Weil wir zur Nachrichtenlage zwischen Putsch, Terror und Rassismus hier jetzt auch nichts Erhellendes beitragen könne: on statistics! Das Dortmunder Medienforschungsinstitut Formatt, vermutlich eher Experten als Publikum bekannt, brachte es vorige Woche auf den Punkt: im Studienzeitraum 2014 wurden mit rund 117.000 Minuten Fernsehprogramm etwa 33.000 weniger produziert als im Jahr zuvor. Weil zugleich weit mehr kostengünstige Unterhaltungsformate hergestellt wurden als Serien und Filme, sank der Anteil fiktionaler Formate erstmals unter 20 Prozent. Nun sagen Zahlen allein noch nichts über Inhalte aus; wer aber am Mittwoch in den Genuss der Programmpräsentation von ProSiebenSat1 kam, wo das saisonale Angebot wie jedes Jahr um diese Zeit in Hamburg mit Köstlichkeiten vom Grill und PR-Personal auf halsbrecherischen Highheels serviert wurde, dem dröhnte all die Theorie plötzlich sehr praktisch in Auge, Ohr und Nase.
Auf den sechs Kanälen der kommerziellen Sendergruppe gibt es bis tief in den Winter hinein vor allem dreierlei: viel Lärm um wenig, vorwiegend billige Dokusoaps mit erniedrigungsbereiten Protagonisten und einen Blockbusterplatzregen, der nur bei abgeschaltetem Ton kollektivem Tinnitus vorbeugt. Simone Thomalla begutachtet Tattoos, Jack the Ripper rippt auf Deutsch, Foodtrucks ergänzen die Showküchen, das Herzblatt kehrt zurück, Promis spielen Darts, FBI-Agenten gibt’s ausschließlich vom Laufsteg und damit all das nicht durch lästige Realität gestört wird, lagert Kabel1 Informationen an einen Doku-Kanal aus.
Schöne neue Fernsehwelt. In der für Debütfilme mit Niveau dummerweise nur die billigen, also abseitigen Plätze zur Verfügung stehen.
Die Frischwoche
18. – 24. Juli
Dass Frauke Finsterwalders fabelhaftes Erstlingswerk Finsterworld Dienstagnacht um 23 Uhr im Ersten läuft, ist nicht nur respektlos, sondern angesichts der hinreißenden Kreativität des Episodenmosaiks schlicht Blödsinn. Corinna Harfouch und Bernhard Schütz spielen darin zwei Yuppies, die im protzigen Mietwagen ihre Großartigkeit feiern, während der verwöhnte Sohn auf Studienreise ins KZ die Existenz seines idealistischen Lehrers (Christoph Bach) zerstört, derweil Sandra Hüller als Sachfilmerin daran scheitert, die Realität der Unterschicht abzubilden und die ihres Mannes (Roland Zehrfeld) hinzunehmen, der seine Polizeiuniform gern mit Plüschtierkostümen tauscht. Wenn Fußpfleger Michael Maertens seiner Angebeteten dann noch Kekse aus Hornhaut backt und ein Einsiedler wahllos auf Autos schießt, wirkt das lose montiert, skizziert aber die Verlorenheit unserer Gesellschaft, wie es nie zuvor jemand wagte. Was für ein Debüt!
Apropos: Kurz vorm 1000. Tatort feiert der SWR die Reihe ab Mittwoch mit einer nostalgisch schönen Rückschau auf die ersten Fälle aktueller Ermittler (und dem pensionierten Wein-Junkie Bienzle). Angefangen mit Lena Odenthal 1989 geht die Zeitreise vom Bodensee über Köln, Hannover, Münster nach München weiter zu Lannert/Bootz nach Stuttgart. Die wahren Krimis aber spielen sich bekanntlich ohnehin in der Realität ab. Das zeigt der morgige Arte-Schwerpunkt zum Thema Geheimdienst eindrücklich. Angefangen mit der Doku Schattenwelt BND und einer über die Nazi-Verstrickung in selbigem danach, zeigt der Kulturkanal fünf Stunden lang, wie wichtig es ist, staatlicher Fürsorge gegenüber stets wachsam zu sein.
Einer, für den das fast zeitlebens galt, heißt Gregor Gysi. Die Angriffslust seiner Gegner hatte aber natürlich auch mit dem streitbaren Geist des Linken-Politikers zu tun, der bis heute reichlich Angriffspunkte für alle bietet und somit die ideale Projektionsfläche für Persiflagen. Zum Auftakt der neuen Runde von Kessler ist… schlüpft der Verwandlungskünstler Michael K. in Gysi hinein und befragt sich am Ende gewissermaßen selbst, was auch auf besserem Sendeplatz (Donnerstag, 23.15 Uhr, ZDF) ungebrochen erhellend ist. Das ist gewissermaßen auch die Sportpolitik des gleichen Senders. Ein irrelevantes Testspiel der Bayern gegen das Milliardärsspielzeug Manchester City am Mittwoch live zu zeigen und beiden Clubs die Taschen somit immer weiter und weiter und weiter zu füllen, ist nichts weiter als illegitimes Product Placement im Dienste der eigenen Champions-League-Rechte. Lausig, lausiger, ZDF.
Von derart berechnender Kommerzialisierung kann eigentlich nur noch The Substance ablenken, der 3sat im heutigen Dokutipp (22.25 Uhr) nachspürt: LSD. Wobei es die Erfindung des Schweizer Chemikers Albert Hofmann anfangs sogar besser mit seinen Nutzern meinte als das ZDF zuweilen mit den seinen. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche von 1957 ist übrigens nur 14 Jahre älter als Hofmanns Halluzinogen: Antonionis neorealistisches Meisterwerk Der Schrei (Mi, 1.55, ARD) macht aus dem ziellosen Herumirren eines verlassenen Italieners eine Art Kammerspiel im öffentlichen Raum.
Gleich um die Ecke spielt die Farbempfehlung Der Göttliche (Montag, 23.25 Uhr, WDR). Sie zeichnete 2008 ein groteskes, aber präzises Porträt des siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, dessen Mafiakontakte in ihrer Offensichtlichkeit sprachlos machen. So wie Benedict Cuberbatchs Durchbruch aus dem Jahr 2004, als der spätere Sherlock in Die Suche nach dem Anfang der Zeit (Dienstag, 20.15 Uhr, ServusTV), den jungen Steven Hawking an der Grenze zur Brillanz verkörperte.
Aus einer Stadt zu kommen, die Ravensburg heißt, meint eine Band die offenbar aus Ravensburg kommt, sei gar nicht so schlimm. Schließlich sorge schon das Herz des Stadtnamens Ravensburg für Anziehungskraft: Raven. Nun haben Von wegen Lisbeth wirklich nicht das Geringste mit dem technoiden Bezug des Wortes am Hut. Aber wenn grundsätzlich analoge Popmusik je die enthemmte Ausgelassenheit berauschter Raves im Wesenskern trug – dann diese. Grande heißt das Debüt der fünf zuckersüßen Hauptstädter (die zumindest dauernd Berlin im Text erwähnen), und dieser Titel ist angesichts der hinreißenden kleinstädtischen Großstadtpoesie zu bisweilen größenwahnsinnigen Arrangements voll überfrachteter Bläsersequenzen, Atariflächen, Steeldrums, gar einer E-Harfe und auch sonst übergroßem Gehabe absolut angemessen.
Schon das Eröffnungsstück mischt Metropole und Provinz mit so grandioser Nonchalance, dass man darauf glatt eine Ravensberliner Schule bauen könnte. “Schlaf auf jedem Klo mit jedem Typen den du willst”, singt Matthias Rohde da mit seiner aufgeweckten Stimme im sedierten Superpunk-Stiel, wähl’ die AfD, geh boxen, sei ein Arsch, “mach, was du willst, aber bring nie wieder deine neuen Freunde in meine Kneipe”. Stimmt, geht gar nicht, Fremde in meinem Terrarium und dann noch welche, den endemischen Arten wir meiner nicht passen. Diese windschiefe Geradlinigkeit urbaner Existenzen bringen Wir sind Lisbeth fast so toll auf den Punkt wie Ja, Panik und Bernd Begemann. Mit einem Sound, der zu fast jedem Zeitpunkt Spaß bereitet, ohne beliebig zu sein, voller Preziosen wie “Ich hab 99 Probleme und du bist jedes davon”. Herrlich!
Von wegen Lisbeth – Grande (Columbia)
Woodkid & Nils Frahm
Das Dilemma aller Pianisten überall ist: Wenn sie nicht gerade Stilettos zum Minikleid tragen wie Yuja Wang, selbstverliebte Rampensäue sind wie Lang Lang oder Kölner Konzerte geben wie Keith Jarrett, führen viele ein Dasein im Schatten großer Meister. Da die Klassikbranche nun ohnehin nicht für Innovationsfreude bekannt ist, haben es neue Arrangements ohnehin schwer. Es sei denn, man geht sie so feinfühlig, so wuchtig an wie Nils Frahm. In zwei Dutzend Platten und Kollaborationen hat der Hamburger seine Klaviertöne mit moderner Technik zu einer Art zeitgenössischem Traditionalismus verdichtet, der die Grenzen von U und E auflöst.
Nun vertont er an der Seite des interdisziplinären Superpatheten Woodkid einen Kurzfilm über New Yorks frühere Flüchtlingsschleuse Ellis Island. Wo will dieses raunende Klangkonvolut aus tropfendem Klavier, flächigen Synths und Robert De Niros Off-Stimme hin, wo kommt es her, was ist das überhaupt? Seine Antwort: Ellis will weder Soundtrack sein noch Album, sondern vertontes Empfinden dessen, was menschlich ist in unmenschlicher Lage – also weniger Musik als Dasein. Ellis erklingt nicht, Ellis lebt. Und zwar so, dass es der Bilder dazu kaum bedarf. Eindrücklicher ist selten jemand aus dem Schatten anderer getreten.
Woodkid & Nils Frahm – Ellis (Erased Tapes)
Nonkeen
Wobei man dazu dringend erwähnen muss, dass wohl kaum jemand eifriger aus seinem eigenen Schatten springt als eben dieser Nils Frahm. So oft variiert der Mittdreißiger seine Mischung aus Klassik und Moderne, dass man mittlerweile den Klappentext fast jeder Platte jenseits von Speed Metal einmal kurz durchlesen sollte, um auszuschließen, dass er nicht doch irgendwie seine Finger darin hat. Erst im Frühjahr kam ja das Resultat einer richtigen Band namens Nonkeen auf den Markt, die Frahm kurz zuvor an der Seite seiner Freunde Frederic Gmeiner und Sepp Singwald gegründet hatte, mit ersterem am echten Bass und letzterem am wahrhaftigen Schlagzeug.
Und irgendwie scheint das eingespielte Repertoire aus jazzigem Postrock und psychedelischer Electronica vom Februar 2016 einiges an verwertbarem Überfluss kreiert zu haben. Denn kein halbes Jahr später legt das Trio bereits den Nachfolger von Oddments vor, ergänzt um …Of The Gamble. Es ist wie der Vorgänger ein irritierendes Werk experimenteller Rock-Dekonstruktion, in dem man ständig auf der Suche nach Struktur und Ordnung ist. Wer sich jedoch hoffnungsfroh an wirren Tonkaskaden wie kassettenkarussell vorbeischlängelt, stößt auf taktsichere Synthieflächen wie diving plattform oder Krautreminiszenzen à la glow, die einfach ungeheuer angenehm reinlaufen ins Ohr. Schattensprungmusik vom Feinsten.
Nonkeen – Oddments Of The Gamble (R&S Records)
Hype der Woche
The Avalanches
16 Jahre sind eine Ewigkeit. Vor 16 Jahren hatten Rechner Bildschirme in Quadratform, Handys Tasten zum Telefonieren und Musikfans Regale voll Tonträger aus silbrigem Plastik oder einem seltsam schwarzen Zeug, das zu Knistern begann, wenn man es so oft benutzte wie The Avalanche. Zum Start des Millenniums veredelten die Australier einen Stil, der schon damals überholt war wie Postkarten: Turntableism. Aus 3500 Vinylsamples bastelten Robbie Chater, James Dela Cruz und Tony Diblasi seinerzeit ein Debüt, dessen Welterfolg Jägern und Sammlern der dritten Vinylgeneration von C2D bis Birdy Nam Nam die Wege ebnete. Zwei digitale Revolutionen später kehren The Avalanche nun mit gleicher Technik zurück, und selten hat eine Band länger fürs zweite Album gebraucht, selten klang es mehr wie zuvor, selten war das egaler. Denn wenn das Rapduo Camp Lo nun Honey Cones Philly-Hit Want Ads in Because I’m Me mit Big Beat anfettet und Frankie Sinatra durch schwarzweißen Calypso und bekifften Hip-Hop zur Synthie-Oper wird, vibriert jede Faser im Leib – so unterhaltsam, kreativ, so sprudelnd ist Wildflower. Alles schon da gewesen? Kein Problem! Nachdem die 90er grad mit Blumenleggings und Eurodance recycelt werden, stehen die 00er ohnehin in den Startlöchern. Mit The Avalanche an der Spitze.
Mit frischen Hipster-Reportern wie Thilo Mischke und schwiegermüttertauglichen wie Stefan Gödde wagt sich ProSieben gerade erstmals in die Problemzonen der Welt. Den Weg vom spaß- zum erkenntnisdurstigen Plastikkanal hat aber ein anderer bereitet: Aiman Abdallah (Foto@Pro7), dessen Dauerbrenner Galileo nun volljährig ist. Ein Gespräch über Verantwortung im Infotainment, Politik bei den Privaten und Abdallahs Migrationshintergrund.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Abdallah, nach fast 4000 Sendungen plus Specials und Spin-Offs – gehen Galileo mit der Volljährigkeit irgendwann die Themen aus? Aiman Abdallah: Dafür ist die Welt zu vielfältig und unsere Neugier zu groß, um alle Fragen je gestellt, geschweige denn beantwortet zu haben. Allerdings gehen wir ähnliche Fragestellungen im Laufe der Jahre immer wieder mit neuen Schwerpunkten und Techniken an. Beschränkend könnte wirken, dass die Themen der Info- und Wissenschaftsformate von ProSieben besonders visuell sein müssen, also dramaturgisch gut aufzukochen?
Zu Beginn stand es tatsächlich im Vordergrund, was sich wie visualisieren lässt. Weil unsere Möglichkeiten da aber auch personell enorm gewachsen sind, gibt es kaum Themen, mit denen das nicht machbar ist. Aber es ist auf diesem Sendeplatz in der Tat wichtig, dass Information und Entertainment in einem guten Verhältnis stehen.
Und da gibt es keine Unwucht in Richtung Unterhaltung?
Es ist immer eine Gratwanderung, aber unterm Strich sollte Gleichgewicht herrschen – und der Erfolg zeigt, dass wir hier richtig liegen.
Auswahl und Aufbereitung vieler Themen erinnern an den Slogan eines Technikkaufhauses: Hauptsache ihr habt Spaß! Gibt es eine Schwelle der Verantwortung, die „Galileo“ mit seinen sorglosen Anleitungen zum Grillen, Rasen, Mann sein unterläuft?
Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst, recherchieren sauber, sorgen journalistisch für Mehrwert, also nicht nur Hauptsache Spaß. Aber ohne geht‘s um diese Urzeit eben auch nicht. Mit Spaß lernt sich‘s besser, sonst wird es schnell Schulunterricht. Mit Spaß kann man den Wissensdurst unser Zuschauer wecken; komplett stillen kann man ihn nicht.
Andererseits strahlt das Format eine Fortschrittsgläubigkeit aus, die angesichts von Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit vielfach verstört.
Wir müssen und wollen am Puls der Zuschauer sein. Wenn es sie interessiert, wird ein Thema durchleuchtet; wir können ja nicht am Publikum vorbeisenden. Relevanz bedeutet für uns, nah an den Menschen, ihrem Leben, ihrem Alltag zu sein. Und dazu gehören natürlich auch Themen wie Umweltzerstörung bzw. Ressourcenknappheit – unter anderem während Green Seven 2016: Save the Water.
Politik scheint dennoch eine eher untergeordnete Rolle zu spielen oder?
Tagesaktuell nicht. Wir wollen schon erklären, wie TTIP oder Milchpreise zustande kommen. Und an einem Schwerpunkt zur Türkei oder der interaktiven Doku Du bist Kanzler kann man sehen, dass Politik für uns eine Rolle spielt.
Gilt das auch für politisch heikle Themen wie Flüchtlingskrise und Pegida?
Zu Beginn der Flüchtlingskrise hatten wir einen Reporter vor Ort, der die Wege der Flüchtlinge nachverfolgt hat. Und zur AfD haben wir das Parteiprogramm unter die Lupe genommen.
Zumal Alexander Gauland einen Deutschen mit ausländischen Wurzeln wie Sie nicht als Nachbar will.
(Lächelt süffisant) Wer einen Boateng nicht als Nachbar will, will auch keinen Abdallah, aber gottseidank denkt ein Großteil der Menschen da anders.
Spielt ihre Herkunft im Alltag nach so langer Zeit vor der Kamera noch eine Rolle?
Ich wünsche mir natürlich, dass sie keine spielt, und danach lebe ich auch. Schließlich sollte man Menschen nach ihrem Charakter und ihrer Persönlichkeit beurteilen, nicht nach Hautfarbe oder Religion.
Ist das Wunschdenken oder die Realität?
Es ist so real, dass ich manchmal überrascht bin, wenn mich jemand wie Sie jetzt auf meinen Migrationshintergrund anspricht. Das es in meinem Arbeitsumfeld und Freundeskreis keine Rolle spielt, ist jedenfalls kein Wunschdenken. Ich wünsche mir für noch viel mehr Menschen als mich, dass das auch in deren Alltag Realität wird.
Als Sie Ende der Neunziger Galileo moderiert haben, waren Moderatoren mit dem ominösen „Migrationshintergrund“ eine absolute Ausnahme. Wäre das auch bei einem anderen Sender als ProSieben gegangen?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Sender mich wegen des überzeugenden Castings, nicht meiner Biografie wegen genommen hat. Aber was Weltoffenheit und Toleranz betrifft, war ProSieben schon immer ein Vorreiter.
Andererseits wird ihm seit jeher ein gewisser Unernst vorgeworfen.
Wissen Sie, es gibt nichts Schöneres als die Begeisterungsfähigkeit der eigenen Kinder, dieses Funkeln in den Augen, auch bei Erwachsenen zu erzeugen. Wenn wir ein Stück dieser Sehnsucht nach Leichtigkeit stillen, sind wir einen großen Schritt weiter. Nennen Sie den Unernst doch einfach einen positiven Blick in die Welt.
Werfen Sie den als Zuschauer mit oder bevorzugen Sie privat Arte?
Ich sehe vieles überall, oft mit dem professionellen Auge. Und als Serienfan streame ich einiges im Netz, bin aber auch bei ProSieben sehr gut aufgehoben.
Wie lange werden Sie das denn als Moderator nach bald 20 Jahren noch sein?
Über „Galileo“ hinaus mache ich auch Formate wie Big Pictures am Samstagabend, das ist der Traum jedes Fernsehmoderators, die Königsdisziplin. Ich bin also sehr dankbar für all die Möglichkeiten, mich auszuprobieren. Da frage ich mich: „Wenn ich hier alles machen kann, was ich machen will, was soll ich dann woanders?“
Gab es je Anfragen von der Konkurrenz, womöglich gar der öffentlich-rechtlichen?
Das möchte ich nicht vertiefen, bin aber bei ProSieben in diesem Genre sehr glücklich. Als ich 1998 zum Sender kam, stand er für Serien und Blockbuster; ich durfte da ein völlig neues Gebiet aufbauen. Wenn Leute um die 30 auf mich zukommen und sagen, ich hätte sie ihr Leben lang begleitet, macht mich das unglaublich stolz.
Gab es in Ihrem Leben eine lineare Entwicklung hin zum Moderator von Wissensfernsehen auf ProSieben?
Ja, das hat aber nichts mit dem Chemie- oder Physikunterricht in der Schule zu tun, sondern mit einer gewissen Neugier, die auch alle anderen Mitarbeiter von Galileo haben müssen.
Wollten sie die mal mit einem Thema befriedigen, das vom Sender unerwünscht war?
So, nach vier Wochen Fußballdruckbetankung mit 30 Millionen Zuschauern des französisch-deutschen Halbfinales und gut halb so viele bei Wales gegen Portugal können wir nun endlich wieder zur Tagesordnung übergehen. Für Suchtopfer hält sie zwar zunächst einen Wochenbeginn auf Entzug bereit. Um ihnen zumindest theoretisch ein bisschen Stoff nachzureichen, passen wir an dieser Stelle aber noch kurz vier Fragen abseits vom grünen Rasen in den freien Raum, deren Antworten die Faszination des Fußballs etwas klarer machen würde: Wieso lassen sich all die schicken, coolen, berlinmittigen Hipster-Models, die im Werbefernsehen andauernd mit Deutschlandtrikot ausrasten, nie zwischen den nicht ganz so schicken, coolen, berlinmittigen Durchschnittsbesuchern realer Fan-Feste blicken? Weshalb klingen sämtliche WM- und EM-Songs stets, als säße Xavier Naidoo mit Magenkrämpfen auf Peter Maffays Klo? Warum sehen die Bolzplatzkicker*innen im Respect-Spot der Uefa aus wie Sexroboter? Und war die Bandenreklame für Aserbaidschans Tyrannei eigentlich bereits ein PR-Feldzug für die Ausrichtung 2024 oder nur ernstgemeinte Produktinformation?
Das wäre doch mal ein Debatten-Thema, mit dem die Bild-Zeitung ausnahmsweise seriös Aufmerksamkeit erzielen könnte, statt ewig nur mit ihrer Mixtur aus Boulevard und Eigenlob, die das Springer-Blatt gerade abermals auf den zweiten Platz der meistzitierten Zeitungen im Land gerüpelt hat. Nur, dass Kai Diekmann die Originalbaupläne des Vernichtungslagers Auschwitz illegal außer Landes bringen ließ, hat sein Blatt gewiss nur zu erwähnen vergessen…
Erwähnenswert wäre noch die sensationelle Neuigkeit aus dem WDR-Rundfunkrat, dass die unendliche Geschichte, pardon: Lindenstraße um zwei weitere Jahre bis 2019 fortgesetzt wird. Auch nach den Staffeln 33 und 34 ist ein Ende allerdings außer Sicht. Es geht einfach immer und immer und immer weiter. So wie es eben einfach immer und immer und immer weitergeht mit dem TV-Dauerbrenner Nationalsozialismus.
Die Frischwoche
11. – 17. Juli
Wer nun glaubt, die Themen könnten da ausgehen, kann sich am Samstag zur besten Sendezeit davon überzeugen, wie viel Stoff noch unerzählt ist. Der Traum von Olympia mag zwar ein ausgewalztes Feld beackern. Florian Hubers Dokudrama über Die Nazi-Spiele von 1936 jedoch wählt einen echt eigentümlichen Ansatz zur Illustration der NS-Propagandashow.
Mit Wolfgang Fürstner und Gretel Bergmann porträtiert er darin den linientreuen Chef des Olympischen Dorfes und die jüdische Weltklassehochspringerin, die beide am Rassewahn der Nazis zerbrechen – was für ersteren im Freitod endet, weshalb ihn letztere um mittlerweile 80 Jahre überlebt hat. Und das Archivmaterial zu den angenehm dezenten Spielszenen ist vor allem dann umwerfend, wenn etwa eine Ansagerin „alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß“ begrüßt, während die Jugend der Welt ringsum feiert, als seien die Nazis ja eigentlich doch ganz okay. Die seifige Bruttigkeit des Genres vermieden, mit Wahrhaftigkeit überrascht – so darf der Nationalsozialismus gern TV-Thema bleiben. Immer und immer und immer wieder.
Derweil testet das Programm zwischen EM und Olympia kurz ein paar mehr oder minder innovative Erstausstrahlungen. ProSieben etwa schickt Thilo Mischke ohne journalistisches Handwerkszeug, aber mit lässigen Sneakers montags um 22.15 Uhr unter Ganoven wie japanische Mafiosi, die er dem Titel nach Uncovered, tatsächlich aber nur mit maximalem Thrill und verstörender Naivität vorführt. Arte startet Sonntag um 21.45 Uhr seinen jährlichen Summer of … diesmal Scandals. Zum Auftakt mit der italienischen Pornopolitikerin Cicciolina, die Anfang der 90er den Boulevard mit viel nackter Haut zum Sabbern brachte.
Noch weiter zurück in der Zeit reist die Mystery-Serie Stranger Things um ein vermisstes Kind im Jahr 1983, das Netflix am Freitag mit der immer noch hinreißenden Winona Ryder streamt. Tags zuvor startet der britische Achtteiler No Offense mit gleich drei ruppigen Ermittlerinnen im robusten Manchester auf ZDFneo. Das Nischenhighlight aber läuft heute im ZDF: Um 23.50 Uhr erzählt Cem Kayas Doku Remake, Remix, Ripp-Off die bizarre Story des türkischen Kinos der 60er und 70er. Unterm Namen Yeşilçam wuchs es seinerzeit mit Billigkopien bekannter Formate von Enterprise bis Supermann zur weltweit bedeutenden Filmindustrie – deren knisternde Dilettantismus heute fast ebenso erstaunt wie die Blüten des US-Präsidentschaftswahlkampfs, dem Arte Dienstag ab acht einen Themenabend widmet.
Und sonst? Gibt‘s feine Wiederholungen der Woche! Samstag zum Beispiel Ridley Scotts stilbildendes Roadmovie Thelma und Louise anno ‘91 mit Susan Sarandon und Geena Davis auf der Flucht und einem gewissen Brad Pitt in einer sexy Nebenrolle. Mittwoch zuvor (23.30 Uhr, BR) ist Martin McDonaghs Gangstergroteske Brügge sehen… und sterben? mit Colin Farrell als depressivem Killer auf der Abschussliste zu empfehlen. Schwarzweiß brilliert John Wayne heute (23.30 Uhr, NDR) als Siedlerschutz im Finale von Glen Fords legendärer Kavallerie-Trilogie Rio Grande von 1950. Und dokumentarisch ratsam: Guns N’Roses, das Bandporträt der gefährlichsten Band der Welt, Sonntag, 20.15 Uhr, auf Arte, mehr aber noch die famose Punkwurzelbehandlung Keine Atempause über die Ursprünge des deutschen Punk im Ratinger Hof, heute im WDR (23.50 Uhr).
Wie begeisterungsfähig Nordeuropäer wider alle Klischees sein können, erschließt sich nicht nur vorurteilsbehafteten Südeuropäern zurzeit ganz gut in Frankreichs Stadien. Je weiter man das Mittelmeer hinter sich lässt, desto ekstatischer werden die Leute. Welcher Sound für, sagen wir: Island steht, hätte man jedoch auch nach dem euphorischen EM-Auftritt der Eingeborenen mit Dreampop, Ambient, Electronica beantwortet. Zugeknöpftes Zeugs also. Aber Funk? Aldrei! würden da selbst Betroffene verneinen. Bis auf Júniús Meyvant. Der hat ihn ja, den Funk, wie sein Debütalbum Floating Harmonies belegt. Wobei ihn der junge Skater von den Westmanninseln weniger besitzt, als erobert.
Und welche Wucht das entfaltet, hat der Cockney-Rapper Plan B ebenso gezeigt wie sein deutscher Kollege Jan Delay. Ihr Funk versucht sich gar nicht erst an dessen tief empfundener Innerlichkeit. Er kocht auf mittlerer Flamme gar, bis daraus ein Pop wird, der bei aller Tanzbarkeit zum Denken anregt. Auch der von Meyvant alias Unnar Gísli Sigurdmundsson transponiert das Virile afroamerikanischen Ursprungs eher kopf- als bauchgesteuert in die Mitternachtssonne. Synkopischer Bass, verschwitzte Bläser – alles dabei. Aber ebenso ein Schuss nordischer Reserviertheit, der das Ganze so schön spannend macht.
Und um nochmals bei der Atmosphäre zu bleiben, die das winzige Inselreich gerade interkontinental emittiert hat: Das südpolare “Huh” der fußballbegeisterten Massen, also nahezu jedes Insulaners, hallt auch knapp eine Woche nach dem Viertelfinal-Aus gegen Frankreich weiter wie ein Soundtrack europäischer Völkerverständigung durchs Netz. Dass diese liebenswerte Kernigkeit allerdings keine Ausnahme vom wächsernen Minimalismus der örtlichen Popszene zwischen Sigur Rós und Björk ist, zeigt eine richtige Band mit richtigem Sänger zu richtigen Instrumenten, die alles andere als lieblich klingt, ohne dabei allzu kernig daherzukommen. Sie heißt Fufanu und macht eine Art technoiden Noiserock, das jedes beseelte Brüllen ihrer Landsleute zum Wiegenlied macht.
Als Techno-Duo gestartet, haben sich Frontmann Kaktus und sein programmierender Gittarist Guðlaugu zu einem Quintett erweitert, das voriges Jahr ein wenig beachtetes Debütalbum herausgebracht hat – bis Blur-Kopf Damon Albarn seine Liebe zu Fufanu entdeckte, woraufhin sie Radiohead zur Vorgruppe erhob, was die Aufmerksamkeit radikal nach oben trieb. Um dem wachsenden Hype um ihren psychedelisch dräuenden Alternative mit englischer Wave-Stimme gerecht zu werden, gibt die Band eine Deluxe-Edition von Few More Days To Go heraus, das ungeheuer breitwandig klingt, mit raunenden Synths unter der windschiefen Gitarre und einem Schlagzeug, dass den Bass mit überreichlich Becken aus der Tiefe holt. Nicht modern, nicht neu, umso weniger isländisch, aber unentrinnbar energetisch.
Fufanu – Few More Days To Go (One Little Indian)
Sarathy Korwar
Energie war auch das alte Antriebsmodul dessen, was einstmals Weltmusik hieß. Eine Art erdverbundener Kraft, so heißt es gern, habe den zum Ethno und entkolonialisierten Sound globaler Bodenständigkeit durchströmt, als entführe er den Genen, nicht den Boxen. Na ja. Aber ein bisschen was ist schon dran am Energiehaushalt irgendwie urwüchsiger Klänge. Etwa, wenn man Sarathy Korwar zuhört. Der Perkussionist aus den USA wuchs in der indischen Heimat seiner Ahnen auf und hat dort jene Traditionals der Sidi eingesogen, die vor 1400 Jahren als Händler über den Subkontinent zogen und dort allerlei tonale Spuren hinterließen, die Korwars Debütalbum nun aufschnappt.
Mit ziemlich coolem Jazz und vielfach treibender Electronica reichert er die historische Sangeskunst zu einer grandiosen Melange globaler Vielfalt an, die gelegentlich ein wenig verstört in ihrer disharmonischen Experimentierfreude, aber immer wieder den Weg zurückfindet in den ordnenden Beat. Und dazwischen flattert immer wieder hitzig ein Saxofon unter die fremdartigen Vocals und wilden Drums, als wolle es die Luft ringsum entzünden. Das macht Day To Day zu einem der ganz großen Geheimnisse des Sommers, irritierend und ergreifend, eine echte Energieleistung des Wahl-Londoners, ob nun ethnisch oder nicht.
Sarathy Korwar – Day To Day (Ninja Tune + Steve Reid Foundation)
Rechtspopulisten müsse man bekämpfen, nicht aber ihre Wähler – so geht das Mantra etablierter Parteien. Bullshit! Wer Rassisten wie die AfD wählt, ist selber einer. Über aggressive Fremdenfeindlichkeit als Antriebswelle reaktionärer Bewegungen, die Großbritannien gerade sehenden Auges in die Rezession treibt.
Von Jan Freitag
Parteiprogramme sind Nachtschattengewächse. Wie AGB und Beipackzettel durchaus von Relevanz für Wahlentscheidungen, führen sie ein Dasein im Halbdunkel politischer Aufmerksamkeit, selbst von der eigenen Klientel kaum gelesen. Warum auch: Schon das Kürzel der SPD signalisiert eine Gerechtigkeit, die der Wähler nicht groß nachblättern muss. Das Christliche der CDU steht stellvertretend für Tradition der Werte. Grüne wie Linke tragen das Wesen gar ausgeschrieben im Titel, während die Alternative für Deutschland ihren Rassismus bereits in der Präambel als…
Moment!
Dass die AfD rassistisch ist, findet sich auf 78 Seiten Parteiagenda ebenso wenig wie „Xenophobie“ oder für Fans leichter verständlich: „Ausländer raus!“ Was vermuten lässt, die vielfach schlechter gebildeten, sozial oft benachteiligten, kulturell abgehängten Wähler würden das Programm ihrer Wahl gar nicht kennen. Warum sonst sollten sie eine Partei wählen, die ihnen Mindestlohn und Kitaplätze nehmen, aber Wehrpflicht und Atomkraft zurückgeben will, die Gleichberechtigung ablehnt, Zwangsarbeit für Arbeitslose fordert und Wirtschaftskompetenz für überflüssig hält?
Eine Antwort gab das Frühjahr 2015. Die frisch gespaltene Wutbürgerinstanz nebst Sächsischer Sturmabteilung drohte im Wahl-Appendix „andere“ aufzugehen. Dann aber kamen die Flüchtlinge und als einige davon auf der Kölner Domplatte wüteten, wuchs die AfD und wuchs und wuchs auch ohne Parteiprogramm. Das gab es seinerzeit ja so wenig wie eine Agenda abseits vom Rassismus, der sich nur halbherzig als Anti-Islamismus tarnte.
Man muss die Ökonomie politischer Ideen also dringend von der Nachfrageseite her denken. Die Dreifaltigkeit der Demokratie rheinischer Prägung mag seit ihrer Zerfaserung in Weimarer Verhältnisse gebetsmühlenartig wiederholen, nicht Wähler von hart links bis härter rechts zu bekämpfen, sondern Gewählte. Tatsache aber ist, dass diese Gewählten zuletzt erst zu solchen wurden, wenn ihr nationalautoritärer Populismus rassistisch zugespitzt wurde.
Als Bernd Lucke den Weckruf 2015 schrieb, kratzte seine Expartei in spe an der Fünfprozenthürde. Manche Fraktion war zerstritten, ihr beflaggter Arm Pegida auf Pilotenstreikgröße verdorrt, die Alternative brauchte eine für sich selbst – und fand sie am Schlagbaum. Je mehr Fremde dort Einlass begehrten, desto mehr Fremdenfeinde wurden laut. Und nicht nur in Sachsen: Vor 13 Monaten wurde Polens moderater Präsident Komorowski trotz aller Stabilität durch Andrzej Duda ersetzt, dessen zusehends faschistoide PiS im Herbst auch den Sejm eroberte. Kurz darauf gewann der Front National Frankreichs Regionalwahlen, während Donald Trump die eigene Konkurrenz auf dem Weg ins Weiße Haus erst pulverisierte, als er Amerika gegen Terroristen und Vergewaltiger einzumauern drohte.
Parallel bescherte das Zerrbild vom blutsunrein gefluteten Inselreich der europafeindlichen Ukip einen Zulauf, dem nun das knappe Votum zum EU-Austritt folgte. Wäre die Türkei EU-Mitglied, hatte Justizminister Michael Gove im Vorfeld geraunt, würden sich „Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen“. Ein Sozialsystem übrigens, den der Austritt nun stärker gefährdet als jeder Geflohene, was Brexit-Fans ohne manifesten Rechtsextremismus im Gedankengut nun langsam für den Brexitexit entflammt. Für das Gros aber gilt: der Kernbestand sozialer Marktwirtschaft – innerer, äußerer, materieller und militärischer Frieden – wird von den USA über Deutschland bis Russland ethnischer Homogenität (Schweden oder Flamen findet selbst Nigel Farage nahe der eigenen Haustür akzeptabel) untergeordnet. Erstmals seit 1945 ist Abschottung in der parlamentarischen Demokratie selbst dann mehrheitsfähig, wenn sie Wohlstand und Sicherheit senkt.
Während Heinz-Christian Strache, Marie Le Pen oder Geeert Wilders die reaktionäre Hegemonie im Westen dabei noch legitimieren müssen, exekutiert die Rechte um Orban, Putin, Kaczyński ihr pannationales Herrenmenschentum im Osten längst per Ausschluss Andersartiger bis hin zu den Juden – wobei der Rassismus jener zwei Drittel Brexit-Wähler, die den Feminismus ablehnen, eben auf den Mann als Herrscher übers schwache Geschlecht übertragen wird. Das Dressing in diesem dialektischen Ideologiesalat aus verzagter Aggressivität und neoliberalem Protektionismus für kleine Männer mit großem Genom würzt die Propaganda mit: Angst. Angst davor, Fremde im eigenen Land zu sein. Angst vor Volksvernichtung durch Gutmenschen, Lügenpresse, Genderirrsinn. Angst vor Bedeutungsverlust des Patriarchats. Angst vor allem, was anders ist als das, was ist, wie es eben ist, nämlich die Herrschaft des eigenen Blutes über den eigenen Boden.
Umso wichtiger ist es für Parteien wie die AfD, ihren Rassismus nach innen zu hegen, nach außen aber zu chiffrieren. Angst ist was für Objekte, defensiv und abwehrend; ein Rassist agiert offensiv, Tendenz aggressiv, ist im Abwertungsdiskurs also das handelnde Subjekt, im politischen hingegen angreifbar. Um Angst vor Fremden als Steißgeburt eines völkischen Primats zu entlarven, reicht demnach ein Besuch digitaler Foren, in denen sich auch der nazistische Straßenköter Björn Höcke ungeniert als Rassist gefällt. Der Neojunker Alexander Gauland hingegen mag auf seinem inneren Rittergut Hauptschüler jeder Herkunft verachten; nach außen gibt er sich als väterlicher Hüter des Volkswillens.
Den Fremdenhass seiner Kunden (der mangels Vorbehalt gegen, sagen wir: Schweden eher kolonialistischer Art ist), bläst er zur kollektiven Furcht bloß auf, um sie mit Zucht und Ordnung, Hausfrauenehe und Testosteronkult, mit Härte gegen sich wie andere auf Dominanz zu drillen. Das ist populistisches Machtkalkül in Reinform, nur eines ist es selten: überzeugt xenophob. Dafür sind Frauke Petry, Boris Johnson, Norbert Hofer schlicht zu kultiviert. Anders als 15 bis 25 Prozent Wählern in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt, die das Gegenteil glauben (wollen). Weil ihnen die CDU zu human ist und die NPD zu krass, wählen sie eine Art vatikanisch-chinesische Möllemann-DVU und wähnen sich in der Mitte des Schweinesystems.
Dessen Altparteien brauchen also keinen Programmpunkt außer jenem, der verschlüsselt wird, konstruktiv anzugreifen. Die Siegesserie der AfD gepaart mit drei Anschlägen potenzieller Wähler auf Flüchtlingsunterkünfte pro Tag wird eindrücklich vom Leipziger Forschungsprojekt „Mitte in der Krise“ erklärt, das den Zuwachs rassistischer Einstellungen jenseits rechtsextremer Weltbilder belegt. It’s the racism, stupid – alles andere ist AfD-Wählern wie Brexit-Fans ohnehin meist egal. Und was dem Wähler egal ist, ist es auch den Gewählten.
Fuck Art, Let’s Dance & Red Hot Chili Peppers + Sigur Rós
Noch schwelgen viele in Erinnerungen ans bunt-glitzernde Fusion-Festival, das gestern zu Ende ging. Auch Fuck Art, Let’s Dance waren dort und haben mit ihrem Indiesynthiepop die Menge tanzen lassen. Für ihre experimentierfreudigen Auftritte sind die vier Hamburger mittlerweile über alle Genregrenzen hinweg bekannt. Beim Sonntagsbier am Dienstag im Café May sprechen Nico und Romeo heute über ihre musikalische Inspiration und Vorbilder in Sachen Performance.
Von Marthe Ruddat
freitagsmedien: In vergangenen Interviews fiel das Gespräch immer wieder auf eine gewisse Rockband, wenn es um Eure musikalische Entwicklung ging. Sprechen wir heute auch über diese Band?
Romeo: Also bei mir geht es da immer um die Red Hot Chili Peppers, falls du die erwartet hast.
Bingo! Welches Album ist dein liebstes?
Romeo: Definitiv die Blood Sugar Sex Magik. Es gibt auch noch viele andere richtig geile Platten von denen, aber die hat mich so richtig geprägt. Und ich glaube auch bei Tim und Damian ist das so. Nico ist da ganz anders.
Nico: Ganz anders!
Blood Sugar Sex Magik, ja, mit K! Das fünfte Studioalbum der Red Hot Chili Peppers ist bis heute ihr kommerziell erfolgreichstes Album. Mit Give it Away und Under The Bridge enthält es zwei immer noch oft gespielte Funkrock-Klassiker.
Ihr seid zusammen zur Schule gegangen und ward eine Gang, aber habt ganz unterschiedliche Musik gehört?
Nico: Nee, wir waren nur zusammen in der Grundschule. Die Jugend habe ich gar nicht mit den anderen verbracht, das zählt also gar nicht so richtig.
Romeo: Genau. Die anderen und ich haben so mit 14 oder 15 angefangen die Peppers zu hören. Mich hat das sofort total geflasht. Die Blood Sugar Sex Magikwar für mich eine ganz neue Musikrichtung. Und dann auch noch diese Live-Auftritte und das Improvisieren auf der Bühne, das war einfach der Shit.
Nico ging also auf eine andere Schule und hörte auch andere Musik?
Nico: Ja schon. Mein Bruder ist bei seinem Vater aufgewachsen und war in dieser Happy-Hardcore-Szene, Terrorcore und so einen Shit hat der gehört. Und sowas hab ich mir mit acht Jahren dann auch reingezogen. Das habe ich zwar lange gehört, aber eigentlich zählt das auch nicht so richtig. Was mich aber so richtig geprägt hat, ist Coldplay.
Oh no…
Nico: Jaja, du lachst! Jeder hasst Coldplay, du hasst Coldplay! Aber ganz ehrlich, als ich mit 14 die erste Coldplay-Platte gehört hab, war das wirklich der Hammer! Die hat mich dazu gebracht, dass ich selber irgendwie Musik machen wollte. Mittlerweile sind die natürlich ziemlich scheiße. Die haben ihre Seele verkauft. Spätestens als die angefangen haben irgendwas mit Justin Bieber zu machen. Die beste Anekdote ist eigentlich noch, dass Chris Martin mal selber die Story erzählt hat, dass David Bowie nicht mit ihm zusammen arbeiten wollte. Kann man irgendwie verstehen…
Coldplay wollten David Bowie tatsächlich mal für ein Feature gewinnen. Wortwörtlich soll er geantwortet haben: „It’s not a very good song, is it?“ Wirklich böse waren Coldplay ihrem Idol aber wohl nicht.
Wählst du als Platte jetzt also das Debut von Coldplay?
Nico: Nee. Also ich bin schon immer sehr exzentrisch gewesen, was Musik angeht. Ich habe schon immer krasses Zeug gehört: japanischen Noise, Avantgarde und alternative Dancemusik. Field recordings sind auch super. Ein Track ist sieben Minuten lang und mit Vogelgezwitscher oder irgendwie so was untermalt. Aber meine Lieblingsplatte, die ich auch rauf und runter höre, die ist von Sigur Rós.
Sigur Rós. Die isländische Band um Sänger und Gitarrist Jón Thór Birgisson ist unmöglich in eine bestimmte Schublade zu stecken. Trotzdem schafften sie es mit Fantasiesprache und fantasievollen Arrangements weltweite Aufmerksamkeit zu erzeugen. David Bowie outete sich als Besucher ihrer Konzerte als Fan.
Nicht wirklich populäre Musik. Du bewegst dich also weiter lieber in ungewöhnlichen Gefilden?
Nico: Ja, wie gesagt, ich habe früher immer diese Sachen gehört und irgendwann bin ich auf die () von Sigur Rós gestoßen .
Das hat also auch was mit deiner Computer-Affinität zu tun. Wie muss ich mir das vorstellen?
Nico: Ich hab da so meine Standardseiten. Die klappere ich immer mal wieder ab und manchmal findet man da wirkliche Schmuckstücke. Zum Beispiel ein paar richtig geile Indierock-LPs von irgendwelchen Japanern. Die würdest du sonst niemals hören und die Band kommt wahrscheinlich auch niemals hier her. Aber so entdeckt man viel und ich habe SigurRós gefunden. Trotzdem ist mein Musikgeschmack sehr breit gefächert. Nur Schlager mag ich nicht.
Manch anderer hat SigurRós vielleicht bei Game of Thrones entdeckt. In der vierten Staffel hatten sie einen Gastauftritt als Musikanten auf der königlichen Hochzeit und spielten eine Version ihres Songs The Rains of Castamere.
Romeo, erinnerst Du dich, wer die Peppers angeschleppt hat?
Nico: Stimmt, wer war bei euch eigentlich so der Erste? Das würde mich auch mal interessieren.
Romeo: Ich glaube, ich habe mit meinem Bruder immer zusammen Musik gehört und irgendwann kam Damian mit der Blood Sugar Sex Magik an. Wir fanden die alle ziemlich geil. Dann haben wir angefangen selber Musik zu machen, indem wir die Platte gecovert haben. Das waren dann so unsere Anfänge als Schülerband.
Das klingt, als hätte die Begeisterung mit dem Erwachsenwerden etwas abgenommen?
Romeo: Ja, die Peppers haben schon etwas an Charme verloren. Was uns immer beeindruckt hat und was uns als Band auch total wichtig ist,ist das, was live passiert. Sich ausprobieren und improvisieren. Und das haben die Peppers ein bisschen verloren.
Hörst Du die Platte denn noch?
Romeo: Ja schon. Aber ich höre heute ganz anders Musik und bastele mir immer neue Playlists. Bei den aktuellen ist sie dann eher nicht dabei. Wenn, dann höre ich sie eher komplett durch. Seitdem wir selber Musik machen ist das aber auch irgendwie anders. Es gibt einfach immer noch viele kleine Dinge zu entdecken, neue Gitarren oder Parts.
Trotzdem kennt die Platte eigentlich jeder. Bei Sigur Rós ist das anders. Nico, wie würdest du die Platte jemandem beschreiben, der sie nicht kennt?
Nico: Hmm, also sie ist sehr ruhig, sehr nachdenklich. Irgendwie ist sie gemütlich. Aber nicht so gemütlich, dass man einpennen will. Da sind so viele Kleinigkeiten drin, die man erst hört, wenn man sie zum zehnten Mal hört.
Um mal auf andere Art und Weise auf dem Kunstding eures Namens rumzureiten: Mit welchen Farben würdest Du die Platte beschreiben?
Nico: Oh, sehr düster! Noch dunkler als grau, grau-schwarz vielleicht. Oder ein düsteres Marineblau. Als wenn du 1000 Meilen unter dem Meer bist und eigentlich gar nichts mehr siehst. Schon echt böse und deprimierend.
Wann kam der Moment, als ihr euch von Vorbildern gelöst habt und den FALD-Stil entwickelt habt?
Romeo:Für mich war das dieses New-Wave-Ding. Zu der Zeit hat sich unsere Schülerband aufgelöst und ich habe angefangen mit Nico Musik zu machen. Das war 2005 oder 2006. Ich wollte unbedingt dieses neue Zeug ausprobieren und wusste, dass Nico so etwas macht. Der Rest war irgendwie Schicksal.
Nico: Es gab bei uns wirklich mal einen entscheidenden Punkt. Wir saßen zusammen und haben irgendeinen Digitalism-Kram gemacht. Nach drei Wochen haben wir dann gemerkt, dass das nicht unser Ding ist. Wir sind einfach eine Band! Und dann haben wir Tim ins Boot geholt, später dann Damian und nun sind wir eine richtige Band. Auch wenn bei uns immer viel Elektronik dabei ist, ist uns eine Sache besonders wichtig: viel Rock’n’Roll.
Den Rock’n’Roll von Fuck Art, Let’s Dance kann man in diesem Jahr noch auf zahlreichen Festivals live erleben. Alle Termine und weitere Infos gibt’s auf faldmusic.com.
Auch eine Woche danach ist es weiterhin selten, dass irgendwer mit irgendwem über irgendwas kommuniziert, ohne dabei Trauer, Wut oder Freude über den Brexit zu äußern. Sondersendungen sondieren unermüdlich Früh- und Spätfolgen des EU-Austritts. Geschäftliche wie private Mails enden konstant mit „deprimierte Grüße aus der EU-Stadt XY“. Selbst der Boulevard erforscht fleißig, was Europa ohne die Briten künftig fehlt (Popmusik, Amtssprache, Frühstücksbohnen?). Daran konnte auch das EM-Achtelfinale wenig ändern, in dem bis aufs EU-freudige Schottland (das gar nicht erst nach Frankreich reisen durfte) überraschend ganz Großbritannien stand.
Es bleibt also dieser seltsame Phantomschmerz, als sei dem Kontinent ein unersetzlicher Körperteil amputiert worden. Ein Gefühl übrigens, das dem Kummer über Götz Georges Tod auf nationaler Ebene ähnelt. Irgendwie immer schon zugegen, reißt er nach 77 Jahren auf Erden ein Loch in die hiesige Filmlandschaft, das auch gefühlt 250 Wiederholungen seiner Filme von Schimanski über Schtonk bis ins theatralische Spätwerk kaum schließen können.
Dass ihm aus allen Kreisen bis in die höchste Politik hinein kondoliert wurde, hatte allerdings einen recht robusten Grund, der den deutschen Beamtenstolz 1981 laut fluchend vors Schienbein trat. Als Götz George damals den Typus TV-Kommissar mit einem Duisburger Modell revolutionierte, war er nämlich gerade ganz schön weg vom Fenster. Da kann es kein Zufall sein, dass kurz vorm Bekanntwerden seines Ablebens verkündet wurde, Wolfgang Petersens Das Boot, das fast zeitgleich mit Schimi den deutschen Kinofilm weltmarkttauglich gemacht hatte, werde nun zur Serie. Ohne Petersen, Grönemeyer, Prochnow zwar, aber mit antikriegerischer Botschaft, die 2018 auf Sky exakt dort anknüpft, wo der Film einst endete – mit dem Untergang des Titelhelden aus Stahl.
Ob er wohl wieder auftaucht?
Die Frischwoche
4. – 10. Juli
Aber unter der Oberfläche ist es ja ohnehin oft aufregender. Erotik zum Beispiel entsteht eher selten aus vulgärer Zurschaustellung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale in hektischer Interaktion; sie entfaltet erst dann ihre erregende Wirkung nachhaltig, wenn nicht alles gezeigt/gesagt/gemacht wird. In diesem Lichte macht die sommerliche ZDF-Reihe erotischer Filme wuschiger als alles, was auf einschlägigen Fistfuckforen wie Youporn zu sehen ist.
Heute um 22.15 Uhr steigt sie mit der Adaption von Charlotte Roches, nun ja, skandalösem Roman Feuchtgebiete ein. Unter David Wnendts Regie schafft es der Film wie das Buch, die sexuelle Selbstbestimmung der experimentierfreudigen Helen (Carla Juri) von der aseptischen Perfektion gängiger Körperbeherrschung zu lösen und als Spielwiese ungefilterter Sehnsüchte darzustellen, ohne sie bloß voyeuristisch vorzuführen. Weit expliziter geht es da tags drauf in Lars von Triers Nymphomaniac zu, was die Sendezeit der – dann doch zusehends voyeuristischen Fortsetzung – am Freitag gegen Mitternacht rechtfertigt. Wenn die zügellose Joe (jung: Stacy Martin; älter: Charlotte Gainsbourg) nach ihrer rüden Entjungferung als Teenager ziellos die Grenzen der Normsexualität auslotet, ist schon mal mehr im Bild zu sehen als Sittenwächter zur Hauptsendezeit lieb ist.
Was genau am Mittwoch und Donnerstag zu sehen sein wird, entscheidet zurzeit die EM. In der ARD jedenfalls könnte dem Halbfinale übermorgen die Gaunerkomödie Alles Schwindel mit Benno Fürmann und Ursula Strauss als Kunstdiebe zum Opfer fallen, im ZDF ein Pilcher-Mumpitz. Tags drauf dann wäre es im Ersten Donna Leon und im Zweiten, hoppela, ein Pilcher-Mumpitz! Ach, könnte nicht doch immer Fußball sein? Zumal es Richtung Mitternacht ja auch ohne Quotenziele und Massenspektakel einiges zu sehen gibt.
Während die ARD der schwedischen Adaption von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand nach dem Bestseller von Jonas Jonasson um einen Greis auf Selbsterkundungstrip noch die Primetime gönnt, kriegt der aktuelle DebütFilm im Ersten Die Brücke am Ibar tags drauf die Sendezeit um 22.45 Uhr. Aber ernsthaft: Michaela Kezeles Liebesgeschichte zweier Feinde im Kosovo-Krieg mag cineastisch anspruchsvoll sein; für die Primetime ist das dann doch zu speziell. Ganz im Gegensatz zum HBO-Achtteiler The Night Of, ab Sonntag bei Sky abrufbar. Die Story um den Studenten Naz Khan (Riz Ahmad), der in New York zu Unrecht des Mordes bezichtigt wird, paart Krimi mit Justizdrama und somit zwei der populärsten Importstoffe aus dem angelsächsischen Raum.
Beide hat John Ford schon 1962 in seinem Spätwerk Der Mann, der Liberty Valence erschoss mit den damals populären Themen Western und Thriller verknüpft, was die schwarzweiße Wiederholung der Woche mit James Stewart als Senator mit dunkler Vergangenheit am Mittwoch (22.15 Uhr, ServusTV) zum zeitlosen Erlebnis macht. Ähnliches gilt für das Remake von Atemlos, in dem Richard Gere und Valérie Kaprisky parallel auf 1Plus den Pariser Cool von Godards Klassiker 1983 auf amerikanischen Rock’n’Roll trimmen. Weder cool noch Rock’n’Roll aber eine Weile sehr erfolgreich war die Neue Deutsche Welle. Warum NDW ausgerechnet in NRW ihren Anfang nahm, zeigt die WDR im dokumentarischen Wochentipp 99 Luftballons über Hagen heute um 22.40 Uhr.
Nachdem die erste EM-Woche besonders durch Bilder geprägt war, bleibt die zweite eher im Ohr haften – und das nicht nur, weil Bildschirmgeräusche jeder Temperatur am Freitag auf der FilmTonArt endlich mal ausreichend gewürdigt wurden. Kurz bevor zeitgleich der Jubel des Brexit-Lagers samt Wehklagen ringsum bis München drang, gab es für Hörseher allerlei Erstaunliches zu hören. Dem isländischen Reporter des Spiels gegen Österreich etwa entlockte der Sieg seiner Landsleute Laute wie auf einer effizienten Swingerparty. Bela Réthys süffisanter Sportpatriotismus dagegen machte nicht mal vorm deutschen Schiedsrichter Halt, dem das ARD-Fossil selbst krasse Fehlentscheidungen nationalstolz nachsah, während der sexistische Furor gegen Claudia Neumann nicht so klang, als hätte die erste Frau ein deutsches Länderspiel kommentiert, sondern gefordert, Pädophilie zum Schulfach zu machen.
Frauen im Fußball sind halt noch immer so irritierend wie Fußball auf Sat1 oder Fernsehen ohne Götz George. Das kaum messbare Interesse an den sechs EM-Partien, die dort aufgrund der Parallelität finaler Gruppenspiele liefen, zeugen jedenfalls davon, dass der Sender mit dem Ball sportaffine Zuschauer mindestens so sehr verwirrt wie all die Dialoge hinter vorgehaltener Hand, mit denen Trainer vieler Nationalmannschaften – warum auch immer – verhindern wollen, von professionellen Lippenlesern entlarvt zu werden.
Aber auch in der Politik, die angesichts des britischen Referendums auch diese Woche noch in Schockstarre verbringen wird, irritieren Frauen weiterhin selbst progressive Medien wie die Tagesschau. Der nämlich war vor Wochenfrist zu entnehmen, Virginia Raggi werde Roms „erste weibliche Bürgermeisterin“. Verrückt, nach all den männlichen Bürgermeisterinnen zuvor. Es bleibt dabei: Die Herren der Schöpfung und ein paar servile Damen an ihrer kernigen Seite wollen deren weibliche Geschlechtsgenossinnen nicht am Mikro sehen, sondern am Herd. Damit der treusorgende Ehemann nach Feierabend was Warmes auf dem Tisch hat und saubere Kinder zur Seite. Wenn die denn nicht gerade entführt, geschändet, vernachlässigt werden.
Zu ihrem elften Geburtstag bekommt Annika ihren geliebten Hund “Tabs” geschenkt. Foto: Martin Czernik
Die Frischwoche
27. Juni – 3. Juli
Wer Mittwoch Aktenzeichen XY sieht, könnte nämlich den (falschen) Eindruck gewinnen, Gefahr drohe Minderjährigen nicht durch Autoraser mit mutiertem Y-Chromosom oder falsche Ernährung, für die immer noch mehrheitlich Trägerinnen des intakten XX-Satzes zuständig sind, sondern durch Fremde mit finsterem Blick, die womöglich jene „fünf mysteriösen Fälle“ verschwundener Kinder verantworten, denen Rudi Cerne zur besten Sendezeit auf die Spur gehen will. Das klingt löblich, nährt aber einen fatalen Trend: die Zahl kapitaler Delikte von Mord bis zur Gewalt von und an Jugendlichen befindet sich seit der Wende nahezu durchweg im Sinkflug. Telegene Panikattacken wie XY jedoch sorgen unbeirrt dafür, dass die Bevölkerung mehrheitlich vom Gegenteil überzeugt ist. Gerade Kinder ziehen dabei immer. Geigen drüber, Augen auf, Quote hoch, fertig.
Immerhin ist zwischen Achtel- (bis Montag) und Viertelfinale (ab Donnerstag) gewiss, dass die Sendung auch läuft. Solang unklar ist, wer wann wo gegen wen spielt, lohn sich ansonsten nur dann ein abendlicher Tipp, wenn man auf die Sparte ausweicht. Arte zum Beispiel reist ab heute um 19.30 Uhr durch Italien, meine Liebe und zeigt es – angefangen in Kalabrien – täglich eine Dreiviertelstunde von seiner wirklich apartesten Seite, ohne seifig zu werden. Etwas Ähnliches gelingt im Anschluss mit der Donau, die 3sat sechs Teile am Stück von der Quelle über Eiserne Tor bis ins Delta erkundet.
Weniger idyllisch, dafür umso realer wird es um 22.45 Uhr in der ARD, wo das FilmDebüt im Ersten mit Ester Amramis Erstlingswerk Anderswo um eine Israelin in Berlin auf der Suche nach ihrer Identität. Noch realer, dazu nicht fiktional ist die kompromisslose Dokumentation Florence Fight Club, mit der EinsFestival am Mittwoch um 15 Uhr dem Calcio Storico auf den Grund geht, einer regellosen Form des Fußball, die einmal jährlich ihr bisweilen blutiges Welttreffen Treffen in Florenz feiert. Und tags drauf zeigt Arte das furiose Finale der dänischen Serie Die Erbschaft. Macht große Lust auf die zweite Staffel…
Bis dahin muss man sich in fußballgesättigter Zeit mit den Wiederholungen der Woche begnügen. In Farbe wären das zwei gänzlich verschiedene Filme zweier Epochen: Montag auf EinsFestival (20.15 Uhr) Ein Fall für Pink, Benedict Cumberbatchs erster Fall als Sherlock, in dem die Dominanz des Fernsehens übers Kino endgültig besiegelt wurde. Aus der Blüte des Kinos stammt der morgige Musikklassiker Flashdance auf SuperRTL mit Jennifer Beals als tanzende Schweißerin anno ‘82. What a Feeling! Das auch schwarzweiße Tipps entfachen: Der Kriegsthriller Saboteure (Montag, 20.15 Uhr, Arte) etwa, mit dem Hitchcock 1942 sein Markenzeichen der Suspense begründete. Und danach beim MDR (22.05 Uhr) ein Klassiker politischer Unterwanderung im Unrechtsstaat: Spur der Steine mit Manfred Krug als renitenter Brigadier Balla von 1966 mit anschließender Dokumentation zum Film.
Nein, geschmeidig klangen Deerhoof noch nie in ihrer episch langen Bandgeschichte. Seit sich Rob Fisk und Greg Saunier 1994 vereinigten, lag da immer ein dekonstruktivistisches Scheißegal überm Indierock, der mit Noise noch harmonisch umschrieben wäre. Zugleich jedoch verströmte das erste Dutzend Platten zwischen all den windschiefen Gitarrenriff-Karikaturen und implodierenden Beatgewittern oft eine Anmut, als wollten sie gefällige Liebeslieder schreiben, seien aber leider grad voll des Hasses für ihre Angebeteten. Das lag an der Bassistin Satomi Matsuzaki, die das Soundchaos über Sauniers abstrusen Drums entrückter, fragiler, rissiger sang. Schwer zu glauben also, dass der Widerspruch noch wachsen könnte. Aber er kann.
Das neue Album The Magic ist ein so hinreißendes Durcheinander, dass Lieder darin eigentlich kaum noch auszumachen sind – einfach weil jedes Fragment der tausendteiligen Songstrukturen für sich genommen schöner, reichhaltiger, grandioser ist als so manche Rockhymne, die ernster gemeint ist, jedenfalls ernster auf Hörbarkeit getrimmt. Ein prima Beispiel ist das Track-Doppel in der Mitte, nach dem Garagenbeachpunkgeschrammel Dispossessor flötet Matsukaki das anschließend dahinplötternde I Don’t Want to Set the World on Fire fast unbegleitet in Höhen, wo sie nicht hinsingen kann, was ihr aber herzlich egal ist. Liebe muss so schön sein, wenn sie den ganzen Emokram mal weglässt…
Deerhoof – The Magig (Altin Village & Mine)
Throws
In den ewigen Weiten dessen, was vor Urzeiten mal Weltmusik hieß, ist Sam Genders ein Magier des lässigen Grenzgangs. Mit Tunng digitalisierte der Brite einst den Ethnosound nordischer Prägung von London aus zur Folktronica. Später erweiterten seine Diagrams das Genre um Beats und Bläsersamples zum Artpop. Nun hat er seinen ausgewanderten Tunng-Kumpel Mike Lindsay in Reykjavík besucht und dort etwas ungemein Erfrischendes entdeckt: den gepflegten Unsinn. Auch ihr gemeinsames Projekt Throws wird vom tiefenentspannt souligen Falsett ihres singenden Songwriters geprägt; dazwischen aber sprudeln die irrsten Ideen aus dem gleichnamigen Debütalbum.
Das herrlich überdrehte Schlagzeug des isländischen Trommelderwischs Magnús Trygvason Eliassen zum Beispiel oder die Synthesizer eines Landsmanns, der im Studio nebenan gerade zufällig sein Talent zur pittoresken Disharmonie durchhören ließ und einfach mal ad hoc ins Demotaperecording gebeten wurde. Wenn in Stücke wie Play The Past eine verstimmte Ricky-King-Gitarre unters plätschernde Alleinunterhalterorgelambiente perlt, klingt das zwar zuweilen leicht nach Phil Collins in Bermudashorts. Aber es klingt eben fantastisch. Und die Videos dazu – deluxe!
Throws – Throws (Full Time Hobby)
.Klein
Musikalische Referenzen sind meist eine recht ambivalente Angelegenheit. In Form von Coverversionen können sie das Original zum Beispiel billig kopieren oder es kreativ auf die Spitze treiben, als Sample stumpf die Erfolgspfade anderer austrampeln oder aber eigene Felder fruchtbar machen. Wer die Anleihe ans Bestehende mit wirklich echter, glaubhafter Hingabe verwaltet, formt daraus dann durchaus mehr als Plagiate. Hingabe ist es auch, die den Multiinstrumentalisten Lutz Nikolaus Kratzer antreibt, um aus existierenden Sounds ein Album wie Bengal Sparks zu filtern.
Stilistisch fröhlich inkonsequent legt der Hamburger darauf unter dem Namen .KLEIN seine Funkschleifen über Streichersequenzen und garniert sie mit Hip-Hop, Americana, Indietronic, was immer aus ihm heraus sprudelt. Auch auf seinem dritten Album kann es da passieren, dass Rihanna nach Cake klingt wie im furiosen Nicotin Princess. Oder dass Präriegras durch den New Yorker Underground weht, wenn er für Low Rider den Irrsinn der Beastie Boys schreddert. Im anschließenden Track Pancake Man entsteht gar der Eindruck, Pfannkuchenmänner könnten Banjo spielen. Groß denken, .KLEIN heißen – hinreißender kann man sich kaum bei anderen bedienen.
.Klein – Bengal Sparks
Hype der Woche
Rick Astley
Es gibt da eine Legende im Musikzirkus: Wer eine LP von Jason Donovan auf 45 laufen ließ, bekam Kylie Minogue zu hören, was umgekehrt galt, wenn man die auf Single auf 33 drosselte. Alles ein Brei, den die späten Achtziger als Dancepop servierten. Was jedoch bei entstellter Geschwindigkeit aus Rick Astley geworden wäre, ist nicht überliefert. Wer auch immer sich 1987 sein Debütalbum Whenever You Need Somebody nebst zugehöriger 7# Never Gonna Give You Up gekauft hat, hat exakt einmal reingehört und dann beides in den Müll geworfen, so strunzblöde klang das Vinyl ohne Ricks Tanzschritte und viel buntem Likör intus. Man muss das wissen, wenn der Fastschotte nun sein Comeback feiert. Denn natürlich ist die Platte mit seiner Altersangabe 50 im Titel gereift. Natürlich steckt da Altherrensoulpopt drin, gepaart mit Lebensweisen, was er alles richtig oder falsch gemacht hat. So what? Will man das von jemandem hören, der einem im Idealfall scheißegal war, meist aber eher peinlich? Kann man, weil sein gepresstes Stimmdunkel nun altersgemäß angenehm klingt und der Sound ringsum versiert. Muss man aber auch nicht, dafür gibt es schon genug baugleiche Expopstars, die schon immer ganz gut klangen.