Cordula Stratmann: Kühe & Lokalpolitik

Scheitern am Arschloch Alltag

Seit der legendären Schillerstraße war es ruhig geworden um Cordula Stratmann. Jetzt kehrt die begnadete Improvisationskomödiantin mit gleich zwei Serien zurück auf den Bildschirm.

Von Jan Freitag

Das Landleben, schenkt man dem TV-Programm Glauben, muss wie eine Seefahrt ziemlich lustig sein. Urige Gestalten liefern da im Sendeminutentakt mal harte, mal zarte Zoten. Von Nachkriegsschnulze bis Schmunzelkrimi, von Fjord bis Alm, von Hengasch bis Husum, von Kluftinger bis Alles Klara – das Fernsehen zeigt die Provinz gern als Hort heiterer Betulichkeit. Nach den traumschiffflüchtigen 80er, den technoiden 90er und den krisenhaften 00er Jahren jedoch gerät die Pampa nicht nur zum entspannenden Teilzeitexil gestresster Städter, sondern förmlich zur Comedybühne. Landflucht, Überalterung, Bauernhofsterben? Alles allenfalls am Rande relevant. Im (vor)abendlichen Unterhaltungsprogramm hingegen wird jenseits der Speckgürtel schenkelgeklopft und geschunkelt, dass sich die Scheunenbalken biegen.

Womit wir in Oberbreitbach wären, neuester Spielort dörflicher Sorglosigkeit, dem die ARD ab heute freitags vor der düsteren Tagesschau eine Extraportion Sonne durchs Idyll jagt als herrsche im Bergischen fortwährender Sommer. Und mittendrin: Cordula Stratmann. Als Kuhflüsterin spielt sie acht Folgen lang ein Landei aus dem Klischeekatalog: Tierheilpraktikerin, Klatschtante, Gartenzaunwacht, leicht esoterisch, sehr bodenständig, das Basisrepertoire der Feldwaldwiesenwelt im Clinch mit dem urbanen Nachbarn (Simon Boer), der sich als kerniger Bulle entpuppt, also der in Uniform, heitere Verwicklungen garantiert.

Solche Gegensatzpaare im gemütlichen Umfeld ziehen im Stromlinienfernsehen. Fragt sich nur, warum es die ARD ausgerechnet mit der überzeugten Wahlkölnerin besetzt, die bei „Landleben“ abseits von „bloß nicht“ bloß an drei Dinge denkt: „Urlaub, Kindheit, Langeweile“, wegen der man mich“, erklingt es im Tonfall ihrer Heimat, „in den Schulferien gar nicht aus Düsseldorf hätte rausholen müssen“. Stratmann und die Provinz – das passt scheinbar gar nicht. Und passt doch perfekt.

Weshalb das komödiantische Naturtalent dort zwei Wochen später abermals auftaucht: In Ellerbeck, tiefstes Emsland, wo es fürs ZDF eine umweltbewusste Erzieherin spielt, die im Streit um eine Schweinemastanlage den Kindergarten unverhofft gegen das Bürgermeisteramt ihrer fiktiven 15.000-Seelen-Gemeinde tauscht. Doch auch in der Rolle wirkt die langjährige Sozialarbeiterin keinesfalls deplatziert. Was weniger an den Geschichten selbst liegt, die abseits einiger schöner Dialoge weder durch Wackelkamera (Ellerbeck) noch Ausstattung (Kuhflüsterin) an Substanz gewinnen. Es liegt an der Selfmade-Kabarettistin allein.

Seit ihre hyperbürgerliche Kunstfigur Annemie Hülchrath zwei Jahrzehnte zuvor von rheinischen Kleinbühnen aus das Leitmedium eroberte, hat sich die schauspielerisch ungelernte Quereinsteigerin als Ausnahmeerscheinung der brachialen Spaßindustrie erwiesen. Abgesehen vielleicht von Annette Frier, an deren Seite Cordula Stratmann nicht ohne Grund mehrfach grundsoliden Wehrdienst am TV-Humor abgeleistet hat, gelingt schließlich keiner Darstellerin die Mischung aus Authentizität und Übersteuerung, kalauernder Comedy und feiner Realsatire mit ähnlich selbstverständlicher Arglosigkeit wir ihr. „Weil ich eher Geschichtenerzählerin als Pointenreißerin bin“, lautet ihr Berufsgeheimnis, „gebäre ich die Komik lieber aus alltäglichen Situationen, als dauernd die griffigste Punchline zu suchen“.

Schließlich sei es am lustigsten, „wenn jemand am Arschloch Alltag scheitert“. Momente zumal, „wo ich am lautesten über mich selbst lache“. Beobachtungsgabe, Selbstironie, Menschenliebe – drei Zutaten, die zwar nicht immer unterhaltsam sind, wie ihre satt missratene Miss Marple für Arme Ein Fall für Fingerhut vor fünf Jahren bewies, die sorgsam beigemengt aber eine Kunstform grundieren, von der nur wenige was verstehen. Aber dass Cordula Stratmann eine davon ist, durfte sie ja auch in einem Subgenre schulen, das unter Kennern als Königsdisziplin ihres Fachs gilt: Improvisation.

Bis 2007 hat sie in der Schillerstraße im Kreise unverstellter Kollegen mehr oder weniger sich selbst verkörpert, damit Preise gesammelt wie Mario Barth Einparkwitze und ihr Alleinstellungsmerkmal zur Vollendung gebracht: Witze allenfalls auf eigene Kosten zu machen. Der Freude am Würdeverlust anderer hingegen kann sie wenig abgewinnen, „denn das ist Schadenfreude und da hört bei mir der Spaß auf“. Bleibt die Frage, ob Ellerbeck und Kuhflüsterin in ihrer schützenfesthaften Provinzialität nicht doch genau das tun – an der Würde von rund 50 Prozent der Bewohner Deutschlands zu kratzen? „Ich finde potenziell jeden komisch, nehme aber auch jeden gleich ernst“, entfährt es ihr da in einem Hamburger Luxushotel, das der unprätentiösen Jeansträgerin von 51 Jahren spürbar zu glamourös ist, ernster als sonst und fügt hinzu: „Ich habe nichts gegen Klischees einzuwenden, solange sie nicht auf Vorurteilen basieren.“

Mit diesem Ansatz kehrt die rheinische Karnevalshasserin nach längerer Abstinenz also gleich doppelt zurück auf den Bildschirm. „Schöner Zufall“, wie sie findet, „aber ich fand die Zeit ohne Fernsehen auch fantastisch, habe zwei Romane geschrieben, mein Kind beim Größerwerden begleitet und auch sonst genug zu tun“. In den Medien, sie lacht ihr raumgreifend lautes Lachen, „herrscht ja der seltsame Glaube, wer darin nicht regelmäßig auftaucht, hört auf zu existieren.“ Das sei natürlich Unsinn. „Mich gibt es täglich, auch wenn mir dabei fast keiner zusieht.“ Jetzt sehen wieder ein paar mehr zu. Kein schlechter Zeitvertreib.

Seit 3. Juli, 18.50 Uhr, ARD: Die Kuhflüsterin, ab 16. Juli, 22.15 Uhr, ZDFneo (24. Juli, 22.30 Uhr, ZDF): Ellerbeck; der Text ist vorab unter http://www.zeit.de/kultur/film/2015-07/cordula-stratmann-kuhfluesterin-ellerbeck erschienen


2 Bier – 1 Platte

IMG_2573B.O.X.E.R. – Parker & Spears

Was haben Maceo Parker, Britney Spears und Janis Joplin gemeinsam? Gar nichts! Vordergründig. Denn im Leben von Anna-Maria Nemetz und Jan Ole Jönssen spielen alle drei eine große Rolle. Die Sängerin und der Schlagzeuger haben im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem absurd erfolgreichen Modeblogger Carl Jakob Haupt alias Dandy Diary die Band B.O.X.E.R. gegründet. Zusammen machen sie eine Mischung aus Electro, Pop und Indie. Besonders die Modeszene feiert das Trio, und so verwundert es nicht, dass eine große Modefirma mit SweatandStripes die vergangene Staffel einer deutschen Model-Castingshow präsentierte.

Von Marthe Ruddat

Marthe: Ihr seid beide als erfolgreiche Models in der ganzen Welt unterwegs und habt nun auch den Weg in den Musikkosmos gefunden. Gab es da eine Platte, die diesen Weg geebnet hat? 

Jan Ole Jönssen: Bei mir auf jeden Fall! Als ich so ungefähr 16 Jahre alt war habe ich die Life on Planet Groove von Maceo Parker rauf und runter gehört. Es gibt da diesen einen Song, Shake Everything You’ve Got. In dem Lied ist ein Schlagzeugsolo, was überhaupt nicht wie das typische Schlagzeugsolo klingt. Es ist eher ziemlich groovy. Ich habe zu der Zeit schon Schlagzeug gespielt, aber als ich dieses Solo gehört habe, war klar, dass ich professioneller Musiker werden möchte.

Maceo Parker ist ein amerikanischer Saxophonist. Er war lange in der Band von James Brown und veröffentlichte 2012 sein 16. Album. Life on Planet GrooveMarthe-Parker erschien 1992.

Anna-Maria Nemetz: Ich glaube meine Geschichte ist dagegen fast schon peinlich! Ich habe schon immer viel gesungen, aber immer nur zuhause und eher unprofessionell. Mein Vater hat mein Talent aber schon früh entdeckt und ist deshalb mit mir in diesen Film von Britney Spears gegangen, Not A Girl hieß der glaube ich. Ich fand den Film dann richtig gut und wollte auch unbedingt Sängerin werden. Im Anschluss habe ich dann meinen ersten Gesangsunterricht bekommen, deshalb war dieser Film tatsächlich so etwas wie ein Wendepunkt.

Not A Girl kam 2002 in die Kinos. Britney Spears spielt darin die Hauptrolle und hat für ihre schauspielerische, nun ja, “Leistung” unter anderem den Antipreis Goldene Himbeere erhalten.

B.O.X.E.R. ist nun aber eine ganz andere Musikrichtung als Maceo Parker oder Britney Spears. Euer Musikgeschmack hat sich also noch sehr gewandelt?

Jan Ole Jönssen: Klar, also mein Musikgeschmack hat sich mit der Zeit sehr geändert. Ich habe immer schon viel Musik gemacht und in ganz verschiedenen Bands gespielt. Da waren Pop-, Jazz- und auch Rockprojekte dabei. Irgendwann habe ich ja auch bei Caracho gespielt. B.O.X.E.R. ist jetzt wieder etwas ganz Neues.

Caracho ist eine Elektropunkband. Die Hamburger sind für ihre politischen Statements und besonderen Konzertlocations bekannt.

Marthe-SpearsAnna-Maria Nemetz: Ja, für mich auch! Ich komme eigentlich eher aus der Balladen-Ecke. Mir wurde immer gesagt, meine Stimme sei so besonders und brauche kaum musikalische Begleitung. Ich habe mich viel ausprobiert. Balladen sind aber immer noch irgendwie mein Steckenpferd, das Lied Freedom von dem Django Unchained-Soundtrack ist zum Beispiel eines meiner absoluten Lieblingslieder. Zurzeit entdecke ich aber ganz viele Musikrichtungen für mich. Mein Freund hört zum Beispiel viel HipHop und mit B.O.X.E.R. bin ich jetzt sogar ein bisschen in der Electro-Welt Zuhause.

Anna-Maria Nemetz hat einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem man sich von ihrem Hang zu melancholischen Liedern überzeugen kann.

Wenn Maceo Parker oder Britney Spears jetzt anrufen würden, um Euch für Ihre Band zu gewinnen, würdet ihr mitmachen?

Anna-Maria Nemetz: Nein, also diese Britney Spears- Geschichte ist wirklich vorbei. Sie war sehr prägend, aber spielt für mich heute wirklich keine Rolle mehr. Mit Janis Joplin hätte ich aber gerne mal auf der Bühne gestanden. Ich habe mir alte Aufnahmen von ihrem Woodstock-Auftritt angesehen. Sie war wirklich eine beeindruckende Frau mit einer großartigen Stimme.

Jan Ole Jönnsen: Also ich finde Maceo Parker zwar toll, aber jetzt möchte ich eigentlich erst einmal mit B.O.X.E.R. auf Tour gehen.

Eure eigene Musik kann man bisher nur als MP3 herunterladen. Kauft ihr noch CDs oder gar Vinyl?Marthe1

Anna-Maria Nemetz: Nein, CDs oder Platten kaufe ich eigentlich nicht. Ich bin ein großer Fan von einem bestimmten Musikstreaming-Dienst. Da kann man so schön nach neuer Musik herumstöbern.

Mit Issue No5 haben B.O.X.E.R. gerade ihren vierten Track veröffentlicht. Alle Songs und Remixe können auf www.boxer.to angehört werden.


Ex-Jubelperser & Alltag anders

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

29. Juni – 5. Juli

Viele merken es womöglich kaum, doch tief im Innern wird er uns bald fehlen: Claus Weselky. Was hat seine Lokführergewerkschaft zum abendlichen Infotainment beigetragen, wie hat uns sein zitternder Schnauzbart erregt, von welcher Grandezza waren seine neun Bahnstreiks. Und nun? Aus, vorbei, die Streithälse haben sich geeinigt und nirgends scheint ein Nachrichtenberserker in Sicht, der Weselsky Lücke füllt. Oder? Doch: Sigmund Gottlieb.

Mit hasserfülltem Gefasel von erlesener Stupidität gibt der Chefredakteur des christsozialen BR seiner rechtspopulistischen Klientel mit schlichter Kampfrhetorik eine Stimme und hetzt über faule, fiese, dreiste Griechen, dass es neben der Bild (die hier wunderbar von Jennifer Rostock attackiert wird) vor allem türkische Nationalisten befriedigen dürfte. Doch der baugleich gestrickte Franke begnügt sich bekanntlich nicht mit dumpfer Hetze, wie er sie bereits vor der Bundestagswahl 2013 praktizierte, als er sich im Rededuell der Spitzenkandidaten kleiner Parteien brachial gegen Linke und Grüne auf die Seite der FDP schlug; er verpackt sie auch noch in lausigen Journalismus, was sein unterirdisches Interview mit Wolfgang Schäuble am Montag eindrucksvoll belegte, mit der sein ARD-Brennpunkt auf bislang unerreichtes Niveau sank. Das einzige, was da saß, war Gottliebs eitle Dirigentenwelle.

Die jedoch zugleich ein paar graue Haare mehr gekriegt haben dürfte, als ARZDF die Hiobsbotschaft schlechthin erhielten: Olympia findet ab 2018 nicht öffentlich-rechtlich statt. Das IOC hat die Übertragungsrechte der Sommer- wie Winterspiele bis 2024 für schlappe 1,3 Milliarden an den US-Medienkonzern Discovery Communications verkauft und somit mal ein echtes ein Zeichen gesetzt: Für Kommerzialisierung, gegen Information. Auf Abspielkanälen à la Eurosport muss sich das IOC nun nicht mehr mit Kritik über Umweltzerstörung, Korruption, Doping und ähnlich lästige Randaspekte künftiger Austragungsorte herumärgern wie es Vollprogramme von ARD über BBC bis ZDF bei allem Jubelpersertum wenigstens zur Nacht hin versuchen. So mag Verbotene Liebe nach 4664 Folgen vorbei sein; die zwei lukrativsten Sportevents neben der Fußball-WM liefern nun alle zwei Jahre eine eigene Soap, weichgespült und arglos.

0-FrischwocheDie Frischwoche

6. – 12. Juli

 

Eine schöne heile Goldsilberbronzewelt also im Sinne Wladimir Putins, der die Säbel ja erst richtig rasseln ließ, als der Welt Jugend sein subtropisches Winterparadies Sotschi wieder verlassen hatte. Man kann das Montag zur gewohnt arbeitnehmerfreundlichen Doku-Zeit um elf begutachten, wenn die fabelhafte ARD-Korrespondentin Golineh Atalai eineinhalb Jahre Ukraine-Krieg zur Story im Ersten bündelt. Wer die globale Dauerkrise lieber realitätsgetreu als real zu sich nimmt, wird hingegen von Homeland versorgt. Die wohl beste Politserie geht Freitag mit Dreierfolgen auf Kabel1 in die vierte Staffel und knüpft am Handlungsort Pakistan wieder an das unerreichte Niveau der ersten zwei Abschnitte an.

Überhaupt, die Realität: Sie bleibt generell das Gebot der Woche. Von, nun ja, „Sendern“ wie RTL abgesehen, die selbst dann wenig mit ihr zu tun haben, wenn sie mit, nun ja, „echten“ Menschen Fernsehen à la Bachelorette (ab Mittwoch) verantworten, wimmelt es von Wirklichkeit am Bildschirm. Rein sachlich etwa, wenn das ZDF Dienstag (23 Uhr) im Rahmen von 37° die vielfältige Welt der Sekten, Gurus und Verführer ausleuchtet. Tags zuvor, wenn die ARD um 22 Uhr mal heimlich, mal offen die Folterfabriken der Fleisch-Mafia inspiziert. Am Donnerstag, wenn 3sat um 20.15 Uhr die Generation Weichei erkundet – Kinder im liebevollen Würgegriff von Helikopter-Mum und Karriereplaner-Dad.

Doch auch spielerisch gilt die Realität als Vorbild sehenswerter Filme: Mittwoch im Ersten zum Beispiel mit Lars Eidinger als junger Vater, der im glaubhaften Familiendrama Was bleibt erfährt, dass seine depressive Mutter (Corinna Harfouch) die Medikamente abgesetzt hat, was nur scheinbar banal klingt. Da Gegenteil von banal ist am Donnerstag um 22.45 Uhr an gleicher Stelle Lincoln, Hollywoods bilder- und zeichensattes Historiengemälde mit Daniel Day-Lewis als amerikanischer Bürgerkriegspräsident, wofür er zu Recht seinen dritten Oscar erhielt.

In diesem Sinne sind auch die Wiederholungen der Woche von großer Wahrhaftigkeit. In Farbe, weil es ja doch ein Stück Weltgeschichte der leichteren Art war: das WM-Finale von 2014 in voller Länge, Sonntag um 0.40 Uhr (ARD). Und weil das Radio, hätte es einen Anstrich, ja irgendwie schwarzweiß wäre, kommt dieser Tipp mal von Deutschlandradio Kultur: Alltag anders lässt wechselnde Korrespondenten seit langem von ihrem Einsatzort berichten, wie dort gesessen, geflucht, geliebt, gebadet wird. Freitagsmorgens kurz vor neun, im Netz abrufbar, fantastisch!


Club-Mausoleum: Weltbühne (2002-05)

Im Löschsenfinferno

Selten wurde in Hamburg so heftig gefeiert wie in einem ehemaligen Kaufhaus am Ende des Kiezes. Gleich vier Clubs luden zum Exzess. Am irrsinnigsten: die Weltbühne.

Von Jan Freitag

Senf und Zeit sind zwei grundverschiedene Ressourcen, die man allerdings gleichermaßen mit Vorsicht dosieren sollte. Wird beides über die Maßen vergeudet, geht es schließlich entweder zulasten des Geschmacks oder der Lebensqualität. Nun sind natürlich andere Substanzen weit mehr von globaler Verknappung betroffen als Senf und Zeit. Süßwasser zum Beispiel, seltene Erden oder auch Kabeljau. Trotzdem ist es bedenklich, wenn die beiden Rohstoffe aus vollen Rohren verschossen werden, wie damals, vor fast genau zehn Jahren, in der Weltbühne.

Und das kam so.

An einem Tag im Frühjahr, vermutlich fast Wochenende, hatte Tino Hanekamps und Alvaro Piñas pittoreskes Clubwunder am Nobistor die Band Jeans Team auf dem Programm. Heiterer Elektropop aus Berlin mit Hang zum digitalen Aberwitz, aufmerksamkeitsökonomisch eher nebensächlich, aber allemal einen schönen Tanzabend wert. Wenn sie denn kommen.

Doch sie kamen nicht. Und kamen nicht. Und kamen nicht. Nicht um elf, wie an der verwüsteten Stahltür parterre plakatiert. Nicht um zwölf, wie von Angestellten bald in Aussicht gestellt. Auch nicht um eins, als ich im Kreise ebenso genervter Freunde die Faxen dicke hatte und die funktionsuntüchtige Rolltreppe abwärts am Phonodrome vorbei Richtung Kiez verschwand, Aufnimmerwiedersehensflüche im Hals. So nicht! Nicht so!

Natürlich kamen wir der legendären Weltbühnen-Zeitverschwendung zum Trotz alle wieder, und nicht nur einmal, sondern ständig. Der anarchistische Wohnzimmerclub mit Holstenstraßenblick war Anfang der 2000er schließlich das Beste, was Hamburgs alternative Partykultur zu bieten hatte. In dem verlassenen Bekleidungskaufhaus, in dem zuvor Kinder stilunsicherer Eltern mit Hosen der Marke Palomino gemartert wurden, pulsierte der Sound jener Tage ja am heftigsten.

Ganz unten das Phonodrome, damals derbster Technoclub in zentraler Lage, den sein Gründer, die örtliche Powerhouse-Größe Wolf von Waldenfels, 2002 aus einer alten Autowerkstatt am Zirkusweg ins vormalige Unit am Westende der Reeperbahn verlegt hatte. Er bot fortan 202 Beats pro Minute und mehr für dauergestromte Teenager-Synapsen. Die jungen Besucher, oft aufgereiht zu Hunderten, blickten die Bomberjackentürsteher so abgebrüht erwachsen an, dass die wenigen Gäste über 25 für derlei schauspielerisches Geschick zuweilen Applaus auf offener Straße spendeten.

Im Seiteneingang ging es ins Click, eher gediegen als stampfend, Ambient, Deephouse, Runterkommzeugs. Darüber lag die Echochamber, ein Backsteinverschlag mit ebenerdiger Bühne für alles, was analog Asyl erbat in diesem digitalen Eldorado der Hansestadt. Und Wand an Wand, mit freiem Blick durch mächtige Fenster zur Holstenstraße: die Weltbühne, knallroter Irrsinn im WG-Format.

Womit wir beim Senf wären.

Knapp zwei Jahre nach der eigenen Eröffnung und gute drei nach der des ganzen Komplexes, als sein Abriss schon einen festen Termin hatte, zeigte sich Hamburgs Subkultur nochmals von ihrer originellsten Seite und lud zur “All-you-can-eat-BBQ-Gala” in die Weltbühne. Die lokale Countrypunk-Ikone Butch Meier spielte auf, sein Grillmeister schleuderte in blutiger Metzgerschürze kiloweise rohes Fleisch auf den Rost und sodann in den Saal. So lange, bis das Plüschambiente unter Rauchschwaden verschwand.

Selbst die autonomen Veganer im entfesselten Publikum drückten angesichts der performativen Metaebene ein Auge zu – bis sie beide zudrücken mussten, als Butch Meier aus einem Feuerlöscher verdünnten Senf verspritzte. Viel Senf. Literweise. So reichlich, dass es die gemütlichen Separees in der Wand gegenüber ebenso gelb färbte wie die durchgesessenen Sofas ringsum. Es war ein Inferno.

Und es war das Ende. Nach gerade mal 21 bewegten Monaten schloss die Weltbühne. Ende 2005, an Silvester, stieg die große Abschiedsparty des gesamten Betonklotzes. Das Phonodrome hieß bereits KdW und die Bagger scharrten schon mit den Schaufeln, um an gleicher Stelle das zu errichten, was im August zuvor ohne jede Vorwarnung angekündigt worden war: den neuen Flügel der privaten Endo-Klinik. Blitzeblank steht der neue Gebäudetrakt heute in aseptischem Weiß am leblosen Verkehrsring und wartet auf zahlungskräftige Patienten statt auf tanzwütige Partypeople. Hamburger Subkulturbereinigung in Reinform, ersatzlos gestrichen, weitergehen bitte!

Und plötzlich erscheint die Ressourcenvergeudung viel wärmer. Ein nostalgisch verklärtes Licht umgibt sie. All die Stunden, aufaddiert ganze Wochen, die zahlende Gäste vergeblich auf auch nur annähernd pünktlichen Konzertbeginn hofften. All der Senf, den man selbst nach mehrmaligem Waschen nie wieder aus den Klamotten kriegte. All der Schweiß, der von den Panoramascheiben lief, wenn die Weltbühne mal wieder tobte wie Hamburg selten tobt. Nur wohlige Erinnerungen an ein paar Jahre anarchistischer Unterhaltung, die so nie wieder kommt, nicht an diesem Ort, der keine dreckigen Flecken mehr duldet. Zu finden ist sie höchstens noch in luftiger Höhe, auf dem Flakbunker an der Feldstraße: Dort eröffneten die zwei displaced persons Waldenfels und Hanekamp bald darauf ein Asyl namens Uebel & Gefährlich.

Mehr pics’n’files unter http://www.zeit.de/hamburg/kultur/2015-06/hamburg-subkultur-club-weltbuehne


De Lux, LA Priest, AB Syndrom

De Lux

Es ist ein bisschen wie mit dem Jenseits: Wer da mal drin steckt, braucht schon viel religiöse Autosuggestionskraft, um ins Diesseits zu gelangen. Weil also auch, sagen wir: die Talking Heads länger als mancher meint (1991) in den Ewigen Popjagdgründen sind, muss etwaiger Bedarf danach eben von Wiedergängern der vier Postpunklegenden gedeckt werden. Gerade fühlen sich dazu offenbar Isaac Franco und Sean Guerin berufen. Auf ihrem zweiten Album klingt De Lux jedenfalls, als wäre David Byrne höchstpersönlich vom Altenteil kultivierter Kollaborationen nach L.A. gekommen, um den zwei Nostalgikern neben seinem musikalischen Aberwitz auch die Stimme zu leihen.

Nach ein paar Scéancen im Proberaum klingt Generation demnach wie eine digitale Verwilderung des bilderstürmenden New Wave von damals, die Siebziger, ebenfalls eine wilde Zeit. Das kalifornische Duo allerdings packt auf jeden Irrsinn jener Aufbruchstage noch eine Schippe „synth wizardry“, wie sie ihr Projekt umschreiben, drauf. Funky Disco De Lux eben, da glitzert das schwärzeste Loch.

De Lux – Generation (Innovative Leisure)

LA Priest

Noch mehr glitzert artifizieller Pop nur, wenn ihn Erleuchtungskünstler wie Prince zelebrieren. Der aber hat es auf seinen Platten Nr. 36f zuletzt übertrieben mit den Mashup-Kaskaden, weshalb auch hier ein Kopist mit Eigensinn empfohlen sei. Er heißt LA Priest, stammt aus der Mitte Englands, hat mit seinem One-Record-Wonder Late of the Pier 2009 den Dance Punk der Talking-Heads-Ära in die Gegenwart transponiert und forciert dieses Bemühen nun auf Solopfaden.

http://www.vevo.com/watch/la-priest/oino-(official-video)/GBA321500002

Dem Vernehmen nach hat sich der Soundberserker für sein Solodebüt unter grönländischen Ureinwohnern umgehört, aber das ist abseits vom Titel eher für Etymologen relevant. Was Inji echt abhebt vom Gros elektronischer Schmelztiegel, ist sein unbedingter Wille, dem Ganzen eine nostalgische Struktur einzugravieren, die sich ihrer Wurzeln nicht nur sampelnd bedient, sondern dies durch Erkennbarkeit honoriert. Das klingt bei all dem orgelpeitschenden Retrofunk so unverwechselbar, dass sein Vorbild auf den Alben 38ff ruhig weiter übersteuern darf. Des Prinzen Quintessenz läuft hier.

LA Priest – Inji (Domino)

AB Syndrom

Die Quintessenz lässigen Understatements haben zwei Elektronikfrickler aus dem Mittelgebirgsgürtel entdeckt. AB Syndrom heißt das zum Quartett gewachsene Duo, dem nach ihrem Debüt nun ein Nachfolgealbum glückt, das die Vorschusslorbeeren von 2012 zum echten Gourmetdebüt verwendet. Hey Herz ist nämlich nicht bloß eine Aneinanderreihung digitaler Spielereien mit federleichtem Indiepop; mittlerweile um Bassvariationen zweier Freunde ergänzt, kombinieren die 14 neuen Stücke Aljoschas Feuerwerk kreativer Samples und Percussions mit Bennets tiefenentspannt erzählter Alltagslyrik zu einem echten Gesamtkunstwerk.

http://hologramm.absyndrom.de/

Das aber ist es noch nicht, was Hey Herz so bemerkenswert macht. Dafür sorgt ein hingebungsvoller Hang zur Schieflage, die aufs erste Hören zuweilen verstört, dann aber den ganzen Charme des Albums entfaltet. Da wabert gern mal wie im wunderschönen Lagerfeuer eine Kakophonie dissonanter Orgelschwaden in die Chill-out-Zone, dass man kurz erwacht aus seinem Tagtraum, den Leib aber gleich wieder wohlig niedersinken lässt, angesichts der Geschmeidigkeit, mit dem richtig und falsch hier montiert wird. Hey Herz – schon jetzt das Sommeralbum schlechthin. Ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen, an heißen Tagen wie diesen.

AB Syndrom – Hey Herz (Herr Direktor)


ARD-Brennpunkt: Cichowicz, Zeiß, Baumann

Herr Herres hat das letzte Wort

Ungefähr seit Herbst 2014 werden die Nachrichten von Krisen dominiert wie allenfalls in den heißesten Phasen des Kalten Kriegs. Doch was für die Welt katastrophal ist, ist für Nachrichtenmacher Alltag – etwa in Sondersendungen wie dem Brennpunkt, der mittlerweile dauernd auf Sendung scheint. Im Interview vom Winter vorigen Jahres erzählen die Chefredakteure Thomas Baumann (ARD) und Andreas Cichowicz (NDR) gemeinsam mit ihrem mittlerweile pensionierten Kollegen Michael Zeiß (SWR), was hinter der wichtigsten Plattform aktueller Weltgeschehensanalyse steckt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Baumann, Herr Cichowicz, Herr Zeiß, können Sie sich an den allerersten Brennpunkt erinnern?

Thomas Baumann: Nein, ich entblöße mich. Wann war das?

Andreas Cichowicz: Anfang der Siebziger. Damals gab es auch filmische Brennpunkte, allerdings mit festem Sendeplatz.

Michael Zeiß: Und worum ging’s nun bei der Premiere?

Um die Beteiligung deutscher Firmen an einem Staudamm in Mosambik, am 6. Januar 1971. Gut 20 Jahre später wurde die Reihe zur Sondersendung. Was glauben Sie, hat sich seither an diesem Format verändert?

Zeiß: Mein erster Brennpunkt war 1977, kurz bevor ich zum SDR kam. Es ging um Mogadischu, wo der Kollege Kurt Stenzel als einziger Journalist vor Ort war und mit der befreiten Maschine nach Frankfurt flog. Von dort ging es mit drei Filmrollen per Hubschrauber nach Stuttgart, wo daraus ein Brennpunkt entstand. Heute kann man von fast jedem Ort aktuell schalten; das ist überhaupt nicht miteinander zu vergleichen.

Auch inhaltlich, handwerklich?

Zeiß: Während es damals eher um Filmberichte ging, die mit einem gewissen Zeitverzug vom Studio aus geliefert wurden, müssen unsere Korrespondenten heute bereits direkt vor Ort analysieren, wo immer es ist. Die Schnelligkeit hat sich da ungeheuer erhöht.

Baumann: Hinzu kommt: Wir haben im Vergleich zu damals wesentlich mehr Ausgaben der Tagesschau. Der Brennpunkt steht also nicht mehr so sehr  in der Pflicht, Aktualität abzubilden. Er soll die Aktualität vor allem mit Hintergrund ergänzen.

Cichowicz: Weil das Nachrichtliche auch über all die anderen News-Kanäle gut abgedeckt wird, dient er heute entsprechend stärker der Vertiefung. Zwar basierend auf einem Ereignis, aber weniger auf Exklusivität ausgerichtet. Anders als früher bedarf es vor jedem Brennpunkt der zugehörigen News.

Ergibt die sich in der Regel im Tagesverlauf oder steht sie schon morgens fest?

Baumann: Weder in den Redaktionen der ARD-Sender noch in der Programmdirektion wird jeden Morgen die Frage nach einem Brennpunkt gestellt, aber alle haben ein Gespür für Reizschwellen. In der Regel bieten die zuständigen Funkhäuser oder das ARD-Hauptstadtstudio Brennpunkte an. Über diese schriftlichen Vorlagen beraten wir in der werktäglichen Schaltkonferenz der Chefredakteure. Anschließend teile ich deren Votum dem Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen mit.

Volker Herres.

Baumann: Ob er unserer Empfehlung für einen Brennpunkt folgt oder nicht, liegt allein bei ihm.

Er hat also ein Vetorecht.

Cichowicz: Kein Vetorecht – ein Entscheidungsrecht. Herr Herres hat das letzte Wort.

Dass ein Brennpunkt zum abgehörten Handy der Kanzlerin im NSA-Skandal nicht gesendet wurde, war so ein Fall?

Cichowicz: In der Tat. Aber gesendet ist das falsche Wort; es kam ja gar nicht erst zur Entstehung des Beitrags.

Baumann: Zumal auch die Chefredakteure in ihrer Schaltkonferenz zurückhaltend waren, ob ein Brennpunkt zwingend sei. Denn einerseits: Wenn ein deutscher Außenminister zur härtesten diplomatischen Maßnahme greift und den US-Botschafter einbestellt, ist das ein sehr starkes Indiz für die außerordentliche Lage. Anderseits blieb die Ausspähung des Merkel-Handys blieb ein Verdacht. Und Volker Herres hatte Skrupel, darauf eine Sondersendung zu gründen. Außerdem vermisste er im Konzept den inhaltlichen Mehrwert zur Tagesschau.

Angeblich auch wegen mangelnder Quotenaussicht, die der anschließenden Show mit Kai Pflaume Zuschauer gekostet hätte.

Baumann: Ich habe an diesem Tag mehrfach mit Volker Herres gesprochen und kann Ihnen versichern: Um Quote und audience-flow ist es zu keinem Zeitpunkt gegangen.

Zeiß: Davon abgesehen muss der Programmdirektor eben auch das Gesamtprodukt und dessen Publikum im Blick haben. Da ist es legitim, bei jeder Umprogrammierung in Betracht zu ziehen, was dadurch verdrängt würde. Wir Chefredakteure sind da sicher brennpunktaffiner, aber hochwertige Unterhaltungsformate haben auch ein Recht auf ihren Sendeplatz.

Baumann: Übrigens: Das ZDF hatte am selben Tag keine Unterhaltungsshow im Programm, ist aber offensichtlich zur selben Entscheidung gelangt wir Herr Herres: Auch im ZDF gab es kein Spezial.

Wie oft votiert denn ein Programmdirektor gegen seine Chefredakteure?

Baumann: Darüber führe ich nicht Buch, aber in den vergangenen zwei Jahren erinnere ich exakt diesen einen Fall, und das in einem brennpunktstarken Jahr wie 2013. Ich habe so etwas auch unter Volker Herres’ Vorgänger Günter Struve erlebt, aber sehr selten.

Gibt es feste Parameter, die ein Nachrichtenthema brennpunkttauglich machen?

Cichowicz: Es gibt ein Ausschlusskriterium, das vor zehn Jahren noch seltener angewendet wurde: ein Brennpunkt darf nicht bloß wiederholen, was die Tagesschau bereits gezeigt hat. Oberste Faustregel ist eine außergewöhnliche Nachrichtenlage. Diese Latte muss erstmal gesprungen werden.

Zeiß: Neben diesem Mehrwert geht’s um dreierlei: eigener Ansatz, erzählenswerte Geschichte, aktueller Dreh. Das gilt besonders fürs Ausland, wo oft die zugehörigen Bilder fehlen und Informationen schwieriger zu bestätigen sind. In der letzten Zeit haben wir zwar viele Brennpunkte aus Syrien oder Ägypten gemacht, von größter Bedeutung ist aber auch die persönliche Betroffenheit des Publikums. Inlandsthemen liegen ihm einfach näher als Südamerika und Afrika. Ein Korrespondent in Mexiko hat es schwerer, etwas abzusetzen als der in Kairo.

Cichowicz: Wobei die Chance bei Naturkatastrophen steigt. Dabei gilt, so zynisch das klingt: Je näher dran, je mehr Opfer, desto größer der Vertiefungsbedarf. Dennoch muss er sich auch dann visualisieren lassen, was beim NSA-Skandal schwieriger ist als bei Wetterphänomenen. Deshalb bleibt vieles oft lange knapp unterhalb der Schwelle des Brennpunkts.

Baumann: Hinzu kommen inhaltliche und logistische Faktoren: Wie viele Leute haben wir vor Ort? Vor allem aber: Wie stichhaltig sind die vorliegenden Informationen? Wir Chefredakteure haben im letzten Jahr in den Schaltkonferenzen tagelang über die Authentizität der Bilder von Chemiewaffenopfern in Syrien diskutiert. Wenn man nicht verifizieren kann, von wem Bilder stammen, wann, wo und wo sie gemacht wurden und wen sie genau zeigen, besteht äußerste Gefahr, Opfer gezielter Falschinformation zu werden. Wir haben da miteinander gerungen und entschieden, das Thema auf den üblichen Nachrichtenplätzen zu belassen.

Warum dort, wenn die Beweislage so dünn war?

Baumann: Weil wir uns nicht der Nachrichtenunterdrückung schuldig machen dürfen. Wichtig war: Wir haben die Meldungen bewusst vorsichtig und im Konjunktiv formuliert.

Aber kippt die Angebotspolitik denn nicht zur Nachfragepolitik, wenn übers Elbhochwasser elf Brennpunkte nacheinander gesendet werden, die zwar selten Neuigkeiten erbringen, aber viele Bilder zu einem Thema, das die Zuschauer brennend interessiert?

Cichowicz: Sie haben insofern recht, als ich mich an einen schlecht geschalteten Wetter-Brennpunkt gar nicht erinnern kann. Das geht immer.

Baumann: Es gab 2013 einfach besonders außergewöhnliche Phänomene. Das Hochwasser an Donau und Elbe hat sehr viele Menschen in Deutschland ganz persönlich betroffen. Wir hatten viele Reporterinnen und Reporter in den Krisenregionen, die eigene Bilder und Reportagen liefern konnten. Das waren nicht nur Wasserstandsmeldungen, da ging es um existentielle Fragen, um Haus, Heim, Versicherungsschutz. Und das Hochwasser war eben keine Sache von nur zwei Tagen; es dauerte Wochen. Da entsteht beim Publikum auch so etwas wie eine Erwartungshaltung nach Brennpunkten.

Wenn Wetterfolgen vor der eigenen Haustür besonders gut funktionieren – gibt es auch Themen, die per se eher ungeeignet sind?

Baumann: Grundsätzlich geht alles mit einem bedeutsamen Thema. Aber: Brennpunkte gelten dann als wenig attraktiv, wenn wir keine Bilder haben, sondern lediglich ‚talking heads’.

Cichowicz: Selbst bei Boulevardthemen kann es wie beim Brennpunkt über die Trennung von Charles und Diana um Politik gehen, nämlich die Thronfolge. Bei härteren Themen dagegen stellt sich nicht so sehr die Frage nach dem Ob, sondern dem Wann oder Wie.

Wenn die Queen morgen früh abdankt – wäre das einen Brennpunkt wert?

Zeiß: Unbedingt, auch wenn sie stürbe, müsste man darüber nachdenken.

Baumann: Ich hielte die Abdankung der Queen bei weitem nicht nur für ein klassisches Boulevardthema. Keine Monarchin ist länger im Amt. Wie hat sich Großbritannien seit ihrem Amtsantritt verändert! Das Thema hat eine Reihe politischer Dimensionen.“

Cichowicz: Beim Thailändischen König wären wir dagegen sehr entspannt, weil das zudem nicht die hochpolitische Frage nach dem Fortbestand der Monarchie aufwürfe.

Herr Seelmann-Eggebert muss allerdings Zeit haben.

Cichowicz: Das hat der dann. In der Tagesschau können wir kein Interview mit unserem Königshausexperten machen, im Brennpunkt gehört es unbedingt dazu.

Zeiß: Um mal die Königsebene zu verlassen: Als Nelson Mandela gestorben ist, haben wir eine halbstündige Sondersendung gemacht – allerdings nach den Tagesthemen; er war ja politisch nicht mehr aktiv.

Baumann: Deshalb möchte ich die Frage nach Angebot und Nachfrage mal umdrehen: Hätten wir einen Brennpunkt zu Michael Schumachers Skiunfall gemacht, die Quote wäre gigantisch gewesen. Wir waren aber nicht in der Lage, inhaltlich und bildlich echten Mehrwert gegenüber der Tagessschau um 20 Uhr herzustellen. Weil es diese Dinge sind, die zählen, haben wir uns gegen einen Brennpunkt entschieden und auf Quote verzichtet.

Cichowicz: Und wenn wir einen Brennpunkt über den Auftakt im NSU-Prozess machen, wird das garantiert kein Straßenfeger, ist aber politisch zu wichtig fürs Land, um es zu lassen.

Baumann: Und es gilt auch: Auf die erwarteten Interessen größerer Publika zu achten, ist nicht verwerflich. Wenn über drei Millionen Menschen in diesem Land Türken oder türkischer Herkunft sind, dann befördert das die Neigung, über die Besetzung des Geziparks in Istanbul einen Brennpunkt zu machen.

Cichowicz: Und weil dazu auch die Quellenlage hervorragend war, hatte der Brennpunkt mit 26 Prozent die zweithöchste Quote 2013 knapp hinterm Beginn der Flut.

Zeiß: Sie sehen schon: wir schauen bei allen Qualitätsansprüchen durchaus auf die Zuschauerzahlen. Das gilt fürs Fernsehen insgesamt.

Cichowicz: Trotzdem erinnern wir alle uns eher an gute Sendungen als die mit toller Quote.

Wann gilt ein Brennpunkt über die Quote hinaus noch als besonders erfolgreich?

Baumann: Wenn er einlöst, was das redaktionelle Konzept versprochen hat. Wenn er einen inhaltlichen und bildlichen Mehrwert zu vorhergehenden Sendungen bietet. Wenn er analytisch und verständlich zugleich ist.

Zeiß: Wenn zur handwerklichen Qualität ein eigener Nachrichtenwert hinzukommt.

Cichowicz: Und wenn es keine technischen Probleme gab oder schlechte Interviews.

Baumann: Ein Bespiel: Nur 24 Stunden nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon hat es unsere Reporterin Ina Ruck geschafft, ein Interview mit den Eltern eines Tatverdächtigen aus dem Kaukasus zu bekommen. Das war aufschlussreich, das bietet den Mehrwert, den wir uns wünschen, das hatte sonst niemand.

Was auch an daran liegt, dass Ina Ruck als Washingtoner Korrespondentin des WDR vor Ort war und sich dort bestens auskennt. Was qualifiziert ein Funkhaus über geografische Nähe und gewachsene Strukturen noch für einen Berichtsort?

Zeiß: Also zunächst mal ergibt sich die Zuständigkeit immer aus dem Standort des Studios, danach erst inhaltlich.

Cichowicz: Aber es gibt auch inhaltlich Stärken und Schwächen. Improvisation zum Beispiel, wenn eine Bombe hochgeht und alle Ü-Wagen beim Sport sind. Dafür haben Reporter heute Handys, mit denen sie „schmutzige“ Bilder machen und verschicken, während man früher erst aufs große Equipment warten musste. Ein Studio, das oft Brennpunkte liefert, hat gewiss mehr Routine, als jene, die alle paar Schaltjahre dran sind. Aber ich warne vor Hochnäsigkeit.

Baumann: Brennpunkte sind vor allem dann gut, wenn unsere Korrespondenten ihr Expertenwissen aus dem Stand abrufen können. Als vor wenigen Monaten die Gewalt in Kairo eskalierte und Präsident Mursi entfernt wurde, da wurde Volker Schwenck fast rund um die Uhr geschaltet und hat jede neue Entwicklung klug eingeordnet. 

Cichowicz: Und war dafür Tag und Nacht präsent.

Zeiß: Der SWR ist seit dem Irak-Krieg weltweit in Dauerbereitschaft. Wann ist der nächste Anschlag? Bebt die Erde in Haiti? Was passiert in Chile? Wir halten die Maschinerie tagtäglich bis 18.30 Uhr so am Laufen, dass im Extremfall noch ein Brennpunkt möglich ist.

Das klingt nach massiver Überlastung des Korrespondenten.

Baumann: Kurzzeitig kann das mal so sein. Aber die Häuser senden rasch Unterstützung, wie das Beispiel Fukushima zeigt. Der NDR hat da umgehend zusätzliches Personal entsandt, so dass wir stets genug eigenes Reporter- und Technikpersonal im Krisengebiet hatten.

Zeiß: Worüber sich kaum einer beschweren wird; dass ist unser Job, den wir alle lieben. Aber unsere Teams stehen in der Tat unter permanenter Spannung. Zumal sie zusätzlich Formate wie den Weltspiegel beliefern.

Baumann: Und dabei oft Unglaubliches leisten. Am zweiten Tag nach dem Taifun Hayan hat unser Reporter Robert Hetkämper einen Helikopter gemietet, mit dem er als allererster Bilder vom Ausmaß der Katastrophe machen, mit Betroffenen reden konnte. Aber auch das ist nie die Leistung eines Mannes allein; dahinter steckt ein riesiges Team bis hin zur Heimatredaktion.

Zeiß: Finanziell, organisatorisch, technisch und personell leistet sich die ARD da einen Aufwand, bei dem die Gebührengelder wirklich richtig angelegt sind.

Wie viele Personen sind mit diesen Mitteln vom Auftrag bis zur Moderation mit einem Brennpunkt befasst?

Baumann: Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten. Es gibt Brennpunkte, die auf der Berliner Bühne spielen, etwa Rücktritte von Köhler und Wulff. Da ist die Zahl der Beteiligten aus Redaktion und Technik überschaubar: etwa 40 – 50 Personen.

Zeiß: Besonders personalintensiv ist diese Sendeform jedenfalls nicht.

Baumann: Aber nehmen Sie Fukushima. Rechnet man da alle Beteiligten in Hamburg, Tokio, der Krisenregion und bei den ARD-Häusern mit, geht es weit über 50. Durchschnittszahlen machen also keinen Sinn! Und es fragt sich ja auch: Wer ist im engeren Sinn „befasst“?

Cichowicz: Die vielen Leute von Kamera über Regie bis zur Maske sind schließlich ohnehin da, müssen höchstens ihre Schichten verlängern. Davon abgesehen sind es beim NDR je nach Ereignis sechs bis acht Mitarbeiter auf Zuruf: ein Moderator, zwei Redakteure plus drei bis fünf Autoren und Korrespondenten, alles natürlich gegebenenfalls mit weiblicher Endung.

Gibt es unter den Sendern Befindlichkeiten wie beim Tagesthemen-Kommentar, dass etwa nach drei WDR-Brennpunkten mal Bayern dran ist?

Cichowicz: Es gibt keinen Proporz. In den Neunzigern gab es oftmals noch erbitterte Konkurrenz um die Sendeplätze. Das ging so weit, dass die einen etwas machen wollten, was die anderen aus gutem Grund abgelehnt hatten. Heute geht es kollegialer zu, die Kompetenzen sind klarer verteilt. Wenn sich die Elbflut Richtung Norden schiebt, übernimmt halt der NDR vom MDR, aber wenn sie vorher versandet wäre, hätten wir uns über die ausbleibenden Folgen für die Menschen mehr gefreut als über einen ausbleibenden Brennpunkt von uns geärgert.

Zeiß: Und alle in der ARD freuen sich, wenn andere einen guten Brennpunkt geliefert haben.

Baumann: Es gibt kein Soll an Brennpunkten, das zu erfüllen wäre. Weder pro Landesrundfunkanstalt noch fürs gesamte Erste Programm. Im Jahr 2012 hatten wir lediglich zehn Stück, 2013 waren es dreimal so viele. Es hängt eben alles von der Nachrichten- und Ereignislage ab.

Und die Programmdirektion wünscht sich auch nicht mehr davon, weil sie in der Regel viele Zuschauer ins Folgeprogramm locken?

Baumann: Nein, Null, keine Vorgaben.

 


ZDFneo: Themenwochen Horrorfilme

Voll Porno, der Horror

Mit einer aberwitzigen Reihe zeigt ZDFneo seit voriger Woche sechs Samstage lang bis zum Morgengrauen die ganze Bandbreite des Horrorfilms und was sein Erfolg mit uns, dem Publikum, zu tun hat.

Von Jan Freitag

Worte, die es sinnübergreifend in den landläufigen Jugendslang schaffen, haben das Klassenziel sprachlicher Relevanz meist mehr als übererfüllt. „Porno“ zum Beispiel stand auf Schulhöfen eine Weile lang für „dufte“, wie es Großeltern der Benutzer Jahrzehnte zuvor noch weit betulicher ausgedrückt hatten. Deren Kinder wiederum umschreiben es unverdrossen mit dem zeitlosen „geil“, das die Enkelgeneration kurz ums zeitgemäß robuste „Dildo“ ergänzte, was Vati, seit neuestem „Babo“ genannt, schon mal einen Ausruf unbehaglichen Missfallens entlockt, der wirklich meint, wonach er klingt: „Horror!“

Während Dildo, Porno, geil nämlich von Muttis Nachtisch bis zum üblen Partyabsturz alles Mögliche bezeichnen kann, ist der Begriff blanken Entsetzens vor allem für wahrhaftige Scheußlichkeiten reserviert: mindestens Gammelfleischpartys über 30-Jähriger, tendenziell schlimme Autounfälle, Enthauptungsvideos, Trennungen per WhatsApp oder auch das, was ZDFneo ab heute aneinanderreiht, bis die Nackenhaare senkrecht stehen. Unter der Steigerungsform von „Grusel“ (übertroffen allenfalls durch „Splatter“ genannte Kunstblutorgien) zeigt der Spartenkanal dann sechs Samstage lang von der „Tagesschau“ bis zum, pardon, Morgengrauen Horrorfilme zwischen „atemberaubendem Nervenkitzel und wohlig gruseligem Schauer“, wie es Redakteurin Gabriele Weyand ein bisschen altbacken ausdrückt.

Die Intensität körperlicher Abwehrreaktionen dürfte bei den knapp drei Dutzend vorwiegend amerikanischen Exemplaren (aus Deutschland stammt nur der moderne Zombiefilm Rammbock, 25. Juli, 1.20 Uhr) zwar variieren – davon zeugt die enorme Bandbreite vom Monstermovie der Nachkriegszeit über die Hollywoodschocker der Siebziger bis in die psychoterrorisierende Gegenwart voll exzessiver Gewalt und atmosphärischer Knalleffekte. ZDFneo geht es allerdings weniger um einen Wettbewerb maximaler Angstschweißausschüttung; im Fokus des sommerlichen Schwerpunkts steht eher die Vielschichtigkeit eines Genres, das seit der Stummfilmära zum festen Repertoire des Kinos zählt. Und beides hat gute Gründe.

Die Bilder lernten schließlich gerade laufen, als der ungebremste Industrialisierungswahn erstmals offenkundig an soziale, technische, also menschliche Grenzen stieß. Naturzerstörung, Armut, der Weltkrieg und ein angeblich unsinkbares Schiff, das schon bei der Jungfernfahrt sank, sorgten für einen Skeptizismus, der sich vor allem in Kunst und Kultur wiederspiegelte. Die erste Verfilmung von Mary Shellys Frankenstein versetzte dem Fortschrittsglauben schon 1910 einen weithin spürbaren Dämpfer und etablierte die Furcht vorm Unbekannten, Bedrohlichen, Entfesselten als Triebkraft des Kintopps. Geister, Dämonen, Vampire und bald auch die ungeheuer angesagten Zombies markierten fortan bedrohliche Antipoden der Zivilisation, denen auch Ordnungsstaat und Happyend nie ganz beikommen konnten.

So sicher zumindest die westliche Gesellschaft nach 1945 geriet, so beherrschbar ihre Mechanismen wirkten, so sehr die Todesgefahr früherer Epochen aus dem Alltag verschwand – stets dräute da etwas Unheimliches im Untergrund wachsender Städte und ihrer Vorortidyllen. Zeitgenössische Ängste vorm Unbeherrschbaren, die durch Arnolds Tarantula am vorigen Sonntag früh, Hitchcocks Die Vögel (11. Juli, 21.35 Uhr) oder Spielbergs Weißer Hai (18. Juli, 1.15 Uhr) verkörpert wurden und bald ihren Weg ins Unterbewusstsein fanden, wo das Böse mal im Keller von Halle Berrys Psychiatrie lauert (Gothika, 1. August, 22.05 Uhr), mal in einem hermetischen Kubus samt sechs unwissentlich Eingeschossener (Cube, 0.55 Uhr), besonders gern jedoch im eigenen Kopf jener, die sich fortan selbst bekämpfen müssen wie in The Unborn (23.40 Uhr). Und das sind längst noch nicht die krassesten Auswüchse eines Metiers, dass mit The Walking Dead gerade eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten fortsetzt, deren lebende Leichen einst allenfalls Bahnhofskinos entvölkert hätten.

Wie jedes Konsumgut unterliegt auch das Gruselige zwar einer Steigerungslogik des freien Marktes, um im Reizgewitter der Erregungsindustrie wahrnehmbar zu sein; wenn selbst „Torture Porn“ genannter Folterhorror wie Hostel zu Kassenschlagern werden, hat das jedoch nicht nur mit einer Perversionsspirale zu tun. Überspitzt zu Untoten, Raketenwürmern, Knochenjägern, Katzenmenschen, Triebtätern wie in der ZDFneo-Reihe, lassen sich die Abgründe menschlicher Natur vom Sessel aus mit etwas Gänsehaut nun mal gemütlich abstrahieren, als existierten sie nur in 2 bis 3D. Am Ende entspringt demnach auch George Clooney als Gewohnheitsverbrecher beim aberwitzigen Splatter-Finale im Titty Twister nur der irren Fantasie von Quentin Tarantinos From Dusk Till Dawn zum Auftakt. Nichts als Kino.

Oder?


Ganzjahreskarnevalist & Kuhflüsterin

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

22. – 28. Juni

Wenn etwas Geschichte ist, das wissen wir nicht erst, seit Guido Knopp Deutschlands dunkle Historie zum Guten gedreht hat, kann es auch im gegenwärtigen Diskurs präsent sein. Andy Borg zum Beispiel ist seit Samstag Geschichte, zumindest im Musikantenstadl, dessen Muttersender ihren liebsten Pudel schon mit Mitte 50 aufs Altenteil schiebt. Dennoch wird er weiter durch sein Biotop pilgern, keine Frage. Geschichte ist auch der Kölner Ganzjahreskarnevalist Stefan Raab, zumindest im Eventfernsehen mit Ausflügen zu Wettcouch und Wahlkampf. Dennoch wird die rührige Spaßkanone gewiss weiter durch sein Jagdrevier pirschen.

Mehr Geschichte als alle anderen ist hingegen Elizabeth II., seit moderne Staaten das Inzestsystem vererbter Privilegien durch rotblütige Bevorteilungsmodelle ersetzt haben. Dennoch hat es die Queen beim viertätigen Deutschlandbesuch bis Freitag wieder unablässig ins Programm des royalistischen ARZDF geschafft. Und irgendwie ist auch True Detective insofern Geschichte, als sich die sagenhaft gute US-Serie um je zwei Ermittler bizarrer Morde niemals wiederholen lassen kann. Dachte man zumindest bis zur zweiten Staffel, die seit einer Woche auf verschiedenen Plattformen von Sky abrufbar ist. Mit neuem Starpersonal (Colin Farrell, Vince Vaughn, Taylor Kitsch) beweist der alte Showrunner (Nic Pizzolatto), dass sich Brillanz – diesmal am Tatort Kalifornien – doch erneuern lässt. Geschichte wiederholt sich eben doch manchmal.

0-FrischwocheDie Frischwoche

29. Juni – 5. Juli

Deshalb geht‘s natürlich auch im Partyfernsehen für jung (Stefan) und alt (Andy) weiter, immer weiter, ewig weiter. Borg zum Beispiel darf Samstag seine potenzielle Nachfolgerin im Ersten beobachten, wo die DSDS-Siegerin Beatrice Egli nach der ZDF-Ostershow nun auch Die Große Show der Träume moderiert, was inhaltlich exakt so schlicht sein dürfte, wie es klingt. Und Raab? Turnt parallel auf Pro7 seine Schlussbahnen bei „Schlag den Star“ und hat seine Epigonen in Form von Elton & Simon, Joko & Klaas ja auch schon eingeritten.

Da darf sich ihr Lehrherr mit kaum 50 getrost aufs goldene Kissen aus stetig sprudelnden Millionengagen des Privatfernsehens setzen und vorab allenfalls auf 3sat der Frage nachsinnen: Macht Geld glücklich? Reporter János Kereszti ist da nämlich eher skeptisch und fährt Donnerstag um 20.15 Uhr dokumentarisch durchs reiche Deutschland, um mit Menschen vom Aussteiger bis zum Lotto-Gewinner über wahren Wohlstand zu reden. Vielleicht lässt Raab sich aber auch von einem inspirieren, der Besitz eher im Geistigen als bereichernd ansieht: der Dalai Lama. Zum 80. Geburtstag am 6. Juli schenkt ihm Arte allerdings keine Blumen, sondern einen Themenabend über seine Heimat Tibet, an dem es bis elf Uhr wenig herzlich zugeht, angesichts der anhaltend brutalen Okkupation durch China.

Für etwas Entspannung sorgt da immerhin die Pro7-Serie Empire um den todkranken HipHop-Mogul Luscious Lyon, der sein Reich im Stile King Lears mit viel passender Musik, Cross-Promotion und Schauwert ordnet, was inhaltlich oft erschreckend leer ist, aber überaus aufregend und in den USA rasend erfolgreich. Also das Gegenteil von der Kuhflüsterin, eine Art deutscher Gegenentwurf zum Weltreich des Bling Bling. Auf dem ARD-Schmunzelplatz (Freitag, 18.50 Uhr) spielt Cordula Stratmann eine westfälische Tierheilerin, deren Chuzpe ihr ganzes Dorf samt des Undercover-Cops nebenan aufmischen – was gelegentlich ganz putzig ist, aber vor allem sehr, sehr betulich.

Das gilt auch für die farbige Wiederholung der Woche, deren biedere Nachkriegsaura allerdings auch 60 Jahre später sehenswert ist: Der Hauptmann von Köpenick mit dem fix geläuterten Nazi-Kumpel Heinz Rühmann als Spielball deutschen Kadavergehorsams (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Der wiederum in schwarzweiß zum Lachen animiert, wenn Charly Chaplin als Der große Diktator (Dienstag, 0.15 Uhr, ZDFkultur) sein aberwitziges Schtonk durchs Jahr 1940 brüllt. Und zum Schluss die Wochendoku, diesmal mit blödem Untertitel, aber gehaltvoller Substanz: I want to break free – Pop vom anderen Ufer (Samstag, 21.50 Uhr, Arte), eine wunderbare Reise durch das, was heute Queer-Sound heißt und die Emanzipation nicht-heteronormaler Lebensentwürfe musikalisch begleitet hat.


Pennerphilosophie & Durchschnittsdeutsche

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

15. – 21. Juni

Man würde ja zu gerne wissen, was die „Bild“ anstelle des spontanen Aufmachers vom Toilettenpa…rdon: Titelblatt geworfen hat (vermutlich was Rassistisches mit teuren Flüchtlingen oder Griechen), aber es war am Dienstag schon eine Schlagzeile wert, was sich tags zuvor bei Wer wird Millionär abgespielt hatte. Als dort „seit haben jeher die meisten a) Dober Männer, b) Cocker Spaniels, c) Schäfer Hunde, d) Riesen Schnauzer“ zur Wahl stand, entschied sich die Kandidatin für letzteres, weshalb sie als erste die 50-Euro-Frage riss und zweierlei bewies: Nichts ist unterhaltsamer als belangloses Versagen. Und niemand versteht es leichter zu moderieren als Günther Jauch. Was wiederum zeigt: Im leicht belanglosen Privatfernsehen ist er besser aufgehoben als im öffentlich-rechtlichen Debattenprogramm. Also, Günni: weitermachen!

Zumindest hier.

Weitermachen dürfte gern auch Harry Rowohlt als Literaturentertainer und sein eigenes Alter Ego in der Lindenstraße, die er als Philosoph und Penner bereicherte. Leider ist der Hamburger nun mit 70 Jahren viel zu früh von uns gegangen, aber so ist es zumindest im Jenseits nun ein bisschen schöner. Nicht weitermachen wird hingegen Stefan Raab, der Mittwoch seinen Rückzug aus dem Fernsehen zum Jahresende bekanntgab. Und ebenfalls am Ende scheinen seriöse Web-News zu sein, wie eine Studie des Reuters Instituts befürchten lässt. Demnach weigert sich die Netzgemeinde beharrlich, digitale Infos zu bezahlen. Selbst beim Spitzenreiter Finnland sind es – inklusive Abos in Kombination mit Printprodukten, die den Löwenanteil stellen – nur 15 Prozent, was aber immer noch mehr ist als in Deutschland, wo kaum jeder 20. freiwillig für den Content zahlt.

So stirbt mit den alten Medien womöglich bald deren Wesenskern relevanter Wissensvermittlung und alles wird zu Entertainment, Leichtigkeit, Larifari oder schlimmer noch: Selektion nach Gusto der Werbekunden. Weil in diesem gar nicht mal so abseitigen Szenario ohnehin keiner fernsieht, gäbe es Nachrichten also nur nach Bedarf der Sponsoren, deren Etats keine öffentlich-rechtlichen Staatsaufträge berücksichtigen, sondern einzig Eigeninteressen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

22. – 28. Juni

Die originelle Doku Wer ist Thomas Müller? (Dienstag, 22.45 Uhr, ARD) etwa würde im Netz womöglich vom FC Bayern München präsentiert, um am Beispiel des hierzulande häufigsten Namens vordergründig dem Durchschnittsdeutschen auf die Spur zu kommen, hintergründig aber den Marktwert eines gewissen Nationalspielers zu erhöhen.

Immerhin.

Denn gar nicht erst gedreht würde in dieser trüben Zukunft mangels Ertragsaussichten Angst vor dem Abseits, mit dem die ARD Sonntag (17.30) das Tabuthema Homosexualität im Fußball seziert. Oder die artverwandte Arte-Doku Weil ich bin, wer ich bin (Mittwoch, 21.40 Uhr). Selbst famose Porträts schwuler Künstler versprechen schließlich keine Rendite. Das gilt ebenso für Spielfilme wie Reality, heute um 21.45 Uhr auf Arte um einen italienischen Familienvater, der sich vergebens um Teilnahme bei Big Brother bewirbt und das Containerleben einfach nachspielt, bis es sich mehr ergreifend als lustig verselbständigt. Chancen am Werbemarkt? Nullkommanull.

Ganz im Gegensatz zu den Privatprodukten der Woche. Die Dokusoap Schwiegertochter gesucht zum Beispiel, mit der RTL ab Sonntag (19.05) sein bildungsfernes Stammpublikum anspruchsloser Voyeure verächtlich macht. Oder Die Band auf Pro7, wo selbige erstmals im Ganzen gecastet wird, was musikalisch zwar gehaltvoller klingt als alles mit Superstar, aber nicht nur dank des musikalisch gehaltlosen Boygroup-Moderators Samu Haber reichlich Bohlen-Faktor verspricht.

Bleibt also nur, sich auf jenes Panoptikum bedeutsamer Horrorfilme zu freuen, mit denen ZDFneo die Samstage des Sommers erbeben lässt. Den Auftakt bildet die moderne Vampir-Variante Van Helsing (20.15 Uhr), gefolgt von Tarantinos Zombieorgie From Dusk Till Dawn um Mitternacht, Sonntagfrüh kurz vor fünf abgeschlossen mit der schwarzweißen Wiederholung der Woche, Jack Arnolds unfreiwillig komischer Monsterspinnenschocker Tarantula von 1955. Und in Farbe: Sergio Leones Spaghetti-Western Für eine Handvoll Dollar (Freitag, 22 Uhr, ServusTV), mit dem er 1964 einen Weltstar gebar: Clint Eastwood. Fehlt noch die Doku der Woche, passend zum Sommeranfang: Mückenalarm (Freitag, 21.35 Uhr, Arte) und der aussichtslose Kampf gegen die Invasion der Plagegeister.


Heather Nova, Hudson Mohawke

Hudson Mohawke

Die Startaufstellungen der Popmusik sind eher statisch. Falls deine Platte nicht grundlegend auf Verstörung abzielt, so lautet das Credo des Erfolgs, eröffne sie mit etwas Eingängigem, gern ein Cover, zur Not kunstvoll als Sample verpackt. Erstmal einlullen, dann fordern. Nie umgekehrt. Auch nicht in der Spotify-Diktatur zerhackter Alben. Achtung – Abschaltimpuls! Ross Birchard macht es genau umgekehrt. Sein zweites Warp-Werk Lantern beginnt mit einer Digitaltonkaskade, die förmlich in den Ohren schmerzt, um fortan auf das zu schalten, was den Sound des schottischen Soundtüftlers und Superproduzenten seit Jahren kennzeichnet: Verspielter Electrohousefunkpop aus einer erfrischenden Quelle nie versiegenden Ideen.

Das klingt dann manchmal wie Filmmusik, wenn sie mit Liebe, statt Kalkül kreiert wäre, mal nach dem großen, breiten Technobrett für die gediegenere Disco, und mal wie das fabelhafte Scud Books in der Mitte, als würde er im Raumschiff durch vier Jahrzehnte digitaler Takte rauschen und alles aufsaugen, was darin herumfliegt. Man ist auf der Suche nach schönen Adjektiven für dieses Feuerwerk der sachlichen Leichtigkeit mit Gastsängern wie Anthony Hegarty und findet doch nur krasse, wenn man sich Lil Djembe in einem Fiebertraum wähnt und ein paar Lieder darauf auf dem Dancefloor der R’n’B-Charts seines Buddies Kanye West. Lantern ist einfach richtig richtig geil.

Hudson Mohawke – Lantern (Warp)

Heather Nova

Ein krasses Adjektiv für Heather Nova zu finden, ist schon schwerer. „Geil“ passt zum Beispiel eher weniger, so sehr das karibische Feenwesen Mitte der 90er auch für Hormonschübe sorgte, als Frauen im Rock allenfalls den Background dekorieren durften. „Süß“ lag seinerzeit gut im Rennen, prallte aber stets an Novas Gitarre vorm Bauch ab wie Testosteron am süffisanten Du-nicht!-Blick. Nein, den stadionfüllenden Festivalheadliner früherer Tage umwehte was anderes, eine kühlwarme Aura zwischen Unnahbarkeit und Anziehungskraft, die auch ihr neuntes Studioalbum The Way it Feels kennzeichnet.

Noch mit fast 50 vereint sie darauf Kate Bushs hyperfemininen Mystizismus mit der kantigen Androgynität revoltierender Riot-Grrrls zu einem oft süffigen, grundsätzlich berührenden Alternative-Pop, der seine Kraft zugleich aus ein Melancholie und Kernigkeit gewinnt. Vielleicht könnte man auch das derbe nennen: derbe emotional, romantisch, manchmal etwas melodramatisch, aber immer derbe schön. Irgendwas mit Sommertag, Rausch, Melancholie und derlei anheimelndes Zeugs. Frühlingsherbstmusik.

Heather Nova – The Way it Feels (Embassy of Music)