Prodigy, Anoraque, Orchestra of Spheres
Posted: November 9, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
The Prodigy
Als The Prodigy vor 20 Jahren im Grunde nicht weniger taten, als die elektronische Musik zu revolutionieren, wirkte ihre brachiale Vorform des Brostep noch seltsam deplatziert. Die Dot-Com-Blase blähte sich noch hoffnungsvoll, Demokratie und Wohlstand schienen den Planeten endgültig zu erobern, trotz anhaltender Kriege in entlegeneren Winkeln der Welt waren Staatskrisen und Terror zumindest aus mitteleuropäischer Sicht fern. Warum also zersägten die drei Briten mit den absurden Tattoos und Frisuren das beginnende Zeitalter himmlischer Harmonie da bloß mit so infernalischem Krach? Vielleicht weil sie ihrer Zeit damals voraus waren.
Und es bis heute noch sind! Nicht, dass die verbliebenen Bandmitglieder Keith Flint und Liam Howlett auf der siebten Platte signifikant anders randalierten als auf dem legendären The Fat Of The Land; wie damals zertrümmert ihr Electropunk jedes Wohlklangbedürfnis mit Dauersalven brutaler Breakbeats, die nur unwesentlich digital verfeinert wurden. Im Jahr 2018 jedoch ist No Tourists der passgenaue Soundtrack einer Zeit zertrümmerter Werte und Gewissheiten. Dass die heile Welt total kaputt ist, haben The Prodigy schließlich schon immer gewusst.
The Prodigy – No Tourists (BMG)
Anoraque
Den Schlagzeuger einer neuen Band in den Vordergrund zu rücken ist nicht unbedingt das gängigste Stilmittel der Musikkritik, und die Drums sind im Grunde auch gar nicht das Hervorragendste am Debütalbum des Postcore-Quartetts mit dem angenehm bilingualen Namen Anoraque. Trotzdem wird D A R E von wenig mehr geprägt als Jan Schwinning. Wie seine Hi-hat gleich den Auftakttrack Peaks vor sich hertreibt, wie sein Kesselrand das zartbesaitete Outside Us untermalt, wie seine Becken das schrille Uh-Oh schreddern, wie seine Snare den flatternden Bass von Using You zerdrischt – das stellt den Rest der Band manchmal schon leicht in den Schatten.
Und das will was heißen. Denn nach zwei EPs rauscht ein Instrumentarium durch den ersten Longplayer der schweizerisch-deutschen Formation, das weit mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Jazzige Gitarren-Stakkati mischen sich da mit dronigen Bassflächen, verschrobene Synths mit nervöser Irrenhauselektronika. Und über allem schwebt geisterhaft schwebend der Gesang von Lorraine Dinkel, die mal klingt wie gerade aus dem Tiefschlaf erwacht, mal wie auf Drogenmix im Kellerclub. Ein Album von gleißender Dunkelheit, also ganz gewiss nichts für gewöhnliche Ohren.
Anoraque – D A R E (Radicalis Music)
Orchestra of Spheres
Wenn ein Album schon so losgeht: ein didgeridooartiges Raunen, überlappt von fiebrig an- und abschwellender Percussion, orientalischem Getröte und seltsam tonlosen Mantras. Wer diese Kakophonie offenbar unversöhnlicher Töne knappe zehn Minuten durchhält, ist entweder stocktaub, masochistisch veranlagt oder belastbar genug, um sich den Rest eines durch und durch erstaunlichen Werkes zu verdienen. Mehr noch als auf den drei Platten zuvor nämlich verlieren sich die neuseeländischen Neokrautrocker Orchestra of Spheres nicht in ihren teils absurden Klangkonstrukten.
Kurz vorm Hörsturz biegt Mirror auf afrikanisch angehauchten Future-Funk ab, der oft mitunter klingt, als seien The Mamas and the Papas in einer Science-Fiction-Bigband gelandet. Begleitet von einem halben Dutzend klassisch ausgebildeter Virtuosen wirbelt das Kammerquintett voller Kunstnamen wie Baba Rossa durch tropische Ethnosounds und wird mit jedem der zehn Stücke ein bisschen bekömmlicher, ohne den Mainstream auch nur zu streifen. Oboe und Drums, Harfe und Bass, E-Gitarre und Geschrei, Klarinetten und Synths – erstaunlich, was hier am Ende alles harmoniert. Wer soweit kommt, wird fürstlich belohnt.
Orchestra of Spheres – Mirror (Fire Records)
Marco Kreuzpaintner: Clubkulturkrimi & BEAT
Posted: November 8, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich hatte sehr wenig Schlaf
Mit Filmen wie Trade oder Krabat hatte Marco Kreuzpaintner (2.v.li; Foto: Wolf Lux/Amazon) schon sehr jung sehr viel Erfolg. Durch sein Seriendebüt BEAT dürfte der bayerische Regisseur nun endgültig zum Star werden: Sein Amazon-Thriller spielt ab Freitag in jener Clubkultur, die der 40-Jährige noch selbst hautnah erlebt hat. Ein Gespräch über biografische Filme, feiernde Komparsen und liberale Streamingdienste.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Marco Kreuzpaintner, ist BEAT ein klassischer Thriller, der das Berliner Nachtleben nur als Kulisse nutzt, oder ein Film über die Clubkultur mit Krimi-Elementen?
Marco Kreuzpaintner: Zunächst mal ist es ein Thriller, aber so ein Genre-Thema kann immer nur vor einem bestimmten, prägenden Hintergrund stattfinden. Und dieser Backdrop ist in diesem Fall die Clubkultur.
Die also doch vornehmlich Kulisse ist?
Nein, viel mehr als das. Selbst wenn die Rahmenhandlung ein Thriller ist, erfahren wir enorm viel über die Systematik der Parallelwelt Clubkultur und ihrer Protagonisten. Die tanzen darin nicht nur vor sich hin, sie sind zentrales Element. Sämtliche Komparsen leben dieses Gefühl so, wie ich und meine Kumpels es über acht, neun Jahre hinweg als Ausdruck eines intensiven Lebensgefühls selber getan haben.
Mit allen Exzessen, die der Film zum wummernden Technobeat inszeniert?
Na ja. Ein Großteil meiner damaligen Freunde hatte ein intensives Nachtleben, das den Tag eigentlich nur zum Erholen davon brauchte. Ich hatte im Gegensatz dazu auch noch ein sehr intensives Tagleben, war also auch ohne die szenetypischen Exzesse viel auf den Beinen und hatte dementsprechend sehr wenig Schlaf. Darum sehe ich in meinem Alte so alt aus (lacht).
Ist BEAT so gesehen wie ihr bayerischer Coming-Out-Film Sommersturm vor 14 Jahren autobiografisch geprägt?
Absolut. Aber eigentlich fließt in jeden meiner Filme, den Plot, die Figuren, viel Autobiografisches ein. So gesehen entspricht auch der Charakter von Beat zumindest in Teilen dem, was ich selbst mal gelebt habe. Noch wichtiger ist jedoch meine persönliche Haltung. Sie wird in allem spürbar, was ich mache. Umso mehr natürlich, wenn es darin um Musik geht. Dennoch müssen wir vorsichtig sein, falsche Erwartungen gewisser Zielgruppen zu wecken. Aber weil wir stark mit dem darkem Techno arbeiten, der im Berghain läuft, ansonsten aber viel zu wenig vorkommt im Film, ist der Sound in etwa so zentral wie die Handlung.
Ist es da eine Reminiszenz ans deutsche Publikum, dass der Musik ein kriminologisches Thema übergestülpt wird, anstatt sich voll auf die Clubkultur zu konzentrieren?
Nein, es gibt ja kein Whodunnit oder Mordermittlungen, sondern Thriller-Elemente. Natürlich haben Filme wie Berlin Calling Kultstatus…
Der den DJ Paul Kalkbrenner in einer Art Mockumentary porträtiert…
Aber ich weiß nicht, ob das auf sieben Stunden ausgedehnt tragfähig wäre. Abgesehen vom Lebensgefühl des unbedingten Hedonismus muss anders als auf Spielfilmlänge irgendwann noch mehr passieren, Dramen und Konflikte. Bei uns bestehen sie darin, dass Beat aus seiner nächtlichen Subkultur abrupt in den Tag gerissen wird und dort mit dem international organisierten Verbrechen zu tun kriegt.
Wurde Ihnen das Thema vorgeschrieben?
Nein. Warner ist nur mit den Ansinnen auf mich zugekommen, eine deutsche Serie für Amazon Prime machen zu wollen. Das Thema habe ich mir selbst in nächtelanger Arbeit ausgedacht.
Und bei der Umsetzung die legendäre Narrenfreiheit der Streamingdienste genossen?
Narrenfreiheit würde ich nicht sagen. Aber ich war wirklich überrascht, wie viel Vertrauen mir geschenkt wurde. Wo man schwere See anderswo gern umschifft, durfte ich hier mitten hinein steuern, alle Risiken inklusive. Das waren schon deshalb ungewöhnlich große Freiräume, weil ich zuvor noch keine Serie gemacht hatte. Im deutschsprachigen Raum braucht man normalerweise schon sehr viel Glück, Talent und Geld, um mal einen Arthaus-Film wie „Toni Erdmann“ zustande zu bringen, der dann in der Regel nur einige zehntausend Zuschauer erreicht. Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Kreativität und Investment ein völlig anderes.
Auch, weil es neue Zielgruppen erreichen kann?
BEAT ist definitiv für jüngere Zuschauer als bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich geeignet. Aber auch die älteren werden von dieser Subkultur mit ihrer sexuell extrem befreiten, drogenschwangeren Atmosphäre angesprochen.
Mussten Sie die künstlich erzeugen oder wächst so was in einem authentisch nachgebauten Technoclub organisch?
Letzteres. Als Regisseur stellt man ohnehin nur Weichen. Es ist ein Irrglaube, wir könnten die Darsteller wie Marionetten durch den Set bewegen. Für mich wäre es daher ein Alptraum gewesen, diesen Raum mit Menschen zu füllen und zum Tanzen animieren zu müssen. Weil die Serie auch daran gemessen wird, wie glaubhaft die Clubszenen sind, habe ich von Anfang an gesagt: wir machen eine Party und drehen dabei, nicht umgekehrt.
Wie darf man sich das vorstellen?
Wir haben rund 500 Komparsen einzeln aus der Techno- oder Fetisch-Szene und einfach feiern lassen, die Musik permanent am Anschlag. Die haben deshalb wirklich gefeiert – mit allem, was dazu gehört. Als wir ihnen erklärt haben, dass wir den Sound in den Drehpausen nicht abdrehen, gab es frenetischen Jubel. Am Ende haben die uns applaudiert, nicht wir denen. Bevor wir Bild und Spiel für einen sauberen Ton trennen, lasse ich lieber die 20 Sätze während der Party synchronisieren.
Haben Sie das erste Mal so realistisch gedreht?
Ja.
Werden Sie jetzt immer…
Ja!
Darf ich für dieses Format noch um ein Versprechen bitten?
Gern.
Als Alexander Fehling einem Mafiosi kurz vorm Zusammenstoß Kaffee kocht, bleibt die Kamera ohne Schnitt, ohne Ereignis, ohne Sound minutenlang auf ihm haften. Versprechen Sie, dass diese Ruhe in der Post-Produktion nicht dem üblichen Zappelschnitt zum Opfer fällt?
So arbeite ich seit meinem Polizeiruf vor zwei Jahren immer, weil ich seither noch mehr an die starke Einstellung glaube. Von daher ja – ich verspreche es!
ARD-Arschkriecherei & Amazon-Beats
Posted: November 5, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
5. – 11. November
Es dürfte zwar jeder einzelnen Faser selbst halbherziger Fußballfans widersprechen, aber vorige Woche am Fernseher haben sich viele davon zwei lausige Pokalpartien gewünscht, und siehe da – der Wunsch wurde erfüllt. Am Dienstag gab es ein erbärmlich unattraktives 2:0 der Schongang-Bayern beim Viertligisten Rödingdingsbums. Am Mittwoch dann ein erbärmlich stimmungsarmes 2:0 der Retorten-Leipziger beim Hopp-Gadget Hoffenheim. Beides garniert mit debilem Gefälligkeitsjournalismus aller ARD-Mitarbeiter von Gerd Gottlob bis Gerhard Delling, die es schafften, selbst das halbleere Stadion eines Getränkedosenmilliardärs nicht darauf zurückzuführen, dass sich außer den Jubelpersern der Sportschau niemand Neutrales für Live-Spiele seelenloser Plastikclubs und übermächtiger Serienmeister interessiert.
Ist es also ein betriebswirtschaftlich grundiertes Geben und Nehmen jenseits aller sportlichen Belange oder schlicht öffentlich-rechtliche Arschkriecherei, die der monarchistisch herrschende FC Bayern dann auch noch mit dem Abschied in die neoliberale Super League bestraft, wie vorige Woche von den Sendern der eigenen Geschäftspartner veröffentlicht wurde? Man kann es am Ende so wenig belegen wie den Antisemitismus-Vorwurf, mit dem ausgerechnet der ismen-unanfälligste Moderator des deutschen Fernsehens gerade zu kämpfen.
Aber gut, wer regelmäßig derart klare Kante wie Jan Böhmermann und – ja, für Clicks, aber eben auch für die Sache – bereit ist, sich in jeden noch so wilden Shitstorm zu stellen, kriegt halt naturgemäß neben Wind auch Scheiße ins Gesicht, sieht aber selbst derart angeschmiert glaubhafter aus als ein Julian Reichelt, der sich den Negativ-Preis Goldene Kartoffel vom Verein Neue deutsche Medienmacher immerhin persönlich abholte. Oder als ein US-Präsident, der Hass sät und scheinheilig die Folgen beklagt, wenn sie über Umwege zu rechtsextremistischen Massakern an Juden führen.
Die Frischwoche
5. – 11. November
Passenderweise gibt es dazu heute Abend auf dem ARD-Dokumentarfilmplatz zur Nacht den Antisemitismus-Report 2018 um 22.45 Uhr, dicht gefolgt von der Reportagereihe Geheimnisvolle Orte, die sich um halb zwölf der rekonstruierten Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin beschäftigt. Der eigentliche Höhepunkt des Fernsehabends ereignet sich allerdings zur Primetime. Dann zeigt das ZDF die Ouvertüre des Zweiteilers Der Mordanschlag, namentlich den am damaligen Treuhand-Chef vor 27 Jahren. Hier allerdings heißt Detlev Karsten Rohwedder Hans-Georg Dahlmann – und auch sonst nimmt sich Regisseur Miguel Alexandre einige Freiheiten bei der Fiktionalisierung des Attentats von 1991.
Nach dem Drehbuch von André Georgi erfindet er Terroristen, Polizisten und Bürokraten, die den Thriller aber dennoch zu einem verblüffend wahrhaftigen Schauspiel um politische Gewalt und den Zweifel, der durch ihn überall genährt wird, macht. Nicht nur dank Ulrich Tukur als Opfer und Petra Schmidt-Schaller als Täterin ein sehenswertes Stück Zeitgeschichte. Nach dem heute-journal folgt auf gleichem Kanal dann Jean-Christophe Grangés Vierteiler Die purpurnen Flüsse nach dem gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 2000, mit ein wenig zu viel Ritualmord, aber großer Spannung und Bildgewalt. Und der NDR zeigt um 23.15 Uhr eine Erstausstrahlung der stilleren Art: Im dänischen Drama Der Charmeur muss der iranische Flüchtling Esmail um 23.15 Uhr für eine Aufenthaltsgenehmigung heiraten – was angesichts der ungewohnt selbstbewussten Frauen schwerer ist als gedacht.
Zwei Tage später (22.55 Uhr) setzt der NDR dann übrigens noch seine Debütfilm-Reihe Nordlichter mit Coming-of-Age-Gruselgeschichte Wo kein Schatten fällt, eine Art Hexen-Sabbat auf Norddeutsch. Hochaktuellen Enthüllungsjournalismus auf Arte-Art gibt es dagegen Dienstag zur besten Sendezeit: Passend zu den Kongress- und Senatswahlen in den USA läuft dort die vierteilige Halbzeitanalyse Mission Wahrheit – Die New York Times und Donald Trump von der preisgekrönten Filmemacherin Liz Garbus. Ebenfalls dystopisch, aber wenigstens fiktional ist die französische SciFi-Serie Ad Vitamin am Donnerstag auf gleichem Kulturkanal. In Doppelfolgen geht es darin sechs Teile lang um eine konfektionierte Zukunft, in der sich die Menschen dem Altern durch Suizid entziehen – bis dagegen revoltiert wird.
Höchst gegenwärtig, darin aber zugleich nostalgisch und futuristisch ist die deutsche Amazon-Serie Beat, in der Regisseur Marco Kreuzpaintner den Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner in eine radikal verschwitzte Kriminalgeschichte im Berliner Techno-Milieuwirft. Bisschen mehr Club-Kultur à la Café Belgica wäre zwar besser gewesen als bisschen viel Ritual-Morde wie in Saw, aber das ist schon echt modernes Fernsehen mit Anschluss an alle Generatioinen. Dagegen ist die erste Wiederholung der Woche fast schon bieder, aber doch ungeheuer intensiv. In Dominik Grafs halbfiktionaler Ménage-à-Trois Die geliebten Schwestern (Dienstag, 22.10 Uhr WDR) von 2013 steht Florian Stetters Friedrich Schiller zwischen Charlotte (Henriette Confurius) und Caroline (Hannah Herzsprung), also schwer unter Liebesmühen. Noch schöner ist es allerdings, dass die ARD ab morgen um 22.45 Uhr Grafs grandiose Milieustudie Im Angesicht der Verbrechens aus der Kiste holt.
Dead Can Dance, Mt. Joy, Spiral Deluxe,
Posted: November 2, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Dead Can Dance
Der Soundtrack zum Weltuntergang stammt aus einer Zeit, als sein Anfang noch vergleichsweise unbestimmt war. Der “Club of Rome” hatte ein paar Jahre zuvor erstmals Die Grenzen des Wachstums vermessen und der Konsumgesellschaft damit den Ratschlag gegeben, ihren Verbrauch doch vielleicht mal ein wenig zu drosseln – da setzten sich Brendan Perry und Lisa Gerrard in ihre tausendteilige Orchesterlandschaft und gossen den Kulturpessimismus jener Tage in Weltmusik von melodramatischer Dringlichkeit. Gut, seither hat die Konsumgesellschaft ihren Konsum locker verzehnfacht, aber das macht die die Mission von Dead Can Dance ja nur noch dringlicher.
Auch auf Dionysos, dem zehnten Studioalbum seit 1984, klingen die orientalisch durchwirkten Ethnoklangteppiche der beiden Australier wie Hilfeschreie von mindestens 15 Minuten Länge, in denen sich das Elend der ganzen Erde Luft verschafft. Zwischen Zimbeln und Tröten und Pauken und polyglotten Kultgesängen reisen die beiden Tracks ACTI und ACTII in alle Regionen des Folk. Und wie einst in Philip Glass’ Score zur Zivilisationsdystopie Koyaanisqutsi ist das Ergebnis von so spiritueller Energie, ohne esoterisch zu klingen, dass man seinen ökologischen Fußabdruck spontan aufforsten möchte. Man nennt das Überwältigungsmusik.
Dead Can Dance – Dionysos (PIAS)
Mt. Joy
Mit Überwältigungsmusik fast noch zögerlich umschrieben ist eine Band aus Philadelphia, wenngleich ihr jede Art von Kulturpessimismus wohl ähnlich fremd ist wie Dead Can Dance ein Langstreckenflug im Bumsbomber nach Bangkok. Schon der Name klingt schließlich nach purer Lebensfreude – Mt. Joy ist schließlich das drollige Kürzel eines Berggipfels im Valley Forge National Park, an dessen Hang Gitarrist Sam Cooper aufgewachsen ist, bevor er mit seinem Schulfreund Matt Quinn auf die Erfolgswelle von Mumford & Sons sprang und an der Seite von Multiinstrumentalist Michael Byrnes in den perligen Ozean des modernen Indie-Folk surfte.
Klingt bisschen abgeschmackt? Ist es aber gar nicht! Unterstützt von Sotiris Eliopoulos an den Drums und dem Keyboarder Jackie Miclau schaffen es Mt. Joy auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum nämlich spielend, ein bisschen ungemähter Rasenfläche zwischen sich und dem ondulierten Mainstream eines Passenger zu legen. Besonders Quinns Stimme sorgt für unterhaltsamen Eigensinn, während die Arrangements drumherum oft eher fröhlich zittern als warm berechnen. Mt. Joy ist gewiss kein Werk für Alternative-Ästheten, aber vom ersten Ton an überwältigend, ohne zu überrumpeln.
Mt. Joy – Mt. Joy (Dualtone)
Spiral Deluxe
Wenn elektronische Musik nicht daheim am Rechner oder im digitalen Ambiente zugehöriger Labels entsteht, sondern dort, wo schon Serge Gainsbourg, Juliette Gréco, Manu Chao Platten auf Vinyl produziert haben, kann elektronische Musik kaum rein elektronisch klingen. Es ist daher gewiss auch den legendären, elegant holzgetäfelten, akustisch unvergleichlichen Studios Ferber in Paris geschuldet, dass ein Projekt namens Spiral Deluxe die Grenzen zwischen House, Funk und Jazz gerade neu definiert. Verantwortlich dafür ist jedoch vor allem einer der Köpfe hinterm Quartett: Jeff Mills.
Bekannt als Gründungslegende des Detroit Techno, kehrt der DJ auf Voodoo Magic zu seinen Wurzeln als Drummer zurück und macht das Debütalbum dank seiner virtuosen Percussions, Jino Hinos groovendem Bass und schmissigem Vintage-Sound von Yumiko Ohno und Gerad Mitchell an Moog oder Keyboards zum Manifest des Crossovers moderner Prägung. Aufgenommen in nur zwei Tagen, atmen die fünf teilweise breit ausgewalzten Stücke einerseits den Duft bauchgesteuerter Improvisation; andererseits sind sie bis in den letzten Beat hinein ausgefuchst und berechnet. Eine Ader für Jazz kann beim Hören da nicht schaden, zwingend nötig ist sie nicht.
Spiral Deluxe – Voodoo Magic (Axis Records)
RTL-CSO Marc Schröder: Linear & Digital
Posted: November 1, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
TV steht für Total Video
RTL befindet sich seit lange nicht nur mit der linearen Konkurrenz, sondern auch mit Video-Portalen in einem knallharten Wettkampf um Marktanteile und Deutungshoheiten. Zugleich aber hat der Privatsender die Fortsetzung von Deutschland 83 gemeinsam mit Amazon Prime produziert, wo Deutschland 86 zurzeit ebenso abrufbar ist wie beim US-Sender sundance TV. Ein Gespräch mit Marc Schröder (Foto: Bernd Arnold/journalist), als CSO der Mediengruppe RTL besonders für deren Digitalstrategie verantwortlich, über das Fernsehen von gestern, heute, morgen und wie seine Sender fortan bestehen wollen.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Schröder, wie sehen Sie persönlich lieber fern – auf 4,8 Zoll, Touchpad-Größe oder einem Meter Bildschirmdiagonale?
Marc Schröder: Meine Videonutzung ist da vielfältig. Beim entspannten Fernsehabend mit einem Spielfilm oder einer guten Serie, bevorzuge ich den großen Screen im Wohnzimmer. Für den kurzen Newsclip reichen aber schon vier Zoll.
Also anlassbezogen.
Genau, es kommt auf die Inhalte an. Abgesehen davon hängt die Nutzung allerdings auch von der Situation ab. Wenn ich im Zug sitze und Zeit habe, schaue ich mir dort nicht nur Newsclips auf dem Smartphone an, sondern auch mal eine Serienepisode.
Dienen die Vorlieben des CSO der Mediengruppe RTL da auch als Indikator, was deren Kundschaft wollen könnte?
Von sich auf die Allgemeinheit zu schließen, nenne ich Marktforschung mit der Stichprobengröße 1 und die halte ich für gefährlich und warne entsprechend davor. Da verlassen wir uns neben der Intuition lieber auf richtige Marktforschung.
Darüber hinaus lebt die Zukunft der Mediennutzung direkt bei Ihnen im Haus. Dienen Ihre eigenen Kinder da als erste Gradmesser?
Es hilft jedenfalls bei der Einschätzung unserer Mediennutzung, diese Generation unmittelbar vor Augen zu haben. Auch da ist mir die Stichprobe zwar zu klein, um auf die Allgemeinheit zu schließen, aber es gibt mir ein erstes Gefühl dafür.
Entscheidet also vor allem die Nachfrage übers Angebot der Mediengruppe RTL oder manchmal – egal, auf welchem Bildschirm – auch die eigene Idee vom Fernsehen?
Die Mediengruppe RTL ist zunächst mal ein Unternehmen. Neben dem Kulturgut produziert es also auch ein Wirtschaftsgut. Deshalb ist es bei uns ganz klar so, dass wir Inhalte für Zielgruppen schaffen, die werberelevant sind. Genau darauf ist unser Portfolio zugeschnitten. Das Besondere ist, dass wir dabei auf viele Experten und Talente bauen können, um diese Zielgruppen mit massenattraktiven Inhalten zu erreichen. Wir können unterhalten und informieren, hochwertige Nachrichten und Shows produzieren, über unsere Formate Themen setzen und damit Nachfrage adressieren.
Sie setzen also schon gezielt Themen?
Historisch betrachtet, haben wir das immer wieder erreicht. Soaps wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten oder die großen Shows sind weiterhin Formate, über die man morgens im Büro an der Kaffeemaschine spricht, mit denen wir auch regelmäßig Talk of the Town sind. Team Wallraff oder Das Jenke Experiment, ein RTL-Themenmonat Hartz IV oder die Doku Asternweg bei VOX schaffen es gezielt Themen zu setzen, die von hoher gesellschaftlicher Relevanz sind und den Nerv der Zuschauer treffen. Das sind TV-Events, über die ganze Deutschland spricht.
Ist das nicht ein bisschen nostalgisches Wunschdenken aus der analogen Ära?
Schauen Sie sich nur die Berichterstattung darüber in den Print- und Onlinemedien oder die Interaktion in sozialen Netzwerken an, wo wir übrigens, wie kaum eine andere Medienmarke in Deutschland, über insgesamt 30 Millionen Facebook-Fans verfügen. Natürlich verschließen wir vor der Fragmentierung auch nicht die Augen, die erleben wir in unserem Medium seit Jahrzehnten und haben sie durch diverse Sendergründungen ja auch selbst aktiv vorangetrieben. Es ist naturgemäß schwerer als vor 15 Jahren, große Themen zu setzen und damit eine zweistellige Millionenreichweite zu erzielen. Aber wenn das noch irgendwo gelingen sollte – dann im linearen Fernsehen. Wir beobachten hier auch jenseits des Sports noch Massenphänomene.
Dafür muss allerdings auch die Mediengruppe RTL versuchen, junge Zuschauerschichten an sich zu binden. Wie lockt sie die Generationen Y bis Z vor den Fernseher?
Abgesehen davon, dass es der Mediengruppe RTL zunehmend egal ist, auf welcher Art Bildschirm ihr Angebot genutzt wird, konfektionieren wir die Inhalte auf alle Zielgruppen zu. Da hat unsere Senderfamilie für jeden Bedarf den zugehörigen Kanal. Daneben haben wir mit TV Now seit gut zehn Jahren ein Video-on-demand-Angebot, das der Zeit- und Ortsunabhängigkeit jüngere Zielgruppen gerecht wird.
Nur technisch oder auch dramaturgisch?
Wir erreichen mit Informationen wie RTL Aktuell oder Team Wallraff und Unterhaltung von Der Lehrer auf RTL bis zur Höhle der Löwen bei VOX weiterhin sehr viele junge Zuschauer. Linear – aber zunehmend eben auch bei TV Now. Darüber hinaus experimentieren wir natürlich auch mit verschiedenen Erzählformen und haben das viele Erfahrungen gesammelt.
Zum Beispiel?
Dass sich anspruchsvolle, horizontal erzählte Serien besonders für VoD-Plattformen eignen. Dafür dürfen wir allerdings nicht immer nur vom Gleichen mehr schaffen oder die nächste noch komplexere Crime-Serie aus den USA importieren, sondern das tun, was wir am besten können: bessere Unterhaltung spezifisch für den deutschen Markt generieren.
Ihr Fokus, so scheint es, liegt dabei unmissverständlich auf Fiktion und Entertainment. Wird es darüber hinaus mehr Information und Dienstleistung geben – seien es digitale Lifestyle-Channels, seien es neue Nachrichtenportale?
Wenn Sie sich TV Now anschauen, bieten wir bereits heute einen breiten Themen- und Genremix. Das werden wir fortsetzen, stärken und ausbauen. Wir werden daher auch in exklusive lokale Inhalte investieren, aber nicht in einer Monokultur, wie es anfangs bei den amerikanischen Streamingportalen der Fall war. Auch da beobachten wir zwar eine Verbreiterung des Angebots, aber noch nicht wie bei klassischen TV-Sendern. Darin wollen und werden wir uns deutlich unterscheiden.
Aber ist für ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen da nicht die Verlockung groß, auf rentable statt nachhaltige Inhalte zu setzen, also eher Fashion als News?
Journalistische Bewegtbildinhalte sind auf n-tv, aber auch RTL Basis und integraler Bestandteil unserer Sender- und Webangebote. Aktuelle Informationen haben bei der Mediengruppe von Beginn an einen sehr hohen Stellenwert. Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst.
Wie passt es dann dazu, dass RTL II die Abendnachrichten auf 17 Uhr vorverlegen und das Wochenende gänzlich newsfrei halten will?
Die Sendeplatzverlegung ist eine programmstrategische Entscheidung von RTL II. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass Nachrichten nicht auf jedem unserer Sender gleichermaßen nachgefragt werden. RTL produziert pro Werktag fünfeinhalb Stunden News und Magazine. Gemeinsam mit n-tv bietet die Mediengruppe neben dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk so einen privat finanzierten Qualitätsjournalismus, der die Menschen rund um die Uhr auf allen Plattformen informiert. Und die Brücke vom seriösen Spielfilm zum Makeup-Video ist breit. Ohne zu weit in die Zukunft zu blicken, liegt unser Fokus aber eher auf längeren Formaten. Ob das immer 42-minütige Episoden sind, sei mal dahingestellt, aber zwischen 25 und 3 Minuten ist abgesehen vom Inhalt schon ein gehöriger Unterschied. Um nicht beliebig zu werden, muss man sich hier klar positionieren.
Positionieren sich zumindest die Vollprogramme der Gruppe als Teil der alten Medien, die sie drei Jahrzehnte nach Öffnung des dualen Systems nun mal sind, auch gegen die Probleme der digitalen Kommunikation von Hate-Speech bis Fake-News?
Auf jeden Fall, da haben wir nicht nur hohe journalistische Ansprüche, sondern auch gesellschaftliche Verantwortung. Wir setzen auf professionellen Journalismus als Mittel gegen Fake News, die wir als Online Desinformation bezeichnen. Denn Begriffe „Fake“ und „News“ in einem Atemzug zu nennen, ist ein leider beliebtes und durchaus wirksames Mittel, eine ganze Branche zu verunglimpfen. Darüber hinaus spielt es denjenigen in die Karten, die diese bewusste Manipulation von Informationen mit meist wirtschaftlicher oder politischer Motivation verschleiern wollen. Sauberes journalistisches Handwerk, eine hochwertige journalistische Ausbildung sowie ein konsequentes Qualitätsmanagement sind der Schlüssel, um Vertrauen und Treue der Zuschauer und Nutzer zu sichern. Darin investieren wir und dafür sorgen über 700 Mitarbeiter in journalistischen Funktionen bei der Mediengruppe RTL, in Außenstudios im Inland und Korrespondentenbüros weltweit sowie ein eigens geschaffenes Verifizierungsteam. Hinsichtlich Hate-Speech haben wir zunächst mal keine eigene Plattform mehr, in der die Communities selbst solche Inhalte einstellen könnten.
Sie meinen user generated content, den der Watchbox-Vorläufer Clipfish schon 2013 eingestellt hat.
Genau. Die Zeiten, in denen Clipfish auch ein Videoforum war, sind länger vorbei. Nichtsdestotrotz schauen wir, was insbesondere auf Facebook in den Diskussionen zu unseren Inhalten passiert. Wir stehen zu unserer Verantwortung als Inhalteanbieter. Darüber hinaus nutzen aber auch wir einschlägige Plattformen aus den USA, um mit den Nutzern in Dialog zu treten. Und wenn dort Äußerungen jenseits des juristisch Erlaubten oder gegen unsere Netiquette veröffentlicht werden, lautet unser Motto ganz klar: Handeln. Und das bedeutet bei Rechtsverstößen nicht nur löschen, sondern verfolgen. Hier arbeiten wir unter Koordination der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen und dem Ministerium des Inneren von NRW mit den Behörden und Plattformanbietern zusammen, um eine effektive Strafverfolgung im Netz zu gewährleisten.
Könnte ein digitaler Nachrichtenkanal über die strafrechtliche Verfolgung von Hate-Speech hinaus nicht zur Verbesserung der Streitkultur im Netz beitragen?
Den haben wir bereits. Er heißt n-tv und stellt auch online relevante News im Vordergrund – auch wenn die App klar auf die mobile Nutzung anderer Zielgruppen als am Fernseher zugeschnitten ist. Zudem bauen wir RTL.de grad zum General-Interest-Portal aus – journalistischer, aber auch weiblicher und boulevardesker. Dadurch werden wir digital gut und komplementär aufgestellt sein.
Wird es dazu eine Art kommerzielles funk geben, mit dem ARD und ZDF ihren Jugendkanal ins Netz verlegt haben?
Auf absehbare Zeit nicht. Da fehlt schlicht ein Geschäftsmodell, über das sich funk dank des Rundfunkbeitrags nicht kümmern muss. Für uns ist es – mit Verlaub – absurd, dass öffentlich-rechtliche Anstalten dank gebührenfinanzierter Inhalte gigantische US-Plattformen kostenlos ausstatten und stärken. Wir haben zwar mit Formaten wie Comedy Rocket experimentiert und festgestellt, dass an so anspruchsvoller Komik durchaus Interesse besteht. Auf Youtube ist die Monetarisierung allerdings nach wie vor schwierig für jemanden, der professionell produzierten Inhalt einstellt. Insofern zeigen wir so etwas eher im eigenen digitalen Kontext.
Wie würden Sie die digitale Gesamtstrategie der Mediengruppe RTL in einem Satz zusammenfassen?
Wir wollen die besten, relevantesten Inhalte für unsere Zielgruppen auf all unseren Plattformen so konfektionieren und verbreiten, dass die Nutzer immer und überall Zugriff darauf haben.
Und welche Bedeutung hat das lineare Fernsehen dabei noch?
Für uns steht TV seit langem für Total Video. Lineare wird es als Ursprung und Basis unseres Geschäfts wichtiger Bestandteil dieser Strategie bleiben, konzeptionell aber ein Element unter vielen. Der klassische Weg, auf dem Bewegtbildinhalte zum Zuschauer kommen, nimmt ab.
Welche Rolle werden neue Wege wie Snapchat und Facebookin da künftig spielen?
Wir sind stets früh dabei, wenn sich neue Verbreitungswege öffnen, und bereit, Portalen wie Snapchat die nötige Zeit zu geben. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, wo man vom Experimentierfeld zum Geschäftsmodell kommen muss, und ob das auf absehbare Zeit geschieht, gleicht dem Blick in die Glaskugel. Zumal wir nicht wissen, welche Innovationen demnächst hinzukommen. Wir nutzen Facebook oder Twitter zur Kommunikation mit unseren Communities, aber noch nicht als Ertragsfeld.
Wie ist es mit digitaler Technik von Virtual Reality bis 360˚-Ansichten – sind das auch noch Experimentierfelder oder schon Zukunftsmodelle?
Was VR betrifft, sind wir über Gehversuche bereits hinaus, die Group hat sich sogar am VR-Unternehmen Inception beteiligt. Und vor zwei Jahren haben wir Stern TV bereits auf der IFA im 360° Stream gezeigt. Anders als auf dem Smartphone haben solche Ansichten auf großem Bildschirm noch ihre Probleme. Genauso wenig, wie bei 3D, wird es demnach eine flächendeckende Ablösung des Mediums Video durch VR und 360˚ geben.
Und wenn es die Kundschaft fordert?
…würden wir eine gute Balance zwischen Bedarf und Ertrag finden. Unsere Erfahrung ist, dass VR insbesondere im Bereich Live-Konzerte und Computerspiele zur Anwendung kommen wird. Ich habe dagegen mal eine VR-Version vom Kleinen Hobbit gesehen und bis dato nichts von weiteren, größeren Plänen der Filmindustrie gehört. Wir investieren, testen, experimentieren immer da, wo wir einen zusätzlichen Nutzen für unsere Zuschauer und Werbekunden sehen, es macht jedoch wenig Sinn, zu viel vor der Welle zu investieren.
Beim Wetter testen Sie dagegen bereits die Zukunft und ersetzen Moderationen durch automatisierten Bot-Prognosen…
Bei wetter.de setzen wir diese Möglichkeit in der Tat seit einiger Zeit für einfache ortsgebundene Vorhersagen ein. Es macht aber derzeit keinen Sinn, künstliche Intelligenz mit komplexen Themen, wie Berichten zu Unwettern, der Dürre und Hitze des Sommers oder Ursachen des Klimawandels zu betrauen. Hier bedarf es weiterhin der Einordnung und hohen Kompetenz unserer Journalisten.
Was halten Sie denen entgegen, die Digitalisierung vormals analoger Medien für massiven Stellenabbau verantwortlich machen?
Dass Digitalisierung die Chance bietet, Zuschauer und Nutzer überall und jederzeit mit Inhalten zu erreichen. Allein 2017 wurden 45 Millionen bewegtbildfähige Screens in Deutschland verkauft. Auf all diesen Endgeräten möchten wir unser Publikum erreichen. Und wie bereits erwähnt, verfügt die Mediengruppe RTL mit rund 700 Journalisten über eine der größten Redaktionen Deutschlands, die auf allen Plattformen veröffentlicht. Um die Chancen der Digitalisierung noch besser zu nutzen, bauen wir derzeit insbesondere die Online-Redaktion sogar deutlich aus – gerade aufgrund der steigenden Möglichkeiten für Journalismus.
ProSiebenSat1 Media wird mit Schuhshops und Reisebüros gerade zum Gemischtwarenladen mit angeschlossener Fernsehsparte. Wie viel Diversifizierung abseits vom klassischen Kerngeschäft wird es bei der Mediengruppe RTL geben?
Ich finde den Vergleich schon deshalb schwierig, weil ProSiebenSat1 als börsennotiertes Unternehmen die oberste Konzernebene ist, während über der Mediengruppe RTL noch die RTL Group kommt und eine Stufe höher Bertelsmann. Diversifikation stellt sich bei uns also völlig anders dar. Zumal ProSiebenSat1 als deutsches Unternehmen zur Diversifikation gezwungen ist. Für uns ergibt es dagegen bei internationalen Geschäften vielfach keinen Sinn, eine Technologie, die global skaliert, nur von Deutschland aus zu betreiben. Hinzu kommt, dass akquisitorische Investments oft davon getrieben sind, TV-Werbung zu brauchen.
Im Tausch gegen Firmenanteile.
Unser Ansatz ist ein anderer, wir nennen ihn TV-Werbevertrieb, wofür wir innerhalb unseres Vermarkters IP-Deutschland ein Team namens Unit3 aufgestellt haben, das Unternehmen auf flexiblerer Grundlage Werbung verkauft, ohne sich daran zu beteiligen. Alles andere erscheint uns zu riskant. Unser Fokus liegt auf strategischer Diversifikation. Da agieren wir mediennah, selektiv, fokussiert und schauen uns nur Unternehmen an, die nachhaltig von uns profitieren.
Zum Beispiel?
Couponing. Da haben wir im Bereich E-Commerce B2C zwei Akquisitionen getätigt, die keinen größeren Logistikaufwand betreiben müssen: Gutscheine.de und Sparwelt.de. Beide haben, was Markenbekanntheit und Suchmaschinensichtbarkeit betrifft, von TV-Werbung profitiert.
Und welcher Rolle bemessen Sie dem Gaming inklusive der Boom-Sparte E-Sports bei, wo besonders ProSieben sehr aktiv ist?
Computerspiele sehe ich derzeit – von Promo-Kooperationen wie RTLspiele.de abgesehen – jenseits unseres Horizonts. E-Sport dagegen macht aus dem Thema Games ein Videoprodukt, das der Übertragung von Formel1 oder Fußball konzeptionell sehr nah kommt. Die Phänomene finden allerdings schwerpunktmäßig auf Digitalkanälen wie Twitch statt. Und die globale Verbreitung macht es lokalen Partnern – in diesem Fall gegen den Mutterkonzern Amazon – schwer, darum ein Geschäftsfeld zu errichten.
Sind ProSiebenSat1 und die Öffentlich-Rechtlichen da überhaupt noch Ihre Hauptkonkurrenten oder längst Medienkonzerne wie Amazon oder der Streamingdienst Netflix?
Alle sind Mitbewerber eines fragmentierten Marktes, den die Öffentlich-Rechtlichen zwar durch die Art ihrer Finanzierung verzerren, aber trotzdem bespielen – und zwar zusehends jenseits des linearen Angebots. Das macht sie für uns sehr relevant, aber unser Referenzrahmen bleibt die Gesamtnutzung des Mediums Video. Die gute Nachricht ist: Es wächst auch dank der großen Streamingdienste. Kopieren hilft da nicht weiter, ein RTL-Netflix kann nicht unser Ziel sein.
Zugleich setzen Sie auf Kooperationen wie im Fall von Deutschland 83, dessen Fortsetzung zuerst bei Amazon laufen wird.
Solang man die dringend nötige Exklusivität der Inhalte in Kooperationen abbilden kann, wie es ARD und Sky ja gerade auch mit Babylon Berlin machen, ist das denkbar. Wenn man sich mit der Konkurrenz zusammentut, ist Exklusivität natürlich relativ, könnte aber am Ende auch ein Weg von vielen sein. Darüber hinaus werden wir mit unseren Mitteln eine Alternative bieten und die ist künftig TV Now als eigenständiges, vollumfängliches VoD-Angebot.
Den Vorläufer dieser Video-on-Demand-Plattform haben Sie damals noch unterm Titel „RTL Newmedia“ bereits ab 1999 mit aufgebaut.
Lang ist’s her, wir haben da auch mal Video gezeigt, aber es gab ja noch gar keine Breitbandanschlüsse…
Knapp zehn Jahre später ist unter Ihrer Führung RTL Interactive entstanden, wo das multimediale Geschäft jenseits vom Fernsehen gebündelt wird. Wie hat sich Ihr Tätigkeitsfeld seither verändert?
Da muss ich in aller Bescheidenheit ergänzen, dass ich 2008 auf einer sehr guten Basis aufsetzen konnte. Heute besteht der Unterschied zunächst in der Streichung des „neu“ in „neue Medien“. Klingt banal, kennzeichnet aber die Tatsache, dass digitale Medien einst als Insellösung betrachtet, organisiert und auf grüne Wiesen ausgelagert wurden, um sich dort ordentlich auszutoben. Mittlerweile ist die Digitalstrategie kein Spielplatz mehr, sondern integraler Bestandteil jeder Gesamtstrategie, die in sich digital sein muss.
Warum sind Sie 2007 nach Ihrem Intermezzo bei der Telekom zu RTL zurückgekehrt. Heimweh?
Auch, aber ich hatte seinerzeit schon bei der Telekom Video-Angebote entwickelt, angefangen vom ersten großen Breitband-Portal T-Online Vision bis hin zu T-Home, das nun Entertain heißt. Sie sehen – bei mir war schon immer alles Video. Aber nach sechs Jahren war dieser Abschnitt einfach abgeschlossen. Interessanter ist daher die Frage, warum ich zur Telekom gegangen bin.
Und?
Weil unser erster Geschäftsplan bei RTL 2002 ergeben hatte, dass sich Video-on-Demand seinerzeit nicht rechnen konnte. Weil bei der Telekom nicht nur Videos, sondern auch DSL-Anschlüsse verkauft werden sollten, war das dort etwas anderes.2008 dagegen war die Zeit auch bei RTL reif, im Jahr zuvor ist dort RTL Now entstanden, da war es überaus spannend, zurückzukehren.
In ein Management übrigens, das Anke Schäferkordt allein unter einem Dutzend Männern führt. Ist das in Zeiten von MeToo und Quoten ein Unfall?
Bei der Mediengruppe RTL gibt es über 50 Prozent weibliche Mitarbeiterinnen und eine Reihe von Frauen in leitenden Funktionen. Gleichzeitig wissen wir, was den Frauenanteil in Führungspositionen betrifft, dass wir noch besser werden können und halten stetig Ausschau nach geeigneten Kandidatinnen. Manchmal lässt es sich aber einfach nicht erzwingen.
Was hat Ihr Wechsel ins strategische Management für Sie persönlich geändert?
Dass ich heute noch übergreifender denken darf. Strategische Aspekte waren zwar auch zuvor schon sehr wichtiger Teil meiner Aufgaben. Aber sich nun von manchen Zwängen des operativen Geschäfts freimachen zu können, empfinde ich als große Chance. Als Strategieverantwortlicher habe ich mit allen Geschäftsbereichen zu tun, um die Entwicklung einzelner Inseln zum Kontinent voranzutreiben. Das Wesen meiner Arbeit heißt Integration. Wann eine Sendung wie und auf welcher Plattform ausgestrahlt wird, entscheidet ja keine Abteilung für sich, sondern ein übergreifendes Content-Board, das vom Programmeinkauf über die Sender bis zu TV Now alle einbezieht.
Zum Abschluss ein letzter Blick in die Glaskugel: Wo sehen Sie sich und RTL 2028?
Wir werden noch mehr Vielfalt haben und Inhalte weiter ausdifferenzieren. Auf der anderen Seite wird es weiter die Highlight-Formate geben, also zentrale Lagerfeuer. Bei der Anzahl fiktionaler Eigenproduktionen legen wir ein hohes Tempo vor. Schon heute sind rund 90 Prozent der Inhalte von RTL Eigen- und Auftragsproduktionen. Wir werden ein Zeitalter großer Kreativität und Qualität erleben. Aber das wird für alle Marktteilnehmer nötig sein, um sich zu differenzieren.
Das Interview ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen
Rohrbomben & Freiheitsaufbruch
Posted: October 28, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
22. – 28. Oktober
Mimimi. Als sich Kai Gniffke und Peter Frey aufs Podium einer AfD-Diskussion in Dresden zum Thema Medien gesetzt haben, war von vorneherein klar, dass die zwei Informationsverantwortlichen von ARD und ZDF keinerlei Verständnis vom Publikum erwarten durften. Ihren Hinweis darauf, dass deren Reporter auf Pegida-Demos bedrängt, gestoßen, ja attackiert wurden, mit dem lautmalerischen Begriff für „nun stellt euch mal nicht so an“ zu beantworten und dafür kein Widerwort der Veranstalter zu ernten, zeigte allerdings, wie sinnlos es scheint, mit Rechten über Grundrechte wie die Pressefreiheit zu reden.
Mimimi. Das war auch der Tonfall, den Donald Trump kurz nach ein paar verlogenen Tweets der Anteilnahme für die Opfer mehrerer Rohrbombenbriefe auf seine politischen Gegner inklusive des liberalen Networks CNN anschlug. Denn gleich danach schaltete der Populist im Präsidentenamt wieder auf Angriff und machte die Medien selbst verantwortlich. Eigentlich wäre „Mimimi“ zumindest intern aber auch die übliche Reaktion deutscher Sicherheitsbehörden auf den grotesken Mord am regimekritischen Zeitungskolumnisten Jamal Kashoggi gewesen. Schließlich verhindern selbst die schlimmsten Menschenrechtsverstöße des saudischen Regimes keinen noch so heiklen Waffenverkauf.
Es ist also, das zeigte sich vorige Woche wieder sehr anschaulich, insgesamt keine allzu gute Zeit für Anstand, Diskurse, Kompromissbereitschaft, wenn deren erklärter Feind die Zerstörung aller Werte des demokratischen Miteinanders zum Inhalt der politischen Kommunikation macht. Wir befinden uns da scheinbar auf dem Rückweg in eine Ära, die Netflix als eine von gleich fünf deutschen Serien fiktionalisieren will: In Die Barbaren kämpft das Römische Reich 2019 vergeblich gegen Germanen im Norden. Darüber hinaus geht es beim Streamingdienst um junge Online-Drogendealer und eine Zukunftsdystopie, was jetzt auch alles nicht so hoffnungsfroh auf morgen blicken lässt.
Die Frischwoche
29. Oktober – 4. November
Blicken wir also auf heute, wo das ZDF um 20.15 Uhr nach gestern sieht, genauer: ins Jahr 1971, als der berühmte stern-Titel Frauen zeigte, die – damals noch illegal – abgetrieben haben. Nach dem Drehbuch dreier Autorinnen fiktionalisiert Isabel Kleefelds Emanzipationsmelodram Aufbruch in die Freiheit eine davon, die der Enge ihrer dörflichen Heimat Richtung Großstadt entflieht und von dort aus um Gleichberechtigung kämpft. Klingt nach öffentlich-rechtlicher Wohlfühlsülze, ist dank Anna Schudt in der Hauptrolle jedoch ein gelungenes Beispiel, wie man Emanzipation ohne Peinlichkeit nachstellen kann.
Nicht ganz so emanzipiert, aber vielfach peinlich ist dagegen ein Filmformat, das am Dienstag 25. Geburtstag im ZDF feiert: Rosamunde Pilcher. Jenseits aller Emanzipationsfragen, aber so peinlich, dass es längst lächerlich ist, agiert morgen zur besten Sendezeit mal wieder die ARD, indem sie das sportlich irrelevante Pokalspiel des FC Bayern gegen einen Tiefstligisten überträgt und damit weiter schön das Festgeldkonto der öffentlich-rechtlichen Cashcow mästet. Als Kontrastprogramm bietet sich tags zuvor die Nitro-Serie FC Arbeitslos an, die sechsmal Profifußballer auf Jobsuche zeigen.
Derweil macht sich RTL lächerlich, weil es am Mittwoch ausgerechnet den berlinernden Blondinenwitz Mario Barth Die Wahrheit über Mann und Frau erkunden lässt, während die US-Serie 9-1-1 zeitgleich auf Pro7 unfreiwillig komisch andeutet, dass amerikanische Sicherheitskräfte vorwiegend wunderschön, völlig selbstlos und wahnsinnig emotional sind. Und wo wir beim Thema Peinlichkeiten sind: Ab Donnerstag begibt sich das Zweite abermals ins Gebirgspanorama und macht unterm Titel Team Alpin irgendwas mit lieb und nett und denkt euch doch mal was Neues aus.
Tut also, das was Jan Böhmermann tut, wenn er das Fernsehen immer wieder mal mit kreativem Entertainment bereichert. Und Donnerstag lässt es das ZDF sogar aus seiner Neo-Nische ins Hauptprogramm, wenn dort um 23 Uhr die Entblößungsshow Prism is a Dancer startet, in der er die Facebook-Profile seiner Zuschauer hackt. Ansonsten noch empfehlenswert: Sylvester Groth und Sunnyi Melles als Wilhelm Zwo nebst Gattin im Historiendrama Kaisersturz (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF). Auch der Gruselthriller Jenseits des Spiegels im NDR kann sich tags drauf um 22 Uhr sehen lassen. Und was Video-Portale freitags in Serie schicken, neigt ohnehin oft zur Güte. In Homecoming etwa behandelt Julia Roberts als Psychotherapeutin Kriegsheimkehrer bei Amazon Prime, auf Sky geht House of Cards dann ohne Kevin Spacey ins Finale.
Kolumnenfinale: Die Wiederholungen der Woche. Als Tatort im Angebot: Bomben für Ehrlicher, (Montag, 20.15 Uhr, MDR), wo Peter Sodann 1996 ins Fadenkreuz eines Bankraubs geriet. Ebenfalls heute um 23.35 Uhr auf Arte, allerdings in Schwarzweiß: Shooting Stars, eine digital grundüberholte Dreiecksgeschichte von 1928. Etwas farbiger drei Stunden zuvor auf gleichem Kanal: Michael Douglas in einer seiner ersten Hauptrollen als Kameramann im Atomkatastrophen-Klassiker Das China-Syndrom von 1979. Ein Jahr älter und geradezu quietschebunt am Samstag um 20.15 Uhr auf SuperRTL: John Travoltas zweiter Streich als tanzender Frauenheld im Kinomusical Grease.
Barbara Morgenstern: Nostalgie & Zukunft
Posted: October 26, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Ihr sollt schon bisschen rätseln
Mit gut einem Dutzend teils hochgelobter Platten in verschiedenen Zusammenhängen hat sich Barbara Morgenstern zu einer der wichtigsten Indie-Musikerinnen im Land gemausert. Selbst das Goethe-Institut hat sie dafür schon mal auf Welttournee geschickt. Ihr neues Album zeigt dabei aufs Neue, warum sich die 47-Jährige Autodidaktin aus Hagen nach ihrem Gründungsbeitrag zur Hamburger Schule fast zwei Drittel ihres Lebens am Puls des Pop befindet: Selten zuvor sind Nostalgie und Moderne so elegant verschmelzen wie auf Unschuld und Verwüstung.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Barbara, gibt es aus deiner Sicht so etwas wie zeitgenössische Musik?
Barbara Morgenstern: Oha, das ist ja mal ‘ne Steilvorlage in die Metaebene. Inwiefern zeitgenössisch?
Insofern, ob Musik eine Art zeitlichen, also historischen Kontext hat, von dem sie sich nicht abkoppeln lässt.
Aus der Gegenwart betrachtet, gibt es da bestimmt zeitgenössische Musik. Wenn ich mir Hayti anhöre oder diese ganzen Trap-Geschichten, gehören die schon rein technisch exakt in den Kontext der Epoche. Aber jede Zeit hat zugleich Musik, die sie überdauert.
Hat deine Musik das Potenzial, sich vom Kontext ihres Entstehens zu lösen?
Ich hoffe, würde sie aber diesbezüglich als Hybrid bezeichnen. Ich mache mir über den Klang eines Albums sehr lang Gedanken und bin immer bereit, die vorhandene Technik dafür so auszureizen, dass alles relativ modern und zeitgenössisch klingt. Dazwischen aber gibt es immer auch Stücke mit Piano oder Akkordeon, die sich davon abkoppeln und zeitlos werden.
Ist es also gewollt, dass deine Alben meist zugleich nostalgisch und futuristisch klingen?
Schon, klar. Mein Sound ist zwar zu kleinteilig und die Stimme zu brüchig für die Ewigkeit, aber wer Musik macht, hat immer das Bedürfnis, Songs zu schreiben, die bleiben und zugleich die Gegenwart zu spiegeln. Ich überlege mir bei jedem Album, welche Art Keyboard im Vordergrund stehen soll. Wenn die Wahl wie bei Unschuld und Verwüstung auf Harmonium oder Piano fällt, deckt es naturgemäß eng gefasste Musikepochen ab, was durch das orchestrale Element eines Saxofons noch verstärkt wird. Die Elektronik hingegen ist voll im Hier und Jetzt, da ist es mit dem abgenutzten Begriff Neoklassik also nicht getan.
Hast du dafür irgendwelche Referenzgrößen, vielleicht gar Vorbilder?
Nee, da bin ich schon ganz bei mir selbst. Deshalb höre ich im Entstehungsprozess auch möglichst wenig Musik von anderen.
Ist es daher Zufall, dass die Platte an Christoph Schreuf erinnert, Die Heiterkeit oder Kante?
Dass Kante bei mir einfließt, ist sicher kein Zufall, so viel wie ich die gehört habe. Ich fühle mich allein schon deren Harmonik verbunden, dem Opulenten, Orchestralen. Und natürlich beeinflusst mich auch ein Christof Schreuf, aber weder gewollt noch geplant.
Was beide mit dir verbindet, ist in jedem Fall die manchmal verschrobene Poesie der Texte. Lassen sich die dechiffrieren oder wollen sie gar nicht wirklich verstanden werden?
Also ich könnte dir jeden Text erklären, jede Zeile hat eine konkrete Bedeutung.
Nehmen wir zum Beispiel Angel’s Whisper – ich habe versucht dahinter den tieferen Sinn zu entdecken, bin aber gescheitert.
Angel’s Whisper heißt ein Wein, den ein Freund bei einer Weinprobe getrunken hat und danach gestorben ist.
Krass! Aber nicht am Wein?!
Man weiß nicht, warum. Im Song Revue lasse ich Revue passieren, was das Ereignis mit mir zu tun hat, mit meiner Tochter, mit ihm und erhoffe mir somit einen Zugang zum eigenen Umgang damit.
Aber schon so verrätselt, dass es Hörern nicht sofort klar wird, worum es geht?
Ihr sollt schon ein bisschen rätseln und im Idealfall sogar eigene Deutungen des Liedes finden. Ich erlebe es oft, dass Leute mich mit ihrer Interpretation eines Songs überraschen. Bei Teil 1 oder Teil 2 zum Beispiel kam jemand nach dem Konzert zu mir und meinte, da ginge es doch um Beziehung. Das tut es nicht, aber die Interpretation ist absolut denkbar.
Kann es sogar sein, dass die Interpretation anderer auch dir selbst neue Perspektiven auf deine Songs und ihre ursprüngliche Bedeutung ermöglicht?
Kann sein und ist jedesmal toll!
Geht es denn in Brainfuck tatsächlich um Depression?
Es geht zumindest ums Gedankenkarussell, in dem man nachts sitzt, wenn man nicht aufhören kann, zu grübeln.
Man oder du?
In diesem Fall singe ich tatsächlich von mir, auch wenn Texte oft Freunde vor Augen haben. Aber grundsätzlich sind meine Texte immer autobiografisch; ohne Bezug zur Person, die sie singt, fällt es Musik aus meiner Sicht schwer, wirklich zu berühren. Wenn man es gut zu lesen versteht, kann man mir durch meine Songs schon sehr nahe kommen.
Führst du am Ende Therapiegespräche mit deinem Publikum?
So weit würde ich nicht gehen. Die Leute sollen an meine Gedanken andocken können und sich im Bestfall darin wiederfinden, Therapie klingt so nach Dienstleistung. Als meine Tochter neulich fragte, wann ein Musikstück eigentlich gut sei, meinte Gudrun Gut, wenn es von mir erzählt. Dem ist nichts hinzuzufügen, so musiziere ich mein Leben lang – zunächst unbewusst, später bewusst.
Was treibt dich an, dieses Mitteilungsbedürfnis mittlerweile mehr als die Hälfte deines Lebens in Musik zu gießen?
Abwechslungsreichtum. Außerdem entwickelt sich meine Persönlichkeit weiter und setzt dabei einerseits neue Themen. Andererseits ist es mir wichtig, die Stufen dieser Entwicklung sichtbar zu machen. Wenn mir jemand mit 50 erzählt, wie toll seine Partys sind, finde ich das uninteressanter als seinen reflexiven Umgang mit diesem Lebensabschnitt. Deshalb stehe ich auf Joni Mitchell, deren Lieder von ihrem Leben in der Zeit erzählen, in der sie es lebt.
Also keine Wunschvorstellungen oder Sehnsüchte.
Genau. Da geht es zurück zur Eingangsfrage nach den Schnittmengen von Nostalgie und Gegenwart, immer vermittelt durch eine gewisse Art Sprache, die mir am Herzen liegt.
Zum Beispiel?
Etwa, dass ich in Wortschatz die Verrohung öffentlicher Diskurse beklage, in denen Begriffe wie „Volksverräter“ oder „Asyltourismus“ plötzlich sagbar sind, das aber nicht offen ausspreche, sondern singe: „Und der Wortschatz verlässt den Salon / schlägt sich an den Kopf und verliert die Fasson“.
Könntest du entlang deiner Alben eine Art Autobiografie schreiben, die sämtliche Stationen deiner Entwicklung beinhaltet?
Natürlich.
Aber entsteht bei so viel Bedeutsamkeit nicht manchmal das Bedürfnis, ganz belanglosen Trallalla-Punkrock zu machen, ohne Tiefgang, einfach Spaß?
Ach, ich mache ja genügend Sachen abseits der Solo-Platten, wie meinen Chor in Berlin, Kindertheater, Tausend Kollaborationen, konkret plane ich ein Instrumental-Album mit meinem Saxofonisten – alles natürlich auch, um mal ein Stück weit von mir wegzutreten, aber nicht aus irgendeiner Not heraus, sondern weil es mir ein Freudenquell ist.
Du hast also nachts keinen Brainfuck, weil du mit dir und deinem Leben nicht im Reinen bist?
Im Gegenteil. Mein Kopf ist manchmal einfach so voller Ideen, dass tagsüber nicht genug Zeit bleibt, ihn auszuleeren. Mir geht’s gut.
Jürgen Vogel: Blochin & The Team II
Posted: October 25, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a commentSonst stirbt das Gefühl ab
Die internationale Koproduktion The Team (Foto: Quellenangabe: ZDF/Miklos Szabo) geht derzeit auf Arte und im ZDF in die 2. Staffel. Und wieder ist der vierteilige Thriller furchtbar missraten – daran kann auch Jürgen Vogel bei aller Mühe nichts ändern. Ein Gespräch über seine Sehnsucht nach Zuschauern, die Synchronisation der eigenen Figur, Tatort-Pläne und was The Team 2 mit Pilcher zu tun hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Jürgen Vogel, wissen Sie wer nächste Woche 25. Geburtstagstag feiert?
Jürgen Vogel: Nee, wer denn?
Die Rosamunde-Pilcher-Reihe im ZDF!
[lacht] Echt, so lang gibt’s die schon?
Seit 1993. Irgendwelche Geburtstagsgrüße nach Mainz und Cornwall?
Dafür weiß ich zu wenig darüber, aber wie kommen Sie jetzt auf Pilcher?
Weil ich Sie fragen wollte, was The Team II wohl mit einer Pilcher-Verfilmung zu tun haben könnte.
Außer, dass wir auf dem gleichen Sender laufen nicht allzu viel, hoffe ich.
Wo auch immer sich die Figuren beider Reihen in der Welt aufhalten – alle sprechen dort absolut akzentfreies Hochdeutsch miteinander…
Na, das macht die Frage jetzt doch mal interessant. Ich musste mich selbst ja für die deutsche Fassung synchronisieren und habe mir da wirklich große Mühe gegeben, ein bisschen weniger künstlich zu klingen und nicht immer alles ganz klar zu prononcieren. Sonst stirbt das Gefühl ab. Trotzdem finde ich es insgesamt furchtbar, alles zu übersetzen. Es läuft in Belgien in Originalfassung…
Also Französisch, Englisch, Deutsch, Dänisch.
Es läuft in Dänemark in Originalfassung. Es läuft zum Glück – bitte schreiben Sie das auf – in der Mediathek in Originalfassung. Wo es nicht in Originalfassung läuft, ist im Zweiten. Dazu muss man allerdings wissen, dass das ZDF zu keinem Thema mehr böse Leserbriefe kriegt als bei schwer verständlichem Ton. Weil das Stammpublikum schon etwas älter ist und daher oft nicht mehr ganz so gut hört, beklagt es sich sehr laut darüber, wenn der Sound nicht supersteril und deutlich ist. Das finde ich okay, aber überhaupt nicht zeitgemäß. Weil es meinen Geschmack nicht trifft, empfehle ich wärmstens die Online-Version mit deutschen Untertiteln.
Vor Ihrer Titelrolle Blochin meinten Sie, der Weltmeister in Sachen Filme zu sein, die gut sind, aber keiner sieht. Sind das dann so die Kompromisse eines Schauspielers, der auch mal von einem Millionenpublikum erlebt werden will?
Ach, jeder macht doch gerne mal was fürs breite Publikum, sofern die Bücher gut sind. Und diese hier sind es, das Thema Kunsthandel und Terrorismus ist spannend, meine Figur darin auch, sämtliche Kollegen inklusive der beiden Hauptdarstellerinnen waren supernett und absolut professionell – all das hatte ich zuvor nicht nur geahnt, sondern gehofft, und wirkte sehr überzeugend auf mich. Es war zwar manchmal harte Arbeit, die Drehbuchsprache so anzupassen, dass sie nicht nach Papier und (lacht) Pilcher klingt, aber sie hat sich gelohnt.
Kannten Sie die erste Staffel denn schon, bevor sie zur zweiten gebeten wurden?
Klar, zumal mit Miriam Stein eine sehr gute Freundin mitgespielt hat. Abgesehen vom Sound fand ich das auch richtig geil. Zum einen wegen der internationalen Koproduktion, zum anderen weil ich diesen „Nordic Noir“ skandinavischer Krimis sehr mag, an denen sich die Reihe orientiert. Aber machen wir uns nichts vor: Das Arthaus-Kino ist komplett im Arsch. Nichts gegen Romantic Comedies von Til Schweiger und Matthias Schweighöfer; die sind toll. Aber weil zusehends Monokultur herrscht, wandern tiefgründig erzählte Figuren von der Leinwand ins Serienfernsehen ab. Nur dort ist noch Kreativität und Vielfalt möglich – scheißegal, ob bei Netflix, Neo, Amazon oder Arte.
Das klingt jetzt eher trotzig als traurig.
Bislang sind die vielschichtigen Charaktere aus Skandinavien, England den USA hierzulande zwar noch selten, weil ARD und ZDF manchmal Angst vor der eigenen Chuzpe haben. Aber in zehn Jahren haben wir das aufgeholt. Und den Weg dahin ebnen – wie zuvor mit „Die Brücke“ – Koproduktionen, in denen das deutsche vom internationalen Fernsehen lernt. Ich sehe das als Chance. Auch für mich.
Ihre Rolle im Team ähnelt Blochin dabei ja insofern, als beide zwar ziemlich physisch und tough sind, zugleich aber äußerst empathisch und familiär.
Wobei letzterer da ständig an seinem Anspruch scheitert, während erstere höchstens ein bisschen in ihrer Patchwork-Situation festhängt.
Aber das Körperliche bleibt Ihren Rollen zueigen. Nutzt sich das nicht irgendwann ab?
Nö, ich bringe das als Typ mit und mag auch als Zuschauer ein paar Actionelemente gern.
Suchen Sie danach gezielt oder freuen sich bloß, wenn sich da was anbietet?
Suchen nicht. In meinem Beruf ist praktisch jeder grundsätzlich daran interessiert, möglichst verschiedenartige Figuren zu spielen. Zugleich hat aber jeder Schauspieler Seiten, die ihm besonders liegen und an ihm gesucht werden. Bei mir ist das neben der körperlichen Ebene eben der Humor, weshalb ich beides ein wenig mehr auslebe als alles andere.
Gibt es einen Charakter, der bislang noch gar nicht dabei war und jetzt endlich mal dran wäre?
Mich interessiert gute, intelligente Comedy, aber da bin ich mir noch nicht so ganz klar, wie ich das unterbringen kann. Ich denke da von Projekt zu Projekt.
Bleibt The Team in diesem Denken eine vierteilige Episode oder ist das auf eine Fortsetzung angelegt?
Ich fände das super und wäre sofort dabei, schon wegen der Möglichkeit, auf Englisch zu drehen. Aber momentan deutet sich da noch nichts an, die Produzenten müssen erstmal schauen, wie es sich international verkauft.
Mit dem Regisseur Matthias Glasner betreiben Sie nebenbei noch die Filmproduktionsfirma Schwarzweiß. Arbeiten Sie selber gerade daran, Ihr Portfolio zu erweitern?
Das haben wir ja mit Blochin versucht, aber wenn man sieht, wie das ZDF abgesprungen ist, zeigt sich: so richtig leicht ist es nicht, das Fernsehen zu verändern. Aber ich entwickle gerade mit Oliver Berben von der Contanstin etwas für die Zukunft.
In Kooperation mit einem Streamingdienst womöglich?
Verraten wird da noch nix.
Wenn man sich die neue deutsche Fernsehvergangenheit ansieht, wo Serien wie KDD oder Im Angesicht des Verbrechens von der Kritik gefeiert, aber vom Publikum verschmäht wurden – wie bringt man Qualität und Quantität denn bloß in Einklang?
Schwer zu sagen, denn selbst die besten US-Serien laufen auf kleinen Sendern wie Vox am Publikum vorbei. Das hat natürlich mit den starren Sendezeiten zu tun, denen die Menschen einfach nicht mehr folgen. Die Zukunft ist daher die Mediathek, wo man so gucken kann, wie es das eigene Zeitbudget erlaubt, nicht die Programmplanung. Darum muss die Einschaltquote auch dringend online gemessen werden.
Zwei Möglichkeiten gäbe es noch, im linearen Programm richtig Quote zu machen.
Na?
Fußball-Profi zu werden oder Tatort-Kommissar. Der erste Zug ist abgefahren, wie ist es mit dem zweiten?
Da gab es immer mal Anfragen, aber die waren mir bislang zu wässrig. Wenn ich den Tatort-Kommissar machen würde, müsste die Figur nach 35 Jahren im Geschäft, wo ich eher für interessante Randfiguren stehe, definitiv besonders sein. Und da rede ich jetzt gar nicht von explodierenden Autos.
Tendenz also eher Verdeckter Ermittler in Hamburg als Currywurstbude in Köln?
Zu ersterem gibt es in der Tat schon Ideen, aber die erzählen wir ein andermal…
Nordlichter: Horror & Hallervorden
Posted: October 24, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Heizkessel mit Hexe
Nach zwei Liebesschwerpunkten verlegt sich die NDR-Debütfilmreihe Nordlichter aufs Gruseln und macht das drei Donnerstage lang ab 22.50 Uhr sogar (meistens) sehr gut. Selbst der dramaturgisch holprige Auftakt Tian hat heute echten Mehrwert: Der Gothic-Horror aus St. Pauli thematisiert die Räumung des Chinesenviertel auf St. Pauli durch die Nazis, was sogar für die Schulbildung taugt.
Von Jan Freitag
Manchmal muss man ganz schön weit reisen, um die eigene Nachbarschaft ein bisschen besser kennenzulernen. Damian Schipporeit zum Beispiel ist erst bei einem Besuch in Shanghai aufs Chinesen-Viertel seiner Wahlheimat Hamburg gestoßen und sofort hellhörig geworden. Zurück in St. Pauli machte sich der Regisseur mit dem befreundeten Drehbuchautor Georg Tiefenbach auf die Suche nach der fernöstliche Enklave im hanseatischen Rotlichtbezirk, wurde ums Eck der Großen Freiheit fündig und bastelte daraus sein Langfilmdebüt. Genau hier nun könnte die Geschichte zu handelsüblichem Historytainment des Unterhaltungsfernsehens verflachen. Einer deutsch-asiatischen Lovestory zum Beispiel mit exotischem Flair am fotogenen Handelsplatz Hamburg.
Sehr hübsch.
Das ortsansässige Duo aber hatte etwas völlig anderes im Sinn: Einen Grusel-Thriller. Und es fand sogar einen Fernsehsender zur Realisierung: Den NDR. Dort nämlich hatte der zuständige Abteilungsleiter Christian Ganderath grad beschlossen, die Debütfilmreihe „Nordlichter“ nach zwei Liebesschwerpunkten mal zu mystifizieren. Obwohl Fiktion zum Gruseln meist aus Amerika importiert wird, erzählt Ganderath beim Pressetermin im Horror-Museum Hamburg Dungeon, reichen ihre deutschen Wurzeln „bis tief in den expressionistischen Stummfilm hinein“. Und so wurde Tian, wie Schipporeits Erstlingswerk heißt, zum Auftakt schauriger Eigenproduktionen, die ab heute donnerstags im Dritten laufen.
Der Bauingenieur Michael (Stephan Kampwirth) zieht darin mit Frau und Tochter in die real existierende Schmuckstraße, wo die Gestapo 74 Jahre zuvor das missliebige, weil „unarische“ Chinesenviertel geräumt hat. Im verwitterten Altbau wohnt allerdings nicht nur Michaels Schwiegervater Heinrich (Hermann Beyer), sondern auch eine Schar Geister der getöteten Opfer, mit denen besonders die psychisch labile Friederike (Katharina Schüttler) zu kämpfen hat. Tian, zu Deutsch: Himmel ist klassischer Gothic-Horror im Poltergeisterhaus, was die Netflix-Serie The Haunting of Hill House gerade dezent schaurig zur Perfektion führt. Im NDR jedoch werden Suspense und Tiefgang ein wenig zu oft durch dräuende Musik und zischende Heizkessel ersetzt, weshalb das zweite Nordlicht am 1. November weitaus sehenswerter ist.
In Jenseits des Spiegels zieht Julia mit Mann und Sohn auf den abgelegenen Hof ihrer verstorbenen Schwester Jette, die nach dem vermeintlichen Suizid offenbar noch immer durchs verwunschene Anwesen spukt – oder tut sie es nur im Kopf der schönen Neubewohnerin? Anders als „Tian“ gelingt es dem Hannoveraner Regisseur Nils Loofs zweiter Spielfilm nach dem Drehbuch von Ingo Lechner und Jens Pantring, die rätselhafte Atmosphäre (fast) frei von Effekthascherei aufzuladen. Julia Hartmann und Bernhard Piesk gelingt es zudem als – fürs Provinzleben etwas arg urbanes – Paar Normalität im Wahnsinn zu bewahren. Ähnliches gilt dann auch für den dritten Film der Reihe namens Wo kein Schatten fällt.
Das Debütprojekt des Kreativteams „Das Kind mit der goldene Jacke“ um Regisseurin Esther Bialas ist eine Art Coming-of-Age-Story der jungen Hanna (Valerie Stoll) die im Moor ihrer Ahnen erkennt, dass sie eine Art Hexe ist. Mit Godehard Giese, Rick Okon und Sascha Alexander Geršak bis in die Nebenrollen hinein prominent besetzt, beschränken sich die 95 Minuten allerdings nicht auf die mythologischen Aspekte moderner Magie, sondern verknüpfen sie – manchmal etwas bemüht popmodern, aber gehaltvoll – mit Themen wie der Unterdrückung weiblicher Emanzipation, die mit der Hexenverfolgung ja keinesfalls ihr Ende nahm.
Würde der NDR die Reihe am 15. November nicht absurderweise mit der völlig unmysteriösen Dieter-Hallervorden-Komödie Friesisch für Anfänger vollenden – allein die Vielfalt der Gruselstoffe wären ein gutes Argument, auch hierzulande öfters mal aufs Boomfach Mystery zu setzen. Schließlich taugt es anscheinend sogar zur Erziehung. Tian nämlich, frohlocken die Macher, wird von Drehbeginn an medienpädagogisch begleitet und demnächst an Hamburger Schulen als Teil stadtsoziologischer Bildungsprojekte eingesetzt. Horror als Hauptfach mit Film plus Exkursionen – kein schlechtes Konzept, um die fernsehferne Jugend wieder ein bisschen ans alte Leitmedium zu binden.
Bayern-Tyrannei & Bodyguard-Serie
Posted: October 22, 2018 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
15. – 21. Oktober
Wäre George Orwalls Animal Farm ein Freistaat, dort hieße es vermutlich, alle Menschen seien gleich, einige davon aber doch a bisserl gleicher. So dachten einst die Könige Ludwig und Strauß, so denken ihre Thronfolger von Söder bis Seehofer, so halten es zwei weitere Regenten von Bavarias Gnaden: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. In einer denkwürdigen Pressekonferenz vom vorigen Freitag forderten sie zwar die Achtung der Menschenwürde und zitierten dafür gar das Grundgesetz. Allerdings nur, um sodann zu dekretieren, es gelte natürlich ausschließlich für Aktive des FC Bayern München, an denen weder Passive des FC Bayern München noch die Presse Kritik zu üben haben.
Amen, Sakradi!
Recht fordern, Willkür säen, Sündenböcke suchen, Gegner einschüchtern – was Despoten halt so machen, wenn sie ihre Despotiebedroht sehen. Das mag man angesichts der notorischen Würdeverletzung anderer (Özil oder Bernat)durch „große Demokraten“ (Hoeneß über Hoeneß) als realsatirischen Anflug altersstarrsinniger Unzurechnungsfähigkeit ansehen – würde dieser Angriff in Zeiten, da die Pressefreiheit überall unter Beschuss gerät und missliebige Reporter in Botschaften ermordet werden, nicht so erschreckend an populistische Potentaten wie Orbán oder Putin erinnern.
In dem Licht darf man daher durchaus auch die Forderung der Medienstaatssekretäre von Brandenburg und Schleswig-Holstein sehen, öffentlich-rechtliche Medien müssten „Profil gewinnen, sich stärker auf Information, Bildung, Beratung sowie Kultur fokussieren“. Es gebe schließlich keine Legitimation dafür, „mit dem Geld der Beitragszahler die Preisspirale der Übertragungsrechte im Profisport, insbesondere im Fußball, in schwindelerregende Höhen zu treiben“, schrieben Thomas Kralinski und Dirk Schrödter im Vorfeld der Tagung der Rundfunkkommission am Mittwoch. Sowas treibt dem vorbestraften Wurstmillionär aus Ulm zwar nicht die gleiche Zornesröte ins Gesicht wie vier sieglose Partien. Aber an Hoeneß‘ Allmachtanspruch kratzt es schon.
Am Allmachtanspruch analoger Medien alter Schule kratzt derweil Monat für Monat für Monat der Digitalrevoluzzer Netflix, dem im vergangenen Quartal sieben Millionen neue Nutzer zuteilwurden – ein Drittel mehr als kalkuliert. Und obwohl der betriebswirtschaftlich verschwiegene Konzern offenbar dennoch rote Zahlen schreibt, investiert er damit weiterhin fleißig in Content, vornehmlich Serien.
Die Frischwoche
22. – 28. Oktober
Ab Mittwoch zum Beispiel verlegt Bodyguard Whitney Houstons Bewachung durch Kevin Kostner ins britische Politik-Milieu, also dorthin, wo Personenschutz mehr ist als Eheanbahnung mit Actionelementen. Die Fortsetzung von Babylon Berlin beweist zwar am Donnerstag im Ersten, dass Serien auch aus deutscher Produktion gehaltvoller sein können als parallel dazu Lena Lorenz im ZDF. Dort allerdings setzt man am Ende doch immer noch am liebsten auf Heino Ferchs monolithische Fünfzigerjahre-Mimik, mit der er den Montagskrimi Ein Kind wird vermisst verödet. Oder auf den neuen Samstagskrimi Schwartz & Schwartz um zwei – hey! – grundverschiedene Ermittler, von denen der junge Golo Euler immerhin die Rolle mit dem arrivierten Devid Striesow tauscht und den biederen Familienvater im Clinch mit seinem flatterhaften Bruder spielt.
Das erste feiert tags zuvor zum 750. Geburtstag der Filmreihe derweil die lange In-aller-Freundschaft-Nacht und liefert damit ein neuerliches Argument, doch lieber das Internet in Erwägung zu ziehen, wo funk ab Mittwoch seine drollige Sitcom Klicknapped um zwei getrennte Youtuber zeigt, die ein Fan durch Entführung wieder zusammenbringen will. Unterhaltsam lehrreich ist derweil das heutige ARD-Dokudrama Die Aldi-Brüder, obwohl Aufstieg und Zerwürfnis der zwei Multimilliardäre, gespielt von Arnd Klawitter und Christoph Bach, weit mehr thematisiert werden als Lohndumping, Verpackungswahn, Preiskrieg oder die Verödung der Innenstädte durchs Discounter-Imperium. Alles Dinge, die auch bei der Hessischen Landtagswahl am Sonntag eine Rolle spielen sollten, ginge es live im Ersten und Zweiten (die Privatsender sind, hüstel, jetzt nicht sooo interessiert an Faktenfernsehen) nicht vor allem um die Berliner Groko und Flüchtlinge allüberall…
So bleibt als einzig ansehnliches Format des linearen Programms die Debütfilmreihe Nordlichter. Ab Donnerstag um 22.45 Uhr zeigt der NDR drei eigenproduzierte Horrorfilme junger Regisseure. Den Auftakt bildet Damian Schipporeits Erstlingswerk Tian über ein mystisches Geheimnis im ehemaligen Chinesen-Viertel von St. Pauli. Das Besondere: der Film ist Teil einer medienpädagogischen Initiative zur Stadtteilkultur und wird an Hamburger Schulen gezeigt – was tatsächlich helfen könnte, junge Zuschauer ans alte Medium zu binden. Das dürfte mit den Wiederholungen der Woche eher nicht so gut gelingen. Sehenswert sind sie dennoch.
Etwa John Frankenheimers Schwarzweiß-Klassiker Der Mann, der zweimal lebte von 1965 mit Rock Hudson als Banker, der seine Midlife-Crisis für viel Geld mit einer komplett neuen Identität bekämpft (Montag, 22.05 Uhr, Arte). In Farbe läuft vier Tage später auf gleichem Kanal um 23.10 Uhr Wes Cravens Horror-Frühwerk Hügel der blutigen Augen, in dem es eine Familie 1977 mit den Opfern amerikanischer Atomwaffenversuche in der Wüste Kaliforniens zu tun kriegt. Der Tatort-Tipp Jetzt und alles stammt heute (20.15 Uhr) im MDR aus dem Jahr 1994, als der Fall verunglückter Crash-Kids, in dem die Ost-Kommissare Kain & Ehrlicher ermitteln, gerade bundesweit den Boulevard erzürnte.
