles weggelassen, das mir wichtig wäre. Und Hans-Werner Meyer…
Der Sie im Film spielt.
… kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Da muss ich mich neben mich stellen und sagen, dass ist künstlerische Freiheit. Der schneidet den Dieter Baumann so auf sich zu, dass er den spielen kann. So muss man auch den ganzen Film verstehen. Das bin nicht 1:1 ich, das ist ein Schauspieler, der sich dieser Figur annähert.
Wie groß war ihr Einfluss?
Diethard Klante hat mit unzähligen Menschen Gespräche geführt, die involviert waren. Natürlich auch mit mir. Irgendwann hat er uns das Drehbuch vorgestellt. Aber konkrete Einflussmöglichkeiten waren nicht vorgesehen oder gewollt.
Wie war es, als sie erstmals den Rohschnitt gesehen haben?
Da blieb die Ambivalenz erhalten, dass ich die ganze Geschichte noch mal erlebe und wieder einen kleinen Schritt zurückmache. Eigentlich wollte ich nur noch nach vorn stürmen. Aber manchmal ist es auch okay, einen Rückblick zu wagen.
Sie kommen im Film sehr gut weg. Es könnte der Eindruck entstehen, Dieter Baumann wäscht sich hier rein.
Die Sorgen mache ich mir nicht, weil ich mit dem Film gar nichts zu tun habe. Ich hab Gespräche geführt, Herrn Klante Unterlagen zur Verfügung gestellt, und er hat Rechte meines Buches „Lebenslauf“ erworben; das ist ja die Handlungsgeschichte.
Haben Sie sich mehr über die Affäre an sich geärgert oder darüber, dass die Zahnpastaversion belächelt wurde?
Ärgern ist das falsche Wort – man ist hilflos, machtlos. Es ging ja auch um eine existenzielle Bedrohung. Aber es gibt jetzt hier keine Medienschelte; jeder hat da auf verschiedenen Ebenen seine Rolle gespielt, in seinem Bereich und mit seinem Motiv. Ich war da nur der Spielball. Es ging nicht mehr darum, ob ich’s getan habe. Eine differenziertere Betrachtung konnte ich irgendwann eh nicht mehr erwarten.
Hätten Sie gedacht, dass die Geschichte irgendwann mal Filmstoff wird?
Ach, mich überrascht im Leben nichts mehr. Aber ich hätte es auch nicht vorhergesagt. Ich habe einfach überhaupt nicht gedacht.
Können Sie sich nach dem ersten Einblick ins Filmgeschäft vorstellen, dort aktiv zu werden?
Grundsätzlich bin ich für alles offen. Die Welten des Athleten und die des Schauspielers liegen ja gar nicht so weit auseinander. Beides hat immer mit einer Bühne zu tun und meine ist das Stadion. Ich habe dieses Projekt genutzt, über den Zaun zu schauen.
Vermissen Sie nach dem Rücktritt Ihre alte Bühne?
Nein. Ich hab 20 Jahre Leistungssport gemacht. Eine tolle, schnelle Zeit. Aber ich habe auch gemerkt, dass es sich abnutzt. Es hat viel Kraft gekostet. Ich genieße es, ein Freizeitläufer zu sein. Es geht um nichts mehr, das ist wunderbar.
Nach kaum mehr als vier Jahren beendet der König des belanglosen Plauderns an diesem Sonntag seine sündhaft teure ARD-Talkshow – und damit ein großes Missverständnis: Günther Jauch ist weder Journalist noch Anwalt des kleinen Mannes. Sondern einfach ein sehr, sehr guter Geschäftsmann mit gewissen Entertainerqualitäten.
Von Jan Freitag
Irrtümer können ganz schön hartnäckig sein. Derjenige zum Beispiel, nach drei Bierchen könne man problemlos Auto fahren, hält sich bekanntlich selbst unter bayrischen Spitzenpolitikern beharrlich. Auch, dass Hunde den Mond anheulen, Jugendliche immer gewalttätiger werden oder Erkältungen durch Kälte entstehen, wird nicht dadurch richtiger, dass man es dauernd wiederholt. Da könnte man ja gleich dem denkbar größten Irrtum unserer Tage Glauben schenken: Bei einer Direktwahl durchs Volk bekäme Günther Jauch die Mehrheit.
Wer das glaubt, glaubt womöglich auch, Deutschlands beliebtester Fernsehmoderator sei auch ein guter Talkshowmaster oder noch ein bisschen verrückter: Journalist. Aber gut – jetzt ist mit diesem Märchen ja Schluss. Diesen Sonntag hört Günther Jauch auf, zu sein, wofür er einfach nicht bestimmt ist und doch Abermillionen sinnlos vergeudete Euro kriegt: Günther Jauch. Dann wechselt das RTL-Gesicht letztmals zum Wochenendfinale vom privaten Biotop rüber ins öffentlich-rechtliche Exil und begrüßt seine Gäste bei der ARD. Dann ist seine Gesprächsrunde nach vier Jahren auf Sendung trotz konstanter Einschaltquoten überm Senderschnitt Geschichte. Ein Irrtum weniger auf dem Feld beharrlicher urban legends.
Denn Günther Jauch war, er ist alle Mögliche: Ein Kaiser arglosen Entertainments, der König des belanglosen Plauderns, Edelmann diverser Unterhaltungsshows für Bürger, Bauern Bettelleute. Er kann profane Alltagsquizrunden ebenso wie übersteuerte Samstagabendsausen zum heiteren Hochamt gesamtdeutscher Abendgestaltung weihen und dem Altmedium Fernsehen somit eine Art nonchalanter Relevanz suggerieren. Noch besser aber kann Jauch den Hochadel seriöser TV-Dispute so profanisieren, dass sie intellektuell belanglos werden, äußerlich mitunter wärmend, innerlich bedeutungslos und leer.
Dafür muss man nur ein paar Monate zurückwandern auf der Zeitachse linearen Fernsehens. Im April war es, da ertranken im Mittelmeer zwar auch nicht mehr Flüchtlinge als üblich, aber die Medien waren durch ein paar besonders verlustreiche Schlepperhavarien aufgeschreckt. Aus diesem Grund nun lud der nette Herr Jauch nicht nur den rassistischen Brachialpublizisten Roger Köppel aus der Schweiz zum Disput, sondern auch einen freundlichen Philanthropen, der auf eigene Faust Schiffbrüchige rettet und plötzlich etwas tat, das den Moderator an den Rande der Zurechnungsfähigkeit brachte: Er forderte Schweigeminute für die Opfer von Europas Abschottungspolitik.
Und was tat Jauch? Er sträubte sich, stammelte, winkte ab, rang sichtbar um Regelhoheit und gewährte doch eine Audienz der Stille im Quasselforum, nur dass sie keine 60 Sekunden währen durfte, sondern rund die Hälfte – dann brach er den erhabenen Moment ab, ging zur Tagesordnung über und riss sich somit endgültig die Maske vom Gesicht. Günther Jauch, 1958 in Münster geboren, als dort noch Priester statt Grüne den Ton angaben, gilt nämlich im Medium der Machtinteressen als Stimme des kleinen Mannes – obwohl er sich wie kein zweiter Promi seines Ranges den Fangarmen der Springerkrake entzieht.
Er ist also wie gemacht fürs Unterschichtenfernsehen von RTL mit seiner verantwortungslosen Ballermannbespaßung, das die Lüge strukturell zum Faktum verdreht und Sachlichkeit allenfalls homöopathisch dosiert. Hier spielt das sportaffine BR-Gewächs seit 1999 für gut fünf Millionen Zuschauer den vertrauenswürdigen Ratepaten mit lausbübischer Empathie für den rätselnden Pöbel. Spätestens die Flüchtlingssendung vom April aber legt nahe, wie viel Pose darin steckt und wie wenig Wahrhaftigkeit.
Dafür spricht nicht zuletzt der Geschäftsmann im Moderator, dem das mitfühlende Image seit Jahren das Konto bläht, seit 2011 mit geschätzt zehn Gebührenmillionen im Jahr für eine Stunde Wochenarbeitszeit plus Vor- und Nachbereitung, die er zudem von seiner eigenen Firma i&u TV produzieren lässt. Dafür hat der Elitenzögling mit herrschaftlichem Anwesen in der reichen Residenzstadt Potsdam nicht nur die bessere Anne Will vom wichtigen „Tatort“-Anschluss auf den Aschenputtelplatz am Mittwoch verdrängt, sondern die „Gremlins“ der ARD auch sonst am Nasenring durch die Arena des Kampfs um unerreichbare Zielgruppen gezogen.
Selbst Vater Ernst-Alfred, er immerhin tatsächlich Journalist, soll mal über seinen Sohn gesagt haben, „was Günther macht, verstehe ich zwar nicht, aber es wird wohl gut bezahlt“, um hinzufügen: „Kein Mensch weiß, warum.“ Dem kann man, auch wenn es dem beruflichen Standesdünkel eines alten Printreporters vor Wer wird Millionär entsprungen sein mag, nur beipflichten. Jauch Junior ist zwar überaus nett, aber erschreckend beliebig; bildungsstark, aber meinungsschwach; unterhaltsam, aber trivial. Alles Relationen, die einer lukrativen Karriere im Kommerzfunk zuträglich sind. Fürs staatsvertraglich grundierte Hauptabendprogramm des Grundversorgers ARD taugen sie deutlich weniger.
Dass er mit kaum 60 Jahren nun – aus privaten und beruflichen Gründen, wie er mitteilen ließ – die Reißleine zieht und zum morgigen Finale allein mit Wolfgang Schäuble über Terror, Flucht und Pegida spricht, ist somit ein Schlag ins Kontor des verlängerungswilligen NDR als Auftraggeber. Bedauern sollte sie es dort nur solange, wie sich ein seriöserer Host am wichtigsten Talkshowplatz der Medienrepublik findet. Irgendjemand, der nicht nur über hohe Sympathiewerte beim anspruchsloseren Publikum verfügt, sondern über ein paar andere Dinge, die politischem Fernsehjournalismus dienlich sind: Kompetenz, Informiertheit, Augenhöhe. Irrtum ade.
Seit Herbst besteht die Nachrichtenwelt offenbar nur noch aus Krisen. Die „Tagesschau“ etwa geriet damals so kriegerisch, dass Sprecherin Linda Zervakis auf die Frage, warum sie ab Juli den Summer of Peace moderiert, entgegnet: Arte wolle der „Katastrophenfrau“ wohl eine Friedenspause gönnen. Doch just als der Kulturkanal seinen Schwerpunkt in Hamburg präsentierte, mehrten sich mysteriöse good news: Zuerst liefert Don Sepps Rücktritt Stoff für Dauerschleifen vom Crash seiner Mafia, pardon: Fifa. Dann berichtet Zervakis’ Sendung mehr als die üblichen 25 Sekunden pro Woche über den Kita-Streik, der nun in die Schlichtung geht. Schließlich gibt’s das Freitagsschmankerl dazu: Günther Jauch beendet seine Talkshow im Ersten. Wen man da wohl mehr vermisst – ihn, Blatter, Streiks oder doch Winnetou?
Dessen Alter Ego Pierre Brice ist nämlich Samstag gestorben. Wir werden ihn vermissen. Wen dagegen kaum jemand vermissen würde, wäre Roger Köppel. Bei Frank Plasberg durfte der Schweizer dennoch sein salonfaschistoides Weltbild absondern, in dem er Landsmann (und Kumpel) Blatter eine blütenweiße Demokratenweste attestierte und jeden Journalist, der das bestreitet, zur „Rowdy-Publizistik“ zählt, die Köppels Weltwoche ebenso wie seiner rechtsradikalen Partei natürlich total fremd ist, wenn beide saftig gegen Asis, Schwule, Neger hetzen.
Damit befindet sich der braun(gebrannt)e Publizist in bester Gesellschaft mit Ulrich Marseille, der gerichtlich gegen Günter Wallraff vorgeht, weil er Missstände in dessen Klinik-Konzern recherchierte, ohne vorher förmlich um eine Audienz gebeten zu haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn journalistische Arbeit abseits offizieller Pressestellen beginnt…
Die Frischwoche
8. – 14. Juni
Dass er sich von derlei Drohgebärden nicht beirren lässt, zeigt RTL in seiner einzigen Sendung, die eine Vorform journalistischer Relevanz erreicht: Team Wallraff, dessen heutiges Thema aus verständlichen Gründen erst um 21.15 Uhr bekannt wird. Wenn Thomas Gottschalk am Freitag (23.40 Uhr) im Vierteiler 40 Jahre Musikvideos allerdings die ersten acht seit Queens Bohemian Rhapsodie Revue passieren lässt, zeigt der Sender, dass man auch ohne Bedeutsamkeit anschaulich unterhalten kann.
Bedeutsam und anschaulich – das schafft aber doch eher Arte, dessen Themenabend zum Thema Flüchtlinge am Dienstag zwei herausragende Dokus darüber bringt, wie Zielländer die Ströme eher blockieren als auflösen. Dazu passt Eric Friedlers preisgekrönte Doku Aghet, die den Völkermord an den Armeniern und das Versagen der Weltbevölkerung parallel auf 3sat (22.25 Uhr) in Form von Zeitzeugenberichten prominent verlesen lässt.
Ähnlich historisch geht es Donnerstag abermals auf Arte zu, wo um 20.15 Uhr die achtteilige Zeitreise 1864 beginnt, dessen Untertitel Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges den deutsch-dänischen Konflikt jener Tage banaler erscheinen lässt, als dieses hyperrealistische Stück fiktionalen Edutainments verdient. Fiktionale Realität der besten Sorte ist auf dem Kulturkanal dann Mittwoch zu sehen, wo Nina Hoss in Thomas Arslans schwarzweißem Spätwestern Gold so glaubhaft nach dem Edelmetall jagt, als seien beide einst beim berühmten Rush in Klondike dabei gewesen.
Gelungen ist auch ein Film, der sich gar nicht um Bedeutsamkeit kümmert, sondern lieber ein skurriles Panoptikum Schweriner Plattenbaubewohner erschafft, mit Charly Hübner als scheuem Hausmeister, der sich am Degeto-Freitag in Anderst schön um Christina Große als spröde Ellen bemüht, was zeigt: Romantische Komödien brauchen auch in ARD und ZDF gar keine hübschen Gesichter, um zu gefallen. Das gleiche gilt übrigens bisweilen für Weltsport, weshalb sich beide Sender völlig zu Recht weigern, die „Europa Spiele“ aus der aserbaidschanischen Halbdiktatur zu übertragen, weshalb sie die Farce ab Freitag an Sport1 delegiert haben, dem moralische Überlegungen so fremd sind wie sexhotlinefreie Nächte.
Es wird also öffentlich-rechtlich unsichtbar bleiben, wenn in Baku, sagen wir: Marathon gelaufen wird. Aber immerhin sorgt Arte für eine Art Ersatz, wenn es – Stichwort Wiederholung der Woche – heute Dustin Hoffman als Marathon-Mann auf die Spur von Laurence Olivier als furchtbarer SS-Arzt à la Mengele (1976) setzt. Die nächste Spur (der Steine) wird 100 Minuten später im MDR gelegt, mit Manfred Krug als renitentem DDR-Bauarbeiter. Seit 50 Jahren sehenswert!
Die Hamburger Mod-Band Monoklub holt auf ihrem Debütalbum den englischen Sound der Sixties zurück in die Gegenwart und beweist aufs Neue, wie zugänglich die Hansestadt für alles von der Insel ist.
Von Jan Freitag
Mode, es ist noch gar nicht allzu lange her, war mal ziemlich simpel geordnet. Röhrenjeans waren für Prolls und Schmalzlocken für Teds, Schurwolle war für Hippies und Zerrissenes für Punks. Popper hatten Polohemden an, Faschos welche mit Lonsdale drauf, alle anderen trugen das Zeug ihrer Geschwister auf. Fertig war die Jugendkultur. Und heute? Tragen Nazis Palästinensertuch unterm Undercut und meiden Lonsdale wie Blumenkinder Plastikhosen. In Modedingen ist auf nichts mehr Verlass.
Beinahe jedenfalls.
Denn dann knattert Justus Lohmann in Parka überm gebügelten Button-Down-Hemd auf seinem italienischen Motorroller durchs neoklassizistische Eimsbüttel heran, bestellt vorm telefonzellenrot gestrichenen Gloria ganz herkömmlich schwarzen Kaffee anstatt neumodischer Milchpanschereien, klappt sein silbernes Zigarettenetui mit Wappen des FC St. Pauli auf und raucht wie damals, als Rauchen weder verrufen war noch lässig, sondern einfach Regelzustand wie Atmen oder Reden.
Ein derart stilsicheres Exemplar der Roaring Sixties wirkt wie eine Reise rückwärts in jene Ära, als das Äußere zweifelsfrei innere Werte preisgab, als die Großstadtwelt trotz rauchender Kohleöfen irgendwie klarer war und Popkultur berechenbar. Als es noch echte Mods gab. Doch was heißt hier gab – es gibt sie ja, diese Relikte einer britischen Subkultur der frühen Sechzigerjahre, in der junge Arbeiterkinder ihre proletarische Herkunft mit schmalem Schlips zum engsitzenden Anzug und aufgemotzter Vespa konterkarierten, ohne sie gleich zu negieren. Besonders in Hamburg lebt dieser Stil – mehr ein geschlossenes Zeichensystem – fort und findet unverdrossen Anhänger wie Justus Lohmann samt seiner Freunde Eike Resener und Florian Hagen. Die drei sind ins Straßencafé gekommen, um mit Fred Perry und Pilzkopf ihre ausgestellte Britishness, vor allem aber um ihr Debütalbum zu präsentieren. Es klingt wie aus der Zeit gefallen und doch seltsam zeitgemäß.
Das Album heißt wie die Band dahinter Monoklub und ist ein feines Stück modernisierter Nostalgie. Mit Lohmanns hochverzerrter Gitarre, Hagens zurückgenommenem Bass und Reseners präzise beschleunigten Drums transponiert das Trio den Sound ihrer Sehnsuchtsepoche mit Eins-zwo-eins-zwo-Uptempo in die Gegenwart permanenter R ‘n’ B- bis Britpop-Revivals. Und würde Monoklub sieben meistens kurze, stets hochenergetische Songs nicht auf Deutsch darbieten, mit Titeln wie Realität oder Tristesse, die trotz alltagsnüchterner Namen gern mal von Mädchen und Partys – Jungsangelegenheiten eben – erzählen, käme also auch noch das Vokabular von der Insel – die drei mittelständigen Mittdreißiger mit bürgerlichen Eltern befänden sich definitiv nicht nur in der falschen Klasse und Phase, sondern auch noch im falschen Land.
Das jedoch tun sie keinesfalls, im Gegenteil. “Wir sind sicher keine britischen Working-Class-Heroes”, sagt Sänger Justus mit Hamburger Akzent, der seine Uelzener Wurzeln breit überlagert, “aber ziemlich anglophil”. Und dafür sei Hamburg nach wie vor das perfekte Pflaster. Schon als Film und Soundtrack von The Whos Rockoper Quadrophenia den Mods 1979 ein bemerkenswertes Comeback bescherten, fand die Rückkehr hierzulande vor allem zwischen Alster und Elbe statt. Hier feierte die Szene nicht nur Wochenende für Wochenende gewaltige Allnighter, die schon wegen ihres exzessiven Drogenkonsums als Vorreiter technoider Raves gelten. Hier bekam man auch die zugehörige Kleidung, traf die zugehörigen Leute, spielte dank der originellen Clubkultur auch die zugehörige Musik. Und das, sagt Florian, auch er natürlich adäquat gekleidet, “hat sich bis heute fortgesetzt”.
Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.
Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.
Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!
Monoklub – Monoklub (brillJant)
Vor allem für die tonale Mod-Grundlage Northern Soul sind Läden wie der kieznahe Komet ein Fixstern, im Hafenklang erweitert um den üblichen Garagensound, der auch das Repertoire von Monoklub kennzeichnet. Im Karo- und Schanzenviertel drängeln sich Plattenläden, die Vintage-Klänge auf Vinyl anbieten. Und überhaupt – diese Atmosphäre in einer Stadt, die nicht ohne Grund Bands wie den Beatles eine zweite Heimat bot, die noch immer Handelskontore beherbergt, die von Nachkommen irgendwelcher Johns & Sons geleitet werden, die zuweilen britischer denkt, fühlt, handelt als deutsch. Hamburg, betont Justus, auch er aus der niedersächsischen Provinz, “ist ein gutes Pflaster für alles, das sich am Vereinigten Königreich orientiert”.
Nur königlichen Erfolg, den darf man mit diesem Sound Made in Germany eher nicht erwarten. Keinen zumindest, der die Bandmitglieder vom Broterwerb als Informatiker, Erzieher, Tischler befreien könnte. In den fünf Jahren Beisammensein vorm Debütalbum hat sich Monoklub zwar einen Namen als umtriebige Live-Kapelle dicker Freunde für gute Bekannte gemacht. Doch wenn Justus in Das Ende beginnt “Was ich brauche / ist ein Ziel” singt, meint er damit selbst mittelfristig eher “eine Platte im Jahr, zwei kleine Touren”.
Immerhin. Dazu das legendär kritische, manche meinen auch phlegmatische Publikum der Wahlheimat weiter zur maximalen Erregungsstufe textsicheren Kopfnickens zu bringen. Dann sei die neue Band alter Hasen mit englischer Attitüde mitten in Hamburg schon zufrieden. In London nennt man das Understatement. An der Waterkant: Paady!
Der eine trägt Karo und graues Haar, der andere Turnschuhe und Hornbrille – Ralph Kotsch und Philipp Schwörbel (v.l.n.r., Foto: Sebastián Laraia) unterscheiden sich nicht nur optisch, auch inhaltlich stehen sie für verschiedene Positionen: Kotsch als Lokalchef und Mitglied der Chefredaktion der Berliner Zeituung, Schwörbel als Gründer der hyperlokalen Onlinezeitung Prenzlauer Berg Nachrichten. Zu deren Umwandlung in ein digitales Magazin für zahlende Mitglieder dokumentieren freitagsmedien ein Gespräch über Graswurzeljournalismus und die Zukunft des Lokalen, als die PBN noch rein werbefinanziert waren.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Die Menschen sind wieder Nomaden, ihre Beweglichkeit nimmt zu, die Sesshaftigkeit ab. Welche Rolle spielt da der Lokaljournalismus?
Ralph Kotsch: Lokaljournalismus wird immer wichtig bleiben, egal, wie sich die Menschen bewegen. Immer, wenn sie irgendwo sesshaft werden, und sei es für kurze Zeit, interessieren sie sich für ihr Umfeld.
Philipp Schwörbel: Da stimme ich zu. Weil den Menschen wichtig ist, was vor ihrer Haustür passiert. Gerade auch in Prenzlauer Berg, wo die Fluktuation enorm ist.
Kotsch: Der Nachteil kurzer Verweildauern ist allerdings, dass Leser ihr Zeitungsabo schneller kündigen oder gar nicht erst abschließen. Für das Marketing mögen sich dadurch neue Herausforderungen ergeben, für uns Journalisten bleibt die Arbeit im Kern gleich. Mal abgesehen davon, dass wir Neuankömmlingen die Stadt erklären müssen, ohne Alteingesessene zu langweilen.
Schwörbel: Es ist eine Mär zu glauben, dass unser Leben sich nur noch digital und global abspielt, nur weil wir mobiler geworden sind. Das Leben ist doch zu geschätzten 95 Prozent lokal.
Kotsch: Das sehen wir auch auf unserer Website: Unter den Top 3 der meistgeklickten Beiträge unserer Onlineredaktion sind meist lokale Themen.
Und doch werfen Sie, Herr Schwörbel, regionalen Blättern wie der Berliner Zeitung vor, die Lokalberichterstattung zu vernachlässigen.
Schwörbel: Die Kritik ist etwas differenzierter: Die großen Berliner Tageszeitungen haben sich nicht aus der Berlin-Berichterstattung, sondern aus der lokalen Bezirksberichterstattung zurückgezogen. Das wird Herr Kotsch kaum bestreiten. Doch was Sie da einen Vorwurf nennen, nenne ich eher nüchtern eine Tatsache. Und wir füllen diese Lücke.
Kotsch: Wir machen tatsächlich nicht mehr so viel Bezirksberichterstattung wie in früheren Jahren. Aber man muss das im Licht einer längeren Entwicklung betrachten: Alle großen Berliner Zeitungen haben mit Subregionalisierung und bezirklichen Lokalteilen experimentiert. Für die Auflage hat das nichts gebracht, aber es hat viel Geld gekostet. Und wenn das Leserinteresse derart gering ist, muss man am Ende die Frage nach dem Nutzen stellen.
Wenn die meistgeklickten Artikel lokal sind – warum sind dann alle hyperlokalen Experimente der Tageszeitungen gescheitert?
Kotsch: Ganz einfach: Zu sublokal entfernt sich von der Masse, erst recht in einer Riesenmetropole wie Berlin. Wenn drei Straßenbäume in Zehlendorf gefällt werden, ist das für Anwohner von Interesse, in Friedrichshain aber nicht mehr. Wenn sich von 300.000 Lesern nur 50 für eine Geschichte interessieren, dann ist der Aufwand zu groß und der Platz zu kostbar. Erst recht, wenn durch die Anzeigenkrise die Umfänge schrumpfen.
Schwörbel: Daher haben sich die Großen noch weiter als überregionale Hauptstadtblätter positioniert. Wenn ich Ihre Zeitung lese, Herr Kotsch, bin ich angetan von der nationalen und internationalen Berichterstattung. Der Spagat zum Lokalen ist da strukturell aber gar nicht zu schaffen.
Kotsch: Insofern muss man sich als Zeitung für eine polyzentrische Stadt wie Berlin genau überlegen, wie tief man in sie eintaucht. Da habe ich fürs Lokale die Devise ausgegeben: Jede Bezirksgeschichte muss mit einer Stadtgeschichte konkurrieren können. Es muss ein gesamtstädtisches Interesse geben, sonst hat sie keine Chance.
Schwörbel: Dann kommen wir Ihnen ja nicht in die Quere.
Kotsch: Die Prenzlauer Berg Nachrichten tun uns nicht weh, aber wir beobachten mit Interesse, wie sie eine Ebene unter die Lupe nehmen, die wir vernachlässigen müssen. Zumal Ihr Anzeigenaufkommen ja auf gewissen Erfolg schließen lässt. Man muss nur sehen, wie lange das trägt. Ich nehme das ernst.
Trotzdem hat die Berliner Zeitung die Prenzlauer Berg Nachrichten, als sie vergangenen Winter starteten, in einem Artikel als “Milchschaumschlägerei” verunglimpft.
Schwörbel: (lacht): Ja, aber das muss wohl so sein. Zum Erfolg: Wir haben laut Google Analytics derzeit rund 14.000 regelmäßige Leser im Monat. Nicht immer tägliche Leser – die gibt es auch –, aber unsere lokalen Werbekunden sehen, dass ihre Angebote fast ohne Streuverluste wahrgenommen werden.
Müsste das nicht Ansporn sein, den Online-Auftritt der Berliner Zeitung mehr ins Sublokale zu holen?
Kotsch: Unsere Website wird Anfang Oktober komplett erneuert. So können wir die Stärke der Printmarke digital besser nutzen. Bei der Sublokalisierung unseres Internetauftritts lassen wir uns gern inspirieren. Aber auch die Prenzlauer Berg Nachrichten haben den Onlinejournalismus ja nicht neu erfunden. Die Seite ist zurückhaltend, anspruchsvoll, inhaltsreich, nutzt Facebookund Twitter, aber mit Verlaub: Das machen wir auch. Selbst ich habe von Künasts Krönung zur Spitzenkandidatin getwittert.
Schwörbel: Ist doch super! Wir twittern sogar aus der Bezirksverordnetenversammlung. Und unser Grad der Partizipation geht weiter: Unsere Nachrichten verstehen das Netz als Netz, sie übertragen nicht bloß ein Blatt ins Internet. Offene Kommentare, Twitter, Facebook – Diskussionen gehören selbstverständlich dazu, auch wenn wir da noch viel weiter gehen könnten. Wir bereiten zum Beispiel vor, jeden Eintrag per Geo-Tagging auch räumlich zu verorten. Aber nicht verwechseln: Lokalisiert ist nicht gleich lokal.
Wie wollen Sie es mit den Beteiligungsmöglichkeiten der Nutzer im neuen Online-Auftritt halten, Herr Kotsch? Werden Sie auch Bürgerjournalismus machen wie die Kollegen vom Hamburger Abendblatt?
Kotsch: Eher nicht. Wir haben natürlich Reaktionen von Lesern auf unsere Artikel – ob analog per Brief oder digital von Bloggern, Followern, Facebook-Freunden. Das Leserecho fließt in unsere Arbeit mit ein. Aber die Artikel schreiben wir immer noch selbst.
Schwörbel: Wir auch – da sind wir uns einig. Bürgerjournalismus kann eine wunderbare Ergänzung sein, aber Zeitungen nur von Laien gestalten zu lassen, steht nicht für Unabhängigkeit, Kontinuität, Qualität. Sie bringen Ihren Pkw ja auch zum Experten, nicht zum Autofan, so verhält es sich auch bei Zeitungen und journalistischen Blogs.
Kotsch: Na ja, bei Ihnen schreiben letztlich auch Profis. Bürger sind sie insofern, als sie in Prenzlauer Berg wohnen. Nehmen Sie Gustav Seibt.
Schwörbel: Ja, genau. Wir machen keinen Bürgerjournalismus, aber bei uns schreiben Journalisten zum Teil ehrenamtlich als Bürger. Gustav Seibt macht das, weil er etwas zu sagen hat.
Kotsch: Ihr Modell funktioniert in Prenzlauer Berg ganz gut, weil dort viele Journalisten wohnen, die sich gern über ihr Lebensumfeld äußern. In Reinickendorf wäre das schon schwieriger.
Schwörbel: Ich glaube zwar, dass Sie die Randbezirke da unterschätzen. Doch es stimmt schon: Gustav Seibt wohnt, wie viele andere Journalisten, in der Gegend, das Schreiben für uns macht ihm Spaß, und es entspricht auch seinem bürgerschaftlichen Verständnis. Bezahlen muss und kann ich ihn allerdings nicht.
Gratistexte? So etwas befeuert den Ruf der Onlinemedien, Billigjournalismus zu betreiben.
Schwörbel: Ein unternehmerisches Journalismusprojekt lebt anfangs natürlich davon, dass sich alle auch ehrenamtlich einbringen. Eine ganze Reihe von Kollegen arbeitet rein ehrenamtlich. Andere bezahlen wir. Ich sage jetzt nichts zu unseren Honoraren, aber wir reden nicht nur von 50 oder 100 Euro. Wer jeden Tag für mich arbeitet, könnte seinen Lebensunterhalt davon bestreiten.
Kotsch: Wir zahlen pro Zeile zwischen 79 Cent und 1,08 Euro, je nach Aufwand.
Schwörbel: Trotzdem bleibt das beliebte Argument, online sei minderwertig, Schwachsinn. Es gibt ebenso miesen und guten Onlinejournalismus wie gedruckten, unabhängig von der finanziellen Ausstattung. Gut gemacht schert sich nicht um Papier oder Bildschirm. Die Unterschiede haben eher etwas mit der jeweiligen Nutzung zu tun. Wer das Gegenteil behauptet, diskreditiert meine Kollegen, die im Übrigen teils für die Berliner Zeitung arbeiten.
Als die Prenzlauer Berg Nachrichten vor rund einem Dreivierteljahr starteten, hieß es, Ihre Ersparnisse würden noch ein halbes Jahr reichen. Wie ist jetzt die Finanzlage?
Schwörbel: Das Zitat hält sich hartnäckig. Es ist doch so: Wenn man Einnahmen hat, kommt man auch länger mit seinem Kapital aus. Deswegen können wir gute Journalisten bezahlen.
Kotsch: Wenn man die erfolgreichen Blogs ansieht, werden auch die von Profis gemacht, die zum Teil auch im guten alten Printjournalismus unterwegs sind, Stefan Niggemeier zum Beispiel. Auf lange Sicht sind Onlinemedien auch Geschäftsmodelle, die Gewinn abwerfen müssen. Die Macher können das ja nicht ewig vom Ersparten bestreiten. Wenn es im ersten Jahr nicht läuft, ist es vielleicht nicht so schlimm, im zweiten wird’s schon eng.
Wie groß ist Ihr Team, Herr Schwörbel?
Schwörbel: Im Moment haben wir – neben unseren ehrenamtlichen Mitstreitern – vier regelmäßig arbeitende freie Redakteure, von denen immer einer oder eine für einen Tag oder ein Thema verantwortlich ist. In der letzten Zeit waren fast alle mit der Bezirkswahl beschäftigt, um die sich andere eben nicht kümmern.
Kotsch: Gerade die Bezirkswahlen wurden bei uns liebevoll betreut. Vielleicht erreichen wir nicht die Detailtiefe wie die Prenzlauer Berg Nachrichten, aber die wesentlichen Entwicklungen haben wir im Blick.
Schwörbel: Und da kommen wir und stellen die fünf heißesten Themen für den Prenzlauer Berg vor, befragen die Parteien vor Ort, featuren Kandidaten fürs Abgeordnetenhaus, porträtieren potenzielle Bezirksbürgermeister. Wir können da tiefer einsteigen.
Kotsch: Ist ja auch Ihr Revier.
Schwörbel: Und genau das ist ein Denkfehler: Kommunale Wahlen sind demokratietheoretisch doch mindestens so bedeutend wie eine Landeswahl, weil die Leute im Kleinen verstehen lernen, wie es auch im Großen funktioniert. Den Menschen zu zeigen, dass weder Angela Merkel noch Klaus Wowereit einfach mal so durchregieren können, so was fördert das Politikverständnis.
Kotsch: Ihr Kernterritorium ist für uns eins von vielen. Wenn Sie da nicht stärker gewichten würden als wir, müsste es Ihre Nachrichten nicht geben. Auf der anderen Seite haben wir den umstrittenen Umbau der Kastanienallee, einer der Trendmeilen in Prenzlauer Berg, so wie Sie rauf und runter dekliniert und damit große Resonanz erzielt.
Schwörbel: Der Unterschied ist aber der: Wenn wir über unseren Kiez schreiben, kann das jeder Leser nachmittags selbst erleben. Er muss nur die Straße runterlaufen. Das ist die Extraportion nah dran. Stimmt es eigentlich, Herr Kotsch, dass Sie für vier Seiten Lokales 30 Redakteure bei der Berliner Zeitung haben?
Kotsch: Wir haben fast 30 Redakteure, das stimmt, wir produzieren aber das gesamte dritte Buch mit acht bis zwölf Seiten täglich und schreiben natürlich auch auf Seite eins, dem Tagesthema, auf der Reportageseite, im Magazin. Dazu kommen Kommentare und Leitartikel. Die Leute aus dem Lokalen sind im ganzen Blatt unterwegs. Außerdem beschäftigen wir fast keine Freien.
Herr Schwörbel, die Prenzlauer Berg Nachrichten schreiben auch schon mal über Bäume, die das Pflaster hochdrücken. Wo ist für Sie die Grenze zur Banalität?
Schwörbel: Das waren zwei Glossen, auf die Sie anspielen. Sie hätten auch “über Mülleimer” sagen können. Darüber schreiben auch die Großen. In diesen beiden Fällen standen Themen wie Meinungsbildung und Verwaltungshandeln dahinter. Wir können pro Tag bislang eine Geschichte ausrecherchieren, da sind Baumwurzel-Glossen eine typische Ergänzungsgeschichte. Am besten laufen aber Gentrifizierungs-Themen*. Dennoch versuchen wir nicht in die Klischeefalle zu tappen und permanent über teure Kinderwagen zu schreiben.
Kotsch: Wenn Sie das Latte Macchiato schlürfende Gentrifizierungsberlin nicht abbilden, fühlen sich gerade die vielen Zugezogenen doch von Ihnen unterversorgt. Für Stadtentwicklungspolitik interessiert man sich erst, wenn man richtig angekommen ist.
Laut Hardy Prothmann, mit seinem Heddesheimblog so etwas wie der Pionier des sublokalen Journalismus in Deutschland, machen viele Lokalredaktionen nur unterwürfige Hofberichterstattung und Bratwurstjournalismus.
Kotsch: Ich will nicht arrogant klingen, aber Hofberichterstattung ist vielleicht in einigen ländlichen Regionen ein größeres Thema, wo jeder jeden kennt. In einer Metropole wie Berlin geht es relativ kritisch zur Sache.
Schwörbel: Wir greifen die etablierten Medien ja nicht auf qualitativer Ebene an, sondern auf inhaltlicher. Bratwurstjournalismus, wie ihn Prothmann skizziert, findet in Berlin vielleicht tatsächlich seltener statt.
Kotsch: Und auch wenn es Herr Prothmann anders gemeint hat: Die besten Bratwürste der Stadt sind eigentlich ein super Thema.
Schwörbel: Wir hatten auch schon ein Prenzlauer Burger-Ranking. Ich hätte sogar gern mehr weiche Themen wie zum Beispiel Restauranttests. Wir haben aber eben mit harter Politik und anspruchsvoller Kultur angefangen, um zu zeigen, dass auch auf lokaler Ebene guter und interessanter Journalismus passieren kann. Und wenn hyperlokale Angebote flächendeckend aufpoppen wie in Berlin, wächst nicht nur der geschäftliche, sondern auch der publizistische Druck, Qualität abzuliefern.
Wie wichtig ist die Glaubwürdigkeit im hyperlokalen Journalismus?
Schwörbel: Es ist so: Wenn wir schreiben würden, Pizza XYZ ist gut, jeder aber weiß, dass das nicht stimmt, wären wir sofort weg vom Fenster.
Kotsch: Aber trauen Sie sich auch, gegen Ihre Klientel vor Ort zu kommentieren?
Schwörbel: Das tun wir doch! Wir sind nicht da, um uns Freunde zu machen. Wir versuchen, uns nicht für oder gegen etwas zu positionieren, sondern uns mit allen Beteiligten kritisch auseinanderzusetzen.
Sie haben das sogar mal in gedruckter Form getan.
Schwörbel: Einmal. Hab ich sogar mitgebracht, wurde bei Ihnen im Haus gedruckt, Herr Kotsch, und an 35.000 Haushalte verteilt. (Schiebt eine sechsseitige Zeitung zu Ralph Kotsch, der sie sofort anschaut.) Aber das war kein Seitenwechsel, sondern ein Showcase, um uns einer noch breiteren Leserschaft vorzustellen. Man darf das sicher nicht vergleichen, aber der Umfang ist größer als Ihr Lokalteil in der Berliner Zeitung.
Kotsch: Sieht gut aus, aber das machen Sie eben nicht täglich.
Erwägen Sie für den Lokalteil im Internet eine kostenpflichtige Schranke, Herr Kotsch?
Kotsch: Für das normale Online-Angebot nicht. Für eine App ist ein kostenpflichtiges Modell allerdings vorstellbar. Die Frankfurter Rundschau, die wie wir in der DuMont-Gruppe erscheint, macht damit gute Erfahrungen. Klar ist: Für uns wie für alle anderen Printmedien sind Onlinetechniken angesichts sinkender Auflagen eine Überlebensstrategie. Wir brauchen neue Einnahmequellen, wir brauchen neue Geschäftsfelder. Die Anzeigenumsätze im Internet steigen langsam, aber sie steigen.
Worauf läuft Ihr beider Verhältnis hinaus: Arbeitsteilung, Nebeneinander oder Verdrängungswettbewerb?
Kotsch: Eine verabredete Arbeitsteilung wird es nicht geben, aber eine faktische. Ich wünsche den Prenzlauer Berg Nachrichten, dass sie sich neben uns halten können, und glaube, je sublokaler sie sind, desto weniger tun sie uns weh.
Schwörbel: Wir teilen uns die Arbeit ja schon jetzt. Allerdings würde Sublokalisierung für dieBerliner Zeitung bedeuten, in jedem Bezirk aktiv zu werden. Das heißt, in Neukölln gegen drei Blogs, in Mitte, in Spandau gegen weitere. Von uns mal ganz abgesehen. Und die Lücken füllen sich langsam. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dort Ihr Plätzchen finden, bin da aber skeptisch.
Kotsch: Nun warten wir mal unseren Internetauftritt ab.
Schwörbel: Dann sagen wir es so: Ich glaube, der Zug ist abgefahren.
Der Text samt Kommentaren steht auch bei http://www.journalist.de/ratgeber/handwerk-beruf/menschen-und-meinungen/ralph-kotsch-und-philipp-schwoerbel-extra-nah-dran.html
Die fabelhafte Sitcom 30 Rock blickt so artifiziell wie realistisch hinter die Kulissen der amerikanischen Comedy-Industrie. Der verdiente Lohn dafür sind allerlei Fernsehpreise und die Primetime, zumindest in den USA. Bei uns hingegen wird die Serie mal wieder abseits der Wahrnehmbarkeit versendet (donnerstags, 22.55 Uhr, RTL Nitro).
Von Jan Freitag
Ein – pardon, das Wort muss jetzt mal sein: Arschloch gilt gemeinhin als Königsdisziplin des Schauspiels. Wen immer man in der Branche fragt, er würde den schlichten Romantiker Romeo leichten Herzens gegen seinen intriganten Widerpart Tybald tauschen, diesen bauchgetriebenen Unruhestifter. Herausfordernd ist ein Bernd Stromberg, kein Prof. Brinkmann. Und süffige Sympathieträger(innen) von Christine Neubauer über Erol Sander bis Veronica Ferres haben ja auch deshalb ein derart lausiges Renommee, weil ihre Figuren frei von jedem Makel sind. Grundsätzlich. Immer.
Arschlöcher hingegen sind in Film und Fernsehen mehr noch als in der Realität vor den Studiotüren Makelmillionäre. Windige Fehlersammler. Vermeintliche Unsympathen, die all das öffentlich raushauen, was sich selbst rückständige Normmänner allenfalls mal daheim am Stammtisch trauen. Unflätige Dinge tun zum Beispiel, etwa einer Mitarbeiterin beim ersten Treffen lächelnd „natürlich kochen Sie nicht“ ins Gesicht zu sagen, „sie sind ja eine New Yorker Feministin mit Collage-Abschluss, die vorgibt, glücklich zu sein als überlasteter, untervögelter Single“.
So unverfroren nimmt der neue Chef einer amerikanischen TV-Varietésendung Tuchfühlung zu seiner fortan wichtigsten Autorin auf. Und wie dieser charmante Soziopath Jack Donaghy auch sonst mit der klugen, aber spröden Liz Lemon umgeht, wie er überhaupt alle Leute seines Einflussbereichs in Grund und Boden ekelt, wie ihm der Hollywood-Star Alec Baldwin zu verachtenswerter Grandezza treibt, ohne ihn aller Menschlichkeit zu berauben – da zeigt sich abermals: Wenn irgendein Land jenseits deutscher Grenzen Fernsehunterhaltung produziert, kann Spaß tatsächlich Tiefgang haben und umgekehrt.
30 Rock heißt die sehenswerte Ausnahmeerscheinung am gesättigten Markt importierter Sitcoms und läuft ab heute – wie hierzulande für alles Serielle von Belang üblich – auf einem Spartenkanal zur Nacht. Das ist schade, nein: unerhört. Denn so fiktiv die permanente Kollision von Donaghys elitärer Selbstgerechtigkeit mit seinem Umfeld bisweilen auch wirkt, so realistisch ist die spielerische Eleganz, mit der Alec Baldwin sein kultiviertes Arschloch auf ein höheres Niveau hebt. Das liegt daran, wie er die Frage, warum er tagsüber einen Smoking trage, mit der Antwort abbürstet, „es ist halb sechs, bin ich ein Bauer?“. Es liegt aber mehr noch an Tina Fey.
Die Hauptdarstellerin verleiht ihrer Liz nicht nur eine hinreißende Balance zwischen Ostküsten-Emanzipation und männerdominierter Wirklichkeit, sie hat 30 Rock auch noch im Ganzen ersonnen, produziert, gemacht. Was zudem nicht ihrer Fantasie entsprang, sondern einem tiefen Blick in die Branche: Vor Feys bislang größten Erfolg, der nach Startproblemen am heimischen Markt weltweit läuft und sämtliche relevanten Fernsehpreise im Dutzend abräumt, hat sie jahrelang Witze für die Comedy-Legende Saturday Night Live geschrieben, die hier ziemlich unverblümt als Vorbild der persiflierten „Girlie Show“ firmiert. Die Mittvierzigerin kennt den amerikanischen Humorbetrieb somit von innen und spielt sich darin ebenso selbst, wie Baldwins Donaghy zum wahrhaftigen Stammpersonal des Großsenders NBC zählt, der hier unter seinem Klarnamen durch den Kakao gezogen wird.
Diese Bereitschaft zur Selbstironisierung war 2006, als die erste von 138 Folgen in sieben Staffeln anlief, selbst in den USA selten. Mittlerweile hat sich dieses Prinzip bissiger Selbstreflexion jedoch bis nach Deutschland durchgesetzt, wo Lerchenberg zuletzt das ZDF an der Nase durch den eigenen Ring zog. 30 Rock hat dazu aber etwas, das in Mainz fehlt: Die Bereitschaft, auch ein größeres Publikum zur prominenten Sendezeit daran teilhaben zu lassen, was Gaststars von Al Gore über Oprah Winfrey bis Steve Buscemi ins New Yorker Rockefeller Plaza 30 lockte. In Lerchenberg trat mal Wayne Carpendale auf. Witzig.