Weltfernsehtage & Zeugenhäuser

Werbung, RFT Color 20, FernseherGebrauchtwoche

18. – 23. November

Nein, die Woche, die war, war nicht grad die Woche der Wahrheit, bekanntlich das erste Opfer des Kriegs. Zunächst stellte das Erste im Rahmen von Günther Jauchs Talkshow zwar allerlei kluge Fragen an Wladimir Putin, der seine eigentümliche Sicht der Weltdinge allerdings nahezu unwidersprochen absondern durfte. Dann ging sein Propagandakanal Russia Today als TD-deutsch online, was der Wahrheitsfindung über humanistisch gesinnte Rotarmisten im Kampf gegen ukrainische Faschisten endlich auch hierzulande Vorschub leistet. Und zwischendurch erschien ein Youtube-Video, das die Rettung eines syrischen Mädchens unter Assads Scharfschützenbeschuss zeigt, was sich jedoch als Fake entpuppte, inszeniert von einem Norweger in Malta, der damit aufs weltweite Los armer Kinder aufmerksam machen wolle.

Na wenigstens beweist das Unterhaltungsprogramm seine unverbrüchliche Liebe zur Wahrhaftigkeit. Das lässt sich wunderbar an der Fernsehwerbung ablesen, wo ungeachtet von Emanzipation, Bildung, Intelligenz und ähnlich lästigen Hindernissen maskuliner Wesensentfaltung unverdrossen Frauen die Wäsche machen, während Männer mit Buddys Bier trinken und rohes Fleisch äsen. Neokonservatismus der Woche: In Spots von Obi über Check 24 bis Media Markt dekorieren sich unansehnliche Kraftprotze mit blutjungen Models, die sich ums Make-up kümmern, während ihre Göttergatten nach der Jagd am Blockhaus zimmern.

Und so einen rückständigen Mist sehen sich dann bis zu 87 Prozent aller Europäer an, die laut einer Studie täglich fernsehen (wenn auch nicht mehr auf Apparaten der Marke Metz, der Mittwoch als letzter deutscher Hersteller nach Grundig oder Nordmende Insolvenz angemeldet hat). Das haben die Vereinten Nationen zu einem wiederkehrenden Ereignis am vorigen Freitag ermittelt: Den Weltfernsehtag, an dem die UNO seit 1996 „eine bessere Welt gestalten“ will.

TV-neuFrischwoche

24. – 30. November

Das unterscheidet die Weltregierung zwar meist von denen, die diesem Ziel das entsprechende Programm beisteuern. Doch mitunter decken sich Anspruch und Wirklichkeit auf fast gespenstische Weise. Heute zum Bespiel zeigt das ZDF, was es gefühlt tausendmal gezeigt hat: akribisch kostümiertes Historytainment zu irgendwas mit Hitler. Doch die kammerspielartige Sachbuchverfilmung Das Zeugenhaus tut dies auf fabelhafte, vor allem fabelhaft dezente Art. Und das liegt nicht nur an den grandiosen Darstellern von Matthias Brandt über Rosalie Thomass und Iris Berben bis Edgar Selge, sondern daran, wie aberwitzig die Wirklichkeit dahinter ist: In so einer Villa wurden 1945 Zeugen von Anklage und Verteidigung der Nürnberger Prozesse einquartiert, also Opfer wie Täter. Heraus kommt ist ein Glanzstück geschichtlichen Entertainments.

Das gibt es zeitgleich auf Arte gleich mehrfach zu bestaunen. Im Rahmen seines Filmfestivals (das praktisch jeden Abend dieser Woche vorbehaltlos zu empfehlen ist) läuft da um 20.15 Uhr das ukrainische Melodram „Verwundete Erde“ über ein Liebespaar, das die Atomkatastrophe von Tschernobyl schicksalhaft verbindet und trennt. Dicht gefolgt vom deutsch-französischen Drama Captive, das ebenfalls nach realen Motiven die Entführung einer Entwicklungshelferin auf den Philippinen fiktionalisiert. Gänzlich irreal, dafür wunderbar irre ist die TV-Premiere des Horrorfilms Excision (Freitag, 23.05 Uhr, 3sat), der augenscheinlich ein blutiger Vorstadttrip des Außenseiters Pauline ist. Dahinter steckt allerdings ein groteskes, aber kluges Drama übers Pubertieren. Mit Ex-Pornostar Traci Lords als Mutter.

Was sonst in der Woche steckt? Neben dem zweiten Teil der grandiosen Krimireihe München Mord am Samstag im ZDF vor allem: Musik. Weniger ratsame wie bei Markus Lanz, der Grönemeyers neuem Album Dienstag (22.45 Uhr) eine zweistündige Dauerwerbesendung schenkt. Eher ratsame wie Mumford & Sons in Concert, der die Neofolkband auf Tour begleitet und zeigt, woher ihr unfassbarer Erfolg rührt. Sehr ratsame wie Sound of Heimat, der den neuseeländischen Saxofonisten Hayden Chisholm 30 Minuten später im WDR auf skurrile Reise durch Deutschlands Volksklänge schickt. So richtig ratsam ist dann auch der schwarz-weiße Tipp der Woche: 1925 begab sich die US-Dokumentation Moana (heute, 0:00 Uhr, Arte) auf die Spur samoanischer Riten und Gebräuche, was 90 Jahre später wie eine Überdosis psychoaktiver Substanzen wirkt – und damit dem farbigen Wochentipp recht nahe kommt: Sons of Norway (Freitag, 20.15 Uhr, EinsFestival), wo der norwegische Hippiesohn Nikolaj nach erstmaligem Hören der Sex Pistols unbedingt Punk werden will.


Ray Cokes: Achterbahn & Reeperbahn

s515494306608940095_p580_i2_w640Wie ein Hooligan

Für alle Digital Natives und sonstwie später Geborenen: es gab da mal einen Sender namens MTV, der hat das Fernsehen mit Musikvideos revolutioniert, lange bevor es das Internet gab. Sein berühmtester Moderator hieß Ray Cokes, dessen Sendung Most Wanted von jedem Teenager, der was auf sich hielt, vergöttert wurde. Bis, ja bis seine Karriere mit einem Wutanfall endete. Auf der Reeperbahn. Jetzt hat der englische Ex-VJ seine Autobiografie geschrieben – und spricht ausgerechnet dort darüber, wo er 1996 seinen Job verlor und elf Jahre wieder in die Spur geriet.

Interview: Jan Freitag

Ray Cokes, ein Interview am Rande der Reeperbahn, mit Blick auf den Spielbudenplatz – das ist schon ein besonderer Ort für Sie oder?

Ray Cokes: Absolut, einer der besondersten sogar. Genau hier wurde mein altes Leben, wie es war, beendet. Hier hat aber auch ein neues begonnen. Am Ende hatte ich auf der Reeperbahn mein Happyend, und wissen Sie was? Ich liebe Happyends. Deswegen bin ich trotz allem glücklich, wie alles gelaufen ist.

Wie ist es denn gelaufen?

Als ich hier 1996 auf der Bühne stand und die Toten Hosen nicht wie angekündigt gekommen sind, sondern nur auf der Leinwand zu sehen waren, hab ich mich wie ein Hooligan verhalten. Die Leute waren aufgebracht und ich hatte zu viel Angst vor ihnen, um kontrolliert zu reagieren. Das war das Ende meiner Karriere bei MTV. Aber vor fünf Jahren habe ich exakt an der gleichen Stelle die Chance gekriegt, wieder auf einer deutschen Bühne zu sein, was im Musikgeschäft ein ungemein wichtiger Ort ist. Besonders in einer Stadt wie Hamburg.

Klingt nach dem Stoff eines klassischen Dramas.

Deshalb habe ich auch meine Memoiren so aufgebaut, ein ungeheuer befreiender Akt in drei Akten. Im ersten steigt der Protagonist auf, im zweiten fällt er tief, im dritten rappelt er sich hoch. Die Reeperbahn stand da am Ende des ersten und am Beginn des zweiten Aktes. Denn so tief ich darauf gefallen bin – nach einer Zeit der Verwundung habe ich hier neues Selbstvertrauen gefunden. Ein bisschen wie Hollywood.

Oder Shakespeare.

(lacht) So weit würde ich nicht gehen, aber am gleichen Ort unterzugehen und aus der Asche wieder aufzustehen – das ist doch absolut filmreif. Vielleicht hätte ich dieses Buch auch ohne die Reeperbahn irgendwann geschrieben, aber dann wäre es bloß ein Buch über MTV Most Wanted gewesen, einen spannenden Musiksender und mich mittendrin. So wurde es die Erzählung meines Lebens.

Obwohl die meisten Leser vermutlich vor allem der MTV-Teil darin interessiert.

Das stimmt. Musiker sagen ja immer wieder: Mein Song gehört nicht mir…

Sondern der Plattenfirma.

(Lacht) Das ist das zynische Besitzverhältnis, damn it. Nein: dem Publikum! Die Zuschauer von damals, das erlebe ich auf allen Reisen, sind wirklich berührt von dieser Zeit. Der Sender und alle Leute darin hat ihnen echt was bedeutet, besonders Teenagern. Weil das für eine Autobiografie nicht ausreicht, war jetzt das Problem, die Zeit davor und danach so spannend zu schreiben, wie es sich der MTV-Teil von ganz alleine tut. Das war für den Perfektionisten in mir, der allenfalls mal schlechte Popsongs schreibt, eine Riesenlast. Mein Herausgeber hat mir einen Ghostwriter angeboten, aber den wollte ich nicht. Erster Fehler. Dann fragte er, wie lange ich brauche. Ich: sechs Monate. Zweiter Fehler. Aber nach eineinhalb Jahren habe ich gemerkt, wie befreiend das Schreiben der eigenen Memoiren ist, fast wie eine Therapie.

In der Sie zum Beispiel über so intime Dinge wie Ihre Depression sprechen.

Und dann auch noch vor Wildfremden! Menschen, die eine völlig andere Wahrnehmung von mir haben. Wissen Sie, es kann mir passieren, dass ich mal irgendwo auf einer Party den DJ spiele, also jetzt nicht im Sinne von Mixen, sondern zwei iPods nebeneinander, und es kommt jemand an und sagt, Man, du bist doch Ray Cokes. Ich verkaufe Villen auf Ibiza, die hier kostet fünf Millionen, und weil ich es liebe, was du getan hast, gebe ich sie dir für zwei. Wenn ich ihm dann sage, dass ich kaum 2000 habe, sagt er nur: Ach kommt, zehn Jahre MTV – du musst doch Multimillionär sein! Mein öffentliches Bild passt nicht immer zur Realität.

IMG_20141022_154427Trifft das etwa auch auf den fröhlichen, schlagfertigen, anarchischen Moderator zu, ist das gar nicht dieser Ray Cokes?

Doch, doch. Ich hatte nie eine Maske auf, ich war kein Schauspieler, ich bin ein Entertainer, dessen Lautstärke nur auf eine Stufe gestellt wurde, die jenseits der Kamera wohl ein Fall für die Klapsmühle gewesen wäre. Heute, im Alter, muss ich dafür etwas mehr Energie aufwänden; damals kam das voll aus mir selbst, purer Ray Cokes. Sogar der Reeperbahn-Vorfall war ich, das war keine Show, kein Ausbruch.

Trotzdem verändert so ein Leben im Rampenlicht auch den Menschen dahinter oder?

Schon, aber ich mache den Job mehr als die Hälfte meines Lebens, seit ich 27 bin. Diese Zeit lässt sich nicht vom Rest meines Daseins abkoppeln. Um ihn machen zu können, braucht man ein gewisses Ego, sonst kommst du im Showbiz unter die Räder. Aber wenn ich nachdenke – und ich denke viel nach –, spüre ich mittlerweile Ängste und Sorgen, die ich früher nicht hatte. Es sind die Sorgen eines Mannes, der oft antriebslos war und zu viel Zeit mit Videospielen verbrachte. So gesehen entspreche ich nicht mehr ganz den Stereotypen echter Bühnenstars.

Meinen Sie damit die gesamte Zeit von 1996 bis 2009?

Nein, ich hatte zwischendurch sechs erfolgreiche Jahre im französischen Fernsehen, aber zwei Jahre nach der Sache mit der Reeperbahn und ein Jahr vorm Neubeginn steckte ich in einem ziemlichen Loch. Ich musste mich mit PR-Moderationen über Wasser halten, die in der Krise zudem immer schlechter bezahlt wurden. Aber solche Zeiten machen dich ja auch stärker, ich hätte sie mir nicht gewünscht, möchte sie aber auch nicht missen. Man lernt zum Beispiel, dass die guten Freunde auch bei dir sind, wenn du nicht mehr auf tollen Partys bist. Und man lernt, sich aufs Wesentliche zu besinnen. Bei mir ist das sicher keine Jury eines Tanzwettbewerbs im Privatfernsehen, die man mir schon angeboten hat. Ich will etwas mitteilen: echte, relevante Musik präsentieren wie auf dem Reeperbahnfestival oder meine Biografie schreiben, das erste greifbare Produkt, das ich in meinem Leben zustande gebracht habe.

War MTV Most Wanted nicht Ihr Produkt?

Doch, schon. Aber ein flüchtigeres als ein Buch. Dennoch: MTV gab uns damals die Macht, 60 Millionen Haushalte in Europa zu erreichen, ohne irgendwelche Formatvorgaben zu machen. Bis auf mich waren alle VJs jung, jedenfalls zehn Jahre jünger als ich, es gab kaum ein Budget – so wird man kreativ und interessant. Wir hatten wirklich Narrenfreiheit, haben sie genutzt und die Kollegen aus Amerika, die dort schon fünf Jahre MTV gemacht haben, fragten verwundert: Was ist denn das für ein Typ da bei euch? Zu alt, zu wenig Musik, er macht alles nur kaputt, schmeißt ihn raus! Da hatte ich Glück, dass mein Boss uns machen ließ, solange wir nicht sexistisch, rassistisch oder beleidigend waren. Dennoch gab es ständig Briefe der Regierung, wann künstlerische Freiheit angeblich in Respektlosigkeit umgeschlagen sei. Diese Linie haben wir öfter mal berührt.

Auch überschritten?

Nein, dafür bin ich auch nicht der Typ. Und mir war bewusst, dass das Überschreiten 50.000 Pfund gekostet hätte, im Wiederholungsfall gar die Lizenz. Da war ich sehr wachsam. Und die Fans gaben uns ja das Gefühl, alles richtig zu machen – das konnte man an den Abertausenden Briefen und Faxen sehen.

Faxen?

Ja, diese futuristischen Telefone mit Papier. Sehen Sie – das waren echt unglaubliche Zeiten! Vielleicht die letzten, wo Fernsehen noch den Zuschauern gehörte und denen, die sie unterhalten haben. Keinen Shareholdern. Das hat MTV so besonders gemacht. Und genau deshalb war mir so wichtig, mit meinem Buch nichts zu zerstören. Das einzige, was ich je bewusst zerstört habe, war meine eigene Karriere, als ich auf der Reeperbahn durchgedreht bin. Trotzdem finde ich es unfair, wenn man zehn erfolgreiche Jahre auf fünf schwache Minuten reduziert.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass da ein Ottonormalverbraucher mit wenig Haar, gebügelten Hemden und ein paar Jahren zu viel auf dem Buckel so ein Teenystar werden konnte?

Schwer zu sagen, aber ich war wohl sowas wie ein dreister Onkel auf dem Familienfest, eine Art schwarzes Schaf, das anders ist, aber lustig und dabei nett, statt gehässig. Man muss sich das mal vorstellen: Hinter MTV stand damals einer der größten Sender und seine erfolgreichste Sendung wird von einem Haufen Idioten gemacht. Das schafft, selbst wenn man älter und weniger hip ist als andere, eine Verbindung mit normalen Menschen da draußen. Denen ich – abgesehen davon – Radiohead, Arnold Schwarzenegger, Take That ins Studio geholt hab. Ich war ein Sonderling, aber ein unterhaltsamer.

Heute ist MTV kostenpflichtig, Viva musikfrei, VH1 tot – gibt es etwas zu beklagen oder ist es einfach der Lauf der Dinge, dass Musikfernsehen ins Internet emigriert ist?

Ach wissen Sie, wenn ich meinen 16-jährigen Nichten und Neffen erzähle, dass man früher eine Woche auf seine Lieblingssendung im Fernsehen warten musste, erklären sie das doch für verrückt. Für die ist Fernsehen Vergangenheit. Mir selbst ist es egal, auf welchem Bildschirm gute Musik läuft, solange man den Menschen dahinter wirklich begegnen kann, statt nur ihr Produkt zu konsumieren. Dafür kämpfe ich, aber es ist ein Kampf für meine Generation, nicht für die Teenager von heute. Für die habe ich in den Neunzigern gekämpft. Und zehn Jahre lang nicht verloren.

Ray Cokes – My Most Wanted Life (432 Seiten, bebildert, deutsch/englisch, handsignierte Erstauflage, Schwarzkopf & Schwarzkopf)


Das Ende der Geduld: Duldung & Fiktion

Mehr Toleranz für Intoleranz

Seit Sonntag wirbt die ARD-Themenwoche auf allen Kanälen für Erdulden statt Akzeptanz. Das ist oft gönnerhaft – außer im fabelhaften Biopic Das Ende der Geduld mit Martina Gedeck als Jugendrichterin Kirsten Heisig. Heute Abend im Ersten wird Toleranz darin nicht verlogen gepredigt, sondern wirklich debattiert. Auch wenn die echte Juristin zuweilen besser wegkommt, als sie in der Realität womöglich war. 

Von Jan Freitag

Toleranz ist das Gebot der Integrationsstunde. Wer sich modern geben will, liberal und empathisch, betont zwanghaft seine Toleranz für alles, was irgendwie von der Norm abweicht: Behinderte, Homosexuelle, Andersgläubige, Ausländer, die vor allem. Wer tolerant ist, meint es ja gut. Dummerweise ist gut gemeint allzu oft das genaue Gegenteil von gut – weshalb die ARD in ihrer Themenwoche Toleranz selten das Gute feiert. Sondern die hässliche kleine Schwester der Akzeptanz. Wer tolerant ist, nimmt etwas mehr zähneknirschend hin, statt es aufrichtig als gleichwertig anzunehmen. Toleranz trägt den Keim der Verlogenheit weit tiefer in sich als vorgebliche Anteilnahme. Auch deshalb hätte sich Kirsten Heisig sicher mit Stolz als intolerant bezeichnet. Als sie 2008 am Amtsgericht Tiergarten tätig wurde, wollte die Jugendrichterin den herrschenden Umgang mit jungen Kriminellen am Berliner Brennpunkt nicht mehr hinnehmen und wendete die Gesetze daher strikter an als ihre wohlmeinend nachsichtigen Kollegen.

Die ortsübliche Toleranz mit straffälligen Jugendlichen aus Erschöpfung und Personalmangel nebst liberaler Rechtsauffassung ersetzte sie durch Zügigkeit, Härte und viel persönlichem Einsatz. Die erzieherische Wirkung schneller Urteile legte später den Grundstein ihres „Neuköllner Modells“, das bundesweit rasch Vorbildfunktion erlangte. Vom Umfeld allerdings brachte es derlei Rigidität viel Gegenwind, vom Boulevard den Titel „Richterin Gnadenlos“. Und von der ARD nun sogar ein Biopic. Das Ende der Geduld, benannt nach Kirsten Heisigs biografischem Sachbuch, schildert die letzten Wochen im Leben der streitbaren Juristin, die sich im Sommer 2010 inmitten des schwarzrotgoldduseligen Weltmeisterschaftstrubels das Leben nahm. Weniger gnadenlos als pädagogisch setzt sie sich als Corinna Kleist vor allem mit einem arabischen Clan ihres Kiezes auseinander, sucht stets die juristische Konfrontation, bietet kleine Deals für geringere Strafen an, urteilt hart, aber gerecht und gerät somit zu einer Art Lichtblick im trüben Wasser toleranter Verlogenheit. Was wiederum an Martina Gedeck liegt.

Denn wie sie die reale Richterin mit Wahrhaftigkeit füllt, ist – vorsichtig formuliert – eine Sensation. Ihr Gesichtsausdruck vermag es, Nähe und Distanz in einem einzigen Halblächeln zu vereinen. Allein Martina Gedecks Mimik kündet somit ausdrucksstark vom Dilemma zwischen dem tiefen Glauben an den Rechtstaat und dessen Hilflosigkeit im Angesicht anarchistisch entfesselter Bandenkriminalität zu verkünden. Wenn dann noch ihre sonore Stimme hinzukommt, glaubt man als Zuschauer, die echte Richterin zu begleiten, nicht bloß eine Schauspielerin.

Wie sie das haspelnd vorgetragene Gedicht eines abermals verurteilten Punkmädchens ausdruckslos mit „Mach’s gut, ich vertrau dir, komm nicht wieder, ja?“ statt schwülem Pilcher-Gesäusel kommentiert; wie sie der handelsüblichen Kindergeldtirade des Polizisten auf Viertelrundfahrt, „die übernehmen uns durch ihre Fruchtbarkeit“, ein trockenes „Neidisch?“ entgegnet; wie sie einer solchen Vielfachmutter auf die Klage in holpernden Deutsch, „wir brauchen Geld für Turnschuhe“, vors Kopftuch knallt, „Sie brauchen kein Geld, Frau Wahid, Sie brauchen einen Deutschkurs“; wie sie also tolerant bloß im Sinne der rechtlichen Schranken ist und ansonsten ihren Geist sprechen lässt – all dies macht Das Ende der Geduld zu einem bemerkenswerten Film über die Fallstricke der Realität. Trotz allem.

Trotz einiger Klischees liberaler Gutmenschen also, die wie der fabelhafte Jörg Hartmann als Jugendrichter Wachowiak unterm Talar zottelige Geisteskiffer sind, aber bei Konferenzen teuren Wein im Edelrestaurant verkosten. Trotz der Zeichnung libanesischer Gangs als quasi genetisch bedingte Unmenschen vor allem. Und ob Kirsten Heisig wirklich eine derart makellos moralgetriebene Superjuristin wie Corinna Kleist im Film ist, deren angebliche Depression als mögliche Suizidursache einfach mal komplett ausgespart wird, sei mal – schon aus Gründen der Pietät – dahingestellt. Dennoch ist Christian Wagners leiser, aber lautstarker Film eine famose Entzauberung der Scheinidylle bürgerlicher Toleranz zum Wohle von etwas, das dieser Kirsten Heisig zumindest in Form von Corinna Kleist abzunehmen ist: Akzeptanz menschlicher Unterschiede. Ein wenig mehr davon täte auch der ARD-Themenwoche gut.


Schmierseifenbambi & Toleranzgefasel

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10. – 16. November

Tatatatusch! Mit viel Glamour, reichlich Helene Fischer und einem Höchstmaß an Gefühlsduselei wurde Donnerstag live im Ersten der Bunte, pardon: Bambi verliehen und die Gewinner sind … längst schon wieder egal. Irgendwie bedeutsam waren sie schließlich ohnehin nur im Moment des Überreichens, wenn ergriffen Überreichende den Wert des künftigen Staubfängers auf Friedensnobelpreisniveau hochgejazzt haben. Interessanter als der Umstand, dass ein Schmierseifenvertreter wie Francis Fulton-Smith für die Trophäe nur einmal in seiner Karriere irgendetwas (nämlich Franz-Josef Strauß in Die Spiegel-Affäre) einigermaßen anständig machen musste, ist also weniger, wer das äußerlich vergoldete, innerlich wertlose Waldtier für was auch immer künftig in die Vitrine stellen darf, sondern dass Die Bergretter parallel im ZDF mehr ältere Zuschauer fanden als die Werbeshow fürs Klatschmagazin aus dem Hause Burda. Von jüngeren ganz zu schweigen, die sich lieber ein Casting auf Pro7 ansahen als Entertainment ihrer Urgroßeltern.

Aber vielleicht sollten wir mal Toleranz walten lassen. Toleranz mit dem Anspruch Anspruchsarmer ans Leitmedium. Toleranz mit deren Bedürfnis, nach Feierabend daheim oder Kaffee im Seniorenstift, Dinge regelprogrammiert zu kriegen, die den kriselnden Erdball für zwei Stündchen vor der Rüschengardine lassen. Toleranz, dieses spießbürgerliche Wort zähneknirschenden Erduldens statt vorbehaltlos Akzeptierens wird schließlich größer geschrieben als sonst dieser Tage. Die ARD feiert ja samt ihrer Nebenkanäle Woche der Toleranz.

Darin könnte sie nun Toleranz für eine zugehörige Plakatkampagne einfordern, die alles, was es im Sinne des Schwerpunkts zu Tolerieren gilt, erst recht der Ignoranz Intoleranter aussetzt. Was der Blogger Teilzeitnerd wunderbar persifliert, indem er fragt, ob man da nicht auch um Toleranz für Holocaust-Leugner bitten könnte. Oder sagen wir: Wladimir Putin, dessen Pressegesetze so pressefeindlich sind, dass sich CNN nach 34 Jahren bald aus Russland zurückzieht. Aber egal, ob man Schwarze nun als „Belastung oder Bereicherung?“ empfindet und Schwule als „normal oder nicht normal?“ – an sich bereichert die Woche seit Samstag durchaus die Debattenkultur.

TV-neuFrischwoche

17. – 23. November

Wäre das, was zu den Topsendezeiten gezeigt wird, nur nicht oft so piefig. Etwa wenn Christiane Hörbiger Montagabend den verhassten Roma nebenan im ARD-Film Bis ans Ende der Welt erst dann leidlich akzeptiert, als er sein musikalisches Talent offenbar und somit belegt, dass man sich Toleranz in diesem Land mit Leistung erarbeiten muss. Oder wenn uns zwei (selbst)betrügerische Freundinnen am Freitag im ARD-Melodram Die Sache mit der Wahrheit per Holzhammer einbimsen, dass ehrlich doch am längsten währt. Dazwischen gibt es zwar durchaus erhellende Dokus wie Jenseits der Toleranz über entlassene Kapitalverbrecher und ihre Isolation in Freiheit. Allerdings meist zu später Stunde, in diesem Fall Montag um 23.15 Uhr (ARD). Den Höhepunkt gibt es dann aber wieder zur Primetime: Das Ende der Geduld, wo Martina Gedeck am Mittwoch die echte Jugendrichterin Kirsten Heisig bis zum Selbstmord so wahrhaftig spielt, dass über Toleranz wirklich neu gedacht werden muss.

Das hat auch Adnan Maral (bekannt als Vater aus Türkisch für Anfänger) getan, als er für seine ARD-Reportage auf die Suche nach Gewalt im Namen Gottes ging, wobei damit Sonntag vor der Sportschau natürlich islamistische gemeint ist. Doch wie der türkisch-deutsche Schauspieler das umsetzt, ist auch jenseits der Toleranzwoche sehenswert. Wie das, was Arte seit Sonntag im jährlichen Filmfestival zeigt. Alles Sehenswerte aufzulisten, würde den Rahmen sprengen. Hervorzuheben ist aber die deutsch-französische Comic-Verfilmung Huhn mit Pflaumen (Dienstag, 20.15 Uhr) über einen rasend lustigen Iraner, der sich nach dem Verlust von Frau und Geige noch sieben irrwitzige Tage zum Leben gibt.

Wobei Irrwitz ein guter Übergang zum irrwitzigsten Film der hiesigen Filmhistorie ist: Fraktus, der Samstag (21.35 Uhr) als Teil des Arte-Schwerpunkts Godfathers of Techno läuft, zwei Stunden später ergänzt um die Reportage Sound of Belgium, die das Land als Keimzelle repititiver Musik zeigt. Und Donnerstag widmet 3sat dem Irrsinnigen Quentin Tarantino ab 22.35 Uhr unterm Kennwort Kino ein Porträt, gefolgt von seinem Meisterwerk Jackie Brown.

Stichwort Meisterwerk: Den schwarzweißen Tipp der Woche bildet Montagmitternacht Das Blumenwunder, in dem der deutsche Regisseur Max Reichmann 1925 pflanzliches Wachstum in Zeitraffer nachtanzen ließ! Der farbige Wochentipp dagegen ist von 2012: The Deep (Dienstag, 20.15 Uhr, ServusTV), ein isländisches Drama um den realen Fischer Gulli, der vor den Westmännerinseln kentert und überlebt.


Reisereportage: Per Postschiff zum Nordkap

IMG_3485Mehr wäre weniger

Eine Kreuzfahrt mit den Hurtigruten ist weniger eine simple Fahrt zum Nordkap als eine ins Innere seiner Seele. Dass die Schiffe bei aller äußeren Schönheit innerlich eher geschmacklos sind, gehört scheinbar zum Programm: erst an Deck und in den Häfen lernt das Gemüt laufen.

Von Jan Freitag

Mit der Farbe ist das so eine Sache. Was bunt ist, steht für Lebensfreude und Leidenschaft, für Vielfalt, Liebe, solche Sachen. Tristesse dagegen hat keine Farbe; Schwermut ist grau, Einfalt schwarzweiß und der Tod, berichten jene, die ihm mal nah waren, grüße Sterbende mit gleißendem Licht. Soweit die klassische Farbenlehre. Dann aber steht man an Bord der Polarlys und kann kaum genug kriegen von der Ödnis. Dann sieht man in Norwegens winterliche Fjordwelt und sehnt sich auch im Frühling nichts weniger herbei als den Sommer. Denn wenn sich dieses Kreuzfahrschiff, das keines sein will, weil es nur ein Postschiff der Hurtigruten ist, wenn also dieses Arbeitsgerät von 123 Metern die Westküste nordwärts fährt, an jedem Hafen hält, Ladung löscht, Passagiere aufnimmt, normale Norweger zumeist, und weiterfährt Richtung Nordkap, ändert das Auge seine Gewohnheiten.

Und trist wird bunt.

Doch was heißt hier trist, was bunt? Während der Frühling in Deutschland, wo zwei Drittel der Gäste wohnen, gerade alles koloriert, durchmisst die Fähre mit Freizeitabteilung eintönige Landschaften, die noch ihren Winterschlaf halten und gerade deshalb schillernder kaum sein können. Von der Hafenstadt Bergen aus, fast auf dem Breitengrad Islands, startet die Polarlys am Abend eines verhagelten Maitags auf eine der schönsten Seereisen überhaupt. Der regendunkle Mittagshimmel lässt zwar wenig Gutes erahnen für die nächste Woche gen Mitternachtssonne. Doch das ist nur der Schock vorm Ablegen. Und der zweite folgt an Bord.

Im Gegensatz zu dem, was außerhalb der sieben Decks bald folgt, ist das Interieur des Schiffes ein Inferno der Neunziger, als es entstand. Alles daran wirkt ästhetisch überladen wie seinerzeit die Leggings an Frauenbeinen. Bizarre Muster – gern mit Muscheln – fluten jede Faser Teppich, der sich die Bordwand empor zu fressen scheint. Jede Applikation wiederholt sich unablässig wie der stupideste Technobeat jener Jahre. Das ganze Ambiente erinnert an ein Schulterpolster im Blumenblazer. Baujahr 1996 eben, offenbar um Funktionalität bemüht, leider im Zeitgeist gefangen.

Und doch hat das Fegefeuer innenarchitektonischer Geschmacklosigkeit einen höheren Zweck, fast eine Mission: Es liefert den nötigen Kontrast zur Welt da draußen, die sich von Fjord zu Fjord und Ort zu Ort weiter öffnet. Hätte die Einrichtung der Polarlys einen Sound, er läge mittig zwischen Eurodance und Volksmusik. Kaum aber, dass stählerne Deckstüren zentimeterdick verpackte Kreuzfahrer ins Freie entlassen, weicht der kakophonische Lärm einer Symphonie der Stille. Bis aufs leise Tuckern des Schiffsdiesels, der den Ohren anders als auf den schwimmenden Hotelclubs à la Aida den Eindruck vermittelt, wirklich auf dem Wasser zu reisen, herrscht hier völlige Stille. Und sie erzeugt eine innere Ruhe, die man wohl nirgends sonst erlebt.

Das hat viele Gründe. Das Spektakel einer verschrobenen Umwelt, die Norwegens Westrand in Jahrmillionen ausgefranst hat wie eine alte Fahne im Orkan dieser Gegend. Das klärende Licht des immerwährenden Tages, der mit jeder Meile nordwärts tiefer in die Nacht ragt. Dazu völlig unberührter Schnee auf dem steil ansteigenden Festlandschelf, der nicht nur an den Golfstrom leckt, sondern auch an den Seelen der Passagiere. Seltsam geschrumpfte Menschen also, die hier von einer Demut ergriffen werden, als läse der Fels die heilige Messe. „Natur pur“ preisen Reiseführer flankiert von PR-Worten wie faszinierend, traumhaft, einzigartig. Alles korrekt und doch nur die halbe Wahrheit. Das Wesen der schwarzrotweißen Postschiffflotte, die das Leben der Bewohner seit 1893 auf 2700 Küstenkilometern verbindet, es beinhaltet weit mehr als zwei entspannte Wochen bei maritimer Kost und netten Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten wie dem spektakulären Geirangerfjord oder Kurztrios mit dem Jetski, Rentierkontakt garantiert. Mehr auch als die dauernde Vorbeifahrt an aberwitzig Schauspielen der Natur. Denn mindestens ebenso bedeutend ist Ørnes, ein Fischerdorf voll emsiger Hafenarbeiter, das nichts mit den betonierten Glasstahlthäfen fernab touristisch verwertbarer Ortskerne zu tun hat, in denen Kreuzfahrer andernorts gern in Reisebusse gekippt werden.

Hier steigt kaum jemand aus, hier steigt Harald zu. Mit Anfang 30 ist er kaum halb so alt wie das Gros der Feriengäste und unterscheidet sich auch dadurch vom Durchschnitt, dass er nicht ständig eine roten Becher für Gratiskaffee in der Hand hält, den die Kreuzfahrer zu Beginn der Reise für 40 Euro kaufen, um im sündteuren Konsumangebot wenigstens diesen Posten zu minimieren. Der wortkarge Industriemechaniker bevorzugt nach Schichtende zwei Dosen Bier, während ihm die Polarlys 200 Kilometer Heimweg nach Bodø spart, von wo aus das Schiff zu den Lofoten übersetzt. Auch die Inselgruppe mag im diffusen Glanz der nächtlichen Sonne verzaubern mit Plakatschönheiten wie dem Trollfjord, der selbst die drei demutsfreien Amerikanerinnen am Panoramafenster kurz zum Schweigen bringen – ihren echten Geist atmet die Reise woanders. In Svolvær etwa, der größten Inselstadt und doch ein Nest mit Dönerbude auf dem Platz, aber  sonst praktisch nichts. Außer einer Atmosphäre zum Niederknien. Wie in Tromsø, kurz vorm Ziel. In dieser Mischung aus Bullerbü-Syndrom und Alltagsrealität kann man sich mental gut vorbereiten auf den nördlichsten Punkt europäischen Festlandes tags drauf.

Beeindruckende Steilküste. 2000 Kilometer zum Pol. Schickes Museum. Nördlichster Supermarkt. Nördlichstes Kino. Nördlichste Toilette, Siedlung, Cafeteria. Alles der Welt. Abgehakt, denn selten war der Weg mehr das Ziel: Eine Reise, bei der selbst grauer Himmel über grauem Meer kunterbunt wird, weil hier nichts künstlich bemalt ist, sondern so ist wie es ist. Eine Reise, auf der mehr weniger wäre.

http://www.hurtigruten.com/de/


Germanfriday: Einstürzende Neubauten, Funny van Dannen

Einstürzende Neubauten

Um aus Geräuschen Musik zu machen, Bedarf es eines gewissen Abstraktionsvermögens. Um aus Abstraktionsvermögen Musik zu machen, bedarf es der strukturierenden Metrik. Um aus Metrik Musik zu machen, bedarf es eines Gefühls für Rhythmus. Um aus Rhythmusgefühl Musik zu machen, bedarf es das Bedürfnis, überhaupt Musik machen zu wollen. Vor allem die ersten drei Schritte bildeten bislang verlässlich jene Grundlage, auf der die Einstürzenden Neubauten Klangkosmen erzeugten, deren Geräuschteppiche zu wahren Symphonien gerinnen konnten. Und weil dem postindustriellen Experimental-Kollektiv schon zu Beginn seines Bestehens vor 35 Jahren auch Schritt 4 am Herzen lag, hat es den Begriff des Musikalischen stetig erweitert, bis mit Silence is Sexy anno 2000 ein Zustand erreicht wurde, der sich eher an Bach misst als am Pop. Seither aber geht der Weg scheinbar Schritt für Schritt zurück. Bis jetzt. Bis LAMENT.

So heißt das neue, nach inoffizieller Schätzung ungefähr 35. Album. Und dafür die Klammer Musik zu benutzen, bedarf schon etwas mehr Abstraktionsvermögen als purer Metrik. Verfolgten Blixa Bargeld, Alexander Hacke und N. U. Unruh seit 1980 spürbar den Ansatz, noch den verwirrendsten Geräuschkaskaden einen Rest von Metrik, Struktur, ja: Melodie zu entlocken, so beschränkt sich LAMENT vollends auf den einzelnen Ton in scheinbar willkürlicher Aneinanderreihung. LAMENT ist so gesehen eher Stockhausen als Punk, eher Cage als Noise, eher Fabrik als Industrial, also nach musiktheoretischem Ermessen immer noch anspruchsvoll; hörbar ist es nicht. Nicht zuhause jedenfalls oder unterwegs. Höchstens live, wenn Einstürzende Neubauten das klanglichen Nichts zur Kunstform erheben. Denn nichts anderes ist LAMENT: Kunst. Musik geht anders.

Einstürzende Neubauten – LAMENT (Mute)

Funny van Dannen

Alles easy, alles gut – wenn man Funny van Dannen wie im Titeltrack seiner neuen Platte Geile Welt beim Singen zuhört, wird all die Schwere ringsum ein wenig leichter. Krisen, Kriege, Magenprobleme – hinfortgepustet wie ein blauer Fleck auf Kinderbeinchen. Funny van Dannen vom westlichsten Rand der Republik braucht nur ein paar Akkorde, um dem Bösen da draußen eins zu Husten, mit Texten, die den Ernst der Welt verlachen, ohne ihn zu negieren. Mit Humor und Gefühl und unglaublich präziser Beobachtungsgabe, die selbst politisch unkorrekte Zeilen wie Auch schwarze lesbische Behinderte können ätzend sein sonderbar statthaft machen. Wichtigste Voraussetzung für dieses Grundverständnis zwischen Sender und Rezipient war allerdings: diese Ruhe. Funny allein auf der Bühne, bei ihm seine Gitarre und dieser Kopf voll kluger Flausen. Geile Welt jedoch ist ein Bandalbum. Und das ist ein kleines Problem.

Denn noch immer sind die Texte darauf von einer lebenssatten Erhabenheit, die das Publikum aufwühlt und beruhigt zugleich. Mit echter Begleitband allerdings, die in Stücken wie Losgehen oder Geld sogar richtig abgeht, wird das lustig-besinnliche Singer/Songerwriting des Wahlberliners irgendwie erdrückt, fast negiert. Gut – Geile Welt hat unverdrossen Funnyeske Preziosen wie Lebensbejahend, in denen er lebensbejahend Fleisch kocht, während ihm seine Kinder gegenüber sitzen und fragen, ob er nicht mal lebensbejahend Hamburger machen könne. Darüber hinaus aber stört das Instrumentelle eher, als dass es die Platte voran brächte. Trotzdem ist auch dieses Album purer van Dannen, sprachlich grandios und auch sonst ziemlich schön. In aller Unruhe.

Funny van Dannen – Geile Welt (JKP/Warner)


Hans-Jochen Wagner: Norm & Ausbruch

Geliebt werden will jeder

Hans-Jochen Wagner ist der vielleicht erfolgreichste Unbekannte im hiesigen Film und Fernsehen. Seit der 45-Jährige 2003 in Stefan Krohmers Sie haben Knut seine erste Hauptrolle hatte, waren grandiose Figuren in tragender Funktion dabei – dennoch verbinden wohl die wenigsten einen Namen mit dem Gesicht des Schwaben. Vielleicht liegt das am hintergründigen Spiel, vielleicht daran, dass seine zweite Heimat noch immer das Theater ist, vielleicht reichen sperrige Filme wie Maren Ades Alle anderen und Episodenfiguren beim Tatort doch nicht für echten Ruhm. Damit kann Wagner allerdings gut leben, wie er im Interview zu seiner ersten Reihenhauptrolle als Ermittler im ZDF-Krimi Kommissarin Heller erzählt, die Samstag endlich in die zweite Runde geht.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Wagner, im Dortmunder Tatort haben Sie zuletzt als pädophiler Familienvater die Gegenseite des Gesetzes gespielt, in Kommissarin Heller stehen sie auf der Guten. Macht das als Schauspieler einen Unterschied?

Hans-Jochen Wagner: Auf welcher Seite des Gesetzes eine Figur steht, ist gar nicht so von Belang. Was eine Figur ausmacht, sind ihre Konflikte. Und bei einem pädophilen Familienvater wie im Tatort liegen die auf der Hand, bei meinem Kommissar Verhoeven muss man die erst suchen. Das ist also im Grunde die spannendere Aufgabe – für mich ebenso wie für die Zuschauer. Handwerklich gibt es – solange ich als Ermittler nicht bloß danach fragen muss, wo der Verdächtige gestern Abend zwischen acht und halb neun war – kaum Unterschiede.

Bleiben Pädophile und Serienkommissare eigentlich noch immer am Darsteller kleben wie einst der Kindermörder Schrott an Fröbe oder Derrick an Tappert?

Nein, denn das hing stark mit einer Zeit zusammen, als Fernsehkommissare noch völlig anderes Gewicht hatten; schon weil sie mangels Alternativprogramm von viel mehr Menschen gesehen wurden. Damals war das Thema von Es geschah am hellichten Tag zudem neu, während Kinderschänder im heutigen Krimi fast schon inflationär gebraucht werden. Es nimmt der einzelnen Tat am Bildschirm ihre Singularität und damit den Schrecken, wenn in jedem zweiten Fernsehfall dadurch Suspense erzeugt wird, dass die Opfer Kinder sind.

Nun – wie in der ersten Folge von Kommissarin Heller ja auch…

Natürlich sind wir da keine Ausnahme, allerdings muss man hier hinzufügen, dass diese Situation schon in dem Roman von Sylvia Roth angelegt war, auf dessen Grundlage diese Folge geschrieben wurde.

Sie haben also nicht das Gefühl, das Format könnte an Ihnen haften bleiben?

Beim Tatort hätte ich die vielleicht, weil da eine ganz andere PR-Maschinerie dranhängt. Unser Format heißt zudem Kommissarin Heller, nicht Verhoeven. Was mir gut gefällt. Aber man sieht ja auch an unserer Besetzung, dass es eher um Geschichten als Gesichter geht. Der Tatort dagegen setzt mittlerweile sehr auf Köpfe.

Til Schweiger hätte es vor zehn Jahren dort nicht gegeben?

Never ever! Lisa und ich funktionieren voll übers Erzählen, nicht über unsere Namen. Ich kriege nun mal keine Homestory in der Bunte, das ist einfach so.

Aber warum ist das überhaupt so? Seit Sie haben Knut vor elf Jahren haben Sie doch regelmäßig Hauptrollen.

Schwer zu sagen. Auch wenn ich eine Weile lang relativ oft Familienväter gespielt habe, bin ich doch so ein wenig als Spezialwaffe ohne festgelegtes Rollenprofil bekannt. Ich würde mich als Schauspieler wandlungsfähig nennen und als Mensch nicht sonderlich exaltiert. Das sorgt für einen vergleichsweise geringeren Wiedererkennungswert, der für echte Stars unerlässlich ist. Mir geht’s um meine Arbeit, die glücklicherweise anerkannt wird.

Rote Teppiche sind eher nichts für Sie?

Doch, nur wissen halt viele Fotografen, wenn ich drauf stehe, nicht meinen Namen. Aber, das lässt sich ja ändern.

Außerdem ist das halt das Schicksal des Schauspielers, der oft an erster Stelle nach den Hauptdarstellern steht wie in Maren Ades Alle anderen.

Das stimmt wohl.

Suchen Sie diese Position auf der Besetzungsliste gezielt?

Ich lehne jetzt nicht aus lauter Bescheidenheit Titelhelden für tragende Nebenrollen ab. Aber als Typ kommt einer wie ich eben eher hintergründig rüber, und zwar selbst dann, wenn ich die Hauptrolle spiele. Andererseits sind Randfiguren zwar wichtig und oft besonders präzise zu spielen, aber der Einfluss, den man mit Hauptfiguren nimmt, ist ungleich größer. Und den möchte fast jeder Schauspieler ausüben, da geht es nicht um Eitelkeit. Besonders am Theater.

Wo Sie scheinbar mindestens genauso zuhause sind wie vor der Kamera.

Ach, das nimmt sich nichts. Beides zu verbinden, ist terminlich nur oft nicht einfach, da gerade Theater ein Höchstmaß an Planung erfordert. Aber es gibt ebenso tolle wie Scheiß-Filme, so wie es tolle wie Scheiß-Inszenierungen gibt. Das Schöne am Film ist allerdings, dass er nach dem Drehen weg ist und fertig. Wenn du ein Theaterstück nicht magst, musst du trotzdem am nächsten Tag wieder damit auf der Bühne stehen. Und dann gute Nacht! Andererseits ist die unmittelbare Resonanz aus dem Publikum unersetzlich, selbst im Kino gibt es Premieren mit Zuschauerdebatte; nach einem Fernsehfilm ruft vielleicht Oma an und sagt, wie’s war.

Tut sie das wirklich?

Nee, Oma lebt nicht mehr. Aber es kann schon mal Verwandtschaft anrufen.

Von der man wenig weiß. Ihr Wikipedia-Eintrag umfasst abseits der Rollen ganze vier Zeilen. Ist das bewusste Informationskontrolle oder Mangel an Berichtenswertem?

Weder noch. Vielleicht muss ich da mal selber nachbessern.

Zum Beispiel wo Sie geboren sind.

Ah, das liefer’ ich nach. Ich bin Schwabe. Wenn mich jemand fragt, rede ich auch über mein Elternhaus, kein Problem.

Nur zu! War das ein künstlerisches?

Nein, schwäbisches Bildungsbürgertum. Mein Vater lebt nicht mehr, war aber Lehrer wie meine Mutter, die jetzt allerdings Kunsttherapeutin ist. Dennoch hat mir nie jemand davon abgeraten, Schauspieler zu werden. Ich selber wollte bei der Ausbildung zunächst mal in die Regie und war auch in der Schule zuvor nie so der Klassenclown. Aber als ich mich für Schauspiel entschieden habe, hat mir niemand Steine in den Weg gelegt. Außer ich mir selbst vielleicht – denn zu Beginn hatte ich Probleme mit dem Angeglotztwerden, später dann damit, mich vor Gefallsucht zu bewahren. Es müssen nicht alle sagen, ich sei grandios gewesen.

Sind Sie etwa nicht Schauspieler geworden, um populär zu werden?

Natürlich steckt in jedem von uns das Bedürfnis, geliebt zu werden. Aber ganz gleich, ob man daran scheitert oder es schafft, kommt fast jedem irgendwann die Erkenntnis, dass dies weniger der Person gilt als der Figur. Berufliche Anerkennung ist mir durchaus wichtig, aber Liebe sollte man besser aus seinem Privatleben schöpfen.

Gibt es nach 20 Jahren als Schauspieler Momente, ein Star sein zu wollen?

Absolut, sonst würde ich lügen. Das hat aber nichts mit Eitelkeit zu tun, denn dadurch würden sich einfach meine Arbeitsmöglichkeiten enorm verbessern. Je höher der Status, desto höher der Einfluss. In einem Job, bei dem man von anderen nicht nur dirigiert, sondern sogar angezogen wird, ist das Gold wert.

Gab es bei Ihnen mal die abschätzige Sicht des Theatermimen aufs profane Fernsehen?

Die gab es schon, aber sie hatte nicht unbedingt mit dem Medium zu tun, sondern mit den Texten, an denen man sich abarbeitet. Am Theater sind das Sachen von Shakespeare bis Jellinek, also meist große Kunst nach dem Eisbergprinzip, wo sechs Siebtel der Geschichte unter der Oberfläche liegen. Beim Fernsehen dagegen steht schon öfter im Drehbuch: Klaus – in Klammern: wütend: ich hasse dich! Darauf Gaby – in Klammern: verzweifelt: verlass mich nicht! So was schafft einen ganz anderen Umgang mit Texten. Das sind eher Schockmomente als Vorbehalte.

Gibt es die trotzdem noch?

Ab und zu, aber das ist kein Dünkel, der Fernsehen als etwas Niederes abstempelt, sondern die Erkenntnis, dass dort die Zwänge größer sind und stärker in Zielgruppen gedacht wird. Mal ehrlich: das Theater hängt auch nicht mehr so am Puls der Zeit. Vorbehalte habe ich also keine.

Hatten Sie die denn mal gegenüber einer Serienfigur?

Nö. Die gab es höchstens für den Vorabend, wo einen die Arbeitsbedingungen wirklich auslutschen. Ich respektiere jeden, der das durchsteht, aber solange ich noch keine Familie zu versorgen habe, kann es mir einzig auf die Qualität ankommen.

Und wenn die bei Kommissarin Heller stimmt, kann man das auch zehn Jahre machen?

Absolut. Gegen Verbindlichkeiten hab ich nichts.

Kommissarin Heller – Der Beutegänger (Samstag, 20.15 Uhr, ZDF)


Altersglühen: Speeddating & Improvisation

Allerbest Ager

Jan Georg Schüttes fabelhafter Mittwochsfilm Altersglühen (20.15 Uhr, ARD) glänzt nicht nur durch improvisierende Topschauspieler beim Senioren-Speeddating (Foto: WDR/Georges Pauly), sondern wirft auch ein wichtiges Schlaglicht auf Liebe jenseit der 66 am Bildschirm. Doch selbst dieses Stück Fernsehen zeigt: da ist noch viel zu tun.

Von Jan Freitag

Best Ager war gestern, Senioren sind das neue Ding. War 40 vor noch nicht allzu langer Zeit die nagelneue 20, kurz darauf abgelöst von der 50, so gibt der demografische Wandel gepaart mit medizinischem Fortschritt, endlos verlängertem Jugendwahn und Fachkräftemangel zusehends der alten Schlagerweisheit Recht: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Inklusive allem, wovon Udo Jürgens 1978 noch dezent schwieg, Sex zum Beispiel, dieser Jugendangelegenheit früherer Tage. Heute jedoch – so macht uns zumindest die Anleitung zu ewiger Glückseligkeit weis – wird er selbst von Greisen praktiziert, variiert, zelebriert. Sex ist alterslos. Kein Wunder, dass der Begriff in diesem ARD-Mittwochsfilm übers Liebesleben reifer Menschen so oft fällt wie altersgemäße Höflichkeitsfloskeln. Exakt 13:29 Minuten ist Altersglühen alt, da spricht ihn ein gewisser Volker Hartmann erstmals aus, gespielt vom 72-jährigen Michael Gwisdek, der sich dem Altern auch optisch mit Basecap überm grauen Dreitagebart widersetzt und somit den Querschnitt der zwölf anderen Hauptfiguren dieses bemerkenswerten Stücks Fernsehen entspricht.

Es geht darin um Speeddating für Senioren. Vor acht Jahren setzte Ralf Westhoffs gefeiertes Kinodebüt Shoppen diesem Instrument zeitgenössischer Partnerschaftsanbahnung ein filmisches Denkmal. Nun ersetzt sein Kollege Jan Gregor Schütte die einsamen Großstädter im besten Hipsteralter durch deren Eltern, ach: Großeltern. Und er tut es auf grandiose Art und Weise. Mit zarten 69 ist Brigitte Janner noch die jüngste im Ensemble, der älteste hingegen (Jochen Stern) war bei Hitlers Machtübernahme bereits fünf und ist mit rüstig nur unzureichend fit umschrieben. Sie alle treffen sich in einer Berliner Villa zu Kennenlernduetten im siebenminütigen Wechsel. Und dass der Regisseur dem fabelhaften Cast von Christina Schorn über Mario Adorf bis hin zu Angela Winkler kein Drehbuch zur Hand gab, dass die 13 Protagonisten ihre Rollen vollständig improvisieren mussten, dass sie den Film zudem an nur einem Tag ohne Unterbrechung gedreht haben – all dies ist noch nicht mal das Bemerkenswerteste am Film. Es ist die schonungslose Offenheit, die daraus erwächst, eine tiefe Wahrhaftigkeit aus dem Innersten der Protagonisten. Denn sie alle mögen ihrer jeweiligen Figur vorab bestimmte Charakterzüge ersonnen und zu einer stimmigen Persönlichkeit verklebt haben: Mit jeder Minute mehr verschmelzen Dichtung und Wahrheit zu einer glaubhaften Liaison.

Und diese Authentizität wirft ein Schlaglicht auf unseren Umgang mit Liebe im Alter, wie es so wohl noch nie zu sehen war. Gut, schon als sich der blutjunge Harold 1971 in die uralte Maude verliebte, war das Tabu greiser Erotik zumindest angekratzt. Christiane Hörbiger durfte vor neun Jahren als Rentnerin Martha auf der Suche nach später Leidenschaft hitzige Bettszenen ohne Double mit Michael Mendl vollführen. Und Michael Dresens Cannes-Beitrag Wolke 9 konstruierte 2008 gar eine betagte Ménage à Trois, die fast pornografische Züge trug. Geriatrische Erotik ist also längst ebenso gesellschaftsfähig wie, sagen wir: Analsex nach der Tagesschau. Doch unter Schüttes Nicht-Regie entwickelt sie sich aus dem Innersten der Darsteller heraus, gewissermaßen natürlich, praktisch als unvermeidbares Resultat altersgemäßer Denk- und Gefühlsprozesse, die zwar von 19 Kameras beeinflusst werden, aber doch irgendwie ehrlich wirken.

Dennoch hat auch dieser puristische Ansatz des Improvisationskünstlers Schütte mit seinem eingeschworenen Team von Ulf Alberts kreativem Schnitt bis zu Carol Burandt von Kamekes pointierter Bildgestaltung  einen Makel, der – wem sonst? – seinem Medium entspringt: Die Senioren sehen einfach zu gut aus. Senta Berger (73) ließe sich auch mit allergrößter Mühe nicht unattraktiv schminken. Victor Choulman (76) könnte locker für Outdoormode Reklame machen, Matthias Habich (74) gräbt jede Falte nur noch ansehnlicheren Ausdruck unters braune Haar, die hinreißende Hildegard Schmahl (74) fällt ohnehin ins Beuteschema halb so alter Kavaliere und auch bei den anderen geht der Verfall zurückhaltend zu Werke. Altersglühen erinnert so ein wenig an die Cover von Apothekenrundschau bis Hörzu, wo die duften Seiten des hohen Alters mit Models illustriert werden, die aussehen wie eisgrau gefärbte Mittvierziger mit Wohnsitz Marbella. Wirklich mutig wäre es also gewesen, eine Schar Schauspieler zu engagieren, die sind, wie man mit mehr als 70 arbeits- wie entbehrungsreichen Jahren eben gemeinhin ist: alt.

Doch die hätten womöglich nicht so lebensecht agiert wie dieses Ensemble. Da Film und Fernsehen besonders von Frauen (aber auch ihren Kollegen) alterslos ansehnliche Optik verlangen, um auch im Alter beschäftigt zu werden, sehen die besten Schauspieler ab 66 nun mal bombig aus. Zum realen Altersglühen ist es also ähnlich weit bis zur körperbehinderten Lesbe mit Migrationshintergrund im Kanzleramt. Immerhin: Bis dahin verkürzen solche Filme die Zeit.


Gummibären & Kometensonden

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

3. – 9. November

Kürzel sind toll. Sie komprimieren ganze Zeilen auf Wortlänge und vereinfachen das Leben so ungemein. HSV, LPG, CDU, NSA, ICE, BGB, FAZ usw. auszuschreiben, würde die Dinge ja eher komplizierter machen als klarer. Etwas anders sieht es mit n-tv aus. Offiziell steht es für „News-Television“ und verweist auf den Nachrichtenwert des Gezeigten. Oberflächlich war es auch ziemlich nachrichtenwertig, was eine Dokumentation dort kürzlich über fossile Bodenschätze und ihren Verbrauch in den USA zu sehen war. Doch je länger sie lief, desto mehr vernunftbegabte Zuschauer fragten sich: Müssten da nicht irgendwann Begriffe wie Klimawandel, Emmissionen, auch nur Kohlendioxid fallen? Die Antwort: Nein. Nicht bei der RTL-Tochter. Ob nun wegen all der Autowerbespots dazwischen oder Sympathie für die Tea Party.

Deren Intellekt befindet sich in etwa auf dem Niveau handelsüblicher Gummibärchen, also einem, mit dem die RTL-Gruppe gemeinhin ihr Publikum bedient. Klüger als die Gelatinebomben ist dagegen Michael „Bully“ Herbig. Auch deshalb löst er Thomas Gottschalk nach 24 lukrativen Jahren nun als Testimonial für Haribo ab, kann sich vorher aber noch ein paar Tipps vom Altmeister abholen, wie man dessen Produkte verkaufsfördernd vor der Kamera postiert. Aber vielleicht ist im Werbevertrag ja auch gleich die Nachfolge von Wetten, dass…? Geregelt. Dass es mit der vorletzten Show am Samstag in Graz, die abermals den eklatanten Kompetenzmangel des scheidenden Masters offenbarte, kurz vor Weihnachten wirklich wahrhaftig vorbei sein soll, mag man ja noch immer nicht recht glauben. Zumal das ZDF Anfang 2015 angeblich doch noch mal über ihre Rettung beraten will.

Mit den üblichen Verdächtigen, vermutlich. Ganz oben, wie immer: Jörg Pilawa. Der übernimmt zwar Dezember auch noch die NDR-Quizshow von Alexander Bommes. Aber bevor sein Nachfolger im Dritten nicht 24 Stunden parallel auf allen Kanälen zu sehen ist, so scheint es, könnte sich Jörg Pilawa auch jederzeit auf die Wettcouch setzen. Oder zum Beispiel in einen Hamburger Imbiss, als Schildkrötenersatz neben Ditsche, der im WDR gestern seinen 10. Geburtstag feierte. Obwohl – für einen wie Pilawa ist die Sonntagsanstoßzeit gegen Mitternacht wohl doch zu nischig. Da könnte er ja gleich zu Sky gehen, die im Auftaktquartal 2014 mit 12,3 Millionen Euro zwar erstmals in der Bezahlsendergeschichte ein Plus verzeichnen, aber dennoch weit davon entfernt sind, massenhaft Zuschauer zu haben, wie Pilawa es mag.

TV-neuDie Frischwoche

10. – 16. November

Selbstredend keine Massen wie der Tatort, in dem Boris Aljinovic Sonntag nach 13 Jahren einen dramatischen Abgang als Berliner Kommissar Stark kriegt. Aber ein Vielfaches anderer Sendungen, die in dieser Woche ungerechtfertigt unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. Der Thementag Komet in Sicht zum Beispiel, mit dem 3sat am Mittwoch die Landung einer Sonder der ESA-Raumfähre Rosetta auf 67P/Tschurjumow-Gerassimenko nach zehn Jahren Anflug um 16.30 Uhr flankiert – voll kreativ kuratierter Dokus, Spielfilme, Reportagen zum Thema Komet.

Der ist gewissermaßen auch Hauptdarsteller eines anderen Schwerpunkts im Spartenprogramm: Als Teil der Retrospektive zum Dogma-Erfinder Lars von Trier läuft Sonntag auf Arte Melancholia, sein Film über einen drohenden Meteoriten-Einschlag, der sich zusehends als Depressionsstudie im Gesicht der famosen Kirsten Dunst entwickelt. Den Auftakt der Werkschau macht Montag (20.15 Uhr) allerdings Triers Meisterwerk Breaking The Waves über ein gelähmtes Unfallopfer, dass seine Frau bittet, ihre Sexualität mit anderen vor ihm auszuleben. Dicht gefolgt von seinem gefeierten Debütfilm Element of Crime von 1984 im Anschluss, der einer bekannten deutschen Popband den Namen lieferte. Etwas weniger dicht gefolgt von der fabelhaften Kurzserie Geister, in der es Mittwoch unter einem Kopenhagener Krankenhaus furchtbar zu spuken beginnt. Arte zeigt den überarbeiteten Director’s Cut mittwochs in vier Doppelfolgen.

Dänische Wochen, könnte man meinen. Ergänzt vom NDR, dessen Erstausstrahlungen skandinavischer Filme heute (23.15 Uhr) mit dem hochgelobten dänischen Gangsterfilm Der Nordwesten langsam zum Montagsmarkenzeichen wird. Komplettiert von ServusTV, das Dienstag um 22.25 Uhr Hijacking zeigt, ein hyperreales Drama vom Borgen-Macher Tobias Lindholm, das die Geschichte eines dänischen Frachters in Piratengewalt erzählt, ohne die Schuldfrage zu klären. Puristisch, fabelhaft, toll gespielt.

Zumindest letzteres kann man auch von Jan Georg Schüttes Komödie Altersglühen sagen. Was explizit nicht am Drehbuch liegt – da keins existiert: Wie so oft gibt der Regisseur seinen Darstellern nur grobe Rollenprofile zu Hand. Und Mario Adorf über Senta Berger bis Michael Gwisdek beim improvisierten Speeddating zuzusehen, ist die reine Freude. Witzigerweise gibt es gleich im Anschluss ebenfalls was zum Thema Tempoflirten, diesmal im Blindtest. Bei Sexy Beasts, der ersten hausgemachten Show von Sixx, erkunden die Probanden innere Wert hinter Horrormasken.

Apropos Horror: Der steht auch an, wenn sich die ARD Donnerstag erneut zum dauerwerbenden Büttel von Burda macht und drei Stunden zur besten Sendezeit die Verleihung des filmisch irrelevanten „Bambi“ überträgt. Dann doch lieber Fernsehen ohne Worte, wie im Tipp der Woche: Abel Gances schwarzweißer Antikriegsstummfilm J’accuse von 1919 (Dienstag, 23,25 Uhr, Arte), aufwändig restauriert und sinfonisch überarbeitet.


25 Jahre Rote Flora: Die Wände der Revolte

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Von Krawalltourismus bis Radical Chic – 25 Jahre nach der Besetzung ist die Rote Flora eigentlich auserzählt. Nur einer ist noch nie so recht zu Wort gekommen: das Gebäude selbst. Freitagsmedien lassen daher pünktlich zum Rückkauf des Gebäudes durch die Stadt mal dessen Wände reden.

Von Jan Freitag

Stein hat eine bemerkenswerte, je nach Sichtweise auch beneidenswerte Eigenschaft, gerade in unserer redseligen Zeit: Er schweigt. Mal laut, mal leise, doch vielfach wortlos. Denkmäler mögen vom Gestern erzählen und Mauern vom Morgen, am Ende aber ist jedes Gespräch mit Gemäuern ein Dialog ohne Antwort. Dann allerdings steht man zwischen diesen Wänden dieses Gebäudes an diesem Platz und der Stein ringsum – er redet nicht nur, er brüllt.

„NEIN HEISST NEIN!“ zum Beispiel, die unmissverständliche, ultimative Abfuhr. In knurrenden Großbuchstaben steht sie im großen Saal links neben der Bühne, über der ein riesiges Transparent 25 Jahre Rote Flora feiert, besser: Die offizielle Besetzung am 1. November 1989, als das frühere Theater durch illegale Aneignung vorm Abriss gerettet wurde. Seither ist es ein steinerner Tinnitus im Ohr der bürgerlichen Gesellschaft, das Grundrauschen der autonomen Idee vom richtigen Leben im Falschen, parolenhaft und wütend. „Nein heißt nein!“

Das ist hier überall zu lesen, oft wörtlich, öfter sinngemäß. Nein heißt nein zur Räumung, nein heißt nein zu Investoren, nein heißt nein zu Bullen, Staat und Kapital. Oder wie am Flügel links der Bühne: nein heißt nein zu Patriarchat, Sexismus, solchen Sachen. Versehen mit Versionen der Ablehnung von „Du bist nicht mein Typ“ über „Ich mag dich, aber…“ bis „Stille“. Was auf dem bröselnden Putz der Flora steht, ist selten achtlos dahin geschmiert. Am Schulterblatt 71, gegenüber der Piazza, von Anwohnern gern Galao-Strich genannt, sind Graffiti oft Regelwerke statt bloß Malereien, mehr Proklamationen als Tags und Pieces. Im Ganzen aber sind sie noch viel mehr: Eine Art schriftliches Gedächtnis sozialer Ermächtigung mit illegalen Mitteln im renditeorientierten Umfeld von Gentrification, Aufwertungspolitik, Marke Hamburg, deren Verwalter die Flora nach langen Streitigkeiten mit dem langjährigen Eigentümer Klausmartin Kretschmer gerade für 820.000 Euro zurückgekauft hat. Finanzsenator Peter Tschentscher versicherte zwar, dass die Rote Flora wie bisher nicht-kommerziell genutzt werden solle, aber seinen Frieden mit der Stadt werden die Besetzer daher dennoch nicht machen.

„Lasst uns die Revolte beginnen“, steht unweit des Nein-Gebots. Die radikale Bitte ist zwar keine 25 Jahre alt, eher zweieinhalb. Sie zeugt aber vom Prozesshaften der Flora ebenso wie vom Ursprung. Aufbegehren ist hier Daseinsgrund, Handlungsdirektive und nur selten im Konjunktiv gehalten. An linksradikaler Wand herrscht der Indikativ, Tendenz Imperativ, Ausrufezeichen sind Standard, häufig zwischen zwei weiteren. So viel Zeit muss hier sein. So viel Zeit kann hier sein. Niemand würde je am Beschriften gehindert. Im Rahmen der Corporate Identity ist alles erlaubt.

Dennoch sind Stil und Ausdruck oft, nun ja, unvollkommen, fast schludrig. Gediegene Streetart bleibt die Ausnahme, selbst Original Banksy‘s, scherzt ein Aktivist beim Aufbau des abendlichen Konzertes, dürften hier achtlos übermalt werden. Ob philosophisch (Wir sind ein Bild der Zukunft) oder türkisch (Allah, Silah, Siyaset, Siktiret). Ob emotional (R.I.P. Oz) oder brachial (ich kotze gleich). Ob restriktiv (Kein Hartalk) oder konstruktiv wie im „Leoncavallo“. So heißt die kubische Bar zwischen Flur und Saal. Gegenüber dem – kein Witz – offenen Kamin wurde ein detaillierter Stadtplan aufgepinselt. Als Orientierungshilfe für Demonstrierende auf Zwischenstopp zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Dieser Mai 2007 war ein Wendepunkt dieses an Wendepunkten reichen Gebäudes. Fünf Stunden filzte die verhasste Staatsmacht im Vorfeld den besetzten Bau, angeblich auf der Suche nach Linksterroristen, tatsächlich illegal. So urteilte später der Bundesgerichtshof und verschweißte die Szene, der nach dem Abgang des gnadenlos gescheiterten Ex-Richters Schill ein gemeinsamer Feind abhanden gekommen war, aufs Neue.

Mit sieben Jahren ist das Minatur-Hamburg eins der älteren Graffitis im Haus. Künstlerisch regiert schließlich das Prinzip der Dekonstruktion, dramaturgisch das der politischen Großwetterlage. Die Beschimpfung der GAL als „grüne Hampel“ könnte sich auf die Regierungsbeteiligung der GAL von 1997 beziehen oder der jüngeren vor vier Jahren, ist aber ohnehin kaum noch zu entziffern. Datierbar ist allenfalls der Schriftzug überm Stadtplan anno ‘92, als die damalige Stadtentwicklungssenatorin Müller dem Projekt eins von ebenso zahl- wie folgenlosen Ultimaten zum ordentlichen Vertragsverhältnis gestellt hatte. „Leoncavallo“ beginnt der Gruß an ein besetztes Zentrum in Mailand, „mehrfach von bullen zerstört“. Dass der Schriftzug überlebt hat, dürfte allerdings weniger am nebenstehenden Hinweis „Nicht Täkken“ liegen, sondern am Standort unter der Decke.

Ohne Leiter ist das kaum zu crossen, wie man unter Sprayern sagt. Überhaupt ist der Faktor Höhe das einzige Hindernis zur kreativen Entfaltung. Bis auf ein paar Holzverschalungen, teils Relikte des großen Feuers von 1995, liegt der Anteil unbemalter Flächen im Promillebereich. Selbst ein Stück Mauer auf halber Treppe zum Frauenklo, das den Firnis des „Gesellschafts- und Concerthauses Flora“ von 1888 trägt, brauchte nach der Freilegung kein Jahr, um vollends koloriert zu werden. Wenngleich seltsam unpolitisch. Überhaupt lässt sich das haltungslose Klima außerhalb der Flora auch an den Wänden des ideologisiertesten Gebäudes weit und breit ablesen. Jenseits seiner bekritzelten Haut zeigt der Kapitalismus sein hässlichstes Gesicht. Es toben Krisen, als verdichte sich die Gegenwart zur Dauerkatastrophe. Das gelbe Haus am Schulterblatt ist seit der Kampfansage des Besitzers Klausmartin Kretschmer, sein 370.000-Euro-Schnäppchen auch gegen den Willen von Stadt, Besetzern und Recht zu vergolden, in akuter Räumungsgefahr. Und was geschieht im Innern? Wenig Neues! Zumindest an den Wänden.

Tiraden gegen den Spekulanten im eigenen Haus findet man dort so selten wie Solidaritätsdressen an Griechenland oder frische Revolutionsaufrufe. Links und rechts des Portals ruft die Fassade unverdrossen auf die Barrikaden; von innen aber tut sie es zusehends zur Party. Ein fettes „abi 12“ samt aufgemalter Getränkeliste von Beck’s bis Bionade gibt die Stimmungslage somit besser wieder als manch verblassende Parole. Exakt 25 Jahre nach ihrer Besetzung ist die Rote Flora unfreiwillig Teil der innig bekämpften Marke Hamburg geworden. Nein heißt zwar immer noch nein. Aber nicht mehr so oft. Nicht mehr so laut. Nicht mehr zu allem. Der sprechende Stein bringt es an den Tag.

Der Text ist vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-11/rote-flora-graffiti