Seit die fabelhafte HBO-Serie The Deuce bei Sky läuft, erstehen die Siebzigerjahre fürs Fernsehen wieder auf. Dennoch ist der fiktionale Achtteiler um die Anfänge der amerikanischen Pornoindustrie am Beispiel zweier ungleicher Brüder mehr als ein Kostümfest.
Von Jan Freitag
Der amerikanische Traum ist seit jeher auch ein Albtraum für andere. Indianer, Sklaven, Linke, Bisons können ein Lied davon singen, was seine Verwirklichung bewirkt – und sei es für Amerikaner selbst. Man braucht da nur mal Martin Scorceses Einwanderungsdrama Gangs of New York zu sehen, jede Industrialisierungstragödie von Upton Sinclair oder brandneu: die Unterhaltungsserie The Deuce. Nach seiner brillanten Echtzeitdystopie The Wire sprengt HBO-Showrunner David Simon zurzeit auf allen Sky-Kanälen den Rest dessen, was Wirtschaftskrise und Vietnamkrieg vor 46 Jahren vom amerikanischen Traum übrig gelassen haben. Viel ist es nicht.
1971 herrscht rings um den Broadway Anarchie: ausgerechnet das Fernsehen hat dafür gesorgt, dass die Mittelklassekultur aus Theatern, Restaurants und Tanzläden am Times Square durch Stundenhotels, Fastfood und Tabledance ersetzt wurde. Es herrscht das Gesetz der Straße, also gar keines. Und genau hier leitet Vinnie Martino einen Treffpunkt für Halbweltbewohner jeder Art. Während sich Amerikas Traum vor der Tür in skrupelloser Triebabfuhr auflöst, bietet der leutselige Barkeeper dahinter einen Rückzugsort vom Höllenpfuhl da draußen.
Und er wird bereits vom nächsten Brandherd befeuert: Sexfilme. Kurz nach deren Legalisierung scheint die Pornoindustrie New Yorks Prostituierten zwar einen Weg aus der Gewaltspirale zu weisen; tatsächlich verwahrlost das Viertel nur noch mehr, bevor ihm Aids den Rest gibt. Und so endet auch Vinnies gut gemeinter Versuch, die Frauen aus dem Würgegriff der Zuhälter ins vermeintlich saubere Pornogeschäft zu holen, im Verderben. Dass man trotzdem gebannt zusieht, muss also andere Gründe haben als die Aussicht aufs Entertainment mit Happyend.
Da wäre zum einen James Franco. Teilweise unter eigener Regie erschafft der ausführende Produzent von The Deuce in seiner Doppelrolle als leutseliger Vinnie und dessen kleinkrimineller Bruder Frankie zutiefst verschiedene Antihelden, die stets allenfalls knapp dies- oder jenseits der Legalität ihr Glück suchen und dabei oft im Gegenteil landen. Zugleich sorgen Maggie Gyllenhaal als arme, aber selbstbestimmte Hure Candy oder Margarita Levievas Kiezkind aus gutem Hause Abby neben all den fiesen Freiern, noch fieseren Zuhältern und korrupten Bullen für etwas Optimismus im Desaster. Bedeutender aber ist wie so oft im Historytainment die Ausstattung.
Und da leisten die wechselnden Regisseure wechselnder Drehbuchautoren nach einer wahren Geschichte Erstaunliches. Anders als in zeitgeschichtlicher Fiktion aus Deutschland nämlich wirkt die Szenerie nie museal, sondern authentisch. Gut, manchmal sehen auch die US-Protagonisten aus wie Schaufensterpuppen, aber hey – im Zweifel sind es ja auch Pornostars, Gangster, Bordsteinschwalben, die ihre Fasanenfedern oder Glitzerstolas spazieren führen. In billiger Schlaghosenprosa wie der ZDF-Serie Zarah hingegen sehen auch Kanalarbeiter aus wie Kanarienvögel. Hierzulande käme daher kein Regisseur auf die Idee, einer Hauptfigur so furchtbares Haar zu verpassen wie Frankie oder seinem Bruder ein weißes Hemd, wo es doch so schön bunte gab.
Die Kulisse quietscht also nicht vor Nostalgie, sie wirkt wie ihre Ära: verstörend, grau, konfus. Sex wird in einer Serie über dessen Kommerzialisierung zwar durchaus explizit gezeigt; gleich zu Beginn etwa ist ein erigierter Penis beim sehr glaubhaften Blowjob zu sehen. Doch anders als im handelsüblichen Renaissance-Epos der Marke Borgia etwa dient das dauernde Kopulieren stets der Handlung, keinem Effekt. Und im Hintergrund laufen einfach Lieder statt Hits. Dank dieser sensorischen Zurückhaltung erinnert The Deuce weniger an das legendäre Studio 54, dem Mark Christopher 1998 ein glitzerndes Kinodenkmal gesetzt hat, sondern an Robert de Niros Taxi Driver, der 22 Jahre zuvor ungefähr dort mit dem Abschaum aufräumt, wo nun die Brüder Martino im Trüben fischen. Travis Bickle könnte daher jederzeit in Vinnies Bar auftauchen. Er fiele nicht weiter auf.
Der neue Duden ist redaktionell womöglich noch nicht abschließend bearbeitet, aber ein Begriff hätte es längst verdient, aufgenommen zu werden: „Talkshowabgang, der“, kombiniert mit „vorzeitiger“. Dieses Phänomen nämlich zählt mittlerweile fast schon zum guten Ton der Fernsehdebattenkultur. Erst im Juli verließ Wolfgang Bosbach Sandra Maischbergers Runde, weil ihm Jutta Ditfurth zu linksradikal war, nun folgte ihm Alice Weidel bei Marietta Slomkas Wahlrunde am vorigen Dienstag, weil Andreas Scheuer ihr Parteifreund Björn Höcke zu rechtsradikal ist.
Damit befinden sich beide in guter Gesellschaft einer illustren Runde von Boris Becker über Ruth Moschner bis Peter Maffay, die allesamt wutschnaubend vorzeitig das Weite gesucht – und dabei weit mehr Aufmerksamkeit gefunden haben als bei Einhaltung des Protokolls. Und so sinnierten die Medien am Mittwoch auch süffisant, ob der Auf-, besser: Abtritt von Alice Weidel nicht von langer Hand geplant gewesen war. Schließlich hat sie schon vorher mehrfach angedeutet, vom rotgrünschwarzgeldlinksversifften Kreis der Gegner nun aber echt bald die Schnauze voll zu haben. Während CSU-General Scheuer argwöhnte, die AfD-Kandidatin wolle nur rechtzeitig ans kalte Büffet, mutmaßte Moderatorin Slomka jedenfalls, sie drücke sich nur vor der anstehenden Rentendebatte.
In dem Zusammenhang könnte der Duden dann gleich noch um eine weitere Unterart des „Talkshowabgangs“ ergänzt werden. Denn nach dem vorzeitigen im Zweiten folgte gleich auch noch der vorsorgliche im Ersten. Ohne Angabe von Gründen hat Alice Weidel die zugesagte Teilnahme bei der Wahlrunde illner intensiv am Donnerstag abgesagt. Und auch der ersatzweise angefragte Alexander Gauland hatte keine Zeit. Leider, leider. Obwohl sich der Partei-Rechtsaußen André Poggenburg dann doch erbarmte, stimmt da irgendwas nicht mit dem Vorwurf, die AfD wolle dringend sagen, was man doch mal sagen müsse, aber nicht dürfe. Interessanterweise ist das Ganze Wasser auf die Mühlen des WDR-Rundfunkrats, der nach Durchsicht diverser ARD-Talkshows zum gleichen Schluss wie 2012 und 15 kommt: zu belanglos, zu populistisch, zu oberflächlich und vor allem: zu sehr auf Krawall gebürstet.
Die Frischwoche
11. – 17. September
An dieser hochpolitischen Stelle könnte es jetzt kurz um den Versuch von Pro7 gehen, heute um 22.05 Uhr in der One-Man-Show Ein Mann, eine Wahl Interesse an mehr als Actionwitzetrallalla vorzugaukeln. Weil sich Klaas Heufer-Umlauf allerdings doch mehr für sein Image als die geladenen Parteienvertreter interessiert, widmen wir uns lieber zwei Filmen, mit denen Arte am Montag ab 20.15 Uhr 100 Jahre UFA feiert. In der schwarzweißen Screwball-Komödie Glückskinder dürfen die Nazi-Lieblinge Willy Fritsch und Lilian Harvey zum Auftakt heile Liebeswelt spielen, während die Gesellschaft drei Jahre vor Kriegsbeginn bereits den Untergang plant. Im Anschluss dann suhlt sich Propaganda in der deutschen Version von Titanic zwei Jahre vor Kriegsende nochmals in der vermeintlichen Dekadenz des Feindes. Gewiss keine guten, aber bemerkenswerte Klassiker des Filmbetriebs von Goebbels Gnaden.
Der kleine Exkurs zum nationalsozialistischen Erbauungsfilm zeigt aber auch, dass die Auswahl neuer Formate eher ein bisschen dünn ausfällt. Frei empfangbar ist allenfalls der französische Arte-Dreiteiler Kim Kong (Donnerstag, 21.45 Uhr) um einen Regisseur empfehlenswert, den ein asiatischer Despot entführen lässt, um ihm King Kong nach eigenem Vorbild zu verfilmen, was bestimmt nur ganz entfernt an ein Vorbild in Korea erinnert. Wirklich brillant gerät hingegen eine HBO-Serie, die Sky ab heute auf vielen seiner Kanäle zeigt: The Deuce.
Nach seiner Gegenwartsdystopie The Wire nimmt sich Showrunner David Simon darin das New York der Siebzigerjahre vor, wo die Pornografie seinerzeit gerade zum Milliardengeschäft wächst. Mit James Franco als ungleiches Brüderpaar Vinnie und Frankie gelingt dabei ein ganz großer Wurf historisierenden Fernsehens, in dem Kostüme – Achtung ARZDF! – nur die Nebenrolle einer durch und durch glaubhaften Inszenierung spielen. Ansonsten steht die Woche bereits ganz im Zeichen der anstehenden Wahl. Nachdem die ARD tags drauf zwei Handvoll Nonnen und Ärzte das tun lässt, was sie seit Jahr und Tag am Dienstagabend tun, darf Stefan Lamby um 22.45 Uhr eine Stunde lang Das Duell der Kanzlerkandidaten auf seine ganz eigene, sehr journalistische Art analysieren.
Und weil es das auch schon war, kommen wir zu den Wiederholungen der Woche. In schwarzweiß: Die Gefangenen von Alcatraz, das atmosphärisch sensationelle Knastdrama von 1962 mit Kirk Douglas als Doppelmörder, dem ein verirrter Vogel in der Zelle neuen Lebensmut gibt. (Freitag, 22.25 Uhr, 3sat). Zum 40. Jahrestag des Heißen Herbstes zeigt Kabel1Doku am Freitag (20.15 Uhr), Steven Spielbergs famosen Politthriller München von 2005, der die Geiselnahme israelischer Olympioniken 1972 als Rachefeldzug des Mossad weiterspinnt. Und zu guter Letzt der Tatort-Tipp: Blutwurstwalzer (Montag, 22.15 Uhr, RBB), Günter Lamprechts dritter Fall als Kommissar Markowitz, in dem er es 1991 mit einem blutjungen Schauspieler zu tun kriegt: Jürgen Vogel.
Die Zeit des Retrosounds wird niemals enden, allein schon, weil rhythmische Geräuschkombinatorik mit Techno und HipHop insofern als abgeschlossen gelten darf, dass wohl kein grundlegend revolutionärer Musikstil jenseits von atonaler Dissonanz oder totaler Stille mehr zu erwarten ist. Busty and the Bass könnte man daher entspannt in die Kategorie “ham wa alles schon 1000mal gehört” abheften – wäre der Retrosound der neun Kanadier nicht bei aller Nostalgie so kreativ, frisch und befreiend. Nach einer Reihe EPs kombiniert ihr Debütalbum Uncommon Good elektronischen Soul auf eine Art mit jazzigem Rap, dass ein ganzes Bündel an Parallelen aufpoppt, die der Sache doch nie gerecht werden.
OutKast und Dungeon Family klingen da durch die zehn Stücke, Arrested Development oder Daft Punk, alter Mojo wie neuer Funk, Anderson .Paak stehen Pate, A Tribe Called Quest, alles durcheinander und nichts nur als Kopie. Dem getragene Kopfstimmensoul Things Change folgt der Distortion-Rap Free Shoes, lässige Bläsersequenzen wechseln sich mit gesalzenen E-Gitarren-Soli ab, kein Stein bleibt auf dem anderen und dennoch das Gebot geschmeidiger Harmonie stets gewahrt. Vorgestragen vornehmlich von Menschen weißer Hautfarbe ist Common Ground ein Stück Black Music, dass sich im Jungbrunnen des Genres gewaschen hat. Fabelhaft!
Busty and the Bass – Uncommon Good (Peripherique Records)
Matt Bianco
Das angesprochene Problem des Retrosounds ist allerdings noch mal ein wenig problematischer, wenn eine Band drei Jahrzehnte nach ihrer Blütezeit, in der ihre Musik auch schon schwer gebraucht klang, ein Comeback feiert. Was also ist die neue Platte von Matt Bianco – nostalgisch? Antiquiert? Altbacken? Vor allem ist sie alles, was das orchestral aufgeblasene Caféhausjazzpop-Quartett schon bei seinem Durchbruch im Jahr 1984 war – und nichts davon. Geblieben ist davon schließlich nur Sänger Mark Reilly, der ausgerechnet beim Retro-Klasssiker Whose Side Are You On gar nicht gesungen hatte, weshalb man schon genau hinhören muss, was am fünften Studioalbum Gravity eigentlich Matt Bianco ist.
Antwort: eine Menge. Dieser zum Niederknien coole New Jazz, der zugleich fundamentalistisch und frisch klingt, hat seit 1984 wenig von seiner Lebenskraft verloren. Er ist nur versierter geworden, weniger poppig, dafür umso reifer, was natürlich kein Wunder ist, wenn die beteiligten Künstler dem Rentenalter längst deutlich näher sind als der Uni. Piano, Bläser, Gesang, Kontrabass – alles exakt auf dem Punkt, alles für alte Jazz-Hasen erträglich, aber auch für Mojo-Club-Nachwuchs mit Disco-Appeal. Ein herrliches Album für die Zeit der schmalen Revers, die heute ja nicht breiter sind als in den Swinging Sixties.
Matt Bianco – Gravity (Membran)
BRKN
Ein Problem toller Stimmen ist oft, dass sie sich zu ernst nehmen. Ihr Soul erstickt dann jeden Tiefgang in selbstreferenziellem Pathos. Xavier Naidoo tut so etwas. Andac Berkan Akbiyik nicht. Weder zu saftig noch zu dünn macht er als BRKN deutschen R’n’B mit gefühlvoller Selbstironie, von der die Söhne Mannheims nur träumen können. Musikalisch zwischen Hip-Hop und Big Band, feinem Spott und großer Geste weiß sich das Bildungsbürgerkind aus Kreuzberg eben auch auf seiner zweiten Platte Einzimmervilla korrekt einzuordnen. „Leute sagen Dicker“ singt er etwa in Jagd mit harten Mittelkonsonanten, „du hast 100.000 Clicks / doch es bedeutet alles nichts / ist nur Gelaber / bis ich meinen Eltern alles geb und meiner Freundin alles schenk und mit meinen Jungs alles klär / bin ich ein Versager“.
Gut, gelegentlich gleitet BRKN dabei zwar ein bisschen ins Rogercicerohafte, irgendwie gefällig Süffige ab. Unterhaltsam kombiniert mit schriller Santana-Gitarre und Spielmannszugdrums unterm angedeuteten Orchesterfunk, sind solche Zeilen jedoch vor allem Erklärungsversuche, um sich und uns jenen Hype zu erklären, den sein vorjähriges Debüt erzeugt hat. Zum Glück verliert er dabei nie die Bodenhaftung eines swingenden Rappers, der das etwas Leben tanzbarer macht, ohne je gefällig zu klingen. Zugehört, Xavier?
Die ZDF-Serie Zarah will alles auf einmal: Nostalgie und Relevanz, Sex and Drugs, Politik und Glamour. Leider arbeitet sich die Serie um eine Feministin im Medienbetrieb der Siebzigerjahre so sehr an Äußerlichkeiten ab, dass all die bunten Polyesterklamotten am Ende staubiger wirken als jene Epoche, die damit kritisiert werden soll.
Von Jan Freitag
Präzise Beiläufigkeit – so kann man es natürlich auch nennen, wenn sich alles, wirklich alles an einer Fernsehserie um die Präzision der Kulisse dreht und nichts, wirklich nichts darin beiläufiger bleibt als die Handlung. Trotzdem ist es natürlich der Job eines Regisseurs, den Inhalt seines Produktes im Ringen mit dessen Optik zu verteidigen. Aber was Richard Huber bei der Vorabpremiere seiner sorgsam hochgekochten Journalismus-Serie Zarah mit „präzise Beiläufigkeit“ beschreibt, grenzt im besten Fall an Selbstverleugnung. Im schlechteren an Selbstaufgabe.
Dafür reicht ein Blick aufs Ergebnis, das fortan donnerstags nach der gelungenen Teeny-Komödie Das Pubertier im ZDF läuft. Noch besser eignet sich jedoch der Blick an einen Set, den die Produktionsfirma Bantry Bay Mitte April kurz für die Presse geöffnet hat. Damals gewährte ein verwaistes Bankgebäude in der Hamburger City dem sechsteiligen Prestigeobjekt 53 Drehtage lang Asyl im architektonischen Brutalismus seiner Zeit: 1973, dieses bewegte Jahr zwischen RAF- und Konsumterror lässt das Team um den preisgekrönten Macher vom Club der roten Bänder also wieder auferstehen.
Und wie.
Das akkurat nachgebaute Großraumbüro, wie es ältere Zuschauer womöglich vom seligen Lou Grant kennen, der vor 38 Jahren auch hierzulande das Bild vom Ameisenhaufen Zeitungsredaktion prägte, sieht aus wie ein gut sortierter Retroshop der grellen Siebziger. Wie bei Grants Los Angeles Tribune haben die Telefone auch beim Fantasiemagazin Relevant Wählscheiben. Auf dem Schreibtisch stehen Aschenbecher und Olivetti statt Café Latte und Flatscreen. Die Garderobe ist aus Polyester, das Mobiliar vogelwild, der Tonfall saftig. „Sie sehen ja hübsch aus“, flirtet Uwe Preuß als Verleger Olsen einer, pardon: Tippse zu, die „ich bin ja auch verliebt“ zurückkiekst, dass ihre Rüschenbluse vor Kichern zittert.
Wie wichtig dem ZDF die Ausstattung ist, zeigt sich aber erst richtig, als das Toptrio der Besetzungsliste im musealen Büro des Patriarchen zum Fotoshooting posiert. Links Claudia Eisingers Zarah in Stiefelchen unter grellen Hotpants, rechts Svenja Jungs Volontärin Jenny im grelleren Hosenanzug über Plateausohlen, dazwischen Torben Liebrechts Chefredakteur Kerckow im gedeckten Breitreversdreiteiler zum Schnauzer. Alle sehen aus wie im Quelle-Katalog ‘73 – wenn sich Hubers Team mal bloß so viel Mühe mit der Dramaturgie gegeben hätte wie mit dem Drumherum…
Als der Hosenschlag ebenso breit ist wie das Ego der Männer, wird die Bestsellerautorin Zarah Wolf von der fiktiven Relevant engagiert, um Leserinnen hinzuzugewinnen. Doch gleich nach ihrer Ankunft gerät die engagierte Feministin im Minirock so heftig zwischen die Herren der Schöpfung, dass sie bei ihrer Mission publizistischer Gleichberechtigung bereits am zweiten Arbeitstag eigenmächtig das frauenfeindliche Titelbild durch einen Männerhintern ersetzt. Dieses Tempo ist sicher dem Zeitplan geschuldet und wäre dramaturgisch durchaus vermittelbar. Dummerweise nutzt Richard Huber das Thema weiblicher Emanzipation vor allem zur Verdichtung aller Klischees jener Tage auf sechsmal Kaugummientertainment.
So bleibt vom Plan der ZDF-Fernsehfilmchefin Heike Hempel, „relevant und populär zu erzählen“ am Ende nicht mal letzteres übrig. Ausgerechnet Atmosphäre und Look wirken in den ersten zwei Folgen so bieder bis staubig, als sei hier der Lindenstraße das Geld ausgegangen. Gewiss, das Buch von Eva und Volker Zahn enthält auch Perlen. Als eine Sekretärin auf Zarahs Bemerkung im Fahrstuhl, sie habe nicht mit Olsen gebumst, „ich schon“ antwortet und auf die Bemerkung der emanzipierten Reporterin hin, das tue ihr Leid hinzufügt: „Mir auch“, da zeigt sich, dass der Stoff Potenzial zu leichtfüßiger Tiefe hat. Wenn man die denn suchte.
Das ZDF jedoch sucht vornehmlich nach Knalleffekten in Knallfarben. Deshalb reicht es nicht, dass Claudia Eisinger an große Vorbilder weiblicher Medienermächtigung von Wibke Bruns bis Peggy Parnass erinnert; sie muss auch noch was mit der bildhübschen Verlegertochter anfangen und ihr Blatt – das nicht zufällig an den mächtigen Stern jener Tage erinnert – parallel von Minute eins an aufmischen als sei Emanzipation Hochgeschwindigkeitswrestling, kein zähes Ringen um kleine Erfolge.
So zeigt das amerikanische dem deutschen, das binäre dem linearen Fernsehen also abermals, wie man Dekoration als Stilmittel, nicht als Wesenskern verwendet. Auch in der Amazon-Serie Good Girls Revolt geht es um Journalistinnen im Nahkampf mit schwanzgesteuerten Platzhirschen jener Epoche. Doch die Steckfrisuren und Kettenraucher darin dienen weit weniger der Optik als der Story und sind damit genau das, was sich Richard Huber auch für Zarah gewünscht hätte: beiläufig präzise.
Ronnie Henseler ist so etwas wie ein (Punk-)Tausendsassa. Wenn er nicht in seinem Alien Network Studio in Altona beschäftigt ist, spielt er Bass bei Bands wie Kommando Sonne-nmilch oder No Life Lost. Mit seiner neuen Band BELGRAD sorgt er in der Post-Punk/New-Wave/schwereinzuordnen-Szene gerade für Aufsehen. Bei Bier und Kaffee erzählt er von seinen Nicht-Vorbildern Joy Division.
Interview: Marthe Ruddat
freitagsmedien: Hast du einen Hang zu schwermütiger Musik?
Ronnie Henseler: Ich würde eher melancholisch sagen, das auf jeden Fall. Ich laufe aber nicht so durchs Leben. Ich bin schon ein Typ, der gerne Faxen macht und Spaß hat. Und trotzdem höre ich viel Musik, die eine große Melancholie in sich trägt. Sei es in den letzten Jahren Lana del Rey aus dem Pop-Bereich, Sigur Ros oder auch Joy Division.
Ein Bandkollege hat über dich gesagt, du würdest keine Musik hören, nur Passagen. Hältst du die Melancholie nicht so lange aus oder was ist da los?
Nee nee, der Kontext war ein anderer. Ich beschäftige mich ja Tag und Nacht mit Musik, die Musik ist mein Job und ich lebe davon. Wenn ich den ganzen Tag im Studio war, brauche ich Zuhause manchmal einfach meine Ruhe und ertrage keine Musik mehr. Ich würde dann nie auf die Idee kommen, eine Platte aufzulegen.
Für dieses Gespräch musstest du dich aber trotzdem für ein Album entscheiden. Bei Joy Division ist die Auswahl wenigstens nicht so groß.
Stimmt, ich finde beide Alben auch extrem stark. Ich entscheide mich aber für das zweite Album Closer, es ist einfach noch ein bisschen extremer, düsterer, melancholischer, tiefgehender – ein bisschen mehr auf den Punkt als das erste Album.
Closer ist das zweite und letzte Album von Joy Division. Es erschien im Juli 1980 und damit bereits nach dem Tod von Ian Curtis. Der Sänger nahm sich zwei Monate zuvor das Leben. Beide Joy Division-Alben gelten als Meisterwerke des Post-Punk. Nach Curtis’ Tod legten die drei verbliebenen Bandmitglieder den Namen Joy Division ab und machten als New Order weiter.
Was macht diese Tiefe und Melancholie aus?
Man bekommt einerseits einen Einblick in das Seelenleben von Ian Curtis. Andererseits bleibt so vieles offen. Ich verstehe selbst nach einigem Nachlesen manche Texte nicht vollständig. Ian Curtis hat in einem Interview auch mal gesagt, dass er das Publikum nicht komplett an die Hand nehmen will, sondern es selbst assoziativ arbeiten soll. Ich finde, dass das bei dem Album auch sehr gut funktioniert und es dadurch eine große Kraft entwickelt.
Hast du beim Hören also immer noch Aha-Momente?
Ja, und das wirklich auch in allen Bereichen – textlich, tontechnisch oder spieltechnisch.
Welcher war der letzte?
Das letzte Mal sind mir vier Zeilen aus Isolation plötzlich besonders aufgefallen:
Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can. I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.
Ich finde den Text so unglaublich düster und niederschmetternd. Daran merkt man, mit welcher Tiefe Curtis in Worten hantiert hat. Davor habe ich großen Respekt, das ist einfach großartig.
Joy Division – Isolation
In fear every day, every evening,
He calls her aloud from above,
Carefully watched for a reason,
Pain staking devotion and love,
Surrendered to self preservation,
From others who care for themselves.
A blindness that touches perfection,
But hurts just like anything else.
Isolation, isolation, isolation.
Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.
Isolation, isolation, isolation.
Mit wem aus der Band würdest du gerne mal ein Bier trinken? Den Tod können wir an dieser Stelle auch mal ignorieren.
Nach allem, was ich über die Band gelesen habe, denke ich, dass ein Bier mit Ian Curtis vermutlich wirklich am interessantesten wäre. Der Bassist Peter Hook hat irgendwann mal erzählt, dass der Band erst nach Curtis’ Tod aufgefallen ist, was für Texte er überhaupt geschrieben hat. Das habe ich tatsächlich auch schon selber erlebt: Der Sänger einer meiner Bands war wütend, weil er das Gefühl hatte, wir anderen Mitglieder bekommen gar nicht mit oder uns interessiert nicht, was er da schreibt. Vor diesem Hintergrund stelle ich mir ein Gespräch mit Ian Curtis schon am spannendsten vor. Nichtsdestotrotz schätze ich, dass auch die anderen drei sehr sympathische Typen sind, die viel zu erzählen haben.
Hast du so etwas wie musikalische Vorbilder? Joy Division vielleicht?
Naja, also wenn jetzt jemand sagen würde, dass BELGRAD etwas von Joy Division hat, dann würde ich mich schon geehrt fühlen. Ich könnte es auch nachvollziehen, obwohl die Nähe eher atmosphärisch ist. Wir sind schon poppiger und deutlich durchproduzierter. Ich spreche aber nicht so gerne von Vorbildern, für mich ist es eher die Lebenseinstellung. Ich bin ja auch mit dieser DIY-Punk-Bewegung groß geworden und finde es einfach großartig, wenn Menschen etwas zu sagen haben und es auch tun. Dafür muss man auch nicht besonders geil spielen können.
Aber hat sich diesbezüglich nicht einiges geändert in den letzten Jahrzehnten?
Natürlich! Alles ist viel ausgeklügelter, viel durchproduzierter, viel perfekter geworden. Das hat auch viel mit den Aufnahmetechniken zu tun, die ich als Produzent natürlich auch gut kenne. Ich persönlich finde es aber immer sehr sympathisch, wenn ich Platten von damals höre und sie noch kleine Haken und Macken haben.
Wir müssen auch kurz über BELGRAD sprechen. Euer Albumcover ist diskussionswürdig. Was wollt ihr damit sagen?
Das Cover wurde von einer Künstlerin entworfen, ich weiß aber ehrlich gesagt gar nicht wirklich, was sie sich dabei gedacht hat. Die vordergründige Frage ist ja, ob es als sexistisch wahrgenommen wird oder nicht. Das werden die Reaktionen in den nächsten Tagen zeigen.
Aber entsprechende Diskussionen gab es?
Ja, die Frage, ob das politisch korrekt ist oder nicht, haben wir diskutiert. Uns ist bewusst, dass es dem ein oder anderen nicht gefallen könnte. Wir haben aber unsere Einschätzungen ausgetauscht und diskutiert und uns dann dafür entschieden.
Neben Ronnie Henseler gehören Stephan Mahler, Hendrik Rosenkranz und Leo Leopoldowitsch zu BELGRAD. Die Band hat in der vergangenen Woche ihr gleichnamiges Debüt bei Zeitstrafe veröffentlicht. Alle (wirklich sehenswerten) Videos und weitere Infos gibt’s unter Belgradlovers.
Es ist seit Jahr und Tag ein beliebtes Spiel moderner Medienkritik, den Bock, also die Presse, zum Gärtner, also Schuldigen gesellschaftlicher Schieflagen zu machen oder wahlweise den Boten zu töten, statt den Absender. Erinnert sei da ans Unwort des Jahres „Herdprämie“. Dessen Verwendern wurde 2007 ja Frauenfeindlichkeit unterstellt, obwohl genau die doch durch den Begriff erst zum Ausdruck gebracht werden sollte. Ähnlich verhält es sich nun mit Melania Trumps Kleiderwahl beim Besuch (am Rande) des texanischen Flutgebiets. Während ihr Mann im Golf-Dress kondolierte (ohne auch nur ein Opfer zu treffen), trug seine Frau Stilettos und Caprihose. Dies zu thematisieren, wurde den Medien jedoch nicht als nötige Kritik, sondern Taktlosigkeit ausgelegt. Weil es doch um die Opfer gehe, nicht das Präsidentenpaar.
Dabei passt die Bewertung von Äußerlichkeiten gut zur heißen Wahlkampfphase. In der tigert die Spitzenpolitik nicht mehr nur durch erwachsene TV-Sender, was gestern seinen Höhepunkt im Spitzenduell auf vier Kanälen fand – woran am spannendsten war, dass bei Sat1 nicht mal 900.000 Menschen zusahen, also weniger als ein Zehntel der ARD; Merkelschulzwagenknechtözdemiretc lassen sich auch auf den Plattformen der Jugend blicken, um sich als das zu präsentieren, was sie in der Regel eben nicht sind: jugendlich. Bei den „jungen Radio-Wellen“ der ARD lief das etwa unterm sendungmitdermausigen Titel Frag doch mal die Merkel und den Schulz. Das rechtfertigt zwar keine Falschmeldung einer Rundfunkgebührenerhöhung, von der die notorisch ARZDF-feindliche FAZ gerade mal wieder fabuliert hat. Aber man muss schon manchmal den Kopf schütteln, wie das öffentlich-rechtliche Publikum gleich welchen Alters behandelt wird.
Und zwar explizit auch programmatisch.
Die Frischwoche
4. – 10. September
Die ZDF-Serie Zarah zum Beispiel sollte ab Donnerstag (21.45 Uhr) eigentlich den Kampf um Gleichberechtigung der frühen Siebziger in einer fiktiven Magazin-Redaktion namens „Relevant“ ausfechten. Was Regisseur Richard Huber und sein Team daraus gemacht haben, ist allerdings wenig mehr als eine (zunächst) sechsteilige Mottoparty, Thema 1973, das Jahr, in dem die feministische Schriftstellerin Zarah Wolf (Claudia Eisinger) die Leserschaft des Stern-Abklatsches um ein paar *innen erweitern soll, aber an den Herren der Zeitungsschöpfung abprallt wie Atemluft am Zigarettenqualm im Redaktionsbüro.
Dessen Einrichtung ist denn Machern dummerweise wichtiger als die Handlung, weshalb Zarah bestenfalls Karneval spielt, aber gewiss nicht Emanzipation. Schade eigentlich. Denn im Vorprogramm macht es Das Pubertier ganz gut, die familiären Krisenjahre nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler in ein locker-leichtes Serienformat zu gießen. Als schwer pubertierende Carla macht die junge Mia Kasalo ihren Eltern (Pasquale Aleardi, Chiara Schoras) unterhaltsam und nur selten überdreht das Leben zur Hölle. Weniger ulkig ist hingegen Der Sohn am ARD-Mittwoch. Unter Urs Eggers Regie dient der Außenseiter Stefan da schließlich nicht bloß als Zotenlieferant in der Pickelphase, sondern garniert ein tonnenschweres Drama um mütterliche Selbstaufgabe und jugendliche Haltlosigkeit, das manchmal fast zu dick aufträgt, aber doch sehenswert ist. Wie die US-Serie The Deuce, mit der Sky ab Samstag einen Blick auf die bizarre Porno-Industrie der 70er und 80er Jahre wirft.
Ringsum bleibt das Programm aber politisch. Zum Beispiel wenn illner intensiv von Dienstag bis Freitag um 23 Uhr wechselnde Wahlkampfthemen mit Spitzenpolitikern diskutiert. Zum Auftakt: Welt im Chaos – wer führt Deutschland durch die Krisen. Tags zuvor klinken sich RTL und Sat1 nach dem prestigeträchtigen Sonntagsduell natürlich wieder aus, wenn die ARD um 20.15 Uhr zum oppositionellen Fünfkampf lädt, an dem neben Grünen und FDP, Linke und CSU diesmal auch die AfD teilnehmen darf. Dazu passt so ganz nebenbei auch die anschließende Doku Kreuz ohne Haken (23.45 Uhr), in der das Verhältnis der Kirchen zur Neuen Rechten in Deutschland beleuchtet wird.
Zur alten Rechten indes passt die schwarzweiße Wiederholung der Woche. In Der Mann, der Sherlock Holmes war (Montag, 20.15 Uhr, Arte), mussten Hans Albers und Heinz Rühmann die Zuschauer zwei Jahre vor Kriegsbeginn als Nachfahren der berühmten Detektive noch mal kurz von Holocaust und Diktatur ablenken. Beides war bei zwei deutschen Klassikern im Anschluss allenfalls noch am Horizont zu erahnen: Viktor und Viktoria von 1933 (22.05 Uhr) und Die Liebe der Jeanne Ney (1928) um 23.40 Uhr. In einer ganz anderen Zeit spielt Werner Herzogs Conquistadoren-Drama Aguirre (Mittwoch, 23.45 Uhr, BR) von 1972 mit Klaus Kinski als gnadenlosem Eroberer auf der Suche nach dem sagenhaften Eldorado. Wie die Dreharbeiten damals ausgesehen haben, erklärt tags zuvor an gleicher Stelle um 23.30 Uhr die Doku Mein liebster Feind. Und der Tatort-Tipp: Bienzle und der Todesschrei, eine SWR-Perle (Donnerstag, 22 Uhr) aus dem eigenen Sendegebiet von 2001.
Was macht eigentlich Adam Green? Wo treiben sich Nick Cave und Tom Waits bloß rum? Und gibt es Kitty, Daisy & Lewis noch? Die Antwort mag ein wenig esoterisch klingen, sie ist aber durchaus naheliegend: Alle sechs haben sich in einer Wolke dematerialisiert und sind nach einer Weile musikalischen Herumirrens herabgeregnet auf die Erde, wo sie seither einen Fluss bilden, in dem ein gewisser Micah Blaichman offenbar so oft gebadet hat, bis aus ihm Lord Youth geworden ist – die Reinkarnation von fast allem, was den Sound früherer Tage für die Gegenwart verwertbar macht. Sein Debütalbum Gray Gardens klingt so herzzerreißend nostalgisch, dass man geneigt ist, diesen Fluss selber zu suchen.
Denn es ist ein echter Jungbrunnen, an dem sich Lord Youth da gelabt hat. Zwölf Stücke lang taucht er durch antiquarische Stilgewässer von Rock’n’Roll über New-Orleans-Blues und Calypso bis hin zu verschwitztem Gangster-Jazz der Schwarzweiß-Ära. Man riecht förmlich den dicken Qualm filterloser Kippen, wenn Micah im Titelstück seinen Schmusebariton über Hawaii-Gitarre und Steel-Drums legt, wenn der Psychobeatpunk in Someone Was Singing Hi Ho Silver Patina atmet, wenn andauernd verwaschene Keyboards die Harmonie stören, zugleich aber liebevoll streicheln. Für Nostalgiker ein Traum, für alle anderen einen Versuch wert.
Lord Youth – Gray Gardens (BB*ISLAND)
Sivu
James Page ist gar nicht da. Sein Gesang kommt zwar unverkennbar aus den Lautsprecherboxen. Doch er wirkt so flüchtig, fast scheu, als schäme sich der Songwriter seiner eigenen Courage, für uns alle auch auf dem zweiten Album schon wieder von sich selbst zu erzählen, seinen Träumen, den Ängsten, was so im nachdenklichen Kopf des Briten herumgeistert. Unterm Pseudonym SIVU vollführt James Page somit zum zweiten Mal nach dem Debüt Something On High das Kunststück, einem warmen Wind gleich prickelnd, aber unsichtbar durchs Ohr zu wehen und doch darin stecken zu bleiben.
Mal geigenumflort wie im quirligen Orchesterpop Lonesome, mal pianobetupft wie im nostalgischen Childhood House, hier delirierend wie im verschrobenen Opener Submersible, dort aufgeräumt und klar wie im plätschernden Kin And Chrome klingt Sweet Sweet Silent elf Stücke lang oft wie Anohni, als sie mit The Johnsons den Pop hinters Licht der eigenen Zerbrechlichkeit geführt hatte. Trotzdem lässt SIVU abgemischt vom Alt-J-Produzenten Charlie Andrew immer wieder Funken aus seiner Melodramatik sprühen. Und dann ist James Page eben doch da und kaum wieder wegzukriegen. Der schönste Tinnitus des Sommers.
Sivu – Sweet Sweet Silent (Bassukah)
UNKLE
Wenn sich Musik keinem Genre so recht zuordnen lässt. Wenn sie ohne Ziel, Halt und Heimat im Ohr herumschwirrt. Wenn selbst die Allzweck-Chiffren Pop oder Indie kaum so richtig greifen. Dann ist Musik nicht nur spannend, interessant und eigensinnig, sondern stammt mit durchaus messbarer Wahrscheinlichkeit von James Lavelle. In all den Korporationen von Richard Ashcroft über Massive Attack bis Thom Yorke ist der 43-Jährige aus Oxford zwar die Hälfte seines Lebens dem elektronischen Wave verbunden. Noch länger jedoch macht er mit seinem Band-Projekt UNKLE etwas, das atmosphärisch zwar damit zu tun hat, letztlich aber sein eigenes Fach bildet.
In 15 Stücken grast auch das neue, je nach Zählweise fünfte bis 15. Album den halben Fundus modernen Sounds ab: Trip-Hop, Power Pop, modern Classic, selbst Dance, Drones, Disco – alles flackert irgendwo auf, allerdings nicht horizontal, sondern vertikal vermengt. Stück für Stück ein neuer Kosmos. 15 kreative Richtungswechsel auf einer Platte. Verantwortlich dafür ist auch Lavelles Kammerorchester unterschiedlichster Kollegen wie Mark Lanegan (Marilyn Manson) oder Justin Stanley (Beck). Dank des durchweg getragenen Tonfalls machen sie The Road pt. 1 zu einer schwermütigen Version der fröhlichen Grenzgänger Ween oder Phoenix.
Kinder haben eine anstrengende, im Grunde aber sehr liebenswerte Angewohnheit: Sie verrichten nahezu alles im Laufschritt. Die Brut steh halt ständig und Strom, ungebremst von Konventionen und Bedacht, pure Energie. Und ein bisschen wie A Giant Dog. Das Quintett aus der texanischen Intelligenzenklave Austin macht seit Jahren einen Hipphipphurra-Funpunk, der sich vor lauter Kraft und Spielfreude dauernd selbst zu überholen droht. Das vierte Album mit dem vielsagenden Titel Toy ist das beste Beispiel für diese Art Selbstbescheunigungsrock.
Andrew Cashen, Grahem Low, Andy Bauer, Daniel Blanchard und Sängerin Sabrina Ellis dreschen jeden ihrer 13 Up-Tempo-Songs so rasant in Finish, das einem beim Zuhören ganz schwindelig wird. Aber eher wie bei einem angenehmen Schwips als im Falle fieser Übelkeit. Einprägsame Stücke wie Toy Gun sind sich dabei dann nicht mal für nervösen Quatsch wie ein schepperndes Saxofon-Sample zu schade. Eines wie der funkige Psychobeat Night Terror jedoch zeigt dann zugleich, dass es dabei nicht bloß um Geschwindigkeit und Blödsinn geht, sondern Spaß am Tempo mit Geschick.
A Giant Dog – Toy (Merge/Cargo Records)
Rat & Co
Diese Spielfreude wird man auch Rat & Co nicht absprechen. Und Josh Delaney, John Waller, Nick Park nutzen für ihren zutiefst elektronischen Pop sogar richtige Instrumente. Trotzdem hat ihr neues Album Third Law mit Toy weniger gemeinsam als ein Gitarrensolo im Hair Metal mit Kammermusik. Der Sound des Trios ähnelt einer rundumsanierten Version früher Ambient-Acts wie Air. Anders als im zeitgenössischen Techno flatterten die Samples seinerzeit noch in fester Liedstruktur aus dem Computer, wurden aber strikt am Rechner erzeugt.
Beides kennzeichnet auch die dritte Platte der drei Australier. Ihr Tonfall ist größtenteils digital, die Darreichung vielfach analog, zusammen wird daraus ein Sound, der ebenso fließt wie wummert. Dass die 13 Tracks dabei das Dasein moderner Städte vertonen sollen – na ja. Und auch die Erfindung eines neuen Genres namens „Trog“ im leicht melodramatischen I’m Not Dead sollte man eher unter der Rubrik PR abheften. Davon abgesehen ist Third Law einfach mal wieder ein wunderbares Stück Fusion von Krautrock und Electronica.
Rat & Co – Third Law (Smooch Records)
Diana
Kein Grenzgang nirgends, nichts Getragenes oder Schwermütiges, weder Richtungswechsel noch allzu offensichtliche Kreativität – es ist ziemlich rätselhaft, warum eine Band, die sich auch noch saftig-süß Diana nennt, so flächendeckend gefeiert wird wie das Trio aus Toronto. Ist es womöglich Carmen Elles gläserner Gesang, der es sich unterm swimmingpoolgekühlten Synth Pop im Stile der Achtziger gemütlich macht? Sind es all die Vergleiche mit Roxy Music oder den Cocteau Twins nach dem vielbeachteten Debüt vor vier Jahren, die man partout nicht aus dem Kopf kriegt? Und es gibt weitere drängende Fragen zum Thema.
Werden wir hier einfach infiltriert von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins gefälliger Harmonien, denen Joseph Sabason zu den artifiziellen E-Drums von Kieran Adams allen Ernstes hier und da Saxofonpeitschen aus der Schulterpolsterära unterjubelt? So sehr man sich auch bemüht: das Geheimnis der Anziehungskraft von Familiar Touch wird auch dann nicht gelüftet, wenn man es zum zehnten Mal durch sich hindurch rauschen lässt wie einen Sommerwind am Strand. Pop hat sie nun mal, diese Fähigkeit zur Unterwanderung des guten Geschmacks mit banalsten Mitteln. Vielleicht sollte man das einfach mal kurz genießen; das nächste Proseminar sperrige Musik kommt oft schneller als gedacht…
Diana – Familiar Touch (Tin Angel Records)
KMFDM
Sperrige Musik – das galt vor 33 Jahren auch für KMFDM. Mit internationaler Unterstützung bliesen die deutschen Aktionskünstler Sascha Konietzko und Udo Sturm dem zum NDW verseiften New Wave mit brachialem Industrialrock den Marsch. Buchstäblich. Kein Mehrheit Für Die Mitleid war zutiefst treibend, aber schwer verdaulich, im Grunde weit mehr Kunstprojekt als massentauglicher Pop. Dann aber ging ihr Sound zwischen Neuer Deutscher Härte und Atari Teenage Riot, Dubstep und Skrillex auf, wurde also irgendwie obsolet, hörte aber einfach nicht auf zu existieren. Inklusive Live-Alben zwei Dutzend Platten nach dem Debüt Opium erscheint nun Hell Yeah! und zeigt, dass Konietzko der Welt vorm Fabriktor noch immer die eine oder andere Salve Furor vor den Latz knallen kann.
Doch im Gegensatz zum infernalischen Krach von früher dient der Einsatz sägender Gitarren und zackiger Drums nicht mehr nur zur Verstörung des Publikums, sondern erzeugt Liedstrukturen, die auch außerhalb sauerstoffloser Kellerclubs funktionieren. Wenn Obsession 1/2 nahtlos vom bekifften Offbeat ins sozialkritische Highspeed-Geschepper Total State Machine übergeht, dicht gefolgt vom Trashpoptechno Murder My Heart, dann spürt man also: KMFDM sind noch immer in Wallung.
Beim G20-Gipfel war die Presse nicht nur Opfer von Willkür, Gewalt und Akkreditierungsentzug, sondern auch Täterin einer Berichterstattung, die journalistische Standards vernachlässigt. Eine Ausnahme heißt: Björn Staschen. Anders als viele seiner Kollegen hat der erfahrene NDR-Reporter vier Tage für die ARD ausgewogen von den Ausschreitungen berichtet. Ein Interview mit dem Oldenburger über Neutralität im Chaos, verlässliche Quellen, das Zählen von Menschenmengen und Security im Rücken.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Staschen, wie zählt man in einem Demonstrationsaufzug von mehr als 10.000 Menschen die Vermummten ab?
Björn Staschen: Ich habe berichtet, was zwischen Fischmarkt und Landungsbrücken passiert ist, also da, wo es zur Eskalation kam. Die Zahl ließ sich ganz gut schätzen, weil sich die Vermummten organisiert am Anfang des Zuges aufgestellt haben. Genau dort haben wir über lange Zeit beobachtet, wie nach und nach Gruppen Vermummter ankamen. Unser Gefühl war dann, es seien jedenfalls am Ort des Geschehens einige hundert im größeren Schwarzen Block, nicht jene Eintausend, die von der Polizei gemeldet wurden.
Genau so haben Sie das in Ihrem Live-Bericht vor Ort auch gesagt. Was war die Zielrichtung dieser Richtigstellung?
Na ja, was habe ich da draußen: Eine gut organisierte Polizei, die mich über ihre Arbeit stets auf dem Laufenden hält. Und eine Gegenseite, die wenn überhaupt, dann nur unstrukturiert mit den Medien kommuniziert. Zwischen den zwei Polen verlasse ich mich am liebsten auf meine eigenen Eindrücke und die meiner Teamkolleginnen und -kollegen, denen zufolge es weit weniger Vermummte gab als von der Polizei angegeben. Und sie hat ihre Zahl im Nachhinein ja auch fast halbiert.
Hatten Sie je das Gefühl, die Polizei würde mit der überhöhten Zahl bewusst die anschließende Eskalation rechtfertigen?
Nein. Als Konfliktpartei ist sie zwar interessengeleitet, hat aber in dieser Situation aus meiner Sicht schlicht „Schwarzen Block“ mit „Vermummten“ verwechselt. Das war eher Verkürzung als Kalkül. In meinem Kopf läuft in so einem Fall vor allem eines ab: Wirklich verstehen zu wollen, was da passiert. Deshalb lege ich alle Fakten vor mir auf den Tisch und versuche mir daraus ein stimmiges Bild zu erstellen. Schließlich geben Polizei und Veranstalter eigentlich immer verschiedene Teilnehmerzahlen an. Und wo die Wahrheit liegt, ist ja bekannt.
Ist es Aufgabe des Reporters, zwischen den Rändern dieser Wahrheit zu vermitteln?
Nein. Mein Job da draußen ist, möglichst gut zu beschreiben, was ich sehe, was ich höre, was ich fühle und all dies möglichst korrekt einzuordnen. Ich bin kein Vermittler, sondern allenfalls Erklärer – so gut das eben möglich ist, wenn man mittendrin ist.
Kann man aus dieser Position heraus überhaupt neutral sein?
Das hängt im Falle von Demos auch davon ab, ob und wie sie eskalieren. Bei der autonomen „Welcome to Hell“ am Donnerstag vorm Gipfel befand ich mich in einer Lage, die mir von früheren Protesten bekannt war; da konnte ich mich selbst mittendrin gedanklich gut danebenstellen. Geholfen hat mir dabei aber auch, dass unser Team zwei Sicherheitskräfte von einer sehr guten Security-Firma zur Seite hatte. Die hätten vom Aussehen her auch friedliche Teilnehmer der Demonstration sein können und haben uns dadurch sehr unauffällig den Rücken freigehalten.
War das denn wirklich nötig?
Wenn man wie ich bei einer Live-Schalte vor der Kamera mit dem Rücken zum Geschehen stehen muss, schon. Ohne zu sehen, was da passiert, habe ich schon manchmal ein mulmiges Gefühl. Genau davon haben mich die beiden befreit. Ich kam mir ziemlich sicher vor.
Sicher auch vor der Polizei oder nur den Demonstranten?
Insgesamt vor Entwicklungen im Rücken, die uns vielleicht auch übersehen. Als die Polizei am Freitag über Stunden keine Kontrolle mehr über Teile des Schanzenviertels hatte, haben die Sicherheitsleute uns rausgeschoben, nachdem ihnen ein Sanitäter der Demo-Seite mitgeteilt hatte, von jetzt ab würden keine Gefangenen mehr gemacht, geht mal lieber. Als die Security uns das jenseits der Polizeikette erzählt hat, fand ich es aus purem Selbstschutz völlig richtig, gegangen zu sein. Unsere Sicherheitsschwelle liegt da vielleicht niedriger als bei anderen. Es gab ja weiter Bilder aus dem Innersten der Ausschreitungen.
Waren das jene Digitalmedien, die Sie in Ihrem Buch Mobiler Journalismus beschreiben?
Das vermag ich nicht zu qualifizieren, vielleicht sind die auch einfach zufällig vor Ort geblieben und hatten womöglich auch weniger Equipment als wir. Aber weil mobiler Journalismus in solch einer Situation weniger mit Mut als Unauffälligkeit zu tun hat, können Reporter mit kleinem Besteck oft besser arbeiten als wir. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen von Buzz Feed getroffen, der auch, als es richtig hoch her ging, live aus dem Viertel berichtet hat. Allein mit wenig Gepäck ist man halt flexibler.
Arbeiten Sie selbst auch manchmal so?
Das News Lab des NDR arbeitet sogar oft so. Neben meinem Live-Team mit Kamera, Ton, dem großen Besteck halt, haben Benjamin Unger, Alina Stiegler und Daniel Sprehe für die Tagesschau Facebook-Livestreams vom Protest geliefert.
Was liegt Ihnen persönlich mehr?
Schwer zu sagen, aber ein Arbeitsumfang wie beim G20-Protest ließe sich mit kleinem Gepäck schon wegen der geringen Akku-Laufzeit kaum bewältigen. Aber auch unser Equipment wird gerade enorm abgespeckt. Und vor ein paar Jahren hätte ich ja auch als VJ noch einen riesigen Rucksack getragen, jetzt reicht das Telefon – das die Leute übrigens weniger verschreckt, als wenn man ihnen eine riesige Kamera unter die Nase hält; Smartphones sind die gewohnt. Ich finde ohnehin, dass das Auftreten oft wichtiger ist als die Ausrüstung.
Aber wird man mit einer klassischen nicht gerade staatlicherseits ernster genommen?
Wenn mich das jemand in Schulungen fragt, würde ich ihm antworten: Für Journalisten gibt es nichts besseres, als unterschätzt zu werden. Nicht umsonst hat sich schon manch ein Politiker im Gespräch mit einer Schülerzeitung um Kopf und Kragen geredet. Andererseits gibt es auch welche, von denen einige übrigens am Gipfelort Hamburg regieren, die ein Videoteam schon mal mit Hinweis ablehnen, sie hätten doch lieber ein richtiges Fernsehteam. Ansonsten wissen die meisten, auch die Polizei, dass Smartphones längst professionelle Arbeitsgeräte sind, die qualitativ hochwertige Bilder liefern. Man kriegt damit alle Informationen, die nötig sind.
Gibt es für einen Reporter im Getümmel überhaupt verlässliche Quellen abseits der eigenen Sicht auf die Dinge?
Zumindest keine, auf die ich mich verlasse, ohne zu hinterfragen. Die Polizei hat ein Video verbreitet, das angeblich zeigt, wie von jenem Haus, dessen Dach das SEK später geräumt hat, ein Molotowcocktail geworfen wurde. Für mich hätte das aber auch ein Feuerwerkskörper sein können. Deshalb traue ich lieber der eigenen Wahrnehmung. Und die kam, zurück zur Einstiegsfrage, eben auf weniger als 1000 Vermummte.
Trotzdem flottierte diese Zahl auch durch seriöse Medien. Gibt es einen Trend zur unkritischen Übernahme offizieller Angaben?
Eher einen Trend zur schnellen Verbreitung vermeintlicher Fakten, der auch Profis naturgemäß mehr Glauben schenken, wenn der Absender wie die Polizei eine Pressestelle mit Twitter-Timeline hat. Deshalb gibt es auch weitestgehend verlässliche Zahlen verletzter Polizisten, aber nicht der Demonstranten. Die fehlende Balance zwischen beiden Seiten gepaart mit dem hohen Tempo der Berichterstattung kann da schnell zur Verbreitung auch falscher Zahlen führen. Voreingenommenheit würde ich da niemandem unterstellen.
Auch nicht Ihrem Chefredakteur Andreas Cichowicz, der die 1000 Vermummten unkommentiert übernommen und Hamburgs Polizei-Präsident im Interview nicht nach exekutiver Verhältnismäßigkeit gefragt hat?
Ich kenne das Interview nicht und weiß nicht, ob der Vorwurf stimmt. Vielleicht stand zu dem Zeitpunkt Aussage gegen Aussage. Immer wenn ich direkt mit Andreas Cichowicz verbunden war, war er offen für alle Fakten.
Gibt es in Extremsituationen wie dem G20-Gipfel eine Standleitung des Reporters zur Chefredaktion?
Nein. Dann bräuchte die Chefredaktion gleich ein ganzes Bündel von Standleitungen zu den Reporterinnen und Reportern. Für mich ist es viel wichtiger, einen festen Ansprechpartner im Sendezentrum vor Ort für alle Belange zu haben als einen permanenten Draht nach ganz oben. Wenn ich dieser Person sage, sie möge dem Moderator dieses oder jenes mitteilen, passiert das auch in Echtzeit. Und wenn der Chefredakteur Fragen hat, kann er mich jederzeit anrufen, was er bei Bedarf auch tut. Ein rotes Telefon brauchen wir nicht.
Gab es mal Situationen, in denen Sie von jeder Bezugsperson abgeschnitten waren?
Als der Samstagabend nochmals eskaliert ist, war es zwischendurch mal schwierig, jemanden zu erreichen, weil die Sondersendungen im NDR bereits beendet waren. Aber das war nur ein kurzer Moment, kein Problem. Insgesamt hat die Kommunikation extrem professionell geklappt. Wenn man sich vor Ort auch noch mit Organisatorischem befassen müsste, würde man ja auch wahnsinnig. Gerade, wenn die Lage so intensiv ist wie während der ganzen vier Tage, die ich vom Gipfelprotest berichtet habe.
Hat sich Ihre Sicht auf die Ereignisse während dieser Zeit verändert, ist womöglich gar irgendetwas in ihnen gekippt?
Ich habe zum Glück keine feste Meinung dazu, wer für die Eskalation auf Demonstrationen tendenziell eher verantwortlich ist – Polizei oder Demonstranten. Diese Neutralität konnte ich auf vielen vergleichbaren Demos in Hamburg schärfen. Seien es die am 1. Mai, sei es der 21. Dezember 2013, als es vor der Roten Flora zu heftigen Auseinandersetzungen kam. Auch als ich selbst mal um die Ecke wohnte, war ich regelmäßig unentschieden, wer da die Henne ist und wer das Ei. So gesehen empfand ich die „Welcome to Hell“-Demo beim G20, die vor allem ausländische Journalisten als Bürgerkrieg bezeichnet haben, in der Konstellation an dem Ort als – wenn man das so sagen darf – ganz normale Eskalation.
Anders als die am Tag drauf.
Genau. Umso mehr hat mir die Nüchternheit, mit der ich die Ereignisse vom Vortag einzuordnen versucht habe, dabei geholfen, möglichst ebenso sachlich an den Ausnahmezustand am Samstag heranzugehen. Denn dass die Polizei über Stunden die Kontrolle verliert und Anwohner beim Versuch, Feuer vor ihrer Haustür zu löschen, mit Steinen beworfen werden – das hatte ich so noch nie erlebt.
Fachlich waren Sie also jederzeit Herr der Lage. Aber wie war es emotional – hat Sie die Gewaltspirale auch persönlich kalt gelassen?
Das hat es natürlich nicht. Unsere Security hat zwar viel Druck von uns genommen; uns war jederzeit bewusst, dass wir im Zweifel heil da raus kommen. Dennoch wuchs mit zunehmender Dauer auch das Unwohlsein. Dagegen hilft allerdings besonders, sich und ebenso dem Zuschauer dieses Gefühl auch einzugestehen. Das schlimmste ist, eine Gefahr zu ignorieren. Das würde im Übrigen auch der Zuschauer sofort bemerken.
Können Sie Ihre Empathie für den Berichtsgegenstand vor und nach dem Einsatz aus- und wieder einschalten?
Ich bin wohl eher jemand, der in Drucksituationen nüchtern reagiert und rational durchgeht, was zu tun ist.
Hat das was mit ihrem norddeutschen Gemüt zu tun?
Vielleicht. Das ist bei der Arbeit sehr hilfreich.
Gäbe es denn Themen, über die Sie aus persönlicher Betroffenheit dennoch nicht berichten würden?
Zum Glück ging mir bisher kein Thema emotional so nahe, dass ich für eine Berichterstattung zu betroffen wäre. Aber ich habe immer gesagt, nicht aus Krisen- und Kriegsgebieten berichten zu wollen, auch, weil mir der journalistische Ertrag in keinem Verhältnis zur persönlichen Bedrohung zu stehen scheint: Da hätte ich schlichtweg zu viel Angst, um meine Arbeit gut zu machen. Darüber hinaus saß ich im Landeselternausschuss Hamburger Kitas, als diese flächendeckend bestreikt wurden. Darüber habe ich damals nicht berichtet.
Sie berichten auch fleißig per Twitter. Ist das eine Art subjektiver Gegenpol Ihrer objektiven Berichterstattung im Fernsehen?
Nein, weil auch meine Tweets selten subjektiv sind. Beim G20 etwa hab ich, wenn es stressiger wurde, meist nur Fotos, Ortsmarken und Timestamps getwittert. Da ich nicht immer auf Sendung bin, hilft mir das einfach, zwischendurch die Situation zu dokumentieren, sofern sie berichtenswert ist. Für mich ist das integraler Bestandteil der Berichterstattung, der von einem Reporter heutzutage auch erwartet wird. Als Informationsmedium funktioniere ich bei Twitter allerdings nur dann, wenn ich es dialogisch mache. Erst durch meine Aktivität werde ich retweetet und erfahre so von anderen Tweets, die womöglich wichtige Informationen enthalten.
Ihre Timeline ist also immer auf dem Display?
Als eine von vielen Quellen, ja. Bei Demos rufe ich vor jeder Schalte die Polizei an und falls ich deren Nummern habe, auch die Veranstalter. Und wir tauschen uns über Kurznachrichtendienste mit NDR-Kollegen aus, die anderswo beobachten.
Hat der G20-Gipfel Ihr Selbstverständnis als Journalist beeinflusst, gar verändert?
Er hat mich zumindest darin bestärkt, mit dem Handwerk, das ich über die Jahre beim NDR gelernt habe, auch in Stresssituationen gut zurechtzukommen, ohne mich selbst zu überschätzen. Für diese Arbeit nun Wertschätzung zu erfahren, freut mich sehr. Dennoch bin ich überrascht, wie viel positive Rückmeldung ich nach diesen vier Tagen erhalten habe. Ich dachte, eigentlich nur meinen Job zu machen.
Vier Samstage lang zeigt ZDFneo seit voriger Woche ab 22..10 Uhr bis zum Morgengrauen nahezu die gesamte Bandbreite des Horrorfilms. Und damit auch das, was sein Erfolg mit uns, dem Publikum, zu tun hat.
Von Jan Freitag
Seit Jahrtausenden, ach was – seit es Sprache gibt, neigt der Mensch in Fragen des Entertainments vermutlich zur Schizophrenie: Einerseits löst das Unbekannte, Unheimliche, Unerklärliche verlässlich Fluchtinstinkte aus. Zugleich aber hat sich Homo Sapiens schon immer gern Geschichten erzählt, die seine Ängste nicht bloß thematisieren, sondern fördern. Überliefert sind Gruselstorys jeder Art schließlich schon aus der Antike. Was den Sog des Abstoßenden betrifft, ist die Popkultur demnach wohl so alt wie das Lagerfeuer – nur fehlten ihr lange die Mittel, das Ganze übers blanke Wort hinaus angemessen zu inszenieren.
Doch als mit den Bildern auch die Furcht laufen lernte, begannen sich visuelle Medien zügig mit dem zu füllen, was erst „Grusel-“, dann „Horror-“, bald „Splatter-“ und “Slasher-“, zuletzt „Torture Porn“ genannt wurde: Zusehends fotorealistische Fiktionen unserer schlimmsten Albträume. Ein paar davon sind ab heute wieder bei ZDFneo zu sehen. Um 22.10 Uhr zeigt der Spartenkanal an vier Samstagen in Folge jeweils drei Filme, die uns vornehmlich aus nordamerikanischer Produktion mal mehr, mal weniger das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Den Auftakt bildeten vorige Woche zwei Deutschland-Premieren aus Dänemark und England. Erst variierte Bo Mikkelsons klaustrophobisches Seuchen-Szenario What We Become von 2015 das populäre Zombie-Thema mit Opfern eines unbekannten Erregers, der die Infizierten in einer beschaulichen Vorstadtsiedlung nicht zu Untoten, aber doch zur tödlichen Bedrohung macht. Danach kriegte es ein gut gefüllter Zug in Howl mit Monstern zu tun, die der Horror-Experte Paul Hyett adrett maskiert auf Fahrgäste hetzt. Und zum Schluss stiegen sechs Höhlenforscherinnen in den Abgrund des Grauens, wo sie peu à peu von menschenähnlichen Untergrundkreaturen dezimiert werden. Alles noch in der Mediathek zu sehen, alles eher hardcore.
Doch wenn diesen Samstag Zombies (Shaun of the Dead), Sadisten (Saw 1), Serienkiller (Chained) wüten und sieben Tage darauf zwei ulkige, aber blutige Persiflagen der Marke Scream laufen, bevor die Reihe am 9. September mit dem Mörderpuppen-Thema Dead Silence von 2007 endet, dann zeigt sich: Es geht der Neo-Redaktion nicht nur um die Steigerungslogik des maximal Grausamen, sondern auch um die Vielfalt eines Genres, das im Grunde bereits seit der frühen Stummfilmzeit notorisch unterschätzt wird.
Gewiss, hungrige Mutanten oder maskierte Psychokiller unzähliger B- Movies sind selten mit soziokultureller Reflexion befasst. Zugleich aber ging bereits die erste Verfilmung von Mary Shellys Frankenstein vor 107 Jahren weit über den reinen Schauwert hinaus und skizzierte die Vereinsamung einer fortschrittssüchtigen Gesellschaft mit drastischeren Methoden als das ebenso junge Sozialdrama. Ob Friedrich Murnaus isolierte Zivilisationsneurose Nosferatu (1922) oder Jack Arnolds Ergebnis Riesenspinne Tarantula (1955), das sexuell befreite Dracula-Motiv der Sechziger oder die parallel Wiedergeburt des Zombies als Opfer wie Täter der Moderne durch den unlängst verstorbenen Filmrevoluzzer George A. Romero: Zwischen Kunstblutfontänen und Schreckensschreien kommentiert das Genre die herrschenden Verhältnisse.
Natürlich geht es Konsumenten inszenierter Gräuel auch um die Auslotung der psychischen Belastbarkeit, ohne daran gleich physisch zu leiden; kaum ein Horrorfilmfan sucht den Thrill extremer Ängste ja allein im dunklen Wald voller Wölfe. Zugleich jedoch dürfte nur ein Teil der weltweit Abermillionen Zuschauer von The Walking Dead zur kleinen Gruppe jener Nerds zählen, denen kein Zombie krass genug glibbert. Erst die Tatsache, dass es vom stumpfen Gemetzel bis zur tiefgründigen Suspense, von der ultrabrutalen Allmachtphantasie Hostel bis zur verstörenden Alltagsallegorie Room 104 auch um die Frage der Abgründe unserer Zivilisation geht, hat den Horror demnach aus dem Bahnhofskino in den Mainstream geholt.
Die Dämonen am Bildschirm, das zeigte sich zuletzt in der famosen Achtzigerzeitreise Stranger Things auf Netflix, sind schließlich die Dämonen in uns selbst. Besser noch: aller anderen. Denn Horrorfilme dienen zwar – im Guten wie im Bösen – durchaus der Spiegelung menschlichen Verhaltens. Doch so wenig wie man sich mit Belehrungen zu Nachhaltigkeit, Konsumwahn oder Ungleichheit gern den sorglosen Alltag madig machen lässt, so wenig will man sich zur Entdeckung innerer Schweinehunde auf die Couch eines Psychiaters setzen. Da ist ein möglichst kluger Zombiefilm mit monströsen Platzhaltern unserer Selbstzerstörungskraft doch viel angenehmer. Und dabei sehr unterhaltsam.
August
22.00 Uhr – Shaun of the Dead (GB 2014)
23.35 Uhr – Saw 1 (USA 2004)
01.20 Uhr – Chained (CAN 2012)
September
22.00 Uhr Roter Drache ( USA 2001)
23.55 Uhr Scream 2 (USA 1997)
01.55 Uhr – Scream 3 (USA 2000)
September
22.00 Uhr – The Raven (USA 2011)
23.40 Uhr – Re-Animator (USA 1985)
01.00 Uhr – Dead Silence – Ein Wort und du bist tot (USA 2007)